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Für den Polizisten Jake Ellis ist es ein Tag wie jeder andere. Bis Molly, die Tochter seiner Freundin, blutüberströmt vor seiner Tür steht. Im selben Moment gibt es einen Alarm: Ein Mann hat einen Überfall begangen, bei dem eine Frau schwer verletzt, ein Passant getötet und ein Kind entführt wurde. Der Name des Täters: Jake Ellis. Jake ahnt, was auf ihn zukommt - und dass jemand versucht, ihm etwas anzuhängen. Daher packt er Molly und flieht. Er weiß: Seine Unschuld zu beweisen ist seine einzige Chance ...
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Seitenzahl: 538
Veröffentlichungsjahr: 2022
Für den Polizisten Jake Ellis ist es ein Tag wie jeder andere. Bis Molly, die Tochter seiner Freundin, blutüberströmt vor seiner Tür steht. Im selben Moment gibt es einen Alarm: Ein Mann hat einen Überfall begangen, bei dem eine Frau schwer verletzt, ein Passant getötet und ein Kind entführt wurde. Der Name des Täters: Jake Ellis. Jake ahnt, was auf ihn zukommt – und dass jemand versucht, ihm etwas anzuhängen. Daher packt er Molly und flieht. Er weiß: Seine Unschuld zu beweisen ist seine einzige Chance …
Alex Knight ist ein britischer Schriftsteller. Er lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in der Nähe von Glasgow.
ALEX KNIGHT
NUR EINE CHANCE
THRILLER
Aus dem Englischen vonJan F. Wielpütz
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:
Copyright © Alex Knight 2020
Titel der englischen Originalausgabe: »Hunted«
Originalverlag: Orion Fiction, an imprint ofThe Orion Publishing Group Ltd., London
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Anne Fröhlich, Bremen
Titelillustration: © Drunaa/Trevillion Images
Umschlaggestaltung: U1berlin/Patrizia Di Stefano
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-0995-8
luebbe.de
lesejury.de
Für Karen und Gerry
»Gott macht manche Menschen zu Poeten.Manche macht Er zu Königen, manche zu Bettlern.Mich machte Er zu einem Jäger.«
Das grausamste Spiel, Richard Connell
Das energische Klopfen an der Tür war das zweite Zeichen an diesem Morgen, dass Jake Ellis’ Leben kurz davorstand, sich in seine Bestandteile aufzulösen.
Jake stellte den Laptop auf die Couch und ging mit raschen Schritten in den schmalen Flur seiner Wohnung im dritten Stock. Das Klopfen wurde drängender.
»Ich komme«, rief er.
Jake trug lediglich eine Jeans, also streifte er sich schnell das T-Shirt über, das noch vom Vortag auf dem Boden lag. Das Klopfen wurde nun von einer Stimme überlagert. Sie klang angstvoll, fast panisch.
»Jake, ich bin’s, Molly. Ich glaube, Mom ist tot.«
Die Worte trafen ihn wie ein Schlag.
Er schloss die Tür auf und öffnete sie. Sollte er Zweifel an dem gehabt haben, was er soeben gehört hatte, so wurde dieser von dem Anblick ausgeräumt, der sich ihm bot.
Molly war dreizehn Jahre alt und groß für ihr Alter. Ihr Gesicht war gerötet und ihr langes rotes Haar zerzaust, einige Strähnen klebten ihr an der verschwitzten Stirn.
Sie trug schwarze Leggings und ein graues Langarm-Shirt mit einem Anime-Charakter auf der Vorderseite. Obwohl der April dieses Jahr in San Francisco ungewöhnlich kalt war, hatte sie keine Jacke an.
Das Shirt und Mollys Unterarme waren voller Blut. Viel Blut.
Rachels Blut.
Jake packte Molly an beiden Oberarmen, um sie zu stützen. Dann zog er sie in die Wohnung und schloss die Tür.
»Was …«, begann er, ohne zu wissen, was genau er fragen sollte. »Gab es einen Unfall?«
Er verwarf den Gedanken, kaum dass er die Worte ausgesprochen hatte. Molly stand unter Schock. Nein, mehr als das, sie war völlig verängstigt. Jake dachte daran, was er gerade auf dem Bildschirm seines Laptops gelesen hatte. Jetzt wusste er, dass es kein kranker Scherz war.
»Wer hat das getan? Wo ist deine Mutter?«
Molly schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wer es war. Mom wollte mich nur zum Fitnessstudio bringen. Wir haben geparkt, und … und das Fenster …«
»Was ist mit dem Fenster?«
»Es ist einfach explodiert.«
»Was soll das heißen? Hat jemand auf euch geschossen? Wurde auf deine Mom geschossen?«
Während er sprach, suchte er mit geübtem Blick Mollys Oberkörper und Arme nach Verletzungen ab, doch es schien keine zu geben. Es war definitiv nicht ihr Blut, das an ihr klebte.
»Wo ist deine Mom?« Die Dringlichkeit in seiner Stimme ließ die Frage wie ein Bellen klingen.
Molly zuckte zusammen.
»Sie … sie …«
Jake registrierte, dass Molly zitterte und ihre Pupillen geweitet waren. Er hatte in seiner Laufbahn immer wieder mit Menschen zu tun gehabt, die unter Schock standen. Dutzende, wenn nicht sogar Hunderte mussten es gewesen sein. Blutüberströmt, desorientiert, so wie Molly. Paralysiert von der erschreckenden Tatsache, dass ihre bislang heile Welt sich wie aus dem Nichts dazu entschieden hatte, ihre hässliche Seite zu präsentieren. Doch etwas war diesmal anders, denn diesmal stand auch Jake unter Schock.
Er legte die Hände sanft auf Mollys Schultern. Ihr Shirt war feucht von Schweiß. Sie musste gerannt sein. Er zwang sich, mit ruhiger Professionalität zu sprechen. »Es ist alles in Ordnung. Molly? Du bist in Sicherheit. Aber ich muss wissen, wo deine Mutter ist. Wenn sie verletzt ist …«
Molly schluckte, blinzelte ein paarmal und holte tief Luft, um sich zu beruhigen und schließlich jene Worte herauszubringen, die für sie unaussprechlich sein mussten: »Ich glaube, Mom ist tot. Der Typ hat auch auf mich geschossen. Ich bin einfach losgerannt. Ich wusste, wo du wohnst, und …«
Ein ungutes Gefühl breitete sich in Jakes Magen aus. Er führte Molly zur Couch und drückte sanft auf ihre Schultern, damit sie sich hinsetzte.
Er wusste, dass es keinen Sinn hatte, sie in diesem Zustand nach Details zu befragen. Das alles musste mit dem zu tun haben, was er vorhin auf seinem Laptop gelesen hatte. Und das bedeutete, dass es vielleicht seine Schuld war.
»Warte hier, ich werde Hilfe holen«, sagte er und lief hinüber ins Schlafzimmer. Sein Smartphone lag dort auf dem Nachttisch. Er wollte es gerade in die Hand nehmen, als es einen schrillen Ton von sich gab und eine Nachricht auf dem Display erschien.
Es handelte sich weder um eine gewöhnliche Textnachricht noch um eine E-Mail. Es war eine besondere Form der Benachrichtigung. Noch bevor er ein Wort gelesen hatte, erkannte Jake die besonderen Merkmale: ein Rechteck mit abgerundeten Ecken, darin ein Dreieck mit einem Ausrufezeichen – so, wie man es von dem Verkehrsschild kennt, das vor Gefahr warnt.
Die Nachricht war ein Amber-Alarm.
Bei Amber handelte es sich um ein spezielles System zur Verbreitung von Vermisstenmeldungen. Wie jeder Bewohner der Bay Area – und viele andere Menschen im ganzen Land – hatte Jake in den vergangenen Jahren zahlreiche Vermisstenmeldungen über Amber erhalten. Er war sogar einige Male an den Ermittlungen in einem solchen Fall beteiligt gewesen, schließlich gehörte das zu seinem Job.
Doch diesmal war alles anders.
Jake überflog die Nachricht, und natürlich ahnte er, worauf es hinauslaufen würde, noch bevor er alle Details gelesen hatte.
Ein vermisstes Kind.
Molly Donaldson, dreizehn Jahre alt.
Der Verdächtige war männlich, mit weißer Hautfarbe, einundvierzig Jahre alt. Vermutlich bewaffnet und gefährlich.
Sein Name: Jake Ellis.
»Weißt du«, sagte Molly zu ihrer Mutter, »es gibt Studien, die belegen, dass manche Menschen genetisch prädisponiert sind, Nachteulen zu sein.«
»Prädisponiert«, murmelte ihre Mutter, während sie den Wagen abbremste, auf die Linksabbiegespur wechselte und auf eine Lücke im Verkehr wartete. »Ein wirklich tolles Wort.«
»Genau. Es ist also diskriminierend, wenn du mich zwingst, so früh aufzustehen.«
»Das ganze Leben ist diskriminierend, Molly.« Rachel Donaldson betrachtete ihre Tochter von der Seite und hob eine Augenbraue. Sie trank einen Schluck Kaffee aus ihrem wiederverwendbaren Becher, während auf der Gegenspur in langsamem Tempo ein Bus vorbeizog. Als der Fahrer anhielt und sie vorbeiwinkte, stellte Rachel den Becher hastig in den Getränkehalter.
Sie bedankte sich mit einem knappen Winken und bog ab.
