Occupys Soldaten - Achim Grauer - E-Book

Occupys Soldaten E-Book

Achim Grauer

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Beschreibung

Eine geheimnisvolle Schöne steht zur Salzsäule erstarrt im flammenden Inferno eines brennenden Bankenhochhauses. Ein Investmentbanker wird auf Youtube medienwirksam zu Tode gefoltert. Eine neue Generation der RAF scheint geboren: Occupys Soldaten. Und es gibt nur einen, der die Welt retten kann: Ein Feuerwehrmann. Occupys Soldaten "Racheengel" ist ein gesellschaftskritischer Psychothriller. Seine Protagonisten kämpfen gegen innere und äußere Dämonen. Am Ende weiß keiner mehr, ob er sich als Sieger oder Verlierer fühlen soll in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist:

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Seitenzahl: 501

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Ähnliche


Achim Grauer

Occupys Soldaten

Racheengel

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhalt

Widmung

Zitat

Prolog

Ein halbes Jahr zuvor: Heuschrecken

3 Tage zuvor: Kennen Sie Milton?

Karl von Moor

Franz von Moor

Burning down the house

Hugo Xavier

Zurück im Spiel

Stare down mit Armin Rodgaus

Quid pro quo

Das Innere der Zelle

Rodgaus Reich

Nemesis

Kinder, Kinder

Kein guter Tag zum Sterben

El Comandante

Leben oder sterben lassen

Heimkehr des verlorenen Sohnes

Was man nicht aufgibt, hat man nicht verloren

Das Ende der Welt

Im Land Morijah

Cold Turkey

Im Herz der Finsternis

Ground Zero

Monster

Schall und Rauch

Ursprung der Welt

Gott würfelt nicht

Auszeit

Das Milgram-Experiment

Strategem 12

Über die Zerstörung der Seele

Locked-in

Wie die Spinne im Netz

Um den Einsamen schleichen Gespenster

Geknackt

Amtsschimmel

Dum spiro, certo

Der Kompromiss

Das Leben, ein Traum?

Alles auf eine Karte

Nur ein toter Banker ist ein guter Banker

Mörderspiele

Das Leben ist kein Ponyhof

Jäger

Bastard

Blutspuren

Am Anfang war das Wort

Illusionen

Kehraus

Illusionen II

Eile mit Weile

Illusionen III

Das Ende der Reise

Bäumchen wechsle dich

Es werde Licht

Danksagung

Impressum neobooks

Inhalt

Der Vorstand der deutschen Bank, Dr. Johann Schollenbruch, wird entführt und taucht in einem Internet Video als Geisel von „Occupys Soldaten“ auf. Zeitgleich erschüttert ein Brandanschlag auf das renommierte Bankhaus „Moor & Moor“ die Republik: Eine neue Generation der RAF scheint geboren.

Feuerwehrmann Jacub „Jack“ Kosinski ist als Erster am Tatort. Er rettet die einzige Überlebende des Infernos und macht eine folgenschwere Entdeckung: Leichen scheinen sich in Luft aufzulösen. Opfer scheinen Täter zu sein. Und (Geld-)Adel verpflichtet im 21. Jahrhundert offenbar höchstens noch zu Größenwahn und Psychosen. Denn der Kopf der Terrororganisation „Ocuppys Soldaten“ ist kein anderer als Karl von Moor, Erstgeborener des Bankenimperiums – und der hat nichts weniger im Sinn als eine neue, „reine“ Gesellschaftsordnung. Neben dem medienwirksam zur Schau gestellten Sterben des Finanzhais Schollenbruch will Gutmensch Karl seinem raffgierigen Bruder Franz eine Lektion erteilen. Doch das geht gründlich schief – fortan läuft alles aus dem Ruder: aus dem hehren Träumer Karl wird ein zynischer Mörder und sein großspuriger Bruder Franz entpuppt sich als durchgeknallter Psychopath, der nur noch eines im Sinn hat: Rache.

Ungewollt und völlig unvorbereitet durchkreuzt Feuerwehrmann Jack Kosinski die Pläne der beiden Brüder – und wird von da an zum Gejagten, auch des BKAs, in Gestalt des undurchsichtigen Sonderermittlers Armin Rodgaus. Zur falschen Zeit am falschen Ort geht es für Jack plötzlich um alles: seine neue Liebe, sein Leben – und das Leben seiner Kinder. Dass am Ende nur Franz den Kopf verliert, ist wenig beruhigend. Denn Karl hat noch ein letztes strahlendes Ass im Ärmel.

Widmung

Für Ben

Zitat

Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.

Marie von Ebner-Eschenbach

Prolog

Sie stand inmitten des tosenden Feuermeers. Wie eine griechische Statue. So schön, so kalt, so seelenlos. Die Sprinkleranlage mühte sich vergebens, dem Feuer Herr zu werden. Lediglich eine kleine Gruppe der reichlich im Raum verteilten Sprühköpfe verströmten einen feinen Nebel im Raum. Kaum berührte er Haut und Kleidung der erstarrten Frau, schien er wieder zu verdampften und umhüllte sie wie ein zarter schützender Kokon. Ein schlafender Racheengel, unwirklich und schön.

Der Alarm kam um 23:58 Uhr und tauchte die Frankfurter Feuerwache 1 schlagartig in gleißendes Neonlicht. Aus allen Richtungen eilten die fünfundzwanzig Männer und Frauen der Berufsfeuerwehr in die Fahrzeughalle, schlüpften in Windeseile in ihre Schutzanzüge und überprüften ihre Ausrüstung auf Vollzähligkeit und Funktion. Vereinzelte Flüche gingen im Heulen der Sirene unter.

Feuerwehrhauptmann Jack Kosinski kam als einer der letzten aus dem Fitnessraum gehumpelt. Er war in die Konsole das abrupt zum Stillstand gekommenen Laufbands geschossen. Die Blicke seiner feixenden Kollegen quittierte er mit einem säuerlichen Lächeln, während er seinen Schutzanzug überstreifte und die Ausrüstung kontrollierte. Die Fahrt zur Taunusanlage 11 im Bankenzentrum dauerte keine sieben Minuten. Aus dem kurzen Briefing erfuhr Jack, dass der sechzehnte Stock des Hochhauses in Flammen stand. Die Hochsicherheitstüren zu den betroffenen Büros des Bankhauses Moor & Moor ließen sich nicht ohne Spezialschlüssel öffnen. Die zuständige Sicherheitsfirma war nicht zu erreichen und bis die Sprengstoffexperten vor Ort waren, um die Tür aufzusprengen, konnte es für die eingeschlossenen Personen im Bürokomplex zu spät sein. Laut Concierge, der auch den Brand gemeldet hatte, befanden sich außer den beiden Söhnen des Bankentycoons Moor noch mindestens drei weitere Personen im Bürokomplex.

„Zeit für Helden“, hatte Einsatzleiter Kurt Böhnlein sarkastisch geknurrt und die Höhenretter des Löschzuges aufs Dach des Hochhauses beordert. Ein Beobachtungsposten mit Nachtsichtgerät und Wärmebildkamera war im Gebäude der Deutschen Bank direkt gegenüber schon auf dem Weg nach oben. Der Späher war Jacks Lebensversicherung, sollte er einen Weg in das brennende Stockwerk der Taunusanlage 11 finden.

Jetzt stand Jack am Rand der Hochhausfassade in fünfundsiebzig Metern Höhe. Um ihn herum funkelte die Skyline Mainhattens verschwenderisch in der Nacht. Wovon er allerdings nichts bemerkte. Er war in den Tunneleingetaucht. Konzentrierte sich ganz auf die nächsten Sekunden. Ging den Ablauf wieder und wieder in Gedanken durch. Hatte er etwas übersehen? Stimmten seine Berechnungen? Er durfte sich keinen Fehler erlauben. Denn Fehler endeten hier meist tödlich.

Noch konnte er nicht wissen, dass sein größter Fehler schon darin bestanden hatte, heute überhaupt zum Dienst zu erscheinen. Jack hob den Kopf, ging in bester Ronaldo-schießt-gleich-nen-Freistoß Manier einige Schritte rückwärts, gab dem Kollegen am Sicherungsseil das Zeichen, nahm Anlauf und sprang über die Kante des Hochhausdaches. Jede Faser seines Körpers war zum Zerreißen gespannt, während er in die bodenlose Nacht stürzte. Eine Welle puren Adrenalins schoss durch seinen Körper, als das Seil sich mit einem scharfen Ruck straffte und Jack für den Bruchteil einer Sekunde knapp achtzig Meter über dem Asphalt schwebte. Die Zeit schien stillzustehen. Als hätte sie ihren Fauxpas bemerkt, bemühte sie sich aber sofort wieder die vertrödelten Sekunden aufzuholen und schleuderte Jack dem Erdboden entgegen. Der zappelte und wand sich wie ein Aal, als der freie Fall in eine Pendelbewegung überging. 

Dreh dich zur Scheibe hin. – Mach schon! Er schoss jetzt wie eine menschliche Abrissbirne auf das Panoramafenster im sechzehnten Stock zu. Den Glasbrecher hielt er wie eine Lanze weit von sich gestreckt. Was für eine saublöde Idee, dachte Jack noch, dann durchschlug die Spitze des Glasbrechers die Scheibe und Jack flog eingehüllt in einer Scherbenfontaine quer durch das Flammenmeer. 

