Nur ein Tag - Gayle Forman - E-Book + Hörbuch

Nur ein Tag E-Book

Gayle Forman

4,5
8,99 €

Beschreibung

Der erste Teil des Roman-Duos Nur ein Tag … UND EIN GANZES JAHR der Bestseller-Autorin Gayle Forman. Wenn du einem Menschen begegnet bist, der dein Herz geöffnet hat, wirst du alles dafür tun, ihn wiederzufinden. Allysons Leben ist genau wie ihr Koffer – überlegt, geplant und ordentlich gepackt. Doch am letzten Tag ihrer dreiwöchigen Europatour lernt sie Willem kennen. Als freier, ungebundener Schauspieler ist er all das, was die 18jährige Allyson nicht ist, und als er sie einlädt, mit ihm nach Paris zu kommen, trifft sie spontan eine für sie untypische Entscheidung. Sie ändert ihren Plan und geht mit ihm. Allyson erlebt einen Tag voller Abenteuer und Romantik, Freiheit und Nähe – bis Willem am nächsten Morgen nicht mehr da ist. Als sie sich auf den Weg macht, ihn zu suchen, findet sie sich selbst. Ein überwältigendes Buch über Liebe, Identität und die Zufälle des Schicksals. Er sieht mich an und ich spüre, wie ein Flattern meinen Körper erfasst. Werde ich das wirklich tun? „Also? Was sagst du? Möchtest du für einen Tag nach Paris fahren?“ Das ist total verrückt. Ich kenne ihn nicht mal. Und ich könnte erwischt werden. Und wieviel kann man an einem Tag von Paris sehen? Es könnte in so vielerlei Hinsicht katastrophal schieflaufen. All das ist richtig. Ich weiß. Aber das ändert nichts daran, dass ich fahren möchte. Anstatt nein zu sagen, probiere ich diesmal etwas anderes aus. Ich sage ja.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 501




Gayle Forman

Nur ein Tag

Roman

Roman

Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer

FISCHER E-Books

Inhalt

[Widmung][Motto]Teil Eins Ein TagEinsZweiDreiVierFünfSechsSiebenAchtNeunZehnElfZwölfDreizehnTeil Zwei Ein JahrVierzehnFünfzehnSechzehnSiebzehnAchtzehnNeunzehnZwanzigEinundzwanzigZweiundzwanzigDreiundzwanzigVierundzwanzigFünfundzwanzigSechsundzwanzigSiebenundzwanzigAchtundzwanzigNeunundzwanzigDreißigEinunddreißigZweiunddreißigDreiunddreißigVierunddreißigFünfunddreißigSechsunddreißigSiebenunddreißigAchtunddreißigNeununddreißigDanksagung

Für Tamar:

 

Schwester, Reisegefährtin, Freundin – die, nebenbei bemerkt, sich aufgemacht und ihren Holländer geheiratet hat

Die ganze Welt ist Bühne

Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.

Sie treten auf und gehen wieder ab,

Sein Leben lang spielt einer manche Rollen.

 

Aus Wie es euch gefällt von William Shakespeare

Teil EinsEin Tag

Eins

August

Stratford-upon-Avon, England

Angenommen, Shakespeare hätte sich geirrt?

›Sein oder nicht sein: das ist hier die Frage.‹ Das ist ein Zitat aus Hamlets – vielleicht sogar Shakespeares – berühmtestem Monolog. In der elften Klasse musste ich die ganze Rede für den Englischunterricht auswendig lernen, und noch immer kann ich mich an jedes Wort erinnern. Damals habe ich noch nicht weiter darüber nachgedacht. Mir ging es nur darum, den Monolog fehlerfrei aufzusagen und meine Eins zu bekommen. Doch angenommen, Shakespeare – und Hamlet – haben die falsche Frage gestellt? Angenommen, die richtige Frage lautet nicht, ob man ist, sondern wie man ist?

Das Entscheidende ist aber, dass ich mir diese Frage – nämlich wie ich sein sollte – wahrscheinlich nie gestellt hätte, wenn Hamlet nicht gewesen wäre. Vielleicht wäre ich dann einfach für immer jene Allyson Healey geblieben, die ich gewesen bin. Die immer das getan hat, was von ihr erwartet wurde, in diesem Fall, sich eine Aufführung von Hamlet anzusehen.

 

»Mein Gott, ist das heiß! Ich dachte, in England würde es nicht so warm werden.« Meine Freundin Melanie schlingt ihr blondes Haar zu einem Knoten und fächelt ihrem verschwitzten Nacken Luft zu. »Wann ist eigentlich Einlass?«

Ich blicke hinüber zu Ms Foley, die hinter ihrem Rücken von Melanie und dem größten Teil unserer Gruppe »Unsere furchtlose Führerin« genannt wird. Doch sie redet gerade mit Todd, einem der Geschichtsstudenten, die ebenfalls zur Reiseleitung gehören. Sieht so aus, als wasche sie ihm mal wieder den Kopf. In der Teen Tours! Cultural Extravaganza-Broschüre, die mir meine Eltern zum Highschoolabschluss vor zwei Monaten präsentiert haben, wurden Studenten wie Todd als »Geschichtsexperten« bezeichnet, deren Aufgabe es sei, »das hohe Bildungsniveau« der Teen Tours!-Rundreisen zu garantieren. Doch bisher hat Todd hauptsächlich eine hohe Anzahl verkaterter Teenager garantiert, weil er fast jeden Abend mit allen um die Häuser zieht. Ich bin mir sicher, heute Abend werden die meisten es so richtig krachen lassen, denn schließlich ist dies die letzte Etappe unserer Reise: Stratford-upon-Avon, eine Stadt voller Kultur! Die scheint sich allerdings hauptsächlich durch eine überproportional große Anzahl von Kneipen bemerkbar zu machen, in deren Namen »Shakespeare« vorkommt und die vorwiegend von Leuten in leuchtend weißen Turnschuhen frequentiert werden.

Ms Foley trägt ebenfalls schneeweiße Turnschuhe, ordentlich gebügelte Jeans und ein Teen Tours!-Poloshirt, während sie Todd zurechtweist. An manchen Abenden, wenn alle anderen in der Stadt unterwegs sind, sagt sie mir, dass sie ihn eigentlich der Zentrale melden müsse. Aber das tut sie dann anscheinend doch nicht. Ich glaube unter anderem, weil er mit ihr flirtet, wenn sie mit ihm schimpft. Ja, er flirtet sogar mit Ms Foley. Vor allem mit Ms Foley.

»Ich glaube, es fängt um sieben an«, antworte ich auf Melanies Frage und sehe auf meine Armbanduhr aus massivem Gold, einem weiteren Geschenk zum Schulabschluss, auf deren Rückseite Viel Erfolg auf all deinen Wegen eingraviert ist. Sie wiegt schwer an meinem verschwitzten Handgelenk. »Jetzt ist es halb sieben.«

»Wahnsinn, die Briten stehen wirklich gerne Schlange. Sie sollten sich mal ein Beispiel an den Italienern nehmen, die drängeln sich immer einfach vor. Andererseits sollten sich vielleicht eher die Italiener ein Beispiel an den Briten nehmen.« Melanie zieht an ihrem Minirock – ihrem Bandage-Rock, wie sie ihn nennt – und zupft ihr enges Top zurecht. »Mein Gott, Rom! Es kommt mir vor, als wäre es schon ein Jahr her.«

Rom? Ist das tatsächlich erst sechs Tage her? Oder schon sechzehn? Ganz Europa ist zu einem nebulösen Gewirr geworden aus Flughäfen, Bussen, alten Gebäuden und Festpreismenüs, meistens Hühnchen in Sauce. Als mir meine Eltern diese Reise als großes Highschoolabschlussgeschenk präsentierten, habe ich mich erst ein wenig gesträubt. Aber Mom versicherte mir, dass sie sich gründlich informiert habe. Teen Tours! sei sehr renommiert und besonders bekannt für sein hohes Bildungsniveau sowie die Sorgfalt, mit der man sich um die jungen Reisenden kümmern würde. Man würde gut auf mich achtgeben. »Du wirst nie alleine sein«, versprachen mir meine Eltern. Und natürlich würde auch Melanie mitkommen.

Sie hatten recht. Ich weiß, dass alle anderen Ms Foley dafür hassen, dass sie uns so streng beaufsichtigt, aber ich schätze es, wenn sie jedes Mal die Teilnehmer durchzählt, und finde es sogar gut, dass sie die nächtlichen Sauftouren durch die Bars missbilligt, obwohl die meisten von uns schon so alt sind, dass sie in Europa ganz legal Alkohol trinken dürfen. Es scheint sich hier ohnehin keiner für irgendwelche Altersbeschränkungen zu interessieren.

Ich gehe nicht in die Bars. Ich gehe meistens ins Hotel zurück, in das Zimmer, dass ich mir mit Melanie teile, und sehe fern. Fast immer laufen amerikanische Filme, genau solche, wie Melanie und ich sie uns zu Hause oft am Wochenende angeschaut haben, in ihrem oder meinem Zimmer, mit bergeweise Popcorn dazu.

