Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

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E-Book-Beschreibung Nur dein Leben - Peter James

„Ein cleverer page-turner!“ The TimesSie haben nur einen Wunsch: Sie wollen ein gesundes Kind. Doch dann fordern sie das Schicksal heraus….Der vierjährige Sohn von Naomi und John Klaesson ist tot. Er starb an einer seltenen Genkrankheit. Die letzte Hoffnung der verzweifelten Eltern ist Dr. Leo Dettore. Er soll eine Kapazität auf dem Gebiet der Genforschung sein. Und ihnen zu einem gesunden Kind verhelfen. Einem Kind mit besonderen Fähigkeiten. Doch als Naomi schwanger wird, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Und Leo Dettore ist verschwunden. Ein wahrer Alptraum beginnt. „Dieser fesselnde Roman ist super-spooky und total spannend…“ Closer Magazine „Peter James ist ein meisterlicher Erzähler – seine Fähigkeit, beim Leser ein Gefühl für echten Horror in einer realen Welt zu erzeugen, ist unübertroffen.“ The Mirror „Hier geht es um die Kostbarkeit des Lebens, die Zufälligkeit des Überlebens und, letztlich, um Menschlichkeit.“ The Mirror

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E-Book-Leseprobe Nur dein Leben - Peter James

Peter James

Nur dein Leben

Psychothriller

Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer

Fischer e-books

1

AN EINEM SPÄTEN APRILNACHMITTAG steht dreißig Seemeilen östlich von Cape Cod ein junges Ehepaar mit besorgten Gesichtern neben seinem Gepäck auf dem Hubschrauberlandedeck eines umgebauten Kreuzfahrtschiffs und umklammert im heftigen Wind die Reling.

Beide wissen, dass es für Reue zu spät ist.

Die Serendipity Rose ist vierzig Jahre alt und eine dicke Farbschicht bedeckt ihre Beulen, Risse und Nieten wie Make-up das Gesicht einer alten Nutte. Vom Heck flattert aus praktischen Gründen eine panamaische Flagge, und der gelbe Schornstein stößt eine Rauchfahne aus, die innerhalb von Sekunden vom Wind zerfetzt wird, während die Rose durch den aufkommenden Seegang pflügt. Sie macht gerade so viel Fahrt, dass die Stabilisatoren funktionieren. Ohne Eile, ohne festes Ziel kreuzt sie gemächlich außerhalb der Zwölf-Seemeilen-Zone, jenseits der Hoheitsgewässer der Vereinigten Staaten und damit außerhalb der Reichweite ihrer Gesetze.

John Klaesson trägt eine fleecegefütterte Jacke, Chinos und Ledersegelschuhe. Er ist Mitte dreißig, und man würde ihn eher für einen robusten Bergsteiger oder Forschungsreisenden als einen Wissenschaftler halten. Er ist einen Meter achtzig groß, schlank und durchtrainiert, hat kurze blonde Haare und freundliche blaue Augen hinter kleinen ovalen Brillengläsern. Sein Gesicht ist attraktiv und ernst, mit resoluten nordischen Zügen und einer leichten kalifornischen Bräune.

Seine Frau Naomi, die sich darauf konzentriert, nicht das Gleichgewicht zu verlieren, wird von einem langen Kamelhaarmantel gewärmt. Ihr Haar ist mittellang und modisch durchgestuft. Wirre Strähnen wehen ihr in das hübsche Gesicht und betonen ihren etwas jungenhaften Typ, obwohl ihr Teint gerade wesentlich blasser wirkt als normalerweise.

Einige Meter über ihnen schwebt der Hubschrauber, der sie soeben abgesetzt hat. Er bläst fettige Abgase in die wirbelnde Luft und schleppt seinen Schatten über den Schiffsaufbau wie einen großen, leeren Sack. Und genauso fühlt sich John gerade: als sei er aus einem Sack gekippt worden. Er hält den Kopf gesenkt, um sich vor dem Lärm und den Luftwirbeln zu schützen, streckt den Arm aus und stützt seine Frau. Unter dem weichen Kamelhaarmantel umfängt er ihre schmale Gestalt. Er fühlt sich ihr verbunden und verzweifelt nahe, erfüllt von Beschützerinstinkt.

Und Verantwortungsgefühl.

Der Wind bläst so stark, dass er in kurzen Zügen nach Luft schnappen muss. Durch das Salz beschlägt seine Brille und die Gischt trocknet seine vor Nervosität raue Kehle noch weiter aus. Strähnen von Naomis Haaren geißeln sein Gesicht wie schneidende Peitschenstränge. Das Deck unter ihm senkt sich und hebt sich gleich darauf wieder, drückt seine Füße empor wie ein Aufzug, drängt seinen Magen gegen seinen Brustkorb.

Zu dem Dröhnen des Rotors über seinem Kopf gesellt sich jetzt ein Schlurfgeräusch. Es war Johns erster Hubschrauberflug, und nachdem er eine Stunde lang in einem atlantischen Tiefdruckgebiet durchgeschüttelt und -geschaukelt worden ist, hat er keine große Lust, diese Erfahrung zu wiederholen. Ihm ist ein wenig übel und schwindelig wie nach einer wilden Achterbahnfahrt, bei der das Gehirn zur einen und die inneren Organe zur anderen Seite geschleudert wurden. Die Abgase machen es auch nicht besser, geschweige denn der stechende Geruch von Farbe und Bootslack oder das vibrierende Deck unter seinen Füßen.

Naomi legt den Arm um seine Taille und drückt ihn, so dass er es trotz seiner dick gefütterten Lederjacke deutlich spürt. Er kann sich ziemlich genau vorstellen, was ihr durch den Kopf geht. Es muss fast zwangsläufig dasselbe sein, was er denkt. Dieses unbehagliche Gefühl von Endgültigkeit. Bisher ist alles nur eine Idee gewesen, ein Gedankenspiel, das sie jederzeit unterbrechen konnten. Doch das ist jetzt vorbei. Als er sie ansieht, denkt er: Ich liebe dich so sehr, Naomi. Du bist so mutig! Manchmal glaube ich, du bist viel mutiger als ich.

Der Hubschrauber stellt sich schräg, das Dröhnen des Motors schwillt an, der Scheinwerfer auf der Unterseite blinkt, dann schwenkt die Maschine in einem spitzen Winkel ab, flappt über das Wasser, steigt hoch auf und lässt sie zurück. Einige Augenblicke lang sieht John ihr nach; dann senkt er den Blick auf die gischtbrodelnde graue See, die sich weit bis zum diesigen Horizont erstreckt.

»Alles okay? Bitte folgen Sie mir.«

Vor ihnen steht der höfliche, sehr ernst dreinblickende Philippino in weißem Overall, der herausgekommen ist, um sie willkommen zu heißen und ihnen das Gepäck abzunehmen. Er hält eine Tür auf.

Sie überschreiten die Schwelle zur Kajüttreppe und folgen ihm. Hinter ihnen schlägt der Wind mit lautem Knall die Tür wieder zu. In der plötzlichen Stille sehen sie eine eingerahmte Seekarte an der Wand, spüren die Wärme und riechen die Farbe und den Bootslack noch deutlicher als draußen. Der Boden unter ihnen dröhnt. Naomi drückt Johns Hand. Schiffsreisen liegen ihr nicht, so ist es schon immer gewesen – ihr wird schon auf einem Teich in einem Ruderboot schlecht –, und jetzt kann sie nicht einmal etwas gegen ihre Seekrankheit einnehmen. Keine Tabletten, keine Arznei – sie wird allein damit zurechtkommen müssen. John erwidert den Druck ihrer Hand, um sie zu trösten. Und auch sich selbst.

Tun wir das Richtige?

Diese Frage hat er sich tausendmal gestellt und wird noch viele Jahre lang damit hadern. Doch ihm bleibt nichts anderes übrig, als Naomi und sich selbst zu versichern, dass dies wirklich das Richtige ist. Das ist es. Nichts anderes. Das Richtige.

Ja, das tun wir.

2

IN DER WERBEBROSCHÜRE für diese schwimmende Klinik war die Kabine, die für den kommenden Monat die ihre sein sollte, als Luxusunterkunft gepriesen worden. Die Einrichtung bestand aus einem Kingsize-Bett, einem winzigen Sofa, zwei ebenso kleinen Sesseln und einem runden Tisch, auf dem eine Obstschale stand. Hoch oben in einer Ecke liefen auf einem Fernseher mit schlechtem Empfang die CNN-Nachrichten. Präsident Obama hielt eine Rede, die man durch die atmosphärischen Störungen nur zur Hälfte verstehen konnte.

Das marmorverkleidete Badezimmer bot trotz seiner Enge tatsächlich gehobenen Komfort – jedenfalls hätte es das getan, so dachte Naomi, wenn es nicht so geschaukelt hätte und sie darin hätte stehen können, ohne sich an irgendetwas festhalten zu müssen. Sie kniete sich hin, um den Inhalt von Johns Reisenecessaire aufzusammeln, der auf dem Boden umherrollte. Dann stand sie rasch auf, weil eine schwindelerregende Welle der Übelkeit sie überfiel.

»Brauchst du Hilfe?«, fragte John.

Sie schüttelte den Kopf. Dann brachte sie die nächste große Woge aus dem Gleichgewicht. Sie stolperte in die Kabine und ließ sich schwer auf das Bett fallen, ganz knapp neben Johns Computer. »Ich habe das Gefühl, mir bleiben nur noch etwa vier Minuten zum Auspacken, bis ich schrecklich seekrank werde.«

»Mir ist auch ein bisschen übel«, gestand John, der gerade einen Blick auf die Sicherheitsvorschriften warf. Sie zeigten die Sammelpunkte und eine Anleitung zum Anlegen einer Rettungsweste.