Füße zusammen, Knie zusammen! – Hüfte eindrehen! – Füße zusammen! – Knie zusammen! – Hüfte eindrehen! Die Merksätze für den perfekten Landefall geisterten durch seinen Kopf, während er sich im Bemühen auf den Beinen zu landen, drehte und wand wie eine Katze. Die Ledersitzgruppe direkt am Fenster machte Jacks Anstrengungen mit einem Schlag zunichte. Das Hindernis rammte ihn förmlich von den Beinen und katapultierte ihn weiter in den Raum. Sich überschlagend polterte er über den polierten Designerfußboden und kam stöhnend neben einem Sitzsack zum Liegen. Jack zwang seinen adrenalinüberfluteten Körper zur Ruhe und kontrollierte den Sitz seiner Atemschutzmaske. Gierig sog er den Sauerstoff in die Lungen und löste sich von dem Sack, der ihn vor dem Aufprall auf den Tresen einer Küchenzeile bewahrt hatte. Da gefror ihm das Blut in den Adern. Der Sitzsack war menschlich. Jack starrte fassungslos in das pockennarbige Gesicht eines untersetzen mittelalten Mannes, der wohl zusammengekrümmt am Tresen gelehnt hatte, bevor Jack in ihn hinein gerauscht war. In einer völlig sinnlosen Geste drückte der untersetzte, kahlköpfige Kerl die Hände auf den Bauch, um zu verhindern, dass der sich vollends von innen nach außen stülpte. Jemand hatte ihm in den Magen geschossen. 

Was zum Teufel ist hier los?, fragte sich Jack und seine Nackenhaare stellten sich auf, während sein Blick durch den Raum irrte. – Da sah er sie.

Trotz der Hitze lief Jack ein Schauer über den Rücken. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er sie für moderne Kunst gehalten. Eine Skulptur. Doch was da reglos keine fünf Schritt von ihm entfernt im flammenden Inferno stand, war tatsächlich eine Frau aus Fleisch und Blut. Mit einer beinahe körperlich spürbaren Gefährlichkeit. Da entdeckte Jack zwei weitere reglose Leiber. Sie lagen in grotesken Verrenkungen im Raum verteilt, als hätte sie ein ihrer überdrüssig gewordener Marionettenspieler achtlos hingeworfen.

„Was ist da oben los, Kos....i? – La...berich...!“, meldete sich Einsatzleiter Böhnleins krächzende Stimme ungeduldig. „Dass ich I... fü... diese Aktio... no... de... A.... auf...eißen we...e is... I... ja ho....... kla...!“

„Ein Toter, zwei leblose Personen und eine ...“, setzte Jack gerade zu einer Antwort an, da explodierte die unbekannte Schöne ansatzlos. Ihre Schnelligkeit überraschte Jack. Wie eine Raubkatze schoss sie mit zwei Sätzen auf einen der Körper zu. Sie stoppte abrupt vor der leblosen Person – einer Frau – die zusammengesunken über einem umgestoßenen Clubsessel lag. Jack reagierte viel zu spät: Im nächsten Augenblick riss der Racheengel schon den Kopf an langen Rastalocken zu sich hoch und brüllte besinnungslos: 

„Karl! – Wo ist Karl?“ Dabei schüttelte und drehte Rachel – wie Jack die Furie spontan taufte – den Kopf der Rastafari-Braut wie von Sinnen hin und her.

„Stopp!“, brüllte Jack, stolperte zwei Schritte auf die mit unverminderter Kraft schreienden Verrückten zu. Vielleicht war dem Lockenkopf ja noch zu helfen, hoffte Jack und packte Rachels Handgelenke. Er musste all seine Kraft aufwenden, um das Rütteln und Schütteln zu unterbinden. 

„Schluss jetzt!“, herrschte er die Irre durch seine Atemmaske an. „Lassen Sie die Frau los. – Lassen Sie sie...!“ Jack unterdrückte mühsam den aufkommenden Brechreiz, als er unvermittelt in das Gesicht der Rastafari-Braut blickte. Da war kein Gesicht mehr, sondern nur noch dampfende Hirnmasse. Ein einzelnes Auge hing wo in besseren Tagen die Nase gewesen sein musste. Pumpgun-Schrot aus nächster Nähe ins Gesicht. Das krächzend und knackend zum Leben erwachende Intercom in seinem Helm unterbrach glücklicherweise die grausige Bilderflut, die Jack zu lähmen drohte.

„Jack, Flashover auf acht Uhr. Raus hier, sofort!“, bellte der Späher, Jacks hundertachtzig Pfund schwere Lebensversicherung von gegenüber. Jacks Kopf schnellte in die angegebene Richtung und das Blut gefror ihm in den Adern. Hinter einer einen Spalt breit offenen Tür sah er eine tiefschwarz pulsierende Rauchwolke.

Pyrolysegase... Horizontale Flammenausbreitungsgeschwindigkeit 10m/sek... Vollbrand bei 1000 Grad Celsius. Jack vergewisserte sich mit einem schnellen Rundblick, dass sich der dritte Körper – ein Mann? – weder bewegte, noch irgendwelche Lebenszeichen von sich gab. Und zum ersten Mal in seinem Leben war er froh, dass der es nicht tat. Er fuhr herum und herrschte die immer noch kreischende Verrückte an: 

„Kommen Sie, wir müssen hier raus! Gleich fliegt uns der ganze Mist um die Ohren. Kommen Sie, hier ist keiner mehr am Leben.“ Keine Reaktion. Lediglich Rachels Schreien wurde leiser, unterbrochen von immer länger anhaltenden Hustenanfällen. Jack versuchte ihre Hände aus den Locken der Toten zu lösen, an deren Kopf sie noch immer wie wahnsinnig zerrte, als wolle sie eine Antwort aus der leblosen Gliederpuppe herausschütteln. 

Wie konnte ein so zarter Körper eine derartig titanische Kraft entwickeln? Die Irre schien mit dem Boden verwachsen zu sein und bewegte sich keinen Millimeter. Langsam wurde es eng. 

Keine Zeit mehr für Netiquette. Mit der Stablampe schlug Jack der Verrückten beherzt auf Handrücken und Finger, fasste sie gleichzeitig um die Hüfte und hob sie mit einem Ruck vom Boden. Verwunderung, Schmerz und Wut überzogen Rachels puppenhaftes Gesicht, als ihr Kopf ruckartig zu Jack herumfuhr. Ihre blaugrünen, vom Rauch geröteten Augen funkelten irrsinnig. Aber immerhin ließ sie die grausig verstümmelte Leiche der Rastafari-Braut los. Jack nutzte den Überraschungsmoment, schulterte Rachel in bester Footballspielermanier und stolperte der zerstörten Glasfront entgegen. Es war der pure Wahnsinn. Rachel zappelte, schrie und schlug um sich, während Jack die Sauerstoffflasche abzustreifen versuchte. Er musste unbedingt ihrer beider Gewicht reduzieren. Wie er das zappelnde Bündel auf seiner Schulter rechtzeitig in den Bergegurt bekommen sollte, war ihm allerdings vollkommen schleierhaft.

„Umdrehen, Jack! Sofort! – Die Safeknacker sind da! – Zur Tür, lauf!", dröhnte der Späher in seinem Ohr. Jack drehte sich taumelnd um einhundertachtzig Grad und hastete der immer noch verriegelten Tür entgegen. Blindes Vertrauen, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf. Blind war er mittlerweile wirklich beinahe, denn die vor Anstrengung beschlagene Atemschutzmaske nahm ihm zunehmend die Sicht. Durch den milchigen Nebel schielte Jack in Richtung der pulsierenden Rauchwolke an der Decke des angrenzenden Raumes. Sie streckte bereits ihre ersten krakenhaften Arme in Richtung des flammenden Infernos. 

„Kontakt in fünf Sekunden!, schrie der Späher mit sich überschlagender Stimme. Jack war noch mindestens drei Meter von der rettenden Tür entfernt. Die zu allem Überfluss immer noch fest verschlossen war. Das schaffst du nie, durchfuhr es Jack. Panik schnürte ihm die Kehle zu. Sein Atem rasselte. Die Muskeln waren müde und schwer. Sein Körper war kurz davor, ihm den Dienst zu versagen. Nur noch reine Willenskraft trieb ihn an, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

„Lass los, Jack. – Das schaffst du nicht mehr. – Lass einfach los“, flüsterte die Schlange in seinem Kopf. Es lohnt die Mühe nicht. 

„Nein!“, schrie Jack wütend. „Nein! Es ist erst zu Ende wenn ich es sage!“ Verzweifelt mobilisierte er seine letzten Kraftreserven. – Da überschlugen sich die Ereignisse.

Die beiden Flügel der schweren Bürotür flogen genau in dem Augenblick auf, als sich das Rauchgasgemisch hinter Jack und seinem Bündel entzündete. Starke Männerarme rissen ihn und die Wahnsinnige hinaus in den Flur und beidseits der Eingangstür zu Boden. Schwere Löschdecken wurden blitzschnell über das Menschenknäuel geworfen, während die tausend Grad heißen Flammen der Rauchgasexplosion über sie hinweg schossen. Dunkelheit legte sich über Jacks Bewusstsein und gönnte ihm eine kurze Auszeit.

Auf einer Krankenbahre kam Jack langsam wieder zu sich. Neben ihm lag die unbekannte Schöne. – Sie lebt, dachte Jack erleichtert. Sie lebt, Gott sei Dank. Erst jetzt registrierte er, dass die Sanitäter Rachel fixiert hatten. Jack wollte sprechen, sie fragen, was da oben eigentlich passiert war, aber dafür war es schon zu spät. Rachels Augenlider flatterten ein letztes Mal, dann schossen sie sich und ihr Kopf sank matt zur Seite. 

Ruhig gestellt, die haben sie ruhig gestellt, schoss es Jack durch den Kopf. So ein Schwachsinn. Er brauchte Antworten. - Wer war diese Frau? Und wer waren die Toten? Wer war dieser Karl? War er immer noch im 16ten Stock? War er der Pump Gun Killer?

Jack musste dringend mit dem Einsatzleiter reden. Ihn warnen... Er kämpfte sich mühsam hoch. Sein Schädel pochte und dröhnte als wolle er platzen. Gerade wollte er die Beine von der Bahre schwingen, da drückte ihn ein Rettungssanitäter sanft aber bestimmt wieder auf die Bahre zurück.

„So junger Mann, wir bleiben hübsch liegen und lassen uns erstmal wieder schön zusammenflicken. Alles andere kann warten.“

„Aber...“, versuchte Jack mühsam.

„Kein aber! Das pikst jetzt kurz ein bisschen und dann werden Sie erst mal schön schlafen.“

Jack bäumte sich mit letzter Kraft auf. „Aber Karl...“

„Ich heiße Rüdiger, Schätzchen“, lächelte der Sanitäter süffisant.