»Ich komme mir vor, als würde ich gegrillt«, stöhnt Melanie. »Es ist immer noch genauso heiß wie mittags.«

Ich blicke hinauf zum Himmel, zur grellen Sonne und den zarten, dahintreibenden Wolken. Ich mag es, wie schnell sie ziehen, nichts hält sie auf. Am Himmel erkennt man, dass England eine Insel ist. »Wenigstens schüttet es nicht mehr so wie bei unserer Ankunft.«

»Hast du zufällig eine Haarspange dabei?«, fragt Melanie. »Natürlich nicht. Ich wette, jetzt bist du froh über deine neue Frisur.«

Unwillkürlich fasse ich mir in den Nacken, der sich immer noch ungewohnt anfühlt, seltsam entblößt. Unsere Reise fing in London an, und am zweiten Nachmittag hatten wir einige Stunden frei zum Shoppen, was wohl auch zur Kultur zählt. In dieser Zeit überredete mich Melanie, mir beim Friseur einen Bob schneiden zu lassen. Das gehörte alles zu ihrem Sich-neu-erfinden-Plan, den sie für die Vor-College-Zeit entworfen und mir auf dem Flug nach Europa erklärt hatte: »Niemand am College wird ahnen, was für Streberinnen wir gewesen sind. Wir sind außerdem viel zu hübsch, um als echte Nerds durchzugehen, und auf dem College sind eh alle intelligent. Wir können also beides sein, cool und schlau. Das eine schließt das andere nicht mehr aus.«

Für Melanie bestand das Sich-neu-Erfinden offenbar in gewagten, absolut lässigen Klamotten, für die sie ihr halbes Taschengeld bei Topshop ausgab, und in der Abkürzung ihres Namens von Melanie zu Mel – etwas, woran ich mich noch immer nicht richtig gewöhnt habe, ganz egal, wie oft sie mich unter dem Tisch tritt. Für mich bestand es in der neuen Frisur, zu der sie mich überredet hatte.

Als ich mich das erste Mal sah, war ich entsetzt. Solange ich denken kann, hatte ich langes schwarzes Haar ohne Pony, und das Mädchen, das mich aus dem Friseurspiegel heraus anstarrte, sah mir kein bisschen ähnlich. Zu diesem Zeitpunkt waren wir erst seit zwei Tagen unterwegs, aber mein Magen wurde plötzlich ganz hohl vor Heimweh. Ich sehnte mich danach, wieder zu Hause in meinem Zimmer zu sein, umgeben von meinen vertrauten pfirsichfarbenen Wänden und meiner Sammlung von alten Weckern. Ich fragte mich, wie ich es jemals am College schaffen würde, wenn ich nicht einmal diese Reise schaffte.

Aber ich habe mich an die Frisur gewöhnt, und das Heimweh ist fast weg. Und außerdem ist die Reise auch schon fast zu Ende. Die meisten aus unserer Gruppe werden morgen direkt den Bus zum Flughafen nehmen und nach Hause fliegen. Melanie und ich werden in einen Zug nach London steigen und dort noch drei Tage bei ihrer Cousine bleiben. Melanie redet davon, noch mal zu dem Friseursalon zu gehen, wo ich mir den Bob habe schneiden lassen, weil sie sich eine Haarsträhne pink färben lassen will. Und wir werden uns im West End Let It Be ansehen. Am Sonntag fliegen wir nach Hause, und dann fängt auch bald das College an – ich gehe nach Boston, Melanie nach New York.

»Lasst Shakespeare frei!«

Ich blicke auf. Eine Gruppe von etwa zehn Leuten kommt die Straße herunter und verteilt leuchtend bunte Flyer. Ich erkenne auf den ersten Blick, dass sie keine Amerikaner sind – keiner trägt leuchtend weiße Turnschuhe oder Cargoshorts, alle sind großgewachsen und dünn und sehen überhaupt irgendwie anders aus als wir. Es ist, als wäre selbst ihr Knochenbau andersartig.

»Danke«, sagt Melanie, nimmt einen Flyer entgegen und benutzt ihn, um ihrem Hals Luft zuzufächeln.

»Was steht denn drauf?«, frage ich sie mit einem Blick auf die Gruppe. Hier im touristischen Stratford-upon-Avon fallen die jungen Leute auf wie knallroter Klatschmohn auf einem grünen Feld.

Melanie sieht den Flyer an und rümpft die Nase. »Guerilla Will?«

Ein Mädchen mit genau solchen pinkfarbenen Strähnen im Haar, wie Melanie sie gerne hätte, kommt auf uns zu. »Wir spielen Shakespeare für wirklich jeden.«

Ich werfe einen Blick auf den Zettel. Darauf steht: Guerilla Will. Shakespeare ohne Grenzen. Shakespeare entfesselt. Shakespeare umsonst. Shakespeare für alle.

»Shakespeare umsonst?«, liest Melanie.

»Ja«, antwortet das pinkhaarige Mädchen in britisch klingendem Englisch. »Nicht für den kapitalistischen Gewinn. So, wie Shakespeare es gewollt hätte.«

»Meinst du nicht, dass er gerne Eintrittskarten verkaufen und mit seinen Stücken Geld verdienen wollte?« Ich will mich nicht als Besserwisserin aufspielen, aber ich muss an den Film Shakespeare in Love denken, in dem er ständig irgendwelchen Leuten Geld schuldet.

Das Mädchen verdreht die Augen, und ich komme mir blöd vor. Ich senke den Blick. Ein Schatten fällt auf mich, und für einen Moment ist das blendende Licht der Sonne verdeckt. Dann höre ich ein tiefes Lachen. Ich blicke auf. Ich kann die Person vor mir nicht erkennen, weil sie im Gegenlicht vor der noch immer gleißenden Abendsonne steht. Aber ich kann sie hören.

»Ich glaube, sie hat recht«, sagt er. »Ein armer Künstler zu sein ist bestimmt nicht besonders romantisch, vor allem, wenn man tatsächlich kurz vorm Verhungern ist.«

Ich blinzele ein paarmal. Meine Augen gewöhnen sich an das Licht, und ich sehe, dass der Typ schmal und sehr groß ist, bestimmt dreißig Zentimeter größer als ich. Sein Haar ist blond in allen Nuancen, und seine Augen sind so braun, dass sie fast schwarz wirken. Ich muss meinen Kopf in den Nacken legen, um zu ihm aufzuschauen, und er muss seinen beugen, um auf mich hinunterzublicken.

»Aber Shakespeare ist tot. Im Grab bekommt er keine Tantiemen. Und wir, wir sind lebendig.« Er breitet die Arme aus, als wolle er das ganze Universum umarmen. »Was wollt ihr euch anschauen?«

»Hamlet«, antworte ich.

»Ah, Hamlet.« Er spricht mit leichtem Akzent. »Ich denke, einen so schönen Abend sollte man nicht mit einer Tragödie vergeuden.« Er sieht mich an, als wäre das eine Frage. Dann lächelt er. »Und schon gar nicht in geschlossenen Räumen. Wir spielen Was ihr wollt. Draußen.« Er gibt mir einen Flyer.

»Wir überlegen es uns«, antwortet Melanie mit ihrer koketten Stimme.

Der Typ zieht eine Schulter hoch und neigt den Kopf, dass er mit dem Ohr fast sein sehr kantiges Schultergelenk berührt. »Was ihr wollt«, fügt er hinzu und sieht mich dabei an. Dann schlendert er davon, um sich wieder zum Rest seiner Truppe zu gesellen.

Melanie blickt ihm nach. »Wow, warum sind die nicht bei Teen Tours? Cultural Extravaganza? Das ist Kultur, die mich interessiert!«

Als ich ihnen nachblicke, spüre ich ein seltsames Ziehen. »Ich habe Hamlet schon mal gesehen, weißt du.«

Melanie schaut mich an und zieht die Augenbrauen hoch, die sie zu übertrieben dünnen Bögen gezupft hat. »Ich auch. Zwar im Fernsehen, aber immerhin …«

»Wir könnten … da hingehen. Ich meine, das wäre doch mal was anderes. Eine kulturelle Erfahrung. Das ist es doch, weshalb uns unsere Eltern auf diese Reise geschickt haben.«

Melanie lacht. »Was ist los mit dir? Plötzlich so verwegen! Und was ist mit unserer furchtlosen Führerin? Sieht so aus, als würde sie uns gleich mal wieder durchzählen wollen.«

»Na ja, die Hitze hat dir doch sehr zu schaffen gemacht …«, setze ich an.

Melanie sieht mich eine Sekunde lang an, dann dämmert es ihr. Sie leckt sich die Lippen, grinst und schielt. »Oh, klar! Ich hab total einen Hitzschlag!« Sie dreht sich zu Paula um, die aus Maine ist und eifrig einen Reiseführer studiert. »Du, Paula, mir ist ganz schwindlig.«

»Ja, es ist wirklich sehr heiß«, bestätigt Paula und nickt mitleidig. »Du solltest was trinken, damit du nicht dehydrierst.«

»Ich glaub, ich kipp gleich um. Ich seh schwarze Punkte.«

»Jetzt übertreib nicht so«, flüstere ich.

»Es muss schon realistisch sein«, flüstert Melanie zurück, die jetzt Spaß daran hat. »Oh, ich glaube, ich werde ohnmächtig!«

»Ms Foley!«, rufe ich.

Ms Foley blickt von ihrem Blatt auf, auf dem sie unsere Namen abhakt. Sie kommt zu uns herüber und sieht dabei so besorgt aus, dass ich gleich ein schlechtes Gewissen habe. »Ich glaube Melanie, ich meine Mel, hat einen Hitzschlag.«

»Geht es dir nicht gut? Es kann jetzt nicht mehr lange dauern. Und im Theater ist es schön kühl.« Ms Foley spricht in einer seltsamen Mischung aus typisch britischen Redensarten und einem breiten Midwestern-Akzent, über den sich alle lustig machen, weil sie ihn für aufgesetzt halten. Aber ich glaube, es ist einfach nur so, dass Ms Foley aus Michigan kommt und viel Zeit in Europa verbracht hat.

