Verlag: ROWOHLT E-Book Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2009

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E-Book-Beschreibung Obsession - Simon Beckett

Ein Kind, das schweigt. Ein Geheimnis, das tötet.
Als seine Frau unvermutet stirbt, ist Ben am Boden zerstört. Allein Jacob, Sarahs autistischer Sohn, spendet ihm Trost. Doch während Ben die gemeinsame Wohnung aufräumt, macht er eine ungeheuerliche Entdeckung: Jacob war gar nicht Sarahs leibliches Kind. Offenbar hatte sie den Jungen entführt, als der noch ein Baby war. Fassungslos informiert Ben die Behörden, die Jacobs leiblichen Vater schnell ermitteln. Keiner ahnt, dass damit eine Lawine tödlicher Obsessionen ins Rollen gebracht wird.
Simon Beckett ist einer der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Allein in Deutschland verkauften sich seine Bücher millionenfach.

Meinungen über das E-Book Obsession - Simon Beckett

E-Book-Leseprobe Obsession - Simon Beckett

Simon Beckett

Obsession

Thriller

Deutsch von Andree Hesse

Danksagung

Ich danke Peter Liver von NSPCC South Yorkshire (Nationale Gesellschaft zur Prävention von Gewalt gegen Kinder) und Sarah Pimlott für ihre Auskünfte in Rechtsfragen, Dick Bunting für technische Details über Schusswaffen und Hinweise zur Vorgehensweise der Polizei sowie Rob Quayle von der Rowan School für Informationen über Autismus. Außerdem danke ich besonders Sheila und Frank Beckett, meinen Eltern, für ihre Unterstützung.

Sheffield, 1997

Für Hilary

Kapitel 1

Er entdeckte die verschlossene Kassette am Tag nach der Beerdigung.

Schon bevor er sie öffnete, war es der schlimmste Tag seines Lebens gewesen. Bis dahin hatte er ein Ziel gehabt, auf das er sich konzentrieren konnte und das den Tagen wenigstens die Illusion von Sinn gab. Er hatte sich hinter den bürokratischen Ritualen rund um Tod und Bestattung verstecken können, während die Beerdigung selbst unwirklich gewesen war, ein Schauspiel, das er mit betäubter Distanz beobachtete. Sobald jedoch die letzten Freunde und Trauergäste verabschiedet waren, füllte nichts mehr die Leere, die Sarahs Tod verursacht hatte. Er hatte Jacob zu Bett gebracht, den Fernseher eingeschaltet und sich einsam und allein betrunken, bis er im Nebel des Alkohols vergaß, dass das Leben weitergehen würde.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, war es draußen so kalt und trostlos wie das leere Bett neben ihm. Er stand auf und zog sich an, als könnte er durch die Bewegung der traurigen Erkenntnis seines Verlustes entfliehen. Jacob war still, als Ben Milch über seine Cornflakes goss, aber er schaute sich unruhig in der Küche um, als würde er etwas suchen. Ben fragte sich, ob der Sechsjährige verstand, was geschehen war. Er legte eine Hand auf den Kopf seines Stiefsohnes.

«Tessa bringt dich heute zur Schule, okay?»

Jacob reagierte nicht. Mit einem Ohr über der Schüssel lauschte er dem Knistern der Cornflakes in der Milch. Ben überlegte, was er sagen könnte, doch jedes Wort kam ihm wie eine Last vor, die er stemmen musste. Er strich kurz durch das Haar des Jungen und ging davon.

Tessa war wie immer pünktlich und platzte aufgesetzt fröhlich in die Küche. Als sie Jacob mit einer Begeisterung begrüßte, die sowohl unangenehm als auch falsch war, unterdrückte Ben seine Verärgerung. Jacob nahm keine Notiz von ihr. Seine Aufmerksamkeit war noch immer auf die Cornflakes gerichtet, die mittlerweile die Milch aufgesogen hatten und keinen Ton mehr von sich gaben. Einen Teil hatte er bereits gegessen, den Rest arrangierte er nun sorgfältig entlang dem Schüsselrand.

Tessa sah Ben mit einer gekünstelt sorgenvollen Miene an. «Wie geht es dir?»

«Okay.» Er wandte sich ab, ehe sie ihm ihr Mitgefühl aufdrängen konnte. «Möchtest du einen Kaffee?»

«Nein. Wenn Jacob fertig ist, fahren wir besser gleich los. Im Radio haben sie gesagt, dass es auf dem Weg zur Schule Baustellen gibt. Bestimmt kommen wir in einen Stau.»

«Du denkst daran, die gewohnte Strecke zu nehmen, ja?»

Ihr Lächeln zuckte ein wenig. «Natürlich.»

Als sie eines Morgens einen anderen Weg zur Schule genommen hatte, war Jacob im Wagen ausgeflippt. Ben hatte sich entschuldigt und ihr erklärt, dass der Junge bei jeder Veränderung seiner Gewohnheiten wütend wurde. Dass sie das bereits wusste, überging er dabei geflissentlich. Tessa hatte ihr Bedauern ausgedrückt, es war allerdings ein bisschen zu süßlich ausgefallen, um aufrichtig zu klingen. Und Ben kam es vor, als ob sie Jacob seitdem immer ein wenig misstrauisch betrachtete.

Während er dem Jungen in Schuhe und Jacke half, plapperte sie weiter drauflos. «Soll ich ihn wirklich nicht auch abholen?», fragte sie. «Das würde keine Umstände machen.»

«Nein, es geht schon, danke.» Er rang sich ein Lächeln ab, bis Tessa sich zufriedengab. Zum Abschied nahm sie ihn nicht nur in den Arm, sondern gab ihm auch einen Kuss auf die Wange. Ihre war so stark gepudert, dass sie sich wie Wildleder anfühlte. Ihr Parfüm roch genauso aufdringlich wie die Blumen auf Sarahs Sarg. «Wenn ich irgendetwas tun kann, ruf mich einfach an.»

Ben sagte, dass er das tun würde, und bückte sich, um Jacob einen Kuss zu geben. «Bis später, Jake. Sei lieb zu Tessa.»

Der Junge antwortete nicht. Er hatte ein Geduldspiel in der Hand, ein Labyrinth aus Plastik, durch das eine winzige Kugel rollte. Sobald er es schaffte, die Kugel ans Ziel zu lenken, schüttelte er das Spiel und begann von vorn. Auch als er mit Tessa hinausging, ließ er es nicht aus den Augen. In der Tür stehend, schaute Ben zu, wie die beiden in den Wagen stiegen, in dem Scott und Andrew, Tessas Söhne, warteten. Als sie davonfuhren, winkte er.

Dann schloss er die Tür und ging zurück ins Haus.

In jedem Zimmer wurde er daran erinnert, dass Sarah nicht mehr da war. Mit diesem schmerzlichen Gefühl kehrte er in die Küche zurück. Er nahm seinen Kaffee, aber der war kalt. Ben stellte ihn wieder ab. Selbst der Klang des auf den Tisch treffenden Bechers erschien laut in der Stille. Obwohl sich äußerlich nichts verändert hatte, hatte ihr Zuhause die vertraute Normalität verloren. Ben schloss seine Augen vor dieser Tatsache und wurde sofort von grausamen Trugbildern gequält. Er konnte Sarah sehen, die sorglos eine Melodie aus dem Radio mitsummte, während sie in der Küche herumlief und innehielt, um schnell einen Schluck Kaffee zu trinken. Aus ihrem blauen Lieblingsbecher. Im Geiste konnte er deutlich ihre Stimme hören, als sie mit Jacob sprach. «Beeil dich mit dem Frühstück, Jake, sei ein lieber Junge.» Während sie vor dem Spiegel ihr hellbraunes Haar richtete, drehte sie sich halb zu Ben um. «Ich habe dir noch gar nicht erzählt, dass ich Imogen vorgeschlagen habe, wir könnten uns dieses Wochenende mit ihr und Neil treffen.»

«O nein, das ist nicht dein Ernst», hörte er sich sagen und bewegte die Lippen synchron zu den erinnerten Worten. «Neil ist der größte Langweiler auf der Welt.»

Im Spiegel sah er ihr Lächeln. «Dann musst du wohl doppelt interessant sein, um das wettzumachen.» Sie drehte ihren Kopf und begutachtete ihr Haar kurz von der Seite. «Ach, was soll’s. Das muss reichen.»

Als sie zur Garderobe ging, um ihre Jacke zu holen, streifte der kurze Rock gegen ihre Beine. «Mach schon, Jake, wir müssen los.» Sie schlang von hinten einen Arm um ihren Sohn und kitzelte ihn, bis er sich wand. Das Lachen der beiden hatte ihn damals zum Lächeln gebracht, und beim Gedanken daran musste er auch jetzt wieder lächeln.

Sarah küsste Jacob auf den Kopf und beugte sich dann hinab, um die Schnürsenkel seiner Turnschuhe zu binden. «Musst du heute lange arbeiten?»

«Ich glaube nicht. Gegen sieben müsste ich zurück sein.»

Er schaute zu, wie sie den Stuhl zurückzog und Jacob hinuntersprang. Als sie sich aufrichtete, zuckte sie zusammen und rieb sich die Schläfe. «Ich glaube, ich hatte gestern Abend ein Glas zu viel», sagte sie. Schlank und elegant kam sie zu ihm. Er konnte genau das zarte Muster der Sommersprossen sehen, die sich über ihre Wangen und den Nasenrücken ausbreiteten, und ihr Parfüm riechen. «Bis später.» Als sie ihn anlächelte und in Erwartung eines Kusses das Gesicht hob, war das geistige Bild so lebendig, dass er nach vorn schwankte und die Augen öffnete.

