Noras Welten - Madeleine Puljic - E-Book

Noras Welten E-Book

Madeleine Puljic

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3,99 €

Beschreibung

Wohin fliehst du, wenn der Tod dir durch alle Welten folgt?Das Gebot der Wächter ist eindeutig: Bleib in deiner eigenen Welt. Versuch unter keinen Umständen, in fremde Geschichten zu reisen denn schon die geringste Veränderung kann sie zerstören.Weltenwanderin Nora glaubt, dennoch eine Möglichkeit gefunden zu haben, ihren Verlobten wiederzusehen: Sie will ihre eigene Geschichte erschaffen. Eine Welt, in der keiner ihrer Liebsten den Tod finden muss.Nora ist jedoch nicht die einzige Wanderin, die sich den Anweisungen der Weltenwächter widersetzt. Schon viel zu lange hat der Konflikt zwischen Wächtern und Wanderinnen geschwelt. Nun ist die Zeit gekommen, ein uraltes Unrecht endlich zu begleichen.Der fulminante Abschluss der preisgekrönten Fantasy-Trilogie!

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Seitenzahl: 422

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MADELEINE PULJIC

DIE NEBELWANDERIN

Impressum

© Madeleine Puljic, Hamburg 2021

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München

Umschlagabbildung: Guter Punkt, Stephanie Gauger unter Verwendung von Shutterstock und Adobe Stock

Illustrationen: Madeleine Puljic

Lektorat und Korrektorat: Kai Hirdt

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

Triggerwarnung: Einige Elemente in dieser Geschichte können für manche Personen sensible Themen enthalten. Eine Auflistung finden Sie unter »Triggerwarnung«.

Madeleine Puljic wurde 1986 in Oberösterreich geboren. Sie absolvierte die Kunstschule in Wien und lebt heute in Hamburg. Ihr erster Roman »Herz des Winters« erschien 2013 im Selbstverlag. Neben ihren eigenen Romanen in den Bereichen Fantasy und Science-Fiction schreibt sie außerdem regelmäßig für die Serie »Perry Rhodan NEO«. Ihr Roman »Noras Welten. Durch den Nimbus« wurde 2017 mit dem 1. Deutschen Selfpublishing-Preis ausgezeichnet.

www.madeleinepuljic.at

Inhalt

Impressum

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

Danksagung

Mehr Fantasy von Madeleine Puljic

Triggerwarnung

Für euch, die ihr meine Geschichten lest.

Danke, dass ihr mir durch ganze Welten folgt.

1. Kapitel

»Worauf wartest du?« Die Krallen des kleinen Drachen bohrten sich in Noras Schulter. Sein Atem wehte ihr den Geruch von Schwefel um die Wange. »Du starrst schon eine Ewigkeit auf den blöden Text. Tu es endlich!«

Nora presste die Lippen zusammen und blätterte durch die Seiten ihres improvisierten Manuskripts. Konnten diese paar Blätter wirklich alles enthalten, was sie bei ihrer ersten Reise nach Eldinor erlebt hatte? Ihre Liebe zu Keldan, die Freundschaft mit Elissa, Bens Verrat … All das kam ihr wie ein ganzes Leben vor. Doch nachdem sie es niedergeschrieben hatte, füllte es nicht einmal zehn Seiten. Was, wenn das nicht reichte?

Ungeduldig zappelte Rashuk auf ihrer Schulter umher. »Lies jetzt!«, verlangte er.

»Ruhe.« Nora verschloss ihm mit den Fingerspitzen das Maul und ignorierte das Grummeln und Qualmen des Drachen. Natürlich verstand sie, dass er möglichst rasch in seine eigene Welt zurückkehren wollte. Aber mit Drängen erreichte er überhaupt nichts. Das hier war ihre Sache. Ihre Bürde. Sie durfte keinen Fehler machen.

In Bücher zu reisen war immer gefährlich. Das hier war jedoch das erste Mal, dass sie es mit einem selbstverfassten Text versuchte. Sie wollte zurück nach Eldinor. Ihr Eldinor, in dem ihr Geliebter lebte und Rashuk nicht sterben musste.

Dieses Mal war es also nicht bloß ein kleiner Sprung in ein Buch. Sie sollte dabei eine ganze Welt zum Leben erwecken.

Nora atmete tief durch. Dann schlug sie die letzte Seite auf, jene Szene, die sie extra für ihr Auftauchen geschrieben hatte. Wo ihre bereits erlebte Geschichte enden und eine neue Zukunft beginnen sollte. Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen, aber Nora musste die Worte gar nicht wirklich sehen. Jedes einzelne davon hatte sie so oft im Kopf herumgewälzt, dass es sich unauslöschlich in ihren Geist eingebrannt hatte.

Sie leckte sich über die trockenen Lippen und begann, laut zu lesen. »Es war früher Morgen in Eldinor. Während Keldan sich von den Krönungsfeierlichkeiten erholte, entschwand Nora Winter aus seiner Welt …«

Wind kam auf, wehte ihr ein paar Haarsträhnen ins Gesicht – der Ruf der Geschichte. Nora empfing ihn wie einen alten Freund. Die Zeit der Zweifel war vorbei. Bereitwillig ließ sie sich von dem Sog einfangen, der ihrem kargen Manuskript entstieg. Einen Atemzug später schlug sie die Augen in Eldinor auf.

Das königliche Schlafzimmer wirkte düsterer, als Nora es in Erinnerung hatte, aber das mochte an der frühen Stunde liegen.

»Keldan?« Ihre Stimme zitterte.

So sehr sie sich auch nach ihm gesehnt hatte – plötzlich fürchtete sie das Wiedersehen. All die Missverständnisse und Streite der Vergangenheit schwirrten ihr durch den Kopf, vermischten sich mit dem grauenhaften Anblick, als Keldan brutal aus ihrer Welt gerissen worden war. Für die Weltenwächter war Keldan nur eine Anomalie gewesen, ein Fehler, der ausgemerzt werden musste. Sie hatten ihn einfach ausgelöscht, als hätte er nie existiert.

Nora schluckte. Wenn alles nach Plan lief, würde Keldan sich an nichts davon erinnern. Für ihn hätte all das nie stattgefunden. Aber wie sollte sie selbst es vergessen?

Auf ihrer Schulter trippelte Rashuk nervös umher. »Hier stimmt etwas nicht«, raunte er. »Es riecht falsch.«

Die Worte des Drachen verstärkten das mulmige Gefühl, das sich in Nora ausbreitete. Vorsichtig näherte sie sich dem opulenten Himmelbett, das sie für viel zu kurze Zeit mit ihrem Verlobten geteilt hatte. »Keldan? Bist du wach?«

Es war schwer, im Halbdunkel zwischen all den Kissen und Decken eine Form auszumachen. Beherzt griff Nora nach dem samtenen Überwurf und zog ihn beiseite.

Nichts. Das Bett war verlassen.

»Ich verstehe das nicht«, murmelte sie. »Wieso ist er nicht hier?«

Rashuk zuckte mit den Flügeln. »Du hast etwas falsch gemacht.«

»Habe ich nicht!« Sie hatte explizit geschrieben, dass Keldan sich ausruhte in der Szene, in die sie gesprungen waren! Selbst wenn sie die Zeitverschiebung bedachte, die bei Buchreisen gerne auftrat, konnte er nicht allzu weit entfernt sein. Doch das Laken war glattgestrichen – und kalt.

»Er ist aber nicht da«, betonte der Drache das Offensichtliche.

Nora schüttelte den Kopf. Es musste eine Erklärung dafür geben. »Gehen wir zum Thronsaal.«

Vermutlich schlug Keldan sich bereits mit Bittstellern und anderem organisatorischem Kram herum. So war es beim ersten Mal gewesen. Am Morgen nach den Krönungsfeierlichkeiten war sie alleine aufgewacht. War das also ein gutes Zeichen? Dass alles so lief, wie es sollte? Hatte sie die schrecklichen letzten Wochen rückgängig gemacht – und Keldan war wohlauf?

