Odyssee - Gustav Schwab - E-Book

Odyssee E-Book

Gustav Schwab

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Beschreibung

Die Sagen des klassischen Altertums von Gustav Schwab (1792-1850) waren über viele Jahrzehnte ein Klassiker. Auch heute noch begegnen uns im Theater und im Opernhaus, in Museen auf antiken Vasen und neuzeitlichen Gemälden, in Comics und im Film immer wieder Figuren und Motive der trojanischen Mythen. Deshalb lohnt es sich nach wie vor, den wichtigsten und wirkungsreichsten Sagenkreis der Antike, die Geschichten von und um Troia und ihre Helden, zu kennen. Diese Ausgabe der Odyssee, ein wichtiger Bestandteil der Sagen des klassischen Altertums, ist im engen Anschluss an die Schwab'sche Vorlage entstanden, aber durch behutsame sprachliche Anpassungen von Dorothea von der Höh modernisiert und durch gelegentliche Erläuterungen bereichert worden.

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Seitenzahl: 267

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GUSTAV SCHWAB

ODYSSEE

Aus den„Sagen des klassischen Altertums“

Mit einem Vorwort vonProf. Dr. Hartwin Brandt

Bearbeitet vonDorothea von der Höh

VORWORT

Die „Sagen des klassischen Altertums“ von Gustav Schwab (1792 – 1850) waren über viele Jahrzehnte ein Klassiker, heute würde man sagen: ein Bestseller, ähnlich wie Grimms Märchen. Schwab, der als Pfarrer und Lehrer wirkte, wollte aber nicht in erster Linie Geld verdienen, sondern er wollte, wie er in seinen Vorbemerkungen zu den zwischen 1834 – 1840 erschienene n Bänden schreibt, die „innere Kraft der lebendigen Bilder“ der antiken „Natur- und Geisterwelt“ einem jugendlichen und älteren Lesepublikum nahebringen, als „Vorschule für die höhere Bildung“. Derartige didaktische Ziele sind heutzutage, da der gymnasiale Unterricht in den Fächern Latein und Griechisch längst nicht mehr selbstverständlich und für viele auch gar nicht mehr erstrebenswert ist, nicht mehr zeitgemäß – aber dennoch lohnt es sich, den wichtigsten und wirkungsreichsten Sagenkreis der Antike, die in den homerischen Epen „Ilias“ und „Odyssee“ dichterisch gestalteten Geschichten von und um Troja und ihre Helden, zu kennen. Denn im Theater und im Opernhaus, in Museen auf antiken Vasen und neuzeitlichen Gemälden, in Comics und im Film begegnen uns auch heute immer wieder Figuren und Motive der trojanischen Mythen, und ohne Kenntnis der von den antiken Dichtungen hergeleiteten Begebenheiten, Konflikte sowie Kriegs- und Liebesgeschichten lassen sich diese Produkte der künstlerischen Rezeption gar nicht recht verstehen. Doch der Zugang zu dieser fernen (Gedanken-)Welt ist schwierig, und daher bietet es sich auch heute noch an, auf die trojanischen Sagen von Schwab zurückzugreifen, der sich um Vollständigkeit seiner Nacherzählungen der Dichtungen Homers und Vergils sowie um leichte Verständlichkeit bemüht hat. Und zugleich soll die Lektüre Freude bereiten, die spannenden Geschichten sollen unterhalten und zum Weiterlesen anregen. Daher ist der vorliegende Text im engen Anschluss an die Schwab’sche Vorlage entstanden, aber durch behutsame sprachliche Anpassungen modernisiert und durch gelegentliche Erläuterungen (in eckigen Klammern) bereichert worden. Schwab wünschte sich, wie er im Vorwort schrieb, dem Altertum durch seine Nacherzählungen „zahlreiche Freunde bei den Jungen und manche auch bei den Alten [zu] erwerben“ – diesem Ziel möge auch diese Neuausgabe der von Schwab erstellten „Odyssee“ dienen.

Prof. Dr. Hartwin Brandt

INHALT

ODYSSEE

Die Irrfahrten des Odysseus

Telemachos und die Brautwerber

Telemachos bei Nestor

Telemachos in Sparta

Die Verschwörung der Brautwerber

Odysseus nimmt Abschied von Kalypso und scheitert im Sturm

Nausikaa

Odysseus bei den Phäaken

Odysseus erzählt von den Kikonen, Lotophagen, Zyklopen und von Polyphem

Odysseus erzählt vom Schlauch des Äolos, von den Lästrygonen und von Zirze

Odysseus erzählt vom Schattenreich

Odysseus erzählt von den Sirenen, von Skylla und Charybdis, Thrinakia und den Herden des Sonnengotts, vom Schiffbruch und von seiner Zeit bei Kalypso

