Ohne ein Wort - Linwood Barclay - E-Book

Ohne ein Wort E-Book

Linwood Barclay

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Beschreibung

'Ich wollte, Ihr wärt tot!' Das wünscht die 14-jährige Cynthia ihren Eltern. Als sie am nächsten Tag aufwacht, sind ihr Vater und ihre Mutter verschwunden. Auch ihr Bruder ist weg. Spurlos. Ohne ein Wort. Kein Hinweis, keine Nachricht bleiben für Cynthia zurück. Erst 25 Jahre später, als sie selbst eine Familie hat, tauchen geheimnisvolle Hinweise aus ihrer Vergangenheit auf. Mysteriös, gefährlich, tödlich - etwas Böses kehrt zurück.

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Das Buch

Nach einem Streit mit ihren Eltern wacht die 14-jährige Cynthia morgens in einem seltsam stillen Haus auf. Kein Geklapper aus Bad und Küche, keine Stimmen. Ihre Eltern und ihr Bruder sind verschwunden. Spurlos. Für immer.

Zwanzig Jahre später ist Cynthia mit Terry verheiratet und hat eine kleine Tochter, Grace. Das Trauma ihrer Jugend hat sie jedoch nie verwunden, und so beschließt sie, in einer Fernsehsendung aufzutreten. Sie möchte endlich Hinweise bekommen auf den Verbleib ihrer Familie. Unmittelbar nach der Sendung geschehen seltsame Dinge, Kleinigkeiten zuerst – ist es möglich, dass Cynthias Eltern vorsichtig Kontakt zu ihr aufnehmen? Oder wird sie langsam, aber sicher verrückt? Dann werden die Ereignisse noch bedrohlicher, und Cynthia stolpert über eine Tote – die nicht die einzige bleiben soll.

 

Der Autor

Linwood Barclay machte 1977 seinen Abschluss in Literaturwissenschaften an der Trent University in Petersborough, Ontario. Anschließend arbeitete er lange Jahre als Journalist und hatte eine beliebte Kolumne im Toronto Star. Neben seiner journalistischen und schriftstellerischen Tätigkeit ist Linwood Barclay ein vielgebuchter Redner. Mit seiner Frau und zwei Kindern lebt er in der Nähe von Toronto. OHNE EINE WORT ist Linwood Barclays erster Psychothriller.

Von Linwood Barclay sind in unserem Hause außerdem erschienen:

Dem Tode nahIn Todesangst

Linwood Barclay

OHNE EIN WORT

Psychothriller

Aus dem Englischenvon Nina Pallandt

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:

www.ullstein-taschenbuch.de

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen,

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können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch

1. Auflage Juni 2007

17. Auflage 2010

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2007

Copyright © 2006 by Linwood Barclay

Titel der amerikanischen Originalausgabe: No Time for Goodbye

(Random House, New York)

Umschlaggestaltung: HildenDesign, München

Titelabbildung: GBK, Heye Werbeagentur GmbH

Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

eBook-Konvertierung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

Printed in Germany

eBook ISBN978-3-8437-0154-9

MAI 1982

Als Cynthia erwachte, war es so still im Haus wie sonst nur samstags.

Ach, wenn doch nur Samstag gewesen wäre.

Nie zuvor in ihrem Leben hatte sie sich sehnlicher gewünscht, es sei ein schulfreier Samstag. Ihr war immer noch speiübel, ihr Kopf fühlte sich an wie Beton, und es kostete sie einige Mühe, ihn überhaupt vom Kissen zu heben.

Igitt, was war denn bitte das da im Papierkorb? Sie konnte sich nicht mal daran erinnern, sich letzte Nacht übergeben zu haben, aber die verräterischen Spuren ließen keinen anderen Schluss zu.

Die Sauerei musste sie unbedingt wegmachen, ehe ihre Eltern etwas bemerkten. Cynthia stieg aus dem Bett, schwankte einen Augenblick, nahm den kleinen Plastikeimer und öffnete die Zimmertür einen Spalt. Auf dem Flur war niemand zu sehen. Sie schlich am Zimmer ihres Bruders und dem Elternschlafzimmer vorbei – beide Türen standen offen –, schlüpfte ins Bad und schloss die Tür hinter sich.

Sie leerte den Inhalt in die Toilette, wusch den Papierkorb in der Badewanne aus und musterte sich müde im Spiegel. So also sah eine Vierzehnjährige mit Kater aus. Kein schöner Anblick. Sie erinnerte sich kaum, was Vince ihr alles zu trinken angeboten hatte, lauter Zeug aus der Hausbar seiner Eltern. Zwei Dosen Budweiser, Wodka, Gin und eine bereits angebrochene Flasche Rotwein. Sie hatte versprochen, eine Flasche Rum von zu Hause mitzubringen, hatte sich am Ende aber nicht getraut.

Irgendetwas war merkwürdig. Sie kam nur nicht drauf, was es war.

Cynthia spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht und trocknete sich ab. Sie holte tief Luft und nahm all ihren Mut zusammen, für den Fall, dass ihre Mutter bereits auf der anderen Seite der Badezimmertür auf sie wartete.

Tat sie aber nicht.

Cynthia eilte zurück in ihr Zimmer, dessen Wände zum Unmut ihrer Eltern mit Postern von KISS und anderen Seelenzerstörern gepflastert waren; unter ihren nackten Füßen spürte sie den dicken Teppich. Sie warf einen Blick in Todds Zimmer, lugte ins Schlafzimmer ihrer Eltern. Die Betten waren gemacht. Normalerweise kam ihre Mutter erst später am Morgen dazu, sie aufzuschütteln. Todd machte sein Bett sowieso nie, und Mom ließ es ihm auch noch durchgehen, aber heute sahen die Betten aus, als hätte überhaupt niemand in ihnen geschlafen.

Cynthia spürte leise Panik in sich aufkommen. War es schon so spät? Wie spät war es überhaupt?

Der Wecker auf Todds Nachttisch zeigte gerade mal zehn vor acht an. Gewöhnlich verließ sie das Haus erst zwanzig Minuten später, um zur Schule zu gehen.

Im Haus war es totenstill.

