Öffnet sich der Himmel - Seán Hewitt - E-Book

Öffnet sich der Himmel E-Book

Seán Hewitt

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Beschreibung

Eine Hymne auf die Überwältigung, die es bedeutet, jung zu sein

James steht an einer Schwelle, bald ist er erwachsen. Und er träumt von einem anderen Leben weit weg: das Dorf hinter sich lassen, die Eltern enttäuschen, dem allen endlich irgendwas Lebendiges, Echtes entgegensetzen. Denn hier in verschlafenen Thornmere im Norden Englands bleibt immer alles beim Alten, seine Runde als Milchjunge, die Gottesdienste, die ewigen Sorgen um seinen kranken kleinen Bruder, die Ausgrenzung der Mitschüler. Doch dann trifft James im Herbst 2002 auf Luke – ein Jahr älter, unverschämt gutaussehend, von seinen verkrachten Eltern zur Disziplinierung aufs Land verschickt – und im Laufe eines Jahres liefert sich James neuen, unkontrollierbaren Kräften aus, einer Sehnsucht, die ihn für immer verändern, einer Frage, die ihn sein Leben lang verfolgen wird: Würde ich alles riskieren für die Möglichkeit der Liebe?

Ein poetischer Roman über das Verlangen der Jugend, über die Zärtlichkeiten, Albträume und Illusionen namens Liebe. Mit den beeindruckenden sprachlichen Mitteln eines großen Dichters bestimmt Seán Hewitt das Gewicht unserer Obsessionen.

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Seitenzahl: 364

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Cover

Titel

Seán Hewitt

Öffnet sich der Himmel

Roman

Aus dem Englischen von Stephan Kleiner

Suhrkamp Verlag

Impressum

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Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel Open, Heaven bei Jonathan Cape, London.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2025

Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2025

© der deutschsprachigen Ausgabe Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2025© Seán Hewitt 2025

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Umschlaggestaltung: Kosmos Design, Münster

Umschlagfoto: Sean O'Connell

eISBN 978-3-518-78342-9

www.suhrkamp.de

Widmung

Für Cecelia O'Callaghan

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Inhalt

Informationen zum Buch

Cover

Titel

Impressum

Widmung

2022 Prolog

2002 Herbst

Winter

Frühling

Sommer

Dank

Informationen zum Buch

Öffnet sich der Himmel

jede Blume

Die Federnelke, der Jasmin, der Goldlack, die Landnelke,

Die Narzisse, die sanfte Lilie tut ihre Himmel auf; jeder Baum

Und jede Blume & jedes Kraut erfüllt bald die Luft mit einem zahllosen Tanz,

Doch alles geordnet, süß & lieblich, der Mensch ist krank vor Liebe

William Blake, Milton

2022 Prolog

RÜCKWÄRTS LÄUFT DIE ZEIT SCHNELLER. Die Jahre – für sich genommen lang, mühselig und ungewiss – spulen sich rasch ab, verflüssigen sich, und ein einzelner Sommer wandelt sich zu einem schimmernden Licht, das, kaum hat es sich in Gedanken eingestellt, beinahe augenblicklich in einen dunklen Winter gefasst wird, eine Wiederkehr der Schwärze, in der ein Gesicht aufblitzt, eine Feuerstelle, ein schneeverkrusteter Garten. Und dann sendet der Garten seinen Schnee aufwärts, in den Himmel, liest die herabgefallenen Blätter wieder auf und erblüht umgekehrt von Neuem. Die Gesichter lächeln mich an, dort hinten, am anderen Ende der Spule; sie sind jünger, unschuldiger, lichter. Erscheint mir die Zeit nun, in meinem Erwachsenendasein, wie ein verschlammtes Flussbett, das ich nicht durchwaten kann, so stelle ich häufiger als zuvor fest, dass ich sie zurückdrehen, sie in fließende Gewässer verwandeln kann – wärmere, süßere Gewässer, die die Jahre fortspülen und mich mit ihnen davontragen.

Und beginne ich vielleicht eines Tages, am Schreibtisch über einer Fotografie oder einem Erinnerungsfetzen grübelnd, diesen Fluss hinunterzutreiben, dann ziehe ich womöglich an den blühenden Wiesen vorbei, höre Gelächter wie einen klaren Glockenton von irgendwo, von irgendwem herüberklingen oder vielleicht eine schneidende gegen mich erhobene Stimme. Über mir wechseln Licht und Dunkel, als bräche die Sonne durch Weiden hindurch, und es trägt mich immer hierher zurück: in das Jahr, in dem ich sechzehn Jahre alt bin. Und in diesem Traum oder dieser imaginierten Umkehrung sehe ich eine Familie dastehen und manchmal am anderen Flussufer einen einsamen Jungen, der mich erkennen und mir zunicken oder mir ebenso gut den Rücken zukehren und über die Felder hinweg in den Sonnenaufgang, in den Morgen hineingehen und verschwinden mag.

Ich sehe jene Jahre unweigerlich als eine Art Morgen – die rosarote Sonne erhebt sich über dem Dorf, Nebel lodert vom Kanal empor, von den Feldern, die feucht vom Tau sind; der Klang der Vögel, die singend erwachen, die sauberen Straßen frei von Menschen, die erst nach und nach geweckt werden vom allmählich schräg durch die Schlafzimmerfenster einfallenden und über ihre geschlossenen Augen streichenden Sonnenlicht. Natürlich bin ich jetzt hier – in einer Art Zukunft –, und ich stelle fest, dass ich all diese Bilder werfe mit meinem Schatten, sie wieder ablaufen sehe, einen Tag, eine Woche oder einen Monat überspringe, um den Augenblick zu finden, in dem sich die Szene wieder zusammenfügt, in dem sie bedeutsam wird – womit ich sagen will, dass sie für mich Bedeutung annimmt.

Manchmal beginnen die Jahre plötzlich auf diese Weise zu wirbeln. Vielleicht gehe ich gerade eine Straße entlang und bemerke einen Geruch oder sehe einen Fremden und halte ihn für jemand anderen, und dann bin ich wieder dort, im Dorf. Oder ich finde mich auf einem langen Stuhl wieder, in einem Büro, und drehe die Zeit bewusst zurück, fahnde nach etwas wie ein Detektiv, der auf der Suche nach einem übersehenen Hinweis immer wieder das gesammelte Beweismaterial durchsieht. Wenn ich wieder dort bin und das Wirbeln aufhört und ich meine Familie am Esstisch versammelt vorfinde oder meine Mutter beim Sonnenbaden im Garten oder Eddie, der an meine Zimmertür klopft und meinen Namen ruft, dann frage ich mich häufig, ob diese Menschen am Leben sind und was sie wohl denken. Natürlich glauben sie, sie wären am Leben. Und sie merken nicht, dass ich hier bin, in der Zukunft, und sie beobachte. Sie kennen mein heutiges Ich nicht, das Jahre von ihnen entfernt noch immer darauf wartet, dass einer von ihnen meine Anwesenheit im Raum, im Garten oder neben dem Bett bemerkt, den Blick auf mich richtet und lächelt.