Odysseus verabschiedet sich von den Phäaken

Odysseus’ Rache

Odysseus kommt nach Ithaka

Odysseus bei dem Sauhirten

Telemachos verlässt Sparta

Gespräche beim Sauhirten

Telemachos kommt heim

Odysseus gibt sich seinem Sohn zu erkennen

Vorgänge in der Stadt und im Palast

Telemachos, Odysseus und Eumaios kommen in die Stadt

Odysseus als Bettler im Saal

Odysseus und der Bettler Iros

Penelope vor den Brautwerbern

Odysseus wird noch einmal ausgelacht

Odysseus ist mit Telemachos und Penelope allein

Die Nacht und der Morgen im Palast

Das Festmahl

Der Wettkampf mit dem Bogen

Odysseus gibt sich den guten Hirten zu erkennen

Die Rache

Die Bestrafung der Mägde

Odysseus und Penelope

Odysseus und Laërtes

Athene beruhigt den Aufruhr in der Stadt

Der Sieg des Odysseus

ODYSSEE

DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEUS

Telemachos und die Brautwerber

Inzwischen waren die Griechen von Troja heimgekehrt, und viele der Helden, die die Schlachten während des Krieges oder den Sturm auf der Heimfahrt überlebt hatten, waren jetzt zu Hause, glücklich oder unglücklich.

Nur Odysseus, der Sohn des Laërtes und Fürst von Ithaka, war noch auf der Irrfahrt und von einem seltsamen Schicksal betroffen. Nach mancherlei Abenteuern saß er in der Ferne auf einer rauen, mit Wäldern bedeckten, einsamen Insel mit Namen Ogygia. Hier hielt ihn eine Nymphe in ihrer Grotte gefangen: die Göttin Kalypso, Tochter des Atlas. [Atlas gehörte zu den Titanen. Sein Name bedeutet „Träger“ und er stützte das Himmelsgewölbe.] Sie wollte ihn nämlich zum Ehemann haben. Odysseus aber blieb seiner Frau Penelope treu.

Schließlich klagten sogar die Götter im Olymp über Odysseus’ Los. Nur der Meeresgott Poseidon, der alte Feind der Griechen, war unversöhnlich und zornig. Er wagte es zwar nicht, Odysseus zu vernichten, aber auf seiner Heimfahrt legte er ihm unaufhörlich Hindernisse in den Weg und trieb ihn in die Irre. Und er war es auch, der ihn auf diese unwirtliche Insel geworfen hatte.

Nun aber wurde doch im Rat der Himmlischen beschlossen, Odysseus aus den Fängen der Inselfürstin Kalypso zu befreien. Auf Athenes Bitte wurde der Götterbote Hermes nach Ogygia geschickt, um der schönen Nymphe Zeus’ unwiderruflichen Beschluss zu verkünden, dass Odysseus die Rückkehr in seine Heimat bestimmt sei.

Athene selbst band sich die goldenen Sohlen unter die Füße, mit denen sie über Wasser und Land dahinschweben kann. Sie nahm ihre mächtige Lanze mit der scharfen eisernen Spitze, mit der sie so manche Helden in der Schlacht bezwungen hatte, und schwang sich von dem felsigen Gipfel des Olymps herunter. Bald stand sie auf der Insel Ithaka, die an der Westküste Griechenlands liegt, vor Odysseus’ Palast. Ihre Göttergestalt war verwandelt, und mit der Lanze in der Hand glich sie dem tapferen Mentes, dem König der Taphier.

Im Haus des Odysseus sah es traurig aus. Die schöne Penelope, Ikarios’ Tochter, blieb mit ihrem jungen Sohn Telemachos nicht lange die Herrscherin in dem verlassenen Palast.

Nachdem längst die Nachricht von Trojas Fall und von der Rückkehr der anderen Helden gekommen war, Odysseus aber immer noch nicht heimkehrte, verbreitete sich allmählich mit immer größerer Sicherheit das Gerücht von seinem Tod. Und schnell erschienen zahlreiche Männer bei Penelope: zwölf von der Insel Ithaka selbst, auf der noch andere mächtige und reiche Leute außer dem Fürsten Odysseus wohnten, von Zakynth zwanzig, von Dulichion zweiundfünfzig. Sie fanden sich mit einem Herold, einem Sänger, zwei geübten Köchen und großem Sklavengefolge bei Penelope ein. Unter dem Vorwand, um die Hand der jungen Witwe zu werben, ließen sie sich alle im Haus nieder, genossen Hab und Gut des abwesenden Fürsten und trieben den frechsten Übermut. Und dieses Unwesen dauerte nun schon über drei Jahre.

Als Athene in der Gestalt des Mentes ankam, fand sie die üppigen Heiratskandidaten eben an der Schwelle des Hauses beim Brettspiel. Sie saßen auf Rinderhäuten; die Rinder hatten sie aus Odysseus’ Ställen genommen und geschlachtet. Herolde und Diener eilten hin und her. Die einen mischten in gewaltigen Krügen Wein unter das Wasser, andere säuberten die aufgestellten Tische mit Schwämmen und zerlegten das reichlich aufgetragene Fleisch.

Der Sohn des Hauses, Telemachos, saß traurig bei den Werbern, dachte an seinen wunderbaren Vater und ob er denn nicht endlich käme, um die Scharen der Frechen zu zerstreuen und sich seinen Besitz zurückzuholen.

Als er die Göttin in der Gestalt des fremden Königs sah, eilte er ihr entgegen und hieß den angeblichen Gast willkommen.

