Ohne Mann bin ich wenigstens nicht einsam - Nelly Arnold - E-Book

Ohne Mann bin ich wenigstens nicht einsam E-Book

Nelly Arnold

4,4
8,99 €

Beschreibung

Tausche Ehemann gegen das Leben in vollen Zügen

In wenigen Wochen wird Lyn vierzig. Die Zeiten des inneren Aufruhrs sind vorbei, bald ist sie Inhaberin einer eigenen Buchhandlung, und einen liebenden und treuen Ehemann hat sie auch. Liebend? Treu? Schön wär’s! Aus heiterem Himmel verlässt Christoph sie während des sonntäglichen Frühstücks. Und plötzlich fragt sich Lyn: Hat nicht doch etwas gefehlt in ihrem Leben? Leidenschaft und Spaß zum Beispiel? Höchste Zeit für einen furiosen Neuanfang!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 371




Das Buch

Das Leben von Lyn Fritsch verläuft in ruhigen und geordneten Bahnen. Sie ist seit fünfzehn Jahren mit Christoph verheiratet und wird in Kürze die Leitung eines Buchladens übernehmen. Doch dann entwickelt sich ein normales Gespräch am Frühstückstisch zum Desaster, und plötzlich ist nichts mehr ruhig und geordnet. Lyn landet wieder in ihrem alten Kinderzimmer, und zwischen alten CDs und anderen Erinnerungen aus ihrer Jugendzeit merkt sie: Es ist Zeit, ihr Leben in die Hand zu nehmen und einen Neustart zu wagen. Und so wird Lyns Alltag noch einmal kräftig durcheinandergewirbelt. Lyn zieht in eine Frauen-WG, deren quirlige Bewohnerinnen sie schnell auf andere Gedanken bringen. Genauso wie der attraktive Pizzalieferant Sascha, der zwar, was seinen Job betrifft, nicht gerade in die Kategorie Traummann passt, Lyn aber trotzdem ins Schwärmen bringt. Doch dann taucht Christoph plötzlich wieder in ihrem neuen Leben auf …

Die Autorin

Nelly Arnold wurde 1966 geboren. Sie lebt und arbeitet als freie Autorin in München und hat unter anderem Namen bereits mehrere Kinder- und Jugendbücher sowie Krimis veröffentlicht. Ohne Mann bin ich wenigstens nicht einsam ist ihr erster Roman im DianaVerlag.

NELLYARNOLD

Ohne Mann

bin ich wenigstens

nicht einsam

Roman

Originalausgabe 03/2013

Copyright © 2013 by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung |© t.mutzenbach design, München

Umschlagmotiv |© Silke Weinsheimer/Corbis; shutterstock

Satz | Leingärtner, Nabburg

ePub-ISBN 978-3-641-08721-0

www.diana-verlag.de

Prolog

Zwei Tage vor dem Scheitern meiner Ehe hätte ich schon die Vorzeichen erkennen können:

Freitagmorgen sieht mich Christoph von der Seite an und nickt mir mit verkniffenem Mund zu. So wie Fremde es in der U-Bahn machen, wenn sich versehentlich ihre Blicke treffen. Ich finde es seltsam, denke mir aber nichts dabei. Natürlich hätte mir sein Verhalten zu denken geben müssen, aber ich habe mir in der Vergangenheit oft genug den Vorwurf gefallen lassen, ich würde mit Vorliebe auf Kleinigkeiten herumreiten. Genau genommen hat es sogar mehrere Jahre gedauert, dieses Stigma loszuwerden.

Ich will nicht wieder alte Wunden aufreißen und bohrende Fragen stellen: »Aber du hast mich wirklich ganz komisch angesehen, Christoph, so als würdest du dich irgendwie ertappt fühlen.« Nein, nein, nein. Diesen Satz verkneife ich mir lieber. Allein der Gedanke daran lässt mich erschauern. Dann würden nur noch die Lockenwickler und die Schürze fehlen, um als Nörgeltasche perfekt zu sein. Nicht umsonst habe ich meine Bugs-Bunny-Pantoffeln der Caritas gespendet. Wobei ich hinzufügen möchte, dass ich mir später Vorwürfe wegen meiner grotesken Gutmütigkeit machte. Wer zum Teufel würde in einem erdbebengebeutelten Gebiet mit Bugs-Bunny-Pantoffeln herumlaufen?

Jedenfalls werde ich an diesem Freitagmorgen zum ersten Mal stutzig. Ob Christoph etwas auf der Seele liegt, das er mit mir besprechen möchte? Leider wurde mir schon vor Jahren die Frage von ihm verboten: »Was denkst du gerade?« Deshalb tue ich so, als sei nichts.

Ein paar Stunden später: Christoph küsst mich auf die Stirn, als ich mich auf den Weg zur Arbeit mache! Ich persönlich habe noch nie jemanden auf die Stirn geküsst. Das ist ungefähr so, wie alkoholfreie Cocktails zu trinken. Entweder oder, dazwischen gibt es für mich nichts.

Obwohl ich ganztags in einer Buchhandlung arbeite und Christoph erst abends, steht er immer um halb neun mit mir auf, und wir frühstücken gemeinsam. Meines Erachtens arbeitet Christoph in Teilzeit, nämlich von 17:10 bis 21:05 Uhr als Lehrer am Abendgymnasium, aber als ich das einmal sagte, sprach er zwei Tage nicht mehr mit mir.

Ich sehe ihn also auf den Stirnkuss hin verwundert an, aber für ihn scheint das total in Ordnung zu sein. Das macht mir Angst.

