Nummer 14 - Danian Stone - E-Book

Nummer 14 E-Book

Danian Stone

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Beschreibung

Als Robert Schneider, nach seiner Scheidung, am Neuanfang steht, scheint er nicht wirklich vorwärts zu kommen. Stattdessen kommt sein Leben immer mehr zum Stillstand und die Anonymität der Stadt, fängt an, ihn aufzufressen. Um der Einsamkeit zu entfliehen, beginnt er damit, sein Umfeld zu beobachten. Die Frau aus der Wohnung gegenüber, den Mann auf dem Dach, die Säufer vor dem Kiosk und das abendliche Gepolter, über seiner Wohnung. Alles bekommt plötzlich eine Bedeutung und dann hört er eine Stimme durch die Wand….

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Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Author:

Danian Stone

Impressum

Copyright: © 2014 Danian Stone

Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

ISBN 978-3-7375-1917-5

Robert Schneider

Die Stimme aus der Wand

Die Rettung

Der Albtraum

Nie wieder!

Die Dunkelheit

Margret der Engel

Es ist noch nicht vorbei

Stirb

Robert Schneider

Robert Schneider lag in seinem Bett. Die Arme hinter seinem Kopf verschränkt, die Beine übereinander geschlagen und starrte nachdenklich an die Decke, wo zwei Fliegen, unendliche Kreise um die Deckenlampe flogen und dabei scheinbar nie müde wurden.

Was ihm dabei wie ein stumpfsinniger Zeitvertreib vorkam, schien für die beiden Insekten, eine besondere Bedeutung zu haben. Denn mittlerweile zogen sie bereits, seit gut zehn Minuten, diese gleichbleibenden Kreise und das, mit einer derart bewundernswerten Präzision, das sie unterbewusst seine Gedanken fesselten, während er langsam wach wurde.

Durch das halb geöffnete Fenster, drang der Lärm der Straße ins Zimmer und die frühen Sonnenstrahlen, fingen langsam an, den Raum mit einem hellen Licht zu erfüllen, durch das sich selbst die Fliegen gestört fühlten. Denn plötzlich, stoppte abrupt eine von ihnen an der Decke.

Mit ihren kleinen Beinen, hakte sie sich an der Tapete fest und saß bewegungslos an einem Punkt. Ihr summender Flügelschlag war verstummt. Die zweite Fliege, flog unterdessen weiter um die Lampe herum.

Draußen donnerte ein Laster, die abschüssige Straße hinunter. Seine Bremsen quietschten und das Gepolter der Räder, die langsam zum Stillstand kamen, übertönte plötzlich die übrigen Geräusche der Straße, die durch das geöffnete Fenster herein flogen. Dann hatte der Laster gestoppt und Robert aus seinen Gedanken geholt.

Obwohl er jetzt schon fast vier Monate, in diesem heruntergekommenen Stadtteil wohnte, hatte er sich bis heute nicht an den Straßenlärm gewöhnen können. Er war 34 Jahre alt, etwa 1,78 m groß, trug kurzes, blondes Haar. Hatte eine sportliche Statur und war es gewohnt, etwas ländlicher zu wohnen. Ohne viel Verkehr. Mit mehr Abstand, zu den benachbarten Menschen. In einem Haus, an einem kleinen Bach und dahinter beginnt der Wald.

Aber das war jetzt vorbei.

Ebenso wie es mit seiner Ehe vorbei war, und dem Job.

Jetzt war alles weg!

Erst die Frau, dann die Kinder, und zuletzt die Arbeit.

Naja, das Haus nicht zu vergessen!

Aber wer erinnerte sich schon daran. Steine, Holz, Beton. Stille Zeugen einer Vergangenheit, in der so viele Erinnerungen steckten, dass ihm erst nach und nach klar geworden war, wie sehr er dieses Haus geliebt hatte.

Und seinen Job?

Er hatte ihn nicht wegen seiner Erinnerungen verloren.

Zu viele Unregelmäßigkeiten am Arbeitsplatz, hatte sein Chef als Begründung in die Kündigung geschrieben.

Was hatte er denn gedacht, wie er sein Leben in den Griff bekommen sollte?

Erst hatte ihn seine Frau verlassen, was zu einem zweijährigen Scheidungskrieg geführt hatte. Dann hatte er das Haus verloren. Die Kinder waren zu seiner Frau gezogen und als wäre das noch nicht genug gewesen, hatte man in der Bank, einem jüngeren die Position gegeben, die man eigentlich ihm hätte anbieten müssen.

Damals hatte er diese Entscheidung nicht verstanden. Jetzt war ihm alles klar. So wie es in seiner Kündigung stand.

Unregelmäßigkeiten!

Die fadenscheinige Begründung dafür, dass man ihn loswerden wollte. Einfach und schnell.

Vergiss es!

Es machte keinen Sinn mehr, darüber nachzugrübeln, was man hätte anders machen können.

Es war vorbei.

Jetzt war es wichtig, dass er wieder auf die Beine kam.

Die Wohnung hier, war der erste Schritt. Auch wenn sie nicht gerade seinen Vorstellungen entsprach. Was für den Schnitt der Wohnung, ebenso galt, wie für die Einrichtung. Aber es war ein Anfang. Weg von all dem alten Mist, mit den unzähligen Erinnerungen, an ein Leben, das es nicht mehr gab. Nie mehr geben würde!

Jeder Neuanfang ist schwer und mit vierunddreißig, standen ihm schließlich noch alle Türen offen. Aus diesem Grund, besaß die Wohnung auch mehr eine symbolische Bedeutung.