Nachdem beide in den Gewölbesaal des Palastes eingetreten waren und Athene ihre Lanze in den Speerkasten, der sich an der Hauptsäule befand, zu den Lanzen des Odysseus gestellt hatte, führte Telemachos seinen Gast zu Tisch. Er lud ihn ein, sich auf einen Thronsessel mit schön gewebtem Polster zu setzen, und schob ihm einen Schemel unter die Füße. Er selbst stellte seinen Sessel daneben. Eine Dienerin brachte in einer goldenen Kanne Wasser für die Hände des Fremden. Dann trug sie Brot und Fleisch herbei. Ein Diener zerlegte die Speisen und ein Herold goss Wein in die goldenen Becher.

Bald darauf traten auch einer nach dem anderen die Brautwerber ein und setzten sich alle auf stattliche Lehnsessel. Die Herolde besprengten ihnen die Hände, die Mägde reichten ihnen Brot in Körben, die Diener füllten ihnen den Becher bis zum Rand. Und als kämen sie nicht gerade vom Essen, machten sie sich über das leckere Mahl her.

Danach hatten sie Lust auf Tanz und Gesang. Der Herold reichte dem Sänger Phemios die zierliche Harfe, und die Werber forderten ihn auf, zu spielen und zu singen.

Während sie nun der Musik lauschten, neigte sich Telemachos zu seinem Gast hinüber und flüsterte der verwandelten Göttin ins Ohr: „Mein lieber Gast, wirst du mir das, was ich dir sage, nicht verübeln? Siehst du, wie diese Menschen hier fremdes Eigentum verprassen? Das Gut meines Vaters, dessen Überreste vielleicht am Ufer im Regen vermodern oder auf den Wellen umhergetrieben werden? Er wird wohl nicht zurückkommen, um sie zu bestrafen! Aber du sage mir, edler Fremder, wer bist du, wo wohnst du und wo sind deine Eltern? Bist du vielleicht ein Freund meines Vaters?“

Athene erwiderte: „Ich bin Anchialos’ Sohn Mentes, Herrscher über die Insel Taphos. Ich bin mit dem Schiff gekommen, um in Temesa Erz gegen Eisen einzutauschen. Frage deinen alten Großvater Laërtes, der, wie man sagt, fern der Stadt in Kummer auf dem Land lebt. Er wird dir sagen, dass unsere Häuser seit langer Zeit in Gastfreundschaft miteinander leben.

Ich kam, weil ich glaubte, dein Vater sei wieder daheim. Dem ist nun wohl nicht so, aber bestimmt lebt er noch. Es hat ihn wohl auf eine wilde Insel verschlagen, wo er mit Gewalt festgehalten wird. Und ich habe die Ahnung, dass er nicht mehr lange dort bleiben wird, sondern sich bald befreit und heimkehrt!

Du gleichst deinem Vater sehr, lieber Telemachos! Vor allem hast du seine freundlichen Augen! Du musst nämlich wissen, dass ich deinen Vater gekannt habe, bevor er nach Troja aufbrach. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen. Doch sage mir, was ist hier los in deinem Haus? Feierst du denn ein Gastmahl oder ein Hochzeitsfest?“

Telemachos seufzte und antwortete: „Ach, lieber Freund, früher war unsere Familie angesehen und reich. Jetzt ist es anders. Alle diese Männer aus der Nachbarschaft, die du hier siehst, umwerben meine Mutter und verzehren unseren Besitz. Sie selbst kann eine verabscheute Wiedervermählung weder ablehnen noch ihr zustimmen. Und in der Zwischenzeit verwüsten diese Schlemmer mein Haus. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sie mich umbringen!“

Mit zornigem Schmerz antwortete die Göttin: „Wie sehr brauchst du deinen Vater, Junge! Ich empfehle dir, darüber nachzudenken, wie du diesen lästigen Schwarm aus dem Palast loswirst! Lass mich dir einen Rat geben: Morgen sprich zu ihnen, und sage, dass jeder seiner Wege ziehen soll und gehen, wohin er will. Deiner Mutter aber sage: Wenn sie sich neu verheiraten möchte, soll sie in den Palast ihres königlichen Vaters heimkehren. Dort soll die Hochzeit vorbereitet werden.

Du selbst aber rüste dein bestes Schiff mit zwanzig Ruderern aus, und mach dich auf den Weg, um deinen Vater zu suchen. Gehe zuerst nach Pylos im Land Elis und frage dort den ehrwürdigen Greis Nestor. Erfährst du dort nichts, wende dich nach Sparta zum Helden Menelaos, denn er ist als letzter der Griechen heimgekehrt. Hörst du dort, dass dein Vater lebt und dass er zurückkehrt, nun, dann ertrage es noch ein Jahr. Hörst du aber, dass er gestorben ist, dann kehre heim, bringe das Totenopfer dar und errichte ihm ein Denkmal.

Findest du die Brautwerber noch immer in deinem Haus, so überlege, wie du sie durch List oder öffentlich tötest. Schließlich bist du dem Kindesalter längst entwachsen! Hörst du nicht, welchen Ruhm Orestes geerntet hat, weil er seines Vaters Mörder, Ägisth, erschlug? Du bist so groß und stattlich! Sorge dafür, dass auch dich deine Nachkommen loben!“

Telemachos dankte dem Gast für seinen guten Rat und sein väterliches Wesen. Und da der Gast aufbrechen wollte, wollte Telemachos ihm ein Gastgeschenk mit auf den Weg geben. Der angebliche Mentes versprach, wiederzukommen und es auf dem Rückweg abzuholen.

