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Merle Jensen

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Beschreibung

Inken, Wiete und Nele sind die allerbesten Freundinnen. Schicksalsschläge, untreue Männer oder finanzielle Engpässe - all das schweißt sie nur noch enger zusammen. Aber die echte Bewährungsprobe steht ihrer Freundschaft jetzt bevor: Gemeinsam müssen sie das »Wattparadies«, Inkens Restaurant und Lebenstraum, vor dem Untergang bewahren. Ihr Plan versetzt halb Husum in helle Aufregung, spielen doch der Shanty-Chor und eine zwielichtige Wahrsagerin dabei eine gewichtige Rolle ...

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Seitenzahl: 428

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumGedicht1. Krabbe2. Pul-Party3. Nele lädt zum Nullen ein4. Teure Dummheit5. Tauchstation6. Gewitterwolken7. Ligurien lockt8. Ligurien schockt9. Plausch mit Wiete10. Reinfeiern auf Italienisch11. Casino Fatale12. Alles auf die Fünfzehn13. Der verschwundene Spender14. Katerstimmung15. Ein unmoralisches Angebot16. Spekulationen um das Sorgenkind17. Großzügiges Geschenk18. Geisterstunde am WG-Tisch19. Stunde der Wahrheit20. Und noch mehr Wahrheit21. Sightseeing mal anders22. Im Labyrinth der Justiz23. Die Strafsache Freybier24. Fragen über Fragen25. Tee-Fuzzi auf Abwegen26. Lecker Friesentorte und nackte Wahrheit27. Ein großer Tag28. Ein ungebetener Gast29. Beekes neue Flamme30. Der Zorn der Krabben31. Eine alte Geschichte32. Unerwarteter Besuch33. Geteiltes Outing ist halbes Outing34. Wunder gibt es immer wieder…35. Der große Auftritt36. FamilientreffenDank an…

Über dieses Buch

Inken, Wiete und Nele sind die allerbesten Freundinnen. Schicksalsschläge, untreue Männer oder finanzielle Engpässe – all das schweißt sie nur noch enger zusammen. Aber die echte Bewährungsprobe steht ihrer Freundschaft jetzt bevor: Gemeinsam müssen sie das »Wattparadies«, Inkens Restaurant und Lebenstraum, vor dem Untergang bewahren. Ihr Plan versetzt halb Husum in helle Aufregung, spielen doch der Shanty-Chor und eine zwielichtige Wahrsagerin dabei eine gewichtige Rolle …

Über die Autorin

Merle Jensen ist das Pseudonym einer deutschen Bestellerautorin. Sie schreibt ansonsten Familiensagas, historische Romane und Krimis. Die Autorin hat ihre Kindheit an Ostsee und nordfriesischer Küste verbracht und lebt inzwischen mit Mann und Hund in Hamburg.

M E R L E J E N S E N

Nord

friesen

zauber

Roman

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Petra Lingsminat, Dietfurt

Umschlaggestaltung: Tanja Østlyngen unter Verwendung von Illustrationen von

© shutterstock: JFs Pic S. T | Hanneliese | Pickturepick | VDOVINA ELENA

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-7826-9

www.luebbe.de

www.lesejury.de

Am grauen Strand, am grauen Meer Und seitab liegt die Stadt; Der Nebel drückt die Dächer schwer, Und durch die Stille braust das Meer Eintönig um die Stadt.Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai Kein Vogel ohn’ Unterlass; Die Wandergans mit hartem Schrei Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei, Am Strande weht das Gras.Doch hängt mein ganzes Herz an dir, Du graue Stadt am Meer; Der Jugend Zauber für und für Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir, Du graue Stadt am Meer.

Theodor Storms bekanntestes Gedicht »Die Stadt« (1852)

1. Krabbe

Krabbes Bude prangte in blauen Buchstaben an dem weißen Holzhäuschen, das einladend vor Inken Jennes Restaurantschiff, dem Wattparadies, auf der Kaimauer stand.

Inken konnte sich nicht mehr erinnern, wer ihr einst den Spitznamen »Krabbe« verpasst hatte, aber sie besaß ihn schon eine gefühlte Ewigkeit. Und er lag bei ihr quasi auf der Hand, schließlich war sie die Tochter eines Husumer Krabbenfischers. Inken tippte auf eine Kindergartenfreundin, deren Namen ihr inzwischen entfallen war. Jedenfalls stammte er aus grauer Vorzeit, bevor Wiete in ihr Leben getreten und den unangefochtenen Platz als ihre beste Freundin eingenommen hatte. Bis heute, auch wenn sie ihn seit geraumer Zeit mit der Dritten im Bunde, Nele Hansen, teilen musste. Doch zum Glück waren sie inzwischen alle drei zu einem unzertrennlichen Kleeblatt zusammengewachsen.

Immer montags, wenn auf Inkens Restaurantschiff Ruhetag war, verkaufte sie ihre legendären Fischbrötchen selbst. Bis zum Nachmittag, wenn ihre Tochter sie ablöste. Den Rest der Woche beschäftigte sie eine ehemalige Marktfrau, der es nicht um den Zuverdienst ging, sondern darum, dass sie in der Bude in ihrem Element war.

An diesem Frühlingstag, der dem Theodor-Storm-Gedicht von der grauen Stadt am grauen Meer alle Ehre machte, weil die Wolken so tief hingen, als wollten sie das Hafenbecken küssen, war nicht viel los an der Hafenmeile. Früher hätte sich das überhaupt nicht gelohnt, täglich Fischbrötchen aus der Klappe anzubieten. Heute aber konnte es passieren, dass plötzlich ein Bus eine Ladung hungriger Touristen ausspuckte. Und für den Fall hatte die Bude tagtäglich geöffnet.

In ihrer Kindheit war Husum noch ein verschlafenes Nordseenest gewesen, in das sich Urlauber höchstens im Hochsommer verirrten. Mit den Jahren aber war ihr schnuckliges Städtchen zu einem echten Touristenmagneten geworden. Auch hier oben in Nordfriesland tobte nicht nur im Sommer der Bär an der Hafenmeile mit seinen kleinen Läden. Nein, auch im Winter waren der Weihnachtsmarkt rund um den Tine-Brunnen und ein Bummel am Hafen entlang äußerst beliebt bei Besuchern. Dann servierte man in Krabbes Bude die Fischbrötchen mit Theodor-Storm-Punsch. Der berühmte Husumer war nämlich nicht nur ein großer Dichter gewesen, sondern wohl auch ein Feinschmecker. Jedenfalls wurde ihm dieser Punsch aus Rotwein, Madeira und Arrak zugeschrieben.

Inken warf einen stolzen Blick auf ihre Ware. Ihre Krabbenbrötchen waren laut einer Jury »die leckersten der ganzen Stadt«. Diesen Stempel hatte ihr die örtliche Zeitung verpasst, nachdem sie im vergangenen Jahr anlässlich der Husumer Krabbenwoche einen Krabbenbrötchen-Test durchgeführt hatte. Krabbes Bude hatte den ersten Platz gemacht. Diese Auszeichnung hatte ihren Mann Harry endgültig davon überzeugt, dass die Eröffnung der Bude vor dem Restaurant keine Schnapsidee seiner Frau, sondern nicht nur wirtschaftlich gesehen ein genialer Schachzug gewesen war. Und wenn Harry das zugeben musste, er, der stets so auf das Geld geachtet hatte, war das ein enormes Lob.

Bei dem Gedanken an Harry wurden Inkens Augen feucht. Manchmal wusste sie nicht mehr, ob ihr die Tränen kamen, weil er einfach ohne Vorwarnung für immer von ihr gegangen war oder weil er vorher ihr gemeinsames Konto leergeräumt und sie mittellos zurückgelassen hatte …

Inken zwang sich schnell, an etwas anderes zu denken. Sie konnte ihren Kunden schlecht etwas vorheulen, wenn denn an diesem Montag überhaupt ein Bus eintreffen würde … Ein Blick auf die Schüssel mit den frischen Krabben ließ ihre Tränen versiegen. Es erfüllte sie mit Stolz, dass jede dieser Nordseegarnelen von Hand gepult worden war.