Normalerweise konnte sie ihre Eltern um diese Uhrzeit unten in der Küche hören. Selbst wenn sie nicht miteinander sprachen, was öfter vorkam, hörte sie, wie der Kühlschrank geöffnet und wieder geschlossen wurde, wie der Pfannenheber in der Pfanne kratzte oder Geschirr in die Spüle gestellt wurde, während jemand – üblicherweise ihr Vater – die Seiten der Morgenzeitung umblätterte und den einen oder anderen verwunderten Kommentar vor sich hin murmelte.

Seltsam.

Ihr Blick streifte die Matheaufgaben, die auf dem Schreibtisch lagen. Sie hatte nur die Hälfte der Aufgaben gemacht, bevor sie gestern Abend losgezogen war, und sich gedacht, den Rest könne sie ja auch morgen erledigen, wenn sie früh genug aufstand.

Falsch gedacht.

Sonst war Todd um diese Uhrzeit nicht zu überhören. Rein und raus aus dem Badezimmer, während Led Zeppelin aus seinen Lautsprechern dröhnte; zwischendurch rief er lautstark nach einer frischen Hose und rülpste vor Cynthias Tür herum.

Er hatte kein Wort davon gesagt, dass er früher zur Schule musste, aber das hätte sie auch eher gewundert. Sie gingen nur selten zusammen zur Schule. In seinen Augen war sie eine uncoole Neuntklässlerin, auch wenn sie ihr Bestes tat, um ihr Image aufzupolieren. Er würde ganz schön staunen, wenn sie ihm erzählte, dass sie zum ersten Mal so richtig sturzbesoffen gewesen war. Aber vielleicht hielt sie doch besser die Klappe, sonst verpetzte er sie noch, wenn er das nächste Mal etwas ausgefressen hatte.

Okay. Möglich, dass Todd früher zur Schule gegangen war – aber wo waren ihre Eltern?

Vielleicht war ihr Vater am frühen Morgen zu einer Geschäftsreise aufgebrochen. Er war immer irgendwohin unterwegs, da verlor man völlig den Überblick. Am Abend zuvor war er allerdings leider zu Hause gewesen.

Und ihre Mutter? Hmm, vermutlich hatte sie Todd zur Schule gefahren.

Sie zog sich an. Jeans, Pullover. Legte Make-up auf. Genug, um nicht völlig fertig auszusehen, aber nicht so viel, dass ihre Mutter wieder mal einen ihrer »Flittchen«-Anfälle kriegen würde.

Als sie die Küche betrat, blieb sie wie angewurzelt stehen.

Keine Frühstücksflocken, kein Saft, kein Kaffee in der Maschine. Keine Teller, kein Brot im Toaster, keine Tassen, weder Milch noch Rice Krispies. Die Küche sah genauso aus wie am Abend zuvor, nachdem ihre Mutter aufgeräumt hatte.

Cynthia sah sich nach einem Zettel um. Ihre Mom hinterließ immer eine Notiz, wenn sie das Haus verließ, selbst wenn sie sauer war. »Bin heute nicht da«, stand dann dort, »Mach dir Rührei, muss Todd fahren«, oder einfach »Bin unterwegs, bis später«. Wenn sie böse auf Cynthia war, unterschrieb sie statt mit »Alles Liebe, Mom« nur mit »Mom«.

Aber es war weit und breit kein Zettel zu sehen.

Cynthia nahm ihren Mut zusammen und rief: »Mom?« Ihre eigene Stimme klang fremd in ihren Ohren. Vielleicht weil etwas darin mitklang, was sie sich nicht eingestehen wollte.

Als keine Antwort von ihrer Mutter kam, rief sie: »Dad?«

Wieder nichts.

Sie kam zu dem Schluss, dass es sich offenbar um eine Strafe handelte, die sie sich für sie ausgedacht hatten. Sie hatte ihre Eltern enttäuscht, und jetzt taten die so, als sei sie Luft, bestraften sie auf die ganz miese Tour mit Schweigen.

Okay, es gab Schlimmeres. Immer noch besser als jetzt gleich Riesenzoff am Morgen.

Außerdem stand ihr ohnehin nicht der Sinn nach Frühstück; sehr unwahrscheinlich, dass sie es bei sich behalten würde. Sie nahm ihre Schulsachen und trat aus der Haustür.

Der Journal Courier, mit Gummiband zusammengerollt, lag auf der Fußmatte.

Cynthia stieß die Zeitung mit dem Fuß beiseite, ohne weiter darüber nachzudenken, ging die leere Einfahrt hinunter – sowohl der Dodge ihres Vaters als auch der Ford Escort ihrer Mutter waren nirgends zu sehen – und machte sich auf zur Jonathan Law Highschool. Vielleicht konnte sie ja aus ihrem Bruder herauskriegen, was los war und was sie sonst noch erwartete.

Jede Menge Stress, dachte sie.

Sie hätte um Punkt acht Uhr zu Hause sein sollen. Erstens, weil es ein ganz normaler Schultag war, und zweitens hatte am frühen Abend auch noch Mrs Asphodel angerufen und ihre Mutter informiert, dass sie wiederholt die Englischhausaufgaben vergessen hatte und ihre Versetzung gefährdet war. Ihren Eltern hatte sie vorgeschwindelt, sie würde zu Pam rübergehen und mit ihr zusammen Hausaufgaben machen, obwohl das ohnehin reine Zeitverschwendung gewesen wäre, und ihre Eltern hatten eingewilligt, aber darauf bestanden, dass sie um acht wieder zu Hause war. Cynthia hatte gemault, das sei doch viel zu wenig Zeit, ob sie etwa durchfallen solle?

Acht Uhr, hatte ihr Vater gesagt. Acht Uhr und keine Sekunde später. Mir doch egal, hatte sie gedacht. Ich komme, wann es mir passt.

Als Cynthia um Viertel nach acht noch nicht zu Hause gewesen war, hatte ihre Mutter bei Pam zu Hause angerufen. »Hi, hier ist Patricia Bigge«, hatte sie zu Pams Mutter gesagt. »Kann ich mal kurz mit Cynthia sprechen?« Und als Pams Mutter überhaupt nicht wusste, wovon die Rede war, hatte Cynthias Vater den alten Filzhut aufgesetzt, ohne den er nie aus dem Haus ging, und in den umliegenden Straßen nach ihr Ausschau gehalten. Er argwöhnte nämlich, dass sie sich mit Vince Fleming herumtrieb, einem siebzehnjährigen Jungen aus der elften Klasse, der bereits einen Führerschein hatte und einen verrosteten roten Ford Mustang Baujahr 1970 fuhr. Clayton und Patricia Bigge hielten nicht viel von ihm. Problematischer Bursche, zweifelhafte Familienverhältnisse, schlechter Einfluss. Vor einiger Zeit hatte Cynthia ihre Eltern abends über Vince’ Vater sprechen hören, der ihrer Meinung nach irgendwie Dreck am Stecken hatte, was Cynthia aber für totalen Schwachsinn hielt.