Dann verschwand die Göttin, denn sie flog wie ein Vogel durch den Kamin.

Telemachos staunte über das Verschwinden des Fremden. Er ahnte, dass es ein Gott gewesen war, und dachte über seinen Rat nach.

Im Saal gingen inzwischen Saitenspiel und Gesang weiter. Eben sang der Sänger von der traurigen Heimfahrt der Griechen von Troja und alle Brautwerber lauschten.

Droben im Erker saß derweil die einsame Penelope und das Lied klang zu ihr hinauf. Da stieg sie mit zwei Dienerinnen herab und trat zu den Heiratskandidaten in den Saal ein, jedoch in einen dichten Schleier gehüllt.

Eine der Mägde stand neben ihr, und weinend wandte sie sich an den Sänger Phemios: „Du kennst doch sonst viele herzerfrischende Lieder, guter Sänger! Erfreue sie damit, aber diesen Jammergesang, der mich quält, den lass bleiben! Ich muss auch ohne solche Lieder ständig an den Mann denken, dessen Ruhm durch ganz Griechenland reicht und der noch immer nicht heimgekehrt ist!“

Aber Telemachos sagte freundlich zu seiner Mutter: „Schimpfe doch nicht mit dem Sänger, dass er uns mit dem erfreut, was ihm gerade auf dem Herzen liegt. Nicht den Sängern, sondern Zeus müssen wir die Schuld geben, der ihnen die Lieder eingibt und sie begeistert, wie er will! Lass ihn deswegen immerhin das Leid der Griechen besingen! Odysseus ist ja nicht als Einziger nicht zurückgekehrt. Wie viele andere Griechen sind untergegangen!

Du selbst, liebe Mutter, kehr in die Frauenräume zurück. Erfülle dort deine Aufgaben, webe und beaufsichtige die Arbeit deiner Frauen! Das Wort führen die Männer und vor allem ich, denn ich bin der Herr im Haus.“

Penelope wunderte sich über die vernünftige und bestimmte Rede des Jungen, den sie früher nie so hatte sprechen hören und der auf einmal zum jungen Mann herangereift schien. Sie kehrte zum Erker zurück und beweinte dort einsam ihren Mann.

Auch den Brautwerbern, die vom Wein übermütig wurden, trat Telemachos entgegen und rief in die Versammlung hinein: „Erfreut euch an dem Mahl, aber macht nicht solchen Lärm. Denn es ist ein Vergnügen, dem Sänger in Ruhe zuzuhören! Morgen wollen wir Ratsversammlung halten. Da will ich euch frank und frei den Vorschlag machen, nach Hause zu gehen. Denn es ist Zeit, dass ihr euch an eurem eigenen Besitz gütlich tut und nicht das Erbe eines fremden Mannes vollständig aufbraucht.“

Die Werber bissen sich auf die Lippen, als sie ihn so reden hörten, und konnten über die entschlossenen Worte des jungen Mannes nicht genug staunen. Aber von seinem Vorschlag, zu Penelopes Vater Ikarios zu reisen, wollten sie nichts hören und stritten sich trotzig mit ihm. Endlich standen sie vom Tisch auf und auch Telemachos legte sich schlafen.

Am anderen Morgen sprang er zeitig vom Lager auf, zog sich an und hängte sein Schwert um die Schultern. Dann trat er aus dem Raum, befahl den Herolden, die Versammlung der Bürger einzuberufen, und lud auch die Brautwerber dazu ein.

Als sich das Volk zahlreich versammelt hatte, erschien der Fürstensohn, die Lanze in der Hand. Pallas Athene hatte seiner Gestalt Erhabenheit und Anmut verliehen, sodass er von allen bestaunt wurde. Selbst die Greise machten ihm ehrerbietig Platz und er setzte sich auf den Stuhl seines Vaters Odysseus.

Da erhob sich als Erster der weise, erfahrene Held Aigyptios in der Versammlung. Sein ältester Sohn Antiphos war schon mit Odysseus vor Troja gezogen und erst auf dem Rückweg verunglückt. Sein zweiter Sohn Eurynomos war einer der Brautwerber, während die zwei jüngsten Söhne noch beim Vater zu Hause waren.

Aigyptios sprach: „Seit Odysseus fort ist, haben wir uns nicht versammelt. Wem ist denn auf einmal eingefallen, uns zusammenzurufen? Ist es ein älterer Mann oder ein jüngerer und was will er uns mitteilen? Hat er etwa von einem heranziehenden Kriegsheer gehört? Oder möchte er einen Antrag zum Wohl des Landes stellen? Nun, sicher ist es ein Ehrenmann. Zeus segne ihn, was er auch vorhaben mag!“

Telemachos freute sich über das glückliche Vorzeichen, das in diesen Worten lag.

