Verlag: Poppy J. Anderson Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Nur ein Augenblick - Poppy J. Anderson

Nach außen hin führt Barbara ein perfektes Leben, schließlich hat sie nicht nur zwei kleine Söhne, die sie vergöttert, sondern gehört der Upperclass Connecticuts an. Jedoch ist ihr Leben alles andere als perfekt, denn Barbara ist im Grunde ihres Herzens todunglücklich, nachdem ihre Ehe zerbrochen ist. Seit sie sich vor zwei Jahren von ihrem Mann James hat scheiden lassen, leidet sie unter der Trennung, kann ihm jedoch nicht vergeben – zu tief sind die Wunden, die er ihr zugefügt hat. Doch auch James leidet, schließlich liebt er Barbara, seit er sie während ihrer ersten Woche auf dem College kennengelernt hat. Als Barbara plötzlich Anstalten macht, ihr Leben weiterzuführen, und allem Anschein nach einen anderen Mann trifft, beginnt auch James darüber nachzudenken, die Scheidung hinter sich zu lassen und einen Neuanfang zu starten. Aber was passiert, wenn endlich Dinge zur Sprache kommen, die viel zu lange totgeschwiegen wurden? Kann man einem Menschen einen Fehler verzeihen und der Liebe eine zweite Chance geben?

Meinungen über das E-Book Nur ein Augenblick - Poppy J. Anderson

E-Book-Leseprobe Nur ein Augenblick - Poppy J. Anderson

Table of Contents

Title Page

Impressum

Newsletter

Prolog

Teil 1

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Teil 2

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

Epilog

Die New York Titans-Reihe

Die Ashcroft-Saga

Liebesroman

 

 

 

Nur ein Augenblick

 

 

 

 

 

 

Poppy J. Anderson

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Auflage Januar 2016

 

 

Copyright © 2016 by Poppy J. Anderson

Covergestaltung: Catrin Sommer rausch-gold.com

Unter Verwendung von © Liliia Rudchenko – fotolia.com

 

Korrektorat: SW Korrekturen e.U

 

www.poppyjanderson.de

 

 

poppyj.anderson@googlemail.com

 

 

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Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. Personen und Handlung sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

Poppy J. Anderson

c/o copywrite Literaturagentur

Georg Simader

Woogstr. 43

60431 Frankfurt

 

 

 

 

 

 

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Eure Poppy

 

 

 

 

 

Prolog

 

 

Barbara Ashcroft straffte ganz automatisch die Schultern, als sie in ihrem Auto die gepflegte Auffahrt zum Haus ihres Exmannes hinauffuhr, und warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel, um sicher zu sein, dass sie nicht wie eine Vogelscheuche aussah, wenn sie James gegenübertrat.

Im Grunde sollte es ihr egal sein, wie sie aussah, wenn sie auf James traf, denn ihre Scheidung lag beinahe schon zwei Jahre zurück. In diesen zwei Jahren hätte sich Barbara eigentlich abgewöhnen sollen, sich durchs Haar zu fahren, ihren Lippenstift zu kontrollieren oder an ihrer Kleidung herumzuzupfen, sobald James in der Nähe war. Es war schließlich nicht so, dass sie auf ihn Eindruck machen wollte. Viel eher wollte sie ihm demonstrieren, wie fabelhaft es ihr ging, seit sie ihn los war.

Ihr Exmann und sie waren geschiedene Leute – im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn ihre beiden gemeinsamen Söhne nicht gewesen wären, die gerade auf der Rückbank ihres Autos saßen und es nicht erwarten konnten, den Tag bei ihrem Dad zu verbringen, dann hätte Barbara auch keine Veranlassung gehabt, je wieder ein Wort mit James zu wechseln.

Die Scheidung war die beste Lösung gewesen, doch für den mittlerweile neunjährigen Hamilton und seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Scott machten sie beide gute Miene zum bösen Spiel und verhielten sich freundschaftlich – wenigstens taten sie es, wenn die Kinder dabei waren. Ansonsten wollte Barbara nichts mit James zu tun haben. Noch heute bekam sie Magenschmerzen, wenn sie zu viel Zeit mit ihm verbrachte, was meistens schon nach zehn Minuten passierte.

Und dennoch tat sie es sich selbst an, ihm mehrmals in der Woche über den Weg zu laufen, wenn sie ihm die Jungen brachte, wenn er die beiden wieder bei ihr absetzte, wenn Scott ein Fußballturnier hatte oder wenn Hamilton bei einem Schwimmwettkampf antrat. Da sie beide regen Anteil am Leben ihrer Kinder hatten, war es völlig unmöglich, sich nicht ständig zu begegnen. Bei Schulaufführungen saßen sie sogar nebeneinander und demonstrierten ihren Söhnen, dass Mom und Dad sich gut verstanden und dass sie vier noch immer eine Familie waren. Wie schwer es Barbara fiel, James zu begegnen und die Fassung zu bewahren, sollten Hamilton und Scott nicht erfahren.

Den beiden zuliebe hatten sich James und sie auf eine konfliktfreie und ruhige Scheidung geeinigt, in der keiner von ihnen ein böses Wort über den anderen verloren hatte. Es hatte keine Schlammschlacht gegeben, es war zu keinem Streit über das Geld gekommen und sie teilten sich das Sorgerecht mit geradezu perverser Freundlichkeit. Barbara war mit Hamilton und Scott in dem Haus wohnen geblieben, das sie und James kurz nach ihrer Hochzeit gekauft hatten, und James war in ein Haus gezogen, das fast identisch aussah und nur ein paar Straßenzüge entfernt lag, damit die Kinder ihn immer besuchen konnten und er in ihrer Nähe war.

Vermutlich würden Barbara und James irgendwann in die Annalen der Scheidungsgeschichte eingehen, weil es mit an Bestimmtheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine andere Scheidung gab oder geben würde, die so zivilisiert abgelaufen war wie ihre.

Von ihren Freundinnen hörte Barbara noch heute, dass ihre Trennung genauso perfekt abgelaufen war wie einst ihre Ehe, die im verflixten siebten Jahr auseinandergebrochen war. In solchen Situationen hielt Barbara den Mund und erzählte ihren Freundinnen nicht, wie sehr sie darunter litt, dass aus ihrer Traumhochzeit mit ihrem Traummann und einstigem besten Freund und aus ihrer anfänglichen Traumehe ein Albtraum geworden war. Und sie erzählte ihnen nicht, weshalb es ihr noch immer schwerfiel, James in die Augen zu sehen, ohne dabei einen Wutanfall zu bekommen oder in Tränen auszubrechen. Natürlich kursierten allerlei Gerüchte darüber, was der Grund für ihre Trennung gewesen war, aber Barbara würde den Teufel tun und dieses Geheimnis ausplaudern.

Es hätte sowieso niemand verstanden.

Mittlerweile hatte sie sich daran gewöhnt, dass ein Teil der feinen Gesellschaft Connecticuts ihr die Schuld an der Scheidung gab und behauptete, dass sie ein verwöhntes Miststück sei, das den Hals nicht voll bekam, weil ihr verstorbener Vater so etwas wie der Mogul der Ostküste gewesen war, während James lediglich Vorstandsvorsitzender einer Aktiengesellschaft war. Dieses Gerücht war absolut lächerlich, wenn man bedachte, dass James nicht nur einen derart guten Posten mit einem exorbitanten Gehalt hatte, sondern dass sein Vater niemand Geringeres als Archibald Scott Campbell war, dem halb Virginia gehörte. Abgesehen davon hatte Barbara niemals daran gedacht, welche gute Partie James war oder nicht war, als sie ihn geheiratet hatte. Sie hatte ihn geheiratet, als sie vierundzwanzig Jahre alt und bis über beide Ohren verliebt in ihren um ein Jahr älteren Freund gewesen war, den sie in der ersten Woche ihres Studiums in Stanford kennengelernt hatte.

