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Hassan al Watidy, alternder hochrangiger Geheimdienstler in einem autokratisch regierten arabischen Land, befürchtet vom diktatorisch herrschenden Machthaber Präsident Marzuq al Omari aufs Abstellgleis geschoben zu werden und damit seine Macht einzubüßen. Doch Watidy gedenkt nicht, dem einfach tatenlos zuzusehen. Er beschließt, den Präsidenten abzusetzen. Doch zur Umsetzung seines verwegenen Plans braucht er eine Atombombe. Diese kann ihm Dimitri Vasilenko, ein Capo der Russenmafia, liefern. Durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle fällt die Bombe jedoch auf ihrem Weg nach Dubai in die Hände eines vollkommen Unbeteiligten - und der hat seine ganz eigenen Pläne zum Einsatz der für die Verschwörer bestimmten Atomwaffe. Eine atemlose Jagd nach der Bombe durch Mitteleuropa beginnt...
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Seitenzahl: 402
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Markus H. Foedisch
Normale Verrückte
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Impressum neobooks
Markus Foedisch
Normale Verrückte
Für Verena,
meine große Liebe.
© COPYRIGHT 2012 by Markus H. Foedisch
Published 2012 by Corsario Levante S.L., Valencia, Spain
Der Titel ist bei Lektoren.ch unter Hinweis auf § 5 Abs. 3 MarkenG in allen Schreibweisen und Darstellungsformen geschützt und im Online-Titelschutz-Anzeiger veröffentlicht worden.
Das Buch, einschließlich all seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.
Reitan hatte schlecht geschlafen - wie so oft in letzter Zeit.
Die halbe Nacht hatte er sich schweißgebadet in seinem Bett hin und her gewälzt, geplagt von einem wüsten und wirren Traum, der ihn bereits um 5 Uhr 52 aus seinem unruhigen Schlaf hatte hochfahren lassen, wie er mit einem Blick auf die Leuchtziffern des Bose Sound Systems in der Dunkelheit feststellte.
Er entschloss sich dazu, sofort aufzustehen. Gerade heute wollte er vor allen anderen im Unternehmen sein. Seitdem sie in einem eigenen Schlafzimmer schlief, brauchte er keine Rücksicht mehr auf seine Frau zu nehmen.
Er wuchtete seinen immer noch gut trainierten Körper energisch aus dem Bett, schaltete das Licht ein und ging mit einigen entschlossenen Schritten in sein Bad.
Sein Blick blieb im Spiegel an der Reflexion seiner Augen hängen.
Müde sah er aus, dachte er bei sich.
Wo war es nur geblieben, das Feuer, die Intensität in seinem Blick, die in jungen Jahren doch so etwas wie sein Markenzeichen, ein scheinbar unauslöschliches Charakteristikum und das bestimmende Element in seinem Antlitz gewesen war. Früher hatte er auf Fotos, auf denen er gemeinsam mit anderen zu sehen gewesen war, meist mit ernster Miene direkt in die Kamera blickend immer aus der Gruppe herausgestochen. Jedem Betrachter war sofort die Intensität des Blickes dieses ernsten jungen Mannes aufgefallen, die die ihm innewohnende Stärke erahnen ließ und ihn von den anderen immer abgehoben hatte.
Die Kraft, sie hatte ihn verlassen, war Stück für Stück erstorben, abgetötet durch die zahlreichen Enttäuschungen, verlorenen Illusionen, gescheiterten Träume und ertragenen Verletzungen, sprichwörtlich auf der Strecke war sie geblieben.
Das Schicksal hatte ihn in seinem Leben nicht geschont, der frühe Tod seines Vaters - er war nur zweiundsechzig Jahre alt geworden - hatte ihm schon früh die Verantwortung für das Unternehmen aufgelastet, gerade einmal einunddreißig Jahre alt war er damals gewesen. Die große Verantwortung, der zermürbende Gleichlauf seines Alltags, die tiefempfundene Sinnlosigkeit all seiner Handlungen und nicht zuletzt die jahrelangen erbittert geführten Kämpfe mit seiner Ehefrau Gracia hatten ihn langsam aber sicher innerlich ausgehöhlt, bis Frustration die letzte Emotion gewesen war, die noch in ihm war.
Er schüttelte die trüben Gedanken ab und begann sich zu rasieren.
Heute war der Tag - heute würde sein Befreiungsschlag seine gesamten Probleme ein für alle Mal beenden.
Er konnte sich bei dem Gedanken an das darauf folgende Entsetzen und die Fassungslosigkeit seiner Ehefrau, seiner Familie, seiner sogenannten Freunde und seiner Mitarbeiter ein beinahe hämisches Grinsen nicht verkneifen - fast hätte er sich in die Lippe geschnitten.
Rache war schon auch dabei, das musste er sich eingestehen, doch es kümmerte ihn herzlich wenig, wie andere danach seine Motive beurteilen mochten.
Nachdem er sich rasiert, geduscht, die Zähne geputzt und angezogen hatte, ging er mit lockeren, fast beschwingten Schritten die Treppe herab und durchquerte zügig die große Halle, um sich in die geräumige Küche zu begeben.
Es war mittlerweile halb Sieben, in einer halben Stunde würde die Haushälterin ihren Dienst antreten, genug Zeit also für einen schnellen Kaffee bevor er das Haus verlassen würde, um ein Zusammentreffen mit sowohl der Haushälterin als auch mit seiner Frau zu vermeiden.
Die Wahrscheinlichkeit für ein Zusammentreffen mit seiner Frau zu dieser Stunde war ohnehin denkbar gering, es sei denn, ein allfälliger hart erarbeiteter Kater und der damit einhergehende Durst würde ihrem Schönheitsschlaf ein frühzeitiges Ende bereiten.
Nachdem er seinen Kaffee getrunken hatte, kehrte er raschen Schrittes in die Eingangshalle zurück, griff sich von der großen Teakholzkommode seine Wagenschlüssel und verließ das Haus.
Schnell überquerte er den gekiesten Vorplatz seines Hauses, entriegelte die Türen bereits auf halbem Weg zum Wagen und setzte sich in seinen metallicgrünen Jaguar XJ.
Es war exakt 6:47 Uhr, als er den Motor anließ.
Vasilenko hatte hervorragend geschlafen.
Dimitri hatte gestern zwei seiner verdientesten Jungs befördert. Die beiden hatten in letzter Zeit verdammt viel Geld reingebracht und durch die jüngsten Verhaftungen herrschte in Vasilenkos Organisation ein gewisser Bedarf an neuen Führungskräften, damit ein reibungsloser Ablauf der Geschäfte sichergestellt war. Die anschließende Feier in einem seiner Clubs war ausgiebig gewesen, der Wodka war in Strömen geflossen und dank des hervorragenden Kokains, das er seit geraumer Zeit von seinen kolumbianischen Freunden bezog, hatten alle bis zum Morgen durchgehalten und auch noch ausgiebigen Gebrauch von den Diensten der zahlreich anwesenden Schönheiten gemacht.
Alles auf Vasilenkos Kosten, versteht sich.
Divide et impera, Teile und herrsche - er hatte seinen Machiavelli gelesen und auch verstanden, davon war Dimitri felsenfest überzeugt.
Er versuchte über den nackten Arsch des Mädchens, das mit den Füßen zum Kopfteil seines gigantischen Bettes schlief, hinweg einen Blick auf die antike massivgoldene russische Tischuhr aus dem Haus seines Vorgängers zu erhaschen, die er seinerzeit mitgenommen hatte - nachdem er seinen damaligen Boss ausgeschaltet hatte.
Es gelang ihm nicht, die Uhr ins Blickfeld zu bekommen, ohne sich aufzurichten - selbst im Schlaf streckte Elena ihren zugegebenermaßen anbetungswürdigen Arsch noch derart heraus, dass er im Weg war.