Vor nicht langer Zeit war ich allein zu Hause und suchte online nach Bildern des Dorfes, in dem ich geboren wurde. Ich hatte das zuletzt häufiger getan: hatte gehofft, nach all den Jahren die Antwort auf etwas Unabgeschlossenes zu finden, auf einen sich auftrennenden Faden meines Lebens. Ich klickte mich durch Seiten über Seiten an Fotografien, Meldungen in den Lokalnachrichten, und diesmal sah ich das Grundstück auf der Internetseite eines Auktionshauses, und ehe ich begriff, was ich tat, wählte ich die Nummer der Maklerin. Bauernhaus aus dem späten 18. Jahrhundert, vier Zimmer. Umfasst Außengebäude und zweieinhalb Hektar Land. Green Lane, Thornmere. Die Worte waren wie ein Talisman: Ich sah sie, und schon war ich wieder in diesen tiefen Gassen, der Treidelpfad am Kanal, der Geruch der Weißdornblüte und dieser mit Schlaglöchern übersäte Weg hinunter zum alten Bauernhof, wo ich vor Jahrzehnten so oft auf ihn gewartet hatte. Ich hatte geglaubt, die Erinnerung würde schmerzen, doch was ich stattdessen empfand, war eine Art Zerfall der Zeit oder auch eine Möglichkeit: das sonderbare, aber starke Gefühl, mein altes Leben könnte dort womöglich noch existieren, und wenn ich wieder dorthin ginge, würde ich womöglich jene Menschen, jenen Sommer vorfinden, und alles würde dort noch immer weiter ablaufen, unbeeinträchtigt und unverändert.

Als meine Ehe zerbrach, sagte mein Mann, ihm sei bewusst geworden, dass ich ihn lieben, aber nicht begehren könne, und sobald er diese Worte aussprach, wusste ich, dass sie wahr waren. Es war, als wäre mein ganzes Ich als Betrug entlarvt worden, und ich brach zusammen, weil ich nicht wusste, wie ich an diesen Punkt gelangt war, und ich dachte, ich hätte mein Leben vergeudet.

Während der darauffolgenden Wochen hatte ich es nicht über mich gebracht, in die Bibliothek zu gehen, in der ich arbeitete, denn ich konnte weder Stille noch gute Umgangsformen ertragen, und stattdessen hatte ich begonnen, über das Geschehene nachzudenken. Schließlich war ich auf ärztliche Anordnung von der Arbeit befreit worden und hatte diese Tage in Gedanken verbracht, hatte mein Leben Revue passieren lassen, und mitunter saß ich stundenlang zu Hause, und dann wieder ging ich zu Auktionen, auf Märkte, ohne je genau zu wissen, wonach ich suchte. Letztlich aber begriff ich, dass ich immer wieder nach Thornmere zurückkehrte, zu meiner Familie und wie üblich zu Luke. Es war zwanzig Jahre her, dass ich ihn zuletzt gesehen hatte, und beinahe ebenso lange, dass ich zuletzt im Dorf gewesen war, aber ich hatte an jedem Tag meines Lebens an ihn gedacht. Eigentlich trifft es das nicht ganz: Er war nie fortgegangen oder besser gesagt, ich hatte ihn nie losgelassen. Er hatte in meinem Leben über sich hinausgewiesen und war zur Blaupause all meiner nachfolgenden Sehnsüchte geworden. Wann immer ich in die Augen eines Liebhabers – ich glaube, selbst in die Augen meines Mannes – blickte, wollte ich Lukes grüne und eindringliche Augen sehen, die mich hielten.

Manchmal, wenn ich durch die Stadt gehe, wird mir bewusst, dass ich in einem Traum versunken bin, und dann bin ich fest davon überzeugt, dass ich ihn um die Ecke biegen sehen oder ihn hören werde, wie ich ihn immer gehört habe, meinen Namen rufend. Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, war es, als wäre über meinem Leben die Sonne aufgegangen. Jeder Teil von mir, jeder Teil meiner Welt strebte auf ihn zu. Sein Licht, seine Wärme waren so stark, dass sie alles andere in Schatten zu hüllen schienen; und ich wusste, was auch immer später geschehen würde, ich würde mich niemals wieder irgendwo ganz heimisch fühlen. Ich hatte so viel aufgegeben, um ihm nah zu sein, und es gab Dinge, Menschen, die ich nicht zurückgewinnen würde. Ich glaube, mein Geist und mein Körper wurden in seinem Licht neu geschaffen, wurden irgendwann in jenem Jahr gegossen, und nun trugen sie seinen Abdruck, die Form seiner Hand. Und ich wusste nie, weder damals noch heute, ob mir überhaupt bewusst war, wie unauslöschlich diese Male waren oder dass ich während der Jahre dazwischen im tiefsten Inneren meines Körpers nur eines gewollt hatte: ihn wiederzufinden.

Nach wenigen Momenten hob die Maklerin – eine jung klingende Frau mit gewählter Aussprache – ab und sagte mir, am darauffolgenden Dienstag gebe es die Möglichkeit zur Besichtigung. Ich nannte ihr meinen Namen, James, und buchstabierte instinktiv meinen Nachnamen – L E G H –, der »Lee« ausgesprochen wurde, aber sie begriff sofort. Sie sagte: »Wie in North Legh?«

Ich lächelte. »Wie in ›North Legh‹, richtig. Sie sind wohl aus der Gegend?«

»Ich bin hier aufgewachsen«, erwiderte sie, und ich sagte, wir würden uns in einer Woche sehen.

Ich brach früh auf, vor dem Berufsverkehr, fuhr am Rückgrat des Landes hinauf und sah zu, wie die Landschaft sanfter wurde und in bewaldete Hügel und Täler überging, wo die Sommersonne über mir durch die jungen Blätter hindurchzubrechen begann. Während der Fahrt verloren sich die Kalksteingebäude allmählich und wichen schließlich dem tiefen vertrauten Rot des Sandsteins. Im Süden des Landes fiel es mir schwer, mich zurechtzufinden, doch hier benötigte ich keine Karte – die Namen der Gemeinden und Dörfer gehörten zu den ersten Wörtern, die ich gelernt hatte, und ihre Reihenfolge erschien mir so natürlich, so alt wie die der Bücher der Bibel oder der Worte eines Gebets.