Rashuk flatterte hoch, flog an ihr vorbei zur Schlafzimmertür und krallte sich kopfüber ins Holz. »Und was soll das bringen?«, fragte er. »Keldan wirst du dort nicht finden. Er ist nicht hier.«

Nora hielt inne. »Wie meinst du das?« Die Hand, die sie schon nach der Klinke ausgestreckt hatte, verharrte in der Luft. »Du behauptest doch immer, dass er noch lebt!«

Sie hatte die magische Verbindung zwischen Keldan und dem Drachen nie richtig verstanden. Aber sie hatte daran geglaubt, sich daran festgehalten – an die Hoffnung, die dieser Seelenbund in sich barg. Keldan lebte noch.

»Das tut er auch«, bestätigte der Drache. »Ich kann ihn spüren. Er existiert.« Rashuk legte den Kopf zur Seite, als würde er auf etwas lauschen, das nur er hören konnte. Aus seinen Nüstern schlängelten sich zwei Rauchfäden. »Allerdings nicht hier«, schloss er. »Nicht in dieser Welt.«

»Das ist unmöglich. Ich habe ihn hineingeschrieben!« Sie war die Schöpferin dieser Welt. Sie bestimmte, wer hier lebte und wer nicht!

»Das war der Plan.« Rashuk züngelte nachdenklich in ihre Richtung. »Aber wenn es nicht geklappt hat? Deine Bemühungen in Ehren, Nora. Aber was ist, wenn wir wieder im ursprünglichen Eldinor gelandet sind?«

»Nein, das …« Das war unmöglich. Es durfte nicht sein!

Denn das würde bedeuten, dass nicht Keldan auf dem Thron saß – sondern sein Neffe Luar. Der brutale, selbstgefällige Mistkerl, der Keldan töten sollte. Jedenfalls, wenn es nach dem Autor von Eldinor ging. Noras Eingreifen hatte das verhindert. In ihrer Version war Luar derjenige, der gestorben war … Bis die Weltenwächter ihn ins Leben zurückgeholt hatten.

Nora schauderte, doch sie zwang ihre Zweifel zurück. Keldan lebte. Und falls nicht … Nun, es war der Tag nach den Krönungsfeierlichkeiten. Bereits die Farbe der Festbanner würde ihr verraten, welcher König den Thron bestiegen hatte.

Entschlossen öffnete sie die Tür und spähte nach draußen. Der Gang lag verlassen vor ihr, ein paar Meter von ihr entfernt stand einsam eine leere Ritterrüstung herum. Keine Banner in diesem Teil der Festung. Verdammt!

Es half nichts. Sie waren hier, um herauszufinden, ob sie eine brauchbare Welt geschaffen hatte. Zögern brachte sie da nicht weiter. »Ich gehe nachsehen.«

»Wie du meinst.« Rashuk flog auf und flatterte neben ihr her. Dabei entblößte er zwei Reihen spitzer Zähne. »Es wäre nicht das erste Mal, dass ich Luar zeige, wozu ein Drache fähig ist.«

Erschrocken blieb Nora stehen. »Du wirst ihn nicht fressen!« Das hatte sie schon einmal mitansehen müssen, und bei der Erinnerung daran wurde ihr immer noch schlecht.

Als hätte Rashuks Drohung es heraufbeschworen, erklang vor ihnen das Rasseln und Stampfen eines bewaffneten Wachtrupps, der sich dem hoheitlichen Trakt näherte. Hastig schnappte Nora sich den protestierenden Drachen und eilte mit ihm zurück in die Sicherheit des Schlafgemachs. So leise wie möglich drückte sie die Tür zu, was Rashuk ein leises Glucksen entlockte.

»So sicher scheinst du dir deiner Sache ja doch nicht zu sein.«

Mit einem missmutigen Brummen ließ Nora ihn los. »Ich bin vorsichtig, das ist alles.«

»Wenn du das sagst …«

»Allerdings!« Sie hatte schon einmal einen Aufenthalt in Eldinors Kerker begonnen, und sie legte keinen Wert darauf, diese Erfahrung zu wiederholen.

Ihr selbst genügte mittlerweile zwar ein bloßer Gedanke, um in ihre eigene Welt zurückzukehren, wenn die Lage brenzlig wurde – aber sie war nicht alleine hier. Und wer sagte, dass es ihr gelang, Rashuk rechtzeitig zu fassen zu bekommen? Jeder Kampf konnte schiefgehen, das hatte sie auf schmerzhafte Weise gelernt. So nervig der kleine Drache auch sein konnte – Nora würde ihn nicht hier zurücklassen. Sie hatte schon zu viele Freunde verloren, und nicht alle ließen sich einfach ins Leben zurückschreiben wie Keldan … und Elissa.

»Das ist es!« Wie hatte sie nur so blind sein können?

Ihr Geliebter war nicht die einzige Person in Eldinor, deren Geschichte sie verändert hatte. Es gab noch jemanden, den sie hier wiederzusehen hoffte. Und die würde sie garantiert nicht in Ketten legen lassen.

Triumphierend wandte Nora sich dem zweiten Schlafgemach zu. »Komm«, forderte sie ihren Begleiter auf. »Wir gehen nach Ramenda.«

Im ursprünglichen Roman wurde Elissa an Luar verkauft. Er heiratete sie, misshandelte sie und machte der Prinzessin-wider-Willen auch sonst auf jede erdenkliche Weise das Leben zur Hölle. In Noras Version von Eldinor dagegen bewahrte Luars Tod sie vor diesem Schicksal.

Stattdessen führte sie die Geschäfte in der Roten Knopse – jenem Bordell, in dem sie selbst gearbeitet hatte, bis Luar sie dort aufgespürt und Gefallen an ihr gefunden hatte.

Rashuk schien von einem Ausflug in die Stadt nicht begeistert. »Wozu soll das gut sein?«, grollte er.

»Sieh es als Test.«

Ihr Keldan hatte am Morgen vor seiner Krönung den Kleiderschrank in Noras Räumlichkeiten mit einem Portalzauber versehen, sodass sie nur durch das Möbelstück zu treten brauchte, um in Ramendas beliebtestem Freudenhaus zu landen. Falls der Zauber existierte, bedeutete das, dass Keldan in dieser Welt überlebt hatte. Sie musste es versuchen.

Der Schrank stand genau dort, wo sie ihn erwartet hatte. Das Holz der Schranktür fühlte sich unter ihren Fingern merkwürdig leicht an, eher wie Furnier als eine massive Platte. Womöglich hatte sie den Schrank nicht gut genug vor Augen gehabt, als sie ihn beschrieben hatte. Egal. Was zählte, war seine magische Eigenschaft, und die hatte sie explizit benannt. Nora sammelte all ihren Mut zusammen und öffnete die Tür.

Vor ihr tat sich ein weiteres Zimmer auf.

Erleichterung durchflutete Nora mit solcher Heftigkeit, dass ihre Knie weich wurden. Der Zauber war aktiv! Zum Teufel mit Rashuks Schwarzmalerei – Keldan lebte! Er war König, und sie war die Frau an seiner Seite.

»Hmmm.« Erneut gruben sich die winzigen Krallen des Drachen in ihre Schulter. »Es fühlt sich tatsächlich nach Keldans Magie an.« Rashuk züngelte an ihrer Wange entlang. »Aber platter.«

Nora hätte ihm nur zu gern widersprochen, doch sobald sie über die Schwelle trat, spürte sie es ebenfalls. Irgendetwas fehlte.

Die Wohnstube des Bordells wirkte ebenso kalt und verwaist wie die Gemächer, die sie soeben hinter sich gelassen hatte. Es war ungewöhnlich ruhig. An den geschäftigen Abenden drang das Stimmengewirr aus dem Gastraum bis in die Zimmer hinauf und übertönte den Lärm der dortigen Aktivitäten. Selbst tagsüber fanden sich immer irgendwelche Gäste ein, die die Küche der Knopse zu schätzen wussten. Jetzt dagegen war es einfach nur still. Für ein Freudenhaus mochte das angesichts der frühen Stunde normal sein, aber der Marktplatz lag nicht weit entfernt. Zumindest dort sollte bereits rege Betriebsamkeit herrschen.

»Ich habe dir doch gesagt, dass …«

»Psst!«

Noras ungutes Gefühl verstärkte sich, als sie die Treppe zur Gaststube hinabschlich. Mit klopfendem Herzen spähte sie zum Tresen hin, wo eine schlanke Frau in einfachem Kleid Flaschen und Fässchen in die Regale an der hinteren Wand räumte. Über ihren Rücken baumelte ein blonder Zopf.