Widerwillig setzte er sich auf.
Verdammte Scheiße, es war schon fast drei.
Höchste Zeit, dass er seinen Arsch aus dem Bett bekäme, bald würde sich sein neuer Kunde melden und der war wichtig und vor allem zahlungskräftig genug, um das seltene Privileg zu haben, mit dem Boss persönlich zu sprechen.
Zu diesem Kunden war Dimitri durch die Vermittlung eines südafrikanischen Waffenhändlers gekommen, den er schon lange kannte und der erst vor kurzem neben einer großen Anzahl AK 47 und mehreren AK 100 Sturmgewehren auch einige Igla Lenkwaffensysteme von Vasilenko gekauft hatte.
Dimitri war sehr stolz, die 9K38 Igla in seinem Sortiment zu haben - schultergestützte Flugabwehr-Lenkwaffen waren äußerst schwer zu beschaffen und erzielten somit hervorragende Preise auf dem inoffiziellen Markt. Diese Flugabwehrraketen waren wohl für somalische Piraten bestimmt gewesen, die die Waffen zur Verteidigung gegen Angriffe durch NATO-Kampfhubschrauber benötigten. Piraterie war ein weltweiter Wachstumsmarkt und so kamen russische Qualitätswaffen doch noch mal zum Einsatz gegen den alten Gegner, die NATO.
Der neue Kunde sollte, wenn alles glatt ging, Vasilenkos Pensionsvorsorge werden. Die Geschäfte waren gut gelaufen in den letzten Jahren, doch er hatte auch viel Glück gehabt und machte sich keine Illusionen darüber, dass ein Boss früher oder später nur auf zwei Arten enden konnte: entweder tot, erschossen von den eigenen Leuten, der Konkurrenz oder der Polizei, oder aber für sehr lange Zeit im Gefängnis - was im Endeffekt das Gleiche war wie tot.
Er gedachte, diese scheinbare Gesetzmäßigkeit der organisierten Kriminalität zu brechen und würde sich nach der Abwicklung dieses allerletzten großen Geschäfts aus der Organisation zurückziehen, um noch rechtzeitig den Absprung zu schaffen.
Er würde sich mit ein paar jungen Frauen als Gesellschaft und einigen für seine Sicherheit verantwortlichen Bodyguards in einem hübschen kleinen Drittweltweltstaat niederlassen, würde seine Zeit im Bett, auf dem Golfplatz, am Strand und auf seinem Boot verbringen. Jeden Tag würde er dem süßen Müßiggang frönen und nur noch das tun, was ihm Freunde machte. Dimitri würde irgendwo unter südlicher Sonne in Luxus steinalt werden, so war sein Plan.
Doch jetzt zuerst einmal: Frühstück.
Dimitri langte nach dem kleinen goldenen Spiegel auf dem Nachttisch neben ihm, legte sich eine ordentliche Line Kokain auf und zog diese geräuschvoll durch einen gerollten 500 Euro Schein - er war kein Freund dieser goldenen Metallröhrchen, die manche benutzten, er liebte Geld, es war der Dreh- und Angelpunkt seines Lebens, also durch was konnte man Koks stilvoller ziehen als durch einen druckfrischen großen Schein? Hauptsache das Geld war von der EZB oder der Federal Reserve Bank produziert worden - mit Rubel würde er sich noch nicht mal seinen haarigen Hintern wischen.
Das Mädchen wurde durch die unerwartete Aktivität neben ihr wach, hob ihren Kopf, blinzelte Dimitri aus unterlaufenen Augen an und fragte:
„Dimitri, bist Du schon wach?“
So reizvoll ihr Körper auch war, sie war doch ein verdammt einfach gestricktes Mädchen - diese Gesellschaft konnte er jetzt gar nicht gebrauchen.
„Scharfsinnig wie immer, Elena. Beweg Deinen Arsch hier raus und such Sergej. Er muss irgendwo unten sein. Ich will ihn sprechen - JETZT.“
Sie verzog ihr Gesicht kurz zu einer beleidigten Schnute, schwang jedoch keine zwei Sekunden später ihre langen perfekt enthaarten Beine aus dem Bett, langte nach ihrem am Boden liegenden roten Minikleid und verließ eiligen Schrittes das Schlafzimmer - sie kannte ihren Platz auf dieser Welt.
Vasilenko zog noch eine weitere Line, langte nach seiner Schachtel und zündete sich die erste Zigarette des neuen Tages an. Während er rauchte, strich er sich versonnen über die Narbe, die sich von seiner rechten Schläfe bis zu seinem Kinn zog - ein Andenken an einen Aufenthalt im Moskauer Untersuchungsgefängnis Butyrka vor Jahren. Das selbstgefertigte Messer des Mitgefangenen hatte seinerzeit in dem Duschraum Dimitris Auge nur um Haaresbreite verfehlt - der Besitzer des Messers hatte seine Haftentlassung damals keine 24 Stunden überlebt.
Es klopfte.
„Komm rein.“
„Morgen Dimitri, hattest Du eine angenehme Nacht?“
„Danke - ich kann nicht klagen. Du schon lange auf den Beinen?“
„Seit Zehn. Du weißt ja, vier Stunden reichen mir. Seit Afghanistan.“
Wie viele Menschen Vasilenkos rechte Hand Sergej Lasko im Laufe seines Lebens getötet hatte, wusste er wohl selbst nicht. Zuerst hatte er als junger Soldat Ende der 1980er Jahre in Afghanistan im Aufrag der UdSSR zahllose Mudschaheddin getötet, dann als freiberuflicher Problemlöser in den Wirren der Wendejahre jeden, für dessen Tod jemand bezahlte und schließlich hatte er sich in Diensten der Bratwa, der Bruderschaft einen ausgezeichneten Ruf als eiskalter Killer erworben.
Sergej war Vasilenkos einziger wahrer Freund, sie hatten sich gemeinsam durch die Hierarchie nach oben gearbeitet und gemordet, bis sie an der Spitze angelangt waren - Dimitri der Boss, Sergej seine rechte Hand, in der italienischen Cosa Nostra würde man ihn wohl einen Consigliere nennen.
Durch ihre gemeinsame Vergangenheit in der Armee verfügten sie noch immer über hervorragende Kontakte zu hohen Offizieren in Armee und Geheimdienst - ein unschätzbares Kapital für die Beschaffung von Waffen und eine notwendige Lebensversicherung in Wladimir Putins Russland - niemand von ihnen wollte Michail Chodorkowski im Straflager Gesellschaft leisten oder mit einer Kugel im Kopf enden.
Viele der dienstbaren Geister in den Reihen der Armee und anderer Sicherheitsbehörden, die im Stillen auch für Vasilenkos Organisation arbeiteten, hatten von Dimitri über die Jahre mehr Geld erhalten, als sie sich in ihren wüstesten Fantasien erträumt hatten. Ihre Gegenleistung waren Hilfestellungen aller Art, die Weitergabe von vertraulichen Informationen und die diskrete Lieferung des begehrtesten Handelsgutes dieses Planeten gewesen: Waffen.
Waffen waren der Schlüssel zu allem - nicht nur in Russland, sondern weltweit.
Die russische Waffenindustrie mischte über Zwischenhändler verschiedenster Art wieder kräftig auf dem Weltmarkt mit - auf dem offiziellen wie auf dem inoffiziellen.
Der sogenannte arabische Frühling hatte einen gigantischen Nachfrageschub bei Waffenhändlern ausgelöst. Zahlreiche Machthaber in der arabischen Welt versuchten trotz diverser Sanktionen des Westens aufzurüsten, um sich ein Schicksal wie das des Muammar al Gaddafi zu ersparen, gleichzeitig versuchten Rebellengruppen aller Art sich ebenfalls große Mengen an Kriegsgerät zu beschaffen, um an die Macht zu gelangen. Von Islamisten diversester Prägung über Al Kaida bis hin zu somalischen Piraten und waffengeilen lokalen Scheichs ganz zu schweigen.
