Oder sind es Sterne - Eva Munz - E-Book

Oder sind es Sterne E-Book

Eva Munz

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Beschreibung

Sommer 2001. »Survivor« von Destiny’s Child geht um die Welt wie ein Omen für kommende Ereignisse. Im Pariser Penthouse von Hasir Zaman, einem wohlhabenden Exil-Afghanen, tanzt zu der Melodie die mysteriöse Frau, die er verführen möchte. Beyoncés Stimme schleicht sich in die sündigen Gedanken seines Neffen Sameer, der im Waisenhaus von Kabul aufwächst. Der Song schallt aus dem Lautsprecher eines geheimen Trainingslagers, wo Leutnant Ryder, ein US-Marine, für einen internationalen Spezialeinsatz ausgebildet wird. Und die Hymne übertönt das Surren der Drohnen im Hindukusch, als sich dort die Schicksale der drei ›Überlebenden‹ untrennbar verstricken. Eva Munz erzählt von Zugehörigkeit und Identität in einer aus den Fugen geratenen Welt, von trügerischen Wahrheiten im Zerrbild der Medien, von der Unzuverlässigkeit der Erinnerung und einer fragwürdig gewordenen Männlichkeit. Wer ist Freund, wer Feind? Vor allem: Wer bin ich und wer darf ich sein?

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Seitenzahl: 387

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Über das Buch

Kabul, Paris, Los Angeles. Die Schicksale dreier Helden, die ihre Identität suchen, finden und wieder verlieren, rasant verknüpft mit politischem Weltgeschehen. Ein spannender Roman, der poetisch und mit surrealem Humor von der Sehnsucht nach Zugehörigkeit erzählt.

 

Sommer 2001. »Survivor« von Destiny’s Child geht um die Welt wie ein Omen für kommende Ereignisse. Im Pariser Penthouse von Hasir Zaman, einem wohlhabenden Exil-Afghanen, tanzt zu der Melodie die mysteriöse Frau, die er verführen möchte. Beyoncés Stimme schleicht sich in die sündigen Gedanken seines Neffen Sameer, der im Waisenhaus von Kabul aufwächst. Der Song schallt aus dem Lautsprecher eines geheimen Trainingslagers, wo Leutnant Ryder, ein US-Marine, für einen internationalen Spezialeinsatz ausgebildet wird. Und die Hymne übertönt das Surren der Drohnen im Hindukusch, als sich dort die Schicksale der drei ›Überlebenden‹ untrennbar verstricken. Eva Munz erzählt von Zugehörigkeit und Identität in einer aus den Fugen geratenen Welt, von trügerischen Wahrheiten im Zerrbild der Medien, von der Unzuverlässigkeit der Erinnerung und einer fragwürdig gewordenen Männlichkeit. Wer ist Freund, wer Feind? Vor allem: Wer bin ich und wer darf ich sein?

Die Autorin

Eva Munz studierte an der HFF München Film und arbeitete viele Jahre als Regisseurin und Journalistin in verschiedenen Ländern Asiens. Heute lebt sie in New York und schreibt für Magazine und Tageszeitungen. Eva Munz ist Co-Autorin von Die totale Erinnerung – Kim Jong Ils Nordkorea (2006) und hat Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht. Oder sind es Sterne ist ihr erster Roman.

Eva Munz

ODER SIND ESSTERNE

Roman

IN A DREAM YOU SAWA WAY TO SURVIVEAND YOU WERE FULL OF JOYJenny Holzer

SAMEER

KABUL

KURZ VOR SONNENAUFGANG hat sich die Schlange noch gehäutet, dann ist sie eingegangen. Wie ein Geist zittert ihre abgestoßene Haut nun neben dem Kadaver in der Brise. Ein süßlicher Geruch hängt in der Hütte, die sich an den Berg im Norden der Stadt klammert. Der Tanz der Cobra sollte mein kaputtes Auge heilen, Mullah Usmeen und ich haben den ganzen Weg durch Kabul umsonst zurückgelegt. Der Mullah kräuselt seine Nase – sie ragt wie eine gebrochene Flöte aus seinem faltigen Gesicht – und spricht dem Schlangenbeschwörer Trost zu. Dann machen wir uns auf den Rückweg ins Waisenhaus.

Der rostige Ventilator hängt untätig von der Decke des Klassenzimmers, es ist unerträglich heiß diesen Sommer. Wir haben schon lange keinen Strom mehr. Unsere Stimmen verschmelzen beim Aufsagen der Sure, die besagt, dass nur Allah die Vögel in den Lüften hält. Wenn ich Flügel hätte, ich würde sie ausbreiten, den Wind durch die Federn wehen lassen und davonfliegen. Aber ich sitze hier am Boden fest.

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre unsichtbar und niemand könnte mein rotes Teufelshaar oder meine Sommersprossen sehen, niemand würde seinen Blick von meinen grünen Augen abwenden müssen. Ich wünschte, niemand könnte erkennen, dass ich der Sohn einer Hure bin, die sich von einem sowjetischen Dreckschwein hat nehmen lassen. Die Sünden meiner Mutter stehen in meinem Gesicht geschrieben. Jeden Tag muss ich dafür büßen. Einmal habe ich mir freiwillig eine widerliche Schnecke übers Gesicht kriechen lassen, in der Hoffnung, der Schleim würde die Punkte wegradieren, vergeblich. Früher wurde ich nur gehänselt, inzwischen haben sich alle gegen mich verschworen, und sobald die Erwachsenen wegsehen, bin ich fällig.

Irfahn wirft einen Kiesel auf meine takke, seinen Tritten habe ich das zugeschwollene Auge zu verdanken. Zu dritt haben sie mich verprügelt in jener Nacht, so schlimm war es noch nie. Ein andermal haben sie mir im Schlaf die Haare angezündet. Sie nutzen jede Gelegenheit, um mich zu quälen. Ich würde das Unheil anziehen, sagen sie. Langsam glaube ich es selbst.

Ich hätte schon lange abhauen sollen, weit weg von hier, aber am Ende traue ich mich doch nie. Die Bärtigen sammeln Buben von der Straße ein, bringen sie in die Berge und zwingen sie, schlimme Dinge zu tun, von denen nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Im Frühling sind sie im Hof der Schule vorgefahren und haben AliAli geholt, er war der Einzige, der mich in Ruhe ließ. AliAli hieß eigentlich Ali, aber weil er alles doppelt und dreifach sagte und sich immer hin und her bewegte, nannten ihn alle AliAli. Er litt unter Anfällen, bekam oft Krämpfe, einmal quoll sogar Schaum aus seinem Mund. Meistens schwebte er auf einer Wolke des Glücks. Ich beneidete ihn, trotz der Krämpfe. Die Bärtigen kitzelten AliAli, und er wirbelte im Kreis wie ein besessener Derwisch. Mullah Usmeen kam angerannt und bat sie, ihn in Ruhe zu lassen. Er appellierte an den Glauben der Männer. Sie stießen den Mullah in den Dreck und warfen AliAli auf die Ladefläche ihres Wagens, dort, wo das Maschinengewehr befestigt war. Als sie abfuhren, winkte AliAli vom Wagen, lachend. Selbst Irfahn wischte sich Tränen weg.

Seitdem weiß ich, dass wir auch hier nicht sicher sind und dass die Gelehrten uns nicht schützen können. Das Böse lauert überall.

LEUTNANT RYDER

SAN DIEGO

RYDER IST GRUNDZUFRIEDEN mit diesem Tag. Ein Tag wie je-der andere. Die Sonne Kaliforniens scheint wie immer gelangweilt auf den Stützpunkt. Alltag und Routine sind eingezogen und haben die Vergangenheit weichgespült. Ryder hat die Ausbildung bei den Marines bestanden, seitdem ist das Soldatenleben ein Spaziergang. Militärkonfrontationen auf amerikanischem Boden unwahrscheinlich. Somalia ein unscharfer Fleck auf der Weltkarte. Truppen im Kosovo nur noch mit Friedenstauben bewaffnet. Kriegsführung zukünftig ferngesteuert. Der amerikanische Soldat im Schützengraben wird bald ein Anachronismus sein.