„Doch nicht Du... da oben ist noch ein...“ tröpfelte es immer unzusammenhängender aus Jack heraus.

„Sweet dreams, mein Großer“, war das letzte was Jack im Wegdämmern noch hörte, ehe ihn das Schlafmittel von seinen wirren Gedanken erlöste.

Ein halbes Jahr zuvor: Heuschrecken

Lässig schlenderte Franz von Moor um seinen gewaltigen Mahagonischreibtisch herum. Er war in einer geradezu euphorischen Stimmung. Mit glänzenden Augen betrachtete er die aktuellen Börsenkurse auf einem Plasmabildschirm, der fast die gesamte gegenüberliegende Wand ausfüllte.

Heureka! Der Reispreis war innerhalb von nur sechs Monaten um 83 Prozent gestiegen. Der Preis für Mais um 67 Prozent und der Index für Getreide gar um 111 Prozent. Heureka! Die Vorstellung, wie einst Archimedes von Syrakus nackt durch die Stadt zu stolzieren, amüsierte ihn. Stattdessen strich er zärtlich über den Schneewittchensarg. Unter feinstem Kristallglas und wohltemperiert lagerten auf verschiedenen Ebenen in Humidoren aus feinster spanischer Zeder seine kleinen Freunde. 375 Dollar das Stück. – Peanuts. 600 Milliarden Dollar hatte die Investmentgilde im letzten halben Jahr in die Rohstoffbörsen gepumpt, als sie nach dem Platzen der Immobilienblase ein neues Betätigungsfeld gesucht hatten. Der spekulative Handel mit Warenterminpapieren hatte sich zum Renner entwickelt. Und Franz von Moor hatte einen nicht unerheblichen Teil der Transaktionen über das Bankhauses Moor & Moor abgewickelt. Bei einer Bearbeitungsgebühr von 8 bis 10 Prozent auf das abgeschlossene Vertragsvolumen ergoss sich ein warmer Regen von einigen Milliarden in die Kassen der Moorschen Bank.

Andächtig entnahm Franz dem Spezialschrank eine Cohiba Behike, führte beinahe zärtlich einige Male seine Nase knapp über dem Körper der Zigarre hin und her und sog genießerisch den hauchfeinen Tabakduft in sich auf. 

Ob man ihn eines Tages in einem Atemzug mit Warren Buffet nennen würde? Sein finanztechnischer Geniestreich, die Rohstoffe durch Hamsterkäufe am realen Markt künstlich zu verknappen und damit den Preis in astronomische Höhen zu treiben, hätte es jedenfalls verdient. So kassierte er nicht nur mit den Gebühren risikolos ab, sondern vervielfachte auch noch den Wert seiner Reis-, Mais und Getreideberge, die er in unzähligen Lagerhallen hortete, ins unermessliche. 

Was waren da schon läppische 8-10%. Wir reden hier von einer Rendite von 100-200%. Mit einem Blick auf den Plasmaschirm registrierte er zufrieden, dass der absolute Wert seiner eingelagerten Rohstoffe mittlerweile bei knapp 3,9 Milliarden lag. Tendenz steigend. Nur noch ein wenig Geduld. Noch ein wenig gepokert. Franz grinste. Ja natürlich war er ein Spieler. Das waren sie alle. Das war ja das reizvolle an der ganzen Sache. Das Geniale daran war, dass er keinerlei Risiko dabei einging. Sollte die Blase platzen, dann war er, dann war das Bankhaus „Moor & Moor“ „too big to fail“. Franz lachte leise in sich hinein. Nur noch den letzten Prozentpunkt herauskitzeln. Ja das wollte er. Das musste er.

„Damit das Mögliche entstehe, muss das Unmögliche versucht werden.“ Franz überfielen wohlige Schauer.Das war eindeutig besser als Sex. Auch wenn Hesse hier philosophierte wie ein katholischer Klosterschüler. Er hatte das Unmöglich geschaffen, weil er die nötigen Mittel besessen hatte und den Mut, sieeinzusetzen. Und natürlich weil keine Regierung der Welt ihm Einhalt gebot.

Die kleine Guillotine aus Sterling Silber köpfte das Meisterwerk Kubanischer Zigarrenherstellung exakt 2 mm hinter der Kappe. Mit elegantem Schwung entzündete Franz einen Fidibus und hielt die Zigarrenspitze über die Flamme, drehte sie gleichmäßig, bis sich an allen Seiten Asche bildete.

Er, Franz von Moor, hatte in den letzten Monaten Werte in einer Höhe angehäuft, die sein Vater innerhalb eines ganzen Lebens nicht erwirtschaftet hatte. Er hatte die Verwaltung des Bankhauses „Moor & Moor“ aus dem historischen alten Familienbesitz hierher in die drei obersten Stockwerke der Taunusanlage 11 im Herzen des Frankfurter Bankenviertels verlegt und sich selbst die Panoramaetage im 16ten Stock mit einem einmaligen Rundblick auf die Doppeltürme der Deutschen Bank, dem Trianon der Deka Bank, der Alten Oper, dem Japancenter, den Garden und Silver Towers, dem Skyper der Deutschen Bundesbank und dem Galileo Hochhaus spendiert. Um nur die Wichtigsten zu nennen. Mitten im Herz der Finsternis. Genüsslich führte Franz die Zigarre an den Mund, schürzte in freudiger Erregung die Lippen, und zog ein paar Mal kräftig an dem edlen Rauchwerk. „Was bin ich doch in guter Gesellschaft“, brummte Franz gut gelaunt. Dünne bläuliche Schwaden feinsten Zigarrenrauchs hüllten ihn ein, wie tiefhängende Wolken eines dieser majestätischen Achttausender. „Meine goldenen Träume“, flüsterte Franz und begann leise zu kichern. Sollte der alte Sturschädel doch in seinem miefigen, unter Denkmalschutz stehenden Granitbunker verschimmeln. „Meine goldenen Träume.“ Vergeblich versuchte Franz die aufkeimende Hysterie zu unterdrücken. Sein Körper schüttelte sich unter dem lautlosen Gelächter. Mit Mühe richtete er sich auf und nahm eine affektierte heldische Pose ein und lies seinen Blick mit bemühter Ernsthaftigkeit durch den Raum streifen. 

„Meine goldenen Träume“, stieß er unter schallendem Gelächter hervor.

„Willst Du mich nicht teilhaben lassen an deiner ungewohnten Heiterkeit, mein Sohn?“ 

Erschrocken fuhr Franz herum und starrte entgeistert in die aristokratischen Gesichtszüge seines Vaters, Ansgar von Moor, die keine Spur von Freundlichkeit zeigten und seine Worte Lügen straften. Franz hatte nicht bemerkt wie der Alte eingetreten war. Jetzt stand er Franz keine 10 Schritte entfernt herausfordernd gegenüber. Seine wachsamen Augen waren pechschwarz und fixierten seinen Sohn mit gnadenloser Kälte. 

The good, the bad and the ugly. – In einer Person. Fehlte nur noch der umgeschnallte Revolver. – Zeit zu sterben Fremder. Franz konnte ein hysterisches Glucksen gerade noch unterdrücken. Ein Blick in das Gesicht des alten Mannes tat sein Übriges. Die Lachfältchen um Ansgar von Moors Augen zeugten von einem hohen Maß an Lebensfreude und verliehen dem ergrauten, großen, alten Mann stets eine onkelhafte Aura. Davon war jetzt nichts mehr zu spüren. Die buschigen Augenbrauen prangten wie zwei Ausrufezeichen auf seiner von tiefen Furchen durchzogenen Stirn. Die Nase zeigte spitz und scharf wie die Klinge eines Schwertes anklagend auf Franz. Ansgar von Moor war ein Mann, dessen aufrechte Haltung stets Ausdruck seiner moralischen Größe und seiner Lebensführung gewesen war. Der mangelnde Umgangsformen verabscheute, genauso wie fehlende Bildung oder ein nicht vorhandenes soziales Bewusstsein. Seine ganze Erscheinung strahlte den Stolz eines Mannes aus, der, durchdrungen von seinem humanistischen Gedankengut, ein Bankimperium aufgebaut hatte, das in Politik und Gesellschaft eine hohe Wertschätzung erfuhr. Nicht zuletzt auch, weil Ansgar von Moor nicht müde wurde, die Verantwortung anzumahnen, die seiner Meinung nach erworbene Macht und erwirtschaftetes Geld mit sich brachten. - Wie schaffte es der alte Mann nur, dass er sich in seiner Gegenwart a priori schuldig fühlte? 

Was hab ich dir getan, Vater? Seit Franz denken konnte, hatte er sich bemüht, die Liebe und Zuneigung seines Vaters zu erringen. Gut, nicht immer mit den saubersten Mitteln. Seinem älteren Bruder Karl hatte er ein ums andere Mal übel mitgespielt. Warum musste er ihn auch immer bevorzugen. Karl hier, Karl dort. Der omnipotente tolle Karl. 

Mein Gott, ich kotze gleich. – Das ist doch abartig. – Der Alte schneit hier rein und bei dir geht gleich wieder die „Kain und Abel Nummer“ ab. Da hat ja jeder Zulukaffer mehr Rückgrat. Das ist ja lächerlich. Vor dir steht ein Finanzgenie, Vater. Ein weit größeres als du es jemals warst. Respekt, Vater. Nur ein einziges Mal. Respekt. Franz lehnte sich betont lässig an das bis zur Decke reichende Bücherregal.

„Was kann ich für dich tun, Vater? Was verschafft mir die Ehre deines geschätzten Besuches?“

Ansgar von Moor musterte seinen Sohn von Kopf bis Fuß und in seine Gesichtszüge mischte sich kaum merklich eine Spur Ekel und Abscheu. Er war immer stolz gewesen auf seine Selbstbeherrschung. Auf seine Selbstdisziplin. Aber Franz brachte ihn regelmäßig an seine Grenzen. Wut stieg in ihm auf.

