Nur hier sind wir einzigartig - Christine Avel - E-Book

Nur hier sind wir einzigartig E-Book

Christine Avel

0,0
14,99 €

Beschreibung

Eine Gruppe von Kindern verbringt ihre Sommer auf einer griechischen Insel, auf der ihre Eltern als Archäologen arbeiten. Die Wochen in der flirrenden Hitze erleben sie als magische Parallelwelt zu ihrem heimischen, von Schule und Elternzwist dominierten Alltag in Frankreich oder Italien. Von den Erwachsenen vergessen, streunen die Kinder über das Ausgrabungsgelände, tauchen im Meer, fürchten sich beim nächtlichen Versteckspiel, vergraulen die ersten Touristen, die sich zur Grabungsstätte vorwagen, verlieben sich in- und konkurrieren miteinander und werden mit der Zeit zu einer verschworenen Gemeinschaft. Bis sie Jahre später voller Wehmut feststellen müssen, dass nicht nur jeder Sommer, sondern auch jede Kindheit endet. In poetischem Ton und auf berückende Weise erzählt Christine Avel vom Zauber gemeinsam verlebter Kindheitssommer.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 178

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Christine Avel

Nur hier sind wir einzigartig

Roman

Aus dem Französischen von Christine Ammann

Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der französischen Botschaft in Berlin.

Die Übersetzerin dankt dem Deutschen Übersetzerfondsfür die Förderung ihrer Arbeit.

Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem TitelIci seulement nous sommes uniques bei Buchet/Chastel.

Copyright © Libella, Paris, 2019

© 2021 by mareverlag, Hamburg

Covergestaltung Nadja Zobel, Petra Koßmann, mareverlag

Coverabbildung T.S.Harris,Clear Blue Sky/Private Collection/ © T.S.Harris/Bridgeman Images

Typografie (Hardcover) mareverlag, Hamburg

Datenkonvertierung E-Book Bookwire

ISBN E-Book: 978-3-86648-398-9

ISBN Hardcover-Ausgabe: 978-3-86648-648-5

www.mare.de

»Wir alle besitzen ein Gelände, nicht größer als eine Briefmarke, sagt Faulkner, doch die Größe ist nicht entscheidend, wichtig ist nur, wie tief wir graben. Meine Briefmarke ist winzig, und ich bin mir nicht sicher, ob ich richtig grabe …«

Pierre Michon, Le roi vient quand il veut

Inhalt

Das Gelände

Erkundungen

Grabungsfelder

Schichtenkunde

Vermessung

Datierung

Bergen und Räumen

Fälschungen und Zweifelsfälle

Schutt

Restaurierung

Inventur

Das Gelände

Die Welt beginnt und endet hier. Mit festen, unveränderlichen Grenzen, vom dritten Johannisbrotbaum an der Hauptstraße bis zum letzten Fels der kleinen Bucht, wenige Kilometer weiter.

Das hat Niso so entschieden, aufrecht über dem hellen Becken der großen Entscheidungen, genau dort, wo wir jeden Sommer unter wildem Geschrei die winzigen Schlangen abschlachten. Die Arme vor der Brust verschränkt, das Kinn wie sein Vater nach oben gereckt, verkündet er an jenem feierlichen Tag: »Genau hier beginnt die Welt«, und wir klatschen begeistert Beifall.

Die Welt beginnt dort, am Dorfausgang. Die einzige geteerte Straße führt geradewegs ins Inselstädtchen und macht dann einen plötzlichen Knick in Richtung Meer. Unser Gelände umfasst drei Olivenhaine, die Sträucher und die dornige Macchia, den von Tamarisken gesäumten Garten, das Grabungshaus, den Palast und das Grabungsfeld, ist also in mehrere Orte aufgesplittert, die bis zum felsigen Meeresufer abfallen.

Unser Leben beginnt und endet hier. Hier verbringen wir zwei oder drei Monate im Jahr; das restliche Jahr existiert kaum. Es dehnt sich aus, in einem dichten, gleichförmigen Nebel, eine gut einstudierte, hastig aufgesagte Darbietung ohne jeden Sinn, die wir auf der Insel sofort vergessen und über die wir untereinander nie reden.

