Beschreibung

Es ist das Jahr 1315. Und Dunkelheit bricht herein … Vor vielen Generationen wurde die Mauer erbaut, um das Meer zurückzuhalten. Nordland, ein Land aus fruchtbaren Ebenen und uralten Wäldern, das vor dem Ozean gerettet wurde, ist zur Heimat einer blühenden Zivilisation geworden. Sie basiert auf Handel und Technologie sowie auf einer Tradition, bei der sich alles um die alte Heimat der ersten Baumeister dreht: Etxelur. Doch nichts kann ewig Bestand haben, nicht einmal die Mauer. Das Wetter verändert sich, es wird kälter, und mit den langen Wintern kommen Hungersnot, Zerstörung und Schrecken. Als ganze Nationen aus ihren Ländern gezwungen werden und sich auf die Suche nach wärmeren Gebieten machen, scheint es, dass nicht einmal Nordland in der Lage sein wird, zu überdauern. Nur eins ist sicher: Das Eis kommt.

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stephen baxter

eisenwinter

NORDLAND-TRILOGIE BAND 3

Übersetzung: Claudia Kern

Die deutsche Ausgabe von EISENWINTER (NORDLAND-TRILOGIE Band 3)

wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg. Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern,

Übersetzung: Claudia Kern; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Andrea Bottlinger und Gisela Schell; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik; Printausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice.

Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: IRON WINTER (NORTHLAND TRILOGY Book 3)

© 2012 by Stephen Baxter. All rights reserved.

German translation copyright © 2016, by Amigo Grafik GbR.

First published by Gollancz, an imprint of The Orion Publishing Group, London.

Print ISBN: 978-3-86425-452-9 (März 2016)

E-Book ISBN: 978-3-86425-707-0 (März 2016)

WWW.CROSS-CULT.DE

Eisenwinter

Eins

 

1

Einst hatte das Eis die Kontinente bedeckt. Die Welt war zutiefst still gewesen.

Schließlich zog sich das Eis zurück und das Leben eroberte zögernd das kahle Land. Nordland war eine Landzunge, die eine von Menschen Albia genannte Halbinsel mit dem Kontinent verband. Als das Eis schmolz und der Meeresspiegel stieg, griff der Ozean das trockene Land von Norden und Süden an – doch die Menschen, die dort lebten, trotzten ihm.

Eine lange Wärmezeit folgte. Die Bevölkerung nahm überall auf der Welt zu, Städte entstanden, Reiche erblühten und verwelkten. Doch unbemerkt von der Menschheit schmolz der Schnee auf den Inseln weit im Norden des Westkontinents auch im Sommer nicht mehr. Das Eis lag wartend auf den Bergen und an den Polen. Jahrtausende waren seit seinem letzten Rückzug vergangen. Menschenleben waren kurz; der menschliche Geist beschäftigte sich mit dem Krieg und der Liebe. An das Eis erinnerte er sich nur noch in Mythen.

Aber das Eis erinnerte sich.

Und nun war der lange Rückzug vorüber.

2

Das erste Jahr des Langwinters: Frühjahrs-Tagundnachtgleiche

Pyxeas schob Kopf und Schultern durch den mit einem Robbenfell verhangenen Eingang ins Haus. Im Licht der Morgendämmerung wirkte das Gesicht des Nordländers wie ein rauer, roter Mond, den ein Kranz aus Pelzen umgab. »Avatak! Bist du da? Der Gletscher bewegt sich schon wieder! Hörst du das nicht? Komm schon, komm schon.«

Der siebzehnjährige Avatak lag mit seinen Verwandten, seinen Eltern und Geschwistern, Tanten, Onkeln und Cousins, unter einem Berg Felle. Als die Kälte die verrauchte, nach Furz riechende Luft verdrängte, fing seine kleine Schwester Nona an zu weinen und Onkel Suko knurrte: »Mach den Vorhang zu, Mann!«

Aber Pyxeas kannte nur ein paar Worte aus der Sprache des Volks, und wenn er aufgeregt war, flohen selbst sie vor ihm wie eine verängstigte Robbe von ihrem Atemloch.

»Avatak! Wo bist du?«

Avatak wusste, dass er nicht aufgeben würde. Und nun hörte auch er den Gletscher, ein entferntes Dröhnen, tiefer noch als das Schnarchen seiner Onkel. Also durchwühlte er den Kleiderhaufen, bis er die Fellhose fand, die er über seine Beinkleider zog. Die Jacke mit der schweren Kapuze entdeckte er einen Moment später, die Bärenhautstiefel, als er zur Tür kroch.

Der Himmel war noch blauschwarz und klar. Sterne bedeckten ihn wie Staubkörner, aber die Sonne lugte bereits über den flachen, weißen Horizont. Avatak fühlte den Wind auf seinen Wangen und in seinen Nasenlöchern. Die Kälte schnitt wie ein Messer in sein Fleisch und er wünschte, er hätte Zeit gehabt, sich das Gesicht mit Fett einzureiben. Er sah, dass in der Nacht erneut Schnee gefallen war, nur eine Handbreit, gerade genug, um die Spuren des Vortags und das Fell der eng beieinanderliegenden Hunde zu bedecken. Nicht viel Schnee, aber jeder Schneefall zu dieser Jahreszeit war ungewöhnlich. Zumindest war es in Avataks kurzem Leben bisher so gewesen. Aus diesem Grund war Pyxeas wohl hierhergekommen, auf die Insel, die die Nordländer Kaltland nannten, und für die das Volk keinen Namen hatte, da sie ihre gesamte Welt ausmachte. Er war hier, um sich das Ungewöhnliche anzusehen.

»Na endlich, Schlafmütze! Komm – er ist wieder unterwegs. Wenn wir uns beeilen, könnten wir Zeugen gewaltiger Ereignisse werden.« Pyxeas wandte sich ab und eilte in Richtung Osten, der aufgehenden Sonne und der Küste entgegen.

Avatak blieb keine andere Wahl, als ihm zu folgen. Dabei hätte er sich den Mann lieber erst einmal angesehen und überprüft, ob er seine Stiefel und Fäustlinge richtig angezogen und sein Gesicht eingefettet hatte. Dem Gelehrten waren zu Beginn seines Aufenthalts beinahe ein paar Finger erfroren, weil er solche Fehler gemacht hatte. Aber dafür war keine Zeit. Keine Zeit.

Sie eilten durch den frisch gefallenen Pulverschnee und Avatak hörte erneut das gewaltige Stöhnen, das von der Küste kam. Knirschen, Krachen und Knallen mischte sich hinein.

»Hörst du das? Spürst du es im Boden?«

Avatak glaubte es zu spüren. Pyxeas hatte ihm erklärt, dass die ganze Insel von einer ungeheuer dicken Eisschicht bedeckt war, die aus einem Stück bestand. Die Gletscher waren nur ihre Auswüchse. Wenn diese Gletscher sich bewegten, erschütterte das die gesamte Eisschicht, was wiederum den Boden, auf dem sie lag, erbeben ließ.

»Hast du deinen Block dabei? Deinen Griffel? Ach, egal. Beobachte. Lausche. Behalte meine Worte, denn ich, Pyxeas, werde interpretieren, was wir sehen. Schreibe alles auf, wenn du wieder zu Hause bist, und mache ein paar von deinen Zeichnungen. Sobald du zu Hause bist!«

»Ja, Gelehrter.«

Sie erreichten den Gletscher, einen Fluss aus Eis, der von den Anhöhen zur Küste floss. Dort sah man hinter durch Gezeiten zersplittertes Packeis das dunkle, offene Wasser. Das alles wurde von der frühmorgendlichen Sonne, ein Klecks am östlichen Horizont, in ein graurosa Licht getaucht. Der Gelehrte kletterte auf die glatte Oberfläche des Gletschers und wäre ausgerutscht, wenn Avatak nicht seinen Arm ergriffen hätte. Pyxeas wollte einfach nicht verstehen, wie man sich auf Eis bewegte. Dabei hatte das Volk ihm gezeigt, dass man nur einen Fuß nach dem anderen flach aufsetzen musste, um zwar langsam, aber auch sicher und ruhig voranzukommen. Nach diesem Beinahesturz wurde er vorsichtiger. Langsam gingen sie den abschüssigen Gletscher hinunter, der bis ins Meer ragte. Schon bald gelangten sie an eine Stelle, an der ein zweiter Gletscher auf den ersten traf, ein mächtiger Zufluss, dessen Grenzen man an den Trümmerstreifen auf dem fließenden Eis ablesen konnte.