„Das Wort Ehre werde ich nicht in einem Satz mit deinem Namen führen, Franz. Ehre will verdient sein. Der Ehre muss man sich würdig erweisen. Aber dazu bedarf es eines Charakters.“ Ansgar von Moor hielt einen kurzen Augenblick inne und sah seinen Sohn noch einmal prüfend an. Franz hielt seinem Blick trotzig Stand. Nur ein nervöses Zucken seines rechten Mundwinkels verriet seine Anspannung.

„Bist du nur gekommen um mich zu beleidigen?“ Er würde sich nicht mehr die Butter vom Brot nehmen lasse. Das hatte er sich geschworen. Niemals mehr. Nicht von Ihm. 

„Der große Ansgar von Moor lässt sich zu einer infamen Pöbelei herab?“ Also mutig nach vorne. Was hatte er schon zu verlieren. „Womit hab ich das verdient, Vater?“

Einen kurzen Augenblick schien der alte Mann zu zögern, dann aber straffte sich seine Haltung wieder. Bitterkeit lag jetzt in seiner Stimme. 

„Beleidigen kann ich einen Mann nur, wenn er wenigstens einen Funken Ehre im Leib hat. Von Ethik und Moral will ich gar nicht erst anfangen, denn ich bin überzeugt, solche Begriffe übersteigen deine Auffassungsgabe.“

„Wird das jetzt eine Vorlesung auf deinem Spezialgebiet?“, kam es höhnisch von Franz zurück. „Der Homo sapiens sapiens und die planetare soziale Gerechtigkeit?“

Mit einem Mal wich alle Farbe aus dem Gesicht des alten Mannes. Die Lippen waren nur noch dünne Striche. Sein sonorer Bass füllte mühelos Franz großzügiges Büro, sodass der unwillkürlich einen Schritt zurück wich. 

„Wie erklärst du mir die 3,9 Milliarden Gewinn aus Transaktionspapiergeschäften? – Und warum besitzt „Moor & Moor“ bald mehr Lagerhäuser mit Getreide, Reis und Mais als zufriedene Sparbuchkunden?“

Aus. Vorbei. Franz hatte gehofft... Wie infantil naiv!

„Glaubst du, ich kann nicht eins und eins zusammen zählen?“ Donnerte der Alte Moor weiter. „Du hast aus dem ehrbaren Bankhaus „Moor & Moor“ eine erbärmliche Spekulantenklitsche gemacht.“

„Vater, ich...“, setzte Franz an, aber Ansgar von Moor schnitt ihm das Wort ab. 

„Deine Zeit ist abgelaufen, Franz. Du bist raus. - Das Leid, das du Millionen Menschen mit deiner Preistreiberei angetan hast, zerstört jegliche Menschlichkeit in mir.“

Kant. Er zitierte Kant.

„Meine Geduld ist erschöpft.“

Diese Selbstgefälligkeit. Wie er seinen Vater dafür hasste. Der alte Sack führt sich auf wie ein Renaissancefürst. Franz spürte, wie der Boden unter ihm zu wanken begann. Der Mund wurde ihm trocken. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Und ich zittere schon wieder vor ihm. Warum? Weil er mein Vater ist?

„Du willst mich rauswerfen, Vater?“, krächzte Franz. Vater... Er nannte ihn Vater. Aber was hieß das schon. Hatte er ihm jemals das Gefühl gegeben, geliebt zu werden? Geliebt ohne Absicht und nicht als Belohnung für was auch immer. Geliebt einfach nur weil er existierte. Weil er sein Sohn war. Ich bin aus dem gleichen Ofen geschossen wie der Bastard, den du immer bevorzugst. 

„Karl, immer nur Karl!“, zischte Franz hasserfüllt, den Kopf gesenkt und vor unterdrückter Wut bebend. „Ich bin dein Sohn.“, hauchte er tonlos, bevor er förmlich explodierte und seine Stimme sich hysterisch überschlug. „Ich bin auch dein Sohn, Vater. Vergiss das nicht. – Und was deine antiquierte Weltanschauung betrifft...“ Ungläubig schüttelte er den Kopf. Starrte seinen Vater an, als sähe er ihn zum ersten Mal. Und dann geschah etwas Merkwürdiges mit ihm. Es war, als hätte er die Schwerkraft überwunden, so leicht fühlte er sich mit einem Mal. Ihm wurde warm. Er nahm den Raum plötzlich mit einer Intensität war, die er in dieser Reinheit nicht einmal von seinen unzähligen gezogenen Lines kannte. Und der Raum sprach zu ihm. Natürlich nicht in Worten, er war ja nicht verrückt. Nein, nein. Der Raum sprach zu ihm in einer Weise, die keiner Worte bedurfte. Der Raum gab ihm zu verstehen, dass er, Franz von Moor, allein in diesem Raum war. - Ansgar von Moor hatte aufgehört zu existierten. – Für ihn. Er hatte keinen Vater mehr.

Rührung überkam ihn. Und eine tiefe Ruhe. Denn nun wusste er was zu tun war.

3 Tage zuvor: Kennen Sie Milton?

Das gleißende Licht blendete ihn völlig und brannte schmerzhaft auf seiner Netzhaut. Der Kopf brummte wie ein Bienenkorb. Als er seine Hände schützend vors Gesicht halten wollte, stellte er erschrocken fest, dass sie an einem Stuhl festgebunden waren. Auch den Kopf zu drehen oder zu blinzeln gelang ihm nicht. Kopf und Augenlider waren mit irgendeiner Vorrichtung fixiert worden. Ihm wurde schlecht. Sein Herz begann zu rasen. Panik stieg in ihm hoch. Was hatte das zu bedeuten? Eben hatte er noch in der Havanna Bar gesessen und an seinem Admiral Highball genippt, er liebte diese Mischung aus Tokajer, Whisky, Ananassirup und Zitronensaft und dann: Filmriss. Jetzt saß er völlig nackt an eine Art Zahnarztstuhl gefesselt.

„Guten Abend, Herr Schollenbruch. Schön das Sie wieder bei uns sind. Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten.“ Erschrocken zuckte Schollenbruch zusammen. Die Stimme traf ihn wie ein Peitschenhieb. Ihm wurde schwarz vor Augen. In seinen Ohren schien sich ein Orkan auszutoben. Atmung und Herzschlag setzten aus. Sein Kreislauf kollabierte. Dann wurde mit einem Schlag alles still. 

Danke... Mama? Ein beißender Geruch riss ihn wieder aus seiner Ohnmacht. Riechsalz. Verzweifelt versuchte er seinen Kopf von der Quelle dieses grausam stechenden Geruchs wegzudrehen.

„Na, na, na, Herr Schollenbruch, Sie werden doch nicht jetzt schon schlapp machen? Wir haben doch noch gar nicht angefangen?“

Nicht angefangen? Ich piss mich gleich an und du sagst mir... Wenn er nur etwas sehen könnte.

„Bemühen Sie sich nicht, Herr Schollenbruch. Sie werden mich in der kurzen Zeit unseres gemeinsamen Projekts nicht zu Gesicht bekommen. Und glauben Sie mir, das wollen Sie auch gar nicht.“

Die Stimme war mit einem billigen Verzerrer bis zur Unkenntlichkeit verändert worden. Er hatte keine Chance herauszufinden, wer sich dahinter verbarg. 

Bist du ein Mann oder eine Memme? Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Eingebrannte Verhaltensregeln. Er konnte die Situation immer noch kontrollieren. Er war intelligent. Bei einem Intelligenzquotienten von einhundert-dreiundzwanzig sogar überdurchschnittlich intelligent. Und Intelligenz war der Schlüssel zu jeglicher Lösung, das wusste er. Er merkte wie er ruhiger wurde. 

Ich muss die Initiative ergreifen. Das Gespräch kontrollieren. Die vielen Seminarstunden „Verhandlungsstrategien in Ausnahmesituationen“ die er und seine Vorstandskollegen sich gegönnt hatten, begannen zu greifen. 10-9-8-7... Die Zehnschritte Methode der Profigolfer. Mach ihm Angebote. 6-5-4-3... Tiefenentspannung bei 0. Gib ihm Wahlmöglichkeiten. 2-1-0. Wer wählen kann denkt nach und wer nachdenkt handelt nicht. 

„Hören Sie, ich habe Geld. Sagen Sie mir wie viel Sie wollen. Ich bin nicht nachtragend.“ Keine Reaktion. „Ich habe Beziehungen.“ Sein Peiniger rührte sich noch immer nicht. War er etwa gegangen? „Bitte sagen Sie doch etwas.“ - Stille. „Wenn Sie mir sagen, was Sie von mir wollen, werde ich sehen was ich für Sie tun kann.“ Immer noch rührte sich nichts hinter dem Wall aus Licht. Keine Bewegung, kein Laut. 

Der will dich abkochen. Mach weiter. 

„Sie wissen ja offensichtlich wer hier vor ihnen sitzt. Sie sind ein intelligenter Mensch und ihnen wird auch klar sein, wie mächtig meine Kontakte sind. Es gibt keine Grenzen. Nichts ist unmöglich.“ 

Jetzt sag halt was du arroganter Kretin. 

„Lassen Sie uns das Ganze doch wie zivilisierte Menschen behandeln.“

„Ah, voilà Monsieur le Spéculateur. Ca c’est le sujet d'actualité.“

Der Kretin war gebildet. – War das jetzt gut oder schlecht? Schnell ging Schollenbruch alle Szenarien, die ihm einfielen durch und landete schließlich, Ironie des Schicksals, bei seinem eigenen Sinnspruch. Seinem Karrieremantra: 

Gegner, die man unterworfen hat, muss man entweder glücklich machen oder vernichten! - Nicht gut! Das war gar nicht gut! – Um genau zu sein, war das richtig Schei... – „Ruhig bleiben, Johannes! – Reiß Dich zusammen! – Noch hat er Dich nicht unterworfen! Vorsichtig nahm Schollenbruch das Gespräch wieder auf. 