Es war reiner Zufall, dass ihr Vater den Wagen im hintersten Winkel des Parkplatzes am Einkaufszentrum in der Post Road erspähte, einen Steinwurf von den Milforder Kinos entfernt. Er zog direkt vor den Mustang und versperrte Vince den Weg. Sie wusste gleich, dass er es war, als sie den Filzhut erblickte.

»Scheiße«, sagte Cynthia. Gut, dass er nicht schon zwei Minuten vorher aufgetaucht war, als sie geknutscht hatten und Vince ihr sein nagelneues Springmesser gezeigt hatte. Gnadenlos – ein leichter Knopfdruck und urplötzlich schoss eine zehn Zentimeter lange Klinge heraus. Vince hatte das Teil im Schoß gehalten und gegrinst, als wäre es gar kein Messer, sondern etwas ganz anderes. Dann hatte Cynthia das Messer ausprobiert, es durch die Luft geschwungen und gekichert.

»Hey, Vorsicht«, hatte Vince gesagt.

Clayton Bigge marschierte schnurstracks zur Beifahrertür und öffnete sie. Die Tür quietschte in den rostigen Angeln.

»Hey, Meister, keine Panik«, sagte Vince, der mittlerweile zwar kein Messer mehr in der Hand hielt, dafür aber eine Bierflasche, was fast genauso schlimm war.

»Quatsch mich bloß nicht blöd an«, sagte Clayton Bigge, fasste seine Tochter am Arm und zerrte sie mit sich zu seinem Dodge. »O Gott, du stinkst ja wie eine ganze Kneipe«, sagte er.

Cynthia wäre am liebsten auf der Stelle gestorben.

Sie sah ihren Vater nicht an und sagte kein Wort, auch dann nicht, als er sie anherrschte, mit ihr hätte man bloß noch Ärger, sie solle endlich zur Besinnung kommen, sonst würde sie ihr ganzes Leben verpfuschen, was er denn falsch gemacht hätte, er habe doch nur gewollt, dass sie glücklich sei, bla, bla, bla, und obwohl er stinksauer war, fuhr er immer noch, als hätte er gerade erst den Führerschein gemacht, hielt sich stur an die Geschwindigkeitsbegrenzung und schaltete beim Abbiegen jedes Mal den Blinker an – es war schlicht nicht zu fassen.

Als sie in die Einfahrt einbogen, war sie schon ausgestiegen, bevor er den Wagen zum Stillstand gebracht hatte. Sie stieß die Haustür auf und stürmte ins Haus, vorbei an ihrer Mutter, die weniger aufgebracht als besorgt wirkte.

»Cynthia!«, sagte sie. »Wo warst du …«

Sie ließ ihre Mutter einfach stehen und stürzte die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Von unten rief ihr Vater: »Komm sofort wieder runter! Wir müssen miteinander reden!«

»Ich wollte, ihr wärt tot!«, schrie sie und knallte die Tür zu.

Daran entsann sie sich nun wieder ganz deutlich. An den Rest des Abends konnte sie sich allerdings nach wie vor nur verschwommen erinnern.

Sie erinnerte sich, wie sie sich auf ihr Bett gesetzt hatte, dass ihr ziemlich schwindlig gewesen war. Sie war zu müde, um sich zu schämen. Dann beschloss sie, sich hinzulegen und ihren Rausch auszuschlafen; bis sie wieder aufstehen musste, waren ja immerhin noch fast zehn Stunden Zeit.

Zehn Stunden, in denen alles Mögliche passieren konnte.

Sie meinte sich zu erinnern, dass sie im Halbschlaf jemanden an der Tür gehört hatte. Ein Geräusch, als ob jemand vor der Tür verharren würde.

Später hatte sie das Geräusch noch einmal gehört. Glaubte sie jedenfalls.

War sie aufgestanden, um nachzusehen? Hatte sie überhaupt aufzustehen versucht? Sie konnte sich beim besten Willen nicht erinnern.

Inzwischen war sie fast vor der Schule angekommen.

Und nun meldete sich auch noch ihr schlechtes Gewissen. An einem einzigen Abend hatte sie gegen sämtliche Spielregeln verstoßen. Sie war zu spät nach Hause gekommen. Hatte ihre Eltern angelogen. Mit einem Jungen herumgeknutscht. Einem Siebzehnjährigen! Der letztes Jahr ein paar Schulfenster eingeworfen und eine Spritztour mit dem Wagen des Nachbarn unternommen haben sollte.

Außerdem waren ihre Eltern gar nicht so schlimm. Meistens jedenfalls. Vor allem ihre Mom. Und ihr Dad, na ja, eigentlich war er ja ganz passabel, wenn er nicht gerade hinter ihr herspionierte.

Vielleicht hatte ihre Mutter Todd zur Schule gefahren. Wenn er Training hatte und unter Zeitdruck stand, brachte sie ihn manchmal zur Schule und ging anschließend in den Supermarkt. Ab und an trank sie auch einen Kaffee im Howard Johnson’s.

In der ersten Stunde – Geschichte – bekam sie so gut wie nichts mit, und in Mathe konnte sie sich erst recht nicht konzentrieren. Sie hatte immer noch Kopfschmerzen. Als der Mathematiklehrer sie fragte, ob sie alles verstanden hätte, sah sie nicht mal auf.

Während der Mittagspause verließ sie die Cafeteria und rief von einem Münztelefon zu Hause an, um sich bei ihrer Mutter zu entschuldigen und ihr zu sagen, wie leid ihr alles tat. Außerdem wollte sie nach Hause, denn ihr war hundeelend. Ihre Mutter würde sich um sie kümmern und ihr eine Suppe kochen. Sie konnte nie lange böse bleiben.