»Die Eisschicht hat eine eigene Dynamik«, sagte Pyxeas. Das Klettern strengte ihn an und er atmete schwer. »Schnee, der auf ihre Mitte fällt, schmilzt nicht, sondern wird zusammengepresst und zu Eis. So wird die Schicht immer dicker. Doch damit wird sie auch schwerer. Das Eis wird durch dieses Gewicht aus der Mitte verdrängt und fließt nach außen, so wie Schlamm in alle möglichen Richtungen fließt, wenn sich ein fetter Mann mit seinem Arsch hineinsetzt. Durch die Gletscher, die so entstehen, gelangt das Eis zum Meer. Wenn es zu ungewöhnlich starken Schneefällen kommt, wie es auf deiner Insel in den letzten Jahren der Fall war, dann folgt darauf eine ungewöhnlich starke Gletscherbewegung …«

»Gelehrter!«

Sie standen an einer Spalte, einem schmalen Riss im Eis. Vor ein paar Tagen war sie noch nicht da gewesen und ein Großteil von ihr wurde von einer Kruste aus frisch gefallenem Schnee bedeckt. Aber Avatak hatte die dünnen, schwarzen Risse an ihren beiden Seien bemerkt. Vorsichtig trat er gegen die Schneekruste, dann beugten sie sich beide vor, um einen Blick in die Spalte zu werfen. Im heller werdenden Sonnenlicht sahen sie hartes, altes Eis, das blaugrün schimmerte, als befände sich eine Lichtquelle in seinem Inneren. Das Rauschen von fließendem Wasser drang von tief unten an Avataks Ohr.

»Das immense Gewicht des Gletschers lässt sein Fundament schmelzen«, sagte Pyxeas schwer atmend. »Dadurch entsteht eine Gleitschicht, auf der das Eis zunehmend schneller in Richtung Meer rutscht. Komm! Beeil dich!« Sie stiegen über die Spalte und gingen rasch weiter. Pyxeas redete und spekulierte ununterbrochen.

Diese Neugier hatte Avatak dazu gebracht, dem Gelehrten seine Hilfe anzubieten. Pyxeas war vor drei Sommern auf die Insel gekommen, um seine »Untersuchungen« vorzunehmen. Das Volk wusste, dass sich die Welt verändert hatte. Sie hätten das auch schwerlich übersehen können, schließlich bestimmte die Umwelt über ihr Leben. Sie waren mit den Zyklen von Tag und Nacht vertraut und mit den Jahreszeiten, die zwischen hellen Sommern und dunklen Wintern schwankten. Dank der Erinnerungen, die sie in Anekdoten und Sagen bewahrten, kannten sie auch die größeren, Generationen umspannenden Abläufe. Wenn es zu einer Veränderung kam, passten sie sich an. Dann gingen sie im Sommer etwas früher oder etwas später auf das Packeis hinaus. Kümmerten sich etwas später oder etwas früher um ihre Winterhäuser. Wenn man sich bei solchen Dingen irrte, dann verhungerte man, ebenso wie die eigenen Kinder.

Aber sie hatten nie versucht, das alles zu verstehen. Was löste diese Veränderungen der Welt aus? Und welche Konsequenzen würde es haben, wenn sich zum Beispiel der stärkere Schneefall im Landesinneren Jahr um Jahr fortsetzte?

Das Volk war nicht weniger intelligent als die Nordländer, zu denen der Gelehrte gehörte, das hatte Avatak längst erkannt. Von den wichtigen Dingen verstand sein Vater wesentlich mehr als Pyxeas, vor allem von den Dingen, die den brutalen Überlebenskampf betrafen. Und die Kollektiverinnerungen des Volks, die sie in den epischen Liedern bewahrten, die sie im Winter zusammen sangen, waren präzise und zuverlässig. Nein, das war keine Frage der Intelligenz. Es ging vielmehr darum, wie man die Welt betrachtete – nicht als Spielzeug der Götter, das man akzeptieren musste, ohne es zu hinterfragen, sondern als ein Rätsel, das es zu lösen galt. Avatak fühlte sich von Pyxeas’ Denkweise angezogen. Er stellte sich diesem riesigen, komplexen, verwirrenden und verschlossenen Rätsel. Ihm gefiel die Begeisterung, zu der der Gelehrte fähig war, wenn er einen kleinen Teil des Rätsels gelöst hatte und die Welt ein wenig mehr Sinn ergab.

Also arbeitete Avatak mit ihm zusammen. Pyxeas hatte ihm beigebracht, wie ein Nordländer zu lesen und zu schreiben – wie ein Nordländer zu denken. Und Avatak hatte Pyxeas gezeigt, wie man sich auf Eis zu bewegen hatte, ohne bei jedem zweiten Schritt auf dem Hintern zu landen. Sie waren ein gutes Team.

Aber Avatak sah auch etwas Dunkles in Pyxeas, eine Art Traurigkeit. Pyxeas sprach nie von seiner Familie oder von Kindern. Manchmal wirkte er auf Avatak wie ein trauernder Vater. Pyxeas war selbst ein Rätsel. Auch deshalb arbeitete Avatak mit ihm zusammen.

Schließlich erreichten sie einen Haufen Steine, die durch den Frost aufgeplatzt waren. Von dort konnten sie auf den Ozean hinaussehen. Sogar der keuchende Pyxeas schwieg überwältigt, wenn auch nur kurz.

Sie waren erst ein paar Tage zuvor an diesem Ort gewesen, aber das Panorama hatte sich völlig verändert. Das Ende des Gletschers hatte da noch aus großen, schmutzigen Eisblöcken bestanden, die sich ins Meer ergossen und sich dort mit dem salzigen Packeis vermischten, das an der Oberfläche trieb. Doch die Masse aus Dreck und zersplittertem Eis war verschwunden. Der Gletscher war wesentlich dicker als zuvor und endete in einer hohen Klippe aus blaugrünem Eis, von der Eisberge abbrachen und auf einen chaotischen, halb gefrorenen Ozean hinaustrieben.

»Ich wusste es«, stieß Pyxeas hervor. »Ich wusste es! Der Gletscher wurde hier von seinen eigenen Eisablagerungen aufgehalten. Sie bildeten einen natürlichen Damm. Aber der Druck des Gletschers, der höher ist und schneller fließt als seit Jahrhunderten, hat ihn nun doch brechen lassen. Und als das geschah, sprang der Gletscher aus seinem Käfig wie ein freigelassenes Tier – und das Ergebnis siehst du hier. Gewaltige Eismassen, die in den Ozean stürzen.« Er war atemlos vor Begeisterung. Seine Theorie hatte sich als richtig erwiesen. »Verstehst du, was das heißt, Junge? Kannst du dir die möglichen Folgen vorstellen?«

Avatak sah den davontreibenden Eisbergen nach. »Probleme für die Fischer«, sagte er.

»Ja, ja«, sagte Pyxeas gereizt, »aber denke an das große Ganze.« Er vollführte eine ausladende Geste mit seinen in Fäustlingen steckenden Händen. »Der Ozean und die Luft über ihm sind ebenfalls dynamische Systeme, so wie die Eisschicht – gewaltige Massen aus Wasser und Luft, die Wärme und Feuchtigkeit rund um die Welt tragen. Was wird deiner Meinung nach also passieren, wenn all dieses eiskalte Süßwasser in die salzigen Strömungen des Meers gelangt?«

Avatak hatte einen Trick gelernt, den die meisten Schüler beherrschten. Er richtete die Frage des Gelehrten einfach zurück an ihn. »Was glaubst du?«

»Ich bin mir nicht sicher. Niemand weiß das genau …« Energie und Begeisterung verließen ihn schlagartig und er setzte sich hin. Er zog ein Stück Pergament aus einer Tasche. »Notiere das Datum, Junge. Hör zu. Eins. Zwei. Drei. Eins. Zwei. Eins. Zwei. Eins. Eins. Fünf. Fünf.«

Avatak wiederholte die Zahlen murmelnd. »Das soll ein Datum sein?«

»Es ist eines in unserem ältesten Kalender, dem Langzähler. Wir Nordländer zählen die Tage, jeden Tag, seit dem Zweiten Großen Meer vor siebentausend Jahren. Unser Kalender ist nicht nur der älteste der Welt, sondern auch der präziseste.« Er konnte der Versuchung, aus der Erklärung einen Vortrag zu machen, nicht widerstehen. »Das alte System basierte auf Fünferpotenzen und kannte die Zahl null nicht. Das war recht umständlich. Wir zählen jeweils elf Ringe, wobei der letzte einen Ring aus fünf Tagen umfasst. Der erste Ring ist der größte. Er besteht aus fünf Ringen, die mit sich selbst zehnmal multipliziert werden.«

Avatak dachte darüber nach. »Dann sind wir also noch im ersten dieser großen Ringe. Was werdet ihr in der Zukunft machen, wenn euch die großen Ringe ausgehen?«

Pyxeas starrte ihn an und lachte. »Das wird noch hunderttausend Jahre dauern. Aber das ist eine gute Frage. Ich wage zu behaupten, dass wir uns bis dahin auf irgendeine Erweiterung des Systems geeignet haben werden. Aber vergiss dieses Datum nicht, Junge. Vergiss es nicht.«

»Warum nicht?«

Der Gelehrte betrachtete das Meer, den Gletscher und die Eisberge. »Weil ich an diesem Tag zumindest zu meiner eigenen Zufriedenheit bewiesen habe, dass der Langwinter über uns gekommen ist.«

Dieses Wort kannte Avatak noch nicht. »Der Langwinter, Gelehrter? Was bedeutet das?«

Pyxeas sah ihn düster an. »Dass sich die Welt verändern wird. Dass der Tod auf den Kontinenten umgehen wird. Dass Nordland sterben wird, Avatak.«

Seine Worte klangen düster und einfach, und obwohl Avatak sie immer noch nicht begriff, sah er doch, dass Pyxeas an das glaubte, was er sagte. Und da verstand er, woher die Traurigkeit des Gelehrten kam. Er trauerte um die gesamte Welt, die vor einer Katastrophe stand, die niemand außer ihm erkannte.