„Möchten Sie mit mir über unsere Zivilisation sprechen? Oder über den zivilisierten Menschen an sich? Bitte, ich stehe ihnen voll und ganz zur Verfügung. Ich habe Zeit und laufe ihnen bestimmt nicht weg.“ - „Therapeutischer Humor, richtig angewandt, schuf die Möglichkeit angstauslösende Situationen neu zu bewerten und stellte außerdem eine persönliche Verbindung zwischen den Gesprächspartnern her.“

Aus dem Licht schoss ein Schatten auf ihn zu. Er erkannte die Umrisse einer Guy Fawkes Maske. Erschrocken verspannte sich sein Körper und die Fesseln gruben sich ihm tief ins Fleisch. 

„Herr Schollenbruch, halten Sie mich nicht für dümmer als Sie es sein können. Strengen Sie ihren Spekulantenschmalz ein bisschen an, andernfalls kann das hier sehr schnell sehr unangenehm für Sie werden.“

„Halten Sie das hier vielleicht für angenehm?“ Die harte Tour...Du musst ihm Paroli bieten. 

„Halten Sie das hier vielleicht für eine menschenwürdige Behandlung?“ 

Augen zu und durch. Beinahe hätte Schollenbruch laut aufgelacht bei dem Gedanken. Seine Augenlider waren ja fixiert und gestatteten ihm nicht mal ein leises Blinzeln. Mittlerweile tränten seine Augen so sehr, dass seine Folterkammer hinter einer bewässerten Glaswand zu liegen schien.

Wie lange würde er das aushalten, ohne zu erblinden?

„Sie wollen doch bloß den Preis für das Lösegeld in die Höhe treiben. Ich kenne solche Kreaturen wie Sie. Die laufen da draußen zu Tausenden herum. Arbeitsscheues Gesindel. Missgünstige Sozialneider. Gescheitertes Unterschichtengeschmeiß.“ Jetzt hatte er sich in Rage geredet. „Der heilige Zorn war über ihn gekommen.“, wie seine Vorstandskollegen hinter vorgehaltener Hand zu sagen pflegten. 

„Selbstmitleidige Versagertypen, die nicht die Eier haben, um erfolgreich zu sein. Ein entbehrlicher Bodensatz unsere Gesellschaft.“ Er konnte den Atem seines Peinigers nicht spüren, das verhinderte diese dämliche Plastikmaske. Aber jetzt, da er seine Wut losgeworden war, spürte er dessen Aura. Eine kraftstrotzende, furchteinflössende, gebieterische Aura. Schollenbruch fröstelte auf einmal trotz der Wärme der Scheinwerfer.

Was ist mit dir los, Armleuchter? Rede gefälligst mit mir. Schollenbruch war immer noch überzeugt, dass es hier um Geld ging. Alles und jeder hatte seinen Preis.

Du auch mein Freund. Ich krieg dich. Ich hab noch Jeden gekriegt. Nichts geschah. Keine beißende Erwiderung. Der Fremde starrte ihn weiter unverwandt an, als betrachte er ein seltenes Insekt. Schollenbruch unterdrückte mühsam eine aufkeimende Hysterie. 

Zuviel Adrenalin. Sein Körper versuchte den permanenten, existentiellen Stresszustand mittels körpereigener Drogen zu entschärfen. Das war gefährlich. Sehr gefährlich sogar, denn je mehr Zeit verstrich, desto weniger würde er noch in der Lage sein, die Situation objektiv einzuschätzen und vernünftig zu reagieren. 

Rechne, verdammt noch mal. Rechne.

Bei einem Transaktionsvolumen von 6 Milliarden Euro und einer Rendite von 9%...

„Kennen Sie Milton, Herr Schollenbruch?“

... machte das einen Gewinn von… 

Noch immer trennten ihre Gesichter, wenn man bei der Maske seines rätselhaften Entführers von Gesicht sprechen konnte, nur wenige Zentimeter. Was sollte jetzt das schon wieder?

...540 Millionen Euro. Risikofrei!

Milton, Milton? Er kannte keinen Milton und das mit dem Rechnen war wohl doch keine so gute Idee gewesen. Schollenbruch hatte das Gefühl, in zunehmendem Maße die Kontrolle bzw. den Verstand zu verlieren.

Wie lautete gleich noch mal die Frage?

„Gut möglich, dass ich einen Herrn Milton kenne. Unser Kundenstamm ist groß“, murmelte Schollenbruch kaum verständlich.

„Ich spreche von John Milton, Herr Schollenbruch,“ erwiderte die Maske ausdruckslos. „dem Dichter und Staatsphilosophen. Ich dachte, ein Mann ihres Bildungsstandes sollte schon einmal von ihm gehört haben.“ Die Maschinenstimme ließ keine Rückschlüsse auf eine Gemütsregung zu. Aber allein die Wortwahl seines Entführers legte die Vermutung nahe, dass er sich über ihn lustig machte. Viel wahrscheinlicher aber verachtete er Schollenbruch und hatte offensichtlich vor, ihn nach allen Regeln der Kunst vorzuführen und zu demütigen.

„Defensio pro populo anglicano“, schnarrte die Maschinenstimme.

„Defensio pro populo angli... was?“, entfuhr es Schollenbruch reflexartig.

Sein Gegenüber richtet sich langsam und, wie es Schollenbruch schien, genüsslich auf. 

„Kurz gesagt war John Milton ein Verfechter des Gedankens von der Freiheit der Völker und deren Recht zum Tyrannenmord.“

Dieser Irre war einer von diesen vollkommen durchgeknallten und selbstgefälligen Pseudoidealisten. Oh mein Gott. Wie sollte er hier jemals wieder heraus kommen? 

„Schön, schön.... Ich meine...“, stotterte Schollenbruch. „Es ist doch zunächst einmal sehr lobenswert, dass Sie sich mit der Geschichte der Staatsphilosophie auseinandersetzen. Ich muss gestehen, dass auch ich ein gewisses Faible für die Geschichte und die Entwicklung der Staatsformen habe, wenn auch mehr im Zusammenhang mit den rein volkswirtschaftlichen Möglichkeiten.“ 

Schollenbruch hielt inne. Seine Augäpfel rollten wild in den von der Vorrichtung zwangsgeöffneten Höhlen. Sein Atem ging schnell und stoßweise. Speichel lief ihm in dünnen Fäden aus dem Mundwinkel und tropfte unaufhörlich auf seinen nackten Oberschenkel. Sein Körper zuckte plötzlich und Schollenbruch warf sich mit aller Kraft gegen die ihn fixierenden Fesseln. Schaumfetzen flogen aus seinem Mund als er den Maskenmann anbrüllte. 

„Sie aufgeblasener, eitler Kretin. Was glauben Sie eigentlich wer Sie sind? Sie haben mich betäubt, entführt und nackt auf dieses Folterinstrument gefesselt. Wissen Sie, wie viel Jahre Sie dafür bekommen werden, Sie durchgeknallter Psychopath? – Tyrannenmord! In welchem Jahrtausend leben Sie eigentlich? Was hab ich Ihnen denn getan?“ Schollenbruchs Stimme überschlug sich. 

„Ich bin ein angesehener Geschäftsmann. Ich habe Verbindungen bis in die höchsten Ämter der Regierung. Meine Bank trägt die Last der europäischen Staatsverschuldung fast komplett auf ihren Schultern. Der Finanzminister geht in meinem Haus ein und aus und die Kanzlerin unternimmt keinen Schritt ohne sich vorab einen Ratschlag bei mir abzuholen. Ganz zu schwiegen von der bedingungslosen Rotarier-Kameradschaft, die mich mit dem Innenminister verbindet. Haben Sie überhaupt die leiseste Vorstellung davon, was mit ihnen geschehen wird, wenn die Sie finden? Und das werden die, verlassen Sie sich darauf.“ 

Erschöpft sank Schollenbruch in sich zusammen. Wie ein Häuflein Elend saß er nun da. - Nur sein Penis erfreute sich einer erstaunlichen aufrechten Haltung. 

Oh mein Gott, wie entwürdigend. Schollenbruch wurde immer deutlicher bewusst, wie wenig er der ganzen Situation gewachsen war.

„Sehr beeindruckend, Herr Schollenbruch.“ Guy Fawkes applaudierte. 

“Nein wirklich, Da Capo. Und das meine ich tatsächlich im Wortsinn.“ Schollenbruch zitterte jetzt vor Scham und Verzweiflung. 

„Das war so wunderbar authentisch. Diese aufrichtige Empörung. Dieser machtbewusste Verweis auf ihre Verbindungen und Bekanntschaften. Die Verachtung für das Proletariat und am Ende diese Drohung. Ein wenig aus der Verzweiflung geboren, aber „Hu“ mich haben Sie richtig ein bisschen eingeschüchtert. Das ist schon eine Wiederholung wert.“ 

Die Maske ließ ein leises Lachen hören, das sich durch die elektronische Verzerrung wie der stotternde Anlassversuch eines Schiffsdiesels anhörte. 

„Wenn wir gleich auf Sendung gehen, werde ich Sie zunächst mit diesem gefühlsechten Knebel zum Schweigen bringen“, rasselte die Maschinenstimme. In seiner Rechten war einer dieser Knebel zu sehen, die Schollenbruch nur zu gut aus seinen SM Sessions kannte und er begann reflexartig zu würgen. 

„Aber den brauchen Sie heute eigentlich gar nicht“, fügte die Maske süffisant mit einem Blick auf sein erigiertes Glied an. „Sie sehen, ich hab keine Kosten und Mühen gescheut, ihnen den Aufenthalt so vertraut wie möglich zu gestalten.“

Die Maske hatte ihn ausspioniert. Gründlich. Schollenbruch schluchzte laut auf und stammelte mit letzter Kraft.

 „Hören Sie... es tut mir…“ 

Guy Fawkes glitt auf Schollenbruch zu und drückte ihm den Knebel und den Rest des Satzes in den Mund.

 „Sie geben wirklich alles, mein Wertester. Da wird jedes Register gezogen.“ Die Maske betrachtet angewidert ihr Werk. 