Ryder kann sich zurücklehnen. In ein, zwei Jahren wird er sich von einer Sicherheitsfirma anstellen lassen und bei Geldtransporten eine ruhige Kugel schieben oder ein paar Omas vor einem Waldbrand retten. Sogar die verkochten Rippchen in der Kantine sind bei diesen Aussichten akzeptabel.

Da grätscht ausgerechnet dieser General in seine geordnete Idylle. »Ah, ich liebe den Geruch von Meister Proper!«, ruft er und atmet tief ein. »Hygiene! Segnung der freien Welt!« Surfer-Bräune, silbriger Dreitagebart, Pilotenbrille. Die Uniform hängt locker am drahtigen Körper, als wäre sie vom Kostümverleih. Der General wirkt wie ein Schauspieler, der sich bemüht, gleichzeitig authentischer und unattraktiver daherzukommen, als er wirklich ist. Wie alt kann er sein? Fünfzig? Sechzig?

Das Namensschild Bender, Sterne und alle erdenklichen Orden dekorieren seine Jacke. Anscheinend ist er ein hohes Tier.

»Was hat der Spaßvogel hier verloren?«, fragt Ryder seinen Kumpel Kellogg, der ihm Nägel kauend beim Essen zusieht.

Der General kann den Schuss nicht gehört haben, wenn er vorhat, hier mit den Gefreiten zu speisen. Die Kantine des Stützpunkts ist nicht gerade für ihre Gourmetküche bekannt. Streunende Hunde drüben in Mexiko ernähren sich besser. Sogar der fiese Drill-Sergeant bringt sein eigenes Essen mit, dabei kann er seit dem Balkankrieg nichts mehr riechen.

Küchenkraft Lupe beobachtet den General aus dem Schützengraben ihrer rostfreien Anrichte.

»Wunderschönen guten Tag, Fräulein Lupe.«

Ryder kann Lupe aus der Entfernung schlucken sehen.

»Ich bin General Lawrence Bender, Freunde nennen mich Larry. Ich werde demnächst öfter in diesem Etablissement vorbeischauen, die Atmosphäre auf mich wirken lassen, sozusagen. Hätten Sie heute noch etwas anderes zur Auswahl außer den Rippchen? Ich bin Vegetarier, keiner dieser Fundamentalisten, also Eier sind durchaus in Ordnung.«

Lupes tätowierte Augenbrauen fahren hoch, und ihr Häubchen staut sich in ihrem Nacken. »Sir, ich hab noch Hühner-Curry mit Ananas, von gestern, Sir.« Sie wischt sich ein paar Schweißperlen vom Oberlippenflaum und klatscht das atomgelbe Zeug auf den Portionsteller. Ryder erinnert sich an das Aroma, süßlich, wie künstliche Piña Colada.

»Wow, Hühner-Curry. Danke, Fräulein Lupe.« Der General späht in den Raum und bleibt an Kelloggs rasiertem Kopf hängen.

»Achtung, General im Anmarsch!« Kellogg duckt sich.

Der General lässt sich neben Ryder auf die Bank fallen, schiebt seine Sonnenbrille nach oben und durchbohrt Kellogg mit stählernen Blicken. »Leutnant Kellogg, Sie haben ja gar nichts zu essen. Kann ich Sie für dieses exotische Hühnerfrikassee begeistern? Ich verzichte vorerst auf tierisches Eiweiß.«

»Sir, ich kann das leider nicht annehmen, Sir«, sagt Kellogg.

»Sie fasten zu Ramadan, Leutnant?«

»So ist es, Sir.«

Ryder bereitet sich innerlich auf die unvermeidliche Glaubensdiskussion vor.

»Ausgezeichnet. Ich mag charakterfeste Persönlichkeiten.« Der General trennt das Curry vom Kartoffelbrei. »Leutnant Shaikh Kellogg. Ihre Eltern stammen aus Pakistan, richtig?«

»Stimmt genau, Sir. Ich bin allerdings hier geboren, Sir.«

»Kellogg, ein eher ungewöhnlicher Name im Punjab, wenn Sie mir diese Bemerkung erlauben.«

»Sir, eigentlich ist Shaikh mein Familienname, ich habe es aufgegeben, das den Leuten klarzumachen, Sir.«

»Ihre Eltern haben Sie Kellogg getauft?«

»Korrekt, Sir. Mein Vater ist sehr leidenschaftlich, was amerikanische Frühstückskultur angeht, Sir.«

»Kann ich gut verstehen. Was mach ich jetzt mit dir, mein ar mes, vegetarisches Hühnchen?« Der General sieht von seinem Teller auf und nimmt Ryder ins Visier. »Ihnen scheint es immerhin zu schmecken, Leutnant.«

»Ich bin nicht sonderlich verwöhnt, Sir«, sagt Ryder vorsichtig.

»Was genau hat Sie noch mal zu den Marines gebracht, Leutnant?«

»Sir, ich hab im College Basketball gespielt, bei den San Diego Aztecs. Das Training hat mich abgehärtet. Ich dachte mir, hier kann ich meine körperliche Fitness sinnvoll einsetzen, Sir, für die Nation, Sir.« Ryder hofft, dass der General schnell wieder das Interesse an ihm verliert.

»Verstehe«, sagt der General und deutet auf Ryders Teller. »Wussten Sie, dass die Verdauungsgase von Rindern den Treibhauseffekt beschleunigen? Einer der Hauptgründe, warum ich mich zu einer Diät auf Pflanzenbasis entschieden habe. Abgesehen davon halte ich wenig davon, anderen Wesen das Leben zu nehmen, um ausgerechnet unsere Gattung zu erhalten. Die Schäden des Anthropozäns sind zwar irreversibel, aber jeder von uns kann dazu beitragen, dass die Löcher in der Atmosphäre nicht noch größer werden. Viele Weltreligionen haben derartige Überlegungen in ihren Glauben eingebaut. Die Hindus zum Beispiel beten Kühe an. Ich glaube, auch die Zuneigung, die Japaner für elektronische Haustiere verspüren, sind Zeugnis unserer Humanität. Selbst das Recht, sogenannte falsche Götter anbeten zu dürfen …«

Meister Bender scheint geistig an ein fernes Universum angeschlossen. Ohne wirklich zuzuhören, lässt sich Ryder von der an genehmen Stimme berieseln. »Welchen beten Sie an, Leutnant? Gott? Welchen? Lassen Sie mich raten, Leutnant Ryder.«

Die Worte des Generals verklumpen in Ryders Gehirn.

Kellogg kommt ihm zu Hilfe. »Sir, für meinen Vater zum Beispiel ist Ryder ein Ehren-Muslime, wie eine Sonderausgabe von Cornflakes, wenn Sie wissen, was ich meine.«

Der General ignoriert Kellogg.

»Ich bin getauft, katholisch«, korrigiert Ryder.

»Sie sind in San Ysidro aufgewachsen, am Tijuana River, nicht wahr?«, fragt der General scheinheilig, als sei das eine schicke Adresse in Malibu.

»Ja, Sir.«

»Hartes Pflaster für einen Außenseiter irischer Abstammung. Kriminalität, Gangs, Drogen. Da rutscht man schnell ab. Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht und ein Vollstipendium fürs College bekommen. Beeindruckend.« Er nickt Ryder wohlwollend zu. »Ihre Eltern haben Sie gefördert?«

»So würde ich das nicht ausdrücken.« Ryder merkt, dass er rot wird. »Basketball hat sicher geholfen.«

»Aber sagen Sie, sind die Aztecs ’98 nicht wegen Ihnen komplett abgeschmiert?«, fragt der General. »Hatten Sie nicht so etwas wie einen Nervenzusammenbruch? Ich hab das doch in Ihren Unterlagen gelesen.«

Seine Unterlagen? Ryder wäre nie auf die Idee gekommen, dass jemand sich die Mühe machen würde, eine verpatzte Saison im College-Basketball festzuhalten.