»Ich hab das Gefühl, dass ich gleich kotzen muss.« Melanie trägt dick auf. »Wie peinlich, wenn mir das im Swan Theatre passiert.«

Ms Foley verzieht entsetzt das Gesicht; vielleicht weil sie sich vorstellt, wie Melanie sich im Swan Theatre übergibt, oder weil sie es nicht erträgt, das Wort kotzen in nächster Nähe der Royal Shakespeare Company zu hören. »Ach du meine Güte! Ich sollte dich besser zurück ins Hotel bringen.«

»Ich kann mit ihr gehen«, schlage ich vor.

»Wirklich? Oh, nein. Das kann ich nicht annehmen. Du solltest dir unbedingt Hamlet ansehen.«

»Aber es macht mir wirklich nichts aus. Ich bringe sie zurück.«

»Nein! Es liegt in meiner Verantwortung, sie zurückzubringen. Ich kann dir das nicht zumuten.« Ihrem angespannten Gesicht sehe ich an, welchen inneren Kampf sie ausficht.

»Ist schon gut, Ms Foley. Ich habe Hamlet schon mal gesehen, und das Hotel ist ja nicht weit weg. Von hier aus gleich auf der anderen Seite des Platzes.«

»Wirklich? Ach, das wäre wirklich ganz reizend von dir. Kaum zu glauben, aber obwohl ich schon so lange diese Rundreisen organisiere, habe ich noch nie eine Hamlet-Aufführung der Royal Shakespeare Company gesehen.«

Melanie stöhnt ein wenig, des dramatischen Effekts wegen. Ich stupse sie leicht mit dem Ellbogen an und lächle Ms Foley zu. »Na dann sollten Sie die Aufführung auf keinen Fall verpassen.«

Sie nickt so feierlich, als würden wir hier über ein so wichtiges Thema wie zum Beispiel die Thronfolge diskutieren. Dann nimmt sie meine Hand. »Es war eine solche Freude, dich in der Gruppe zu haben, Allyson. Ich werde dich vermissen. Ich wünschte, mehr junge Leute heutzutage wären so wie du. Du bist so ein …« Sie hält einen Moment inne und sucht nach dem richtigen Wort. »So ein gutes Mädchen.«

»Danke«, antworte ich automatisch, doch ihr Kompliment enttäuscht mich irgendwie. Ich weiß nicht genau, warum. Vielleicht weil es offenbar das Netteste ist, was ihr zu mir einfällt, oder weil ich in diesem Moment gerade gar kein so gutes Mädchen bin.

»Gutes Mädchen, du meine Scheiße!« Melanie lacht laut auf, nachdem wir uns ein Stück von der Warteschlange entfernt haben und sie aufhören kann, die Leidende zu spielen.

»Sei still. Mir ist es unangenehm zu lügen.«

»Dafür bist du aber ganz schön gut darin. Du könntest Karriere als Schauspielerin machen, wenn du mich fragst.«

»Ich frage dich aber nicht. Also, wo müssen wir hin?« Ich werfe einen Blick auf den Flyer. »Canal Basin? Was ist das denn?«

Melanie zieht ihr Handy aus der Tasche, das im Gegensatz zu meinem in Europa funktioniert. Sie öffnet die Stadtplan-App. »Scheint tatsächlich ein Wasserbecken am Kanal zu sein.«

Nur wenige Minuten später haben wir das Ufer des Kanals erreicht. Es ist ein bisschen wie auf einem Jahrmarkt, alles voller Leute. Lastkähne liegen entlang dem Wasser, auf unterschiedlichsten Booten kann man vom Eis bis zum Gemälde alles Mögliche kaufen. Aber es gibt kein Theater. Keine Bühne, keine Stühle. Keine Schauspieler. Wieder schaue ich auf den Flyer.

»Vielleicht ist es auf der Brücke?«, überlegt Melanie.

Wir laufen hinüber zur mittelalterlichen Bogenbrücke, aber dort ist es auch nicht anders: Überall Touristen, die sich, wie wir, durch die Hitze schleppen.

»Findet das denn wirklich heute Abend statt?«, fragt Melanie.

Ich denke an den Typen mit den dunklen Augen, der ausdrücklich gesagt hat, der heutige Abend sei zu schön für eine Tragödie. Doch ein Theater kann ich nirgends entdecken. Wahrscheinlich war es nur ein Scherz – blöde Touristen reinlegen.

»Komm, wir holen uns ein Eis, damit der Abend kein totaler Reinfall ist«, schlage ich vor.

Wir stellen uns vor einem Eisstand an, als auf einmal der Klang akustischer Gitarren und hallender, rhythmischer Bongos ertönt. Ich horche auf, bin plötzlich ganz wach. Um besser sehen zu können, stelle ich mich auf eine nahe gelegene Bank. Es ist zwar nicht wie von Zauberhand eine Bühne erschienen, aber unter einer Baumgruppe hat sich eine ziemlich große Menschenmenge gebildet.

»Ich glaube, es fängt an«, sage ich und schnappe Melanies Hand.

»Aber das Eis!«, protestiert sie.

»Hinterher«, sage ich und ziehe sie in Richtung der Menge.

»Wenn Musik die Nahrung der Liebe ist, so spielt fort.«

Der Typ, der Herzog Orsino spielt, sieht vollkommen anders aus als alle Shakespeare-Schauspieler, die ich je gesehen habe, ausgenommen vielleicht in der Filmfassung von Romeo und Julia mit Leonardo DiCaprio. Er ist dunkelhäutig, hat Dreadlocks und ist gekleidet wie ein glamouröser Rockstar: enge Latexhose, spitze Schuhe und ein enges ärmelloses Netzhemd, durch das sich sein muskulöser Oberkörper abzeichnet.

»Oha, ich glaube, wir haben die richtige Entscheidung getroffen«, flüstert mir Melanie ins Ohr.

Als Orsino seinen Eröffnungsmonolog zum Klang der Gitarren und Bongos spricht, läuft es mir kalt den Rücken runter.

Wir sehen den ganzen ersten Akt, während wir den Schauspielern entlang des Kanals folgen. Wenn sie sich bewegen, bewegen wir uns mit, was uns das Gefühl gibt, Teil des Stückes zu sein. Und das ist es vielleicht, was es so anders macht. Denn ich habe Shakespeare schon gesehen. Etliche Schulinszenierungen und einige Stücke am Philadelphia Shakespeare Theatre. Aber bisher war es immer so, als würde ich mir ein Stück in einer Fremdsprache ansehen, die mir nicht besonders geläufig ist. Ich musste mich zwingen, konzentriert zu bleiben, und die halbe Zeit las ich wieder und wieder im Programmheft, als könne es mir ein tieferes Verständnis vermitteln.

Diesmal macht es klick. Es ist, als würden sich meine Ohren auf die fremdartige Sprache einstellen und ich ganz in der Handlung aufgehen, wie im Kino, wenn mich ein Film komplett einnimmt. Als sich Orsino nach der kühlen Olivia verzehrt, spüre ich denselben Schmerz wie damals, als ich mich in einen Jungen verliebt hatte, für den ich einfach immer unsichtbar blieb, und als Viola ihren Bruder betrauert, spüre ich ihre Einsamkeit. Und als sie sich in Orsino verliebt, der sie für einen Mann hält, ist das lustig und bewegend zugleich.

Er erscheint erst im zweiten Akt. Er spielt Sebastian, Violas totgeglaubten Zwillingsbruder. Das wiederum ergibt für mich einen gewissen Sinn, weil ich bereits dachte, er existiere gar nicht und ich hätte ihn mir nur eingebildet.

Als er durch den Park rennt, gefolgt vom getreuen Antonio, rennen wir alle hinter ihm her. Nach einer Weile fasse ich mir ein Herz und sage zu Melanie: »Los, lass uns näher rangehen.« Sie nimmt mich an der Hand, wir schieben uns durch die Menge und kommen genau dann vorne an, als Olivias Narr Sebastian abholen will und die beiden streiten, bevor Sebastian ihn wegschickt. Kurz bevor er das tut, sieht er mir für einen kurzen Moment in die Augen.

Während sich der heiße Tag dem Ende zuneigt und die Dämmerung hereinbricht, werde ich immer tiefer in die Scheinwelt von Illyrien hineingezogen, bis ich das Gefühl habe, einen seltsam fremden Ort betreten zu haben, an dem alles machbar ist und man seine Identität wechseln kann wie Schuhe. Wo Totgeglaubte zum Leben erwachen. Wo alle glücklich und zufrieden sind bis an ihr Lebensende. Mir ist schon klar, dass das ziemlich kitschig ist, aber die Luft ist mild und warm, das Laub der Bäume dicht und grün, die Grillen zirpen, und plötzlich erscheint das Unmögliche möglich.

Viel zu schnell endet das Stück. Sebastian und Viola sind wieder vereint, Viola eröffnet Orsino, dass sie in Wirklichkeit ein Mädchen ist, und natürlich will er sie jetzt heiraten. Olivia erkennt, dass Sebastian zwar ein anderer Mensch ist als der, den sie zu heiraten geglaubt hatte, liebt ihn aber trotzdem. Wieder spielen die Musiker, während der Narr den Schlussmonolog hält. Dann verneigen sich die Schauspieler und jeder macht dazu noch etwas Lustiges: Einer schlägt einen Salto, ein anderer spielt Luftgitarre. Als sich Sebastian verbeugt, lässt er seinen Blick übers Publikum schweifen, bis er mich entdeckt. Er verzieht seinen Mund zu einem lustigen angedeuteten Lächeln, holt eine Münze aus der Tasche und schnippt sie mir zu. Es ist ziemlich dunkel und die Münze klein, aber trotzdem fange ich sie auf. Es scheint, als würden die Leute jetzt auch mir applaudieren.