Die restliche Welt ist ein armseliges, fades und kaltes Etwas, eine kümmerliche Einlage in der Abendsuppe. Sogar unser Sommerhimmel ist hier anders: von einem intensiven Blau und einer Wärme, die sich abends in einer unvergleichlichen Farbenflut entfaltet. Das Milchige des flämischen Horizonts und die lang gezogenen norditalienischen Wolken fehlen.

Unsere Welt beschränkt sich auf ein paar Hundert Quadratmeter tiefes Wasser und blutrote Erde, eingerahmt von zwei Wegen und dem felsigen Meeresufer, das sich in die halbrunde Bucht frisst. Das genügt uns.

Am Abend vor der Rückreise stehen wir oben auf dem Fels und betrachten voller Stolz unsere Welt; wir fahren mit der Zunge über die vom Salz aufgesprungenen Lippen, treten von einem Bein aufs andere, bis der Himmel noch schwärzer ist als das Meer. Unsere kleine Bucht vor Augen, schwören wir, uns im nächsten Sommer wieder in die Wellen zu stürzen, so wie im übernächsten und in allen anderen auch.

Die Welt ist hier und nur hier, bebt lebendig und warm unter unseren Händen, unseren Füßen. Wir werden sie niemals verlassen.

Wenn die Insel unsere Welt ist, dann ist die kleine Bucht das Zentrum, der ruhige, tiefe Nabel der Welt.

Wir sind so oft vom Grabungshaus zum Meer gelaufen, dass wir den Weg im Spiel mit geschlossenen Augen finden, der Geruch der Macchia und der Strandlilien leitet uns. Unsere Fußsohlen bewahren von einem Jahr zum nächsten die Erinnerung an diesen Hang, an die heimtückischen spitzen Steine einer Kurve, an die Wunden, die zwei Monate nicht heilen, weil sie mit jedem Sprung ins Salzwasser wieder aufreißen; und natürlich an den feinen Sand, den wir an windigen Tagen in den Augen, unter den Nägeln und zwischen den Zähnen spüren. Tagsüber ist der unglaublich weiche, pulvrige goldene Sand glühend heiß – zu Ferienbeginn hüpfen wir fluchend von einem Fuß auf den anderen, weil wir keine Hornhaut mehr haben –, nachts lauwarm und morgens kühl.

Und dann kommt immer diese Stelle, wo der Hang sanft zum Strand hin abfällt und wir plötzlich vom Meer angezogen werden: Wir erkennen sie, obwohl wir nicht wissen, wo sie ist, aber wenn wir genau da sind, breiten wir die Arme aus, rennen mit wildem Geschrei los, stürzen uns geradewegs in die Wellen und brüllen heraus, was wir das Jahr über zurückgehalten haben.

Die hellsten Stunden des Tages verbringen wir im dunklen Wasser, wir springen, tauchen, ziehen uns auf den Stein hoch, schütteln uns und gleiten, kaum getrocknet, erneut ins kühle Nass: eine lärmende, träge Seelöwenkolonie.

Evi ist die Jüngste und hält sich zurück, keiner beachtet sie je. Sie läuft uns hinterher wie ein treuer Hund, vor den Augen lange braune Strähnen, und protestiert auch nicht, wenn Niso sie anfährt und herumkommandiert: »Geh dahin, hau ab, trag meine Tasche.« Er nennt sie »meine Klette«, und keiner von uns käme auf die Idee, mit ihr zu reden. Wenn sie dann doch einmal etwas sagt, hat sie eine überraschend tiefe, ein wenig raue Stimme. Wir verstummen, ganz verwundert bemerken wir diesen winzigen Menschen.