Sie verhalf ihm dabei, einen gewissen Abstand, zwischen seinem alten und dem neuen Leben zu schaffen und langsam von den Erinnerungen wegzukommen.

Darum spielte es kaum eine Rolle, wie sie geschnitten war, oder wo sie lag!

Zwei Zimmer. Eine Küche und ein Bad.

Das war alles.

Im Wohnzimmer standen, sein alter Schreibtisch, mit einem Stuhl, das Zweisitzer-Sofa aus braunem Nappaleder, das er aus seinem Haus mitgenommen hatte. Hatte mitnehmen dürfen, und ein kleiner Tisch.

An der anderen Wand, ein Regal mit TV und einer kleinen Stereoanlage. Daneben ein Stapel Kisten, mit Überresten seines alten Lebens, die er irgendwann auspacken würde.

Irgendwann!

Nicht heute!

Er war noch nicht so weit, die alten Sachen zu sortieren. Zu viele Erinnerungen hingen an den Gegenständen und die Wunden, die sie hinterlassen hatten, waren noch zu frisch.

Im Schlafzimmer standen ein altes Bett, ein breiter, wuchtiger Schrank aus dunklem Holz und ein Nachttisch.

Die Vorhänge hatte er in beiden Zimmern so aufgeteilt, dass sie seinem Geschmack entsprachen, auch wenn sie nicht wirklich zusammenpassten.

Was jetzt noch fehlte, war ein Job.

Aber bloß nicht wieder in einer Bank.

Irgendetwas anderes!

Er richtete sich auf. Stützte sich an der Bettkante ab, als wolle er aufstehen, hielt jedoch inne.

Nur noch nach vorne sehen, dachte er und erhob sich schließlich.

Er ging hinüber zum Bad und kam wenige Minuten später wieder zurück, um sich erneut hinzulegen.

Das Schlimmste an der ganzen Sache war, dass es ohne eine vernünftige Arbeit, keinen Sinn gab, den Tag schon derart früh am Morgen zu beginnen.

Zur selben Zeit schleppte Donald Herb seine 155 Kilogramm die Straße hinauf, wobei er leise vor sich hin fluchte.

Wie an jedem Tag, trug er die abgewetzte Jeans. Die abgelaufenen Turnschuhe und die Socken, bei denen man, Gott sei Dank, die Löcher nicht sehen konnte, weil sie zusammen mit seinen Füßen, in den ausgetretenen Schuhen steckten.

Don, wie ihn seine Freunde nannten, griff in die Tasche, seiner abgenutzten grünen Jacke und fühlte den Geldschein in seinen Händen, den er dort, wie einen Schatz hütete. Er genoss es, dass kleine Stück Papier zwischen seinen Fingern zu massieren und dabei zu wissen, dass es ihm gehörte.

Dabei kämpfte er sich, immer weiter, die ansteigende Straße hinauf. Schnaufte wie eine alternde Dampflok und musste schließlich anhalten, um einen Moment ausruhen. Bevor er die für ihn, viel zu steile Straße, weiter hinauf gehen konnte.

Donald wirkte mit seinem ungepflegten Äußeren, dem fahlen braunen Haar und seinem übergewichtigen Körper, unsympathisch und genau das war er auch. Verstärkt wurde dieser Eindruck noch, durch die unzähligen kleinen Blutäderchen, die sein Gesicht durchzogen und die deutlich machten, dass er ein Alkoholproblem besaß.

Alles zusammengenommen, sorgte dafür, dass die meisten Menschen gebührenden Abstand zu ihm hielten und ihn nur mit kurzen, abfälligen Blicken straften.

Aber das war nicht immer so!

Früher war Donald ein übler Schläger gewesen. War mit seiner Gang durch die Stadt gezogen und hatte es allen gezeigt.

Doch die Zeiten waren lange vorbei.

Jetzt war er vierzig und am Ende.

Herzprobleme!

Alkoholprobleme!

Die Leber war halb kaputt und die Knochen, spielten bei seinem Gewicht, auch nicht mehr richtig mit.

Alles was er noch besaß, waren die Jungs vom Kiosk, mit denen er sich jeden Tag traf und denen er berichten konnte, was für ein toller Kerl er früher gewesen war.

Er wusste, dass sie nur mit einem Ohr zuhörten, wenn er davon erzählte, was er früher alles angestellt hatte, und ihm war auch klar, dass man sich heute kaum noch vorstellen konnte, was er früher für ein toller Typ gewesen war. Aber das spielte für ihn keine Rolle und ändern, konnte er daran sowieso nichts.

Er hatte gelernt, damit zu leben und sich damit abgefunden.

Irgendwann kommt für jeden der Tag, an dem es nicht mehr weiter geht. Der Tag, an dem man sich auf dem Höhepunkt seines Lebens befindet und von da an geht es nur noch bergab.

Wie auf einer Rutsche, wenn man die oberste Stufe erreicht hat und die beschissene silberne Wanne hinunter blickt, die irgendwo weiter vorne im Sand endet. Oder wenn man bei der Achterbahn, den höchsten Punkt erreicht hat und kapiert, dass es von hier aus, zwar hin und wieder auch mal etwas bergauf geht, doch der größte Teil der Strecke, führt bergab und irgendwann endet man ganz unten.

Für Donald lag dieser Moment schon weit zurück.

Manchmal fragte er sich, wann dieser Zeitpunkt gewesen war?

Er wusste es nicht.