Er erhob sich, trat in die Mitte der Versammlung, und nachdem der Herold Peisenor ihm das Zepter gegeben hatte, sprach er: „Ich habe euch zusammengerufen, denn Kummer und die Sorge bedrängen mich. Erst habe ich meinen guten Vater, euren Herrscher, verloren, und jetzt stürzt mein Haus ins Verderben und mein ganzer Besitz geht dahin.

Meine Mutter wird von unerwünschten Brautwerbern bedrängt. Sie sträuben sich, meinen Vorschlag anzunehmen und bei Ikarios, dem Vater meiner Mutter, um sie zu werben. Nein, jeden Tag aufs Neue machen sie sich in unserem Haus breit. Sie schlachten unser Vieh und trinken ohne Scheu den funkelnden Wein aus dem Keller. Was kann ich gegen so viele tun? Erkennt doch selbst euer Unrecht, ihr Werber. Habt doch Respekt vor anderen, vor den Nachbarn, zittert auch vor der Rache der Götter! Wann hat euch mein Vater beleidigt, wann habe ich selbst euch Schaden zugefügt, für den ihr Ersatz von mir nehmen dürftet? Ihr aber ladet mir unverdienten Schmerz auf die Seele!“

So sprach Telemachos, weinte dazu und warf zornig sein Zepter auf die Erde.

Die Brautwerber schwiegen, und keiner außer Antinoos, der Sohn des Eupeithes, wagte es, ihm ein heftiges Wort auf seine Rede zu erwidern.

Dieser erhob sich und rief laut: „Welche Unverschämtheit erlaubst du dir gegen uns? Nicht wir Brautwerber haben all das verschuldet, sondern deine eigene intrigante Mutter! Drei Jahre, und bald das vierte, sind vergangen, und immer noch verspottet sie den Wunsch ihres Volkes. Allen verspricht sie ihre Gunst und schickt bald diesem, bald jenem Mann Botschaften zu. Aber im Herzen denkt sie ganz anders.

Doch wir durchschauen ihre List. Sie hat zu den versammelten Heiratskandidaten gesprochen: ‚Ihr jungen Männer, gebt mir mit der Entscheidung und der Hochzeit nur so lange Zeit, bis ich das Leichengewand für Odysseus’ alten Vater Laërtes fertig gewebt habe, damit bei seinem Tod keine Griechin mich tadeln kann, wenn der angesehene Mann als Leiche nicht festlich gekleidet ist!‘ Mit diesem Vorwand gewann sie unsere Herzen.

Und sie saß auch wirklich jeden Tag an der Arbeit. Aber in der Nacht trennte sie heimlich alles wieder auf, was sie tagsüber gewoben hatte. So entging sie unseren Aufforderungen drei Jahre lang und täuschte uns edle Griechensöhne. Eine der Dienerinnen, die sie nachts belauschte, hat uns davon erzählt. Und so überraschten wir sie selbst, während sie damit beschäftigt war, ihr Gewebtes aufzutrennen. Darauf zwangen wir sie, das Werk zu vollenden.

So geben wir dir denn zur Antwort, Telemachos, dass es dir freisteht, deine Mutter zu ihrem Vater zu schicken. Aber du sollst ihr auch befehlen, sich mit dem zu verheiraten, den ihr Vater auswählt oder den sie sich selbst aussucht.

Wenn sie aber die edlen Griechen noch länger verhöhnt und sie mit ihrem Truggewebe täuschen will, so zehren wir auch noch länger von deinem Besitz und werden dein Haus nicht eher verlassen und nach Hause zurückkehren, als bis deine Mutter einen Ehemann gewählt hat.“

Telemachos antwortete: „Antinoos, ich kann doch meine Mutter, die mich geboren und erzogen hat, nicht zwingen und womöglich aus dem Haus verstoßen, egal, ob mein Vater noch lebt oder tot ist. Weder ihr Vater Ikarios noch die Götter würden ein solches Verhalten billigen. Nein, wenn ihr selbst noch ein Gefühl für Recht und Unrecht habt, so verlasst mein Haus und besorgt euch eure Mahlzeiten anderswo. Oder verzehrt wenigstens euren eigenen Besitz und lasst die Bewirtung reihum gehen. Wenn es euch aber richtig erscheint, das Erbe eines einzelnen Mannes zu verschlingen, ohne ihn dafür zu bezahlen, so müsst ihr das tun! Ich aber werde die Ewigen anflehen, damit mir Zeus zur wohlverdienten Entschädigung verhilft!“

Während Telemachos so sprach, schickte ihm Zeus ein Himmelszeichen. Zwei Gebirgsadler schwebten mit ausgebreiteten Flügeln aus den Lüften herab und umeinanderher. Als sie über den Köpfen der Versammelten angekommen waren, schauten sie drohend herab und fingen dann an, sich selbst mit den Klauen Hals und Kopf zu zerkratzen. Dann erhoben sie sich wieder und stürmten über Ithaka davon.

Der anwesende greise Vogelschauer Halitherses erkannte darin, dass den Brautwerbern großes Verderben drohe. Denn Odysseus sei noch am Leben und schon auf dem Weg nach Hause. Und der Tod wartete auf alle diese Männer.