»Sir, es war ein eingeklemmter Nerv im Oberarm. Der Sportarzt am College hat das schnell wieder hinbekommen.« Er zuckt betont gelassen mit den Schultern.

Der General lässt nicht locker. »Das hatte eindeutig nichts mit Ihrem Arm zu tun, Leutnant. Die hätten einen Seelenklempner auf Sie ansetzen sollen. Ihre Nerven haben die ganze Saison ruiniert. Vorher waren Sie nicht aufzuhalten. Da muss doch irgendwas passiert sein. War das nicht genau zu der Zeit, als Ihr Vater gestorben ist? Oder war das davor?«

Es war genau zu der Zeit. Ryders Kiefer verhakt sich sofort bei dem Gedanken an seinen Alten.

»Das muss hart gewesen sein. Ausgerechnet der Vater«, sagt der General. »Dieses ganze Chaos beim Erwachsenwerden, das weiße Rauschen der Pubertät, die verkrusteten Vorstellungen von Männlichkeit bringen übrigens nicht nur Sportler um den Verstand. Wir könnten alle wesentlich mehr Achtsamkeit gebrauchen, finden Sie nicht?«

»Profisport war nie mein Ziel. Ich liebe es hier bei den Marines, Sir.« Das mit dem Lieben bereut Ryder sofort wieder.

»Schon mal darüber nachgedacht, etwas ambitionierter an das Leben ranzugehen, Leutnant? Es gibt ein paar exklusivere Programme, von denen Sie vermutlich noch nie gehört haben. Die suchen immer nach Persönlichkeiten wie Ihnen. Nach Leuten, die schon etwas erlebt haben. Ich sehe da Potenzial.«

»Nein, Sir.« Ryder ist verwirrt von der plötzlichen Schmeichelei. Er beißt sich in die Wange. Der rostige Geschmack wirkt beruhigend.

»Warum eigentlich nicht? Und hören Sie endlich mit dem albernen >Sir< auf.«

»Körperlich würde ich das sicher packen, Sir. Bei dem Rest weiß ich nicht.«

»Der Rest? Ich möchte Ihnen einmal etwas erklären, Leutnant. Das Gehirn ist ein wichtiger Teil Ihres Körpers, dort lebt nämlich Ihre Seele. Das Denken jedes Einzelnen beeinflusst die Welt, in der er lebt. Sie sollten sich genau überlegen, wie Sie Ihre gestalten möchten.«

So hat Ryder das noch nie gesehen. Warum eigentlich nicht?

»Sie beide haben sich hier kennengelernt?«, fragt er.

»Ja, Sir. Alte Kriegskameraden«, sagt Kellogg.

»Machen Sie sich nicht lustig. Marines gehen durch dick und dünn, oft ein Leben lang. Wie sieht’s bei Ihnen aus, Kellogg? Sie sprechen was genau: Dari, Farsi, Urdu?«

»Urdu, Sir.« Kellogg fummelt sich einen Nagelsplitter von der Lippe.

»Das heißt, Sie verstehen nicht nur Millionen Pakistanis, sondern auch ein paar Hundert Millionen Inder. Was haben Sie mit dieser Geheimwaffe vor?«

»Sir, ich kann Urdu kaum lesen oder schreiben, meine Mutter beklagt sich immer über meinen amerikanischen Akzent. Aber ich kann Ihnen sagen, wir – also Ryder und ich – haben noch so einiges vor. Wir haben uns nach der Grundausbildung für ein paar Kurse angemeldet, außerhalb der Marines. Theater, Performance, solche Sachen. Ich bin inzwischen schon recht gut im Ausdruckstanz. Ryder tut immer so bescheiden, Sir.«

Ausdruckstanz! Alle Augen in der Kantine sind nun auf Kellogg gerichtet. In der Küche knallt eine Blechschale auf den Boden und rollt scheppernd weiter.

Ryder kann es nicht fassen, was für einen Schwachsinn Kellogg, ohne mit der Wimper zu zucken, dem General erzählt. Der weiß doch, dass sie sich für nichts angemeldet haben. Er hat ihre Unterlagen gelesen. Wo auch immer dieses Kantinen-Rendezvous hinführen sollte, Kellogg hat es jetzt vermasselt.

Prompt schiebt der General den Teller weg und erhebt sich. »Die Herren? War nett, mit Ihnen zu plaudern, aber ich muss jetzt erst einmal in mich gehen.« Er tippt sich mit zwei Fingern an die Stirn. Im Gehen summt er eine Melodie. Ryder könnte schwören, dass es Britney ist.

Später, hinter den Baracken, abseits von den anderen Soldaten, versuchen Kellogg und Ryder, die extravagante Erscheinung zu enträtseln. Gerüchte von Sondereinheiten, die Camps nach Talenten durchkämmen, kursieren in letzter Zeit häufiger, aber Ryder hat sich diese Leute immer anders vorgestellt. Unauffällig. Als Spießer getarnte Kampfmaschinen.

»Dieser General ist doch wahnsinnig, bestimmt einer dieser durchgeknallten PSYOPS-Leute.« Kellogg schielt und malt Kreise in die Luft.

»Er wusste immerhin, dass du Ramadan einhältst«, sagt Ryder.

»Bin gespannt, ob wir von dem noch was hören.«

Ryder kann sich das nicht vorstellen, aber es ist das erste Mal seit Langem, dass er beim Militär jemandem begegnet ist, dem es nicht nur darum geht, recht zu haben, Macht auszuüben oder hart rüberzukommen. Er will rausfinden, was es mit diesem Anthropozän auf sich hat. Vielleicht sogar Vegetarier werden.

Ein paar Tage später überredet Kellogg Ryder, nach dem Dienst noch mit zu ihm zu kommen, um ein paar Runden Snake’s Revenge auf Nintendo zu spielen. Das letzte Mal ist Ryder beim Verhör truth gas verabreicht worden, während Kellogg schon massenweise Geiseln befreit hatte. Das kann Ryder unmöglich auf sich sitzen lassen. Solange er vor Sonnenuntergang nach Hause kommt, wird seine Frau keinen Stress machen.

Auf dem Parkplatz vor Kelloggs Wohnung werden sie von zwei aalglatten Typen in Zivil abgefangen. General Bender hätte sie geschickt, sagen sie einsilbig. Der eine ist dünn, trägt einen blonden Bürstenschnitt auf rosa Kopfhaut, beige Hosen und beiges Hemd. Er sieht aus wie ein Stangenspargel. Der andere erinnert eher an einen Nachrichtensprecher.

Für Ryder riecht das nach Disziplinarverfahren. Wahrscheinlich sind Kelloggs unpatriotische Aktionen doch rausgekommen. Sie haben das Sweatshirt entdeckt, in dessen Innenseite er mit dem Elektrorasierer eine Swastika gefräst hat. Ryder gegenüber hat er das als Spinnrad deklariert, Zeichen postkolonialer Unabhängigkeit. Oder jemand hat das Foto von Halloween gefunden, auf dem Kellogg als Freiheitsstatue mit aufgeschnittener Kehle zu sehen ist. Mit dem Theaterblut hat er bei der Party eine Riesensauerei in der Turnhalle gemacht. Nicht gut angekommen bei den Vorgesetzten.

Oben in Kelloggs Junggesellenbude sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Auf dem einzigen Sessel steht der Fernseher. Kellogg bemüht sich, ein paar Kleidungsstücke vom Bett zu räumen, aber am Ende bleiben alle steif an der Küchentheke stehen. Die beiden Männer lassen sich nichts anmerken und versuchen krampfhaft, wie Kumpel rüberzukommen, doch ihr Ostküsten-Akzent und Ivy-League-Duktus entlarven sie. Schlaumeier.