»Siehst du?«, fuhr Molly fort und sah demonstrativ auf die Uhr am Armaturenbrett. »Wir haben noch genug Zeit. Wie ich dir gesagt habe.«
»Wir hatten Glück mit dem Verkehr.«
Molly verdrehte die Augen und blickte aus dem Fenster. Schlimm genug, dass Mom an jedem Schultag ein solches Theater machte. Wenigstens am Wochenende sollte man ausschlafen dürfen.
Dummerweise konnte Molly den Kurs nur am Samstagmorgen besuchen. Sonst gab es nur noch eine andere Möglichkeit am späten Dienstagnachmittag, was noch ungünstiger war, da Mom dann arbeiten musste. Molly wäre dieser Termin natürlich lieber gewesen, und sie hatte vorgeschlagen, dass sie einfach den Bus nehmen und alleine zum Studio fahren konnte. Schließlich war sie schon dreizehn und kein Baby mehr. Doch Mom hatte dieses Ansinnen rundheraus abgelehnt.
»Vielleicht, wenn die Abende wieder heller werden«, hatte sie geantwortet, in einem so lapidaren Tonfall, als spräche sie von 2028 oder einer noch ferneren Zukunft.
Plötzlich schnappte ihre Mutter nach Luft und trat mit aller Kraft auf die Bremse. Molly wurde nach vorne geschleudert, sodass sich der Sicherheitsgurt stramm vor ihrer Brust spannte. Der Wagen blieb nur wenige Zentimeter vor dem Mann stehen, der vor ihnen auf die Straße getreten war. Die Stoßstange berührte beinahe seine Beine. Er trug einen fleckigen grauen Kapuzenpullover und hatte sich einen zusammengerollten Schlafsack unter den Arm geklemmt.
Er warf einen abwesenden Blick auf den Wagen und hob zum Dank eine schmutzige Hand. Dann setzte er seinen Weg fort und überquerte die Straße.
Rachel fluchte leise. Nachdem sie sich bei Molly erkundigt hatte, ob es ihr gut ginge, fuhr sie langsam weiter. Nach zwei Blocks bogen sie in die Sullivan Street ab und mussten hinter einem Transporter anhalten, der die enge Straße blockierte. Ein Lieferant lud gerade die Ladung aus.
»Ich kann den Rest zu Fuß gehen.«
»Hab einfach einen Moment Geduld«, erwiderte Rachel, und ihr Tonfall machte deutlich, dass dies kein Vorschlag war, sondern ein Befehl.
Mom war in Gedanken bei ihrer Arbeit. Molly spürte das. Rachel hatte heute Morgen einen Termin, was auch der Grund war, warum sie früher als nötig unterwegs waren.
Das Klingeln eines Handys übertönte den Song von Ariana Grande im Radio. Ein mulmiges Gefühl beschlich Molly, als sie nach ihrem Telefon griff. Sie betete insgeheim, dass Kaitlyn Logan nicht schon wieder einen ihrer Instagram-Posts kommentiert hatte und sie als Karottenkopf bezeichnete oder Schlimmeres. Doch dann bemerkte sie, dass es das Smartphone ihrer Mutter war, das aufleuchtete.
»Kannst du mal nachsehen, wer das ist?«, fragte Rachel, ohne den Blick von der Straße zu nehmen.
Molly legte ihr Handy auf dem Armaturenbrett ab und schnappte sich das ihrer Mutter. Es war ein Anruf von Jake, Moms neuem Freund – wobei, so neu war er nun auch wieder nicht.
»Es ist Jake, soll ich rangehen?«
Rachel schüttelte den Kopf. »Ich rufe zurück.«
Molly hörte, wie sich ihnen ein Motorrad von hinten näherte. Ein Biker in Lederkluft versuchte, zwischen ihnen und dem Lieferwagen hindurchzufahren. Vielleicht merkte der Mann, wie Molly ihn beobachtete, denn just in dem Moment, als sie auf gleicher Höhe waren, drehte er den Kopf und blickte zu ihnen ins Wageninnere. Er fuhr so langsam, dass Molly ihr verzerrtes Spiegelbild in seinem Helmvisier sehen konnte.
Natürlich war es nur eine Vermutung, dass die Person auf dem Motorrad ein Mann war. In der Lederkluft und unter dem geschlossenen Helm konnte sich genauso gut eine Frau verbergen. Mollys Freundin Nicole hätte sie dafür gerügt, dass sie das männliche Geschlecht als Standard voraussetzte – und damit unbewusst gängige Geschlechterstereotype bediente.
Wie auch immer, dachte Molly. Der oder die Motorradfahrer:in richtete seinen/ihren Blick wieder auf die Straße, nachdem er/sie sich an der Motorhaube von Moms rotem Ford Escape vorbeigequetscht hatte.
Molly fiel der Aufdruck auf der Rückseite des Motorrads ins Auge – Flammen und Teufel.
Sie blickte zu ihrer Mutter, die entnervt seufzte, als der übergewichtige Lieferbote gemächlich zur Fahrertür des Transporters schlenderte und ihr halbherzig mit einem Wink dankte. Er stieg ein und fuhr davon.
»Endlich«, murmelte Rachel und folgte dem Transporter noch, bis sie an der nächsten Kreuzung links auf den Parkplatz des Gemeindezentrums abbog.
Das Elite Center war ein einstöckiges Backsteingebäude. Zu beiden Seiten der Eingangstür befanden sich Fenster, eines davon dauerhaft mit Holzlatten vernagelt. Auf dem Schild über dem Nebeneingang des Studios stand zwar in großen Lettern Elite Fitnesscenter, doch das Gebäude erinnerte Molly immer an jene heruntergekommenen Häuser, die von Crack-Junkies bewohnt wurden. Das Innere war zum Glück wesentlich ansprechender. Man sollte sich nicht von Äußerlichkeiten zu voreiligen Schlüssen verleiten lassen, dachte Molly.
Der Parkplatz war um diese Uhrzeit leer, doch Mom steuerte automatisch die Parkfläche an, auf der sie immer standen. Molly schnallte sich ab und packte den Türgriff, bereit, die Tür zu öffnen, sobald der Wagen zum Stehen kam. Der Hausmeister schloss das Gebäude immer pünktlich um sieben Uhr auf, und es machte ihm nichts aus, wenn Molly drinnen wartete, bis ihr Kurs begann.
»Hast du deine Wasserflasche?«, fragte Rachel.
Molly antwortete nicht, weil sie von einem Geräusch abgelenkt wurde. Es war das Kreischen des Motorrads, das sich ihnen wieder näherte. Diesmal schien der Motor unter Volllast zu arbeiten. Molly blickte sich um. Der Motorradfahrer hatte gewendet, schoss aus der Richtung heran, in die er gefahren war, und bog in einer scharfen Kurve auf den Parkplatz ein.
»Was ist los, Molly?«
Molly beobachtete, wie der Motorradfahrer in einem weiten Bogen über den Parkplatz raste und auf Moms Seite des Wagens zuhielt. Er schien langsamer zu werden.
Rachel wandte sich um, als das Motorrad neben ihrem Fenster zum Stehen kam. »Oh, Mist«, murmelte sie, »ich hoffe, ich bin nicht …«
Molly wunderte sich, warum ihre Mutter plötzlich stockte. Doch dann sah sie die Waffe in der rechten Hand des Motorradfahrers. Er zielte damit direkt auf sie.
»Molly …«, sagte Rachel. Sie hatte keine Zeit, den Satz zu Ende zu bringen. Das Fenster auf der Fahrerseite explodierte, und Molly spürte, wie etwas Nasses auf ihr Gesicht spritzte.
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis das Donnern des Schusses zu ihr durchdrang. Der Motorradfahrer richtete die Waffe neu aus und beugte sich in den Wagen, um einen besseren Winkel für seinen nächsten Schuss zu bekommen. Molly blickte in die Mündung der Waffe und wich instinktiv zurück. Im nächsten Moment zuckte ein weißer Blitz auf, und im Fallen hörte Molly den zweiten Schuss, der gedämpfter in ihren Ohren klang als der erste.
Sie fühlte sich wie in Trance. Nur langsam wurde ihr bewusst, dass sie rückwärts aus der Beifahrertür gestürzt war. Sie musste die Tür geöffnet haben, als sie, eine Hand noch immer am Türgriff, vor der Waffe zurückgewichen war.
Molly rappelte sich auf und rannte geduckt zum Heck des Wagens. Unwillkürlich schrie sie auf, als ein weiterer Schuss das Seitenfenster über ihrem Kopf zerbersten ließ. Sie erreichte die Heckklappe und kauerte sich an die hintere Stoßstange. Das Motorrad heulte wieder auf.
Oh Gott, fuhr es Molly durch den Kopf, was war mit Mom, war sie …?
Sie versuchte, nicht daran zu denken, und konzentrierte sich stattdessen. Wenn der Mann sie erwischen wollte, musste er entweder die Maschine wenden oder – wesentlich einfacher – absteigen und um das Auto herumkommen. Sie hörte, wie er unter seinem Helm einen gedämpften Fluch ausstieß. Ein weiterer Schuss ertönte. Diesmal zersplitterte die Heckscheibe.
Molly blickte sich verzweifelt um. Etwa zehn Meter entfernt ging es in eine schmale Gasse zwischen dem Fitnesscenter und der Häuserreihe an der Straße. Sie erstarrte.
