Nur ein Hörfehler: Krimi - Horst Bieber - E-Book

Nur ein Hörfehler: Krimi E-Book

Horst Bieber

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Beschreibung

Der Umfang dieses Ebook entspricht 288 Taschenbuchseiten. Spaziergänger finden am 1.Mai in einem Ausflugsgebiet die nackte Leiche einer jungen Frau. Doch identifiziert wird sie erst, als das Auto der Ermordeten einige Monate später in der Eifel in einem vollgelaufenen Steinbruch gefunden wird. Doch so lange kann man sich in der Bundesrepublik unserer Tage nicht nur mit einem Fall beschäftigen. Caro Heynen, die zuständige Beamtin muss sich auf Anweisung ihres vorgesetzten Staatsanwalts noch um einen weiteren dringenden Mordfall kümmern – ein Geldverleiher und Hehler ist erschlagen und beraubt worden! Und als sie in der Oper einen faszinierenden Mann kennen lernt, ist sie privat abgelenkt. Erst sehr spät, vielleicht aber noch rechtzeitig, durchschaut sie, was alle sorgfältig vor ihr verbergen wollen: DAS BEIDE FÄLLE ZUSAMMENHÄNGEN. Und auch die Landespolitik und ein spielsüchtiger Strafverteidiger machen ihr das Leben schwer. Doch auch Caro Heynen verhält sich nicht korrekt…

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Seitenzahl: 297

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Horst Bieber

Nur ein Hörfehler: Krimi

Cassiopeiapress Thriller/ Edition Bärenklau

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

NUR EIN HÖRFEHLER

Kriminalroman von Horst Bieber

 

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

[email protected]

 

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

© Nur ein Hörfehler by Horst Bieber und Edition Bärenklau 2015

© Cover: Steve Mayer/ S.Trebizan/ A.Yakimova/ 123RF

 

Der Umfang dieses Ebook entspricht 288 Taschenbuchseiten.

 

Spaziergänger finden am 1.Mai in einem Ausflugsgebiet die nackte Leiche einer jungen Frau.

Doch identifiziert wird sie erst, als das Auto der Ermordeten einige Monate später in der Eifel in einem vollgelaufenen Steinbruch gefunden wird.

Doch so lange kann man sich in der Bundesrepublik unserer Tage nicht nur mit einem Fall beschäftigen.

Caro Heynen, die zuständige Beamtin muss sich auf Anweisung ihres vorgesetzten Staatsanwalts noch um einen weiteren dringenden Mordfall kümmern – ein Geldverleiher und Hehler ist erschlagen und beraubt worden!

Und als sie in der Oper einen faszinierenden Mann kennen lernt, ist sie privat abgelenkt.

Erst sehr spät, vielleicht aber noch rechtzeitig, durchschaut sie, was alle sorgfältig vor ihr verbergen wollen: DAS BEIDE FÄLLE ZUSAMMENHÄNGEN.

Und auch die Landespolitik und ein spielsüchtiger Strafverteidiger machen ihr das Leben schwer.

Doch auch Caro Heynen verhält sich nicht korrekt…

 

 

Personen

Ariane Buchwald stirbt mit 22 Jahren wegen eines Hörfehlers.

Laura Buchwald Arianes Schwester, schweigt lieber und erbt.

Günter Pollock Pollo genannt, neigt zu Gewalttätigkeit und falschen Freunden.

Hubert Schmolke gelernter Schlosser, der seine unbestrittenen Fähigkeiten eindeutig illegal einsetzt.

Dr. Andreas Junker Rechtsanwalt mit einem Hang zu Glücksspielen und Blondinen.

Dr. Christian Wunderlich Jurist und Staatssekretär, wird von einer ungeliebten Ehefrau befreit.

Ina Wunderlich liebt die Männer, aber nicht unbedingt ihren Ehemann.

Martina Dietze blonde Sexbombe, geldgierig, kennt keine Skrupel, auch keine alte Liebe.

Emil Attinghaus verleiht illegal Geld, betätigt sich auch schon mal als Hehler.

Caroline (Caro) Heynen Kriminalhauptkommissarin.

Jan Riedel Kriminalkommissar.

Ellen König Kommissarsanwärterin.

 

Alle Namen, Taten, Ereignisse und Organisationen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

 

 

Freitag, 29. April

Als das Telefon klingelte, hob Junker ärgerlich ab: "Ich hatte doch gesagt, keine Gespräche in der nächsten halben Stunde."

"Entschuldigung, Herr Dr. Junker, der Anrufer macht es schrecklich dringend. Ein Herr Attinghaus, der behauptet, Sie würden ihn kennen und ganz sicher mit ihm sprechen wollen."

Junker holte tief Luft und hatte Mühe, vor seiner Mandantin seinen Schrecken zu verbergen. "Na schön, verbinden Sie."

"Junker."

"Attinghaus. Guten Tag, Herr Rechtsanwalt."

"Guten Tag, es tut mir leid, Herr Attinghaus, ich habe im Moment eine Besprechung. Kann ich Sie später zurückrufen?"

"Das ist gar nicht nötig, vielen Dank. Ich wollte Ihnen nur einen Satz sagen: Vergessen Sie nicht, morgen ist Zahltag." Damit legte er auf und Junker hätte am liebsten den unschuldigen Telefonapparat zertrümmert.

"Ärger?" Seine Besucherin betrachtete ihn mitfühlend.

"Ja, schon, aber der hält sich im Rahmen des Üblichen. Na, dann wollen wir mal wieder, Frau Dorffner. Sie sind sicher, dass Sie auf den Brief sofort geantwortet haben ...?"

Es fiel ihm schwer, sich wieder auf die Unterhaltung zu konzentrieren, und zum Schluss versprach er, gleich morgen einen bösen Brief an die Versicherung zu schreiben. "Nein, so geht das nun wirklich nicht. Aber Sie wissen ja, wie das mit Versicherungen ist, fix beim Kassieren, Verstopfung beim Auszahlen."

Sie bedankte sich herzlich und wusste gar nicht, wie erleichtert Junker war, als sie endlich zur Tür ging. Katrin Dorffner verabschiedete sich sehr freundlich von der Sekretärin. Ob dieses perfekte Geschöpf auch für seinen Chef schwärmte? Wenn man so gut und sportlich aussah wie Junker und auch so erfolgreich war, ließen sich Komplikationen mit Frauen, respektive deren Ehemännern, Freunden, Brüdern oder so wohl gar nicht vermeiden.

