NordBräute - Anne Siegel - E-Book
Beschreibung

Oktober 2008: Während in Reykjavík wütende Massen ob der finanziellen Notlage ihres Landes demonstrieren, beschließt die alte Christa am Vorabend ihres neunzigsten Geburtstags, ihrer isländischen Familie endlich reinen Wein über ihre Herkunft einzuschenken. Doch das mit der Wahrheit ist so eine Sache für die eigensinnige Christa, die 1949 von Deutschland nach Island auswanderte und sich seit Jahrzehnten in Heimlichkeiten verstrickt hat. Kein Wunder also, dass die alte Dame mit ihrer Lebensbeichte die ganze Sippe in helle Aufregung versetzt. Mitreißend und voller Humor erzählt Anne Siegel im ersten Teil ihrer großen Island-Trilogie die Geschichte einer deutschen Auswanderin und ihres Enkels in Island, die nicht nur tiefe Einblicke in die historischen Beziehungen beider Länder gibt, sondern auch die isländische Bankenkrise seit 2008 geschickt in Szene setzt. Fast 60 Jahre hat die alte Christa, die 1949 mit Hunderten heiratswilliger Frauen von Deutschland nach Island auswanderte, geschwiegen: über ihre Herkunft, ihre Familie und die Seelennöte, die sie einst auf die kleine Insel im Nordmeer trugen. Doch damit ist nun Schluss: Am Vorabend ihres neunzigsten Geburtstags beschließt die eigensinnige Jubilarin, endlich reinen Tisch zu machen, und sorgt mit ihrer Lebensbeichte für gehörigen Wirbel in ihrer isländischen Familie. Sympathisierte Christa, die es zur reichsten Immobilienmaklerin der Insel brachte, etwa mit den Nazis? Und was hat Christas deutschstämmige Freundin Jóhanna mit all dem zu tun? Jene Frau, die Christa einst das Leben rettete und nun zurückgezogen auf einem Bauernhof in der Nähe eines Gletschers lebt. Allein Christas Enkel Jón, der als Cellist in einem deutschen Symphonieorchester arbeitet und zu Christas Geburtstag nach Island reist, scheint das Herz seiner Großmutter im Tumult der Feierlichkeiten zu erreichen.

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Seitenzahl:385

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Die erste Ausgabe dieses Buches erschien 2015 im Cindigo Verlag, München.

Die Inspiration zu NORDBRÄUTE entstand durch die Arbeit an meinem Buch FRAUEN, FISCHE, FJORDE.

Keine der hier dargestellten Personen gab oder gibt es wirklich.

Einige der Nebenfiguren und ihre Handlungen sind authentisch, und alle Gefühle sind echt.

1. eBook-Ausgabe 2017

© 2017 Europa Verlag GmbH & Co. KG, Berlin · München · Zürich · Wien

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung eines Fotos von © Elisabeth Ansley / Trevillion Images

Redaktion: Antje Steinhäuser, München

Layout & Satz: Robert Gigler & Danai Afrati, München

Konvertierung: Brockhaus/Commission

ePub-ISBN: 978-3-95890-166-7

ePDF-ISBN: 978-3-95890-167-4

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

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Alle Rechte vorbehalten.www.europa-verlag.com

eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheimwww.brocom.de

Für meinen Vater, der ein Flüchtling war,und alle, die in diesen Zeiten auf der Flucht sind,sei es aus politischen oder emotionalen Gründen.

Vergib mir, oh,ich spür dich unter meinen Füßen,erinnere mich, denn du warst mein,vor langer Zeit,meine liebste Freyja,verdien ich dich denn,nachdem ich dich verleugnet hab?Ich verkaufte dich,den Fisch im Meer,mein Seelenheil.

Die Weiden, die Berge, und die Seen.Doch wofür?Die Haut und die Knochen, den Mut.Verließ die Bergfrauund all meine Schätze – wofür?Vergib mir, oh Freyja.

Ich füllte die Täler,die von Bergen umgeben.

Hörte nicht,weder deinen Klang,noch auf deine Magie.

Ein Fehler war’s von mir.Ja, ich schäme mich vor dir,die du meine Seele beschworst,wo die Tränen deiner Gletscherund Blicke vom Bergeinen Chor gebären.

Ja, ich verkaufte dich,Den Fisch im Meer und mein Seelenheil,die Weiden, die Berge, deine Seen.Für was nur?Ja, ich verkaufte dich,

All meine Schätze und das Seelenheil.Verließ die Bergfrau und meine Schätze.Für was?

Oh geliebte Freyja mein,hab ich dich noch verdient,nachdem ich dich verleugnet hab?

Text im Original:Magnús Þór SigmundssonAus dem Isländischenvon Anne Siegel

PROLOG

Nach fünf langen Tagen auf See hatten sie das Nordmeer erreicht. Johanna konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor so hohe Wellen gesehen zu haben. Sie begriff zum ersten Mal in ihrem Leben das Wort »Wellenberge«, denn diese aufschäumenden Wassermassen schienen der Höhe von Gebirgsgipfeln in nichts nachzustehen.

Die Esja taumelte wie eine Nussschale inmitten aufstiebender Fluten. Der Himmel über dem Atlantik wirkte im Kontrast dazu seltsam teilnahmslos. Strahlend blau, so wie sie ihn von den Sommern ihrer Kindheit an der Ostsee kannte. Unter solch einen Himmel gehörte gefälligst eine milde, schöne See und nicht dieses aufgewühlte, unbändige Meer, das an Kraft nichts auf der Welt zu überbieten schien!

Der Atlantik unter dem sorglos schönen Sommerhimmel des Jahres 1949 war groß und übermächtig. Er toste und schäumte so sehr, dass er selbst ihr, der begeisterten Meeresschwimmerin, schieren Respekt vor der Schöpfung abverlangte. Immer wenn das kleine, taumelnde Schiff den Kamm eines Wellenberges erreicht hatte, gelang ihr ein kurzer Blick zum Horizont. Hier oben, tanzend auf den Schaumkronen, glaubte sie sogar, die Wölbung der Erde sehen zu können.

Sie war hungrig. Hunger war wahrscheinlich das einzige Gefühl, das ihr vertraut war inmitten dieser fremden Welt auf dem Meer. Noch ein anderes Gefühl war da, das sie kannte, aber es hatte sich mehr und mehr verflüchtigt, je weiter sie sich vom Festland entfernt hatten. Es war der Zorn über das Elend, das sie und ihre Familie in den letzten Jahren überrollt hatte. Sie wollte kein Jammerlappen sein. Zorn war das einzige Gefühl, das sie sich in diesen schwierigen Zeiten zugestand. Sich über ihr eigenes Schicksal zu beschweren, das wäre Johanna trotz des Hungers und des Verlustes des elterlichen Gutes nicht in den Sinn gekommen. Generationen vor ihr hatten bereits ums Überleben gekämpft, und sie war schließlich nicht die Einzige, die ihre Heimat verloren hatte und auf die lange Flucht gegangen war. Und die vor allem auch noch überlebt hatte. Aber der Hunger, der blieb auch auf diesem Schiff als ein Gefühl, das sich nicht abstellen ließ. Der Proviant an Bord reichte nicht für die Hunderte von jungen Frauen und die paar Männer, die mit ihnen zusammen das Meer auf dem Weg von Hamburg nach Reykjavík überquerten. Die Esja war zum Bersten voll und taumelte wie ein Spielball zwischen den Wellenbergen hin und her.