»Was sollen wir tun?«, sagte Avatak.

Pyxeas lächelte. »Andere davon überzeugen. Aber das wird Zeit brauchen. Vor uns liegt viel Arbeit, mein Junge, sehr viel Arbeit! Im Sommer werden wir unsere Ergebnisse nach Nordland bringen und sie den Räten von Etxelur präsentieren.«

Er hatte wir gesagt. Wir werden nach Nordland gehen. Nicht zum ersten Mal drückte er sich auf diese Weise aus. Er schien davon auszugehen, dass Avatak seine Heimat, seine Pflichten und seine Familie einfach zurücklassen würde – auch Uuna, die ihm versprochen war –, ihm in ein fremdes Land folgen und bei seinem seltsamen, hochtrabenden Projekt helfen würde.

Würde Avatak mitgehen? Natürlich würde er das. Was sollte er auch sonst tun? Pyxeas hatte ihm fremde Ideen und lebendige Träume in den Kopf gesetzt. Aber er würde Uuna und vor allem ihrer Mutter, die ihn ohnehin nicht sonderlich gut leiden konnte, einiges zu erklären haben.

Und dann fragte er sich, was aus Kaltland werden würde, wenn Nordland wirklich starb.

Der Gletscher erbebte erneut unter ihren Füßen. Avatak ergriff die im Fäustling steckende Hand des Gelehrten und zog ihn weg von der abbröckelnden Klippe und zurück auf sicheren, festen Boden.

3

Das erste Jahr des Langwinters: Sommersonnenwende

»Die Dampfkarawane verspätet sich.« Thaxa warf einen Blick hinauf zur Sonne, die den höchsten Punkt an diesem Mittsommertag bereits überschritten hatte. Er kniff die Augen zusammen und betrachtete die reich verzierte, mechanische Uhr, die in den Leuchtturm über seinem Kopf eingelassen war. Dann wandte er sich dem schimmernden Eisenweg zu, der mit der Krone des Walls verbunden war, auf der er und seine Frau standen. »Wenn die Abgesandten aus Daidu nicht kommen, steht uns ein gelinde gesagt peinlicher Nachmittag bevor. Und dein verdammter Onkel ist auch noch nicht hier. Wenn das so weitergeht, werden wir mit den Zeremonien nicht durch sein, wenn sie die Tagesendzünder abfeuern.«

Rina versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr die Unkerei ihres Mannes sie nervte. Es half nicht, dass ihr kalt war. Sie schob die Hände in den Aufschlag ihres lang­ ärmligen Gewands. Es war Hochsommer, aber die Luft war kühl und am Morgen hatte sie Bodenfrost gesehen. »Bleib ruhig. Du willst doch unsere Gäste nicht erschrecken.« Die Gäste standen in einer Reihe rechts und links von Rina und Thaxa auf der Krone des Walls. Es handelte sich bei ihnen um Vertreter fast aller Nationen aus der bekannten Welt, und ständig fuhren weitere in den Dampfaufzügen zur Krone hinauf. Neben Rina standen zum Beispiel drei Frauen aus den Westkontinenten. Sie hatten sich vor ihrer Reise nicht gekannt, wie Rina erfahren hatte, und ihre Kleidung hätte unterschiedlicher nicht sein können. Nebeneinander wirkten sie wie exotische Vögel mit buntem Gefieder. Zur Sommersonnenwende war ein solcher Anblick in Etxelur nicht ungewöhnlich, denn dann lud Nordland die Welt zu sich ein. »Was Onkel Pyxeas angeht, so bin ich mir sicher, dass Crimm sein Bestes gibt, um ihn über das Meer nach Hause zu bringen. Aber Pyxeas ist ja auch kaum von Bedeutung.«

»Er soll dem Wasserrat von den Wetteränderungen berichten, die er kommen sieht.«

»Für die Fremden geht es bei diesem Gebefest um Stockfisch, nicht um Geschwätz über das Wetter. Sei doch nicht so nervös, Thaxa! Wir können weder die Daidu-Karawane beeinflussen noch meinen Onkel. Wenn man nichts tun kann außer zu warten, dann wartet man eben.«

»Ich tue, was ich kann, um dich zu unterstützen«, sagte er. Dass ihn ihre schlechte Laune störte, ließ er nur ein wenig durchblicken.

Das stand im Zentrum ihrer Beziehung, und im Alter von fünfzig Jahren und nach fast dreißig Jahren Ehe verstanden sie beide das sehr genau. Rina wusste, dass sie als Annid ohne die geduldige, penible und kompetente Unterstützung ihres Mannes nicht halb so gut gewesen wäre. Hinzu kam, dass ihm ihre herrische Art nichts ausmachte. Sie erlaubte sich ein Lächeln. »Ich weiß. Wie kommen die Zwillinge zurecht?«

Thaxa betrachtete die Menge auf dem Wall. »Nelo ist bei der hattischen Gruppe und schafft es sogar, nicht über ihr ständiges Beten zu Jesus zu lachen. Alxa ist noch bei den Karthagern. Hm, guck mal, wie dieser junge Prinz sie anstarrt. Sie ist doch erst fünfzehn.«

Rina machte sich keine Sorgen um die Zwillinge – besser gesagt, erlaubte sie sich das nicht. Rina und ihr Mann stammten beide aus Familien, die dem Haus der Eule angehörten, den Anniden, der uralten Gilde der Herrscher und Diplomaten. Dort war es üblich, Kinder früh in die subtile Kunst der Kompromisse, Komplimente und Verhandlungen einzuweisen. Abgesehen davon galt fünfzehn in den meisten Gegenden der Welt als ein reifes Alter. Wäre Alxa eine Fränkin oder Germanin gewesen, wäre sie wahrscheinlich längst verheiratet, zermürbt von Geburten und der endlosen Feldarbeit. Die Zwillinge konnten allein auf sich aufpassen, zumindest, so dachte Rina, in normalen Zeiten. Doch im tiefsten Inneren wusste sie, dass dieser Mittsommertag alles andere als normal war.

Dies war das Gebefest, das Herz des Jahres im Herzen der Welt – und eine uralte Zeremonie, älter als die Pyramiden von Ägypten, weit älter noch als die neuen Reiche Karthago und Neu-Hattusa. In der großen Bibliothek des Wallarchivs gab es Dokumente, die das Alter der Zeremonie belegten. Die Welt versammelte sich hier zur Sommersonnenwende, wie Seevögel sich im Frühling an ihren Brutklippen versammelten. So war es immer schon gewesen und so würde es immer sein, denn dies war Groß-Etxelur, Nabel der Welt und zentralster und ältester Distrikt des Walls.