Die üblichen Verdächtigen, wie die kolumbianischen und mexikanischen Drogenkartelle, die Cosa Nostra, Camorra, N’drangheta und ähnliche Organisationen waren ohnehin feste Größen auf dem inoffiziellen Waffenmarkt.
Alle diese autokratischen Regime, subversiv operierenden Organisationen und Gruppen wollten in den Besitz von Kriegswaffen gelangen und Vasilenkos Organisation belieferte sie fast alle, nur von Putins Freund Assad, der derzeit auch versuchte, aus allen möglichen Quellen Nachschub für seine in einen Bürgerkrieg verstrickte Armee anzukaufen, mussten sie leider die Finger lassen, wie ihnen von der russischen Regierung über diskrete Kanäle mitgeteilt worden war.
Es waren wahrhaft goldene Zeiten für Dimitri und seine Männer.
Ihre Gewinne waren gigantisch, sie hatten einen guten Ruf in den entsprechenden Kreisen, galten als äußerst verlässlich und man erzählte sich, dass man über sie auch ansonsten schwer verfügbare Waffensysteme beschaffen konnte - die finanziellen Mittel vorausgesetzt, versteht sich.
„Hast Du alles für den Video-Anruf vorbereitet?“, fragte Dimitri, während er sich eine neue Zigarette anzündete und sein Bett verließ.
„Selbstverständlich. Fabrikneuer Laptop, vor einer Stunde ausgepackt, neuer mobiler Internetzugang, vor fünf Minuten das erste Mal online gegangen, brandneuer Skype-Account, gerade eingerichtet. Ich habe gerade Artjom losgeschickt, damit er unseren Freunden den entsprechenden skype-Namen faxt. Ichhabe ihm eingeschärft, dass er das Fax von einem Hotel schicken soll, das nichts mit uns zu tun hat. Die Kommunikation sollte somit sicher sein. So schnell ist noch nicht mal die verdammte NSA, als dass sie davon Wind bekommen könnte. In etwa zehn Minuten sollten wir also bereit sein. Wo willst Du mit ihnen reden? Hier?“
„Ja, auf jeden Fall. Hier haben wir unsere Ruhe. Es gibt ja eigentlich ohnehin nicht wirklich etwas zu besprechen, aber unsere arabischen Freunde sind ein wenig nervös, wie mir scheint. Sie stellen immer viele Fragen. Diese Muslims sollten einfach mehr saufen, dann würden sie ruhiger werden.“
Dimitri und Sergej lachten.
„Ist die nächste Teilzahlung vereinbarungsgemäß auf den Caymans eingetroffen?“, wollte Vasilenko wissen.
„Heute früh. Pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk. Bis jetzt halten die Araber Wort.“
„Weißt Du, Sergej, ich glaube, heute wird ein guter Tag. Darauf sollten wir trinken.“
Dimitri öffnete breit grinsend eine Flasche Wodka Kristall 100 und goss zwei Gläser ein.
Einige Wochen zuvor.
Man konnte al Watidy mit Fug und Recht als einen eitlen Mann bezeichnen.
Der Name Hassan bedeutet schön - ein absolut passendender Name für Watidy, wie er selbst meinte. Schon jenseits der Sechzig, aber immer noch schlank, trug der alternde Geheimdienstler ausschließlich Maßanzüge, die er sich aus London einfliegen ließ.
Immer noch hielt er sich für einen unwiderstehlichen Womanizer und dank der enormen Mengen Viagra, die er verbrauchte, stellte er seine Manneskraft annähernd jede Nacht aufs Neue unter Beweis, vorzugsweise mit Mädchen, die ihren sechzehnten Geburtstag noch nicht erreicht hatten und unberührt waren. Er beschäftigte in aller Stille eigens zwei Männer, deren ausschließliche Aufgabe es war, den beständigen Nachschub an neuen Mädchen sicher zu stellen.
Für seine Jungfrauen, wie er zu sagen pflegte, hatte er über die Jahre ein nicht mehr kleines Vermögen ausgegeben, doch schließlich lebte man nur einmal, er hatte keine Kinder oder sonstige Familie, also was sollte er schon sonst anfangen mit seinem Geld?
Sein markantes Gesicht mit der Raubvogelnase war im gesamten Land bekannt, gefürchtet und verhasst - und dies, obwohl kaum Fotos von ihm existierten.
Watidy hatte seinem Geheimdienst seit der Beendigung seines Armeedienstes in verschiedensten Funktionen gedient, war in nachrichtendienstlichen Kreisen als verlässlicher Partner bekannt und genoss hohes Ansehen - auch bei westlichen Nachrichtendiensten.
Der Krieg gegen den Terror war ein wahrer Segen für seine internationale Reputation gewesen, die CIA hatte sich sehr dankbar dafür gezeigt, dass sie diverse Terrorverdächtige an Watidys Geheimdienst zur Befragung übergeben konnte, er hatte die diesbezüglich in ihn gesetzten Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern stets übertroffen.
Damit hatte er seinem Land einen großen Dienst erwiesen, schließlich waren sie jahrelang so etwas wie Parias der Weltgemeinschaft gewesen. Ebenso durch die jahrelange Unterdrückung jedweder Opposition im Lande hatte er Präsident Marzuq Amir al Omari immer treu und aufopferungsvoll gedient.
Doch nun zeigte sich, dass sich die diesbezügliche Dankbarkeit des Präsidenten wohl in engen Grenzen hielt.
Watidy war zwar mittlerweile Staatssicherheitsdirektor und der Minister für Staatssicherheit würde bald zu alt für die Erfüllung seiner Pflichten sein, jedoch wurde ihm vor kurzem aus dem Umfeld des Präsidenten in aller Vertraulichkeit mitgeteilt, dass der Staatschef wohl einen anderen, jüngeren Offizier als Nachfolger des Ministers vorziehen würde.
Diese Kränkung würde Watidy nicht so ohne weiteres akzeptieren - er hatte nicht sein ganzes Leben dem Dienst an Präsident, Partei und Land verschrieben, um nun tatenlos zuzusehen, wie irgendein wesentlich unerfahrenerer Offizier als er selbst es war die zukünftige Entwicklung des Geheimdienstes nach seinen Vorstellungen gestalten konnte und er dessen Anweisungen umsetzten sollte.
Der Präsident hatte mit dieser Entscheidung einen folgenschweren Fehler begangen - niemand sollte Hassan al Watidy unterschätzen.
Der Geheimdienstler hatte sich aufgrund der beunruhigenden Neuigkeiten aus dem Präsidentenpalast auf ein gefährliches Spiel eingelassen, wobei er mehr von seiner Eitelkeit und seinem Ehrgeiz getrieben wurde, als von der Sorge um den Geheimdienst.
Es war ein offenes Geheimnis im Land, dass Abdullah Mohammad al Omari, der jüngere Bruder des Präsidenten, mit dessen Amtsführung und dessen Visionen für die Zukunft des Landes nicht einverstanden war.
Abdullah Mohammad war das, was man als religiösen Eiferer bezeichnet.
Der Bruder des Präsidenten besuchte mit an Manie grenzender Häufigkeit die Moschee, traf sich regelmäßig zum Gedankenaustausch mit bedeutenden Schriftgelehrten, las täglich im Koran, konnte zahlreiche Suren aus dem Gedächtnis rezitieren, kleidete sich traditionell und lehnte alles, was an westlichen Einflüssen im Land bemerkbar war, kategorisch ab.