Es war früher Morgen, die Sonne war gerade aufgegangen, und Johanna stand schon eine Weile am Schornstein des Dampfers. Ihr Blick fiel auf die vordere Reling. Sie hatte sich an den kalten Stahl gelehnt, ihr Körper passte sich den Schiffsbewegungen an. Ihr war erst nach zwei Tagen an dieser Stelle stehend klar geworden, dass sie ihre Körperspannung ablegen musste, wenn sie das hier gut überstehen wollte. Einfach die Bauchmuskeln lösen, die Schultern hängen lassen, ganz gegen ihre Art, denn Haltung war für sie das, was blieb, wenn man nichts mehr hatte. Hier war es genau umgekehrt: Wer Haltung bewahrte und Spannung hielt, geriet in Gefahr, weil das eine Kollision mit den immensen Kräften des Meeres bedeutete.

Unter Deck stank es nach Erbrochenem. Es war nicht auszuhalten. Die meisten Passagiere schliefen noch oder waren wegen ihrer heftigen Seekrankheit nicht in der Lage, sich zu bewegen. Die Menschen an Bord teilten sich in mehrere Gruppen auf: Die Seekranken bildeten die größte, dann kamen die Weinerlichen oder Verzweifelten. Sie waren vor der Angst an Land davongelaufen. Aus Hunger und aus Panik angesichts der Schwärze der Städte hatten sie sich für dieses Abenteuer gemeldet und stellten nun auf der Überfahrt in ein vermeintlich besseres Leben fest, dass man Angst nicht einfach ablegen konnte wie ein abgetragenes Kleid, dass sie ihnen vielmehr tief in den Knochen steckte und die Seele sie ausgerechnet an diesem unwirtlichen Ort wieder an die Oberfläche zwang. Die Angst trat nicht einmal immer in Gestalt purer Angst auf, sie verkleidete sich manchmal als Zorn oder als eine teilnahmslos wirkende Aggression. Das machte das Leben an Bord für Johanna so schwierig. Die Wutausbrüche in der Enge unter Deck waren kaum zu ertragen.

Hunderte Menschen hausten in einem notdürftigen Quartier im Bauch des alten Schiffes. Es gab dort keine Wände, sondern nur Jutesäcke, die, zu langen Bahnen zerschnitten, einen provisorischen Sichtschutz boten. Nachts weinten manche Frauen im Schlaf, andere schnarchten schrecklich laut oder schliefen endlich tief und fest, so wie Johanna. Denn sie gehörte zur dritten Gruppe. Das waren die, deren Erkenntnis, dass es nichts mehr zu verlieren gab, sich in Form einer gewissen Kühnheit ausdrückte. Es konnte doch nur besser werden, wer wollte sich darüber schon beschweren? Man konnte sich nur in das Schicksal hineinfreuen, denn sie alle hier waren Privilegierte, auch wenn das nicht allen klar zu sein schien. Aber sie waren schließlich die ersten Deutschen nach dem Krieg, die Reisepässe erhalten und das Land hatten verlassen dürfen. Die Alliierten hatten dies bis zum Aufbruch der Frauen aus Deutschland untersagt.

Wahrscheinlich gehörte auch Paula zu dieser letzten der drei Gruppen, in die Johanna ihre Mitreisenden heimlich eingeteilt hatte. Paula hatte gerade das Deck betreten, ging lächelnd an ihr vorbei und grüßte nur kurz mit einem Zwinkern. Dann rief sie »Mein Morgenbad wartet«, stürmte kühn an der Reling entlang zum Bug, beugte sich an der Spitze des Schiffs nach vorn, wie eine zum Leben erwachte Galionsfigur, und hielt ihr Gesicht in die aufspritzende Gischt. Dabei kreischte die Frau mit den braunen Locken laut vor Vergnügen. Anschließend richtete sie sich wieder auf, wischte sich lachend den kalten Meeresschaum mit dem Ärmel ihres Pullovers ab und kam taumelnd auf Johanna zu.

»Johanna, das ist die perfekte Freiheit! Müssen wir überhaupt jemals zurück an Land gehen? Ich meine, wäre das nicht das perfekte Leben, wie Piratinnen auf dem Meer weiterzufahren, ohne Ziel, immer weiter und weiter?«

Die hochgewachsene Johanna blinzelte sie an. Die ersten Sonnenstrahlen des Morgens stachen ihr ins Gesicht. Paula stand wippend wie auf einer Schiffschaukel vor ihr, ging mal rechts in die Knie, dann wieder links, sich den Wellenbewegungen perfekt hingebend. Sie öffnete ihre Arme und breitete sie weit aus. Es sah aus, als flöge sie sogleich freihändig davon. Paula war auf ihre ganz eigene Weise ziemlich verrückt, und das gefiel Johanna. Sie war eine der beiden Frauen, die sie schon vor ihrer Abreise in Lübeck kennengelernt hatte und die mit ihr auf dieses Schiff gekommen waren.

Paula war die einzige Lübeckerin, von der Johanna sich nicht bewertet fühlte. Johanna hasste diese Stadt, in der sie und ihr Vater nur zufällig nach dem Krieg gestrandet waren. Als Flüchtlinge waren sie dort nicht sehr wohlgelitten, wurden bespuckt, und wenn man auch noch adelig war, hörte es kaum mehr auf mit den Beschimpfungen. Sie war es so leid. In diesem Moment kam ihr mit einem Mal der Gedanke, ob Paula tatsächlich so tolerant war oder doch nur furchtbar naiv.

»Wärst du eigentlich auch so nett zu mir, wenn ich keine Gräfin wäre, Paula?« Johanna konnte sich die Frage nicht verkneifen, sie wollte die Antwort hören, bevor sie gemeinsam in ein paar Tagen das Schiff verlassen würden. Sie wusste schließlich nicht, wann sie sich danach wiedersehen würden, denn Paula wollte weit in den Norden gehen, das hatte sie immer wieder verkündet, und Johanna hatte schon die Zusage für eine Stelle an einem ganz anderen Ort auf dieser Insel, Island, die ihnen für ein Jahr Arbeit gab.

»Sag schon, Paula.« Johannas Ton bekam etwas Strenges.

»Bist du bekloppt? Mir doch egal, ob du eine Gräfin bist oder nicht, solange du kein Scheißnazi bist, Johanna. Außerdem hat sich’s bald mit dem Gräfinnendasein, denk dran, in Island sind wir alle Dienstboten, schon vergessen?«

Johanna sah sie zweifelnd an. »Du willst mir nicht sagen, dass es in Island überhaupt keine Klassen gibt, oder …?«

Paulas grüne Augen funkelten, und sie ließ ihr nicht einmal eine Sekunde, um ihren Satz zu vervollständigen. »Und ob«, rief Paula forsch, als das Schiff einen heftigen Schlag bekam.

Die Esja begann, sich auf die Seite zu neigen, und beide Frauen wurden auf einmal von einer an Bord klatschenden Welle überrollt. Sie waren von einer Sekunde zur anderen triefend nass und standen wie zwei begossene Pudel voreinander. Pudel, die sich aneinander festklammerten. In dem Moment, in dem die Esja von der Welle erfasst worden war, hatte Johanna den Unterarm der wagemutigen Paula ergriffen. Mit festem Griff hielt sie sie, und Paula wiederum hatte den Gürtel an Johannas Hose gepackt. Mit der Linken hielt Johanna sich geistesgegenwärtig an einem gewaltigen Tau fest, das um den Schiffsschornstein herumführte.