Unter dem Mittsommerlicht erstreckte sich der Wall von Osten nach Westen, von Horizont zu Horizont. Er trennte das Land von der See, die Ordnung vom Chaos und das schon so lange, dass keiner außer den gebildetsten Gelehrten die Jahrhunderte noch zählen konnte. Er bestand aus Schichten, die man über dem uralten Kern aus Geröll, Mörtel und sogar zerdrückten Muschelschalen errichtet hatte. Mittlerweile war in der landzugewandten Seite eine komplexe, vertikale Stadt entstanden mit Mauern aus dünn geschnittenem Stein und riesigen Buntglasfenstern, die von schweren Stützpfeilern getragen wurden. Als Rina den Blick über den Wall unter ihr gleiten ließ, sah sie, wie er sich subtil von Distrikt zu Distrikt veränderte. Im Osten sah sie Quelle mit seinen Tavernen und Gasthäusern, dann den Markt und die Manufakturen und im Westen die etwas steiferen Distrikte Heiliges, Botschaften und Archiv. Alles war nach den harmonischen Prinzipien des großen und weisen Pythagoras errichtet worden. Auf der oberen Krone standen uralte, stark erodierte Steinblöcke, die angeblich die Gesichter von Anniden und Heldengöttern aus der Vergangenheit Nordlands darstellten. Über diese Statuen erhoben sich moderne Leuchttürme, mit Schnitzereien verzierte Holzkonstruktionen, in denen Laternen hingen, die Schiffen den Weg zu den Häfen auf der meerzugewandten Seite wiesen. Neben der Wallkrone verlief das neueste Wunder, der Eisenweg, ein Band aus Schienen, Kohlehalden und Stationen, die die vier weit voneinander entfernten Distrikte des Walls verbanden. Diese gewaltige Konstruktion erhob sich über Alt-Etxelur und dessen Hinterland im Süden, während sich im Norden das glatte, graue Meer bis zum Horizont erstreckte. Es drückte wütend gegen den Wall, den einst Ana, eine Frau, die später zur kleinen Mutter geworden war, gebaut hatte, um das Meer zu vertreiben.

An diesem Tag drängten sich ausländische Würdenträger auf der Krone des Walls. Sie wollten die Gruppe aus Kathai, einem Reich im Osten begrüßen. Abgesehen von den Frauen vom Westkontinent standen auch hattische Priesterkrieger auf dem Wall. Ihre Rüstungen hatten sie mit dem Symbol gekreuzter Palmblätter versehen. Es stand für ihren Gott Jesus Sharruma, dessen Knochen tief im Wall beigesetzt worden waren. Islamische Prinzen, vermutlich Ägypter, waren ebenfalls gekommen. Sie waren mit Gold beladen und verhüllten trotz des kalten, nördlichen Mittsommertags ihre Beine nicht. Man sah auch karthagische Händler, deren lange Gewänder mit purpurfarbenen Fäden durchzogen waren. Die Albier aus den tiefen Wäldern hielten sich abseits von den anderen. Ihre schweren Felle und sorgfältig ungewaschenen Haare sollten deutlich machen, dass sie immer noch die ältesten aller Götter anbeteten. Die gesamte Szene war durchgeplant, sodass niemand an beiden Seiten von Todfeinden umgeben war. Doch diese mächtigen Männer und Frauen wirkten in der weiten Landschaft winzig und ihre Unterhaltungen gingen im beständigen Dröhnen der Pumpen unter, die tief im Wall ihre Arbeit verrichteten. Das war natürlich der Grund, weshalb man die Würdenträger auf den Wall gebracht hatte: Man wollte sie mit der Macht Nordlands beeindrucken.

Aber an diesem Sommertag war die Stimmung nicht gut. Nach einem weiteren Jahr voller Dürren und Hungersnöte auf dem Kontinent war das Gebefest nicht nur eine, wenn auch freudig erwartete Formalität. Vielmehr wurde hart um lebenswichtige Nahrungslieferungen verhandelt. Das Wetter war ebenfalls seltsam. Rina hielt zwar nichts von Onkel Pyxeas’ Behauptung, dass sich das Wetter weltweit ändere, aber trotz des Sommers gab es morgens Bodenfrost und über dem Land lag eine seltsame Trostlosigkeit: Im Frühjahr und Sommer sah man nur selten blühende Blumen oder Schmetterlinge.

Und nun verspätete sich auch noch die Dampfkarawane. Seit Monaten riss die Kommunikation immer wieder wegen der Dürren, der Hungersnöte und der durch das Land ziehenden Räuberbanden ab. Die verspätete Karawane war eine weitere offene Frage, und die mochte Rina nicht. Die Zeit verstrich und die Würdenträger wurden ungeduldig.

Schließlich entdeckte Rina eine weiße Dampfwolke im Osten und dann die Karawane, die wie ein glitzerndes Spielzeug den Weg entlangkroch. Doch noch bevor die Karawane Etxelur erreicht hatte, meldeten berittene Boten bereits, dass dieses Jahr niemand aus Kathai über den Eisenweg kommen würde.

»Dann müssen wir die Gebeverhandlungen eben ohne sie führen«, sagte Rina leise zu Thaxa. »Die Anwesenheit der mongolischen Prinzen aus Daidu hatte sowieso nur symbolischen Wert.«

»Das sieht Pyxeas aber anders«, widersprach Thaxa. »Dein Onkel behauptet, die Gehrten aus Kathai hätten Informationen, die …«

»Informationen, Informationen!«, fuhr sie ihn an. »Was sollen die uns bringen? Kann man sie essen? Stockfisch kann man essen, und um den geht es hier. Bringen wir die Leute rein, bevor der Wind kälter wird und sie sich noch lauter beschweren.« Sie zog ihren Umhang zusammen und ging gezwungen lächelnd auf die Abgesandten aus Karthago zu, um sich bei ihnen zu entschuldigen.

4

Es überraschte Alxa ein wenig, dass einer der karthagischen Händlerprinzen – ein junger Mann namens Mago, der schon den ganzen Nachmittag ihre Brust anstarrte – einen der jüngeren hattischen Abgesandten kannte. Dessen Name war Arnuwanda, und es schien sich bei ihm um einen Prinz oder einen Verwandten des momentanen Königs von Neu-Hattusa zu handeln. Während ihre Mutter Rina die anderen Fremden in den warmen Wall führte, beschlossen die beiden gelangweilten und unruhigen Prinzen, sich die Zeit mit Ringen zu vertreiben. Anscheinend hatten sie das bei einer königlichen Hochzeit in Griechenland, wo diese Sportart beliebt war, schon einmal getan, und wollten dieses Kräftemessen nun wiederholen.

Alxa erzählte ihrem Vater Thaxa davon.

»Begleite sie«, sagte er. »Nimm deinen Bruder mit. Du wirst dafür sorgen, dass sie keinen Blödsinn anstellen. Und wenn Nelo dabei ist, wird dieser karthagische Barbar hoffentlich nicht auf die Idee kommen, Blödsinn mit dir anzustellen.«

»Mit dem werde ich schon fertig.«

»Da bin ich mir sicher. Aber wenn du eines Tages Annid werden willst, dann musst du lernen, dass man am besten mit Ärger fertigwird, wenn man sich erst gar nicht auf ihn einlässt …«

Also führten Alxa und ihr Bruder die Prinzen Gusssteintreppen hinunter, bis sie einen der besser ausgestatteten Turnräume erreichten. Er war luftig mit sauber verputzten Wänden und einem großen Buntglasfenster, das farbige Muster auf den Holzfußboden warf. Alxa und Nelo setzten sich auf eine Bank, während sich die Prinzen auszogen, duschten und ihre Haut mit Puder einrieben. Mago, der Karthager, achtete darauf, dass Alxa seinen nackten Körper sehr genau sehen konnte.

Die Prinzen traten in die Mitte des Raums. Sie waren beide rund zwanzig Jahre alt. Sie blieben stehen, verbeugten sich – und griffen an. Der Hattier konnte den ersten Erfolg verbuchen, als er mit eingezogenem Kopf seine Schultern unter den Bauch seines Gegners brachte und ihn umwarf, sodass er auf dem Rücken landete. Aber nur einen Moment später stand Mago bereits wieder und warf sich auf seinen Gegner.

»Sie sehen sich so ähnlich, vor allem ohne Kleidung«, murmelte Alxa. »Zwei Kriegerjungen, die man für den Kampf gezüchtet hat.«

»Sie sind aber keine Spiegelbilder«, sagte Nelo. »Sieh mal, auf dem Rücken des Hattiers sind Jesussymbole eintätowiert – der Fisch und die Palmblätter. Und der Karthager muss jedes Mal sabbern, wenn er dich ansieht.«

»Psst, ich glaube, sie reden über uns.«

Zwischen dem Schieben und Drücken sprachen die Prinzen auf Griechisch miteinander. Sie schienen zu glauben, dass die Nordländer diese Sprache nicht beherrschten. »Dir gefällt das kleine Mädchen?«, fragte Arnuwanda, der Hattier.

»So klein ist die nicht«, sagte Mago. »Hast du die Euter nicht gesehen? Und meinen Rammler hat sie auch angestarrt.«

Arnuwanda schnaubte.

Mago rollte sich auf seinen Gegner und drückte mit seinem Arm auf dessen Kehle. »Du stehst wohl eher auf den Jungen.«

»Ja. Mit dem würde ich gerne machen, was ein römischer Legionär mit deiner karthagischen Großmutter gemacht hätte, wenn wir Hattier euch nicht gerettet hätten …« Er spannte sich an und warf sich herum, sodass Mago unter ihm lag, allerdings nur einen Moment lang.