Und das war zu Inkens großem Bedauern heutzutage eine absolute Ausnahme. So einen Luxus konnte sich keiner der Fischer mehr leisten. Sie erinnerte sich noch gut an die Pul-Tanten, wie sie als Kinder jene Frauen genannt hatten, die ihre Arbeit meist direkt am Kutter ihres Vaters verrichtet hatten. Das waren in der Regel Hausfrauen gewesen, die sich etwas dazuverdienen wollten. Erst waren die Krabben direkt an Bord gewaschen und danach in Nordseewasser gekocht worden, wodurch sie überhaupt haltbar wurden und ihre rosige Farbe erhielten. Dann konnten sie gepult werden.

Dank neuer Hygienevorschriften rechnete sich das heute nicht mehr. Das behauptete jedenfalls ihr Bruder Uwe, und der musste es ja wissen. Sonst würden sich die einheimischen Krabbenfischer, die oftmals auf eine lange familiäre Tradition in dem Geschäft zurückblickten, ganz bestimmt nicht gezwungen sehen, ihre Ware zum Pulen ins Ausland zu schaffen. Aber es gab Hoffnung, denn Uwe und ein paar andere Fischer wollten die Krabben wieder zuhause pulen lassen, wussten nur noch nicht genau, wie sie es anfangen sollten.

Inkens Bruder Uwe Bruhns ließ seine Krabben deshalb immer noch in Polen pulen. So konnte er guten Gewissens behaupten, dass seine Crangon crangons, wie Krabben wissenschaftlich heißen, dafür nicht extra nach Marokko gekarrt wurden. Als Inkens Vater kurz vor seinem Tod Wind davon bekommen hatte, hätte er Uwe wegen dieses Frevels am liebsten auf der Stelle enterbt. Auch Inken schüttelte es jedes Mal, wenn sie über das Schicksal der armen heimischen Porren, wie die grauen Nordseegarnelen auch genannt wurden, nachdachte. Unvorstellbar, dass sie erst einmal in Benzoesäure ertränkt wurden, damit sie den langen Transport halbwegs überlebten. Und weil das leicht verderbliche Meeresgetier eine ordentliche Menge an Konservierungsmittel brauchte, um haltbar gemacht zu werden, war der Grenzwert bei Krabben ganz pragmatisch von viertausend Milligramm auf sechstausend pro Kilogramm angehoben worden. Das wurde nun in der Praxis bis zum Letzten ausgereizt. Schließlich musste die Dosis auch für den Rücktransport nach Norddeutschland reichen, wo die Krabben dann nicht nur in Supermärkten als fangfrische Ware angeboten wurden. Gesund war das sicher nicht! Inken fröstelte jedes Mal, wenn sie daran nur dachte. Es war ein Trauerspiel, das hätte es früher nicht gegeben.

Inken zuckte zusammen. Sie hätte nie für möglich gehalten, diesen dümmsten aller Sprüche, dass früher alles besser gewesen wäre, auch einmal zu bemühen, aber bei dem Krabben-Irrsinn fiel ihr nichts Besseres ein. Wenn sie an die Argumente dachte, mit denen die Verantwortlichen einem die polyglotten Porren schmackhaft machen wollten, konnte sie sich nur an den Kopf fassen. Dass so eine kleine Menge an Benzoesäure der Gesundheit niemals schaden könne …

Aber bevor Inken in ihrem Imbiss kontaminierte Krabbenbrötchen anbot, würde sie lieber das Wattparadies samt der Bude meistbietend verkaufen. Damit wäre sie dann auch alle ihre Sorgen auf einen Schlag los! Das lukrative Angebot einer erfolgreichen Restaurantkette lag ihr bereits vor. Es war ihr »ganz diskret« von ihrem Bankberater unterbreitet worden, der das als definitiven Rettungsschirm bezeichnet und ihr dringend zum Verkauf geraten hatte. Nicht einmal denken solltest du daran, ermahnte sich Inken. Das Wattparadies war schließlich nicht nur Harrys Lebenswerk gewesen, sondern auch ihr Ein und Alles. Sie ärgerte sich maßlos darüber, dass sich Harrys Frevel immer wieder in ihre Gedanken schlich. So ein Idiot, schimpfte sie stumm. Noch schlimmer war, dass sie ihn noch immer nicht aus vollem Herzen hassen konnte für das, was er ihr angetan hatte. Es war wie verhext! Sie suchte ständig nach absurden Erklärungen, die ihn entlasten könnten, aber vergeblich! Dafür gab es einfach keine Entschuldigung. Selbst ein Suff mit fatalen Folgen hätte das niemals rechtfertigen können! Wenn ihr jemand prophezeit hätte, was ihr Ehemann bei seinem Tod einmal für einen Scherbenhaufen hinterlassen würde, sie hätte ihn Lügen gestraft. Und das hätte auch keiner gewagt, weil dem guten Harry kein Mensch in ganz Nordfriesland und darüber hinaus so etwas zugetraut hätte. Und nun durfte sie als trauernde Witwe nicht einmal annähernd durchblicken lassen, dass sie wahnsinnig wütend auf ihn war. Sie konnte sich jedenfalls nicht erinnern, zu seinen Lebzeiten jemals so zornig auf Harry gewesen zu sein. Nein, ihre außergewöhnliche Ehe war zu keinem Zeitpunkt Show gewesen. Im Gegenteil, auf jeden heftigen Streit war bei ihnen bis zuletzt immer noch eine leidenschaftliche Versöhnung gefolgt. Sie hatten sich wirklich geliebt, und ob sie es nun wollte oder nicht … sie liebte ihn immer noch.

Inken wischte sich erneut eine Träne aus dem Augenwinkel und versuchte krampfhaft, gedanklich zu ihren Krabben zurückzukehren, doch das wollte ihr einfach nicht gelingen. Harry war so präsent, als würde er noch leben. Sie fühlte ihn, sie roch ihn, ja, und sie sah ihn vor ihrem inneren Auge immer wieder auftauchen. Und jedes Mal erinnerte sie sich an ein anderes Erlebnis mit ihm, als wäre es gerade erst passiert. In diesem Augenblick kamen ihr diverse Streitgespräche in den Sinn.

Was hatte Harry gegen ihre Idee gewettert, zusätzlich zum Restaurant Fischbrötchen zu verkaufen! Das war entschieden gegen seine Ehre als Koch gegangen. Harry hatte sich nämlich eine Menge darauf eingebildet, in einer Hamburger Sternegastronomie gelernt zu haben. Dort in der Ausbildung hatten sie einander kennen und lieben gelernt, aber ihr lag jeglicher Dünkel fern. Sie wusste aber, was kulinarisch in ihrer Heimat ankam, und hatte deshalb so manchen Streit mit dem großen Meister riskiert. So auch um die Fischbude, aber der Erfolg hatte Inken jedes Mal Recht gegeben. Sie musste da nur an ihre Idee mit dem speziellen vorweihnachtlichen Storm-Menü samt Lesung mit bekannten Schauspielern denken. Viel zu teuer, allein die Gagen, hatte Harry protestiert und die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Lass es uns wenigstens einmal ausprobieren, hatte Inken gefordert. Mit durchschlagendem Erfolgt. Seit Jahren waren diese Abende bereits im Sommer komplett ausgebucht. Für Inken waren diese Lesungen ein absolutes Highlight, bei denen auf ihren speziellen Wunsch auch nie das Storm-Märchen vom kleinen Häwelmann fehlen durfte. Die Geschichte von dem Jungen, der nicht schlafen konnte und dem alles viel zu langweilig war, sodass er immerzu forderte: »Mehr! Mehr!«, hatte Inken schon als Kind über alles geliebt. Und wie immer, wenn Inken etwas gewagt und damit gewonnen hatte, war Harry nachträglich dankbar und sehr stolz auf sie gewesen. Wenn ich meine kreative, mutige Frau nicht hätte, würde ich immer noch versuchen, den Nordlichtern badisches Schäufele mit Kraut zu verkaufen. Und dann hatte er sie fest in den Arm genommen. Inken spürte seine kräftigen Hände an ihrem Rücken, die Geborgenheit, die er ihr gab …