Schließlich hatte er nie etwas Richtiges gelernt und wäre heute auch kaum noch in der Lage, einem geregelten Job nachzugehen. Selbst wenn er es wirklich gewollt hätte.

Seine tollen Tage waren vorbei und wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann musste er sich eingestehen, dass er heute zu denen gehörte, über die er früher gelacht hatte. Eine Selbsterkenntnis, die nicht nur schmerzte, sondern auch den bitteren Beigeschmack besaß, dass es nie mehr besser werden würde.

Was war in seinem Leben nur schief gelaufen, fragte er sich, während er schwer atmend, auf dem Gehweg stand und gegen das Schwindelgefühl in seinem Kopf ankämpfte, das ihn jeden Moment aus dem Gleichgewicht warf.

Noch vor knapp zehn Jahren, wäre er an der Bank, auf der er jetzt täglich saß, vorbei gegangen und hätte die Gruppe aufgemischt, bis sie schreiend nach Hause gerannt wären. Heute war er froh, wenn er überhaupt dort ankam!

»Scheiß Leben«, fluchte er leise vor sich hin.

»Scheiß Pumpe«

Dabei fuhr er sich mit der linken Hand, über seine linke Brusthälfte, so als wollte er seinen Herzschlag fühlen.

Kaum mehr vierzig Meter waren es, die ihn noch von dem kleinen Kiosk trennten, an dem er jeden Tag stand und doch, schien es für sein Gewicht, eine unendliche Entfernung zu sein.

Jochen Müller, der lange, schmale im Team, saß auf der Bank, die gegenüber dem Kiosk stand und sah kurz die Straße hinunter, wo Don stand.

Er steckte sich rasch eine Zigarette an und winkte ihm zu.

Don erwiderte seinen Gruß, mit der gleichen Geste und kam zu ihm hinauf.

Es dauerte einige Minuten. Doch dann hatte er es endlich geschafft und sein Körper plumpste entkräftet auf die Bank.

»Es ist immer dasselbe«, sagte Don schnaufend, während er sich zu Jochen drehte, der in derselben Sekunde, seine Schachtel Zigaretten in der Jacke verschwinden ließ, um sie vor Don in Sicherheit zu bringen.

»Immer wenn du glaubst, es wird besser, dann kommt so ein Arzt daher und sagt dir, dass du mit der Trinkerei aufhören musst.«

Jochen sah zu Don, zog an seiner Zigarette, beobachtete dabei, wie die Glut aufleuchtete und fragte dann: »Du stirbst mir hier aber jetzt nicht weg, oder? So wie du schnaufst!« Dabei wurde sein Blick seltsam neugierig und glitt an Dons fettleibigem Körper entlang.

»Nein, nein!«, winkte Don ab. »Erst die letzte Woche habe ich gemerkt, dass es mir wieder besser geht! Die Schmerzen im Magen meine ich! Und gestern, erzählt mir dann der Arzt, eigentlich müsste es mir viel schlechter gehen….«

Don setzte sich aufrecht hin, steckte sich ebenfalls eine Zigarette an, während er weiter erzählte und dabei nach Luft rang.

»Und ich sage noch zu ihm, Herr Doktor, mir geht es besser! Die Schmerzen sind weg, bis gestern Abend. Da hatte ich sie wieder.«

Don sah seinen Freund an, als erwarte er von ihm ein Wort des Mitgefühls. Doch Jochen warf ihm nur einen kurzen, uninteressierten Blick zu. Er hatte gelernt, dass Don, so früh am Morgen, mächtig viel Blödsinn erzählen konnte und dass es besser war, ihm einfach nur zuzuhören.

Um nicht weiter Dons Ausführungen zuhören zu müssen, stand er auf.

Die Kontur seiner schlaksigen Gestalt, zeichnete sich im Licht der Sonne ab, die hinter ihm stand und die verbeulten Knie seiner Jeans, hingen über seinen Kniescheiben, wie zwei übergroße Höcker.

Er war auch einer von denen, die schon seit Jahren jeden Morgen hierher kamen. Wie der Rest der Gruppe. So hatte sich im Laufe der Zeit, ein kleiner Club gebildet, der sich jeden Tag vor dem Kiosk traf.

Hier saßen sie den ganzen Tag und redeten. Schlugen die Zeit tot und versuchten sich mit ihrem Geschwätz, gegenseitig zu überbieten.

Man holte die Zeitung, Getränke und manchmal brachte sogar einer von den Jungs Brötchen mit.

Jochen und Erik, die beiden hatten den Club gegründet. Irgendwie waren sie so etwas wie die Präsidenten dieser Bank!

Der Vorstand!

Erik hatte damals Getränke ausgefahren, bis er schließlich seinen Job verlor und einen Häuserblock weiter eingezogen war. Der typische Abstieg in dieser Stadt. Denn fast jeder ohne Job in dieser Stadt, landet früher oder später hier am Berg. So wie man diesen Stadtteil nannte.

Dann war da noch Jake, ein Amerikaner, der jahrelang auf dem Bau gearbeitet hatte, bis er es mit der Bandscheibe bekommen hatte und arbeitslos geworden war. Er hatte damals gesagt, sie hätten ihn nur auf Dauer beurlaubt. Aber die Wahrheit war, dass sie ihn gefeuert hatten.

Stephan und Don, die beiden waren zuletzt hinzugekommen.

