Verlag: Amrun Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung NOVA Science Fiction Magazin 23 - Thomas Ziegler

NOVA wendet sich an Leser, die das suchen, was ihnen in den gängigen Science-Fiction-Taschenbuchreihen nur noch selten geboten wird: intelligente, glänzend erzählte Science-Fiction-Stories mit aktuellen Ideen aus Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft, ergänzt um informative Artikel zur Science Fiction und verwandten Themen. Es gibt in Deutschland kein vergleichbares Science-Fiction-Magazin. Leser, die am Puls der Zeit sind, die sich für Wissenschaft, Technologie und die Welt der Zukunft interessieren, die heute bereits Wirklichkeit wird, werden auch in NOVA finden, was sie suchen: spannende Unterhaltung und phantasievolle Anregungen. Themenausgabe Musik und Science Fiction: Thomas Ziegler "Unten im Tal" Norbert Stöbe "Shamane" Karsten Kruschel "Licht" Thomas Adam Sieber "Sodom Jazz Festival" Marcus Hammerschmitt "In Wien ist die Musik" Frank Hebben "Cantus" Guido Seifert "Le roi est mort, vive le Roi!" Marc Späni "Dr.Kojimas Cyber-Symphonic Orchestra" Michael Marrak "Das Lied der Wind-Auguren" Stephen Kotowych "Saturn in g-Moll" Essay: Martina Claus-Bachmann "Das Fremde als Konstrukt: Musik und Science Fiction" Das Titelbild stammt von Dirk Berger.

Meinungen über das E-Book NOVA Science Fiction Magazin 23 - Thomas Ziegler

E-Book-Leseprobe NOVA Science Fiction Magazin 23 - Thomas Ziegler

HERAUSGEGEBEN VONOLAF G. HILSCHER UND MICHAEL K. IWOLEIT

ausgabe 23

Herausgegeben vonOlaf G. Hilscher und Michael K. Iwoleit

N

OVA

Science Fiction

ISSN 1864-2829ISBN 9783958690318

Amrûn VerlagJürgen EglseerEichenweg 1a83278 Traunstein

info@amrun-verlag.de

Ebook-Formatierung durch

SKYPARK INFOTECH

Herstellung: Amrûn Verlag

Michael K. Iwoleit

MKIwoleit@nova-sf.de

Titelbild: Dirk Berger

Lektorat: Marc Späni, Sven Klöpping, Michael K. Iwoleit, Olaf G. Hilscher

Olaf G. Hilscher

OGHilscher@nova-sf.de

Satz und Layout: Olaf G. Hilscher

Einzelpreis: Euro 12,80Abo 2 Ausgaben: Euro 25,60Der Versand innerhalb Deutschlands erfolgt portofrei. Im europäischen Ausland pro Ausgabe plus Euro 3,00.

Es gilt die Anzeigenpreisliste vom 1.9.2012

www.nova-sf.de

www.amrun-verlag.de

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Copyright der Gesamtausgabe © 2015 bei NOVA und Amrûn Verlag, der einzelnen Beiträge bei den jeweiligen Verfassern oder Künstlern.

EDITORIAL

Liebe Leser,

Mit der vorliegenden Ausgabe beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte unseres Magazins. Nachdem Jürgen Eglseer und sein Amrûn-Verlag bereits die Publikation von NOVA 22 möglich gemacht haben, wird NOVA ab jetzt dauerhaft im Amrûn-Verlag erscheinen. Für unsere Leser wird sich – abgesehen von dem erfreulichen Umstand, dass wir den Umfang des Magazins erhöhen – nicht viel ändern. NOVA soll weiterhin zweimal jährlich erscheinen. Unser Konzept, aktuellen Kurzgeschichten der besten deutschsprachigen SF-Autoren ein Forum zu bieten, bleibt dasselbe. In seinen redaktionellen Entscheidungen bleibt das Magazin unabhängig und genießt das volle Vertrauen unseres neuen Verlegers. Nachdem wir über zwanzig Ausgaben vom Lektorat bis zum Versand komplett selbst produziert haben, bedeutet die Übergabe von Produktion und Vertrieb an den Amrûn-Verlag allerdings eine erhebliche Entlastung für die Redaktion, die wir zu neuen Anstrengungen nutzen wollen, um die Qualität unseres Magazins weiter zu erhalten und wenn möglich zu steigern.

Mit NOVA 23 haben wir seit langem wieder einmal eine Themenausgabe zusammengestellt. Dies ist in der Vergangenheit nur wenige Male gelungen, weil die meisten unserer Autoren doch zu sehr Individualisten sind und zu viele eigene Ideen verfolgen, um sich auf die Themenvorgabe einer Redaktion einzulassen. Auf das Thema Musik der Zukunft / Zukunft der Musik sind aber erfreulich viele unserer besten Autoren sofort angesprungen, und dabei ist eine, wie wir finden, sehr starke und abwechslungsreiche Ausgabe zusammengekommen. Kein Zufall vielleicht, denn die Affinitäten zwischen der SF-Szene und der Musikwelt sind traditionell sehr stark. Viele SF-Autoren, von James Blish über Philip K. Dick bis zu hin Michael Moorcock, Lucius Shepard und S. P. Somtow oder etwa unserem deutschen Kollegen Matthias Falke, sind als ausgezeichnete Kenner der klassischen wie der populären Musik bekannt oder waren selbst musikalisch aktiv. Die Idee zu dieser Ausgabe hatte übrigens Horst Pukallus, dem wir hiermit herzlich danken.

Ergänzend zum Themenschwerpunkt enthält diese Ausgabe einen Nachdruck einer klassischen Erzählung von Thomas Ziegler alias Rainer Zubeil, eines der größten Talente der deutschen SF, der 2004 betrüblich jung mit nur 48 Jahren verstorben ist und zu Lebzeiten nicht mehr an NOVA mitarbeiten konnte (was er sich vorgenommen hatte). Die Geschichte wirft ein Schlaglicht auf eine Zeit, als die deutsche SF sehr politisch wurde und ihre Autoren sich nicht gescheut haben, Stellung zu beziehen. Angesichts der sich verschärfenden innen- und weltpolitischen Lage würde es nicht nur der deutschen SF guttun, wenn sie größere Anstrengungen unternehmen würde, um wieder an diese Zeit anzuknüpfen.

Olaf G. Hilscher und Michael K. IwoleitFebruar 2015

K

URZGESCHICHTEN

Marcus Hammerschmidt

In Wien ist die Musik—Ein Verhör

Illustriert von

Gloria Manderfeld

Gabriele Behrendt

Tremolo

Illustriert von

Rasputin

Marc Späni

Dr. Kojimas Cyber-Symphonic Orchstra

Illustriert von

Christoph Jaszczuk

Karsten Kruschel

Was geschieht dem Licht am Ende des Tunnels?

Illustriert von

Jan Neidigk

Norbert Stöbe

Shamané

Illustriert von

Stas Rosin

Michael Marrak

Das Lied der Wind-Auguren

Illustriert von

Michael Marrak

Thomas Adam Sieber

Sodom Jazz Festival

Illustriert von

Christian Günther

Guido Seifert

Le Roi est mort, vive le Roi!