»Warum nimmst du keine Reisetablette?«, fragte sie. »Du darfst es doch.«

»Wenn du keine nehmen darfst, will ich auch keine. Ich leide mit dir.«

»Märtyrer!« Sie beugte sich nach vorn und küsste ihn auf die Wange, getröstet von seiner warmen, rauen Haut und seinem betörenden, leicht nach Moschus duftenden Eau de Toilette, ja, schon allein von der seelischen und körperlichen Stärke, die er ausstrahlte. Bereits als junges Mädchen im Kino hatte sie sich stets zu den starken, unauffällig intelligenten Helden der Leinwand hingezogen gefühlt – die Art von Vater, den sie gerne gehabt hätte. Als sie John vor acht Jahren zum ersten Mal erblickt hatte, in einer Schlange vor einem Skilift in Jackson Hole, Wyoming, hatte sie in ihm genau diese begehrenswerte Kombination von gutem Aussehen und innerer Stärke erkannt.

Sie küsste ihn noch einmal. »Ich liebe dich, John.«

Als er ihr in die Augen sah, die manchmal grün, manchmal braun funkelten, lebendig und von tiefem Vertrauen erfüllt, empfand er großes Mitgefühl mit ihr. »Und ich bete dich an, Naomi. Ich bete dich an und bewundere dich.«

Sie lächelte wehmütig. »Ich bewundere dich auch. Du ahnst nicht, wie sehr.«

Für einige Augenblicke herrschte ein behagliches Schweigen zwischen ihnen. Nach Halleys Tod hatte es lange Zeit gedauert, bis zwischen ihnen wieder alles in Ordnung war, und in diesen ersten beiden sehr schlimmen Jahren hatte Naomi mehr als einmal befürchtet, ihre Ehe sei zerrüttet.

Er war ein kräftiges Kind gewesen. Sie hatten ihn nach dem Kometen benannt, weil John sagte, er sei etwas Besonderes und Kinder wie er würden höchstens alle fünfundsiebzig Jahre einmal geboren – vielleicht sogar noch seltener. Sie hatten beide nicht gewusst, dass er eine tickende Zeitbombe in sich trug.

Naomi bewahrte noch immer sein Foto in ihrer Handtasche auf. Es zeigte einen drei Jahre alten Jungen in Latzhosen, mit weichen blonden Haaren, die so zerstrubbelt waren, als sei er gerade aus einem Trockner gekrabbelt. Schelmisch grinste er in die Kamera und man sah, dass zwei Vorderzähne fehlten – er hatte sie sich ausgeschlagen, als er von einer Schaukel gefallen war.

Noch lange nach Halleys Tod wollte – oder konnte – John nicht trauern oder darüber reden und hatte sich stattdessen in seine Arbeit, sein Schachspiel und seine Fotografie vergraben. Stundenlang war er bei jedem Wetter mit seiner Kamera losgezogen und hatte alles fotografiert, was ihm vor die Linse kam, ziellos und wie besessen.

Naomi hatte versucht, wieder ins Arbeitsleben einzusteigen. Über einen Freund in Los Angeles hatte sie eine gute Stelle in einer PR-Agentur erhalten, aber schon nach ein paar Wochen wieder gekündigt, weil sie sich einfach nicht konzentrieren konnte. Ohne Halley erschien ihr alles andere hohl und sinnlos.

Schließlich hatten sie beide eine Therapie begonnen und erst vor wenigen Monaten beendet.

John fragte: »Wie geht es dir, jetzt, wo wir …«

»Hier sind?«

»Ja. Jetzt, wo wir tatsächlich hier sind.«

Ein Tablett auf der Kommode, auf dem eine Flasche Mineralwasser und zwei Gläser standen, rutschte einige Zentimeter über die Oberfläche.

»Alles rückt plötzlich so nah. Ich bin furchtbar nervös. Und du?«

Sanft streichelte er ihre Haare. »Liebling, wenn du an irgendeinem Punkt nicht mehr weitermachen willst …«

Sie hatten einen astronomisch hohen Kredit aufgenommen, um diese Unternehmung zu finanzieren, und sich zusätzlich hundertfünfzigtausend Dollar borgen müssen. Naomis Mutter und ihre Schwester Harriet in England hatten darauf bestanden, ihnen die Summe zu leihen. Das Geld, insgesamt vierhunderttausend Dollar, war bereits überwiesen worden und nicht rückzahlbar.

»Wir haben unsere Entscheidung getroffen«, sagte Naomi. »Wir müssen weitermachen. Wir müssen aber nicht …«

Sie wurden von einem Klopfen an der Tür unterbrochen, und eine Stimme sagte: »Zimmerservice!«

Die Tür ging auf und ein zierliches, sympathisch aussehendes philippinisches Zimmermädchen in einem weißen Overall und Turnschuhen lächelte sie an. »Willkommen an Bord, Dr. und Mrs. Klaesson. Ich bin Leah, Ihre Kabinenstewardess auf dieser Reise. Kann ich irgendetwas für Sie tun?«

»Uns ist beiden ziemlich übel«, sagte John. »Gibt es irgendetwas, was meine Frau nehmen darf?«

»Ja, natürlich – ich besorge Ihnen sofort etwas.«

»Ach, wirklich?«, fragte er überrascht. »Ich dachte, sie dürfe keine Medikamente …«

Das Zimmermädchen schloss die Tür und kehrte weniger als eine Minute später mit zwei Paar Armbändern und zwei winzigen Klebepunkten zurück. Sie zog die Ärmel hoch und zeigte ihnen erst, dass sie ähnliche Bänder trug, dann den Klebepunkt hinter dem Ohr. »Tragen Sie diese, und Ihnen wird nicht schlecht«, sagte sie und erklärte ihnen die richtige Anwendung.

Naomi war sich nicht sicher, ob es vielleicht nur ein Placebo-Effekt war, aber schon wenige Minuten, nachdem das Zimmermädchen gegangen war, fühlte sie sich ein wenig besser. Jedenfalls gut genug, um mit dem Auspacken fortzufahren. Sie stand auf und starrte eine Weile lang aus einem der beiden Zwillingsbullaugen auf den dunkler werdenden Ozean. Dann drehte sie sich weg, weil ihre Übelkeit beim Anblick der Wellen sofort zurückkehrte.

 

John wandte sich wieder seinem Laptop zu. Wenn sie zusammen verreisten, galt die Regel: Naomi packte aus und John blieb ihr aus den Füßen. Er war der schlechteste Kofferpacker der Welt und ein noch schlechterer Auspacker. Mit wachsender Verzweiflung starrte Naomi auf den Inhalt seines Koffers, der nach seiner Suche nach einem Adapter überall verstreut war. Einige seiner Kleider lagen auf der Tagesdecke, andere hatte er über einen Stuhl geworfen, wieder andere lagen auf dem Boden. John fixierte seinen Bildschirm und war sich des Chaos gar nicht bewusst, das er angerichtet hatte.

Naomi grinste, hob einen Knäuel Krawatten auf und schüttelte den Kopf. Zwecklos, sich aufzuregen.

John fummelte an seinen neuen Armbändern herum und berührte den Klebepunkt hinter seinem Ohr. Bisher hatte sich seine Übelkeit noch nicht merklich gebessert. Er versuchte, das Stampfen des Schiffes zu ignorieren und konzentrierte sich auf seine Schachpartie mit einem Mann namens Gus Santiago, den er in einem Schach-Chatroom getroffen hatte und der im australischen Brisbane lebte.

Schon seit ein paar Jahren spielte er mit diesem Mann, doch sie waren sich außerhalb des Cyberspaces nie begegnet und John wusste nicht einmal, wie sein Gegner aussah. Der Aussie war ein hervorragender Spieler, doch in letzter Zeit benötigte er für seine Züge immer mehr Zeit und zögerte hoffnungslose Positionen hinaus, aus denen es kein Entkommen mehr gab, einfach aus reiner Sturheit. John wurde langsam langweilig, und er dachte darüber nach, sich einen anderen Gegner zu suchen. Jetzt hatte der Mann schon wieder einen vollkommen sinnlosen Zug gemacht.

»Rutsch mir den Buckel runter, Mr. Santiago!«

Santiago stand kurz vor dem Schachmatt – er lag eine Königin, beide Läufer und einen Turm im Rückstand, er hatte keine Chance –, also warum gab er sich nicht einfach geschlagen und basta? John unterbreitete ihm in einer E-Mail diesen Vorschlag und stöpselte sein Handy in den Computer ein, um sie zu senden, doch er fand kein Netz.

Er erkannte, dass sie zu weit draußen auf See waren. Zwar stand neben dem Bett ein Telefon mit Satellitenverbindung zum Festland, aber die Gebühr von neun Dollar pro Minute, wie der Informationsaufkleber angab, war ihm zu hoch. Er würde Gus Santiago ein wenig auf die Folter spannen müssen.

John schloss seine Schachdatei und öffnete sein E-Mail-Postfach, um die Dutzenden Nachrichten zu bearbeiteten, die er heute Morgen heruntergeladen hatte, aber noch nicht hatte lesen können. Eine leichte Panik beschlich ihn bei der Frage, wie er E-Mails senden und empfangen sollte, wenn sie für den kommenden Monat keinen Empfang hatten. An der Universität von Südkalifornien, an der er sein Forschungslabor leitete, erhielt er durchschnittlich hundertfünfzig E-Mails pro Tag. Heute waren es sogar eher an die zweihundert gewesen.

»Wie interessant, Schatz! Kannst du dich daran erinnern, das hier gelesen zu haben?«

John blickte auf und sah, dass sie die Broschüre aufgeschlagen hatte.

»Es gibt nur zwanzig Privatkabinen für die Klienten. Ein netter Euphemismus. Gut zu wissen, dass wir als Klienten und nicht als Patienten betrachtet werden.« Sie las weiter.

»Früher transportierte das Schiff fünfhundert Passagiere, jetzt sind die beiden Hauptdecks, auf denen sich die Kabinen befanden, vollständig mit Computern belegt. Sie haben fünfhundert Supercomputer an Bord! Das ist ja unglaublich! Wozu brauchen sie so viel Rechenkapazität?«

»Die Genetik erfordert die Verarbeitung großer Datenmengen. Das ist ein Grund, warum wir so viel Geld bezahlen mussten. Lass mich mal sehen.«

Sie reichte ihm die Broschüre. Er betrachtete das Foto einer langen, schmalen Reihe von blauen Computergehäusen und einem weißgekleideten Techniker, der etwas auf einem Monitor kontrollierte. Dann blätterte er zum Anfang der Broschüre und starrte auf das Foto, das er sofort wiedererkannte: von der Website des Forschers, den Interviews mit ihm im Fernsehen und den zahlreichen Bildern, die sowohl in der wissenschaftlichen als auch der Tagespresse erschienen waren. Dann las er die Biographie des Forschers, obwohl er sie größtenteils schon kannte.

