Obsession: Vertrauensvolle Hingabe - Felicity La Forgia - E-Book
Beschreibung

Stell dir vor, du hast den Mann deines Lebens gefunden. Stell dir vor, es ist der einzige Mann, der je mehr in dir gesehen hat als all die anderen. Stell dir vor, du hättest ihm deine Welt zu Füßen gelegt, doch dann hat er dich verlassen. Würdest du nicht hoffen und warten? Würdest du nicht alles tun, um ihn zurückzugewinnen? Stell dir vor, du hast die Frau deines Lebens gefunden. Stell dir vor, du wolltest ihr die Sterne vom Himmel holen. Stell dir vor, du hast ihr vertraut, doch sie hat dein Vertrauen missbraucht, auf die schlimmstmögliche Weise. Würdest du nicht auch der Liebe abschwören? Würdest du nicht alles tun, um nie wieder so hintergangen zu werden und deine Welt vor dem Absturz zu retten?   Michaela und Rowan sind beide von der Liebe enttäuscht. Doch Hingabe und Lust, Anziehung und Dominanz sind auch ohne Liebe ein Genuss. Zumindest denken sie das ...

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Seitenzahl:490

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Obsession -

Vertrauensvolle Hingabe

Felicity La Forgia

© 2015 Sieben Verlag, 64354 ReinheimUmschlaggestaltung © Andrea Gunschera

ISBN-Taschenbuch: 9783864435362ISBN-eBook-PDF: 9783864435379ISBN-eBook-epub: 9783864435386

www.sieben-verlag.de

Kapitel 1

Er war im zeitigen Frühjahr nicht dazu gekommen, die Hecke zu schneiden. Wie üblich hatte Abbi vergessen, einen Gartenservice zu beauftragen, das zu übernehmen. Nachsichtig lächelnd schüttelte Rowan den Kopf, stellte den Motor des Audis aus und öffnete die Fahrertür.

Er liebte seinen Job, der ihn bis in die entlegensten Winkel der Erde brachte. Liebte die Arbeit, auch wenn er oft wochenlang von zu Hause, von Abbi und Phoebe, weg war. Aber er liebte auch das Nachhausekommen. Die subtilen Veränderungen in der südenglischen Landschaft wurden deutlicher, wenn man eine Weile nicht von ihr umgeben war.

Es war früh am Tag. Die Black Watch war mitten in der Nacht in Southampton eingelaufen, ein paar Stunden früher als im Reiseplan ausgewiesen, was bedeutete, dass Rowan zeitiger am Tag zu Hause war als geplant. Er stieg aus dem Wagen, nahm seine Reisetasche aus dem Kofferraum und lauschte einer Amsel, die auf dem First seines Hauses saß und ihre Freude über den anbrechenden Sonnentag in den Himmel jubilierte. Im Vorbeigehen berührte er die Blüten des Rhododendrons. Der Duft von Flieder streifte ihn. Kleinigkeiten, die es in dieser Zusammenstellung nur hier gab. In seinem Garten. Zu Hause.

Die Haustür war noch verschlossen. Er sah zur Uhr. Kurz vor acht. Abbi schlief gern lange, wenn Phoebe sie ließ. Rowan nahm keinen Haustürschlüssel mit, wenn er auf Kreuzfahrt ging, aber fand den Reserveschlüssel unter dem Topf mit Katzenminze, der für Mimi bei der Tür stand.

Im Haus herrschte Stille. Offenbar schliefen seine beiden Mädchen wirklich noch. Rowan ließ seine Tasche im Korridor von der Schulter gleiten, legte den Schlüssel auf den Glasteller unter dem Spiegel und trat in die Küche. Die Kaffeemaschine war vorbereitet, er drückte auf den Knopf und schaltete sie ein. Auf dem Küchentisch lagen Phoebes Buntstifte und mehrere Bögen Papier. Er überflog die Zeichnungen und lächelte, ehe er die Glastür zum Garten öffnete. Grill und Gartenmöbel vegetierten noch unter durchsichtiger Folie vor sich hin, er freute sich darauf, alles für den Sommer fertigzumachen. Der Rasen brauchte einen ersten Schnitt. Im Gras lagen ein paar Spielzeuge und das Plastikauto, auf dem er Phoebe im vergangenen Herbst durchs Dorf gezogen hatte. Der Duft nach dem aufblühenden Flieder war betäubend.

Leise stieg er die Treppe hinauf und sah zuerst in Phoebes Zimmer, dessen Tür angelehnt war. Nichts änderte sich, der Fußboden war übersät mit Stofftieren, Puppen und Buntstiften. Phoebe lag nicht in ihrem Bett. Auch die Tür zum Schlafzimmer stand einen Spalt offen, er drückte sie auf.

Abbi war nicht da.

Das war seltsam. Der kleine Porsche, den er ihr im vergangenen Sommer gekauft hatte, stand in der Einfahrt, er hatte seinen Audi daneben eingeparkt.

Im Bad war sie auch nicht.

Er stieg die Treppe hinunter, inhalierte den Duft von frisch gebrühtem Kaffee und beäugte die Tür zum Keller, wo Abbi ihr Atelier hatte und … aber nein, sie würde jetzt nicht dort sein. Zumal die Räume unten für Phoebe eine Verbotszone waren. Noch einmal trat er hinaus in den Garten, lief ein Stück über den morgenfeuchten Rasen, begrüßte Mimi, die miauend auf ihn zulief, und blickte am Haus hinauf.

Noch immer trällerte die Amsel, jetzt begleitet von anderen Vogelarten, die er nicht benennen konnte. Mimi saß schnurrend neben ihm im Gras und beobachtete das Treiben der Vögel, schien aber nach durchjagter Nacht satt zu sein. Alles war wie nur Minuten zuvor, doch ein Gefühl der Anspannung hatte sich unter seine Freude, nach Hause zu kommen, gemischt. Er mochte es nicht, nach mehrwöchiger Reise zurückzukommen und ein leeres Haus vorzufinden. Noch dazu ohne jede Erklärung. Unter das Gesinge der Vögel mischten sich andere Klänge. Etwas wie ein gedämpftes Stöhnen. Sein Blick irrte zu den Kellerfenstern. Das zu Abbis Atelier war gekippt, noch ein Zeichen, dass sie zu Hause war, sie würde es niemals offenlassen, wenn sie unterwegs war. In dem Raum bewahrte sie ihre Kunstwerke auf, einige waren viel Geld wert. Die Fenster daneben waren mit schwarzer Folie über der Dreifachverglasung verdunkelt. Das vage Gefühl von Anspannung verdichtete sich in seinem Magen zu einem schweren Klumpen.

Ohne sein Zutun trugen ihn seine Beine zurück ins Haus, die Kellertreppe hinunter, durch den gefliesten und mit Holzbohlen ausgekleideten Gang, vorbei an der Tür zum Heizungskeller und zur Waschküche, zu der letzten Tür, breit und einschüchternd schwarz gestrichen. Die Tür war nicht verschlossen.

Wie angewurzelt blieb er auf der Schwelle stehen. Das Deckenlicht war ausgeschaltet, der riesige Raum versank zur Hälfte in Dämmer. Doch gleißend helle Spots verströmten Licht auf die Szene, auf die es ankam. Im hinteren Teil des Raumes stand ein mit rotem Leder bespannter Vierpfoster aus grobem, dunkelbraun gestrichenem Holz, dessen Fußbrett in Form eines Prangers gearbeitet war. Abbi stand vor dem Bett, vornübergebeugt und mit Kopf und Handgelenken am Pranger fixiert, ihre Knöchel steckten in eisernen Fesseln, die mit einer Spreizstange verbunden waren. Der Mann, der bei Rowans stillem Eintreten vor ihr auf dem ledernen Laken gekniet und sich immer wieder in ihren mithilfe eines Kieferspreizers weit geöffneten Mund getrieben hatte, schloss jetzt seine Hose und trat hinter sie, seine Umgebung vollkommen ignorierend.

Starr vor Schock starrte Rowan auf die Szene. Wenn nur einer der beiden noch einen Blick für das gehabt hätte, was um sie herum geschah, hätten sie ihn trotz des dämmrigen Lichtes sehen müssen, in der er auf der Schwelle stand. Aber natürlich sahen sie ihn nicht, denn beide waren so tief in ihrem perversen Spiel versunken, wie es nur ging. Ein Zustand, den Menschen wie er anstrebten. Er spürte die Kälte in seinen Knochen, das Eis, das sich in seinem Bauch formte, sich langsam nach oben ausdehnte und sein Herz zu umklammern begann. Der Mann nahm Abbi den Spreizknebel aus dem Mund, ehe er ein paar Mal mit einer Reitgerte auf ihren wunderbar üppigen Hintern hieb und tiefrote Abdrücke hinterließ, viel dunkler als alles, was Rowan ihr jemals zugefügt hatte. Abbi stöhnte nur, anstatt vor Schmerz zu schreien. Schließlich öffnete der Mann seine Lederhosen erneut, streifte ein Kondom über und vergrub sich in einem einzigen Anlauf tief in Rowan Adanets Ehefrau. Sie schrie vor Entzücken. Rowan starrte. Auf seine Frau. Auf den Mann, der sein bester Freund war. Auf das riesige Bett, das Abbi und er gemeinsam im Fundus eines nicht mehr benutzten Theaters in Portsmouth ausgesucht hatten, damals vor drei Jahren, als sie dieses Haus gekauft hatten. Auf die Reitgerte, die zu Boden gefallen war. Eis stach ihm mit armlangen Zapfen mitten ins Herz.