Ich war vier Stunden lang gefahren und hatte schon abgebremst und den Blinker gesetzt, ehe ich das Schild mit der Aufschrift Thornmere sah. Beim Abbiegen von der Autobahnausfahrt auf die zweispurige Straße stieß ich auf eine Fahrzeugschlange, die sich dort gebildet hatte, und ich sah Erdhaufen, umgeben von Arbeitern, zwei roten Baggern und einem rechteckigen Schild (Umleitung), das mich eines der schmalen Sträßchen zum Dorf hinunterschickte. Wo die alte Hecke herausgerissen worden war, klaffte eine Lücke, und ich konnte die tiefen Reifenspuren von Lastwagen sehen, die auf eines der langen Felder hinausführten. Ich erinnerte mich daran – an dieses Feld. Es hatte zu dieser Jahreszeit immer vor gelben Rapsblumen geleuchtet, förmlich geglüht im Licht der Sonne.

Es gab eine behelfsmäßige Ampel, die defekt zu sein schien, und ein Mann in Warnkleidung stand davor und hielt die Hand hoch. Die Autos vor mir wurden durchgewinkt, und ich wartete am vorderen Ende der Schlange und stellte das Radio leiser. Ich nahm Blickkontakt zu dem Arbeiter vor der Ampel auf, der mir zunickte, und ich schaute weg, weil ich nicht wusste, ob er mich nur zur Kenntnis genommen oder ob er mich erkannt hatte. Erst in diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich meiner Rückkehr wohl mit Beklemmung entgegensah. Ich dachte, ich hätte mir ein neues Leben aufgebaut, ganz aus eigener Kraft, aber diese Rückkehr machte mich ungeschehen, führte mir wieder vor Augen, dass ich diesen Ort in Wahrheit gar nicht hinter mir gelassen hatte.

Nach ungefähr einer Minute gab mir der Arbeiter das Zeichen zur Weiterfahrt, indem er die Hand an die Brust heranzog, und ich drückte die Handbremse hinunter und rollte langsam in die schmale Straße, vorbei an der Ampel und den Pylonen, als führte ich eine Prozession an. Ich schaute über die grüne Weißdornhecke voller rosa-weißer Blüten hinweg und sah, dass das Feld dahinter dunkel war vor umgewühlter und planierter Erde. Vögel kreisten durch die Luft und stießen auf die Erde herab, die vor Würmern wimmeln musste. Noch eine Wohnsiedlung, dachte ich – so viele neue Menschen, so viel Veränderung –, und ich hätte es als Entweihung betrachten können, aber stattdessen fühlte es sich an, als wäre etwas befreit worden, etwas wieder in Gang gesetzt worden an diesem alten Ort, der sich einmal geradezu zeitlos angefühlt hatte.

Ich folgte der steilen Straße hinab ins Dorf, tief zwischen hohen, saftig grünen Hecken versunken, und erspähte in den Lücken die gelben Felder. In der Biegung, wo ein Zauntritt in den Wald hineinführte, bremste ich ab und sah den Saum der Bäume, wo sich der Kanal befand, und dann den Kirchturm, und ich folgte der Straße hinunter über die Brücke, wo der Blick auf den Schulhof noch immer der gleiche war, und dann, auf der anderen Seite der Brücke, spürte ich das vertraute Erzittern des Autos, als der Asphalt zu Kopfsteinpflaster wurde. Hier zumindest hatte sich nichts verändert – noch immer das Threshers Arms, noch immer die Schule, noch immer die Kirche und der Pfad zum Kirchhof mit dem hölzernen Tor, noch immer ruhig, noch immer kaum jemand zu sehen. Es war erst kurz nach halb zehn, als ich in die Green Lane einbog und am Kanal entlangfuhr, und dort stellte ich fest, dass auch das Dorf unverändert war: die Häuser mit den Toren davor, die hohen, üppigen Bäume, die Scheunen aus rotem Backstein noch im nahezu gleichen Zustand der Verwahrlosung. Doch das Tor zum Gehöft stand offen, und es fühlte sich seltsam an, auf den Hof zu fahren und nicht die Hündin bellen oder die Gänse zischen zu hören oder die den Atem schwer machende Mischung aus Bangigkeit und Hoffnung zu verspüren, die ich empfunden hatte, wann immer ich hergekommen war. Stattdessen fühlte ich eine Leerstelle, weniger in dem Ort als in mir selbst, so als wäre all die Jahre eine Leere in mir gewesen und nun erst wäre ich an ihrem Ursprung angelangt.

Die Maklerin – sie hieß Annie – trat in einem schwarzen Kostüm aus dem Vorbau des Hauses, als sie das Auto hörte. Sie trug ein Bündel Papiere in der Hand, Broschüren mit Fotografien und technischen Daten, und sie hielt sie fest an die Brust gedrückt, während sie die andere Hand ausstreckte, um die meine zu schütteln.

»Sie sind der Erste, Mr Legh, also lassen Sie sich ruhig Zeit.«

Ich bedankte mich, und obgleich ich gern in die Scheune gesehen hätte, bedeutete sie mir, ins Haus zu gehen, und begann den Grundriss zu erläutern, und ich hörte zu und nickte und tat so, als wäre mir der Umriss nicht vertraut wie der meines eigenen Zuhauses – vielleicht vertrauter.

»Sie kennen die Gegend?«, fragte sie.

Ich nickte. »Ja, das ist ganz lustig«, sagte ich und sah mich in der alten Küche um, wo der Blick auf den Kanal und den Zwetschgenbaum noch immer von der Fensterscheibe über dem Spülbecken gefasst wurde. »Ein Freund von mir hat einmal hier gewohnt. Hier, meine ich, in diesem Haus.«

Sie lachte mich an, lächelte, und ich glaubte, in ihrem Lachen auch einen Anklang von Enttäuschung zu spüren. Der verschwendet bloß meine Zeit, musste sie gedacht haben, ein sentimentaler Kerl, der nur herumschnüffelt.

»Es hat sich bestimmt sehr verändert, seit Sie zuletzt hier waren«, sagte sie, und ich schüttelte den Kopf.

»Überhaupt nicht. Es sieht sogar noch ganz genauso aus wie in meiner Erinnerung.«

Sie sagte mir, die Heizungsanlage sei hochgerüstet und das Badezimmer renoviert worden, und die Felder seien natürlich an die Wohnbaugesellschaft verkauft worden, weshalb das Grundstück nun kleiner sei, aber laut Vereinbarung dürfe nur bis auf zwanzig Meter an die Grundstückgrenze herangebaut werden, und es sei eine neue Verbindungsstraße von der Autobahnanschlussstelle geplant.