Marzuq Amir al Omari, der Präsident, hatte in Oxford studiert, war nicht sonderlich religiös, schätzte französische Rotweine, schaute die Nachrichten auf GNN, las die International Herald Tribune, weilte oft und gerne in New York und kleidete sich nach der westlichen Mode, Ausrichtung konservativer Staatsmann. Er hätte seiner Optik nach genauso gut der Premier eines südeuropäischen Staates sein können, von seinen politischen Überzeugungen her jedoch weniger, da er die Demokratie für eine absolut untaugliche Staatsform hielt und das Land seit dem Tod seines Vaters als dessen Nachfolger mit eiserner Hand regierte.
Watidy hatte sich kurz nachdem ihm klar geworden war, dass er nicht Minister werden würde, subversiv mit Abdullah al Omari in einem verschwiegenen Raum einer großen Moschee in der Hauptstadt getroffen, um mit aller Vorsicht Abdullahs Bereitschaft zu einer Teilnahme an einem Komplott gegen seinen präsidentiellen Bruder abzuklären.
Abdullah war als ewige Nummer Zwei seiner Familie sofort von der Aussicht begeistert gewesen, seinen Bruder im Amt des Präsidenten beerben zu können und hatte sich sogleich in enthusiasmierten Monologen über die Einführung der Scharia, den Siegeszug des Islam und der Größe eines Landes, das buchstabengetreu nach den Worten des Koran ausgerichtet war, ergangen.
Watidy war nicht gerade sonderlich gläubig, geschweige denn war er ein glühender Verfechter des Islam.
Er brauchte al Omari jedoch, da er - wieihm sehr bewusst war - im Volk nicht gerade beliebt war und auch in den Reihen der Minister des Landes zahlreiche Gegner hatte.
Das Volk brauchte eine Identifikationsfigur und al Omari stand für eine gewisse Kontinuität in der Herrschaftsfolge und war durch seine zahlreichen wohltätigen Werke ein Mann von hohem Ansehen im Volk.
Sollte Abdullah seine Scharia doch haben, die Gesetze dieses Landes hatten noch nie Gültigkeit für Watidy besessen - und das sollte auch so bleiben.
Al Omari sollte für das Volk und für das Ausland scheinbar die Macht inne haben, die Fäden ziehen würden jedoch andere: Watidy selbst und General Azzam bin Bandar, der derzeitige stellvertretende Oberkommandierende der Vereinigten Streitkräfte, der ein ähnliches Problem wie Watidy hatte und ebenso fürchtete, trotz seiner Verdienste um das Land auf das Abstellgleis geschoben zu werden.
General bin Bandar - der Schlächter, wie ihn die ausländische Presse wenig schmeichelhaft titulierte - konnte als hochdekorierter Kriegsheld mit hohem Ansehen in der Truppe die bedingungslose Gefolgschaft weiter Teile der Armee garantieren, was entscheidend war, da sich Watidy zwar auf seinen Geheimdienst stützen konnte, bei einem offenen Konflikt mit der Armee jedoch würde der Dienst alleine aufgrund der Mannstärke und der Bewaffnung mit schweren Waffen auf Seiten der Armee hoffnungslos unterlegen sein.
Die Polizeikräfte des Landes stellten jedoch keine ernstzunehmende Bedrohung für Watidys Pläne dar, was gut war, da der Innenminister seinem Präsidenten geradezu hündisch ergeben war.
Seit Monaten arbeiteten sie nun schon im Verborgenen am Umsturz des Mannes, dem sie jahrelang gedient hatten und hatten in zahlreichen vertraulichen Gesprächen viele Mitverschwörer von einer Teilnahme an ihrem Umsturzversuch überzeugen können.
Nachdem von ihnen an allen Schaltstellen der entscheidenden staatlichen Institutionen Mitverschwörer gewonnen worden waren, hatten sie im Rahmen der immer konkreter werdenden Planungen zur Beseitigung des amtierenden Präsidenten die Frage beantworten müssen, wie man den Amtsinhaber möglichst problemlos loswerden sollte.
Der General hatte eine seiner üblichen Vorgehensweise entsprechende Lösung vorgeschlagen: Man sollte Präsident al Omari auf dem Weg vom Präsidialpalast zum Senat, in dem er wie jedes Jahr anlässlich des Todestages seines Vaters eine Rede halten würde, mittels einer durch einen an der Fahrtroute positionierten Attentäter abgefeuerten Panzerfaust mitsamt seiner gepanzerten Limousine einfach in die Luft jagen.
Anschließend könne man den Anschlag irgendeiner islamistischen Organisation in die Schuhe schieben, nach Ausrufung des Notstands würde die Armee interimistisch die Macht im Staate übernehmen, um die nationale Einheit zu gewährleisten und die Ordnung wiederherzustellen. Die Streitkräfte würden die Grenzen schließen. Letztendlich würde man Abdullah al Omari als Präsident installieren.
Mission erfolgreich abgeschlossen - Problem gelöst.
Watidy, mehr Anhänger von wohldurchdachten nachrichtendienstlichen Intrigen denn von frontalen Panzerangriffen, hatte bin Bandars Vorschlag rundweg abgelehnt.
Was, wenn der Präsident den Anschlag überlebte, wenn das Attentat fehlschlug?
Dann würde ein Sturm losbrechen, es würde eine Hexenjagd einsetzen, wie sie das Land noch nie gesehen hatte.
Sie sprachen hier schließlich von Hochverrat und Hassan hatte nicht vor, mit einer Kugel im Kopf oder, was wahrscheinlicher wäre als ein ehrenhaftes Erschießungskommando, am Strang zu enden.
Und selbst wenn der Anschlag gelänge, was wäre dadurch gewonnen?
Sie hätten einen Märtyrer am Hals und manche Mitglieder der Regierung oder der Sicherheitskräfte würden misstrauisch werden und beginnen, unangenehme Fragen zu stellen, vielleicht würde gar eine Untersuchung zu möglichen Verwicklungen von Funktionsträgern gefordert werden.
Wie sollten sie sämtliche Spuren zwischen ihnen und dem Attentäter verwischen? Wenn nur der Hauch eines Hinweises in ihre Richtung weisen würde, wären sie geliefert, da die große Unbekannte in ihrer Gleichung das Volk war. Vor allem die Beduinenstämme waren schwer bewaffnet und dem Präsidenten dank großzügiger finanzieller Zuwendungen treu ergeben.
Niemand liebte schließlich Verräter und ein Bürgerkrieg war das Letzte, was sie brauchen konnten.
Nein, es musste eine andere Lösung her.
Bandar und Watidy hatten die Entscheidung vertagt, um über bessere Möglichkeiten nachzudenken.
Im Verlauf des Nachdenkprozesses war nach und nach ein kühner Plan in Watidy gereift.
An dem heutigen schwül heißen Sommernachmittag eröffnete er schließlich seinem wichtigsten Mitverschwörer unter vier Augen seinen genialen, wenn auch ziemlich verwegenen Plan in seinem abhörsicheren Büro im neunzehnten Stock des Ministeriums für Staatssicherheit.
Sie tranken heißen Minztee, der bullige bin Bandar - wie stets in mit zahlreichen Orden dekorierter Generalsuniform - rauchte versonnen eine Cohiba.
„Wir müssen ihn dazu bringen, abzudanken. Er tritt offiziell aus gesundheitlichen Gründen zurück, als letzte Amtshandlung erklärt er seinen Bruder zu seinem legitimen Nachfolger. Nach erfolgter Amtseinführung ernennt Abdullah al Omari Sie zum Oberbefehlshaber der Vereinigten Streitkräfte und mich zum Minister für Staatssicherheit. Damit liegt die faktische Macht im Staate in unseren Händen. Ende der Geschichte Marzuq al Omari.“, begann Watidy seine Ausführungen.
„Wie wollen Sie ihn denn zum Rücktritt bewegen? Selbst wenn er bei lebendigem Leib verfaulen würde, niemals würde er die Macht abgeben bevor er seinen letzten Atemzug getan hat. Genau wie damals sein Vater. Und selbst wenn er aus welchen Gründen auch immer abdanken würde, würde er seinen Sohn Alim zu seinem Nachfolger bestimmen. Haben Sie jetzt komplett den Verstand verloren?“
Aus dem Gesicht des Generals sprach Empörung - fast gewaltsam zog er an seiner Zigarre und starrte Watidy verständnislos an.