Don war keine Arbeit gewöhnt. Es gab kaum ein T-Shirt, das seinen Bauch ganz verdeckte und wenn er sich bückte, dann rutschte seine Hose soweit hinunter, dass seine Unterhose zum Vorschein kam. Einmal hatte er sich gebückt und seine Unterhose war mit hinunter gerutscht. Zuerst hatte er es überhaupt nicht bemerkt, aber dann, als ihm klar geworden war, warum ihn die Leute so anstarrten, und seine Freunde über ihn lachten, war er rot geworden und den ganzen Tag über verschwunden.

Bis heute hat noch keiner aus ihm heraus bekommen, wohin er damals gegangen war.

Angeblich gab es da ein Mädchen!

Wenn man Dons Worten Glauben schenken konnte, war sie hinter ihm her, wie der Teufel.

Stephan war dann noch der letzte im Club.

Ein notorischer Faulenzer!

Seine Eltern hatten all die Jahre für ihn gesorgt. Doch vor einem Jahr, waren beide verunglückt und Stephan war von da an, auf sich alleine gestellt. Das bisschen Vermögen, das seine Eltern hinterlassen hatten, ging für die Beerdigung drauf und den Rest, hatte er versoffen.

Angeblich aus Trauer!

Doch jeder wusste, dass sich Stephan einen Dreck um seine Eltern geschert hatte. Aber niemand hätte sich je getraut, ihm das ins Gesicht zu sagen. Dem zwei Meter großen Kerl, mit dem muskulösen Körper.

Jochen stand immer noch da, griff sich mit einem Mal, mit den Händen, hinter den Kopf und reckte sich dabei.

Miriam Müller lief schnell an den beiden Männern vorbei, die Straße hinauf, bis sie vor der Tagesstätte ankam und wartete. Dabei warf sie hin und wieder einen heimlichen Blick hinunter, zu den beiden Männern. Wobei sie es peinlichst vermied, dass es ihrem kleinen Sohn auffiel.

Der Junge stand neben seiner Mutter und wartete.

Miriam hasste diese Männer.

Jeden Tag saßen sie dort vor dem Kiosk und im Winter, saßen sie in der Kneipe, am anderen Ende des Häuserblocks. Egal wo sie sich aufhielten, sie pöbelten nur die Leute an.

Genau solche Gestalten waren dafür verantwortlich, dass diese Wohngegend immer mehr in Verruf kam.

Einmal hatte sie einer dieser Kerle angesprochen. Ob sie etwas Kleingeld habe. Miriam hatte so getan, als hätte sie es nicht gehört. Aber der Mann hatte nicht locker gelassen, bis sie ihm einen finsteren Blick zugeworfen hatte und energisch »NEIN« gerufen hatte.

Gestört schien ihn das aber nicht zu haben, denn schon am nächsten Tag, hatte er sie wieder angesprochen. Entweder war er permanent besoffen gewesen, oder einfach nur dreist. Denn was hatte er denn erwartet, welche Antwort sie ihm geben würde.

Jedenfalls war sie von da an, fast zwei Wochen lang, einen Umweg gegangen. Auch wenn sie deswegen früher hatte aufstehen müssen.

Die Kerle machten ihr Angst. Es war schon schlimm genug, dass man in der Fußgängerzone weiter unten, immer wieder mit solchen Gestalten konfrontiert wurde. Aber hier, im Wohngebiet, hatten sie wirklich nichts zu suchen.

Verärgert warf sie den beiden ihre Blicke entgegen, als wollte sie sie damit strafen und wartete schweigend.

Robert stand hinter seinem Wohnzimmerfenster und beugte sich etwas weiter vor, um die Straße besser einsehen zu können.

Er hatte es mittlerweile geschafft aufzustehen.

Nicht zuletzt auch deswegen, weil der Lärmpegel, in der Straße, immer weiter anstieg.

Eigentlich sollte man erwarten können, dass es in einer Seitenstraße ruhiger zuging. Nicht zuletzt auch deswegen, weil es nur eine Fahrspur, in der Mitte der Straße gab und diese, zu beiden Seiten, von einem breiten Gehweg eingefasst war. Diese Gehwege waren, jeder für sich genommen, breiter als die Fahrspur und boten somit ausreichend Platz, für Bänke und Häuservorbauten.

Parken konnte man nur in einigen, wenigen Seitentaschen. Ansonsten wurde die Fahrbahn durch Gusspfosten begrenzt. Damit niemand außerhalb der Parkbuchten, seinen Wagen abstellen konnte.

Verkehrsberuhigter Ausbau, nannte die Stadt so etwas.

Doch es hatte nicht viel gebracht. Die Straße war immer noch stark befahren. Schließlich war sie die kürzeste Verbindung, von der Vorstadt, hinunter ins Zentrum.

Zwar musste man dazu in Kauf nehmen, das man hier auf rangierende Fahrzeuge stieß, die sich durch die engen Einfahrten aus den Hinterhöfen quälten und nur mit viel Rangierarbeit, zwischen den Gusspfosten, in die einspurige Fahrbahn fahren konnten. Aber der weite Bogen, über den Ring, mit seinen unzähligen Ampeln, führte zu wesentlich längeren Fahrzeiten.

Eine Tatsache, die Robert erst bemerkt hatte, nachdem er den Mietvertrag unterschrieben hatte.

In der Wohnung gegenüber ging das Licht an und hinter dem Vorhang, lief eine Frau hin und her.

Robert konnte ihre schemenhafte Gestalt beobachten.

Er sah sie fast jeden Morgen nervös auf und ab laufen. Sie schien eine sehr hektische, junge Frau zu sein, so schnell wie sie sich bewegte. Außerdem schien sie recht zerstreut zu sein, denn meistens lief sie hinter den Fenstern entlang und machte dann abrupt kehrt, so als habe sie etwas Wichtiges vergessen.