Die leere Küche lag vor ihm. Das Frühstücksgeschirr stand noch auf dem Tisch. Nur sein eigenes und das von Jacob. Jetzt wünschte er, er hätte Tessas Angebot, den Jungen zur Schule zu bringen, nicht angenommen. Für einen Moment war er versucht, hinauszugehen und in eine neutralere Umgebung zu entfliehen, in der er Sarahs Abwesenheit nicht spürte. Aber damit hätte er nur aufgeschoben, womit er früher oder später würde klarkommen müssen. Je früher, desto besser.

Sie würde nicht zurückkehren.

Er nahm eine Rolle Müllsäcke und ging hinauf ins Schlafzimmer. Hier schrie alles nach ihr. Bemüht, nicht daran zu denken, was er tat, öffnete er den Schrank und packte einen Schwung ihrer Kleider. Sarahs Geruch hing an ihnen wie ein Destillat des Kummers. Er konnte nicht glauben, dass sie diese Sachen nie wieder tragen würde. Nach einer Weile wurde er von seiner Trauer derart überwältigt, dass er mit dem Bündel vor seiner Brust schluchzend innehielt.

Der Anruf war erst eine Woche her. Ben war im Studio mitten in einer Fotosession gewesen, als Zoe, seine Assistentin, ihm mitteilte, dass Keith am Telefon sei. Keith war Tessas Ehemann und sein ältester Freund, er arbeitete als Anwalt in derselben Kanzlei wie Sarah. Ohne von der Kamera aufzuschauen, bat Ben auszurichten, dass er ihn zurückrufen werde.

«Ich glaube, du gehst besser dran», hatte Zoe entgegnet. Er war kurz davor gewesen, sie anzuschnauzen, doch dann bemerkte er ihren Gesichtsausdruck.

Die Ärzte hatten den Begriff Aneurysma benutzt, der für ihn bis dahin nur ein Wort unter vielen gewesen war. Im Grunde hatte er nicht einmal genau gewusst, was es bedeutete. Jetzt wusste er, dass es der Fachausdruck für eine geschwollene und geplatzte Ader war. Ein winziger Teil Sarahs, ein Bruchteil des gesamten Menschen, der seine Frau gewesen war, hatte nachgegeben und sie auf die Intensivstation gebracht. Es hatte keine Vorwarnung gegeben, abgesehen von der beiläufigen Erwähnung der Kopfschmerzen am Morgen. Ben empfand es als himmelschreiende Ungerechtigkeit, als der Arzt von Computertomographie und der Möglichkeit einer Notoperation sprach.

Anfänglich wollte man ihn nicht zu ihr lassen. Vom Verstand her war ihm klar gewesen, dass es ernst war, vom Gefühl her konnte er es kaum begreifen. Noch am Abend zuvor hatten sie gemeinsam gekocht, Jacob ins Bett gebracht und eine Flasche Wein getrunken. Es erschien ihm einfach unmöglich, dass sie plötzlich ernsthaft krank war. Selbst als der Arzt zu ihm kam und sagte, dass Sarah mittlerweile an lebenserhaltenden Systemen angeschlossen sei und dass sie alles in ihrer Macht Stehende getan hätten, konnte Ben nicht begreifen, was geschah. Erst als er sie reglos und ohne Bewusstsein, mit rasiertem Kopf und geschwollenem, blassem Gesicht in dem Krankenhausbett liegen sah, wusste er, dass sie sterben würde.

Die Maschinen hatten sie drei Tage am Leben erhalten. Als sie am vierten Tag abgeschaltet worden waren, hatte Ben neben ihr gesessen und ihre Hand gehalten und mit ihr gesprochen, bis sie mit grausamer Beiläufigkeit aufgehört hatte zu atmen.

Tessa und Keith hatten ihn nach Hause gebracht. Ben kannte Keith seit dem Studium, er hatte in betrunkenem Zustand versucht, ihn vor einer Ehe mit Tessa zu warnen, und war widerwillig sein Trauzeuge gewesen. Doch in diesem Moment hatte er weder ihn noch Tessa richtig wahrgenommen. Sie hatten mit ihm gewartet, bis Jacob aus der Schule zurückgekehrt war, und waren dann gegangen, damit Ben dem Jungen erklären konnte, dass seine Mutter tot war. Jacob hatte ihn dabei nicht angesehen. Nur die Art, wie er vor und zurück geschaukelt war, hatte darauf hingedeutet, dass er die Nachricht aufgenommen haben könnte.

In diesem Moment hätte Ben seinen Stiefsohn um seinen Autismus beneidet.

Er ließ seinen Tränen freien Lauf, legte die Kleider behutsam aufs Bett und nahm dann einen weiteren Armvoll aus dem überquellenden Schrank. Sarah hatte immer alles aufgehoben und Sachen erst dann wegwerfen können, wenn es nicht mehr anders ging. Er hatte sie deswegen oft aufgezogen und eine Hamsterin genannt. Im Gegenzug hatte sie ihm vorgeworfen, eine typische Konsumentenhaltung zu haben.

Bei der Erinnerung daran musste er lächeln. «Keine Sorge, in der Altkleidersammlung werden sie auch nicht weggeworfen», sagte er laut, doch der spaßige Ton klang unecht.

Er leerte den Kleiderschrank und machte dann mit ihrer Frisierkommode weiter. Er versuchte, die Sachen, die er auf dem Bett aufstapelte, nicht genau zu betrachten. Wenn er jetzt schwach wurde, das war ihm bewusst, würde er sie niemals loswerden. Es waren nur noch Stoffteile und nicht mehr ihr Lieblingskleid oder die Seidenunterwäsche, die er ihr zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt hatte. Er leerte eine weitere Schublade, schob sie zu und öffnete die nächste. Als er hineingriff, um die zusammengelegten Sachen herauszuheben, berührten seine Finger etwas Kaltes und Hartes. Er legte die Pullover aufs Bett, ging dann zurück und holte es hervor.

Es war eine alte, verbeulte Metallkassette. Unter der abgeblätterten und ausgeblichenen schwarzen Farbe sah man das stumpfe Messing. Ben konnte sich nicht daran erinnern, sie schon einmal gesehen zu haben, aber Sarah war beinahe zwanghaft von Antikmessen oder Flohmärkten angezogen worden. Irgendwann hatte er den Überblick über ihre Käufe verloren. Dennoch kam es ihm merkwürdig vor, dass die Kassette versteckt gewesen war.

Als er sie kippte, hörte er im Inneren ein leises Rascheln, doch das Schloss war abgesperrt. Er suchte in den Schubladen nach einem Schlüssel, fand aber keinen. Nachdem er eine Weile überlegt hatte, ging er zu dem antiken Teewagen, in dem sie ihren Schmuck aufbewahrt hatte. Sie war mit ihrem Ehe- und Verlobungsring beerdigt worden, es waren aber noch einige Stücke übrig. Obwohl sie nicht besonders wertvoll waren, würde er es kaum übers Herz bringen, sie wegzugeben. Ein Gedanke, den er zu verdrängen versuchte, während er den Schmuck nach einem Schlüssel durchstöberte.

Unter ein paar zarten Goldketten wurde er fündig.

Der Schüssel passte ins Schloss der Kassette. Nach einem Klicken sprang der Deckel auf, dann klappte Ben ihn um.

Drinnen befand sich ein Stoß gefalteter und vergilbter Zeitungsausschnitte. Ganz unten lag ein größeres Schriftstück. Als er es herausnahm, sah er, dass es Jacobs Geburtsurkunde war. Ansonsten war die Kassette leer. Er legte die Urkunde beiseite und faltete die Zeitungsausschnitte auseinander.

Die Überschrift des obersten lautete: AUFRUF DER MUTTER DES KLEINEN STEVEN IM FERNSEHEN. Er drehte den Ausschnitt um, aber auf der Rückseite befand sich nur ein Teil einer Werbeanzeige. Schnell blätterte er durch den Rest. Sie waren nicht chronologisch geordnet, jeder Artikel befasste sich jedoch mit der Geschichte eines Babys, das aus einer Entbindungsklinik entführt worden war. Alle Ausschnitte stammten offenbar aus der Daily Mail, was ihn ein wenig überraschte, denn die einzigen Zeitungen, die Sarah seines Wissens gelesen hatte, waren der Guardian und der Evening Standard gewesen.

Kaum hatte er sich vorgenommen, sie zu fragen, warum sie die Artikel aufgehoben hatte, fiel ihm schmerzlich ein, dass es unmöglich war. Er legte die Zeitungsausschnitte weg und spürte, wie seine Neugier plötzlich versiegte. Welches Geheimnis sich dahinter auch verbergen mochte, er würde es nie herausfinden können. Er hätte sie auf der Kommode liegengelassen und irgendwann weggeworfen, wenn nicht dieses Gefühl an ihm genagt hätte, dass ihm etwas entgangen war. Er nahm sie erneut in die Hand. Insgesamt waren es fünf Artikel, an denen man ablesen konnte, wie die Geschichte aus Mangel an einer Entwicklung allmählich den aktuelleren Nachrichten weichen musste. Am Anfang war sie eine große Schlagzeile auf der ersten Seite wert, BABY AUS DER ENTBINDUNGSKLINIK ENTFÜHRT, am Ende nur noch ein paar versteckte Zeilen im hinteren Teil. Obwohl nur der Artikel von der ersten Seite mit einem Datum versehen war, schienen sie allesamt in einem Zeitraum von einer Woche erschienen zu sein, und zwar im März vor sechs Jahren. Diese Information rief etwas in Ben wach. Er schaute auf Jacobs Geburtsurkunde, dann auf das Datum des ersten Ausschnittes. Veröffentlicht am dritten März.