Paula sah Johanna entsetzt an. »Puh, damit habe ich nicht gerechnet.« Sie begann lauthals zu prusten. »Zweiter Waschgang!«, rief dieses irre Menschenkind.

Wie konnte sie bei so etwas immer noch lachen? Der Schreck stand Johanna ins Gesicht geschrieben. Sie hatte Paula erst ein paar Wochen zuvor kennengelernt. Paula hatte auf einer Bühne gestanden, Johanna im Publikum gesessen.

»Ganz schön fester Griff, Frau Gräfin.« Paula pfiff anerkennend.

»Jahrelange, harte Landarbeit. Ich weiß, man sieht mir’s nicht an. Aber das sind keine Gräfinnenarme, sondern die einer echten Bäuerin. Es ist wohl dem Verlust unseres Personals geschuldet, wer selbst anpackt, hat mehr Kraft. Also rück raus mit dem, was du weißt über dieses Island, Paula!«

»Ganz einfach: Alle sind freundlich und reden miteinander. Die Vornamen zählen, der Rest ist bei denen Humbug, Nachnamen kannste ganz vergessen. Es gibt keine sozialen Unterschiede, und ihre Sprache ist schrecklich schwer. Man bildet dabei Gurgellaute weit hinten im Hals, die durch den ganzen Körper fließen, und außerdem ist es dort wild und gefährlich.« Sie ließ Johannas Gürtel los und beschrieb mit ihren Händen von oben ausholend eine weite Kugel. »Es gibt Eisbären, Lappen mit Rentieren, und die Isländer sind ein fröhliches Volk, das immer etwas zu essen hat. Alle können lesen und schreiben, aber Achtung: Sie machen aus jedem Vieh, das sich ihnen bietet, Nahrung: Walfisch, Hai und Seehund. Und sie essen Knochen und Hirn von allem, was vier Beine hat! Ich glaube, sie verschonen nur Vögel … und Hunde und Katzen.«

Paula breitete ihr Wissen aus, atemlos vor Glück darüber, dass sie es endlich jemandem vortragen durfte. Sie strahlte Johanna an und griff in ihre nasse Manteltasche, um ein kleines Büchlein herauszuziehen, das sie Johanna vor die Nase hielt. Johanna packte Paula erneut fest am Ellenbogen. Man wusste schließlich nicht, wann der nächste Wellenbrecher auf das taumelnde Schiff niederschmettern würde.

Das schmale, dünne Heft war zerknautscht und klatschnass. Aus seinen Seiten tropfte das Wasser. Doch Paula hielt es hoch wie den Heiligen Gral.

»Die Winke! Das Merkheft für alle, die nach Island gehen. Darin steht eigentlich alles, was du über Island wissen musst. Góðan daginn, góða nótt! Guten Tag, gute Nacht! Nur die Passage mit dem Melken habe ich noch nicht gelesen. Sag bloß, du hast das nicht?«

Johanna wurde rot. »Nein, hab ich nicht, weil ich es Christa gegeben habe, damit sie etwas zu tun hat und mir nicht ständig auf den Geist geht.«

»Doch nicht etwa Nazi-Christa?« Paula stampfte auf. Dabei klatschten die Sohlen ihrer feinen Sommerschuhe laut auf die nassen Planken.

»Doch, sie kam im allerletzten Moment aufs Schiff und hat keines mehr bekommen, weil wir zu viele waren. Und weil sie mich nervte, hab ich ihr meins gegeben. Ehrlich gesagt wollte ich mich freikaufen mit dem Ding. Christa verzeiht es mir nicht, dass ich sie gerettet und zu dieser Reise überredet habe. Möge der Himmel geben, dass sie an Land eine vernünftige Beschäftigung findet und einen neuen Sinn im Leben, sonst garantiere ich für nichts.« Sie drehte sich um und legte ihre Hand mit verschwörerischer Geste auf Paulas Schulter. »Das Wort Nazi, liebe Paula, sollten wir fürs nächste Jahr vielleicht aus unserem Wortschatz streichen, das verstehen nämlich auch die Isländer.«

Paula schüttelte die Hand der Gräfin, die bald keine mehr sein würde, ab und lehnte sich leicht zurück, um etwas Abstand zu Johanna zu gewinnen, die sie nun scharf fixierte.

»Na ja, wir haben alle unsere Leiche im Keller, oder nicht? Sieh mich an.« Sie sah sich nach rechts und links um, beugte sich dann ganz nah an Johannas Gesicht und flüsterte: »Ich kann gar nicht melken. Ich habe glatt gelogen, aber es war der einzige Weg, um von zu Hause fortzukommen, sonst hätte ich meine Mutter noch umgebracht, oder sie mich. Es war einfach an der Zeit zu gehen. Gott will mich zu den Lappen schicken, ich sag’s dir, Johanna, vielleicht ist er gnädig und macht eine Lehrerin aus mir, und ich kann kleine Lappenkinder am Nordpol unterrichten. Ich muss nur schnell vorher noch melken lernen, damit ich bleiben darf.« Sie grinste. Ihre Stimme wurde lauter »Aber dass man kein Nazi mehr ist, das kann man nicht lernen. Die Nazis, die kommen in Island ins Gefängnis, wirst schon sehen, oder sie schicken Christa direkt wieder zurück. Wie hat die das bloß gemacht? Man braucht eine Urkunde von den Alliierten.«

Johanna sah betreten zu Boden und blieb Paula die Antwort schuldig.

Paula wurde lauter. »Du weißt, dass die schwermütig ist, oder? Wenn sie es in Deutschland schon nicht geschafft hat, sich umzubringen, wird sie sich in Island vom nächsten Gletscher stürzen. Ich sag dir, dieses Mädchen ist zu allem fähig, Johanna. Die ist zäher als wir alle zusammen, die zieht das durch, wirst schon sehen!«

»Eben, und sie ist clever und hat Geld, also ist sie offiziell auch kein Nazi. Vielleicht war sie es ja auch nie, Paula. Wer weiß das schon?« Johanna hasste Vorurteile, vor allem wenn sie sich selbst dabei ertappte. Sie hatte die Nazis gehasst und war es leid, dass nach dem Krieg so viele Menschen die Verantwortung für ihre Mittäterschaft ablehnten. Aber gab ihr das das Recht, über andere zu sagen, sie seien Nazis, wenn sie es vielleicht gar nicht waren? Sie sah Paula prüfend an: »War deine Familie denn etwa nicht in der Partei?« Vielleicht war dies die letzte Möglichkeit, so offen über alles zu sprechen, bevor sie morgen von Bord gehen sollten.

»Nein«, sagte Paula, und es klang ehrlich. »Mein Vater fiel im Krieg, er und meine beiden Brüder. Aber wir waren alle nicht in der Partei. Ich hatte ständig Ärger in der Schule deswegen. Und du? Wo habt ihr überhaupt gelebt vor dem Krieg?«

Johanna drückte ihren Rücken durch, plötzlich wirkte sie so viel größer, sie stand jetzt vollkommen aufrecht vor Paula, die sie um einen ganzen Kopf überragte.