Es war zu riskant. Doch hier zu bleiben war noch riskanter.
Plötzlich hörte sie das alles durchdringende Dröhnen einer Hupe. Ein blauer Pick-up hatte auf der Straße vor dem Parkplatz angehalten. Der Fahrer, ein großer bärtiger Mann mit einer schwarzroten Kappe der Giants auf dem Kopf, starrte mit ungläubigem Gesicht auf die Szene, die sich vor seinen Augen abspielte.
»Verschwinde da!«, schrie er. Seine Stimme klang befehlsmäßig, doch in seinen Augen sah Molly den Schrecken.
Sie rannte los, ohne sich noch einmal umzusehen. Als hinter ihr ein weiterer Schuss krachte, hatte sie bereits die Gasse erreicht.
Am Anfang sind die Dinge immer chaotisch.
Erst später, wenn sich ein vollständiges Bild der Lage herauskristallisiert, kommt Ordnung in die Sache. Dann können Ressourcen, Technologien und erprobte Strategien effektiv eingesetzt werden und ihre volle Wirkung entfalten. Manchmal gibt es ein Happy End, manchmal nicht. Doch in der ersten Stunde eines Vermisstenfalls ist es immer so, als befände man sich mitten in einem Sturm. Schon während die ersten kostbaren Minuten verrinnen, kann entweder alles gut laufen oder komplett den Bach runtergehen.
Special Agent Catherine Lark saß in einem Café in der Van Ness Avenue und blätterte durch ihren Monatsbericht, als ihr Smartphone klingelte. Es war ihr Vorgesetzter, Special Agent Anthony Finn. Catherine Lark blätterte die Seite um, die sie gerade gelesen hatte, und kritzelte einige Notizen auf die Rückseite, während sie sich mit der anderen Hand das Telefon ans Ohr hielt.
Es hatte einen Schusswechsel gegeben, und Finn wollte, dass sie sich unverzüglich zum Tatort begab. Die Uhr tickte. Die Kollegen vom SFPD, dem San Francisco Police Department, waren bereits vor Ort und hatten die Unterstützung des FBI angefordert. Es gab zwei Opfer, auf die geschossen worden war, und ein vermisstes Kind.
Während ihr Vorgesetzter sprach, startete Catherine auf dem Tablet, das vor ihr auf dem Tisch lag, die Karten-App und sah sich den Ort des Geschehens an. »Ich bin in der Nähe und kann in fünf Minuten dort sein«, sagte sie dann.
Sie ließ den Espresso unangetastet auf dem Tisch stehen und warf dem Barista einen entschuldigenden Blick zu, als sie zur Tür hinausging. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihr Frühstück so abrupt beenden musste. Deshalb hatte sie es sich zur Gewohnheit gemacht, immer im Voraus zu bezahlen, egal, wo sie war und ob sie gerade Dienst hatte.
Auf den Straßen war an diesem Samstagmorgen nicht viel Verkehr. Anthony Finn hatte ihr berichtet, dass es am Tatort einen toten Mann gab. Das andere Opfer, eine Frau, befand sich auf dem Weg ins Krankenhaus. Wahrscheinlich brachte man sie ins Zuckerberg General Hospital, benannt nach dem Facebook-Typen, der fünfundsiebzig Millionen Dollar für den Bau gespendet hatte.
Catherine sah das Flackern des Blaulichts schon von Weitem, als sie sich dem Parkplatz in der Sullivan Street näherte. Zwei Streifenwagen parkten vor einem flachen Backsteinbau, bei dem es sich um eine Art Gemeindezentrum zu handeln schien.
Auf der Straße vor dem Parkplatz stand ein blauer Pick-up. Der Fahrer, ein großer, kräftiger Mann, hing leblos über dem Lenkrad. Sein Blut war von innen über die gesamte Windschutzscheibe verteilt.
Das Areal war beinahe leer, neben den beiden Polizeiwagen gab es lediglich vier weitere Fahrzeuge: Zwei Limousinen und ein silberfarbener SUV standen korrekt eingeparkt in den Parktaschen direkt neben der Eingangstür des Gemeindezentrums. Der vierte Wagen, ein roter Ford Escape, war schief zum Stehen gekommen, ganz so, als hätte der Fahrer rückwärts in eine der freien Stellflächen stoßen wollen, wäre dann aber von seinem Vorhaben abgehalten worden.
Catherine konnte sich ziemlich genau vorstellen, was den Fahrer – oder die Fahrerin – daran gehindert hatte. Sie stellte ihren Wagen auf dem Seitenstreifen ab und stieg aus. Der Polizeibeamte, der das Absperrband bewachte, mit dem man die gesamte Fläche abgeriegelt hatte, wartete geduldig, bis Catherine ihren Ausweis vorgezeigt hatte.
»Special Agent Catherine Lark, FBI«, sagte sie und spähte an dem Kollegen vorbei zu dem roten Ford Escape. »Es gibt ein vermisstes Kind?«
Er nickte und wandte sich zu den Kollegen um, die neben dem Fahrzeug standen. »Greg!«, rief er.
Einer der Polizisten sah zu ihnen herüber, ein Afroamerikaner, schätzungsweise Ende dreißig, groß und schlank. Er setzte sich in Bewegung und kam im Laufschritt angerannt.
»Die Feds sind da«, sagte der Streifenbeamte zu ihm und deutete mit einem Nicken auf Catherine. In seiner Stimme schwang nicht die übliche Animosität gegenüber Bundesbehörden mit, die Catherine von gewöhnlichen Polizeibeamten gewohnt war, vielmehr klang es wie eine sachliche Feststellung.
Der herbeigeeilte Kollege hob zum Gruß zwei Finger an die Schläfe. »Officer Wilkins, guten Morgen, Agent.«
»Catherine Lark«, stellte sie sich vor und schaute an Wilkins vorbei zu dem Ford. »Waren Sie als Erster am Tatort?«
Er schüttelte den Kopf. »Davis und McCormack waren um sieben Uhr vierzig hier. Ich bin ein paar Minuten nach ihnen eingetroffen.«
»Dann waren Sie sehr schnell«, meinte Catherine. »Der Notruf ging um sieben Uhr sechsunddreißig ein.« Finn hatte ihr diese Information gegeben.
»Mein Partner und ich waren in der Nähe. Wie geht’s dem anderen Opfer?«
»Ist anscheinend noch am Leben, wie ich gehört habe«, sagte Catherine. »Darf ich?« Sie deutete auf das Absperrband.
Wilkins hob es an, sodass sie darunter durchschlüpfen konnte. Er redete weiter, während sie sich dem roten Ford Escape von der Beifahrerseite her näherten. Die Tür auf dieser Seite stand offen, die Heckscheibe war zersplittert.
»Die Frau war in einem ziemlich schlechten Zustand«, berichtete Wilkins. »Davis und McCormack dachten zuerst, sie wäre tot. Hätten sie sich nicht um sie kümmern müssen, hätten sie das hier vielleicht schneller bemerkt …«
Jetzt sah Catherine, dass auch die Fahrertür keine Fensterscheibe mehr hatte, die Scherben lagen wie kleine Kristalle auf den dunkelgrauen Polstern der Vordersitze verteilt. Überall war Blut, das meiste auf der Sitzfläche und der Kopfstütze des Fahrersitzes. Doch Catherine konnte auch Spritzer auf der Dachverkleidung und am Fenster der Beifahrertür erkennen. Das Blut war allerdings nicht gleichmäßig über das Glas verteilt, sondern konzentrierte sich vor allem an den Rändern der Scheibe. Etwas musste ihm im Weg gewesen sein. Etwas oder jemand.
»Was hätten sie schneller bemerken sollen?«, fragte Catherine, während sie sich weiter im Inneren des Wagens umsah. Doch noch bevor Wilkins antworten konnte, sah sie es. Auf der Rückbank lag ein rosafarbener Rucksack aus Segeltuch. Er war klein, und auf der Vorderseite war eine Cartoon-Figur aufgedruckt. Es war der Rucksack eines Teenager-Mädchens, nicht der neununddreißig Jahre alten Frau, die gerade ins Krankenhaus transportiert wurde.
»Ganz genau, der Rucksack«, bestätigte Wilkins, der Catherines Blick folgte.
»Der Name des Opfers war Rachel Donaldson, korrekt?« Sie hatte die Frage kaum ausgesprochen, als ihr bewusst wurde, dass sie aus Versehen bereits in der Vergangenheitsform über die Frau sprach. »Wer wird vermisst? Ihre Tochter?«
Wilkins nickte. »Im Rucksack befanden sich die Sportsachen eines Mädchens und Turnschuhe in Größe vierunddreißig. Wir haben das überprüft … Das Opfer hat eine dreizehnjährige Tochter. Ihr Name ist Molly.«
»Vater?«
»Verstorben.«
Damit schied bereits einer der üblichen Hauptverdächtigen aus, dachte Catherine. Bemerkenswert, wie schnell man heute an Informationen kam. Das Blut auf dem Fahrersitz war noch nicht einmal getrocknet.
»Hat die Mutter einen Freund?«
»Wir gehen dem nach.«
Catherine lehnte sich vorsichtig durch die Fensteröffnung, darauf bedacht, keines der Glasfragmente zu berühren, die noch im Rahmen steckten. Im Fußraum unter dem Fahrersitz lag eine lederne Brieftasche. Ein Dieb hätte sie mit Sicherheit an sich genommen. Ein Überfall in der Absicht, das Fahrzeug zu stehlen, schied ebenfalls als Motiv aus, denn der Wagen war ja noch da.
