Oberrat Werner und sein Team - Joachim Göldner - E-Book

Oberrat Werner und sein Team E-Book

Joachim Göldner

0,0

Beschreibung

Die Justiz und der gesamte Polizeiapparat haben in einer gut funktionierenden Demokratie eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Er soll die Bürger schützen und das Gesetz verteidigen. Das Team von Oberrat Werner war das erfolgreichste von Berlin. Bei der ganzen Palette wie Entführung, Hochstapelei und Mord lag die Aufklärungsquote weit über dem Durchschnitt. Die guten Ergebnisse konnten nur durch eine gute Teamarbeit erzielt werden. Der Krimi schildert mit einem Augenzwinkern die ganze Vielfalt des Verbrechens.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 229

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Joachim Göldner

Oberrat Werner und sein Team

Berlin Krimi

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

A.Kapitel 1

B.Kapitel 2

Impressum neobooks

A.Kapitel 1

Nach einem gemütlichen Fernsehabend ging der Kriminaloberrat in sein Arbeitszimmer. Er musste noch einiges vorbereiten. Der Polizeipräsident erwartete ihn morgen zum Rapport. Nachdem seine Frau eine Tasse Tee hingestellt hatte und die Tür leise schloss, ließ er sich in seinen Sessel fallen. Er war müde und erschöpft. Mit leerem Blick starrte er auf einen Stapel Akten, die auf seinem Schreibtisch lagen. Alles unerledigte Fälle der letzten zehn Jahre. Es gelang ihm einfach nicht, sich zu konzentrieren. Er dachte an seine Frau Hilde, wie sie ihn immer ansah, wenn er seine geliebte Zigarre qualmte. Der heutige Ärger musste wirklich nicht sein. Es tat ihm leid, dass er den Zigarrenstummel in ihrer Teetasse ertränkte. Mit ihrem vorwurfsvollen Blick hatte sie ihn wieder einmal bis aufs Blut gereizt. Sie meinte es nur gut, aber mit seinen Nerven war er am Ende. Schon morgen wollte er sich mit einem Blumenstrauß entschuldigen. Mit diesen Gedanken nahm er sich eine Akte vom Stapel.

Es war ein Fall der schon sechs Jahre zurücklag. Eine junge Frau wurde beim Schwimmen auf hinterhältige Weise ermordet. Obwohl das Bad gut besucht war, hatte keiner etwas bemerkt. Dem Hauptverdächtigen war, trotz vieler Indizien, nichts nachzuweisen.

Bei der Rekonstruktion der Tat stellte der Gerichtsmediziner fest, dass der Täter ein Rechtshänder ist. Mit großer Kraft hat er das fünfzehn Zentimeter lange Messer zuerst in den Bauch und dann in das Herz seines Opfers gestoßen. Er machte sich nicht einmal die Mühe, die Tatwaffe zu entfernen. Als die Leiche geborgen wurde, steckte die tödliche Waffe noch in dem Herz der jungen Frau. Mit Sicherheit war der Mörder ein guter Taucher. Um die Tat auszuführen, musste er mindestens anderthalb Minuten unter Wasser gewesen sein.

Zuerst tappte die Polizei völlig im Dunkeln. Es gab keine vernünftige Erklärung für die Tat. Auch der Ort des Verbrechens gab dem leitenden Kommissar Rätsel auf. Erst als er das nähere Umfeld der Ermordeten untersuchte, fiel der Verdacht auf den ehemaligen Lebensgefährten. Der war so naiv, sich eine Woche nach dem Unfall ein teures Auto zu kaufen. Die Überprüfung der Kontoauszüge ergab, dass zwei Tage vor der Tat eine größere Überweisung der jungen Frau auf das Konto des Lebensgefährten getätigt wurde. Dreihunderttausend Euro von einem Lottogewinn waren ein starkes Motiv. Bei einem Verhör des Verdächtigen wurde der Verdacht schnell entkräftet. Er konnte nachweisen, dass eine Lottogemeinschaft mit seiner Lebensgefährtin bestand. Auch die Tatsache, dass bei einer Hausdurchsuchung ein fehlendes Messer in einem Messerblock entdeckt wurde, war nur ein Indiz und kein Beweis für die Tat.

Der Untersuchungsrichter entließ den Verdächtigten und stellte das Verfahren ein. Auf der letzten Seite des Untersuchungsberichtes hatte der Hauptkommissar noch eine Notiz gemacht, nach meinem Bauchgefühl war der Lebensgefährte der Täter. Dahinter war ein großes Fragezeichen.