»Wir lebten in Pommern, direkt am Meer. Mein älterer Bruder musste in den Krieg, die haben ihn und seine ganze Internatsklasse eingezogen. Mit vierzehn! Letzte Woche kam er aus der Kriegsgefangenschaft in Sibirien zurück. Jetzt ist er zweiundzwanzig und sieht aus wie ein alter Mann. Ich habe meinen eigenen Bruder nicht mehr wiedererkannt, Paula!«

Plötzlich sprudelte es aus Johanna, die oft still und zurückgezogen war, nur so heraus: »Mir ist es ehrlich gesagt egal, ob die Isländer mich als Johanna Gräfin Thadden zu Prillwitz sehen oder nicht. Da, wo wir jetzt leben, in Lübeck, das ist nur ein in Jauche getränktes Stück Acker. Ich habe in diesem Frühjahr noch den Boden bestellt, es war ja nicht viel Grund da, der bearbeitet werden konnte. Mein Vater ist krank und kann das nicht mehr, und der Hof ist so klein, dass er eine Familie nur ernähren kann, wenn wir zupachten. Unser alter Hof hat zweitausend Menschen ernährt. Und ob wir Herrenwyk behalten können, ist auch nicht klar, aber das soll mich jetzt ein Jahr lang nicht kümmern.«

Johanna spürte plötzlich einen bitteren Geschmack in ihrer Kehle aufsteigen. »Ich bin einfach nur froh, wenn ich eine Zeit lang aus dem stinkigen Lübeck fort kann.« Paula war plötzlich ganz still geworden, und Johanna fügte an: »Entschuldige bitte, du bist von dort, und ihr habt uns Fremde aufgenommen in Lübeck.« Plötzlich tat Johanna das, was sie gesagt hatte, leid.

Und doch, ihre Entscheidung, ins Ausland zu gehen, machte mehr Sinn als alles andere in diesen dunklen Zeiten, in einem Land, das die Alliierten aufgeteilt hatten. Ins Ausland gehen, und sei es nur für ein Jahr, schien die perfekte Rettung, um dem täglichen Chaos zu entkommen.

»Das kann man doch so gar nicht sagen«, meinte Paula plötzlich.

Johanna hatte sich wieder mit ihrem ganzen Körper gegen den Schornstein des Schiffes gedrückt. Der Wind fuhr kühl in ihre nassen Kleider. Sie spürte, wie sich darunter eine Gänsehaut bildete. Sie betrachtete Paula, die wild war, aber ein großes Herz zu haben schien, das fühlte Johanna in diesem Moment ganz genau. Sie war einer der wenigen Menschen, denen sie nach allem, was sie erlebt hatte, noch traute.

»Wären die Fronten im Krieg umgekehrt verlaufen, hätte es vielleicht uns zu euch nach Pommern verschlagen … Wer weiß schon, wie es dann gewesen wäre? Ihr hättet uns nur mehr Platz bieten können, als wir euch in unserem ollen Lübeck.«

Paula schien ihre Freundlichkeit ehrlich zu meinen, sie war offensichtlich jemand, der das Fremde liebte. Sie waren sich zum ersten Mal in einem Theater begegnet. Paula hatte auf der Bühne gestanden und war Johanna gleich aufgefallen, denn sie hatte eine Keckheit, eine besondere Fröhlichkeit, die den meisten Frauen in ihrem Alter so kurz nach dem Krieg abhandengekommen war.

»Sag mal, Paula, glaubst du eigentlich, die wollen uns nur als Arbeitskräfte? Ich meine, das ist doch schon seltsam, dass wir hier fast nur Frauen sind, die nach Island fahren, oder kennst du auch einen Mann?«

Paulas Körper hatte sich wieder den schwankenden Wellen angepasst. Ihre Angst vor der nächsten großen Welle schien verflogen. Sie hatte manchmal etwas Vorwitziges. »Na, und ob. Ich kenne zumindest einen der Männer, die versucht haben, aufs Schiff zu kommen, aber wehe, du verrätst mich!«

»Spuck’s aus, Paula. Kenne ich ihn auch?«

»Klar, Dubetti wollte an Bord kommen, ich weiß aber nicht, ob er es geschafft hat. Der musste abhauen aus Lübeck. Er hat wohl vergessen, dem Theaterbesitzer die Miete für den letzten Monat unserer Vorstellungen zu zahlen!«

»Du machst Witze! Dubetti, der Zauberer?«

»Ja, genau der. Und das sag ich dir, wenn es eine Nazitante wie Christa schafft, Deutschland zu verlassen, dann doch wohl auch Dubetti. Und ich verrate dir noch ein Geheimnis: Dubetti heißt gar nicht Dubetti, sondern Güldenstein. Der muss sich jetzt eine andere Zauberassistentin suchen. Da, wo ich hingehe, ist nichts mehr, das ist das Ende der Welt. Und genau so weit will ich, dann hab ich hoffentlich meinen Frieden. Wenn die mich nach dem Jahr, für das ich mich verpflichtet habe, behalten wollen, bleib ich da.«

Paula schien es ernst zu meinen.

»Aber du weißt doch noch gar nicht, wie das ist in Island!« Johanna sah sie fragend an.

»Ich habe mindestens zehn Bücher über den Nordpol gelesen und weiß sehr genau, was mich erwartet …« Sie sah nach oben, als erwarte sie von dort Hilfe. »Na gut, also fast weiß ich es, es waren Romane, aber auch mindestens zwei Tatsachenberichte. Viel ist ja gar nicht bekannt über Island, außer dass es da auch Amerikaner gibt. Aber keine Sorge, die tun uns nichts, die reisen ab, wenn wir kommen. Die müssen die Insel ja jetzt verlassen. Ist schließlich kein Krieg mehr.«

Ein bisschen altklug war sie doch, diese Paula.

Die Wellenbewegungen beruhigten sich. Nun konnten sie deutlich den schweren Schiffsmotor hören, der zuvor noch von der tosenden See übertönt worden war. Er gurgelte in einem tiefen Bass, und das Schiff kämpfte sich durch die Wellen wie ein tapferer, kleiner Soldat. Dennoch klang es, als sei der Motor nicht wirklich für die hohe See gemacht.

»Falls wir je ankommen, heißt das«, frotzelte Paula.

»Klar kommen wir an.« Johanna mochte zwar das seltsame »Merkheft für Islandreisende« nicht mehr besitzen, das vor ihrer Abreise ausgeteilt worden war, aber sie war intelligent genug, sich alle Informationen zu merken, derer sie habhaft werden konnte, etwas, das sie sich früh angeeignet hatte, wenn ihre Eltern auf Prillwitz Besuch von Freunden bekamen, die nicht regierungskonform waren und über die politische Neuausrichtung Pommerns sprachen, wenn Hitler abgedankt und den Krieg beendet hätte. Johanna hatte manchmal gelauscht und früh gelernt, dass es zum Ehrenkodex ihrer Familie gehörte, kein Wort nach außen dringen zu lassen. Wissen konnte in Kriegszeiten Leben retten, auch das hatte sie schmerzlich erfahren müssen.