Und dann am Samstag der Riesenschock am Kaffeetisch: Er macht eine Bemerkung über meinen ersten winzigen und kaum sichtbaren Altersfleck auf dem Handrücken: »Ist das normal? Sieht hässlich aus. Lass mal checken, ob das nicht Krebs ist.«

Also das finde ich nun wirklich übel. Ich sehe ihm direkt ins Gesicht und hoffe, er bemerkt, wie schockiert ich bin.

Christoph bemerkt es nicht. Er rührt einfach seinen verdammten Zucker in seiner verdammten Kaffeetasse um.

Am Abend frage ich ihn, ob er eigentlich findet, dass man mir mein Alter langsam ansehe. Gedankenverloren meint er: »Hmhm, ja, ja.«

Ich will ihn schon zur Rede stellen, aber dann denke ich, dass es wahrscheinlich gar nichts mit mir zu tun hat, sondern dass der Stress in der Arbeit schuld ist. Frauen können so wunderbar verdrängen und schönreden. Auf diese Frage mit: »Hmhm, ja, ja«, zu antworten, grenzt schon an psychische Misshandlung oder Ehemobbing, falls es so etwas gibt.

Heute denke ich, wie blöd ich gewesen sein muss, dass ich die Signale nicht wahrnahm und dieses unterkühlte Verhalten einfach so abtat. Bekanntlich ist man nachher immer klüger. Doch bevor ich klüger wurde, musste ich erst einmal ziemlich dumm dastehen.

1

Der Sonntagmorgen, der mein Leben auf den Kopf stellen sollte, fing an wie immer. Zunächst deutete nichts auf eine bevorstehende Katastrophe hin. Es ging alles so schnell. Wie es ja auch Unfallopfer oft berichten. Oder wie meine Großtante Kathi immer zu sagen pflegte: »Gehst über d’ Straß, kimmt a Auto, und scho bist hinüber.« Sie war schon immer sehr pragmatisch.

Ich stand um halb elf auf, deckte den Frühstückstisch und briet Spiegeleier mit Schinken. Gähnend wendete ich die Eier in der Pfanne, während im Radio darüber berichtet wurde, dass eine Rentnerin von ihrem Enkelsohn getötet worden war, weil sie ihm kein Geld hatte geben wollen. Bei solchen Gelegenheiten sagte Christoph oft: »Wie gut, dass wir keine Kinder haben.« Und das meinte er keinesfalls als Witz.

Sonntags schliefen Christoph und ich lang und aßen dann gegen elf eine Mischung aus Frühstück und Mittagessen. Das WortBrunchdurfte ich nicht benutzen, weil Christoph diese modernen Anglizismen verabscheute. Wir nannten es spätes Frühstück. Beim Essen planten wir dann, was wir tagsüber unternehmen wollten. Meistens plante allerdings Christoph, ich nickte mechanisch. Irgendwie aus Bequemlichkeit, weil er meine Vorschläge entweder albern oder zu frauenmäßig fand, wie er sich ausdrückte. Ich glaube, das ist ein Wort, das er selbst kreiert hat. Meine frauenmäßigen Vorschläge waren Ausstellungen und Museen. Seine Sonntagspläne hatten immer denselben Charakter: Im Winter sahen wir uns eine der Mittagsvorstellungen im Kino an, lasen am Nachmittag und aßen abends in einem Restaurant. Im Sommer fuhren wir Rad oder gingen zum Schwimmen an den See. Ich gebe es zu: Rückblickend klingt das alles furchtbar spießig. Ich weiß. Natürlich kommt jetzt ein ABER:Aber wir waren glücklich mit unserem Leben. Zumindest glaubte ich das. Der weitere Verlauf des Vormittags sollte mir das Gegenteil beweisen. Mit dem Glück ist es wie mit der Intelligenz. Alles ist ziemlich relativ und eine Frage der Interpretation. Manche Menschen sind schon glücklich, wenn sie sich Tee trinkend in die Decke kuscheln und bei Kerzenschein ein Hörspiel anhören. Andere Leute wiederum dröhnen sich zu, um so ihrem leeren Leben zu entfliehen.

An diesem Sonntag musste ich Christoph nicht wecken. Er stand von alleine auf und kam in die Küche. Ich weiß nicht, ob ich mir das im Nachhinein einbilde, aber er erschien mir ungewöhnlich bucklig und traurig. Wunschdenken vielleicht, dass ihn das Bevorstehende schwer mitnahm.

Ich stellte die Teller mit den Spiegeleiern auf den Tisch und rührte die gemischten Früchte unter den Quark. Für Christoph fügte ich noch ein wenig geraspelte Mandeln hinzu, und auf die Eier streute ich Schnittlauchröllchen; das mochte er so gern. Erst jetzt fällt mir auf, was für einen typischen Hausfrauenmist ich mir über die Jahre angewöhnt hatte. Schuld ist meine Mutter, weil sie mir in dieser Hinsicht kein Vorbild war. Mein Vater kann bis heute nicht mal Kaffee kochen, und sie legt ihm noch die Klamotten raus. Also: Sie ist schuld, ich kann nichts dafür. Ich finde ja, es hat etwas ungemein Befreiendes, wenn man jemandem die Schuld geben kann. Wie heißt es so schön? Weil sie es nie anders gelernt hat …

Nachdem ich mich gesetzt hatte und gerade einen Schluck Kaffee nahm, sagte Christoph: »Machen wir heute was?« Das hatte er noch nie gefragt. Er sagte sonst immer: »Was machen wir heute?« Und ohne Luft zu holen, informierte er mich sogleich darüber, was wir tagsüber unternehmen würden.