Während der eine Teil der feinen Gesellschaft sie als Buhmann auserkoren hatte, gab der andere Teil James die Schuld an ihrer Scheidung und sagte ihm dies und das nach. Doch auch bei solchen Gerüchten hörte Barbara weg und bemühte sich darum, den bösartigen Tratsch zu ignorieren.

Man konnte über James sagen, was man wollte, aber er war ein guter Vater, der seine Kinder abgöttisch liebte.

Auch jetzt trat er mit einem fröhlichen Gruß aus dem Haus, hob die Hand und winkte ihnen zu, als Barbara das Auto zum Stehen brachte.

„Dad!“ Der siebenjährige Scott kreischte geradezu euphorisch los und schnallte sich hektisch ab, bevor er die Hintertür aufriss und aus dem Daimler seiner Mom sprang.

Da Barbara wusste, dass ihr Jüngster seinem Dad unbedingt von seinem gestrigen Fußballtraining berichten wollte und sowieso nicht zu stoppen war, wenn er auf seinen Vater traf, ermahnte sie ihn nicht, sondern sah mit einem beklommenen Gefühl in der Brust zu, wie der blondhaarige Scott die Arme um James schlang und ohne Punkt und ohne Komma auf seinen Dad einredete. Dieser schenkte seinem Jüngsten die ungeteilte Aufmerksamkeit, lauschte andächtig und strubbelte seinem Sohnemann gutmütig durchs Haar. Dass die beiden Vater und Sohn waren, war nicht zu übersehen. Sowohl Scott als auch Hamilton hatten James’ blondes Haar, die blauen Augen, das Grübchen im Kinn und das lausbubenhafte Lächeln geerbt, das Barbaras Exmann sogar noch mit vierunddreißig Jahren besaß, auch wenn sie es in den vergangenen zwei Jahren eher selten zu Gesicht bekommen hatte.

Verstohlen beobachtete Barbara den Vater ihrer Kinder, während sie den Motor abstellte und den Schlüssel aus dem Zündschloss zog.

Er war ein gut aussehender Mann mit hellblonden Haaren, einem einnehmenden Gesicht und einer hochgewachsenen Gestalt, die momentan in einem Paar Bermudashorts und einem blauen Poloshirt steckte. Da er ein passionierter Sportler war, der in seiner Freizeit nicht nur ruderte, sondern auch laufen ging und Tennis spielte, besaß er noch immer einen sportlichen Körper und hatte sich seit dem College kaum verändert.

Vor ihrer Ehe waren sie beide in jedem Winter zusammen nach Aspen oder in die Schweiz gereist, um dort Ski zu laufen, im Sommer waren sie nach Colorado gefahren, um dort in den Canyons an Raftingtouren teilzunehmen oder klettern zu gehen, und das ganze Jahr über hatten sie im Doppel gegen andere Paare Tennis gespielt. Rückwärtig betrachtet musste Barbara zugeben, dass sie beide sehr aktiv gewesen waren und immer viel Spaß gehabt hatten. Dank ihrer gemeinsamen Interessen waren sie von Anfang an auf einer Wellenlänge gewesen, sodass es nicht überraschend gekommen war, dass James nicht nur ihr erster fester Freund, sondern auch ihr bester Freund geworden war.

„Mom?“

Leicht aufgeschreckt riss Barbara ihren Blick von ihrem Exmann weg und drehte den Kopf zurück, um Hamilton anzusehen, der noch immer auf der Rückbank saß und den dicken Zeichenblock auf seinem Schoß hielt, von dem er sich seit geraumer Zeit nicht trennen konnte.

„Ja, mein Schatz?“ Sie lächelte weich und streckte die rechte Hand aus, um über das aufgeschürfte Knie ihres Sohnes zu streicheln, das er sich gestern Nachmittag beim Fahren mit seinem neuen Skateboard eingehandelt hatte, das ihm sein Onkel und Barbaras jüngerer Bruder Stuart geschenkt hatte.

Der neunjährige Hamilton, der im Gegensatz zu seinem ungestümen Bruder ein eher ruhigerer Charakter war und sich für sein Alter ausgesprochen einfühlsam benahm, legte den Kopf schief und nagte an seiner Unterlippe herum. „Wann dürfen Scott und ich die Babys besuchen gehen? Ich habe ein Geschenk für sie – und für Tante Amy und Onkel Patrick.“

Gerührt drückte Barbara sein Knie. Sowohl Hamilton als auch Scott waren Feuer und Flamme von der Tatsache, dass sie in der letzten Nacht Cousins von einem Zwillingspaar geworden waren. „Das ist sehr lieb von dir. Warum rufst du Onkel Patrick nicht später einfach an und fragst ihn? Vielleicht schlägt er ja auch vor, dass wir alle drei morgen früh ins Krankenhaus fahren und die Babys besuchen gehen.“

„Okay.“ Ihr Sohn seufzte schwer und gestand leise: „Ich wäre gerne jetzt mit dir mitgekommen, Mom.“

„Ich weiß.“ Sie lächelte leicht und erklärte geduldig: „Aber Tante Amy ist bestimmt noch sehr müde. Ich werde selbst nur ganz kurz vorbeischauen und Hallo sagen, um sie nicht zu stören. Morgen können wir sicherlich alle vorbeischauen. Außerdem wollte Dad mit euch beiden etwas Schönes unternehmen, Schatz.“

Hamilton, der noch nie gegen vernünftige Argumente protestiert hatte und für einen Jungen in seinem Alter geradezu erschreckend verständnisvoll war, nickte kurz und schnallte sich ab. „Kann ich morgen meine neuen Bilder mitnehmen und sie Tante Amy zeigen, Mom? Dad wollte sie heute sehen, aber morgen könnte ich sie mitnehmen, wenn wir Tante Amy und die Babys besuchen gehen.“

„Ich finde, das klingt nach einem guten Plan“, erwiderte Barbara weich und verfolgte voller Mutterstolz, wie Hamilton ihr ein charmantes Lächeln schenkte und anschließend aus dem Auto ausstieg.

Sie wartete einen kurzen Moment, bis sie es ihren Söhnen nachtat und ebenfalls aus dem Auto stieg, um dann die Rucksäcke der beiden aus dem Kofferraum zu holen und über den akkurat gepflasterten Steinweg zu James und ihren beiden Söhnen zu gehen. Barbara achtete nicht darauf, wie gut gepflegt der großzügige Vorgarten war, wie prachtvoll die Blumen blühten oder wie hübsch die frisch gestrichene Fassade des frei stehenden Hauses aussah, sondern verfolgte leicht angespannt, wie das Gesicht ihres Exmannes weich wurde, als er auch Hamilton an sich zog und sich hinabbeugte, um dem Neunjährigen einen Kuss aufs Haar zu drücken.

Mit einem tiefen Atemzug trat sie an die drei heran und lächelte unverbindlich, als James den Kopf hob und ihr ein Lächeln schenkte, bei dem ihr früher regelmäßig die Knie weich geworden waren.

„Hallo, Barbara.“

„James.“ Sie nickte knapp und war froh, dass Scott die Aufmerksamkeit seines Vaters forderte, indem er an dessen Hand zog und wie ein übermütiger Welpe auf und ab sprang.