»Das hier …«, antwortete sie Paula mit leicht gerümpfter Nase, aber lächelnd, »war vorher ein Ausflugsschiff, mein Fräulein. Die Esja ist nämlich nur ein schnöder Kutter, der die Insel Island umrundet hat. Wir sind gerade auf seiner ersten Hochseefahrt dabei, oder um genau zu sein, auf seiner zweiten, denn das Ding musste ja erst mal von Island bis nach Hamburg gelangen. Glaubst du, sonst würden wir unter Deck derart schrecklich hausen und keine Kabinen haben? Nur mit Jutesäcken und Strohmatratzen?«

»Woher weißt du das alles ohne Merkheft, Johanna?« Paula sah sie staunend an.

»Das kam vor unserer Abfahrt im Radio«, gab Johanna genüsslich zurück.

»Tja, dann haben wir nur noch ein einziges Problem. Was machen wir mit unserer Nazibraut an Bord, vor allem wenn die Alte auffliegt?« In Paulas Stimme schwang ein abschätziger Unterton mit.

Johanna wollte gerade etwas darauf antworten, als von der anderen Seite des Schiffsschornsteins unversehens eine blonde Frau in einem heruntergekommenen, altmodischen Kostüm an sie beide herantrat und sie wütend anschrie.

»Untersteht euch, mich auch nur noch ein einziges Mal so zu nennen. Wagt es nicht.«

Noch bevor Paula etwas Flapsiges antworten konnte, hatte Christa Genthin ihr eine schallende Ohrfeige verpasst. Und sie waren alle drei zu perplex, um die nächste Bugwelle kommen zu sehen. Ein Matrose wollte sie noch warnen, rief ihnen etwas von Weitem auf Isländisch zu. Aber Paula hielt sich erschrocken die schmerzende Wange, und Johanna ließ genau in dem Moment das schwere Tau los, als sie von einer gewaltigen, über Bord schwappenden Atlantikwelle erfasst wurden und kurz darauf alle drei mit voller Wucht auf die Planken stürzten.

KAPITEL 1

FAXASKJÓL

Der Mensch darf nie vergessen, dass die Bilder, die ihn jetzt erschrecken, das Abbild seines Innern sind.

Isa Vermehren

10. OKTOBER 2008

Wie ein leuchtender Pfeil zwischen dunklen Wolken strahlte das letzte Sonnenlicht des Tages in den Fjord hinab. Christa stand am Fenster. Mit einer routinierten Geste griff sie sich mit der rechten Hand an den Hinterkopf und steckte die lange silberne Spange zurecht, die ihre Haare kunstvoll zusammenhielt.

Ihr weißes Haar spiegelte sich im Fenster, vor dem sie stand. Einem Geist gleich erschien sie sich selbst auf der blanken Fläche, wie ihr eigener optischer Zwilling, schwebend über den großen Schilfhalmen auf der anderen Seite der Scheibe. Ihre Füße standen parallel. Wie ein alt gewordener Soldat stand sie da, ein Soldat, der nur der Natur salutierte und nicht den Menschen. Vielleicht salutierte sie einfach nur diesem letzten, kraftvollen Moment des Tages. Morgen würde eine ganz neue Zeitrechnung in ihrem Leben beginnen, und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit spürte sie Zuversicht. Vielleicht war sie sogar die Einzige in Island, die jetzt gerade dieses Gefühl verspürte. Zuversicht schien Mangelware zu sein in diesen Tagen. Ausgerechnet ihr, der lebenslangen Pessimistin, schien sie auf dem letzten Stück ihres Lebens plötzlich zu begegnen. Allein dieser Moment, der so durchdrungen war von der Schönheit der Schöpfung da hinter dem Fensterglas, er erschien ihr, als habe Gott ihr einen Fingerzeig gegeben und laut gerufen: »Sieh doch nur, Christa Hendriksson, sieh nur, welch schönen Anblick ich nur dir allein schenke. Sei gefälligst glücklich«.

Der Lichtstrahl, der ungefähr zwei Kilometer von hier entfernt in das Wasser des Fjordes drang, endete an der Küste in Álftanes, direkt vor Bessastadir. Die Konturen der kleinen Gebäudegruppe, dem Amtssitz des Präsidenten, zeichneten sich klar daneben ab. Drei Häuser. Sie wirkten eher wie der Hof eines reichen Bauern als der eines Präsidenten und waren im rechten Winkel zueinander angeordnet. Weiß getünchte Gebäude mit strahlend roten Dächern, an deren Ende eine Kirche stand. Optisch bildeten sie im Zwielicht des Tages ein C. In Christas Muttersprache bildeten sie jedenfalls ein »C«, einen Buchstaben den es im Isländischen nicht einmal gab, aber auf gewisse Buchstaben hatte Christa leicht verzichten können in den letzten 59 Jahren. Sie hatte lange nicht mehr an deutsche Buchstaben gedacht. In Island hatte sie eher Noten gebraucht als Buchstaben. Auf die hätte sie nicht verzichten können. Musik war ihr immer als die wichtigste Grundlage ihrer Wissens erschienen, hatte sie unterschieden von all den anderen, die mit ihr hergekommen waren, von den einfachen, den schlichten Frauen, die Island als Rettung sahen und offensichtlich keine gute Bildung besaßen. Keine, die mit ihr mit der Esja gekommen war, hatte Klavier spielen können, kaum eine hatte Abitur. Und wenn sie es bei diesem Fjordlicht hier für sich besah, hatte es Zeiten in ihrem Leben gegeben, in denen ausschließlich die Musik ihr Herz erreicht hatte, nichts und niemand sonst.

Bessastadir lag nun direkt im dichten Sonnenstrahl. Die roten Dächer bildeten einen weit ins Land hinein sichtbaren Kontrast zu seinen weiß getünchten Mauern. Weit und breit stand kein anderes Gebäude, und die Landzunge, auf der es erbaut war, ragte tief in den Fjord hinein, sodass man es von Reykjavík aus gut sehen konnte, doch nur wenige hatten diesen Luxusblick, den Christa Tag für Tag genießen durfte.

Ihr Haus lag am Rande der Stadt. Zwischen ihr und dem Meer da unten lagen ihr Vorgarten, ein Zaun und eine winzige Straße, in die sich nur wenige verirrten. Einen Kilometer weiter endete der kleine Inlandsflughafen, dessen Startbahn fast direkt bis ans Meer reichte. Morgens und abends suggerierte ihr das Dröhnen schwerer Propellermaschinen, die von hier nach Akureyri und Ísafjörður abhoben, das Gefühl, in einer Großstadt zu leben. Dann war wieder Ruhe am Fjord.