Zurzeit hatte Junker freilich ganz andere Sorgen: Zahltag. Emil Attinghaus besaß von ihm einen Schuldschein über Euro 250 000, fällig morgen, 30. April, bis 18 Uhr. Ob Emil damit zum Staatsanwalt laufen würde, wenn Junker nicht zahlte - denn im Moment hätte er höchstens zweitausend Euro zusammenkratzen können - bezweifelte der Anwalt. Attinghaus war ein gerissener Hund, der genau wusste, dass er ein illegales Geldgeschäft betrieb, aber dem eben auch klar war: Der Anwalt Dr. Andreas Junker musste unbedingt verhindern, dass bekannt wurde, er habe sich solche Summen bei einem illegalen Geldverleiher besorgt. "Wofür denn, Herr Dr. Junker?" Er konnte sich den süffisant-näselnden Ton des Vorsitzenden der Ehrenkammer genau vorstellen. Sie kannten sich und konnten sich von Herzen nicht leiden. "Ich will Ihnen nicht verheimlichen, dass wir einen anonymen Brief bekommen haben, in dem es heißt, Sie seien spielsüchtig und hätten sich auch schon an Mandantengeldern vergriffen. Sie verstehen, wir müssen solchen Vorwürfen um des guten Rufes der Anwaltschaft willen gründlich nachgehen. Stimmt es, dass Sie im Spielcasino Kattenburg bereits Hausverbot haben? Stimmt es ferner, dass Sie im vorigen Jahr ein Ihnen gehörendes Grundstück weit unter Wert verkauft haben, nur um rechtzeitig einen Schuldschein beim sogenannten Kartenkönig Konrad Kochta auszulösen? Stimmt es, dass Ihre Bank Ihnen bereits gedroht hat, Ihr Girokonto aufzulösen?"

Vor einer Woche hatte er beim Gedanken an den näher rückenden Zahltermin Panik bekommen und Martina angerufen. Die blonde Martina Dietze war die Geliebte des 40 Jahre älteren Emil Attinghaus. Junker hatte sie im Spielcasino Kattenburg kennengelernt. Sie standen nebeneinander am Würfeltisch und Junker spürte, dass sie es darauf anlegte, mit ihm Körperkontakt zu behalten. Was nicht unangenehm war, die Blondine war äußerst ansehnlich, was Gesicht und Figur betraf, sie roch sehr gut nach einem frischen Parfüm und vor allem schien sie ausgesprochen willig zu sein. Um es nicht mit dem hässlichen Wort zu sagen: Geil. Immer, wenn er für einen Wurf Zentimeter zur Seite rückte, folgte sie ihm, bis sich ihre Hüften wieder berührten. Zum Schluss spielten sie gegeneinander; er gewann eine bescheidene Summe und lud sie an die Bar ein. Auch auf dem Barhocker spürte er den Druck ihres Knies, der sich immer verstärkte, wenn sie sich vorbeugte und er ihr tief in den beachtlichen Ausschnitt sehen konnte. Und dann schlug sie vor: "Hast du noch Durst auf einen guten Wein?" Das Duzen kam sehr unerwartet, aber gleichzeitig legte sie ihre Hand auf seinen Unterarm und er ließ sich den verheißungsvollen Druck gerne gefallen.

"Aber ja."

"Dann lass uns gehen, ich kenne einen Ort, an dem wir angenehmer sitzen."

Sie verließen das Burghotel neben dem Spielcasino und bummelten die "Lange Rampe" hinunter, auf der früher mal von Gespannen Munitionswagen, Geschütze oder Waffen in das Arsenal befördert worden waren. Erst mit der Gründung des Reiches wurde 1871 das befestigte Zeughaus der Herzöge aufgelöst. Zwischen dem Anfang der Rampe und der Marktstraße des Städtchens Kattenburg war ein kleines modernes Hotel entstanden, Zum Arsenal, das Martina zielstrebig ansteuerte; man schien sie dort gut zu kennen; sie bekamen ein neu und sachlich-bequem eingerichtetes Zimmer, der Zimmerservice brachte umgehend den gewünschten Wein, wobei er freundlich-höflich grüßte, und nach dem ersten Schluck stellte sie sich vor ihn: "Wehe, du machst den Reißverschluss kaputt!" Er bekam das lange Teil geöffnet, ohne Schaden anzurichten und sie zog sich aus. Die Nacht verlief stürmisch und hitzig, erst nach dem Frühstück kamen sie dazu, miteinander zu reden, wobei ihn ihre schonungslose Offenheit verblüffte.

Martina Dietze war 35 Jahre alt und nicht ganz freiwillig die Geliebte des Geldverleihers Emil Attinghaus geworden. Gelernt hatte sie in einer Bank und dann einmal, als sie umziehen musste, in die Kasse gegriffen. Doch der Tag der Revision rückte näher, ihr Freund war wie immer voller Liebe, aber knapp bei Kasse, und sie hatte sich dem Bankkunden Emil Attinghaus anvertraut, der die junge, blonde Verführung auf zwei langen Beinen schon lange mit hungrigen Augen bewundert hatte. Er gab ihr das Geld und sie wurde seine Geliebte.

"Es ist nicht so unangenehm, wie du vielleicht denkst, Andy. Seine Wünsche sind mittlerweile um ein Vielfaches größer als seine Leistungsfähigkeit; oft läuft es auf eine Art Peepshow hinaus oder er fasst mich an. Damit kann ich gut leben, nur manchmal habe ich ein Bedürfnis nach einem richtig starken Mann im Bett - schlimm?"

"Aber nein. Was sagt er dann dazu, wenn du so wie heute einfach eine Nacht wegbleibst?"

"Nichts, solange ich zu ihm zurückkehre. Er hat mich sogar zu seiner Alleinerbin eingesetzt, allerdings unter der Bedingung, dass ich bis zu seinem Tode bei ihm bleibe."

In dem Moment kam eine junge, energische Frau an ihrem Tisch vorbei: "Hei, Martina."

"Hallo, Betty."

Die junge Frau musterte Junker einen Moment scharf, lächelte dann freundlich und machte keine Anstalten, mit ihm ein Gespräch zu beginnen.

"Wer war das?", erkundigte er sich halblaut.

"Das ist Betty Hollfer. Ihr und ihrem Bruder Bernie gehört das Hotel."

"Du bist nicht zum ersten Mal hier?"

"Nein. Du bist auch nicht der erste Mann, mit dem ich hier eine Nacht verbracht habe." Nach einer Weile fuhr sie unsicher fort: "Bist du jetzt beleidigt?"

"Nein", sagte er und meinte es ehrlich.

"Das ist gut. Weißt du, Emil hat den Geschwistern viel Geld für den Bau des Hotels geliehen. Er ist jetzt stiller Teilhaber."

Junker wusste, dass viele Besucher, Touristen zumal, hier übernachteten. Zwei Geh-Minuten vom Hoteleingang lag der Kattenburger Markt mit der Haltestelle des Schnellbusses zur Stadtmitte. Etwa vier Minuten lief man zum Anleger der Fähre Kattenburg - Tellheimer Hafen. Nach den Gästen im Frühstücksraum zu schließen, war das Hotel mit Touristen und Geschäftsreisenden gut belegt. Es gab schlechtere Geldanlagen, dachte Junker anerkennend.