Jacobs Geburtstag.

Ben wurde unbehaglich zumute. Er las die Artikel erneut, dieses Mal aufmerksamer. Sie drehten sich um die Suche nach einem neugeborenen Baby, das aus seinem Bettchen in einem Krankenhaus im Zentrum Londons verschwunden war. Die Namen der Eltern lauteten John und Jeanette Cole. Ben hatte sie noch nie gehört. Cole war Corporal der Royal Engineers, hatte in Nordirland gedient und wurde als «Veteran» des Golfkrieges bezeichnet. Es war ihr erstes Kind, ein Junge, und der Redakteur zeigte sich empört darüber, dass jemand den Sohn eines Soldaten entführt hatte, der «für sein Land kämpfte». Es gab die üblichen Aufrufe der Polizei an mögliche Zeugen sowie an den unbekannten Täter. Auf einem Ausschnitt war ein schlechtes Foto der Eltern zu sehen. Der Vater war ein jugendlicher Mann mit militärisch kurzgeschorenen Haaren, er kam gerade aus dem Krankenhaus und hatte seinen Kopf halb abgewandt. Die Frau war laut Text dreiundzwanzig Jahre alt, wirkte neben ihm jedoch älter. Aber das war wohl kein Wunder, dachte Ben, während er ihr Gesicht betrachtete, auf dem die Aufnahme ihren Schmerz eingefroren hatte.

Sein Unbehagen nahm zu. Mit einem Mal widerte ihn die Berührung der ausgeschnittenen Papierschnipsel an. Er ließ sie auf die Kommode fallen, wandte sich ab und wischte sich die Hände an seiner Jeans ab. Der Anblick von Sarahs auf dem Bett gestapelten Sachen traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht und erschütterte den Rest seiner Selbstbeherrschung. Er lief aus dem Schlafzimmer, stürzte beinahe die Treppe hinunter und blieb unten im Flur nach Atem ringend stehen. Er spürte, wie er zu hyperventilieren begann, und versuchte die anwachsende Panik niederzukämpfen. Hör auf damit.

Er ging in die Küche und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Der Schock legte sich. Er drehte den Hahn zu und stützte seine Arme auf die Spüle. Wasser rann ihm von Nase und Kinn, während er aus dem Fenster schaute. Hinter der Scheibe erschien die Straße wie immer. In der hellen Nachmittagssonne hatten die Häuser harte Kanten. Auf beiden Straßenseiten standen Autos. Ein Mann führte seinen Hund aus, blieb stehen, um ihn gegen einen Laternenpfahl pinkeln zu lassen, ging dann weiter und verschwand aus dem Blickfeld, das der Fensterrahmen bot.

Normal.

Ben ließ seinen Kopf hängen und fühlte sich erbärmlich. Was in Gottes Namen war nur mit ihm los? Der Verdacht, den er selbst jetzt noch nicht ganz glauben konnte, beschämte ihn. Jacob war Sarahs Sohn, um Himmels willen. Er klammerte sich an diesen Gedanken und bekräftigte ihn, bis die Furcht, die er im Schlafzimmer gespürt hatte, irreal und unsinnig erschien.

Dann dachte er wieder an das Datum des Zeitungsausschnittes, und alles kam zurück.

Er stieß sich von der Spüle ab, als wollte er damit die Sorge von sich schieben, trocknete sein Gesicht und schaute auf die Uhr. Bald würde er Jacob von der Schule abholen müssen. Wenn sie nach Hause kamen, sollten nicht mehr überall Sarahs Sachen herumliegen.

Ben ging wieder hinauf und verpackte sie.

Kapitel 2

Er hatte Sarah über Keith kennengelernt. Später hatten sie sich darüber amüsiert, dass sie sich wahrscheinlich schon häufiger über den Weg gelaufen waren, ehe sie schließlich miteinander gesprochen hatten, auch wenn sich keiner von beiden daran erinnern konnte. Sie waren erst aufeinander aufmerksam geworden, als sie nach einer Party, zu der Keith ihn eingeladen hatte, plötzlich gemeinsam auf der Straße standen. Keith hatte eine von seinen Anfängerbands bei einem großen Plattenlabel untergebracht und den Vertragsabschluss offenbar als persönlichen Sieg gefeiert. Manchmal hatte Ben den Eindruck, dass sein Freund mittlerweile kein Anwalt mehr war, sondern ein Manager, der es wie ein Konvertit einer neuen Religion für seine Pflicht hielt, Ben in die berauschende Welt der Musikindustrie einzuführen.

«Du musst kommen, es wird großartig!», hatte er geschwärmt. «Die Plattenfirma will die Band groß rausbringen. Es wird bestimmt ein toller Abend.»

Ben war davon nicht überzeugt gewesen. Er hatte bereits einige solcher Partys besucht und nie Spaß dabei gehabt. Von den meisten Bands hatte er nie wieder gehört, und ihre Mischung aus Naivität und Arroganz ging ihm auf die Nerven. Die ganze Sache langweilte ihn. Doch dann war der Abend alles andere als langweilig geworden. Besonders nachdem er seine Kamera auf den Kopf des Sängers geknallt hatte.

Er war schon mit schlechter Laune hingegangen. Erst kurz zuvor war seine halbjährige Beziehung mit einem Model in die Brüche gegangen, das er bei den Aufnahmen für eine Werbeagentur kennengelernt hatte. Er hatte damals noch unter der bitteren Trennung gelitten, was vielleicht der Grund dafür gewesen war, dass Keith ihn eingeladen hatte. Und vielleicht auch dafür, dass er die Einladung angenommen hatte.

Kaum war er in den Club gekommen, bombardiert von der hämmernden Musik, hatte er es bereut. Er hatte das alles schon tausendmal gesehen, nicht nur die Flaschen Champagner, Tequila, Importbier und Jack Daniel’s, von denen sich jeder bedienen konnte, sondern auch solche Mätzchen wie das brennende, an Ketten von der Decke hängende Auto. Er wäre sofort auf dem Absatz umgedreht, wenn Keith ihn nicht gesehen und herbeigewunken hätte.

In seinem dunklen Anwaltsanzug stach sein Freund aus der Partymenge hervor wie eine Krähe aus einer Schar Wellensittiche. Während des Studiums hatten sie sich eine Wohnung geteilt. Der selbstdarstellerische Kunststudent im ersten Semester und der mit gebügelten Jeans bekleidete Jurastudent im dritten Semester hatten sich am Anfang argwöhnisch beäugt; beide schienen davon überzeugt, dass dem Wohnheim ein Fehler unterlaufen sein musste. Doch schon bald hatte die gegenseitige Liebe zu Fußball und Bier die kleinen Unterschiede unwichtig werden lassen. Nach dem Studium waren sie in Kontakt geblieben, obwohl Keith gegen Bens Rat Tessa heiratete, nachdem sie schwanger geworden war und die Unterschiede zwischen ihnen deutlicher zutage traten. Bens Haare wurden länger und Keiths Anzüge teurer. Tessa hatte sie häufig mit Jack Lemmon und Walter Matthau in Ein seltsames Paar verglichen. Nach Bens Ansicht war sie nie viel witziger gewesen.

Manchmal fragte er sich, ob Keiths Entscheidung, für die Unterhaltungsbranche und mit Musikern und Schauspielern zu arbeiten, eine Reaktion auf sein langweiliges Familienleben war. Allerdings hatte er nie ihre Freundschaft riskiert und nachgefragt. Er rang sich ein Lächeln ab, als er Keiths Tisch erreichte, und wurde den Anwälten und zwielichtigen Managern der Plattenfirma vorgestellt. Sie begrüßten Ben mit höflichem Desinteresse, was seiner Haltung zu ihnen entsprach. Sobald er konnte, entschuldigte er sich und ging los, um sich ein Bier zu holen.

Das war sein erster Fehler. Ohne Gesprächspartner trank er zu viel und zu schnell, als dass es ihm gutgetan hätte. Die Kamera hing ihm schwer um den Hals. Wider besseres Wissen hatte er sie auf Keiths Wunsch mitgenommen.

«Wenn du an dem Abend ein paar Aufnahmen machst, einfach ein paar Schnappschüsse von den Leuten, kriegst du vielleicht mehr Aufträge von der Plattenfirma», hatte Keith gesagt, obwohl Ben ihm schon mehrfach erzählt hatte, dass er kein Interesse daran hatte, mit Musikern zu arbeiten. Am liebsten fotografierte er entweder professionelle Models oder aber Leute, denen nicht bewusst war, dass sie aufgenommen wurden. Auf vier oder fünf meistens unfotogene Typen, von denen mit Sicherheit immer einer blinzelte, wenn er auf den Auslöser drückte, konnte er gut verzichten. Konzerte aufzunehmen war noch schlimmer. Ben hatte es ein paarmal versucht, kurz nach dem Studium, als er sich noch einen Namen machen musste, es aber schnell aufgegeben. Im Grunde interessierte er sich nicht genug für Musik, um diese Mühsal auf sich zu nehmen.