„Wo ist Phoebe?“, fragte er, laut und deutlich.

Abbi schrie auf. Eric taumelte zurück, aus ihr heraus, griff mit fahrigen Händen nach seinen Hosen und zog sie hoch. Beinahe musste Rowan lachen, weil Eric so … kindisch aussah.

„Rowe!“, rief Abbi. „Du solltest doch erst am Nachmittag …“

Er ging in den Raum, betätigte die Schalter für die Spots, einen nach dem anderen und mit einer Ruhe, die das Eis in seinem Inneren ihm aufzwang. „Ist das nicht jetzt egal?“, fragte er. Als alle Spots verloschen waren, schaltete er das Deckenlicht ein. „Ich habe dich etwas gefragt. Wo ist Phoebe?“

„Hey, Mann …“

Eric war es gelungen, die Hosen über seiner beachtlichen Erektion zu schließen, und trat näher. Mit einem schnellen Blick nagelte Rowan ihn fest. Eric hob beide Hände und suchte offenbar nach Worten.

„Das ist jetzt nicht so, wie es aussieht?“, half Rowan ihm aus, seine Stimme troff vor Ironie, obwohl er dem Mann, den er seit seiner frühesten Jugend kannte, am liebsten mit einem von Abbis Pinseln ein Auge ausgestochen hätte.

„Mach mich los!“, kreischte Abbi und zappelte.

„Nein“, sagte Rowan, „ich glaube, ich mag dich genau da, wo du bist.“ Aber er hielt Eric nicht auf, als dieser die Verriegelung des Prangers löste und dann erst die Fesseln an der Spreizstange aufschloss. Er hätte ihn auch nicht aufhalten können, das Eis in seinem Inneren hatte seine Glieder erstarrt. Abbi trat nach Eric, ehe sie ihr Gleichgewicht fand und mit ausgefahrenen Krallen auf Rowan losging. An einer Kette hing ihr noch immer der vollgesabberte Kieferspreizer um den Hals. Sie widerte Rowan an. Hatte er sich wirklich noch vor wenigen Minuten über seine Heimkehr gefreut? In gespielter Lässigkeit trat er einen Schritt zurück. Es gab nur noch eines, das er von dieser Frau wissen wollte.

„Sag mir, wo Phoebe ist.“ Das Eis kroch ihm die Kehle hinauf, würde bald seinen Kopf lahmlegen. „Und dann will ich dich in meinem Haus nie mehr sehen.“

„Unser Haus!“

Er sah sie nur an, fühlte sich wie taub. Nie mehr würde er sich von einer Frau auf diese Weise bloßstellen lassen. Nie mehr zusehen, wie ein anderer Mann anfasste, was ihm gehörte. Nie mehr seine Augen auf solche Weise verschließen.

„Wo ist mein Baby?“

„Mein Baby!“

Sie schien einfach nicht leise sprechen zu können, ihm klingelten die Ohren von ihrem Geschrei.

„Sie ist nicht hier.“

„Wo ist sie?“

Sie schnaubte nur. Er nickte langsam, glaubte zu verstehen. Ehe das Eis seine Gehirnzellen gefror, musste er seine Tochter wieder in den Armen halten, sonst würde er verrückt werden. „Bei deinen Eltern also. Ich hole sie mir.“

„Dort ist sie nicht!“

An ihrem triumphierenden Tonfall erkannte er, dass sie nicht log. Bei Abigails Eltern war Phoebe nicht. Er würde ohne ihre Hilfe nicht herausfinden, wo sein Kind war. Ein weiterer Stich ins Herz, ausgeführt von einem Eiszapfen, der dort vor zehn Minuten noch nicht war. Vor zehn Minuten, als seine Welt noch heil gewesen war. Er stürzte auf sie zu, packte sie, sein Arm streifte ihre herrlich weichen Brüste, ehe er die Hand um ihre Kehle legte, ohne zuzudrücken. Eine Drohung, nicht mehr, etwas, das sie verstand. Sie musste es ihm sagen, sonst würde er durchdrehen, die Kontrolle verlieren. Sie musste.

„Wo ist sie?“ Noch immer war seine Stimme leise, aber begann zu vibrieren vor unterdrückter Panik. Vielleicht schaffte sie es, ihm den Verstand zu rauben, aber niemals Phoebe.

„Hey!“ Es war Eric, der ihn am Arm zurückriss, noch ehe er seine Finger auf Abbis Kehle hinunterdrücken konnte. „Lass los, Mann, du bringst sie ja um!“

Rote Schlieren tanzten vor seinen Augen. Er öffnete die Finger unter Erics hartem Griff an seinem Handgelenk. Schnaufend atmete er aus, als er zurückstolperte. „Wo ist sie?“ Nur noch ein Krächzen, er spürte, wie die Kraft aus ihm hinaus floss.

Abbi stand mitten im Raum, nackt, wie Gott sie geschaffen hatte. Dieser Körper war ihm einmal wie das Himmelreich erschienen. Jetzt ließ ihn der Anblick vor Ekel fast würgen. Weil Eric seine Hände an ihr, in ihr gehabt hatte.

Sie verschränkte die Arme vor ihren üppigen Brüsten, ihre Augen glitzerten im Triumph. „Du wirst es nie erfahren, Rowe.“

*

Das war es also. Obwohl sich Ela bereits an ihrem zweiten Corona festhielt, hatte die Atmosphäre nichts von ihrem Schrecken verloren. Eine verdammt idiotische Idee, allein ins berüchtigte Pain’s Pleasure zu gehen. Dabei war es noch vor Stunden so klar erschienen, fast wie ein Wink des Schicksals, als sie durch Zufall die Anzeige im Stadtmagazin gesehen hatte. Sie hatte sich auf einen Abend auf ihrer Couch mit nichts als der Wut über ihr Versagen im Bauch eingerichtet, während sie durch das Magazin blätterte und die Erinnerung ihr unablässig den Film vorgespielt hatte, wie sie heute Nachmittag das Formular mit ihren Prüfungsergebnissen überreicht bekommen hatte. Nur ein einziges Wort war ihr ins Auge gefallen. Durchgefallen. Zwei Jahre Ausbildung für nichts und wieder nichts. Allein den Ausbildungsplatz zu bekommen, was Schwerstarbeit gewesen, endlich jemanden zu finden, der ihr diese Chance gab. Und jetzt? Durchgefallen. Mom hatte recht, es war von Anfang an eine Schnapsidee gewesen, sie wusste doch, dass alles mit der schriftlichen Prüfung am Ende der Ausbildung stand und fiel. Die praktische Prüfung war ein Klacks gewesen. Nahezu volle Punktzahl für ihre Kreationen aus Zucker, Mehl und Liebe. Doch auf dem Formular, auf das es ankam, stand durchgefallen. Alles vorbei.

Sicher, sie hätte Jacki anrufen können und fragen, ob sie mit ihr ins Pain’s Pleasure gehen würde. Seit Jahren diskutierten sie darüber, ob sie es mal versuchen sollten. Ein bisschen Neugier, die unter den Nägeln brannte, ein bisschen Lust, die Konventionen, die die Herkunft aus der oberen Mittelschicht ihnen mit der Muttermilch eingeflößt hatte, zu durchbrechen. Ein bisschen Spaß am Kink. Aber Jacki würde Fragen stellen. Was hast du jetzt denn vor?, oder: Kannst du es nicht noch einmal probieren? Fragen, auf die sie heute noch keine Antwort hatte.

Immer wieder hatte Ela die Anzeige gelesen. Goldfarbene Schrift auf schwarzem Untergrund, und plötzlich wusste sie, was sie mit dem ersten Abend vom Rest ihres Lebens anfangen wollte. Ohne Jacki, ohne deren Fragen, die ihr den Spaß nehmen und sie hemmen würden. Einmal etwas Verrücktes, Waghalsiges tun, bevor sie für immer gefangen wäre in der Mühle all der Schulabbrecher ohne Ausbildung. Einmal nicht nachdenken, sondern einfach handeln.