»Es ist vielleicht ein wenig voreilig … aber es könnte sich um ein gezieltes Attentat gehandelt haben«, überlegte Catherine laut. »So oder so, wir haben es auf jeden Fall mit einer Kindesentführung zu tun.«
»Agent Lark!«
Catherine blickte auf und sah den Beamten, der das Absperrband bewachte, mit einem Telefon in der Hand auf sie zukommen.
»Wir haben einen Verdächtigen.«
Manchmal sind es die kleinen Dinge, auf die es ankommt.
Der Haarriss im Deckenputz, der sich als ein schwerer struktureller Schaden entpuppt. Die etwas zu spitze Bemerkung, die das nahende Ende einer Ehe erahnen lässt. Das Muttermal, das sich innerhalb weniger Wochen in ein Melanom verwandelt.
In diesem Fall handelte es sich bei dem entscheidenden Detail um den Abdruck einer Kaffeetasse – oder, um präzise zu sein, das Fehlen eines solchen.
Jakes Laptop war ein robustes Arbeitstier von Hewlett Packard. Nichts allzu Extravagantes, aber für seine Bedürfnisse völlig ausreichend. Jake hatte das Gerät vor drei Jahren bei Amazon gekauft, und seitdem hatte es ihm gute Dienste geleistet. Lediglich in der oberen rechten Ecke des Displays war ein feiner Riss, und auf der Tastatur klemmte die linke Steuerungstaste. Auf der Rückseite der Bildschirmklappe hatte Jake das Herstellerlogo mit einem Aufkleber verdeckt. Der Sticker zeigte Elmo aus der Sesamstraße im roten durchgestrichenen Kreis eines Verbotsschilds, ähnlich dem Logo der Ghostbusters. Ein Insiderwitz, der sich darauf bezog, dass Jake im vergangenen Jahr einen überambitionierten Elmo-Darsteller hochgenommen hatte, der Touristen auf dem Union Square belästigt hatte. Viele Menschen klebten Sticker auf ihre Laptops. Manche, dachte Jake, taten es vielleicht, weil sie ihrem Gerät einen persönlichen Anstrich geben wollten. Er selbst hatte es nur getan, weil ein anderer Stammgast des Starbucks-Cafés, das Jake regelmäßig aufsuchte, einen Laptop desselben Modells besaß und sie die Geräte einmal beinahe vertauscht hätten.
Jake konnte nicht mit Sicherheit sagen, was genau ihn dazu veranlasste, ausgerechnet jetzt den Elmo-Sticker zu betrachten. Er wusste nur, dass etwas damit nicht stimmte.
Beinahe seit er den Aufkleber angebracht hatte, war darauf der ringförmige Abdruck einer Kaffeetasse zu sehen gewesen, ungefähr ein Viertel eines Kreises. Natürlich hätte er den Sticker längst austauschen können, doch Jake gefiel der durchgestrichene Elmo, und der Kranz der Kaffeetasse hatte dem Ganzen eine persönliche Note verliehen. Im Laufe der Zeit war der Kaffeeabdruck zu einem hellen Braun verblasst, allerdings nie vollständig verschwunden, dazu war er zu tief in die Fasern des Papiers eingezogen.
Und trotzdem war der Abdruck jetzt nicht mehr zu sehen. Jake öffnete den Laptop und nahm ihn in Augenschein. Der feine Riss in der oberen rechten Ecke des Displays war noch da. Jake betätigte auf der Tastatur die linke Steuerungstaste. Sie klemmte nicht mehr.
Während er über dieses neue Rätsel nachdachte, strich Jake mit einer Hand über seine Bartstoppeln. Dann loggte er sich ein und öffnete ein Browserfenster.
Zunächst sah alles ganz normal aus. Die Liste mit seinen Lesezeichen war da, wo sie hingehörte. Und er war noch immer in seine Accounts bei Amazon und Google eingeloggt. Auch am E-Mail-Eingang hatte sich nichts verändert. Der Browserverlauf enthielt zudem alle Webseiten, die Jake in letzter Zeit aufgerufen hatte.
Bis auf eine.
Wo war die Seite, die er vergangene Nacht besucht hatte, die, auf der man seltene Vinyl-Platten kaufen konnte? Sie tauchte nicht im Browserverlauf auf – ebenso wenig die Google-Suche nach einem Laden in der Umgebung, der Plattenspieler führte.
Jake rief erneut sein E-Mail-Postfach auf. Die Kaufbestätigung über die Schallplatte war eingegangen, eine alte Single von R.E.M., signiert von Michael Stipe und Peter Buck. Jake hatte sie als Geschenk für Rachel gekauft, die in ein paar Wochen Geburtstag hatte.
Doch warum fehlte die entsprechende Suchanfrage im Browserverlauf?
Bei der letzten Webseite, die vor dem heutigen Morgen aufgerufen worden war, handelte es sich um einen Kommentar im Chronicle. Es ging darin um die Situation der Obdachlosen in der Stadt, ein Problem, das völlig aus dem Ruder zu laufen drohte. Jake erinnerte sich daran, dass er den Text gestern um die Mittagszeit gelesen hatte, kurz vor dem Beginn seiner Schicht. Das bedeutete, der Browserverlauf reichte nur bis vierzehn Uhr am gestrigen Tag.
Vielleicht lediglich ein kleiner Programmfehler.
Doch Jake musste sofort an einen Fall denken, in den er vergangenes Jahr involviert gewesen war und bei dem sie es mit einem Cyberkriminellen zu tun gehabt hatten. Der Täter hatte sich in die Geräte seiner Opfer gehackt, wenn diese sich in einem sicheren öffentlichen Netz wähnten, und sich so Zugriff auf deren Online-Banking-Konten verschafft.
Natürlich war das hier nicht dasselbe.
Jetzt, wo Jake darauf achtete, fühlte sich der Laptop auch anders an. Die klemmende Steuerungstaste konnte sich von selbst gelöst haben, dachte er. Doch das Gerät selbst erschien ihm plötzlich viel neuer, weniger gebraucht. Und dann der fehlende Abdruck der Kaffeetasse.
Das hier war nicht sein Laptop.
Dennoch befand sich das Gerät in seiner Wohnung.
Jake schloss das Browserfenster und betrachtete nochmals seine E-Mails. Alles so, wie er es in Erinnerung hatte. Allerdings musste das nichts bedeuten, schließlich ließen sich E-Mail-Accounts heutzutage problemlos auf mehreren Geräten synchronisieren.
Moment. Da war ein Detail, an das er sich nicht erinnerte.
Neben dem Ordner mit Entwürfen stand in Klammern eine Eins. Dabei hatte Jake dort gar keinen Entwurf gespeichert! Er öffnete die entsprechende E-Mail.
Die Betreffzeile lautete: Es tut mir leid.
Der Adressat der Mail war Jakes Freundin Rachel. Im Absender stand Jakes Mailadresse. Die Mail begann mit den Worten: Ich hatte keine Wahl. Ich musste Molly und dich töten.
In diesem Moment begann jemand gegen Jakes Wohnungstür zu hämmern.
Die Außenstelle des FBI in San Francisco befand sich im dreizehnten Stock des Philip Burton Federal Building, Hausnummer 450 der Golden Gate Avenue. Aus dieser Höhe hatte man einen grandiosen Blick über die gesamte Stadt, zumindest, wenn der Himmel nicht wie heute von tiefhängenden Wolken bedeckt war. An Tagen wie diesem hatte man hier eher das Gefühl, hinter einer undurchsichtigen Milchglasscheibe zu stehen.
Catherine Lark begann ihren Dienst jeden Morgen mit demselben Ritual. Sie machte sich in aller Frühe auf den Weg ins Büro, besorgte sich unten bei Peet’s einen Kaffee und nahm dann nicht den Aufzug, sondern stieg die Treppe hinauf in den dreizehnten Stock, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. Diese kleine Sporteinheit bereitete sie in Verbindung mit dem Koffein physisch und mental auf den Tag vor, was auch immer er bringen mochte. Oben angekommen, gönnte sie sich eine kurze Pause, blickte aus dem Fenster und genoss entweder die Aussicht oder betrachtete nur die Umrisse von Hochhäusern, die Grau in Grau in den dichten Wolken zu erahnen waren. Dabei trank sie den Kaffee und ordnete ihre Gedanken.
Heute Morgen hatte sie keine Zeit für ihr Ritual.
Sie verzichtete auf den Kaffee und nahm den Aufzug. Im Büro herrschte bereits Betriebsamkeit, eine gut geölte Maschinerie, die zum Leben erwacht war.
Special Agent Kelly Paxon erwartete Catherine am Aufzug. Sie war Anfang dreißig, nur einen Meter vierundfünfzig groß, hatte strohblonde Haare und trug eine Brille mit einem dünnen dunkelroten Gestell. Die Agentin war erst Ende vergangener Woche von der Dienststelle in Chicago hierher versetzt worden, doch Catherine fragte sich bereits jetzt, wie sie jemals ohne sie hatte auskommen können.