Er war bei seinem vierten oder fünften Bier, als Keith neben ihm auftauchte. «Komm mit, ich stelle dich der Band vor», rief er gegen den hämmernden Beat an. Ben setzte eine begeisterte Miene auf und folgte ihm durch das Gewimmel der Leute. In einem Separee waren ein paar Tische zusammengeschoben worden, auf denen sich leere Flaschen und Gläser stapelten. Doppelt so viele Leute, wie eigentlich dort hineingepasst hätten, drängten sich um die vier Berühmtheiten, die an einem Ende Hof hielten.

Keith grüßte sie wie alte Kumpels. Die herablassenden Blicke, die sie ihm schenkten, entgingen ihm offenbar. Er war zwar noch nicht ganz dreißig, aber sein Anzug und sein ordentlich geschnittenes, bereits ziemlich dünnes, rötlich blondes Haar ließen ihn neben Ben, der nur zwei Jahre jünger war, wie einen alten Mann erscheinen. Er spulte die Namen der Bandmitglieder herunter, die sich Ben erst gar nicht zu merken versuchte. «Sie werden gewaltig durchstarten», schwärmte er an die Band gewandt.

Sie grinsten eingebildet zurück. «Ja, richtig», sagte einer von ihnen. «Gewaltig.»

Keith schien nicht aufzufallen, dass man sich über ihn lustig machte. Er klopfte Ben auf die Schulter. «Ben ist Fotograf. Er will ein paar Fotos machen.»

Ben merkte mit Unbehagen, dass er ins Zentrum der Aufmerksamkeit geriet. Als sich die herablassenden Blicke auf ihn richteten, stieg Wut in ihm auf. Ihr arroganten, kleinen Wichser, dachte er und starrte mit einem Leckt-mich-Lächeln zurück. «Wir sehen uns gleich», sagte Keith dann, drückte aufmunternd seinen Arm und ließ ihn stehen.

Innerlich verfluchte Ben ihn. Und sich selbst. Er hätte sich denken können, dass Keith glaubte, er würde ihm einen Gefallen tun. Gerade als er auch gehen wollte, sprach ihn eines der Bandmitglieder an.

«Du willst also Fotos von uns machen, ja?»

Es war derselbe Typ, der Keith lächerlich gemacht hatte. Er war Ben als der Sänger vorgestellt worden. Ein langer Lulatsch, der sich auf seinen Sessel gelümmelt hatte. Er trug ein enges schwarzes T-Shirt, hatte dichtes, dunkles Haar und sah auf eine aufsässige Art gut aus. Trotz der schummrigen Beleuchtung im Club waren seine Pupillen auf die Größe von Stecknadeln geschrumpft, ein deutliches Zeichen dafür, dass er nicht nur mit Alkohol gefeiert hatte.

«Eigentlich nicht», entgegnete Ben.

Der Sänger zeigte auf die Kamera. «Und was soll dann das Teil da um deinen Hals? Ist das eine Kette, oder was?»

Am Tisch entstand Gelächter. «Ja, ganz genau», sagte Ben und wandte sich ab.

«Hey, komm schon, Mann, du sollst ein paar Fotos machen, oder? Wie wär’s damit?» Der Sänger machte einen Schmollmund und rekelte sich wie ein Model.

Normalerweise hätte Ben gegrinst und wäre gegangen. Doch die Biere, die er getrunken hatte, hatten seine Laune noch verschlechtert. Und er hatte sie auf leeren Magen getrunken.

«Tut mir leid, Arschlöcher fotografiere ich nicht», sagte er. Die Stimmung am Tisch kippte sofort um. Der Sänger richtete sich auf, das Lächeln war ihm vergangen. «Wie redest du eigentlich mit mir, du Wichser? Und wer hat dich überhaupt eingeladen? Bist du nur hergekommen, um ein paar Drinks zu schnorren, oder was?»

Ben stellte sein Bier behutsam auf den Tisch. «Nein, ich bin wegen der gepflegten Konversation gekommen», sagte er, was ein schöner Schlusssatz gewesen wäre, wenn der Sänger nicht ein Glas genommen und ihm, ehe er sich rühren konnte, den Inhalt ins Gesicht geschüttet hätte.

Während das Gelächter am Tisch lauter wurde, galt Bens erste Sorge seiner Kamera. Sie hing ohne Tasche um seinen Hals, und jetzt tropfte das nach Johannisbeere riechende Getränk von ihr hinab. Flüssigkeiten vertrug eine Kamera nicht, erst recht keine, die süß und klebrig waren.

«Du dämliches Arschloch», schnauzte Ben und nahm die Kamera von seinem Hals. In dem Moment schnappte der Sänger danach. Der Riemen blieb an Bens Kopf hängen, nur kurz, aber lange genug, um die Kamera aus der Hand des Sängers zu reißen. Ben versuchte, sie aufzufangen, griff aber daneben. Sie krachte gegen die Tischkante und knallte dann auf den Boden.

«Ach herrje», säuselte der Sänger, als Ben sich bückte, um sie aufzuheben. Die Linse des Objektivs war zerbrochen. Ein paar Leute kicherten noch, den meisten schien jedoch klar zu sein, dass das Ganze nicht mehr lustig war. Der Sänger gehörte nicht zu ihnen.

«Du wolltest sie ja sowieso nicht benutzen», meinte er höhnisch. Da verlor Ben völlig die Beherrschung. Reflexartig holte er mit der kaputten Kamera aus. Er glaubte, der Sänger würde sie abwehren, doch der hatte sich in diesem Moment lachend zu dem Mädchen gewandt, das neben ihm saß. Er grinste immer noch, als ihm die Kamera direkt ins Gesicht knallte.

Der Sänger schrie auf und stürzte zurück. Blut spritzte aus einer Wunde auf seiner Stirn. Gerade als Ben klar wurde, dass die Sache etwas aus dem Ruder gelaufen war, sprang ein anderes Bandmitglied auf und holte nach ihm aus. Ben duckte sich weg, aber der Schlag traf ihn am Kopf. Während er instinktiv zurückschlug, wurde ihm schwarz vor Augen, dann kam er ins Stolpern und fiel hin. In den Sekunden danach nahm er nur ein Durcheinander aus Körpern, Schreien und zerbrochenem Glas wahr. Er spürte ein paar weitere Schläge und hob schützend die Ellbogen vor den Kopf, bis er von kräftigen Armen auf die Füße gehievt wurde. Mit dem Auge, das nicht schmerzte, erkannte er Keiths besorgtes Gesicht. Sein Freund versuchte die Leute zu beruhigen, auch die Türsteher, die sich offenbar an der Prügelei beteiligen wollten. Im Hintergrund sah er den Sänger, dessen Gesicht blutüberströmt war und der beide Hände auf die Stirnwunde presste. Der andere Musiker, der als Erster zurückgeschlagen hatte, wiegte stöhnend eine Hand vor seiner Brust.

«Okay, alles in Ordnung, alles in Ordnung», beschwichtigte Keith die Leute. Sein unsicherer Gesichtsausdruck verriet jedoch, dass er seinen Worten selbst nicht recht zu trauen schien. Er warf Ben einen halb besorgten, halb wütenden Blick zu und sprach dann mit jemandem neben ihm. «Bring ihn raus. Ich komme nach, wenn ich das hier geklärt habe.»

Ben dachte, er würde mit dem Rausschmeißer sprechen, der ihm aufgeholfen hatte, doch dann erkannte er eine junge Frau, die ihm zuvor an Keiths Tisch aufgefallen war. «Kommen Sie», sagte sie. «Können Sie gehen?»

Sie bahnten sich einen Weg durch den Club zum Ausgang.

«Wollen Sie sich frischmachen?», fragte die junge Frau. Sie trug ein dunkles Kostüm, das weibliche Pendant zu Keiths Anzug. Ben schüttelte den Kopf. Er hatte noch kein Wort zu ihr gesagt. Während sein Adrenalinpegel rapide abnahm, wurde ihm unangenehm bewusst, dass er sich völlig idiotisch benommen hatte.

Sie gingen hinaus und warteten vor dem Eingang. Nach der verrauchten Club-Atmosphäre schmeckte die Nachtluft wie purer Sauerstoff. Es war September und noch einigermaßen warm, doch in der frischen Brise wurde er sofort wieder nüchtern. Ben schob die Hände in die Taschen und versuchte, nicht zu zittern. Er vermied es, die Frau anzusehen, konnte aber spüren, dass sie ihn beobachtete.

«Was ist denn eigentlich passiert? Ich nehme mal an, die Band wollte nicht fotografiert werden, oder?»

Ben merkte, dass seine Zähne zu klappern begannen. «Nein, äh, es war… es war genau andersherum. Ich wollte keine Fotos machen.» Er spürte, wie er rot wurde.

«Das ist mal was Neues. Ein Fotograf wird in einem Nachtclub verprügelt, weil er keine Fotos machen will.»

Ihre Ironie reizte ihn zu einer Erwiderung. «Tja, man muss sich immer wieder etwas einfallen lassen.»

Keith kam aus dem Club. Nicht einmal das grelle Neonlicht konnte seine geröteten Wangen überdecken.

«Großartig! Mein Gott, Ben, was hast du dir nur dabei gedacht, verdammt nochmal?»

«Was ich mir gedacht habe? Diese Typen haben meine Kamera kaputt geschlagen!»