Dr. Leo Dettore war ein Wunderkind gewesen. Nachdem er mit sechzehn sein Biologiestudium am MIT mit Magna cum laude abgeschlossen hatte, machte er seinen Doktor in Philosophie und Medizin an der Stanfort University, gefolgt von biotechnologischen Postdoc-Forschungen an der USC und anschließend am Pasteur-Institut in Frankreich, bevor er die Modifikation eines entscheidenden Enzyms entdeckte und patentieren ließ, das die Vervielfältigung von Genen unter Laborbedingungen erlaubte. Seine Entdeckung machte ihn zum Milliardär und zum Empfänger des hochdotierten Geniepreises der MacArthur Stiftung. Sogar den Nobelpreis wollte man ihm verleihen, doch er nahm ihn nicht an. Er beleidigte die wissenschaftliche Gemeinschaft, indem er behauptete, alle Preise seien von der Politik beschmutzt.

Der Wundergenetiker hatte das medizinische Establishment umso mehr schockiert, als er zu den Ersten gehörte, die sich menschliche Gene patentieren ließen und er aktiv die Gesetzgebung bekämpfte, die daraufhin Patente auf menschliches Erbgut untersagt hatte.

Leo Dettore gehörte augenblicklich zu den reichsten Wissenschaftlern der Welt und vermutlich auch zu den umstrittensten. Er wurde von religiösen Führern in den ganzen USA und zahlreichen anderen Ländern angeprangert und hatte in den Vereinigten Staaten die Approbation als Arzt verloren, weil er öffentlich zugegeben hatte, genetische Experimente an Embryonen durchgeführt zu haben, die anschließend ausgetragen wurden. Dennoch stand er unerschütterlich zu seinen Überzeugungen.

 

Und jetzt klopfte er an ihre Kabinentür.

3

NAOMI ÖFFNETE UND WURDE von einem hochgewachsenen Mann begrüßt, der einen braunen Umschlag in der Hand hielt. Er trug den weißen Overall und die dazugehörigen Turnschuhe, die offensichtlich zur Dienstuniform des Schiffs gehörten. John, der ihn sofort erkannte, stand auf.

Die imposante Gestalt des Genetikers überraschte ihn. Damit hatte er nicht gerechnet. Der Mann musste über zwei Meter groß sein, einen Kopf größer als er. Seine Stimme mit dem entwaffnenden, aber bestimmten südkalifornischen Akzent war John durch ihre Telefongespräche in den letzten Monaten vertraut.

»Dr. Klaesson? Mrs. Klaesson? Ich bin Leo Dettore. Ich hoffe, ich störe nicht!«

Der Mann, dem sie gerade praktisch jeden Cent überwiesen hatten, den sie besaßen, plus hundertfünfzigtausend Dollar, die sie nicht besaßen, schüttelte Naomi fest und gelassen die Hand und sah ihr dabei ins Gesicht. Seine Augen waren von einem sanften Grau, scharf, aufmerksam und gütig. Naomi rang sich ebenfalls ein Lächeln ab, warf einen raschen, entsetzten Blick auf die verstreute Kleidung ringsumher und wünschte inständig, sie hätte Zeit zum Aufräumen gehabt. »Nein, Sie stören uns überhaupt nicht. Bitte treten Sie ein«, sagte sie.

»Ich wollte nur mal kurz vorbeischauen, mich vorstellen und Ihnen einen Stapel Lesestoff bringen.« Der Genetiker musste beim Betreten der Kabine den Kopf einziehen. »Schön, Sie endlich persönlich kennenzulernen, Dr. Klaesson.«

»Das Vergnügen ist ganz meinerseits, Dr. Dettore.«

Dettores Händedruck war kräftig, und die Initiative ging von ihm aus, was anscheinend in jeder Hinsicht typisch für ihn war. John war einen Moment lang verunsichert. Dettore schien ihm mit seinem Lächeln etwas sagen zu wollen, als bestehe ein geheimer Pakt zwischen ihnen – vielleicht ein stillschweigendes Abkommen zwischen zwei Wissenschaftlern, die wesentlich mehr davon verstanden, worum es hier ging, als Naomi es je vermocht hätte.

Doch gerade das hatte John niemals gewollt. Er und Naomi hatten diese Entscheidung vom ersten Tag an gemeinsam, bewusst und auf Augenhöhe getroffen. Er würde nie etwas vor ihr verbergen oder ihr gegenüber Tatsachen beschönigen oder verzerrt wiedergeben. Basta.

Leo Dettore war schlank und gebräunt, hatte distinguierte südländische Züge und strahlte Selbstvertrauen und Charme aus. Sein Gebiss war regelmäßig und weiß, sein Haar dunkel und üppig mit eleganten silbernen Strähnen an den Schläfen. Obwohl er bereits zweiundsechzig war, hätte man ihn leicht für gut zehn Jahre jünger halten können.

Naomi musterte ihn eingehend, auf der Suche nach irgendwelchen Rissen in seiner Fassade. Sie versuchte, diesen Fremden einzuschätzen, in dessen Hände sie ihre gesamte Zukunft gelegt hatten. Sie studierte seine Mimik und seine Körpersprache und war beim ersten Eindruck enttäuscht. Wie sie gelesen hatte, umgab ihn jene Aura, die nur die sehr Reichen und sehr Erfolgreichen besaßen, eine fast undefinierbare Eigenschaft, die offenbar nur mit großem Wohlstand einherging. Er sah zu glatt aus, zu medientauglich, zu sehr wie ein Präsidentschaftskandidat auf Stimmenfang, zu sehr wie ein Industrieller, der eine Aktionärsversammlung beschwatzte. Seltsamerweise stellte sie jedoch fest, dass ihr Vertrauen in ihn wuchs, je länger sie ihn ansah, denn trotz allem strahlte er auch Aufrichtigkeit aus.

Seine Hände waren bemerkenswert. Er hatte schlanke Finger, nicht die eines Politikers oder eines Geschäftsmanns, sondern richtige Chirurgenfinger, lang, behaart, mit makellos gepflegten Nägeln. Auch seine Stimme gefiel ihr, die ehrlich und beruhigend klang. Überdies vermittelte schon allein seine physische Präsenz eine gewisse Sicherheit. Dann rief sie sich jedoch, wie so oft in den letzten Wochen, das Titelbild des Time Magazine ins Gedächtnis, das erst vor wenigen Monaten ein Foto von Leo Dettore mit dem Titel: DER FRANKENSTEIN DES21. JAHRHUNDERTS? publiziert hatte.

»Wissen Sie«, sagte Dr. Dettore, »ich bin wirklich fasziniert von Ihrer Arbeit, Dr. Klaesson – vielleicht haben wir in den nächsten Tagen Gelegenheit, uns darüber zu unterhalten. Ich habe den Artikel gelesen, den Sie vor einigen Monaten in Nature veröffentlicht haben – war es nicht in der Februar-Ausgabe?«

»Ja, ganz richtig.«

»Die Genetik der virtuellen Mäuse. Ein faszinierendes Experiment!«

John antwortete: »Es war ein anspruchsvoller Versuch, der fast vier Jahre gedauert hat.«

John hatte ein Computerprogramm entwickelt, das die Evolution einer Maus über eine Zeitspanne von einer Million Jahren simulierte. Das Experiment setzte in der tiefen Vergangenheit ein und erstreckte sich bis in die Zukunft, wobei ein breites Spektrum wahrscheinlicher Mutationen und möglicher Umweltbedingungen in die Kalkulation mit einbezogen wurden.

»Und dabei kamen Sie zu dem Ergebnis, dass die Tiere klüger werden würden, je mehr der Mensch unseren Planeten beherrscht. Das hat mir gefallen. Ein genialer Gedankengang.«

John war geschmeichelt, dass ein so renommierter Wissenschaftler wie Dettore seine Forschungsarbeit zur Kenntnis genommen hatte und sogar lobte. »Die Ergebnisse hat schließlich der Computer geliefert«, antwortete er bescheiden.

»Warum haben Sie bisher noch keine Simulation über die Evolution des Menschen in den kommenden eine Million Jahren in Angriff genommen?«

»Weil das menschliche Genom zu komplex ist. Zum einen wäre das Schreiben des Programms eine immense Herausforderung, aber abgesehen davon fehlen uns an der USC die entsprechenden Kapazitäten. Ich …«

Dettore unterbrach ihn: »Ich finde, wir sollten uns später darüber unterhalten. Eventuell würde eine Spende der Universität weiterhelfen?«

»Lassen Sie uns darüber sprechen«, sagte John, der zwar von dem Gedanken begeistert war, dass eine Unterstützung durch Dr. Dettore seine wissenschaftliche Arbeit fördern würde, aber im Moment nicht abgelenkt werden wollte. Auf diesem Schiff stand Naomi im Mittelpunkt, nicht seine Arbeit.

»Gut. In den kommenden Wochen werden wir Zeit genug haben.« Dettore hielt inne und sah erst John, dann Naomi an. »Es tut mir sehr leid, was mit Ihrem Sohn passiert ist.«

Naomi zuckte mit den Achseln, gequält von demselben tiefen Schmerz, der sie jedes Mal überwältigte, wenn das Thema zur Sprache kam. »Danke«, brachte sie mit erstickter Stimme hervor.

»Ein furchtbarer Schlag.« Er richtete seine grauen Augen auf sie und fuhr fort: »Wer niemals ein Kind verloren hat, weiß nicht, was das bedeutet.«

Naomi nickte.