Nora räusperte sich. »Elissa?«

Die Frau wandte sich um, und Rashuk stieß ein Fauchen aus. Abwehrend schlug er mit den Flügeln. Auch Nora wich erschrocken zurück.

Es war Elissa. Irgendwie. Doch zugleich war sie nicht einmal ein Mensch. Ihr Gesicht glich einer Maske, an der sich ein talentfreier Künstler ausgetobt hatte. Sie war unfertig, ohne all die Details, die ein menschliches Antlitz ausmachten. Die Grübchen, Fältchen, kleinen Narben … Nur die groben Konturen waren vorhanden. Ein Wachsmodell mit einer Ahnung von Elissas Gesichtszügen, glatt und ausdruckslos.

»Hallo, Nora«, sagte die Gestalt mit einer Stimme, die ebenso flach und unnatürlich klang, wie ihr Äußeres vermuten ließ.

Schaudernd wich Nora zurück. »Nein.« Ihre Widerrede war kaum mehr als ein Hauch. Sie schüttelte den Kopf. »Das bist nicht du!«

Elissa erwiderte nichts. Keine Spur von der selbstbewussten, spöttischen Frau, die Nora kannte. Sie blickte Nora nur stumpf an. Wie eine Puppe, die darauf wartete, dass man den Knopf drückte, der sie zum Sprechen brachte.

Nora stolperte rückwärts. Das war falsch. Abgrundtief falsch!

Sie wollte etwas sagen, wollte ihrer Freundin versprechen, dass sie das in Ordnung bringen würde, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Ohne sich von der falschen Elissa zu verabschieden, fuhr Nora herum. Sie packte Rashuk und floh zurück in ihre Welt.

~~~

Dunkelheit umgab Keldan, so dicht, dass er sie beinahe fühlen konnte. Ein Mantel aus Finsternis, der ihn eng umhüllte und ihm jede Orientierung nahm.

Seine Kehle war wund von unzähligen Rufen. Anfangs hatte er sie noch zurückgehalten, um die Wächter nicht auf sich aufmerksam zu machen. Irgendwann jedoch hatte die Verzweiflung gesiegt, und er hatte geschrien. Nach Nora, nach Rashuk, nach irgendjemandem … Doch er hatte niemals eine Antwort erhalten. Er war allein, verloren und vergessen.

Wo befand er sich? Welcher Zauber hielt ihn gefangen? Denn es musste Magie sein. Dieser Ort war unirdisch. In keiner der Welten, in die Nora Winter ihn geführt hatte, hatte er Vergleichbares erlebt.

Aber schließlich war es auch nicht die Wanderin gewesen, die ihn hierher verbannt hatte. Immer noch schmerzte die Berührung des Weltenwächters an Keldans Schulter, als hätte allein dieser kurze Kontakt genügt, um ihn für den Rest seines Lebens zu brandmarken.

Sofern er überhaupt noch am Leben war.

War das etwa die Nachwelt? Das Jenseits, das die Verstorbenen nach ihrem Ableben empfing? Wenn, dann war es eine gewaltige Enttäuschung.

Sein ganzes Leben lang hatte Keldan das Mögliche und Unmögliche studiert, hatte sich mit den Weisheiten der Drachen und den Formeln der Gelehrten gewappnet. Sie alle hatten Wunder versprochen, die einen nach dem Tod erwarteten. Einzugehen in die Magie des Kosmos, eins zu werden mit seinen Urahnen … Waren all das bloß Lügen gewesen? Sollte er stattdessen dazu verdammt sein, eine Ewigkeit in diesem schweigenden Nichts auszuharren?

Wie lange wanderte er überhaupt schon durch die Dunkelheit? Stunden? Tage? Jahrhunderte? Jegliches Zeitgefühl war ihm abhandengekommen. Er verspürte keinen Hunger, keinen Durst. Wie weit er auch ging, die Müdigkeit in seinen Gliedern nahm nicht zu.

Nur seine Magie erschöpfte sich. Mit jedem Zauber, den er wirkte, brannte das Mal an seiner Schulter stärker. Es war, als würde er sich damit sämtliche Kraft entziehen, als würde er irgendwann ganz verschwinden, sich auflösen und ein Teil des Nichts werden, das ihn umgab.

Die endlose Finsternis um ihn herum war jedoch schlimmer. Sie nagte an seinem Verstand, gaukelte ihm Berührungen und Untiefen vor, wo keine waren. Nichts war hier.

Keldan widerstand dem Drang zu zaubern, so lange er konnte. Dem Bedürfnis nach Licht, nach Orientierung, nach irgendetwas. Doch so sehr er auch dagegen ankämpfte – irgendwann gelangte er wieder an den Punkt, an dem sein Zustand unerträglich wurde und selbst Auflösung ihm wie ein willkommener Ausweg erschien.

Er zitterte. Vielleicht würde es dieses Mal das letzte Mal sein.

Trotz der Dunkelheit fanden seine Finger mühelos zu den Bewegungen der Beschwörung zusammen, bildeten die magischen Gesten im Takt seiner lautlos geformten Worte. Ein winziger Funke entspann sich zwischen seinen Fingerspitzen, schwoll an und wuchs zu einem Ball aus gleißender Helligkeit. Für einen Augenblick konnte Keldan seine eigenen Hände sehen, beleuchtet vom Licht des Irrwischs. Dann verzog sich das zarte Gesicht in der Lichtkugel, wand sich unter Schmerzen. Der Irrwisch stieß ein kaum hörbares Kreischen aus, schloss die Augen – und erlosch.

Frustriert schrie Keldan auf. Zu kurz hatte der tröstliche Moment der Leuchterscheinung angehalten, viel zu schnell hatte die Finsternis ihn zurückgeholt. Für ihn gab es nur die Dunkelheit – und das Nichts.

Magier …

»Nora?« Er hielt inne, lauschte. Hatte er sich die Stimme nur eingebildet? Gaukelte ihm sein Verstand Hoffnung vor, wo keine war?

Magier …

Nein, da war es wieder. Die Stimme einer Frau – allerdings keine, die ihm bekannt vorkam. »Wer bist du?«, rief er in die Finsternis. »Zeig dich!«

Weltenwanderer, raunte sie. Die Stimme schien von überall herzukommen und dennoch keinen Ursprung zu besitzen. Vielleicht existierte sie auch nur in seinem Kopf. Gefangener des Kristalls …

»Wo bist du?« Keldan drehte sich um die eigene Achse, doch die Schwärze um ihn herum war undurchdringlich. »Was willst du?«

Ich kann dir helfen, drang es aus dem Nichts. Falls du gewillt bist, den Gefallen zu erwidern.

Im ersten Moment hätte Keldan beinahe zugestimmt. Ein Teil von ihm würde alles tun, nur um aus dieser Finsternis zu entkommen. Der andere Teil wusste zu genau um die Gefahren, die ein leicht gegebenes Versprechen barg. Die Zeit in der Dunkelheit hatte an seinem Verstand genagt. Gänzlich hatte er ihn noch nicht verloren.

»Welchen Gefallen?«, fragte er. »Ich gehe keinen Handel ein, ohne zu wissen, wozu ich mich verpflichte.« Er hatte dieses Schicksal nicht grundlos auf sich genommen. Ganz gleich, wie sehr die Dunkelheit ihn quälte – sein Leben war nicht das einzige, das zählte.

Sei unbesorgt. Es wird auch dir zum Vorteil gereichen.

»Wieso sprichst du es dann nicht aus?«

Bislang hast du mir keinen Grund gegeben, dir zu vertrauen.

Keldan schnaubte verärgert. »Ich dagegen soll blind auf das Wort eines Geistes vertrauen.« Was, wenn es eine Falle war? Ein Trugbild der Weltenwächter, um endgültig die Macht über ihn zu erlangen? Was verbarg die Unsichtbare?

Du sprichst von Geistern, entgegnete sie. Und was bist du?

Darauf wusste er keine Antwort.

Sie schon. Eine verlorene Seele. Zu stark, um im Nimbus aufzugehen. Deine Magie verbindet dich mit einem anderen Wesen, hält dich in einer anderen Welt. Aber das genügt nicht. Du bist zu schwach, um dich dem Urteil der Weltenwächter zu widersetzen. Früher oder später wirst du aufgeben … und vergehen.

Ein Schauder lief ihm bei diesen Worten über den Rücken. Zu sehr klangen sie nach Wahrheit. Dennoch weigerte er sich, einfach aufzugeben.

»Es muss einen Ausweg geben!« Keldan wusste nicht, ob Zuversicht oder Verzweiflung aus ihm sprach, doch er ballte die Fäuste. »Ich habe schon schlimmere Kämpfe ausgefochten.«

Du steckst in dem Riss eines Weltenkristalls, fuhr die Unsichtbare erbarmungslos fort. Halb in deiner Welt, halb im Weltennebel gefangen. Wenn es in deiner Macht stünde, dich aus dieser Lage zu befreien, hättest du das bereits getan.

»Und du behauptest, mir helfen zu können? Dass mein Schicksal in deiner Hand läge?« Weshalb sollte er ihren Worten Glauben schenken? Sie war nur eine Stimme im Nichts. »Wer bist du, dass du über solche Macht verfügen solltest?«

Deine einzige Option.

Keldan wollte widersprechen. Er wollte sich abwenden, sie zurückweisen. Doch dann sah er den Schimmer. Graues, diffuses Licht, das ihm entgegenwallte. Weiße Nebelschwaden krochen auf ihn zu, kräuselten sich um seine Beine. Das war definitiv etwas anderes als die undurchdringliche Dunkelheit, die ihn bisher umgeben hatte.

Er zögerte. War sie das – die Unsichtbare, deren Stimme in ihm widerhallte? Besaß sie tatsächlich die Macht, ihn aus seinem konturlosen Gefängnis zu befreien? Und selbst wenn … Sollte er sich wirklich einer Frau ausliefern, über die er nichts wusste – und die im Gegenzug alles über ihn zu wissen schien?

Andererseits machte allein der plötzliche Nebel deutlich, dass er sich ohnehin längst in ihrer Gewalt befand. So sehr Keldan diese Erkenntnis auch widerstrebte – die Fremde hatte recht. Ihr zu vertrauen war die einzige Option, die er besaß. Ohne ihre Hilfe gab es für ihn keinen Weg aus der Finsternis.

Er raffte seinen Mut zusammen … und trat in den Nebel.