»Römer?«, murmelte Alxa ihrem Bruder zu.

»Irgendein Handelsposten in Großgriechenland, glaube ich.« Nelo zuckte mit den Schultern. Er zog einen Block heraus und zeichnete die ringenden Prinzen mit selbstsicheren, groben Strichen.

Mago stieß seinen Gegner von sich und sprang auf die Füße. Dann krachten beide Prinzen wieder gegeneinander. »So«, knurrte Mago, während er sich gegen Arnuwanda stemmte, »was hältst du von diesen Nordländern?«

»Was soll ich von ihnen halten? Sie haben Berge von Stockfisch, die aus ihrem Ozean stammen. Wir haben eine Hungersnot. Mehr gibt es nicht zu sagen.«

»Sie haben auch die Knochen deines Gottes Jesus in ihren Wall gestopft. Und die seiner Mutter.«

»Das stimmt«, sagte Arnuwanda. »Sie maßen sich eine moralische Überlegenheit an, die sie … nimm den Finger aus meinem Ohr, Afrikaner!« Der Hattier drückte Magos Arm kraftvoll zurück. »Sie behaupten, dass sie verfeindeten Religionen Frieden aufzwingen wollen, aber in Wirklichkeit locken sie mit diesen Relikten Pilger an, denen sie dann das Geld aus der Tasche ziehen. Sie sind Heuchler.«

»Das sehe ich auch so.« Mago wirbelte herum und versuchte seinen Gegner in den Schwitzkasten zu nehmen, aber Arnuwanda wich ihm aus. Mago landete erneut auf dem Boden. Er spuckte Staub und sagte: »Und sie behaupten, dass sie Bauern verachten. Wir sind für sie nur ›Viehmenschen‹. Dabei heuern sie Soldaten aus den Agrarländern an, die Franken, die Germanen und die anderen, damit die den Rest des Packs fernhalten.«

»Hmm, das dürfte aber nicht mehr lange gut gehen.« Arnuwanda bekam einen Arm frei, drückte Mago mit seinem Gewicht nach unten und presste den Unterarm auf die Stirn des Karthagers. »Hast du genug?«

»Fick dich. Was meinst du damit, dass das nicht mehr lange gut gehen wird?« Mago warf den Hattier mit einem kraftvollen Stoß ab.

»Die Germanen und die Franken leiden auch unter der Dürre.« Beide zogen die Köpfe ein, als sie wieder aufeinanderprallten. Die Muskeln ihrer Arme und Beine spannten sich an. Ihre Hände versuchten Halt auf Haut zu finden, die durch Schweiß glitschig geworden war. »Und einige sind auf dem Weg hierher. Die Bauern, meine ich. Sie verlassen ihr staubiges Land und ziehen nach Nordland. Du hast ja gesehen, wie viel Platz hier ist.«

»Ja.« Mago lachte schnaubend. »Ein leeres Land. Der Geist eines Ortes. Der Geist, der den Kontinent beherrscht.« Er drehte sich, ließ sich auf den Rücken fallen, warf die Beine hoch und legte sie um den Hals des Hattiers, der zur Seite geschleudert wurde.

»Umpf.«

Mago kam auf die Füße, brüllte, sprang wie eine Katze in die Luft und hätte den Hattier unter sich begraben, wenn der sich nicht im letzten Moment zur Seite gedreht hätte, sodass Mago hart auf dem Boden landete. »Oh, bei Melqarts Knochen …«

»Man sollte sich nie auf Söldner verlassen«, sagte der Hattier. Er kroch zu dem Karthager und stieß ihm den Ellenbogen in den Rücken. »Hast du jetzt genug?«

In der Ferne erklang ein Horn.

Alxa sah ihren Bruder an. »Die Zünder?«

»Ja, das war der erste Ruf.« Nelo steckte seine Zeichnungen ein. »Komm. Nehmen wir die beiden wieder an die Leine.«

Sie gingen zu den Prinzen, die voneinander abließen, keuchend aufstanden und sich Schweiß, Staub und Puder vom Körper wischten. Mago grinste Alxa an. Auf Karthagisch sagte er knapp: »Hast zugesehen.«

Sie antwortete ebenso knapp auf Griechisch. »Hast verloren.«

Arnuwanda hob die Augenbrauen. »Ihr sprecht Griechisch? Es wäre anständig gewesen, uns das zu sagen.«

»Und es wäre von euch anständig gewesen, nicht über eure Gastgeber zu lästern«, sagte Nelo.

Arnuwanda sah Nelo stechend an. Er war nicht so kräftig wie der Karthager, seine Muskulatur war nicht so beeindruckend und, das musste man sagen, seine Männlichkeit auch nicht. Aber von dem Hattier ging eine innere Stärke und Ruhe aus, die seinem Gegner fehlte. Und nun versuchte er, Alxas Bruder einzuschüchtern.

Sie trat zwischen die beiden. »Lasst uns Freunde sein«, sagte sie ruhig. Es gehörte sich für einen angehenden Diplomaten nicht, sich mit fremden Gästen zu prügeln.

Nelo war ebenfalls verärgert, aber er nickte und trat einen Schritt zurück. Der Hattier stieß verächtlich den Atem aus, ließ sich von seinem Gegner ein Handtuch reichen und wandte sich ab.

»Ihr habt also alles mitgehört«, sagte Mago. »Was haltet ihr davon? Irgendwelche unangenehmen Wahrheiten? Die Anschuldigung der Heuchelei, der Gier …«

»Ignorante Beleidigungen«, sagte Alxa. »Und mit einem liegt ihr völlig falsch.«

»Und das wäre?«

»Wir verlassen uns bei unserem Schutz nicht auf Söldner. Nicht nur.« Das Horn ertönte erneut. »Kommt vor dem dritten Ruf mit auf die Krone, dann werdet ihr sehen, was ich meine.«

Sie und Nelo gingen davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

5

Als das zweite Horn erklang und sich der Abend des langen Mittsommertags näherte, trafen sich die drei Frauen von den Westkontinenten, die neben Rina gestanden hatten, in einer Taverne im Wall.

Geht Durch Nebel hatte dieses Gasthaus gefunden. Es lag am Rande eines Walldistrikts, der Quelle genannt wurde, und von dem aus es exakt achthundert Schritte bis Etxelur waren. Es gab dort Tavernen, Gasthäuser und, wie Geht Durch Nebel annahm, Bordelle. Diese Taverne wirkte jedoch anständig. Sie befand sich an der Außenwand des Walls und endete in einem Balkon, von dem aus man Alt-Etxelur und das Tiefland sehen konnte.

Ihre Freundinnen stießen nun zu ihr; die in ein Gewand aus Lamawolle gehüllte Sabela aus dem Hochland des Südkontinents, und Xipuhl aus dem Land des Jaguars, vor deren Brust ein reich verzierter Stahlspiegel hing. Geht Durch Nebel kam aus dem Land des Himmelswolfs. Sie trug Adlerfedern im Haar. Sie alle drei verkündeten so an diesem überfüllten, verwirrenden Ort, der an diesem Sommertag den Mittelpunkt der Welt darstellte, wer sie waren.

»Das sieht nach nichts aus«, sagte Geht Durch Nebel, als sich die anderen setzten. Und sie hatte recht. Der Boden war uneben und die Gusssteinwände unverputzt. »Aber das gefällt mir daran. Das und die Aussicht.«

Sie drehten die Köpfe und betrachteten Nordland, diese gewaltige Ebene, die sich bis zum Horizont erstreckte. Die Sonne stand bereits tief, und der Himmel hatte sich dunkelblau gefärbt. Die Marschen und Kanäle sahen aus wie Bänder und hatten die Farbe des Himmels, die alten Fluthügel warfen lange Schatten und überall funkelten Feuer. Am Fuß des Walls standen riesige Lagerhallen, zwischen denen trotz der einsetzenden Dunkelheit reger Verkehr herrschte. Hell erleuchtete Geschäfte versorgten ihre Kunden mit Essen, Getränken, Pilgerabzeichen und Gebetagsouvenirs.

Geht Durch Nebel beugte sich vor und strich mit der Hand über den Balkon aus Gussstein. »Stellt euch nur mal vor, wie alt dieses Zeug sein muss. Stellt euch vor, was es alles miterlebt hat, so viel Geschichte. Und jetzt sind wir hier.«

»Sicher wie ein Adlerküken in der Hand eines alten Manns«, sagte Sabela.

Xipuhl lachte und der tanzende Spiegel auf ihrer Brust reflektierte das Kerzenlicht. »Du bist die Dichterin in unserer kleinen Gruppe«, sagte sie zu Sabela. Xipuhl war etwas älter als die anderen und zog sie gern auf.