Mit der Münze in einer Hand klatsche ich auch. Ich klatsche, bis meine Hände brennen, ich klatsche, weil ich nicht möchte, dass es zu Ende geht, weil ich dieses Gefühl nicht verlieren will. Ich klatsche, weil ich weiß, was geschehen wird, wenn ich aufhöre, nämlich dasselbe wie nach einem wirklich guten Film – einem, der mich richtig mitgenommen hat. Ich werde in die Realität zurückgeworfen, und Leere macht sich in mir breit. Manchmal sehe ich mir dann einen Film noch einmal von vorn an, nur um wieder das Gefühl zu haben, Teil dieser anderen Realität zu sein. Was, wie ich natürlich weiß, vollkommen sinnlos ist.

Aber heute Abend gibt es keine Wiederholung. Die Menge zerstreut sich; die Schauspieler schlendern davon. Nur die Musiker sind noch da und gehen mit dem Hut herum. Ich gebe zehn Pfund.

Melanie und ich stehen schweigend nebeneinander. »Wow«, sagt sie schließlich.

»Echt Wahnsinn«, pflichte ich ihr bei.

»Das war richtig cool. Dabei kann ich Shakespeare eigentlich nicht leiden.«

Ich nicke.

»Und bilde ich mir das nur ein, oder hat der heiße Typ von vorhin an der Schlange, der den Sebastian gespielt hat, uns total angemacht?«

Uns? Er hat mir die Münze zugeworfen! Oder habe ich sie nur zufällig aufgefangen? Wollte er eigentlich Melanie mit ihren blonden Haaren und ihrem engen Top anbaggern? Mel 2.0, wie sie sich nennt, so viel attraktiver als Allyson 1.0.

»Ist mir gar nicht aufgefallen«, sage ich.

»Er hat uns doch sogar die Münze zugeworfen! Gut gefangen, übrigens. Vielleicht sollten wir nachsehen, wo sie hingegangen sind. Mit ihnen ein bisschen abhängen oder so.«

»Sie sind schon weg.«

»Ja, aber die Typen mit dem Hut sind doch noch da.« Sie zeigt zu den Musikern. »Wir könnten sie fragen, wo sie hin sind.«

Ich schüttele den Kopf. »Die wollen bestimmt keine blöden amerikanischen Teenager dabeihaben.«

»Erstens sind wir nicht blöd, und zweitens sahen die meisten von denen auch nicht viel älter aus.«

»Nein, lieber nicht. Außerdem sieht Ms Foley vielleicht nach uns. Wir sollten zurück ins Hotel gehen.«

Melanie verdreht die Augen. »Warum machst du das jedes Mal?«

»Was mache ich?«

»Du sagst zu allem nein. Als wolltest du kein Abenteuer erleben.«

»Ich sage nicht immer nein!«

»Neun von zehn Mal. Bald müssen wir aufs College. Lass uns vorher ein bisschen leben!«

»Ich lebe ziemlich viel«, erwidere ich bissig. »Außerdem hat es dir früher nie etwas ausgemacht.«

Melanie und ich sind beste Freundinnen, seit ihre Familie in den Sommerferien nach dem ersten Schuljahr zwei Häuser weiter eingezogen ist. Seitdem haben wir alles zusammen gemacht: Wir haben gleichzeitig unsere Milchzähne verloren, gleichzeitig unsere Periode bekommen, sogar unseren ersten Freund hatten wir gleichzeitig. Nur ein paar Wochen, nachdem Melanie mit Alex zusammengekommen war, ging ich mit Evan (Alex’ bestem Freund). Melanie und Alex trennten sich allerdings schon im Januar, während Evan und ich es bis April schafften.

Wir haben so viel Zeit miteinander verbracht, dass wir sogar eine Art Geheimsprache haben mit Witzen und Blicken, die nur wir verstehen. Natürlich haben wir uns auch oft gestritten. Wir sind beide Einzelkinder und deshalb auch ein bisschen wie Schwestern. Bei einem Streit ist sogar mal eine Lampe zu Bruch gegangen. Aber so wie jetzt war es noch nie. Ich kann nicht mal genau sagen, was es ist, aber seitdem wir zusammen unterwegs sind, habe ich das Gefühl, ein Rennen gegen Melanie zu verlieren, von dem ich gar nicht wusste, dass ich daran teilnehme.

»Ich bin heute Abend mitgekommen«, verteidige ich mich mit brüchiger Stimme. »Ich habe sogar Ms Foley angelogen, damit wir gehen konnten.«

»Stimmt! Und es war toll, oder? Also, warum machen wir nicht weiter?«

Ich schüttele den Kopf.

Melanie wühlt in ihrer Tasche, zieht ihr Handy hervor und scrollt durch ihre SMS. »Hamlet ist auch gerade aus. Craig schreibt, dass Todd mit der gesamten Gang in eine Kneipe namens Dirty Duck gegangen ist. Das klingt super! Komm mit! Das wird bestimmt Wahnsinn!«

Als wir etwa eine Woche unterwegs gewesen waren, bin ich tatsächlich einmal mit Melanie und allen anderen aus der Gruppe ausgegangen. Da waren die anderen schon ein paar Mal zusammen aus gewesen. Und obwohl Melanie die Leute erst seit einer Woche kannte – also genauso wenig wie ich –, teilten sie schon jede Menge Insiderwitze, die ich nicht verstand. Ich saß am überfüllten Tisch, nippte an meinem Glas und fühlte mich wie das arme Kind, das mitten im Halbjahr die Schule wechseln musste.

Ich schaue auf meine Uhr, die bis weit über das Handgelenk gerutscht ist. Ich schiebe sie hoch, bis sie wieder das hässliche rote Muttermal auf meinem Unterarm bedeckt. »Es ist schon kurz vor elf, und wir müssen morgen früh aufstehen, wenn wir unseren Zug erwischen wollen. Wenn du also nichts dagegen hast, wird die abenteuerunlustige Allyson jetzt auf ihr Zimmer gehen.« Mit dem beleidigten Tonfall klinge ich genau wie meine Mom.

»Alles klar. Ich begleite dich zum Hotel und gehe dann zu den anderen in den Pub.«

»Und was, wenn Ms Foley bei uns vorbeischaut?«

Melanie lacht. »Sag ihr, es war ein Hitzschlag, aber die Hitze sei ja jetzt vorbei.« Sie beginnt, den Weg zur Brücke hinaufzulaufen. »Was ist los? Auf was wartest du noch?«

Ich blicke mich noch einmal zum Kanal und den Lastkähnen um. Allmählich leert sich die Gegend. Müllsammler erobern das Terrain. Der Tag endet und wird nicht zurückkehren.

»Nichts. Ich komme schon.«

Zwei

Unser Zug nach London geht um Viertel nach acht – Melanie wollte so früh fahren, um möglichst viel Shopping-Zeit rauszuschlagen. Doch als um sechs Uhr der Wecker klingelt, zieht sie sich das Kissen über die Ohren.

»Lass uns später fahren«, stöhnt sie.

»Das geht nicht. Es ist alles geplant. Du kannst im Zug weiterschlafen. Außerdem hast du versprochen, um halb sieben unten zu sein, um dich von den anderen zu verabschieden.« Und ich hatte versprochen, Ms Foley auf Wiedersehen zu sagen.

Ich zerre Melanie aus dem Bett und schiebe sie unter eine tröpfelnde Brause, die in diesem Hotel als Dusche bezeichnet wird. Dann koche ich ihr einen Instant-Kaffee und telefoniere schnell mit meiner Mom, die zu Hause in Pennsylvania bis ein Uhr nachts aufgeblieben ist, um mich noch anzurufen. Um halb sieben gehen wir hinunter. Ms Foley, wie üblich in ihren gebügelten Jeans und dem Teen-Tours!-Polohemd, schüttelt Melanie die Hand. Mich schließt sie in ihre knochigen Arme, steckt mir ihre Visitenkarte zu und sagt mir, sie auf jeden Fall anzurufen, falls ich in London irgendwie Hilfe brauchen sollte. Ihre nächste Tour beginnt erst am Sonntag, also wird sie bis dahin auch dort sein. Dann sagt sie mir, dass sie für halb acht ein Taxi bestellt hat, das Melanie und mich zum Bahnhof bringen wird. Und wieder fragt sie mich, ob wir in London auch wirklich abgeholt werden (ja, werden wir), sagt mir noch einmal, dass ich ein gutes Mädchen bin, und warnt mich vor Taschendieben in der U-Bahn.

Ich lasse Melanie noch mal für eine halbe Stunde zurück nach oben ins Bett gehen, was bedeutet, dass sie keine Zeit mehr hat, sich so aufwendig wie üblich zu stylen, und um halb acht verfrachte ich uns beide in das wartende Taxi. Als unser Zug eintrifft, wuchte ich unser Gepäck hinein und suche zwei freie Plätze. Melanie lässt sich auf den am Fenster fallen. »Weck mich, wenn wir in London ankommen.«

Ich starre sie eine Sekunde lang an, doch sie hat sich bereits ans Fenster gekuschelt und die Augen geschlossen. Seufzend schiebe ich ihre Umhängetasche unter ihre Füße und lege meine Strickjacke auf den Sitz neben ihr, um Diebe oder lüsterne alte Männer abzuschrecken. Anschließend mache ich mich auf den Weg zum Speisewagen. Das Frühstück im Hotel habe ich verpasst, und jetzt knurrt mir der Magen, und meine Schläfen pochen – die ersten Anzeichen von Hungerkopfschmerzen.