„Dad? Dad? Weißt du was? Ich habe gestern beim Fußballtraining drei Tore geschossen! Drei Stück!“

James riss seinen Blick von ihr los und schaute stattdessen zu Scott, um mit großen Augen und einer faszinierten Miene zu erwidern: „Wow! Drei Tore? Das müssen wir feiern, Kumpel. Wir könnten später ein Eis essen gehen, wenn ihr Lust habt.“

Selbstverständlich bestand die Antwort der beiden Jungen aus einem Freudenschrei, der seinesgleichen suchte.

Noch bevor Scotts Gegröle abgeklungen war, konnte Barbara verfolgen, wie James seinem Ältesten eine Hand auf die Schulter legte und neugierig wissen wollte: „Hast du mir neue Bilder zum Anschauen mitgebracht, Hamilton? Ich warte noch immer auf die Zeichnung, die du mir am Wochenende angekündigt hast.“

Die strahlende Miene ihres Sohnes, mit der er seinen Vater bedachte, während er sich vertrauensvoll gegen ihn lehnte, verursachte einen Kloß in Barbaras Hals. Das passierte ständig, wenn sie die drei zusammen sah, weil es zu offensichtlich war, wie sehr die Jungs ihren Dad liebten und wie sehr James die Jungs liebte.

„Ich habe meine Mappe dabei, Dad“, erwiderte Hamilton sonnig und presste besagten Gegenstand gegen seine Brust.

„Sehr schön.“ An die beiden gewandt schlug James leichthin vor: „Wollt ihr schon einmal in den Garten gehen? Ich bräuchte eure Hilfe beim Rasenmähen, Jungs.“

Obwohl Barbara ihrem Jüngsten ansehen konnte, dass er am liebsten sofort ins Haus und anschließend in den Garten gestürmt wäre, umarmte er sie unaufgefordert und schlang seine Arme um ihre Taille.

„Tschüss, Mom.“

„Tschüss, Liebling“, antwortete sie vergnügt und konnte nicht widerstehen, dem Siebenjährigen über den Nacken zu streichen. „Viel Spaß bei deinem Dad und iss nicht so viel Eis.“

Das lausbubenhafte Grinsen, das er ihr schenkte, bevor er ins Haus düste, sagte genug.

Kopfschüttelnd verdrehte sie die Augen und verabschiedete sich auch von Hamilton, der sich einen Tick länger als Scott an sie drückte und sich dann weitaus weniger stürmisch ins Haus begab. Für den sensiblen Hamilton war die Scheidung trotz der Bemühungen seiner Eltern, es den Kindern so angenehm wie möglich zu machen, eine Katastrophe gewesen. Nachdem James ausgezogen war, hatte Hamilton jede Nacht bei ihr schlafen wollen und unter enormen Verlustängsten gelitten. Mittlerweile hatte er sich zwar an die Situation gewöhnt, ein Zuhause bei seiner Mom und ein Zuhause bei seinem Dad zu haben, aber Barbara fragte sich dennoch, ob sie ihrem sensiblen Sohn mit der Scheidung nicht zu viel zugemutet hatte.

Allein der Kinder willen hatte sie vor zwei Jahren tatsächlich überlegt, ihre Ehe aufrechtzuerhalten. Aber ...

„Du siehst heute so elegant aus.“ James unterbrach ihre Gedanken, indem er ihr die beiden Rucksäcke der Jungen abnahm und zu allem Überfluss auch noch ein Kompliment machte.

Spröde erwiderte sie: „Danke.“

„Hast du noch einen Termin?“ Sein Tonfall klang weiterhin freundlich, ohne dass er sich von ihrem abweisenden Verhalten hätte beeindrucken lassen. Manchmal wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass er endlich damit aufhörte, auf ihr zuweilen patziges Verhalten mit einem Lächeln zu reagieren und so zu tun, als gäbe es zwischen ihnen kein Problem.

Mit einem Seufzen erklärte sie: „Ich fahre kurz ins Krankenhaus und schaue mir meine beiden Neffen an.“

Es war zu offensichtlich, dass Barbara nicht der Sinn danach stand, mit ihm zu reden, doch James tat so, als wäre ihr frostiges Verhalten völlig normal. So viel Dickfelligkeit raubte ihr den letzten Nerv.

Was ihr ebenfalls den letzten Nerv raubte, sprach James keine zehn Sekunden später an.

„Eleanor hat mir heute Morgen bereits am Telefon erzählt, dass die Babys gesund und munter auf die Welt gekommen sind. Deine Mutter war völlig aus dem Häuschen.“

Aufgebracht presste sie die Lippen aufeinander und wusste nicht, was sie mehr störte: die Tatsache, dass er sich so gut mit ihrer eigenen Mutter verstand, dass sie bereits morgens Telefonate führten, oder die Tatsache, dass er über ihren Bruder und dessen Frau sprach, als wären sie alle noch immer eine große, glückliche Familie.

Barbara wollte jedoch nicht mit ihm darüber streiten, sondern schluckte ihre Wut hinunter und merkte, wie verkrampft ihre Schultern bereits nach wenigen Minuten in seiner Gegenwart waren. Statt auf seine Bemerkung einzugehen, erklärte sie dumpf: „Ich muss mich auf den Weg machen. Vergiss bitte nicht, dass Scott allergisch gegen Bananen ist. Zwar will er ständig Bananensplit essen, aber ...“

„Das weiß ich doch, Barbara“, unterbrach James sie geduldig und reagierte auf ihren belehrenden Tonfall mit einem Zucken seiner Mundwinkel.

„Gut.“ Sie nickte schroff. „Viel Spaß mit den Jungs.“

Gerade als sie sich umgedreht hatte, hielt seine zögernde Stimme sie zurück.

„Warte ... Barbara.“

Während sie tief Luft holte und ihm das Gesicht zuwandte, merkte sie, dass der Anblick seiner zerknirschten Miene ihr einen Stich versetzte.

„Was ist denn, James? Ich muss wirklich los.“

Auch er holte Luft und fragte zurückhaltend: „Hast du denn schon am Nachmittag etwas vor?“

Da sie wusste, was jetzt höchstwahrscheinlich kommen würde, nickte sie barsch. „Ich treffe mich mit Cynthia Mitchell, um mit ihr über eine Spendengala zu reden.“

„Oh.“ Er klang enttäuscht.

Barbara versteifte sich, als sie sah, wie ihr Exmann den Mund verzog, ihren Blick suchte und geradezu zögerlich murmelte: „Schade. Nun ja ... ich dachte eigentlich, dass wir alle vier am Nachmittag ein Eis essen gehen könnten. Draußen ist das Wetter so schön, und den Jungs würde es sicherlich gefallen, wenn wir zusammen ausgehen würden – so wie früher.“

Der Knoten in ihrem Magen wurde von Sekunde zu Sekunde größer, während James sie eindringlich ansah und geradezu hoffnungsvoll wirkte.

Sie holte tief Luft und hob abwehrend beide Hände. Da sie sich auf keine Grundsatzdiskussion einlassen wollte, verneinte sie lässig. „Ich habe wirklich keine Zeit, James.“

„Den Kindern würde es sicherlich gefallen, wenn wir vier zusammen etwas unternehmen würden, Barbara. Wie eine Familie.“

Obwohl Barbara für Hamilton und Scott alles liegen gelassen hätte, würde sie sicherlich nicht mit James den Nachmittag verbringen, neben ihm sitzen und gut gelaunt ein Eis verspeisen. Auch wenn sie sich seit zwei Jahren ständig zurückhielt und ihm nicht ins Gesicht schrie, dass sie seinen Anblick kaum ertragen konnte, brachte sein letzter Satz sie dazu, vor Wut zu schäumen.