„Wir erpressen ihn. Wir zwingen ihn zum Rücktritt. Und dazu, Abdullah zu seinem Nachfolger zu ernennen.“, entgegnete Watidy kühl und lehnte sich in seinem Ledersessel zurück.
„Sie wollen ihn erpressen? Womit? Was könnte ihn schon derart unter Druck setzen? Das ist lächerlich!“
„Nun, wir brauchen eine Geisel.“
„Eine Geisel? Wen? Seinen Sohn? Sie könnten seinen Sohn bei vollem Bewusstsein in kleine Stücke schneiden und ihm die Stücke anschließend schicken; sie könnten ein Video davon machen, wie sich die Frucht seiner Lenden unter Folter vor Schmerzen die Seele aus dem Leib schreit - dennoch würde er nicht tun, was Sie verlangen. Sie sind wahnsinnig!“
„Nicht seinen Sohn. Das Öl.“, gab Watidy zurück und blickte seinem Gegenüber entschlossen in die Augen.
Der General verstand gar nichts. Er blickte Watidy fragend an.
„Das Öl? Wie wollen Sie das Öl als Geisel nehmen? Soll das irgendein kranker Scherz sein?“
„Ganz und gar nicht. Hören Sie mir aufmerksam zu! Wie Sie wissen, konzentrieren sich 95% unserer Öl- und Gasvorkommen in den Feldern rund um al Arabia. Dort an der Küste befindet sich auch unser größtes Ölverladeterminal. Wie Sie ferner wissen, fußt die gesamte Wirtschaft unseres Landes auf diesen Öl- und Gasvorkommen. Ohne dieseRohstoffvorkommen wäre unser Land nur ein Armenhaus in der Wüste. Nehmen wir nun einmal an, es gelänge uns, in dieses Gebiet unentdeckt eine Nuklearwaffe zu bringen. Wir hätten das Schicksal, die Zukunft unseres Landes in unseren Händen, um nicht zu sagen: in unserer Gewalt.“
„Eine Nuklearwaffe? Sie sind tatsächlich vollkommen wahnsinnig geworden! Wissen Sie, wie lange die Iraner schon versuchen eine funktionsfähige Atombombe zu bauen? Seit Jahren! Haben wir Jahre? Haben wir derartige Mittel? Haben wir die Infrastruktur?“
„Ich sagte nichts von bauen. Wir kaufen eine Atombombe.“ Watidy grinste. „Doch dazu später mehr. Lassen Sie mich weitersprechen und denken Sie nach, General. Was bliebe dem Präsidenten denn tatsächlich für eine Wahl? Wenn wir wirklich eine Atombombe in diesem Gebiet zünden würden, die kurzfristigen Folgen wären absehbar. Die Förderanlagen wären vollkommen zerstört, die Ölverladeeinrichtungen ebenso, die Ölfelder könnten gar in Brand geraten und jahrelang brennen. Die mittel- und langfristigen Folgen liegen ebenso klar auf der Hand: Durch die dem Einsatz der Waffe folgende radioaktive Verseuchung des Gebietes könnte kein Mensch dieses Gebiet auf Jahre betreten. Versuchen Sie doch mal ein paar Öltechniker zu finden, die bei über 50° Celsius in einem Strahlenschutzanzug Schwerarbeit leisten sollen und kein Problem damit haben, dass ihr Arbeitsplatz inmitten einer radioaktiv verstrahlten Todeszone liegt. Die Ölproduktion des Landes wäre Geschichte - mit einem Schlag. Einem gewaltigen Schlag, zugegeben.“
Der General hatte sich aufgerichtet und hörte dem Geheimdienstler nun wirklich äußerst aufmerksam zu, die Zigarre in seiner rechten Hand rauchte vergessen vor sich hin.
Vielleicht war Watidy doch nicht so verrückt, wie er anfänglich geglaubt hatte.
Hassan al Watidy fuhr fort.
„Wir stellen den Präsidenten vor die Wahl: Entweder er erfüllt unsere Forderungen und dankt ab. In diesem Falle gewähren wir ihm und seiner direkten Familie freies Geleit, die Ausreise in ein Land seiner Wahl, lebenslange diplomatische Immunität plus eine großzügig bemessene jährliche Zuwendung des Staates an ihn, in Anbetracht seiner Verdienste um das Land. Ich dachte an so in etwa 100 Millionen Dollar im Jahr. Er soll schließlich standesgemäß leben können - in New York, oder wo auch immer. Oder aber wir zünden die Bombe. Dann wäre er nur noch der Präsident eines Armenhauses. Auch sein internationales Gewicht würde auf einen Schlag verpuffen. Er wäre ein Niemand. Keine Einladungen mehr ins Weiße Haus, keine rauschenden Bankette. Und kein Geld mehr. Kein schönes Leben. Letztlich würde er in die Geschichte als der Mann eingehen, dessen Land unter seiner Regentschaft zurück in die Steinzeit geworfen worden wäre. Sie wissen, sein Bild in der Geschichte ist ihm sehr wichtig.“
Der General hatte während der letzten Ausführungen unwillkürlich nicht geatmet und holte nun hörbar Luft.
„Haben Sie einen Cognac da? Ich glaube, ich brauche jetzt erst mal einen Schluck.“, fragte der General.
Muslimisches Land hin oder her – natürlich hatte Watidy. Er brachte kleinen menschlichen Schwächen volles Verständnis entgegen.
Watidy stand auf und ging zu seiner in einer Schrankwand verborgenen persönlichen Bar hinüber. Er griff sich eine Flasche Cognac und einen großen Schwenker und kehrte damit zu seinem Gesprächspartner zurück.
Nachdem er dem General großzügig den exquisiten und sehr exklusiven französischen Cognac eingeschenkt hatte, den bin Bandar sofort in einem Zug leerte, fuhr der Geheimdienstler fort.
„In Südamerika beschreibt man so etwas mit dem Worten plata o plomo - Silber oder Blei. Wenn Du mein Silber nicht nimmst, bekommst Du eben mein Blei, sprich eine Kugel in den Kopf. Auf der Ebene von Staatsmännern muss man dieses Spiel nur ein wenig größer anlegen. Unsere angedrohte Kugel ist eine Atombombe.“
Er nahm Platz und fixierte bin Bandar.
„Also was denken Sie? Halten Sie mich immer noch für wahnsinnig?“
Der General hatte seine Fassung wiedererlangt. Das klang fast nach einer Kriegslist - und im Krieg fühlte er sich zu Hause.
Er wägte seine folgenden Worte genau ab.