»Jedenfalls«, sagte sie, »bin ich hier unten, wenn Sie Fragen haben.«

Ich ging ein wenig umher und begann zu vergessen, warum ich überhaupt gekommen war. Was hatte ich zu finden gehofft? Ja, der Grundriss war derselbe, aber während ich mich durch das Haus bewegte, stellte sich erneut dieses Gefühl der unwiederbringlich verronnenen Zeit ein – in den Räumen eine wiederholte Abwesenheit, eine stetige Erinnerung, dass ich niemals würde zurückkehren können, dass alles vorbei war, und das seit Jahren. Es gab hier nichts, keine der alten Bilder im Wohnzimmer, und die Betten waren alle mit gestärkten weißen Laken bezogen anstatt mit den grün gemusterten aus meiner Erinnerung. Selbst der Stuhl an der Feuerstelle schien mit ausgebreiteten Armen dazusitzen, als wäre er sich seiner eigenen Leere bewusst. Ich musste den Kopf einziehen, als ich die schmale Stiege hinaufging, und stellte fest, dass die Türrahmen kleiner wirkten und die Fenster und Regale niedriger und dass das ganze Haus wie ein Modell aussah, so als wäre es in einem Museum nachgebaut worden.

Von dem Fenster am Treppenabsatz überblickte ich den Hof, die drei ihn flankierenden Außengebäude, und ich konnte gerade eben den Obstgarten zur Linken erkennen, wo die Äpfel blühten, und zur Rechten die abblätternde rote Farbe des alten Scheunentors. Ich öffnete Schränke und Kästen, stand stumm in den Zimmern, als suchte ich etwas, und nach nur etwa zehn Minuten ging ich wieder die Treppe zur Küche hinunter, wo Annie im schräg hereinfallenden Morgenlicht am Tisch saß, den aufgeklappten Laptop vor sich. Als sie mich sah, stand sie auf und sagte höflich einige wohlwollende Dinge über das Haus und die Renovierung, und ich nahm die Broschüre, die sie mir gab und auf der die Auktion für Anfang Juni vermerkt war.

»Vielleicht sehen wir uns dort, Mr Legh«, sagte Annie, und ich bejahte, obgleich ich nicht die Absicht hatte, hinzugehen.

»Vielen Dank, dass Sie mir das Haus gezeigt haben.«

Annie öffnete mir die Tür zum Vorbau. Nachdem ich ihr die Hand geschüttelt hatte, hielt ich kurz inne und wandte mich dann noch einmal zu ihr um.

»Meinen Sie, ich könnte das Auto hier stehen lassen, nur für eine Stunde, um mich im Dorf umzusehen?«

Ich hatte auf dem Hof geparkt, gleich neben der alten Scheune.

»Natürlich«, sagte sie, obgleich ich einen leicht irritierten Unterton wahrnahm. »Ich bin bis dreizehn Uhr hier.«

Ich glaubte nicht, dass ich es ertragen hätte, zu unserem alten Haus zurückzukehren, aber ich dachte mir, solange ich da war, könnte ich vielleicht wenigstens noch einmal in die Kirche im Dorf gehen. Draußen war es schon heiß, und ich erinnerte mich an das kühle, schattige Gebäude, an die Kirchenbänke aus dunklem Holz und den weichen roten Teppich im Mittelgang. Meine Eltern waren dort vermählt worden – ich habe noch immer ein Foto von ihnen, lächelnd in dem überdachten Kirchhofeingang, meine Mutter schlank in einem Spitzenkleid mit hellblauer Schärpe und mein Vater groß und mit bereits beginnender Glatze in seinem Anzug. Eddie und ich waren dort auch getauft worden. Gemeinsam mit meinem Vater hatte ich ihn in seinem kleinen weißen Taufkleid hochgehalten, um ihn am Taufstein dem Vikar zu überreichen, und er hatte die ganze Zeit über keinen Laut von sich gegeben.

Ich ging durch die Green Lane ins Dorf. Die Oberfläche des Kanals zu meiner Rechten war schwarz, und die Bäume hatten weiß-gelben Pollen darauf gestäubt. An der gepflasterten Straße angelangt, ging ich auf die Kirche zu, die gar nicht weit weg war, und ich stellte mich in den Eingang zum Kirchhof und starrte auf die Pforte am Ende des Pfads. Ich wollte gerade zum Portal weitergehen, da hörte ich von drinnen im Wechsel an- und abschwellende Chormusik, und ich schloss einen Moment lang die Augen und lauschte den Stimmen. Sie sangen »Lord of All Hopefulness«, und als der Choral endete, ließ ich das Tor schuldbewusst hinter mir und ging stattdessen ins Threshers Arms, das abgesehen von einigen am Fenstertisch Tee trinkenden älteren Frauen verwaist war.

Ich setzte mich an den Tresen und wartete darauf, dass jemand kam, und irgendwann erschien ein Mann in der Tür zum Hinterzimmer und begrüßte mich, und ich bat ihn um einen Brandy.

»Ist noch früh dafür, ich weiß.«

»An manchen Tagen braucht's das«, sagte er, und ich fragte mich, was er damit meinte.

Er drückte ein kleines Glas gegen eine an der Wand hängende Flasche, und die abgemessene Menge der Spirituose floss heraus. Als er das Glas auf dem Tresen abgestellt hatte, hielt er inne, senkte den Blick und sah mich dann wieder an.

»Alles in Ordnung?«, sagte er.

Ich lächelte verlegen und sagte Ja. »War ein langer Tag«, sagte ich; ich hatte kurz vergessen, dass es noch nicht einmal Mittag war. Er blickte mir freundlich in die Augen, und da wurde mir klar, dass ich wohl geweint haben musste.

»Meine Mutter liegt auch da«, sagte er und deutete auf etwas hinter seiner Schulter. Ich war kurz verwirrt, und dann ging mir auf, dass er über den Friedhof hinter dem Pub sprach. Ich wollte nicht daran denken.

»Ist nur dreiundvierzig geworden«, sagte er, und nun war es zu spät, das Thema zu wechseln, also sprach ich ihm mein Beileid aus, und er stieß einen Seufzer aus, klopfte mir auf die Schulter und sagte: »Das Leben ist ein Arschloch, was?«

Daraufhin lächelte ich, unangenehm berührt von dem kurzen Moment der Vertrautheit, und sagte: »Ja. Ist es.«

Er hielt inne und blickte dann resigniert nach oben. Einen Augenblick später sah er mich wieder an und sagte: »Wir sind uns nicht schon mal begegnet, oder?«

»Nein, ich glaube nicht«, sagte ich.