„Was sind Sie nur für ein erbärmlicher Mensch“, tönte es gefährlich leise. „Sie und Ihresgleichen machen Profit mit der Armut und dem Sterben von Millionen in der Dritten Welt. Millionen, die nicht mehr in der Lage sind den von IHNEN gemachten Preis für eine Handvoll Reis aufzubringen. Und die für eure Profitgier mit dem Leben bezahlen.“ Jetzt war, elektronische Verzerrung Hin oder Her, der blanke Hass in jeder Silbe zu spüren, die dröhnend das Verließ anfüllte. Schollenbruch spürte, wie sich etwas Warmes über seine Beine ergoss, den schalenförmigen Sitz anfüllte und leise über den Rand auf den Betonboden zu tröpfeln begann. Er war wieder einer Ohnmacht nahe, aber die Erinnerung an den ätzenden Geruch des Riechsalzfläschchens hielt ihn im Hier und Jetzt. 

„Jetzt haben Sie sich auch noch eingenässt. Wie wird denn das gleich auf youtube aussehen?“ Aufrichtige Besorgnis klang anders. Aber das erwartete Schollenbruch auch nicht von seinem Folterknecht. Er glitt allmählich in einen Zustand völliger Apathie ab. 

„Schollenbruch, ich mache Sie zum Medienstar. Was sagen Sie dazu?“ Schollenbruch stöhnte auf und verdrehte die Augen, dass fast nur noch das Weiße zu sehen war.

„Kommen Sie, bleiben Sie bei mir.“ Guy Fawkes tätschelte seine Wangen. 

„Nicht wegdämmern. Sonst muss der Onkel wieder das böse Riechsalzfläschchen holen.“

Schollenbruch schluchzte, Tränen flossen in Strömen über seine Wangen. 

„Nein bitte, Sie brauchen mir doch nicht zu danken. Das Beste kommt ja noch. – Ich gebe ihnen die einmalige Chance ein Mensch zu werden. Bisher sind Sie ja noch in einer Art vormenschlichem Stadium gefangen. Im Stadium des Homo Speculantius, sozusagen. Sehen Sie, während die Welt an ihrem Leiden teilhaben darf und ihre Bank einige Milliarden an verschiede Hilfsorganisationen einzahlen wird, werden wir die Zeit nutzen und aus ihnen ein nützliches Mitglied unserer Gesellschaft machen.“ 

Mit wenigen Handgriffen reduzierte die Maske das Licht auf ein erträgliches Maß und gab den Blick frei auf eine Leinwand, die an der gegenüberliegenden Seite der Wand hing. Sie war so angebracht, dass sie Schollenbruchs Blickfeld komplett ausfüllte. 

„Und hier wäre auch schon unser erster kleiner Lehrfilm. Bitte entschuldigen Sie die zum Teil lausige Qualität. Aber uns soll es doch auf den Inhalt ankommen, nicht wahr? Ich habe ihnen ein schönes Potpourri zusammengestellt.“ Die Maske drückte ein paar Knöpfe, ein Beamer fuhr langsam hoch bis er seine volle Lichtstärke erreicht hatte.

„Das Sterben in der Dritte Welt. Von der Sahelzone, über Somalia bis ans Horn von Afrika. Viel Spaß dabei und carpe diem, Dr. Schollenbruch. Wir sehen uns wieder, wenn ihre mächtigen Freunde und Vorstandskollegen meine Forderungen erfüllt haben.“ 

Guy Fawkes startete die Übertragung und schickte sich an zu gehen. An der schweren eisernen Stahltür wandte er sich noch einmal um. 

„Sollte sich tragischer Weise herausstellen, dass ihre Freunde Sie für - wie haben Sie das doch gleich so schön formuliert - „einen entbehrlichen Bodensatz unserer Gesellschaft“ halten, dann fürchte ich, werden wir uns bedauerlicher Weise nicht mehr wieder sehen.“

Karl von Moor

Karl konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Der Streifschuss quer über seine rechte Gesichtshälfte blutete stark. Er schob sich die Baseballkappe tiefer ins Gesicht und lauschte. Eine Kakophonie an- und abschwellender Töne hallte durch die Häuserschluchten des Frankfurter Bankenviertels.

In einiger Entfernung heulten Sirenen durch die Nacht.

Er zitterte am ganzen Körper. Lederjacke, T-Shirt und Edeljeans waren von Flammen und Rauch angesengt und klebten rußverschmiert und schweißnass wie alte Lumpen an Karls durchtrainiertem Körper. Zu allem Überfluss stank er erbärmlich nach Müll und Unrat.

Unter der Jacke wurde es unerträglich heiß.

Nicht die Kontrolle verlieren. Langsam weitergehen. Atmen, ruhig atmen. Aber das konnte er sich einreden sooft er wollte. Er hatte gerade die Frau verloren, die er über alles liebte. 

Wie sollte es da weitergehen? Tränen liefen über sein vom Ruß geschwärztes Gesicht und überzogen es mit seltsamen Linien.

Warum konntest du dich nicht raushalten? Nur dieses eine Mal? Du... Du…

„Du scheiß-emanzipierte pseudopolitisch korrekte blöde Kuh“, brüllte er verzweifelt in die menschenleere Hochhauswüste. Schluchzend trommelte der gegen das kalte Glas einer Fensterfront und stammelte:

„Ich hasse dich...„ Wieder und wieder. Er sank an der Glasfront herunter und umklammerte seine Beine.

Bilder der sterbenden Freunde drängten an die Oberfläche. Erschossen von seinem eigenen Bruder. Ein heftiges Zittern schüttelte Karl. Er kippte zur Seite. Lag da wie ein unschuldiges Baby.

Ich habe meinen Bruder umgebracht. Hab ihn erschossen. Ich...

Würgend stemmte sich Karl auf alle viere. Aber es gab nichts mehr, was er hätte von sich geben können. Dünne, gallebittere Speichelfäden tropften auf den Boden.

Was hab ich getan? Was hab ich bloß getan?

Dem feinen Brüderchen eine Lektion erteilen. Diesem Gernegroß, der seine Konten sperren ließ. Weiß der Henker wie er den Alten dazu gebracht hatte. Das konnte er Franz doch nicht durchgehen lassen.

Auge um Auge. Zahn um Zahn. - Aber ihn töten?

Karl wurde schwarz vor Augen.

Atmen, ruhig atmen.

Er riss die Augen auf, konnte aber nur verschwommene Umrisse wahrnehmen. Wenigsten war niemand in seiner Nähe, soweit er das feststellen konnte.

Ausruhen.

Sie hatten Franz aus dem Bett seiner Penthousesuite gezogen, ihn in sein Büro im 16ten Stock der Taunusanlage 11 geschleift und von ihm die Zugangscodes für das interne Buchungssystem verlangt. Spiegelberg und die Schweizerin machten sich daran, ein paar Milliönchen umzubuchen. Sie waren gerade dabei den Transaktionsalgorithmus zu installieren, als Amalia plötzlich hereinplatzte.

Sie hatte Wind von der Aktion bekommen und versucht, ihn davon abzubringen.

Er hatte sie außer Gefecht gesetzt. Nicht eben Gentleman like. Amalia litt an einem seltenen Gendefekt. Myotonia congenita. Besser bekannt als Temporäre Muskelstarre.

Auf youtube kursierten lustige kleine Filmchen von den Tennesee Fainting Goats. Einer amerikanischen Ziegenart, die unter demselben Gendefekt leidet und deren Muskulatur sich unter enormem Stress für kurze Zeit völlig versteift.

Karl hatte nicht damit gerechnet, dass Amalia ihnen folgen würde.

Warum musste sie sich nur immer in alles einmischen?

Und dann war das Chaos ausgebrochen. In der allgemeinen Verwirrung hatte Franz eine Pump Gun aus einem verborgenen Fach seines Schreibtisches gezogen und wild um sich geballert.

Spiegelberg erwischte es zu erst. Blut und Gedärm quoll zwischen seinen Händen hervor. Die Schweizerin stürzte sich auf Franz. Doch der schoss ihr einfach das Gesicht weg. Und Karl hielt plötzlich Spiegelbergs Revolver in Händen, als Franz die Pump Gun auf ihn richtete.

Er oder ich. So einfach war das.

Franz ließ mir doch gar keine Wahl. Für eine Wahl braucht man nämlich mindestens zwei Möglichkeiten. Oder? Oder etwa nicht?

Außerdem war es letztendlich keine bewusste Entscheidung mehr gewesen. Nur Instinkt. Purer Überlebenswille.

Er war sprichwörtlich außer sich gewesen und zögerte einen Sekundenbruchteil. 

Blut ist dicker als Wasser. - Wie banal.

Franz war da ganz offensichtlich anderer Meinung und feuerte seine Pump Gun ab. Der Beobachter Karl brüllte den realen Karl an, endlich abzudrücken. Oder wenigsten seinen Allerwertsten, bzw. sein weit edleres, weil wertvolleres Körperteil, den Kopf, aus er Schussbahn zu bringen. - Die Schrotkugel streifte seine rechte Schläfe. - Er schaffte es gerade noch den Revolver abzufeuern, sah seinen Bruder getroffen zu Boden gehen, ehe er selbst das Bewusstsein verlor und Amalia wieder zur Salzsäule erstarrte.

Steh auf. Du musst hier weg.

Als er den Kopf hob, konnte er den Wagen an der Ecke der nächsten Querstraße stehen sehen. Er zog den Schlüsselbund aus der Hosentasche und stolperte los. Als er am Wagen ankam, brach er beim Versuch das Fahrzeug aufzusperren vor lauter Zittern beinahe den Schlüssel ab.

Wie konnte man nur so eine alte Schüssel fahren?

Gut, Spiegelbergs Club Ente war zugegebenermaßen ein Klassiker. Allein das Fahrgefühl, wenn sie sich in die Kurve legt. - Sensationell! - Weniger sensationell war dagegen die Ausstattung des Oldies. Eine funkgesteuerte Zentralverrieglung, für die Karl jetzt ein Königreich gegeben hätte, suchte man ebenso vergeblich wie einen elektrischen Scheibenwischer.