Am nächsten Abend kam sie unaufgefordert in Junkers Haus in der Lortzingstraße, und er beichtete ihr am nächsten Morgen seine stetig wachsenden Geldsorgen.

"Du bist schon länger ein Spieler, wie?"

"Ja, leider." Die Sucht war langsam gewachsen, viele Monate hatte er geglaubt, er könne jederzeit aufhören. Dann hatte er es einmal versucht und halb entsetzt, halb erstaunt festgestellt, dass es nicht mehr ging. Er musste spielen.

"Und wie hoch sind deine Schulden?

"Etwa 180 000 Euro. Die Schulden sind schon arg, aber schlimmer ist, dass ich mich an Mandantengeldern vergriffen habe, um Kochtas Schlägern zu entgehen, und wenn das rauskommt ..." Sie verschloss ihm den Mund, bevor er weiterreden konnte.

"Emil verleiht Geld."

"Zu Wucherzinsen, was?"

"Natürlich sind sie höher als bei deiner Bank, aber dafür verlangt er keine Sicherheiten."

Also war er trotz aller seiner Bedenken nach Werlebach in den Erlenweg 34 gefahren. Es lief alles ziemlich geschäftsmäßig ab. Attinghaus, ein weißhaariger, hagerer Mann mit scharfen Augen, erwähnte mit keiner Silbe, dass Junker und Martina miteinander schliefen, verlangte keine Erklärungen, er drohte auch nicht und bot Junker an, ihm 220 Mille unter der Bedingung zu leihen, dass Junker am 30. April bis 18 Uhr in bar 250 000 Euro in diesem Büro zurückzahlte. "Neue Kredite grundsätzlich nur, wenn die alten auf Heller und Cent zurückgezahlt sind, Herr Dr. Junker."

"Eine mögliche Fristverlängerung?"

"Ausgeschlossen."

Junker hatte akzeptiert und einen entsprechenden Schuldschein unterschrieben.

Seine guten Vorsätze hielten nicht lange vor. Sobald er das Konto seines Mandanten ausgeglichen hatte, packte ihn die alte Leidenschaft wieder. Er verbrachte wieder ganze Nächte im Casino Kattenburg oder immer häufiger auch in einem obskuren Automaten-Spielsalon an der Lämmerweide. Ein Rest von Verstand sorgte dafür, dass er nicht pokerte und dass er seine Arbeit in der Kanzlei nicht vollständig vernachlässigte, sogar mehrere glänzende Auftritte vor einer Großen Strafkammer des Landgerichts hatte, aber wie verhext auf die Uhr schauen musste, wenn er am Schreibtisch saß, Briefe auf Band diktierte oder Akten las. Punkt 18 Uhr ließ er alles stehen und liegen und stürzte sich in seine Spielleidenschaft. Zu seinem Pech hatte er zu Beginn dieser Phase mehrere Glückssträhnen und meinte wie viele unheilbare Spieler, ihm könne nun nichts mehr passieren - bis die Glückssträhnen abrissen und er am Black-Jack-Tisch so hohe Summen verlor, dass selbst die Bankhalterin ihm riet, er möge für heute aufhören. Junker, der es erzwingen wollte, verlor die Nerven und begann die junge Frau so heftig und so unflätig zu beschimpfen, dass die Saal-Aufsicht eingriff. Weil er sich weigerte, eine Entschuldigung auszusprechen, erhielt er Hausverbot im Casino Kattenburg.

Martina kam noch oft abends und verbrachte viele Nächte mit ihm. Einmal fragte er sie, ob er zurzeit der einzige Mann neben Emil sei; sie legte ihn einen Finger vor die Lippen und riet ihm, nicht zu neugierig zu sein, es könne ihm schlecht bekommen. "Ich frage dich ja auch nicht, ob ich die einzige Frau bin, mit der du schläfst." Ihre Auskunft gefiel ihm ganz und gar nicht, aber ihm wurde bald klar, dass Martina schon zur Zeit, als sie noch in der Bank arbeitete, viele "Freunde" gehabt hatte, die nicht alle einem bürgerlich-reputierlichen Beruf nachgingen. Manchmal trafen Martina und er sich in einem Spielsalon oder einem zweifelhaften Etablissement des Kartenkönigs. Martina Dietze spielte auch, insofern war sie schlecht für Junker, vor allem deswegen, weil sie riesige Verluste klaglos wegstecken konnte, Emil zahlte alles, ohne ihr etwas vorzuwerfen. Aber Junker fiel auf, dass ihr wohl doch diese brennende Leidenschaft fehlte, die ihn antrieb und ruinierte. Dann registrierte er, dass sie zwar oft mit ihm wild und leidenschaftlich schlief, aber vorher sehr viel Wert auf Zärtlichkeit und ausgedehnte Vorspiele legte. Sie nannte das "kultiviertes Bummsen". Zockte sie nur aus Langeweile und drückte sie sich durch fremde Betten, weil sie in Wahrheit eine feste Bindung suchte und sich von Attinghaus trennen wollte? In einer ermüdenden Verhandlung vor dem Landgericht dachte er nach und hatte plötzlich einen hässlichen Verdacht. Spielte Martina gar nicht aus eigenem Antrieb, sondern suchte sie im Auftrag ihres Geliebten Emil Attinghaus nach Kandidaten, die bald dringend Geld für ihre Schulden brauchen würden?

Trotz dieses scheußlichen Verdachts, den er vor ihr nicht auszusprechen wagte, freute er sich auf ihr abendliches Kommen. Sex mit ihr blieb aufregend und abwechslungsreich. Neben seiner Spielsucht glaubte er manchmal, in eine sexuelle Abhängigkeit zu geraten, die ihn verblüffte. Andere Freundinnen interessierten ihn kaum noch, im Moment schien nur noch die blonde Martina Dietze zu existieren. Gut, sie war etwas ordinär, Junker hätte sie nicht überall vorführen mögen, aber dafür lebte sie. Und wenn sie abends mit ihm Sexspielchen begann, blieb er im Haus und verballerte nicht wieder Tausender an Automaten oder Spieltischen. Sie trank auch immer weniger und wenn er nachts einmal wach lag und sie neben ihm tief schnaufte, verglich er sie mit den vielen anderen Frauen, denen er erfolgreich nachgestellt hatte. Was hatte er oft an Zeit, Geld und manchmal auch Gefühlen investiert und was hatte er dafür bekommen? Martina war - so merkwürdig das Urteil auch klingen mochte - reell, auch wenn sie seine Gedanken nicht so beschäftigte wie die ebenfalls blonde und junge Frau Staatsanwältin, die er vor kurzem kennengelernt hatte und die ihm sofort unverhüllt Avancen gemacht hatte.