Illustriert von

Susanne Jaja

Frank Hebben

Cantus

Illustriert von

Nummer 85

I

NTERNATIONAL

/ K

LASSIKER

Stephen Katowych

Saturn in g-moll

Illustriert von

Michael Wittmann

Thomas Ziegler

Unten im Tal

Illustriert von

Rasputin

E

SSAY

Franz Rottensteiner

Musik und Science Fiction (Einleitung)

Martina Claus-Bachmann

Das Fremde als Konstrukt: Musik und Science Fiction

R

EDAKTIONELLES

Impressum

Editorial

Mitarbeiter

EINLEITUNG

FRANZ ROTTENSTEINER

MUSIK UND SCIENCE FICTION

Wie wichtig die Beziehung zwischen Musik und Science Fiction ist, ersieht man schon daraus, dass die Encyclopaedia of Science Fiction von John Clute und Peter Nicholls (1993) dem Eintrag „Music“ sechs Seiten widmet, während etwa die Beiträge über „Time Paradoxes“ nur eine Seite beziehungsweise „Time Travel“ nur 2 1/2 Seiten umfassen.

Der Artikel ist in drei Abschnitte unterteilt, die einzelnen Autoren sind Hugh Davies, Peter Nicholls, Maxim Jakubowski, Charles Shaar und Brian Stableford: „Science Fiction in der klassischen Musik“; „Science Fiction in volkstümlicher und Rock Musik“; und „Musik in der Science Fiction“.

In der klassischen Musik finden sich nur gelegentlich Anklänge an „kosmische“ Themen. Ein Beispiel ist Joseph Haydns dreiaktige Komische Oper Die Welt auf dem Monde (Il Mondo delle Lune) von 1777, angeblich zu einem Libretto von Carlo Goldoni. Die Reise zum Mond und die Mondwelt sind aber nur vorgetäuscht und sollen einem jungen Paar die Zustimmung des ablehnenden Vaters sichern. Mehr mit SF zu tun hat Jacques Offenbachs opéra-féerie Le voyage dans la lune, nach Jules Vernes Von der Erde zum Mond (1875).

Leoš Janáček (1854-1924) hat aus Karel Čapeks Die Sache Makropulos (Věc Makropulos) eine Oper gemacht (1923–1925; Uraufführung 1926 in Brünn). Krzysztof Meyer schrieb 1967-1970 eine Oper in drei Akten (elf Szenen), nach Lems Kyberiade, genauer, die „Geschichte von den drei geschichtenerzählenden Maschinen des Königs Genius“. Die Oper gewann den Grand Prix beim Komponistenwettbewerb in Monaco 1970 und wurde erstmals ganz am 11. Mai 1986 im Opernhaus Wuppertal aufgeführt. Dass sie nachher erst am 25. Mai 2013 anlässlich des 70. Geburtstages Meyers im Grand Theatre von Poznań die polnische Erstaufführung (und die zweite Aufführung insgesamt) erlebte, spricht nicht gerade für den Erfolg dieses Stückes. Eine Kammeroper Solaris von Michael Obst hatte am 4. Dezember 1996 auf der Münchener Biennale Premiere. Die Oper Solaris des deutschen Komponisten Detlev Glanerts wurde am 18.07.2012 als Eröffnungspremiere der 67. Bregenzer Festspiele im Festspielhaus Bregenz aufgeführt. Die Rezeption war verhalten. „Lichtjahre daneben“ und „eine aufgedonnerte Nacherzählung mit hellen Momenten“ nannte es die Wiener Zeitung (19.07.2012). Nach zwei weiteren Bregenzer Aufführungen am 22. und 25. Juli 2012 sollte das Stück als Koproduktion an die Komische Oper nach Berlin übersiedeln, aber die für den 19. Mai 2013 geplante Berliner Erstaufführung der Oper wurde auf die Spielzeit 2015/16 verschoben.

Das sind alles eher Eintagsfliegen, gewichtiger ist da schon die SF-Oper Aniara (1959) von Karl-Birger Blomdahl nach Harry Martinsons epischer Weltraumdichtung. Eine gewiss noch größere Bedeutung für die SF hat Richard Strauss’ Also sprach Zarathustra wegen seiner Verwendung im Film 2001: Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrick erlangt. SF-Anklänge findet man oft in elektronischer Musik, welche die „Musik der Sphären“ illustriert, u. a. bei Ligeti und Stockhausen (Zyklus „Licht“).

Allgegenwärtig ist die Verbindung von SF- und Popmusik, schon in Namen von Musikgruppen wie Jefferson Starship und den SF-Motiven in den Platten von Gruppen wie Pink Floyd, Jimi Hendrix oder Kraftwerk. Sehr bedeutsam war die SF-Verbindung von David Bowie, der in seinen Songs oft SF-Töne anschlug, vom frühen Space Oddity mit seinem Major Tom, der die Verbindung zur Bodenstation verliert, über Ashes to Ashes bis zu Ashes oder The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars. Bowie spielte auch die Hauptrolle in der Verfilmung von Walter Tevis’ The Man Who Fell to Earth. Es gibt ferner eine gewisse Personalunion zwischen SF-Autoren und der Musikszene. Der thailändisch-amerikanische Autor Somtow Papinian Sucharitkul, der auch unter dem Namen S. P. Somotow Science Fiction, Fantasy und Horror schreibt und etliche Preise auf diesen Gebieten gewonnen hat, ist auch ein erfolgreicher Komponist und künstlerischer Leiter der Oper in Bangkok. Er hat fünf Symphonien und das Ballett Kaki komponiert, und als Auftragswerk der thailändischen Regierung zu Ehren der Opfer des 11. Septembers Requiem: In Memoriam 9/11, das von der Lyrik Walt Whitmans, Emily Dickinsons und T.S. Eliots beeinflusst wurde. Die britische Rockgruppe Hawkwind hat öfter mit Michael Moorcock zusammengearbeitet, z. B. bei den Alben Warrior at the Edge of Time und The Chronicle of the Black Sword. Textauszüge gab es aus The Black Corridor in ihrem gleichnamigen Stück, und Moorcock hat auch mit Robert Calvert (früher Hawkwind) zusammengearbeitet. Unter dem Namen Michael Moorcock & The Deep Fix hat Moorcook auch selbst Platten aufgenommen, so New Worlds Fair (1975), bei dem verschiedene Musiker von Hawkwind mitwirkten. Roller Coaster Holiday wurde 2004 präsentiert. 2008 wurden Demo Sessions von The Entropy Tango & Gloriana Demo Sessions präsentiert, aber die Platten selbst wurden nie fertig gestellt. Moorcock steuerte auch Texte für andere Rockbands wie die amerikanische Blue Oyster Cult bei.

Die berühmteste Verbindung von SF und Musik dürfte die Rocky Horror Picture Show sein.

Einen deutschen Versuch, SF und Musik zu vereinen, unternahmen Herbert W. Franke und Michael Weisser 1988 bei Suhrkamp mit Dea Alba, einer phantastisch klingenden Geschichte mit Computermusik des Duos Software (dem Michael Weisser angehörte).