Aber der Werber Eurymachos, Polybos’ Sohn, machte sich über das Zeichen lustig und sagte: „Geh du nach Hause und verkünde deinen eigenen Kindern ihr Schicksal, alberner Greis! Uns wirst du nicht einwickeln. Viele Vögel fliegen unter den Strahlen der Sonne herum, aber nicht alle bedeuten etwas. Nichts ist so sicher, wie dass Odysseus in der Ferne starb!“

Im Übrigen bestanden die Heiratskandidaten weiter darauf, dass Telemachos’ Mutter selbst das Haus verlassen, zu ihrem Vater Ikarios ziehen und dort wählen solle.

Da redete Telemachos nicht länger auf sie ein. Er bat das Volk nur um ein schnell segelndes Schiff und zwanzig Ruderer, um in Pylos und Sparta nach dem verschollenen Vater zu fragen. Sollte er noch leben, so würde auch Telemachos noch ein weiteres Jahr abwarten. Sollte er aber tot sein, so solle ein anderer die Mutter zur Frau nehmen.

Da erhob sich Mentor, Odysseus’ Freund, dem der Held bei seiner Abreise nach Troja die Sorge für sein Haus und seine Familie anvertraut hatte.

Er wandte sich an die Brautwerber und rief zornig: „Kein Wunder, wenn ein König Recht und Gerechtigkeit vergisst, immer wütend ist und grausame Verbrechen begeht. Die Menschen verdienen es nicht anders! Wer in diesem Kreis denkt jetzt noch an den freundlichen, väterlichen Herrscher Odysseus? Diese Männer verprassen ungestraft sein Hab und Gut! Und nicht ihnen nehme ich es übel, die im Wahn handeln, als kehre Odysseus nicht zurück! Aber dem anderen Volk, das stumm dasitzt und zuschaut und mit keinem einzigen Wort versucht, die Verbrecher im Zaum zu halten, obwohl es ihnen an der Zahl der Männer überlegen ist!“

Aber Leiokritos, einer der frechsten Brautwerber, spottete über ihn und sprach: „Lass Odysseus ruhig kommen, du alter Schadenfroh. Wir wollen sehen, ob er mit uns fertigwird, wenn er uns beim Mahl überrascht! Und ihr könnt mir glauben: Sosehr sie sich nach ihm zu sehnen scheint, würde Penelope selbst sich über seine Ankunft am wenigsten freuen. Möge ihn das böse Schicksal vernichten! Nun lasst uns gehen, Männer! Sollen Mentor und der alte Vogelschauer Halitherses ruhig die Reise des jungen Telemachos beschleunigen. Aber was wollen wir wetten? Er wird noch nach Wochen hier unter uns sitzen und hier in Ithaka nach einer Botschaft seines Vaters Ausschau halten. Niemals wird er die Reise vollenden!“

Lärmend trennten sich die Brautwerber, und die ganze Volksversammlung tat es ihnen nach, ohne einen Beschluss gefasst zu haben. Jeder ging in sein Haus und die Brautwerber ließen sich wieder in Odysseus’ Palast nieder.

Telemachos bei Nestor

Telemachos ging hinab ans Meeresufer. Während er die Hände im Meerwasser wusch, rief er zu dem unbekannten Gott, der tags zuvor in Menschengestalt bei ihm in seiner Wohnung erschienen war.

Da näherte sich ihm Pallas Athene in der Gestalt und mit der Stimme des Mentor, seines Vaters Freund, und sprach: „Telemachos, wenn du in Zukunft nicht ängstlich und machtlos sein willst und wenn der Geist deines Vaters, des klugen Odysseus, dich nicht ganz verlassen hat, so hoffe ich, dass du bei deinem Entschluss bleibst. Ich bin der alte Freund deines Vaters, ich will dir ein schnelles Schiff besorgen und dich begleiten.“

Telemachos, der glaubte, dass Mentor zu ihm redete, lief entschlossen nach Hause.

Auf dem Weg begegnete er dem jungen Brautwerber Antinoos, der ihm lachend die Hand bot und sprach: „Du trotziger junger Mann, sei nicht länger zornig! Iss und trink lieber mit uns wie bisher! Lass die Bürger für deine Reise sorgen, und wenn sie ein Schiff und eine Mannschaft für dich vorbereitet haben, kannst du meinetwegen nach Pylos fahren!“

Aber Telemachos erwiderte: „Nein, Antinoos, ich kann nicht länger schweigend mit euch ausschweifend feiern. Ich bin kein Kind mehr. Ihr habt es von nun an mit einem mutigen Mann zu tun, ganz gleich, ob ich nach Pylos fahre oder auf unserer Insel bleibe. Aber ich will gehen und nichts wird mich aufhalten.“

Mit diesen Worten ließ er den Brautwerber stehen und lief zur Vorratskammer seines Vaters. Hier lag haufenweise Gold und Erz, kostbare Kleidung ruhte in Truhen, und Krüge voll duftenden Öles sowie bis an den Rand gefüllte Weinfässer lehnten an der Mauer.