«Ich scheiß auf deine Kamera! Für diesen Vertrag habe ich das letzte halbe Jahr gearbeitet, und kaum ist er unterschrieben, habe ich einen Sänger, der genäht werden muss, und einen Bassisten mit einer gebrochenen Hand. Und mein Gast ist schuld daran! Danke, Ben, das macht wirklich einen großartigen Eindruck, findest du nicht?»

Er hatte Keith noch nie so wütend erlebt, aber da er sich ungerecht behandelt fühlte, kehrte auch seine Wut zurück. «Was hätte ich denn deiner Meinung nach tun sollen? Lächeln und danke sagen?»

«Hätte es dich umgebracht, ein paar Fotos zu machen, damit sich die Gemüter beruhigen, und sei es nur um meinetwillen? Aber nein, das ist zu viel verlangt, oder? Du musst dich mit dem Sänger prügeln und ihm die Scheißkamera ins Gesicht knallen! Die Manager der Band überlegen schon, dich zu verklagen, mein Gott!»

Erst jetzt dämmerte es Ben, in welch peinliche Situation er Keith gebracht hatte. «Ich dachte, er wehrt sie ab», sagte er tonlos.

«Ja, hat er aber nicht.» Keith fuhr durch sein dünnes Haar. «Hör zu, ich muss wieder rein. Und du machst dich besser vom Acker. Die Jungs kommen gleich raus, um ins Krankenhaus zu fahren. Ich habe keine Lust darauf, dass sie dich sehen und es weiteren Ärger gibt.»

Ben nickte betreten. «Tut mir leid.»

Keith schaute ihn einen Moment an, als würde er überlegen, ob er die Entschuldigung annehmen sollte oder nicht, dann seufzte er auf. «Keine Sorge, ich kläre das.» Er setzte ein müdes Lächeln auf. «Es hätte schlimmer kommen können. Wenigstens hat sich nur der Bassist die Hand gebrochen. Wir wollten ihn sowieso loswerden.»

Ben hätte beinahe gelacht, aber dann sah er, dass es kein Witz war. Keith wandte sich an die junge Frau, die während ihres Wortwechsels im Hintergrund gestanden hatte. «Sarah, kannst du dafür sorgen, dass er sich in ein Taxi setzt? Danach kannst du auch nach Hause gehen. Du musst nicht länger bleiben.»

Ohne auf eine Antwort zu warten, eilte er wieder nach drinnen. In der darauffolgenden Stille hätte sich Ben am liebsten verkrochen. «Kommen Sie», sagte Sarah. «Die Straße runter können wir ein Taxi kriegen.»

Sie entfernten sich vom Club. «Ich brauche kein Taxi», sagte Ben, als sie an eine Seitenstraße kamen. «Mein Wagen steht dort hinten.»

Sie blieb stehen und schaute ihn an. «Sie sollten besser nicht fahren.»

«Mir geht’s gut. Das mit dem Auge ist nicht so schlimm.» Vorsichtig berührte er die Schwellung.

«Ich meinte nicht Ihr Auge. Wie viel haben Sie getrunken?»

«Ich bin nicht betrunken», entgegnete er.

«Mag sein, aber finden Sie nicht, dass der heutige Abend schon ereignisreich genug war?»

Sie betrachtete ihn amüsiert. Sie hatte hellbraunes, schulterlanges Haar, das sie sich hinter die Ohren gesteckt hatte, und blasse Sommersprossen auf Nase und Wangen. Im Licht der Straßenlaternen konnte man schwer sagen, welche Farbe ihre Augen hatten, Ben meinte jedoch, dass sie haselnussbraun waren. Sie war ziemlich attraktiv, fiel ihm auf. Sein Ärger verflog. «Ja, vielleicht haben Sie recht.»

Sie hielten ein Taxi an. Ben wollte es ihr überlassen, doch sie lehnte ab. «Keith wird morgen alles genau von mir wissen wollen. Ich möchte ihm sagen können, dass ich gesehen habe, wie Sie sicher auf dem Heimweg waren.»

Die schlanke, junge Frau hatte etwas Verletzliches und doch Reserviertes an sich, als sie darauf wartete, dass er einstieg. Ben fühlte sich seltsam nervös. «Wo müssen Sie hin?», fragte er. «Wir können uns das Taxi auch teilen.»

Sie wohnte in Clapham. «Im Grunde haben Sie mir einen Gefallen getan», sagte sie, als das Taxi losfuhr. «Ich hätte noch mindestens eine Stunde dort bleiben müssen, und ich lasse den Babysitter nicht gerne warten.»

«Sie haben Kinder?» Es überraschte Ben, wie enttäuscht er plötzlich war.

«Einen Jungen. Jacob. Er ist jetzt fast zwei.»

«Ist Ihr Mann heute Abend auch unterwegs?»

«Ich bin nicht verheiratet.»

Sie sagte es ohne Emotionen. Ben merkte, dass er erfreut war. Sie hat ein Kind. Reiß dich zusammen. «Sind Sie auch Anwältin?», fragte er.

«Nein, ich bin nur eine einfache Angestellte. Aber in meiner Freizeit studiere ich. Mit etwas Glück müsste ich in ein paar Jahren meine Prüfungen schaffen. Auf diese Weise dauert es zwar länger, aber man verdient wenigstens etwas dabei.» Sie zuckte mit den Achseln, als wollte sie damit die Probleme einer alleinstehenden Mutter abtun. «Und was ist mit Ihnen? Machen Sie tatsächlich Fotos, oder benutzen Sie Kameras nur als Angriffswaffen?»

Er grinste verlegen. «Nur wenn ich provoziert werde. Wenn ich nicht mit Kameras auf die Leute losgehe, mache ich Modeaufnahmen für Magazine oder Werbeagenturen.»

«Klingt glamourös.»

«Ungefähr so glamourös wie das Musikgeschäft.» Er fasste an sein geschwollenes Auge, und beide lachten. Als das Taxi vor ihrer Wohnung hielt, konnte er kaum glauben, dass die Fahrt so schnell vergangen war. Während sie ausstieg, fühlte er ein Bedürfnis in sich aufsteigen, das er zum letzten Mal als Teenager gespürt hatte.

«Warten Sie», sagte er schnell. «Falls Sie diese Woche noch nichts vorhaben, könnten wir doch mal etwas trinken gehen, oder?»

Sie beugte sich mit einem Lächeln durch die geöffnete Tür. «Ich kann wirklich nicht. Es war schon schwer genug, für heute Abend einen Babysitter zu finden. Aber nett, dass Sie gefragt haben.»

Belass es dabei. Bring dich nicht in Schwierigkeiten, sie hat ein Kind. Sie richtete sich auf und wollte die Tür schließen. «Wie wäre es mit einem gemeinsamen Mittagessen?», fragte er.

Sie schaute ihn an. Ihr Lächeln war etwas spöttisch geworden, so als würde das genauso wenig ihren Erwartungen entsprechen.

«Rufen Sie mich auf der Arbeit an», sagte sie.

Zwei Jahre danach waren sie verheiratet. Und zwei weitere Jahre später platzte eine Ader in ihrem Kopf und tötete sie.

Ben hatte einen Arm um Jacob gelegt, als sie beide auf dem Sofa saßen und sich Der König der Löwen auf Video anschauten. Es war einer von Jacobs Lieblingsfilmen, was bei ihm bedeutete, dass er ihn ohne Unterbrechung mehrere Male hintereinander bis zum Ende ansehen konnte. Mit vier Jahren hatte er gelernt, wie man den Videorecorder bediente, er hatte sich allerdings nie darum gekümmert, die Kassette zurückzuspulen, wenn sie halb abgespielt war. Er stieg einfach an der Stelle wieder ein, wo sich das Band gerade befand. Für Geschichten interessierte er sich nicht, er war nur von den Bildern gebannt.

Nun gähnte er, während er den Zeichentrickfilm ansah. Ben wusste, dass er ihn eigentlich zu Bett bringen sollte. Sie hatten einen klaren Zeitablauf entwickelt: Wenn Jacob von der Schule nach Hause kam, wusch er sich die Hände, schaute eine halbe Stunde das Kinderprogramm im Fernsehen, aß zu Abend, spielte noch eine Weile oder schaute gemeinsam mit ihnen Fernsehen, badete dann und ging zu Bett. Solche Routinen bedeuteten für Jacob Sicherheit und Geborgenheit, und jede Abweichung konnte ihn durcheinanderbringen. Ben hatte ihm bereits geholfen, einen rudimentären Wagen aus Lego-Steinen zu bauen, und nun näherten sie sich seiner Badezeit. Da es Jacob jedoch nicht aufzufallen schien, hatte Ben keine Lust, ihn schon jetzt ins Bett zu bringen. Er brauchte den körperlichen Kontakt genauso wie der Junge. Vielleicht sogar mehr als er.

Jeden Abend hatte das Telefon geklingelt, weil alle möglichen Leute wissen wollten, wie es ihm ging. Ihre Sorge hatte ihn gerührt, aber er war froh, als die Anrufe schließlich aufhörten. Die meisten «ihrer» Freunde waren eigentlich Sarahs Freunde, Eltern von Kindern, die entweder auf Jacobs Schule gingen oder die sie durch Kontaktgruppen für Autisten kennengelernt hatte. Ben hatte nicht das Gefühl, viel mit ihnen gemeinsam zu haben, und die Gespräche hatten ihm nur noch bewusster gemacht, dass Sarah nicht mehr da war. Nur noch Jacob.

Und Jacob konnte er nicht mehr anschauen, ohne an die Zeitungsausschnitte zu denken.