Vielfältig sind natürlich die Arten, wie Musik in der SF präsentiert wird. Manche Autoren wie Lloyd Biggle Jr. haben Musikologie studiert, was sich auch in den Erzählungen in seiner Sammlung The Metal Muse (1972) zeigt. Andere waren als Musiker tätig. Samuel R. Delany z. B. hat eigene Kompositionen vorgetragen. James Blish hat in Fanzine-Beiträgen häufig über Musik (Richard Wagner etwa) geschrieben, und in seiner Kurzgeschichte „A Work of Art“ (1956) wird anscheinend Richard Strauss wiederbelebt, um die Überlegenheit traditioneller Musik über die elektronische zu demonstrieren. Dieser Richard Strauss ist ein Muster, das dem Gehirn einer völlig unmusikalischen Person aufgeprägt wird. In Michael Moorcooks „A Dread Singer“ (1974) wird Jimi Hendrix wiederbelebt, zeigt aber kein Interesse an Musik. Gregory Bendorfs „Doing Lennon“ tut dasselbe mit John Lennon. Minnesänger und Barden sind in der SF häufig; noch häufiger sind sie in der Fantasy. In Space Opera (1965) schreibt Jack Vance von den Abenteuern einer wandernden Operntruppe. Spider and Jeanne Robinson entwickeln in Stardance (1979) die Idee, dass die Verständigung mit Außerirdischen durch nonverbale Kommunikation erleichtert werden könnte, und kombinieren Musik und Tanz. Anne McCaffrey, eine ausgebildete Opernsängerin, schrieb über Musik in The Ship Who Sang (1969, eine Verbindung verschiedener Geschichten) und The Crystal Singer (1982) und im Drachensänger-Zyklus ihrer Pern-Geschichten. Die Macht der Musik wird in Edgar Pangborns „The Music Master of Babylon“ (1954) oder Orson Scott Cards Songmaster (1980), in dem die Musik zu heilenden und zerstörerischen Zwecken verwendet werden kann, ebenso in George R. R. Martins Roman Armageddon Rag (1983). In Thomas M. Dischs bitterböser Satire On Wings of Song (1979, der Titel ist einem Gedicht Heinrich Heines entnommen) ermöglicht es ein bestimmtes Singen mittels Biofeedback, den Körper zu verlassen und ungesehen andere Orte zu erkunden.

In Charles L. Harness’s The Rose wird Tschaikowskys 6. Symphonie Pathétique als Waffe eingesetzt. In Lloyd Biggle Jr.s The Still, Small Voice of Trumpets (1968) spornt die Musik zur Revolution gegen Unterdrückung an, während sie in manchen Utopien wie Samjatins Wir (1924) oder Orwells 1984 (1949) ein Mittel der Unterdrückung ist.

Der ungarische Schriftsteller Frigyes Karinthy (1887-1938) versetzt in der ersten seiner beiden Fortsetzungen von Swifts Gulliver, Utazás Faremidóba, der fünften Reise Lemuel Gullivers (1916, Die Reise nach Faremido) in ein Land weiser und unsentimentaler Maschinen, die dem Menschen überlegen sind und die miteinander durch Musik kommunizieren (woher sich auch der Titel Fa – re – mi – do ableitet). Diese Roboter haben eine vollkommene Gesellschaft geschaffen, die sich menschlichem Verständnis entzieht. Schon die Bewohner von Bischof Francis Godwins (1562-1633) The Man in the Moone (posthum 1638) kommunizieren mit Musik. Der fiktive Autor und Mondreisende Domingo Gonsales entdeckt u. a., dass die Bedeutung von Wörtern und Sätzen von der Tonhöhe abhängt. Es ist aber fraglich, ob die „Musik“ der Lunaren wirklich eine Sprache ist oder nur eine Methode der Transkription der Buchstaben einer existierenden Sprache. Auf den Spuren von Gonsales wandelt Jack Vance in „The Moon Moth“ (1961), in dem Musik Außerirdischen als Sprache dient. Auch die Außerirdischen in dem Spielberg-Film Closer Encounters of the Third Kind (1977) versuchen, durch Musik mit uns zu kommunizieren. Mutierte singende Pflanzen kommen in J. G. Ballards Geschichte „Prima Belladonna“ (1959) vor. Geradezu religiöse Bedeutung erlangt die Musik für den dritten Menschen in Olaf Stapledons Last and First Men (1930) und für manche frühe Universen in Star Maker (1937).

Häufig kommen in SF auch imaginäre Musikinstrumente vor, entweder als Weiterentwicklung existierender Instrumente oder als Produkte einer futuristischen Technik. Ein früher Vorläufer ist „Die Automate“ (1884) von E.T.A. Hoffmann. Manche Instrumente sind für Mutanten, da sie nur mit mehr als fünf Fingern gespielt werden können (eine Pfeife in Olaf Stapledons Odd John, 1935) oder eine Flöte innerhalb einer Machete in Samuel R. Delanys The Einstein Intersection (1967). Der „Fourier-Audiosynthesizer“ in Charles L. Harness The Rose nimmt programmierbare Synthesizer vorweg. Schon bei Lasswitz gibt es Musikinstrumente, die direkt das Gehirn beeinflussen wie das Hammerstein Stimmungsinstrument, wie auch in Philip K. Dicks We Can Build You von 1972. In den eindrucksvollen Vermilion-Sands-Geschichten (1971) von J. G. Ballard, die viele neue Künste vorstellen, kommen u. a. Tonstatuen vor, die auf die Geräusche ihrer Umwelt reagieren, indem sie sie in veränderter Form wiedergeben.

Das ist nur ein kurzer Überblick; mehr Anregungen findet man in dem erwähnten Eintrag in der Encyclopaedia of Science Fiction, dem die Hinweise auf die meisten der hier erwähnten Texte entnommen wurden.

Copyright © 2015 by Franz Rottensteiner

MARCUS HAMMERSCHMITT

IN WIEN IST DIE MUSIK

- EIN VERHÖR -

ILLUSTRIERT VON GLORIA MANDERFELD

Sie werden mich gehen lassen müssen.“

Es klang nicht wie eine Drohung, sondern wie eine Feststellung. Über eine Drohung hätte ich lachen können. Die Verhältnisse waren nicht so, dass der Verdächtige mir drohen konnte. Ein Psycho, dachte ich mir. Nur Psychos sind so entspannt, wenn sie einem Polizisten gegenübersitzen.

„Ah“, sagte ich. Das habe ich mir so angewöhnt, wenn ich mit völlig sinnlosen Aussagen konfrontiert werde. „Bleiben wir doch einmal bei den Grundlagen. Sie haben uns noch gar nicht gesagt, wer Sie sind.“

Dieses feine Lächeln auf den dünnen Lippen, diese eng beieinander stehenden Augen: Er sah einem Vogel ähnlich.

„Ich bin der Heiner“, sagte er. Er senkte den Blick, scheinbar um besser nachdenken zu können. „Doch. Das passt. Heiner.“

„Heiner wie? Gibt’s auch einen passenden Nachnamen?“

„Kinsdorf. Das hört sich schön an, nicht?“

„Sind Sie österreichischer Staatsbürger?“ Wir hatten keine Ausweispapiere bei ihm gefunden. Wenn man es genau nahm, nichts außer seinen Kleidern und der Tatwaffe. Die Fingerabdrücke waren nicht im AFIS gewesen. Ein völlig unbeschriebenes Blatt.

„I bin a Kosmopolit, Herr Kommissär. In ziemlich umfassendem Sinn.“

Also normalerweise kein Akzent, aber für zwei Sätze machte er mir den Österreicher. Hier wollte mich einer am Schmäh halten.

„Das freut mich für Sie. Ich bin kein Kommissär, ich bin Oberleutnant. Wollen Sie eigentlich keinen Anwalt?“

„Ich brauche keinen. Sie werden mich gehen lassen müssen.“

„Ah ja, das sagten Sie bereits. Aber ich fürchte, das wird noch ein wenig auf sich warten lassen. Warum haben Sie die Anna Nauders umgebracht?“

„Bei der Abteilung zwei der Bundespolizei, da fackelt man nicht lang. Sie fragen Sachen, Herr Kommissär. Aber wollen Sie auch eine Antwort?“

„Gewiss doch, Herr Kinsdorf“, sagte ich. Ich setzte mein verbindlichstes und falschestes Lächeln auf. Während ich mich vorbeugte, folgte mir die Videokamera an der Decke.

