Nur eine Ohrfeige - Christos Tsiolkas - E-Book

Nur eine Ohrfeige E-Book

Christos Tsiolkas

3,9
10,99 €

oder
Beschreibung

Aus einer scheinbar banalen Begebenheit entwickelt sich eine packende Erzählung über Liebe, Sex und die verschiedenen Auffassungen von Ehe, Erziehung und Freundschaft. Die Ohrfeige zwingt alle Beteiligten dazu, ihr eigenes Familienleben, all ihre Erwartungen, Überzeugungen und Wünsche infrage zu stellen. Aus acht Perspektiven schildert Tsiolkas eindrücklich das innere Erleben der Gäste. Ein großer Gesellschaftsroman - ein Roman über die moderne Familie. - Monatelang auf den Bestsellerlisten in Großbritannien und Australien - Ausgezeichnet mit dem »Commonwealth Writers’ Prize« - Nominiert für den »Man Booker Prize« - Verfilmt als Fernsehserie

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 758

Bewertungen
3,9 (48 Bewertungen)
13
22
6
7
0



Christos Tsiolkas

Nur eine Ohrfeige

Roman

Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Besuchen Sie uns im Internet: www.klett-cotta.deAbonnieren Sie unseren E-Book-Newsletter: www.klett-cotta.de/​newsletter

Klett-Cotta

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Slap«

bei Allen & Unwin Pty Ltd.

© Christos Tsiolkas 2008

Für die deutsche Ausgabe

© 2012 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg

Unter Verwendung des Umschlags von Corrado Bosi, cdf-ittica.it

Foto: getty-images (Taxi/Maria Spann)

Datenkonvertierung: Koch, Neff & Volckmar GmbH, KN digital – die digitale Verlagsauslieferung Stuttgart

Printausgabe: ISBN 978-3-608-93902-6

E-Book: ISBN 978-3-608-10305-2

Für Jane Palfreyman, die einzigartig ist

|9|HECTOR

Hector hatte die Augen noch geschlossen, als er aus einem Traum erwachte, an den er sich schon nicht mehr erinnern konnte. Müde streckte er die Hand aus. Ah, gut. Aisha war schon auf. Er ließ genüsslich einen fahren und vergrub das Gesicht im Kissen, um nicht den modrigen Gestank einatmen zu müssen. Ich habe keine Lust, in einer Männerumkleide zu schlafen, beschwerte Aisha sich jedes Mal, wenn er sich versehentlich in ihrer Gegenwart vergaß. Was allerdings nur selten vorkam. Im Laufe der Jahre hatte er gelernt, sich nur noch gehenzulassen, wenn er allein war. Dann furzte und pinkelte er unter der Dusche, rülpste im Auto und genoss es, wenn sie auf einer Tagung war, sich das ganze Wochenende lang weder zu waschen noch die Zähne zu putzen. Nicht dass seine Frau besonders prüde war, sie ertrug nur offenbar die Ausdünstungen des männlichen Körpers nicht. Er selbst hätte kein Problem damit, in einer Mädchenumkleide einzuschlafen, umgeben vom feuchten, berauschenden Duft süßer junger Mösen. Noch im Halbschlaf drehte er sich auf den Rücken und schob das Laken beiseite. Süße junge Mösen. Er hatte es laut ausgesprochen.

Connie.

Bei dem Gedanken an sie war er endgültig wach. Aisha würde ihn für pervers halten. Doch das war er nicht. Er liebte Frauen ganz einfach. Egal ob jung oder alt, ob sie gerade erst erblühten oder schon anfingen zu verwelken. Er kam sich dabei so eitel vor, dass es ihm schon fast peinlich war, aber er wusste nun mal, dass die Frauen auch ihn liebten. Frauen liebten ihn.

Aufstehen, Hector, sagte er sich. Zeit, den Tag zu beginnen.