Obwohl Europa der Kontinent der Züge ist, sind wir auf unserer Tour mit keinem gefahren. Die Langstrecken haben wir mit dem Flugzeug zurückgelegt und alle Wege dazwischen mit dem Bus. Als ich durch die Waggons gehe, öffnen sich die automatischen Türen mit einem zufriedenstellenden Wusch, und der Zug schaukelt angenehm unter meinen Füßen. Draußen rast die grüne Landschaft vorbei.

Im Speisewagen begutachte ich das armselige Angebot und bestelle schließlich ein Käsesandwich, Tee und die Salt and Vinegar-Chips, nach denen ich mittlerweile süchtig bin. Dazu noch eine Dose Cola für Melanie. Ich packe die Sachen in einen Pappträger und will gerade zu meinem Platz zurücklaufen, als einer der Tische am Fenster frei wird. Ich zögere einen Augenblick. Ich sollte zurück zu Melanie gehen. Andererseits schläft sie und merkt sowieso nichts. Also setze ich mich an den Tisch und starre aus dem Fenster. Die Landschaft wirkt durch und durch englisch – grün, sauber, von Hecken unterteilt, die flauschigen Schafe wie Spiegelbilder der immer präsenten Wolken am Himmel.

»Ganz schön chaotisches Frühstück.«

Diese Stimme. Nachdem ich sie gestern Abend vier Akte lang gehört habe, erkenne ich sie sofort wieder.

Ich blicke auf und er steht direkt neben mir, eine Art verschlafenes Grinsen im Gesicht, als sei er in dieser Sekunde erst aufgewacht.

»Chaotisch? Wieso?«, frage ich. Ich sollte überrascht sein, bin es aber irgendwie nicht. Ich muss mir auf die Lippe beißen, um nicht ebenfalls zu grinsen.

Aber er antwortet nicht. Geht an die Theke und bestellt einen Kaffee. Mit einer Kopfbewegung deutet er auf meinen Tisch, und ich nicke.

»In vielerlei Hinsicht«, sagt er und setzt sich mir gegenüber. »Sieht nach einer Expat mit Jetlag aus.«

Ich mustere mein Sandwich, den Tee und die Chips vor mir. »Expat mit Jetlag? Woraus schließt du das?«

Er bläst in seinen Kaffee. »Ganz einfach. Erstens ist es nicht mal neun Uhr morgens. Der Tee ist also normal. Aber Sandwich und Chips? Das ist eher was für mittags. Ganz zu schweigen von der Cola.« Er tippt an die Dose. »Das Timing ist ganz durcheinander. Dein Frühstück hat Jetlag.«

Das bringt mich zum Lachen. »Die Doughnuts haben eklig ausgesehen.« Ich deute zur Theke.

»Absolut. Deswegen habe ich auch mein eigenes Frühstück dabei.« Er greift in seine Tasche und fängt an, irgendwas aus einem zerknitterten Wachspapier auszupacken.

»Moment mal, das sieht mir aber auch verdächtig nach Sandwich aus«, bemerke ich.

»Aber nein. Das ist ein Brot mit Hagelslag.«

»Hachel was?«

»Ha-chel-slach.« Er klappt die Brotscheiben auseinander, die mit Butter bestrichen und mit einer Art Schokostreuseln besprenkelt sind.

»Und du nennst mein Frühstück chaotisch? Du isst ein Dessert zum Frühstück.«

»Das essen wir in Holland morgens, das ist ganz typisch. Das oder Uitsmijter, also Spiegelei mit Schinken.«

»Das muss ich aber nicht probieren, oder? Ich kann nicht mal versuchen, es auszusprechen.«

»Öit-smäi-ter. Das können wir später üben. Aber das bringt mich zum zweiten Punkt. Dein Frühstück ist wie ein Expat. Fang ruhig schon mal an. Ich kann reden, während du isst.«

»Danke. Freut mich, dass du multitaskingfähig bist.« Ich muss lachen. Was für eine merkwürdige Situation! Seltsam und zugleich so selbstverständlich. Ja, ich flirte, und zwar beim Frühstück über das Frühstück. »Und was ist ein Expat?«

»Jemand, der oder die für eine Weile im Ausland lebt. Also, du hast dir ein Sandwich ausgesucht. Sehr amerikanisch. Der Tee dagegen – britisch. Dazu die Chips oder Crisps, wie immer du sie nennen willst. Sie sind zwar beides, aber du isst sie mit Salz und Essig, also typisch englisch, allerdings zum Frühstück, was wiederum amerikanisch wirkt. Und dann Cola am frühen Morgen! Cola und Chips, ist das ein typisch amerikanisches Frühstück?«

»Woher weißt du eigentlich, dass ich aus Amerika komme?«, frage ich provozierend.

»Du meinst, abgesehen davon, dass du mit einer amerikanischen Reisegruppe unterwegs warst und mit amerikanischem Akzent sprichst?« Er beißt ein Stück von seinem Hachel-dingsbums-Brot ab und trinkt einen Schluck Kaffee.

Wieder beiße ich mir auf die Lippe, um nicht zu grinsen. »Genau. Abgesehen davon.«

»Hm, das waren wirklich die einzigen Hinweise. Tatsächlich siehst du nicht besonders amerikanisch aus.«

»Ach, wirklich?« Ich öffne meine Chipstüte, und ein scharfer Geruch nach Essig steigt daraus empor. Ich halte ihm einladend die Tüte hin, aber er lehnt ab und beißt stattdessen in sein Brot. »Wie sehen denn Amerikanerinnen aus?«

Achselzuckend antwortet er: »Blond. Große …« Er deutet mit seinen Händen Brüste an. »Weiche Gesichtszüge.« Er wedelt vor seinem Gesicht herum. »Hübsch. So wie deine Freundin.«

»Und ich sehe also nicht so aus?« Ich weiß nicht, warum ich nachhake. Ich weiß genau, wie ich aussehe. Dunkles Haar. Dunkle Augen. Markante Züge. Keine Kurven, kaum Busen. Ich spüre einen leichten Stich. Hat er mich nur deswegen angebaggert, weil er sich an Melanie ranmachen will?

»Nein«, antwortet er und mustert mich mit diesen Augen. Gestern sahen sie so dunkel aus, aber aus der Nähe erkenne ich viele Farben – Grau, Braun, sogar Gold funkelt darin. »Weißt du, wie du aussiehst? Wie Louise Brooks.«

Ich starre ihn verständnislos an.

»Du kennst sie nicht? Den Stummfilmstar?«

Ich schüttele den Kopf. Stummfilme haben mich nie interessiert.

»In den 1920ern war sie absolut berühmt. Amerikanerin. Eine Wahnsinnsschauspielerin.«

»Und nicht blond.« Das soll ein Witz sein, kommt aber nicht so rüber.

Er beißt noch einmal von seinem Brot ab. Ein winziger Schokokrümel bleibt in seinem Mundwinkel kleben. »Bei uns in den Niederlanden gibt es eine Menge Blondinen. Wenn ich blond sehen will, brauche ich nur in den Spiegel zu gucken. Louise Brooks war dunkelhaarig. Sie hatte so unglaublich traurige Augen, fein geschnittene Gesichtszüge und das gleiche Haar wie du.« Er berührt sein eigenes Haar, das genauso zerzaust ist wie gestern Abend. »Du gleichst ihr so sehr, ich sollte dich Louise nennen.«

Louise. Das gefällt mir.

»Nein, nicht Louise. Lulu. Das war ihr Spitzname.«

Lulu. Das gefällt mir sogar noch besser.

Er streckt die Hand aus. »Hi, Lulu. Ich bin Willem.«

Seine Hand ist warm, sein Griff fest. »Nett, dich kennenzulernen, Willem. Ich könnte dich eigentlich Sebastian nennen, wenn wir jetzt neue Identitäten annehmen.«

Als er lacht, bilden sich kleine Fältchen um seine Augen. »Nein, Willem ist mir lieber. Sebastian ist irgendwie, wie sagt man … passiv, wenn man genauer darüber nachdenkt. Er heiratet Olivia, die ursprünglich seine Schwester in Männergestalt begehrt hat. Das passiert oft bei Shakespeare. Die Frauen nehmen sich, was sie wollen; die Männer werden manipuliert und ausgetrickst.«

»Ich weiß nicht. Ich habe mich gefreut, als es gestern Abend für alle ein Happy End gab.«

»Ja, es ist eine schöne Geschichte, mehr aber auch nicht. Ein Märchen. Vielleicht schuldet Shakespeare seinen Komödienfiguren aber auch diese Happy Ends, weil er in seinen Tragödien so grausam ist. Denk nur mal an Hamlet. Oder Romeo und Julia. Das grenzt ja schon an Sadismus.« Er schüttelt den Kopf. »Sebastian ist okay, aber er hat sein Schicksal nicht in der Hand. Dieses Privileg verleiht Shakespeare der Viola.«

»Aber du hast dein Schicksal in der Hand?«, frage ich. Ich höre meine Worte und kann es kaum glauben. Als ich klein war, ging ich manchmal zur Schlittschuhbahn bei uns um die Ecke. In meiner Phantasie vollführte ich Pirouetten und Sprünge, doch auf dem Eis konnte ich kaum aufrecht auf meinen Schlittschuhen stehen. Als ich älter wurde, erlebte ich dasselbe im Umgang mit anderen Menschen: In meiner Phantasie bin ich mutig und geradeheraus, aber was aus mir herauskommt, klingt immer nur brav und höflich. Nicht einmal bei meinem Freund Evan, mit dem ich die ganze elfte und den größten Teil der zwölften Klasse zusammen war, konnte ich das schlittschuhlaufende, wirbelnde, springende Mädchen sein, von dem ich annahm, es sein zu können. Doch heute bin ich es auf einmal.