Heute war sie aber ziemlich spät dran.

Dann wurde das Licht wieder gelöscht.

Schon fertig, fragte sich Robert.

Nein, das Licht ging wieder an.

Warum schaltete sie das Licht überhaupt ein, fragte er sich dabei. Schließlich war es draußen hell.

Er ließ die Frage unbeantwortet stehen und wendete seinen Blick ab. Ließ ihn hinunter, auf die Straße schweifen.

Ein dritter Mann kam zu den beiden anderen an die Bank, die etwas weiter oben, auf der gegenüberliegenden Gehwegseite, stand.

Robert konnte sie von seinem Fenster aus einsehen und er hatte bereits nach wenigen Tagen bemerkt, dass es immer die gleichen Männer waren, die sich dort einfanden. Um an dieser Bank, den Tag zu verbringen. Dabei hoffte er, eines Tages nicht selbst so zu werden. Auch wenn er hin und wieder das Gefühl verspürte, sich im Moment, in einer ähnlichen Lage zu befinden.

Der dritte Mann begrüßte die beiden anderen, mit einer eigenwilligen Handgeste, die seine Kumpane gekonnt erwiderten.

Robert kannte den Mann.

Schließlich hing auch er jeden Tag hier herum!

Er war Australier, oder Amerikaner. Zumindest ließ sein Akzent darauf schließen.

Sogleich schienen sie alle drei ins Gespräch zu kommen.

Was die sich wohl jeden Tag zu erzählen hatten, dachte Robert und grinste.

Soweit wollte er auf gar keinen Fall absinken!

Schließlich wendete er sich gelangweilt von der Szenerie ab.

Ohne Frage handelte es sich um Blut, das dort an der Wand hing.

Wieder einmal!

Mark kannte den Geruch und auch die Farbe, denn er hatte schon zu viele solcher Flecken entfernt.

Viel zu viele!

Es war Eile geboten, wenn er den Fleck ganz wegschrubben wollte. Immer wieder reckte er sich, um auch an die oberen Stellen heranzukommen, wobei er zwischendurch den Schrubber zum widerholten Mal, in den Eimer mit Wasser eintauchen musste, um das Blut aufzuweichen.

In schmalen Rinnsalen, lief das Rot die Wand hinunter und in die Mitte des Hinterhofes, um unauffällig im Gully zu verschwinden.

Der kleine Mann, Anfang vierzig, mit struppigem, braunem Haar und dem blauen Overall, entfernte den Fleck, soweit es ihm möglich war, von der Wand.

Dann stand er wartend bei dem Rinnsal und beobachtete, wie die wässrige, rote Substanz, von der Wand aus, durch den Hof und zum Abfluss floss, bis das meiste darin verschwunden war.

Die Arbeit als Hausmeister, sollte eigentlich nur für den Übergang sein, aber jetzt waren es schon gut zehn Jahre und auch wenn er sich über Vieles ärgerte, machte er sie gerne.

Mark wusste, dass sie ihn alle für verrückt hielten.

Die ganze Straße glaubte das!

Seit dem Tag, an dem er die toten Ratten im Keller, versehentlich für ein Kind gehalten hatte.

Ein ganzer Haufen hatte da in der Ecke gelegen. Wer immer sie dorthin gebracht hatte, musste etwas Schreckliches vorgehabt haben, oder man wollte ihm einfach nur einen Streich spielen.

Und er war voll darauf reingefallen!

Wie immer hatte er alles wegräumen müssen.

Auch damals hatte er diesen Geruch in der Nase gehabt, so wie jetzt und die unzähligen Male davor, an denen er die Flecken entfernt hatte. Einen ekelhaft beißenden Geruch, der nach Fleisch, frischem Blut und etwas, das er bis jetzt noch nicht herausgefunden hatte, stank. Es wurde überdeckt, von den übrigen Gerüchen und biss sich dennoch, mit jedem Atemzug, tief in seine Nase.

Mark beeilte sich, tauchte den Schrubber nochmals in klares Wasser. Dann rieb er, so fest er konnte, über die Wand.

So fest, dass der Stiel des Schrubbers anfing, sich zu verbiegen, wenn er die Wand hinunter fuhr.

Es würde kaum länger als zehn Minuten dauern und wenn die Sonne, den Rest eingetrocknet hatte, dann war nur noch ein brauner Schleier, an der Hauswand zu sehen.

Einer von Vielen.

Doch das war nicht das eigentliche Problem.

Schließlich stand hier fest, dass es jemand auf die Hausverwaltung abgesehen hatte und früher oder später, würde er den Schuldigen finden.

Es war nur eine Frage der Zeit.

Die Ratten.

Die Blutflecken.

Der Gestank.

Alles deutete darauf hin, dass hier jemand ein mieses Spiel trieb.

Letztes Jahr, hatte die Verwaltung, diesen Metzger vor die Tür gesetzt.

Mark hatte das gefreut.

Dieser Kerl hatte schon von weitem gestunken!

Dabei roch er nicht nach Fleisch, was man, auf Grund seines Berufes, hätte vermuten können. Sondern nach seinen körpereigenen Düften, die er mit einem einfachen Bad, oder einen schnellen Dusche, durchaus hätte vertreiben können.

Wie auch immer, der Typ hatte einen Grund sauer zu sein. Schließlich hatte man ihm, wegen seines aggressiven Verhaltens, die Wohnung gekündigt.