»Das SFPD ist auf dem Weg zu Ellis’ Wohnung«, berichtete Paxon. »Finn will, dass wir die Vermisstenmeldung sofort über Amber rausgeben.«
Catherine nickte resigniert. Ihr Instinkt sagte ihr, dass es vermutlich klüger wäre, die Meldung noch eine Weile zurückzuhalten. Andererseits konnte sie nachvollziehen, dass sich ihr Vorgesetzter für den Fall absichern wollte, dass die Sache schiefging. Sicher wollte er sich später nicht vorwerfen lassen, zu lange gezögert zu haben.
»Also, wer ist der Typ?«, fragte Catherine. »Ist er wirklich Polizist?« Ein Augenzeuge hatte sich kurz nach dem Schusswechsel gemeldet, und seine Beschreibung hatte sie rasch auf Ellis’ Spur geführt.
Paxon trug einen Packen Papier unter dem Arm. Sie nickte, ohne die Akten zu konsultieren. »Officer Jake Ellis. Seit fünfzehn Jahren beim SFPD.«
»Seine Akte?«
»Ist sauber. Jedenfalls bis zum vergangenen Jahr. Da ist er bei einer Verkehrskontrolle wohl etwas handgreiflich geworden, und es gab eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen ihn. Er wurde suspendiert. Letztendlich ist die Sache dann aber im Sand verlaufen.«
»Okay«, meinte Catherine. »Die Fahndung nach Ellis ist raus. Wir suchen nach seinem Auto, und das SFPD kümmert sich um seine Wohnung. Unwahrscheinlich, dass er dort Zuflucht sucht …«
Catherine wurde vom Klingeln ihres Handys unterbrochen. Es war Grier von der Authentisierungszentrale. Er hatte sicherzustellen, dass die Vermisstenmeldung die notwendigen Kriterien erfüllte, um über das Amber-System verbreitet zu werden.
Die Kriterien für die Auslösung eines Amber-Alarms waren sehr streng, allerdings stand außer Frage, dass in diesem Fall alle erfüllt waren: Erstens war die Vermisste noch keine achtzehn Jahre alt, also minderjährig. Zweitens befand sich das Kind mit ziemlicher Sicherheit in Lebensgefahr, immerhin hatte der Attentäter bereits auf die Mutter und eine andere Person geschossen und Letztere sogar getötet. Und schließlich gab es einen Verdächtigen, bei dem es sich um den Freund der Mutter handelte.
Paxon hielt Catherine die Akte von Ellis hin, sodass sie die Personenbeschreibung ablesen konnte, während sie sich das Telefon ans Ohr hielt. »Jake Ellis, männlich, weiß, einundvierzig Jahre alt.« Sie buchstabierte Vor- und Nachnamen, las Ellis’ Wohnadresse ab und gab das Kennzeichen seines Wagens durch, eines Subaru Baujahr 2015. Grier bestätigte die Angaben am anderen Ende der Leitung, indem er sie wiederholte. Als Nächstes gab Catherine ihm die Daten des vermissten Kindes durch.
»Alles klar«, sagte Grier. »Soll die Meldung sofort raus?«
Catherine nahm das Handy kurz vom Ohr, um die Uhrzeit auf dem Display abzulesen. Acht Uhr siebenundzwanzig.
»Ja«, antwortete sie. »Raus damit.«
Sie legte auf, verschränkte die Arme vor der Brust und blickte zum Fenster hinaus. Die Silhouetten der Wolkenkratzer schälten sich langsam aus dem sich lichtenden Nebel. Sie stellte sich vor, wie sich die Vermisstenmeldung in Windeseile zwischen den Gebäuden verbreitete und sich wie eine Sturzflut über die Stadt ergoss.
Catherine war sich durchaus darüber im Klaren, dass sie sich auf ein gewagtes Spiel einließen, indem sie die Vermisstenmeldung über das Amber-System herausgaben: Einerseits würde sich die Nachricht auf diesem Weg in einer Geschwindigkeit verbreiten, die selbst vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Andererseits warnten sie auf diese Weise aber auch den Verdächtigen. Er wusste nun, dass sie ihm auf den Fersen waren.
Paxon wirkte ebenfalls beunruhigt. Sie stieß einen Seufzer aus und zog ihr Smartphone hervor.
Catherine wandte sich um. »Hört mal her!«, sagte sie laut, damit alle im Büro sie verstehen konnten. »Die Vermisstenmeldung ist gerade über Amber raus. Macht euch also darauf gefasst, dass gleich die Hölle losbricht.«
Sie hatte den Satz kaum beendet, als es begann.
Die Vermisstenmeldung ging zunächst bei Rick Telfer ein, einem altgedienten Kollegen mit silbergrauem Haar zwei Tische weiter. Sein Smartphone, das vor ihm lag, gab einen schrillen Piepton von sich. Dann leuchtete Paxons Handy auf. Und dann Catherines. Während sie den Blick auf das Display richtete, klingelten immer mehr Telefone im Büro, alle mit demselben schrillen Nachrichtenton. Und auf allen erschien dieselbe Mitteilung. Nicht nur hier im Büro, sondern in der ganzen Stadt und im ganzen Land.
AMBER-ALARM: San Francisco, CA
KIND: 13 J., w, 1,52 m, 49 kg, weiß. Donaldson, Molly
1VERD: 41 J., m, 1,78 m, 83 kg, weiß. Ellis, Jake
PKW: Blau 4tr Subaru
Verdächtiger bewaffnet, Abstand halten
415-553-0123
Mit einem einzigen Klick ging die Vermisstenmeldung als E-Mail oder Textnachricht an alle Medienorganisationen, Strafverfolgungsbehörden und Nachrichtendienste, die in der Datenbank verzeichnet waren. Außerdem wurde sie automatisch so formatiert, dass sie über die wichtigsten Social-Media-Kanäle verbreitet werden konnte. Auch die örtlichen Radio- und Fernsehsender würden innerhalb der nächsten Stunde dafür sorgen, dass alle relevanten Informationen die Bevölkerung erreichten. Ungefähr zur selben Zeit würden die Beschreibungen von Molly Donaldson und ihrem Entführer auf Nachrichtenwebseiten erscheinen – und am nächsten Morgen dann auch die Titelseiten des Chronicle und des Examiner schmücken.
Dennoch konnte es keiner dieser Kanäle mit der Verbreitung der Vermisstenmeldung über Smartphones aufnehmen, – und wenn man ehrlich war, kam man nicht um die Feststellung herum, dass alles andere durch die massenhafte Nutzung von Mobiltelefonen schlichtweg überflüssig geworden war.
Das Amber-System verwendete das Integrated Public Alert and Warning System, kurz IPAWS. Innerhalb von dreißig Sekunden, nachdem jemand in der Zentrale auf Senden geklickt hatte, tauchten die Angaben zu der vermissten Molly Donaldson allein in der Bay Area auf den Bildschirmen von knapp vier Millionen Smartphones auf. Wenn man sein Gerät nicht ausgeschaltet hatte, sich in einem Funkloch befand oder zu der Minderheit von Leuten gehörte, die sich gegen die Teilnahme an dem Programm entschieden hatten, erhielt man die Vermisstenmeldung um acht Uhr siebenundzwanzig pazifischer Standardzeit.
Die Statistiken des Justizministeriums waren sehr eindeutig, was die frühzeitige Information der Öffentlichkeit im Falle einer Kindesentführung betraf. Die meisten Kinder, die in den Vereinigten Staaten als vermisst gemeldet wurden, konnten am Ende zwar gesund und wohlbehalten wiedergefunden werden. In den wenigen Fällen allerdings, in denen ein Kind entführt und getötet wurde, beging der Täter den Mord innerhalb der ersten drei Stunden nach dem Zeitpunkt der Entführung. Zeit war also ein entscheidender Faktor. Und präzise Informationen unerlässlich. Vier Millionen Paar Augen konnten den Unterschied zwischen einem lebenden und einem toten Kind ausmachen.
Die Vermisstenmeldung leuchtete auf den Handydisplays von Joggern auf, die der Kälte trotzten und ihre Morgenrunde im Golden Gate Park drehten. Sie unterbrach Menschen, die in den Cafés der Stadt beim ersten Kaffee durch ihre Facebook-Profile scrollten. Und sie traf still und heimlich bei Langschläfern ein, die ihr Gerät in den Schlafmodus versetzt hatten, und würde somit das Erste sein, was diese sahen, wenn sie später am Morgen aus dem Bett krochen.
Chrissie Chung wäre um acht Uhr siebenundzwanzig an einem Samstagmorgen gerne an einem dieser drei Orte gewesen – Golden Gate Park, Café, Bett –, wesentlich lieber jedenfalls als da, wo sie sich gerade befand.
Chrissie arbeitete zeitlich befristet für eine Firma, die sich selbst als »agile Marketing- und Kommunikationsagentur« bezeichnete. Das Büro befand sich in einem Hochhaus am südlichen Ende der Montgomery Street. Chrissie hatte sich gerade an ihren Computer gesetzt. Eigentlich sollte sie pünktlich um acht Uhr mit der Arbeit beginnen, doch an Samstagen tauchte Marc, ihr Boss, selten im Büro auf.
Sie loggte sich ein und warf kurz einen Blick auf die Regionalnachrichten, in denen eine Gewalttat die wichtigste Meldung des Morgens war. Bei einem versuchten Carjacking im Mission District waren zwei Menschen erschossen worden. Es konnte noch nicht lange her sein, da die Meldung nur aus wenigen Zeilen bestand. Abgesehen davon schien es in der Stadt ruhig zu sein.