Kopfschüttelnd legte Oberrat Werner die Akte beiseite, einen Fehler bei den Recherchen des Hauptkommissars konnte er nicht entdecken. Auf der Polizeischule hatte er gelernt, dass es kein perfektes Verbrechen gibt, wo lag hier der Fehler bei den Untersuchungen? Was hatte man übersehen? Seine Gedanken fingen an, sich im Kreis zu drehen. Durch Zufall fiel sein Blick auf die Uhr auf seinem Schreibtisch. Es war kurz vor Mitternacht also Zeit, Schluss zu machen und sich noch ein paar Stunden Schlaf zu gönnen. Die Besprechung beim Polizeipräsidenten würde anstrengend werden, da brauchte er einen wachen Geist.

Pünktlich um 9 Uhr stand der Fahrer mit dem 5er BMW vor der Gartentür der Villa von Oberrat Werner. Die Begrüßung war kurz, aber herzlich: „Tag Chef, schon gehört? Der Küster unserer Kirche hat sich mit dem Glockenseil erhängt.“ „Nö Ralph, habe ich nicht. Ich habe mich nur gewundert, dass die Kirchturmglocken um Mitternacht nicht zu hören waren.“ Nach dieser Antwort stieg er in den Fond der Limousine und das Gespräch war beendet.

Eine Stunde später saß er mit den anderen Kollegen beim Chef im Versammlungsraum. Die Besprechung war alles andere als angenehm. Um seine Forderungen für eine wirksame Verbrechensbekämpfung durchzusetzen, hatte der Polizeipräsident den Justizsenator mit eingeladen. Er verlangte mehr Bürgernähe, einen sinnvoll organisierten Streifendienst und vor allem eine bessere Aufklärung bei Einbruch und Diebstahl. Sämtliche Einwände der Hauptkommissare Mord, Einbruch und Menschenhandel wischte er vom Tisch. Die Hinweise, zu wenig Streifenwagen und Personal ließ er nicht gelten. Wahrscheinlich lebte er auf einem anderen Stern. Der Erfolg dieser Sitzung war gleich Null. Einen Vorschlag wie sich diese Forderungen erfüllen lassen, konnte weder der Justizsenator noch der Polizeipräsident machen.

Kurz nachdem sich die beiden verabschiedeten, entschied sich Oberrat Werner, Hauptkommissar Eckmeier zum Tatort des Selbstmörders zu begleiten. Seine Sekretärin wusste Bescheid, wenn etwas Dringendes war, konnte sie ihn jederzeit mit dem Handy erreichen. Es war selbstverständlich für sie, den Fahrdienst telefonisch zu informieren, dass der Chef mit dem Hauptkommissar zum Tatort gefahren werden will.

20 Minuten später verließ eine dunkle Limousine die Tiefgarage des Präsidiums. Als sie an der Kirche ankamen, hatten die Kollegen vom Einsatzkommando bereits alles abgesperrt. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht vom Selbstmord des Küsters verbreitet. Viele Neugierige wollten wissen, warum ausgerechnet er sich das Leben genommen haben soll. In seinem Stadtteil kannte ihn jeder als einen freundlichen und sympathischen Mann.

Die Polizisten, die als Erste den Toten am Seil hängen sahen, waren immer noch starr vor Entsetzen. Keiner konnte sich erklären, wie der Küster es fertig gebracht hatte, sich in einer so großen Höhe das Seil um den Hals zu legen. Es war nirgends eine Leiter zu sehen und von der schrägen Holzwand des Dachstuhls an das Seil zu springen, es sich um den Hals zu legen und dann loszulassen, war eine artistische Glanzleistung. Aber bei einem etwa 50jährigen Mann doch sehr unwahrscheinlich.

Auch Hauptkommissar Eckmeier und der Oberrat waren ratlos. Nach kurzem Überlegen gab Eckmeier dem Leiter des Einsatzkommandos die Anweisung, die Feuerwehr zu rufen. Die sollten den Toten von dort oben herunter holen. Außerdem forderte er ihn auf, die vielen Schaulustigen vor der Kirche zu vertreiben.

In dem Moment als der Letzte den Platz verlassen hatte, traf der Leichenwagen ein, um den Toten in die Gerichtsmedizin zu bringen. Dort sollten die Experten feststellen, ob es Selbstmord war. Außer der Befragung des Pfarrers waren die ersten Ermittlungen abgeschlossen. Der saß wie ein Häuflein Elend vor dem Altar und starrte mit blicklosen Augen vor sich hin. Auf die Frage nach der Wohnung der Küsters deutete er auf das kleine Gebäude neben der Kirche. Es waren nicht einmal 100 Meter bis dorthin.