Nachdem es fünfzehnmal geläutet hatte, gab Cynthia auf, dachte dann aber, sie hätte sich vielleicht verwählt. Doch auch beim nächsten Versuch ging niemand ans Telefon. Die Firmennummer ihres Vaters wusste sie nicht auswendig. Außerdem war er so oft auf Geschäftsreise, dass er meist nur von unterwegs dort anrief.

Sie hing mit ein paar Freundinnen vor der Schule herum, als Vince Fleming in seinem Mustang vorbeifuhr. »Ganz schön blöd gelaufen gestern Abend«, sagte er. »Dein Alter hat ja ziemlich genervt.«

»Ja, hat er«, sagte Cynthia.

»Was ist denn danach noch passiert?«, fragte Vince. Irgendwie klang er, als wüsste er es bereits. Cynthia zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht darüber reden.

»Wo ist eigentlich dein Bruder?«, fragte Vince. »Ist er krank?«

»Was?«, stieß Cynthia hervor.

Niemand hatte Todd gesehen. Vince sagte, er hätte ihn unter vier Augen fragen wollen, wie groß der Stunk zu Hause sei, ob sie Hausarrest bekommen hätte, weil er nämlich am Wochenende mit ihr um die Häuser ziehen wollte, sein Kumpel Kyle würde ihm Bier besorgen, und dann könnten sie doch rauf in die Hügel fahren, ein bisschen im Auto sitzen und sich die Sterne angucken, oder?

Cynthia lief nach Hause. Sie vergaß sogar, Vince zu fragen, ob er sie fahren konnte. Sie meldete sich auch nicht im Sekretariat ab. Sie lief, so schnell sie konnte, und die ganze Zeit über dachte sie: Bitte, lieber Gott, mach, dass Moms Wagen in der Einfahrt steht. Bitte.

Doch als sie von der Pumpkin Delight Road in die Hickory Lane einbog und ihr einstöckiges Elternhaus in Sicht kam, war von dem gelben Ford Escort ihrer Mutter weit und breit nichts zu sehen. Trotzdem rief sie laut und atemlos nach ihrer Mutter, als sie ins Haus stürzte. Und dann nach ihrem Bruder.

Sie begann zu zittern, riss sich dann aber mit aller Macht zusammen.

Nun verstand sie überhaupt nichts mehr. Egal wie stinksauer ihre Eltern auch auf sie sein mochten – deswegen würden sie nicht einfach abhauen, ohne ihr etwas zu sagen, und obendrein noch Todd mitnehmen.

Cynthia kam sich total bescheuert vor, klingelte aber nebenan bei den Jamisons. Wahrscheinlich gab es eine ganz einfache Erklärung; vielleicht hatte sie ja bloß vergessen, dass ihre Mutter einen Zahnarzttermin hatte. Wenn sie jetzt um die Ecke bog, würde Cynthia wie eine Vollidiotin dastehen.

Egal.

Als Mrs Jamison öffnete, platzte Cynthia mit allem heraus. Dass niemand zu Hause gewesen sei, als sie aufgewacht war, und dass sie dann zur Schule gegangen sei, aber Todd sei auch dort nicht aufgetaucht, und ihre Mutter …

Mrs Jamison war zwar überrascht, meinte aber, sie solle sich keine Sorgen machen, ihre Mom sei bestimmt nur zum Einkaufen gefahren. Sie ging mit Cynthia hinüber und warf einen Blick auf die Zeitung, die immer noch vor der Haustür lag. Zusammen sahen sie in allen Zimmern, der Garage und im Garten nach.

Mrs Jamison gefiel die Sache nicht. Sie rief die Polizei.

Kurz darauf kam ein Streifenbeamter vorbei, dem das Ganze aber kein großes Kopfzerbrechen zu bereiten schien. Bald aber trafen weitere Beamte und Streifenwagen ein und am Abend wimmelte es auf der Straße nur so von Polizisten. Cynthia hörte, wie sie über Funk Beschreibungen der Autos ihrer Eltern durchgaben und im Krankenhaus von Milford anriefen. Die Polizisten klingelten bei den Nachbarn und stellten auch Cynthia jede Menge Fragen.

»Bist du sicher, dass sie nicht jemanden besuchen wollten?«, fragte ein Mann, der sich als Detective vorgestellt hatte und im Gegensatz zu den anderen Polizisten keine Uniform trug. Er hieß Findley oder Finlay, wenn sie ihn richtig verstanden hatte.

Hielt er sie allen Ernstes für derart vergesslich? Glaubte er, sie würde gleich herausplatzen: »Na klar, jetzt erinnere ich mich! Sie wollten ja Tante Tess besuchen! Moms Schwester.«

»Nun ja«, sagte der Detective. »Deine Eltern und dein Bruder haben offensichtlich nichts gepackt. Soweit wir feststellen konnten, sind all ihre Sachen noch da, und die Koffer stehen unten im Keller.«

Die Fragen wollten schier kein Ende nehmen. Wann hatte sie ihre Eltern zuletzt gesehen? Wann war sie ins Bett gegangen? Was war das für ein Junge, mit dem sie aus gewesen war? Sie bemühte sich, nichts auszulassen, gab sogar zu, dass sie Streit mit ihren Eltern gehabt hatte, auch wenn sie verschwieg, dass sie betrunken gewesen war und ihnen den Tod gewünscht hatte.

Der Detective war ein netter Mann, doch stellte er keine einzige der Fragen, die Cynthia unablässig durch den Kopf gingen. Wieso waren ihre Eltern und ihr Bruder einfach verschwunden? Wo waren sie hingefahren? Und warum hatten sie sie nicht mitgenommen?

In einem Anfall von Panik begann sie die Küche auf den Kopf zu stellen. Sie hob Platzdeckchen hoch und warf sie beiseite, sah unter die Stühle, spähte hinter den Herd, während ihr Tränen über die Wangen liefen.

»Was ist denn los, Kleine?«, fragte der Detective. »Was machst du da?«

»Wo ist bloß der Zettel?«, fragte Cynthia mit flehendem Blick. »Hier muss irgendwo ein Zettel sein! Meine Mom geht nie aus dem Haus, ohne eine Nachricht zu hinterlassen!«

EINS

Cynthia stand vor dem einstöckigen Haus an der Hickory Lane. Aber sie sah das Haus, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte, keineswegs zum ersten Mal seit fünfundzwanzig Jahren wieder. Sie lebte immer noch in Milford und hatte mir das Haus gezeigt, bevor wir heirateten. »Das ist es«, hatte sie im Vorüberfahren gesagt, und schon waren wir wieder daran vorbei gewesen. Sie hielt nie an. Und falls doch, stieg sie nicht aus. Jedenfalls hatte sie seit einer Ewigkeit nicht mehr unmittelbar vor dem Haus gestanden.