Ich stutzte also und sah ihn fragend an. An seine neue Frisur hatte ich mich immer noch nicht gewöhnt. Er trug das dunkle Haar jetzt kurz und schief geschnitten, so wie es gerade modern war. Ehrlich gesagt, fand ich diese gewollte Asymmetrie bei Frisuren immer wie eine Art Hilfeschrei, der suggerieren sollte: Ich bin wahnsinnig cool und jung geblieben. Mit neununddreißig Jahren fand ich diese Teenagerfrisur ein bisschen lächerlich. Er war ein sehr attraktiver Mann, schlank und gepflegt, und er roch immer nach diesem Parfum, in dessen Werbespot der muskulöse Mann aus dem Meer steigt. Das Auffälligste an Christoph waren seine schönen Zähne. Und er hatte ein Händchen für schicke Kleidung. Ich will mich ja nicht selbst loben, aber ich habe ebenfalls einen sehr guten Stil und stelle gewisse Ansprüche. Aber selbst ich konnte Christoph nicht das Wasser reichen, denn er hatte ein Auge fürs Detail und einen feinen Geschmack. Vielleicht hätte er Designer statt Lehrer werden sollen.

Vor ein paar Jahren waren wir zu Ostern bei meinen Eltern eingeladen, und er stand fassungslos vor mir, nachdem ich gesagt hatte, ich wäre bereit aufzubrechen.

»Lila Hose?«, fragte er erschüttert. Er sah mich an, als hätte ich meinen BH über der Bluse angezogen.

Zu meiner Verteidigung muss ich hinzufügen, dass ich mir niemals eine lila Hose kaufen würde. Was soll ich sagen? Ein Weihnachtsgeschenk meiner Mutter. Ich wollte ihr eine Freude machen, aber als wir ankamen, meinte sie: »Och, die Farbe steht dir gar nicht, Kind.«

Komischerweise war die lila Hose danach unauffindbar. Ich wollte sie waschen und bei eBay verkaufen. Wahrscheinlich hatte Christoph sie weggeworfen, aus Angst, ich könnte das Ding noch mal anziehen.

Manchmal quälten mich Ängste, ob er nicht insgeheim schwul war und mich irgendwann wegen eines Mannes verlassen würde. Aber wenn, konnte ich sowieso nichts machen. Was sollte ich auch tun? Mich vor ihn hinstellen und sagen: »Ich kenne dein Geheimnis!« Ich lernte also, mit dieser diffusen Angst zu leben. Manchmal jedoch versank ich in einen komischen Tagtraum: In einer dieser Vorabendsendungen im Privatfernsehen war ich zu sehen, wie ich nachdenklich durch einen Park ging, mit gesenktem Kopf. Im Off war eine dramengeschwängerte weibliche Stimme zu hören: »Evelyn F. lebte jahrzehntelang mit einem Homosexuellen zusammen …«

»Lyn?« Christoph sah mich an. »Ich habe gefragt, ob wir heute was machen?«

»Was meinst du mit: ›Machen wir was?‹ Wir unternehmen doch sonntags immer etwas.«

Lustlos schob er sich das glibberige Ei in den Mund. »Ja, aber immer dasselbe. Ich meine, es ist immer die gleiche Leier, oder?«

Erleichtert, dass er endlich zu der Erkenntnis gekommen war, Abwechslung in unsere Sonntage bringen zu wollen, sagte ich: »Du hast recht. Das sollten wir ändern.«

Er zuckte die Schultern und murmelte: »Unser Leben hat überhaupt keinen Pep mehr.«

Pep? Christoph benutzte nie dieses Wort. Deshalb achtete ich nicht richtig auf den beunruhigenden Inhalt seiner Äußerung, sondern wunderte mich über das Wort.

Er legte die Gabel auf den Teller (eigentlich war es eher ein Werfen, so als hätte er keine Kraft in den Armen) und sah mir geradewegs in die Augen. »Ich bin die ganze Nacht wach gelegen.«

»Wirklich? Vielleicht ist Vollmond, da schlafen die Menschen angeblich schlechter.« Gerade fischte ich nach einer Himbeere in meinem Quark, als er fragte: »Liebst du mich noch?«

Ich vergaß die Himbeere und betrachtete sein Gesicht. Seinen Ausdruck konnte ich nicht richtig deuten. Vielleicht eine Mischung aus Erschöpfung und Neugier. Was sollte ich davon halten? Erst dieses Pep-Wort und jetzt die Frage, ob ich ihn noch liebte? Wer stellt sich diese Frage denn noch, nach fast fünfzehn Jahren Ehe? War das die Midlife-Crisis? Das richtige Alter dafür hatte er ja.

»Was? Natürlich!«

»Wirklich?«

Was war nur los mit ihm? Aber sein Nachhaken bewirkte, dass ich mir die Frage wirklich stellte. Tat ich es? Aber ja. Doch. Sicher. Oder? »Was redest du denn da, Christoph? Natürlich liebe ich dich. Iss jetzt deine Eier auf, wird ja alles ganz kalt.«

»Ich meine nicht so, wie man ein Haustier lieb hat, weil es mit einem unter einem Dach lebt. Oder wie man einen guten Freund gern hat oder einen Bruder. Was ich meine, ist: Liebst du mich so, wie eine Frau einen Mann liebt?«

Wie eine Frau einen Mann liebt? Ich fühlte mich seltsamerweise wie ein Kind, das man in flagranti dabei ertappte, wie es nach der Keksdose griff. Als ob er in mein Innerstes blickte und etwas erkannte, was ich selbst nicht zu deuten vermochte. Wie eine Frau einen Mann liebt? Wenn er Begierde und Leidenschaft meinte, dann würde ich ihn anlügen müssen, denn ich konnte ja schlecht sagen, dass seine Berührungen mich kaum noch in Ekstase versetzten, nach all den Jahren.