Endlich schnappte die Verrieglung mit einem hörbaren „Klack“ auf und Karl schwang sich auf den Fahrersitz. Er rammte den Schlüssel ins Zündschloss, startete den Motor, zog am Knüppel der Lenkradschaltung, schoss halb aus der Parklücke und legte im letzten Augenblick eine Vollbremsung hin.

Ein unbeleuchtetes schwarzes SUV verfehlte die Club-Ente um Haaresbreite. Der Fahrer bekam den heftig schlingernden Zweieinhalbtonner nur mit Mühe unter Kontrolle, beschleunigte sofort wieder und entschwand mit quietschenden Reifen hinter der nächsten Straßenecke.

Karl atmete hektisch, umklammerte das Lenkrad, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Als er wieder etwas ruhiger wurde, vergewisserte er sich mit einem Blick nach hinten, dass diesmal die Fahrspur frei war, fuhr vorsichtig aus der Parklücke heraus und verschwand in die Nacht.

Es ist noch nicht zu Ende.

Franz von Moor

Die Nacht war plötzlich voller Nadelstiche und riss Franz ohne Gnade aus seiner Ohnmacht.

Ein fahler Lichtschimmer umhüllte ihn. Kaum konnte er die sprichwörtliche Hand vor Augen sehen. Er fröstelte.

Wo war er? Sein Schädel brummte und schmerzte bei dem Versuch sich zu erinnern. Benommen kniff er die Augen zusammen.

Keine gute Idee. Die Haut seines Gesichtes schien wie eine zum Zerreißen gespannte Verpackungsfolie über Muskeln und Knochen gespannt worden zu sein. Und offensichtlich hatte man mit der Folie sparen müssen, denn die saß höllisch straff.

Er stöhnte leise auf und versuchte sich wieder zu entspannen. Langsam wurde sein Blick klarer. Umrisse schälten sich aus der Dunkelheit. Gewölbe artige Bögen, unverputztes feucht schimmerndes Mauerwerk und einzelne kleine Rinnsale, die sich überall wie silberne Schlangen nach unten wanden und in einem unterirdischen Bach mündeten. Jetzt war auch das leise Rieseln und Plätschern zu hören.

Die Kanalisation. Er war in der Frankfurter Kanalisation gelandet.

Eine Wolke übel riechenden, stechenden Gestanks fraß sich ohne Vorwarnung in seine Nase und nahm ihm den Atem. Er zuckte zusammen, als hätte man ihm eine unsichtbare Faust in den Magen gerammt, krümmte sich und erbrach sich auf den nackten Betonfußboden. Sein Körper schüttelte sich in Krämpfen, bis nichts mehr da war, dessen er sich hätte entledigen können. Er zitterte. Und er kam sich so erbärmlich vor, so erniedrigt. Nur gut, dass ihn hier unten keiner sehen konnte. 

Das war wirklich gut.

Er hatte Glück gehabt. Großes Glück. Als er im 16ten Stock wieder zu sich gekommen war, hatte er kaum noch die Hand vor Augen gesehen. Der Rauch brannte jetzt noch in seinen Lungen und ein Hustenanfall schüttelte seinen vor Schmerzen tauben Körper, dass er am liebsten laut aufgeschrieen hätte. Gut, dass er den versteckten Zugang hinter seinem begehbaren Kleiderschrank auch im Schlaf gefunden hätte.

Ein hohes schrilles Fiepen, hin und wieder unterbrochen von einem leisen Rascheln und ein bohrender Schmerz im großen Zeh seines linken Beines holten ihn aus seinem Tagtraum. Irgendetwas zerrte an seinem Bein. Er blickte an seiner zerrissenen, angesengten Jeans hinunter auf seine nackten zerschundenen Füße. Was er dort sah, raubte ihm fast den Verstand. Eine hässliche zerzauste Ratte mit matt schimmerndem Fell schlug ihre spitzen, gelben Zähne immer wieder in das unbedeckte Fleisch seiner Zehen, die schon jetzt wie das Ergebnis einer Fleischwolforgie aussahen.

Franz schrie entsetzt auf und versuchte die Ratte abzuschütteln. Aber das störrische Tier ließ nicht ab von der leicht angesengten Leckerei, die einmal ein menschlicher Fuß gewesen war. Franz sprang panisch auf, denn erst jetzt begriff er, dass die Ratte noch ein paar Freunde und Verwandte mitgebracht hatte.

Flüssige Lava schoss durch seine Adern. Von einer Sekunde zur anderen schien die Zeit stehen geblieben zu sein.

Er folg durch den Raum, konnte aber nicht mit Bestimmtheit sagen, ob sich seine Füße dabei bewegten. Die Erde schien er nicht mehr zu berühren. Der Boden wölbte sich vielmehr wie in einem fiebrigen Rhythmus seinen Füßen entgegen und versetzte ihn in eine Art vorwärtsdrängenden Schwebezustand.

Unendlich langsam glitt er auf diesem wogenden Teppich in die Dunkelheit, bar jeglichen Empfindens. Ein unendliches engelgleiches Schweben. Glückshormone durchfluteten sein müdes Hirn. Allmachtsfantasien. Nur immer weiter, weiter, immer weiter nach oben, dachte er.

Und dann, mit einem Schlag, war alles wieder vorbei. Er spürte jeden erbärmlich mühsamen Schritt und erkannte entsetzt, dass er durch ein Meer aus Leibern watete. Sich windender, zähnefletschender Rattenleiber, die mit ihren spitzen Zähnen nach seinen Füßen schnappten.

Sein Atem rasselte, schnürte ihm den Brustkorb zu und die Wunde in seiner Schulter sandte pulsierende Schmerzwellen durch seinen Körper. Ihm wurde schwarz vor Augen, soweit das in der Dunkelheit noch möglich war. Beinahe wäre er wieder in die bittersüße Ohnmacht zurück geglitten. Es kostete ihn seine gesamte Kraft, das zu verhindern.

Dann sah er es. Erst nur ein Flackern, dann immer deutlicher. Ein Licht am Ende des Tunnels. Tränen der Erleichterung schossen ihm in die Augen, raubten ihm die Sicht. Er mobilisierte seine letzten Reserven und taumelte weiter, dem Licht entgegen.

Burning down the house

„Guten morgen Frankfurt, es ist 7:11 Uhr und Sie hören hr3 pop&weck mit Tobias Kämmerer und Anna Lena Dörr“. Wie schafften es diese Radioclowns nur, jeden Morgen so unanständig gutgelaunt zu sein? „Tag 4 im Entführungsfall Dr. Johann Schollenbruch. Das BKA tappt noch immer im Dunkeln. Das Leiden des hochangesehenen Vorstandes der Deutschen Bank geht weiter. Und noch immer gibt es keinen konkreten Hinweis auf die Identität der Entführer.“

Was hatte sich der Kämmerer heute bloß wieder rein gepfiffen, fragte sich Jack verschlafen. Ohne Drogen kann man doch morgens unmöglich schon so gut drauf sein. Und das auch noch bei so einem Thema. Widerlich. Ob diese ganze Moderatorengilde von ihren Sendern mit Koks versorgt wurde? Vielleicht war das ja sogar Bestandteil des Arbeitsvertrags und die Haupteinnahmequelle des Senders? Ganz nach dem Motto: „Kein Moderator darf clean ans Mikro.“

„Bei der Terrorzelle, die sich selbst „Occupys Soldaten: Kommando Nemesis“ nennt, scheint es sich nach gesicherten Erkenntnissen um eine gewaltbereite Splittergruppe der weitgehend friedlichen Occupybewegung zu handeln.“

Eigentlich hasste er es, morgens von diesen Quasselstrippen geweckt zu werden. Da wurde mit einer Ignoranz jede quotenversprechende, mediale Sau durchs Dorf getrieben, dass es ihm grauste. Aber Barbara hatte es geliebt. Wie oft hatte sie gesagt: 

„Mein Gott, die Dörr klingt heute wieder so frisch vernascht! Ob die weiß, dass Sie so klingt? Ich meine, Jack, Schatz, wie würde dir das denn gefallen, wenn ich morgens so auf dich ein säuseln würde.“, hatte Barbara dann gegurrt und begonnen an seinem Ohrläppchen zu knabbern. Auf einmal waren ihre Hände überall gewesen und er war wieder einmal zu spät zum Dienst erschienen.

„Wie ein Sprecher des Innenministeriums mitteilte, werde man auf keinen Fall auf die Forderungen der Entführer eingehen. Die Bundesrepublik Deutschland werde ohne Ansehen der Person sich von keiner terroristischen Gruppierung erpressen lassen. Man wolle hier keinen Präzedenzfall schaffen.“

Die Kollegen hatten einen diebischen Spaß daran gehabt ihn damit aufzuziehen. Am Anfang hatte ihm das geschmeichelt. Aber im Lauf der Zeit war es ihm immer lächerlicher vorgekommen. Was soll’s. Die Zeiten waren vorbei. Und wenn er ehrlich war, musste er das nicht mehr haben. Es gab andere Dinge in einer Beziehung.

„Was denken Sie darüber, liebe Hörer. Halten sie es mit der Bundesregierung, oder sagen sie ein Menschenleben ist mehr wert als dieses populistische Säbelrasseln. Chatten sie mit uns auf unserer Facebookseite hr3.pop&[email protected]. Ich für meinen Teil möchte in keinem Fall in der Haut von Dr. Schollenbruch stecken, der sicher schon herausgefunden hat, dass es sich bei O.S. nicht um das neue Betriebssystem von Apple handelt.“

Sex war nicht alles. Und alles war nichts, wenn das Vertrauen fehlte. Wenn sie nicht bedingungslos hinter ihm stand. Es war das Herz, das zählte. Immer.

„Auch in der Haut der einzigen Überlebenden des gestrigen Brands möchte ich jetzt nicht stecken. Sie führt keine Ausweispapiere mit sich und verweigert nach wie vor jegliche Angaben zu Person und Herkunft. Laut Polizeiangaben ist es den Ermittlern bisher nicht gelungen die junge Frau aus der Zentrale des Bankhaus „Moor & Moor“ zu identifizieren.