Als Keith angerufen hatte, hatte er ihm davon erzählen wollen, es dann aber doch nicht getan. Zuerst musste er darüber nachdenken und sich vergewissern, dass er nicht paranoid wurde. In einem Moment war er vom Schlimmsten überzeugt, im nächsten sicher, dass es eine nüchterne Erklärung gab. Manchmal fegte die Überzeugung, dass die ganze Sache lächerlich war, jeglichen Verdacht hinweg wie eine Frühlingsböe. Denn er hatte ja Fotos von der schwangeren Sarah gesehen und mit ihren Eltern über die Geburt ihres Enkels gesprochen. Er wusste, dass sie damals mit einem Arschloch namens Miles ausging, der sie sitzenließ, als sie schwanger wurde (bei dem Gedanken kam jedes Mal eine von Eifersucht durchsetzte Wut in ihm auf), und dass sie danach zu ihrer Freundin Jessica gezogen war. Ben hatte sie Jessica die Schreckliche getauft, weil sie das seiner Meinung nach war, obwohl Sarah es nicht mochte, wenn er sich über andere lustig machte. Aber ob nun schrecklich oder nicht, Jessica war damals angehende Hebamme gewesen, und als Jacob vor dem Termin geboren worden war, hatte Jessica ihn mitten in der Nacht entbunden.

Das war die Wahrheit, die er kannte. Wenn er sich daran erinnerte, fühlte er sich erleichtert, doch dann glitt ihm seine Gewissheit unmerklich wieder aus den Händen, und die gesamte innere Diskussion begann von vorn.

Jacob gähnte erneut und rieb sich die Augen. Ben musste lächeln, als er sah, wie der Junge gegen den Schlaf kämpfte. «Komm, Zeit, ins Bett zu gehen.» Er trug ihn huckepack nach oben und ließ das Bad ein. Der Junge war so müde, dass er ununterbrochen gähnte, folgte aber dennoch dem Ablauf, der auf kleinen Schaubildern an der Badezimmertür aufgeführt war. Sarah hatte sie auf Grundlage der Rebus-Symbole, die in der Schule verwendet wurden, eigenhändig gezeichnet. Es waren einfache Bilder von Strichmännchen, die die Toilette spülten, sich die Hände wuschen und die Zähne putzten. Auf manchen Bildern zeigte eine Sonne an, dass sie für den Tag galten, andere waren mit einem Halbmond versehen, und Jacob hielt sich gewissenhaft an die Abläufe. Einmal hatte Ben den Fehler begangen, sie abzunehmen, weil er dachte, sie würden nicht mehr benötigt, doch Jacob hatte ein solches Theater veranstaltet, dass er sie schnell wieder aufgehängt hatte. Ob nötig oder nicht, die Schaubilder waren ein Teil der beruhigenden Ordnung geworden.

Ben gab ihm einen Gutenachtkuss und trat zurück, während Jacob die Decke hochzog, sich umdrehte und augenblicklich einschlief. Jetzt hatte er ein schlechtes Gewissen, ihn so spät ins Bett gebracht zu haben. Äußerlich hatte man dem Jungen nicht angemerkt, ob ihm der Tod seiner Mutter bewusst war, aber er musste ihn getroffen haben. Ben war sich sicher, dass er zumindest spürte, dass etwas nicht in Ordnung war. Er glaubte nicht, dass Jacob verstand, was ein Begräbnis war – schon ein normaler Tag war für ihn verwirrend genug–, aber während des Gottesdienstes hatte er auf den Sarg gestarrt und war hin- und hergeschaukelt, was er nur dann tat, wenn eine Situation ihn beunruhigte. Tessa hatte versucht, Ben mit ihrer gewohnten Spitzfindigkeit davon zu überzeugen, den Jungen nicht mitzunehmen. Ihrer Meinung nach würde er nichts davon haben und nur Theater machen. Aber Sarah hätte gewollt, dass er dabei wäre. Sie hatte immer daran festgehalten, Jacob so weit wie möglich wie ein normales Kind zu behandeln und seinem Autismus nicht mehr Zugeständnisse zu machen, als sie musste.

«Er ist ein kluger Junge», hatte sie gesagt. «Ich werde ihn nicht bevormunden, weil er ein Autist ist. Er ist nicht zurückgeblieben.»

Doch eine Zeitlang hatten sie gedacht, dass er es sein könnte. Ben jedenfalls. Sarah gegenüber hatte er das nie ausgesprochen, obwohl er sicher war, dass auch sie es merkte. Als Baby hatte Jacob lange gebraucht, bis er krabbeln oder gehen konnte. Im Alter von drei Jahren hatte er noch kaum ein Wort gesprochen, und die Ausrede, dass er einfach langsamer war als die anderen, war nicht länger haltbar. Aber erst seine fehlenden Reaktionen überzeugten Ben, dass etwas nicht stimmte. Für Jacob schien es keinen Unterschied zu machen, ob er liebkost oder in seinem Zimmer allein gelassen wurde. Er lächelte selten, und wenn er jemanden anschaute, dann tat er es mit der gleichen Teilnahmslosigkeit, die er einem Möbelstück entgegenbrachte. Das war selbst bei Sarah nicht anders gewesen. Lange Zeit war Ben sein gleichgültiges Starren unheimlich, aber auch darüber verlor er nie ein Wort.

Schließlich hatte selbst Sarah nicht mehr verleugnen können, dass ihr Sohn ein Problem hatte. Als sie Jacobs Gehör untersuchen ließ, kam es Ben vor, als hoffte sie geradezu, der Junge wäre taub und sein Problem ein rein körperliches. Er hatte nicht daran geglaubt. Jacob schien weder zu verstehen, was man ihm sagte, noch seinen Namen zu erkennen, reagierte aber unverkennbar auf bestimmte Geräusche. Egal, in welchem Zimmer er sich aufhielt, beim Läuten der Türklingel schaute er zur Tür. Und als Sarah einmal außer Haus gewesen war, hatte Ben den Versuch gemacht, sich hinter ihn zu stellen und eine Packung Süßigkeiten zu öffnen. Sofort war der kleine Junge herumgewirbelt und hatte ihn nicht wie üblich mit leerem Blick, sondern erwartungsvoll angeschaut.

Kurz vor seinem vierten Geburtstag war bei ihm Autismus diagnostiziert worden. Wenig später war Ben zu Fotoaufnahmen nach Antigua gereist. Als am zweiten Abend das ganze Team in eine Bar gegangen war, hatte sich eines der Models an ihn herangemacht. Sie hatte einen phantastischen Körper, gebräunte, makellose Haut gehabt, und er hatte gewusst, dass Sarah nie davon erfahren würde. Er hatte dieses Versprechen auf berauschenden, problemlosen Sex vor sich gesehen und an den Stress der vergangenen Monate denken müssen. Die Besuche mit Jacob bei Spezialisten. Das Warten auf Testergebnisse. Die vergeblichen Versuche, Sarah zu trösten, als sie das erste Mal, seit sie sich kannten, weinte, nachdem sie die Ergebnisse erfahren hatte. Wollte er sich wirklich an eine Frau mit einem autistischen Kind binden, das nicht einmal sein eigenes war? Die Antwort hatte ihn im Grunde nicht überrascht.

Er hatte sich bei dem Model entschuldigt und die Nacht allein in seinem Hotelzimmer verbracht. Noch am Tag seiner Rückkehr nach London hatte er Sarah einen Heiratsantrag gemacht.

Nun stand er vor Jacobs Bett, schaute hinab auf ihren Sohn und suchte nach Ähnlichkeiten, welche die Frage ihrer Mutterschaft von allem Zweifel befreien würden. Aber es gab keine. Das Haar des Jungen war rötlich braun und viel dunkler als Sarahs. Seine Augen waren blassbraun, und seine Züge besaßen keine Spur von ihrer feinen Knochenstruktur. Ben war immer davon ausgegangen, dass der Junge nach seinem Vater kam.

Vielleicht stimmte das auch.

Er verließ das Zimmer und ging nach unten. Im Haus war es still. Er holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank und ging ins Wohnzimmer. Sarah mochte es nicht, wenn er zu Hause rauchte, aber Jacob war im Bett, und er hatte noch nie so sehr eine Zigarette gebraucht wie jetzt. Er zündete sich eine an und sog dankbar den Rauch ein, während er zum Bücherregal ging und die Metallkassette herausnahm. Er trug sie zum Sofa und breitete die Zeitungsausschnitte auf dem Polster neben ihm aus, wo vor kurzem noch Jacob gesessen hatte. Er nahm den Ausschnitt, auf dem ein Foto der Eltern des verschwundenen Babys zu sehen war. John Cole konnte man darauf kaum erkennen, aber wenn Jacob nicht nach Sarah kam, so ähnelte er wenigstens auch nicht dem Zeitungsbild von Jeanette Cole. Ben legte den Ausschnitt zurück zu den anderen. Er hatte sie bereits unzählige Male angeschaut, ohne dass ihm etwas Neues aufgefallen wäre. Ein neugeborenes Baby war verschwunden, zufälligerweise am Tag von Jacobs Geburt. Na und? An diesem Tag waren wahrscheinlich Hunderte Babys geboren worden. Es hatte nichts zu bedeuten.

Warum hatte sie dann die Ausschnitte aufbewahrt?