Eines Tages sagt ihre Erwachsenenstimme in das Wellenrauschen, die Schreie und unser Treiben hinein: »Ich will auch springen.« Derjenige, der sich gerade ins Wasser stürzen wollte, hält verblüfft inne, wir drehen uns alle um, Evi lehnt, winzig klein, mit dem Rücken am Fels, sie reicht uns nur bis zur Schulter, und doch rennt sie jetzt wie eine Wahnsinnige los, einfach geradeaus. »Da sind Steine, pass auf«, murmelt Niso mit erstickter Stimme, aber sie ist schon gesprungen, lautlos, aus vollem Lauf.

Wir beugen uns alle gleichzeitig vor; Niso, der unten auf dem flachen Stein steht, starrt ins wirbelnde Treiben, mit angespannten Muskeln, sprungbereit, eine Ader an seiner Schläfe pulsiert, Evi taucht nicht auf, das ist der Strudel, man muss ordentlich mit den Füßen strampeln, um hochzukommen. »Ma che stronza«, flucht Zac, als Niso sich ins Wasser stürzt, ein Knall, ein Aufschäumen. Dann ein paar Meter weiter vorn, an den Felsen, Evis raues Lachen, sie klammert sich ans Gestein: »Ich hab euch Angst gemacht, was, Niso, ich hab euch Angst gemacht.«

Niso kommt immer als Erster in der Bucht an, er läuft weit vor den anderen, das dumpfe Geräusch seiner nackten Füße, in einer Hand die Taucherbrille, in der anderen die Flossen, er klettert über die Felsen, springt hinunter auf den flachen Stein, zieht sein T-Shirt aus, setzt mehr schlecht als recht die Brille auf – es ist Evis, sie ist ihm zu klein, seine hat er verloren – und stürzt sich ins Weite, gierig nach der schlagartigen Erfrischung, dem plötzlichen Ohrenrauschen.

Im Wasser ist Niso nie kalt. Nur wenn er sich mit einer Hand dort unten, in der Tiefe, am Fels festklammert, kann sich in seinem Brustkorb etwas lockern, sich langsam aus dem Schraubstock lösen, und die Wurzeln, die ihn jedes Jahr umwachsen und ersticken, spreizen sich.

Dort unten öffnet er die Augen, ohne Angst vor dem Salz, und seine Lunge weitet sich. Wir wetteifern untereinander nicht darum, wer am längsten tauchen kann; nicht, weil unsere Eltern es verbieten würden (davon sind sie meilenweit entfernt) oder weil es uns zu riskant wäre – Niso würde einfach jedes Mal gewinnen.

Wenn er ganz unten ist, stellt er sich vor, er befände sich am Grund eines Sees: Die Hafenmauern im Wasser, die er in einigen Metern Entfernung erahnen kann (noch weiter draußen ist es dunkel und geheimnisvoll), markieren den Eingang zu einer versunkenen Stadt. Niso bewegt sich so wenig wie möglich, lässt nur die Hände sanft hin und her gleiten, wie zwei folgsame Pilotfische. Wenn manchmal ganz nah vor ihm ein silbriger Sardinenschwarm im Rhythmus der Wellen erzittert, ist das für ihn das Höchste.

Und erst, wenn sich das vergangene, übervolle Jahr in zig Luftblasen verflüchtigt hat – nur dann –, stößt er sich auf einmal mit der Ferse ab und kommt wieder nach oben.

Erkundungen

Am Anfang des Urlaubs sitzen wir lange davor, lassen die Beine im Gleichtakt baumeln, auf dem Eingangstor aufgereiht wie Schwalben, die sich auf der Stromleitung aneinanderdrängen.

Das Grabungshaus ist noch da. Mit seinen dicken Mauern steht es fest auf der Erde, unverändert hat es unsere Abwesenheit überstanden. Das können wir uns gar nicht oft genug sagen. Die Fassade ist weiß gekalkt wie die Häuser im Dorf und strahlt so grell, dass wir mittags blinzeln müssen.