Chrissie schloss das Browserfenster und öffnete ihre Projektliste. Eine ganze Reihe von neuen Kunden erwartete sie. Doch bevor sie sich die Details ansah und die Projekte nach Dringlichkeit sortierte, tat sie, was sie jeden Morgen tat: Sie überprüfte noch schnell, welche Fortschritte ihre neueste Episode machte.
Sean, ihr Produzent, hatte einen etwas unübersichtlichen Zeitplan für jede einzelne Folge von Untraceable erstellt, dem Podcast, den sie wöchentlich veröffentlichten. In Spalten waren die einzelnen Bestandteile des Podcasts aufgeführt: Interviewauszüge, Erzählerstimme, Musikuntermalung, Credits, Werbeanzeigen. Von Letzteren gab es natürlich nur sehr wenige.
Alles schien nach Plan zu laufen. Die Episode, die sie am Montag veröffentlichen würden, die Fortsetzung zu einem Fall, über den sie vor zwei Monaten berichtet hatten, war so gut wie fertig. Gerade als Chrissie sich beruhigt ihrer Arbeit widmen wollte, meldete ihr Handy mit einem ungewöhnlich schrillen Ton eine eingehende Nachricht. Chrissie griff nach dem Telefon und fragte sich, von wem die Mitteilung wohl stammen mochte.
Nur, dass es keine gewöhnliche Mitteilung war. Schon während Chrissie ihr Smartphone in die Hand nahm, hörte sie, wie um sie herum weitere Geräte denselben Nachrichtenton von sich gaben. Sie wusste sofort, was das bedeutete.
Rasch überflog sie den kurzen Text und legte das Gerät wieder beiseite. Dann rief sie auf ihrem Computer Google auf und gab die Namen ein, die sie in der Vermisstenmeldung gelesen hatte. Ihre Finger flogen über die Tastatur. Donaldson. Ellis.
Die Seite des Chronicle erschien in den Suchergebnissen an erster Stelle. Der Artikel über die Schießerei, den sie gerade gelesen hatte, war aktualisiert worden. Von einem Carjacking war nun nicht mehr die Rede. Ein Mann war tot, eine Frau schwer verwundet, ein Mädchen wurde vermisst. Die Meldung hatte es noch nicht auf die anderen regionalen Nachrichtenseiten oder gar die Homepage des San Francisco Police Department geschafft. Doch der Bericht im Chronicle versorgte Chrissie bereits mit den wesentlichen Informationen. Sie nahm wieder ihr Smartphone zur Hand und scrollte durch die Liste der letzten Anrufe, die sie getätigt hatte. Als sie auf Wahlwiederholung tippte, duckte sie sich instinktiv hinter die Trennwand ihres Abteils, damit niemand im Großraumbüro bemerkte, dass sie einen privaten Anruf tätigte.
Während das Freizeichen erklang, überflog sie noch einmal den Artikel. Die Informationslage war wirklich noch sehr dünn, andererseits hatte sich die Tat vor nicht mal einer Stunde ereignet. Ofenfrisch, sozusagen. Sehr bald würde mehr bekannt werden. Es würde Fotos geben. Zeugenberichte.
»Hallo?« Seans mürrische Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass Chrissie ihn geweckt hatte und er nicht sonderlich erfreut darüber war.
»Sean, hast du auch den Amber-Alarm bekommen?«
»Was … wovon zum Teufel sprichst du? Wie spät ist es überhaupt?«
»Wie viel hast du gestern Abend getrunken? Wirf verdammt noch mal einen Blick auf dein Handy!«
»Das halte ich mir gerade ans Ohr.«
Sie senkte die Stimme und sprach überdeutlich. »Dann nimmt dein verdammtes Telefon von deinem verdammten Ohr und schau auf das verdammte Display.«
Es entstand eine kurze Pause. »Oh.«
»Oh? Das ist alles, was du zu sagen hast? Die Sache scheint mit der Schießerei im Mission District zusammenzuhängen. Du musst so schnell wie möglich dorthin.«
»Ja, natürlich. Ich muss nur kurz …«
»Nein. Setz dich sofort in Bewegung. Fahr im Schlafanzug hin, wenn’s sein muss. Das hier ist genau das, worauf wir gewartet haben.«
Chrissie beendete den Anruf und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Artikel im Chronicle. Die aktualisierte Fassung enthielt nun sogar Fotos. Das Bild der Vermissten entsprach dem, was Chrissie erwartet hatte: Das Mädchen trug eine Baseballkappe der Warriors und ein hellblaues T-Shirt. Unter einem strahlend blauen Himmel lächelte sie in die Kamera. Die Aufnahme stammte wohl aus dem Disneyland, denn im Hintergrund war das typische Märchenschloss zu sehen.
Wesentlich interessanter war das Foto des Mannes, den man verdächtigte, das Mädchen entführt zu haben. Es handelte sich um einen Weißen mit sandfarbenem Haar und Schnurrbart. Er schaute mit ernstem Blick in die Kamera.
Allerdings waren es nicht diese Details, die Chrissie als Erstes ins Auge fielen. Da war etwas anderes an dem Bild, das wirklich ungewöhnlich war.
Der Mann trug eine Uniform.
Eine Uniform des San Francisco Police Department.
»Was ist los?«
Jake Ellis blickte von seinem Smartphone auf. »Ich muss …«, begann er, hielt aber dann inne.
Molly sah ihn noch immer mit schockiertem Gesichtsausdruck an, wartete darauf, dass er etwas tat. Eine feine Linie getrockneten Bluts verlief wie eine purpurfarbene Träne über ihre Wange.
Ein Hagelschauer widerstreitender Gedanken ging auf Jake nieder. Beruhige dich, befahl er sich im Stillen. Konzentriere dich auf das, was im Moment am wichtigsten ist.
Er musste verschwinden. Molly konnte hier in der Wohnung bleiben. Die zuständigen Kollegen, die mit Sicherheit bald hier eintreffen würden, würden sich um sie kümmern.
Doch konnte er sich darauf verlassen?
Das Einzige, was er derzeit mit Sicherheit wusste, war, dass jemand all dies geplant hatte, bis hin zu dem gefälschten Geständnis, das Jake auf seinem Laptop entdeckt hatte. Ein gefälschtes Geständnis, das Mollys Tod einschloss. Das bedeutete, dass sie beide in Lebensgefahr schwebten.
Jake traf eine Entscheidung: Verschwende nicht noch mehr Zeit mit Nachdenken, sondern tu was und setz sich in Bewegung.
»Wir müssen hier weg. Jetzt!«
Es hätte ihn nicht gewundert, wenn Molly widersprochen und sich geweigert hätte, die falsche Sicherheit der Wohnung zu verlassen. Doch sie nickte nur stumm.
Wie viel Zeit hatte er? Höchstens Minuten, vielleicht aber auch nur Sekunden.
Sein Dienstausweis und seine Dienstwaffe, eine SIG Sauer, lagen auf dem Küchentisch. Jake schnappte sich beides und trat ans Fenster, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie ein Streifenwagen mit hoher Geschwindigkeit in die Straße einbog und in Richtung seiner Wohnung raste. Wussten sie, dass er hier war? Und falls dem so war, warum hatten sie dann den Amber-Alarm so frühzeitig ausgelöst?
Jake hielt sich nicht damit auf, Socken anzuziehen, sondern schlüpfte barfuß in seine Sneakers. Dann schnappte er sich die Jacke, die am Haken neben der Wohnungstür hing. Er öffnete die Tür einen Spalt breit. Auf dem Flur war niemand zu sehen, doch er hörte, wie unten im Erdgeschoss die Eingangstür geöffnet wurde. Auf diesem Weg konnten sie das Haus also nicht verlassen, was ihre Optionen beträchtlich einschränkte. Molly folgte ihm, als er aus der Wohnung trat, und beobachtete schweigend, wie er ans Geländer schlich und einen Blick hinunter ins Treppenhaus warf.
Ein Einsatzteam der Polizei kam mit mehreren Männern zielstrebig die Treppe herauf. Jake sah zu Molly, deutete zu der Treppe, die nach oben führte, und sie machten sich auf den Weg. Als sie das nächste Stockwerk erreicht hatten, fiel Jake ein, dass er seinen Laptop auf dem Sofa liegengelassen hatte. Das gefälschte Geständnis und wer weiß was noch alles befand sich darauf. Nicht, dass das jetzt eine große Rolle spielte. Wer auch immer hinter dieser Sache steckte, er arbeitete professionell und hatte sich alle Mühe gegeben, Jake etwas anzuhängen. Der Laptop war mit Sicherheit nur die Spitze des Eisbergs.
»Bleib dicht an der Wand«, ermahnte er Molly, während sie die Treppe weiter nach oben eilten. Er versuchte, sich ganz auf die Situation zu konzentrieren, doch immer wieder musste er an Rachel denken, sah ihr Gesicht vor Augen.
Rachel war tot. Wer hatte ihr das angetan? Und warum?
Sie befanden sich zwischen dem vierten und dem fünften Stock, als Jake hörte, wie die Polizisten unten an seine Wohnungstür hämmerten und eine schroffe Männerstimme seinen Namen rief.