Der Sonnenstrahl, der eben noch Bessastadir erhellt hatte, glitt nun wie in einem riesigen Spot übers Wasser. Hinter der Bucht, die sie von hier aus sehen konnte, begann das offene Meer. Nur eine knappe Seemeile von diesem Punkt entfernt lag die Stelle, die die größte Wunde ins Leben der Christa Hendriksson gerissen hatte. Heute vermochte auch das Wissen darum ihre Zuversicht nicht zu trüben. Das hier war ihr Abendritual, sie musste nicht nur dem Tag auf Wiedersehen sagen, bevor sich die Nacht senkte. Still sagte sie auch ihm auf Wiedersehen, wieder und wieder, jeden Tag aufs Neue. Unzählige Male hatte sie hier gestanden, in ihrem Wohnzimmer in dem schönen Haus auf der leichten Anhöhe mit Blick aufs Meer, hatte immer wieder die Wellen da draußen auf dem Meer erahnt, die ein Geheimnis umspülten, ihr Geheimnis. Sie hatte es mit sich ausgemacht, all die Jahre, ihre Familie ahnte nichts. »Ich schau durch Tür und Fensterglas, und ich warte und warte auf etwas.« Diese Worte kamen ihr plötzlich in den Sinn. Sie nahmen in einem sanften Rhythmus Besitz ein von ihrem Denken. »Sei gefälligst glücklich, Christa Hendriksson!« Der Lichtstrahl war zurück. Und mit ihm die Melodie, die ihren alten Geist in Schwingung versetzte. Die uralte Melodie, die ihre Großmutter auf dem Grammofon hörte und die Christa auf dem großen Flügel im Salon für sie beide spielte, immer nur dann, wenn der Großpapa fort war, weil der Friedrich Hollaender nicht ausstehen konnte. Sie selbst war verliebt gewesen, als sie es zum ersten Mal spielte, sah plötzlich wieder ihr frisch gestärktes, weißes Sommerkleid vor sich, die Rüschen daran, die sich sitzend im Schoß falteten. Sie sah ihre eigenen, noch jungen Füße, braun gebrannt in Sandalen auf den kupfernen Pedalen des Flügels, hörte ihre Großmutter Genthin summend ein paar Meter weiter im grünen Canapé, sah deren bestätigenden, stolzen Blicke.

Christa spürte die Hitze wieder, die so fremd in ihrem Körper aufgestiegen war, ihre sich rötenden Wangen. Mit Großeltern sprach man nicht über die Liebe. Man sang höchstens darüber. »Man hat uns nicht gefragt, ob wir leben wollten oder nicht.« Nein, niemand hatte sie das je gefragt. Sie summte nun, sang leise. Die deutschen Worte kamen ihr nur zögerlich über die trocken gewordenen Lippen. »Wenn ich mir was wünschen dürfte, käm ich in Verlegenheit, was ich mir denn wünschen sollte, eine schlimme oder gute Zeit!« Christa musste schlucken. Friedrich Hollaender. Berlin. Als sie Hollaender spielen konnte, wohnte der Vater schon in Berlin, die Mutter war allein in Königsberg zurückgeblieben und führte das elterliche Regiment schweigend an. Ein Schweigen, das von Kälte und Starrheit durchzogen war. Christa war der Beklemmung des Elternhauses an den Wochenenden entflohen. Nicht nur der Großeltern wegen, sie waren mehr ein Alibi für die köstliche Sommerfrische an der Ostsee, denn sie lebten auf Gut Hirschfelde. Hirschfelde am Frischen Haff, eine Stunde nördlich von Königsberg. Es hatte ein rotes Dach wie Bessastadir und getünchte Mauern in einem dunkleren Weiß. Hirschfelde, das Rittergut ihrer Großeltern, an einer Landzunge gelegen, die sich ebenso ins Meer ergoss wie der Ort, den sie Abend für Abend von hier erblickte. Ostpreußen, dieses ferne, längst verlorene Land: eine Bucht, die den Menschen Schutz vor der tosenden See bot. Hirschfelde. Niemand konnte ihr diesen Ort zurückgeben. Aber die Musik von damals war plötzlich wieder da. »Wenn ich gar zu glücklich wär’, hätt’ ich Heimweh nach dem Traurigsein.« Heimweh. Im Isländischen gab es das auch, aber da klang Sehnsucht wie ein schmerzvoller Vogelschrei: þrá. Sie hatten Sagas und elend lange Geschichten in diesem Land, Trolle und Schluchten und Riesen zuhauf. Aber Heimweh war hier eine andere Sehnsucht, sie klang seltsam eingedeutscht: heimþrá. Und ihr Herz war in diesem Moment voll davon. Die Erinnerungen, die all die Jahre fort gewesen waren, brachten ihr plötzlich das alte, deutsche Heimweh zurück. In Island sehnte man sich nach einem Land, das es noch gab, nach Felsen und Weiden, Bergen und Seen. Ihr Sehnsuchtsland gab es längst nicht mehr. Königsberg war nicht mehr Königsberg, Hirschfelde nicht mehr das Rittergut der Großeltern. Und im Heimweh wohnte der Winter. Und im Winter war sie plötzlich wieder Kind. Hirschfelde und sie, das kleine Mädchen, das in Pillau aus der Bahn stieg und stolz in seinen kleinen Stiefelchen dem Kutscher entgegenstapfte, ein winziges Köfferchen in der Hand. »Na, kleenet Frolleinken? Hamse jute Laune mitjebracht?« Blechschmidt war ein Berg von Mann. Einer, der erst ihr Köfferchen auf den Pferdeschlitten verfrachtete und dann sie mit seinen großen Pranken auf den Kutschbock setzte. Fünf, sechs Jahre alt mochte sie gewesen sein, und jedes Mal war sie voller Vorfreude auf die bevorstehende Fahrt. Jene kindliche Lust, die auch entsteht, wenn man Brauseklumpen aus der Handfläche lutscht.

Sie hatte immer gekichert vor Vergnügen, wenn die Blechschmidt’schen Hände sie auf den Schlitten setzten, einen Jagdwagen mit Kufen, an dessen Seiten die Hölzer elegant gebogen waren und flach um die Kutsche herum führten. Im Pferdeschlitten lagen dann schon für sie bereit: ein Muff, die kleine Persianer-Pelzrolle, die die Großmutter extra für sie hatte anfertigen lassen und die an beiden Seiten offen war und in die sie ihre kleinen Händchen stecken konnte. Daneben lag das Pelzmäntelchen, nur für sie, das einzige Enkelkind der Großeltern, wenn es zu Besuch kam. Blechschmidt half ihr ins Mäntelchen, und sie warf sich voller Inbrunst auf die fellene Bank des Pferdeschlittens. Im Heimweh wohnte der Winter, denn es gab etwas bei diesen Fahrten durch die tief verschneiten ostpreußischen Winter, das sie auf immer verloren hatte. Ihr Königreich, wenn sie wie eine Prinzessin durch die Winterlandschaft gefahren wurde. Die Pferdehufe stoben den Schnee auf, das Pferdegeschirr machte schmatzende Geräusche, und im Rhythmus trabender Gäule kamen die Baumkronen zum Vorschein. Riesige Baumkronen, die sie sah, wenn sie ihr Kinderköpfchen nach hinten sinken ließ und den Blick nach oben richtete. Schneebedeckte weiß-grüne Baumdächer, weit über ihr, als breiteten fremde Mächte schützend ihre blättrigen Finger über dem Mädchen aus. Sie waren die mächtigen Grenzzäune ihres Kinderreiches. Darüber ein kristallklarer, weiter, blauer Winterhimmel. Ein anderer Winterhimmel als der, den sie in Island nur drei Stunden am Tag sehen konnte, wenn die Polarnacht anbrach. Mit Blechschmidt hatte sie ein Geheimnis. Immer wenn der Pferdeschlitten sich Pillau näherte und sie kurz vor dem großelterlichen Rittergut die Wälder verließen, hielt Blechschmidt an einer Lichtung an und rief wie zum Verlassen ihres Prinzessinnenreiches der Wälder den Pferden ein lautes Zauberwort zu. Dabei schnalzte seine Zunge laut über den Gaumen, und die beiden Kaltblutpferde kamen auf Zuruf zum Stehen: »Brrrr! Schimmel lass den Schecken scheißen!« Dann erst warf er die Zügel erneut einmal in beiden Händen haltend in die Luft und riss sie einen Moment später wieder herunter, sodass das Leder laut auf die Pferdehintern klatschte, die sich natürlich keiner Last entledigt hatten. Vielmehr erfreute sich Blechschmidt bei dem kleinen Ritual jedes Mal an dem Kichern des Kindes, das war ihr heute klar. Er rief ein lautes »Hüüjaa«, und es ging mit einem schweren Anrucken im Zuggeschirr weiter. Sie hatte sich dabei jedes Mal gekringelt vor Lachen und wurde von der Kraft der beiden Kaltblutpferde vor dem Schlitten noch tiefer in die Bank gedrückt. »Det is unser Jeheimnis, hörn se, kleenet Frolleinken?« Was wohl aus Blechschmidt geworden war nach dem Krieg? Blechschmidt, einem der Helden ihrer Kindheit. Wieso sagte man Kindern eigentlich nicht, dass diese unbeschwerten Tage endlich waren und nie wieder zurückkommen würden? Warum musste erst ein ganzes Leben gelebt werden, bis die Menschen das viel zu spät begriffen?