„Wie eine Familie, James? Wir sind keine Familie mehr – und ich wäre dir sehr verbunden, wenn du das endlich einsehen würdest!“

„Barbara ...“

Sie trat einen Schritt zurück, während ein Trommelfeuer von Wut, Panik und Trauer in ihr hochzusteigen drohte.

„Lass das“, zischte sie ihm zu. „Wir sind keine Familie mehr. Dafür hast du gesorgt, also leb jetzt auch damit.“

 

 

 

 

Teil 1

 

 

1. Kapitel

 

 

Vierzehn Jahre zuvor

 

 

Eigentlich war Barbara immer davon ausgegangen, dass sie einen guten Orientierungssinn hätte, doch als sie mitten auf dem Campus von Stanford stand und keine Ahnung hatte, wie sie nach ihrer Vorlesung zurück zu ihrem Wohnheim kommen sollte, musste sie wohl oder übel zugeben, dass sie sich getäuscht hatte. Dies war schon das dritte Mal in dieser Woche, dass sie sich verlaufen hatte. Obwohl sie den Lageplan der Universität mittlerweile auswendig kannte, kam sie ständig dort raus, wo sie gar nicht hinwollte. Und die Tatsache, dass sie bereits zu drei Vorlesungen zu spät gekommen war, schlug ihr zusätzlich aufs Gemüt.

Die Vorstellung, dass ihre Professoren sie für eine unordentliche, unorganisierte und chaotische Studentin halten könnten, ließ sie kaum noch schlafen. Barbara wusste, wie wichtig der erste Eindruck war, und ausgerechnet sie, die schon auf der Highschool dafür bekannt gewesen war, eine Perfektionistin zu sein, die mit einem akribisch geführten Terminkalender unterwegs war, fiel nun dadurch auf, zu spät zu ihren Kursen zu kommen.

Schlimmer hätte es wirklich nicht laufen können.

Frustriert gestand sich Barbara ein, dass die erste Woche als Collegestudentin nicht so lief, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Für sie war es keine große Sache gewesen, ihr Elternhaus an der Ostküste gegen einen Universitätscampus an der Westküste zu tauschen und erst einmal völlig allein zu sein und niemanden zu kennen. Mit fünfzehn Jahren war sie für ein Jahr in der Schweiz auf einem Internat gewesen, weil sie es sich so gewünscht hatte, und direkt nach der Highschool war sie mit dem Friedenschor für ein halbes Jahr nach Südamerika gegangen. Sie fand schnell Anschluss, hatte einen großen Freundeskreis und konnte von sich behaupten, ein umgänglicher Mensch zu sein. Doch in Stanford schienen die Uhren anders zu ticken.

Noch vor zwei Wochen hatte ihre Mom tränenreich Abschied genommen, als Barbara zusammen mit ihrem Dad von Connecticut nach Kalifornien geflogen war und ihrer besorgten Mutter versichert hatte, dass sie sehr schnell neue Freunde finden würde und dass sich ihre Mom keine Sorgen machen müsste.

Natürlich war Barbara aufgeregt gewesen, als sie ihr Zimmer auf dem altehrwürdigen Campus der Eliteuniversität bezogen hatte, aber es war viel eher eine positive Aufregung gewesen, weil sie sich darauf gefreut hatte, die Highschool hinter sich zu lassen und ihr Psychologiestudium zu beginnen. Tatsächlich war sich Barbara noch vor einer Woche sehr erwachsen vorgekommen, als sie sich von ihrem Dad verabschiedet und ihm verboten hatte, seinen alten Freund zu kontaktieren, der zufälligerweise der Präsident der Universität war. Barbara hatte es dank ihrer guten Noten nach Stanford geschafft und wollte jetzt nicht, dass sie anders behandelt wurde, weil ihr Nachname Ashcroft war und weil ihr Dad ein früherer Verbindungsbruder des Universitätspräsidenten war.

Sie hatte noch nie den Namen ihres Dads fallen gelassen, um ein Praktikum, einen Ferienjob oder Freunde zu bekommen, und sie würde ganz sicher jetzt nicht damit anfangen, da sie von zu Hause ausgezogen war und zur Uni ging. Der Status, die Tochter eines schwerreichen Mannes zu sein, hatte sie bislang nicht interessiert, schließlich war sie von ihren Eltern nicht dazu erzogen worden, ein verwöhntes Miststück zu sein, das den Wert des Geldes nicht kannte. Genau wie ihr älterer Bruder Patrick hatte sie sich seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr Ferienjobs suchen müssen, hatte für besondere Wünsche sparen müssen und hätte sehr vermutlich Hausarrest bekommen, wenn sie von den Hausangestellten daheim verlangt hätte, dass diese ihr Zimmer aufräumen sollten.

Auch wenn sie mehr Privilegien als die meisten ihrer Altersgenossen kannte, im Urlaub die tollsten Reisen unternommen hatte, den Präsident der Vereinigten Staaten auf einem Bankett kennengelernt hatte und mit sechzehn Jahren ein eigenes Auto zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, nahm sie all das nicht als selbstverständlich hin.

Angesichts der Tatsache, dass sie in der Highschool Klassenkameradinnen gekannt hatte, deren reiche Eltern ihre Töchter zu snobistischen und verwöhnten Biestern erzogen hatten, war Barbara ihren eigenen Eltern dankbar, dass sie nicht so geworden war.

Mit der unumstößlichen Gewissheit, dass kein snobistisches und verwöhntes Biest nach Stanford gehen würde, hatte sich Barbara darauf gefreut, ihre Mitbewohnerin kennenzulernen, um kurz darauf zu erfahren, dass sich die Studentin, die sich mit ihr ein Zimmer teilen sollte, eine Woche vor Studienbeginn dafür entschieden hatte, ihr Studium nicht anzutreten. Für Barbara hieß das, dass sie das Zimmer allein bewohnte und keine Mitbewohnerin hatte, mit der sie den Campus erkunden, zum Essen gehen oder abends fernsehen konnte. Während alle anderen Erstsemester im Doppelpack unterwegs waren, irrte Barbara allein umher und hatte bislang niemanden, mit dem sie sich in der Mensa anstellen und dann essen konnte.

Obwohl sie von Natur aus ein fröhlicher und positiv denkender Mensch war, schlug ihr diese Einsamkeit gerade empfindlich auf den Magen.

Wenn sie nicht aufpasste, würde sie zu allem Überfluss auch noch Heimweh bekommen.

Dass in ihren Kursen durchwegs humorresistente Studenten saßen, mit denen Barbara überhaupt nichts gemein hatte, ließ sie zudem an ihrem Studienfach zweifeln.

Alles in allem war ihr Start in Stanford eine halbe Katastrophe.

Frustriert hob Barbara den Kopf und blickte von dem Campusplan auf, den sie in den Händen hielt, obwohl es ihr tierisch peinlich war, damit wie ein desorientierter Tourist auszusehen.

Um Himmels willen!

Sie war nach ihrer Vorlesung in die Bibliothek gegangen und hatte sich einen Kaffee geholt, was bedeutete, dass sie sich nun eigentlich vor der Fakultät der Ingenieurswissenschaften befinden sollte, doch stattdessen stand sie in einem Innenhof und blickte auf einen Springbrunnen, neben dem eine Gruppe Studenten saß und hitzig miteinander diskutierte. Ansonsten war der Innenhof wie leer gefegt.

Am liebsten hätte Barbara den Plan in ihren Händen zerknüllt und im hohen Bogen in Richtung Springbrunnen geschleudert.