Diese Kameras sind übertrieben groß, es gibt ja heute viel kleinere Fabrikate, sogar unsichtbare. Aber die Verdächtigen sollen ruhig merken, dass sie aufgezeichnet werden. Die meisten macht das nervös. Kinsdorf nicht. Er lächelte kurz zu der Linse hoch und sah dann wieder mich an.

„In Wien ist die Musik, Herr Kommissär. Das muss ein Wiener Blut wie Sie doch wissen.“

Wie der mich nervt, dachte ich. Ein krimineller Psycho mit einem schweren Hang zu Sarkasmus und schlechtem Geschmack. Ja, auch sein rosa Hemd mit den kleinen Rüschen an den Ärmeln nervte mich. Von dem Backenbart ganz abgesehen. Ich lehnte mich zurück. Spiel dein kleines krankes Spiel, dachte ich. Wo du genau hinkommst, entscheidet später der Psychologe.

„Was wissen Sie über die Wiener Klassik, Herr Kommissär?“

Ich lächelte ihn an.

„Die Wiener Klassik. Mozart, Haydn, Beethoven – das war der große Mittelpunkt. Das war so ein Mittelpunkt von musikalischer Begabung“ – er fuchtelte mit seinen Händen herum – „wie eine, eine Supernova. Wenn Sie wissen, was ich meine. Wir nennen so etwas einen Bruch.“

Er betrachtete seine eigene Hand. Sein kleiner Finger war verbunden. Dort hatte er sich geschnitten. Er prüfte die Beweglichkeit des Fingers. Anscheinend wartete er auf einen Einwurf von mir, eine Rückfrage, aber ich hielt mich zurück. Psychos festhalten beim Toben und laufen lassen beim Reden.

„Die Familie Bach, das war auch so ein Bruch, vorher, aber weniger lokal. Wien, das ist anders. Die Wiener Klassik. Später dann der Johann Strauß Vater und der Johann Strauß Sohn und seine Champagner-Klassik, der Bruckner, der Mahler, und der Richard Strauß. Und natürlich der Schönberg. Der vor allem.“

Mir fiel mein Blockflöten- und Klavierunterricht aus der Kindheit ein. So, dachte ich mir, fühlen sich manchmal Psychotherapeuten. Der ganze Müll läuft in sie rein, und sie können nichts dagegen tun, weil der Witz an der Sache darin besteht, dass die Patienten den Müll loswerden. So fühlt sich ein Ascheimer für Seelenmüll an. Nur dass die wenigsten Patienten Mörder waren. Der hier schon. Der hatte auf einem Sessel gesessen, das Messer in seiner Hand, die Leiche vor seinen Füßen. Kein Widerstand, keine Ausreden. Die Nachbarn hatten sie schreien gehört.

„Sie können sich nicht vorstellen wie froh wir über den Schönberg waren. Ich persönlich mag seine Sachen ja nicht. Ich mag überhaupt keine anstrengende Musik. Mehr so klassischen Rock’n Roll. Buddy Holly, das ist mein Held. Aber der Schönberg, der hat uns eine Zeit gerettet. Der hat wieder Möglichkeiten geschaffen, wo die anderen vorher schon alles zugefiedelt hatten. Das muss man ihm lassen. Vielleicht, wenn die Nauders einen Geschmack für anstrengende Musik gehabt hätt, hätt der Schönberg sie auch retten können.“

„Jetzt fragt sich nur, ob er auch dafür zuständig war“, entfuhr es mir. „So tot wie der schon lange ist.“

„Herr Kommissär! Humor! Man erlebt noch Überraschungen bei der Polizei! So muss es sein, so muss es sein. Sie sind der Richtige.“

Fraternisier du nur, dachte ich. Dann gehst du bald auf wie eine Auster.

„Also Wien, das war so ein Bruch. Das ist es immer noch. Die Gefahr ist noch nicht gebannt, jetzt wo die Nauders tot ist. Es gibt ja Hunderte wie sie in Wien. Da werden wir auch weiterhin aufpassen müssen. Aber ich bin ein Trottel. So, wie ich Ihnen das hier erzähle, können Sie mich ja gar nicht verstehen. Ich bin nicht so gut im Erklären, das wirft man mir immer wieder vor. Meinen Sie, ich bin verrückt?“

„Im Leben nicht, Herr Kinsdorf.“

„Da würden Sie auch falsch liegen mit der Vermutung. Wo war ich noch gleich? Genau, bei der Gefahr. Wie viele Melodien kennen Sie, Herr Kommissär?“

„Ich weiß nicht“, sagte ich ruhig, und nahm die Zigaretten aus meiner Brusttasche. „200? 300?“ Ich bot ihm eine Zigarette an, er nahm sie. Feuer für mich, Feuer für ihn. Beim ersten Ausatmen sagte er: „Das ist hier aber nicht erlaubt.“ Seine Hand wedelte in Richtung des Verbotsschilds. Der Verband sah in Kombination mit der Zigarette und den Rüschen so lächerlich aus, dass ich beinahe lachen musste. „Ausnahme“, sagte ich.

„Gut. Also Sie meinen, Sie kennen 200 oder 300 Melodien, richtig? Die Sachlage ist ein wenig komplexer. Einen aktiven Zugriff, einen ohne Anstrengung, haben Sie auf knapp 50 Melodien. Maximal. Dann wird es duster. In Ihrem Gehirn abgelagert, etwa so wie abgelagerte Zeitungen auf Ihrem Speicher, sind ein paar Tausend. Und außerdem sind Sie, wie jeder andere Mensch, mal schlechter, mal besser dazu in der Lage, neue Melodien zu bilden. Sie sind zwar total unmusikalisch, aber man kann die Musik nicht vermeiden. Das ist im Preis inbegriffen, sozusagen.“

Ich streifte die Zigarettenasche ab. Auf meinem Speicher lagerten tatsächlich viele Zeitungen. Ein Hobby von mir. Aber was heißt das schon, dachte ich mir. Zeitungen sammelt doch jeder. Meine musikalische Unfähigkeit war in der Dienststelle geradezu legendär.

„Und jetzt kommt es. Wie viele mögliche Melodien gibt es überhaupt? Na? Was meinen Sie?“

Ich ertappte mich dabei, dass ich für einen Moment tatsächlich über die Frage nachdachte.

„Weiß nicht“, entgegnete ich.

Er lächelte: „Unheimlich viele. Ehrlich. Das würd lang dauern, die zu zählen. Einer von uns hat es mir mal ausgerechnet. Einer, der sich mit Mathematik auskennt. Das ist ja bekannt: Mathematik und Musik, das gehört zusammen. Die Zahl ist riesig. Ich hab sie vergessen. Irgendwas hoch irgendwas. Unglaublich viele. Aber eben nicht unendlich. Wenn man nur den normalen Kram nimmt, also den Quintenzirkel und wie das Zeug heißt, Tonika und Subdominante, dann gibt es nicht unendlich viele Melodien. Deswegen waren wir ja so froh über Schönberg und die ganzen Neutöner, vor allem über die Geräusch- und Krawallmacher. So ein Scheiß! Duo für Straßenbesen und Schultafel! Was haben wir gelacht. Aber eben auch vor Erleichterung. Der Schönberg, der ja ein Genie gewesen sein soll mit seinem Zwölftonkram, und die Geräuschdeppen kamen uns gerade recht. Weil es eben tonal nur eine endliche Anzahl von Melodien gibt. Nicht unendlich. Endlich.“

Er zog an seiner Zigarette und machte einen Rauchring. Beherrscht, aber erregt saß er vor mir. Wie ein Motor im Standbetrieb.