Das erste, was Oberrat Werner und Hauptkommissar Eckmeier feststellten, alle Türen waren offen und die Haustür nur angelehnt. Die Wohnung machte auf den ersten Blick einen ausgesprochen ordentlichen, sogar noblen Eindruck. Der Küster lebte allem Anschein nach in guten Verhältnissen. Als sie noch einen Blick in das Schlafzimmer warfen, blieb ihnen der Mund offen stehen. Die Schübe waren herausgerissen. Anzüge und Hemden lagen verstreut auf dem Boden. Sogar die Matratzen und die Kissen waren aufgerissen worden. Es sah aus, als wenn jemand etwas Bestimmtes gesucht hätte. Auf dem Nachtschränkchen lag deutlich sichtbar ein Brief. Mit großen Buchstabenstand auf dem Umschlag: ABSCHIEDSBRIEF.

Der Inhalt war in einem schlechten Deutsch geschrieben. An der Schrift konnte man sehen, dass der Verfasser ein ungeübter Schreiber war.

Ich will nich mehr lebben. Mein Sparrbuch ist wek und meine Frau schon lange beim libben Got.

Kommissar Eckmeier war sofort klar, hier wollte jemand eine falsche Fährte legen. Damit war die Frage nach der Todesursache geklärt. Es war naheliegend, das Umfeld des Küsters unter die Lupe zu nehmen.

Eine Befragung des Pfarrers ergab, dass für Arbeiten in und um die Kirche ein Hilfsarbeiter ausländischer Herkunft tätig war. Wo der sich aber aufhält und wo er wohnt, davon hatte er keine Ahnung. „Da kommt was auf uns zu“, sagte der Oberrat. „Wahrscheinlich hat er das Sparbuch, wenn er es gefunden hat, auch mitgenommen. Sicher ist er längst über alle Berge. Jetzt wissen wir, es war Mord. Ob wir aber den Täter jemals kriegen, ist ziemlich zweifelhaft. Jetzt fehlt nur noch die Leiter, dann hätten wir den letzten Beweis, dass es Mord war.“

Zwei Beamten vom Einsatzkommando gab Hauptkommissar Eckmeier den Auftrag, noch einmal den Platz rund um die Kirche zu kontrollieren. Vielleicht hatten die anderen Kollegen etwas übersehen und nicht unter jedem Strauch gesucht. Es dauerte gar nicht lange, bis sie aus dem dichten Gebüsch mit dem Gesuchten wieder auftauchten. Beide berichteten, dass sie die kleine ausziehbare Leiter unter einem Laubhaufen entdeckt haben.

Zufrieden mit dem Ergebnis gab Oberrat Werner den Befehl, den Einsatz abzubrechen. Ein unangenehmes Magenknurren erinnerte ihn daran, dass es Zeit wurde zum Präsidium zurückzukehren. Auf dem Weg zur Dienststelle ließ er sich kurz zu Hause absetzen. Sein Irmchen würde ihm bestimmt auf die Schnelle eine Kleinigkeit zubereiten. HK Eckmeier war als Junggeselle auf die Kantine angewiesen. Ihm musste schmecken, was der Koch dort zusammenrührte. Das Essen war wie immer nicht so toll. Als das Küchenpersonal anfing, die Stühle hochzustellen, flüchtete Eckmeier. Er brauchte seine Mittagsruhe. Leider wurde daraus nichts. Auf seinem Schreibtisch lag eine Nachricht: der Polizeipräsident erwartet deinen Anruf. Es war eine Angewohnheit von ihm, Unangenehmes gleich zu erledigen.

Nachdem er die entsprechende Nummer gewählt hatte, meldete sich die Sekretärin und nach einem kurzen Moment verband sie ihn mit dem Senator. Er schien richtig gute Laune zu haben. Aufgeräumt erkundigte er sich, ob er über den Tod des Küsters etwas Näheres in Erfahrung gebracht hat. Als Kommissar Eckstein berichtete, dass der Tod sich nicht als Selbstmord herausgestellt hat, war er sichtlich erleichtert. Er verbuchte die Arbeit des Kommissars als persönlichen Erfolg für sich. Nach einem Danke erinnerte er noch an den Termin am Freitag. Dann war das Gespräch beendet.