Und genauso lange war es her, dass sie das Haus zuletzt betreten hatte.

Wie angewurzelt stand sie auf dem Bürgersteig; es sah fast so aus, als könne sie keinen Schritt weitergehen. Am liebsten wäre ich zu ihr geeilt, um sie zur Tür zu begleiten. Die Einfahrt war gerade mal zehn Meter lang, erstreckte sich aber ein Vierteljahrhundert in die Vergangenheit. Für sie war es wohl ein bisschen so, als würde sie durch das falsche Ende eines Fernglases sehen. So, als könnte sie den ganzen Tag gehen und gehen, ohne jemals anzukommen.

Trotzdem blieb ich auf der anderen Straßenseite stehen, behielt sie im Auge, ihren Rücken, die kurzen roten Haare. Ich hatte meine Anweisungen.

Cynthia stand da, als würde sie auf die Erlaubnis warten, endlich die Einfahrt hinaufzuschreiten. Dann ertönte eine Stimme.

»Okay, Mrs Archer? Gehen Sie los. Nicht zu schnell. Zögern Sie ruhig ein bisschen, so als würden Sie das Haus zum ersten Mal seit fünfundzwanzig Jahren betreten.«

Über die Schulter sah Cynthia eine junge Frau in Jeans und Turnschuhen an; die Frau trug eine Baseballkappe, aus der hinten ihr Pferdeschwanz baumelte. Sie war eine der drei Aufnahmeleiterinnen.

»So ist es ja auch«, sagte Cynthia.

»Sehen Sie nicht mich an«, sagte die Frau mit dem Pferdeschwanz. »Richten Sie den Blick aufs Haus, und wenn Sie losgehen, denken Sie einfach daran, was damals passiert ist, okay?«

Cynthia sah mich an und verdrehte die Augen. Ich lächelte resigniert, so nach dem Motto »Tja, da musst du jetzt durch«.

Langsam schritt sie die Einfahrt hinauf. Wie hätte sie sich dem Haus wohl ohne laufende Kamera genähert? Ebenso vorsichtig, ebenso stockend? Wahrscheinlich. Aber jetzt wirkte es gespielt, irgendwie gezwungen.

Doch als sie die Treppenstufen zur Haustür erklomm und die Hand ausstreckte, bemerkte ich, dass sie zitterte. Ich bezweifelte jedoch, dass die Kamera imstande war, echte Gefühle einzufangen.

Ihre Hand legte sich um den Türknauf. Sie drehte ihn und wollte gerade die Tür öffnen, als die Frau mit dem Pferdeschwanz rief: »Stopp! Wunderbar! Bleiben Sie genau so stehen!« Dann richtete sie das Wort an den Kameramann: »Und jetzt das Ganze noch mal von innen, damit wir sehen, wie sie hereinkommt.«

»Das kann ja wohl nicht wahr sein!«, sagte ich, laut genug, dass das umstehende Fernsehteam es mitbekam – etwa ein halbes Dutzend Leute, darunter Paula Malloy, die Chefreporterin des Senders, wie stets ganz Strahlelächeln und Donna-Karan-Kostüm.

Paula trat zu mir.

»Mr Archer.« Sie berührte mich am Arm, noch so eins ihrer Markenzeichen. »Ist alles in Ordnung?«

»Wie können Sie ihr das antun?«, sagte ich. »Meine Frau will zum ersten Mal, seit ihre Familie spurlos verschwunden ist, ihr Elternhaus betreten, und Sie rufen einfach ›Schnitt‹?«

»Terry«, sagte sie und rückte mir noch ein bisschen näher auf den Leib. »Darf ich Sie Terry nennen?« Ich äußerte mich nicht dazu.

»Terry, es tut mir wirklich leid, aber wir müssen die Kamera neu positionieren. Wir wollen Cynthias Gesicht sehen, wenn sie zum ersten Mal nach all den Jahren das Haus betritt. Wir wollen größtmögliche Authentizität. Ehrlichkeit. Und darum geht es Ihnen beiden doch auch, nicht wahr?«

Ein toller Witz. Die Chefreporterin von Deadline, die sonst hinter Prominenten und Popstars herjagte, die sich betrunken ans Steuer gesetzt oder ihr Baby nicht im Kindersitz angeschnallt hatten, spielte hier kalt lächelnd die Aufrichtigkeitskarte aus.

»Ja, natürlich«, sagte ich müde, während ich daran dachte, dass es hier um weit mehr ging, darum, dass ein TV-Beitrag nach all den Jahren vielleicht ein wenig Licht ins Dunkel bringen konnte. »Kein Problem.«

Paula schenkte mir ein professionelles Strahlelächeln und marschierte mit klackenden Absätzen auf die andere Straßenseite.

Seit Cynthia und ich angekommen waren, hatte ich mich bewusst abseits gehalten. Ich hatte mir einen Tag vom Unterricht freigenommen. Der Direktor, mein langjähriger Freund Rolly Carruthers, wusste, wie wichtig die Sache für Cynthia war; ein Kollege vertrat mich in Englisch und kreativem Schreiben. Cynthia hatte sich ebenfalls einen Tag Urlaub genommen; sie arbeitete in einem Modegeschäft. Unsere achtjährige Tochter Grace hatten wir an der Schule abgesetzt. Grace hätte es wahrscheinlich überaus spannend gefunden, einem Fernsehteam beim Drehen zuzusehen, aber bei einer Produktion über die persönliche Tragödie ihrer Mutter hatte sie nichts zu suchen.

Cynthias ehemaliges Elternhaus wurde inzwischen von einem pensionierten Ehepaar bewohnt, begeisterten Seglern, die ein Boot im Hafen von Milford liegen hatten und vor zehn Jahren hier eingezogen waren. Der Sender hatte dem Ehepaar Geld bezahlt, um das Haus für seine Zwecke nutzen zu können; die Crew hatte allen möglichen Nippes sowie private Fotos von den Wänden entfernt, damit das Haus möglichst so aussah wie damals.