»O nein, überhaupt nicht. Ich gehe, wohin der Wind mich trägt.« Er verstummt, denkt darüber nach. »Vielleicht gibt es doch gute Gründe dafür, warum ich den Sebastian spiele.«

»So, und wohin trägt der Wind dich jetzt?«, frage ich und hoffe, dass er in London bleibt.

»Ich steige in London um und fahre weiter nach Holland. Gestern Abend war meine letzte Vorstellung für diese Saison.«

Ich bin enttäuscht. »Oh.«

»Du hast dein Sandwich gar nicht gegessen. Ich muss dich übrigens warnen: Die schmieren hier dick Butter unter den Käse, oder sogar Margarine.«

»Ich weiß.« Ich ziehe die schlaffen Tomaten vom Brot und wische etwas von der überschüssigen Butter/Margarine mit meiner Serviette ab.

»Mit Mayonnaise würde es besser schmecken«, meint Willem.

»Nur, wenn es mit Hühnchen belegt wäre.«

»Nein, Käse mit Mayonnaise schmeckt sehr gut.«

»Das klingt eklig!«

»Nur, wenn du noch nie anständige Mayonnaise probiert hast. Ich habe gehört, dass es die in Amerika nicht gibt.«

Ich muss so sehr lachen, dass mir Tee aus der Nase spritzt.

»Was ist denn?«, fragt Willem. »Was hast du?«

»Anständige Mayonnaise!«, pruste ich zwischen zwei Lachanfällen. »Das hört sich an, als gäbe es eine Böse-Mädchen-Mayonnaise, die ungezogen ist und klaut, und eine Gute-Mädchen-Mayonnaise, die anständig ist und brav, und mein Problem ist, dass ich die richtige nie kennengelernt habe.«

»Genau so ist es«, sagt Willem und fängt auch an zu lachen.

Wir biegen uns vor Lachen, als Melanie in den Speisewagen kommt, bepackt mit ihren Sachen und meiner Strickjacke. »Ich hab dich überall gesucht«, mault sie.

»Du hast gesagt, dass ich dich in London aufwecken soll.« Ich schaue aus dem Fenster. Die idyllische englische Landschaft ist hässlichen grauen Vorstadtbezirken gewichen.

Melanie sieht Willem, reißt die Augen auf und sagt: »Du bist also doch nicht mit dem Schiff untergegangen.«

»Nein«, erwidert er, sieht aber dabei mich an. »Sei nicht böse auf Lulu. Es ist nicht ihre Schuld. Ich habe sie aufgehalten.«

»Lulu?«

»Ja, die Kurzform von Louise. Das ist mein neues Alter Ego, Mel.« Ich sehe sie flehentlich an, mich nicht zu verraten. Ich bin gerne Lulu und will es noch eine kleine Weile bleiben.

Melanie reibt sich den Schlaf aus den Augen. Dann lässt sie sich achselzuckend auf den Stuhl neben Willem plumpsen. »Na schön. Sei, wer immer du willst. Ich wäre gern jemand mit einem neuen Kopf.«

»Sie ist noch nicht so an Kater gewöhnt«, erkläre ich Willem.

»Halt die Klappe!«, faucht Melanie.

»Willst du etwa behaupten, das sei ein alter Hut für dich, wie man hier sagt?«

»Musst du heute Morgen so rumklugscheißern?«

»Ich hab was für dich.« Willem holt ein kleine weiße Dose aus seinem Rucksack und schüttelt einige weiße Kügelchen auf Melanies Handfläche. »Lass die unter der Zunge zergehen. Dann fühlst du dich bald besser.«

»Was ist das?«, fragt sie misstrauisch.

»Etwas rein Pflanzliches.«

»Oder vielleicht so was wie K.-o.-Tropfen als Kügelchen?«

»Klar. Weil er möchte, dass du hier mitten im Zug ohnmächtig wirst«, bemerke ich.

Willem zeigt Melanie das Etikett. »Meine Mutter ist Heilpraktikerin. Die hat sie mir gegen Kopfschmerzen gegeben. Wohl kaum, um mich auszuknocken.«

»Hey, mein Vater ist auch Arzt«, sage ich. Allerdings ist er so ziemlich das Gegenteil eines Heilpraktikers. Er ist Lungenspezialist und ein typischer Schulmediziner.

Melanie beäugt die Kügelchen einen Moment, bevor sie sie in den Mund steckt. Als der Zug zehn Minuten später in den Bahnhof einfährt, sind ihre Kopfschmerzen schon nicht mehr so schlimm.

Wie selbstverständlich steigen wir drei gemeinsam aus: Melanie und ich mit unseren vollgestopften Rollkoffern, Willem mit seinem kompakten Rucksack. Draußen auf dem Bahnsteig empfängt uns die jetzt schon brennend heiße Sommersonne. Als wir die Marylebone-Bahnhofshalle betreten, ist es schön kühl.

»Veronica hat mir eine SMS geschrieben, dass sie sich verspätet«, sagt Melanie. »Wir sollen uns vor WHSmith treffen. Was auch immer das ist.«

»Eine Buchhandlung«, erklärt Willem und zeigt auf die andere Seite der Bahnhofshalle. Die ist zwar hübsch und aus roten Backsteinen erbaut, aber ich bin enttäuscht, dass wir nicht in so einem großen, beeindruckenden Bahnhof mit klappernden Anzeigetafeln gelandet sind, wie ich es mir erhofft hatte. Stattdessen gibt es hier nur eine Bildschirmanzeige. Ich trete näher heran und stelle fest, dass die Ziele alles andere als exotisch klingen: High Wycombe und Banbury, aber bestimmt ist es dort auch sehr nett. Es ist wirklich dumm. Gerade habe ich eine Rundreise durch die großen Städte Europas beendet – Rom, Florenz, Prag, Wien, Budapest, Berlin, Edinburgh und jetzt wieder London – und die meiste Zeit habe ich nur die Tage gezählt, bis wir wieder nach Hause fahren. Warum sollte mich also ausgerechnet jetzt die Reiselust packen?

»Was hast du denn?«, fragt Melanie.

»Ach, ich habe mir eine so große Anzeigetafel erhofft, wie wir sie auf einigen Flughäfen gesehen haben.«

»An der Centraal Station in Amsterdam gibt es so eine«, erzählt Willem. »Ich stehe gerne davor und stelle mir vor, ich könnte mir irgendein Ziel aussuchen und einfach losfahren.«

»Ehrlich? Genau, das meine ich!«

»Wieso denn?«, fragt Melanie mit einem Blick auf die Monitore. »Was hast du denn gegen Bicester North?«

»Das klingt halt nicht so interessant wie zum Beispiel Paris«, erwidere ich.

»Ach, komm schon. Bist du etwa immer noch deswegen sauer?« Melanie dreht sich zu Willem um. »Nachdem wir in Rom waren, sollten wir eigentlich nach Paris weiterfliegen, aber die Fluglotsen haben gestreikt, alle Flüge wurden gestrichen, und mit dem Bus war es zu weit. Deswegen ist sie immer noch enttäuscht.«

»In Frankreich wird ständig wegen irgendetwas gestreikt«, sagt Willem und nickt.

»Stattdessen sind wir nach Budapest gefahren«, sage ich. »Das hat mir gut gefallen, aber ich kann einfach nicht fassen, dass ich so dicht an Paris bin und trotzdem nicht hinkomme.«

Willem sieht mich eindringlich an, während er den Riemen seines Rucksacks um seinen Finger wickelt. »Dann fahr doch«, sagt er.

»Wohin?«

»Nach Paris.«

»Geht nicht. Wurde gestrichen.«

»Dann fahr jetzt.«

»Die Tour ist vorbei. Und wahrscheinlich streiken die sowieso immer noch.«

»Du kannst mit dem Zug fahren. Von London aus ist man in zwei Stunden in Paris.« Er schaut auf die große Uhr an der Wand. »Zum Mittagessen könntest du dort sein. Die Sandwiches in Paris sind übrigens wesentlich besser als hier.«

»Aber, aber, ich spreche doch gar kein Französisch. Ich habe keinen Reiseführer. Ich habe nicht mal französisches Geld. Die haben Euros, oder?« Ich zähle alle diese Punkte als Gründe dafür auf, warum ich nicht fahren kann, dabei hätte Willem, wenn ich ehrlich bin, genauso gut vorschlagen können, dass ich mit einer Rakete zum Mond fliegen soll. Ich weiß, dass Europa klein ist und die Leute hier so etwas tun. Aber ich nicht.

Willem sieht mich immer noch an, den Kopf ein wenig schiefgelegt.

»Es würde nicht funktionieren«, sage ich abschließend. »Ich kenne Paris überhaupt nicht.«

Willem wirft einen Blick auf die Uhr an der Wand. Dann sieht er mich an. »Aber ich kenne Paris.«

Mein Herz schlägt die wildesten, albernsten Purzelbäume, aber mein absolut rationaler Verstand listet weiterhin die ganzen Gründe auf, warum es auf gar keinen Fall geht. »Ich weiß nicht, ob ich genug Geld habe. Was kosten die Fahrkarten?« Ich hole mein Portemonnaie aus der Tasche und zähle mein restliches Bargeld. Ich habe noch ein paar Pfund fürs Wochenende, eine Kreditkarte für Notfälle und einen Hundertdollarschein, den meine Mutter mir für den absoluten Supergau mitgegeben hat, wenn bei einem Notfall die Kreditkarte nicht funktioniert. Aber das ist kein Notfall, und wenn ich die Karte benutze, würde das meine Eltern alarmieren.

Willem greift in seine Hosentasche und zieht eine Handvoll Geld in verschiedenen Währungen hervor. »Mach dir deswegen keine Sorgen. Das war ein ziemlich guter Sommer.«

Ich starre die Geldscheine in seiner Hand an. Würde er das wirklich tun? Mit mir nach Paris fahren? Aber warum sollte er?