Ryder und Kellogg hätten den General beeindruckt. Er hätte sie für eine Sondereinheit vorgeschlagen, sagt der Nachrichtensprecher.

»Das ist doch ein Witz, oder?« Kelloggs Augen springen zwischen den beiden hin und her.

»Negativ. Wir folgen den Anordnungen eines Viersternegenerals. Wir haben ein bisschen in Ihren Lebensläufen gestöbert und keine nennenswerten Verfehlungen finden können. Sie sind einigermaßen sauber«, sagt der Spargel, der andere räuspert sich auffällig. »Ob Sie wirklich etwas draufhaben, liegt im Ermessen des Generals.«

Ryder kann beim besten Willen keine Ironie heraushören.

Dann legen die Typen los. Die kompakte Einheit sei ein experimentelles Sonderprogramm im Grenzbereich zwischen Militär und Geheimdienst. Thinktank und Trainingslager in einem, spezialisiert auf Präventivmaßnahmen. Der General arbeite an Strategien, die US-Bürger im In- und Ausland vor Terroranschlägen schützen sollen. Ziel sei es, die Einheit später auf internationale Missionen zu schicken, um Terrorzellen aufzuspüren, zu infiltrieren, Drahtzieher auszuschalten.

Ryder schlägt der Puls bis zum Hals, das ist der Stoff aus Actionthrillern, nur der Begriff Thinktank macht ihn stutzig. Ihm leuchtet ein, dass sie Interesse an Kelloggs Sprachkenntnissen haben, aber spätestens in dieser Bruchbude muss den Leuten doch klar geworden sein, dass Kellogg ein Chaot und kein geheimdienstliches Präzi sionswerkzeug ist. Und Ryder besitzt nicht einmal einen Reisepass.

Weil es sich bei dem Sonderkommando um eine sogenannte weiße Einheit handelt, so die Männer, hätten die wenigsten je davon gehört. Egal, ob Ehefrauen, Liebhaber oder beste Freunde – niemand dürfe etwas davon erfahren. Jegliche Namen müssten sofort vergessen werden, Diskretion und Geheimhaltung stünden an oberster Stelle. Falls Ryder und Kellogg die Probezeit bestünden, würden sie in die Eliteeinheit aufgenommen.

Obwohl die beiden zuerst so tun, als sei es eine Art Bewerbungsgespräch, wird klar, dass sie eigentlich nicht wollen, dass Kellogg und Ryder sich zu sehr den Kopf zerbrechen. Die Begriffe »Ehre« und »unsere Nation« fallen häufiger, alles andere bleibt vage.

Die Sache werde als Fortbildung für Friedenseinsätze kommuniziert und sie sollten sich an strikte Sprachformeln halten, wenn sie mit Freunden oder Familie darüber sprächen. Ideal für seine Frau, denkt sich Ryder. Katie hat sich bis heute nicht mit der Tatsache abfinden können, dass Töten zum Aufgabengebiet eines Marines gehört. Das Wichtigste an der Strategie sei, so der Spargel, die Leute mit Information zu überfluten und mit Jargon zu verwirren. Quantität sei wichtiger als Qualität. Immer weiterreden! Die Zuhörer sollten ermüdet werden, bis sie das Interesse am nicht vorhandenen Kleingedruckten verlieren. Alles würde ausschließlich mündlich vereinbart. Dann übt der Spargel noch ein paar Runden verbale Zuckerwatte mit ihnen.

Draußen dämmert es schon, als er Ryder die Hand hinhält. Ryder und Kellogg werden gar nicht mehr gefragt, ob sie überhaupt dabei sein wollen.

Die Privilegien des Soldatenlebens. Befreiung von der Qual der Wahl!

»Wird schon ok sein«, sagt Kellogg und schlägt ein. Sein Magen knurrt.

Ryder will sich im Gehen noch bei dem Spargel bedanken, kann sich aber nicht an seinen Namen erinnern. Haben die sich überhaupt vorgestellt?

HASIR ZAMAN

PARIS

DU STELLST DICH MIT DEINEM französischen Namen vor, Henri.

»Inès?«, sagt die Kellnerin, als sei sie sich nicht ganz sicher. Ihre großen Augen schwimmen unter schweren Lidern, die Wimpern werfen Schatten auf die hohen Wangenknochen, ein leichter Überbiss ragt zwischen den vollen Lippen hervor. Die Haut schimmert oliv. Das eigensinnige Haar ist mit einem dieser roten Haushaltsgummis halbherzig zum Chignon gezähmt. Die Nase war offenbar einmal gebrochen. Jeder Chirurg könnte das wahrscheinlich ambulant wieder in Ordnung bringen. Ihrer Stimme gibt es immerhin ein charmantes Timbre, als sei sie erkältet. Die dünnen Arme scheinen achtlos am mageren Körper angebracht. Als klassische Schönheit kann man sie nicht bezeichnen.

Aber sobald sie sich bewegt, fügt sich alles zu einer eigenwilligen, betörenden Choreografie. Es ist, als würde man durch die Schlitze eines Zoetrops blinzeln und das Pferd zum ersten Mal im Flackern des Lichts galoppieren sehen. Etwas Unheimliches und zugleich Vertrautes geht von ihr aus. Du hast auf einmal Sehnsucht. Heimweh. Ein körperliches Verlangen, das du seit Ewigkeiten nicht mehr gespürt hast.

Sie muss ziemlich verzweifelt sein, wenn sie im Chez Farida arbeitet, dem marokkanischen Restaurant, welches dein Freund Ziad geerbt hat. Ziad ist ein Ausbeuter und nicht gerade dafür bekannt, sein Personal fair zu behandeln. Du kennst ihn seit Studienzeiten, ein Playboy, der mit Baseballkappe und zerrissenen Jeans versucht, von Haarausfall und Midlife-Crisis abzulenken.

Das Restaurant ist wie immer voll, aber heute nimmst du die bobos und Touristen, die sich vom Marais hierher verlaufen haben, kaum wahr. Deine Aufmerksamkeit gilt nur ihr. Als sie wieder an deinen Tisch kommt, hinten am Fenster, fragst du, ob sie den Bordeaux oder den Wein aus dem Rhone-Tal empfehlen würde.

»Möchten Sie probieren?«, fragt sie angespannt, sie muss spüren, dass Ziad sie beobachtet.

Ziad sehe nicht her, behauptest du. Gelogen.

»Bouf! Bei dem weiß man nie. Ich bin neu hier. Haben Sie schon ein Gericht gewählt?« Auf ihrer Bluse zittern Fettspritzer, knapp über der Brust, ein krummes Ausrufezeichen, wie von einem Kind gezeichnet.

Die Speisekarte, geografisch unverbindlich, kennst du auswendig: Soupe à l’Oignon, Couscous Marocain, Boeuf Bourguignon. Die Tajine Farida ist nach Ziads Mutter benannt, die dafür Kalbfleisch statt Lamm verwendet hat. Angeblich soll die Matriarchin die Kälber eigenhändig geschlachtet haben. Du nimmst die Tajine, und Inès verschwindet in der Küche.

Ziad schlendert an deinem Tisch vorbei. »Eine manouche, keine Papiere, Zigeunerpack. Legasthenikerin, ein Wunder, dass sie überhaupt eine Bestellung aufnehmen kann. Unzuverlässig, kein Zeitgefühl. Sei bloß vorsichtig. Die kommen und gehen, können nicht anders. Sie hat es auf dein Geld abgesehen.« Trotz seiner abfälligen Worte scheint auch er fasziniert. Aber ihre Blicke gelten dir.

Später räumt sie den schweren Tontopf ab, die Tajine hast du kaum angerührt. »Nicht hungrig?«

Nicht besonders. Du fragst Inès, ob sie hungrig sei. Du willst, dass sie stehen bleibt, willst ihre heisere Stimme hören. Sie überlegt einen Moment.