»Sie sind nicht von hier?«

»Leider nicht«, sagte ich. »Aber es gefällt mir.«

»Hat wohl seine schönen Seiten.«

Er verstummte wieder und sah mir dann forschend ins Gesicht. Mir wurde etwas unwohl, weil ich ihn ebenfalls zu erkennen glaubte und dachte, er habe mich vielleicht zu Schulzeiten gekannt.

»Sie sind doch nicht aus dem Fernsehen oder so?«

Ich lachte. »Ich bin Bibliothekar«, sagte ich und musste lächeln, weil es so spießig klang.

Andere konnten sich nie vorstellen, dass jemand unter vierzig Bibliothekar war. Ich merkte, dass er mir nicht richtig glaubte, und nach einem Augenblick sagte ich mit einem hoffentlich abschließenden Unterton: »Gut.«

»Gut.«

Er wandte sich um, nahm ein beschlagenes Glas vom Tresen und begann, es mit einem Geschirrtuch trockenzuwischen.

Ich nahm den Brandy und suchte mir einen Platz in einer Ecke des Pubs, wo es dunkel war und ich mich sicher fühlte oder ungesehen, was für mich gerade in etwa das Gleiche war. Auf dem Rückweg ging ich nicht in die Kirche oder auf den Kirchhof. Der Brandy hatte mich beruhigt, mich aber auch leicht benommen gemacht. Ich hielt es nicht für klug, all das noch einmal zu sehen, also ging ich zur Green Lane zurück, um das Auto zu holen.

Wolken von Wiesenkerbel zogen sich am Ufer des Kanals entlang. Es war Mai, und von fern sahen die Blüten wie reiner weißer Schaum aus, der in der Brise wogte. Im Schatten der Bäume am Straßenrand wurde eine himmelblau leuchtende Decke aus Vergissmeinnicht vom gesprenkelten Licht gerüscht, und ein Stück weiter die Straße hinunter hatten sie bereits zu schießen begonnen. Ich ging langsam ans Ende der Straße, den ganzen Weg bis zum Bauernhof, und dann zögerte ich einen Augenblick lang, dachte noch einmal nach und machte wieder kehrt. Es war niemand zu sehen: Das Schuljahr hatte noch nicht geendet, und obgleich ich nicht bleiben wollte, wollte ich auch nicht gehen.

Ich hatte diese Überfülle nie vergessen, ihren Duft, die Wonne des Sommers in den kühlen Gassen, und es erschien mir wie ein Wunder, dass es wirklich existierte, dass es nicht nur ein Kindheitstraum war. Eine Elster schackerte laut in einem der hohen Ahornbäume, wie eine kaputte Säge, und flog dann davon. Ich bückte mich am Straßenrand und packte ein Büschel der verblühten Vergissmeinnicht, entwurzelte sie mit einer Drehung. Der Erdboden war trocken, sodass die Wurzeln rasch nachgaben, und die Erde fiel von ihnen ab und auf meine Schuhe. Meine Mutter hatte mir beigebracht, das mit verblühten Wildblumen zu tun: sie zu nehmen, umzudrehen und die vertrockneten Blüten auszuschütteln, um die Samen zu verteilen. Ich drehte das kleine Sträußchen Vergissmeinnicht um, schüttelte es über dem Straßenrand und sah zu, wie die glänzenden, perfekten Samen auf den Boden fielen, und dabei stockte mir der Atem.

Und ich starrte eine Zeit lang auf das kleine Stückchen Erde und wandte mich dann wieder zur Straße. Wieder ging ich auf den Bauernhof zu, während das Licht hell durch die Blätter über mir schien, und erst als ich am Auto angekommen war und den Schlüssel hervorholen musste, merkte ich, dass ich die Stängel der Blumen noch immer fest in der mit Erde beschmutzten Hand hielt.

2002 Herbst

ICH WUSSTE, DASS THORNMERE nicht wie andere Orte war – die Städte im Fernsehen, deren Gebäude und Straßen sich hoben und senkten, oder die umliegenden Gemeinden, die dem Ruin anheimgefallen waren, nachdem die Fabriken geschlossen hatten. Es war, als hätte die Zeit den Ort nur einmal aufgesucht, zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Wie ein emsiger Vogel hatte sie sich dort eine Weile zu schaffen gemacht und dann das Nest verlassen. Auf dem Weg zu interessanteren Orten hatte sie die weißen Cottages in ein Nest aus Kanälen und Treidelpfaden geschmiegt zurückgelassen. Der verlassen am Ende des Dorfes liegende Bahnhof der alten Eisenbahnstrecke thronte nun über nichts als einem engen, abgesenkten Sträßchen, in dem es nach Fliederspeer und Holunder duftete. Tatsächlich wirkte das Dorf durch die verstreuten Spuren der Industrie und das, was sich jenseits seiner Südgrenze erspähen ließ – ein Kraftwerk, eine Waschmittelfabrik, ein rund um die Uhr geöffneter Supermarkt –, nur noch fester umhüllt. Thornmeres Außenbereiche wurden von zwei Autobahnviadukten gekreuzt – ständig fuhren Menschen vorbei, ohne je haltzumachen. Nach meinem Empfinden war es eine Abzweigung ins Nirgendwo, ein Ziel für niemanden. Nur das vage Brummen des fernen Verkehrs und die mit Graffiti besprühten Unterseiten der Kanalbrücken in der Ferne deuteten auf ein dahinterliegendes virileres Leben hin.

Die meisten der vielleicht fünfhundert Häuser von Thornmere wurden von Baumreihen verdeckt, sodass sich bei Anbruch der Sommermonate das Gefühl einstellte, dass sich das Dorf langsam verbarg, sich verstohlen hinter ein üppiges Dickicht zurückzog. In jenen Monaten glich es einer in hohes Gras fallen gelassenen Münze – hin und wieder fand die blitzende Sonne es, oder ein gegen alle Wahrscheinlichkeit vorbeikommender Passant stolperte darüber. Seit Jahrzehnten waren hier keine neuen Häuser gebaut, waren die kreisförmig angeordneten Straßen nicht erweitert worden. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt mein ganzes Leben dort verbracht und kannte all die kleinen Verbindungswege auswendig. Ich hätte mit verbundenen Augen von einer Seite des Dorfes zur anderen gehen können. Ich kannte jeden Baum, jeden Garten, jedes Auto in jeder Straße, jeden Schleichweg und jedes Schlupfloch in jedem kaputten Zaun. Die Kanäle, von denen wir zwei besaßen, waren meine geheimen Durchgangsrouten. Nie wieder habe ich so sehr das Gefühl gehabt, einen Ort zu besitzen oder besser, von ihm besessen zu werden.