Jetzt war sie hier, in diesem Tempel der Lüste, der sich hinter der unscheinbaren, hellblau gestrichenen Fassade eines dreistöckigen Stadthauses in Marylebone verbarg. Sie hatte das Gefühl, in einem live Pornodreh gelandet zu sein. Nicht nur, dass sie in ihrem weißen Korsett mit der tiefsitzenden Jeans wirkte wie die Heilige Jungfrau zwischen all den lederkorsettierten, schwarzgekleideten Figuren in dem Club. Niemals würde sie tun, was … die da taten. Der Geruch von Sex und Schweiß hing im Raum, selbst das Arrangement an tropischen Pflanzen, das den Bereich zwischen Bar und Tanzfläche in einen botanischen Garten en miniature verwandelte, kam nicht dagegen an. Blut. Sie schauderte. Ja, da war auch der Geruch von Blut, weil offenbar niemand etwas dagegen hatte, dass dieser feiste Kerl mit einem riesigen Bierbauch über einer viel zu engen Lederhose seinen deutlich jüngeren Partner so lange mit einer Lederpeitsche bearbeitete, bis eine Mischung aus Lymphflüssigkeit und Blut an der Rückseite von dessen schlanken Schenkeln hinablief. Die Geräusche waren fast so schlimm wie die optischen Eindrücke, das offene Kopulieren, Schlagen und Prügeln. Sie versuchte, sich auf die Botanik zu konzentrieren, aber schaffte es nicht, ihre Faszination im Zaum zu halten. Leise Schreie, lustvolles Stöhnen, angsterfülltes Quietschen. Oh, nebbich, sie hätte sich wirklich besser informieren sollen, bevor sie sich hier hereinwagte. Doch das wirklich Schlimme war, es war wie bei einem Autounfall. Sie wollte nicht hinsehen, aber sie musste. Sie musste zusehen, wie eine Frau ihren … wie nannte man das? Sklave? Diener? Ihren Diener mit Federn und Wachs bearbeitete, wie ein schwules Pärchen abwechselnd eine zierliche Dunkelhäutige in allen möglichen Öffnungen füllte und sich gegenseitig nahm, bis Ela ganz durcheinander war. Ein älterer Mann schnallte seine etwa gleichaltrige Begleiterin auf eine Prügelbank, die Beine weit gespreizt, bis wirklich jeder sehen konnte, wie das Innere einer Vagina aussah.

„Willst du auch?“

Die Männerstimme mit stark ausgeprägtem Cockney-Akzent riss sie aus ihrer Starre. Sie fuhr auf ihrem Barhocker herum. Hinter ihr stand ein kleiner Typ mit Glatze und wulstigen Muskeln an Schultern und Armen, dessen Gesicht von einer auffälligen Narbe geteilt wurde. Sie schauderte.

„Nein.“ Die Antwort klang viel zu hoch und aufgeregt. So schnell es ging, wandte sie sich von ihm ab, damit er nicht sah, wie sie nach Luft schnappte. Der Narbentyp zog von dannen, ohne weiter in sie zu dringen. Ein Ort, an dem ein Nein ein Nein war? Irgendwie beruhigend.

Nach ihm kamen andere. Männer und Frauen. In allen nur denkbaren Ausführungen. Große, kleine, dicke, dünne. Mit jeder Anmache fühlte sich Ela mehr und mehr beobachtet. Ihr Blick glitt zum anderen Ende der Bar, die ein großes L am Kopfende des Clubs bildete, fiel in den eines Mannes, der dort hinter einem Glas Whiskey saß. Ihr Herz stolperte. Wow. Diese Augen. Mandelförmig in einem sonnengebräunten Gesicht, leicht schräg stehend unter scharf geschnittenen schwarzen Brauen. Nach einem Augenblick, in dem ihr Herz stillzustehen schien, raste es in ihrer Brust davon wie ein Rennpferd, und sie senkte den Blick, weil die Intensität einfach zu viel war.

„Noch etwas trinken, Schätzchen?“

Der Barista räumte ihre Bierflasche ab und lehnte sich ein wenig über die Theke, um über die Musik hinweg besser mit ihr reden zu können. Sie schüttelte den Kopf. Aus dem Augenwinkel sah sie zurück zu dem Whiskeytrinker, seinen Blick meidend. Er saß immer noch da wie zuvor, und doch wusste sie, dass er sie beobachtete. Ebenso wie sie ihn. Ein kleines Lächeln zupfte an ihren Mundwinkeln, sie fühlte Hitze in ihre Wangen steigen, doch ihn direkt anzusehen, wagte sie nicht.

Es war dieses Spiel von verdeckten Blicken, von winzigen Gesten und versteckten Aufforderungen, das ihr den Abend doch noch versüßte. Sie vergaß die vermasselte Prüfung, die Szenen um sie herum, existierte nur noch für den nächsten Blick ihres Beobachters. Er kam nicht zu ihr, nicht wie die anderen, die sie mit ihren Angeboten erschreckt und verwirrt hatten. Er saß auf seinem Hocker, nippte ab und zu an seinem Drink und beobachtete sie, bis sie anfing zu hoffen, dass er endlich aufstehen, sie endlich herausfordern würde.

Sie bestellte ein Soda, sie brauchte keinen Alkohol mehr, um sich berauscht zu fühlen. Der Mann trug ein einfaches graues T-Shirt, aus dessen kurzen Ärmeln zwei lange, sehnige Arme ragten. Er war nicht übertrieben muskulös wie andere hier im Club, nicht auffällig gekleidet oder besonders herausgeputzt. Er war einfach nur da, ohne sich in den Vordergrund zu rücken, und damit stach er aus der Masse heraus, tausendmal mehr als alle anderen zusammengenommen. Sie nahm die Wasserflasche von dem Barista entgegen, zahlte und wagte erneut einen Blick, nachdem sie einen ersten Schluck genommen hatte. Das Wasser wirkte eisig auf ihren überhitzten Lippen, sodass sie mit der Zunge darüber fuhr.

Diesmal beobachtete er sie offen. Sie wollte wieder wegsehen, doch konnte nicht. Er hielt sie gefangen. In diesem Blick lag so viel Versprechen, so viel Herausforderung, dass sie nach Luft schnappte. An ihrem Hals raste ihr Puls so heftig, dass sie meinte, er müsste es noch auf die mehreren Meter Entfernung sehen. Ganz langsam löste er die Rechte von seinem Tumbler, hob die Hand und krümmte den Zeigefinger in einer auffordernden Geste.

Beinah verschluckte sie sich an ihrer Spucke. Ich?, fragte sie mit den Augen.

Er sagte nichts. Er nickte noch nicht einmal, sah ihr nur weiter in die Augen. Deine Entscheidung, hieß das. Zeig, ob du Mut hast. Nur mit seinem Blick, über die Theke hinweg, erregte er sie mehr als ihre Lover vom College das mit stundenlanger Fummelei geschafft hatten.

Kurz presste sie die Augen zusammen, sah auf den blankpolierten Tresen, auf ihre Finger, die sich um die Wasserflasche krallten, als müsse sie sich daran festhalten. O Gott. Sie konnte das nicht. Warum kam er nicht herüber zu ihr? Warum war er nicht wie die anderen, die sie überschüttet hatten mit Angeboten, die sie nicht wollte? Würde er dieselben Sachen von ihr erwarten? Würde sie das können? Sie war neugierig, ja, schon seit Jahren, aber man sagte nicht umsonst, dass Neugier die Katze tötet.

Als sie wieder aufsah, blickte er unverändert in ihre Richtung. Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Nicht weit von ihr entfernt, in einer der Nischen, ging eine Szene zu Ende, beide Spieler, eine Frau und ein Mann, sichtlich befriedigt und gelöst. Der Mann legte eine Decke um die Schultern der Frau, küsste sie sanft und zärtlich auf die Schläfe, während er ihr mit den Fingern den Schweiß von der Stirn tupfte, und eine haltlose Welle aus Sehnsucht spülte über Ela hinweg. War sie hier, nur um zu starren und ihr Herz klopfen zu spüren? Oder wollte sie das selbst? Diese tiefe Befriedigung, die Sättigung und Liebe, die sie in den Mienen der beiden Spieler sah. Sie nahm einen tiefen Atemzug und stand auf.

*

Rowan lehnte sich auf dem Barstuhl zurück und betrachtete die junge Frau, die sich auf ihn zu bewegte, als zöge er sie an einer Leine. Ein gutes, ein sehr gutes Gefühl. Lange, schlanke Beine in der auf Figur geschnittenen Jeans. Angenehm volle Brüste spannten das schneeweiße Korsett, dessen Farbe ihre unschuldige Ausstrahlung unterstrich. Sie wirkte unfertig, unerfahren, aber vielleicht lag das auch an ihrer Unsicherheit. Ihr langes goldblondes Haar trug sie zu einem losen Zopf geflochten, der ihr über eine Brust fiel. Er schätzte sie auf höchstens Mitte zwanzig und hatte sie hier noch nie gesehen.

Zwei Schritte vor ihm blieb sie stehen. Er ließ sie seine Missbilligung spüren, schnaubte ein wenig. „Komm her“, sagte er kühl und bewegte die Finger in ihre Richtung. Ihre Lider zuckten nervös. Schließlich tat sie einen weiteren Schritt. Er streckte die Hand aus und grub seine Finger hinter ihrem Ohr in ihren Haaransatz. Weich. Unbewusst schmiegte sie ihren Kopf ganz leicht in seine Handfläche. Angenehm. Ihre sehr helle Haut weckte das Bedürfnis in ihm, ihren Hals und ihren Nacken zu küssen und zu schmecken. Ruhig, Adanet. Eins nach dem anderen.

Er war hergekommen, weil er nach dem Desaster mit Abbi Ablenkung brauchte. Es war Jahre her, dass er ohne sie in den Club gegangen war. Gemeinsam waren sie fast jedes Wochenende hergekommen, wann immer er zu Hause war. Zu selten, wie er jetzt wusste. Zorn schäumte hoch, als er sich zum wohl hunderttausendsten Mal seit heute Morgen vor Augen führte, dass sie sich einfach andere Unterhaltung gesucht hatte, als er zu lange weg war. Er trampelte den Zorn nieder. Nicht der richtige Zeitpunkt, Seemann.