Dettores Miene wurde plötzlich traurig, und er sah John an, als wolle er ihn mit einbeziehen. »Meine Exfrau und ich haben zwei Kinder verloren – eines mit einem Jahr durch eine Erbkrankheit und eines mit sechs durch Meningitis.«

»Das – das wusste ich nicht. Es tut mir furchtbar leid«, sagte Naomi und wandte sich an John. »Das hast du mir gar nicht erzählt.«

»Ich habe es auch nicht gewusst«, sagte er. »Es tut mir sehr leid.«

»Sie konnten es auch nicht wissen, denn ich hänge es nicht an die große Glocke. Wir haben uns entschlossen, die Öffentlichkeit nicht darüber zu informieren. Aber …«, der Genetiker drehte die Handflächen nach oben, »… das ist einer der Hauptgründe, weshalb ich hier bin. Im Leben geschieht manches, das nicht geschehen sollte – das nicht zu geschehen brauchte, weil es die Wissenschaft mittlerweile verhindern kann. Darum geht es im Grunde in dieser Klinik.«

»Deshalb sind auch wir hier«, sagte Naomi.

Dettore lächelte. »Wie auch immer. Wie war Ihre Reise? Haben Sie den Nachtflug von LA aus genommen?«

»Nein«, sagte John. »Wir sind tagsüber geflogen, haben in New York übernachtet und sind abends mit Freunden zum Essen ausgegangen. Wir gehen gerne in New York essen.«

Naomi fiel ein: »Essen gehört zu den Hobbys meines Mannes – nur, dass er jeden Gang wie ein wissenschaftliches Experiment angeht. Alle amüsieren sich, nur er findet immer ein Haar in der Suppe.« Liebevoll grinste sie John an.

John wiegte verteidigend den Kopf hin und her und erwiderte ihr Lächeln. »Kochen ist eine Wissenschaft für sich, und ich habe keine Lust, für irgendeinen Küchenchef die Laborratte zu spielen.«

»Dann bin ich ja mal gespannt, wie Sie das Essen an Bord beurteilen«, sagte Dettore.

»So, wie ich mich momentan fühle«, meinte Naomi, »kann ich nicht mal an Essen denken.«

»Seekrank?«

»Ein bisschen.«

»In den nächsten Stunden soll das Wetter noch schlecht bleiben, aber danach klart es auf – morgen müsste ein wunderbarer Tag werden.« Er schwieg, und es entstand eine unbehagliche Stille zwischen ihnen. Eine plötzliche Welle erfasste das Schiff und Dettore musste sich an der Kabinenwand abstützen.

»Ich rate Ihnen Folgendes. Ruhen Sie sich heute Abend ein bisschen aus und essen Sie in Ihrer Kabine.« Er hielt ihnen den Umschlag hin. »Darin sind Formulare zu Ihrer medizinischen Vorgeschichte, die Sie bitte ausfüllen, Naomi, und Sie müssen mir eine Einwilligung zur Behandlung unterschreiben. In Kürze wird Ihnen die Krankenschwester Blut abnehmen. Wir haben die Proben, die Sie uns geschickt haben, bereits ausgewertet und das Genom von Ihnen beiden bereits vollständig kartiert. Wir sehen es uns morgen früh gemeinsam an. Kommen Sie bitte um zehn in mein Büro. Kann ich bis dahin noch irgendetwas für Sie tun?«

Naomi hatte eine lange Liste von Fragen zusammengestellt, aber in diesem Moment, wo sich ihre gesamten Eingeweide durch die Übelkeit zusammenkrampften, galt ihr einziger Gedanke der Hoffnung, sich nicht übergeben zu müssen.

Dettore zog einen kleinen Behälter aus der Tasche und reichte ihn Naomi. »Bitte nehmen Sie dieses Medikament zweimal täglich mit dem Essen ein. Wir wissen, dass es dazu beiträgt, den Embryo gleich zu Beginn der Empfängnis epigenetisch zu modifizieren.« Er lächelte und fuhr dann fort: »Wenn Ihnen irgendetwas einfällt, was Sie gerne besprechen würden, rufen Sie mich einfach unter meiner Durchwahl an. Ansonsten sehen wir uns morgen früh. Gute Nacht!«

Dann war er fort.

Naomi sah John an. »Hat er tolle Gene oder einen tollen Schönheitschirurgen und einen tollen Zahnarzt?«

»Wie findest du ihn?«, fragte John. Dann sah er sie entsetzt an. Ihr Gesicht war aschfahl, und der Schweiß lief ihr über die Wangen.

Sie ließ den Behälter fallen und rannte ins Badezimmer.

4

Naomis Tagebuch

Kann kaum schreiben. Habe mich schon zweimal übergeben. Es ist drei Uhr nachts. Mein Arm tut mir weh nach der dritten Blutabnahme. Wozu brauchen die so viel Blut? Drei Proben. Wozu in aller Welt braucht die Krankenschwester drei Röhrchen voll? Sie war allerdings sehr nett und hat sich entschuldigt. Alle scheinen hier nett zu sein. John hat ein üppiges Abendessen bestellt und es dann nicht angerührt. Schon von dem Geruch wurde ihm übel – mir auch!

Die Kabine vibriert durch die laufenden Schiffsmotoren. Die Schwester – Yvonne –, eine sympathische Afroamerikanerin, hat uns erklärt, bei ruhiger See würde man das Schiff einfach treiben lassen oder nachts den Anker auswerfen, aber bei Seegang, so wie jetzt, liege es ruhiger im Wasser, wenn man die Maschinen laufen lässt und etwas Fahrt macht.

Habe Mum vorhin angerufen – sehr kurzes Gespräch (bei 9 $ pro Minute!) –, um ihr Bescheid zu sagen, dass wir angekommen sind. Dann habe ich Harriet angerufen. Sie freut sich sehr für uns. Keine Ahnung, wann wir den beiden die 150 000 $ zurückzahlen können, die sie uns geliehen haben. John hat Aussicht auf ein, zwei Forschungspreise und arbeitet an einem Buchprojekt für MIT Press – obwohl deren Vorschüsse nicht gerade üppig sind.

Fühle mich wie ein Flüchtling – und vielleicht sind wir das auch. Wäge immer wieder das Für und Wider gegeneinander ab. Versuche, den Punkt zu finden, an dem sich medizinische Ethik, die akzeptablen Grenzen der Wissenschaft und gesunder Menschenverstand begegnen. Das alles ist sehr schwer definierbar.

John ist wach, kann genauso wenig schlafen wie ich. Hatten vorhin eine lange Unterhaltung über das, was wir im Begriff sind zu tun und wie wir uns dabei fühlen. Wir hecheln immer wieder die gleichen Fragen durch. Natürlich stellen wir uns auch vor, wie es uns ginge, wenn es nicht funktioniert – das Risiko beträgt schließlich fünfzig Prozent. Trotzdem sind wir beide weiterhin optimistisch. Dennoch ängstigt mich die Tragweite des Ganzen. Bisher verfalle ich wohl deshalb noch nicht in Panik, weil noch nichts geschehen ist, und obwohl wir unser Geld nicht zurückbekommen würden, können wir immer noch unsere Meinung ändern. Uns bleiben dazu noch mehrere Wochen.

Aber ich glaube nicht, dass wir das tun werden.

5

AN DER WAND VON DR. DETTORES monumentalem Büro hing ein großer Flachbildschirm, und direkt davor stand ein halbrundes Ledersofa. Darauf saßen John und Naomi und starrten die Überschrift an, die soeben erschienen war.

Klaesson, Naomi. Genetische Defekte. Störungen.

SEITE EINS VON16 …

Dettore saß in weißem Overall und Turnschuhen neben Naomi. Er gab etwas auf der Tastatur ein, die in einer Konsole auf dem vor ihnen stehenden, niedrigen Tischchen eingelassen war, und sofort erschien eine lange Liste.

Bipolare affektive Störung

Aufmerksamkeitsdefizits-/Hyperaktivitätsstörung

Manische Depression

Angstneurose

Glomerulosklerose

Hypernasalität

Vorzeitiger Haarausfall/Alopezie

Kardiomyopathien

Degeneration des Sehnervs

Retinopathia Pigmentosa (Netzhautdegeneration)

al-Antitrypsinmangel

Marfan-Syndrom

Hypernephrom

Osteopetrose

Diabetes mellitus

Burkitt-Lymphom

Morbus Crohn. Enterocolitis regionalis(weiter auf Seite 2)

»Für all diese Krankheiten trage ich Gene in mir?«, fragte Naomi entsetzt.

Dr. Dettores Stimme klang leicht amüsiert. »Ja, Sie tragen einige Gene, die für diese Krankheiten verantwortlich sind. Ich will Sie nicht ängstigen, Mrs. Klaesson, aber es folgen noch weitere sechzehn Seiten.«

»Von der Hälfte dieser Krankheiten habe ich noch nie etwas gehört.« Sie sah John an, der ausdruckslos auf den Bildschirm starrte. »Kennst du sie?«

»Nein, nicht alle.«

Naomi richtete den Blick auf den dicken Stapel von Formularen, der vor ihr und John auf dem Tisch lag. Seitenweise kleine Kästchen, die abgehakt oder angekreuzt werden mussten.

»Glauben Sie mir«, sagte Dettore, »kein einziges dieser Gene werden Sie an Ihre Kinder weitergeben wollen.«

Wieder starrte Naomi die Liste auf dem Bildschirm an und versuchte krampfhaft, sich zu konzentrieren. Alles kommt anders, als man glaubt, dachte sie. Ihre Kehle war trocken wie Pergament, und sie schmeckte Galle. Seit ihrer Ankunft hatte sie nichts als eine Tasse Tee und zwei Bissen trockenen Toast hinuntergewürgt. Die See war zwar heute Morgen ruhiger, wie Dr. Dettore prophezeit hatte, aber das Schiff schwankte noch immer ganz schön heftig.

»Was ist ein Hypernephrom?«, fragte sie.