Ach, Harry, dachte Inken mit einem Anflug von Wehmut, du fehlst mir so. Trotz allem! Nicht nur in ihrem Herzen, sondern auch im Alltag. Er hatte ihr stets den ganzen finanziellen Kram abgenommen. Selbst als Koch vermisste sie ihn, denn ihr Mann hatte rasch gelernt, nordische Fischspezialitäten so raffiniert zuzubereiten, dass man glauben musste, er wäre mit Nordseewasser getauft. Nun stand sie bis auf eine Küchenhilfe mutterseelenallein in der Küche und arbeitete rund um die Uhr bis zur Erschöpfung. Für den Service hatte sie im Moment nur Wiete und an den Wochenenden eine Aushilfe. Mehr konnte sie sich nicht leisten, weil … Inken wollte gar nicht daran denken, weil es so schmerzte, aber es ließ sich einfach nicht verdrängen: Harry hatte kurz vor seinem Tod mit ziemlicher Sicherheit ihr gesamtes Geld verspielt. Das behauptete jedenfalls ihr Bankberater, weil es ein paar verräterische Auszüge mit Abbuchungen der Hamburger Spielbank und ein paar große Abhebungen bei einer in der Nähe befindlichen Sparkasse gab. Inken hatte bislang keine eigenen Nachforschungen angestellt. Viel zu groß war ihre Angst, noch ganz anderen Geheimnissen ihres Mannes auf die Spur zu kommen: einer teuren Geliebten in Hamburg etwa oder einem Rotlichterlebnis, in dessen Verlauf man ihm seine Karte gestohlen hatte … Fakt war, er hatte kurz vor seinem Tod ihr gesamtes Vermögen verschleudert und sie damit eiskalt in das Messer des Mitleid heuchelnden Bankberaters laufen lassen. Vielleicht würde sie irgendwann einmal versuchen herauszubekommen, was damals in Hamburg wirklich geschehen war. Noch fühlte sie sich nicht dazu in der Lage, Miss Marple zu spielen. Wenn ich doch wenigstens mit einem Menschen darüber sprechen könnte, dachte Inken und stieß einen tiefen Seufzer aus. Aber es gab keinen, dem sie das hätte anvertrauen mögen. Nicht einmal Wiete. Dazu schämte sie sich viel zu sehr für Harry.

Wie einfach wäre es, diesen ganzen Alptraum hinter sich zu lassen und alles zu verscherbeln! Dann hätte sie ausgesorgt, statt vor Sorgen über die Zukunft nicht mehr in den Schlaf zu kommen.

Doch Inken liebte ihre zwei gastronomischen Babys über alles und würde sie für kein Geld der Welt hergeben. Sie war eine waschechte Nordfriesin von Kopf bis Fuß. Allerdings stellte sie das prinzipiell nicht in Form eines Fischerhemdes zur Schau. Im Gegenteil, ein solches Hemd im Alltag zu tragen fand sie absolut lächerlich. Nur im Frauen-Shanty-Chor, da musste sie so ein Teil anziehen, weil es der Chorleiter, ihr Bruder Uwe, so wollte. In der Fischbude aber machten das ihrer Meinung nach nur die Gastarbeiter aus Pinneberg und Neumünster, die bei der Konkurrenz im hochsommerlichen Saisongeschäft aushalfen. Die trugen beim Verkauf von Krabbenbrötchen alle diese blau-weiß gestreiften Blusen und dazu gern ein rot-weiß gemustertes Halstuch.

Eine empörte Berliner Schnauze riss Inken aus ihren Gedanken.

»Wat denn? Mir laust der Affe. Fünffünfzig wolln’se mir für die kleene Schrippe abknöppn?« Er deutete auf ein frisches Krabbenbrötchen in der Auslage.

Inken schluckte ihre Antwort tapfer herunter, denn der Kunde war König, und wenn er sich auch noch so dämlich benahm, lautete ihre Devise. Stattdessen schenkte sie dem übergewichtigen Hauptstadtbewohner ein falsches Lächeln. »Sonst nehmen Sie doch lieber eins mit Hering.«

Er schaute sie verwirrt an. Um den Mund seiner Gattin zuckte es verräterisch.

»Das bekommen Sie schon für drei Euro«, fügte Inken mit Unschuldsmiene hinzu.

»Nee, nee, wir nehmen zwee Krabben«, mischte sich die Ehefrau energisch ein. »Det is weiß Jott nicht zu teuer. In Hamburg haben wir elf Euro für eine Schrippe jeblecht.«

»Aber det sind hier die Orijinale«, schnaufte der Mann.

»Eben!« Lächelnd legte die Frau Inken einen Zehner und eine Zwei-Euro-Münze hin. »Stimmt so!« Der überrumpelte Ehemann biss im Weggehen gierig in seine Schrippe und verdrehte verzückt die Augen.

Zu teuer? Geht’s noch? Bei mir stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis, aber so was von, dachte Inken verärgert. Krabben waren launische Tierchen. Man wusste nie, wo sie sich gerade verkrochen hatten. Im letzten Jahr waren sie verdammt rar gewesen, und das hatte den Preis nach oben getrieben. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie die Krabbenbrötchen deshalb nicht teurer verkauft, aber Harry hatte ihr vorgerechnet, dass sie das ansonsten geradewegs in den Ruin treiben würde. Da hatte sie den sechsfünfzig schließlich zähneknirschend zugestimmt. Tja, und nun war sie aus ganz anderen Gründen haarscharf am Ruin vorbeigeschrappt … und daran war allein Harry schuld. Ihre sentimentale Sehnsucht nach ihm hatte sich, wie so oft in den vergangenen vier Monaten seit seinem Ableben, in kalten Zorn auf ihren Mann verwandelt.

»Hey, Mutti. An wen denkst du denn gerade? Man könnte meinen, du willst jemanden killen«, fragte eine ihr wohlbekannte Stimme.

Jedes Mal, wenn Beeke montags nachmittags vorbeikam, um sie in der Bude abzulösen, ging Inken das Herz auf. Sie liebte diese hochgewachsene Blondine und war auch ein wenig stolz darauf, so eine hübsche Tochter zu haben. Die leider immer wieder Pech mit den Männern hatte. Was hätte Inken darum gegeben, wenn Beeke im Wattparadies mitarbeiten würde. Eine Gastro-Ausbildung besaß sie nämlich, aber dann hatte sie unbedingt diesen Laden übernehmen müssen, in dem sich alles um den Tee drehte. Von der Schietwetter-Mischung bis zur Friesenkanne mit passenden Bechern. Und Fischerhemden, obwohl die mit Tee nun rein gar nichts zu tun hatten. Im Moment hätte Inken die Mitarbeit ihre Tochter dringender gebrauchen können als je zuvor, aber ihr würde kein Wort über die Lippen kommen, denn dann müsste sie ihr verraten, was passiert war. Davon abgesehen, dass Beeke ihr das wohl nur schwerlich glauben würde, denn sie hatte ihren Vater nahezu vergöttert. Nein, diese herbe Enttäuschung wollte sie »ihrem kleinen Mädchen« nicht zumuten, denn für Beeke war der plötzliche Herztod ihres Papas ein ebenso unfassbarer Schock gewesen wie für sie selbst. Nur dass Inken dann dieser gewisse zweite Schock schachmatt gesetzt hatte. Und den wollte sie ihrer Tochter um jeden Preis ersparen. Selbst auf die Gefahr hin, dass Beeke glauben musste, ihre Mutter würde den plötzlichen Tod ihres Mannes ganz gut verkraften. Was sollte ihre Tochter auch anderes denken, nachdem Inken auf Harrys Beerdigung schockgefrostet gewesen war und wie ein Zombie gewirkt hatte?

»Ich finde, du solltest für die Krabbenbrötchen weiterhin sechsfünfzig nehmen. Das rechnet sich so doch nicht«, bemerkte ihre Tochter energisch, während sie die Tür zur Bude öffnete und in den engen Verkaufsraum trat.

»Nein, ich finde das total in Ordnung. Gerade in diesem Jahr. Durch das Wetter hatten wir doch schon im Frühsommer ausreichend Ware.«

»Trotzdem, du bist zu billig.«

Inken verdrehte die Augen. Vater und Tochter waren nicht nur in allem einer Meinung gewesen, auch ihr Sprachduktus glich sich frappierend.