Telemachos traf hier die wachsame Dienerin Eurykleia, verriegelte hinter sich die Eingangstür und sprach zu Eurykleia: „Schnell, fülle mir zwölf Henkelkrüge mit Wein und verschließe ihre Deckel gut. Schütte mir auch zwanzig Maße fein gemahlenes Mehl in Schläuche und stelle alles zusammen bereit. Denn noch vor der Nacht, wenn meine Mutter schon in ihrem Schlafraum ist, komme ich und hole alles ab. Erst nach zwölf Tagen, oder wenn sie mich selbst vermisst, darfst du ihr sagen, dass ich fort bin, um den Vater zu suchen!“

Weinend versprach es ihm die gute Dienerin und tat, was er ihr befohlen hatte.

Inzwischen hatte Athene selbst Telemachos Gestalt angenommen, Gefährten für die Reise angeworben und von einem reichen Bürger, Noëmon, ein Schiff geliehen.

Dann betäubte sie die Brautwerber, sodass ihnen die Becher aus den Händen fielen und sie in einen tiefen Schlaf fielen.

Danach nahm sie wieder Mentors Gestalt an, ging zu Telemachos und forderte ihn auf, die Fahrt nicht länger zu verschieben.

Bald standen beide am Ufer, trafen dort die Gefährten, ließen den Proviant an Bord bringen und bestiegen schließlich selbst das Schiff.

Als sie schon in See gestochen waren und der Wind die Segel aufblies, brachten sie den Göttern ein Trankopfer dar und segelten bei günstigen Winden die ganze Nacht pfeilschnell dahin.

Bei Sonnenaufgang geriet Nestors Stadt Pylos in ihren Blick.

Dort opferte gerade das Volk, in neun Gruppen unterteilt, dem Meeresgott neun schwarze Stiere, verbrannte sie dem Gott zu Ehren und aß die Überreste.

Da legten die Männer aus Ithaka an. Athene führte Telemachos in Mentors Gestalt zu den Pyliern. Hier saß Nestor mit seinen Söhnen. Freunde bereiteten das Mahl, Diener steckten das Fleisch an Spieße und brieten es.

Als nun die Pylier Fremde ans Ufer steigen und auf sie zukommen sahen, liefen sie ihnen sofort in großer Zahl entgegen, boten ihnen die Hände zum Gruß und forderten Telemachos und seinen Begleiter auf, sich zu ihnen zu setzen. Besonders Nestors Sohn Peisistratos nahm sie bei den Händen, lud sie freundlich ein, am Mahl teilzunehmen, und wies ihnen am Strand auf weichen Vliesen den Ehrensitz zwischen seinem Vater Nestor und seinem Bruder Thrasymedes an.

Dann reichte er ihnen vom besten Fleisch, füllte zwei goldene Becher mit Wein, trank ihnen zu und sprach zu der verstellten Athene: „Bring Poseidon das Trankopfer und bete zu ihm, Fremder, und lass auch deinen jüngeren Freund dasselbe tun! Alle Sterblichen brauchen doch die Götter!“

Athene nahm den Becher, erbat vom Meeresgott den Segen für Nestor, seine Söhne und alle Pylier und betete darum, dass Telemachos seine Mission glücklich vollenden konnte. Dann schüttete sie etwas von dem Trank auf den Boden und wies ihren jungen Begleiter an, dasselbe zu tun.

Darauf begann das Mahl, und als Hunger und Durst gestillt waren, fing der greise Nestor eine freundliche Unterhaltung an. Er fragte nach der Herkunft und der Absicht der Fremden.

Telemachos beantwortete seine Fragen, und als er auf seinen Vater Odysseus zu reden kam, seufzte er: „Vergebens versuchten wir bisher herauszufinden, was mit ihm geschehen ist. Wir wissen nicht, ob er auf dem Festland durch die Hand von Feinden umkam oder ob ihn die Brandung des Meeres verschlungen hat. Darum bitte ich dich, mir von seinem traurigen Tod zu berichten, ob du nun Augenzeuge warst oder nur darüber reden hörtest. Verschone mich nicht aus Mitleid, sondern erzähle mir nur alles genau!“

„Mein lieber Junge“, antwortete Nestor, „weil du an die traurige Zeit denkst, so höre, wie sich alles zugetragen hat.“

Nestor holte dann nach Art der Alten weit aus, erzählte noch vom Tod der größten Helden vor Trojas Mauern, vom Kummer der beiden Atriden und schließlich von seiner eigenen Rückfahrt. Aber von Odysseus wusste er so wenig wie Telemachos selbst.

Dagegen schilderte er ihm weitläufig den Tod des Agamemnon zu Mykene und die Rache des Orestes. Endlich riet er ihm, nach Sparta zum Fürsten Menelaos zu gehen, der erst vor Kurzem von einer weit entfernten Küste, an die der Sturm ihn geschleudert hatte, zurückgekehrt sei. Da dieser am längsten aller Griechenhelden auf der Fahrt gewesen sei, sei es auch am wahrscheinlichsten, dass er irgendwo etwas von Odysseus’ Schicksal gehört hatte.