„Nun…es könnte tatsächlich funktionieren. Unter Umständen. Aber es ist zweifelsohne ein extrem gefährliches Spiel, ein Spiel mit dem Feuer. Eine Partie Poker mit dem allerhöchsten Einsatz. All in, sozusagen.“
„Meinen Sie nicht auch, dass ein Putsch naturgemäß ein Spiel mit dem Feuer ist? Im Endeffekt planen wir nichts anderes als einen Putsch, auch wenn im besten Fall kein einziger Schuss fallen wird. Hätte der Präsident Kenntnis von der Verschwörung, die wir initiiert haben, keiner von uns würde das Ende der Woche noch erleben. Aber noch einmal: Glauben Sie, es könnte gelingen?“
„Vorstellbar. Aber was ist mit der Bombe? Wo sollen wir eine Atombombe herbekommen?“
„Ich habe in den letzten Wochen unser weit gespanntes Agentennetz dazu genutzt, ebendieses Problem zu lösen. Die involvierten Agenten gehen selbstverständlich davon aus, sie würden einen Auftrag der Regierung ausführen. Die derzeitigen Spannungen mit unseren Nachbarländern waren hilfreich. Und wir sind fündig geworden. Wir haben eine Quelle in Russland aufgetan, die uns eine Nuklearwaffe aus Beständen der russischen Nuklearstreitkräfte beschaffen kann. Den Gefechtskopf einer SS27, um es genau zu sagen. Ohne Trägersystem zwar, aber für die Umsetzung unseres Planes brauchen wir ohnehin kein Trägersystem. Dieser Gefechtskopf hat eine Sprengkraft von 550 Kilotonnen TNT-Äquivalent - beim Einsatz einer derartigen Waffe würde von unserer Ölproduktionsinfrastruktur rein gar nichts übrig bleiben. Ich habe bereits Experten unseres Dienstes nach Russland entsandt, um die Echtheit und die Funktionsfähigkeit der Waffe zu überprüfen. Sie haben sowohl die Echtheit als auch die Einsatzbereitschaft der Waffe bestätigt.“
Der Geheimdienstler war vorläufig am Ende seiner Ausführungen angelangt. Watidy trank einen Schluck mittlerweile kalten Minztee.
„Wo ist der Haken bei der Sache in Russland?“, fragte der General.
„Nun ja, der potentielle Verkäufer ist sich des Wertes dieser Waffe sehr bewusst. Er verlangt einen exorbitant hohen Preis.“
„Wie viel?“
„Eine Milliarde US-Dollar.“
„Damit ist Ihr Plan gestorben. Wir können eine derart hohe Summe niemals beschaffen, ohne entdeckt zu werden. Nicht aus Ihrem Budget und nicht aus dem Budget der Armee. Unmöglich.“
„Da haben Sie zweifelsohne Recht. Jedoch auch für dieses Problem habe ich eine Lösung gefunden. Sie ist wie der ganze Plan nicht ohne Risiko, jedoch auch sie könnte funktionieren.“
„Wie sähe diese Lösung aus?“
„In den Tresoren der Nationalbank lagern die umfangreichen Goldreserven unseres Landes. Nach dem aktuellen Weltmarktpreis für Gold haben die Reserven derzeit einen Wert von etwa 8,7 Milliarden US-Dollar. Mehr als genug, um unseren Geschäftspartner zu bezahlen.“
„Und wie wollen Sie das Kunststück vollbringen, in den Besitz des Goldes zu kommen?“
„Nun, Herr General…hier kommen Sie ins Spiel. Auf Grundlage der Nationalen Verteidigungsdirektive ist die Armee im Falle eines drohenden bewaffneten Konfliktes berechtigt, eigentlich sogar verpflichtet, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Verteidigungsfähigkeit des Landes sicherzustellen. Ich wiederhole: alle notwendigen Maßnahmen. Die derzeitigen Probleme mit unseren Nachbarstaaten bieten uns die perfekte Tarnung für unser Vorhaben. Sie werden im Namen des Oberkommandos der Vereinigten Streitkräfte einen offiziellen schriftlichen Befehl ausfertigen, der die Nationalbank anweist, einen Teil ihrer Goldreserven in die Obhut der Armee zu übergeben. Wir behaupten einfach, dass der militärische Nachrichtendienst im Hinblick auf die wachsenden Spannungen mit unseren Nachbarländern Hinweise auf konkrete Vorbereitungen zu einem unmittelbar bevorstehenden Angriff auf unser Land gefunden hat. Ferner behaupten wir, dass es aufgrund dieser Entwicklungen notwendig sei, die Goldreserven sofort umzulagern und an einen sicheren Ort zu schaffen, um im Falle eines bewaffneten Konflikts die Zahlungsfähigkeit des Staates und damit die Finanzierung eines allfälligen Krieges sicherzustellen. Die Gebäude der Nationalbank, in denen das Gold derzeit gelagert wird, stellen ein leicht zu treffendes militärisches Ziel dar. Wir werden das Gold einfach auf Armeelastern aus der Nationalbank herausfahren. Im Schutz der Dunkelheit versteht sich. Auf Grundlage des Staatssicherheitsgesetzes können wir die Mitarbeiter der Nationalbank, die uns den Zugang zu dem Gold verschaffen müssen, unter Androhung der Todesstrafe zu absoluter Geheimhaltung verpflichten. Sie müssen bei dieser Amtshandlung persönlich anwesend sein. Auch ich werde mich persönlich zeigen. Das sollte erst gar keine Zweifel aufkommen lassen, dass diese Aktion nicht von der allerhöchsten Staatsspitze angeordnet worden sein könnte. Wenn Sie und ich irgendwo in diesem Land gemeinsam auftauchen - wer würde es schon wagen, sich uns zu widersetzen? Indem wir Soldaten für alle anfallenden Arbeiten einsetzen, können wir den Kreis der Zeugen auf Seiten der Nationalbank sehr klein halten und das Gold wird ja schließlich nicht monatlich gezählt. Es ist wie gesagt nicht ohne Risiko, aber es könnte funktionieren. Ich kann in der Folge das Gold außer Landes schaffen und über unser Agentennetz zu Geld machen, ohne dass es hohe Wellen schlägt. Wir müssen danach nur die Bombe schnell genug ins Land schaffen, damit wir die Macht schon übernommen haben, bevor das Verschwinden des Goldes bemerkt wird.“
Stille trat ein.
Entweder war Hassan al Watidy ein Genie oder wirklich ein Wahnsinniger, dachte der General bei sich. Doch er hatte sich diesem Komplott bereits angeschlossen, nun gab es keinen Weg zurück. Und Watidy hatte Recht: So verwegen dieser Plan auch war, er konnte tatsächlich gelingen.
Er streckte Watidy seine Hand entgegen: „Wie sagten Sie so schön? Silber oder Blei.“
Sie schüttelten sich die Hände.
„Noch einen Cognac?“, fragte Watidy.
Nun galt es, den Plan in die Tat umzusetzen.
Reitan bremste scharf ab - sein Jaguar kam um 07:36 Uhr auf seinem Parkplatz direkt neben dem Haupteingang des zentralen Verwaltungsgebäudes der Reitan International Freight Forwarders GmbH & Co. KG zum Stehen. Er stieg aus dem Wagen, blickte kurz die imposante Glasfassade des Hauptgebäudes empor und betrat das Gebäude mit schnellen Schritten.
Er durchquerte die Halle rasch, erwiderte den Gruß der hinter dem Empfang versammelten Sicherheitsleute mit einem kurzen Nicken und betrat einige Sekunden später den Aufzug für den Vorstand, der ihn geräuschlos in das fünfzehnte Stockwerk des Gebäudes beförderte, in dem sich sein Büro befand. Als er den Aufzug verlassen hatte und den langen Gang zu seinem Büro hinunter ging, fiel sein Blick durch die offene Tür in sein Vorzimmer - seine Sekretärin, Silvia Kaliwoda, war also auch schon im Haus.
Seine persönliche Assistentin war augenscheinlich ein Workaholic, wie er im Buche stand.
Sie begrüßte ihn hinter ihrem Schreitisch sitzend, in derselben Sekunde in der er den Raum betreten hatte.