»Immer, nur nicht nach Essen.« Melancholie schwingt in ihrer Antwort mit.

Ob sie Lust hätte, nach der Arbeit auszugehen, ihr könntet gemeinsam hungrig sein.

Sie schnalzt mit der Zunge und wendet sich ab.

Vor dem Restaurant zündest du dir eine Filterlose an und wartest trotzdem. Der Nieselregen verschleiert die Straßenbeleuchtung. Als Inès endlich herauskommt, zerrt sie den Gummi aus den Haaren, und ihre wilden Locken springen in der Feuchtigkeit auf. Sie nimmt einen Zug von deiner Zigarette, pflückt Tabakkrümel von ihren Lippen und bläst perfekt geformte Rauchringe in die Herbstluft.

»Wo willst du hin?«

In eine Bar?

Sie zuckt mit den Schultern, enttäuscht.

Les Bains?

»Ich sehe verboten aus.«

Sie könnte sich umziehen. Wo sie wohne?

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass du dich jemals in diese Gegend verläufst.«

Du bietest an, sie zur Metro zu begleiten.

»Wie, das war’s jetzt? Wo wohnst du denn?«

In der Nähe. Drüben im 11. Arrondissement.

»Warum gehen wir nicht zu dir? Das Wetter ist grässlich.«

Das vorzuschlagen hättest du nicht gewagt, zu dieser Uhrzeit.

»Du bist zu höflich, um mich anzuspringen.« Sie zittert in der Kälte.

Dass es Unvermögen, nicht Höflichkeit sei, verkneifst du dir zu sagen.

Auf dem Weg hältst du den Schirm über ihren zerschlissenen Trenchcoat. Dein Maßanzug wird nass.

»Ist Ziad ein Freund von dir?«

Ihr habt beide an der Sorbonne studiert. Film, lange her.

Sie schweigt, und du überlegst, was eure Freundschaft wirklich ausmacht.

Im Aufzug schlägst du vor, ein paar Platten aufzulegen, obwohl dein Musikgeschmack dein Alter verraten wird. Wie alt Inès wohl ist?

»Ja! Tanzen.« Ein Lächeln erhellt ihre Züge. Es erstirbt, als sie aus dem Aufzug ins Penthouse tritt. Selbst höhere Töchter, die du früher oft in Clubs aufgegabelt hast, waren eingeschüchtert, wenn sie in die Wohnung kamen, obwohl sie weder besonders groß noch teuer eingerichtet ist. Keine Kunst an den Wänden. Manche loben die Aussicht über Paris, den offenen Kamin, andere das Zusammenspiel verschiedener Design epochen oder die ungewöhnliche Farbgebung. Letztes Jahr hast du die Sessel eines obskuren italienischen Möbelmachers in staubigem Lila neu beziehen und die Wände in der Farbe des Vergessens streichen lassen. Die Beleuchtung ist dir gelungen, sie verleiht den Räumen eine gelassene Eleganz. Das Filmstudium war nicht völlig umsonst.

Inès reagiert auf etwas anderes. »Was ist das für ein Geruch?«

Oud, erklärst du und zündest ein brüchiges Stück Agarholz an, das du einem Gauner aus den Emiraten für eine obszöne Summe abgekauft hast.

Sie atmet den Rauch ein und schließt die Augen. »Es riecht magisch!«

Du streifst die Schuhe ab und hängst ihren nassen Mantel auf, das Ausrufezeichen auf der billigen Bluse ist nun verlaufen, der Nagellack an ihren Zehen abgeblättert. Vor dem Bücherregal legt sie den Kopf zur Seite und zieht das kommentierte Drehbuch von Antonionis Il deserto rosso heraus.

Du fragst sie, ob sie gerne lese.

»Ich mag Geschichten, die mich an andere Orte transportieren, zu fremden Kulturen und Menschen. Ich bin aber eher ein langsamer Leser.« Es klingt, als würde sie sich eines Verbrechens bekennen.

Geschichten. Orte. Menschen.

Du überlässt sie den Büchern und setzt in der Küche Tee mit Nelken und Zimt auf. Im Schlafzimmer schlüpfst du in trockene Sachen. Dein Herz rast.

Als du zurückkommst, sitzt sie auf dem Teppich und ist in das Fotoalbum deiner Kindheit vertieft. Das lose Foto von einer Schulklasse in Kabul rutscht heraus.

»Wo ist das?«

Afghanistan.

Sie fährt mit dem Finger über das Foto.

Es sei ein Waisenhaus, das du finanziell unterstützt. Das klingt viel großzügiger, als es ist, denkst du und bist froh, dass sie nicht nachhakt. Du erwähnst nicht, dass der Junge mit den roten Haaren und den Sommersprossen auf dem Bild dein Neffe ist.

Die Personen auf den eingeklebten Bildern stellst du vor. Deine Eltern neben einem Sportwagen vor der Villa in Kabul, bei den Pyramiden in Ägypten, vor der Freiheitsstatue in New York. Andere Bilder zeigen deinen Vater in seinem Arbeitszimmer neben einer Godrej-Schreibmaschine, Bekannte aus LA und Beirut, die Lkw-Flotte des Familienunternehmens, Zaman Logistics, blühende Mohnfelder. Ein größeres deiner Eltern, auf einem Sofa mit König Zahir Shah in dessen Exil in Rom. Die Augen von allen dreien rot angeblitzt.

»Sie sehen aus wie Aliens.« Inès erkennt den Monarchen nicht.

Bei den Aufnahmen eines buzkashi-Turniers hält sie inne. Reiter jagen über ein offenes Feld, die weiß gepuderten Gipfel des Hindukusch dahinter ragen in den Technicolor-Himmel. Dein Vater hatte deine Schwester und dich mitgenommen, du warst noch ein kleiner Junge.

»Was ist das? Ein Pferderennen?«

So ähnlich. Ein Sport aus Zentralasien, erklärst du.

In der Handschrift deiner Mutter steht darunter: Uzma et Hasir 1976.

»Wer sind Uzma und Asir?«

Uzma sei deine Schwester. Hasir mit H, betonst du, das H werde ausgesprochen, wie bei den Arabern. Es sei dein afghanischer Name.

»Hhhhasir mit hasch. Ich mag den Namen.« Sie runzelt nachdenklich die Stirn.

Du seist aber kein Araber.

»Dann musst du etwas Besseres als Tee im Haus haben. Cognac? Mir ist kalt.«

Du holst eine Flasche alten Armagnac aus dem Küchenschrank, schenkst ihr ein und überlegst, selbst ein Glas zu trinken. Auf das bisschen Alkohol kommt es jetzt auch nicht mehr an. Du wirst wie immer versagen.

»Wolltest du nicht Musik auflegen?«

Grace Jones’ »Walking in the Rain« scheint dem Wetter angemessen.

Das Album auf dem Schoß, bewegt sich Inès zum Rhythmus und summt eine jazzige Gegenmelodie.

»Erzähl mir von dem Sport.«

Buzkashi sei Afghanistans Antwort auf Polo, sagst du. Zwei Mannschaften sogenannter chapandaz-Reiter versuchten, sich gegenseitig einen kopflosen Schafsbock abzujagen, den sie über ein Spielfeld zerren. Ziel sei es, den Kadaver vor dem Preisrichter abzulegen. Manchmal ginge so ein Turnier tagelang. Buzkashi sei in Zentralasien einmal sehr prestigeträchtig gewesen, doch Tadschiken, Usbeken und selbst Pakistanis hätten das primitive Spiel längst für modernere Sportarten aufgegeben. Nur die Afghanen hielten noch daran fest. Aus dir unerklärlichen Gründen.