Aber Sabela hatte recht, dachte Geht Durch Nebel. Sie fühlte sich hier sicher. Sie fühlte sich in diesem uralten, stabilen und dank seines Walls ungeheuer starken Nordland gut aufgehoben. Und nun saß sie mit zwei Frauen zusammen, die wie sie aus den Ländern stammte, die die Nordländer Westkontinente nannten. Und sie unterhielten sich in der einzigen Sprache, die sie alle drei beherrschten – dem weich klingenden Nordländisch, das ihren eigenen Sprachen nicht im Geringsten ähnelte.

Die drei Frauen hatten sich auf der langen Seereise auf einem gewaltigen Nordländerschiff kennengelernt. Alle drei Jahre schickten die Ältesten aus Etxelur eine Flotte über den westlichen Ozean zum Land des Jaguars, um dort einige besonders geschätzte oder besonders gut zahlende Gäste zum Mittsommer-Gebefest abzuholen. Geht Durch Nebel war als Händlerin gekommen. Sie gehörte zu einer Delegation aus Himmelswolf, die für eine Steigerung der Baumwollexporte sorgen sollte. Xipuhl war mit anderen Diplomaten aus dem Land des Jaguars zu formellen Verhandlungen eingetroffen und hatte ihren Mittsommer größtenteils »in stickigen Räumen bei Verhandlungen mit langweiligen alten Männern« verbracht, wie sie sagte.

Sabela hatte als Einzige keine Aufgabe auf dieser Reise. Ihr Mann exportierte Lama-, Alpakawolle und andere Hochlandtextilien nach Nordland. Sabelas Volk war traditionell eng mit Nordland verbunden und wurde deshalb besonders geschätzt. Das Hochland hatte den Nordländern die Kartoffel gegeben, eine wertvolle Feldfrucht, die es, wie sie sagten, ihrer einzigartigen Kultur ermöglicht hatte, am Rande eines Kontinents voller Bauern zu überleben. Sabela war die Jüngste der drei Frauen. Xipuhl hielt sie für eine Traumtänzerin, die so hübsch war wie das Land, aus dem sie stammte. Sie war es jedoch gewesen, die sie drei auf dem Schiff zusammengebracht hatte.

»Also mir«, sagte Sabela gerade, »werden vor allem die Getränke gefallen, die sie hier anbieten. Was für eine Auswahl!«schen Wein für Geht Durch Nebel und einen kräftigen Kartoffelschnaps aus Rus für Sabela. Als die Getränke serviert

Die Getränkekarte war in der einzigartigen, aus Kringeln und Strichen bestehenden Nordländerschrift in die Eichenplatte des Tischs geschnitzt worden. Die drei Frauen suchten sich Getränke aus der gesamten Osthälfte des Planeten aus. Albisches Bier für Xipuhl, einen guten gairanischen Wein für Geht Durch Nebel und einen kräftigen Kartoffelschnaps aus Rus für Sabela. Als die Getränke serviert worden waren, stießen die Frauen mit ihren Krügen an.

»Das nächste Mal werden wir wohl erst wieder auf dem Schiff zusammen etwas trinken«, sagte Xipuhl angeregt. »Ich werde jedenfalls den Rest meiner Zeit hier mit Packen verbringen.«

Sabela verzog das Gesicht. »Sei froh, dass du keine Kinder hast. Ich könnte schwören, dass meine beiden im Alleingang den Spielzeugmarkt hier angekurbelt haben.« Der Wind drehte sich, und eine ungewöhnlich kühle Brise wehte von Westen heran. Alle drei zogen ihre Umhänge zusammen. »Der Sommer ist sehr kühl«, murmelte Sabela. »Darüber haben sich meine beiden auch beschwert.«

Geht Durch Nebel runzelte die Stirn. »Ich habe Gerüchte über Treffen von Gelehrten gehört, bei denen über eine Veränderung des Wetters gesprochen wurde. Glaubt ihr, dass da etwas dran ist?«

»Ich halte nicht viel von Gelehrten«, sagte Xipuhl fest. »Niemand weiß, was die Zukunft bringt.«

»Und wir werden solche Sorgen nicht über unser Leben bestimmen lassen«, sagte Sabela.

Das Horn ertönte ein drittes Mal und kündigte damit die lautstarke Zünder-Vorführung an, die den langen Festtag beenden würde. Die Gäste verließen nach und nach die Taverne.

»Lasst uns einen Pakt schließen«, sagte Geht Durch Nebel spontan. »Wir bleiben in Kontakt. Wenn die Nordlandflotte in drei Jahren erneut in den Westen kommt, sehen wir uns wieder.«

Sabela lachte mädchenhaft. »Oh ja – wunderbare Idee.«

Xipuhl grinste. »Da ihr auf dieser Reise die Einzigen gewesen seid, die mir nichts andrehen wollten, bin ich dabei.«

»Und wir werden wieder in diese Taverne kommen«, sagte Sabela, »und die gleichen Getränke bestellen.«

»Einverstanden«, sagte Geht Durch Nebel. Sie stießen auf den Pakt an.

Aber die Brise wehte noch einmal über sie hinweg. Die Kerzen auf den Tischen flackerten und die Gäste, die noch nicht gegangen waren, legten sich Umhänge um die Schultern. Ein paar lachten und verfluchten scherzhaft die kleinen Mütter und andere Götter.

»Wenn wir alle in drei Jahren noch hier sind«, sagte Xipuhl mit morbidem Humor.

6

Alxa stand mit ihrem Bruder auf der Krone des Walls. Sie war umgeben von der Elite von Etxelur, die ihre vornehmen Zeremonialgewänder angelegt hatte, und wartete darauf, dass die Ringerprinzen auf die Brüstung zurückkehrten.

Die Sonne berührte schon fast den Horizont und der Tag fühlte sich merklich kälter an, als wäre es nicht Sommer, sondern Herbst. Lichter funkelten an der Fassade des Walls und in den gewundenen Gassen der Unterstadt. Menschen hatten sich auf der Ebene dahinter versammelt. Sie standen im offenen Gelände und an den Kanälen und warteten auf die Darbietung. Es kamen immer sehr viele Menschen zum Gebefest nach Etxelur, allerdings vermutete Alxa, dass dieses Jahr auch viele Nestplumpser darunter waren. Mit diesem grausamen Wort bezeichneten die Nordländer die Menschen, die durch Fluten oder Dürren, Armut oder Hunger oder Seuchen aus ihrer Heimat vertrieben worden waren und hier auf Hilfe, nicht etwa auf Darbietungen warteten.

Trotzdem jubelte die gesamte Menge – Nestplumpser wie Einheimische – als die Darbietung anfing. Riesige Banner wurden auf der Fassade des Walls ausgerollt und Feuerwerk warf tanzende Lichter an den Himmel. Dann kamen die Feuermedizinzünder. Rund hundert wurden plötzlich aus ihren Schächten im oberen Fassadenbereich des Walls gestoßen. Sie brüllten gleichzeitig los. Rauch stieg auf, rot glühende Kugeln flogen und landeten im leeren Gelände hinter der Menge.

Während die Bewohner von Etxelur jubelten und applaudierten, beobachtete Nelo die Prinzen, die von der Darbietung der mächtigen Waffen sichtlich überrascht waren. Nordland war das einzige westliche Land, das das Geheimnis der Feuermedizin von Kathai erhalten hatte. »Sieh dir nur diese Großmäuler Mago und Arnuwanda an. Die werden jetzt bestimmt nicht mehr mit ihren mächtigen Viehmenschenarmeen angeben.«

Rina drängte sich durch die Menge. »Da seid ihr«, fuhr sie ihre Kinder an. »Euer Großonkel ist zurück. Dock West eins vier. Geht und helft ihm. Und fragt ihn, wie er es geschafft hat, nach dreijähriger Abwesenheit elf Stunden zu spät zu kommen …«

7

Am nächsten Morgen wurden Alxa und Nelo in den Saal der Anniden bestellt, wo die offizielle Gabenverteilung stattfinden sollte. Als angehende Mitglieder des Hauses der Eule mussten sie ihre formellen Uniformen tragen, ein schwarzes Unterkleid, das von einem Umhang abgerundet wurde, der so geschnitten und genäht worden war, dass er an die Flügel des namensgebenden Vogels erinnerte.

Die Örtlichkeit bot einen spektakulären Anblick. Der Saal der Anniden war in den vielen Jahrhunderten immer wieder verlegt und umgebaut worden. Er befand sich nun unmittelbar unter der Krone des Walls, und seine große Buntglasdecke gehörte zu den Wundern des Etxelur-Distrikts. Die Sonne schimmerte zwar durch das Glas, aber der Tag war nicht sonderlich warm. Es hatte in diesem Sommer keinen einzigen wirklich warmen Tag gegeben. Aber die Dampfrohrheizung lief und Alxa wusste, dass ihr in dieser Kleidung bald unangenehm heiß werden würde.