»Ein Nierenzellkarzinom.«

»Und Osteopetrose?«

»Wirklich ein bemerkenswerter Befund.«

Entgeistert starrte sie ihn an. »Bemerkenswert? Inwiefern?«

»Weil diese Erbkrankheit sehr selten vorkommt. Sie ist auch als Albers-Schönberg- oder Marmorknochenkrankheit bekannt und bewirkt eine Verdickung der Knochen. Es wurde viel darüber diskutiert, ob sie erblich ist oder nicht – eine Frage, die die Genetik inzwischen beantworten konnte. Wissen Sie, ob diese Krankheit in Ihrer Familie schon einmal aufgetreten ist?«

Naomi schüttelte den Kopf. »Diabetes«, sagte sie. »Ich weiß, dass es in unserer Familie Fälle von Diabetes gegeben hat. Mein Großvater war zuckerkrank.«

Dr. Dettore blätterte per Tastatur zur nächsten Seite, dann zur übernächsten. Die Liste verwirrte Naomi. Als sie die letzte Seite erreichten, sagte sie: »Eierstockkrebs ist in meiner Familie aufgetreten – eine meiner Tanten ist mit Mitte dreißig daran gestorben. Das verantwortliche Gen dafür habe ich nicht gesehen.«

Dettore blätterte drei Seiten zurück und zeigte mit dem Finger darauf.

Bedrückt nickte Naomi, als sie es jetzt ebenfalls entdeckte. »Das bedeutet also, dass ich auch dieses Gen in mir trage?«

»Jedes einzelne, das hier gelistet ist.«

»Und warum lebe ich dann noch?«

»Ob Gene aktiv werden oder nicht, gleicht einem Lotteriespiel«, antwortete der Genetiker. »Die Anlagen für Dreyens-Schlemmer, der Krankheit, die Ihren Sohn auf dem Gewissen hat, werden zum Beispiel rezessiv vererbt. Sie oder Dr. Klaesson können problemlos mit ihnen leben, ohne je zu erkranken. Nur wenn Sie ein Kind zeugen und dieses die Dreyens-Schlemmer-Gene beider Eltern erbt, bricht die Krankheit aus. Manche Krankheitsgene, die Sie tragen, können durch äußere Faktoren aktiviert werden, von denen wir viele bisher noch nicht kennen. Lebensalter, Rauchen, Umwelt, Stress, Schock, Unfälle – all das kann als Auslöser für bestimmte Gene wirken. Selbst wenn Sie alle Anlagen auf dieser Liste in sich tragen, könnte es sein, dass Sie niemals an einer der entsprechenden Krankheiten leiden werden.«

»Aber ich werde diese Anlagen an jedes Kind weitergeben, das ich gebäre?«

»Unter normalen Umständen würden Sie auf jeden Fall einige davon vererben. Wahrscheinlich in etwa die Hälfte. Die andere Hälfte seiner Gene würde das Baby von Ihrem Mann erben – seine Liste werden wir uns anschließend ansehen.«

Naomi versuchte, für einen Moment abzuschalten, auf Distanz zu gehen und nüchtern zu überlegen. Schizophrenie. Herzerkrankungen. Muskeldystrophie. Brustkrebs. Eierstockkrebs. »Dr. Dettore, Sie haben all diese Krankheitsgene identifiziert, die ich in mir trage, aber können Sie auch etwas dagegen unternehmen? Ich meine – ich weiß, dass Sie verhindern können, dass sie an mein Kind weitergegeben werden, aber können Sie auch bewirken, dass sie mir nicht schaden? Können Sie sie aus meinem Genom entfernen?«

Er schüttelte den Kopf. »Bisher noch nicht. Wir arbeiten daran – die gesamte Biotechnische Industrie arbeitet daran. Vielleicht wird es in einigen Jahren möglich sein, einige von ihnen zu eliminieren, aber bei anderen wird es noch viele Jahrzehnte dauern. Ich befürchte, Sie können sich nur bei Ihren Eltern dafür bedanken. Doch für Ihr Kind können Sie etwas Großartiges tun: Sie können ihm ermöglichen, ohne diese Gene geboren zu werden.«

Naomi schwieg eine Weile lang. Die Situation erschien ihr so absolut bizarr, sie drei auf diesem Sofa, irgendwo draußen auf dem Atlantik, kurz davor, Reihen von Kästchen abzuhaken, als machten sie einen der typischen Psychotests der einschlägigen Frauenzeitschriften oder beantworteten einen Fragebogen zur Kundenzufriedenheit.

Pro Seite gab es achtzig Kästchen; bei fünfunddreißig Seiten ergab das insgesamt fast dreitausend Fragen – oder besser: Wahlmöglichkeiten.

Die Worte verschwammen, die kleinen Kästchen verschwammen.

»Mrs. Klaesson«, sagte Dettore sanft, »es ist sehr wichtig, dass Sie sich der Tragweite all dessen wirklich bewusst sind. Was Sie und John hier auf diesem Schiff entscheiden, wird nicht nur Sie, ja nicht einmal nur Ihr Kind beeinflussen. Sie haben die Möglichkeit, ein Kind zu erschaffen, von dem die meisten Eltern nur träumen können, ein Kind, das nicht von lebensbedrohlichen oder psychischen Krankheiten bedroht ist. Je nachdem, wie Sie sich entscheiden, besitzt Ihr Kind eine genetische Disposition, die ihm jeden erdenklichen Vorteil im Leben bieten wird.« Er hielt inne und ließ den beiden Zeit, seine Worte zu verarbeiten.

Naomi schluckte und nickte.

»Doch nichts von dem, was Sie tun, wird eine Rolle spielen, wenn Sie Ihr Kind nicht lieben. Und wenn Sie nicht mit allen Ihren Entscheidungen im Reinen sind, könnten später große Belastungen auf Sie zukommen, weil Sie mit den Konsequenzen dieser Entscheidungen leben müssen. Ich habe zahlreiche Eltern abgelehnt – ja, ihnen manchmal in letzter Minute ihr Geld zurückerstattet –, wenn ich erkannt habe, dass sie entweder nicht in der Lage waren, ihrem Kind die nötigen Voraussetzungen zu bieten, oder sie aus den falschen Motiven heraus gehandelt haben.«

Naomi wand ihre Hand aus Johns Griff, stand auf und trat mit unsicheren Schritten an ein Fenster.

»Schatz, Dr. Dettore hat recht. Lass uns eine Pause machen«, schlug John vor.

»Mir geht’s gut.« Sie lächelte ihn an. »Mir geht’s gleich wieder besser, wirklich. Ich versuche nur, einen klaren Gedanken zu fassen.«

Sie hatte in den vergangenen Monaten jedes Wort über die Dettore-Klinik gelesen, Hunderte von Seiten, dazu die Website studiert – und jede andere Website über das Thema, die sie finden konnte –, und sich durch mehrere von Dettores Veröffentlichungen geackert, obwohl die Artikel, ebenso wie Johns, so komplex waren, dass sie nur sehr wenig davon verstanden hatte. Doch jetzt fiel es ihr durch ihre Übelkeit schwer, sich zu konzentrieren.

Die Krankenschwester, Yvonne, hatte ihr geraten, bei Übelkeit einen bestimmten Punkt zu fixieren. Also starrte sie jetzt geradeaus und dann für einen Moment hinauf zu einer Möwe, die über ihnen durch die Luft zu treiben schien.

»Dr. Dettore …«

»Leo«, korrigierte er. »Bitte nennen Sie mich Leo.«

»Danke. Leo.« Sie zögerte einen Moment und nahm dann all ihre Gedanken und ihren Mut zusammen. »Leo – warum sind Sie bei der Presse und bei so vielen Ihrer Wissenschaftlerkollegen so unbeliebt? Der Artikel neulich im Time Magazine war ja ziemlich rüde.«

»Kennen Sie die Lehren von Chuang Tze, Naomi?«

»Nein, warum?«

»Chuang Tze hat geschrieben: Was die Raupe das Ende der Welt nennt, nennt der Meister einen Schmetterling.«

»Wir betrachten die Metamorphose einer Raupe zu einem Schmetterling als eine Verwandlung in etwas sehr Schönes, Liebling«, sagte John. »Aber für die Raupe ist es eine traumatische Erfahrung – sie glaubt, sie stirbt.«

Dettore lächelte. »Mit ein paar Hetzartikeln in der Presse kann ich umgehen. Früher hätte ich die Inquisition am Hals gehabt. Doch ich muss Ihnen auch eine Frage stellen: Warum tun Sie das hier? Ich könnte einfach die Gensequenz für die Dreyens-Schlemmer-Krankheit entfernen und Ihr nächstes Kind wäre gesund. Warum wollen Sie die Natur überlisten und Ihrem Kind weitere Vorteile verschaffen?«

»Wir wollen nur das Schlechte entfernen«, erwiderte Naomi. »Wie Sie sicher verstehen werden, vergeht der Schmerz nie. Wir könnten so etwas nicht noch einmal ertragen.«

»Die Sache ist ganz einfach«, fiel John ein. »Naomi und ich sind nicht reich und haben auch keine übertrieben hohe Meinung von uns. Wir halten uns weder für besonders attraktiv noch für außergewöhnlich intelligent, aber wir glauben, dass wir es unserem Kind schuldig sind, ihm das Beste zu geben, was wir nur können.« Er sah Naomi an und nach einem kurzen Zögern nickte sie.