»Also, ich weiß nicht, Christoph, aber irgendwie nervt mich diese blöde Fragerei. Natürlich liebe ich dich. Wenn dir etwas passieren würde, dann …«

»Nein, nein.« Er schüttelte den Kopf. Er war nun etwas lauter geworden und klang gereizt. »Davon rede ich doch gerade. Verstehst du denn nicht? Man kann jemanden gern haben, auch lieben, weil man ihn gut kennt und weil man bestimmte Dinge an ihm schätzt. Ich rede aber von Zuneigung und Verlangen.«

Verlangen? Wieder ein Wort, das er niemals benutzte. Wer hatte ihm denn diese Flöhe ins Ohr gesetzt? Blätterte er heimlich in der Cosmopolitan?

Ich schluckte, und mein Herz klopfte wie verrückt, als ich ihm die Frage stellte: »Hast du jemanden kennengelernt?«

»Nein!« Die Antwort kam ohne Zögern, fast etwas zu schnell. Aber es klang aufrichtig, und ich glaubte ihm.

»Christoph, ich … Also … Nach so vielen Jahren ist niemand mehr verliebt.« Das hätte ich nicht sagen sollen. Das kann man vielleicht mit einer Freundin bereden, aber wie blöd muss man sein, seinem Mann zu sagen, man sei nicht mehr verliebt? Es gibt Dinge, die weiß man voneinander, spricht sie aber lieber nicht aus. Das ist, als würde einen jemand fragen: »Findest du, ich habe zugenommen?«, und man antwortet: »Ja, absolut! Und da wir gerade bei deinem Aussehen sind: Du solltest unbedingt etwas gegen deine strähnigen Haare unternehmen.« Harmonie für immer storniert. Lügen retten Freundschaft und Liebe.

Ein paar Sekunden war es ganz still in der Küche. Draußen fiel der Schnee in dicken Flocken, und durchs Fenster schienen die Lichter des Weihnachtsbaumes von der gegenüberliegenden Wohnung. Die Nachbarn hatten ihren Baum immer bis Ende Februar herumstehen, und die bunten Lichter brannten das gesamte Wochenende über. Ein idyllisches Bild, während hier drinnen gerade meine Ehe zu zerbröckeln begann. Wie bei einem Denkmal, dessen Risse größer und größer werden und sich immer tiefer eingraben, bis es schließlich in kleine Stücke zerfällt. Ich verfiel in Panik, weil ich instinktiv spürte, dass ich es nicht aufhalten konnte.

»Aber muss es so sein?«, fragte er geistesabwesend.

»Liebst du mich denn noch?« Ich zuckte die Schultern, nur um der ganzen Situation eine Spur von Leichtigkeit zu verleihen, und ergänzte lächelnd: »So wie ein Mann eine Frau liebt.«

Christoph musste bedauerlicherweise nicht lange überlegen. »Ich glaube nicht, nein.«

Das zog mir den Boden unter den Füßen weg. Ich wusste einfach nicht, was ich darauf sagen sollte, starrte ihn deshalb nur an. Wir haben uns am Anfang unserer Ehe geschworen, uns niemals anzulügen. Wir waren jung und naiv.

»Es tut mir so leid, Evelyn.« Er hatte seit Jahren nicht mehr Evelyn gesagt. Bei meinem vollen Namen nannte er mich nur, wenn die Sache ernst war – und das war sie, daran bestand kein Zweifel. »Es ist so, dass …« Er schob den Teller von sich, starrte auf die Tischplatte und rang nach Worten. »Also, ich … Mir geht die Sache zwischen uns schon seit einiger Zeit durch den Kopf. Ich will nicht, dass du denkst, dass du irgendwas falsch gemacht hast. Oder dass ich dir wehtun möchte.« Seine Stimme wurde leiser, sanfter. »Ich glaube, wir haben unsere Ehe einfach schleifen lassen, verstehst du? Das war bestimmt ein Fehler.« Er hob den Kopf und sah mir in die Augen. »Bitte hasse mich nicht, wenn ich dir sage, dass ich mich in unserer Beziehung nur noch langweile.«

Ich hatte schon Tausende Male von Frauen in ähnlichen Situationen gehört. Manche sagten, dass ihnen schwindelig geworden wäre, andere berichteten über einen Wutanfall. Mit mir passierte nichts dergleichen. Ich saß einfach nur da und fühlte mich gedemütigt. Keine Wut, keine Schwindelanfälle. Nur unendliche Kränkung. Dann kam das erdrückende Gefühl von Traurigkeit. Nicht mehr mit Christoph leben. Sein Lachen, sein Gesicht und unsere gemeinsamen Rituale sollten endgültig der Vergangenheit angehören? Wer sollte ihm jetzt sein Gourmetessen kochen und die Berge von Wäsche für ihn waschen? Und wer würde für mich sämtlichen Papierkram erledigen und die Einkaufstüten schleppen? Ganz zu schweigen von den schönen Abenden auf der Couch, wenn Christoph im Kerzenschein meine Füße mit Babyöl massierte. Das trieb mir nun endgültig die Tränen in die Augen. Ich sank auf die Tischplatte, schlang die Arme um meinen Kopf und flennte los.