»Beeke, lass gut sein!«

»Okay, gegen deine Sturheit ist wirklich kein Kraut gewachsen. Ich habe das Gefühl, du hebelst seit Paps’ Tod all seine geschäftlichen Entscheidungen aus, und wenn er wüsste, was du mit unserem Haus …«

»Ich geh dann mal hoch«, unterbrach Inken ihre Tochter und wandte sich schroff ab. Sie war nicht in der Stimmung, sich mit Beeke zu streiten, der alles, was ihr Vater je gesagt, getan oder auch nur gedacht hatte, heilig war. Am meisten nahm sie ihrer Mutter wohl übel, dass sie das Haus, in dem Beeke geboren und aufgewachsen war, ohne ihr Wissen nicht einmal zwei Monate nach Harrys Tod verkauft hatte und zu ihrer Freundin Nele in die Wohngemeinschaft nach Nordstrand gezogen war. Dass Inken keine andere Wahl gehabt hatte, nachdem ihr Herr Petersen von der Nordfriesen-Sparkasse die Augen geöffnet hatte, ahnte Beeke nicht. Sie hatte sofort alles versilbern müssen, und das war keine bloße Option gewesen! Im Gegenteil, eher eine Rettung in der Not … Obwohl Inken sich bewusst entschieden hatte, ihre Tochter in ihrem Kummer über den Verlust des Vaters nicht auch noch mit seinem »Vermächtnis« zu belasten, fühlte sich sie sich in diesem Moment verdammt ungerecht behandelt. Ohne ein weiteres Wort verließ Inken hastig die Fischbude.

2. Pul-Party

Inken wurde schon sehnsüchtig an Bord erwartet. Ihre Freundin Wiete hatte bereits alles für das gesellige Krabbenpulen vorbereitet. Durch das Wattparadies zog der Duft von frisch gebrühtem Kaffee, und auf den extra aufgelegten abwaschbaren Tischdecken waren einladend die unverkennbaren Pharisäer-Becher, die leckeren Friesentorten und die Buddel voll Rum drapiert. Pharisäer, das war Inkens Lockstoff, mit dem sie ein Dutzend Husumer Damen dazu hatte animieren können, regelmäßig ihre gesamten Krabben zu pulen. Und das waren nicht wenige, denn diese Husumer Spezialität wurde nicht nur an der Bude angeboten, sondern auch im Restaurant. Inkens Kutterscholle mit Krabben war legendär. Die Idee, sich ihre eigene Pul-Crew zu schaffen, war Inken gekommen, nachdem Uwe ihr gegenüber endlich eingestanden hatte, wo er pulen ließ. Inken hatte sich daraufhin geweigert, bei sich auch nur eine dieser weit gereisten Nordseegarnelen anzubieten. Nur wer sollte diese Arbeit erledigen? Sie allein hätte diese Mengen niemals geschafft, und Harry, der »Schwabe«, wie er sehr zu seinem Ärger in Husum genannt worden war – denn er kam aus dem badischen Bötzingen bei Freiburg –, hatte sich nie damit anfreunden können, die kleinen grauen Biester aus ihren Panzern zu schälen. Inken vermutete, seine Abneigung dagegen war der Grund, warum er sich beim Pulen jedes Mal so schrecklich ungeschickt angestellt und das zarte Fleisch stets schlichtweg zerdrückt hatte. Dabei war es doch ganz einfach. Man fasste mit dem Zeigefinger und dem Daumen der einen Hand zart den Kopf an und bewegte den Körper ganz leicht, bis der Panzer brach. Dann musste man die hintere Hälfte aus dem Panzer lösen, bevor man den Kopf aus der Schale drehte. Jedenfalls war das für Inken eine der leichtesten Übungen, weil bei ihr zuhause immer ungepulte Krabben auf den Tisch gekommen waren.

Die zündende Idee, daraus eine wöchentliche Pul-Party bei Pharisäer und Friesentorte zu machen, war Inken nach ihrem ersten Versuch, sich Hilfe zu holen, gekommen. In ihrer Not hatte sie für Touristen wöchentliche Kurse im Krabbenpulen angeboten. Doch es waren so viele Krabbenköpfe zerquetscht worden und Leiber in der Schale geblieben, dass sie sich etwas anderes hatte einfallen lassen müssen, als Touristinnen einzuspannen. Und dann hatte sie einfach in ihrem Frauenchor die Ansage gemacht, dass es zum Krabbenpulen im Wattparadies montags Pharisäer satt und umsonst gäbe. Denn warum Urlauberinnen rekrutieren, denen sie das mühsam »beipulen« musste, wenn es vielen Frauen vor Ort so wie ihr einfach im Blut lag? Der Zulauf hatte selbst Inken überrascht. Beim ersten Treffen war fast der ganze Chor angetreten, bestehend aus zweiundzwanzig Frauen. Und es war wohl nicht nur dem Pharisäer selbst zu verdanken gewesen, sondern auch dem Umstand, dass die Damen auf diese Weise einmal wöchentlich einen ausführlichen Klönschnack beim Kaffeekränzchen halten konnten. Inzwischen gab es diesen festen Kreis, der sich montags im Wattparadies einfand. Die härtesten unter ihnen brachten es im Laufe eines Nachmittags auf bis zu vier Pharisäer, dieses »Düwelszeugs«. So jedenfalls hatte der Überlieferung nach einst ein Pastor aus Nordstrand diesen Kaffee mit Rum bezeichnet. Angeblich hatten die Nordstrander den asketischen Gottesmann zu täuschen versucht, indem sie den Rumgeruch in ihrem Kaffee durch die Sahnehaube kaschiert hatten. Und nur durch eine dumme Verwechslung bei einer Taufe war ihm auch so ein Becher mit Schuss serviert worden. Da soll er ausgerufen haben: »Oh, ihr Pharisäer!«, und damit hatte das Getränk seinen Namen weg. Inken selbst schaffte meist nicht mehr als einen davon, und das war auch gut so, denn einer musste bei der lustigen Frauenrunde noch den Überblick behalten. Aber sie hatte keinen Grund zur Klage. Das Krabbenpulen ging den meisten Damen auch noch im Pharisäer-Rausch leicht von der Hand. Inzwischen konnte sie sich vor Anfragen nicht retten, und halb Husum wäre gern montags zur Pul-Party gekommen, aber mehr als zwölf Helferinnen benötigte sie nicht.

Ein lautes Klirren ließ Inken zusammenschrecken. Sie brauchte sich gar nicht umzudrehen. Es war sonnenklar, was geschehen war. Wiete hatte wieder einmal Geschirr zu Boden fallen lassen! Inken kannte niemanden, der zwei derart linke Hände hatte wie ihre älteste Freundin. Bereits in der Schule hatte die sportliche Inken die neue Mitschülerin, die mit ihren Eltern von Polen nach Husum gezogen war, beim Ballspielen stets nur aus reinem Mitleid in ihre Mannschaft geholt. Wietes Ungeschicklichkeit war allseits bekannt. Dafür war sie ein Mathe-Ass und hatte Inken sogar die Kurvendiskussion mit Engelsgeduld beigebracht. Und nur aus alter Freundschaft hatte sie Wiete die in ihren Augen absurde Bitte, bei ihr als Kellnerin anzuheuern, nicht abschlagen können. Dabei verstand sie partout nicht, warum sich ihre Freundin so etwas antat. Wiete war ein Crack, wenn es um Zahlen und Bilanzen ging, und sie hatte bei ihrer Kündigung eine gute Abfindung von dem Erotikkonzern aus Flensburg … Inken unterbrach sich hastig. Das durfte sie nicht einmal denken. In Husum glaubten nämlich alle, Wiete hätte für die Geschäftsführung einer Spedition gearbeitet und nicht für den Vertrieb von Sexspielzeugen und Softpornos.

»Tut mir leid. Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Die ist mir einfach aus der Hand gerutscht«, seufzte Wiete schuldbewusst, während sie die Scherben der Pharisäer-Tasse zusammenkehrte.