Deshalb hatte er alle Bedenken über Bord geworfen und Martina zu Beginn der Woche angerufen. "Was soll ich bloß tun? Ich habe das Geld nicht. Kannst du mir helfen?"

"Ich will's versuchen, mein Schatz. Aber ich kann nichts versprechen. In Geldsachen lässt sich Emil nicht reinreden, auch von mir nicht."

Am Dienstag kam sie mit langem Gesicht zu ihm in die Villa. "Nix zu machen, Andy. Ich habe auf Granit gebissen. Vertrag sei Vertrag."

"Scheiße. Hat er was gegen mich?"

"Nicht, dass ich wüsste. Und ausgerechnet jetzt muss ich verreisen."

"Und wohin?"

"Mein Patenkind, meine Nichte, wird vier Jahre alt. Schwester und Schwager leben in Gransee."

"Wo um Himmels willen liegt denn das?"

"Einsam und nördlich von Berlin. Mittwoch nächster Woche bin ich wieder da. Mach bis dahin keine Dummheiten und toi, toi, toi für deine Auseinandersetzung mit Emil." Damit verließ sie ihn, weil sie, wie sie sagte, noch eine andere wichtige Verabredung habe, die - wie Junker vermutete - in einem Bett enden würde.

"Mit einem Mann?"

"Kann sein, Andy, aber das geht dich nichts an."

Am Freitag saß er abends zu Hause, trank Whisky und spürte, wie sich sein Magen vor Wut und Angst verkrampfte. Was war er doch für ein Idiot. Irgendwie musste er restlos den Verstand verloren haben, als er ihr verriet, dass er sich wegen seiner Schulden beim Kartenkönig an Mandantengeldern vergriffen hatte. Attinghaus war am Telefon sehr offen gewesen: "Lieber Herr Dr. Junker, damit es keine Missverständnisse zwischen uns gibt. Einen neuen Kredit gebe ich Ihnen, wie schon gesagt, überhaupt erst, wenn der alte auf Heller und Cent zurückgezahlt ist. Davon mache ich nie eine Ausnahme."

Hatte Emil von Anfang an geahnt, dass Junker nicht würde zurückzahlen können? Doch warum hatte er ihm dann 220 000 Euro geliehen? Nur um ihn zu ruinieren? Weshalb? Was hatte er Attinghaus getan? Seines Wissens war Junker Attinghaus nie begegnet, weder beruflich noch privat. Wenn er erst einmal seine Zulassung als Anwalt verloren hatte, konnte er auch gleich einen Strick nehmen. Gut, die Villa konnte nach seinem Tod verkauft oder versteigert werden, aber vom Erlös würde Attinghaus keinen Euro für sich eintreiben können. Bis Mitternacht hatte Junker eine halbe Flasche geleert und fühlte sich trotzdem noch schrecklich nüchtern und erbärmlich. Wie oft hatte er sich vorgenommen, nie mehr zu spielen, aber genauso konnte sich eine Katze vornehmen, nie mehr eine Maus zu fangen. Er hätte therapeutische Hilfe suchen sollen, aber dazu war er immer zu stolz gewesen und so dreckig wie heute war es ihm noch nie gegangen. Und schon bei dem Gedanken zwickte ihn immer die Unruhe, der Therapeut könne den Mund nicht halten und da und dort mal eine Andeutung fallen lassen, mit diesem Staranwalt Dr. Andreas Junker stehe es bei weitem nicht so glänzend, wie allgemein angenommen.

Samstag, 30. April

Den Alkohol spürte Junker erst kurz nach Mitternacht, als er aufstand, weil das Telefon hartnäckig klingelte. So ein heftiges Erdbeben hatte es in dieser Gegend noch nie gegeben. Das Haus schwankte, als wolle es jeden Moment einstürzen: Er musste sich an den Schränken und Wänden abstützen, sonst wäre er platt auf die Nase gefallen. Doch zu viel Whisky auf nüchternen Magen?

"Junker."

"Entschuldigung für die späte Störung, Herr Doktor. Aber wir brauchen dringend Ihr Hilfe."

"Wer ist denn da?"

"Erkennen Sie mich nicht mehr? Ich bin Günter Pollock oder, wie mich allen nennen, Pollo."

"Pollo, ja, ich erinnere mich. Was ist los? Und wer ist wir?

"Ich bin mit meinem alten Freund Hubert Schmolke in ein Haus eingestiegen. Und wie wir in aller Ruhe den Geldschrank aufbrechen, kommt der Hausherr reingetobt, fuchtelt mit einer Pistole herum und ballert in die Decke. Na ja, da hat Hubert die Nerven verloren und mit dem Stemmeisen zugeschlagen. Nun liegt der Knabe da und sagt keinen Mucks mehr."

"Tot?"

"Ich fürchte, ja."

"Sind Sie verrückt? Das ist Raubmord, Pollo, und bei Ihren Vorstrafen heißt das lebenslänglich und unter Umständen anschließend Sicherungsverwahrung."

"Das habe ich befürchtet, und deswegen rufe ich Sie an. Fällt Ihnen denn gar nicht was ein, um uns zu helfen? Wenn der verrückte Emil nicht geschossen hätte, wären wir doch ganz friedlich wieder abgezogen. Den Schaden hätte doch die Versicherung bezahlt."

"Emil?"

"Ja, der Tote heißt Emil Attinghaus. So 'n stinkreicher Geldverleiher in Werlebach. Der ganze Geldschrank ist voll mit Geldpäckchen und unterschriebenen Papieren - ich weiß nicht, wie man die nennt."

"Schuldscheine?"

"Nein, oben auf dem Blatt ist was anderes aufgedruckt."

"Was denn, Pollo?"

"Anerkenntnis."

"Das ist so was Ähnliches. Und was ist sonst noch in dem Geldschrank?"

"Verdammt viel Bargeld, wie der Name Geldschrank schon sagt, Schmuck, goldene Taschenuhren und zwei so winzige Bilderchen, die sehen aber nach nichts aus, der Maler nennt sich Tischbein, das ist doch bekloppt, oder?"

Junker sagte vorerst nichts, das Zimmer fuhr zwei, drei Sekunden Achterbahn und er durfte sich nichts anmerken lassen.

"Und was soll ich jetzt tun, Pollo?"

"Sie müssen uns raten, was wir machen sollen. Wenn wir schon in den Kahn müssen, dann aber doch nicht lebenslänglich. Ihnen fällt bestimmt was ein - oder?"