Ehe die Hausbesitzer zum Segeln fuhren, sprachen sie vor dem Haus in die laufenden Kameras.

Ehemann: »Nicht auszudenken, was damals hier passiert sein mag. Manchmal denke ich, die ehemaligen Bewohner müssen zerstückelt und in Säure aufgelöst worden sein.«

Ehefrau: »Ab und zu kommt es mir vor, als würde ich Stimmen hören. So als würden ihre Geister im Haus herumspuken. Manchmal, wenn ich am Küchentisch sitze, läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter, als wäre gerade einer von ihnen an mir vorbeigelaufen.«

Ehemann: »Als wir das Haus kauften, wussten wir nicht, was hier passiert war. Jemand hatte es von der Tochter gekauft, es dann an jemand anders weiterverkauft, und von den Leuten haben wir es dann gekauft. Als mir später das eine oder andere zu Ohren gekommen ist, habe ich mich in der Stadtbibliothek schlaugemacht. Und mich gefragt, wieso sie eigentlich überlebt hat. Mal ernstlich, das ist doch wohl schon ein bisschen merkwürdig, oder?«

Cynthia, die das Interview von einem der Transporter aus verfolgte, in denen das Fernsehteam angerückt war, rief: »Entschuldigung, dass ich Sie unterbreche. Was meinen Sie damit?«

Jemand aus dem Team fuhr herum und machte »Schsch«, aber damit war er bei Cynthia an der falschen Adresse. »Sie haben mir überhaupt nichts zu sagen«, zischte sie. In Richtung des Mannes rief sie: »Was wollten Sie damit andeuten?«

Verblüfft sah der Mann zu ihr herüber. Offenbar hatte er nicht gewusst, das Cynthia anwesend war. Die Aufnahmeleiterin mit dem Pferdeschwanz ergriff Cynthia am Ellbogen und lenkte sie mit sanftem Druck hinter den Transporter.

»Was soll das?«, fragte Cynthia. »Was wollte er damit sagen? Dass ich etwas mit dem Verschwinden meiner Familie zu tun habe?«

»Kümmern Sie sich nicht um ihn«, sagte die Aufnahmeleiterin.

»Sie haben gesagt, Sie wollten mir helfen«, sagte Cynthia. »Endlich Licht ins Dunkel zu bringen. Das ist der einzige Grund, warum ich zugesagt habe. Wollen Sie etwa senden, was er gesagt hat? Was sollen die Leute denken, wenn sie so etwas hören?«

»Machen Sie sich keine Gedanken«, sagte die Aufnahmeleiterin. »Das wird nicht verwendet.«

Anscheinend sorgten sie sich, dass Cynthia von einer Sekunde auf die andere abrauschen würde, ohne dass sie auch nur eine Minute mit ihr gedreht hatten; sie redeten auf sie ein, versuchten sie zu beschwichtigen, gaben nochmals zu bedenken, dass sich sicher jemand melden würde, der etwas wusste, sobald der Beitrag ausgestrahlt wurde. Was ihren Beteuerungen zufolge immer wieder vorkam. Sie hätten, sagten sie, jede Menge Fälle gelöst, die die Polizei längst zu den Akten gelegt hatte.

Nachdem sie Cynthia erneut davon überzeugt hatten, dass sie aus rein ehrenhaften Motiven handelten, und der alte Sack mit seiner Frau zum Segeln abgedüst war, ging die Show weiter.

Ich folgte zwei Kameramännern ins Haus, stellte mich dann aber ein wenig abseits, während sie sich positionierten, um aus verschiedenen Perspektiven aufzunehmen, wie Cynthia zögernd in ihre Erinnerungen eintauchte. Ich ging davon aus, dass sie das Filmmaterial im Studio nicht nur zusammenschneiden, sondern obendrein auf grobkörnig trimmen und mit diversen anderen Tricks verfremden würden, um die Geschichte ein wenig spannender zu gestalten – eine Story, die Fernsehredakteure früherer Jahrzehnte ganz sicher auch so dramatisch genug gefunden hätten.

Dann ging es nach oben in Cynthias altes Zimmer. Sie wirkte wie gelähmt. Sie wollten aufnehmen, wie sie das Zimmer betrat, aber aus zwei verschiedenen Perspektiven. Beim ersten Mal wartete der Kameramann hinter der geschlossenen Zimmertür, beim zweiten Take filmten sie Cynthia vom Flur aus, die Kamera über ihre Schulter gerichtet. Als der Beitrag gesendet wurde, sah ich, dass sie ein Fischaugenobjektiv verwendet hatten, um der Szene einen unheimlichen Touch zu verleihen, etwa so, als würde Jason aus »Freitag der 13.« mit seiner Eishockeymaske hinter der Tür warten.

Paula Malloy, die als Wetterfee angefangen hatte, wurde frisch geschminkt und frisiert. Dann stattete eine Assistentin sie und Cynthia mit Sendern und kleinen Mikros aus, die an ihren Kragen befestigt wurden. Paula stieß Cynthia sacht mit der Schulter an, als seien sie alte Freundinnen, die sich gemeinsam an nicht ganz so gute Zeiten erinnerten.

Als sie bei laufenden Kameras die Küche betraten, fragte Paula: »Was ist Ihnen damals durch den Kopf gegangen?« Cynthia bewegte sich wie in Trance. »Totenstille im ganzen Haus – und dann kommen Sie in die Küche und niemand ist da.«

»Ich wusste ja nicht, was los war«, sagte Cynthia leise. »Ich dachte, alle wären vor mir aus dem Haus gegangen. Ich dachte, mein Vater sei zur Arbeit gefahren. Und dass meine Mutter meinen Bruder zur Schule bringen würde. Ich dachte, sie wären sauer auf mich, weil ich mich am Abend zuvor ziemlich danebenbenommen hatte.«

»Waren Sie ein schwieriger Teenager?«, fragte Paula.