»Wir haben morgen Abend Karten für Let It Be«, mahnt Melanie, plötzlich die Stimme der Vernunft. »Und am Sonntag fliegen wir. Deine Mutter würde ausflippen. Im Ernst, die würde dich umbringen.«

Ich sehe Willem an, aber er zuckt nur mit den Achseln, als könne er nicht leugnen, dass da etwas Wahres dran ist.

Ich will schon einen Rückzieher machen, sein Angebot dankend ausschlagen, doch dann ist es so, als würde Lulu plötzlich die Initiative ergreifen. Ich drehe mich zu Melanie um und sage: »Sie kann mich nicht umbringen, wenn sie es nicht erfährt.«

Melanie lacht auf. »Deine Mutter? Sie wird es erfahren.«

»Nicht, wenn du dichthältst.«

Melanie schweigt.

»Bitte! Überleg mal, wie oft ich für dich auf unserer Reise dichtgehalten habe.«

Melanie seufzt dramatisch. »Ja, aber ich bin nur im Pub gewesen und nicht gleich in einem ganz anderen Land.«

»Aber du hast mich doch eben kritisiert, weil ich so was nie mache.«

Jetzt hab ich sie. Sie ändert ihre Taktik. »Wie soll ich denn für dich dichthalten, wenn deine Mutter auf der Suche nach dir mich anruft? Und das wird sie tun, das weißt du genau.«

Mom war ganz wütend gewesen, als sie feststellte, dass mein Handy hier drüben nicht funktioniert. Man hatte uns versichert, es würde gehen, und als das nicht der Fall war, rief meine Mutter aufgebracht beim Anbieter an. Doch offenbar konnte man nichts daran ändern, es hatte irgendetwas mit der Frequenz zu tun. Am Ende war das aber gar nicht so schlimm. Sie kannte unsere genaue Reiseroute und wusste, wann sie mich in den Hotels erreichen konnte, und wenn das nicht klappte, rief sie auf Melanies Handy an.

»Vielleicht könntest du dein Handy ausschalten, damit gleich die Mailbox anspringt?«, schlage ich vor. Ich schaue Willem an, der immer noch mit der Faust voller Geld vor mir steht. »Bist du dir sicher? Ich dachte, du wolltest zurück nach Holland fahren.«

»Das dachte ich auch. Aber vielleicht weht mich der Wind einfach in eine andere Richtung.«

Wieder schaue ich zu Melanie hinüber. Es liegt jetzt an ihr. Sie kneift ihre grünen Augen zusammen und starrt Willem an. »Wenn du meine Freundin vergewaltigst oder ermordest, bringe ich dich um.«

Willem grinst und schüttelt mit dem Kopf. »Ihr Amerikaner seid so brutal. Hey, ich bin Holländer! Ich würde sie höchstens mit dem Rad überfahren.«

»Weil du bekifft bist!«, ergänzt Melanie.

»Okay, da könntest du recht haben«, gibt Willem zu. Er sieht mich an, und ich spüre, wie ein Flattern meinen Körper erfasst. Werde ich das wirklich tun?

»Also, Lulu? Was sagst du dazu? Möchtest du für einen Tag nach Paris fahren?«

Das ist total verrückt. Ich kenne ihn nicht mal. Und ich könnte erwischt werden. Und wie viel kann man an einem Tag von Paris sehen? Es könnte in so vielerlei Hinsicht katastrophal schieflaufen. All das ist richtig. Ich weiß. Aber das ändert nichts daran, dass ich fahren möchte.

Anstatt nein zu sagen, probiere ich diesmal etwas anderes aus.

Ich sage ja.

Drei

Der Eurostar ist ein stupsnasiger, schlammbespritzter, gelber Zug, und als wir endlich einsteigen, bin ich verschwitzt und außer Atem. Nachdem wir hastig Pläne geschmiedet, Informationen eingeholt, uns von Melanie verabschiedet und einen Treffpunkt für morgen vereinbart hatten, sind Willem und ich nur noch gerannt. Aus dem Bahnhof Marylebone raus, durch die überfüllten Londoner Straßen und rein in die U-Bahn, wo ich in eine Art Duell mit der Schranke verwickelt wurde, die mir dreimal den Einlass verwehrte. Als sie sich endlich öffnete, klemmte sie hinter mir meinen Koffer ein, riss meinen Teen-Tours!-Gepäckanhänger ab und wirbelte ihn unter den Ticketautomaten. »Jetzt werde ich so richtig abtrünnig«, scherzte ich.

Im riesigen Bahnhof St. Pancras zeigte mir Willem erst die Anzeigetafeln, bei denen Ziffern und Zahlen wechseln, als würden sie umgeblättert, bevor wir zu den Warteschlangen vor dem Eurostarschalter eilten, wo er seinen ganzen Charme spielen ließ, bis die Frau am Schalter sein Zugticket nach Hause in ein Ticket nach Paris umbuchte. Dann investierte er viel zu viel von seinem Geld, um auch für mich ein Ticket zu kaufen. Anschließend liefen wir schnell durch den Check-in, wo wir unsere Pässe zeigten. Einen Moment lang befürchtete ich, Willem könnte einen Blick in meinen Pass werfen, der nicht Lulu, sondern Allyson gehört. Und nicht einfach nur Allyson, sondern der fünfzehnjährigen Allyson in ihrer schlimmsten Pickelphase. Doch das tat er nicht, und wir gelangten gerade noch rechtzeitig hinunter in die futuristische Abfertigungshalle, um schnell wieder nach oben zu hetzen und unseren Zug zu erwischen.

Erst als wir uns auf unsere reservierten Plätze im Zug fallen lassen, komme ich wieder zu Atem und werde mir bewusst, was ich getan habe. Ich fahre nach Paris. Mit einem Fremden. Mit diesem Fremden.

Ich tue so, als wäre ich mit meinem Gepäck beschäftigt, und beobachte ihn verstohlen. Sein Gesicht erinnert mich an eines dieser Outfits, die nur Mädchen mit einem bestimmten Stil hinkriegen: nicht zusammenpassende Teile, die einzeln nicht gehen, aber zusammen ein attraktives Ganzes ergeben. Die Umrisse sind scharf, fast kantig, seine Lippen aber weich und rot, genau wie seine Wangen. Er sieht sowohl alt als auch jung aus, hart und zart zugleich. Er ist nicht in der Weise attraktiv wie ein männliches Model oder der umschwärmte Kapitän der Highschool-Football-Mannschaft, mit anderen Worten kein glatter Typ. Ich kann nicht anders, als ihn dauernd anzusehen.

Offenbar bin ich nicht die Einzige. Ein paar Mädchen mit Rucksäcken schlendern den Gang entlang, die Augen dunkel und schläfrig, irgendwie so, als wollten sie sagen: Wir essen Sex zum Frühstück. Eines von ihnen lächelt Willem im Vorbeigehen an und sagt etwas auf Französisch. Er antwortet, ebenfalls auf Französisch, und hilft ihr, ihren Rucksack in die Gepäckablage zu heben. Die Mädchen setzen sich eine Reihe hinter uns auf die gegenüberliegende Seite, die kleinere von ihnen sagt etwas, und Willem und die Mädchen lachen. Ich will schon fragen, was sie gesagt hat, doch plötzlich fühle ich mich entsetzlich jung und fehl am Platz, so als hätte man mich an Thanksgiving an den Kindertisch abgeschoben.

Wenn ich doch nur an der Highschool Französisch gewählt hätte! In der neunten Klasse wäre die Möglichkeit dazu gewesen, und ich hätte es auch gern getan, doch meine Eltern haben mich dazu gedrängt, Mandarin zu wählen. »Chinesisch hat Zukunft; du wirst wesentlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, wenn du Chinesisch sprichst«, hatte Mom gesagt. Chancen worauf?, hatte ich mich gefragt. Doch in den letzten vier Jahren habe ich Mandarin gebüffelt und werde wohl damit weitermachen, wenn ich nächsten Monat aufs College wechsele.

Ich warte darauf, dass Willem sich wieder hinsetzt, doch stattdessen sieht er erst mich an und dann den französischen Mädchen nach, die den Gang hinunterspazieren, nachdem sie ihre Sachen abgelegt haben.

»Zugfahrten machen mich hungrig, und du hast heute Morgen dein Sandwich nicht gegessen«, bemerkt er. »Ich gehe mal in den Speisewagen und besorg uns Proviant. Was hättest du gerne, Lulu?«

Lulu würde wahrscheinlich etwas Exotisches wählen. Mit Schokolade überzogene Erdbeeren. Austern. Allyson dagegen ist ein Erdnussbutterbrot-Mädchen. Ich weiß nicht genau, auf was ich Hunger habe.

»Egal, irgendetwas.«

Ich blicke ihm nach. Ziehe ein Magazin aus der Sitztasche vor mir und lese einige Informationen über den Zug: Der Kanaltunnel ist 50 Kilometer lang. Er wurde 1994 eröffnet, nach einer Bauzeit von sechs Jahren. Die Höchstgeschwindigkeit des Eurostar beträgt 300 Kilometer pro Stunde. Auf der Tour war das genau die Art von Trivial-Pursuit-Stoff, den uns Ms Foley aus ihren Ausdrucken vorlas. Ich lege das Magazin beiseite.