Pollos Vertrauen war rührend. Junker hatte den Kerl dreimal verteidigt, das erste Mal reichte es noch zu einer Bewährungsstrafe, doch der Schwachkopf von Pollo musste in der Bewährungszeit eine Frau überfallen, vergewaltigen und halb zu Tode prügeln. Natürlich fuhr er in den Knast ein, und kaum war er wieder draußen, hatte er erneut eine Frau überfallen, schwer verletzt und beraubt. Wenn er jetzt an einem Raubmord beteiligt war, konnte Junker ihm nicht viel helfen. Aber er stand mit seinem Kumpan vor dem offenen Tresor in Attinghausens Büro. Ohne den Whisky und die lange düstere Grübelei hätte Junker vielleicht anders reagiert, aber jetzt flüsterte ihm eine Mischung aus Alkohol und Versuchung eine Lösung zu: "Packt alles ein, was in dem Tresor liegt, und kommt zu mir. Aber auch wirklich alles mitnehmen, Pollo, es darf nichts zurückbleiben, kein Fitzelchen Papier, kein Stück Schmuck oder so. Und auf der Fahrt denkst du daran, dass der Inhalt des Tresors so gut wie ein schriftliches Geständnis ist, wenn die Polente euch anhält und filzt."

"Alles klar." Bei Pollo war immer alles klar, bis zu dem Moment, an dem hinter ihm die Zellentür verriegelt wurde. "Wohin sollen wir kommen, Herr Doktor?"

"Lortzingstraße 90. Weißt du, wo das ist?"

"Na klar doch, die geht vom Weberplatz ab, nicht wahr?"

"Ja. Macht bloß keine Dummheiten unterwegs, dann kann ich euch auch nicht mehr helfen."

Als erstes stellte er die Whiskyflasche in den Schrank zurück, trank größere Mengen Mineralwasser, schluckte zwei Tabletten und kochte eine große Thermoskanne Kaffee. Richtig nüchtern wurde er nicht, aber die schlimmsten Alkoholnebel verflüchtigten sich.

Pollo und sein Kumpel erschienen vierzig Minuten später und klingelten ordentlich an der Tür. Als Junker öffnete, stöhnte Pollo: "Gott sei Dank, dass wir Sie erreicht haben, Herr Doktor."

Pollo war ein großer, breitschultriger, muskulöser Mann mit einem ansprechenden, heiteren Gesicht. Wenn er seine langen brünetten Haare zurückstrich, sah er irgendwie kühn, unternehmungslustig und auch kampfbereit aus, aber nicht brutal. Die Frauen mochten ihn, und Junker hatte nie verstanden, warum Pollo es nötig gehabt hatte, eine Frau zu vergewaltigen. Erst recht nicht seine langjährige, treue Freundin Jutta Kemmerling, die er seit seiner Kindheit kannte; sie war ein Nachbarskind aus dem winzigen Eifeldorf Sammerrath, in dem Pollo aufgewachsen war.

Schmolke wirkte neben Pollo wie ein Lehrer, kleiner, etwas rundlich und merkwürdig gemütlich, aber auch sehr sympathisch, überhaupt nicht gewalttätig. Allerdings machte er auf Junker den Eindruck, etwas unbedarft zu sein. Pollo stellte eine Reisetasche ab: "Das ist alles, was im Tresor gelegen hat."

Junker öffnete gespannt. Oben auf lagen zwei dünne Mappen mit Schuldscheinen, darunter mehrere Leinenbeutel mit Wertsachen, Ringen, Edelstein-Anhängern, Uhren, Halsketten und Armbändern, auch ein Beutel mit ungefassten, ungeschliffenen Edelsteinen, und sorgfältig verpackt zwei Miniaturen. Ganz nach unten hatten Pollo und Schmolke das Bargeld gepackt, Junker schätzte, dass es sich um mehrere zehntausend Euro handelte. "Das könnt ihr mitnehmen, das kann man nicht identifizieren, die anderen Sachen lege ich vorerst in meinen Safe."

Schmolke brummte unzufrieden: "Warum, Herr Doktor?"

"Wenn ihr damit erwischt werdet, weiß die Kripo doch sofort, woher es stammt. Fährt hin und findet den erschlagenen Attinghaus."

Pollo und Schmolke nickten, Junker holte tief Luft: "So, und ihr Helden fahrt jetzt in meine Jagdhütte, die liegt in den Lantener Bergen oberhalb von Latschenreuther; das ehemalige Försterhaus direkt am alten Stickeler Steinbruch. Ich würde euch hinbringen, aber ich habe dummerweise zu viel getrunken und könnte auffallen."

"Keine Sorge, die Bude finden wir schon", beruhigte Schmolke. "Ich kenne mich in der Gegend ganz gut aus."

"In der Hütte müsst ihr euch ein paar Tage ruhig verstecken. Nicht draußen herumlaufen, nicht telefonieren, kein Geld im Dorf ausgeben, und vor allem nicht so saufen, dass ihr auffallt. Habt ihr ein Handy?"

Schmolke hob die Hand: "Ja."

"Ausschalten! Ihr wisst ja, dass man Handys orten kann." Jetzt nickte Pollo. Er war gelernter Elektriker, hatte in der Bundeswehr bei den Fernmeldern gedient und kannte sich mit solchen Sachen aus. "Ich komme so bald wie möglich vorbei, aber das kann doch ein paar Tage dauern, ich muss einiges vorbereiten und mit der Staatsanwaltschaft aushandeln. (Vielleicht half ihm die schwärmerische Antonia mit den großen braunen Augen). Wenn ihr bis dahin ungeduldig werdet, besteht Gefahr, dass euch die Bullen ganz schnell schnappen. So, meine Herren, Abmarsch und viel Vergnügen in der frischen Waldluft."

"Wie kommen wir rein?"

"Durch die Seitentür. Das Schloss ist für Fachleute, wie ihr es seid, kein Problem. Stellt den Wagen in die Garage, die ist offen und leer. Sobald das Wetter besser wird, gibt es dort nämlich Spaziergänger und im Steinbruch Fossiliensammler."

"Vielen Dank, Herr Doktor", Pollo war schon wieder ganz aufgekratzt, Schmolke musterte Junker eher nachdenklich und eine Spur misstrauisch, sagte aber nichts. Er schien sehr viel vorsichtiger zu sein als der fast schon naive, zu vertrauensselige Pollo und wälzte offenbar so seine Gedanken, wieso ein Rechtsanwalt sich so weit zum Komplizen zweier Raubmörder machte, auch wenn einer sein Mandant war. Aber beide zogen ohne Lärm ab und als sich das Motorengeräusch entfernte, setzte sich Junker an den Tisch und begann die Stapel von Schuldscheinen mit zitternden Fingern durchzublättern.