Zweimal hatte er Kinder geschlagen, die ihm zu nahe gekommen waren und ihn, auf seine körpereigene Duftwolke, in der er ständig schwebte, angesprochen hatten. Dabei hatten sie sich ihm gegenüber, nicht gerade respektvoll geäußert.

Kinder eben!

Die Eltern hatten daraufhin die Hausverwaltung alarmiert und beim zweiten Mal, hatte er die Kündigung im Briefkasten gehabt.

An Blut, kam so einer doch ohne Probleme ran.

Während der kleine Mann sich weiter reckte, um den Fleck an der Wand zu entfernen, kam eine zweite Frau zu Miriam Müller an die Tagesstätte, die Miriam nur flüchtig kannte. Wortlos standen die beiden Frauen, mit ihren Söhnen da und warteten. Wobei sie beide, die Männer vor dem Kiosk beobachteten.

In der Zwischenzeit hatte sich deren Zahl auf drei erhöht und der dritte Mann, war jener, der Miriam damals angesprochen hatte. Er hatte diesen merkwürdigen Dialekt. War Amerikaner oder so ähnlich.

Die Männer unterhielten sich lautstark und Robert, der wieder hinter dem Fenster seines Wohnzimmers stand, konnte ihr lautes Gespräch fast mithören.

Es waren mehr als nur Wortfetzen, die bis zu ihm hinauf drangen und sein Interesse weckten. Wobei er neugierig, noch etwas näher, an das Fenster heran trat.

Während er so dastand und versuchte, dem Gespräch zu folgen, fiel ihm etwas Merkwürdiges auf. Dabei war es weniger merkwürdig, als vielmehr ungewöhnlich.

Die Antennen, auf dem Dach gegenüber!

Sie waren alle abgebrochen.

Robert ging zu dem anderen Fenster im Zimmer hinüber, welches sich in der oberen Zimmerhälfte, auf gleicher Front befand, um sich die Sache noch genauer ansehen zu können.

Sie waren alle abgebrochen!

Umgeknickt!

Wie wirr durcheinander geworfene Stäbe, lagen die Antennen auf dem Dach.

Obwohl es weder gestürmt, noch stark geregnet hatte.

Nachdenklich stand er da und versuchte den Ursprung dieses Phänomens zu ergründen, doch er musste passen.

Schließlich wandte er sich ab und versuchte wieder dem Gespräch auf der Bank zu folgen. Doch es war still geworden.

Die Aufregung, die die Männer auf der Bank angestachelt hatte und die sie selbst ins Leben gerufen hatten, war versiegt. Sie wurde mit einigen Bieren herunter gespült, wo sie unwiederbringlich verschwand.

Mark hatte es in der Zwischenzeit geschafft und nur noch ein schmales Rinnsal, das zum Gully hin lief und eine nasse, etwas dunklere Fläche an der Wand, zeugten noch von dem Fleck.

Wie er es vermutet hatte.

Gedanken versunken, verfolgte er den Lauf der roten Flüssigkeit, wie sie langsam im Gully verschwand.

Er hatte es verstanden.

Der Fleck war nicht wie die anderen!

Dieser hier nicht!

Es war einfach zu viel Blut gewesen und außerdem, hatte sich der Fleck zu weit oben an der Wand befunden.

Damals, als der Hund von Baders, die Katze hier im Hof tot gebissen hatte, war es fast genauso gewesen.

Aber nur fast!

Der Hund hatte das arme Tier, quer durch den kleinen Hof gehetzt, bis dem Vieh plötzlich klar geworden war, dass es von hier aus keinen Ausweg mehr gab und nachdem das Tor zugefallen war, hatte in dem engen Hof ein wilder Überlebenskampf gewütet, den die Katze nur hatte verlieren können.

Später hatte überall Blut geklebt. Aber dennoch war es anders gewesen.

Das Blut?

Nein!

Mark erschrak plötzlich über seine eigenen Gedanken.

Die Höhe, in der es an der Wand geklebt hatte.

Damals waren es mehr Spritzer gewesen. Lang und horizontal verteilt.

Wie Streifen!

Dieser Fleck hier sah anders aus. So als wäre er von oben gekommen.

Mark sah an den Häuserfronten hoch, die den kleinen Hinterhof zu zwei Seiten einschlossen.

Fünf Etagen hoch!

Auf der anderen Seite, stand die rückseitige Mauer der Garage des Nebenhauses und gegenüber, befand sich eine fensterlose Hausrückwand.

Wenn wirklich ein Tier vom Dach gefallen wäre, dann hätte der Fleck auf dem Boden sein müssen und nicht an der Wand. Es sei denn, jemand hatte etwas hochgehoben und dabei gegen die Wand geworfen, sodass sich beim Aufprall, dieser längliche, nach unten hin schmaler werdende Verlauf gebildet hätte.

Ein Tier kam dafür nicht in Frage!

Nicht für diesen Fleck.

Mark entschloss sich dazu, die Geschichte für sich zu behalten und als auch noch das letzte bisschen Blut, im Gully verschwunden war, verschwand er mit Eimer und Schrubber vom Hof.

Alle nannten sie nur Miss Patter. Sie war die Leiterin der Kindertagesstätte, die sich am oberen Ende der Straße befand.

Den Namen hatte sie bekommen, weil sie sich schon immer für Amerika interessierte und fast jede freie Minute ihrer Zeit, mit Büchern oder Filmen über dieses Land verbrachte.

Als sie an diesem Morgen, mit ihrer braunen Hochfrisur und den abgetragenen Turnschuhen, vor dem Kinderhort eintraf, standen dort schon einige Frauen.