»Und das wird so langweilig wie ein hattisches Begräbnis«, beschwerte sie sich bei Nelo, als sie hinter ihren Eltern und anderen Würdenträgern Nordlands den Saal betraten.

Nelo lachte nur.

Die Veranstaltung wurde bereits zur Ordnung gerufen, wenn auch nur langsam, und Alxa und ihr Zwillingsbruder setzten sich mit ihren Eltern hinter ihre entfernte Tante Ywa. Ywa war Annid der Anniden und Sprecherin des Wasserrats, des mehr oder minder feststehenden Gremiums, das über Etxelur und Nordland herrschte. Crimm, ein weiterer Onkel, war ebenfalls da. Er war der Fischer, der Onkel Pyxeas von Kaltland abgeholt hatte. Auch andere Mitglieder des Rats nahmen an der Zusammenkunft teil, ebenso wie ranghohe Angehörige anderer Häuser: die Priestergelehrten, die Baumeister, die den Wall warteten, die Wasseringenieure, die sich um das Abflusssystem und das Land kümmerten. Es waren auch Würdenträger aus zahlreichen anderen Distrikten anwesend. Ihre Gewänder waren mit den Nummern und Symbolen ihrer Heimat verziert: vier Ost, siebzehn West. Nur in Groß-Etxelur gab es keine Ost- und Westangaben und keine Nummern. Etxelur war das Zentrum, die null. Vor der Bühne, unterhalb der Nordländer, saßen die Gäste in Gruppen zusammen: Karthager und Hattier und Muslime und Germanen und Franken, sogar ein paar ernste und stumme Albier. Insgesamt waren rund fünfzig Menschen in den großen, alten Saal gekommen. Während sie auf den Beginn der Veranstaltung warteten, breitete sich eine gewisse Unruhe unter den Würdenträgern aus den anderen Ländern aus.

Sie alle warteten auf Pyxeas.

Schließlich eilte Alxas Großonkel in den Saal. Er hatte sich Papierrollen und Schiefertafeln unter den Arm geklemmt. Er trug nicht den stilisierten Wolfspelzumhang, der ihm als Mitglied des Hauses der Priester und Gelehrten zugestanden hätte. Stattdessen war er in alte, stinkende Felle gehüllt, die aussahen, als hätte Meerwasser sie mit Salz verkrustet. Ihn begleitete ein kleiner, kräftig und plump wirkender Mann mit einem flachen, weichen Gesicht und kurzen, dunklen Haaren. Seine Jacke und Hose bestanden aus Fellen und ihm schien heiß zu sein. Er war ein Kaltländer, erkannte Alxa. Er musste mit Pyxeas über das Meer gesegelt sein. Der Gelehrte sah sich um und kniff kurzsichtig die Augen zusammen. Sein faltiges Gesicht und die wei­ ßen Haare, die von den Seiten seines ansonsten kahlen Kopfs abstanden, verliehen ihm ein komisches Aussehen. Alxa hatte ihn drei Jahre lang nicht gesehen, aber er wirkte wesentlich älter als in ihrer Erinnerung.

Alle starrten ihn an. Eine der Fremden lachte hinter vorgehaltener Hand.

»Oh«, sagte Pyxeas schließlich. »Bin ich zu spät? Ihr hättet ohne mich anfangen sollen.«

Ywa stand auf. Ihr schwarzer Eulenumhang raschelte, als sie auf leere Sitze vor der Bühne zeigte. »Setz dich bitte, Onkel. Und bringe deinen … äh … Begleiter mit.«

»Wo ist die Delegation aus Kathai? Mein Kollege Bolghai hatte versprochen, mir seine gesammelten Informationen über Veränderungen der Atmosphärengase zu zeigen … ohne die werden wir nicht weiterkommen. Aber wenn er nicht da ist, dann ist er nicht da.« Er sah zu Ywa auf. »Fahr fort, mein Kind, fahr fort.«

Alxa bewunderte Ywas Ruhe im Angesicht einer solchen Provokation. Sie sah sich im Saal um. »Willkommen bei der Gabenverteilung. Wer möchte als Erstes an den Rat herantreten?«

Die ausländischen Delegationen schickten nacheinander je einen Sprecher zu den Anniden.

Ein Franke aus Nordgaira äußerte sich als Erster. Er trug ein Wollhemd und schwere Lederbeinkleider. Sein graublondes Haar war lang und er hatte einen sorgfältig zurechtgeschnittenen und gekämmten Oberlippenbart. Er war alt für einen Bauern – mindestens vierzig – und Alxa fand, dass sein Gesicht seltsam schlaff wirkte, wie ein leerer Sack. Es war das Gesicht eines Manns, der einst dicker gewesen war. »Es fing mit den Regenjahren an«, sagte er. »Für uns liegt das fünf Jahre zurück … ich weiß, dass es an anderen Orten ein wenig anders anfing. Im ersten Sommer fielen faustgroße Hagelkörner, die unser Getreide zerquetschten …« Während er redete, flüsterten die Händler und Vermittler aus dem Haus der Dohlen den Anniden ihre Übersetzung ins Ohr. »Wir versuchten es trotzdem zu ernten, aber es war durchnässt und weich. Sogar das Heu war so nass, dass wir nichts damit anfangen konnten. Das Vieh blieb im Schlamm stecken oder ertrank, Kühe und Schafe. Als der nächste Sommer kam, waren unsere Vorräte aufgebraucht. Es regnete so stark, dass wir nicht säen konnten. In dem Jahr mussten wir das restliche Vieh schlachten.« Er war ein stolzer Mann, das sah Alxa. Für ihn musste es schrecklich sein, andere um Hilfe zu bitten. Und doch war er hier.

Während der Franke redete, machte sich murmelnd und flüsternd Pyxeas mit Feder und Tinte Notizen auf seinem teuren kathaiischen Papier. Der Kaltländer ging ihm dabei zur Hand, indem er ihm Papier anreichte oder Wasser nachschenkte. Pyxeas wirkte nervös und konzentriert, aber auch erschöpft. Alxa sah, wie sein Kopf immer wieder nach unten sackte und seine Feder verharrte. Dann nickte er ein, nur um kurz darauf hochzuschrecken, ein seltsam bellendes Grunzen auszustoßen und sich hektisch wie ein kurzsichtiger Vogel umzusehen.

»Ich werde es kurz machen«, sagte der Franke. »Wir haben uns große Hoffnungen für dieses Jahr gemacht. Aber der Winter war höllisch, wie ihr alle wisst. Lange nach der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche war der Boden immer noch schneebedeckt. Selbst als der Schnee endlich schmolz, konnten wir nicht pflügen, weil der Boden weiterhin gefroren war! Uns ging das Brennholz aus. Wir flehten unsere Götter an. Wir haben geopfert, was wir konnten. Uns ist fast nichts geblieben. Meine Priester sagen, dass nur die kleinen Mütter des Nordlands noch zuhören. Also bin ich hierhergekommen, Annid der Anniden. Früher haben wir euch auch in eurer Not beigestanden.«

»Ihr seid unsere Freunde«, sagte Ywa. »Fränkische Krieger beschützen unsere Ostflanken vor Übergriffen germanischer Banditen.«

»Während wir im Süden germanische Soldaten stationiert haben, die fränkische Nestplumpser vertreiben«, flüsterte Rina Alxa zu, »aber das sollten wir diesem Mann vielleicht nicht erzählen.«

Der Bauer wirkte so würdevoll, dass der Zynismus ihrer Mutter Alxa abstieß.

Alle waren erleichtert, als der alte Gairaner sich schließlich verbeugte und zurückzog. Doch die nächsten Redner, zuerst weitere aus Gaira, dann aus den germanischen Nationen südlich des großen Waldes erzählten die gleiche Geschichte: jahrelanger Regen, Missernten, Hunger und jetzt auch noch Kälte. Die bedrückenden Berichte nagten an Alxa. Blieb denn kein Ort verschont?

Als Nächstes trat ein karthagischer Würdenträger namens Barmokar vor die Anniden. Er war ungefähr vierzig Jahre alt, was die Vermutung nahelegte, dass sein tiefschwarzes Haar gefärbt war. Er trug ein Gewand aus schwerem purpurfarbenem Stoff, ein Farbton, um den die Modehäuser des Walls die Karthager beneideten und dessen Geheimnis sie nicht preisgaben. Alxa kannte Barmokars Frau. Sie hieß Anterastilis und war ebenso elegant wie arrogant. Sie fragte sich, in welchem Verwandtschaftsverhältnis Mago zu Barmokar stand – ob er ein Sohn war oder vielleicht ein Neffe. Karthago war ein Reich von Händlern, in dem es im Gegensatz zu den anderen Bauernnationen wie beispielsweise den Hattiern, keine Könige und Prinzen gab. In Karthago wie auch in Nordland bestimmten Familienbande über die Machtverteilung.