Doch das Vergehen der Zeit konnte den Stillstand der dort lebenden Menschen in einem gewissen Maß erklären. Die Jahrtausendwende war gekommen und gegangen, aber die Menschen blickten über das vergangene Jahrhundert hinweg zurück und sahen nur die scheinbar ruhmreiche Interpunktion der beiden Weltkriege. Es war, als stellte für sie jeder Tag eine Schlacht gegen die moderne Welt dar. Sie klammerten sich an die alten Dorffeste – das Kirchweihfest, die Maikönigin, Erntedank –, die ihnen ein Gefühl der Sicherheit oder der Verankerung gaben. Einmal war die Veränderung gekommen, und sie hatte die Menschen bequem und häuslich eingerichtet zurückgelassen. Wie vernünftige Gewinner an einem Spieltisch zogen sie es vor, ihr Glück nicht ein weiteres Mal auf die Probe zu stellen.

So war es auch nach meinem Coming-out meinen Eltern gegenüber. Im stillen Idyll des Dorfes war ich der Bruch, das Punctum in der Landschaft. Es war nicht unbedingt so, dass es einem von ihnen nach dem anfänglichen Schrecken viel ausgemacht hätte (oder sie sich hätten anmerken lassen, dass es ihnen etwas ausmachte). Es war eher die Beklommenheit ihrer Freunde; von Silvia, die das Postamt leitete; den Fremden, die mich mit einem Mal zu kennen schienen, obwohl ich nie zuvor mit ihnen gesprochen hatte. An dem kaum wahrnehmbaren Unterschied in der Art und Weise, wie man mich vorher und nachher behandelte, konnte ich ablesen, wie weit die Nachricht schon vorgedrungen war. Niemand sagte etwas zu mir, doch ich spürte die Anspannung um mich herum, so als müsste ich in ihren Augen rehabilitiert werden. Letztlich wurde mir bewusst, dass ich nicht über die nötige Energie verfügte, über das Maß an Höflichkeit, an Demut, die ich hätte an den Tag legen müssen, um auf Vergebung hoffen zu dürfen.

Vielleicht empfanden meine Eltern genauso, und auch sie verfielen in schamhaftes Schweigen, wollten nicht noch mehr auffallen, nun da ich das Mitleid und das Unbehagen ihrer Freunde geweckt hatte. Sie waren um mich besorgt, doch ihre Besorgnis bewirkte nur, dass ich mich noch schlechter fühlte. Sie hatten mich dem Dorf vorgezogen, und nun durfte ich nichts anderes als perfekt sein. Aber in meinem Kopf hatte sich ein Schleier gelüftet. Dass die Dinge waren, wie sie waren, dass manche Dinge gepriesen und andere geschmäht wurden, erschien mir immer weniger als eine Tatsache des Lebens und immer mehr als eine kollektive Halluzination. Der Anschein der Kindheit war vergangen und mit ihm der Anschein der Unschuld. Ich hatte ihr Leben auf den Kopf gestellt, und dann hatte ich mich abgeschottet, hatte sie ausgesperrt, wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich es zu meinem eigenen oder zu ihrem Schutz tat. Dann verging so viel Zeit, dass weder sie noch ich die Stille durchstechen konnten. Sie wussten, dass ich schwul war, aber das war alles, was ich ihnen erzählte; zumindest, bis ich von jenem Jahr und von der Empörung eingeholt wurde. Ich konnte mich nicht mit dem Dorf aussöhnen, das mir mit einem Mal scheinheilig und konservativ erschien, und alle um mich herum, meine Eltern eingeschlossen, sollten es sehen. Weil ich mich an diesem Ort nicht mehr heimisch fühlte, hatte ich begonnen, mich gegen ihn zu wenden.

An einem Donnerstagabend kurz vor Beginn des Schuljahres war mein Vater aus dem Pub gekommen und hatte gesagt, er habe gute Nachrichten. Wochenlang hatten wir kaum miteinander gesprochen, und er wirkte froh, eine Gelegenheit gefunden zu haben, das betretene Schweigen zu brechen. Sein Freund David war unser Milchmann, und mein Vater erzählte mir, der Junge, der ihm morgens immer bei der Auslieferung geholfen hatte, habe sich das Schlüsselbein gebrochen. »Rollerblades«, sagte mein Vater. Er lächelte, als sagte das alles, und verstummte dann. Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach.

»Schön«, sagte er nach einigen Sekunden, obgleich ich nichts erwidert oder irgendeine bewusste Geste gemacht hatte. Ich merkte, dass ihn das Ausbleiben einer Antwort verletzte, aber ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und er wurde wieder streng.

»Auf alle Fälle werden wir etwas Geld sparen, wenn du dein Schulessen selbst bezahlen kannst. Du kannst David morgen anrufen.«

Im Zuge des an jenem Abend Ungesagten wurde ich am Montag darauf um 5.00 Uhr aus dem Bett gezerrt, um meine erste Arbeit anzutreten. Damals war es nur eine weitere Demütigung auf dem Weg in die Welt der Erwachsenen, die in mir das Gefühl vertiefte, der Familie, dem Dorf zu gehören. Ich wusste seinerzeit nicht, dass es womöglich etwas anderes sein konnte, etwas, das Anlass zu neuer Hoffnung gab; dass es mich übernächtigt und triefäugig zu Luke führen würde.

An jenem ersten Morgen konnte ich im noch dunklen Zimmer meinen Atem sehen; als ich die Vorhänge aufzog, trugen die Fenster an den Rändern das Spitzenmuster frühen Frosts, und in der Mitte des Glases war milchige Kondensation erblüht. Ende September war es für gewöhnlich nicht so kalt, auch wenn die Felder um das Dorf herum die Nachtluft länger speicherten als andere Orte. Draußen war das Licht pfirsichfarben, und der Garten lag reglos und stumm da. Ich zog mein altes Fahrrad, das mit einer Schicht Sägespäne überzogen war, aus dem Schuppen. Ich zupfte die lose, rostige Kette auf ihre Zähne und radelte im Halbschlaf durch die Sträßchen zu der Kreuzung nahe der Autobahn, an der David mich auflesen sollte.

Zwei hohe Kastanienbäume standen dort, am Eingang zum Dorf, gleich hinter dem Schild mit der Aufschrift Thornmere. Wie sie zu beiden Seiten der Straße aufragten und sich herabneigten, ähnelten sie Wachposten. An jenem Morgen waren die stachelbewehrten grünen Schalen gerade so schwer, dass ein gelegentlicher Windstoß einige von den Ästen fallen ließ. Sie schmetterten auf Autodächer und auf den Asphalt und teilten sich in makellos reine Hälften. Ich hatte mein Fahrrad an einen nahegelegenen Zaun gekettet und hielt Abstand zu den Bäumen, blickte nervös zu ihnen empor.