„Guten Morgen, Herr Reitan. Wir haben seit sieben Uhr die Großbetriebsprüfung des Finanzamtes im Haus. Einer der Herren möchte Sie sprechen und hat angefragt, ob Sie heute zehn Minuten für ihn erübrigen könnten.“
„Guten Morgen. Sie halten ja mit guten Nachrichten nicht lange hinter dem Berg, was? Sagen Sie diesem Herrn, ich sei verhindert, absolut unabkömmlich. Er soll sich mit allen wie auch immer gearteten Fragen an unseren Finanzvorstand wenden. Der kann ihm alle gewünschten Auskünfte erteilen. Das fehlte mir noch, mich jetzt mit irgendeinem aufgeplusterten kleinen Finanzbeamten herumschlagen zu müssen. Nein. Auf keinen Fall. Ferner bin ich heute für überhaupt niemanden zu sprechen - keine Termine, keine Rückfragen, keine Besprechungen. Und Sie stellen auch keine Anrufe durch, ich will absolut nicht gestört werden. Haben Sie das verstanden, Kaliwoda?“
Sie funkelte ihn kurz aus ihren blauen Augen an, schluckte ihren Ärger dann jedoch und sagte pflichtschuldig: „Natürlich.“
Eine Laune hatte der Chef heute mal wieder. Ewig würde sie diesen Job nicht mehr machen - trotz der hervorragenden Bezahlung, dachte sie, während Reitan in seinem Büro verschwand und die Tür hinter sich schloss.
Großbetriebsprüfung? Die hatten ja ein hervorragendes Timing. Na ja, konnte ihm auch gleichgültig sein.
Er stand einige Augenblicke unschlüssig im Raum, ehe er einem spontanen Impuls folgend seine umfangreich bestückte Bar ansteuerte - diese war normalerweise dem Abschluss bedeutender Verträge folgenden obligatorisch ausgebrachten Trinksprüchen auf gute Zusammenarbeit vorbehalten.
Er entschied sich für einen großzügig eingeschenkten Glenfiddich auf Eis, seinen bevorzugten Whisky.
Kurz sah er auf die IWC Armbanduhr an seinem Handgelenk, es war noch nicht einmal acht, doch das war ihm vollkommen gleichgültig - er brauchte jetzt einen kräftigen Schluck.
Er ließ sich in den großen ledernen Chefsessel hinter seinem Schreibtisch fallen und warf ganz automatisch einen Blick auf die druckfrische Auswahl der bedeutendsten internationalen Zeitungen, die wie jeden Morgen auf der auf Hochglanz polierten schwarzen Granitplatte bereitlagen.
Die Schlagzeilen verkündeten die üblichen schlechten Nachrichten:
Ein weiteres Massaker der syrischen Armee an Zivilisten, der UN-Sicherheitsrat konnte sich dank des russischen Vetos nach wie vor nicht auf eine Syrien-Resolution einigen; der Dow-Jones brach den dritten Handelstag in Folge ein; der Manager eines bedeutenden Hedge-Fonds warnte vor einer Rohstoffblase; die amerikanischen Arbeitsmarktzahlen waren noch schlechter als erwartet; die EU-Finanzminister kamen in Brüssel zum x-ten Krisengipfel im Zusammenhang mit der Banken- und Staatsschuldenkrise zusammen; im spanischen Valencia liefen die Vorbereitungen für einen weiteren UN-Klimagipfel auf Hochtouren, eine Umweltschutzorganisation wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die CO2Konzentration in der Erdatmosphäre mittlerweile den Wert von 400ppm überschritten habe und es dennoch immer noch nicht gelungen sei, den Ausstoß von Treibhausgasen einzudämmen; ein amerikanischer Drohnenangriff in Pakistan hatte 32 zivile Opfer gefordert, die pakistanische Regierung hatte den amerikanischen Botschafter einbestellt, ein US-General kündigte eine Untersuchung an.
Wie gesagt: die üblichen schlechten Nachrichten.
Reitan nahm einen großen Schluck und genoss für einen Augenblick die wohlige Wärme, die der Whisky in ihm verbreitete.
Er fühlte sich wirklich ausgebrannt, fast schien es ihm, als hätte er die letzten dreizehn Jahre - seit sein Vater tot war - nur gearbeitet, nur funktioniert, nie gelebt. Aber was hätte er denn tun sollen? Er hatte schließlich die Pflicht gehabt, sich des Erbes würdig zu erweisen, das Unternehmen mit vollem Einsatz zu leiten, es durch die stürmische See dieser schwierigen Zeiten zu führen wie ein guter Kapitän sein Schiff.
Reitan dachte an den Tag zurück, als ihn sein Vater das erste Mal auf seinem geliebten Segelboot mit raus aufs offene Meer genommen hatte, zehn erst war er damals gewesen und doch sah er jetzt das lachende Gesicht seines Vaters vor dem azurblauen Himmel vor sich, als sei es gestern gewesen.
„Jetzt bist Du ein richtiger Seemann, Claus. Ich bin sehr stolz auf Dich.“, hatte sein Vater damals zu ihm gesagt und ihn in den Arm genommen.
Eine tiefe Traurigkeit erfasste ihn. Hier saß er nun an seinem Schreibtisch und fühlte sich so einsam, als sei er der letzte Mensch der Welt.
Tränen traten in seine Augen.
Heute wäre sein Vater bestimmt nicht mehr stolz auf ihn.
Sein Leben war ruiniert. Die Weltwirtschaftskrise hatte das Unternehmen hart getroffen, das internationale Transportgeschäft war seit jeher ein hart umkämpfter Markt gewesen, jedoch hatte sie der massive weltweite Einbruch des Transportvolumens im Zuge der Weltwirtschaftskrise nach dem aggressiven Expansionskurs, auf den Reitan sein Unternehmen in den letzten Jahren geführt hatte, absolut kalt erwischt.
In Zeiten des stetigen Wachstums hatten die Banken dem Unternehmen das Geld regelrecht aufgedrängt, doch jetzt wollten sie die Kreditlinien nicht mehr verlängern, schlimmer noch, sie wollten einige große Kredite fällig stellen.
Die Gläubigerbanken wollten in einigen Wochen ein Sanierungskonzept sehen - dochdazu würde es nun nicht mehr kommen.
Und dann noch seine persönlichen Probleme…
Er hatte wirklich zu viel gearbeitet in den letzten Jahren, aber das konnte doch keine Entschuldigung für das sein, was ihm Gracia antat. Sie war doch die Liebe seines Lebens.
An seinem 21. Geburtstag hatten sie geheiratet. Damals war er der glücklichste Mann der Welt gewesen - und nun das.
Sie hatte sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, ihre Affäre zu verbergen und er war mittlerweile überzeugt, dass es nicht ihre erste war. Sie musste sich zu allem Überfluss auch noch auf ihren Golflehrer einlassen, der gerade mal Anfang zwanzig war, mehr Junge noch als Mann.
Was für ein Klischee, dachte er bitter.
Reitan liebte sie noch immer, doch er konnte nicht begreifen, wie aus dieser lebenslustigen, positiven, charmanten und liebenswerten jungen Frau von einst ein derart oberflächliches, kaltes, materialistisches und berechnendes Biest werden konnte.
Er leerte seinen Whisky, stand mit dem Glas in der Hand auf und holte sich die Flasche aus der Bar. Zuerst stellte er die Flasche und sein Glas auf den großen schwarzen Glastisch, der zu der großzügig bemessenen ebenfalls schwarzen Ledersitzgruppe gehörte und ging dann geradewegs zu dem Flügeltürschrank, in dem sich sein Tresor verbarg.
Es war jetzt an der Zeit, zu handeln.
Er tippte die zwölfstellige Kombination routiniert in das Digitalschloss des Safes, woraufhin mehrere Motoren im Inneren die Schließriegel zurückzogen und die Tür aufsprang.
Reitan öffnete sie zur Gänze, entnahm dem Tresor eine circa 30 Zentimeter breite Teakholzkiste und kehrte mit dieser zu seinem Whisky zurück.
Wieder bei der Sitzgruppe angekommen, ließ er sich in einen der großen Ledersessel fallen, legte die Kiste vor sich auf die gläserne Tischplatte, schenkte sich noch einmal ein und nahm noch einen Schluck.
Hierher hatte ihn sein Lebensweg letztendlich geführt. Endstation.
Reitan öffnete die Holzkiste, griff erneut zu seinem Glas und blickte auf den vor ihm liegenden Inhalt des Kastens - einen langläufigen verchromten Smith & Wesson Modell 500 Double-Action-Revolver.