Er wandte sich wieder Dettore zu und fuhr fort: »Sie sind der Beweis, dass eine unumkehrbare Entwicklung angestoßen wurde. Sie bieten diesen Service an und schon bald wird es noch andere Kliniken geben. Wir wollen nicht, dass unser Kind an Krebs, Diabetes oder Schizophrenie erkrankt – oder an irgendetwas anderem, das bei Naomi und mir in der Familie liegt. Wir wollen nicht, dass unser Kind uns in vierzig Jahren vorwirft, ich als Wissenschaftler müsse doch gewusst haben, dass wir etwas dagegen hätten unternehmen können. Dass wir die Möglichkeit gehabt hätten, ihm fantastische Chancen im Leben zu bieten, aber aus reiner Knauserigkeit nicht bereit dazu gewesen seien.«

Dettore lächelte. »Ich führe eine Warteliste, die so schnell wächst, dass die Wartezeit jetzt schon drei Jahre beträgt. Ich darf Ihnen keine Namen nennen, aber einige der einflussreichsten Personen Amerikas haben unsere Klinik bereits aufgesucht. Manche sind neidisch, andere verängstigt aufgrund ihrer Unwissenheit. Die Welt verändert sich, und die Menschen mögen keine Veränderungen. Nicht viele besitzen die Fähigkeit, weit nach vorn zu blicken. Ein guter Schachspieler kann fünf, vielleicht zehn Züge vorausberechnen. Doch wie weit reichen die Visionen der meisten anderen? Unsere Spezies ist nicht prädestiniert dafür, in die Zukunft zu sehen. Viel leichter ist es, in die Vergangenheit zu schauen. Wir können die Szenen ausblenden, die uns nicht gefallen, uns selbst neu erfinden. Doch in der Zukunft können wir weder etwas ausblenden noch neu entwickeln. Die meisten Menschen sind genauso Gefangene der Zukunft, wie sie die Gefangenen ihrer Gene sind. Nur diejenigen, die in meine Klinik kommen, wissen, dass sie daran etwas verändern können.«

Naomi kehrte zum Sofa zurück, setzte sich und dachte über das nach, was Dr. Dettore gesagt hatte. Sie war ein bisschen hungrig – ein gutes Zeichen. Es schien ihr allmählich besserzugehen. »Was ist mit dem fünfzigprozentigen Risiko einer Abstoßung – wann können wir es erneut versuchen, falls das passiert? Oder falls ich später eine Fehlgeburt habe?«

»Sechs Monate. So lange braucht der Körper, um sich von den Medikamenten wieder zu erholen, die wir verabreicht haben.«

»Und das Geld, das wir bezahlt haben – und das uns drei Versuche garantiert – drei Besuche hier? Müssen wir noch einmal bezahlen, falls es dann immer noch nicht geklappt hat?«

»Ich bin sicher, dass es nicht so weit kommen wird.« Dettore lächelte.

»Und wir haben noch eine Frage, die wir bisher nicht gestellt haben«, fuhr Naomi fort. »Mit welchen Nebenwirkungen müssen wir für unser Kind rechnen?«

Dettore runzelte die Stirn. »Nebenwirkungen?«

»Ja, schließlich hat alles im Leben zwei Seiten«, fuhr Naomi fort. »Hat das, was Sie mit den Genen machen, irgendwelche negativen Konsequenzen?«

Dettore zögerte, und ein Anflug von Zweifel huschte über sein Gesicht wie der Schatten eines vorbeifliegenden Vogels. »Das einzig Negative, wenn man es überhaupt so bezeichnen kann, wird sein, dass Ihr Kind schneller wachsen und reifen wird. Er oder sie wird schneller erwachsen werden als andere Kinder, geistig und körperlich.«

»Wesentlich schneller?«

Dettore schüttelte den Kopf. »Nein, aber merklich.«

John fragte: »Könnten Sie uns – zu Naomis und meiner Beruhigung – ein wenig darüber erzählen, wie legal unser Vorhaben ist? Wir wissen, dass es hier draußen in Ordnung ist, weil dieses Schiff nicht der Rechtsprechung der Vereinigten Staaten unterliegt – aber was ist nach unserer Rückkehr?«

»Die Vorschriften ändern sich ständig, verschiedene Länder diskutieren über das Thema und es gibt unterschiedliche wissenschaftliche und religiöse Argumente in Bezug auf die ethische Zulässigkeit. Deswegen arbeite ich Offshore und werde das auch weiterhin tun, bis sich die Wogen geglättet haben. Sie verstoßen gegen keinerlei Gesetz, indem Sie sich hier aufhalten und Ihr Kind hier zeugen.«

»Können wir auch unbehelligt in die Staaten zurückkehren?«, fragte Naomi.

»Sie können gehen, wohin Sie nur wollen«, antwortete Dettore. »Trotzdem würde ich Ihnen dringend raten, Stillschweigen zu bewahren und sich nicht auf Diskussionen einzulassen.«

»Danke«, sagte sie und blickte wieder zu der Liste ihrer schlechten Gene auf dem Wandbildschirm. Eine winzige Eizelle enthielt Zehntausende von Genen. Manche bewirkten nichts. Müll-DNA. Andere machten einen zu der Person, die man war. Jede menschliche Zelle enthielt Gensequenzen – für die Augenfarbe, für die Armlänge, für das Lerntempo, für tödliche Krankheiten.

Auch für das Verhalten?

Auf einmal lächelte sie und fragte, in dem Bedürfnis, die Atmosphäre etwas aufzulockern: »Sagen Sie, Dr. Dett... – äh, Leo, gibt es auf diesen Listen mit den vielen Eigenschaften auch irgendwo« – und dabei sah sie ausdrücklich John an – »ein Ordentlichkeits-Gen?«

6

Naomis Tagebuch

Bisher habe ich nur einen kurzen Blick auf zwei weitere Passagiere erhascht, einen Mann und eine Frau. Er sieht ein bisschen aus wie ein jüngerer George Clooney und sie wie Angelina Jolie – eine dieser von Natur aus schönen Frauen, neben denen ich mir immer so verdammt mittelmäßig vorkomme. Woran das nur liegen mag? John hat Dr. Dettore gefragt, wie viele andere Paare – Klienten – an Bord sind, aber er wollte es uns nicht sagen. Das verstoße gegen die strenge Schweigepflicht. Aber ich bin neugierig. Und John ebenfalls.

Anscheinend sind jetzt alle Passagiere an Bord dieses merkwürdigen Kreuzfahrtschiffes, und wir fahren nach Süden in Richtung Karibik, in die Wärme. Einige Nächte werden wir in einem kubanischen Hafen vor Anker gehen. Dr. Dettore sagt, Kuba habe keines der Embryonen-Schutzabkommen unterzeichnet, daher sei das kein Problem. John soll dort auch wieder einen vernünftigen Handyempfang haben. Leider können wir nicht an Land gehen, was wirklich schade ist. Ich hätte mir Kuba gern ein wenig angesehen.

Habe heute Abend endlich wieder richtig gegessen, etwas Salat und Fisch. John hatte dringende E-Mails erhalten, deren Beantwortung keinen Aufschub duldete, deshalb hat er das Satellitentelefon benutzt – 81 $! Damit er in Ruhe arbeiten konnte, bin ich hinaus auf Deck gegangen, aber weil es zu windig war, bin ich wieder reingegangen. Richtig unheimlich – nur endlose, schmale, verwaiste Flure, von denen Türen abgehen. Manchmal hat man das Gefühl, auf einem Geisterschiff zu sein. Das uns einfach davonträgt. Aber ich brauchte den Spaziergang, um wieder klar denken zu können. Wir mussten uns heute so sehr konzentrieren! Diese vielen Kästchen, diese vielen Gengruppen – Clusters –, die man entfernen oder verstärken lassen kann, ganz einfach, indem man ein Häkchen setzt. Durch die unglaubliche Menge der Wahlmöglichkeiten und notwendigen Entscheidungen wird mir bewusst, was für eine Lotterie das menschliche Leben ist. Unser armer kleiner Halley hatte eine Niete erwischt.

Bei dem neuen Baby wird alles ganz anders werden. Zuerst mussten wir uns das Geschlecht aussuchen. Wir sagten Dr. Dettore, dass wir uns einen Jungen wünschten, und auch wenn es in diesem Stadium komisch klingt: John und ich haben schon über Namen diskutiert. Luke ist unser Favorit. Wir haben uns noch nicht festgelegt, aber John mag diesen Namen sehr, und ich gewöhne mich auch allmählich daran. Luke. So ähnlich wie luck.

Ja, das soll er werden – ein glücklicher Mensch.

7

»SCHLAF UND ERNÄHRUNG haben einen erheblichen Einfluss auf den Erfolg eines Kindes im späteren Leben, Naomi«, sagte Leo Dettore. »Ich kenne einige sehr erfolgreiche Leute – Spitzenmanager und hochrangige Politiker –, die nur deswegen ihr Arbeitspensum bewältigen, weil sie mit weniger Schlaf auskommen als die meisten von uns. Sehen wir uns jetzt einmal die Gengruppe an, die für unsere Schlafrhythmen verantwortlich ist. Wir haben die Möglichkeit, ihre Architektur bezüglich der REM-Phasen umzustrukturieren, so dass Ihr Sohn schon nach zwei Stunden Schlaf vollkommen ausgeruht wäre.«

Naomi warf einen Blick auf die Liste. Etwa zwölf von den zweihundert Optionen, die sie bis jetzt durchgegangen waren, trugen Häkchen. Es war ihre dritte Sitzung mit Dr. Dettore. Das Meer war ruhig und Naomi konnte sich heute besser konzentrieren.

Draußen war es heiß, aber die Klimaanlage im Büro schien kälter eingestellt zu sein als tags zuvor. Da sie nur ein leichtes Baumwolltop über ihrer Jeans trug, fröstelte Naomi. Ihr Unbehagen wurde noch durch einen permanenten, dumpfen Schmerz in ihrem rechten Oberschenkel verstärkt, wo die Krankenschwester ihr am Morgen die erste von fünfzehn täglichen Fruchtbarkeitsinjektionen verpasst hatte – mit einer Spritze, mit der man einen Elefanten hätte betäuben können.

»Ein Baby, das nachts nur zwei Stunden schläft, wäre ein Albtraum«, erwiderte sie. »Sie haben doch selbst Kinder gehabt – sicher wissen Sie doch …?«

Dettore, neben ihr auf dem Sofa, hob die Hand. »Aber natürlich, Naomi! Das wäre ein absoluter Albtraum, da gebe ich Ihnen völlig recht. Aber Sie als Mutter bräuchten sich deswegen keine Sorgen zu machen. Ihr Kind hätte normale Schlafrhythmen bis es etwa fünfzehn Jahre alt wäre, dann würde sich das Schlafbedürfnis allmählich bis zum Alter von achtzehn immer weiter verringern. Seine kurzen Ruhephasen würden ihm dann genau rechtzeitig, nämlich während der kritischen Phase des Studiums, zugutekommen und es ihm ermöglichen, mit einem maximalen Vorsprung vor seinen Altersgenossen ins Leben zu starten.«

Naomi sah sich eine Weile in dem schicken Büro um, dachte nach und spielte dabei mir ihrer Armbanduhr. Zehn vor elf. Wenn sie ihr Tempo beibehielten, würde es Monate dauern, die ganze Liste durchzuarbeiten. »Ist es nicht gefährlich, die Schlafrhythmen von Menschen zu manipulieren? Woher wollen Sie wissen, dass das keine psychischen Probleme auslöst?«, fragte sie.