Es war noch ein Tag Zeit bis dahin. Den Donnerstag verbrachte Kommissar Eckstein mit Büroarbeit: Protokolle schreiben. Außerdem sollte er noch eine Analyse über die Rehabilitation von Straftätern anfertigen. Eine Marotte des Justizsenators. Der war der Meinung, jeder Gesetzesverletzer, der nicht rückfällig wird, spart der Gesellschaft ungeheure Steuermittel. Die Analyse bereitete Ecki am meisten Kopfschmerzen. Er kam damit einfach nicht zu Rande. Schließlich schrieb er groß und deutlich auf einem A-4-Bogen: weiter wegsperren, steckte ihn in einen Umschlag und so wollte er die Analyse dem Senator geben.

Nicht ganz pünktlich, aber immer noch im Bereich, der eine kleine Ausrede rechtfertigt, war der Kommissar beim obersten Gesetzeshüter der Stadt. Ohne viel Palaver kam der Senator gleich zur Sache. Nachdem er seine Nase in den Abschiedsbrief des toten Küsters steckte und das seltsame Selbstmordgeständnis zur Kenntnis genommen hatte, kam er zu dem Schluss, es war bestimmt kein Selbstmord. Danach überfiel er den Kommissar mit seiner neuesten Idee.

Die Abteilungsleiter Mord, Raub und Menschenhandel sollten bei der Eingliederung der entlassenen Sträflinge aktiv mitwirken. Das war eine Kröte, die erst einmal verdaut werden musste. Den Einwurf, des Kommissars Eckmeier, erst sperren wir sie weg, weil sie gemordet, entführt und geschändet haben und dann nehmen wir sie ans Händchen und begleiten sie in das bürgerliche Leben. Das ist eine Belastung, die die Kollegen kaum verkraften können.

Mit einer Geste des Senators wurde der Einwand weggewischt. Es half nichts, er war der Boss, er hatte das Sagen. Eckmeier bekam den Auftrag, seine Kollegen über die zusätzliche Tätigkeit zu informieren. Die würden bestimmt begeistert sein. Schon jetzt mussten sie alle Überstunden machen ohne Ende. Besonders die Kleinkriminalität war belastend.

Der Nachbar, der seine Nachbarin nur ein kleines bisschen vergewaltigen wollte, die Schlägereien in einer Kneipe oder der Schwarzfahrer, der absolut nicht einsehen wollte, dass man ein Ticket brauchte, wenn man die Bahn benutzt, blockte sehr oft die Kapazität von Spezialisten. Das hätte auch der Wachtmeister vom Revier erledigen können. Personal fehlte an allen Ecken und Enden und nun noch die Idee, so etwas wie Nachsorge bei den Kriminellen auszuüben.

Eckmeier war neugierig wie seine Kollegen die Nachricht aufnehmen würden. Gott sei Dank heute Abend konnte er mal wieder auf andere Gedanken kommen. Er freute sich schon auf einen gemütlichen Skatabend. Wenn es auch manchmal Mord und Todschlag gab, die Abende waren immer voller Überraschungen. Dieses Mal war er es, der die Kollegen Schwagun vom Rauschgift, den Schmidt vom Bruch und den Oberrat, das Neueste vom obersten Boss mitteilen konnte. Auf die Gesichter war er gespannt. Pünktlichkeit war oberstes Gesetz bei ihren Treffen.

Kaum hatten sich die vier begrüßt und Platz genommen, brachte die dicke Berta für jeden eine Molle und einen Korn. Die Zeche musste immer der bezahlen, der am wenigsten Glück hatte. Teuer wurde so ein Abend für den Verlierer selten. Der einzige, der trank wie ein Loch, war der Kollege vom Mädchenhandel, von dem hatte man sich getrennt.

Nach den ersten Runden, Ecki war dran auszusetzen, ließ er die Bombe platzen. Die Idee des Senators, die Gangster zu betreuen nach ihrer Entlassung wurde unterschiedlich aufgenommen. Bis auf den Oberrat meckerten alle über die hirnrissige Idee. Es entbrannte eine lebhafte Diskussion.

Nur der Kollege Werner erkannte die Möglichkeiten, die sich daraus ergaben. Es wäre bestimmt interessant zu erfahren, was sich der Täter dachte. Nicht alle Verbrechen wurden im Affekt ausgeführt. Wie plante er die Tat, warum und hat er auch einen Fehlschlag bedacht. Hatte er vielleicht ein schlechtes Gewissen? Auf diese Art und Weise würde man die andere Seite kennenlernen. Bei einem Verhör könnte man sich dieses Wissen zu Nutze machen.