„Aber natürlich, das hält nicht lange vor. Was man den Leuten in der Wiege vorsingt, das wollen sie so ähnlich immer wieder hören. Schönberg und die Schultafel, das geht auf die Nerven auf die Dauer. Die Leute brauchen auch ein Gefühl. Also die Tonika und der Quintenzirkel. Und was folgt daraus? Melodienverbrauch. Hemm-ungs-lo-ser, ra-di-ka-ler Melodienverbauch.“

Ich drückte meine Zigarette aus. Die Videokamera surrte.

„Herr Kinsdorf. Ich habe Ihnen vorhin eine Frage gestellt. Warum haben Sie die Anna Nauders umgebracht?“

„Aber das will ich Ihnen doch gerade erklären!“, sagte er. „Diese Frau war eine Gefahr für uns alle!“

Er sagte das mit einer unterdrückten, verzweifelten Überzeugtheit, die mich stutzig machte. Extrem verrückt oder ein extrem guter Schauspieler.

„In Wien ist die Musik. Hier werden Hunderte von Millionen Melodien täglich verbraucht. Hunderte von Millionen. Und zwar nicht nur die, die wirklich gesungen, gezupft, getrötet und gefiedelt werden, und auch nicht nur die, die im Radio und Fernsehen auftauchen! Es sind auch die, an die die Menschen nur denken! Ganz zu schweigen von denen, an die sie nicht einmal denken, sondern die sie nur in ihrem musikalischen Hirn unbewusst zusammensetzen. Unbewusst! Sigmund Freud! Sie verbrauchen Melodien, Herr Kommissär, jeder Wiener verbraucht Melodien, und die Nauders hat auch Melodien verbraucht. Was für ein Raubbau! Denken Sie doch auch einmal daran.“

„Also gut, Herr Kinsdorf“, sagte ich. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich gehe mir jetzt einen Kaffee holen. Danach lassen wir diesen Schwachsinn mit den verbrauchten Melodien hinter uns, Sie erzählen mir, warum Sie die Anna Nauders umgebracht haben, und unterschreiben mir nachher ein Geständnis. Dann kann ich nach Hause, Sie kommen in Ihre Zelle, und alles geht seinen normalen, geregelten Gang. Das ist doch ein Angebot, oder?“

Kinsdorf schüttelte den Kopf.

„Ich erklär’s Ihnen doch.“

„Na dann. Auch was trinken?“

„Mineralwasser, bitte.“

Ich stand auf und legte meine Hand auf die Metallfläche neben der Tür. Ich blinzelte nicht mit den Augen, damit meine Iris abgetastet werden konnte. Die Tür öffnete sich gerade so weit, dass ich hindurch schlüpfen konnte, und schloss sich dann sofort wieder. Absolut sicher. Kinsdorf konnte sich meinetwegen den Schädel an der Wand einrennen, während ich weg war, aber er konnte nicht hinaus. Ich stieg die kleine Treppe hinunter. Die Reihe der Verhörboxen verströmte diesen sachlichen Lagerhallencharme. So wie sie da einen halben Meter über dem Boden hingen, grüngestrichen, schwingungsfrei und schallisoliert, versprachen sie Ernsthaftigkeit. Die wenigsten Verdächtigen, die hierher kamen, blieben von der Atmosphäre unbeeindruckt.

Als ich bei den Getränkeautomaten stand, kam einer vom EKF vorbei. Er war schon weitergegangen, drehte sich dann aber wieder zu mir um, und sagte:

„Du sitzt doch an dem Fall mit der kleinen Sängerin aus Döbling?“

Ich konnte mir den Namen von der Type nie merken. Strasser oder Strassmeier. Unangenehme Visage. Typischer Beamter.

„Ja. Wieso?“

„Die ist erst vergewaltigt und dann abgemurkst worden. Üble Schweinerei. Kommt grad aus dem Labor.“

Dann ging er kommentarlos weiter. Mein Kaffee war fertig. Der Becher mit Kinsdorfs Mineralwasser stand schon bereit.

Als ich zurückkam, saß Kinsdorf mit verschränkten Armen auf seinem Stuhl und grinste mich an. Ich goss ihm zuerst den heißen Kaffee über den Kopf und dann das kühle Mineralwasser. Er schrie auf, ich riss ihn hoch und klatschte ihn an die Wand. Mein Gebrüll war lauter als seins.

„So, Bürscherl! Plan B! Du gestehst! Du sagst mir warum! Du gestehst! Und ich hau dich zu Klump! Egal, was du sagst! Du Drecksau! Die Nauders erst ficken und dann killen! In Wien ist die Musik, ja? Hier spielt die Musik, du Schwuchtel!“

Ich schlug ihm ein paarmal in die Fresse und warf ihn dann zu Boden. Im Verlauf meiner ersten Zigarette erholte er sich wieder und kroch zu seinem Stuhl zurück. Er schniefte und schluckte. Seine Haare waren nass. Lachsrote Streifen im Gesicht und am Hals, das kalte Mineralwasser war wohl nicht überall hingekommen. Das Blut aus seiner Nase und der Kaffee hatten sein schönes Hemd ruiniert.

„Das“, sagte er sabbernd und hustend, „war nicht nett“.

Mut hatte er ja. Ich sah ihn an.

„Du vollgeschissener Strumpf. Dich holt nachher die Ambulanz ab. Also. Die Nauders. Los.“

„Das mit der Vergewaltigung ist ein ethischer Fehler.“

Ich sah ihm in die Augen. Es wirkte so, als sei Kinsdorf von dieser Einsicht aus tiefster Seele überzeugt.

„Ich bin schon oft für solche Sachen getadelt worden. Aber was kann ich dafür? Und warum werde ich dann überhaupt noch eingesetzt? Die Leute sollen nicht leiden, heißt es. Alle wissen, dass ich ein Triebtäter bin. Aber mich setzen sie für die Frauen ein. Und ich verstehe auch nicht, dass ich Ihnen alles erzählen soll. Normalerweise arbeiten wir geheim. Aber die Leitungsebene hat mir gesagt, ich soll mich diesmal fangen lassen und Ihnen alles erzählen.“

An diesem Punkt des Verhörs war er mir zugegebenermaßen überlegen. Ich hatte ihm gerade eben eine Abreibung verpasst und wollte so nicht weitermachen. Das bringt ohnehin nichts, wenn die Leute nicht mehr reden können. Außerdem klingelte mir seine bizarre Logik in den Ohren. Wen meinte er mit „wir“? Es klang so überzeugt. Ich wollte ihn zerstampfen, damit das Problem gelöst war, aber ich konnte mich kaum bewegen. Kinsdorf lähmte mich mit seinem Geschwätz. Ich hatte eine brennende Zigarette im Mund, meine Fäuste lagen geballt auf meinen Oberschenkeln. Ich war völlig verkrampft. Als ich es bemerkte, drückte ich die Zigarette aus und lehnte mich zurück.