Bevor die Studentengruppe jedoch bemerkte, dass sie sich auf dem Campus verlaufen hatte, trat sie lieber den Rückzug an. Eine weitere Blamage am heutigen Tag hätte sie vermutlich nicht überlebt. Eigentlich hatte sie geplant, nach ihrer letzten Vorlesung so rasch wie möglich zurück in ihr Zimmer zu gehen, um das Protokoll für die nächste Sitzung ihres Grundlagenseminars vorzubereiten, doch wie es nun aussah, würde sie die nächsten Stunden damit verbringen, den Weg zurück zu ihrem Studentenheim zu finden. Mit einer gehörigen Portion Galgenhumor sagte sich Barbara, während sie die Stufen zurück ins Gebäude erklomm, aus dem sie gerade erst gekommen war, dass sie auf dem Campus vielleicht Brotkrumen verteilen sollte, an denen sie sich orientieren konnte. Dann würde sie nicht wie eine Vollidiotin mit einem Lageplan in den Händen von einem Gebäude zum anderen irren.

Nachdenklich steckte sie die Nase zurück in den Plan und stieß schwungvoll die Tür auf, die jedoch nach wenigen Augenblicken gestoppt wurde, während ein schmerzverzerrtes Stöhnen erklang.

Erschrocken riss sie den Kopf hoch und bemerkte, dass sie jemandem die Tür gegen den Kopf gestoßen haben musste, da vor ihr ein blondhaariger Mann stand, ein Auge zugekniffen hatte und sich mit der rechten Hand über die Stirn rieb. Entsetzt quetschte sich Barbara durch die Tür hindurch und stand dem Opfer ihrer Eingangstürattacke gegenüber, das sich kurz schüttelte und allem Anschein nach seine Bücher fallen gelassen hatte, die nun dekorativ neben ihm auf dem ordentlich gebohnerten Fußboden lagen.

„Mist!“ Barbara verzog schuldbewusst den Mund und wagte kaum, dem Mann vor sich in die Augen zu schauen. Eigentlich war sie kein Tollpatsch. „Es tut mir wahnsinnig leid! Haben Sie sich verletzt? Ich war völlig in Gedanken und habe nicht aufgepasst!“

Der Mann, der ihr vermutlich eine baldige Beule direkt auf der Stirn zu verdanken hatte, lächelte scherzhaft und legte den Kopf schief, während er ihr entgegen blinzelte. „Dann sind wir schon zwei. Ich habe selbst nicht aufgepasst, wohin ich lief.“

Rasch unterdrückte Barbara das Bedürfnis, auf seine Antwort mit einem Lachen zu reagieren, und fragte nach wie vor schuldbewusst: „Haben Sie sich wehgetan?“

„Ich denke nicht.“

„Sie denken nicht?“, echote Barbara alarmiert.

Der Mann ihr gegenüber schüttelte sich kurz, rieb noch einmal über seine Stirn und ließ anschließend die Hand fallen. „Mein Professor behauptet ständig, dass das Gebäude uralt sei und sogar die Eingangstüren aus dem neunzehnten Jahrhundert stammten. Bis heute habe ich ihm nicht geglaubt. Aber bei dieser massiven Bauweise ...“ Er ließ den Satz unvollendet.

„Oje“, jammerte Barbara verzagt. „Es tut mir so leid!“

„Wieso denn?“ Er zuckte mit den Schultern und schenkte ihr ein Grinsen, das viel eher zu einem Schulchaoten gepasst hätte, der zum Direktor zitiert wurde. „Sie haben das Gebäude schließlich nicht gebaut.“

Nun konnte sie ein kurzes Lachen doch nicht unterdrücken und sah ihm belustigt ins Gesicht, das trotz der sichtbaren Macke an seiner Stirn nicht sympathischer oder zugänglicher hätte sein können. Augenblicklich spürte Barbara, wie sich ihre Wangen röteten und sich ein angenehmes Kribbeln in ihrem Magen ausbreitete, als sie den jungen Mann vor sich musterte und gleichzeitig spürte, wie sie nicht weniger interessiert gemustert wurde.

Da sie ihm genau gegenüberstand, konnte sie sehen, dass ihr Scheitel bis zu seinem Kinn reichte, dass er ein Grübchen im Kinn besaß, dass seine Augen unwahrscheinlich blau waren und dass das blaue Hemd, das er bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt hatte, seine breiten Schultern nicht verbergen konnte.

Barbara musste schlucken, während sie sich darum bemühte, ihm nicht allzu offensichtlich ins Gesicht zu schauen oder allzu lange seinen kräftigen Hals anzustarren. Außerdem hoffte sie, dass er ihr nicht ansah, dass sie darüber nachdachte, woher die verlockende Bräune kam, die ihm so gut stand.

Als sie sich hektisch fragte, wie lange sie ihn nun schon anstarrte und von ihm angestarrt wurde, räusperte sie sich und unterbrach die elektrisch aufgeladene Spannung zwischen ihnen, um mit ehrlicher Besorgnis zu fragen: „Geht es Ihnen wirklich gut?“

„Aber sicher“, beruhigte er sie liebenswürdig. „Mein Kopf hält einiges aus.“

„Sogar massive Holztüren aus dem neunzehnten Jahrhundert?“

Sein amüsiertes Lachen stellte merkwürdige Dinge mit ihrem Magen an, bemerkte Barbara beinahe atemlos.

„Vielleicht sollten wir uns lieber Sorgen um die wertvolle Tür machen. Mein Professor würde mich sicherlich durchfallen lassen, wenn ich hier die Einrichtung zerstöre.“

„Hieße das, dass in diesem Fall nicht nur Ihre Beule, sondern auch Ihre schlechte Note auf mein Konto ginge?“

Sobald sie den Satz beendet hatte, wurde ihr klar, was sie soeben von sich gegeben hatte. Am liebsten wäre sie im Boden versunken, als ihr in den Sinn kam, was sie mit dem Begriff Beule auch noch hätte meinen können. Bevor sie in Versuchung geraten konnte, dem Mann vor ihr auch noch auf den Schritt zu schauen, fixierte sie beinahe zwanghaft seine Nasenspitze und hätte sich nur allzu gerne selbst in den Hintern getreten. Eigentlich war sie nicht auf den Mund gefallen, doch gerade jetzt benahm sie sich wie eine Idiotin.

Glücklicherweise ließ sich der Mann mit dem Grübchen im Kinn nicht anmerken, welche zweideutige Bemerkung sie gerade gemacht hatte. Stattdessen erklärte er leichthin: „Meinem Kopf geht es fabelhaft und das mit der guten Note sollte auch zu schaffen sein.“

„Trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich hätte hinschauen sollen, wohin ich lief.“ Nervös trat sie von einem Bein auf das andere und überlegte mit einem Anflug von Eitelkeit, ob das luftige Sommerkleid, das sie trug, ihrer Figur schmeichelte, während sie sich eine störende Haarsträhne hinter das Ohr strich.

Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich bin selbst schuld, schließlich hatte ich meine Nase in einem Buch vergraben.“

Augenblicklich fielen Barbara seine Bücher wieder ein, die noch immer unbeachtet auf dem Boden lagen.

„Ihre Bücher! Ich ...“

Anscheinend hatte Barbara nicht als Einzige die Idee gehabt, sich zu bücken, um seine Bücher vom Boden aufzusammeln, da auch er sich vorbeugte.

Bevor sie wusste, wie ihr geschah, traf ihre Stirn gegen sein Kinn, was mit einem dumpfen Geräusch und einem schmerzhaften Stich unter ihrer Schädeldecke endete.