Oberrat Werner fand diesen Gedanken geradezu genial. Die Kommissare Schmidt, Schwagun und Eckmeier stimmten zu. Aus dieser Perspektive hatten sie die Angelegenheit noch nicht betrachtet. Alle waren sich einig, nichts zu überstürzen in der Ruhe liegt die Kraft. Alles erst einmal rankommen lassen. Er wurde ein ganz gemütlicher Skatabend. Schmidt mauerte wie so oft, Eckmeier vergaß die Trümpfe mitzuzählen, Schwagun und Oberrat Maier stritten bei jedem verlorenen Spiel wie die Kesselflicker. Zur Freude der Kollegen musste Maier für den Abend blechen. Bei seiner Gehaltsgruppe konnte er sich das auch leisten.

Aus der Ruhe und wir wollen mal abwarten, wurde nichts. Montag früh um neun kam unangemeldet der Justizsenator ins Präsidium hereingeschneit. Die Wahlen standen vor der Tür. Er drängte darauf, seine Idee schnellstens umzusetzen. Schließlich wollte er einen Erfolg für sich verbuchen.

Die Adresse von einem Kidnapper hatte er mitgebracht. Seit einiger Zeit war der wieder in Freiheit. Die siebenjährige Strafe musste er nicht absitzen. Wegen guter Führung erließ man ihm einen Teil der Strafe. Nicht irgendwann, schon am heutigen Abend sollte das Treffen mit dem Entführer stattfinden. Nach einer Kurzbeschreibung war es einer von der netten Sorte. Er wohnte im Vorort in einer kleinen Villa. Offenbar konnte er sich das leisten.

Oberrat Werner übernahm freiwillig die Aufgabe. Er bestimmte Hauptkommissar Schulz, ihn zu begleiten. Viel Lust hatten beide nicht, ausgerechnet den Montagabend mit einem Verbrecher zu verbringen. Trotzdem waren sie neugierig, wie so einer ist, der junge Mädchen entführt. Wie tickt er, war er intelligent? Klein oder groß? Bald würden sie mehr wissen über den Burschen.

Als am Abend der Fahrer die beiden Beamten abholte, war wenig Verkehr auf den Straßen. Schon nach einer Stunde hatten sie ihr Ziel erreicht. Die sogenannte kleine Villa hatte mindestens zehn Zimmer und war mit einer hohen Hecke vor neugierigen Blicken geschützt. Als Oberrat Werner den Klingelknopf betätigte, wurde das Tor für die Autoauffahrt automatisch geöffnet. Hauptkommissar Schulz bemerkte nebenbei: „Jetzt wird es filmreif, gleich kommen die Dobermänner angestürzt und beißen uns in den Arsch.“ So war es auch, nur die Dobermänner waren ein paar Terrier, die sich über den Besuch zu freuen schienen.

Am Eingang zum Haus stand ein recht verwahrloster Kerl, der ihnen seine Hand entgegen streckte. Er roch entsetzlich nach Knoblauch und Zwiebeln. „Mein Name ist Gatter. Ich habe uns etwas gekocht“, sagte er. „Beim Essen kann man besser reden, natürlich gibt es auch ein Bier oder zwei. Jeder wie er will, das löst die Zunge“, fügte er hinzu. Beim Reingehen ins Haus bemerkte er trocken: „Mein Partner konnte leider nicht kommen, der ist tot. Der Baum, an den er geknallt ist, war stabiler als seine Ente. Der Geizhals hat sich nie ein vernünftiges Auto geleistet.“

Herr Gatter schien einen seltsamen Humor zu haben. Uns beiden war bekannt, dass der Unfall schon ein Jahr zurück lag. In dem Haus war alles ungewöhnlich. Der untere Raum nahm fast die gesamte Grundfläche ein. Lediglich eine weit geschwungene Treppe führte in die obere Etage. Mit einer einladenden Geste forderte der Gastgeber den Oberrat und Kommissar Schulz auf, in den großen Sesseln Platz zu nehmen. Keiner wusste so recht wie man mit so einer Situation umgeht.

Auf der einen Seite der Sitzgruppe saß das Gesetz und gegenüber das Verbrechen. Erst nachdem Herr Gatter einen Witz machte, löste sich die Verkrampfung. Er wollte wissen, ob sie den Unterschied zwischen einem Polizisten und einem Einbrecher wüssten? Da gab es ja viele, aber welcher war richtig? Er erklärte, der eine rennt weg und der andere hinterher. Es gibt nur eine Lösung, der Polizist muss fitter sein, sonst ist er umsonst gerannt. Das war logisch, aber kein Brüller.