Nach einer Weile tätschelte Christoph etwas unbeholfen meinen Arm. »Ist ja gut.«

Dieser Satz brachte mich dann doch noch in Rage. Mehr als die Tatsache, dass er keinen Pfifferling mehr auf meine Liebe gab und ihn meine Anwesenheit ermüdete. Nein, nicht ermüdete; er hatte »langweilte« gesagt. »Was ist gut? Warum sagst du, es ist gut? Gar nichts ist gut. Red doch nicht so einen erbärmlichen Unsinn. Du hast gerade unsere Ehe beendet, Christoph! Du hast mir gesagt, dass du mich nicht mehr liebst …«

»Lyn, ich … Es tut mir leid. Ich wünschte, nichts hätte sich verändert, und wir beide …«

»Ach, halt doch dein verdammtes Maul!«, schleuderte ich ihm entgegen. Weil ich gleichzeitig weinte und hysterisch schrie, unterstrichen mit einer verzweifelten Fratze und aufgerissenem Mund, muss diese Szene sehr unattraktiv auf ihn gewirkt haben. Und ich weiß schließlich, was für ein Ästhet Christoph ist. Kurz nach unserer Hochzeit hatte er mich gebeten, niemals ungewaschen oder im Schlafanzug am Frühstückstisch zu erscheinen. Jedenfalls fühlte ich mich nach meinem Ausruf, er solle doch sein verdammtes Maul halten, wohl ähnlich wie Antjes erster Exmann Robbi, nachdem sie ihm den Laufpass gegeben hatte. Auf die Frage: »Warum?« – was er verzweifelt gebrüllt hatte, immer wieder –, meinte sie, er sei für sie keine starke männliche Schulter, an die sie sich anlehnen könne. Darauf hatte er sich melodramatisch zu Boden fallen lassen, ihr Bein umklammert und weinend erklärt, er werde sich ändern und ein starker Mann werden. Um aus der Wohnung zu kommen, war sie gezwungen gewesen, ihn hinter sich her zu schleifen und ihn schließlich abzuschütteln.

Robbi hätte sagen sollen: »Ich habe es satt, einen Trottel aus mir zu machen, also hau ab!« Vielleicht wäre Antje dann bei ihm geblieben. Und ich hätte Christoph ansehen und sagen sollen: »Wahrscheinlich sollte ich dir dankbar sein. Ich glaube, mein Leben wird ohne dich viel besser sein.«

Aber seien wir doch ehrlich. Wer tut so was? Stolz und Würde sind vergessen. Die Verzweiflung bahnt sich ihren Weg, ohne Rücksicht auf Verluste. Es ist wie bei einem Menschen, der eine Hundephobie hat und einem unangeleinten Rottweiler begegnet, dessen Besitzer nicht Besseres zu sagen hat als: »Sie dürfen keine Angst haben, sonst greift er an.«

Ich verlor jedes Zeitgefühl. Saßen wir seit fünf Minuten am Küchentisch oder seit fünf Stunden?

»War’s das jetzt? Ist es vorbei, einfach so?«, presste ich bange hervor.

Christoph nickte, lächelte beschwichtigend und schloss für ein paar Sekunden die Augen. »Wenn eine gewisse Zeit vergangen ist, wird es nicht mehr so wehtun, und du wirst sehen, dass es das Beste war.« Er hörte sich an wie ein Bademeister, der einem Kind auf dem Zehnmeterbrett gut zuredet.

Christoph gab sich alle Mühe, traurig zu wirken, aber nach den vielen gemeinsamen Jahren kannte ich ihn gut genug, um zu erkennen, wie erleichtert er in diesem Moment war.

Mit dem Handrücken trocknete ich die Tränen. »Soll ich ausziehen, oder wie hast du dir das vorgestellt?« Im nächsten Augenblick wurde mir klar, dass das eine dämliche Frage war. Die Altbauwohnung hatte schon seinen Großeltern gehört, die sie Christophs Vater vererbt hatten, und irgendwann würde sie in Christophs Besitz übergehen.

»Hör mal, Lyn. Ich verlange doch nicht von dir, dass du gleich ausziehst. Sieh dich erst mal um, und ich kann dir auch helfen, dich zurechtzufinden.«

»Nein, danke.« Ich musste mich anhören wie ein trotziges Kind, aber ich konnte einfach nicht anders. Also ging ich ins Schlafzimmer, packte meine Kleidung und Schuhe in zwei Koffer und warf obendrauf mein Make-up, das ich im Bad schnell zusammenklaubte. Die Tränen kamen wieder, doch dieses Mal wischte ich sie einfach weg. Christoph stand in der Schlafzimmertür. »Aber wo willst du denn hin, so plötzlich? Lass uns doch noch mal alles in Ruhe bereden.«

»Bereden? Ich habe leider nicht den Nerv für organisatorische Fragen und Terminplanung. Ich gehe. Das sollte dich doch freuen. Zumindest wird der Sonntag nicht langweilig für dich.« Ich lief an ihm vorbei, die Koffer hinter mir herziehend.

»Jetzt sei doch nicht kindisch, Lyn. Wir können das doch wie Erwachsene regeln.«

»Den Rest hole ich bei Gelegenheit.«

»Aber wo willst du denn hin? Zu Antje? Wo soll sie dich denn unterbringen, mit drei Kindern in einer Dreizimmerwohnung?«

Ich zog meinen Mantel an. »Ist mir schon klar. Ich habe nicht vor, zu Antje zu gehen. Außerdem hat Egge eine schwere Grippe. Das fehlt mir gerade noch.« Egge war Antjes Mann, und ich liebte ihn fast so wie Antje. Weil er so aufrichtig war und eine ungeheure Güte in sich trug, ohne etwas von seiner Männlichkeit einzubüßen.

»Ach, Lyn«, seufzte Christoph.

»Ach, Christoph«, seufzte ich zurück.

»Wie konnte das nur passieren?«

»Sag du’s mir, Arschloch.« Das letzte Wort konnte ich mir einfach nicht verkneifen. Christoph hasste vulgäre Ausdrücke. Vielleicht tat ich es gerade deshalb. Als wir jung waren, nannte ich unsympathische Menschen schon mal Hohlkopf oder Drecksack. Das musste ich mir damals abgewöhnen. Christoph nannte sie lieber Rohlinge oder Snobs.