»Beeindruckend, diese Bilder!«

Du hast sie seit Jahren nicht mehr angesehen. Die Fotos wirken wie eine Reportage aus dem Life-Magazine, dabei hat sie ein Teenager, Murtaza Sabari, aufgenommen. Murtazas Teleobjektiv ist ganz nah an die angestrengten Gesichter der Chapandaz herangekommen, die Mähnen der Pferde wie stürmische Pinselstriche, das Gebirge samtig in der Ferne. Dein Vater hat das Wunderkind der Sabari Studios oft beschäftigt, nachdem dessen Clan bei einem sowjetischen Luftangriff ausgelöscht wurde. Murtaza überlebte, verlor allerdings ein Bein. Du fragst dich, was wohl unter den Taliban aus dem Studio geworden ist.

»Das bist du, oder?« Inès zeigt auf das Bild eines Jungen, der aus einem roten Skianorak hervorgrinst. Deine kleine Schwester Uzma verzieht keine Miene. Dein Vater wollte sie zuerst nicht mitnehmen, es sei ein Männersport, aber Uzma konnte sich schon als Kind immer durchsetzen. Seine Hand liegt auf ihrer Schulter. Er trägt den Siegelring mit dem eingravierten Halbmond, den du nach seinem Tod in einer Schachtel gefunden und dir an den Finger gesteckt hast. Inès blickt auf deine Hand, die an dem Ring herumspielt.

»Buzkashi klingt eher japanisch.«

Buzkashi sei ein primitiver Sport, das Gegenteil japanischen Feinsinns. Japaner würden sogar Sterben zur Kunstform stilisieren. Melancholie, Verfall und Vergänglichkeit würden dort als wesent licher Bestandteil des kreativen Schaffens und der Wahrnehmung von Kunst verstanden. Afghanistan hingegen serviere einem Leben und Tod mit der rohen Axt eines Schlachters, alles sei der Brutalität der Natur und den endlosen Kriegen unterworfen. Afghanistans Erde ist mit Blut getränkt. Sogar die Äpfel schmecken nach Fleisch.

Du spürst ein Pulsieren an der Stelle, wo sich eure Schultern berühren. Ihre Augen so nah, ihr Atem auf deiner Haut. Unerreichbar. Du wünschtest, sie würde aufhören, in deiner Vergangenheit her umzuwühlen, und fürchtest zugleich, sie würde sich mit dem Hasir der Gegenwart langweilen.

Wo sie herkäme?

»Herkunft ist nicht alles.«

Sie hat keine Ahnung von der Last eines Vaterlandes, beneidenswert.

»Warum hast du Afghanistan verlassen?«

Du hättest eine andere Kultur gesucht, um dich zu entfalten. Du hast dich mit den französischen Modegöttern befasst, mit den Künsten, der Politik, der Philosophie und dich vor allem im Dunkel der Kinos verzaubern lassen. Du genießt die Küche und bist sogar ihrer Akzent-, Zirkumflex-, und Cédille-befallenen Sprache Herr ge worden.

»Du bist lustig, Hasir.«

Zum ersten Mal in deinem Leben gibst du zu, dass du fast geweint hast, als du endlich den Pass der Grande Nation in deinen Händen gehalten hast. Die Arabesken des Stils, der Klasse und Verführung hättest du trotzdem nie ganz gemeistert. Obwohl du es lange versucht hast. Du wolltest französischer werden als die Franzosen.

Bei Gott, und wie du es versucht hast!

»Sssccchhhh! Hasir mit Hhhaasssccchhh!«

Inès’ Hände schlängeln sich durch die Oud-Schwaden, bis ein Finger auf deinen Lippen landet.

Eine einzige Geste, ein Sssccchhhh, und der Fluch des Unvermögens ist gebrochen.

SAMEER

KABUL

MEIN AUGE IST SCHLIMMER GEWORDEN, immerhin pocht es nicht mehr so, vielleicht bin ich nur zu schwach, um noch etwas zu spüren. Ameisen klettern über mein Fladenbrot. Irfahn schnappt es sich. Es ist mir egal, ich bekomme ohnehin keinen Bissen herunter. Nachts schwitze ich fiebrig, als sei ich schon in der Hölle. Einmal kam AliAli mich besuchen, er schwebte, durchsichtig wie die abgestoßene Haut der Schlange, lächelte, dann drehte er sich weg und verschwand wieder im Dunkel.

Tagsüber fröstelt mich, obwohl dies ein besonders heißer Sommer sein soll. Ich schließe auch mein heiles Auge, die gleißende Sonne scheint mir auf die Lider und bringt die Adern, die sich darin fein wie die Triebe der Zedern verästeln, zum Glühen.

Draußen im Hof poltert plötzlich die Stimme Hasir-saybs. Ich wusste gar nicht, dass er kommt. »Wo ist der Junge? Ich will ihn sofort sehen!« Der Onkel aus Paris klingt verärgert.

»Hasir-sayb, welche Ehre! Wir sind auf Ihren Besuch nicht vorbereitet.« Mullah Usmeen versucht, den Onkel zu besänftigen. Vergeblich.

»Wo steckt er denn?«

Alle im Klassenzimmer halten den Atem an. Der Lehrer schaut mich besorgt an. So spricht man nicht mit Mullah Usmeen. Er wird dem Onkel alles erzählen. Er wird ihm sagen, dass ich den Streit mit Irfahn angefangen habe. Dass Irfahn mich als den Sohn eines sowjetischen Dreckschweins beschimpft hat, wird er verschweigen. Der Mullah wird ihm verraten, dass wir den Frauen im Nachbarhaus beim Baden zugesehen haben, durch den Spalt. Der mit dem verkrüppelten Arm und der Dicken, deren Bauch über ihren haarigen Schritt hing. Wahrscheinlich weiß der Mullah auch, dass ich mich nachts selbst anfasse, bis meine Schlange ihr weißes Gift speit.

Er wird ihm sagen, dass ich behauptet habe, der Onkel aus Paris sei wirklich mein Onkel. Obwohl jeder weiß, dass er nur ein guter Muslim ist, der die fünf Säulen des Islam beachtet und uns Waisen Almosen gibt. Der Lehrer wischt mir mit dem Ärmel übers Gesicht, rückt die Takke zurecht und zerrt mich in den Hof. Jetzt werde ich auch noch dem Onkel aus Paris Schande bringen. Gnade!

Hasir-sayb steht wie ein Kinoheld vor einem weißen Toyota. Er trägt westliche Kleidung und streicht sich selbstbewusst das Haar aus dem glatt rasierten Gesicht. Sein Begleiter Behrooz dagegen, ein Berg von einem Mann, trägt einen stolzen Bart, die Spitzen noch rot vom Henna der Hajj, und schnippt mit seiner Gebetskette.

Als der Onkel mich sieht, spricht er plötzlich ganz leise. »Was ist denn mit dem Auge passiert? Ist er verprügelt worden? Ich zahle jedes Jahr Millionen von Rupien, um den Jungen zu ernähren, einzukleiden und ihn in die Schule zu schicken, genug, um das ganze Waisenhaus zu betreiben. Da komme ich einmal unerwartet und finde den Bengel abgemagert, schmutzig und krank.«

Mullah Usmeen verbeugt sich nervös. »Wir haben Sameer zum Schlangenbeschwörer gebracht, aber das Tier war verstorben. Hier wird niemand geschlagen, das ist ein zivilisierter Ort.«

Der Onkel schnalzt verächtlich mit der Zunge. »Ich halte Schlangenbeschwören nicht für ein Zeichen von Zivilisation.«

»Hasir-sayb, die Buben sind ungestüm in diesem Alter«, sagt der Mullah. »Er muss ausgerutscht sein.«

Ich sollte diese Lüge bestätigen, behaupten, ich sei hingefallen. Sonst bekommt der Mullah nur Probleme. Es ist zwar gelogen, doch auch in der Wahrheit lauert Sünde.

Der Onkel beugt sich zu mir, ich erwarte eine Ohrfeige, aber er deutet nur auf mein Gesicht. »Das Auge ist total vereitert!« sagt er angewidert.