Ursprünglich, lange vor unserer Geburt, war hier nichts oder fast nichts: nur karger, steiniger Boden, ein paar Mäuerchen und eine Handvoll Ziegen, die Macchia fraßen. Auch das damalige Dorf war eigentlich nicht der Rede wert, ein staubiges Kaff mit einem kleinen Geschäft, und das war’s – nicht einmal ein Souvenirladen oder eine Post. Aber den Palast gab es natürlich schon, ein Haufen alter Steine mit rostiger Umzäunung, und einige verschlafene, längst vergessene Grabungsfelder. Dann wurde das Grabungshaus gebaut, der Garten spross wie eine Oase in der Wüste, man fing an, ringsherum zu graben, der Weg erreichte die Nekropole, am Strand tauchte die Hütte auf, endlich war alles da, nur für uns: unser vollständiges, perfektes und unveränderliches Universum.

Wir werden nicht müde, die strahlende Fassade zu betrachten, wir vergewissern uns, dass wir heil angekommen sind und weit genug weg vom eierfarbenen Rauputz unserer Vorstadthäuschen, den winzigen Balkonen unserer Wohnungen, den Begonientöpfen unserer Großeltern.

Mit fünf oder sechs Jahren kommt uns das Grabungshaus riesig und unübersichtlich vor. Dabei ist es schlicht gebaut, geradezu klösterlich. Vielleicht war das sogar die ursprüngliche Absicht des Architekten; zweifellos war er gläubig, er glaubte an das heilige Amt des Archäologen. Der Grundriss ahmt die Schlichtheit der archaischen Paläste nach, verbindet uns mit ihnen und fügt sich perfekt in ihr verstecktes Wegelabyrinth ein.

An einem langen Gang liegen rechts das Arbeitszimmer, in der Mitte Veranda und Küche, dahinter die sanitären Anlagen und dann mehrere Schlafzimmer. Die Veranda öffnet sich mit großen Säulen zum Außengelände hin. Die Schlafzimmer, in denen wir damals alle untergebracht sind, sind Zellen ohne Bad, mit lediglich einem Regal, Schreibtisch und Stuhl und einem einzigen Fenster, durch das man auf die Tamarisken blickt.

Das Gemeinschaftsbad ist sehr einfach, jeden Morgen wird es abgespritzt. Aber das Duschen im Schnellverfahren ist uns weitaus lieber als die tägliche Körperpflege im restlichen Jahr, unter Aufsicht. Zeig mal die Fingernägel, vergiss das Shampoo nicht. Wir mögen das Gedränge im Bad, aber es beunruhigt uns auch, den halb nackten, zotteligen Erwachsenen über den Weg zu laufen, sie pfeifen, furzen und vor sich hin kichern zu hören. Sonst verabscheuen unsere Eltern Campingplätze, all unserem Flehen zum Trotz, doch hier stört es sie nicht, sich über ein stinkendes Loch zu hocken und dass wir alles hören. Was uns komischerweise wiederum beruhigt. Wir kehren glücklich in die Steinzeit zurück (in die Bronzezeit, würden die strengen Erwachsenen sagen).

Im Sommer nisten sich die Läuse ein und die Flöhe auch, unsere Rücken sind mit roten Flecken übersät und jucken. Wenn sich ein Erwachsener bereit erklärt, uns den Kopf zu scheren, stellen wir uns fröhlich trällernd auf der Veranda an: eine unbekümmerte Pavianfamilie bei der Fellpflege.

Nur einer bleibt abseits. Haarschneider, Schere und alle ehrgeizigen Disziplinierungsversuche scheitern an seinen dichten braunen, grasgespickten Locken; in den Sommermonaten hängen sie vor den dunklen Augen und kräuseln sich im Nacken. Die Dorfkinder zeigen mit dem Finger auf ihn (nur von Weitem, sie trauen sich nicht, ihn zu ärgern) und kichern. Wir aber nicht. Die Haare sind Zacs ganze Würde, seine Mähne, wie seine Mutter mit übertriebenem Stolz auf ihren gut aussehenden Sohn lachend sagt. Wir bewundern seinen hartnäckigen Widerstand und wie er bei der Siesta Laus für Laus, die ihm den Kopf zerfrisst, zwischen zwei Fingernägeln zerdrückt.