Mit Schwung riss ich die Tür auf, warf ihm einen letzten, verzweifelten Blick zu und schob meine Koffer in den Hausflur. Ich knallte die Tür hinter mir zu. Die Tränen tropften auf die Stufen, bis ich endlich unten ankam. Ich stellte mir die sinnloseste, aber naheliegendste aller Fragen: Womit habe ich das bloß verdient? Es ist doch so: Die Menschen denken, dass Selbstmitleid etwas Schlechtes sei. Das habe ich immer für einen Fehler gehalten. Wer Selbstmitleid empfindet, ist wütend auf Menschen, die einem Leid zufügen und einen schlecht behandeln, obwohl man es nicht verdient hat.

Mit jedem Schritt Richtung U-Bahn-Station weinte ich mehr, mittlerweile laut. Ich konnte mich einfach nicht zurückhalten. Die Leute starrten mich an, und ich war wütend auf mich selbst, weil jeder mitbekommen musste, dass ich gerade meinen Mann verließ. Eine Frau, weinend, mit zwei Koffern am Sonntag zur Mittagszeit. Man musste keine Intelligenzbestie sein, um eins und eins zusammenzuzählen.

Geistig erschöpft saß ich auf der Bank, neben mir die Koffer, und dachte nach. Mittlerweile waren mehrere U-Bahnen vorbeigefahren, aber ich war noch immer zu keiner Lösung gelangt, weil ich keinen klaren Gedanken fassen konnte. Ich begriff, dass ich es drehen und wenden konnte, wie ich wollte, aber ich hatte einfach keine Wahl: Die einzige Anlaufstelle waren meine Eltern. Zu Antje konnte ich nicht, weil ich dort nur auf der Couch hätte schlafen können. Die Familie sollte nicht abends oder morgens Hemmungen haben, ins Wohnzimmer zu gehen, »weil dort jetzt Tante Lyn wohnt«. Die Kinder würden mich nach spätestens zwei Tagen hassen.

Zu Frau Wenzel, meiner Chefin, konnte ich auch nicht. Sie würde mich bestimmt aufnehmen und Verständnis haben, aber ich wollte sie nicht in eine unangenehme Lage bringen. Außerdem hatte sie mir schon damit geholfen, dass ich bald in ihre Fußstapfen treten würde. Das reichte fürs ganze Leben.

Also setzte ich mich in die U-Bahn und beschloss, zu meinen Eltern zu fahren. Oder wie Antje und ich es bezeichnen: ins Fegefeuer der alten Wunden.

Stupide schaute ich aus dem Fenster, wo es nichts zu sehen gab. Die U-Bahn ruckelte, und ich grübelte darüber nach, wie es weitergehen sollte. Ich stand einfach nur unter Schock, konnte noch nicht einmal anfangen, das Ganze zu verarbeiten.

Tippte da gerade jemand auf meine Schulter? Das war ja die Höhe! Dabei saß ich weder auf einem Schwerbehindertenplatz, noch war ich so jung, dass ich für einen Greis aufstehen musste. Ich hob den Kopf und sah den rundlichen Mittfünfziger fragend an. »Ja, bitte?«

Er hielt mir seinen Ausweis unter die Nase. Was darauf stand, konnte ich aus der geringen Entfernung sowieso nicht entziffern, weil ich neuerdings an Altersweitsicht litt, wie mein Augenarzt sich ausgedrückt hatte.

»Ihren Fahrschein, bitte.« Der Mann klang unfreundlich, als hätte er mir die Schwarzfahrerin schon angesehen.

Natürlich, in dem ganzen Durcheinander hatte ich vollkommen vergessen, eine Fahrkarte zu kaufen! Und nicht nur das, ich hatte meinen Geldbeutel nicht dabei. Er lag immer in der Kommodenschublade im Flur, mitsamt meiner Bankkarte, und ich hatte in meiner Aufregung nicht daran gedacht, ihn einzupacken. Ich sah den Kontrolleur ein paar Sekunden an, schüttelte ungläubig den Kopf und sagte: »Auch wenn Sie es mir nicht abnehmen, aber das ist das erste Mal in meinem ganzen Leben, dass ich kein Ticket habe.«

»Kann ja sein, deswegen müssen Sie trotzdem Strafe zahlen.«

Warum war er nur so kaltherzig? Plötzlich wurde ich, nicht zum ersten Mal an diesem Tag, von meinen Gefühlen überwältigt. Ich konnte nicht anders. Mir schossen die Tränen in die Augen, und ich schluchzte laut auf. »Hören Sie, ich … Ich habe einen ganz schlimmen Tag … Ich habe gerade meinen Mann verlassen. Und Sie fragen mich nach einer scheiß Fahrkarte. Wie können Sie nur so herzlos sein?«

Der Kontrolleur ging überhaupt nicht auf meinen Gefühlsausbruch ein. »Also? Haben Sie einen Ausweis dabei?«

Es war wirklich peinlich. Ich flennte und saß da ohne Ticket, und die anderen Fahrgäste glotzten mich an. Ein paar schienen Mitleid zu haben. Nur eine ältere Frau durchbohrte mich mit ihrem verachtenden Blick.

Zum Glück hatte ich meinen Ausweis immer in der Handtasche und bewahrte ihn nicht im Geldbeutel auf. Mit zitternden Fingern kramte ich in meiner Tasche und reichte ihn dem Mann, ohne ihn dabei anzusehen.

»Und das nächste Mal bitte erst mal zum Fahrkartenautomaten, ja?«

»Die klugen Sprüche können Sie sich schenken«, hörte ich jemanden hinter mir sagen.

Die anderen Leute benahmen sich in unangenehmen Situationen immer gleich. Sie hüstelten, räusperten sich oder tauschten kurze Blicke untereinander aus. Aber ich hatte andere Sorgen, als mich wegen einer fehlenden Fahrkarte zu schämen. Ich musste heute noch Mami und Papi fragen, ob ich wieder in mein Kinderzimmer ziehen konnte.