Er mochte die Atmosphäre, das unterschwellige Summen, das in den Räumen des Pain’s Pleasure herrschte und über seine Haut tanzte. Er hatte sich eine erfahrene Frau aussuchen wollen, die aushalten wollte, wonach ihm heute der Sinn stand. Eine Frau, die bereitwillig vor ihm knien und ihn spüren lassen würde, dass er über ihr stand. Eine Frau, die ihn seine Dominanz ausleben lassen würde, die Abbi mit Füßen getreten hatte. Stattdessen war es diese junge Frau, an der sein Blick hängen geblieben war.

Ohne Grund geschah nichts im Leben.

Er krallte die Finger um den Hinterkopf der Frau vor ihm und zwang sie, ihn anzusehen. „Hast du dich im Club vertan?“

Sie blinzelte. Sie hatte ausnehmend schöne Augen, ein weiches, unschuldiges Blau mit grünen Einsprengseln. Sein Daumen strich über ihren hohen Wangenknochen. Als sie noch einmal blinzelte, streiften ihre Wimpern seine Fingerkuppe.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, warum?“

„Du bist zum ersten Mal hier.“

Sie nickte.

„Du stellst keine Fragen, es sei denn, ich fordere dich dazu auf, hast du das verstanden? Wie heißt du?“

„Michaela.“

Er hob eine Augenbraue und runzelte die Stirn. „Und?“ Verständnislos erwiderte sie seinen Blick, dann sah sie sich suchend um, bis er fester an ihren Haaren zog, aber nicht zu fest. Gerade genug, um sie daran zu erinnern, dass er es war, den sie ansehen sollte. „Und, Michaela?“

Er spürte ein sanftes Vibrieren ihrer Nackenmuskeln unter seinem Handballen, ein ganz zartes Beben. Nervosität glitzerte in ihren herrlichen Augen und löste das erste schwache Zucken seines Schwanzes aus. Wunderbar.

„Wann immer ich dich etwas frage und du mir eine Antwort gibst, Michaela, wirst du deine Antwort mit dem Wort Sir untermauern. Solltest du damit ein Problem haben, werden wir eine Stufe höher gehen und ich werde dich die Anrede Master lehren. Es wird mir eine Freude sein, dich das zu lehren, aber dir vielleicht nicht. Der Grund, weshalb du dich im Club vertan hast, ist der, dass es sich hier um eine Einrichtung für erfahrene Spieler handelt. Hast du Erfahrung, Michaela?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein … Sir. Ich bin zum ersten Mal in einem Club. Ich war neugierig.“

Er nahm die Finger aus ihren Haaren, berührte mit den Fingerspitzen ihre Wange, strich über die sanft geschwungene Linie ihres Kinns. „Ehrlichkeit ist eine Tugend“, sagte er ruhig und schenkte ihr ein Lächeln. Ihre Lippen öffneten sich ein wenig, als sie ihn beobachtete, und ihre Augen verwandelten sich in flüssige Hitze. Sie reagierte auf ihn. Er genoss es, von Unehrlichkeit hatte er für heute genug. „Ehrlichkeit wird belohnt. Doch das ändert nichts daran, dass dies kein Club für Anfänger ist. Glaubst du, dass du der Atmosphäre hier gewachsen bist, Michaela?“

Sie sah ihn an, leise bebend, ihr Brustkorb in dem eng geschnürten Korsett hob und senkte sich unter heftigen Atemzügen. Ihr Dekolleté war sanft gerötet und auf ihren Wangenknochen lag Hitze.

„Meine Freunde nennen mich Ela“, sagte sie, die Stimme zögernd und leise.

Sie war wirklich entzückend, entschied er. Unschuldig. Rein. Das absolute Gegenteil von dem, wie er heute Abbi erlebt hatte. Er mochte es, wie sich seine Finger auf ihrer Haut anfühlten, strich an der Oberkante des Korsetts entlang und erfreute sich daran, wie sie gegen den Drang kämpfte, an sich herunterzusehen. „Vielleicht“, sinnierte er, als spräche er zu sich selbst. „Vielleicht werde ich dich eines Tages Ela nennen. Zieh die Jeans aus, Kleines, die passen in diesem Raum nicht zu dir.“

Sie zögerte nur ganz kurz, dann leistete sie seiner Aufforderung Folge. Sie trug ein zum Korsett passendes, knappes Spitzenhöschen. Angenehme Rundungen, kräftige Schenkel, ihr Hintern sah fest aus. Er würde herausfinden, wie fest. Später. Er betrachtete sie und ließ Anerkennung in seinen Blick sickern. Dann wandte er sich an den Barista. „Lässt du mir bitte zwei Macallan zur Couch unter dem Südfenster bringen, Mark?“

Mark grinste und nickte. „Nimmst dir das Sahnehäubchen des Abends, was?“

Er ignorierte das Grinsen und blickte Michaela an. „Wir werden sehen.“ Er schob sich vom Hocker, legte eine Hand in ihren Nacken, fest, aber nicht zu hart, und leitete sie zu der Sitzgruppe. Der Weg führte an mehreren Szenen vorbei, die von grellen Scheinwerfern erleuchtet wurden. Seine Hand im Nacken der jungen Frau erlaubte ihm, ihren Körper zu lesen, ohne sie anzusehen. Sie mochte die Peitschen nicht, bei deren knallendem Zurückschnellen sie zusammenzuckte. Als eine Frau auf der Streckbank von ihrem Dom mit kundigen Fingern zu einem schreienden Orgasmus gebracht wurde, spürte er die Hitze dicht unter ihrer Haut entlangschnellen.

Er ließ sich auf die Ledercouch fallen, nahm eines der Kissen und warf es neben seinen Füßen auf den Boden. Zeit, herauszufinden, wie neugierig sie wirklich war. Wie bereit, sich der Atmosphäre dieses Ortes zu stellen – und ihrer eigenen Neigung. „Dein Platz, Michaela“, sagte er.

Sie betrachtete das Kissen. Er tat, als würde es ihn nicht interessieren, wie sie reagierte, nahm sich zwei Chips aus der Schale auf dem niedrigen Couchtisch und nickte einer Domme zu, die ihren Sklaven an einer Hundeleine vorbeiführte. Doch er sah ganz genau, wie Michaela um Grazie bemüht war, als sie sich auf das Kissen sinken ließ. Dann beugte er sich zu ihr hinunter. Wie von selbst fanden seine Finger wieder die Linie ihres Kieferknochens. Er strich darüber, umfing mit Daumen und Zeigefinger ihr Kinn und hob ihr Gesicht zu sich. „Das ist sehr schön, Kleines. Ich mag es, wenn Frauen folgsam sind. Deshalb bin ich hier. Hier finden Männer wie ich die Art von Frau, nach der sie suchen. Frauen wie dich. Du siehst sehr schön aus, und jetzt werde ich deine Lippen schmecken.“ Er wartete nicht ab, wie sie auf diese Ankündigung reagieren würde, legte seinen Mund auf ihren und zwang mit der Zunge ihre Lippen auseinander.

Was er fand, überrumpelte ihn. Eine unerwartete Süße und Wärme, die ihm augenblicklich zu Kopf stieg. Eine Hingabe, mit der er nicht gerechnet hatte. Im Handumdrehen packte er sie und hob sie, ohne von ihren Lippen abzulassen, auf seine Knie, damit er leichter Zugang hatte. Ihren überraschten Aufschrei erstickte er, indem er seine Zunge tiefer in sie schob, sie noch gieriger küsste. Es war eine explosive Mischung aus Neugier, Unerfahrenheit und instinktiver Hingabe, die er so noch nie erlebt hatte. An ihr war nichts berechnend, nichts herausfordernd. Sie ließ sich einfach halten und nahm, was er zu geben hatte.

Er schmiegte seine Hände um ihr Gesicht und drückte sie ein wenig von sich. Ihre Lippen waren feucht und geschwollen von seinem Kuss, ein erregender Anblick. Sie lächelte ein wenig, die Augen verhangen.

„Du bist wirklich süß“, sagte er an dem Kloß vorbei, der sich in seiner Kehle gebildet hatte. Sie grub die Zähne in ihre Unterlippe, riss ihren Blick aus seinem und blickte hinab auf ihre Hände, dann auf das Kissen, von dem er sie hochgehoben hatte. Er folgte mit den Augen ihrem Blick und gab dem Kissen einen Tritt. „Vergessen wir das.“ Er ließ sich ein wenig tiefer ins Lederpolster sinken und hielt sie auf seinen Schenkeln fest. Als sie zu zappeln begann, griff er in ihren Nacken wie bei einem Kätzchen, das man ruhigstellen wollte. „Bleib so sitzen, Michaela. Ich will es so, also tust du es. Es ist ganz einfach.“ Wieder dieses instinktive Einlenken von ihr, sie sackte halb gegen ihn und er lockerte seinen Griff. Etwas in ihm rechnete damit, dass sie sich erneut wehren würde, wenn er losließ, aber sie tat es nicht.