Athene gefiel als Mentor der Vorschlag, und sie erwiderte: „Inzwischen ist es Abend geworden. Erlaube jetzt meinem jungen Freund, dich in deinen Palast zu begleiten und dort auszuruhen. Ich selbst will nach unserem Schiff sehen und dafür sorgen, dass meine Gefährten alles Nötige für die Weiterfahrt vorbereiten. Dort beim Schiff werde ich auch die Nacht verbringen. Morgen segle ich dann zum Volk der Kaukonen, die mir noch etwas schuldig sind. Für meinen Freund Telemachos werde ich dein freundliches Angebot annehmen. Schicke ihn also mit deinem Sohn auf einem Wagen mit deinen schnellsten Pferden nach Sparta.“

So sprach Athene, und siehe da, plötzlich verwandelte sie sich in einen Adler und flog zum Himmel hinauf. Alle sahen ihr staunend nach.

Nestor nahm Telemachos Hand und sprach: „Du darfst nicht verzagen und nicht trostlos werden, mein Lieber, da schon in deiner Jugend Götter dich begleiten und beschützen! Denn dein Gefährte war niemand anderes als Zeus’ Tochter Athene, die auch deinen tapferen Vater vor allen anderen Griechen immer besonders geehrt hat!“

Dann richtete Nestor ein Gebet an die Göttin, versprach ihr, ihr am nächsten Morgen ein einjähriges Rind zu opfern, und begleitete seinen Gast mit seinen Söhnen und Schwiegersöhnen zur Nachtruhe in den Königspalast in Pylos.

Hier wurde noch einmal ein Trankopfer dargebracht. Nach einem weiteren Umtrunk begab sich jeder zur Ruhe. Telemachos erhielt sein Lager in einem zierlichen Bettgestell unter der hohen Halle des Hauses und neben ihm legte sich Nestors mutiger Sohn Peisistratos zur Ruhe.

Kaum schimmerte die Morgenröte in den Palast, erhob sich Nestor vom Lager und setzte sich auf die schönen weißen Marmorsteine, die als Sitze an den Flügeltoren des Palastes angebracht waren und wo schon sein Vater Neleus oft gesessen hatte. Um ihn versammelten sich seine sechs Söhne, und der letzte, Peisistratos, brachte auch den Gast aus Ithaka mit, der den König Nestor begrüßte, dann aber die Versammlung wieder verließ.

Nun wurde die Kuh herbeigeholt, die Nestor Athene als Opfer versprochen hatte. Der Goldschmied Laërkes wurde gerufen, der die Hörner des Rindes vergolden musste. Die Mägde im Palast bereiteten ein Festmahl vor, setzten Stühle, brachten Holz und frisches Wasser herbei. Telemachos’ Freunde kamen vom Schiff herauf.

Nestors Söhne führten die Kuh an den vergoldeten Hörnern herbei, ein anderer trug das Wasserbecken und die Opfergerste. Der Vierte brachte die Axt, mit der das Opfer geschlachtet werden sollte. Ein Fünfter hielt die Schale hin, um das Blut des Tieres aufzufangen. Als das Opfertier mit der Axt getötet worden war, schlachtete es der sechste Sohn Peisistratos. Die besten Stücke wurden für die Göttin verbrannt und dunkler Wein daraufgeschüttet. Das übrige Fleisch wurde an Spieße gesteckt und gebraten.

Telemachos war bei dem Opfer nicht dabei gewesen. Er hatte sich entfernt, um sich bei einem warmen Bad von der Reise zu erholen. Jetzt trat er, mit einem schönen Gewand gekleidet und in einen prächtigen Mantel gehüllt, wieder zu den Versammelten. Man setzte sich hin, um zu essen und zu trinken.

Nach dem fröhlichen Mahl spannte man die schönsten Pferde vor den Wagen, der den jungen Gast nach Sparta bringen sollte. Die Dienerin legte Brot, Wein und andere Speisen hinein und Telemachos kletterte auf den Sitz. Neben ihm setzte sich Peisistratos in den Sessel, nahm die Zügel und schwang die Peitsche.

Die Pferde flogen dahin. Bald lag die Stadt Pylos hinter ihnen, und den ganzen Tag fuhren sie wie im Flug, ohne dass die Tiere eine Pause brauchten.

Als die Sonne unterging und die Wege schattiger wurden, kamen sie in die Stadt Pherai, wo ein edler Griechenheld namens Diokles, der Sohn des Orsilochos, wohnte. Dieser nahm die reisenden Fürstensöhne gastfreundlich auf und sie übernachteten in seiner Burg.

Am anderen Morgen fuhren sie weiter durch üppige Weizenfelder und endlich kamen sie mit dem letzten Sonnenlicht zu der großen, zwischen Bergen gelegenen Stadt Lakedaimon oder Sparta.

Telemachos in Sparta

Freunde und Nachbarn umgaben Fürst Menelaos im Palast von Sparta beim fröhlichen Mahl. Ein Sänger spielte im dichten Gedränge auf der Harfe. Zwei Gaukler machten lustige Sprünge im Kreis. Der Herrscher des Landes feierte nämlich die doppelte Verlobung zweier Kinder: der hübschen Hermione, Helenas Tochter, die damals Achilles’ Sohn Neoptolemos als Braut bestimmt war, und eines Sohnes einer Nebenfrau, Megapenthes, den er mit einer edlen Spartanerin verlobte.