„Die Nauders war eine Gefahr, Herr Kommissär. Glauben Sie mir das!“

„Und wieso das, du Lutscher?“

Ich mochte den Klang meiner eigenen Stimme nicht. Sie war heiser, wie ich das von mir kenne, wenn ich sehr müde bin. Ich fühlte mich wie ein Motor kurz vor dem Kolbenfresser. Irgendwie heißgerieben, innerlich.

„Das will ich Ihnen doch die ganze Zeit erklären. Sie hätte die letzte Melodie verbrauchen können. Und deswegen musste sie … wurde ich beauftragt.“

„Von wem?“

„Von der Kommission. Von der Leitungsebene.“

Er schien sein Selbstvertrauen zurückzugewinnen, während mir schier schwindelig vor Selbstbeherrschung wurde.

„Sie erhalten also Mordbefehle von einer ‚Kommission‘. Von der ‚Leitungsebene‘. Und dann gehen Sie hin und ermorden Leute. Nach dem, was Sie sagen, ist das ja schon öfters vorgekommen. Was ist das für eine Organisation? Was hat sie für Motive?“

Jetzt sah er mich an wie einen hoffnungslosen Fall, dem man alles ganz langsam erklären musste, und der es dann immer noch nicht begriff. Ich dreh durch, dachte ich, gleich dreh ich durch, und dann ist das hier sowieso erledigt. Kinsdorf seufzte.

„Wir retten doch immer die Welt.“

„Haha“, lachte ich. Es tat gut, spontan lachen zu müssen, das baute einen Teil meines Innendrucks ab. „Hahaha!“

„Ja, das klingt lächerlich“, sagte er resigniert. „Ich weiß. Aber es ist trotzdem wahr. Die letzte Melodie muss vermieden werden. Um jeden Preis. Das ist wichtiger als alles andere.“

Es war vorbei mit meiner guten Laune.

„Hören Sie mir zu, Sie Spatzenhirn“, sagte ich. „Hören Sie mir gut zu. Es kann sein, dass Sie völlig blöd sind, aber das, was ich Ihnen jetzt sage, werden Sie immer noch begreifen. Sie erzählen mir jetzt genau, warum und wie Sie Anna Nauders umgebracht haben. Sie erzählen mir die Wahrheit, so wie Sie sie kennen. Und wenn ich genau ab jetzt auch nur den Hauch des Eindrucks habe, dass Sie mich verscheißern wollen, dann mach ich Sie platt. Aber richtig. Haben Sie das verstanden?“

Kinsdorf nickte trübe. Die Wahrheit war: Ich glaubte ihm. Ich glaubte ihm zumindest, dass er an seinen Scheiß glaubte, und dass jemand so deppert sein konnte, diesen Unsinn, den er da von sich gab, zu glauben, war ein Grund für meine Ratlosigkeit und Wut.

„Die letzte Melodie darf auf keinen Fall verbraucht werden. Das ist natürlich nur ein Bild. Bei den Milliarden Melodien, die täglich verbraucht werden, kommt es uns natürlich nicht auf eine einzige an, das hieße ja, die Nadel im Heuhaufen zu suchen, und wahrscheinlich auch, sie erst zu finden, wenn alles zu spät ist. Wir halten … wir halten den Baum der Entwicklung im Auge. Und dadurch wissen wir, wann ein Ast sich so entwickelt, dass er möglicherweise zu den letzten, bisher noch unverbrauchten Melodien vordringt. Es ist mathematisch. Ich kenne mich damit nicht aus. Ich gebe Ihnen nur weiter, was man mir selbst erzählt hat. Diese Äste jedenfalls, die wuchern, die gefährlich sind, die müssen wir abschneiden. Und die Nauders war ein kleiner Ast an so einem Ast.“

Er sah mich fragend an.

„Weiter“, sagte ich.

„Man darf gar nicht daran denken, wenn wir es nicht schaffen. Man hat mir erklärt, die Welt stünde still! Es ist mit Physik und so weiter. Raum und Zeit sind mit der Musik verknüpft, und sie erneuern sich aus denselben Quellen. Es muss ein Reservoir geben. Es muss eine Reserve geben. Ohne das erschöpft sich alles. Ich habe es nicht wirklich begriffen. Man hat mir gesagt: Es ist wie mit dem Regenwald. Das mit der Vergewaltigung ist ein ethischer Fehler. Ich will nicht mehr für die Frauen zuständig sein. Aber man sagt mir immer: Du musst. Ich bin ein schlechter Mensch.“

Er glaubte es. Er glaubte es wirklich. Ich fiel innerlich zusammen. Ich schämte mich dafür, einen Verrückten geschlagen zu haben. Er würde heute Nacht in einer besonders gesicherten und überwachten Zelle verbringen und in den nächsten Tagen in die Forensik nach Hall gebracht werden. Ich schaltete die Kamera aus.

„Okay, Herr Kinsdorf. Okay. Wir machen jetzt hier Schluss. Ich rufe einen meiner Kollegen und wir begleiten Sie zu einem Zimmer, in dem Sie übernachten können. Alles weitere klärt sich morgen.“

Kinsdorf sah erstaunlich gut aus, wenn man bedachte, dass ich ihn vorhin noch durch die Mangel gedreht hatte. Die Verbrühungen in seinem Gesicht waren fast verschwunden, das Blut und der Kaffee waren fast getrocknet. Auch mental machte er einen überraschend frischen Eindruck. Ich fühlte mich schlecht; Kinsdorf war beinahe voll auf der Höhe.

„Ich muss jetzt gehen“, sagte er.

„Sicher“, gab ich zurück, „der Kollege kommt gleich.“

„Darauf kann ich leider nicht warten.“

Und dann ging alles sehr schnell. Mit einem Schritt stand er bei der Tür, legte seine Hand auf den Scanner – und war draußen! Schneller als ich reagieren konnte. Ich stand noch nicht, da schloss sich die Tür schon wieder, und es dauerte noch ein oder zwei Sekunden, bis ich wirklich begriffen hatte, was geschehen war. Der Verdächtige war geflohen! Das Unmögliche war geschehen! Aus einer der todsicheren neuen Verhörzellen war ein Verdächtiger geflohen! Ich schlug auf den Alarmknopf ein, als sei er kaputt. Das war er nicht, die Sirene dröhnte prachtvoll durch die Halle. Aber das Biometriegerät versagte zweimal, es wollte mich einfach nicht erkennen, und schaltete stattdessen auf Alarm. „Is schon Alarm, du Scheißding“, schrie ich, und versuchte es noch ein drittes Mal. Die Tür öffnete sich, langsam, zögerlich, wie mir schien, und ich stolperte in die kalte Halle. Kinsdorf war nirgends zu sehen. Auch sonst war keiner da.

„Hallo!“ schrie ich. Ich konnte mich kaum selbst hören, so laut war die Sirene. Zwei uniformierte Kollegen kamen angerannt, ich erkannte sie als die Wachmänner, die den Zugang zur Halle kontrollierten. Unser Atem kondensierte in der kalten Luft.

„Tür ging nicht auf!“, schrien sie.

„Meine auch nicht“, schrie ich zurück.

„Was is'n überhaupt los?“

„Ein Verdächtiger! Ist abgehauen! Vor meinen Augen!“

Sie starrten mich entgeistert an.

„Los!“, brüllte ich. „Wir müssen ihn suchen.“

Die beiden zogen ihre Pistolen, und wir suchten. Aber Kinsdorf war nicht mehr da. Einfach nicht mehr da. Als der Hubschrauber mit der Sondereinheit eintraf, hatten wir schon aufgegeben.