»Nun ja … manchmal. Am Abend zuvor hatte ich mich mit einem Jungen getroffen, der meinen Eltern ein Dorn im Auge war, und auch einiges getrunken. Aber so schlimm war ich nun auch wieder nicht. Ich habe meine Eltern geliebt, und ich glaube …« – einen Augenblick lang drohte ihr die Stimme zu versagen – »… sie mich auch.«

»Sie haben damals ausgesagt, Sie hätten Streit mit Ihren Eltern gehabt.«

»Ja«, sagte Cynthia. »Weil ich nicht rechtzeitig nach Hause gekommen bin und sie belogen habe. Und manchmal habe ich ihnen auch ziemlich unschöne Dinge an den Kopf geworfen.«

»Zum Beispiel?«

»Oh.« Cynthia zögerte einen Moment. »Was man halt so sagt. Kinder sagen manchmal eben Dinge, die sie eigentlich gar nicht so meinen.«

»Und was glauben Sie, wo sich Ihre Eltern und Ihr Bruder heute befinden – fünfundzwanzig Jahre später?«

Traurig schüttelte Cynthia den Kopf. »Das frage ich mich ja selbst. Es vergeht kein Tag, an dem ich mir nicht darüber den Kopf zerbreche.«

»Falls Ihre Eltern und Ihr Bruder noch leben sollten, was würden Sie ihnen, hier bei Deadline, jetzt sagen wollen?«

Verlegen und irgendwie hoffnungslos sah Cynthia aus dem Küchenfenster.

»Blicken Sie in die Kamera«, sagte Paula Malloy und legte einen Arm um Cynthias Schultern. Ich musste mich mit aller Macht zusammennehmen, sonst wäre ich ins Bild geplatzt, um Paula die aalglatte Maske herunterzureißen. »Fragen Sie einfach, was Sie all die Jahre fragen wollten.«

Cynthias Augen schimmerten feucht, als sie in die Kamera sah. Zuerst brachte sie nur ein Wort heraus: »Warum?«

Paula schwieg, um den Augenblick wirken zu lassen, und hakte dann nach. »Warum was, Cynthia?«

»Warum«, wiederholte Cynthia, während sie sichtlich um Fassung rang, »habt ihr mich allein gelassen? Wenn ihr noch leben solltet, warum habt ihr euch nie gemeldet? Warum habt ihr mir nicht mal eine kleine Nachricht hinterlassen? Warum habt ihr euch nicht wenigstens von mir verabschiedet?«

Ich konnte die Spannung um mich herum genau spüren. Es war, als hätte das gesamte Fernsehteam den Atem angehalten. Ich wusste, was ihnen durch den Kopf ging. Das hier war Einschaltquote pur, Fernsehen vom Allerfeinsten. Ich hasste sie dafür, dass sie Cynthias Unglück für Unterhaltungszwecke ausbeuteten, eben weil es für sie nichts als bloße Unterhaltung war. Aber ich hielt meine Zunge im Zaum, weil Cynthia sich garantiert ebenso bewusst war, dass sie missbraucht wurde, dass sie nur eine weitere Story war, mit der die nächste halbstündige Folge der Sendung gefüllt wurde. Sie war bereit, sich dafür einspannen zu lassen – in der Hoffnung, dass sich vielleicht jemand melden würde, der den Schlüssel zu ihrer Vergangenheit besaß.

Auf Bitte der Deadline-Redaktion hatte Cynthia zwei alte Schuhschachteln mitgebracht, in denen sie allerlei Erinnerungsstücke an ihr früheres Leben aufbewahrte. Zeitungsausschnitte, verblichene Polaroidbilder, Klassenfotos, Zeugnisse, alle möglichen Dinge, die sie damals von zu Hause mitgenommen hatte, als sie zu ihrer Tante Tess gezogen war. Tess Berman, der Schwester ihrer Mutter.

Sie setzten Cynthia an den Küchentisch. Vor ihr standen die geöffneten Schuhschachteln, aus denen sie nun ihre Erinnerungsstücke nahm, eins nach dem anderen, und sie langsam vor sich ausbreitete, wie ein Puzzle, als würde sie nach den Teilen mit geraden Kanten suchen, als wolle sie sich vom Rand des Bilds zur Mitte vorarbeiten.

Aber es gab keine Rahmenteile in Cynthias Schuhschachteln. Es gab keine Möglichkeit, sich langsam auf die Mitte zuzuarbeiten. Es war, als hätte sie ein paar Dutzend Teile von tausend verschiedenen Puzzles.

»Das sind wir«, sagte sie und hielt ein Foto hoch.

»Beim Campingurlaub in Vermont.« Die Kamera zoomte auf Todds Strubbelkopf und Cynthia; sie standen links und rechts neben ihrer Mutter vor einem Zelt. Cynthia war etwa fünf, ihr Bruder um die sieben Jahre alt. Ihre Gesichter waren mit Erde verschmiert, und ihre Mutter – das Haar mit einem rotweiß gemusterten Tuch zusammengebunden – lächelte stolz in die Kamera.

»Von meinem Vater habe ich keine Bilder«, sagte Cynthia niedergedrückt. »Er hat ja immer die Fotos von uns gemacht. Aber ich kann ihn genau vor mir sehen, groß und breitschultrig, mit dem Filzhut, den er immer trug, und dem schmalen Oberlippenbart. Gut sah er aus, richtig gut. Und Todd war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten.«

Sie griff nach einem vergilbten Zeitungsausschnitt. »Hier«, sagte sie, während sie das Stück Papier vorsichtig auseinanderfaltete. »Das habe ich im Schreibtisch meines Vaters gefunden.« Erneut rückte der Kameramann näher, um den Zeitungsausschnitt zu zeigen. Es handelte sich um ein verblichenes, grobkörniges Schwarzweißbild, auf dem eine Schülermannschaft zu sehen war. Ein Dutzend Jungs blickte in die Kamera; einige lächelten, ein paar zogen Grimassen. »Dad hat das Bild wohl aufbewahrt, weil Todd mit drauf ist, auch wenn sie seinen Namen unter dem Foto vergessen haben. Dad war wirklich stolz auf uns. Manchmal sagte er im Scherz, wir wären die beste Familie, die er je hatte.«

Rolly Carruthers, der Direktor meiner Schule, wurde ebenfalls interviewt.

»Die Sache ist mir ein echtes Rätsel«, sagte er. »Ich kannte Clayton Bigge. Wir waren ein paarmal zusammen angeln. Ich fand ihn sehr sympathisch. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was passiert sein könnte. Vielleicht sind sie in die Fänge einer Art Manson-Family geraten, die sich auf Mordtour quer durchs Land befand.«

Sie interviewten auch Cynthias Tante Tess.