Nun, das Witzchen brachte endlich ein zwangloses Gespräch in Gang. Nach einigen Gläsern Wein bat er zu Tisch. Oberrat Werner und Kommissar Schulz sahen sich suchend nach einem Platz, wo man essen konnte, um. Auf diesen Moment hatte Herr Gatter gespannt gewartet. Immer wieder verblüffte er seine Gäste. Er drückte auf einen Knopf und ein Tisch kam hereingerollt. Die Überraschung ist ihm geglückt. Mit geschickten Bewegungen legte er jedem etwas Fleisch, Spargel und anderes Gemüse auf den Teller. Es schmeckte prima. Als jeder seinen Teller geleert hatte, ließ er den Tisch wieder durch Knopfdruck in eine Ecke des Raumes verschwinden.

Zur Freude des Hauptkommissars bot er etwas zu rauchen an. Schon zehn Minuten qualmten alle, als gäbe es nichts Besseres als sich die Lunge zu teeren. Es war richtig gemütlich. Von ganz allein fing Herr Gatter an aus seinem Leben zu erzählen.

Er hätte gern studiert, leider war zu Hause immer Ebbe in der Kasse. Mutter gab den Rat, werde Koch, dann hast du immer zu essen. So kam es, dass er diesen Beruf ergriff. Mit der Zeit hatte er es sogar zum zwei-Sterne-Koch gebracht.

Als die Stelle in dem Kloster ausgeschrieben wurde und er sich bewarb, hatte er Glück. Sie nahmen ihn. Durch den Umgang mit den Internatsschülerinnen bekam Herr Gatter mit, wie reiche Leute lebten. Sie fuhren tolle Autos, wohnten in Villen und hatten sogar eine Finka in Spanien. Mehrmals betonte er, dass er nicht neidisch ist, aber ein bisschen reich wäre er schon gern.

Auf die Frage von Kommissar Schulz, was verstehen sie unter ein bisschen reich, gab er zur Antwort, keine Ahnung, aber einige Millionen müssten es schon sein. Ist doch nicht verboten zu träumen oder? Oberrat Werner nickte zustimmend und ergänzte, träumen darf man, aber nicht auf die schiefe Bahn kommen. Ist nun mal passiert und ich habe meine Strafe abgesessen, versuchte sich Herr Gatter rauszureden. Außerdem, es traf ja keine armen Leute, wer weiß schon wie die an die Kohle rangekommen sind. Mit Hände Arbeit bestimmt nicht.

Für die jungen Mädchen bedeutete es nichts weiter als dass sie mal ein Abenteuer erlebten. Auf die Idee, mit einer Entführung jede Menge Zaster einzusacken, ist er und sein Freund Thomas gekommen als sie wieder einmal träumten und Zukunftspläne schmiedeten. Thomas schlug vor, sich eine Klosterschülerin zu schnappen, da konnte man gewiss sein, dass bei den Eltern etwas zu holen ist. Der Gedanke war nicht genial, aber naheliegend. Nach einigem Überlegen stimmte ich zu.

Für die Planung wollten wir uns Zeit nehmen. Es fehlte bei Thomas und mir jede Erfahrung. Thomas kam vom Bau und ich war Koch. Als Erstes besorgten wir uns Literatur, um daraus zu lernen. Leider wurden in den Krimis die Kidnapper erwischt oder die Opfer bezahlten die Entführung mit dem Leben. Das war alles nichts. Bei unserer Entführung sollte keiner zu Schaden kommen. Außerdem verspürten wir wenig Lust, in den Knast zu wandern. Wir mussten eigene Wege gehen. Eine Entführung aus dem Kloster war ein interessanter Gedanke.

Wir beschlossen, uns Bauunterlagen vom Kloster zu beschaffen. Wie war uns völlig unklar. Als Erstes statteten wir dem alten Gemäuer als Touristen, einen Besuch ab. Warum sollte ich als Angestellter nicht mit meinem Freund so ein historisches Gebäude besichtigen. Das riesige Kloster machte auf den ersten Blick einen finsteren Eindruck. Nur selten wurden die Räume vom Tageslicht erhellt. Wenn aber die Sonne schien, kam die prächtige Architektur voll zur Geltung. Die Spitztürmchen und die mit Efeu bewachsenen Mauern waren von einer beeindruckenden Schönheit.