Attinghaus hatte viele und große Kredite vergeben. Junker staunte, wer alles bei dem Alten in der Kreide stand. Da war er ja schon: Sein Anerkenntnis über 250 000 Euro. Junker fiel solch ein Stein vom Herzen, dass er glaubte, es müsse im ganzen Haus dröhnen. Schwindelig vor Erleichterung zerriss er das Blatt in kleine Fetzen, die er in einem großen Glasaschenbecher verbrannte; die Asche spülte er in der Küche den Abguss hinunter, wischte den Aschenbecher unter fließendem Wasser sauber und trocknete ihn sorgfältig ab.

Sonntag, 1. Mai

Für den 1. Mai war es viel zu warm, so heiß, als habe sich der Hochsommer im Datum geirrt. Die Sonne brannte aus einem tiefblauen, wolkenlosen Himmel. Die Männer wischten sich den Schweiß aus dem Nacken oder schlugen nach lästigen Insekten. Verfilzte Sträucher und Büsche bildeten eine Art Mauer und umschlossen ein Rondell von knapp fünf Meter Durchmesser. Der Boden war mit braunem, vertrocknetem Laub bedeckt. Die hohen, alten Buchen warfen noch wenig Schatten, ihre Äste und Zweige schimmerten aber schon hellgrün.

Die Leiche lag auf dem Bauch, beide Beine ausgestreckt, den Kopf nach links gedreht. Im Sturz hatte sich das lange, glatte, kastanienbraune Haar wie ein Schleier über Hinterkopf und Schultern ausgebreitet. Die Frau war nackt und am ganzen Körper ohne jeden weißen Streifen gebräunt. Ein Fotograf stieg vorsichtig um sie herum und knipste pausenlos. An der schmalen Lücke im Gebüsch standen mehrere Polizeibeamte und warteten. Jenseits der winzigen Lichtung knackten Äste und raschelte Laub unter den Schritten der Männer, die in konzentrischen Kreisen den Waldboden absuchten. Niemand sprach. Die Spurensicherung hatte ihre Nummerntäfelchen aufgestellt, zwei Männer rutschten auf den Knien vorwärts und drehten sorgfältig modrige und vertrocknete Blätter um.

Caro Heynen schüttelte sich. Aus der Entfernung sah die Frau aus, als sei sie bei einem Sonnenbad eingeschlafen. Eine schöne, junge Frau mit einem beneidenswert perfekten Körper, die sich einen stillen Platz ausgesucht hatte, um allein und unbeobachtet zu sein. Ganz weit entfernt läuteten Glocken.

"Wo bleibt der Kerl bloß?"

Jan Riedel schnaubte ungeduldig. Ihn traf's immer. Die anderen Kollegen schoben eine Wochenend-Bereitschaft nach der anderen, und nix, absolut nix passierte. Wenn er an der Reihe war, kam er nicht zur Ruhe. Gestern gegen vier Uhr diese üble Kneipen-Schlägerei mit zwei Schwerverletzten, heute ein Frauen-Leichenfund.

"Vielleicht war er in der Kirche und hatte während des Gottesdienstes sein Handy ausgeschaltet."

Wenn seine Chefin so freundlich-leise und ganz ernsthaft etwas vorbrachte, musste man höllisch aufpassen. In der Regel verspottete sie ihn dann, aber ihr sanftes Gesicht mit den großen, grauen Augen und dem vollen Mund verriet nichts.

Fünf Minuten später klappte eine Autotür, sie hörten Stimmen, und dann zwängte sich der Arzt durch die Büsche.

"Hei, Caro! Jan!"

"Tach, Sven."

"Ausnahmsweise eine schöne Leiche." Er setzte seine Tasche ab und zerrte die Handschuhe heraus. "Und noch nicht verwest, keine Maden."

"Unser Sonntagsgeschenk zum Tag der Arbeit."

"Dachte ich mir's doch." Schmunzelnd zog er sich die Plastikhandschuhe an und ging zu der Leiche, kniete nieder. Caro folgte ihm langsam und blieb stehen. Nach fünfzehn Jahren schreckten Leichen sie nicht mehr, aber noch immer fühlte sie sich in ihrer Gegenwart unbehaglich.

"Habt ihr eine Ahnung, wer sie ist?"

"Nein. Kleider, Wäsche, Handtasche, Schmuck fehlen, die Leute suchen noch."

"Aha." Er tastete den Körper rasch ab. "Keine äußerlichen Wunden sichtbar." Fast zärtlich schob er die Haare zur Seite.

"Halt, Herr Doktor." Der Fotograf tanzte heran, knipste. Unter den Haaren wurden Flecken auf der Haut sichtbar.

"Ein schwach ausgebildetes Hämatom." Sven diktierte in sein kleines Bandgerät, das er an einer Schnur um den Hals trug. "Rechtes Schulterblatt. Blutergüsse auf dem linken Oberarm. Alles schwach ausgebildet, erst kurz vor dem Exitus zugefügt." Er stutzte, fuhr mit den Fingerspitzen über ihren Nacken. "Das fühlt sich ganz an ..."

"Ja?", fragte Caro geduldig.

"Bruch des dens axis am zweiten Halswirbel."

"Also Genickbruch."

"Würde ich denken, ja. Leichte Unterblutung über dem Wirbel." Behutsam rollte er die Leiche auf den Rücken. Auf der Stirn prangte eine breite Platzwunde, fünf Millimeter breit, gut vier Zentimeter lang, fast senkrecht über dem linken Auge. Der Fotograf schoss pausenlos Bilder. Wieviel Aufnahmen bekam er eigentlich auf einen Film? Oder einen Speicherchip?

"Vier kleine Hämatome, kaum sichtbar zwei bis drei Zentimeter unterhalb des rechten Schlüsselbeins. Und auf der Vorderseite des linken Oberarms. Sonst keine sichtbaren Wunden." Er betrachtete den Körper, schüttelte den Kopf und drehte die Leiche wieder in die alte Lage zurück. "Seltsam, diese Leichenflecken ..."

Ärgerlich winkte er dem Photographen: "Hier, diese Verfärbungen, aber so, dass man sie später erkennt."

"Wenn Sie ein Stück zur Seite rücken ..."

Der Arzt stand auf und griente Caro an: "Ich weiß schon ... also, vor 22 bis 26 Stunden gestorben."

"Am Samstag, 30. April, über Mittag."

"Vermutlich, ja. Aber danach hat die Leiche zwischen zehn und zwölf Stunden auf dem Rücken gelegen."

"Ach nee. Oder doch - der Täter hat gewartet, bis es dunkel wurde, und sie dann hierhin gebracht."

"Und hier auf dem Bauch abgelegt, ja."

"Notzucht, Sven? Versucht oder vollzogen?"

"Nee, danach sieht es nicht aus. Aber du kennst ja mittlerweile den schönen Spruch ..."