»Polizei. Öffnen Sie die Tür und Hände hoch!«
Jake hatte diese Warnung unzählige Male selbst ausgesprochen. Er wusste, wie der Kollege dort unten sich in diesem Moment fühlte, kannte dieses mulmige Gefühl im Magen, das immer da war, egal, wie oft man schon an die Tür einer verdächtigen Person geklopft hatte – weil es jedes Mal anders lief.
Sie erreichten das nächste Stockwerk und folgten der Treppe weiter nach oben. Wieder hörte er den Beamten seinen Namen rufen, diesmal leiser, was bedeutete, dass sie die unverschlossene Tür geöffnet hatten und sich nun in der Wohnung befanden – einer Wohnung, die sie in kürzester Zeit durchsucht haben würden, da sie neben Küche und Bad lediglich zwei Zimmer hatte.
Sie waren im obersten Stockwerk angekommen, wo es zu beiden Seiten der Treppe jeweils eine Tür gab. Die eine führte auf das Dach, die andere gehörte zu einer Wohnung. Jakes Hoffnungen schwanden, als er sah, dass die Wohnungstür offen stand. Ein älterer Mann lugte durch den Spalt und musterte Molly und ihn über den Rand seiner Hornbrille hinweg. Er war klein, hatte graues Haar und eine fahle Gesichtsfarbe. Jake hatte den Mann im Vorbeigehen ein paarmal gegrüßt, kannte ihn aber nicht weiter. Er wusste nicht einmal seinen Namen und wünschte sich unwillkürlich, er hätte sich mehr für seine Nachbarn interessiert. Doch es war sinnlos, sich jetzt deshalb Vorwürfe zu machen.
Der Mann blickte Jake fragend an.
»Mein Freund, tu mir einen Gefallen«, sagte Jake. »Du hast uns nicht gesehen, einverstanden?«
Der alte Mann betrachtete Jake und Molly abwechselnd, dann wanderte sein Blick zu der Waffe, die Jake in der Hand hielt. Sein Gesicht wurde noch blasser. Er nickte, zu schnell für Jakes Geschmack, und schloss eilig die Tür.
»Warum … laufen wir vor der Polizei davon?«, fragte Molly, als Jake versuchte, die andere Tür zu öffnen. Aus dem Treppenhaus hörte er die Schritte der Polizisten, die auf dem Weg nach oben waren. Jake hoffte, dass sie gründlich vorgingen und auch die restlichen Wohnungen überprüften, doch selbst dann würden sie nicht lange brauchen, bis sie das Dachgeschoss erreicht hatten.
Jake drückte die Klinke runter. Wie üblich war die Tür verschlossen, und wie üblich befand sich der Schlüssel unter der Topfpflanze in der Ecke gegenüber.
Das Einsatzteam hatte nun das Stockwerk unter ihnen erreicht. Ihnen blieben nur noch Sekunden. Jake steckte den Schlüssel ins Schloss und stellte zu seinem Entsetzen fest, dass er sich nicht drehen ließ. Er biss vor Verzweiflung die Zähne zusammen. Dann erinnerte er sich daran, dass es einen Kniff gab. Er lehnte sich mit seinem ganzen Körpergewicht gegen die Tür und versuchte es erneut. Diesmal ließ sich der Schlüssel im Schloss drehen, und die Tür öffnete sich.
Jake trat zur Seite und ließ Molly den Vortritt.
Er machte gerade die Tür hinter sich zu, als er den alten Mann rufen hörte. Das änderte nun auch nichts mehr, die Polizisten hatten vermutlich bereits herausgefunden, welchen Fluchtweg sie gewählt hatten. Jake hoffte nur, dass sie nicht durch die Tür feuern würden. Er verschloss sie wieder und ließ den Schlüssel stecken, um sich und Molly ein wenig Zeit zu verschaffen.
Dann eilte er die kurze Metallleiter hinauf, die auf das Flachdach führte. Molly erwartete ihn dort.
Die Gebäude hier waren über hundert Jahre alt und standen dicht an dicht. Der Abstand zum Dach gegenüber betrug kaum mehr als einen Meter. Sie konnten ohne Mühe hinübersteigen und danach über einen noch schmaleren Spalt auf das Dach des President Hotel gelangen.
Jake wandte sich zu Molly um. Sie stand direkt hinter ihm und schätzte bereits den Sprung ab. Sie zitterte nicht mehr, offenbar hatte sie den ersten Schock überwunden. Es ging eben nichts über eine körperliche Herausforderung, um auf andere Gedanken zu kommen.
Jake deutete über das Dach des benachbarten Gebäudes hinweg auf das President Hotel. »Dort gibt es auch eine Feuerleiter«, sagte er. »Sie führt runter zur Straße. Meinst du …«
Statt ihm zu antworten, drehte sich Molly um, nahm Anlauf und legte in erstaunlicher Schnelligkeit die sechs Meter bis zur Brüstung zurück, wo sie sich mit dem linken Fuß abstieß. Sie flog über den Spalt zwischen den Gebäuden und landete sicher auf dem gegenüberliegenden Dach. Bei ihr sah es wirklich ganz einfach aus.
Jake trat ein paar Schritte zurück, dann rannte er los.
Kelly Paxon steuerte den Wagen, während Catherine mit Sergeant Fleck vom San Francisco Police Department telefonierte. Fleck war einer der Streifenbeamten, die in diesem Augenblick das Gelände rund um das Wohngebäude absperrten, in dem sich Jake Ellis’ Apartment befand. Außerdem hielt Fleck alle Beteiligten auf dem Laufenden, indem er die Meldungen des Einsatzteams weitergab, das in dem Gebäude nach dem Verdächtigen suchte.
Irgendjemand hatte es vermasselt, so viel stand fest.
Bereits wenige Minuten, nachdem die Vermisstenmeldung über das Amber-System rausgegangen war, hatte das Einsatzteam des SFPD Ellis’ Wohnung gestürmt und ihn offenbar nur um einige Sekunden verpasst.
Paxon lenkte den Wagen um die Kurve. Catherine sah einen Polizeibeamten, der die Straße mit Absperrband abriegelte und gleichzeitig versuchte, die Schaulustigen auf Abstand zu halten. Zwei Einsatzfahrzeuge standen quer vor dem Gebäude, ein zusätzlicher Streifenwagen kam ihnen aus entgegengesetzter Richtung entgegen.
Vor dem Eingang des Wohnhauses entdeckte Catherine einen weiteren Uniformierten. In der rechten Hand hielt er seine Waffe, mit der linken drückte er sich ein Handy ans Ohr. Seine Lippen bewegten sich synchron zu der Stimme, die Catherine aus dem Lautsprecher ihres Smartphones hörte.
»Bleiben Sie dran«, sagte Fleck, »wir bekommen hier gerade Besuch.«
»Alles klar«, erwiderte Catherine und legte auf.
Paxon parkte den Wagen wenige Meter von Sergeant Fleck entfernt. »Special Agent Lark?«, fragte er, als Catherine ausstieg.
Sie verschwendete keine Zeit damit, das Offensichtliche zu bestätigen. »Wie viele Leute haben wir?«
»Vier. Verstärkung ist auf dem Weg.«
Catherine hörte das Geheul näher kommender Sirenen, mit jeder Sekunde schienen es mehr zu werden. Ein weiterer Polizeibeamter kam aus der Eingangstür des Wohngebäudes und näherte sich ihnen mit raschen Schritten. Er war jung, schätzungsweise Anfang zwanzig, hatte schwarzes Haar und blaue Augen. Er hielt eine Waffe in der Hand und schüttelte den Kopf. »Er kann noch nicht lange weg sein, Sergeant. Glauben Sie, er hat einen Tipp bekommen?«
»Ausschließen können wir das nicht, Officer«, antwortete Catherine an Flecks Stelle, während sie sich fragte, wer oder was Ellis aufgescheucht hatte.
Ein Knacken drang aus Flecks Funkgerät, und er drückte die Empfangstaste. »Wir haben den Subaru«, tönte eine Stimme aus dem Lautsprecher.
Catherine spürte, wie Hoffnung in ihr aufkeimte. Bedeutete das vielleicht, dass die Kollegen Ellis gerade verfolgten oder ihn sogar schon dingfest gemacht hatten?
»Haben Sie den Verdächtigen?«, fragte Fleck, dem offenbar derselbe Gedanke durch den Kopf ging.
»Negativ. Wir haben nur den Wagen. Er steht auf der Eddy Street.«
Der Sergeant sah Catherine frustriert an. »In Ordnung, Position halten, vielleicht kommt Ellis zurück.«
»Sergeant!« Die Stimme kam vom Dach des Gebäudes.
Sie blickten alle drei hinauf und erkannten einen Polizeibeamten, der zu ihnen herunterwinkte, um auf sich aufmerksam zu machen.
»Ich glaube, wir haben hier was!«, rief er.
Catherine trug Paxon auf, sich um den Subaru zu kümmern. Sie selbst folgte Sergeant Fleck durch den Haupteingang und stieg dann hinter ihm die Treppe hinauf. Das Gebäude musste älteren Baujahrs sein. Der Eingangsbereich und das Treppenhaus machten einen heruntergekommenen Eindruck. Vor zehn oder zwanzig Jahren hatte man hier vermutlich noch zu moderaten Preisen eine Wohnung mieten können. Der Zustand des Gebäudes und die Tatsache, dass draußen auf der Straße ausschließlich ältere, gebrauchte Fahrzeuge parkten, verrieten Catherine, dass die meisten Bewohner schon lange hier wohnten – und das auch nur wegen ihrer alten Mietverträge.