Gräulich breitete sich die Dunkelheit vor ihr aus. In ein paar Wochen würde dieses abendliche Ritual für lange Zeit beendet sein, dann brach die Winterzeit an, und die Sonne kehrte erst im Februar richtig zurück. Sie hatte das auf eine Weise all die Jahre genossen, der Winter war beinahe erträglicher noch als der lange Sommer, der kein bisschen Dunkelheit verhieß. Die Isländer waren ihr zu hyperaktiv in diesen Sommern, sie feierten, als gäbe es kein Morgen mehr. Sie hatte sich nie daran gewöhnen können. Island hatte sich selbst gefeiert in den letzten Jahren. Das ganze Volk hatte sich benommen, als gäbe es das Winterhalbjahr nicht mehr, als hörte der lang andauernde Sommer nie auf. Island war im Wohlstand gewatet, es hatte Geld von überall her angezogen, die Menschen hier hatten Häuser gekauft, große Autos, noch ein Haus, noch ein Auto. Sie hatten sich dabei selbst verloren. Die Summen der Gelder, die allein über Reykjavík transferiert worden waren, waren immer bizarrer geworden, bis zu jenem Tag, an dem wahrscheinlich irgendeine nordische Gottheit den Daumen nach unten gesenkt hatte. Das Kapital aus dem Ausland war durch die Bilanzen isländischer Geldinstitute gerauscht wie das Wasser des Dettifoss ins Tal. Aber Geld war nun mal kein Wasser in einem nicht versiegenden Wasserfall. Vielmehr hatten die nordischen Gierschlunde und all jene, die hier investierten, vergessen, dass Geld nicht Geld gebiert. Natürlich musste das irgendwann ein Ende haben.

Christa machte dieser Umgang mit dem nicht versiegen wollenden Reichtum wütend. Das Ende der Gier hatte gerade mit einer Gnadenlosigkeit zugeschlagen, die selbst sie erstaunte. Wie es weitergehen sollte, war ungewiss. Sich gegenseitig zu belügen, das ging eine Weile gut, aber nun lagen die Fakten auf dem Tisch und sie machten aus ehemaligen Kapitalisten Arbeitslose, aus früheren Bankdirektoren Kriminelle und aus Hausbesitzern Wohnungslose. Sie selbst hatte längst vorgesorgt, das Geld, das sie in Island gemacht hatte, würden auch ihre Erben über Generationen nicht ausgeben können. Ostpreußische Cleverness war auf isländische Bauernschläue getroffen. Dabei hatte sie Jóhann so verachtet, als er vor ihr stand, damals, als er ihr einen Heiratsantrag machte. Zwei Kühe und ein kleines Stück Land hatte er zu bieten und seine tiefe, ehrliche Freundschaft. Ein Bauernjunge, der eine Bürgerstochter hatte heiraten wollen. Eine gefallene Bürgerstochter, die der Krieg an ihrer Seele verwundet ausgespuckt hatte und die heimatlos geworden war. Heimatlos und fürchterlich allein. Jóhann hatte sie nie körperlich angezogen, dieser Platz in ihr war besetzt, bis sie sterben würde, aber er bot ihr das, was sie damals fürchterlich vermisste: Freundschaft und Zuversicht.

Dabei hatte sie ihn zunächst ein wenig verachtet. Was hatte dieser Mann ihr schon zu bieten? Als sie seine Kühe sah, sagte sie: »Melken werde ich nie, und die Kühe werden uns nach dem zweiten Kind verlassen!« Das waren ihre Bedingungen gewesen, nach einem schlimmen Rückschlag, den sie in den ersten Jahren auf dieser Insel, die sie lange hasste, zunächst erlitt. Jóhann hatte sich an ihre Abmachung gehalten, und ausgerechnet seine kleine Landzunge hier, an der Faxaskjól, hatte eines Tages Christas irren Immobilien-Trip ausgelöst. Sie hatte schon als Kind Häuser und Einrichtungen geliebt und vermochte sich vorzustellen, was man mit einem so schönen Fleckchen Land anstellen konnte. Jóhann hatte ihr freie Hand gelassen. Vom Geschäft verstand er nichts, er wollte seine Ruhe und genoss es, dass seine Frau so tüchtig war. Schließlich war er Isländer, ein Mann der Frauen alle Freiheiten ließ, die sie brauchten, um letztlich auch ihn glücklich zu machen.

Gegenüber, hinter der Halbinsel Álftanes, lagen schneebedeckte Berge. Es würde ein kalter Winter werden, Christa konnte es in ihren alten Knochen spüren und lächelte milde, denn dieses schöne Haus, in dem sie wohnte, war im Laufe der Jahre ihre Zufluchtsstätte geworden. Sie hatte lange nicht einmal gewusst, dass es ausgerechnet auf jene Bucht wies, die ihr Leben seit 1944 bestimmte.

Von da an war sie viele Jahre lang allein durch einen tiefen, endlosen inneren Schmerz gewandelt. Da draußen lag ihre Wunde, dort lag der Grund, weshalb sie nach Island gekommen war. Und dann, in den Achtzigerjahren, hatte ausgerechnet vor ihrer Nase, dort am Strand, ein Bildhauer eine Skulptur aufgestellt. Björgun hieß sie, »die Rettung«. Ein Mensch, der einen anderen Menschen aus dem Meer zieht. Ein kraftvoller Mensch. Sie, die selbst einmal förmlich aus dem Meer gezogen worden war, hatte es so viele Jahre als einen Fluch betrachtet, der auf ihr lastete und von dem sie sich fragte, ob sie unter seiner Last je wieder glücklich werden würde. Diese Skulptur war zu ihrem Spiegel geworden. Wie oft hatte sie darüber nachgedacht, wie oft war sie daran vorbeispaziert, »die Rettung«.

Sie hörte den Bildhauer jedes Mal hämisch lachen, wenn sie in den ersten Jahren am Strand daran vorübergegangen war, hörte ihn laut sagen: »Ja, Christa, für dich habe ich dies hier gebaut, damit du dich erinnerst.« Konnte ein Mensch denn einen anderen überhaupt retten? Und dann diese kraftvollen Arme der Skulptur, an der sie auch jetzt nicht vorbeisehen konnte. Niemand hatte sie gefragt, »ob wir leben wollten oder lieber nicht«, wie einst Marlene Dietrich in dem Hollaender-Schlager gesungen hatte.