~~~

Nora stolperte und fiel auf die Knie. Nur beiläufig registrierte sie die weichen Borsten des Wohnzimmerteppichs unter ihren Fingern. Sie schnappte krampfhaft nach Luft, schmeckte Kaffee und kalt gewordene Pizza. Da erst wurde ihr bewusst, wie sehr ihr Gerüche in ihrer Version von Eldinor gefehlt hatten.

In der falschen Version.

Zitternd tastete sie nach dem Couchtisch und stemmte sich auf die Beine. Sofort wurde sie von dem kleinen Drachen umflattert.

»Was war das denn?«

Statt eine Antwort zu geben, griff Nora nach den Blättern ihres Manuskripts und zerriss sie.

»Hey, ich rede mit dir!«

Sie hörte nicht auf Rashuk, riss einfach weiter. Einmal, zweimal, dreimal. Bis der Papierstapel zu dick wurde. Dann warf sie die Fetzen in den Mülleimer.

»Du hattest recht«, stieß sie hervor. »Ich habe es vermasselt.«

»Habe ich gesehen«, kommentierte der Drache trocken. Er ließ sich auf der Lehne ihres Lesesessels nieder und schüttelte sich. »War kein schöner Anblick.«

Mit einem leisen Wimmern sank Nora neben Rashuk in den Sessel. Sie rieb sich die Augen und versuchte, das Bild der unfertigen Elissa aus ihren Gedanken zu vertreiben. Vergebens.

»Versuch es noch mal!«, verlangte der Drache.

Nora schauderte bei der Erinnerung an das, was sie in Eldinor gesehen hatte. »Ich kann nicht.«

Dieses unmenschliche Wesen, das ihre Freundin darstellen sollte … Nora hatte keine Ahnung, wie lange ihre halbgare Welt existierte, nachdem sie das Manuskript vernichtet hatte. Was, wenn sie bestehen blieb und Nora mit weiteren Versuchen noch mehr davon in die Existenz zwang?

»Du willst einfach aufgeben?« Voller Empörung stieß Rashuk eine kleine Flammenzunge aus. »Keldan wäre enttäuscht.«

»Ja, ja.« Mit einem leisen Stöhnen presste Nora sich die Fingerkuppen an die Schläfen. Wie hatte es nur derart schiefgehen können? »Lass mich nachdenken.«

Natürlich zeterte Rashuk munter weiter, doch Nora blendete ihn aus.

Sie hatte gedacht, es würde einfach werden. Immerhin hatte sie bereits einmal eine Geschichte erschaffen. Da hatte sie bloß ein wenig drauflos erzählt, und schon war daraus ein Kristall entstanden, eine neue Welt. Aber jetzt?

Sie hatte sich wirklich Mühe gegeben. Sie hatte all ihre Erlebnisse mit Keldan aufgeschrieben, selbst die Sache mit Ben. Sie hatte alles getan, was in ihrer Macht stand, um ihre Liebsten zurückzuholen. Und es hatte nicht gereicht.

Geschickt kletterte Rashuk über ihre Beine und platzierte sein schuppiges Hinterteil auf ihrem Knie. Er verschränkte die an den Flügeln sitzenden Vordertatzen und sah Nora grimmig an. »Du musst es weiter versuchen«, beharrte er. »Oder eben einen anderen Weg nehmen.«

Auffordernd deutete er auf den unscheinbaren, bergkristallartigen Quarzstein, der auf dem Tisch lag, halb unter Noras Notizen und Schreibversuchen verborgen. Eldinors Weltenkristall, den der Drache von den Weltenwächtern gestohlen und ihr heimlich zugesteckt hatte. Die Manifestation der ursprünglichen Version von Eldinor.

Keldans Welt.

Aber dort gab es keinen Platz für Keldan, und auf Elissa wartete nur Leid.

Nachdrücklich schüttelte Nora den Kopf. »Es gibt keinen anderen Weg.«

Rashuk plusterte sich auf. »Nur weil der dämliche Weltenwächter behauptet hat, dass du die Geschichte nicht verändern darfst …«

»Es geht nicht darum, was Xsartos gesagt hat!« Sie hatte lange genug die Augen vor den Tatsachen verschlossen. Unangenehme Wahrheiten lösten sich nicht in Luft auf, nur weil man sie ignorierte.

Ja, der Wächter hatte sie davor gewarnt, in Geschichten einzugreifen. Es war jedoch nicht sein Wort, das sie zurückhielt. Nora hatte mit eigenen Augen die tiefen Risse gesehen, die ihre Taten im Weltenkristall hinterlassen hatten. Xsartos hatte sein Möglichstes getan, den Schaden zu beheben, aber immer noch zogen sich feine Linien wie Narbengewebe durch den Stein. Viel hätte nicht gefehlt, um ihn endgültig zu zerstören. Und was sollte dann erst aus den Menschen werden, die ihr darin am Herzen lagen?

Nein. Den ursprünglichen Kristall zu benutzen stand außer Frage. Sie musste einen neuen erschaffen. Eine Welt, in der Keldan kein Störfaktor war. In der sein Überleben vorgesehen war – und sie mit ihm zusammen sein konnte.

Keldan hatte sich für sie geopfert. Er hatte sich Xsartos ausgeliefert, um ihr die Flucht zu ermöglichen – in der Hoffnung, dass sie ihn zurückholen konnte. Sie durfte ihn nicht enttäuschen. Sie musste ihn retten. Ihn und die anderen.

Das Klingeln ihres Handys riss Nora aus ihren Gedanken und erinnerte sie daran, dass auch in dieser Welt Verpflichtungen auf sie warteten. Sie drängte die Erinnerungen an Eldinor zurück, atmete durch … und nahm den Anruf entgegen.