Der S&W 500 ist die weltweit stärkste in Großserie gebaute Faustfeuerwaffe, verschießt Munition des Kalibers .500 S&W Magnum, die Trommel verfügt aufgrund der Größe der Patronen lediglich über fünf statt der bei Revolvern sonst üblichen sechs Schuss. Die Projektile erreichen eine Mündungsgeschwindigkeit von bis zu 549 Metern pro Sekunde, die Kombination des 22,20 Zentimeter langen Laufs mit der hohen Geschwindigkeit des Projektils verleihen dem Revolver eine hohe effektive Reichweite, so dass er bis zu einer Distanz von 200 Metern gezielt eingesetzt werden kann.
Reitan schwebte ein Einsatz aus wesentlich kürzerer Distanz vor.
Seit seiner frühen Jugend pflegte er auf die Jagd zu gehen - eine Familientradition.
Auch hatte er in der Armee gedient und war zum Besitz von Faustfeuerwaffen sowohl berechtigt als auch mit deren Gebrauch vertraut - der Waffenhändler seines Vertrauens hatte keine Fragen gestellt, als er den Revolver bei ihm kaufte.
Er nahm noch einen Schluck.
Der Gedanke war einige Monate zuvor das erste Mal in seinem Bewusstsein aufgeflackert und hatte sich in der folgenden Zeit immer stärker manifestiert, schließlich war ein konkreter Plan daraus geworden: Er würde seinem Leben ein Ende setzen.
Als Todesart war ihm von Anfang an nur Erschießen als angemessen erschienen. Jede andere Art des Suizids hatte für ihn etwas von feigem Hinwegstehlen. Er war immer ein Mann der Tat gewesen und so sollte die in den Kopf geschossene Kugel ein letzter Beweis seiner charakterlichen Stärke für die Nachwelt werden.
Nachdem die Entscheidung der Todesart getroffen war, hatte er bestimmen müssen, wo er diesen letzten Akt seines irdischen Daseins stattfinden lassen sollte. Daheim, in seinem Haus mit Gracia war auf keinen Fall in Frage gekommen - er empfand noch genug Liebe für seine Frau und hatte noch genug Ehrgefühl in sich, um es ihr nicht anzutun, dass sie ihn finden würde. Auch den Gedanken in freier Natur wie beispielsweise im Wald seinen endgültigen Schlusspunkt zu setzen, hatte er schnell verworfen.
Was, wenn sie meine Leiche monatelang nicht finden? Was, wenn sie mich niemals finden?
Dann gälte er als verschwunden und niemand, dem noch etwas an Reitan lag, konnte dann jemals Ruhe finden - auch nicht seine mittlerweile über siebzig Jahre alte Mutter.
Nein, das konnte er denen, die er zurücklassen würde, nicht antun.
Aufgrund dieser Überlegungen hatte er sich letztendlich dazu entschlossen, die Sache in seiner Firma hinter sich zu bringen - wenn er schon den Großteil seines Lebens, vom Schlafen einmal abgesehen, in seinem Büro zubrachte, warum sollte er dann nicht auch den Tod dort finden?
Die Wahl der Waffe war ihm leicht gefallen, es sollte ein großkalibriger Revolver sein, um einerseits Ladehemmungen vorzubeugen, die bei einer halbautomatischen Pistole vorkommen konnten und um andererseits sicherzustellen, dass er nach dem Kopfschuss auch sicher tot sein würde und nicht mit einem schweren Hirnschaden überleben würde. Reitan hatte nicht vor, jahrelang als Pflegefall vor sich hin zu vegetieren.
Es sollte eine fabrikneue Waffe sein, nicht belastet mit Erinnerungen jeglicher Art - ein nur einmal zu benutzendes Tor in eine andere Welt.
Seine Wahl war schließlich folgerichtig auf die stärkste Faustfeuerwaffe der Welt, die Smith & Wesson Modell 500, gefallen - wenn schon, denn schon.
Reitan trank den letzten Rest seines Whiskys, atmete tief aus und griff nach dem vor ihm liegenden Revolver.
Des Waldes Dunkel zieht mich an.
Das Gefühl des Gewichts, das nun in seiner Hand lag, sein fester Griff um den weichen Gummigriff des Revolvers, erfüllten ihn mit einem Schlag mit einer seltsamen Ruhe. Reitan entriegelte die Trommel und ließ diese mit einer schnellen Bewegung aus dem Handgelenk ausfahren. Er öffnete mit seiner linken Hand die ebenso in der Kiste befindliche Munitionsschachtel und lud die Waffe konzentriert Patrone für Patrone, bis die Waffe mit fünf Schuss voll geladen war.
Als die Trommel mit einem Klicken wieder einrastete, lehnte er sich zurück.
Noch nicht. Noch einen letzten Whisky.
Reitan legte den geladenen Revolver zurück auf seinen Platz in der Kiste und schenkte sich noch einmal ein.
Während er trank, ließ er die Bilder seines Lebens vor seinem geistigen Auge Revue passieren: seine Schulzeit in einem Schweizer Internat, das er gehasst hatte; die Hochzeit mit Gracia, als er so glücklich gewesen war; seine Studienzeit; sein toter Vater in einem Krankenhausbett, dessen langsam auskühlende Hand er gehalten hatte; das schmerzverzerrte Gesicht seiner Mutter bei der Beerdigung; Schlaglichter aus seinem Alltag als Chef der Firma; der Tag, als er in der Stadt Gracia gesehen hatte, wie sie gerade den Golflehrer küsste.
Sollte er es jetzt wirklich tun?
Ja, er hatte reiflich darüber nachgedacht.
Ja, er würde es tun.
Er trank den letzten Rest seines mittlerweile dritten Whiskys, stellte das Glas ab und griff erneut zur Waffe.
Es war Zeit.
Er hob den langläufigen Revolver auf Höhe seines Kopfes und setzte die Mündung an seine rechte Schläfe.
Sein Finger lag am Abzug.
Der Computer signalisierte durch den charakteristischen Klingelton von skype einen eingehenden Video-Anruf.
„Dimitri - die Araber!“, rief Sergej Dimitri durch die offene Tür des Badezimmers zu, in dem Vasilenko gerade geräuschvoll pisste. Er fluchte lauthals und kam kurz drauf mit offener Jeans und nacktem Oberkörper aus dem Bad.
Auf dem Weg zum Tisch, auf dem der Laptop neben dem stehenden Sergej auf seinen Einsatz wartete, schnappte sich Dimitri ein einigermaßen frisches Hemd, zog es über und nahm vor dem Laptop Platz.
„Bereit?“, fragte Sergej.
„Moment noch.“, entgegnete Vasilenko und zündete sich eine frische Zigarette an - Machismo verpflichtet.
„Ok, los!“, Sergej klickte auf den Button zur Annahme des Gesprächs.
Das aufpoppende Videofenster zeigte einen elegant gekleideten Araber mit Raubvogelnase jenseits der Sechzig vor einer anonymen weißen Wand irgendwo auf dieser Welt.
„Mein verehrter Freund, gut Sie zu sehen. Wie geht es Ihnen? Läuft alles zu Ihrer Zufriedenheit?“, eröffnete der Araber jovial die Konversation in englischer Sprache.
„Danke, ich erfreue mich bester Gesundheit und sogar das Wetter in Moskau zeigt sich ausnahmsweise von seiner besten Seite - es ist so sonnig wie mein Gemüt.“, gab Dimitri mindestens ebenso jovial zurück, grinste breit und zog an seiner Zigarette.
„Ist die Leitung sicher?“
„Wir von unserer Seite her haben alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Wie sieht es bei Ihnen aus?“
„Die Leitung ist von unserer Seite her hundertprozentig sicher. Haben Sie unsere letzte Zahlung ordnungsgemäß und pünktlich erhalten?“, wollte der Araber wissen.