»Macht doch nichts«, schwindelte Inken, denn Schwund gehörte zwar zum Gastrogeschäft, aber seit Wiete für sie kellnerte, musste sie alle paar Wochen Geschirr nachbestellen. Ganz schlimm war es, wenn Wiete im Unterdeck servieren und die Treppe nach unten nehmen musste … Da gab es alle naslang ein Malheur. Trotzdem, Wiete war mittlerweile unersetzlich, weil sie sich mit einem bescheidenen Lohn begnügte. Dass Inkens Mittel nach Harrys Tod nicht ausreichten, um andere qualifizierte Kräfte im Wattparadies zu beschäftigen, konnte ihre Freundin ja schließlich nicht ahnen. Dabei war Inken mehr als einmal versucht gewesen, ihr Geheimnis auszuplaudern, besonders seit sie in Neles Nordstrander Wohngemeinschaft gezogen war, in der Wiete ebenfalls wohnte. Es war nicht leicht für sie, am vertrauten WG-Tisch bei einem Glas Wein den Mund zu halten, zumal ihr Harrys Erbe manchmal schier die Luft zum Atmen nahm. Doch obwohl die drei Frauen viel Freizeit miteinander verbrachten, war es Inken gelungen, ihre prekäre Lage vor den beiden Freundinnen zu verbergen. Sie hielten Harry immer noch für eine aufrechte und treusorgende Lichtgestalt. Und das war gut so, denn Inken wollte partout vermeiden, dass ihre Freundinnen ihren Harry post mortem verurteilten. Nein, sie wollte das Bild, dass sie einen Traummann gehabt und eine Bilderbuchehe geführt hatte, nicht beschädigen. Noch nicht jedenfalls! Vielleicht wenn er ein Jahr tot war, denn irgendwann, so befürchtete sie, würde das alles ungefiltert aus ihr herausplatzen. Es war nämlich gar nicht einfach, so zu tun, als hätte sie keinerlei Sorgen, obwohl ihr das Wasser bis zum Hals stand. Durch den Verkauf des Hauses hatte sie erst einmal einen Aufschub bewirkt, aber weil es ein Notverkauf gewesen war, hatte sie viel zu wenig dafür bekommen.

Wiete schien über die Maßen bestürzt über ihr Missgeschick, denn sie hörte nicht auf, darüber zu jammern, was Inken ein wenig auf die Nerven ging. Wenn sie keine anderen Sorgen hat, schoss es ihr erbost durch den Kopf.

»Wiete, das ist doch nur eine blöde Tasse!«, versuchte sie die Freundin zum Schweigen zu bringen.

»Das sagst du jedes Mal, wenn ich was zerdeppere, aber ich schwöre dir: Ich schaffe das, nichts mehr fallenzulassen. Du kannst es mir doch vom Lohn abziehen.«

Inken tippte sich an die Stirn. »Du spinnst wohl!«

Über Wietes zerknirschtes Gesicht huschte ein Lächeln. »Ich bin so dankbar, dass ich bei dir arbeiten darf.«

Inken erwiderte das Lächeln, während sie sich erneut fragte, warum ihre Freundin sich das bloß antat. Sie hatte wirklich ein erfolgreiches Arbeitsleben hinter sich, und mit der Abfindung könnte sie bis zur Rente doch wirklich etwas Sinnvolleres anfangen … Ob sie einsam war und ihr jetzt eine Familie fehlte, etwas, was sie in den beruflich erfolgreichen Jahren niemals vermisst hatte?

»Hallo, Mädels, habt ihr schon gehört? Heike kommt nicht mehr. Ihr Mann hat bei waghalsigen Spekulationen sein ganzes Geld verloren. Sie putzt jetzt drüben im Hotel«, begrüßte jetzt die Dritte im Bunde ihre Freundinnen mit dem neusten Klatsch, während sie auf Schuhen an Bord gestöckelt kam, in die Inken ihre armen Füße im Leben nicht hineinpferchen würde. Da war der Hallux valgus doch förmlich vorprogrammiert!

So gern Inken Nele auch hatte, ihre spitze Zunge war gefürchtet. Heike hatte die Nase zwar in der Tat sehr hoch getragen und war die Einzige gewesen, die mehr getrunken als gepult hatte. Trotzdem ging Inken diese Neuigkeit verdammt nahe. Was, wenn erst einmal in der Stadt herumging, was ihr widerfahren war? Petersen hatte ihr zwar geschworen, den Mund zu halten, aber was, wenn irgendeine Ausgabe auf sie zukam, die ihr Budget sprengen würde? Ob sie dann auch einen Putzjob im Hotel annehmen musste und zum Stadtgespräch wurde?

Der Duft teuren Parfums konkurrierte nun mit dem des Kaffees. Inken war jedes Mal aufs Neue fasziniert von Neles perfektem Auftreten. Sie selbst war mehr der natürliche Jeanstyp, während Nele elegante Kleider und Röcke bevorzugte. Und zwar immer mit den passenden Accessoires. Angeblich trug Nele diese feinen Sachen allerdings nur, weil sie sich nach der Scheidung keine teuren Klamotten mehr leisten konnte, sie andererseits aber um keinen Preis in die Niederungen der Mode-Discounter absteigen würde. Deshalb, so versicherte sie den Freundinnen, wäre sie gezwungen, ihren reichhaltigen Ehe-Kleiderschrank bis ans Lebensende aufzutragen. Es passte zu ihr, dass sie lieber zeitlebens von den edlen Teilen zehren wollte, als sich neue Dinge ohne Stil zuzulegen. Dass es auch so etwas wie einen Mittelweg gab, hatten Inken und Wiete ihr vergeblich zu erklären versucht. Nele legte eben großen Wert auf ein elegantes und zugleich jugendliches Auftreten. Letzteres war manchmal in den Augen der Freundinnen etwas schräg, vor allem dann, wenn sie Kleidung auftrug, die mehr als dreißig Jahre alt war. Fast genauso schlimm, wie Billigklamotten zu tragen, wäre es für Nele gewesen, Sachen anzuziehen, die sie älter machten, als sie wirklich war. In ihrer herzerfrischenden Art hielt sie Inken und Wiete gegenüber auch damit nicht hinter dem Berg: dass sie den Verlust ihrer einst jugendlichen und makellosen Schönheit bejammerte. Wie oft zeigte sie den Freundinnen die alten Fotos aus den Urlauben in Sanremo und pflegte diese seufzend zu kommentieren mit: »In diesen Bikini passe ich jedenfalls nicht mehr!« Ihre Freundinnen wären beide nicht im Entferntesten auf den Gedanken gekommen, ihren alten Bikinis hinterherzutrauern oder gar in Erwägung zu ziehen, sich heutzutage in so einem süßen Nichts zu präsentieren. Aber sie nahmen auch nicht jede neue Falte und jede frische Delle auf ihren Oberschenkeln wahr. Nein, in dem Punkt standen sich Wiete und Inken sehr viel näher. Sie thematisierten die sichtbaren Zeichen der Hautalterung erst gar nicht. Doch Nele nervte sie auch nicht wirklich damit, weil sie ihre frechen Sprüche zum Thema Cellulitis und Co stets mit einer Portion Selbstironie und Humor garnierte. Nun waren auch Wiete und Inken nicht völlig uneitel. Zwar hatte Wiete sogar einmal mutig versucht, das Haar in Mausgrau zu tragen, war dann aber schnell zu dem Entschluss gelangt, das stände nun wirklich nur ein paar wenigen Glücklichen. Seitdem trug sie wieder ihren kurzen Karottenkopf, während Inken ihren einst weizenblonden Schopf schon seit Jahren mit Strähnen im Status quo hielt. Nele hingegen färbte sich das Haar schwarz, was perfekt zu ihrem akkuraten Pagenschnitt passte. In den Augen ihrer Freundinnen sah sie immer noch atemberaubend aus, aber ihr Selbstbild war eben ein anderes. Der Lack ist ab, konstatierte sie stets mitleidslos.