„Autsch!“

„Au!“

Beide fuhren auseinander.

Barbara verzog das Gesicht und rieb ganz automatisch über die schmerzende Stelle kurz über ihrem Haaransatz. Gleichzeitig suchte ihr Blick den Mann, der den Kopf ein wenig zurücklegte und sein Kinn betastete, das soeben Bekanntschaft mit ihrem Schädel gemacht hatte.

Als er den Kopf wieder nach vorne beugte, sah Barbara, dass auch er ihren Blick suchte und abzuschätzen versuchte, wie es ihr ging.

Wie auf Kommando begannen beide ein Glucksen auszustoßen, bis er einen gespielt vorsichtigen Schritt nach vorne machte und ihr die Hand reichte.

„James.“

Mit einem angenehm warmen Gefühl in der Magengegend gab sie ihm die Hand und erwiderte den Händedruck. „Barbara.“

„Also, Barbara.“ Er bückte sich kurz und hob seine Bücher auf, erhob sich wieder und ließ seine Augen neugierig über ihre Gestalt wandern. „Wie kommt es, dass ich dich hier noch nie gesehen habe?“

Ihre Lippen waren plötzlich so trocken, dass sie diese hastig aufeinander rieb. Vor fünf Minuten war sie noch über den Campus geirrt und schien nun über den nettesten und höchstwahrscheinlich attraktivsten Studenten gestolpert zu sein, den Stanford zu bieten hatte. Im völlig verlassenen Flur standen sie sich gegenüber, während er Bücher in den Händen hielt und sie sich noch immer an ihren Lageplan klammerte.

Zwar wollte sie nicht wie eine naive und völlig überforderte Studentin erscheinen, gab jedoch unumwunden zu: „Ich bin erst seit einer Woche in Stanford und muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mich schon wieder verlaufen habe.“

„Verlaufen?“ Seine Augenbrauen, die dunkler als sein blondes Kopfhaar waren, zuckten nach oben. „Schon wieder?“

Barbara nagte auf ihren Lippen herum und nickte seufzend. „Ja, schon wieder. Es klingt albern, ich weiß, aber ich habe keine Ahnung, wo ich gerade bin.“

Allem Anschein nach konnte er sich nur mit Müh und Not ein Grinsen verkneifen. Gutmütig informierte er sie: „Das hier ist die Fakultät der Wirtschaftswissenschaften.“

Stirnrunzelnd senkte sie den Blick auf ihren Lageplan. „Was? Aber auf meinem Plan steht, dass das die Fakultät für Ingenieurswissenschaften sein soll.“

„Lass mich mal sehen.“

Bevor Barbara reagieren konnte, stand er auf einmal direkt neben ihr und beugte sich vertraulich nah zu ihr, um ebenfalls einen Blick auf den Lageplan zu werfen. Automatisch hielt Barbara die Luft an und kam nicht umhin, seinen sauberen Geruch wahrzunehmen oder ihren eigenen rasenden Herzschlag zu bemerken.

„Wer hat dir denn diese Karte gegeben?“, fragte der Mann, der für ihr Seelenheil viel zu nah neben ihr stand und viel zu gut aussah. „Die Mensa ist auf diesem Plan an einem völlig falschen Ort, außerdem fehlen zig Gebäude. Warte kurz.“

Wortlos verfolgte Barbara, wie er einen Stift zückte, ihr den Plan abnahm und seine Bücher als Unterlage benutzte, um wild darauf loszukritzeln. Nach gut zwei Minuten, in denen sie sein Profil betrachtet hatte, reichte er ihr den Lageplan und nickte zufrieden.

„Jetzt solltest du dich eigentlich nicht mehr verlaufen.“

Sie blinzelte verwirrt. „Danke.“

Seine Lippen verzogen sich ein weiteres Mal zu einem breiten Lächeln. „Und falls du doch mal wieder die Orientierung verlieren solltest, hast du jetzt meine Nummer und kannst mich anrufen, falls du einen Fremdenführer brauchst oder jemanden eine Tür gegen das Gesicht schlagen willst oder Lust auf einen Kaffee hast.“

Geradezu magisch saugten sich ihre Augen an der Telefonnummer fest, die er in die linke obere Ecke des Plans geschrieben hatte.

Barbara schluckte kurz und holte unmerklich Luft. Sie mochte auf der Highschool nicht unbedingt die Schülerin mit den meisten Dates gewesen sein, aber sie wusste, wann jemand mit ihr flirtete.

„Ein Kaffee klingt gut“, erwiderte sie mit einem überschlagenden Puls und schaute ihn abwägend an. „Hättest du jetzt Zeit und Lust? Ich würde gerne meinen Überfall mit der Tür wiedergutmachen.“

Seine Antwort bestand aus einem erfreuten Lächeln.

Wenige Minuten später saß sie ihm in einem kleinen Café gegenüber und nippte an einer Tasse mit Cappuccino, während er sich einen schwarzen Kaffee bestellt hatte und Barbara gerade darüber aufklärte, an welchem Tag sie die Mensa meiden sollte. Sie saßen so nah beieinander, dass sich ihre Knie beinahe berührten, doch zu ihrer eigenen Verwunderung spürte Barbara, dass sie sich erschreckend wohl in seiner Nähe fühlte. Es war beinahe so, als würden sie sich bereits ewig kennen.

„Jetzt musst du mir aber auch erklären, weshalb ich freitags nicht in die Mensa gehen soll.“

„Weil freitags Fischstäbchentag ist.“

Beinahe hätte sie sich an ihrem Cappuccino verschluckt. „Fischstäbchentag?“

Seine Augen funkelten amüsiert. „Du solltest die Professoren dabei beobachten, wie sie sich die Fischstäbchen auf die Teller laden. Man sollte meinen, dass sie sich für einen Krieg rüsten.“

Allein die Vorstellung, wie sich die zumeist grauhaarigen Professoren in ihren Tweedjacken auf ein Buffet mit Fischstäbchen stürzten, zauberte ein Lächeln auf Barbaras Gesicht.

„Und wegen einer wild gewordenen Horde Professoren soll ich am Freitag die Mensa meiden?“

James schüttelte den Kopf und vertraute ihr an: „Es liegt eher daran, dass mein Mitbewohner im letzten Jahr eine Lebensmittelvergiftung hatte, nachdem er zu viele Fischstäbchen gegessen hatte. Seither mache ich einen großen Bogen um die Mensa – jedenfalls an Freitagen.“

„Gut zu wissen.“ Sie blinzelte ihm über dem Rand der Tasse zu, setzte diese ab und wollte neugierig wissen: „In welchem Jahr bist du, James?“

„Im zweiten Jahr, auch wenn es mir manchmal vorkommt, als wäre ich schon eine Ewigkeit hier.“

Voller Selbstironie verdrehte Barbara ihre Augen. „Ich bin erst seit einer Woche in Stanford und habe trotzdem schon das Gefühl, seit Ewigkeiten hier zu sein, schließlich irre ich ständig auf dem Campus umher.“

„Erstens passiert dies jedem am Anfang und zweitens wird das mit dem neuen Plan jetzt anders“, beschwichtigte er sie ruhig.

Verwundert legte sie den Kopf schief. „Willst du mir damit sagen, dass auch du dich hier verlaufen hast?“

Ohne Scham nickte er. „Ständig. Ich stand schon kurz davor, ein Fernstudium zu beginnen, weil ich andauernd zu spät zu meinen Seminaren kam.“

Auch wenn er übertrieb, fand Barbara seine Aufmunterungsversuche sehr charmant. „Das glaube ich nicht. Immerhin hast du dich als Fremdenführer ganz besonders gut gemacht“, spielte sie darauf an, dass er ihr auf dem Weg zum Café dies und das gezeigt hatte, von dem sie bisher keine Ahnung gehabt hatte.