Unter ihnen auch Miriam Müller, die sie besonders gut kannte.

Rasch schloss sie die Tür auf und bat alle hinein.

Als schließlich alle im Hauseingang verschwunden waren, trat sie selbst auch ein und bat Miriam, mittels einer hastigen Handgeste, zu sich, in den vorderen Raum und sagte sogleich: »Haben sie das von der kleinen Tanja gehört?«

Miriam, die ihren Sohn von der Hand ließ und dabei zusah, wie er zu den Kleiderhaken lief, schüttelte verneinend den Kopf und noch bevor sie etwas sagen konnte, fuhr Miss Patter fort.

»Sie ist seit vier Tagen verschwunden und denken sie nur, es gibt immer noch kein Lebenszeichen von ihr.«

»Ist das nicht das kleine Mädchen von Stegmanns, das dieses Jahr in die Schule kommt.«

»Wenn sie kommt«, unterbrach Johanna, so Miss Patters Vorname, sie gleich. »Wenn sie kommt! Denn jetzt kommt das aller Schlimmste. Gestern Abend sind einige Fetzen von ihrer Kleidung gefunden worden. Ich habe es, von meinen Nachbarn erfahren.«

»Das ist ja furchtbar! Meinen sie, sie ist ver….«, weiter kam Miriam nicht.

»Wer weiß! Jedenfalls war Blut an der Kleidung und die Polizei untersucht das alles. Ich glaube, das ist fast so, wie im Fernsehen. Nur leider etwas trauriger. Mir macht das langsam richtig Angst. Fast jeden Tag verschwinden Menschen in dieser Stadt. Da stimmt doch etwas nicht!«

Miriam stimmte ihr in Gedanken zu und warf einen suchenden Blick zu ihrem Sohn.

Dieser hatte seine Jacke an einen der Haken gehängt und die Straßenschuhe unter das kleine Bänkchen, neben dem Spielzimmer gestellt, wo er zuvor seine Hausschuhe herausgenommen und angezogen hatte.

Dann verschwand er durch die Tür, neben der Bank, im Spielzimmer und Miriams Gedanken schweiften wieder ab.

Wenn sie sich richtig erinnerte, dann war es schon immer so. Solange sie zurückdenken konnte. Menschen verschwanden einfach.

»Wer kann denn nur dem Kind etwas getan haben?«, fragte sie leise.

Miss Patter rümpfte ihre Nase, so als würde sie angestrengt nachdenken.

»Vielleicht diese abartigen Typen. Die vor diesem Kiosk, hier in der Straße.«

Miriam schaute beiläufig durch die Scheibe, hinaus auf die Straße, dann zu Miss Patter.

»Das glaube ich nicht. Die Typen sind lästig und unangenehm. Aber ein Kind verschleppen. Oder sogar töten? Das traue ich ihnen nicht zu.«

»Es sind aber meistens die, die man am wenigsten verdächtigt! «, gab Johanna zu bedenken.

»Da pflichte ich ihnen bei, aber warum sollte einer von ihnen, so etwas Schreckliches tun?«

Sie stand nachdenklich da.

»Das sind nur Säufer!«

Miss Patter zuckte unwissend mit den Schultern. »Wirklich glauben, kann ich das auch nicht. Ich denke sowieso, dass die alle etwas plemplem sind.«

Beide Frauen grinsten.

»So wollte ich es nicht ausdrücken, aber wir denken das Gleiche. Dennoch stellt sich die Frage, wo die kleine Tanja sein könnte?«

»Tja«, damit verstummte Miss Patter und Miriam ging nach ihrem Sohn sehen, um sich von ihm zu verabschieden.

Als Robert wieder aus dem Bad kam, genehmigte er sich eine Tasse Kaffee und stellte sich wieder an eines der beiden Fenster, die zur Straße hinausgingen.

Vielleicht klang es albern, aber irgendwie bekam er immer mehr den Eindruck, dass sich die Fensterfront seiner Wohnung, in eine Art Kinoleinwand verwandelte, auf der es tagtäglich etwas Neues zu sehen gab.

Ganz im Gegensatz zu seinem alten Haus, wo der Ausblick mehr an ein Stillleben auf dem Lande erinnerte. Schließlich lag es abseits, an einer ruhigen Seitenstraße und dahinter der Wald. Unendlich viel Ruhe und noch mehr Abgeschiedenheit.

Hier hingegen, gab es immer etwas zu sehen.

Oder zu hören.

Die Straßen waren erfüllt, mit dem Leben der Menschen und wenn man nur lange genug zusah, dann konnte man sogar ein Muster in ihrem Leben erkennen. Ihr Handeln verstehen und sich einen Reim darauf machen, was noch kommen würde.

Das alles besaß eine gewisse Ähnlichkeit, mit einer Fernsehserie, die jedes Mal auf eine Fortsetzung hoffen ließ. Robert fing langsam an, Gefallen an dem zu finden, was er sah und beobachtete alles schweigend, durch seinen Vorhang.

Er verfolgte, wie ein Lastwagen die Straße hinunter fuhr und sich dabei mühsam durch die einspurige Fahrbahn drängeln musste. Hinter ihm, schlichen drei Pkws, ebenso langsam die Straße entlang, während der erste der Dreiergruppe, möglichst viel Abstand zu dem Lastwagen hielt.