Nach einigen Minuten sah ich den Milchwagen schwer um die Ecke biegen, und David rief zu mir heraus, während er am Straßenrand anhielt. Als die Räder gegen die Bordsteinkante stießen, klirrten die Milchflaschen hinten bedrohlich. David war Anfang vierzig und trug jeden Morgen die gleiche blaue Arbeitsjacke und die gleiche verschlissene Cargohose. Ich vermutete, dass er Jungen wie mich in der Schule schikaniert hatte, was ihn für mich anziehend machte. Ich war es nicht gewohnt, mit älteren Männern allein zu sein, die keine Verwandten waren, und konnte ihre Attraktivität nicht einschätzen. Anfangs verwechselte ich seine Arroganz mit gutem Aussehen, doch im Laufe der Wochen stellte ich fest, dass er genauso war wie alle erwachsenen Männer, die ich kannte: unsicher, auf die Außenwirkung bedacht und leicht unbeholfen, wenn er allein war.

Die Sitzbank des Lieferwagens war nur eine lange schwarze Holzkiste, auf die David einige Kissen geklebt hatte, und wir fuhren mit geöffneten Seitentüren, sodass der Wind eisig an den Seiten des Führerhauses entlangflatterte. Auf dem Armaturenbrett hatte David eine Liste mit allen Straßen und Häusern liegen, auf der die bestellte Menge an Milch für den jeweiligen Tag vermerkt war, und während der Fahrt hatte ich die Aufgabe, sie vorzulesen. Wenn wir in eine neue Straße einbogen, rief er den Straßennamen (»Glebe«, »Longford«, »Water«), und ich zählte die Bestellungen auf: »Nr. 32: zwei halbe Liter Vollmilch«; »Nr. 34: ein halber Liter Magermilch«.

Auch wenn ich stets schläfrig war und fror, gefiel mir, dass die Arbeit immer gleich und größtenteils schweigend verlief. Ehe ich für ihn gearbeitet hatte, war ich nie früh genug wach gewesen, um David bei der Auslieferung zu sehen. Die Milch war morgens einfach erschienen. Nun hatte ich das Gefühl, Teil der dörflichen Abläufe zu sein – so als wäre ich in einen kleinen Aspekt seiner Mechanismen eingeweiht und wüsste mehr darüber als die schlafenden Fremden in ihren dunklen Häusern. Und mir gefiel, dass diese Fremden, die etwas über mich gewusst, die über mich getuschelt hatten, nicht wussten, dass ich dort war, und nicht wussten, dass ich auch über sie Dinge herausfand. Ich konnte anhand ihrer Bestellungen ihr Einkommen bemessen; ich konnte verstohlene Blicke in ihre Häuser werfen. Manche von ihnen – die wohlhabenderen – bestellten neben der Milch auch noch Orangensaft, und in anderen Häusern blieben die Mütter anders als meine Mutter zu Hause, weshalb ich wusste, dass der Vater eine gutbezahlte Tätigkeit ausübte. Wenn sich auf unserer morgendlichen Runde in einem Haus, in dem eine Rechnung noch nicht beglichen war, etwas rührte, hielt David an und kam mit mir zur Tür, als wäre er meine Verstärkung, und etwas daran, wie er dort hinter mir stand, groß und stark und mit einem Mal so respekteinflößend, verlieh mir kurz ein Gefühl von Wertschätzung. Wir warteten darauf, dass im Flur das Licht anging oder ein Schatten hinter dem verformten Glas erschien. In Augenblicken wie diesen verspürte ich, was ich als sexuellen Kitzel begriff, den das Alleinsein mit ihm auslöste. Es machte so gut wie nie jemand auf, aber David und ich hatten anschließend ein Gesprächsthema, und ich gab mir erfolgreich den Anschein, auf seiner Seite zu sein, was mir meinen Eltern gegenüber schwerfiel. Mir wurde bewusst, dass ich begonnen hatte, mich bei ihm einzuschmeicheln, dass ich ihm gefallen wollte.

Wir fuhren das Dorf mehr oder weniger im Uhrzeigersinn ab und kamen kurz nach der Hälfte der Runde an unserem Haus vorbei. Meine ganze Familie schlief noch, die Jalousien waren zugezogen, der Flur war unbeleuchtet, und nun fand ich es gespenstisch, die Rolle des stummen Schenkenden angenommen zu haben, der die Flaschen vor unserer eigenen roten Tür zurückließ. Ich weiß noch, dass es immer der sonderbarste Augenblick der Runde war, wenn ich die Flaschen nahm und unsere Einfahrt hinunterging, vorbei an der säuberlich getrimmten Hecke und dem Fächerahorn. Obgleich sich ein Teil von mir vorzustellen begann, dass ich nicht mehr dorthin gehörte, verspürte ich noch immer einen stechenden Anflug von Liebe oder von Reue, wenn der Lieferwagen in unsere Straße einbog und ich zur Tür unseres Hauses ging und die Flaschen auf den Terrakotta-Fliesen der Türschwelle stehen ließ.

In letzter Zeit hatte es Tage gegeben, da war ich mir sicher gewesen, dass es ihnen ohne mich besser gegangen wäre. Das Geld war stets knapp, was zu Spannungen führte, aber darüber hinaus hatte ich mich von ihnen entfernt. Vielleicht glaubte ich nach meinem Coming-out, weniger mit ihnen gemeinsam zu haben. Vielleicht hatte ich mich aus Gründen des Selbstschutzes zurückgezogen. In jedem Fall erahnte ich, während ich die Flaschen abstellte und mich zum Gehen wandte, wie es sich angefühlt hätte, wäre ich für diese Menschen ein Fremder gewesen, hätte meine Mutter mich nicht gekannt und auch mein Vater nicht und mein Bruder Eddie, hätten sie alle geschlafen, ohne zu wissen, dass ich dort draußen war und mir halb wünschte, sie würden aufwachen, mir vom Fenster aus zuwinken, wissen, dass ich einer von ihnen war.

Auf dem Weg zurück zum Transporter hoffte ich tief im Inneren, ich würde eines Besseren belehrt werden, meine Mutter würde meinen Namen rufen oder die Haustür öffnen oder wenigstens von den leisen Stimmen und dem Klirren der Flaschen geweckt werden. Doch dann sprang ich wieder in den Milchwagen, und David fuhr die Straße hinunter, und weder meine Mutter noch mein Vater noch Eddie hatte irgendetwas mitbekommen.