2

Zumindest konnte ich mich darauf verlassen, dass meine Eltern zu Hause waren. Samstagabend gingen sie mit ihren alten Freunden zum Kegeln, und jeden zweiten Sonntag trafen sie sich beim Skat in der Gaststätte um die Ecke – wo sie auch Geburtstage, Jahrestage und sonstige datumsbestimmte Feiern vollzogen. Heute war der skatfreie Sonntag.

Wie furchtbar monoton sich das anhörte, wurde mir nicht erst jetzt bewusst – dafür die Tatsache, dass wir Kinder mit zunehmendem Alter auch nicht gerade unkonventioneller wurden. Mir kam es vor, als hätte ich eine halbe Weltreise hinter mir. Nachdem ich von der U-Bahn in die S-Bahn umgestiegen war, schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Auf dem Weg von der S-Bahn zum Haus meiner Eltern dachte ich darüber nach und wunderte mich mit einem Mal, wie schleichend der Prozess der Verspießerung vonstattenging. Gerade eben warst du noch auf Rockkonzerten und hast Deep Purple gehört, und irgendwann wachst du auf und merkst, dass dir der Lärmpegel eines Rockkonzerts nicht mehr verlockend erscheint und du irgendwann die Klassik für dich entdeckt hast. Das Schlimmste aber ist, dass du die alten Bands mit ihrem Outfit und den langen Haaren nun auch ungepflegt und unreif findest, wie früher deine Eltern. Im ersten Momentmag diese Erkenntnis erschreckend sein, aber später nimmt man es hin und akzeptiert es. Dann kommt die Phase, in der man voll und ganz dazu steht, und ab da führt kein Weg mehr zurück.

In ein paar Wochen würde ich meinen vierzigsten Geburtstag feiern, überlegte ich, und in ein paar weiteren Wochen stand der fünfzehnte Hochzeitstag bevor. Ich wusste nicht, was schlimmer war: seinen runden Geburtstag oder den fünfzehnten Hochzeitstag als Single zu feiern.

Als ich mich dem Haus meiner Eltern näherte, wurde mir gleichzeitig heiß und kalt. Ich hatte mir keine Worte zurechtgelegt. Also drückte ich, ohne lange nachzudenken, auf die Klingel. Bereits nach ein paar Sekunden erklang der Summton, und das Tor öffnete sich. Ich ging durch den kleinen Garten, und schon wurde von innen die Tür aufgerissen. Meine Mutter stand in der Schürze da, hinter ihr mein Vater, und beide sahen zuerst mich, dann meine Koffer an. Sie wirkten, als würden sie vor den Trümmern ihres Lebens stehen.

»Sag mir nicht, dass es das ist, wonach es aussieht«, flüsterte meine Mutter und hielt sich dann schockiert die Hand vor den Mund, während sie auf meine Antwort wartete.

Ich hatte einfach keine Kraft, die richtigen Worte abzuwägen und sie zu schonen, denn schließlich war ich hier die Leidtragende. »Wir haben uns getrennt. Kann ich eine Weile bei euch bleiben, bis ich etwas Eigenes gefunden habe?«

Das schien ein zu gewaltiger Informationsbrocken zu sein, den meine Mutter nicht so schnell verarbeiten konnte. Sie sah erst meinen Vater an, dann mich. Schließlich starrte sie auf die Koffer. Dann blickte sie wieder zu meinem Vater – und dann wurde es mir zu bunt. »Also was jetzt, ja oder nein?«

Meine Mutter biss sich theatralisch auf die Lippe, so wie es die Schauspieler bei Dramen machen, wenn sie erfahren, dass sie aufgrund ihrer Rebellion die Todesstrafe erwartete.

»Ihr versöhnt euch schon wieder, aber jetzt komm erst mal rein«, meinte mein Vater leichthin. Er klang beinahe gelangweilt, so als mache er das wöchentlich durch.

Mein Gepäck ließ ich erst mal im Flur stehen. Ich folgte meinen Eltern in die Wohnküche, wo es nach Braten duftete.

»Hast du schon gegessen?«, fragte meine Mutter, während sie den Tisch abräumte. Sie versuchte seit jeher sämtlichen Stürmen des Lebens durch Kochen zu trotzen. Vielleicht war sie deshalb etwas dicklich. Außerdem hatte sie die Begabung, einfache Unannehmlichkeiten zu Katastrophen zu erklären. Unvergessen blieb das Weihnachtsfest, als die Gans zu lange im Ofen war. Meine Mutter hatte sich mit Tante Ursula verratscht. Der angebrannte Vogel überschattete die Feiertage, und meine Mutter hatte bei dem Wort Gans noch jahrelang Tränen in den Augen.

»Ich hab keinen Hunger. Später vielleicht.«

Mein Vater setzte sich auf die quietschende Eckbank und murmelte etwas, was sich anhörte wie: »verflixte Blagen.«

»Wie bitte?«, hakte ich nach.

»Was?«

»Hast du etwas gesagt?«

»Äh, ich sagte nur, ich fühle mich wie erschlagen.«

»Na dann.«

Meine Mutter wirkte etwas zerstreut. Sie nahm das Geschirr vom Tisch und räumte es in die Spüle. Dann zog sie sich die geblümte Schürze über den Kopf und setzte sich neben mich.

»Hat er eine andere?« Sie kam also gleich zur Sache.