Er war hergekommen, um eine erfahrene Sub zu finden, die er mit gezieltem Einsatz von Flogger und Rohrstock zum Höhepunkt treiben konnte. Weil er davon überzeugt gewesen war, dass nur eine harte Szene ihn von der Wut runterbringen konnte, in die Abbis Verhalten ihn versetzt hatte. Jetzt stellte er fest, dass das, was er wirklich gebraucht hatte, ein weiches, unschuldiges Mädchen war, das sich halten ließ und küsste wie ein Engel. Wie eine samtene Decke legte Michaelas hingebungsvolle Zartheit sich auf seine überspannten Nerven, beruhigte das Ziehen und Zerren in seinem Inneren, schenkte Frieden.

Er fuhr mit der flachen Hand über den weichen Satinstoff ihres Korsetts, fand die Verschnürung an der Vorderseite und begann, mit sicheren Fingern die Schleifen und Schnüre zu lösen. Erst als es schon über ihren Brüsten aufklaffte, schien sie zu spüren, was er tat. Sie zuckte zusammen, begann zu zappeln.

„Was tun Sie?“, entfuhr es ihr.

Er fasste sie fester um die Schultern und drückte sie mit der anderen Hand zwischen ihren Brüsten nach unten, fester auf seine Schenkel. Er war sich bewusst, dass sie seine Erektion spüren musste. Ihr Widerstand erlahmte. Mit verwirrtem Blick sah sie zu ihm auf.

„Ich will dich ansehen“, erklärte er. „Und du wirst mich lassen.“

Er wollte mehr als das. Er wollte herausfinden, wie weit ihre natürliche Unterwürfigkeit reichte. Wie viel sie zu geben bereit war. Für fünf Sekunden fochten sie ein wortloses Blickduell, das Michaela nicht gewinnen konnte. Dann nahmen seine Finger die Arbeit wieder auf. Er spürte ihren rasenden Herzschlag, während er ihre Brüste freilegte und seine Hand um eine der beiden vollen Rundungen schmiegte. Er unterdrückte den anerkennenden Laut nicht, der aus seiner Kehle kam. „Sehr hübsch“, kommentierte er. Sie errötete noch mehr.

Ihre Brustwarzen würden sensationell aussehen, wenn er Klammern applizierte. Sie hatte makellose Brüste, die Spitzen von einem weichen Rosa. Weich, wie alles an ihr. Schmiegsam. Warm. Gedankenverloren spielte er erst mit der einen, dann mit der anderen Brust, lauschte auf ihren Atem, verlor sich in dem Spiel. Er senkte den Kopf, benetzte eine ihrer Brustspitzen mit der Zunge, klemmte sie dann zwischen Daumen und Zeigefinger. Sah ihr ins Gesicht, während er zudrückte, sah die Hitze, die in ihre Wangen schoss, sah zu, wie sie die Zähne erneut in die Unterlippe grub und wie ihre Augen feucht glitzerten. Sie drückte das Kreuz durch in dem Bemühen, den Schmerz auszuhalten. Schließlich ließ er los und leckte erneut über die Haut, um die aufgeregten Nerven zu besänftigen. Er hob den Kopf und lächelte sie an, platzierte einen zarten Kuss auf ihre Lippen. „Du bist zauberhaft“, murmelte er und streichelte sie sanft.

Sie schluckte und erwiderte seinen Blick. Er hatte es nicht gemocht, wenn er mit Abbi Szenen spielte und sie ihn ansah. War das ein Zeichen gewesen? Weil er in Abbis Blick nicht das fand, was er suchte? Er mochte es mehr als alles andere, dass Michaela ihn ihre Augen sehen ließ. Vielleicht, weil die Wärme in Michaelas Blick so ehrlich war. So weich, bar jeder Berechnung.

„Was passiert jetzt weiter in dieser Nacht?“

Es störte ihn nicht einmal, dass sie sein Verbot, Fragen zu stellen, missachtete. Er umkreiste mit der Fingerspitze ihre Brustwarzen, erst eine, dann die andere, malte die Zahl acht wieder und wieder unsichtbar auf ihre Haut. „Ich werde dich einfach nur ein bisschen halten. Dich genießen. Ich hatte einen harten Tag, und du beruhigst mich.“

Sie runzelte die Stirn. Süß sah das aus. Sie befreite ihren Arm aus seiner Umklammerung und streckte die Hand nach seinem Gesicht aus.

„Willst du mir davon erzählen?“, fragte sie. Nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: „Sir.“

Es war erstaunlich. Unerwartet. Ein Geschenk. In ihrer Frage lag nichts Drängendes, nicht einmal Neugier. Einfach nur eine Ehrlichkeit und Wärme, die ihn umschmeichelte wie ein Bad in flüssigem Karamell. Er war ein dominanter Mann, der die Dinge so haben wollte, wie er es bestimmte. Sie untergrub seine Dominanz, stellte Fragen, die er nicht hatte hören wollen, aber ihre Art war entwaffnend. Beseelt von ihrem Wunsch, ihm aus dem schwarzen Loch herauszuhelfen, sprach ihre instinktive Neigung zu helfen und zu dienen mehr zu dem Dom in ihm, als es ritualisierte Gesten je gekonnte hätten. Es war ein Instinkt. Wahrscheinlich war sie sich dessen nicht einmal bewusst. Gerade das machte es so berauschend.

Er küsste ihre Lippen, inhalierte die Süße, die von ihr ausging. „Vielleicht ein anderes Mal, süße Michaela“, flüsterte er. Er wollte in ihren blauen Augen ertrinken. Warum begegnete sie ihm ausgerechnet heute? Nichts, was passiert, passiert ohne Grund, hatte ihm einmal jemand gesagt. An diesem Tag, an dem er aus der Karibik zurückgekehrt war und sein Zuhause sich in eine Hölle verwandelt hatte, als er sein Kind verloren hatte und es nach Abbis Willen niemals wiedersehen sollte, begegnete ihm diese junge Frau, die ihm schon nach wenigen Minuten so tief unter die Haut ging, dass ihn ein Schauder überlief. Warum ausgerechnet heute? Er befürchtete, dass er ihr nicht gerecht werden konnte, dass er sie vertreiben würde, dass er sie nie wiedersehen würde. Sie war hier, weil die Neugier sie trieb. In einem Club, für den sie noch nicht bereit war. Er war der falsche Mann für sie, aber sie war so sehr die richtige Frau für ihn, dass er härter war als je zuvor in seinem Leben. Trotzdem wusste er, dass er ebenso wenig bereit für sie war, wie sie für den Club.

Dieser Tag war einfach unfair.

Kapitel 2

Ganz plötzlich, von einem Moment auf den anderen, fühlte es sich nicht mehr seltsam an, auf dem Schoß eines Fremden zu sitzen, der sie geküsst und ausgezogen hatte, mit einer Selbstverständlichkeit, als würden sie sich schon ewig kennen. Ela schmiegte sich enger in seine Umarmung, kuschelte sich an seine Brust. Mit schlechten Tagen kannte sie sich aus. Nur, dass ihrer nicht mehr ganz so schlecht war, seitdem sie seinen Blick auf sich gefühlt hatte.

Ihre Hand ließ sie an seiner Wange liegen, wo harte Bartstoppeln über ihre Handfläche kratzten. Er hatte schwarze Haare, die ihm wild und ungezähmt bis in den Nacken reichten, und das auf seinen Wangen war mehr als ein Fünfuhrschatten. Sein Körper, der sie umfing wie eine schützende Decke, fühlte sich fest und sehnig an. Mit zwei Fingern strich sie über die definierten Muskelstränge, die seinen Unterarm durchzogen. Überhaupt wirkte alles an ihm hart und kräftig, aber nicht bullig. Eher von einer wilden Eleganz, wie bei einem Panther oder Jaguar. Unter ihrem Ohr schlug sein Herz, und sie konnte seine Anspannung in dem Poltern spüren, mit dem es gegen seine Brust krachte. Doch dann geschah etwas Seltsames.

Während sie ihren Daumen sacht über seine Wange gleiten ließ und er wie abwesend mit ihren Brüsten spielte, verlangsamte sich ihr Herzschlag, wurde zu einem gleichmäßigen, ruhigen Pochen. Es war, als würde ihr Körper den Druck aus seinem saugen, als würden sie sich ineinander schmiegen, weil seine Härte genau das war, was sie brauchte, um ihrer Weichheit Form zu geben. Als würde die unterschwellige Wut, die sie in ihm spürte, das Gefühl von Hilflosigkeit ertränken, das sie seit der Rückgabe ihrer Prüfungsergebnisse gelähmt hatte. Als würde dieser Mann sie brauchen, wie sie ihn brauchte, und war das nicht eine vollkommen verrückte Emotion? Als würden sie einander ergänzen, auf eine ganz und gar unerwartete Weise, obwohl sie sich überhaupt nicht kannten.

„Ich hatte auch einen harten Tag“, flüsterte sie. „Deshalb bin ich hergekommen. Um abzuschalten.“

„Hm“, machte er, ein unbestimmtes Geräusch, halb genießerisch, halb interessiert, das tief aus seiner Kehle kam.