Mir wird schwindlig, der staubige Boden verschwimmt, als der Onkel mich an sich reißt und ganz fest in die Arme nimmt. Sein feines Hemd riecht wie frisch gehacktes Holz und die Berge nach dem Regen. »Ihr solltet euch schämen. Er ist doch noch ein Kind.«

»Hasir-sayb, ich bitte Sie. Wir tun, was wir können«, sagt der Mullah.

Ich versuche, mich so still wie möglich zu halten. Dann werden die Stimmen auf einmal leiser, und der Boden gibt nach. Fühlt sich so Sterben an?

Eine grelle Lampe blendet mich. »Da bist du ja wieder, Sameer-jan! Geht es dir besser?« Ein Doktor hilft mir beim Aufsetzen. Auf seiner Glatze sprießen nur wenige Haare. »Schau meinem Finger nach«, sagt er und bewegt diesen nach rechts. »Stillhalten.« Ein kurzes Stechen im linken Auge taucht alles in Rot. Erleichterung. Der Druck lässt nach, und es öffnet sich. Ich kann wieder mit beiden Augen sehen! Der Doktor tupft mit einem Wattebausch blutigen Eiter weg. Jemand streicht mir über den Rücken.

»Du bist sehr tapfer, Sameer-jan!«, sagt der Arzt. Wahrscheinlich will er sich nur bei Hasir-sayb einschmeicheln. »Wir werden dich wieder gesund machen. Wie alt bist du? Zehn?«

»Ich bin dreizehn«, sage ich wahrheitsgetreu.

Der Doktor seufzt. »Der Junge muss mehr essen, sein Körper braucht Kraft. Er ist noch im Wachstum.«

Hasir-sayb begutachtet Instrumente in einer Vitrine. »Sie haben keine Ahnung, wie wütend ich bin, Doktor. Primitivlinge!« Er muss die Sowjets meinen. Selbst der Doktor sieht, dass meine Mutter sich von einem hat nehmen lassen.

Der Doktor wischt den Rost von einer Tube mit Salbe und demonstriert Behrooz, wie mein Auge gesäubert werden soll. »Antibiotika«, sagt er überdeutlich und hält ihm eine Dose mit Tabletten hin. »Der Junge muss jede Einzelne davon nehmen. Morgens und abends nach dem Gebet. Er darf keine auslassen. Sehen Sie zu, dass ihm niemand diese Pillen wegnimmt.«

Behrooz lässt die Dose in seiner Weste verschwinden.

»Das sind die allerletzten Antibiotika«, lamentiert der Doktor. »Sehen Sie sich um, Hasir-sayb. Wir brauchen dringend Material, um das Hospital weiter zu führen. Medikamente, Aspirin, Spritzen, Impfstoffe, Verband. Jedes Pflaster zählt.«

»Behrooz wird sich darum kümmern«, sagt der Onkel.

»Die Route Islamabad–Kabul wird neuerdings geplündert«, sagt Behrooz. »Wir werden es über den Iran versuchen.«

»Ich kann immerhin Desinfektionsmittel herstellen hier.« Der Doktor tippt eine der Flaschen an, die im Regal aufgereiht stehen. »Heimlich natürlich, wegen des Alkohols. Die Taliban glauben nicht an die Wissenschaft. Alhamdulillah für mein Stipendium in Moskau, Hasir-sayb. Wenn es etwas gibt, wofür wir den Sowjets dankbar sein können, dann für den Fortschritt, den sie uns gebracht haben.«

Warum lässt Hasir-sayb zu, dass der Doktor so gut über die Sowjets spricht? Meinetwegen?

Feierlich befestigt der Doktor eine schwarze Klappe über meinem Auge und zieht den Gummi fest. »Du wirst dich bald besser fühlen, Sameer-jan.«

Als wir rausgehen, jagt mir mein Spiegelbild in der gebrochenen Fensterscheibe einen Schrecken ein. Ein abgemagerter Rothaariger in Lumpen. Der Onkel liest meine Gedanken. »Lass uns zum Bazaar fahren, etwas essen und ein paar Klamotten kaufen. Ärztliche Anordnung.« Er gibt mir einen freundschaftlichen Schubs.

Auf dem Pul-e-Khishti-Bazaar sorgt der Auftritt des berühmten Hasir Zaman aus Paris für Aufregung. Wildfremde Leute stürzen auf ihn zu und wünschen ihm Gesundheit, halten seine Hand. Dem Onkel scheint das alles unangenehm. Behrooz ist damit beschäftigt, ihm das Gedränge vom Leib zu halten. Ich wittere die Gelegenheit wegzulaufen, bevor sie mich wieder in die Schule zurückbringen. Als ich mich in Richtung der Teppichgasse schleiche, landet Behrooz’ schwere Hand in meinem Nacken. »Mach jetzt keinen Ärger, Sameer-jan. Dein Onkel ist ein guter Mann. Er wird für dich sorgen.«

In einem Restaurant setzen sie mir einen Berg gewürzten Reis mit einem ganzen Fleischspieß vor. Der Onkel raucht, während er mir beim Essen zusieht. Er ist ein wohlhabender Mann in feinem Tuch, zu dem die Leute aufsehen, aber in seinen Augen spiegelt sich Traurigkeit. Ich fürchte seine Wut, die ihn manchmal wie ein böser Jinn überfällt. Dabei hat er alles.

Behrooz zeigt mir, wie man den leuchtenden Saft von Orangen und Granatäpfeln durch einen Strohhalm trinkt, es schmeckt himmlisch. Inzwischen ist mir nicht mehr schwindlig. Als er zahlt, schnappe ich mir den Halm aus dem Müll und stecke ihn heimlich in den Ärmel.

Bei einem Kleiderhändler hält der Onkel Jeans hoch.

»Das erlauben die Mullahs nie«, sagt Behrooz.

Der Händler zeigt Hasir ein paar Hemden mit passenden Hosen, er faltet ein Kleidungsstück nach dem anderen auf. Der Onkel lehnt die meisten ab, nachdem er die Stoffe angefasst hat, schließlich hält er mir ein paar Sachen hin, zum Anprobieren. Mir stockt der Atem. Wir haben im Waisenhaus seit Ewigkeiten keine neue Unterwäsche mehr bekommen. Behrooz stellt sich vor mich, und ich schlüpfe verschämt in Hemden, Hosen, Westen, Jacken, sogar Pullover für den Winter. Der Onkel will die Kleider von allen Seiten sehen, er zupft an den Ärmeln und inspiziert die Nähte.

Der Händler ignoriert mich, ich bin seiner Ware unwürdig. Jedes Mal, wenn er den Mund aufmacht, schließt der Onkel die Augen, als würden ihm die Worte des Mannes Schmerzen bereiten. Wahrscheinlich ist er nur müde. Es dauert ewig, bis er zufrieden ist. Am Ende lässt er den halben Laden einpacken und fragt nach Unterwäsche. Zehn Paar würden genügen, vorerst. Meine Ohren werden heiß.

Ein Schuhverkäufer drängelt sich mit einem Turm aus Kartons herein. Er bietet Hasir-sayb Lederstiefel und Turnschuhe an.

»Welche gefallen dir besser?«, fragt der Onkel.

Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll.

»Also beide«, sagt er.

Der Verkäufer streift einen Turnschuh über meinen linken Fuß, einen Stiefel über den rechten und drückt an den Zehen herum.

Der Onkel starrt auf die Schuhe. »Die sind doch viel zu groß.«

Der Verkäufer knüllt Zeitungspapier zusammen und stopft es in die Spitze. »Das sollte die richtige Größe sein, Sayb. Für später.«

Alle warten auf Hasir-saybs Urteil. »Gib mir die großen Stiefel, ein Paar große Turnschuhe, und dazu je ein Paar, das ihm jetzt passt«, sagt er. »Und zwar ohne Papier. Ich kann Provisorien nicht ertragen. Das Leben findet heute statt.«

Das Leben findet heute statt. Ist das so?