Bei dieser Frage fiel jedes Mal sein gesamtes Gedankenkonstrukt in sich zusammen. Er konnte sich sagen, dass es lächerlich war, sich von ein paar alten Zeitungsausschnitten durcheinanderbringen zu lassen, und dass die Daten nur zufällig übereinstimmten. Da Sarah am Tag ihrer Niederkunft von dem Verschwinden eines anderes Babys gelesen hatte, wird sie sich dazu veranlasst gefühlt haben, die Berichte aufzuheben. Dann hatte sie die Ausschnitte beiseitegelegt und, was ihr ähnlich sah, vergessen, sie wegzuwerfen.

Ganz einfach.

Aber es funktionierte nicht. Sarah hätte vielleicht eine ganze Zeitung aufbewahrt, vielleicht sogar mehrere, aber er hatte nie erlebt, dass sie einzelne Artikel ausgeschnitten hatte. Diese Pingeligkeit passte nicht zu ihrem Naturell. Vor allem konnte er sich nicht vorstellen, warum sie gemeinsam mit der Geburtsurkunde in einer verschlossenen Kassette steckten.

Oder er konnte es doch.

Die Verwirrung kratzte an seiner Trauer. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Selbst diese Geste versetzte ihm einen Stich – ihr hatte es gefallen, wenn er das Haar lang trug, sie war gerne mit ihren Fingern hindurchgefahren. «Mein Gott, Sarah», sagte er. Das Bedürfnis, sie zu sehen, mit ihr zu reden und sie anzuhören, war so tief, dass es ihn erschreckte. Er konnte nicht glauben, dass all das nie wieder geschehen würde. Es war, als hätte jemand dort Löcher in die Welt geschnitten, wo sie hätte sein sollen. Er spürte, wie sich seine Kehle zusammenschnürte, und zog ein letztes Mal an der Zigarette. Doch als er den Rauch ausblies, entstand ein Schluchzen, und plötzlich weinte er.

Nachdem es vorübergegangen war, fühlte er sich ausgelaugt, war aber auch wieder bei sich. Sarah war seine Frau gewesen, und er hatte sie geliebt. Jacob war ihr Sohn, und das war alles, was zählte. Er verachtete sich dafür, ihr misstraut zu haben. Er drückte den Stummel aus und putzte sich die Nase. Die Zeitungsausschnitte lagen noch immer über das Sofa verteilt, doch nun hatten sie ihre Macht verloren. Es waren lediglich Papierschnipsel. Er hatte überreagiert, was ihn ärgerte. Und beschämte.

Er raffte sie zusammen, um sie wegzuwerfen. Während er sie zusammenknüllte, klingelte das Telefon. Er schniefte, räusperte sich und wischte die Tränen weg, ehe er sich meldete. «Hallo?»

«Hallo, Ben. Ich bin’s, Geoffrey.»

Als er die Stimme seines Schwiegervaters hörte, bekam Ben ein schlechtes Gewissen. «Tut mir leid, Geoffrey, ich wollte anrufen, ich weiß.» Das hatte er Sarahs Eltern nach der Beerdigung zum Abschied versprochen.

«Schon gut. Du hast im Moment genug am Hals. Ich dachte nur, ich melde mich mal und schaue, wie du zurechtkommst.»

«Ach… geht schon.» Er wechselte das Thema. «Seit ihr gut zurück nach Leicester gekommen?»

«Ohne Probleme.»

«Du weißt, dass ihr hier hättet übernachten können.» Er wusste, dass Geoffrey nicht gerne fuhr.

«Das weiß ich doch, aber Alice wollte nach Hause. Du kennst sie ja.»

Ben wusste, was er meinte. Alice hatte Sarah nie verziehen, dass sie zweimal nach London gezogen war: das erste Mal, um Arbeit zu finden, das zweite Mal, nachdem die beiden sie nach Jacobs Geburt wieder zu Hause aufgenommen hatten. «Wie kommt sie zurecht?»

«Ganz gut.» Sein Ton sagte etwas anderes. «Sie ist jetzt im Bett. Das ist alles ein bisschen zu viel auf einmal.»

Eine betretene Stille kam auf. Ben spürte, dass der ältere Mann das Gespräch nicht beenden wollte, obwohl es nichts mehr zu sagen gab, was nicht schon gesagt worden wäre. Er wusste, wie schwer Sarahs Tod seinen Schwiegervater getroffen hatte. Das Gespräch mit ihrem Ehemann war eine Art, sich ihr nahe zu fühlen. Ein schwacher Trost zwar, aber es war alles, was ihm blieb, und besser als das einsame Haus, in dem oben seine trauernde Frau schlief. Um das Telefonat zu verlängern und zugleich die letzten Zweifel zu verdrängen, sagte Ben: «Ich habe gerade daran denken müssen, wie Sarah Jacob bekommen hat.»

«Es kommt mir vor, als wäre es vor zwei Minuten gewesen. Ich kann nicht glauben, dass es sechs Jahre her ist.»

«War es eine schnelle Geburt?», fragte er, obwohl er die Antwort bereits kannte.

«Nach zwei Stunden war alles vorbei. Wir haben immer gesagt, er hatte es eilig. Die arme Alice ist fast durchgedreht vor lauter Sorge. Ein oder zwei Tage vorher waren wir gerade in London gewesen, und wenn sie gewusst hätte, dass das Kind sechs Wochen zu früh auf die Welt kommen würde, hätten sie keine zehn Pferde von dort weggekriegt. Ich war jedenfalls froh, dass Jessica zur Stelle war.»

«Es gab aber keine Anzeichen dafür, dass Jacob eine Frühgeburt wird, oder?»

«Überhaupt keine. Nein, deshalb war es ja auch so eine Überraschung. Ein paar Tage vorher hatte Sarah Krämpfe – deswegen wollte Alice sie auch unbedingt besuchen. Aber als wir dort waren, hörten sie auf. Alice hat sie zum Arzt geschleppt, aber er sagte, dass alles in Ordnung sei.»

Seine Stimme klang etwas beunruhigt. «Es gibt doch keine Probleme, oder? Mit Jacob, meine ich.»

Ben spürte, wie der letzte Hauch eines Zweifels von ihm abfiel. «Nein, ihm geht es gut. Ich habe mich nur… ich war nur neugierig.»

Mit einem Mal klang Sarahs Vater müde und alt. Wenn er aus der Erinnerung einen kurzen Trost gezogen hatte, dann war er nun verschwunden. «Ich habe mich oft gefragt, ob die Frühgeburt etwas mit Jacobs… mit dem Autismus zu tun hat.»

«Das glaube ich nicht.» Es gab unterschiedliche Meinungen über die Ursachen von Autismus, aber soweit Ben wusste, zählte eine Frühgeburt nicht dazu.

«Nein, da hast du wohl recht.» Geoffrey bemühte sich, heiter zu klingen. «Er war ja auch kein armer, kleiner Wurm oder so.»

Später wünschte Ben, er hätte das Gespräch an diesem Punkt beendet und so die Frage nach Jacobs Geburt für geklärt gehalten. Aber er hatte es nicht getan.

«Nein?», fragte er, ohne noch richtig zuzuhören.

Sarahs Vater lachte in sich hinein. «Wir haben schon immer gescherzt, dass sich da jemand mit den Terminen vertan haben musste. Er wog über sechs Pfund. Hätte man es nicht besser gewusst, man hätte ihn niemals für eine Frühgeburt gehalten.»

Kapitel 3

Jessica wohnte im vierten Stock eines Mietblocks des sozialen Wohnungsbaus in Peckham. Der Aufzug funktionierte zwar, doch als Ben das Erbrochene sah, das am Boden und den Wänden trocknete, nahm er lieber die Treppe. Noch ehe er die dritte Etage erreicht hatte, war er außer Atem. Er nahm sich vor, möglichst bald wieder mit dem Fußballspielen zu beginnen. Oder irgendetwas anderes zu tun. Wenn man sich hängenließ, war man plötzlich vierzig und hatte Übergewicht. Das war zwar noch acht Jahre hin, aber bereits jetzt merkte er, dass er schon nach wenigen Wochen einrostete und es ihn immer mehr Überwindung kostete, sich wieder aufzuraffen.

Er versuchte, seine Atemlosigkeit zu ignorieren, und schleppte sich hinauf in den vierten Stock. Vor den Eingangstüren der Wohnungen verlief ein offener Gang, der nach außen hin nur von einer brusthohen Betonwand begrenzt wurde. Ben war noch nie dort gewesen. Jessica und er hatten nie einen Hehl aus ihrer gegenseitigen Abneigung gemacht. Wenn sie Sarah besucht hatte, war er normalerweise ausgegangen, und bei den wenigen Gelegenheiten, wo sie sich nicht aus dem Weg gehen konnten, hatten sie es nur mit Mühe geschafft, um Sarahs willen ein Mindestmaß an Zivilisiertheit an den Tag zu legen.

Die beiden hatten sich sofort und automatisch unsympathisch gefunden; Ben, weil er spürte, dass sie ihn nicht mochte, Jessica aus Gründen, die nur sie selbst kannte. Aber er hatte eine Vermutung. Sie war sauer auf ihn. Bevor er auf der Bildfläche erschienen war, hatten Sarah und Jacob zu ihrer erweiterten Familie gehört. Manchmal hatte er gar das Gefühl, dass sie meinte, die beiden wären tatsächlich ihre Familie gewesen. In der kleinen Einzimmerwohnung, in die Sarah nach Jacobs Geburt gezogen war, hatte sich Jessica aufgeführt, als wäre sie ihr zweites Zuhause. Sie kam unangemeldet zum Essen vorbei, blieb über Nacht und ging ans Telefon, als würde sie dort wohnen. Einmal, als er und Sarah sich erst seit wenigen Monaten kannten und er allein dort war und das Abendessen zubereitete, war Jessica ohne zu klingeln hereingekommen.