»Hallo, Papa!«

»Nora.« Im Gegensatz zu ihr ersparte er sich die gespielte Freundlichkeit. »Ich versuche schon seit einer halben Stunde, dich zu erreichen.«

»Tut mir leid. Ich war unterwegs.«

Immer so viel Wahrheit verwenden wie möglich. Das hatte sie auf schmerzhafte Weise gelernt, nachdem ihre Gabe ausgebrochen war. Und es galt besonders im Umgang mit ihren Eltern.

Ihren Vater beeindruckte sie damit mal wieder nicht. »Aha. Dann hoffe ich, du steckst im Stau. Sonst wüsste ich nämlich nicht, welche Ausrede du parat hättest, um deine Mutter hier mit kaltem Kaffee sitzen zu lassen.«

Erschrocken sah Nora auf die Uhr. Schon Viertel vor drei! Mist! Um zwei Uhr wäre sie mit ihrer Familie verabredet gewesen. Ihr Vater übertrieb also nicht. Ihr Aufenthalt in Neu-Eldinor hatte wesentlich länger gedauert, als sie kalkuliert hatte. Verdammte Buchreisen!

Hastig kam Nora auf die Beine. »Tut mir leid. Ich bin gleich da.«

So viel zu ihrem Wunsch, das angespannte Verhältnis zu ihren Eltern zu kitten. Bei all dem, was sie ihrer Familie vorwarf, fiel es ihr ohnehin schwer genug, zu Kreuze zu kriechen. Dass sie sich schon vor dem ersten Treffen derart in die Nesseln setzte, machte die Sache nur komplizierter.

Trotzdem musste sie es zumindest versuchen. Sobald sie eine stabile Version von Eldinor erschaffen hatte, würde Nora ihrer Welt den Rücken kehren. Diesmal endgültig. Deshalb war es ihr wichtig, sich von ihrer Familie zu verabschieden. Sie wollte ihre Wahl nicht noch einmal bereuen.

Nora schnappte sich ihren Mantel und schlüpfte hinein. »Nichts anfassen!«, wies sie Rashuk an.

Der Drache hob unschuldig die Vordertatzen in die Luft und qualmte.

2. Kapitel

Unnützes Weib.

Pordaks Stimme hallte durch Virayas Erinnerung, während sie die Flure der Zitadelle entlangeilte. Ihre Sohlen klatschten einen schnellen Rhythmus auf die schwarzen Marmorfliesen. Tränen verschleierten ihr die Sicht.

Impertinentes, unnützes Weib.

Wie oft hatte er sie schon so genannt? Und dennoch änderte es nichts an dem Schmerz, den diese Worte verursachten. Oder an der Wut, die sich in ihrem Inneren zusammenballte, bis sie glaubte, daran ersticken zu müssen. Diesmal war er zu weit gegangen.

Ganz gleich, welchen Rang er innehatte, Pordak hatte kein Recht, ihr das Einzige zu nehmen, das ihr wichtig war. Es war viel zu früh. Ihr Junge brauchte sie. Er war noch ein Kind!

Virayas Schritte wurden langsamer, als sie die Treppe zum oberen Gewölbe erreichte. Breite Stufen aus nebelgrauem Stein, die in einer ausladenden Kurve aufwärts führten. Viraya erkannte die schattenhaften Umrisse der Wächter, die dort oben auf der Empore postiert waren. Entschlossen wischte sie sich die Tränen vom Gesicht. Sie würde keine Schwäche zeigen. Nicht vor Pordaks Handlangern.

Aus demselben Grund drängte sie ihre Furcht zurück, die sie angesichts der Treppe beschlich, die zu betreten ihr strengstens verboten war. Nicht für deinesgleichen. Sie raffte ihre Röcke und hielt den Atem an. Dann setzte sie den Fuß auf die unterste Stufe.

Halb erwartete sie, von einem Blitz getroffen zu werden, sobald ihre Sohle den Stein berührte, doch da kam nichts. Es war eine gewöhnliche Treppe. Viraya atmete aus.

Eine Lüge.

Neuer Zorn durchflutete sie und schenkte ihr die Kraft, weiterzugehen. Lügen, Verbote, Beschimpfungen. Das war alles, was die Weltenwächter für ihre Frauen übrighatten. Ein sorgfältiges Konstrukt aus Worten, mit dem sie ihre Mütter, Ehefrauen und Töchter knebelten.

Viraya hatte die Treppe halb erklommen, als hinter ihr ein entsetztes Keuchen erklang. Gleich darauf zischte die Stimme ihrer Schwester: »Viraya, was tust du da?«

Sie ließ sich nicht beirren, im Gegenteil. Sie beschleunigte ihre Schritte, denn oben auf der Empore kam Bewegung in die Schatten. Mariannas geflüsterter Ruf hatte sie verraten. Ihr blieb nur die Flucht nach vorne.

»Viraya!«

Das Ende der Treppe war bloß noch ein paar Stufen entfernt, sie konnte bereits einen ersten, verbotenen Blick auf das glyphenverzierte Tor dahinter erhaschen. Schneller!

Aber es war zu spät. Die beiden Wächter hatten den Treppenabsatz ebenfalls erreicht. Sie traten ihr in den Weg, die Arme ausgebreitet, damit Viraya nicht auf den Gedanken kam, an ihnen vorbeizuschlüpfen. Die Kapuzen ihrer schwarzen Roben waren tief ins Gesicht gezogen, sodass Viraya ihnen keine Namen zuordnen konnte. Doch als sie zu ihnen aufblickte, sah sie die angewidert verzogenen Lippen der beiden Männer.

»Verschwinde«, zischte der Größere. »Du hast hier nichts zu suchen.«

Viraya ballte die Fäuste, um das Beben in ihren Händen zu unterdrücken, und setzte den Fuß auf die nächste Stufe. Sie war den Wächtern nun so nah, dass sie die Runen auf ihren Siegeln lesen konnte und den schweren Geruch von Räucherwerk wahrnahm, der ihren Roben entströmte.

»Ich will meinen Sohn sehen.« Ihre Stimme zitterte, doch das machte keinen Unterschied. Die Männer würdigten sie nicht einmal einer Antwort.

Der Große winkte an ihr vorbei, und kurz darauf fühlte Viraya, wie die vertraute Hand ihrer Schwester sie am Arm fasste.

»Komm«, sagte Marianna sanft.

Wütend entzog Viraya ihrer Schwester den Arm und fuhr zu ihr herum. »Wie kannst du dich auf ihre Seite stellen?«

Marianna schüttelte den Kopf, so sacht, dass die Wächter es übersehen würden. Nur das leichte Wippen ihrer roten Locken verriet die Bewegung. »Du kennst das Gesetz.« Aus ihren Augen sprach Mitgefühl, als sie erneut nach Virayas Arm griff. »Wenn Uthar diese Tür durchquert hat, ist er für dich tabu geworden.«

»Ich kenne die Regeln.« Im oberen Gewölbe waren nur Wächter zugelassen, Frauen wurde kein Zutritt gewährt – und kein Recht, mit den Männern dort zu sprechen, ganz gleich ob diese ihnen Sohn, Bruder oder Vater waren.

Sie alle wussten, dass man ihnen die Söhne nehmen würde, sobald sie das dreizehnte Jahr erreichten. Uthar war jedoch gerade erst sieben geworden. »Er ist viel zu jung, um die Ausbildung zu beginnen …«

Nun ergriff der kleinere Wächter das Wort und brachte Viraya damit brüsk zum Schweigen. »Das Höchste Auge hat beschlossen, seinen Eintritt in den Wächterorden vorzuziehen.«

Das Höchste Auge. Natürlich war Pordak dafür verantwortlich. Tränen des Zorns liefen über Virayas Wangen, so sehr sie auch dagegen ankämpfte. Er hatte sie verraten, in mehr als einer Hinsicht. »Ich habe das Recht auf einen Abschied«, presste sie hervor.

Mariannas Augen weiteten sich, als sie begriff, dass es nicht gekränkter Mutterstolz war, der Viraya hierherführte. Pordak hatte sie hintergangen. Marianna blickte ebenfalls zu den Wächtern hoch, doch die gaben sich wenig beeindruckt.

»Dafür ist es zu spät«, erklärte der Größere.

»Dann will ich mit meinem Mann sprechen!«, forderte Viraya.