Barmokar sprach als Erster nicht vom Regen, sondern von einer Dürre, die von den einst fruchtbaren Ebenen Nordafrikas Besitz ergriffen hatte.

»Jahrelange Trockenheit. Ich glaube nicht, dass Sie sich das vorstellen können. Der Boden wird rissig und trocknet aus. Die Erde wird vom Wind weggeweht. Das Vieh liegt in der Sonne und ist zu schwach, um die Fliegen, die es umschwärmen, zu vertreiben. Und die Kinder mit ihren geschwollenen Bäuchen … ganze Dörfer werden von Krankheiten dahingerafft. Doch trotz unserer eigenen Not versuchen wir Karthager dafür zu sorgen, dass unsere Nachbarn nicht leiden …«

»Ich konnte Karthager noch nie leiden«, flüsterte Rina Alxa zu. »Arrogant, tyrannisch und manipulativ. Ich bin vor der Rhetorik dieses Mannes gewarnt worden. Er wird behaupten, dass Karthago eine große und vor allem großzügige Nation ist, aber gleichzeitig wird er zwischen den Zeilen um Fisch und Kartoffeln betteln. Er will gut dastehen, aber auch bekommen, was er braucht … ach, ich kann mir das nicht anhören.« Sie stand auf und sagte laut: »Ich möchte kurz etwas sagen, Cousine Ywa. Mein lieber Prinz Barmokar, ich bin verwirrt.« Ihre Worte wurden rasch in Barmokars gutturale Sprache übersetzt. »Diese Tragödie, die Sie uns hier ausmalen … wollen Sie damit Gaben erbetteln? So wie die anderen, die Franken und Germanen und der Rest dieser ›armen, primitiven Bauern‹, wie Sie sie so gerne nennen? Und wollen Sie wirklich etwas von uns annehmen, obwohl Sie uns für ›einen Schandfleck der Ignoranz und Inkompetenz auf einem unterentwickelten Land‹ halten?«

Barmokar starrte sie an. Sein Gesicht färbte sich rot.

Ywa seufzte. »Setz dich, Cousine. Dieser Mann ist Botschafter.«

Rina gehorchte. Aber Alxa sah ihr an, dass sie mit dem Ergebnis, das sie erzielt hatte, zufrieden war.

Barmokar fuhr fort: »Im Gegenteil, Madame. Wenn Sie mich nicht unterbrochen hätten, dann hätte ich Ihnen erklären können, dass wir nur hier sind, um unseren Nachbarn und Verbündeten unsere Hilfe anzubieten.« Er lächelte und breitete zum Zeichen seiner Großmut die Arme aus. Er sprach von Geschenken und Gaben.

Aber Alxa, die noch recht unbedarft war, was solche Duelle betraf, sah, dass ihre Mutter ihm mit ihren Worten die Möglichkeit genommen hatte, subtil um Hilfe zu bitten, so wie er es geplant hatte. Seine Erniedrigung war ebenso unübersehbar wie die Schadenfreude der Hattier, die seit langem Rivalen der Karthager waren. Alxa fragte sich, wie viele karthagische Kinder wegen dieses gemeinen, kleinen Schlagabtauschs hungern würden.

»Unsere gute alte Mutter hatte schon immer einen Giftpfeil anstatt einer Zunge«, sagte Nelo.

Trotzdem meldeten sich die Delegierten weiter zu Wort. Einer nach dem anderen trug seine Leidensgeschichte vor. Pyxeas machte sich unablässig Notizen, bis sich unter seinem Stuhl ein Stapel aus Papier und Schiefertafeln bildete.

Nur die schroffen Albier, kräftig gebaute Männer, die sich in Bärenfelle hüllten, saßen reglos da. Sie beschwerten sich weder über Armut, noch gaben sie mit Reichtum an. Man kannte sie auf dem ganzen Kontinent. Ihre Priesterkrieger reisten durch die nördlichen Länder, durch Gegenden, die einst Ackerland gewesen waren, und nun dem Wald zurückgegeben worden waren. Sie predigten die Rückkehr zu den alten Göttern des Nordens. Alle wussten, dass es ihnen gut ging. Diese kräftigen, starken Männer waren nur hierhergekommen, um den Abgesandten der hungernden Bauernvölker klarzumachen, dass jeder Versuch, sich an den Gaben ihres uralten Waldes zu bedienen, aufs Schärfste bestraft werden würde.

»Kannst du dich noch an die Gebefeste unserer Kindheit erinnern?«, fragte Alxa Nelo leise. »Wettrennen am Strand. Wettschwimmen. Menschen, die ihre exotischen Früchte und andere Dinge mitbrachten. Und die scharf gewürzten Fleischspieße, die wir eigentlich nicht essen durften. Schwertkämpfe und Kavallerieturniere … Und jetzt das.«

Nelo zuckte mit den Schultern.

Aber es stimmte. Der langsame Zusammenbruch der Welt, die zunehmende Kälte, die Überflutungen, die Dürren und Hungersnöte fielen mit Alxas Erwachsenwerden, mit ihrer Reise in die komplizierten Jahre der Pubertät zusammen. Manchmal fragte sie sich, ob sie ihre eigenen düsteren Stimmungen auf die Welt projizierte. Aber nein, die Welt wurde tatsächlich schlimmer und sie hatte das Pech, darin aufzuwachsen.

Als die Bittsteller zu Ende gesprochen hatten, wandte sich Ywa an Pyxeas und wartete.

Erst nach einer Weile schien ihm aufzufallen, dass es im Saal still geworden war. Mit dem Griffel in der Hand sah er auf. »Was? Hm? Sind wir fertig?«

»Das sind wir, Onkel. Hast du nicht zugehört?«

»Natürlich habe ich das, Mädchen. Du warst schon als Kind zu ungeduldig.« Seine Zurechtweisung der Annid der Anniden sorgte für einige hochgezogene Augenbrauen im Saal. »Ich nehme an, dass du jetzt über die Verteilung der diesjährigen Gaben entscheiden willst.«

»Deshalb sind wir hier«, sagte sie trocken.

»Ich, Pyxeas, habe aber auch noch etwas zu sagen.« Er warf einen Blick auf die Fremden. »Allerdings nicht vor all diesen Leuten. Was ich zu sagen habe, ist für deine Ohren bestimmt … und die der anderen Anniden … die des Wasserrats. Für die Ohren der Nordländer. Danach kannst du entscheiden, was du unseren Gästen sagst.«

Ywa dachte einen langen Moment darüber nach. Dann stand sie auf und wandte sich an die Delegierten. »Entschuldigen Sie mich. Wir müssen uns zu einer Privatbesprechung zurückziehen. Wir werden uns morgen früh wieder treffen. Ich kann Ihnen allen versichern, dass wir uns das, was Sie uns erzählt haben, zu Herzen nehmen werden. Bitte genie­ ßen Sie auch weiterhin unsere Gastfreundschaft. Thaxa, würdest du dich um alles andere kümmern?«

»Natürlich.« Alxas Vater stand freundlich lächelnd auf. Er war in seinem Element. »Bitte warten Sie einen Moment und lassen Sie sich mit Erfrischungen verwöhnen, während ich Eskorten für Sie alle besorge …« Als er aus dem Saal eilte, erhoben sich die Fremden kopfschüttelnd und nörgelnd, und verteilten sich im Raum.

8

Sie versammelten sich in einem weitaus weniger festlichen Nebenraum des großen Saals. Die Anniden und die Hausältesten lockerten ihre formelle Kleidung, legten die schweren Umhänge ab, setzten sich auf Bänke und Stühle und ließen sich von den Dienern, die Ywa herbeigerufen hatte, Tee und Wasser bringen.

Nur Pyxeas und sein Begleiter aus Kaltland blieben in der Mitte des Raums stehen. Alxa erinnerte sich daran, dass ihr Großonkel sie in den längst vergangenen Tagen ihrer Kindheit mit magischen Kunststücken unterhalten und später versucht hatte, ihr ein wenig Wissen zu vermitteln. Er war ein großer, jovialer Mann gewesen, der viel gelacht hatte. Doch als sie nun seinen Gesichtsausdruck sah und daran dachte, welche Tragödien sie sich an diesem Tag bereits hatte anhören müssen, fürchtete sie sich vor dem, was er zu sagen hatte.

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