Der Zug fährt an, doch so sanft, dass ich es nur bemerke, weil sich der Bahnsteig von uns entfernt, als würde er sich bewegen und nicht der Zug. Das Abfahrtssignal ertönt. Draußen vor dem Fenster glitzern die Bögen von St. Pancras zum Abschied, bevor wir in einen Tunnel eintauchen. Ich blicke mich im Waggon um. Alle anderen Fahrgäste wirken zufrieden und beschäftigt: Sie lesen Zeitschriften, schreiben auf Laptops, verschicken SMS, telefonieren oder unterhalten sich mit ihren Sitznachbarn. Ich blicke über die Rückenlehne den Gang entlang, doch von Willem ist nichts zu sehen. Auch die französischen Mädchen sind noch weg.

Wieder greife ich nach dem Magazin und lese eine Restaurantkritik, ohne ein Wort zu erfassen. Weitere Minuten vergehen. Der Zug fährt jetzt schneller, lässt arrogant Londons hässliche Vorstädte und Lagerhallen links liegen. Eine Durchsage kündigt den ersten Halt an, und ein Schaffner kommt vorbei und entwertet meine Fahrkarte. »Sonst noch jemand zugestiegen?«, fragt er mit einer Geste auf Willems leeren Sitzplatz.

»Ja.« Allerdings sind seine Sachen nicht hier. Und es gibt keinen Beweis, dass er jemals hier gewesen ist.

Ich werfe einen Blick auf meine Armbanduhr. 10.43 Uhr. Wir haben London schon vor einer Viertelstunde verlassen. Einige Minuten später treffen wir in Ebbsfleet ein, einem nüchtern gestalteten, modernen Bahnhof. Zahlreiche neue Passagiere steigen zu. Ein älterer Mann mit Aktenkoffer bleibt vor Willems Platz stehen, als wolle er sich setzen, geht jedoch mit einem Blick auf sein Ticket weiter den Gang entlang. Ein Signal ertönt, die Zugtüren schließen sich, und dann fahren wir weiter. Das städtische London weicht grüner Landschaft. In der Ferne erblicke ich ein Schloss. Der Zug frisst sich gierig durch das Grün, und ich stelle mir vor, wie er einen Haufen aufgewühlte Erde hinter sich lässt. Ich umklammere die Armlehnen und grabe meine Fingernägel tief hinein, als säße ich in einem Wagen dieser Achterbahnen, auf die mich Melanie so gerne mitschleppt, und würde gerade die erste steile Steigung hinaufgezogen. Trotz der kühl eingestellten Klimaanlage bilden sich Schweißtropfen auf meiner Stirn.

Unser Zug fährt mit einem erschreckenden Rumms an einem entgegenkommenden Zug vorbei. Ich zucke zusammen. Nach zwei Sekunden ist der andere Zug an uns vorbeigerast, und ich habe das seltsame Gefühl, dass Willem darin sitzt. Was unmöglich ist. Er hätte sich zum nächsten Bahnhof beamen müssen, um diesen Zug zu erwischen.

Was aber nicht heißen muss, dass er sich in diesem Zug befindet.

Ich schaue auf meine Armbanduhr. Es ist zwanzig Minuten her, seit er in den Speisewagen gegangen ist. Unser Zug hatte den Bahnhof noch nicht verlassen. Er könnte schon vor der Abfahrt mit diesen Mädchen zusammen ausgestiegen sein. Oder an der letzten Haltestelle. Vielleicht war es das, was sie zu ihm gesagt haben: Warum lässt du diese langweilige Amerikanerin nicht sitzen und hängst lieber mit uns ab?

Er ist nicht in diesem Zug.

Diese Gewissheit trifft mich mit demselben Schlag, wie es der entgegenkommende Zug getan hat. Er hat seine Meinung geändert. In Bezug auf Paris. In Bezug auf mich.

Mit mir nach Paris zu fahren war wie eine Art Impulskauf, wie wenn man vor der Kasse im Supermarkt noch schnell irgendein Teil mitnimmt und erst draußen feststellt, was für einen Mist man gekauft hat.

Dann kommt mir ein neuer Gedanke: Angenommen, das ist alles Teil eines Plans? Suche die naivste Amerikanerin, die du finden kannst, locke sie in einen Zug, lass sie allein und schicke sie … Keine Ahnung wohin … Zu einer kriminellen Bande, die sie versklavt? Mom hat mal einen Fernsehbericht darüber aufgenommen. Vielleicht hat er mich deswegen gestern Abend angesehen und deswegen ausgerechnet mich im Zug nach London angesprochen. Hätte er sich eine leichtere Beute aussuchen können? Ich habe genügend Tiersendungen im Fernsehen gesehen, um zu wissen, dass sich Löwen immer die schwächste Gazelle aussuchen.

Doch so unrealistisch diese Möglichkeit ist, so erschreckend tröstlich ist sie auch. Die Welt ergibt auf einmal wieder einen Sinn. Das würde wenigstens erklären, warum ich in diesem Zug sitze.

In dem Moment landet etwas auf meinem Kopf, weich und knisternd, doch in meiner Panik schrecke ich zusammen.

Ein zweites Wurfgeschoss trifft mich. Ich hebe es auf: eine Tüte Salt and Vinegar-Chips.

Ich blicke auf. Willem lächelt schuldbewusst wie ein Bankräuber, der reiche Beute gemacht hat: einen Schokoriegel, drei Tassen mit verschiedenen heißen Getränken, eine Flasche Orangensaft unter einem Arm, eine Dose Cola unter dem anderen. »Bitte entschuldige, dass es so lange gedauert hat. Der Speisewagen ist ganz am anderen Ende, und er hat erst aufgemacht, als wir aus London raus waren, und es gab eine Schlange. Und ich wusste nicht, ob du lieber Kaffee oder Tee haben willst, deswegen habe ich beides genommen. Dann habe ich mich an die Cola von heute Morgen erinnert, bin noch mal zurück und habe eine Dose besorgt. Auf dem Rückweg bin ich mit einem total verrückten Belgier zusammengestoßen, hab mich komplett mit Kaffee bekleckert und musste einen Umweg übers Klo nehmen. Aber das hat die Sache, glaube ich, nur noch schlimmer gemacht.« Er stellt die beiden kleinen Pappbecher und die Cola auf den Klapptisch vor mir und zeigt auf seine Jeans, wo sich vorne ein großer nasser Fleck ausgebreitet hat.

Normalerweise bringen mich Furz- und Ekelwitze nicht zum Lachen, und als Jonathan Spalicki letztes Jahr in Biologie einen fahren ließ und Mrs Huberman den Unterricht frühzeitig abbrechen musste, weil die ganze Klasse vor Lachen unter den Tischen lag, bedankte sie sich bei mir, weil ich als Einzige ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung zeigte.

Lachanfälle sind also nicht meine Art. Jedenfalls nicht wegen eines nassen Flecks.

Doch als ich den Mund öffne, um Willem mitzuteilen, dass ich gar keine Cola mag und die von heute Morgen für Melanie gedacht war, kommt nur ein Quietschen raus. Plötzlich höre ich mich lachen, und das wiederum wirkt wie ein Zündfunke. Ich muss so sehr lachen, dass ich nach Luft schnappe. Die Paniktränen, die sich in meinen Augen gesammelt hatten, haben jetzt eine gute Entschuldigung, mir über das Gesicht zu laufen.

Willem verdreht die Augen, blickt genervt auf seine Jeans und nimmt sich ein paar Servietten vom Tablett. »Ich hätte nicht geglaubt, dass es so schlimm ist.« Er tupft sich die Hose ab. »Gibt Kaffee Flecken?«

Die Frage löst einen weiteren Lachkrampf aus. Willem schenkt mir ein trockenes, geduldiges Lächeln, als sei er alt genug, um Witze auf seine Kosten zu verkraften.

»Tut mir leid.« Ich schnappe nach Luft. »Ich lache. Nicht. Über. Deine. Hose.«

Ich habe das amerikanische Wort für Hose, pants, benutzt! Dabei hat uns Ms Foley bei ihren Ausführungen zum Unterschied zwischen britischem und amerikanischem Englisch eingeschärft, dass pants in England Unterhose bedeutet und Hose trousers heißt und wir daran denken sollten, um peinliche Missverständnisse zu vermeiden. Als sie uns das erklärte, wurde sie ganz rot.

Ich krümme mich jetzt vor Lachen. Als ich es endlich schaffe, mich wieder aufzurichten, sehe ich eines der französischen Mädchen durch den Gang zurückkehren. Als sie sich an Willem vorbeischiebt, legt sie ihm von hinten eine Hand auf den Arm und lässt sie dort für einen Moment liegen. Dann sagt sie etwas auf Französisch, bevor sie auf ihren Platz schlüpft.

Willem sieht sie nicht einmal an, sondern dreht sich stattdessen wieder zu mir um. In seinen dunklen Augen sind lauter Fragezeichen.

»Ich dachte, du wärst aus dem Zug gestiegen.« Das Geständnis sprudelt mit den Champagnerbläschen meiner Erleichterung einfach aus mir heraus.

O nein! Habe ich das wirklich gesagt? Ich kichere immer noch vor mich hin und wage es nicht, ihn anzusehen, denn wenn er mich bis jetzt nicht im Zug zurücklassen wollte, dann bestimmt jetzt.

Ich spüre, wie der Sitz nachgibt, als Willem sich setzt, und als ich endlich den Mut finde, ihm einen Blick zuzuwerfen, stelle ich zu meiner Überraschung fest, dass er weder schockiert noch genervt wirkt, sondern lediglich still und amüsiert vor sich hin lächelt.

Er packt die Snacks aus und zieht ein gebogenes Baguette aus seinem Rucksack. Nachdem er alles auf unseren Klapptischen ausgebreitet hat, sieht er mir direkt in die Augen. »Und warum sollte ich aus dem Zug steigen?«, fragt er mich schließlich mit sanfter, spöttischer Stimme.