„Man lernt mit der Zeit dazu.“ James schmunzelte und zwinkerte ihr mit seinen blauen Augen zu. „In ein paar Wochen wirst auch du auf dem Campus den Fremdenführer spielen können.“

„Dein Wort in Gottes Ohr.“ Barbara griff wieder nach ihrer Tasse und nahm einen weiteren Schluck, während ihr bewusst war, dass er ihr seine volle Aufmerksamkeit schenkte.

Als er interessiert von sich gab: „Du hast mir bisher noch gar nicht verraten, welches Fach du studierst.“ Sie senkte wieder die Tasse und lehnte sich ein Stück zurück.

Barbara beobachtete kurz, wie er nach einem Keks griff, der zusammen mit anderen Gebäckstücken in einer dekorativen Schale auf dem kleinen Tisch neben ihnen lag, und erwiderte leichthin: „Psychologie, aber ich stehe ja noch ganz am Anfang.“

„Das klingt nicht danach, dass es dir Spaß machen würde“, bemerkte er und bewies, dass er ein sehr aufmerksamer Zuhörer war.

Zögernd zuckte Barbara mit der Schulter und ließ ihre Augen umherschweifen. „Das Fach macht mir Spaß ... nun ja, nach einer Woche kann ich noch nicht wirklich sagen, ob es mir Spaß macht oder nicht, aber es sind eher meine Kommilitonen, mit denen ich noch nicht warm geworden bin.“

Mit einem Seufzen streckte er seine Beine von sich und berührte dabei wie zufällig ihr linkes Knie. Barbara gab vor, dies nicht bemerkt zu haben, und konzentrierte sich auf den jungen Mann, der seine Hände auf seine Oberschenkel legte und sich vorbeugte, um ihr anzuvertrauen: „Ich studiere Wirtschaftswissenschaften und weiß daher sehr gut, was du meinst.“

„Tatsächlich?“

Seine Mundwinkel kräuselten sich. „Bereits im ersten Semester kommen einige der Studenten in Anzug und mit Aktenkoffern bewaffnet zur Vorlesung. Das sagt doch alles.“

Auch Barbaras Mundwinkel kräuselten sich. Tatsächlich klang das genau wie die Beschreibung, die auch ihr Bruder Patrick in seinen letzten Semesterferien daheim von sich gegeben hatte, da auch er ein Wirtschaftsstudium absolvierte.

„Und so bist du nicht?“, neckte sie James und hatte bereits vergessen, dass sie ihn seit nicht einmal einer Stunde kannte.

„Ha!“ James rümpfte die Nase. „Natürlich nicht! Ich spiele nicht einmal Golf.“

„Ach so.“ Vergnügt kicherte Barbara auf und schlug die Beine übereinander. „Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt: ein Wirtschaftsstudent, der kein Golf spielt?“

James fuhr sich durch sein Haar. „Vermutlich werde ich deshalb auch durchfallen.“

„Dabei dachte ich, dass du durchfallen würdest, weil du die Eingangstür des Gebäudes unwiderruflich zerstört hast“, feixte Barbara, die sich von Sekunde zu Sekunde gelöster in seiner Gegenwart fühlte.

„Wenn mich mein Professor hinausschmeißt, werde ich mir ein anderes Fach suchen müssen.“ Seine nachdenkliche Miene kaufte Barbara ihm nicht eine Sekunde lang ab.

„Das da wäre?“

„Ich weiß nicht.“ Für einen kurzen Moment hob er seine Hände hoch. „Psychologie soll ganz interessant sein. Außerdem habe ich gehört, dass es gerade in diesem Fach Studentinnen geben soll, die sich ständig auf dem Campus verlaufen und Unterstützung brauchen.“

Barbara schnitt eine Grimasse. „Solltest du tatsächlich von der Uni fliegen, gibt es immer noch ein Clownscollege, das dich mit Kusshand aufnehmen würde.“

Sein Lachen schaffte es ein weiteres Mal, dass ihr ganz warm wurde und ihre Wangen zu brennen begannen.

„Mein Dad wäre hocherfreut, wenn ich später einmal meine Brötchen damit verdienen würde, auf Kindergeburtstagen Ballonfiguren zu basteln.“

„Ballonfiguren sind eine völlig zu Unrecht unterschätzte Kunstform“, wies Barbara ihn hin. „Dein Dad wäre bestimmt begeistert.“

Sein Seufzen klang schwer. „Leider ist mein Dad ein Kunstbanause.“

„Schade.“ Auch Barbara seufzte enttäuscht auf. „Da ich noch nicht weiß, wie mein Studium laufen wird, wäre dies die perfekte Alternative gewesen. Wir beide hätten als Clownsduo auftreten können.“

Ihr Gegenüber prustete vergnügt. „Das wäre natürlich die Idee schlechthin gewesen, aber was würde dein Dad dazu sagen, wenn du dein Studium an einer Eliteuniversität schmeißt, um Clown zu werden?“

Gemütlich kuschelte sich Barbara in ihren Sessel und kniff belustigt die Augen zusammen. „Also mein Dad liebt Ballonfiguren – er fände das sicherlich großartig!“

James grinste breit. „Dann sollten wir eine Abmachung treffen.“

„Eine Abmachung?“

Mit einem Nicken griff er nach seiner Kaffeetasse und hielt sie ihr diese zum Anstoßen hin. „Wenn du dein Studium schmeißt und ich von der Uni fliege, gehen wir zusammen zum Clownscollege und treten als Duo auf Kindergeburtstagen auf.“

Das war so albern, dass es schon wieder liebenswert war.

Barbara hatte selten ein so übersprudelndes Lachen von sich gegeben wie jetzt, als auch sie nach ihrer Tasse griff und mit James auf diese haarsträubende Geschichte anstieß.

 

 

 

 

2. Kapitel

 

 

James Campbell betrat sein Verbindungshaus und war nicht überrascht, ein paar seiner Verbindungsbrüder im geräumigen Wohnzimmer des Hauses vorzufinden, die damit beschäftigt waren, auf einer Spielkonsole irgendein Ballerspiel in dröhnender Lautstärke zu zocken und sich dabei gegenseitig anzufeuern.

Er legte seine Laptoptasche auf einem freien Stuhl ab und schlenderte neugierig auf die Couch zu, auf der zwei seiner Kumpels saßen und sich darum bemühten, den anderen abzuschlachten, während fünf andere um sie herumsaßen oder hinter der Couch standen und das Spiel beobachteten, das ihnen geboten wurde.

Mit vor der Brust verschränkten Armen sah sich James das ganze Spektakel an und erwiderte die Grüße seiner Kumpels mit einem knappen Nicken. Obwohl er nicht die Hausmutter herauskehren wollte, sank seine Laune angesichts der haarsträubenden Unordnung in dem riesigen Wohnzimmer der altehrwürdigen Unterkunft ihrer Studentenverbindung, die seit der Errichtung der Universität im Jahre 1891 hier ihren Sitz hatte. Das frei stehende Haus mit den hohen Decken, dem edlen Holzfußboden und der langjährigen Tradition, die Mitglieder von Alpha Phi zu beherbergen, würde bald kernsaniert werden müssen, wenn seine jetzigen Bewohner nicht etwas pfleglicher damit umgingen. Erst vor zwei Wochen hatte es eine Versammlung zu genau diesem Thema gegeben, da das Verbindungshaus mit der alten Steinfassade zunehmend zugemüllt wurde und ständig Reparaturen fällig wurden, die leider auf das Konto der feierwütigen Mitglieder gingen.