»Ich habe meine Schwester, meinen Schwager und meinen Neffen verloren, aber für Cynthia war es ein noch größerer Verlust. Sie hat unendlich viel durchgemacht, ihr Schicksal aber wirklich bravourös bewältigt.«

Doch obwohl die Macher der Sendung ihr Versprechen hielten und die skeptischen Äußerungen des alten Mannes, der nun im ehemaligen Haus der Bigges lebte, nicht ausstrahlten, hatten sie noch jemanden in petto, der ebenfalls nicht mit seiner Meinung hinter dem Berg hielt.

Cynthia starrte wie das Kaninchen auf die Schlange, als der Beitrag ein paar Wochen später ausgestrahlt wurde und plötzlich der Ermittlungsbeamte auf dem Bildschirm erschien, der sie damals befragt hatte. Er war inzwischen pensioniert und lebte in Arizona. Unter seinem Konterfei waren die Worte »Bartholomew Finlay, Detective i. R.« eingeblendet. Er hatte die Ermittlungen geleitet, den Fall nach einem Jahr jedoch zu den Akten gelegt. Die Leute vom Sender hatten ihn in Phoenix interviewt, vor einem in der Sonne gleißenden Airstream-Wohnmobil.

»Also, ich habe mich jedenfalls immer wieder gefragt, wieso die Tochter überlebt hat. Vorausgesetzt natürlich, dass ihre Eltern und ihr Bruder tatsächlich tot sind. Die Version, dass eine Familie sich auf und davon macht und die Tochter zurücklässt, hat mir noch nie eingeleuchtet. Okay, die Kleine war schwierig und hatte Stress mit ihren Eltern. Aber ein für alle Mal verschwinden, nur um das schwarze Schaf der Familie loszuwerden? Das ist doch grotesk. Was wiederum bedeutet, dass jemand ein falsches Spiel getrieben hat. Und damit wären wir wieder bei meiner Eingangsfrage. Wieso hat sie überlebt? Und so viele Möglichkeiten bleiben da nicht übrig.«

»Was meinen Sie damit?«, fragte die Stimme von Paula Malloy, die nie selbst ins Bild kam. Ihre Fragen waren später dazugeschnitten worden, da sie das Interview nicht selbst geführt hatte.

»Das können Sie sich selbst zusammenreimen«, sagte Detective Finlay.

»Was denn?«, fragte Paula Malloy.

»Kein weiterer Kommentar.«

Cynthia war außer sich. »Damit sagt er doch, dass ich es war«, fauchte sie in Richtung des Bildschirms. »Er sagt durch die Blume, dass ich etwas damit zu tun hatte! Der Dreckskerl! Sie haben hoch und heilig versprochen, nichts dergleichen zu senden!«

Es gelang mir, sie zu beruhigen; der Beitrag war alles in allem ziemlich positiv gewesen und Cynthia bei ihrem Interview mit Paula ehrlich und glaubwürdig herübergekommen. »Wenn es jemanden gibt, der mehr weiß«, versicherte ich ihr, »wird er sich bestimmt nicht von einem sturen pensionierten Cop beeinflussen lassen. Vielleicht meldet sich sogar jemand, nur um seinen hirnrissigen Verdacht zu widerlegen.«

Leider musste sich die Sendung gegen die letzte Folge einer Reality-Show behaupten, in der eine Schar übergewichtiger Möchtegern-Rockstars darum wetteiferte, so schnell wie möglich die meisten Pfunde zu verlieren, um einen Plattenvertrag zu gewinnen. Direkt nach der Sendung wartete Cynthia neben dem Telefon, da sie hoffte, dass sich sofort jemand beim Sender melden würde. Noch vor Morgengrauen würde das Rätsel gelöst sein. Und sie endlich die Wahrheit erfahren.

Doch es meldete sich niemand, abgesehen von einer Frau, die behauptete, dass Cynthias Familie von Außerirdischen entführt worden war, und einem Mann, der mit der Theorie aufwartete, dass Cynthias verschwundene Verwandte durch einen Riss in der Zeit gefallen und sich nun entweder auf der Flucht vor Dinosauriern befanden oder aber in einer Orwell’schen Zukunft gelandet waren, wo man ihre Erinnerungen gelöscht hatte.

Jedenfalls erhielten wir keinen einzigen brauchbaren Hinweis.

Offenbar hatte niemand, der etwas wusste, die Sendung gesehen. Zumindest niemand, der den Mund aufmachen wollte.

Während der ersten Woche nach der Ausstrahlung rief Cynthia täglich in der Deadline-Redaktion an. Die Leute vom Sender waren höflich und zuvorkommend, sagten, sie würden sich sofort melden, sobald sie etwas hörten. In der zweiten Woche rief Cynthia nur noch jeden zweiten Tag an, doch nun wurden die Zuständigen schroffer, antworteten, ihre Anrufe seien sinnlos, niemand habe sich gemeldet, und sollte sich wider Erwarten doch noch etwas tun, würde sie selbstverständlich umgehend informiert.

Sie waren mit neuen Sendungen beschäftigt. Und bald war Cynthia nur noch eine Nachricht von gestern.

ZWEI

Grace sah mich mit flehenden Augen an, doch der Nachdruck in ihrer Stimme war nicht zu berhren.

Dad, sagte sie. Ich. Bin. Acht. Jahre. Alt. Ich fragte mich, wo sie das gelernt hatte. Diese Technik, Worte um des dramatischen Effekts willen in einzelne Stze zu verwandeln. Als htte ich mich gro wundern mssen. In unserem Haushalt ging es schlielich oft genug dramatisch zu.

Ja, sagte ich zu meiner Tochter. Das ist mir klar.

Ihre Cheerios wurden langsam matschig und ihren Orangensaft hatte sie bislang nicht angerhrt. Die anderen Kinder machen sich lustig ber mich, sagte sie.

Ich trank einen Schluck Kaffee. Gerade erst hatte ich mir eine Tasse eingeschenkt, aber er war nur lauwarm. Offenbar gab die Kaffeemaschine den Geist auf. Ich beschloss, mir auf dem Weg zur Schule noch einen Becher im Dunkin Donuts zu holen.

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