Inken hatte Nele anfangs gar nicht leiden können, als sie eines Abends in Begleitung ihres turbogebräunten Gatten im Wattparadies gespeist hatte. Noch nie hatte einer so viele Sonderwünsche geäußert, und das in anmaßendem Ton. Kein Gast hatte je so abwertend und laut zu verstehen gegeben, dass das Wattparadies für einen weltgewandten Mann wie ihn recht provinziell wäre. Damals waren die beiden auch nur zu Besuch bei Neles Vater auf Nordstrand gewesen, wie Inken später erfahren hatte, und hatten noch in Hamburg gelebt. Doch eines schönen Tages war Nele ohne ihren lärmenden Gatten und ohne Ehering am Finger zum Dinner im Wattparadies aufgetaucht. Inken hätte sie gar nicht wiedererkennt, aber Harry hatte gefragt, ob das nicht die elegante Dame sei, die vor einiger Zeit mit diesem unsympathischen Goldkettchenträger bei ihnen gespeist hätte. Tja, das musste man Nele lassen. Sie machte auf jeden Mann Eindruck, selbst auf den guten Harry, der sich sonst weder Gesichter noch Namen hatte merken können. Damals hatte Inken die Frau noch für eine jener Damen gehalten, die sich für alle niederen Tätigkeiten Personal leisteten, doch an dem Abend hatte sich ihre Meinung schlagartig geändert. Als nämlich plötzlich eine größere Gesellschaft unangemeldet im Wattparadies eingefallen war, da hatte Nele ganz spontan die Ärmel hochgekrempelt, im Service ausgeholfen und sich damit in Inkens Herz gespielt. Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, wie Nele stets betonte, wenn sie ein Glas zu viel getrunken hatte. Inken hatte nach und nach erfahren, dass Nele von einem einst reichen Hof auf Nordstrand stammte, ihr Vater sie aber nach dem frühen Tod ihrer Mutter in ein Internat bei Schleswig gegeben hatte. Dort war Nele dann in vornehmer Gesellschaft aufgewachsen, hatte aber glühend die Mädchen beneidet, die in Husum auf eine normale Schule gehen durften. Eigentlich hatte Nele Architektur studieren wollen, aber im Elite-Internat hatte sie Manne Jessen kennengelernt, einen Stipendiaten, der von dem Ehrgeiz besessen war, auch einmal zu den Schönen und Reichen zu gehören. Nele war dann seine rechte Hand geworden und hatte ihm bei seinem Aufstieg zu einem der größten Immobilienentwickler Hamburgs geholfen. Nele behauptete Inken gegenüber stets im Brustton der Überzeugung, Manne sei damals ein charmanter, gut aussehender und echt sympathischer Kerl gewesen, was diese sich allerdings schwerlich vorstellen konnte. Sie hatte Manne Jessen, dessen Namen in den Mund zu nehmen ihr Nele übrigens bei Strafe verboten hatte, nur als überheblichen Angeber kennengelernt. Es war anfangs gar nicht so einfach gewesen, Wiete ihren Stimmungsumschwung in Sachen Nele plausibel zu machen. Natürlich hatte Wiete damals befürchtet, die »Neue« könne ihr womöglich ihren Rang bei der besten Freundin ablaufen. Wiete hatte mit Engelszungen auf Inken eingeredet, »dieser eingebildeten Tusse« nicht zu vertrauen, aber schließlich hatten sie sich zu einem munteren Dreiergespann zusammengerauft, nachdem Nele als frisch Geschiedene nach Nordstrand gezogen war. Trotz ihrer damenhaften Erscheinung und der manchmal spitzen Zunge war Nele ein Kumpel, mit dem man, wie Wiete heute sagte, echt Pferde stehlen konnte. Inzwischen passt keine Briefmarke mehr zwischen uns drei, dachte Inken und wurde etwas traurig bei dem Gedanken, dass sie dennoch nicht den Mut fand, die beiden in ihr persönliches Drama einzuweihen. Sie hätte den Trost der Freundinnen gut gebrauchen können, aber es war so sicher wie das Amen in der Kirche, dass die beiden Harrys Verhalten schärfstens verurteilen würden … Verrückt, dass ich mich nach allem, was Harry sich geleistet hat, bemüßigt fühle, ihn vor berechtigter Kritik zu beschützen, ging es ihr bekümmert durch den Kopf.

»Ich hole mir dann mal einen Friesinnen-Punsch«, sagte Nele und verschwand in der Kombüse. Kurz darauf kam sie mit einem Becher zurück. Dieses Getränk war für die figurbewussten unter den Damen die Alternative zu der Kalorienbombe Pharisäer. Eigentlich bereitete man den Friesenpunsch aus Tee, Johannisbeersaft und Rotwein zu. Inken hatte daraus eine Mischung aus Tee, Kirsberry, einem dänischen Kirschlikör, und Rotwein kreiert und ihrem Getränk den weiblichen Namen verpasst. Einige der Damen schworen auf diesen Zaubertrank. Auch wenn er nicht gerade zum Abnehmen geeignet war, bildete sich Nele zumindest ein, er wäre tausend Mal besser für die Linie. Trotzdem musterte sie fast neidisch Wietes Becher mit dem Pharisäer und das noch unberührte Stückchen Friesentorte vor ihr auf dem Teller.

»Wenn ich davon trinken würde, dann wäre ich bald eine Kugel! Glaubt es mir. Ich bin dazu verdonnert, in die Konfektionsgröße zu passen, in die ich mich dem Ex-Pfosten zuliebe einst gehungert habe«, pflegte sie ganz offenherzig zu scherzen. Das hielt sie nicht davon ab, die Friesentorte jedes Mal mit einem derart gierigen Blick zu fixieren, als würde sie das Teil am liebsten auf der Stelle in Gänze inhalieren. Nele war eine Frau, die ihre unbändige Lust auf Süßes, der sie allerdings nicht nachgab, gar nicht erst zu leugnen versuchte. Im Gegenteil, sie stand mit einem selbstironischen Lächeln zu ihren kleinen Schwächen. Inken beneidete sie fast ein wenig darum, dass sie auch keinen Hehl aus ihren persönlichen Niederlagen machte, wie beispielsweise ihrem Ehedesaster. Zwar war es Nele gewesen, die sich schließlich von dem Kerl hatte scheiden lassen, nachdem er bei Nacht und Nebel zu einer seiner zahlreichen Geliebten nach Ibiza geflüchtet war. Doch der Ex hatte ihr sehr übel mitgespielt, indem er zuvor eine Insolvenz hingelegt und sich dann als mittelloser Loser verkauft hatte. Nele war wohl nur deshalb einigermaßen gerade aus der Sache herausgekommen, weil sie von ihrem Vater den prachtvollen ehemaligen Bauernhof auf Nordstrand und ein wenig Geld geerbt hatte. Inzwischen hatte sie die alte Scheune an einen der größten Schafzüchter auf Nordstrand vermietet und im geräumigen Haupthaus einige Zimmer für Feriengäste geschaffen. Zwei davon hatte sie nun für schmales Geld dauerhaft ihren Freundinnen überlassen. So kam sie ganz gut über die Runden.

In diesem Moment ging die Tür auf, und Uwe kam mit der Ware an Bord. »Moin, moin, allerseits. So, Schwesterherz, hier sind deine frischen Krabben aus Lodz!«

Inken deutete ein leises Grinsen an. Mehr konnte sie für den Humor ihres Bruders in dieser speziellen Angelegenheit nicht erübrigen. Ihr Bruder war ein großer, breiter Kerl, dessen einst blondes Haar inzwischen weiß geworden war. In seinem struppigen Bart stritten blonde, graue und weiße Haare um die Vorherrschaft. Als er Nele erblickte, bekam er wie immer den Ausdruck eines verliebten Schuljungen. Inken hatte keinen Zweifel daran, dass Uwe der treuste Ehemann auf der Welt war und seine Jette von Herzen liebte, aber für Nele schwärmte er sehr, allerdings nur von ferne. Allein, wie er sie als Leiter des Damenchors »Husumer Deerns« ständig bevorzugte! Wenn sie mal die zweite Stimme bei Jonny, Jonny nicht gleich fand, hatte Uwe vollstes Verständnis, während er seine Schwester beim kleinsten Patzer anranzte. Inken und Wiete waren ganz froh, dass sie die Einzigen im Chor waren, die nicht für Uwe schwärmten, denn seine augenfällige Bevorzugung Neles hatte unter den restlichen Damen schon zu so mancher Eifersüchtelei geführt. Die älteren Semester flogen in der Regel auf ihren großen Bruder, was sie als kleine Schwester natürlich so gar nicht nachvollziehen konnte.