Auf den langen Strecken zwischen den Kunden versuchte David, mit mir über Frauen oder über Fußball zu sprechen, und ich musste mich durch das Gespräch lügen, versank in einer weitschweifigen Fiktion, um zu verschleiern, dass mich nichts davon interessierte, dass ich nicht auf die gleiche Weise ein Mann war, wie er es war. Manchmal, wenn er sah, wie sich eine junge Frau oder gar ein Schulmädchen im Fenster anzog, stupste er mich an oder haute mir aufs Knie und sagte: »Der würde ich's ordentlich besorgen«, und ich lächelte unbeholfen und spürte einen Knoten im Hals. Ich hatte noch immer keinen Begriff davon, worauf all diese Triebe hinausliefen. Meine eigenen Begierden waren eher unzusammenhängend, bewegten sich zwischen Jungen meines Alters und älteren Männern hin und her, hefteten sich an sie und scheiterten, fixierten sich auf einzelne Teile von Körpern und Persönlichkeiten und irrlichterten dann zu etwas anderem weiter. Es war eine Art Zwingkraft, so energisch, dass sie sich mit nur einer Sache nicht zufriedenstellen ließ. Im Fall von David hatte ich seine Vertraulichkeiten als erotisch zu imaginieren versucht, doch es war mir nie gelungen. In manchen Nächten schloss ich die Augen und stellte mir vor, wie sich seine große, kalte Hand nach mir ausstreckte und mein Knie berührte, wie seine Handfläche unerwartet über den Schritt meiner Jeans strich. Ich stellte mir vor, wie er hinter mir vor der Tür eines jener Häuser stand, mich zurechtwies, wie er den Lieferwagen an einen stillen Ort lenkte, und dann seine hässliche Schwere, die mich hochhob, aber letzten Endes stellte ich fest, dass ich ihn eher bemitleidete, und dieses Gefühl konnte ich nie abschütteln.

An jenem ersten Freitagmorgen wie an jedem weiteren gab David mir einen Geldumschlag mit meinem Namen in grobklotzigen Großbuchstaben darauf. Meinen Nachnamen buchstabierte er »Lee«. Obgleich er meinen Vater seit Jahren kannte, berichtigte ich ihn nicht. Das Geld bewahrte ich zusammengerollt in einer Metallkiste unter meinem Bett auf. Es war das Ende der Arbeitswoche – samstags und sonntags gab es keine Lieferung –, und als wir die Brücke über den Kanal überquerten und in die gepflasterten Straßen in der Dorfmitte hinabfuhren, war ich müde und wusste, ich würde bald nach Hause gehen können. Ich ließ den linken Fuß aus dem Wagen baumeln und sah den verschwommenen Boden langsam unter meinem Schuh hindurchgleiten. Die letzte Handvoll Kunden wohnte in der Green Lane, die sich von allen anderen Straßen in Thornmere unterschied, da es sich um eine Privatstraße handelte, die am Kanalufer entlang verlief. Es war ein schmales Sträßchen, und es befanden sich nur wenige Häuser darin, alle freistehend und mit langen Auffahrten und hohen Eisengittern. Ich kannte ein Mädchen – Mia Gallagher –, das in einem Haus am näher zum Dorf hin gelegenen Ende lebte. Vor der Mittelschule waren wir Freunde gewesen, aber dann war Mia groß und hübsch geworden und ihr Vater reich, und sie hatte nach und nach aufgehört, mit mir zu sprechen.

Soweit ich mich erinnere, sah ich dort nie jemanden, nicht einmal Mia. Die Einfahrten und die Gärten waren so weitläufig, dass die dort lebenden Menschen in ihren Häusern hätten wach sein können, ohne dass ich sie je zu Gesicht bekommen hätte. In jedem Fall ließen wir die Milch zu Füßen der Tore stehen, und am nächsten Tag war sie fort, und das war das einzige Anzeichen von Leben. Während der Fahrt bebten die Milchflaschen nervös, und manchmal ertönte ein hohes klirrendes Geräusch, wenn wir durch ein Schlagloch fuhren und sie alle gegeneinanderstießen. Zu diesem Zeitpunkt der Runde waren es größtenteils leere Flaschen, die wir im Laufe des Morgens eingesammelt hatten, aber in einer Holzkiste standen noch sechs volle – drei für das große Haus mit den Weidenbäumen, eine für das Cottage mit dem langen Garten und zwei für den Bauernhof am Ende der Straße. Die Häuser hatten eher Namen als Nummern: »Oak Dene«, »Willow Vale«, »Senan«.

An dem Morgen, an dem ich Luke zum ersten Mal sah, bremste David auf halbem Weg die Straße hinunter ab und fuhr dicht an die Seite mit dem Kanal heran. Ich stieg aus und hielt mich eng am Lieferwagen, kletterte beinahe an ihm entlang, denn ich wusste, bei einem Fehltritt würde ich das Ufer hinunterschlittern und ins eiskalte Wasser stürzen. Das Aussteigen wäre für ihn an dieser Stelle einfacher gewesen als für mich, aber ich sollte mir mein Geld verdienen. Ich ließ die Milch am Tor des großen Hauses mit den Weiden stehen und hielt kurz inne, um durch die Eisenstäbe zu schauen. Im Garten wehte ein Union Jack an einer Fahnenstange.

»Na komm, James«, sagte David, als spräche er mit einem Hund, der von einem Zaunpfahl abgelenkt wurde. »Es ist sibirisch.«

Ich antwortete nicht, ging nur um den Milchwagen herum und warf einen dankbaren Blick auf die letzten beiden Flaschen in der Kiste. Beim Einsteigen stampften meine Stiefel diagonale Muster aus getrocknetem Schlamm auf den Boden des Wagens. David schaute auf die Erde und dann wieder auf die Windschutzscheibe, und dann beugte er sich vor und hauchte auf seine geröteten Finger am Lenkrad.

»Lass dir ruhig Zeit.«

Manchmal flackerte freudige Erregung in mir auf, wenn man mir sagte, was ich zu tun hatte, aber ich begann mich auch darüber zu ärgern, über die Macht von Männern wie David, die stillschweigende Voraussetzung, dass ich schon folgen würde, sodass alle Erregtheit rasch von meiner eigenen Sturheit getrübt wurde. Als wir das kleine Cottage angesteuert hatten und der langen Straße weiter folgten, vorbei an der verfallenen Scheune, schmerzte mir der Rücken, und meine Ohren brannten im Wind. Ich wäre liebend gern nach Hause gegangen, aber es war erst gegen sieben Uhr morgens, und ich hatte noch den gesamten Schultag vor mir.