So ein Kloster hat immer ein Geheimnis. Wir mussten es nur finden. Vielleicht ein unterirdischer Gang, eine Schatzkammer oder eine Gruft voller Leichen. Thomas und ich durchstreiften fast alle Räume. Leider entdeckten wir nichts, was wir für unseren Plan brauchen könnten. Es blieb nichts weiter übrig: Wir mussten uns Unterlagen vom Kloster beschaffen.

Am nächsten Vormittag gingen wir zum Bauamt. Dort gaben wir uns als Statiker aus. Nachdem wir nur kurz unseren Ausweis zeigten, baten wir um Einsicht in die Unterlagen. Ziemlich laut, dass es jeder hören konnte, unterhielten wir uns über Einsturzgefahr und Sanierung. Unser forsches Auftreten hatte Erfolg. Man zeigte uns die Unterlagen und bot uns sogar an, Kopien anzufertigen. Wir waren hoch erfreut über das Entgegenkommen und bedankten uns überschwänglich.

Nachdem wir uns verabschiedeten, bat der Leiter des Bauamtes darum, dass wir ihn benachrichtigen, wenn größere Baumaßnahmen notwendig sind. Etwas leiser fügte er hinzu, dort studieren die Töchter der Prominenz und der Reichen, dort darf es keine Probleme geben. Natürlich waren wir völlig überrascht von der Mitteilung. Wir mimten die Unwissenden. Als wir im Fahrtsuhl waren, mussten wir darüber lachen, was wir für eine Nummer abgezogen haben.

Zu Hause bei Thomas befestigten wir die großen Bauzeichnungen mit Klebeband an eine Wand. Von Architektur und Statik hatten wir keine Ahnung. Trotzdem waren wir beeindruckt von dem Können und Wissen der Klosterbauer vor ca. 300 Jahren. Es müssen mehrere Stunden gewesen sein, die wir auf die Zeichnungen starten, immer wieder kontrollierten wir alles. Vom Keller bis zum Dachboden. Nirgends war eine Möglichkeit etwas zu entdecken, das uns nutzte.

Plötzlich klopfte sich Thomas an die Stirn und fing an zu lachen. Mensch sind wir doof, sagte er zu mir. Wenn es wirklich Geheimgänge gegeben hat, sollten sie doch den Nonnen und Mönchen zur Flucht helfen oder ihnen die Möglichkeit geben, sich zu verbergen. Sie waren doch nicht so dumm, Unterlagen darüber zu besitzen. Das war naiv zu glauben, wir finden einen Gang unter der Erde durch den wir einfach nur durchzuspazieren brauchten und am Ende steht jemand und drückt uns einen fetten Umschlag in die Hand. Die Kohle hing noch sehr hoch. Wir mussten uns ganz schön strecken.

Eine Menge Arbeit erwartete uns. Der Gedanke, die Entführung durch einen unterirdischen Gang durchzuführen, gefiel uns so sehr, dass wir ernsthaft überlegten, einen Stollen vom Wald unter die Klostermauer bis zum Keller zu graben. Wir gingen in den nahegelegenen Wald, um zu prüfen, ob die Idee sich durchführen lässt. Grob geschätzt, waren es mehr als 30 Meter. Unmöglich, dass konnten wir nicht schaffen.

Ratlos setzten wir uns auf einen kleinen Erdhügel, um zu überlegen, welche Alternativen wir noch hätten. Plötzlich gab der Boden unter uns nach und wir stürzten in die Tiefe. Zum Glück landeten wir unversehrt auf dem harten Boden. Thomas holte sein Feuerzeug raus. Durch die kleine Flamme war nur undeutlich ein Gang zu sehen, der irgendwohin führte. Wir saßen fest. Unsere Situation war nicht beneidenswert. Um Hilfe konnten und wollten wir nicht rufen. Vielleicht war der Absturz ein Glücksfall für uns. Den Gedanken, uns mit einer Räuberleiter zu befreien, verwarfen wir schnell. Wir befanden uns geschätzte vier Meter unter der Erde.

Thomas entschied, dass einer von uns den dunklen Gang erkunden sollte. Vielleicht fand er etwas Brauchbares, woraus man eine Leiter bauen konnte. Nach nur wenigen Metern rief er: „Hier ist etwas“ und warf es mir zu. Bei dem wenigen Licht aus dem Schacht von oben konnte ich erkennen, es waren Knochen eines Skelettes und das Runde war ein Schädel. Gottseidank fand er noch ein paar Bretter und alte Latten. Wir entschlossen uns, darauf eine Aufstiegshilfe anzufertigen.