Seine Hände an ihren Brüsten hielten nicht ein in ihrem Spiel. Er berührte sie, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Als sei sie sein Spielzeug. Und sie … genoss es. Er hob ihre rechte Brust an, reckte sie seinem Mund entgegen, nur um neckend um ihre Spitze zu lecken. Sie erwartete, dass er erneut daran saugen würde, doch er tat es nicht. Er spielte einfach nur, und wie ein Kind, das ein neues Spielzeug entdeckt hatte, ging er vollkommen darin auf. Sie war sein Spielzeug, die Erkenntnis brachte unerwartete Hitze mit sich. Ohne Ziel, ohne Drängen lag sein Blick auf ihrem Körper, beobachtete, wie Blut in die Brustwarzen schoss, wenn er grober war, wie seine Finger rote Abdrücke hinterließen, wenn er die vollen Wölbungen fester zusammenpresste, wie sich die Form ihrer Brüste veränderte, wenn er drückte und rieb.

Ein tiefes Gefühl von Zufriedenheit überkam sie. Das fühlte sich so gut an, nicht auf eine hitzige, sexuelle Art, sondern auf eine Weise, die zu ihrem Inneren sprach, sie sich wertvoll fühlen ließ und kostbar. Plötzlich wollte sie mehr für ihn tun, wollte, dass er vergessen konnte, was auch immer ihn belastete, wollte ihm etwas zurückgeben von dem Frieden, den er ihr schenkte. Sie ließ ihre Hand von seiner Wange über seinen Hals gleiten, über seine Brust, die so schlank war, dass sie die Härte seines Brustbeins ertasten konnte, hinab zu seinem Bauch.

An ihrer Hüfte spürte sie seine Erektion, doch um mit den Fingern dorthin zu kommen, musste sie auf seinen Schenkeln nach vorn rutschen. Sie zappelte ein wenig auf seinem Schoß, und diesmal ließ er sie, wohl weil er ihre Absicht erkannte und sie nicht entmutigen wollte. Weiter wanderte ihre Hand und weiter, bis sie durch den Stoff seine Härte ertasten konnte. Mit dem Zeigefinger fuhr sie die Knopfleiste entlang, rieb und drückte ein wenig. Er ließ seinen Hinterkopf gegen die Rückenlehne der Couch sinken, ein leises Stöhnen kroch aus seiner Kehle, genug, um sie zu ermutigen, fester zuzugreifen. Sie fand den ersten Knopf seiner Jeans, zerrte ein wenig daran, bis er sich löste. Die anderen folgten ganz leicht und dann war es Haut auf Haut, weil sein Schwanz sich bereits aus dem Schlitz seiner Shorts gedrängt hatte. Er fühlte sich an wie warmer Samt über einem Kern aus Stahl. Hatte es ihn hart gemacht, einfach so mit ihrem Körper zu spielen? Bei der Vorstellung blieb ihr der Atem stehen.

Ein wenig geschockt war sie über sich, dass sie das mit einem Mann tat, über den sie nicht das Geringste wusste, dessen Namen sie noch nicht einmal kannte, aber da war noch das andere, das Wissen, das Richtige zu tun, weil sie sich ihm in diesem Augenblick so nah fühlte wie selten einem Menschen zuvor.

„Wie heißt du?“, flüsterte sie, während sie ihn mit einer Hand weich umschloss. Ein erster Tropfen Feuchtigkeit sickerte auf ihre Fingerspitzen. Sie zerrieb ihn, damit ihre Finger besser gleiten konnten, drückte, begann zu pumpen.

„Rowan.“

Er ließ von ihren Brüsten ab, weil es für ihn unbequem wurde, sie noch zu erreichen, seine Arme fielen locker an seine Seiten und er rutschte noch ein wenig weiter nach vorn auf der Sitzfläche, bis er mehr lag, als saß. Sie betrachtete ihn, sein Hinterkopf auf der Rückenlehne, seine Kehle mit dem Bartschatten entblößt. Sie beobachtete das gleichmäßige, kräftige Klopfen seines Pulses unter seinem Ohr, das Arbeiten der Sehnen an seinem Hals. Er war schön anzusehen, wie er da lag und genoss. Sehr männlich in der selbstbewussten Vergessenheit, die er ausstrahlte. Als wäre er der Meinung, er verdiene ihre Aufmerksamkeiten, als wäre es das Mindeste, dass sie alles gab, um ihm zu gefallen, und, beim lieben Gott, sie wollte ihm gefallen.

Wie genau es geschah, wusste sie nicht, aber plötzlich glitt sie von seinem Schoß, kniete zwischen seinen gespreizten Schenkeln und senkte ihren Kopf. Dass er sie nicht aufhielt, war alles, was sie an Ermutigung brauchte. Er schmeckte nach Salz und Moschus, und er legte seine Hände um ihren Kopf, als sie das erste Mal mit der Zunge über seine Länge fuhr.

„Das fühlt sich gut an.“

Ein heiseres Lob, das sie anspornte. Es sollte sich gut anfühlen, denn er verdiente etwas Gutes in seinem Leben. Und mehr noch, sie verdiente, es ihm geben zu dürfen. Sie wollte es gut machen, denn irgendwie, ohne große Worte und mit nur kleinen Gesten, schaffte er es, dass sie sich besser fühlte. Weil es richtig war, das für ihn zu tun.

Ihre Zunge fand den Kranz seiner Eichel, leckte um die kleine Naht an seinem Vorhautbändchen, was er mit einem kehligen Ächzen belohnte. Sie wurde mutiger, saugte, leckte, sog einen seiner Hoden ganz in ihren Mund und fühlte, wie sich der kleine Ball verhärtete und der Griff um ihren Kopf fester wurde.

„Gott, Prinzessin, du weißt, wie du einen Mann vergessen lassen kannst.“

Sie ließ sich von ihm leiten, lernte, was er mochte und wie sie ihm helfen konnte, hinter sich zu lassen, was auch immer ihn quälte.

Als seine Hüften sich anspannten, öffnete sie ihren Mund so weit es ging, führte ihn an den Eingang ihrer Kehle und schluckte alles, was er ihr gab. Jedes Mal, wenn sie schluckte, zuckte sein Schaft an ihrem Gaumen, stieß er ein kehliges Stöhnen aus. Dann war es vorbei, in ihrem Mund wurde er weich und sie leckte seine ganze Länge, während sie ihn aus ihrem Mund entließ. Zufrieden lehnte sie ihren Kopf an seinen Oberschenkel, gab sich Mühe, sanft zu sein, als sie seine Kleidung richtete und anschließend seine Jeans wieder schloss. Für diesen Augenblick war alles Schlechte in der Welt vergessen.

*

Sieh mich an, dachte er und blickte auf sie hinunter. Sah zu, wie sie seine Hosen richtete, sorgfältig, konzentriert. Seine Finger massierten sacht ihre Kopfhaut. Weswegen war er doch gleich hergekommen heute Abend? Er erinnerte sich nur schwach. Diese Frau, mit ihrer selbstlosen Weiblichkeit, hatte es tatsächlich geschafft, ihn vergessen zu lassen. Einfach nur, indem er sich zurücklehnte und zuließ, dass sie ihm diente.

Er war im Himmel. Und sie ein Engel.

Seine Finger glitten aus ihren Haaren, strichen über ihre Wange, erreichten ihr Kinn und hoben es an, damit sie zu ihm aufsah. Sie hatte Augen, die wie das Mittelmeer an einem Sonnentag leuchteten, ein tiefes, glasklares Blau. Ihre Lippen waren geschwollen, Feuchtigkeit glitzerte darauf.

„Du bist wunderbar“, sagte er.

Doch statt der Freude, die er nach dieser Bestätigung in ihrem Gesicht erwartet hätte, glitt ein Schatten über diese Meeresaugen. Sie lehnte sich ein wenig zurück und entzog ihr Kinn seinen Fingern.

„Was war das für ein Gedanke?“, fragte er.

Sie schluckte und schüttelte den Kopf.

„Michaela.“ Er ließ ein wenig Härte in seine Stimme fließen, ohne laut zu werden.

Ihre Mundwinkel zuckten. Sie rührte sich, als wolle sie aufstehen. „Ich denke, ich muss gehen“, murmelte sie auf ihre Knie hinunter.

Plötzlich schien ihr peinlich zu sein, was sie gerade für ihn gemacht hatte. Er hinderte sie am Aufstehen, indem er seine Hand auf ihre Schulter drückte. „Nein, ich denke, du musst hierbleiben und mir sagen, woran du gerade gedacht hast.“ Hatte jemand sie verletzt? War sie deshalb hier, weil ein Liebhaber ihr irgendwas gesagt hatte, das nicht sehr freundlich gewesen war? Vermutlich suchte sie nach ein wenig Selbstvertrauen und hatte gehofft, es an diesem Ort zu finden, einem Ort, an dem Männer genau sagten, was sie wollten, und Frauen das Rätselraten ersparten. Doch jetzt, als er ihr gab, wonach sie sich sehnte, verunsicherte es sie. Es gab genug Arschlöcher dort draußen, die eine Frau in den Himmel lobten, solange sie ihnen nutzte, doch dann, wenn der Nutzen nicht mehr da war, ließen sie ihr wahres Gesicht sehen.