Sogar James’ Dad, der während seiner Studienzeit Verbindungsmitglied bei Alpha Phi gewesen war, hatte James bei ihrem letzten Telefonat darauf angesprochen, dass sich die Ehemaligen Sorgen um das Traditionshaus machten.

Verbindungsmitglied bei einer derart elitären Studentenverbindung wie Alpha Phi zu sein, besaß nicht nur seine Vorteile, sondern brachte auch Pflichten mit sich – das hatte sein Dad mehrmals betont, während er seinem Sohn ans Herz gelegt hatte, Acht darauf zu geben, dass seine Kameraden und er das Haus nicht völlig auseinandernahmen. Seither verfinsterte sich James’ Miene, wann immer er das Haus betrat, verdrecktes Geschirr in der Spüle, volle Mülleimer oder abgerissene Türknäufe entdeckte. Leider hinterließen die Partys der letzten Zeit ihre Spuren.

Auch jetzt sah das Wohnzimmer aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen, da sich Pizzaschachteln, Flaschen und allerlei Krempel auf Couchtischen, Kommoden und dem Boden stapelten. Obwohl James nicht übermäßig pingelig war und sich selbst keinen Sauberkeitsfanatiker schimpfte, begann es ihn zu stören, dass das Haus ständig wie ein Schweinestall aussah. Er war erst vor wenigen Monaten in das Verbindungshaus gezogen, nachdem er erfolgreich bei Alpha Phi aufgenommen worden war, aber manchmal sehnte er sich nach seinem ruhigen Zimmer im Studentenwohnheim zurück.

„Hey, Mann! Hast du Lust, eine Runde zu zocken, Campbell? Ich habe gleich ein Date und könnte dir meinen Platz an der Spielkonsole anbieten.“

James verzog den Mund und betrachtete seinen Verbindungsbruder Tobey, der in Jogginghosen und mit einem allzu deutlichen Bartschatten auf der Couch lümmelte und wie ein Geisteskranker in den überdimensionalen Fernseher starrte, während er den Controller in seinen Händen bediente.

„Ein Date?“, fragte er daher misstrauisch und lehnte mit der Hüfte gegen eine Kommode, die ebenfalls von Müll bevölkert wurde. „Wenn es nicht ein Date mit einem Polizeipsychologen ist, solltest du vielleicht duschen gehen. Du stinkst nämlich erbärmlich.“

Einer der Jungs, die hinter der Couch standen, kicherte schadenfroh: „Mal im Ernst, Tobey, wenn du bei Hailey landen willst, dann solltest du wirklich duschen gehen.“

„Ja, Alter, du stinkst wie ein halb verwester Büffelkadaver.“

Auch wenn sich James sicher war, dass niemand der Anwesenden wusste, wie ein halb verwester Büffelkadaver roch, hielt er die Klappe, um die Diskussion über die Körperhygiene seines Verbindungsbruders nicht auszuweiten. Stattdessen hakte er lahm nach: „Hailey? Ich dachte, du hättest mit der Kleinen aus deinem Philosophiekurs etwas am Laufen? Wie hieß sie noch einmal?“

„Annie.“ Tobey grinste zweideutig, hörte gleichzeitig jedoch nicht auf, sein Ballerspiel zu spielen. „Mit Annie ist Schluss.“

Irritiert schob James das Kinn nach vorne. „Seit wann?“

„Seit ihrem letzten Date“, informierte Tobeys Spielgegner Chris. „Tobey und sie haben es am Sonntag in seinem Auto getan.“

Naserümpfend ächzte James: „Warst du anwesend oder warum bist du so gut informiert, Chris?“

Der dunkelhaarige Chris antwortete nicht, dafür ließ sich Tobey vernehmen, der zu Semesterbeginn geschworen hatte, die meisten Erstsemester flachzulegen: „Nur kein Neid, James. Du kannst immer noch in unsere Wette einsteigen.“

„Nein, danke.“ Abfällig runzelte er die Stirn und würde einen Teufel tun, um an dieser schwachsinnigen Wette teilzunehmen, die sich darum drehte, wer mit wie vielen Studentinnen schlief. Normalerweise war er für die meisten Späße zu haben, beteiligte sich an Saufspielen oder Wetten und hatte am Ende des letzten Semesters seine Wettschulden eingelöst, indem er eine riesige Lieferung Pizzen bei einer weiblichen Studentenverbindung abgeliefert hatte und dabei nur seine Schuhe getragen hatte.

Wetten waren schön und gut, aber mit möglichst vielen Studentinnen zu schlafen, um ein Sixpack Bier zu gewinnen, ging ihm dann doch zu weit.

Tobey zuckte mit der Schulter. „Wenn du meinst ... Es sind ein paar heiße Feger unter den Frischlingen.“

„Und deshalb machst du mit Annie Schluss?“

Sein Kumpel stöhnte und nagte konzentriert auf seiner Unterlippe herum. „Nichts für ungut. Sie ist ein nettes Mädchen und so, aber ich habe eine Wette am Laufen.“

„Na dann“, erwiderte James ironisch und wollte nach seiner Laptoptasche greifen, als Chris wie nebenbei nachhakte: „Was ist eigentlich mit dir, James? Nach Eve hattest du keine Dates mehr, oder?“

Nicht gerade begeistert darüber, dass Chris ausgerechnet auf dieses Thema zu sprechen kam, schulterte er seine Tasche und erwiderte gespielt milde: „Nein, nach Eve hatte ich keine Dates mehr.“

„Vielleicht ist das dein Problem“, mutmaßte Tobey. „Du hättest nach diesem Flittchen gleich wieder in den Sattel steigen und dir jemand anderen suchen sollen, um die Sau rauszulassen.“

„Herzlichen Dank für deinen vielschichtigen Rat.“ James nickte übertrieben dankbar. „Ich werde jetzt in mein Zimmer gehen. Könntet ihr den Sauhaufen aufräumen, wenn ihr fertig seid?“

Leider verstand Tobey den Wink mit dem Zaunpfahl nicht. „Habe ich dir nicht von Anfang an gesagt, dass Eve eine Schlampe war?“

„Du hast gesagt, dass sie scharf sei und ich mit ihr schlafen solle“, rief James ihm in Erinnerung und schob einen Stapel Pizzaschachteln neben die Kommode. „Macht den Schweinestall sauber, bevor wir den Kammerjäger rufen müssen.“

Das Gelächter seiner Kumpels ignorierend verließ er das Wohnzimmer und stieg anschließend die Treppen hinauf, die unter seinen Füßen knarrten. Während James über einen vollen Korb dreckiger Wäsche stieg, fragte er sich, weshalb die meisten Studenten derart erpicht darauf waren, Mitglied einer Studentenverbindung zu werden, immerhin konnte man Pech haben und in einem wahren Schweinestall landen, in dem nicht nur die Vandalen zu hausen schienen, sondern in dem man ständig auf sein vermasseltes Liebesleben angesprochen wurde.

In der ersten Etage angekommen, wo er sein Zimmer hatte, begegnete ihm ein weiterer Verbindungsbruder, der nur in Boxershorts bekleidet über den Gang schlich und dabei lauthals in sein Handy sprach, bevor James an der offenen Tür zu einem anderen Zimmer vorbeikam, aus dem Heavy-Metal-Musik dröhnte.

Genervt verschwand er in seinem Zimmer und schlug allzu heftig die Tür hinter sich zu.