Sie war erschrocken stehengeblieben. «Was machst du denn hier?»

Er grinste sie an, weil er wusste, dass es sie wütend machen würde. «Kochen. Und du?»

Sie ignorierte seine Frage. «Wo ist Sarah?»

«Jacob hat sich einen Husten eingefangen. Sie ist mit ihm zum Arzt.»

Sie hatte auf der Schwelle zum Wohnzimmer gestanden, auf der anderen Seite von der Arbeitsplatte, die das Zimmer von der winzigen Küche abtrennte. Er sah, wie sie die Vorbereitungen für ein Abendessen zu zweit sowie die offene Flasche Wein betrachtete. «Davon hat sie mir nichts gesagt.»

«Das hat sie auch nicht im Voraus geplant.» Als er sie so schwerfällig dastehen sah, in ihrer schlichten Hebammentracht, hatte er sich erweichen lassen. «Möchtest du ein Glas Wein? Sie kommt bestimmt gleich zurück.»

Sie hatte ihn mit funkelnden Augen angesehen und die Lippen zusammengepresst. «Nein.» Ohne ein weiteres Wort hatte sie sich umgedreht und war gegangen.

«Die arme Jessica», sagte er eines Abends im Spaß zu Sarah. «Ich glaube, sie ist eifersüchtig auf mich.»

«Ach was. Sie ist nur schüchtern, das ist alles.»

«Aber nur bei Männern. Die Frau ist doch so weit an der anderen Küste, dass sie schon nicht mehr zu sehen ist.»

Sarah knuffte ihn. «Sei nicht gemein. Zudem heißt es Ufer.»

«Schön, am anderen Ufer. Ich glaube, sie ist eine versteckte Lesbe.»

Sie lachte, aber er konnte sehen, dass sie sich unbehaglich fühlte.

«Komm schon, du weißt, dass sie eine ist», sagte er, um sie zu reizen. «Gib es doch einfach zu, es ist keine große Sache.»

«Warum reitest du dann darauf rum?»

«Ich reite nicht darauf rum. Ich verstehe nur nicht, warum du es nicht zugeben willst.» Es wunderte ihn tatsächlich. Sie beide hatten schwule und lesbische Freunde, deshalb war es seltsam, dass Sarah so eine Abwehrhaltung einnahm, wenn es um Jessicas sexuelle Orientierung ging. «Ihr beide habt doch keine dunklen Geheimnisse, oder?»

Ihm verging das Lächeln, als Sarah ihn anfuhr. «Nein, natürlich nicht! Was soll der Quatsch?»

Vor lauter Wut war sie rot geworden. Ihre Sommersprossen stachen noch mehr hervor als sonst.

«Es war ein Spaß», sagte er erschrocken.

«Ich weiß. Aber ich möchte nicht, dass du über sie lachst.»

«Ich habe nicht gelacht. Auf jeden Fall nicht viel.»

Die Röte verließ langsam ihre Wangen, aber sie war noch immer komisch.

«Es war doch nichts zwischen euch, oder? Es geht mich zwar nichts an», fügte er schnell hinzu, «aber wenn ich dich schon verärgert habe, möchte ich auch den Grund kennen.»

«Sie ist meine Freundin, das ist alles. Wahrscheinlich habe ich bei ihr einfach immer ein bisschen das Gefühl, sie beschützen zu müssen.»

Ben hatte keine Ahnung, warum. Jessica schien ganz gut auf sich selbst aufpassen zu können. Aber nach diesem Abend versuchte er, seine Meinung über sie für sich zu behalten.

Als sie in das Haus in Camden gezogen waren, hatte er dennoch deutlich gemacht, dass er nicht wollte, dass Jessica einen Schlüssel erhielt. Da sie sowieso kaum vorbeikam, hätte er sich die Mühe sparen können. Das Haus war zu sehr von ihm geprägt. Sarah hatte in den letzten Monaten nur ein- oder zweimal mit ihr gesprochen, und ohne groß darüber nachzudenken, war Ben im Stillen froh gewesen, dass die beiden endlich getrennte Wege gingen. Egal ob sie nun Freundinnen waren oder nicht, Sarah hatte in Jessicas Gegenwart nie einen unbeschwerten Eindruck gemacht.

Und nun, dachte er, als er die richtige Türnummer erreichte, hatten sie beide Sarah verloren.

Er atmete tief durch, ehe er sich bemerkbar machte. Als ihm bewusst wurde, dass sein Herz nicht nur vor Erschöpfung raste, ballte er die Faust und klopfte an die Tür. Niemand kam, um zu öffnen.

In der Mitte der Tür befand sich ein kleiner Spion, und er hatte plötzlich das Gefühl, dass Jessica ihn dadurch beobachtete. Er klopfte erneut, etwas fester dieses Mal. Nach kurzer Zeit ging die Tür auf.

Jessica betrachtete ihn ausdruckslos. Manchmal, wenn sie bei Sarah gewesen war und sich von ihm unbeobachtet fühlte, hatte sie gelächelt und für einen flüchtigen Augenblick eine Lebhaftigkeit ausgestrahlt, die ihr fast Anmut verlieh. Diese Momente waren allerdings selten, und nun lächelte sie nicht. Sie trug ihre gestärkte Hebammentracht wie eine Rüstung. Ihr Haar war in der Mitte gescheitelt, streng zurückgekämmt und wurde von einer schwarzen Plastikspange gehalten. Ihr Mondgesicht war ungeschminkt. Ben war leicht geschockt, als ihm auffiel, wie rein und jung ihre Haut aussah. Er fragte sich, ob sie sich aus Mangel an Eitelkeit nicht schminkte oder ob das Gegenteil der Fall war.

«Ich muss in zehn Minuten zur Arbeit», sagte sie ohne Begrüßung und trat zurück, um ihn hereinzulassen.

Er ging durch den kurzen Flur ins Wohnzimmer. Es war aufgeräumt und beinahe klinisch sauber. Eingerichtet war es mit einer dreiteiligen Sitzgarnitur, von der nur ein Sessel benutzt wirkte, und einem Sperrholzschrank, in dem eine Stereoanlage und ein paar Bücher standen. Ansonsten war das Zimmer leer. Es gab nicht eine einzige Pflanze.

Er setzte sich nicht hin, und als Jessica ihm folgte, bot sie ihm auch keinen Platz an. Sie blieb mit verschränkten Armen vor dem ausgeschalteten Gasofen stehen. «Und? Du hast gesagt, du willst mit mir reden.»

Bei dem Begräbnis hatten sie sich kaum wahrgenommen, und als er sie anrief, war sie unverhohlen abweisend gewesen. Er hatte betonen müssen, dass es wichtig sei, doch nun, da er dort war, wusste er nicht, wo er anfangen sollte. «Es geht um Sarah.»

Sie schaute ihn wartend an.

«Hör zu, ich weiß, dass wir uns nie gut verstanden haben, aber du warst Sarahs beste Freundin», fuhr er fort. «Du kanntest sie schon, bevor ich sie kennengelernt habe.»

Jessica blieb reserviert. Sie starrte ihn so hart und unversöhnlich an wie ein Stein. Ben konnte sich nicht vorstellen, wie ein derart kalter und unsympathischer Mensch Hebamme sein konnte. Und nicht zum ersten Mal fragte er sich, aus welchem Grund sie diesen Beruf erlernt hatte.

Aber jetzt war nicht der richtige Moment, um darüber nachzudenken.

«Ich wollte dich über die Zeit befragen, als ihr beide zusammengewohnt habt. Als sie schwanger war. Sarah hat mir ein paar Sachen erzählt, aber nicht in allen Einzelheiten.»

«Und?»

«Es ist ein Teil ihres Lebens, über den ich kaum etwas weiß.»

Jessica lächelte beinahe. Aber es hatte nichts Hübsches oder Anmutiges an sich. «Jetzt willst du mir das also auch noch nehmen?»

Ben hatte nicht erwartet, dass sich ihre Feindseligkeit so offen Bahn brach. «Ich will dir gar nichts nehmen. Und ich habe dir auch nie etwas genommen.»

Ihre Miene sagte, dass sie anderer Meinung war. Er fühlte sich unbehaglicher denn je. «Vielleicht ist es einfach ein schlechter Zeitpunkt. Belassen wir es vorerst dabei.»

«Was dich angeht, wird es nie einen guten Zeitpunkt geben», sagte sie, und nun trat ihr ganzer Hass zutage. «Ich habe mich nur wegen Sarah auf ein Treffen mit dir eingelassen. Aber danach möchte ich dich nie wieder sehen. Also frag mich, was du wissen willst, und dann verschwinde.»

«Na schön. Der wahre Grund, warum ich gekommen bin, ist Jacob.» Er beobachtete ihre Reaktion, konnte aber keine erkennen.

«Was ist mit ihm?»

«Du hast ihn entbunden. Ich möchte nur wissen, was geschehen ist.»

«‹Was geschehen ist›? Wie meinst du das? Sie hat ihre Wehen bekommen, und ich habe die Geburt begleitet. Das war’s.»

«Warum ist sie nicht in ein Krankenhaus gegangen?»

Jessicas Mund war eine schmale Linie. «Hat sie dir nichts darüber erzählt?»

«Doch, aber ich wollte dich fragen.»