Die Augen der Händler leuchten gierig, als sie Zahlen auf Karton krakeln. Noch bevor ein Preis genannt wird, beginnt Behrooz zu handeln. Das werde ich nie zurückzahlen können.

Hasir-sayb schiebt mich nach draußen in die goldenen Strahlen der Abendsonne. Er zündet sich eine Zigarette an. Den Ruf des Muezzins scheint er nicht zu hören.

Bald kommt auch Behrooz mit Taschen und Schachteln beladen heraus. »Willst du dich nicht bei Hasir-sayb bedanken, Sameer-jan? Hast du kein Benehmen?«

Mein Gesicht brennt schon wieder vor Scham. »Ich kann Ihre Großzügigkeit nicht annehmen, Hasir-sayb.«

»Keine Ursache, Junge. Das ist das Mindeste, was ich für dich tun kann.«

»Ich bin Ihrer Güte nicht würdig, Sayb.«

Der Onkel bleibt stehen. »Tu mir einen Gefallen und freu dich einfach. Es sind nur Anziehsachen. Ich kann diese falsche Bescheidenheit nicht leiden, die sie euch hier eintrichtern. Ein einfaches Dankeschön genügt.«

Falsche Bescheidenheit.

»Ich danke Ihnen. Allah wird Sie belohnen«, sage ich. »Friede sei mit Ihnen!«

Der Onkel schnippt die Zigarette weg. Ein Bettler schnappt sich den glühenden Stummel.

Auf der Rückfahrt halten wir vor dem eleganten Hotel Serena. Der Onkel steigt aus. »Im Winter komme ich wieder. Bis dahin wird Behrooz ab und zu nach dir sehen.« Er reicht mir eine kleine Karte mit fremden Buchstaben und Zahlen durchs Fenster. »Hier ist meine Nummer in Paris. Wenn es wieder Probleme gibt, ruf an. Wenn du irgendwas brauchst oder krank wirst, bin ich immer für dich da.« Er sieht mir an, dass ich das nie tun werde. »Du kannst Behrooz Bescheid geben.«

Ich nicke, aber er ist nicht überzeugt.

»Sag dem Mullah, dass er Behrooz anrufen soll, und er wird sich sofort mit mir in Verbindung setzen.« Aber er weiß doch, dass ich die Karte nicht lesen kann, dass ich weder ihn noch Behrooz anrufen werde. Weil ich noch nie jemanden angerufen habe. Weil ich niemanden kenne. Weil ich ein Niemand bin.

»Inshallah, Hasir-sayb.«

»Hör auf, mich Hasir-sayb zu nennen. Ich bin dein Onkel Hasir. Ich bin dein mamoon, verstehst du?« Er zeigt seine Zähne, die wie Perlen glänzen. »Ich werde dir einen Tutor besorgen, der wird dir Englisch beibringen. Privatunterricht. Es ist die Sprache der Zukunft. Ich möchte, dass du hier eines Tages weggehst, studierst, etwas aus dir machst.« Jeder weiß, dass das nie passieren wird.

»Vielen Dank, Hasir-sayb. Ich meine, Onkel Hasir. Friede sei mit Ihnen!«

Als der Onkel im Hoteleingang verschwindet, sagt er etwas in seiner Sprache, Französisch. Es klingt sanft und wird von kleinen Explosionen im Mund begleitet. Zwei Männer in Uniform salutieren ihm. Onkel Hasir. Ich habe keinen Onkel. Meine Mutter ist tot. Ich bin kein Zaman. Ich bin allein.

Ich muss bald verschwinden. Bald.

LEUTNANT RYDER

SAN DIEGO

KATIES WAGEN IST QUER über beide Stellplätze vor dem Mietshaus abgestellt, die Rücklichter brennen, die Fenster stehen offen, der Schlüssel steckt. Nichts Neues. Ryder hat erst letzte Woche eine neue Batterie eingebaut. Kaffeebecher, Fast-Food-Verpackungen, Klamotten und Nagellackfläschchen in allen Farben des Regenbogens liegen auf den Sitzen verstreut. Die Stereoanlage spielt leise Destiny’s Child. Eine orangefarbene Pillendose von der Apotheke liegt in einer Cola-Pfütze im Fußraum, das Etikett ist aufgeweicht und unleserlich. Die Pillen sind weiß, wie Aspirin, eindeutig nicht Katies Antidepressiva.

Sie steht in der Küche und streicht mit den Händen nervös über den rosafarbenen Jogginganzug, den sie neuerdings rund um die Uhr trägt. Ryder schluckt seinen Ärger hinunter, umarmt sie und flüstert ihr ins Ohr. »Katie, ich hab super Neuigkeiten.«

Ihr Gesicht ist verquollen. Als er sie loslässt, schwankt sie leicht.

»Ich bin für ein Fortbildungsprogramm ausgewählt worden.« Ryder spreizt die Finger zum V.

»Heißt das, dass du wieder seltener nach Hause kommst?«

»Nur in der Anfangsphase.« Es ist stickig, Ryder öffnet ein Fenster. »Ein exklusives Programm für eine Handvoll Soldaten. Ich bin drin. Ich? Kannst du dir das vorstellen?«

Katies Blick bleibt stumpf.

Ryder erinnert sich daran, was der Spargelmann gesagt hat. Mit Information überfluten. »Da wird richtig angepackt. Vor Ort. Brunnen graben, Evakuierungs-Strategien, Deeskalation, Katastrophenschutz, solche Sachen. Ein paar Theorie-Seminare, abends, freiwillig, aber wichtig, jedenfalls am Anfang.«

»Wo soll das stattfinden?«

»Das weiß ich noch nicht. Wird spontan entschieden. Muss man sich drauf einlassen. Ich muss in der Probezeit beweisen, dass es mir ernst ist, sonst kann ich gleich einpacken. Das gilt für jeden, der mitmacht. Kellogg auch.«

»So besonders kann es nicht sein, wenn Kellogg dabei ist.«

Da flackert ein bisschen Sarkasmus durch, ein gutes Zeichen.

»Hör mal, ich denke, ich sollte die Zeit bei den Marines nutzen, um meine Karriere auszubauen. In dem Programm kann ich Erfahrungen sammeln, für später, einen friedlichen Bürojob zum Beispiel.« Ryder versucht, ihrer Lethargie mit Optimismus entgegenzuwirken.

»Was jetzt, Brunnen graben oder Bürojob? Verstehe ich nicht.« Katie stößt auf.

»Die Sache hat nur Vorteile, siehst du das nicht? Es gibt einen Wohnzuschuss, dann können wir endlich hier weg und in unser eigenes Haus ziehen. Mehr Geld, bessere Krankenversicherung, undsoweiterundsofort. Davon profitierst du auch.« Er weicht komplett vom Drehbuch ab, nur um eine positive Reaktion zu bekommen. Sie könnte sich wirklich einmal freuen.

»Wie soll ich je wieder schwanger werden, wenn du ständig weg bist?«

Schwanger werden. Kinder kriegen. Familienplanung. Jetzt fängt das wieder an. Familie ist weder für ihn noch für Katie mit glück lichen Erinnerungen verbunden. Früher hatte sie nicht die geringsten Ambitionen, Windeln zu wechseln. Es müssen die Hormone sein.

»Lass uns eine Pizza bei dem neuen Italiener bestellen, und ich erzähl dir alles.«

»Hast du doch schon. Wiederholen macht es auch nicht besser.« Sie gähnt dabei, ihre Worte sind kaum zu verstehen. Ihr vernebelter Blick fällt auf seine Hände, die er zu Fäusten geballt hat. »Und kein Grund, so sauer zu werden.«

»Hörst du mir überhaupt zu, Katie? Können wir wenigstens so tun, als würden wir miteinander reden?«

Mehr Wischbewegungen über das Sweatshirt.

»Du wirst nie verstehen, wie das ist für eine Frau.«