„Es ist nicht so wichtig.“

„Okay, Prinzessin.“ Er beugte sich vor, griff sie um die Schultern und unter den Knien und hob sie hoch, um sie wieder auf seinen Schoß zu setzen. Sie war eine Handvoll, kräftig gebaut, aber er mochte das. Er mochte keine Frauen, bei denen er Angst haben musste, dass sie in seinen Händen zerbrachen. Nicht umsonst hatte er in den ersten Jahren seiner Ausbildung auf hoher See monatelang körperliche Schwerstarbeit geleistet. Er wusste, wie man zupackte, und tat es gern.

Sie zappelte etwas, ergab sich aber, als er seine Finger in ihren Nacken schob und ein wenig zudrückte, gerade genug, dass sie es als die Warnung auffassen musste, als die es gemeint war. „Auszeit. Nochmal von vorn. Du hast mir gerade ein vollkommen verrücktes und unerwartetes Geschenk gemacht, aber ich hasse es, dieses unglückliche Glimmen in deinen Augen zu sehen.“ Er legte die freie Hand um ihre Wange und strich mit dem Daumen unter ihrem Auge entlang. „Du hast das gern getan, Baby, und deshalb solltest du jetzt glücklich und zufrieden in meinen Armen liegen und dich verwöhnen lassen. Stattdessen zappelst du und willst weg, und deine Augen sind traurig. Ich will wissen, warum.“

Er genoss das sachte Beben ihrer Schultern, das Stocken ihres Atems. Die Art und Weise, wie sie um ihr Gleichgewicht kämpfte, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, davonzulaufen, und dem Bedürfnis, mit jemandem über das zu reden, was ihr den Tag versaut hatte. Sie würde diesen Kampf verlieren und ihm alles sagen. Es war das Mindeste, was er für sie tun konnte. Zuzuhören, selbst wenn er ihr vermutlich nicht helfen konnte. Immerhin hatte sie ihm auch nicht wirklich bei seinem Problem helfen können, und trotzdem hatte sie es leichter zu ertragen gemacht. Das war mehr, als er hatte erwarten dürfen.

„Weißt du“, sagte er, „ich habe heute lernen müssen, dass es Menschen gibt, denen Liebe und Freundschaft nichts bedeuten. Es hat mich verstört und aus der Fassung gebracht. Ich kam hierher, ohne wirklich zu wissen, wie ich damit umgehen sollte. Und dann habe ich dich gesehen, da drüben auf der anderen Seite der Bar. Und jetzt sitze ich hier mit dir und weiß, dass es Menschen gibt, die wie Engel sind, die einen anderen Menschen berühren und Wunden verschließen. Nicht heilen, denn heilen kann nur die Zeit, aber sie nehmen den Schmerz. Menschen wie du.“ Er küsste ihren Scheitel. „Sag mir, was dich bedrückt, kleine Prinzessin. Ich hör dir zu, und gemeinsam machen wir es besser.“

Als er jetzt ihr Gesicht drehte, um ihr in die Augen zu sehen, waren ihre Lider rot und geschwollen, und Tränen standen in ihren Augenwinkeln. Er strich sie mit den Daumen weg.

„Du wirst denken, dass ich eine Idiotin bin“, schniefte sie. „Alle tun das.“

Er lächelte sie an und küsste ihre aufgeworfenen Lippen. „Wir kennen uns zwar nicht besonders gut, aber ich glaube sagen zu können, dass ich nicht alle bin. Und ich glaube auch sagen zu können, dass du keine Idiotin bist. Jetzt sprich, oder ich finde Wege, dich zum Reden zu bringen.“

Sie seufzte tief und begann, mit den Fingern an seinen Hemdknöpfen zu spielen. „Okay, also es gibt etwas, das ich mir schon wünsche, seit ich ein Kind bin. Ich möchte Konditorin werden. Ich backe immer die Kuchen und Torten für Geburtstage bei Familie oder Freunden, und alle sind immer begeistert. Es macht mir Spaß, und es gibt so viel zu lernen und zu wissen, und … aber …“ Ihr ging der Schwung aus.

„Ja?“, soufflierte er. „Nicht aufhören, Kleines.“ Es wollte ihm das Herz brechen, dass sie so unglücklich aussah.

„Ich habe heute die Ergebnisse bekommen. Von meiner Abschlussprüfung vom Culinary College.“

„Nur Zweitbeste in deiner Klasse?“, fragte er und hasste sich gleich darauf für die Frage, die als Scherz gemeint, aber einfach nur dämlich war.

„Durchgefallen.“ Sie wischte sich mit dem Handrücken unter der Nase entlang. „Bei der schriftlichen Abschlussprüfung.“ Sie hob den Kopf und starrte ihn anklagend an, weil gerade niemand anders greifbar war. „Warum machen die das? Angeblich konnten die die Hälfte meiner Antworten auf die Aufgaben nicht lesen.“

Irritiert runzelte er die Stirn. „Ich verstehe nicht …“

„Ich hab Probleme mit dem Schreiben, okay? Und mit dem Lesen. Manchmal tanzen die Buchstaben vor meinen Augen und fügen sich nicht und ergeben keinen Sinn und … dann verstehe ich die Fragen nicht. Ich hab das schon als Kind gehabt. Angeblich gibt es Therapien, aber meine Eltern haben da nicht dran geglaubt, die meinten, ich brauche keinen Seelenklempner, sondern mehr Ehrgeiz und Disziplin. Aber das ist es nicht. Ich lerne total schnell, wenn mir jemand etwas erklärt, ich vergesse nie was. Vielleicht, weil ich nicht so gut lese, deshalb merke ich mir die Dinge, wenn ich sie höre. Wenn mir jemand eine Frage stellt, kann ich sie beantworten. Wenn ich Praktika gemacht habe, waren immer alle zufrieden mit mir. Und bloß weil ich beim Schreiben Fehler mache und die blöden Fragen nicht richtig verstanden habe, darf ich … werde ich … ich …“ Wieder verlor sie den Schwung und sackte auf seinen Knien zu einem Häufchen Elend zusammen. „Ich werde als Tellerwäscher enden.“ Wieder schniefte sie. „Tut mir leid. Ich weiß gar nicht, warum ich dir das erzähle. Du kannst mir nicht helfen, außer, du wärst ein Hotelier mit einem total geilen Fünfsternehotel in der City und würdest mir einen Job geben.“ Sie hob den Kopf, das tränennasse Gesicht verzogen von einer plötzlich aufkeimenden Hoffnung. „Das bist du nicht, oder?“

„Nein.“ Er küsste ihre salzige Wange. „Bin ich nicht, Baby, tut mir leid. Aber ich möchte dir etwas sagen. Du bist eine ganz wunderbare, außergewöhnliche Frau. Du hast es in dir, etwas für die Menschen um dich herum tun zu wollen, ganz selbstlos und ohne eine Entschädigung zu erwarten. Das ist etwas Besonderes, etwas, das die Leute, denen du deine Zeit widmest, anerkennen sollten, aber es gibt Menschen, die zu dumm sind, es zu sehen. Es ist bitter, dass im Berufsleben nur zählt, was auf dem Papier steht.“ Ganz eng zog er sie an sich und genoss, wie sie seufzte. „Du wirst erreichen, was du willst, Prinzessin. Es wird vielleicht etwas länger dauern als bei anderen Menschen, aber das macht dich nicht zu einer Idiotin. Ich bin wahnsinnig froh, dich hier getroffen zu haben.“

Sie kuschelte ihren Scheitel unter sein Kinn. „Darf ich wiederkommen?“

Leise lachte er. „Das ist deine Entscheidung, aber ich würde mich freuen, wenn ich dich hier wieder treffen würde. Allerdings muss ich dich warnen.“

Sie zuckte zusammen und rückte ab, um ihm ins Gesicht sehen zu können. „Was?“

Spielerisch legte er seinen Zeigefinger auf ihre Lippen. „Dominante Männer haben eine ganz hässliche Angewohnheit. Sie lieben es, devoten Frauen, die ihr eigenes Licht unter den Scheffel stellen und sich selbst schlecht machen, den Hintern zu versohlen, bis sie damit aufhören.“

Ihre Augen wurden groß. „So richtig mit der flachen Hand?“

„Auf den nackten Po.“ Er kniff in ihren Hintern. „Das macht Spaß.“

Sie schluckte. Da war sie offenbar anderer Meinung, aber gleichzeitig verriet ihm das Glühen auf ihren Wangen, dass die Vorstellung sie erregte.

„Okay, Sir. Ich werde es mir merken. Nicht das eigene Licht unter den Scheffel stellen.“

Er lachte. Er fühlte sich gelöst und verdammt nochmal, vor anderthalb Stunden hätte er das nie für möglich gehalten. „Und das, Prinzessin, beweist, dass du wirklich schnell lernst.“

*

Einen Korb unter ihrem Arm balancierend, betrat Ela am nächsten Tag ihr Elternhaus in Wimbledon. Sie hatte die Apfel-Bignets direkt aus dem Frittierfett in eine Warmhalteschüssel gegeben. Trotzdem entstieg dem Korb ein warmer Duft von Zucker, Zimt und Frucht. Perfekt. Sie hielt es da ganz mit Mary Poppins. Ein Löffelchen voll Zucker konnte auch die bitterste Medizin versüßen, und sie wusste, dass das, was sie ihren Eltern sagen musste, eine bittere Pille war. Außerdem liebte Dad Apfel-Bignets, seit er als junger Mann einen Teil seiner Assistenzarztzeit in New Orleans absolviert hatte. Ela hatte so lange an dem Rezept gefeilt, bis Dad meinte, sie schmeckten genauso wie im Café du Monde im French Quarter der Hauptstadt des Jazz.