Den Wächtern entlockte das nur ein knappes Lachen. »Glaubst du wirklich, für ihn die Beine zu öffnen gibt dir das Recht, das Höchste Auge herbeizuordern?«

Nein. Viraya schluckte. Sie wusste längst, dass nichts in den Welten ihr irgendeine Form von Freiheit oder auch nur Anerkennung einbringen würde. Sie war eine Frau – und eine Frau besaß keine Rechte.

Impertinentes, unnützes Weib. Das war sie für ihren Mann. Er hatte sie verstoßen, nachdem sie ihm nur ein einziges Kind geschenkt hatte. Sie wünschte, es wäre eine Tochter gewesen.

»Komm.« Erneut fasste Marianna sie am Arm.

Diesmal ließ Viraya es zu. Sie folgte ihrer Schwester hinab in die Haupthalle des Wächterhorts. Allein der Name ließ sie würgen, zeigte er doch deutlich, dass sie und die anderen Frauen hier nur geduldet waren, nicht beheimatet. Sie besaßen keine Fähigkeiten, also waren sie nichts wert.

Unnütz.

»Pordak ist ein Drecksack«, murmelte Marianna, kaum dass sie außer Hörweite der beiden Wächter waren.

Viraya nickte. Abgesehen von ihr selbst war Marianna die Einzige, die es wagte, den obersten Wächter bei seinem Namen zu nennen.

»Bitte halt mir jetzt nicht vor, dass du mich vor ihm gewarnt hast.«

»Aber es stimmt! Ich habe dir gesagt, du solltest aufpassen, mit wem du dich einlässt.«

»Als ob es einen Unterschied gemacht hätte.« Pordak mochte der Schlimmste von ihnen sein, doch den Frauen der anderen Wächter erging es kaum besser. Selbst wenn Viraya sich dem Höchsten Auge verwehrt hätte – ihr Schicksal wäre dasselbe geblieben.

Sie war eben mit dem falschen Geschlecht geboren. Jeder durfte über sie bestimmen, über ihr Leben, ihre Kinder. »Wir werden niemals irgendwelche Rechte besitzen. Jedenfalls nicht hier.« Nicht in der Welt der Wächter.

Unvermittelt blieb sie stehen.

Auch Marianna hielt inne. »Was ist?«

Aufregung erfasste Viraya, als sie zu ihrer Schwester blickte. In das Antlitz, das ihrem eigenen so sehr ähnelte, und das doch von einem völlig anderen Leben geprägt worden war. Marianna trug Lachfalten, wo Virayas Gesicht von Gram gezeichnet war, und der entschlossene Zug um ihre Lippen verriet, dass sie die Willensstärkere von ihnen beiden war.

Nun war es jedoch Viraya, die von Eifer erfüllt war. Sie fasste ihre Schwester an den Händen. »Was, wenn es eine Möglichkeit gibt, uns nicht länger den Wächtern beugen zu müssen?«

Verunsichert zog Marianna die Augenbrauen zusammen. »Was meinst du damit?«

»Es gibt Millionen von Welten …«

»Aber sie sind uns verwehrt. Wir verfügen nicht über die Magie der Siegel.«

Die Fähigkeit, die Kristalle zu betreten und zu manipulieren, wurde nur den männlichen Nachkommen vererbt. Sie waren die Wächter der Welten, Viraya und die anderen Frauen dagegen nur Ballast. Unnütz.

Nur Männern wohnte die Kraft inne, die Magie eines Weltensiegels bändigen. Ohne Siegel war es unmöglich, den Übergang in eine andere Welt unbeschadet zu überstehen. Das hatte man ihnen von Geburt an erzählt.

Doch was, wenn das nur eine weitere Lüge war? Nur eine weitere Fessel, mit der man sie in der Zitadelle gefangen hielt, während den Wächtern alle Welten offenstanden?

»Hat es denn schon jemals eine versucht?« Viraya zog ihre Schwester näher zu sich. »Stell dir vor, wir könnten frei sein …«

Nun war es Marianna, die sich losmachte. »Du redest wirr. Was dir vorschwebt, wäre nicht nur Verrat, es wäre …«

»Selbstmord?« Viraya blickte zurück zu der breiten Treppe, die sie von ihrem Sohn trennte und damit von allem, was ihrem Leben in den letzten Jahren Sinn gegeben hatte. »Ja, vielleicht. Aber was habe ich schon zu verlieren?«

»Mich!« Mariannas Stimme bebte. »Bedeute ich dir denn gar nichts?«

»Natürlich tust du das!« Wie konnte sie das nur denken? »Genau deshalb muss ich es doch versuchen. Verstehst du nicht? Es geht dabei nicht nur um mich.« Marianna hatte eine Tochter. Wenn es eine Möglichkeit gab, ihrer Schwester und ihrer Nichte den Weg in ein Leben außerhalb der Tyrannei der Wächter zu weisen, musste Viraya das Risiko eingehen. Wer sonst wäre bereit dazu? Sie trug für niemanden mehr die Verantwortung. Marianna würde sie zwar vermissen, aber ihre Schwester war stark. Sie brauchte Viraya nicht. Und Uthar war ihr ohnehin verwehrt.

»Viraya …« Marianna streckte die Hand nach ihr aus.

Viraya wich zurück. Zu klar lag ihr Weg vor ihr. Sie wandte sich um und lief los.

»Tu das nicht!«

Ich muss. Die Gewissheit in ihr wog so schwer, dass es ihr beinahe den Atem raubte. Sie musste es riskieren – solange sie den Mut dazu besaß. Solange die Wut und der Schmerz in ihr sie vorwärts drängten.

Hinter sich hörte sie die Schritte ihrer Schwester. Zumindest hoffte Viraya, dass es nur Marianna war, die ihr folgte. Denn wenn die Wächter bemerkten, was sie vorhatte, hätte sie ihre Freiheit auf ganz andere Weise verwirkt. Nicht einmal Pordak könnte dann noch etwas an ihrer Strafe ändern. Er würde es auch gar nicht wollen. Vermutlich wäre er froh, endgültig von der Bürde ihrer Verbindung befreit zu sein.

Die Kristallhöhle war nicht mehr weit. Noch zwei Gänge, dann …

Vor ihr wurden Stimmen laut. Hastig schlüpfte Viraya in die nächste Abzweigung und drückte sich an die raue Felswand. Das Herz klopfte heftig in ihrer Brust, trieb ihr mit seinem holpernden Rhythmus die Furcht in die Glieder. Was bei den Nebeln tat sie hier eigentlich? Sie war drauf und dran, ihr Leben zu opfern, aus einer bloßen Laune heraus!

Eine Bewegung im Hauptgang. Viraya erspähte das dunkle Gewand ihrer Schwester und packte zu. Mit beherztem Griff zog sie Marianna in den Seitengang und drückte ihr eine Hand auf den Mund.

Sie durften nicht hier sein. Keine von ihnen.

Und das war genau der Grund, weshalb sie hier war. Sie folgte keiner bloßen Laune. Es war ein Aufbegehren, das sich schon viel zu lange in Viraya zusammengebraut hatte. Mit jeder Beleidigung, die Pordak ihr an den Kopf geworfen hatte. Mit jeder Ohrfeige, jeder Demütigung. Sie hatte genug.

Kaum waren die Stimmen der Wächter verklungen, ließ sie ihre Schwester los.

Augenblicklich packte Marianna ihren Arm. »Tu es nicht«, bat sie. »Noch ist nichts passiert! Niemand hat uns gesehen …«

Viraya schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht hierbleiben. Und du solltest es auch nicht.«

»Du weißt nicht, was dich in einer anderen Welt erwartet! Selbst wenn du es schaffst …« Marianna biss sich auf die Lippe. »Ohne ein Siegel gibt es keinen Weg zurück.«

»Alles wird gut werden«, versprach Viraya. Das musste es einfach. »Ich werde eine Möglichkeit finden, dir eine Nachricht zukommen zu lassen.«

»Jetzt warte doch!«

Viraya zögerte. »Du wirst mich nicht aufhalten«, warnte sie.

Das Gesicht ihrer Schwester zuckte, als könnte sie sich nicht entscheiden, ob sie weinen oder fluchen wollte. Schließlich nickte sie bloß. »Ich weiß.« Ein trauriges Lächeln legte sich auf ihre Lippen und um ihre Augen. »Aber habe ich nicht das Recht auf einen Abschied?«

Mit einem leisen Schluchzen fiel Viraya ihr in die Arme, drückte sie so fest, als könnte sie auf diese Weise alle Umarmungen der Zeit in eine einzige legen.