Zum Zusammenbinden rissen wir ein Hemd von uns in Streifen. Es funktionierte. Die Angelegenheit war zwar recht wacklig, aber sie hielt. Kein Mensch kann sich vorstellen wir erleichtert wir waren, Tageslicht zu erblicken. Wir waren gerettet. Bevor Tomas und ich die Stelle verließen, deckten wir vorsichtshalber das Erdloch mit Reisig ab. Es war unser Geheimnis. Schon am nächsten Tag wollten wir die Gänge untersuchen. Vielleicht gab es doch ein Labyrinth unter der Erde. Neue Hoffnung keimte bei uns auf, dass unsere Entdeckung half, unseren Plan zu verwirklichen.

Bei einem Bier in unserer Stammkneipe besprachen wir am Abend, was wir für unsere kleine Expedition benötigen würden. Nach längerem Hin und Her entschied Thomas: „ich bringe meine Bergsteigerausrüstung mit und du besorgst eine Leiter.“ Als ich sagte „und noch eine große Tüte mit Konfetti“, dachte er, ich will ihn verscheißern.

Erst als ich ihm klarmachte, „wie willst du denn zurückfinden, wenn da unten doch ein Labyrinth ist“, nickte er verständnisvoll. Nun, dann bringe ich noch einen Eimer mit Wasser und eine Tüte mit Knäckebrot mit, damit wir nicht verdursten und verhungern, wenn wir uns doch verlaufen sollten. Dann brachten wir beide in Gelächter aus. Der nächste Tag sollte für uns ein Tag voller Überraschungen werden. Wenn uns jemand gesehen hätte, würde er annehmen, dass wir auf einen Berggipfel klettern wollen. Es sah abenteuerlich aus. Thomas mit seiner Bergsteigerausrüstung und ich mit einer Leiter unter dem Arm. Unbemerkt kamen wir zu unserem Schacht. Die Abdeckung war noch unversehrt. Zum Glück wurde unser kleines Geheimnis nicht entdeckt.

Mit einem mulmigen Gefühl in der Bauchgegend stiegen wir in den Schacht. Nachdem wir den Einstieg von der Leiter aus notdürftig verschlossen hatten, sahen wir uns erst einmal um. Vor uns lag ein Gang, der endlos lang zu sein schien. Der helle Lichtkegel von Thomas großer Akkulampe konnte das Ende des Stollens nicht erleuchten. Die Luft war erstaunlich frisch, es roch nicht ein bisschen muffig oder nach Moder.

Dem ersten Eindruck nach war es entweder ein stillgelegtes Bergwerk oder ein Labyrinth, das zum Kloster gehörte. Bevor wir losliefen seilten wir uns vorsichtshalber an wie es die Bergsteiger tun, wenn sie einen Gipfel erklimmen. Es war eine Vorsichtsmaßnahme, die uns noch helfen sollte, wie sich später herausstellte.

Die vielen seitlichen Quergänge bestätigten unsere Annahme, dass wir uns in einem Labyrinth befanden, das zum Kloster gehörte. Als wir in einer Höhle alten Silberschmuck und ein sehr gut erhaltenes Kruzifix fanden, waren wir sicher, dass das ganze System den Nonnen und Mönchen dazu diente, sich in Sicherheit zu bringen, wenn das Kloster überfallen wurde. Wir witzelten noch über unsere Gedanken als Thomas ins Stolpern kam. Kurz darauf gab es einen mächtigen Ruck bei mir. Thomas war verschwunden. Er ging an dem Seil, was wir an unsere Gürtel befestigt hatten.

Mit großer Mühe gelang es mir, ihn vor einem Sturz in die Tiefe zu bewahren. Er war über einen Strick gestolpert, der eine Falltür öffnete. Nach der ersten Schrecksekunde versuchte ich, ihn nach oben zu ziehen. Nach einigen Minuten gelang es uns gemeinsam, ihn aus seiner Lage zu befreien. Als wir dann in die Tiefe leuchteten, fiel uns ein Stein vom Herzen. Am Boden der sechs Meter tiefen Grube waren spitze Pfähle in den Boden gerammt. Was wir da sahen, war schrecklich. Mindestens drei oder vier mumifizierte Leichen sind in die Falle getappt und von den spitzen Pfählen aufgespießt worden. Ihr Tod muss grausam gewesen sein. Am Boden lagen noch Skelettteile und Reste von Waffen und Rüstungen. Alles war gut erhalten. Wir hatten genug gesehen.