Sie kamen an Ellis’ Wohnung vorbei, deren Tür offen stand und von einem Polizisten bewacht wurde. Sergeant Fleck ging weiter, und sie stiegen noch zwei weitere Stockwerke hoch. Catherine konnte sich schnell zusammenreimen, was geschehen war, als sie die geöffnete Tür zum Dach und die Einschusslöcher rund um das Schloss sah.
Auf der Metallleiter, die zum Dach hinaufführte, stand ein Mann und unterhielt sich mit einem weiteren Polizisten. Er machte einen konsternierten Eindruck. Catherine schätzte ihn auf Ende siebzig, wenn nicht sogar noch älter. Die dünnen grauen Haare trug er hinter die Ohren zurückgekämmt. Durch die dicken Gläser seiner Hornbrille konnte sie kaum erkennen, welche Farbe seine Augen hatten.
Catherine deutete auf die Tür. »Haben Sie da jemanden?«
Bevor der Polizist antworten konnte, kam ein anderer Beamter vom Dach herunter: »Soweit ich sehen kann, ist er nicht hier oben.«
»Soweit Sie sehen können?«, wiederholte Catherine mit erhobenen Augenbrauen. Es war kaum anzunehmen, dass Ellis einfach hier herumsaß.
Der Mann wollte gerade antworten, aber Sergeant Fleck schnitt ihm das Wort ab. »Donnie, bewegen Sie gefälligst Ihren Hintern und suchen Sie das Dach ab!«
»Aber …« Officer Donnie wollte widersprechen, besann sich aber eines Besseren und verschwand wieder die Stufen hinauf.
Catherine wandte sich dem alten Mann zu. »Haben Sie gesehen, wie er hier hochgekommen ist?«
Er überlegte kurz, schüttelte dann den Kopf. »Er sagte, ich soll lieber vergessen, dass ich ihn gesehen habe.«
»Wie lange ist das her?«
Der alte Mann blickte kurz zu Fleck, als würde er die Antwort bei ihm suchen. »Ein paar Minuten? Es war kurz bevor Ihre Leute hier aufgetaucht sind.«
»War er allein, oder hatte er jemanden bei sich?«
»Das Mädchen war bei ihm. Das, nach dem Sie suchen.«
»Das vermisste Mädchen?«
Der alte Mann hielt Catherine sein iPhone hin, auf dessen Display der Amber-Alarm zu sehen war. Es war jene Nachricht, die Jake Ellis wohl dazu veranlasst hatte, seine Wohnung fluchtartig zu verlassen.
»Können Sie das Mädchen beschreiben?«
Der alte Mann brauchte eine Weile, bis er sein Smartphone wieder in seiner Hosentasche verstaut hatte. Dann hob er eine Hand und hielt sie auf Schulterhöhe. »Ungefähr so groß, rote Haare. Sie war voller Blut.«
»Blut?«
Er nickte.
»War sie verletzt? Konnten Sie erkennen, ob es ihr Blut war oder das von jemand anderem?«
»Das weiß ich nicht.«
»Welchen Eindruck machte das Mädchen auf Sie? Hatte sie Angst, war sie panisch?«
»Ich glaube schon …«
»In Ordnung. Danke, Mr …«
»Rosenberg. Ronald Rosenberg.«
Catherine wandte sich zum Gehen, drehte sich dann aber noch einmal um. »Ach, Mr Rosenberg. Kennen Sie Mr Ellis gut?«
Er antwortete nicht sofort. »Nein, er ist mir nur im Hausflur manchmal über den Weg gelaufen. Sie wissen ja, wie das ist.«
Catherine hörte weitere Sirenen, die sich ihnen näherten. Die Straße vor dem Gebäude würde bald aussehen wie der Parkplatz des Polizeipräsidiums. Sie wandte sich von Rosenberg ab, zog ihr Smartphone aus der Jackentasche und wählte Paxons Nummer.
»Wie sieht es aus?«
»Ich bin bei Ellis’ Wagen. Geparkt und abgeschlossen. Weit und breit keine Spur von dem Mann.«
Catherine unterdrückte einen Fluch. »Okay, halt die Augen offen. Das Mädchen ist bei ihm. Sie ist voller Blut. Die beiden werden jemandem auffallen.« Catherine warf Sergeant Fleck einen Blick zu. »Er kann noch nicht weit gekommen sein.«
Fleck nickte. »Wir riegeln die Gegend ab. In zehn Minuten ist jeder Cop in dieser Stadt auf der Suche nach Ellis und dem Mädchen.«
Catherine biss sich auf die Unterlippe. Zehn Minuten. In zehn Minuten konnte viel passieren. »Die beiden werden jemandem auffallen«, wiederholte sie und wünschte, sie wäre so zuversichtlich, wie ihre Worte klangen.
Jake kannte den jungen Polizeibeamten nicht, der drei Blocks von seiner Wohnung entfernt den Ausgang der schmalen Gasse bewachte. Er machte einen nervösen Eindruck, sah sich immer wieder in alle Richtungen um und blickte dann argwöhnisch in den Park auf der anderen Seite der Straße, als könne von dort jederzeit ein Angriff erfolgen. Seine Hand lag dabei die ganze Zeit über auf dem Holster seiner Waffe, was ihm eine gewisse Sicherheit zu geben schien. Jake schätzte, dass der Knabe frisch von der Akademie kam.
Allerdings spielte es keine Rolle, über wie viel Erfahrung der Junge verfügte. Es zählte nur, dass er ihren einzig möglichen Fluchtweg bewachte.
Ein Streifenwagen raste mit flackerndem Blaulicht auf der Straße vorbei. Weitere Sirenen heulten in der Ferne, misstönend wie ein Orchester, in dem die Musiker ihre Instrumente stimmten. Jake kannte das übliche Prozedere. Mit jeder weiteren Minute, die verstrich, würden mehr Polizeibeamte in der gesamten Stadt auf der Suche nach ihnen sein. Sie würden zunächst die Gegend um seine Wohnung abriegeln und die Sperrzone dann Block für Block systematisch erweitern. Und dann würden sie jeden Stein umdrehen, so lange, bis sie Jake gefunden hatten. Es war nur eine Frage der Zeit.
Er kauerte sich wieder hinter die niedrige Mauer, die Molly und ihm als Deckung diente. Molly blickte ihn an, als wolle sie etwas sagen, schien sich aber nicht zu trauen. Das Klettern und Laufen hatte sie beide außer Atem gebracht. Sie hatten in kurzer Zeit eine beachtliche Distanz zurückgelegt, ohne dass jemand sie entdeckt hatte. Doch ihre Glückssträhne schien hier zu enden.
Wenn er den Grünschnabel nur irgendwie ablenken könnte, überlegte Jake. Vielleicht würden sie es dann hinüber in den Park schaffen. Von dort aus war es nicht weit bis zur Washington Street, wo Marcus wohnte und wo ein fahrbarer Untersatz auf sie wartete – was wesentlich erfolgversprechender war als eine Flucht zu Fuß.
Sie durften keine weitere Zeit verlieren. Da Jake den Grünschnabel nicht kannte, war es umgekehrt vermutlich auch so. Er griff in die Innentasche seiner Jacke und versicherte sich, dass sein Dienstausweis an Ort und Stelle war. Aus alter Gewohnheit hatte er ihn mitgenommen, als er die Wohnung verlassen hatte.
»Unten bleiben«, flüsterte er Molly zu.
Er stand auf und zog den Dienstausweis aus der Jackentasche, wobei er darauf achtete, das Foto mit dem Daumen zu verdecken. Dann ging er mit festen Schritten auf den Grünschnabel zu.
»Hey!«, rief er, obwohl der Streifenbeamte ihn offenbar bereits gehört hatte und sich umdrehte. Voraussetzung für Jakes Bluff war, dass alles schnell ging und der Grünschnabel sich den Ausweis nicht genauer ansah. Die Hand des jungen Manns wanderte zögerlich zur Waffe, als Jake auf ihn zueilte.
»Ed McCrossan, Bayview Station«, sagte Jake und ließ den Dienstausweis schnell wieder in der Jackentasche verschwinden, bevor er dem Grünschnabel zu nahe kam. Die Chancen standen gut, dass der Junge von einer Einheit der Metro Division stammte und mit den Kollegen der Golden Gate Division, zu der die Bayview Station gehörte, nichts zu tun hatte. »Ihr Name, Officer?«
»F … Friedrich.« Der Blick des jungen Mannes wanderte unsicher von Jakes Gesicht zu der Jackentasche, in die er den Ausweis geschoben hatte.
»Was zum Teufel machen Sie hier, Friedrich?«, rief Jake. »Bei welcher Division sind Sie?«
»Bei der … der Northern Division, Sir.«
»Ihr Sergeant?«
»Mein … also, wissen Sie …«
»Zum Teufel noch mal, wie lautet der Name Ihres verfluchten Sergeants?«
»Sergeant Fleck, Sir.«
»Jim Fleck, das alte Schlitzohr, ist noch immer im Dienst?« Jake seufzte und schlug einen versöhnlichen Ton an. »Also gut, passen Sie auf, wir stecken mächtig in der Tinte. Der Verdächtige wurde gesehen und scheint sich südlich in Richtung Leavenworth zu bewegen. Ich brauche Sie da unten als Verstärkung, okay?«