Sie konnte nicht sagen, wie lange sie einander so gehalten hatten, doch schließlich löste sie sich von ihrer Schwester und wischte sich über die feuchten Wangen.

Ein letztes Mal drückte sie Mariannas Hand, dann wandte sie sich ab und ging tiefer ins Gewölbe. Das letzte Stück des Weges musste Viraya alleine gehen. Sie wollte ihre Schwester nicht noch weiter in Gefahr bringen.

Sie alle wussten, wo die Weltenkristalle lagerten, aber ihres Wissens nach hatte keine Frau sie jemals mit eigenen Augen gesehen. Die Kristallhöhlen waren tabu – wie so vieles in der Zitadelle.

Der Zugang war jedoch unbewacht. Neuer Zorn wallte in Viraya hoch. So undenkbar war es also, dass eine Frau sich den Regeln widersetzte, dass niemand auch nur darauf zu achten brauchte, ob sie tatsächlich eingehalten wurden? Entschlossen trat sie durch den Torbogen.

Was dahinter lag, ließ sie unwillkürlich innehalten. In scheinbar endlosen Regalen reihten sich die Kristalle, hoch bis in die weit entfernte Kuppel hinauf. Die schiere Anzahl war so viel mehr, als Viraya sich hätte erträumen können. All diese Welten! Unendliche Möglichkeiten … Wie sollte sie da die Richtige wählen?

Wähl irgendeine!, sprach sie sich selbst Mut zu. Alles, was du wählst, wird besser sein als das, was du zurücklässt.

Zweifellos würden die Wächter ihr Vergehen bemerken. Pordak würde sie suchen lassen, allein für den Verrat, den sie mit ihrer Tat beging. Sofern sie also nicht bei dem Versuch starb, sollte sie ihre Spuren verwischen, so gut sie konnte. Viele Möglichkeiten hatte sie nicht dafür. Aber auf keinen Fall durfte sie die erstbeste Welt nehmen.

Viraya lief durch die Reihen, fort vom Eingang, immer tiefer in das Labyrinth aus steinernen Regalen hinein, bis ihr Atem rasselte und ihre Beine schmerzten. Dennoch konnte sie sich nicht überwinden, nach einem der Weltensteine zu greifen. Was, wenn die bloße Berührung sie zerfetzte? Wenn sie zu einem Häufchen Staub zerfiel? Marianna würde niemals erfahren, was ihr widerfahren war.

Nein, sie durfte nicht zweifeln. Dies hier war ihre einzige Chance auf Freiheit. Ehe ihre Furcht doch noch siegte, erhob Viraya sich auf die Zehenspitzen und griff blindlings nach einem Kristall, so weit oben, wie ihre Finger reichten. Lass mich ein, flehte sie stumm. Bitte, töte mich nicht. Gewähre mir Zuflucht!

Ein brennendes Kribbeln schoss durch ihre Haut, dann berührten ihre Fingerspitzen den kühlen Quarz – und Viraya fühlte, wie der Boden unter ihren Füßen verschwand.

Sturm hüllte sie ein und raubte ihr den Atem. Verzweifelt schnappte sie nach Luft, wartete auf den Schmerz, der sie gleich zerreißen und im Nichts des Weltennebels verwehen würde.

Aber da war keine Pein. Nur ein süßer Duft, vermischt mit Feuchtigkeit und etwas Bitterem. Eine seltsame, vielstimmige Melodie drang zu ihr, ein Zwitschern und Rufen, das wie Musik klang und doch von keinem Instrument stammte, das Viraya hätte benennen können.

Langsam öffnete sie die Augen, geblendet von plötzlicher Helligkeit.

Sie war umgeben von Farbe. Der Boden war bedeckt mit weichen, grünen Halmen. Braune und graue Säulen ragten um sie auf und trugen ein Dach aus grünem Mosaik, das in der Bewegung der Luft tanzte und rauschte. Und darüber, höher als selbst die Höhle der Weltenkristalle, wölbte sich eine blaue Kuppel, an der ein einzelner, blendendweißer Kristall strahlte.

Viraya legte den Kopf in den Nacken und versuchte, all diese Eindrücke in sich aufzunehmen, für die ihr die Worte fehlten. Sie hatte es geschafft. Sie war in eine andere Welt gereist! Denn dieser gewaltige Saal war eindeutig kein Teil des Wächterberges, und für ein Traumgespinst war es gar zu fremdartig. Demnach war sie nicht tot.

Tief atmete sie den würzigen Geruch dieser Welt ein, die nun ihre sein würde, und spürte nichts als Erleichterung.