»Schlafentzug kann zu psychischen Problemen führen, da gebe ich Ihnen recht, Naomi. Aber ich rede von etwas anderem. Zwei Stunden Schlaf wären für Ihren Sohn wie acht Stunden für einen gewöhnlichen Menschen. Im Vergleich zu jemandem, der beispielsweise acht Stunden Schlaf benötigt, würde Ihr Sohn bei einer normalen menschlichen Lebensspanne fünfzehn Jahre an bewusster Existenz hinzugewinnen. Was für ein großes Geschenk Sie als Eltern Ihrem Sohn damit machen würden! Stellen Sie sich doch mal vor, wie viel mehr er lesen, lernen, leisten könnte!«

Naomi blickte John an, konnte aber seinen Gesichtsausdruck nicht deuten. Dann sah sie wieder den Genetiker an. »Nichts von dem, was wir bisher angekreuzt haben, wird ihn zu einem Wundertier machen. Wir möchten seine Größe beeinflussen, in der Hoffnung, dass er einen Meter achtzig groß wird, so wie John, und nicht so klein wie ich, weil es für einen Mann unbestreitbar Vorteile hat, groß zu sein. Ansonsten versuchen wir nur, diese schrecklichen Krankheitsgene zu eliminieren. Wir sind nicht daran interessiert, die Form seiner Nase, seine Augenfarbe oder Haarfarbe zu bestimmen. Diese Eigenschaften überlassen wir bereitwillig dem Zufall.«

John, der sich gerade etwas auf seinem BlackBerry-Memopad notierte, nickte.

Dettore füllte sein Glas Mineralwasser auf. »Lassen wir den Punkt Schlafrhythmus erst einmal außen vor. Wir werden später darauf zurückkommen. Machen wir weiter mit der nächsten Gruppe auf der Liste. Sie bezieht sich auf die Cluster von Muskel-, Skelett- und Nervengenen, die seine sportlichen Fähigkeiten beeinflussen. Wir können einige dieser Gruppen so verändern, dass sich die Hand-Augen-Koordination Ihres Sohnes verbessert, was ihm bei Sportarten wie Tennis, Squash, Baseball und Golf zugutekommen wird.«

John wandte sich an Naomi. »Das finde ich interessant. Das kann ihm doch nicht schaden.«

»Doch«, erwiderte sie. »Mir widerstrebt dieser Gedanke zutiefst. Warum würdest du das tun wollen?«

»Weil keiner von uns beiden besonders sportbegabt ist«, antwortete John. »Warum sollten wir ihn nicht ein bisschen unterstützen? Wie eine Art Training vor der Geburt.«

»Vor der Empfängnis«, verbesserte sie ihn bissig. »Ich sage dir, wo ich das Problem sehe: Wenn wir ihn zu einem absoluten Ass in diesen Sportarten machen, wird er schließlich so viel besser als seine Freunde sein, dass keiner mehr mit ihm spielen will. Ich möchte keine Sportskanone – ich will nichts weiter, als dass mein Sohn ein gesunder, normaler Mensch wird.«

Nach einigen Augenblicken gab John nach. »Das ist ein gutes Argument, so hatte ich es gar nicht betrachtet.«

Naomi presste die Hände zusammen, teils vor Kälte, teils vor Nervosität. »So«, sagte sie zu dem Genetiker, »aber die nächste Gruppe, zu der wir kommen, interessiert mich – uns beide. John und ich haben das Material, das Sie uns gestern Abend gegeben haben, komplett durchgearbeitet. Die Sache mit den Genen, die mit den Energieniveaus des Körpers zusammenhängen.«

John fragte: »Sie sind also in der Lage, die Effizienz des Sauerstoffaustauschs zu erhöhen und den Verdauungsvorgang zu modifizieren? Wenn ich es richtig verstehe, würde das doch bedeuten, dass unser Sohn in der Lage wäre, mehr Energie aus der Nahrung aufzunehmen als normale Menschen und mit der gleichen Nahrungsmenge länger auszukommen als andere?«

»Im Grunde ja«, antwortete Dettore. »Es bedeutet bessere Verwertung der Nährstoffe, effizientere Aufspaltung von Kohlenhydraten, Zucker und Proteinen, bessere Speicher- und Abbaumechanismen, elegantere Insulinkontrolle.«

Naomi nickte. »Das klingt alles sehr gut – damit kann ich mich viel eher abfinden als mit einer Modifizierung seiner Schlafrhythmen.«

John lehnte sich nach vorn und schenkte sich Kaffee aus der Metallkanne auf dem Tisch nach. Grinsend erwiderte er: »Du schläfst jedenfalls zu viel, Schatz.«

»Unsinn! Ich brauche meinen Schlaf.«

»Meine Rede. Wenn du nicht geweckt wirst, kannst du mit Leichtigkeit neun, sogar zehn Stunden schlafen. In einer Hinsicht hat Dr. Dettore recht – du vergeudest einen großen Teil deiner Lebenszeit.«

»Ich schlafe gern!«

»Und wenn deine Gene so programmiert wären, dass du nur zwei Stunden bräuchtest, würdest du deine zwei Stunden genauso sehr genießen.«

»Das glaube ich nicht.« Sie wandte den Blick ab und schaute aus dem Fenster. In der Ferne fuhr ein Containerschiff vorbei, weit weg am Horizont. Es schien in der Luft zu schweben, so hoch, als wäre es auf einem Sockel montiert. »Ich möchte, dass Sie verstehen, welche Motive meiner Entscheidung zugrunde liegen, Dr. – äh – Leo. Ich will nur ausschließen, dass mein Kind an dem Leiden erkrankt, das unseren Sohn getötet hat. Dass Sie auch die anderen Krankheitsgene eliminieren können, die John und ich in uns tragen – Prostatakrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs, Depressionen, Diabetes –, ist ganz wunderbar. Natürlich möchte ich meinem Sohn Vorteile im Leben verschaffen, welche Eltern möchten das nicht, aber ich will nicht, dass er sich zu sehr von anderen menschlichen Wesen unterscheidet. Verstehen Sie? Ich will nicht, dass er ein abnormer Außenseiter wird.«

Dettore setzte sich auf, verschränkte die Arme vor der Brust und wiegte sich ein paarmal vor und zurück wie ein großes Kind. »Wenn ich Sie recht verstehe, Naomi, wollen Sie, dass Ihr Kind einfach ein normaler Typ mit Ansätzen von Talent und gewissen lichten Momenten wird, stimmt’s?«

»Äh – ja, ich denke schon. Ganz genau.«

»Ich wäre einverstanden, muss Sie aber bitten, vorher noch etwas in Betracht zu ziehen. Bitte vergleichen Sie einmal die Welt, wie sie heute ist, mit der Welt von morgen, wenn Ihr Sohn ein erwachsener Mann ist. Sie sind achtundzwanzig, und seitdem Sie ein kleines Mädchen waren, hat sich die Welt nicht grundlegend verändert. Aber wie wird sie nach weiteren achtundzwanzig Jahren aussehen?« Er breitete die Arme aus. »Ich sage es Ihnen: In achtundzwanzig Jahren wird diese Welt eine grundlegend andere sein. Es wird eine genetisch unterprivilegierte Klasse geben und dadurch werden soziale Unterschiede entstehen, die Sie sich heute nicht im Traum vorstellen können. Vergleichen Sie einmal Ihr heutiges Wissen, Ihre Fähigkeiten und Vorteile mit denen einer armen jungen Frau Ihres Alters, die in der Dritten Welt aufgewachsen ist, die auf einem Reisfeld in China oder im Busch in Angola arbeitet.«

Dettore stand auf, ging zu seinem Tisch und gab etwas auf seiner Computertastatur ein. Eine Weltkarte erschien auf dem großen Wandbildschirm vor ihnen. Sie zeigte einige rosafarbene Flecken, doch die meisten Länder waren weiß.

»Es gibt an die sieben Milliarden Menschen auf der Welt. Wissen Sie, wie viele von ihnen lesen und schreiben können?« Er sah John an, dann Naomi.

»Nein«, gab Naomi zu. »Das weiß ich nicht.«

»Wenn ich Ihnen erzähle, dass dreiundzwanzig Prozent aller Erwachsenen in den Vereinigten Staaten, der technisch fortschrittlichsten Nation der Welt, Analphabeten sind, gibt Ihnen das einen Anhaltspunkt? Vierundvierzig Millionen Menschen, die nicht lesen können, allein in den Vereinigten Staaten, Menschenskind! Auf der ganzen Welt sind es weniger als eine Milliarde, die es können. Weniger als zwanzig Prozent. Nur der rosa eingefärbte Teil auf der Karte. Der durchschnittliche Landbewohner der Dritten Welt erhält in seinem ganzen Leben weniger Informationen als in einer einzigen Ausgabe der LA Times enthalten sind.«

Ein Telefon klingelte. Er warf einen kurzen Blick auf die Nummer auf dem Display und ließ es klingeln. Nach ein paar Augenblicken verstummte es. »Naomi«, sagte er sanft, »vielleicht behagt Ihnen diese Tatsache nicht, aber Sie sind bereits Mitglied einer privilegierten Klasse. Ich glaube nicht, dass es viele Menschen auf der Erde gibt, mit denen Sie bereitwillig tauschen würden. Ich glaube nicht, dass es Ihnen gefiele, wenn Ihr Kind in der russischen Tundra, auf einer Teeplantage im Himalaja oder in einem Dorf in der Wüste Gobi aufwachsen müsste. Habe ich recht?«

»Natürlich.«

»Doch andererseits würden Sie das Risiko in Kauf nehmen, dass Ihr Sohn in einer Art intellektueller Dritter Welt endet?«

Schweigend sah sie ihn an.