Das Grabungshaus ist vollständig zum Garten hin ausgerichtet und der Sonne preisgegeben, nur die Schlafzimmer liegen selbst mittags im Schatten. Ohne den üppigen Garten, von dem es um- und überwachsen ist, die stürmische Bougainvillea an der Fassade und die rankenden Passionsblumen an den Pfeilern würde es gar nicht mehr stehen. Der Garten nährt das Haus und verschlingt es. Um vom Haus in den Garten und zurück zu kommen, springen wir über das Mäuerchen am Gang. Nachts ist der Garten ungeheuer groß, er umschließt und überwältigt uns.

Vierzig, neununddreißig. Keine Ahnung, warum, aber das Abwärtszählen beginnt immer mit vierzig. Wir stehen da, hilflos und abwartend. Und schütteln unsere Lähmung in nur zwei Sekunden ab.

Unter der strahlenden Sonne rennen wir in alle Richtungen, zum Mäuerchen, den Bäumen, den zigmal neu erfundenen Verstecken. Unser Versteckspiel beschränkt sich damals auf den Garten, der uns riesig vorkommt. Später legen wir uns nach und nach bis zur Küste auf die Lauer, in den Olivenhainen oder sogar im Palast, trotz Verbot springen wir über den Zaun.

Wir sind mal mehr und mal weniger; einige kommen regelmäßig und sind ab Juni sicher da, andere tauchen nur manchmal auf. Im Alter von fünf, acht oder zehn sind wir eine feste, laute und zerzauste Gruppe, die immer in Bewegung ist. Wir sprechen alle Sprachen der Welt; beim Spielen, Purzelbäumeschlagen und Lachen haben wir sie gelernt.

Auf der Insel haben wir kurze, klingende und unverwechselbare Namen: Niso, Zac, Evi. Unsere Namen wurden unzählige Male verstümmelt, nach griechischer Art verlängert und dann wieder verkürzt. Übrig geblieben sind farbenfrohe Silben, die uns allein gehören, aber nur auf dieser Insel. Von September bis Juni sind wir Denis, Giacomo und Isabelle, wie wir in unseren Ländern artig heißen, geschichtslose Blagen, die den Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens, ein F. oder D., anhängen müssen, um nicht mit anderen verwechselt zu werden.

Nur hier sind wir einzigartig. Selbst unsere Eltern vergessen in den Ferien langsam unsere wirklichen Vornamen, spielen mit Verkleinerungsformen und Anhängseln und begnügen sich nach ein paar Wochen schließlich, wenn es Zeit für den Aufbruch zur Taverne ist, mit einem farblosen »Kinder!«.

Unsere Familien kommen aus Italien, Belgien, Griechenland, England und Frankreich, die meisten sprechen zu Hause mindestens zwei Sprachen. Gemeinsam schaffen wir eine neue Insel-Nationalität und verständigen uns in einem Kauderwelsch mit erfundenen Wörtern und hiesigem Dialekt.

Niso ist am schnellsten; Evis Hand fest in der seinen, haut er als Erster ab, und automatisch rennen alle erst mal in seine Richtung.

Er ist einen Kopf größer als wir, aber trotzdem eine Krabbe, mit durchsichtiger Haut und hellen Augen, so dürr, dass sich seine Rippen abzeichnen und am Brustbein ein Knöchelchen vorsteht. An den Handgelenken zeigen sich blaue Adern, und wenn er aufgeregt ist, pulsiert eine am Hals. An seinem Körper ist kein Gramm Fett, an den Schultern sieht man das Spiel seiner dünnen, langen Muskeln. Im Juli wird seine Haut leicht kupferfarben, mit rötlichen Flecken, und er häutet sich wie eine Eidechse, ist genauso flink und teilt die Vorliebe des Reptils für schroffe Mauern. Wenn er vollkommen reglos, beinahe ohne zu atmen, auf einem Tamariskenast liegt, finden wir ihn immer zuletzt.