Bis zu dem Augenblick, als sich der Schatten eines Mannes über sie legte.

~~~

Das Telefon klingelte schon wieder. Nora fluchte. Ohne auf die Anruferinformation auf dem Display zu sehen, nahm sie das Gespräch über die Freisprechanlage an. »Ich bin in zwei Minuten da, Papa! Ich stehe gerade an der Ampel.«

»Frau Winter? Gott sei Dank, Sie leben noch.«

Das war nicht die Stimme ihres Vaters. Aber sie war ihr ebenso vertraut. Unwillkürlich krampfte Nora die Hände um das Lenkrad.

»B… Doktor Pawell?« Unwillkommene Erinnerungen stürmten auf sie ein. Ben, der zurücktaumelte, nachdem sie ihm in Eldinor einen Kinnhaken verpasst hatte. Der Hass in seinen Augen. Das Messer in seiner Hand, mit Keldans Blut daran …

Jemand hupte. Nora schrak hoch und blinzelte die Bilder fort. Die Ampel war grün.

Entschuldigend hob Nora eine Hand, legte den Gang ein und gab Gas.

Sie räusperte sich. »Selbstverständlich lebe ich noch.« Warum zur Hölle sollte sie tot sein?

»Ja, natürlich. Es ist nur …« Mit einem Mal klang Pawell erstaunlich kleinlaut. »Ich versuche seit Wochen, Sie zu erreichen. Sie haben keinen meiner Anrufe entgegengenommen.«

»Wieso sollte ich?« Wenn sie gewusst hätte, dass er der Anrufer war, hätte sie auch diesen Anruf weggedrückt. »Was wollen Sie von mir?« Weshalb suchte er ständig den Kontakt zu ihr? Schließlich konnte er sich an ihre gemeinsame Zeit in Eldinor nicht erinnern. »Ich habe die Rechnung doch bezahlt.«

»Das haben Sie, und das ist einer der Gründe, wieso ich mit Ihnen reden will. Aber die Wahrheit ist …« Er atmete hörbar durch. »Ich habe mir Sorgen gemacht.«

»Um mich?« Womit hatte sie denn bitteschön das verdient? Nora wechselte die Spur und reihte sich links hinter einem Bus ein.

»Sie waren aufgewühlt bei unserer letzten Sitzung.«

Wieder blitzte eine Erinnerung vor ihren Augen auf: Keldans Blut, das rote Flecken auf dem hellen Teppichboden der Praxis hinterließ.

»Ich hätte Sie in diesem Zustand nicht gehen lassen dürfen«, drang Bens Stimme zu ihr. »Das war unprofessionell von mir. Ich war nur … überrumpelt. Von Ihrem plötzlichen Aufbruch.«

Geh! Los, verschwinde aus meinem Leben!

Nora schüttelte den Kopf und versuchte, die Ereignisse der Vergangenheit zurückzudrängen, die Pawells Anruf überlagerten wie eine schlecht gelöschte Tonspur. Diese letzten Worte hatte Ben nie zu ihr gesagt. Nicht in dieser Realität. Hier hatte es auch kein Blut gegeben, kein Messer …

Ihre Abzweigung! Nora trat auf die Bremse und riss das Lenkrad herum. Sie war gerade einmal dreißig Stundenkilometer gefahren, trotzdem entging sie bei ihrem Abbiegemanöver nur mit Glück dem Gegenverkehr. Ein paar Zentimeter weiter, und sie hätte den schwarzen BMW touchiert.

Himmel, das war knapp gewesen!

Zitternd lenkte sie den Wagen in die nächste Parklücke und wartete, bis ihr Herzschlag endlich aufhörte, Adrenalin durch ihre Adern zu hämmern.

»Es geht mir gut«, presste sie hervor. »Sie können also aufhören, mich anzurufen.«

»Sie klingen aber nicht besonders gut.«

Nora verdrehte die Augen. Sie hatte ganz vergessen, wie stur der Kerl sein konnte. »Ich werde mich schon nicht vor den nächsten Zug werfen, keine Sorge.«

»Natürlich nicht, ich meine ja nur …«

»Und ich bin nicht labil.«

»Ist ja gut!« Pawell klang frustriert.

Gut. Damit hatte sie Erfahrung.

Er seufzte. »Ich meine ja nur, dass Sie die Stunde vielleicht nachholen sollten. Immerhin haben Sie die Sitzung nach einer Viertelstunde abgebrochen, und Sie haben für volle fünfzig Minuten bezahlt.«

Ach, jetzt auf einmal wurde er kleinlich?

Wobei … Genau genommen war er gerade das Gegenteil davon, immerhin hatte sie kein Anrecht auf Erstattung.

Nora schloss die Augen und rieb sich die Stirn. Sie sollte sich darauf besinnen, dass dieser Ben hier keinen Grund hatte, ihr Böses zu wollen. Er kannte sie kaum. Vermutlich wollte er bloß nett sein.

Oder er hat Angst um seine Zulassung. Wenn er sie für selbstgefährdend hielt, hätte er sie in der Tat nicht einfach gehen lassen dürfen.

Sie atmete einmal tief durch. »Hören Sie. Sie sind bestimmt ein netter Mensch.« Wenn Sie nicht gerade mit einem Messer auf meinen Verlobten losgehen. »Aber ich habe definitiv keinen Bedarf an weiteren Therapiestunden. Und ich habe jetzt auch keine Zeit mehr für dieses Gespräch. Also danke, aber nein danke. Einen schönen Tag noch.«

Damit beendete sie die Verbindung und zog den Zündschlüssel ab.

Es war nicht mehr weit zum Haus ihrer Eltern. Besser, sie ging den Rest des Weges zu Fuß, bevor sie doch noch einen Unfall baute.

Kaum hatte sie die Autotür geöffnet, klingelte das Handy im Handschuhfach erneut. Nora ignorierte es. Sie warf die Tür hinter sich zu und sperrte das Fahrzeug ab.

Erst als sie auf den Klingelknopf ihres Elternhauses drückte, erinnerte sie sich an den Kuchen, den sie extra besorgt hatte und der nun schön im Fußraum des Beifahrersitzes auf bessere Zeiten wartete.

Auf die konnte er lange warten, wenn Nora den Gesichtsausdruck ihres Vaters korrekt deutete.

»Der Kaffee ist kalt«, erklärte Paul Winter schlicht.

»Tut mir leid, Papa.«

Er öffnete den Mund zu einem weiteren Vorwurf, aber Nora drängte sich an ihm vorbei.

Die Küche war verwaist, was ihr einen leichten Schlag in den Magen verpasste. Familie traf sich am Küchentisch. Gäste wurden im Wohnzimmer platziert. Und von dort war mittlerweile die Stimme ihrer Mutter zu hören, die in merkwürdig singendem Tonfall auf irgendjemanden einsprach.

Nora runzelte die Stirn. Hatten ihre Eltern etwa noch jemanden eingeladen? Das sollte doch ein Familientreffen werden!

»Mama?« Zögerlich trat Nora durch die breite Doppelschiebetür, die Küche und Wohnzimmer miteinander verband. Das letzte Mal, als sie diesen Raum betreten hatte, war er eine Erinnerung im Weltennebel gewesen.

Natürlich war es nicht wirklich derselbe Raum. Das hier war längst nicht mehr das Zimmer ihrer Kindheit. Ein moderner Glastisch und weiße Stühle hatten die dunklen Eichenmöbel abgelöst, und statt des dunkelgrünem Samtsofas stand eine Sitzecke mit hellgrauem Mikrofaserbezug an der neu tapezierten Wand.

Das waren jedoch nicht die einzigen Veränderungen. Die modernen Möbel kannte Nora bereits. Das riesige runde Kissen aus weißem Plüsch dagegen, das neben der Couch auf dem Boden lag, war auch bei Noras letztem richtigen Besuch noch nicht vorhanden gewesen. Ebenso wenig wie der weißbraunschwarze Beagle, der sich auf dem Flauschkissen ausstreckte und bei ihrem Eintreten nur müde die Augenbrauen hob.

»Ah. Hallo, Schatz!« Noras Mutter beugte sich vor und kraulte den Kopf des Hundes, woraufhin dieser zufrieden mit dem Schwanz gegen den Fußboden klopfte. Der Austausch der beiden wirkte so vertraut, als wären sie seit Jahren aneinander gewöhnt, aber das konnte nicht sein. Noras Eltern besaßen keinen Hund.

Sie deutete auf den Beagle. »Wem gehört der?«

Marie Winter lachte. »Na mir.« Ihre Hand glitt tiefer, kraulte nun hinter dem hellbraunen Ohr weiter. »Das ist Baskia. Wir haben sie letzte Woche adoptiert. Ist sie nicht goldig? «

Als wollte die Hündin die Einschätzung ihres Frauchens bestätigen, stieß sie ein einzelnes »Wuff« aus und wedelte noch kräftiger mit dem Schwanz.

»Aber …« Das war unmöglich!

Nora wusste, was in den nächsten Monaten geschehen würde. Sie hatte diese Zeit schon einmal erlebt, ehe Xsartos sie zurückkatapultiert hatte – zurück an jenen Punkt, bevor sie Eldinor zum ersten Mal betreten hatte.

In ihrer Arbeit durchlitt Nora deshalb jeden einzelnen Tag als gewaltiges Déjà-vu. Mehrmals hatte sie Rechnungen irrtümlicherweise nicht gebucht, weil sie überzeugt gewesen war, es bereits getan zu haben. Sie wusste, dass ihre Kollegin Linda in ein paar Wochen ihre Schwangerschaft verkünden, dass der neue Disney-Film an der Kinokasse floppen – und dass ihrer Mutter von einem unachtsamen Autofahrer das Knie zertrümmert werden würde. Zweifellos hätte Nora sich daran erinnert, wenn in dieser Zeit irgendwann einmal von einem Hund die Rede gewesen wäre!

Bedeutete das, dass auch der Verlauf ihrer Welt noch nicht festgeschrieben stand? War sie in der Lage, die Geschichte ihrer Eltern zu verändern … und ihre Mutter vor dem Unfall zu bewahren?

Nora streckte die Hand aus, damit Baskia sie beschnüffeln konnte. »Ich wusste gar nicht, dass ihr über ein Haustier nachdenkt.«

»Es war eine spontane Entscheidung.« Noras Vater trat ins Wohnzimmer, eine geöffnete Flasche Bier in der Hand, und ließ sich neben seiner Frau auf die Couch fallen. Dabei warf er der Beagledame einen missmutigen Blick zu, der deutlich zeigte, was er von solchen Entscheidungen hielt. Und von Haustieren.

Noras Mutter dagegen streichelte Baskia unaufhörlich und machte Kussgeräusche in Richtung des Hundes, woraufhin ihr Vater mit einem Augenrollen die Bierflasche an den Mund setzte und sie mit einem Zug halb leer trank. Was wiederum seiner Frau nicht recht war. Sie schüttelte entrüstet den Kopf und dachte wohl auch noch, dass Nora das nicht mitbekam.

Willkommen zuhause. Diese passiv-aggressive Stimmung hatte Noras gesamte Kindheit geprägt. Das und die Angst, ein weiteres Mal von ihren liebenden Eltern in die Klapse eingewiesen zu werden.

Am liebsten wäre Nora auf der Stelle wieder gegangen. Aber sie war hier, um ihren Abschied aus dieser Welt vorzubereiten, also nahm sie ihren Eltern gegenüber auf dem Sofasessel Platz. »Ich glaube, der Hund wird euch guttun.«

Ihr Vater murmelte etwas, das klang wie »was weißt du schon.«

»Paul!«