Natürlich ist der Vorfall untersucht worden. Es fiel ein Verdacht auf mich. Das Video von unserem Verhör entlastete mich nicht, denn ich hatte ja kurz vor Kinsdorfs Flucht die Kamera ausgeschaltet. Dass ich so ruppig mit Kinsdorf umgegangen war, versuchte man mir als Theater auszulegen: Damit habe ich nur verschleiern wollen, dass ich mit ihm in Wirklichkeit unter einer Decke steckte. Die Kollegen, die mich in dieser Angelegenheit verhörten, waren sehr misstrauisch. Ich hatte auch den Eindruck, man wollte gar nicht in Betracht ziehen, dass die Technik versagt haben könnte. Erst die Kontrolle des Biometriegeräts reinigte mich von dem Verdacht. Es stellte sich heraus, dass das Gerät in den entscheidenden Sekunden tatsächlich vier Kontrollvorgänge durchgeführt hatte. Und der erste, der vor meinen beiden vergeblichen Versuchen stattgefunden hatte, war der bemerkenswerteste: Das Gerät hatte Kinsdorf irrigerweise als einen Qualitätsprüfer der Herstellerfirma erkannt. Dieser Techniker hatte das Gerät vor dem Verkauf kalibriert, und sein Profil war irrtümlicherweise immer noch als zugangsberechtigt abgespeichert. Er ähnelte Kinsdorf in der Tat ein wenig, aber allein das hätte natürlich nicht gereicht, um das Gerät zu überlisten. Schließlich prüfte es ja den ganzen Handabruck, die Iris, und verschiedene andere Parameter, jeder für sich angeblich unverwechselbar. Eine zufällige Übereinstimmung der Profile von zwei verschiedenen Menschen war so phantastisch unwahrscheinlich, dass der Techniker sofort in den Verdacht geriet, in Wirklichkeit Kinsdorf zu sein, aber er hatte ein lückenloses Alibi. Er war in Graz auf einer Veranstaltung gewesen, ein gutes Dutzend Zeugen bestätigte das. Es gab ein wenig Hin, ein wenig Her, es gab natürlich eine Fahndung nach dem Flüchtigen, eine große technische Untersuchung über die Zuverlässigkeit der Biometrie-Geräte, und dann schlief die Sache ein.

Das Ganze ist jetzt fünf Jahre her. Sicher einer der unangenehmsten Vorfälle in meiner bisherigen beruflichen Laufbahn. Kinsdorf ist nie wieder aufgetaucht. Aber ich bin sicher, er rettet weiterhin die Welt.

Copyright © 2015 by Marcus Hammerschmitt

GABRIELE BEHREND

TREMOLO

ILLUSTRIERT VON RASPUTIN

Prolog

Ein Zittern ging durch ihren Körper, als der junge Mann mit seinen Händen über ihre bloße Haut strich. Ihr Klang veränderte sich. Die Augen geschlossen, spürte sie seinen Fingerspitzen nach, seinen zögernden, ungelenken Bewegungen, als er das Tuch ganz von ihr herunterschob. Das Publikum sah ihm gespannt zu, wollte ebenso wie er erfahren, wie sein Instrument beschaffen war. Für einen Moment hielt er inne, wusste nicht recht, auf welcher Seite er stand – bis er sich schließlich zur Ordnung rief und daran erinnerte, dass er der Spieler war und nicht mehr der Beobachter. Und so wurde er schnell mutiger, senkte seine Hände auf ihren Leib hinab und begann sie zu erforschen, jeden Quadratzentimeter ihrer Haut. Als der Dritte schließlich auf seinem Synthesizer mit einstimmte, hatte sich das Trio endgültig gefunden. Es gab nicht wenige im Auditorium, die dies mit einem tiefen Seufzen Willkommen hießen. Die Vereinigung von Spieler, Instrument und Synthesizer griff auf das Publikum über, vereinte so alle Menschen in dem Club. Gemeinsam wanderte man ab jetzt über die Höhen und Tiefen ihres Körpers. Der Spieler erzeugte ein helles Trillern, als er seine Fingerspitzen an ihrem Hals vom Ohr zur Halsgrube wandern ließ. Seine Hände glitten über ihre Brüste, aufreizend langsam, worauf sie mit einem Anschwellen zitternder Töne antwortete. Der Synthesizer schuf ein dunkles, samtenes Klangbett, über das die hellen Obertöne ihres Körpers huschten und das auch das Seufzen und Aufstöhnen aus dem Publikum mit einband. Manchmal hielt der junge Mann inne, biss sich auf die Fingerknöchel, musste sich zurückhalten, musste sich klarmachen, dass es hier um die Musik ging, nicht um ihn und seine dunkleren Bedürfnisse. In diesen Momenten wurde sie ruhig, so ruhig, einzig ihr Atem strich über ihre Lippen, und der Synthesizer nutzte den Moment für die Bridge. Solange, bis der Jüngling sich wieder über ihren Körper beugte und seine Fingerspitzen erneut tanzen ließ. Sie zerfloss unter seinen Fingerkuppen, fand sich klingend wieder neu zusammen, drängte einem Höhepunkt zu, in schnelleren Tonabfolgen, im Crescendo gesteigert zu einem fulminanten Finale – begleitet und überwacht vom Dritten, der ihre dissonante Befreiung von allem Fleischlichen in Harmonie auffing und in die Stille zurückführte, während der junge Mann die Hände zum letzten Mal von ihr löste.

Am Ende des Abends hatten sie alle in Applaus gebadet. Der junge Mann hatte ihre Hand fest mit der seinen umklammert, hatte sie mit einem entrückten Gesichtsausdruck angestarrt und dabei ein leicht dämliches Grinsen zur Schau getragen. Sie hatte es verstehen können, sie selbst fühlte sich dizzy und frei und losgelöst von aller Erdenschwere. Erst als ihr der Alte einen Umhang um die Schultern legte, wurde sie sich wieder ihrer Nacktheit bewusst und der Kälte, die langsam über ihre Haut kroch.

Nach einer letzten Verneigung befreite sie sich sanft aus dem Griff des Jünglings und verschwand hinter der Bühne. In der Garderobe angekommen, schlüpfte sie sogleich in den weißen Ganzkörperanzug, der sie bis auf ihr Gesicht vollkommen bedeckte. Danach setzte sie sich still vor den Spiegel und sah sich lange, lange ins Gesicht. Im Geist ging sie den Abend noch einmal durch, rekapitulierte die Verheißungen, die den fremden Fingerkuppen entsprungen waren. Sie lauschte den Antworten, die ihr Körper gefunden hatte, seinem Hoffen und Sehnen. Meister Ou’mar hatte alle Töne, die ihr Körper absonderte, gebündelt, begleitet, harmonisiert. Verständlich gemacht für das Publikum. So gesehen, war er ihr musikalischer Dolmetscher – das war seine Kunst. Sie hingegen war das fleischgewordene Instrument. Der junge Mann der Spieler. Der Spieler war die einzige Unbekannte in dieser Formel. Das Element, das von Konzert zu Konzert im Publikum neu gefunden werden musste. Das sollte so sein, schließlich lebte diese Art der Musik vom Neuen, vom Unbekannten. Ihre Körpermusik war eine einzige orchestrierte Reaktion. Ou’mar und sie selber bildeten die Konstanten, seit zwei Jahren nun schon. Das musste so sein, denn nur Ou’mar kannte die Bandbreite ihrer Töne so gut, dass er nicht nur darauf reagieren, sondern sie darüber hinaus in komplexe Harmonien einbauen konnte. Ou’mar. Der Fels in der Brandung. Ou’mar -

Ein leises Klopfen ertönte.