"... alles weitere nach der Obduktion." Sie drehte sich zu einem Mann um: "Sichern Sie die Hände! Wenn sie sich gewehrt hat - und die Wunde auf der Stirn."

"Natürlich, Frau Hauptkommissarin." Der Mann blieb freundlich-ernst, ein paar Jahre arbeitete er nun schon bei der Spurensicherung, lange genug, um sein Handwerk zu beherrschen und sich an Caros Eigenarten zu gewöhnen. Riedel grinste versteckt. Er verleumdete seine Chefin gerne in der Kantine, und nur wenige Kolleginnen und Kollegen glaubten seinen Seufzern, die hübsche Caro sei manchmal unerträglich schwierig.

"Was kannst du mir sonst noch erzählen?"

"Mitte zwanzig, würde ich schätzen. Die Haarfarbe scheint echt zu sein. Schlank, aber kräftig, nach der Armmuskulatur zu schließen."

Nachdenklich nickte sie. Die Tote trug keinen Schmuck, der Täter hatte offenbar alles entfernt, womit sie sich identifizieren ließ.

"Vielleicht findest du was unter den Fingernägeln, aber sonst - keine Kampf- oder Abwehrspuren."

"Bis auf die Wunde an der Stirn."

"Die kann auch entstanden sein, als sie nach vorne stürzte."

"Und der Genickbruch?"

"Abwarten, verehrte Caro. Noch ist ein Unfall nicht ausgeschlossen."

Sie schnitt eine Grimasse. Ein tödlicher Unfall, und der Zeuge oder Schuldige oder Beteiligte schleppte die Leiche einen halben Tag später in den Wald? Der Arzt hob die Augenbrauen: "Wir beeilen uns auch."

"Das ist lieb, Sven."

"Lieb würde ich das nicht nennen. Anders hab ich ja doch keine Ruhe vor dir." Er zog seine Handschuhe aus und murmelte: "Wirklich kein Stück, was ihr gehört?"

"Bis jetzt nicht. Die Kollegen wollen nachher Hunde einsetzen."

"Alles klar. Wenn ich mich beeile, ist der Sonntagsbraten noch warm."

Lachend verschwand er von der kleinen Lichtung, und sie gab sich einen Ruck: "Gunter, ihr könnt sie einpacken."

Einer der Uniformierten hob die Hand.

Der Trampelpfad führte auf einen schmalen Waldweg. Zwei Polizisten langweilten sich dort und grüßten lässig. Riedel musste hinter Caro gehen, sie hielt den Kopf gesenkt. Er lächelte und bewunderte ihre Beine, Röcke trug sie selten, und einen so kurzen hatte er an ihr noch nie gesehen. Sie konnte es sich aber leisten, auch, dass ihr hellbraunes Shirt aus dem Rockbund rutschte und einen schmalen braunen Streifen Haut enthüllte. Riedels leicht eifersüchtige Freundin meinte, eine so sexy Chefin im Polizeidienst sollte man verbieten.

Nach etwa sechzig Metern mündete der Weg auf einen Parkplatz, der gut besetzt war. Auch hier standen zwei Uniformierte, die Neugierige abwehrten. Links wies ein Schild zur Burg Schroffen, die auf einer Hügelkuppe weithin sichtbar über den Baumwipfeln thronte. Ein beliebtes Ausflugsziel; sie knurrte leise in sich hinein. Ein Spaziergänger hatte die Leiche gefunden, genauer, sein Hund, der plötzlich im Gebüsch verschwand und wie verrückt bellte, auf Rufen und Pfeifen nicht reagierte, bis ihm sein Herr über den Trampelpfad auf die kreisrunde Lichtung gefolgt war.

Unschlüssig wandte sie sich an Riedel, der ernsthaft sagte: "Klarer Himmel, zunehmender Mond, Caro. Viel Licht in der Nacht."

"Altes Ekel."

"Wenn er hier geparkt hat, war es auch nachts hell genug, den Weg zu benutzen. Und den Pfad."

"Mit anderen Worten - es muss keiner gewesen sein, der sich hier auskannte."

"Nein." Riedel zuckte mit den Schultern. Der Schroffenforst war auf jeder besseren Karte eingezeichnet, es gab mehrere ausgeschilderte Parkplätze, von denen Wander- und Rundwege abgingen. Und mit einer nackten Fraueneiche über der Schulter würde kein Vernünftiger weiter gelaufen sein als unbedingt nötig. Auch nicht in der Nacht.

"Was machen wir jetzt?"

"Ab ins Präsidium."

Sie musste mehrmals rangieren, bis sie auf die Zubringerstraße steuern konnte. Es ging steil bergab, sie bremste vor der Einmündung in die Kreisstraße und zeigte anklagend-stumm nach vorn. Zwei Schilder, Tellheim lag links, 14 Kilometer bis zur Stadtgrenze, das rechte blaue Schild wies zur Autobahnauffahrt.

"Zehn Kilometer", murmelte sie. "Sag lieber nichts."

"Doch, Caro. Schroffenburg und Schroffenforst sind unten an der Ausfahrt als Wanderziele ausgeschildert."

"Du kannst einem richtig Mut machen." Damit ließ sie die Kupplung so heftig kommen, dass der Wagen hüpfte.

"Ich würde auch meilenweit fahren, um eine Leiche loszuwerden."

Sie schwieg, bis sie die Bundesstraße erreichte. Der Fundort war mit ziemlicher Sicherheit nicht der Tatort, und sobald sie die Tote identifiziert hatten, durften sie aller Voraussicht nach den Fall abgeben, an die Kollegen, die für Tat- respektive Wohnort zuständig waren. Nach einer Weile öffnete sie das Sonnendach. Jeder Autobesitzer schien das erste sommerlich warme Wochenende zu einem Ausflug und zu einer ersten Sommerbräunung zu nutzen.

Hauptkommissar Walter Rodenbach erschien gegen 20 Uhr in ihrem Zimmer und schnaufte aufgebracht. Seine sonst immer glänzend sauberen Schuhe wiesen scheußliche Flecken auf, genau wie seine Hosenbeine, und Caro schmunzelte schadenfroh.

"Nix, verehrte Caro, nix, absolut gar nix, und von so viel frischer Waldluft wird mir schlecht."

"Wogegen bestimmt ein kalter Schnaps hilft", mutmaßte sie. Riedel war schon aufgesprungen und holte drei Pinchen und den Klaren aus dem Kühlschrank.

"Ich denke doch."

Caro schüttelte sich, eigentlich verabscheute sie harte Sachen, aber sie konnte sich vorstellen, was mehrere Stunden konzentrierter Suche auf einem mit altem Laub bedeckten Waldboden bedeuteten.

"Die Hunde haben auch nichts gebracht?"