Uwe winkte nun lächelnd Wiete zu, bevor er sich gleich wieder auf den Weg machen wollte. Wiete aber gab ihm durch ein stummes Zeichen zu verstehen, dass er ruhig noch bleiben solle. Inken sah ihrem Bruder an der Nasenspitze an, dass er den Nachmittag liebend gern in der lustigen Gesellschaft der Chordamen verbracht hätte, doch sie war sich nicht ganz sicher, ob sie das befürwortete, weil die Frauen dann automatisch in den Flirtmodus schalteten. Aber Wietes Geste war so einladend, dass sie Skrupel hatte, die Spielverderberin zu sein. Außerdem rührte es sie immer wieder, wie liebevoll Wiete und Uwe miteinander umgingen. Für ihre Freundin war Uwe der große Bruder geblieben, den sie selbst nie gehabt hatte. Als Einzelkind hatte Wiete früher viel Zeit im Haus der Familie Bruhns verbracht, wo stets Trubel geherrscht hatte. Ganz anders als bei ihr zuhause, wo es wenig Grund zum Lachen gegeben hatte. Kein Wunder, ihr Vater war chronisch lungenkrank gewesen, weshalb ihre Eltern überhaupt an die Nordsee gezogen waren. Deshalb war Wiete, so oft sie konnte, zu Inken geflüchtet. Die beiden Mädchen waren unzertrennlich – bis heute. Wiete hatte Inken damals unendlich bewundert, weil sie in der Klasse das Sagen hatte. »Krabbe«, wie die Schulkameraden Inken damals genannt hatten, war nicht nur Klassensprecherin gewesen, sondern ein Mädchen, mit der jede befreundet sein wollte. Und Wiete war damals mächtig stolz darauf, dass sie als »Neue« das Privileg genoss, Inkens Vertraute zu werden. Die Krönung war gewesen, als ihr Inken den Spitznamen »Porre« verpasst hatte, was eben nur ein anderes Wort für Krabbe war. Dadurch hatte sich Wiete ihr noch mehr verbunden gefühlt. Aber das hatte von Anfang an auf Gegenseitigkeit beruht. Inken hatte sofort gespürt, was für ein mutiger Mensch hinter Wietes zunächst schüchterner Fassade lauerte. Und Wiete war absolut aufrichtig, etwas, was Inken nicht von allen Mitschülerinnen behaupten konnte und was ihrem eigenen Wesen sehr entgegenkam. Und bei den Bruhns hatte Wiete eben nicht nur eine treue Freundin gefunden, sondern in Uwe auch einen ritterlichen Beschützer. Er hatte damals auf seine ganz spezielle Art dafür gesorgt, dass einer der älteren Jungs ihr nicht länger »Polenmädchen« auf dem Schulhof hinterherrief, weil ihre Eltern Spätaussiedler waren. Nach dem blauen Auge, die der überhebliche Junge sich eingefangen hatte, war Schluss mit den Lästereien gewesen. Im Gegenzug hatte sie Uwe mit Mathenachhilfe diverse Male vor dem Sitzenbleiben gerettet.

Inken kämpfte immer noch mit sich, ob sie Uwe nicht doch zum Bleiben auffordern sollte, als Nele ihr zuvorkam.

»Moin, Uwe, hast du nicht Lust, uns heute zu helfen? Heike fällt nämlich aus«, flötete die Freundin und prostete ihm mit ihrem Punsch zu. Wenn Nele ihn bat, würde er sicher nicht Nein sagen, dachte Inken amüsiert.

Uwe warf seiner Schwester einen fragenden Blick zu. »Wäre dir das denn recht, Schwesterherz?«

Was sollte sie da noch sagen? Sowohl die Freundinnen als auch die restlichen Damen würden sich über die Anwesenheit des kernigen Seebären freuen. Sie konnte nur hoffen, dass Uwe sie später nicht zu sehr ablenkte, wenn er dann nach dem dritten Pharisäer zum Akkordeon griff und die Pul-Runde in eine Chorprobe verwandeln wollte.

»Meinetwegen, aber nur wenn du dich am Pulen beteiligst«, knurrte sie, doch da war Uwe bereits dabei, es sich neben Nele gemütlich zu machen. Er hatte Inkens Zögern als Zustimmung gedeutet. Manchmal spielte Inken mit dem Gedanken, sich mit ihrem Problem dem Bruder anzuvertrauen, aber er hatte auch kein Geld übrig, um ihr aus der Klemme zu helfen. Und außerdem würde der direkte Uwe seinen Zorn auf den Schwager mit Sicherheit lauthals zum Ausdruck bringen. Dabei würde er sich keinen Maulkorb anlegen lassen, und dann würde bald ganz Husum wissen, was Harry ihr angetan hatte. Da war er wieder: Inkens Beschützerinstinkt! Obwohl er es ganz und gar nicht verdient hatte, Inken konnte nicht anders. Harry und sie waren stets ein Team gewesen, und irgendetwas in ihr konnte und wollte einfach nicht von dem Bild des loyalen, treusorgenden Harry loslassen.

Inzwischen trudelten auch die anderen Damen ein, und wie immer gab es ein großes Hallo, weil Uwe mit dabei war. Allerdings liefen die Gespräche von Anfang an völlig anders, als wenn sie unter sich Frauen gewesen wären, stellte Inken amüsiert fest. Keine Rede von Strickmustern, neusten Diäten, Zipperlein von Knie und Hüfte, Wechseljahren, Faltencremes oder Sonstigem, worüber sie schwatzten, wenn sie unter sich waren. Stattdessen hingen sie an Uwes Lippen und fühlten sich offenbar glänzend unterhalten, sodass Inken ihren eigenen Gedanken nachhängen konnte. Die Vorwürfe ihrer Tochter machten ihr ganz schön zu schaffen. Manchmal hatte sie insgeheim Angst, dass der Vulkan, der in ihrem Inneren brodelte, eines Tages unkontrolliert zum Ausbruch kommen würde. Im Grunde ihres Wesens war Inken eine überaus beherrschte Person, die ihre Emotionen im Zaum halten konnte. Nur wenn das Fass bei ihr überlief, spie sie Feuer. Das geschah allerdings nicht allzu häufig. Das letzte Mal in der örtlichen Filiale der Nordfriesen-Sparkasse. Petersen hätte sich wohl am liebsten unter seinem Schreibtisch verkrochen, weil sie mit Flüchen nur so um sich geworfen und den Papierkorb mit Fußtritten traktiert hatte. Außerdem hatte sie ihm angedroht, sollte davon auch nur ein Wort nach außen dringen, würde sie ihn einen Kopf kürzer machen. Er hatte ihr beflissen versichert, er habe eine Schweigepflicht, bevor er wieder in Deckung gegangen war. Nein, so einen enthemmten Ausbruch wollte sie ihrer Tochter lieber ersparen, wobei Beeke dann vielleicht erkennen würde, dass ihre Mutter doch nicht so gefühlskalt war, wie sie es ihr vorwarf. Trotzdem durfte es Inken nicht passieren, ihrer Tochter derart unkontrolliert die Wahrheit entgegenzuschleudern. War es nicht schlimm genug, dass Beeke ständig von den Männern ihres Herzens enttäuscht wurde? Wäre es nicht unverantwortlich, den Glauben ihrer Tochter, ihr Papa sei als einziger Mann im Universum unfehlbar gewesen, in den Grundfesten zu erschüttern? Wobei ihr Beuteschema sie stets von einer Katastrophe in die nächste trieb, denn Beeke flog auf große, stattliche Kerle, wie Harry einer gewesen war. Manchmal, wenn Inken sich vor Sorge nächtelang in ihrem Bett wälzte, meldeten sich gewisse Zweifel an ihrem Entschluss, Beeke diese Enttäuschung zu ersparen. Vielleicht würde sie die Herren der Schöpfung etwas realistischer sehen, wenn sie die Wahrheit erfuhr? Und endlich erkennen, dass die Statur nicht den Charakter ausmachte, und ihren Fokus zukünftig eher auf schmächtige Männer lenken? Aber Inken verwarf den Gedanken jedes Mal ganz schnell wieder. Nein, was sie auch vorbrachte, das geeignet wäre, Harry zu entzaubern, aus ihrem Mund würde es für ihre Tochter immer ein »Geschmäckle haben«, wie Harry das wohl genannt hätte. Wenn Beeke überhaupt jemand ungestraft die Wahrheit sagen könnte, dann wäre das wohl eher Wiete. Wiete hatte nämlich ein besonderes Verhältnis zu Inkens Tochter. Schon früher hatte sie zwischen Mutter und Tochter vermittelt, wenn die beiden sich wieder einmal in die Wolle bekommen hatten. Harry war die Kabbeleien zwischen den beiden irgendwann leid gewesen, und da hatte Wiete die Rolle der Schlichterin übernommen. Die Ursache für diese Konflikte war immer dieselbe: Die emotionale Beeke warf ihrer Mutter vor, keine Gefühle zu haben. Dabei trug Inken sie einfach nur nicht wie eine Trophäe vor sich her, wie ihre Tochter es tat.