Die Sonne stand jetzt über den Häusern und ihre wärmenden Strahlen, durchfluteten die Räume und sorgten für ein helles Licht an den Wänden. Der Anblick löste in Robert ein Wohlbehagen aus, das er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Er verspürte plötzlich den unheimlichen Drang, etwas spazieren zu gehen. Sich zwischen die Menschen zu mischen und den Tag zu genießen. Alle Sorgen und Probleme zu vergessen und den Vormittag mit etwas sinnvollerem auszufüllen, als der stillen Beobachtung.

Kurz entschlossen, stellte er die Kaffeetasse in der Küche ab, zog sich an, nahm seine Jacke vom Haken und verließ die Wohnung.

Rainer Pohl war mindestens so unsympathisch, wie Donald Herb. Der große Mann, mit dem Schmierbauch und dem unangenehmen Gestank, der mit jedem Atemzug aus seinem Mund kam, war ebenso erbärmlich, wie der Geruch seiner Füße.

Vor einem Jahr, hatte man ihn aus seiner Wohnung geworfen, gleich hier oben in der Straße und von diesem Tag an, hatte er im Dreck gelebt.

Leben müssen!

Eine andere Wohnung seiner Preisklasse, hatte er nicht finden können und nach einigen Monaten der Suche, hatte er es schließlich ganz aufgegeben.

Er und Donald Herb waren früher in der gleichen Gang gewesen und wenn sie sich heute trafen, dann stachelten sie sich gegenseitig an, wie zwei Streithähne. Dabei versuchte jeder beim Anderen, mit seinem Imponiergehabe Eindruck zu schinden, so als gäbe es einen Wettbewerb für den größten Angeber.

Früher hatten sie, mit ihrem flegelhaften und primitiven Gehabe, Eindruck geschunden. Heute genügte es nur noch, um ältere Mitmenschen zu verunsichern und sie aus ihrem näheren Dunstkreis zu vertreiben. Doch bei dem Gestank, den Rainer verbreitete, war selbst das noch eine beachtliche Leistung.

Dabei schlugen sie sich jedes Mal vor Begeisterung, gegenseitig auf die Schulter, wenn es einer von ihnen wieder geschafft hatte, einer alten Frau Angst einzujagen, oder einen alten Mann in die Flucht zu schlagen.

Ihr Lieblingsplatz hierfür, war die Unterführung am Bahnhof. Hier konnte man am besten um Geld betteln und um alles andere, was man so gebrauchen konnte.

Und sie fanden für alles Mögliche Verwendung.

Aber sie liebten diesen Platz, besonders wegen der guten Akustik in der Unterführung, die ihre ohnehin lauten Organe, noch mehr verstärkte.

Hier in der Abgeschiedenheit des Tunnels, wo jeder mit einem ängstlichen Gefühl in der Magengegend unterwegs war und darauf hoffte, möglichst schnell und unbehelligt hindurch zu kommen, genügte nur ihr lautes Organ, um jeden Passanten einzuschüchtern.

Hier waren sie noch Helden.

Auch wenn ihre sonst so kaputten Leben, vollkommen verschieden waren.

Don war schließlich ein Säufer, krank und übergewichtig. Dazu hatte er nie richtig gearbeitet.

Im Gegensatz dazu hatte Rainer es geschafft, wenigstens teilweise einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen. Aber auch nur, weil ihn sein Vater durch die Metzgerlehre geprügelt hatte und das, im wahrsten Sinne des Wortes.

Siebzehn Jahre hatte er dann in der großen Metzgerei gearbeitet. Täglich im Schweineblut gestanden und sich gefragt, was wohl sonst aus seinem Leben geworden wäre?

Heute Morgen hatte das nun alles ein Ende. Denn Rainer Pohl schwamm, mit dem Kopf unter Wasser, im Fluss und trieb langsam aus der Stadt.

Dort wo früher sein Gesicht war, klaffte jetzt nur noch ein blutiges Loch und seine Bauchdecke lag noch irgendwo im Hafen. Während er selbst im Fluss dahin trieb. Der Gestank seines rohen Fleisches, seine eigenen Körperdüfte überdeckte und sein lebloser Körper, in den Wellen auf und ab wogte. Wie ein Spielzeug, das man achtlos weggeworfen hatte.

Nach einer Weile verfing sich sein linker Arm im Gestrüpp, unter einem alten, einsturzgefährdeten Steg, den schon seit Jahren niemand mehr betrat.

Er verklemmte sich zwischen der Ständerkonstruktion, direkt am Ufer, so als wollte er sich dort festklammern um der Strömung zu trotzen.

Vermutlich würde es einige Wochen dauern, bis ihn hier jemand roch.

Als Robert gegen Mittag, mit einer kleinen Einkaufstüte, wieder in seiner Wohnung eintraf, sah er, wie auf dem Dach gegenüber, ein Monteur emsig damit beschäftigt war, die beschädigten Antennen einzusammeln.

Der Mann wirkte etwas unsicher in seinen Bewegungen und vermied es peinlichst, nach unten zu schauen, während er sich vorsichtig auf dem Dach bewegte, dass zu seinem Glück, nur eine geringe Neigung besaß.

Robert beobachtete ihn von seinem Fenster aus und schüttelte schließlich den Kopf. Man sollte meinen, dass ein Monteur, mit Arbeiten auf Dächern vertraut sein müsste. Vor allen Dingen, wenn es sich dabei um einen Handwerker handelte, der mit Antennen zu tun hatte, die für gewöhnlich, immer auf Dächern montiert wurden.

Dieser allerdings, stolperte zwischen den Masten hin und her, als sei er zum ersten Mal auf einem Dach.