Der Tag begann mit einer Reihe von Übungen, die er jeden Morgen absolvierte. Das Ganze dauerte nicht länger als zwanzig Minuten. Manchmal, wenn er mit Kopfschmerzen oder einem Kater |10|aufwachte, oder beidem zusammen, oder einer Unlust, die offenbar tief aus seinem Inneren kam, war er schon nach zehn Minuten fertig. Es ging ihm nicht so sehr um das strenge Einhalten eines Ablaufs, sondern eigentlich nur darum, überhaupt zu trainieren – selbst wenn er krank war, zwang er sich dazu. Er stand auf, schnappte sich eine Jogginghose, schlüpfte in das T-Shirt, das er am Tag zuvor getragen hatte, und fing mit neun verschiedenen Dehnübungen an, bei denen er jeweils bis dreißig zählte. Dann legte er sich auf den Teppich und machte hundertfünfzig Sit-ups und fünfzig Liegestütze. Am Ende dann nochmal drei Dehnübungen. Danach ging er in die Küche, stellte die Kaffeemaschine an, lief zu dem kleinen Laden am Ende der Straße und kaufte die Zeitung und eine Schachtel Zigaretten. Zurück zu Hause goss er sich einen Kaffee ein, ging nach draußen auf die Veranda, zündete sich eine Zigarette an, schlug den Sportteil auf und begann zu lesen. In diesem Moment, die Zeitung vor sich aufgeschlagen, mit dem bitteren Kaffeegeruch in der Nase und dem ersten Zug von der Zigarette, waren ihm alle Nöte, die blöden Nichtigkeiten, der Stress und die Sorgen des vorigen oder kommenden Tages egal. In diesen Momenten, vielleicht sogar nur dann, war er glücklich.

Hector hatte schon als Kind festgestellt, dass die einzige Methode, gegen das erdrückend wohlige Gefühl des Schlafes anzukommen, darin bestand, mit Vollgas hindurchzupreschen, die Augen aufzureißen und aus dem Bett zu springen. Aber diesmal blieb er liegen und ließ sich sanft von den Geräuschen seiner Familie wecken. Aisha hatte in der Küche einen Klassiksender eingestellt, und Beethovens Neunte drang durchs ganze Haus. Aus dem Wohnzimmer hörte er das elektronische Piepen und blecherne Nachhallen eines Computerspiels. Einen Augenblick lang lag er regungslos da, warf dann das Laken zurück und blickte auf seinen nackten Körper. Er hob das rechte Bein und ließ es zurück aufs Bett fallen. Heute ist es so weit, Hector, sagte er sich, heute ist es so weit. Er sprang hoch, zog sich einen roten Sportslip und ein Unterhemd an, ging ins Bad, pinkelte lange und laut und stürmte in die Küche. |11|Es roch nach Kaffee. Aisha schlug gerade ein paar Eier in die Pfanne. Er küsste ihren Nacken. Mitten im Crescendo schaltete er das Radio aus.

»He, ich wollte das hören.«

Hector ging einen Stapel CDs durch, die neben dem CD-Player lagen. Er nahm eine von ihnen aus der Hülle, legte sie ein und spielte einen Titel nach dem anderen an, bis er das richtige Stück gefunden hatte. Als die ersten Töne aus Louis Armstrongs Trompete erklangen, lächelte er. Er küsste seine Frau noch einmal in den Nacken.

»Heute muss ich Satchmo hören«, flüsterte er ihr zu. »Und zwar den ›West End Blues‹.«

Er führte seine Übungen langsam aus, atmete dabei gleichmäßig und zählte bis dreißig. Nach jedem Durchgang lauschte er der Musik, der sich langsam steigernden Sinnlichkeit. Bei den Sit-ups konzentrierte er sich auf die Spannung der Bauchmuskeln, und während der Liegestütze auf das Ziehen in seinen Trizepsen und Brustmuskeln. Er wollte seinen Körper spüren, wollte sich lebendig, stark und sicher fühlen.

Als er fertig war, wischte er sich den Schweiß von den Brauen, hob das Hemd, das er am Abend zuvor einfach hingeworfen hatte, vom Boden auf und schlüpfte in seine Sandalen.