Nachdem Jóhann ihr die Geschicke ihrer geschäftlichen Zukunft übertragen hatte, hatte Christa dafür gesorgt, dass ihr Grundstück in dieser herrlichen Lage auch dann noch einzigartig bleiben würde, wenn die Stadt sich weiter ausgeweitet hatte. Sie hatte oft in den letzten Jahrzehnten ungläubig den Kopf darüber geschüttelt, nicht nur über die Millionensummen isländischer Kronas, die in sicherer Regelmäßigkeit auf ihre Konten eingingen und von Christa inflationssicher in solide Geschäfte gelenkt wurden. Sie hatte sich ebenso darüber gewundert, dass ausgerechnet die Universität von Island nahezu an sie »herangewachsen« war. Die große Ausfallstraße aus der Stadt, die zwischen der Flughafenlandebahn und dem Fjord endete, war heute mit mehrstöckigen Studentenwohnheimen bebaut und die Universität so in ihre Nähe gerückt.

Auf der anderen Seite der Suðurgata hatten sich zahlreiche Professorinnen und Professoren und Mitarbeiter der Uni und der angeschlossenen Institute komfortable Häuser gebaut. Das Island, in das sie einst gekommen war, ähnelte nicht einmal mehr im Ansatz dem, was es heute war. Ein Volk von damals hunderttausend Menschen, die aus einem öden Eiland einen modernen Hafen des Wissens und der Technologien gemacht hatten, der genau zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Festland lag. Nicht in ihren kühnsten Träumen hätte sie sich das damals ausgemalt, was auch daran lag, dass sie viele Jahre lang fort von hier wollte. Dass sie eines Tages Kinder und Enkel haben würde? Vollkommen ausgeschlossen. Die Bitternis hatte auch nach der Geburt der Kinder lange noch angehalten. Nun fand sie es an der Zeit, sich mit sich selbst zu versöhnen. Ging das denn mit fast neunzig? Mit dem letzten Lichtstrahl, der über den Fjord kurz vor dem Verschwinden aufglänzte, stieg gerade ein Mann an der Straße aus einem kleinen blauen Auto. Er war hochgewachsen, sehr gut aussehend, und seine rotblonden, fedrigen Haare wippten beim Aussteigen. Sein Gesicht war sehr fein geschnitten, er trug ein Tweedjackett und einen herrlich eleganten Hut, dazu spitze Schuhe und eine dieser neumodischen Hosen, die selbst bei gut gebauten Männern die Beine dünn und die Hintern breit machten. Der Mann strahlte, als er sie hinter dem Fenster stehen sah. Er machte sich nicht erst die Mühe, das Tor zu öffnen, sondern sprang mit einem Satz über den geschlossenen Zaun, der aus kleinen, weißen Kapitälen bestand, und landete geschickt hinter der Wacholderhecke, die einen Sichtschutz zur Straße hin bildete. Mit einer Hand hielt er eine kleine, elegante Reisetasche aus Leder an ihren Henkeln über der Schulter, die andere wischte er sich gerade verstohlen am hinteren Jackettsaum ab, das Moos auf dem Zaun war feucht und wild.

Christa lief beglückt zur Tür. Jón war da, ihr Jón war endlich zurück.

»Meine schöne Amma!«, rief er mit tiefem Bass. Jón war einen guten Kopf größer als sie, schlank und sehnig. Seine großen Hände breiteten sich aus, als er die Tasche an der Eingangstür fallen ließ. Er schloss sie fest in seine Arme.

KAPITEL 2

SÆBRAUT

»Und eben weil ich mich nicht für die Art und Weise interessiere, wie dieses und jenes Individuum sich die Moral vorstellt, lasse ich auch die Meinung der Philosophen und Moralisten außer Betracht.«

Emile Durkheim

10. OKTOBER 2008

»Da bist du ja endlich!« Christa seufzte. Sie hatte lange nicht geseufzt, schon gar nicht vor Glück. »Sag, wie ist es, von Deutschland nach Island zu kommen?«, fragte sie freudig, während sie ihren Enkel sachte an der Hand ins Haus zog.

»Das sagt ja die Richtige!« Jón streifte routiniert an der Garderobe die Schuhe ab. Er trug in seinen eleganten Schnürschuhen Wollsocken! Christa sah ein wenig überrascht an ihm hinab, er war eben doch ein Isländer und nicht mehr an ihre weichen Teppiche gewöhnt, die sich vom Eingang über das großzügig geschnittene Haus erstreckten. Sie flossen regelrecht über die Ebenen, in denen im Wohnzimmer die Ess- und die Sitzecke eine Stufe tiefer lagen. Christa hatte die Fluchten des Lebens in ihr Wohnzimmer eingebaut. Überall gab es kleine Plätze, an die man sich setzen, an denen man verweilen konnte. Für eine Frau in ihrem hohen Alter, war das hier ungemein modern. Es war »Vintage«, wie Jón gern lachend sagte, wenn sie ihn in Geschmacksfragen konsultierte, denn sie wollte mithalten bei dem, was junge Leute dachten, vor allem wollte sie, dass er sich wohlfühlte, wenn er sie in immer länger werdenden Abständen besuchen kam.

Jón war nicht nur in Sachen Socken ein typischer Isländer, er war es auch in Bezug auf seine berufliche Laufbahn. Als begnadet guter Cellist hatte er Musik studiert und in der Symphonie gearbeitet, bis die Finanzkrise kam. Nebenher betrieb Jón mit ein paar Freunden eine Band und ein Tonstudio, in dem er immer wieder mit anderen Leuten Musik produzierte, und hatte schon vor Abschluss der Schule damit begonnen, für die Zeitung Fréttablaðið zu schreiben. Damit war er ein typischer Vertreter seiner Generation der Thirtysomethings auf Island. Niemand hatte nur einen Beruf. Dieser Trend hatte längst vor der Krise begonnen und nicht viel mit ihr zu tun. In einem Land mit mehr Schafen als Einwohnern musste eben jeder mehrere Aufgaben übernehmen, damit die Volkswirtschaft funktionierte. Es lag den Menschen hier beinahe in den Genen, denn schon zu Urzeiten waren selbst die Bauern hier nicht nur Bauern gewesen. Dafür war die Erntezeit zu kurz, es galt auch den Rest des Jahres zu überleben. Also hatten alle Nebenberufe, waren Seeleute, Fischer und Landwirte zugleich, waren Dirigenten und Bürgermeister oder Lehrerinnen und Rundfunksprecherinnen. Jón bedeutete sein Cello so viel, dass er das Angebot eines Rundfunkorchesters in Deutschland angenommen hatte. Ausgerechnet Deutschland. Christa hatte es ihm ausreden wollen, ihm geraten, es besser in Norwegen oder Schweden zu versuchen, aber Jón war ein intuitiver Mensch und er fühlte etwas, als das Angebot aus Deutschland kam. Er wollte seine Wurzeln erkunden, als Fremder im Land seiner Vorfahren, wollte es wenigstens versuchen in der fremden Sprache und in einem Orchester, das seinen festen Platz in Köln hatte, aber viel durch die Welt reiste, eine Vorstellung, die ihm gut gefiel.