Aber dazu müsste Inken Wiete die Wahrheit anvertrauen, und davon war sie innerlich noch meilenweit entfernt …

»Sag mal, hat Beeke schon mit dir gesprochen?«, raunte ihr just in diesem Augenblick Uwe zu.

»Nein, warum?« Inken versuchte zu verbergen, dass ihr auf der Stelle mulmig zumute wurde. Sie ahnte zwar noch nicht, was ihre Tochter von ihr wollte, aber sie hatte ein merkwürdiges Gefühl im Bauch.

Ihr Bruder hob abwehrend die Hände. »Da musst du mit ihr selbst schnacken. Ich sag nichts.«

Wie Inken das hasste. Das war Uwes Spezialität. Erst deutete er irgendwelche Dinge an, und dann machte er ein Geheimnis darum. So nach dem Motto: Ich habe nichts gesagt! Das hatte sie schon als Kind an ihm zur Weißglut getrieben.

»Uwe. Was ist los?«, zischte Inken zurück.

»Das ist wegen dem Laden. Nebenan wird frei, und sie würde den ja gern dazumieten und einen Durchbruch machen.«

»Und?«

»Musst du Beeke fragen.«

Normalerweise hätte Inken ihren Bruder nun erst recht gelöchert, aber in ihrem Magen klumpte sich ein regelrechter Kloß zusammen, der sie verstummen ließ. Jetzt wusste Inken, worum es ging und dass es sie in Teufels Küche bringen würde: Beeke wollte ihren Laden vergrößern und brauchte dazu Geld. Und wen sollte sie wohl fragen? Ihre Mutter natürlich, von der sie glauben musste, dass sie nach dem Hausverkauf ein riesiges Vermögen auf der Bank gebunkert hatte. Inken konnte nur beten, dass sie mit ihren Spekulationen falschlag und Beeke gar kein Geld von ihr wollte. Vielleicht war ja alles ganz anders und ihre Tochter hatte endlich einmal einen tollen Mann kennengelernt, einen, der … Inken unterbrach ihre Gedanken hastig. Nein, es ging um den größeren Laden und darum, sich Geld von ihrer Mutter zu leihen. Keine Frage! Und wie sie sich da herauswinden sollte, ohne ihrer Tochter reinen Wein über ihre finanzielle Lage einzuschenken, das wussten die Götter …

3. Nele lädt zum Nullen ein

Nele machte sich große Sorgen um Inken. Ihre Freundin sah sehr erschöpft und müde aus. Ihr sonst so schmales und klares Gesicht wirkte aufgequollen, und ihr beneidenswert frischer, rosiger Teint hatte einen Graustich. Ob sie ihren Kummer wohl ertränkt, fragte sich Nele, obwohl das so gar nicht zu ihrer Freundin passte, aber in einer Krisensituation ging oft so einiges durcheinander. Das wusste Nele nur allzu gut aus eigener Erfahrung. Ohne ihren Lieblingsriesling hätte sie die ganze hässliche Trennung wohl kaum ertragen und dabei nach außen einen gefassten Eindruck machen können. Und genau das strahlte auch Inken aus: Contenance. Doch wie sah es im Herzen ihrer Freundin aus? Inken wäre die Letzte, die in dieser Lage herumjammern würde, aber dafür, wie unzertrennlich Harry und sie gewesen waren, wirkte sie ein wenig zu beherrscht. Nicht eine Träne hatte Inken bislang in Neles Gegenwart vergossen. Das stimmte Nele schon nachdenklich. Aber heimliches Trinken? Das müsste sie doch merken. Schließlich wohnten sie seit fast zwei Monaten unter einem Dach. Vielleicht lenkte sich Inken auch mit der Arbeit ab. Sie schuftete jedenfalls unermüdlich. Natürlich fiel nach Harrys Tod das Doppelte an Arbeit an, aber durch den Hausverkauf besaß ihre Freundin doch jetzt Mittel, um Hilfskräfte einzustellen. Nele befürchtete, dass Inken eines Tages einfach umkippen würde. So wie Harry. Der war in der Küche vor seiner Pfanne zusammengebrochen und auf dem Transport zum Nordsee-Klinikum gestorben. Und vorher war er Neles Wissens kerngesund gewesen. Jedenfalls hatte er nicht halb so schlecht ausgesehen wie Inken jetzt.

Es hatte Nele viel Überzeugungskraft gekostet, Inken nach der Pul-Party zu überreden, mit Wiete und ihr nachhause zu fahren. Im Gegenzug hatte sie ihr beim Aufräumen geholfen. Auch Uwe war noch zum Aufklaren im Wattparadies geblieben. Das war sehr praktisch gewesen, weil Nele seine Mithilfe benötigte, um Inken demnächst eine Auszeit zu verschaffen. Sie hatte ihn unauffällig beiseitegenommen und gefragt, ob er an dem verlängerten Wochenende, an dem sie Wiete und Inken nach Sanremo entführen wollte, für seine Schwester im Restaurant und in der Fischbude einspringen würde. Uwe hatte keine Sekunde gezögert und Nele bestätigt, dass auch er der Meinung sei, Inken brauche dringend eine kleine Pause. Bei der Gelegenheit hatte Uwe ihr besorgt anvertraut, dass Inken kürzlich sein Angebot, in Zukunft kostenlos ihre Buchführung zu übernehmen, abgelehnt hatte. Ob sie das verstehen würde? Nein, tat Nele nicht! Inkens Abneigung gegen Zahlen war ein offenes Geheimnis, und wenn sie sich schon nicht von ihrem Bruder helfen lassen wollte, sollte sie doch wenigstens Wiete fest als Mitarbeiterin für die Finanzen einstellen. Nele war der Meinung, dass Inken damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen würde, weil Wiete dann endlich eine Aufgabe besäße, bei der sie kein Porzellan zerdeppern konnte. Dafür sollte Inken dann im Service dringend zwei neue Kräfte einstellen.

»Trinken wir noch einen Wein zusammen?«, fragte Nele hastig, bevor die Freundinnen verschwinden konnten. Die beiden machten nämlich Anstalten, in ihre Zimmer zu eilen, kaum dass sie in der Diele des Nordfriesenhofs angekommen waren. Der Hof lag sehr malerisch unweit der Hauptstraße, kurz hinter dem Abzweig nach Süderhafen auf der linken Seite. Die Auffahrt führte durch eine Kastanienallee. Auf den Wiesen hinter dem Haus weideten die Schafe des Scheunenpächters. Sie wurden nur bei extremen Witterungsverhältnissen in die geschützte Halle getrieben. Zu Ostern aber fanden dort die Mutterschafe Unterschlupf beim Ablammen. Das Mauerwerk des langgestreckten Hauptgebäudes aus dem späten 19. Jahrhundert war aus rotem Klinker erbaut, und das Haus besaß ein Reetdach. Typisch für die Insel an Land, wie die Halbinsel, die bis weit in die Neunzigerjahre eine Marschinsel gewesen war, auch genannt wurde, grenzte direkt an das historisch anmutende Herrenhaus mit den drei Dachgiebeln eine überdimensionierte Scheune aus grünem Blech.

Inken warf Nele einen zweifelnden Blick zu. »Ich bin ziemlich müde«, stöhnte sie. Kein Wunder, dachte Nele, die Freundin war schon in aller Frühe nach Husum gefahren und hatte nach der Pul-Aktion noch die Krabben einfrieren müssen, die sich nicht am folgenden Tag verbrauchen würden. Frische Porren hielten sich allerhöchstens zwei Tage.