Das sah ihr ähnlich, diesem durchgeknallten Luder. Jack ertappte sich dabei, dass er genau dasselbe noch vor wenigen Wochen über seine Exfrau gedacht hatte.

Sie ließ ihn sitzen, weil sie seinen fehlenden Ehrgeiz und seine stoische Ruhe nicht mehr ertrug. Weil er weder ihr, noch ihren Töchtern, die Perspektiven bot, die sie sich einbildete. Weil er sie langweilte und sie ihn auch nicht mehr attraktiv fand, mit seinem kleinen Bäuchlein.

Miststück.

„Zusammen mit der schwer traumatisierten Frau wurden zwei bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leichen gefunden.“

War ja klar, dass der Kämmerer nicht auf drei zählen konnte.

„Das BKA tappt noch völlig im Dunkeln, geht aber von einem Gewaltverbrechen aus, da beide Leichen nachweislich Schussspuren aufwiesen. Ob dieses neuerliche Kapitalverbrechen im Bankenmilieu in irgendeinem Zusammenhang mit der Entführung des Vorstandes der Deutschen Bank Dr. Johann Schollenbruch steht, ist bis zur Stunde noch unklar.“

Jack fröstelte. War denn die ganze Welt verrückt geworden? Was ging nur in diesen kaputten Köpfen vor? Er kroch unter das Kopfkissen und versuchte angestrengt an etwas Positives zu denken.

Die Zwillinge!

Sie waren im Moment eindeutig das Schönste in seinem Leben. Er würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um das Sorgerecht für sie zu bekommen. Er seufzte. Die beiden Prinzessinnen fehlten ihm. Und Barbara, trotz allem.

„Geschenkt!“ grummelte Jack unter seinem Kissen nicht ganz glaubwürdig.

Erst mal Kaffee machen.

Ächzend stemmte sich Jack aus dem mittlerweile viel zu großen Bett. Barbaras Seite war verwaist. Auf Ihrem Kopfkissen lagen Kra der Rabe und die beiden Bären Opa-Bär und Kleiner-Bär. Irgendwann würde er sie in eine Kiste setzen und ganz tief unter den anderen Kisten im Keller vergraben. Irgendwann. Wenn er über die selbstquälerische Phase hinaus wäre. Irgendwann einmal.

Er erhob sich und bereute es sofort. Sein Schienbein erinnerte ihn schmerzhaft an den Clubsessel, mit dem er gestern in der Zentrale der Moorschen Bank Bekanntschaft gemacht hatte. Vorsichtig wuchtete er sich erneut hoch. Wenn er sein ganzes Gewicht auf sein gesundes Bein verlagerte, waren die Schmerzen einigermaßen erträglich. Er humpelte ins Bad, riss mit einem Ruck die riesige Kompresse, die man ihm im Krankenhaus verpasst hatte, herunter und betrachtete sich die Wunde genauer.

„Halb so schlimm, bin ja nicht aus Zucker.“, brummte er, versorgte die Wunde mit Salbe und einem weniger martialischen Pflaster. Eigentlich war er jetzt wach, aber trotzdem hielt er seinen Kopf unters eiskalte Wasser bis ihn fröstelte.

Rituale halten dich am Leben. Eigentlich war sein Leben, seit er allein war, ein einziges Ritual geworden. Er fuhr sich einmal mit der nassen Hand durchs Haar, sah in den Spiegel und zog eine Grimasse. Er sah wirklich bescheiden aus.

Tiefe Augenringe, die ihm auf dem Revier den Spitznamen Jacub „Tappertsohn“ Kosinski eingebracht hatten. Früher hatte er ernsthaft darüber nachgedacht zum Schönheitschirurgen zu gehen und war dann aufrichtig erleichtert, als das Kürzel „Jack“ das abendfüllende Jacub „Tappertsohn“ Kosinski abgelöst hatte.

„Soweit der Crimereport am Morgen. Wir halten Sie natürlich auf dem Laufenden und melden ihnen sofort die neuesten Entwicklungen im Fall Schollenbruch und Moor. Jetzt aber erstmal etwas Musik für unseren heldenhaften Feuerwehrmann Jacub „Tappertsohn“ Kosinski, der die schöne Unbekannte aus den Flammen gerettet hat! Talking Head und „Burning down the house“!“

Wenn er den Kollegen erwischte, der da sein Schandmaul nicht hatte halten können. Jack sah schon die feixende Meute vor sich. Kindsköpfe, alle miteinander. Er musste grinsen. Ja das waren sie. Große Jungs. Aber Jack wusste beim besten Willen nicht, wem auf der Welt er mehr vertrauen könnte. Jeder von ihnen ging für den anderen buchstäblich durchs Feuer.

Jack gähnte herzhaft und nahm einen großen Schluck Milchkaffee. – Der Pieper riss ihn aus seinen Gedanken. Das Revier, die Nummer vom Leiter der Branddirektion Frankfurt am Main, Hugo Xavier. Was wollte denn der alte Wichtigtuer. Er hatte heute seinen freien Tag. Jack hatte wirklich wenig Lust, sich von diesem schleimigen Opportunisten das Ohr abkauen zu lassen.

„Kosinski“ knurrte Jack in den Hörer.

„Mein lieber Jack, wir sind alle mächtig stolz auf Sie!“

Er hasste es von Xavier auf diese Art geduzt zu werden. Zudem konnte er sich nicht erinnern, dem deutlich Jüngeren jemals das Du angeboten zu haben.

„Jack ich weiß, Sie haben heute ihren freien Tag, aber im Fall Moor gibt es eine Entwicklung, die ihre Anwesenheit im Revier notwendig macht!“

“Wann?“ knurrte er einsilbig.

„Passt es ihnen so gegen 7:45 Uhr?“

Jack sah auf die Uhr, es war 7:15 Uhr. Bis heute hatte er nicht herausgefunden, ob Xaviers übertriebene Wortwahl und seine aalglatte Kaltschnäuzigkeit seiner Schweizer Herkunft geschuldet waren.

„Ich kann in einer dreiviertel Stunde da sein, Herr Direktor.“

Er bemühte sich freundlich zu klingen, wohl wissend, dass der andere es verabscheute, intern als „Direktor“ der Branddirektion angesprochen zu werden. Öffentliche Auftritte natürlich ausgenommen.

„Wir sind alle eine große Familie“, hatte er bei seiner Antrittsrede immer wieder betont.

„Was gibt’s denn so wichtiges, dass mir „die Familie“ meinen freien Tag versaut?“

schob Jack nach.

„Das werden Sie noch früh genug erfahren, Kosinski“, kam es frostig zurück.

„Also dann um Null Achthundert in meinem Büro“.

„Geht klar, Chef“ schmunzelte Jack und legte auf.

War doch gar nicht so schwer.

Hugo Xavier

Eine halbe Stunde später betrat Jack frisch geduscht, gut gelaunt und leicht humpelnd das Büro Xaviers, der konzentriert einen Stapel Papiere durcharbeitete. Als er Jack bemerkte, sah er kurz auf. Mit einem Kopfnicken bedeutete er ihm, Platz zu nehmen und widmete sich wieder den Papieren.

Auch ein Grund, warum es Jack nie gereizt hatte Karriere zu machen. Er hasste Papierkram. Tausend Formulare und Formbriefe. Allein die tägliche Korrespondenz des Direktors fand er verwirrender und anstrengender als einen Monat harten körperlichen Einsatz mit den Jungs auf der Strasse.

Geduldig lehnte er sich zurück und ließ die Gedanken schweifen. Wenn er eines in all den Jahren gelernt hatte, dann dass diese jugendliche Sturm- und Drang-Energie einen nur unnötig früh ins Grab brachte.

Sein Blick glitt über den alten Kupferstich der Stadt Frankfurt. War das nicht das Bankhaus „Moor & Moor“ ?Augenblicklich brach ihm der Schweiß aus. Sein Puls raste. Das Atmen wurde ihm schwer. Xaviers Büro schien vor seinen Augen zu verschwimmen. Rauchschwaden nahmen ihm die Sicht. Plötzlich stand er wieder im loftarigen Büro im 16ten Stock der Taunusanlage 11. Im Zentrum des Chaos stand sie. Schön wie eine griechische Göttin. Stolz funkelten ihre grünblauen Augen ihn an.

Atme, verdammt noch mal! Atme. Das ist nicht real. Du sitzt bei diesem Komiker im Büro und führst Dich auf wie ein hysterischer Mulla, der eben die Reste seines verbrannten Korans entdeckt hat. – Zappelst rum wie Joe Cocker zu seinen besten Zeiten. - Lebte der überhaupt noch?

„Ist ihnen nicht gut, Jack?“ drangen dumpf die Worte Xaviers an sein Ohr.

Postraumatisches Stresssyndrom dachte Jack noch, als sich der Schleier langsam zu lichten begann und er Xaviers besorgte Miene wieder hinter dem Schreibtisch auftauchen sah.

Energisch drückte Xavier den Knopf der Gegensprechanlage: 

„Danielle, bringen Sie uns doch bitte ein Glas Wasser!“

Jacks Hände waren feucht und kalt. Einzelne Schweißtropfen rannen ihm unter dem eng anliegenden T-Shirt den Rücken hinunter, kitzelten sein Steißbein, ehe sie von seiner Calvin Klein Short aufgesaugt wurden.

„Alles bestens!“ krächzte er wenig überzeugend. „Wirklich, mir geht es gut! Muss wohl die Büroluft sein! “

Xavier warf ihm einen säuerlichen Blick zu.

„Ich werde Sie zu Dr. Jansen schicken. Der soll Sie eine Woche krankschreiben. Und wenn Sie wieder auf dem Damm sind, melden Sie sich dienstfähig. – Das BKA muss dann eben auf Sie verzichten und allein die Welt retten.“ Er griff schon zum Hörer.

„Ich brauche keine Auszeit. Mir geht es gut! - Was ist mit dem BKA?“

„Jetzt spielen Sie mal nicht den Helden, Jack. Ich an ihrer Stelle würde mich eine Woche in einem Wellness Spa von hinten bis vorne bedienen lassen.“

Das konnte Jack sich vorstellen.