Niso und Evi waren im Grunde schon immer da. Als wären sie auf der Insel geboren, als kämen sie von dort. Wirklich, Bruder und Schwester? Nicht mehr lange, dann ist Evi, das Nesthäkchen, genauso groß wie Niso, das kann man schon sehen, ehe sie ihn in der Pubertät überholt; die kräftigen Knie, die Schultern einer Schwimmerin, ein Körper, um den Dingen zu trotzen und standzuhalten. Als die beiden fünf und acht sind, würde bereits jeder darauf wetten, dass sie bei einem Kampf gewinnt. Eigentlich kaum vorstellbar, dass Evi, unsere trotzige, zähe Evi, in den übrigen Monaten Röcke, Ballerinas und Pferdeschwanz trägt und die Faust in der Tasche ballt.

Wenn sie Ende Juni von der Fähre geht, bleibt sie jedes Mal auf der Landeklappe stehen. Die Passagiere, die eilig aussteigen wollen, rempeln sie an, wie ein verlorenes Paket, das im Weg liegt. Wenn ihr genervter Vater (schon auf der Pier, wo er zum zigsten Mal die Koffer nachzählt, seine wissenschaftliche Rigorosität ist berühmt-berüchtigt) sich nach ihr umdreht, winkt und ruft, fleht Niso sie an: »Evi, was machst du denn?« Doch sie verharrt in dieser vagen Schleuse zwischen zwei Welten, holt tief Luft und lässt jetzt einfach zu, dass ihr eine lange braune Strähne ins Gesicht fällt.

Mehr noch als bei ihrem Bruder kommt bei ihr im Sommer die zweite Natur zum Vorschein.

Niso wird das später überraschend bewusst, als er in einer seiner wissenschaftlichen Lieblingszeitschriften blättert; eines dieser Magazine mit verlockenden Titeln und kaum verständlichem Inhalt, wo mithilfe von Illustrationen, die die Themen erst erklärbar oder vorstellbar machen, plausibel erläutert wird, warum die Leere in Wahrheit eine Fülle, die Zeit eine Kurve, das Universum eine Art klar definierter Bagel und das Raum-Zeit-Kontinuum ein gespanntes und von der Schwerkraft beliebig zerknülltes Laken ist.

Es war wohl die Überschrift in einer vor ihm aufgeschlagenen Science et Vie: »Sind wir alle Chimären?«, daneben ein verstörendes Bild, die Darstellung eines römischen Mosaiks: eine Ziege mit Fischschwanz in der klaren Tradition antiker Ungeheuer.

Und dann die Erklärung des Autors, sehr überzeugend (dessen renommierte Titel seine Glaubwürdigkeit unterstreichen): Häufiger als man denke, finde sich bei Menschen eine Kombination aus zwei DNA. In ein und derselben Person können demnach zwei Menschen leben, ohne dass man es merkt, höchstens zufällig durch eine genetische Analyse. Das Ohr von dem einen, den Zeh von dem anderen.

Genauso wie die Kinder auf der Insel. Chimären: das Kind im Alltag und das im Sommer, zwei unterschiedliche genetische Codes, zwei Körper; einer weiß und glatt, mit kurzen Nägeln, sauberen Haaren, gewaschen und eingecremt, der andere sonnengebräunt, wild, mit Muskeln und Krallen, zerkratzt von Stacheln und Dornen, voller Schwielen und strotzend vor Kraft.

Beim Versteckspielen zählt meistens Zac, hinten am Eckpfeiler, den Wuschelkopf in der Armbeuge. Er steht genau auf der Grenze zwischen Haus und Garten, hell und dunkel. Das ist die Regel.

Er zählt öfter, als er müsste, wir losen aus, aber außer ihm schummeln alle; wir wollen lieber gesucht werden, mit klopfendem Herzen und schwitzigen Händen. Wir wissen nicht, ob uns das Spiel wirklich gefällt, in diesem Garten mit seinen Furcht einflößenden Geräuschen und Gerüchen.