"Nein. Abgesehen von dem üblichen Müll, den naturliebende Spaziergänger in die Landschaft schmeißen." Walter Rodenbach hob die Hände. "Wir haben natürlich alle Wagen auf dem Parkplatz kontrolliert. Kein herren- - äh - frauenloses verlassenes Auto, Caro."

"Dann setzen wir wieder mal alle Hoffnung auf den Großen Bruder Computer."

Junker überstand den Tag nur mit viel Kaffee und Aufmunterungs-Tabletten. Nach drei Stunden war er aufgewacht und hatte sich, pausenlos gähnend, geduscht und angezogen. Dabei fiel ihm ein, woher er den Namen Schmolke, Hubert Schmolke kannte. Pollo hatte ihn erwähnt, als er das erste Mal in Kromburg einsaß, ein Zellengenosse, verurteilt wegen mehrfachen Einbruchs, ein gelernter Schlosser, der seine Fähigkeiten nicht zu legaler Arbeit einsetzte. Pollo war das zweite Mal verurteilt worden, weil der angebliche Augenzeuge, der Schmolke, eine Falschaussage geleistet hatte; davon war Junker überzeugt, aber er konnte es Hubert Schmolke nicht beweisen und hielt deshalb den Mund. Dass sich Pollo mit Hubert auf einen gemeinsamen Einbruch eingelassen hatte, verwunderte ihn; danach musste er Pollo bald befragen.

Gegen zehn Uhr kam Junker endlich aus dem Haus und fuhr nach Mirgenstein ins Hotel Samson. Dort fand die Halbjahrestagung des "Schlossvereins" statt, und Junker hatte sich vor einigen Jahren zum Vorsitzenden wählen lassen. Der Job kostete mehr Zeit und machte mehr Arbeit, als er vermutet hatte, aber als die ersten Probleme mit seiner Spielsucht auftraten, begriff er, dass ihm dieser Posten nur hilfreich sein konnte. Er verlieh, wenn auch in bescheidenem Umfang, Prestige und Renommee und eröffnete ihm zwanglosen Zugang zu den, wie er insgeheim lästerte "Hohl-Spitzen der Gesellschaft".

Rechtsanwalt Dr. Andreas Junker (links) neben Weihbischof Maximilian Jordan und dem Ausaner Landrat Oliver Rubert bei der Einweihung der restaurierten Kilians-Kapelle in Schloss Bossenbruch in Mirgenstein. So eine Bildunterschrift im Tageblatt oder in der Landeszeitung ersetzte eine ganze Kampagne der ihm verbotenen Eigenwerbung.

Heute hatte er sogar eine erfreuliche Neuigkeit für seine zehn Mitstreiter parat. "Ich treffe mich heute Nachmittag mit Staatssekretär Dr. Wunderlich, um das Schloss zu besichtigen. Das Land sucht ein passendes Gebäude für eine Verwaltungshochschule und das Justizministerium wäre bereit, daneben unter einem Dach ein juristisches Schulungszentrum einzurichten. Wunderlich möchte sich mal ansehen, ob Bossenbruch überhaupt in Frage kommen könnte. Er kommt heute sozusagen als Privatmann mit seiner Frau, um zu verhindern, dass alle Spekulanten geweckt werden. Deswegen - bitte Diskretion, meine Damen und Herren."

Der Beifall war ehrlich; ein Schloss zu renovieren und dafür Gelder aufzutreiben und einzuwerben, war eine Sache, doch anschließend einen Käufer oder Mieter zu finden, der die Substanz erhielt und das Gebäude sinnvoll nutzte, war was ganz anderes. Die wenigen touristischen Besucher deckten im Moment nicht einmal die laufenden Betriebskosten, ein juristisches Schulungszentrum würde zudem Besucher in das hübsche, romantisch-verschlafene Städtchen Mirgenstein bringen, das Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe würde jubeln.

Staatssekretär Christian Wunderlich war zwar Mitglied des "Fördervereins Schloss Bossenbruch", aber den Besuch hatte seine Frau Ina bewirkt. Zur Feier eines gewonnenen Prozesses hatte die Malerin Kristina van Louven ihren Anwalt Andreas Junker zum Essen eingeladen, und als sie das neu eröffnete Restaurant Im Pulverturm betraten, sprang eine Frau an einem Tisch auf und lief auf Kristina zu. Die beiden Frauen umarmten sich begeistert. Ina Wunderlich und Kristina van Louven waren neun Jahre zusammen in eine Klasse auf dem Mädchengymnasium des Ursulinen-Kloster-Internats in Bad Stercken gegangen, hatten sich nach dem Abitur aus den Augen verloren und nun zufällig wieder getroffen. Natürlich mussten Kristina und Junker sich zu den Wunderlichs setzen und während die Frauen in Schulerinnerungen schwelgten, unterhielten sich Wunderlich und Junker über die Juristerei, den Personalmangel am Landgericht, die unerträgliche Knastsituation im Lande und zum Schluss über die Restaurierung des Schlosses Bossenbruch in Mirgenstein. An allen Juristenstammtischen des Landes wusste man, dass der liberale Justizminister Odilo Marquard ein Zauderer und ein Weichei war, dass sein energischer Staatssekretär Christian Wunderlich in Wirklichkeit das Haus leitete, und so erstaunte es Junker nicht, als Wunderlich ihn fragte, ob er sich vorstellen könnte, Schloss Bossenbruch an eine Verwaltungshochschule und ein juristisches Schulungszentrum zu vermieten oder, wenn es billiger kam, zu verkaufen.

"Wollen Sie sich den Bau nicht einmal in aller Ruhe anschauen, ob er überhaupt in Frage kommt?"

"Sind Sie denn schon so weit?"

"Fast, es fehlen in erster Linie noch Fresken im Treppenhaus und diverse Holztäfelungen, aber ansonsten haben wir das Schloss schon zu Besichtigungen freigegeben."

Sobald alle Räume wieder betreten werden durften, rief Junker im Ministerium an. Wunderlich verabredete sich mit ihm auf den 1. Mai, 16.00 Uhr, und Junker hatte nicht mehr daran gedacht, dass er am Tag zuvor abends 250 000 Euro an Emil Attinghaus zahlen sollte. Diese Sorge war er ja nun los, und was mit Pollo und Schmolke in seiner Jagdhütte geschehen sollte, würde ihm auch noch einfallen. Vor allem war er gespannt, Ina Wunderlich wiederzusehen. Auch in den stürmischsten Momenten seiner Affäre mit der blonden Martina Dietze hatte er die lebhafte und schöne Ina Wunderlich nicht vergessen. Auf den ersten Blick hatte sie ihn tief beeindruckt, doch jeden Gedanken daran hatte er sich verboten, und plötzlich überflutete ihn eine Woge von Optimismus und Lebenslust.