„Mia?“

„Ja?“

„Bist du bereit? Darf ich eintreten?“

Sie lächelte. Ou’mar hatte sie schon so oft nackt gesehen auf der Bühne, hatte sie sogar vor den Auftritten gewaschen, wenn sie von einer unbestimmbaren Nervosität gepackt und geschüttelt worden war, aber nach den Auftritten hielt er sich von ihr fern, so lang, bis sie verhüllt war.

„Komm herein.“ Sie schwang sich auf ihrem Drehstuhl zur Tür herum und erstarrte. Hinter Ou’mar stand der Jüngling mit hungrigen Augen.

„Was will er hier?“ Sie legte die Arme um sich und sah fassungslos zu Ou’mar. So etwas hatte es noch nie gegeben. Das verstieß gegen alle Regeln, die sie zusammen aufgestellt hatten.

Der machte eine beschwichtigende Geste, trat dann in die Garderobe und bot dem Jungen einen Platz auf dem Sofa an. Er selber lehnte sich neben Mia an den schmalen Tisch vor dem Schminkspiegel.

„Das ist Zidat, Mia. Ich würde ihn gerne in unseren Kreis aufnehmen.“

„Warum?“ Sie runzelte die Stirn. Sah Zidat ins Gesicht, musterte ihn kurz, flüchtete dann aber vor seinen Augen, seinem Blick, der noch immer hungrig auf ihr lag, und starrte stattdessen Ou’mar an. „Wozu soll das gut sein?“

„Ich würde ihn gerne als deinen Spieler dabei haben. Er scheint deinen Körper sehr gut zu verstehen – hast du es denn nicht selber gemerkt?“

Mia schwieg. Ou’mar sah zwischen den beiden hin und her. „Mia, was hast du für Widerstände? Hat er dich schlecht behandelt?“

Sie schüttelte den Kopf. Nein, das hatte er nicht, sie konnte nicht klagen. Ou’mar hätte es eh sofort gehört und ihn von ihr fortgezogen. Ou’mar beugte sich zu Mia hinunter.

„Versuche es doch mit ihm. Nur ein weiteres Konzert. Wenn du ihn dann wirklich nicht mehr sehen willst, gut, dann lassen wir ihn gehen. Abgemacht?“ Ou’mar strich ihr väterlich über den Scheitel. Ich achte auf dich, hieß das. Mia kannte seine Sprache. Und sie spürte auch die Bitte, die seiner Geste innewohnte.

Sie lehnte sich leicht an ihn. „Nur ein Konzert. Wenn er denn überhaupt will. Hast du ihn schon gefragt?“

„Es wäre mir eine große Ehre, Fräulein Mia.“ Zidats Zunge stolperte über die Worte, die er hastig hervorstieß. „Heute Abend ist ein Traum von mir in Erfüllung gegangen.“ Wieder dieses entrückte Grinsen wie zuvor auf der Bühne. „Ich werde Sie beide nicht enttäuschen!“

Ou’mar schmunzelte. „Es gibt kein Falsch oder Richtig in der Körpermusik. Da gibt es nur Improvisationen, Interpretationen. Geschichten, die unter der Haut liegen und gehört werden wollen.“ Er schlug die Arme übereinander und verfiel ins Dozieren. Zidat hing an seinen Lippen, sah dabei zwischendurch immer wieder zu Mia, als ob er es noch nicht fassen konnte, sie noch ein Mal berühren zu dürfen.

Mia war auf einmal todmüde. Erschöpft, ausgelaugt. Entschieden stand sie auf und scheuchte die Männer aus der Garderobe.

„Bitte geht. Wir sehen uns dann morgen früh.“

Die Tür schlug zu. Mia blieb alleine zurück, schnappte sich eine Decke und warf sich auf das Sofa, auf dem sie sofort einschlief.

Ouvertüre

Hätte sie damals doch „Nein“ gesagt. Hätte sie nur auf ihre Intuition gehört. Dann müsste sie heute nicht alleine hinter der Bühne stehen. Dann müsste sie nicht alleine in das Scheinwerferlicht treten, müsste sich nicht alleine der Möglichkeit eines grandiosen Scheiterns stellen.

Mia prüfte noch einmal den Sitz der Elektroden an den Fußsohlen und in ihren Handinnenflächen. Sie strich sich über den mitternachtsblauen Latexanzug, der so viel wie möglich bedeckte, dabei aber noch genug Raum zum Bespielen bot. Dann trat sie zwischen den Kulissen hervor.

Das Publikum hielt den Atem an. Ein blaues Alienwesen mit entblößter Brust, Bauch und Scham, trat vor die Menschen hin. Die Aussparungen des Anzuges liessen die Nacktheit aggressiv wirken, nichts schien mehr übrig zu sein von dem zarten Mädchen, das Mia einst war.

Die Stille zwischen den Menschen und Mia wurde nur durch die Lüftung des Rechners unterbrochen, die gerade in diesem Moment ansprang.

Mia weiß nicht recht, was sie als nächstes machen soll. Die Sprachlosigkeit rollt einer Welle gleich über sie hinweg. Ihr Geist ist leer und öd. Sie schwankt leicht. Am liebsten würde sie auf der Stelle flüchten. Doch das kann sie sich nicht leisten. Also reißt sie sich zusammen und macht einen Schritt auf das Publikum zu. Dann einen zweiten. Einen Moment später steht sie mitten unter ihnen. Mit der rechten Hand berührt sie sich an der Schläfe. Ein leichter Druck und schon wird ein moduliertes Hintergrundrauschen hörbar. Unaufdringlich kriecht es in die Köpfe der Menschen, noch keine richtige Melodie, aber nicht unangenehm, nicht unangenehm. Mia dreht sich im Kreis. Sie sucht hungrige Augen. Augen, wie Zidat sie hatte. Aber sie findet niemanden. Stattdessen schlagen die Männer die Augen nieder, wenn Mia an ihnen vorbeigeht, und die Frauen mustern sie feindselig. Man ist schließlich nicht der Sexualität wegen hergekommen, sondern um der Musik willen.

Da dreht sich Mia herum. Ein zweiter Handgriff an die linke Schläfe aktiviert die Funkübertragung der Messdaten des Differenzverstärkers an den Rechner, der mit Hilfe eines AD-Wandlers und eines Musikprogramms ihre Körpermusik hörbar macht.

Sie steht jetzt mit dem Rücken zu den Menschen. Ein Beben geht durch ihren Körper. Die Töne sind unharmonisch, dissonant. Da birgt sie das Gesicht in den Händen, streicht mit den Fingerspitzen über Augenbraue und Jochbein, erst links, dann rechts, dann gleichzeitig. Sie schließt die Augen und beginnt sich zu wiegen. Die Töne formieren sich, bilden erste harmonische Inseln auf dem Meer des 3D-Rauschens.

Mia spürt, wie sich das Publikum entspannt. Endlich bekommt es das geboten, was es haben will. Musik.

Mia lächelt in das Geflecht ihrer Finger hinein. So wie die Menschen hinter ihr zur Ruhe kommen, so breitet sich auch in ihr etwas aus, das sie schon lange nicht mehr so rein gespürt hat wie eben jetzt. Freude. Ruhige, verhaltene Freude zunächst, aber Mia spürt schon in diesen ersten Momenten ein Versprechen nach mehr in sich aufblühen.

Ihr Körper spielt ein Tremolo …

Intermezzo