Aber Zac kann nicht schummeln und ist gern allein. Zählen heißt für sich sein, ohne die Gruppe, als Einziger sichtbar – mehr oder weniger, denn wir spielen gern, wenn die Schatten langsam länger werden. In den kommenden Jahren – wir kennen schon alle Schlupflöcher, Hinterhalte und Winkel – verstecken wir uns am liebsten erst bei Dunkelheit, wenn die Silhouetten der Bäume kaum noch zu erkennen sind.

Die anderen entfernen sich so leise und weit wie möglich, nur Evi klammert sich an den nächsten Feigenstamm wie an ein Rettungsfloß. Sie hat Angst vorm Dunkeln und bleibt in Zacs Nähe. Als die beiden noch klein waren, schnappte Niso sich Evis Hand, hielt sie so fest, dass es wehtat, und nötigte sie, schneller, schneller, immer schneller zu rennen und still zu sein. Von Weitem hörten wir, wie die beiden hinter einem Baum flüsterten. »Psst, halt die Klappe, hör auf mit dem Gezappel.« »Niso, du tust mir weh, mir ist kalt«, sagte Evi an ihn gekauert, eine Hand vorm Mund und möglichst flach atmend.

Früher waren sie zu zweit, aber eines Tages wollte sie sich allein verstecken, stolz darauf, endlich mitzuspielen, nicht mehr die Kleine zu sein. Von unserem Versteck aus sehen wir, dass sie nicht wegläuft, Zac gibt ihr mehr Zeit, zählt noch einmal von weiter hinten, zweiunddreißig, einunddreißig. Er redet leise auf sie ein, »Na los, beweg dich, renn weg«, und versteht nicht, dass sie das erneute Zählen erst recht verunsichert.

Evi umkreist den Ausgangspunkt wie ein panischer Nachtfalter, bei zehn und auch bei sechs ist sie immer noch da, unschlüssig; Zac kennt all ihre Verstecke und wird sie zuerst suchen. Sie muss weglaufen. Aber sie läuft nicht weg, sie kann nicht, weiß nicht, wie.

Zac zählt noch langsamer, dehnt am Ende die Null länger aus. Dann geht er los, schnuppert, weiß schon, wo sie verstört sitzt. Er ist ganz nah bei Evi, schleicht sich heran, langsam und leise, lauernd, wahrscheinlich hat er beim Zählen schon unser Knacken, Rascheln und Keuchen gehört. Lautlos geht er weiter.

Wenn er uns im Halbschatten am Arm berührt, durchfährt uns ein elektrischer Schlag. Dann rasen wir wie Evi, die erschrocken und begeistert den ersten Schrei ausstößt, in Richtung Haus, unser Zufluchtsort auf hoher See.

Die Schlafzimmer im Grabungshaus riechen nach Sauberkeit. Maria, die darüber wacht, zieht die rauen Bettlaken glatt, geht mit dem Besen durch, energisch, knapp, präzise, und schüttet dann große Kübel schäumendes Wasser über den Boden.

Die Siesta, ein seit Anbeginn der Zeit überliefertes Ritual, ist mit den Schlafzimmern untrennbar verbunden. Während der Siesta läuft man nicht, springt man nicht, schreit man nicht, und gebrüllt wird erst recht nicht. Wir müssen uns hinlegen, in der Abgeschiedenheit unserer dunklen Zimmer sinken wir schnell in den Schlaf, oder besser, in eine klebrige Starre; von ungeahnter, bodenloser Müdigkeit erfasst, dösen wir nicht, sondern fallen in ein tiefes Koma, mit halb geschlossenen Augen und offenem Mund.

Aus dieser Geistesabwesenheit voll zirpender Zikaden erwacht Evi abrupt, benommen, wie gelähmt, immer zu spät, schweißgebadet und allein. Sie versucht, ihre steifen Glieder wach zu rütteln, kämpft sich mit hämmerndem Kopf in den Badeanzug, hält bittere Tränen zurück, rennt den Weg entlang, nur der sehnsüchtige Lauf zur Bucht kann sie jetzt retten, die Steine spürt sie nicht, keuchend kommt sie bei uns an und tut, als ob nichts wäre. Ihre schlechte Laune vergeht mit der Gischt, wilden Sprüngen und wütenden Schreien.