„Ich bin da!“, rief sie, kaum dass sie das Innere der Villa betreten hatte. Da es Sonntag war, begrüßte sie Stille. Ihre Eltern beschäftigten nur unter der Woche eine Haushälterin, und auch die Krankenschwester, die sich um die medizinische Routine ihres Vaters kümmerte, blieb an den Wochenenden dem Palmerschen Anwesen fern. Aus diesem Grund hatte sie es sich zur Gewohnheit gemacht, an diesen beiden Tagen nach ihrem Vater zu sehen. Ihre Schwestern waren vielleicht von ihren Kindern gewöhnt, Windeln zu wechseln, doch sich um ihren Vater zu kümmern, der seit einigen Jahren an einer schleichend voranschreitenden chronisch obstruktiven Bronchitis litt, erfüllte sie mit Unbehagen.

„Dad? Ich hab dir was mitgebracht.“ Sie durchquerte die Halle und machte sich auf den Weg in den ersten Stock. Ihre Absätze klackerten auf dem polierten Marmor der Treppe. Als Kinder hatten ihre Schwestern und sie diese riesige Freitreppe geliebt, deren Schachbrettmuster zu jeder Zeit glänzte und blinkte. Wenn ihre Eltern nicht zu Hause waren, hatten sie Matratzenrennen veranstaltet oder waren auf dem ebenfalls aus Marmor gearbeiteten Geländer hinuntergerutscht und hatten Reihen von Kinderfrauen die letzten Nerven gekostet. Heute ließ die blinkende Sterilität ihres Elternhauses sie schaudern. Alles hier wirkte wie in einem Showhaus. Als würde jeden Augenblick das Fotografenteam vorbei kommen, um ihre Aufnahmen für House Beautiful zu machen. Selbst der große Strauß hellblauer Hortensien auf dem Tisch in der Mitte des Foyers sah zwar schön, aber leblos aus. Er verströmte keinen Duft, jeder einzelne der vielen Blütenbälle war exakt genauso groß wie der andere.

Sie inhalierte tief und sog den Duft ein, der ihrem Korb entstieg. Vielleicht hatte sie deshalb schon als Kind mit dem Backen angefangen. Wenn sie die Köchin aus ihrem Reich vertrieb und mit Rührbesen, Schüsseln und Kochlöffeln hantierte, füllten Klappern und Rauschen das ganze Haus und schon bald lag ein wohliger Geruch von gebackenem Teig, Vanille, Zucker, Früchten, Kakao und Gewürzen in der Luft. Dann kamen die Gärtner ins Haus, verwickelten sie in ein Gespräch, während sie mit dem Finger die Teigschüssel auskratzten oder ein fertiges Törtchen stibitzten, dann verlegten ihre Schwestern ihre Tratschorgien in ihre Nähe und es fühlte sich an, als hätte sie ein echtes Zuhause. Ein Zuhause, wie sie es aus ihren Hörspielen kannte.

Wie erwartet traf sie ihren Vater in seinem Studierzimmer. Er las Zeitung. Neben ihm stand der Sauerstofftank, das leise, rhythmische Zischen der Pumpe füllte den Raum, jedes Mal, wenn ihr Vater einatmete. Als würde sie ihn aus einem Traum wecken, sah er bei ihrem Eintreten auf. Blinzelte ein paar Mal, bevor sein Blick sich klärte.

„Mein Mädchen“, begrüßte er sie und breitete seine Arme für sie aus.

Seine Arme zitterten dabei und sahen in dem Morgenmantel, den er trug, wie dünne Zweige in einer nächtlichen Brise aus. Jedes Mal aufs Neue schockierte es Ela zu sehen, was aus dem einst so stattlichen Mann geworden war.

Sie schluckte ihre Beklemmung herunter, stellte ihren Korb auf Dads Schreibtisch und bückte sich, um ihn zu umarmen und auf beide Wangen zu küssen.

„Was liest du? Kannst du das unterbrechen? Ich hab Apfel-Bignets gemacht.“

„Ah, meine kleine Tortenbäckerin. Was hab ich gemacht, um dich zu verdienen?“

Er löste sich von ihr, und in seinen Augen konnte sie denselben Stolz erkennen, mit dem er sie ihr Leben lang betrachtet hatte. Ihre Mutter hatte sich immer einen Sohn gewünscht. Nur deshalb war sie noch ein drittes Mal schwanger geworden. Mädchen, sagte sie, machten nur Ärger, während Jungen den Namen der Familie weitergeben würden. Für ihren Dad hingegen war sie immer das Nesthäkchen gewesen. Die kleine Prinzessin, ein unerwartetes Geschenk, nachdem seit der Geburt von Bethany über sieben Jahre vergangen waren.

„Einfach weil du der beste Dad der Welt bist“, neckte sie zurück. Sie füllte das Wasserglas aus der Karaffe auf seinem Schreibtisch und half ihm zu trinken. Manchmal fiel ihm das Schlucken so schwer, dass er es lieber vergaß' zu trinken, und dann musste man ihn daran erinnern. „Willst du lieber hier essen, oder im Esszimmer?“

Kraftlos schüttelte er den Kopf. „Deine Mutter wird mich schimpfen, wenn ich hier alles vollkrümle.“

„Sie muss es ja nicht erfahren.“ Verschwörerisch zwinkerte sie ihm zu. „Ich geh nur schnell Teller und Gabeln holen. Warte einen Moment, ja? Möchtest du auch Tee zu den Bignets?“ Sie beide wussten, dass er nirgendwohin ohne ihre Hilfe gehen würde. Dazu reichte ihm die Luft auch mit der Atemmaske nicht mehr.

„Einen Kaffee bitte, wenn du mich nicht verpetzt.“

Koffein vertrug sich nicht so gut mit seinen Medikamenten, aber Ela war der Meinung, dass diese kleine Freude ihm dennoch vergönnt sein sollte. Dass das Leben ihres Dads nur noch ein Warten war, wussten sie alle, auch wenn niemand es offen aussprach. Warum sollte er dann auf das verzichten, was ihm das Warten so angenehm wie möglich machte?

Eine Viertelstunde später dampfte vor jedem von ihnen eine Tasse Kaffee und von den Bignets, die sie mitgebracht hatte, waren nur noch Brösel übrig. Auf den Tellern zwischen ihnen je eine glänzende Pfütze geschmolzener Sahne. Es war an der Zeit, dass sie ihre Beichte ablegte, trotzdem konnte sie keinen Anfang finden. Das Wissen, ihren Dad enttäuschen zu müssen, schnürte ihr die Kehle zu. Unruhig wickelte sie die Finger in ihrem Schoß umeinander, und ihr Dad war zwar krank, aber er wäre nicht ihr Dad, wenn die Krankheit ihm seine Auffassungsgabe geraubt hätte. Er legte eine zitternde Hand auf ihre und drückte sie.

„Was macht dich unglücklich, Prinzessin? Hast du Liebeskummer?“

Beinah hätte sie aufgelacht. Sie und Liebeskummer? Sie hatte die letzten zwei Jahre auf dem Culinary College nicht einmal Zeit gehabt, Freundschaften zu pflegen, von einer Liebschaft ganz zu schweigen. Ein bisschen gedankenloser Sex hier und da, weil ein Körper eben auch Bedürfnisse hatte, aber nichts, aus dem sie mehr machen wollte. Der Abend gestern mit Rowan war die erste Gelegenheit seit Monaten gewesen, bei der sie mit einem Mann zusammen gewesen war, und wenn überhaupt etwas, dann hatte die ihr keinen Kummer bereitet, sondern ihr die Kraft für diesen Besuch heute gegeben. Da Dad ihr Lachen aber nicht verstehen würde, schüttelte sie nur den Kopf.

„Ich habe gestern die Ergebnisse bekommen. Von meiner Abschlussprüfung.“

„Und? Muss ich jetzt meine kleine Tortenbäckerin mit der ganzen Welt teilen?“

Stolz und Wehmut in der Stimme ihres Vaters setzten sich als dicker Kloß in ihrer Kehle fest. Hinter ihren Augen begann es zu prickeln. Sie hasste es, ihn zu enttäuschen. „Ich bin durchgefallen, Dad. Mit Pauken und Trompeten. Die ganze Arbeit umsonst.“ Nun konnte sie es doch nicht verhindern, dass Tränen in ihre Stimme sickerten. Heftig schluckte sie, um den gigantischen Drang, weinen zu müssen, zu verscheuchen. Natürlich ließ ihr Dad sich nichts vormachen. Seine welken Hände um ihre Wangen fühlten sich rau an und rochen nach Medikamenten, und trotzdem war die Berührung wie Balsam für ihre aufgewühlten Emotionen.

„Aber, aber. Das ist doch nicht so schlimm. Deine Bignets schmecken auch ohne Zeugnis ganz wundervoll.“

„Aber für einen Job wird das nicht reichen. Niemand wird eine Patissière einstellen ohne offizielle Qualifikation.“