»Wir stehen erst am Anfang«, fuhr Dettore fort. »In dreißig Jahren werden alle Kinder aus den Familien oder Nationen, die es sich leisten können, genetisch optimiert werden. Sehen Sie sich die Punkte auf unserer Liste genau an. Im Augenblick sind es nur Optionen, aber wenn Sie einmal in einer Welt leben, in der jede zukünftige Mutter auf dieser Liste ihre Häkchen setzt, würden Sie dann alle Kästchen unausgefüllt lassen? Bestimmt nicht! Nicht, wenn Sie kein absolut unterprivilegiertes Kind haben wollen – eines, das nicht mithalten oder in dieser Welt konkurrieren kann.«

»Ich werde Ihnen sagen, was mir an dieser ganzen Sache nicht gefällt – und ich weiß, dass das auch für John gilt, weil wir in den vergangenen Monaten, nachdem Sie uns akzeptiert hatten, unablässig darüber diskutiert haben. Und zwar ist es genau das – dieser ganze Eugenik-Gedanke. Er hat eine schlimme Vergangenheit und weckt schlimme Assoziationen.«

Dettore setzte sich auf den Rand seines Schreibtischs und lehnte sich zu Naomi. »Wenn wir niemals versuchen würden, das Erbgut unserer Nachkommen zu verbessern, nur weil vor achtzig Jahren ein Verrückter namens Hitler es versucht hat, dann haben wir meiner Meinung nach zwar den Zweiten Weltkrieg gewonnen, aber Hitler hat den Frieden danach geprägt.« Mit tiefernster Miene fuhr er fort: »Edward Gibbons hat geschrieben: Alles Menschliche muss degenerieren, wenn es sich nicht weiterentwickelt. Er hatte recht. Jede Zivilisation, jede Generation, die sich nicht weiterentwickelt, wird irgendwann untergehen.«

»Aber hat Einstein nicht gesagt, wenn er gewusst hätte, dass aus seiner Arbeit die Atombombe hervorgehen würde, wäre er lieber Uhrmacher geworden?«, entgegnete Naomi.

»Richtig«, erwiderte Dettore. »Und wenn Einstein Uhrmacher geworden wäre, würden wir heute möglicherweise in einer Welt leben, in der Hitlers Eugenik unsere Zukunft bestimmte.«

»Anstatt Ihre?«, fragte Naomi. Sofort bereute sie die Bemerkung. »Es tut mir leid«, sagte sie. »Es war nicht meine Absicht …«

»Ich glaube, sie wollte nur die eine Perspektive mit der anderen vergleichen«, fiel John rasch ein.

»Schon gut, die Argumentation ist schlüssig«, sagte Dettore. »Den Vergleich haben schon viele angestellt. Ich wurde als Antichrist, Neonazi, Dr. Frankenstein und wer weiß was bezeichnet. Ich hoffe nur, dass ich menschlicher bin als Hitler. Und demütiger.«

Er lächelte so sanftmütig und entwaffnend, dass es Naomi leidtat, ihn beleidigt zu haben. »Ich wollte wirklich nicht so einen krassen …«

Der Genetiker sprang auf, ging zu ihr hinüber und nahm sanft ihre Hand. »Naomi, Halley zu verlieren muss die Hölle für Sie gewesen sein, und jetzt machen Sie wieder eine furchtbar schwierige Zeit durch. Die vier Wochen auf diesem Schiff werden sowohl körperlich als auch seelisch sehr anstrengend für Sie werden. Es ist von größter Wichtigkeit, dass Sie jederzeit sagen, was Sie denken, und dass Sie rechtzeitig erkennen, wann Sie den Punkt erreicht haben, an dem Sie aufhören und aussteigen wollen. Wir müssen ehrlich zueinander sein. Einverstanden?«

»Danke«, sagte sie.

Er ließ ihre Hand los, blickte ihr aber weiterhin in die Augen. »Die Welt verändert sich, Naomi, aus diesem Grund sind Sie und John hier. Weil Sie klug genug sind, das zu erkennen.«

Eine ganze Weile lang sagte keiner etwas. Naomi blickte aus dem Fenster auf das weite blaue Wasser und das Containerschiff, das noch immer am Horizont sichtbar war. Sie sah ihren Mann an, dann den Genetiker, dann das Formular. Sie dachte an Halley und rief sich den Grund ins Gedächtnis, aus dem sie hier waren.

Die Dreyens-Schlemmer-Krankheit greift das Immunsystem des Körpers ähnlich an wie AIDS, nur viel aggressiver. Sie bricht allmählich die Molekularstruktur in den Wänden der Abwehrzellen auf, was nicht nur zum ungehinderten Eindringen von Viren und Bakterien führt, sondern auch zu einer Autoimmunreaktion – der Körper greift sich selbst an. Halleys eigenes Abwehrsystem wurde zu ätzender Säure, die buchstäblich seine inneren Organe zerfraß. Er war gestorben, nachdem er zwei Tage lang unablässig vor Schmerzen geschrien hatte. Kein Mittel konnte ihm helfen und Blut floss ihm aus Mund, Nase, Ohren und After.

Die Dreyens-Schlemmer-Krankheit war 1978 von zwei Wissenschaftlern an der Heidelberger Universität identifiziert worden. Weil sie so selten war und immer nur etwa hundert Kinder auf der ganzen Welt betraf, war ihre Entdeckung eher von akademischem Interesse. Pharmafirmen waren nicht daran interessiert, weil sich die Forschungs- und Herstellungskosten für ein Medikament niemals rentiert hätten. Der einzige Weg, Dreyens-Schlemmer zu besiegen, bestand darin, die Krankheit im Laufe eines langwierigen Prozesses aus der menschlichen Spezies herauszuzüchten.

Die meisten Menschen, die das seltene Gen in sich trugen, bekamen gesunde Kinder. Nur in dem extrem seltenen Fall, wenn zwei ahnungslose Träger des rezessiv vererbten Gens zusammen ein Baby zeugten, kam die Krankheit zum Ausbruch.

Weder in Johns noch in Naomis Familie hatte es jemals Fälle von Dreyens-Schlemmer gegeben – soweit sie wussten. Doch nach Halleys Geburt – also viel zu spät – hatten sie entdeckt, dass sie beide dieses Gen vererbten. Was bedeutete, dass das Risiko bei jedem Kind eins zu vier stand, davon betroffen zu sein.

Naomi erwiderte Dettores Blick und sagte: »Sie irren sich. Die Welt mag sich verändern, aber ich bin nicht intelligent genug, um zu verstehen, in welcher Art und Weise. Vielleicht will ich es auch gar nicht verstehen. Es macht mir Angst.«

8

IN DEM VERLASSENEN FITNESSRAUM trommelten Johns Schuhe auf das Laufband. Es war zehn vor sieben am nächsten Morgen. Der Schweiß strömte ihm über das Gesicht und den ganzen Körper, Tropfen zogen Streifen auf seiner Brille und behinderten seine Sicht auf den Fernseher, der auf Wirtschafts-CNN eingestellt war und Listen der gestrigen NASDAQ-Kurse bei Börsenschluss zeigte.

Schon als Kind, ja, solange er denken konnte, war John von Wissensdurst getrieben gewesen. Im Frühjahr fing er Kaulquappen und beobachtete, wie sie Beinchen bekamen, ihre Schwänze abfielen und sie sich zu winzigen Fröschen entwickelten. In den Ferien drängte er seine Mutter jedes Mal, mit ihm von ihrer Heimatstadt Örebro in Mittelschweden aus nach Stockholm ins Naturkunde- sowie ins Wissenschafts- und Technikmuseum zu fahren. Mit achtzehn besuchte er eine Sommerschule in London, um sein Englisch zu verbessern und verbrachte die drei Monate größtenteils im British Museum sowie in den Museen für Wissenschaft und Naturkunde.

Besondere Bewunderung hegte John für die großen Wissenschaftler vergangener Zeiten: Archimedes, Kopernikus, Galileo, Newton und Pasteur, deren Arbeiten seiner Meinung nach unsere moderne Welt geformt hatten. Außerdem hegte er höchste Ehrfurcht vor den großen Gestalten der Physik und Mathematik des zwanzigsten Jahrhunderts: Einstein, Fermi, Oppenheimer, von Neumann, Feynman, Schrödinger und Turing, deren Erkenntnisse zukunftsweisend waren. All diese Menschen hatten für ihre Forschungen ihre Lebenszeit geopfert und ihren Ruf aufs Spiel gesetzt.

Hätte man John nach seinen Zielen gefragt, hätte er geantwortet, dass er nicht nach Reichtum strebte, sondern sich wünschte, seinen Namen einst im Olymp jener anderen Wissenschaftsgrößen wiederzufinden. Mit zehn Jahren hatte er kurz nach dem Tod seines Vaters, eines Träumers und verkrachten, hoch verschuldeten Geschäftsmannes, eine Liste der Ziele angelegt, die er im Leben erreichen wollte:

ein anerkannter Wissenschaftler werden

die Welt verbessern

die menschliche Lebensspanne verlängern

für Mama sorgen

den Schmerz aus der Welt schaffen

ein guter Vater sein

Wann immer John niedergeschlagen war, sah er sich die Liste an. Als Teenager hatte er sie irgendwann aus seinem kleinen roten Notizbuch auf seinen Computer übertragen und später immer wieder von einem Computer zum nächsten. Sie zu lesen brachte ihn jedes Mal zum Lächeln, machte ihn aber auch traurig.

Ich bin jetzt sechsunddreißig und habe noch nicht ein verdammtes Ziel auf meiner Liste erreicht!

Besonders große Gewissensbisse hatte er, weil er seine Mutter vernachlässigte. Als Einzelkind fühlte er sich in hohem Maße für sie verantwortlich. Als er achtzehn war, kurz bevor er an die Universität in Uppsala ging, hatte sie wieder geheiratet, einen verwitweten Schulinspektor, der die högstadiet