»Willst du was vom Laden?«

Aisha lachte. »Du siehst aus wie ein Penner.«

Sie ging nie ohne Make-up und ordentliche Kleidung aus dem Haus. Nicht dass sie sich auffällig schminkte, das hatte sie nicht nötig – es war einer der Punkte, der ihn von vornherein an ihr angezogen hatte. Für Mädchen, die viel Make-up, Puder und Lippenstift trugen, hatte er nie etwas übriggehabt. Er fand das nuttig, und obwohl er wusste, wie lächerlich seine konservative Einstellung war, konnte er sich doch nicht dazu durchringen, eine stark geschminkte Frau gut zu finden. Egal, wie schön sie in Wirklichkeit war. Aisha brauchte kein Make-up. Ihre dunkle Haut war makellos und geschmeidig, und die großen, tief liegenden, schräg abfallenden |12|Augen leuchteten in ihrem schmalen, perfekt geformten Gesicht.

Hector sah auf seine Latschen runter und lächelte. »Und, darf der Penner dir etwas mitbringen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nee. Aber du wolltest noch einkaufen fahren, oder?«

»Hatte ich wahrscheinlich gesagt.«

Sie sah auf die Küchenuhr. »Dann solltest du dich beeilen.«

Er antwortete nicht. Ihr Kommentar ärgerte ihn, er wollte sich an diesem Morgen nicht beeilen. Er wollte ihn ganz ruhig angehen lassen.

Er schnappte sich die Samstagsausgabe der Zeitung und warf einen Zehn-Dollar-Schein auf den Ladentisch. Mr. Ling griff nach der goldenen Packung Peter Jackson Super Mild, aber Hector stoppte ihn.

»Nein, heute nicht. Heute nehme ich eine Schachtel rote Stuyvesant. Im Softpack. Geben Sie mir am besten gleich zwei.« Hector steckte den Zehner wieder ein und legte einen Zwanziger hin.

»Sie wechseln Marke?«

»Das ist mein letzter Tag, Mr. Ling. Ab morgen höre ich auf.«

»Sehr gut.« Der alte Mann lächelte. »Ich rauche nur drei an Tag. Eine Morgen, eine nach Essen und eine, wenn ich fertig mit Arbeit.«

»Ich wünschte, das könnte ich auch.« Die letzten fünf Jahre waren wie ein Karussell gewesen, zigmal hatte er aufgehört und wieder angefangen, sich eingeredet, ruhig fünf am Tag rauchen zu können, warum auch nicht, fünf am Tag waren ja nicht so schlimm, aber dann hatte er sich doch nicht beherrschen können und die ganze Schachtel leergemacht. Jedes Mal. Er beneidete den alten Chinesen. Wie gern würde er bloß vier oder fünf am Tag rauchen. Aber das schaffte er nicht. Zigaretten waren so etwas wie eine teuflische Geliebte für ihn. Oft schon hatte er die Packung unter dem Wasserhahn aufweichen lassen und sie dann in den Müll geschmissen, fest entschlossen, nie wieder zu rauchen. Er hatte es |13|mit kaltem Entzug probiert, mit Hypnose, Pflastern, Kaugummis. Ein paar Tage vielleicht, eine Woche, einmal hatte er es sogar einen ganzen Monat lang geschafft, der Versuchung zu widerstehen. Aber dann schnorrte er eine bei der Arbeit, in der Kneipe oder nach dem Essen, und schon lag er wieder in den Armen seiner verschmähten Geliebten. Und deren Rache folgte prompt. Er war ihr ergeben und außerstande, ohne sie durch den Morgen zu kommen. Sie war zu verlockend.

Eines Sonntagmorgens, als die Kinder bei seinen Eltern waren und Aisha und er wunderbaren, entspannten Sex hatten, schlang er seine Arme um sie und flüsterte: »Ich liebe dich, du bist für mich das Schönste auf Erden, du bist mein Ein und Alles.« Und sie drehte sich mit einem höhnischen Grinsen im Gesicht zu ihm um und sagte: »Nein, bin ich nicht, deine eigentliche Liebe sind die Zigaretten.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!