»Er sagt Nein.«

Mein Vater lachte verächtlich auf. »Was er sagt, hat nichts zu sagen, weil er es sagt und deshalb keine Bedeutung hat.«

»Was?« Meine Mutter legte die Stirn in Falten. »Ich hab kein Wort von dem verstanden, was du gesagt hast.«

»Na, es spielt doch gar keine Rolle, was er sagt.«

»Wieso?«

»Überleg doch mal, Gisela. Es ist doch so …«

»Okay, Leute. Können wir wieder zum Thema kommen, ja?« Es geschah nicht selten, dass die beiden sich in etwas verbissen, was nichts zur Sache tat.

»Was hast du jetzt vor?«, fragte meine Mutter.

»Was soll ich schon vorhaben? Er hat gesagt, er liebt mich nicht mehr. Ich muss sehen, wie mein Leben jetzt weitergeht.«

»Du gibst einfach so auf, ohne um ihn zu kämpfen?«

»Kämpfen?« Fassungslos starrte ich sie an. »Wieso sollte ich um jemanden kämpfen, der mir einen Tritt in den Arsch verpasst hat?«

»Was? Er hat dich geschlagen?«

»Das war doch metaphorisch gemeint«, sagte ich genervt.

»Ach so. Du meinst, bildlich oder so was.«

Ich nickte erschöpft.

»Ich hab’s immer schon gesagt«, murmelte mein Vater vor sich hin. »Gisela, weißt du noch, dass ich dir schon vor Jahren gesagt habe, der Christoph ist zu pfiffig für unsere Lyn?«

»Ja, das weiß ich noch, Jürgen.« Sie nickte heftig, und dann sah sie mich so komisch an, so als ob sie sagen wollte: Der Papi hat’s fei schon vorher g’wusst.

Ich saß da und schüttelte ungläubig den Kopf. »Zu pfiffig? Was heißt das denn, zu pfiffig für mich?«

»Das heißt, dass …«, fing meine Mutter an.

»Lass ihn doch selbst antworten!«, unterbrach ich sie.

»Bitte«, meinte sie in beleidigt-schnippischem Ton und hob gefällig die Handflächen nach oben.

Mein Vater hantierte mit seinem Zahnstocher im Mund herum, während er redete. »Seien wir ehrlich, Kind. Uns ist aufgefallen, dass du in den letzten Jahren immer weniger unternommen hast. Da sind wir alten Säcke noch unternehmungslustiger. Der Christoph wollte, glaube ich, mehr erleben.«

»Ich bin kein alter Sack«, protestierte meine Mutter. »Du kannst eine Frau nicht als alten Sack bezeichnen; das gilt nur für Männer. Das weiß doch jeder.«

Ich starrte immer noch meinen Vater an. Für ihre Prinzipienreiterei hatte ich im Moment keinen Nerv. »Es ist doch nicht meine Schuld, dass wir Stubenhocker geworden sind. Wir haben beide unseren Teil dazu beigetragen. Wie kommst du darauf, dass ich die Trantüte bin und Christoph der Pfiffige? Als ihr vorgeschlagen habt, uns zum zehnten Hochzeitstag eine Reise nach Südamerika zu schenken, war ich Feuer und Flamme, soweit ich mich erinnere.« Ich sah noch ganz genau vor mir, wie wir damals alle in der Küche standen. Ich konnte mich sogar noch daran erinnern, dass ich an jenem Tag den selbst gestrickten Norwegerpulli von Tante Kathi trug, nur um ihr eine Freude zu machen, weil sie gerade auf Besuch war. Christoph hatte gesagt: »Ach, das ist so weit weg. Die lange Flugzeit … Und wisst ihr eigentlich, wie schlecht die ärztliche Versorgung dort ist?« Meine Eltern hatten sich angesehen und uns gefragt, was wir stattdessen gern hätten. Darauf hatte Christoph wie selbstverständlich gemeint: »Eine neue Waschmaschine wäre vielleicht nicht schlecht.«

Als ich das später auf der Heimfahrt thematisierte, kam Christoph nicht etwa zur Besinnung und sah ein, dass er eine Couch-Potato geworden war, nein, er ritt weiter drauf herum: »So eine Reise ist wahnsinnig anstrengend, und es ist rausgeworfenes Geld. Von einer modernen Waschmaschine haben wir jahrelang etwas!« Nach langem Hin und Her entschieden wir uns also für die Waschmaschine. Auch hier wollte ich jemandem eine Freude machen, nämlich Christoph. Ich musste mir dringend abgewöhnen, ständig anderen eine Freude machen zu wollen. Irgendwie kam dabei immer etwas Schlechtes heraus.

Was war in den letzten Jahren nur mit mir passiert? Dabei war ich doch als Mädchen mal richtig ausgeflippt gewesen. Ich hatte mich von Dr. Jekyll in Mr. Hyde verwandelt und konnte nur hoffen, dass ich einen Weg finden würde, nicht mehr Mr. Hyde zu sein. Was ich früher als spießig empfunden hatte, lebte ich jetzt. Radeln am Sonntagnachmittag und an festen Tagen das Bad putzen und die Wäsche ohne Knitterfalten bügeln.

»Seid also bitte nicht ungerecht«, mahnte ich meinen Vater. »Ich habe mich nur angepasst.«

»Du musst dich nicht rechtfertigen«, winkte mein Vater ab.

»Das tue ich doch gar nicht«, antwortete ich automatisch, obwohl wir alle in diesem Raum wussten, dass ich es doch tat.

Mein Vater wand sich. »Eigentlich wollte ich nur sagen, dass du in den letzten Jahren zu einer Stubenhockerin geworden bist.«

»Danke«, meinte ich gekränkt.

»Aber Scheidung?« Ungläubig schüttelte er den Kopf. »Die Leute haben immer gesagt, was für ein schönes Paar ihr seid.«

»Ich dachte, wir wären Barbie und Ken, dabei bin ich anscheinend zu einer Mutter Beimer geworden, oder Fräulein Rottenmeier oder so was.«

»Ach, Quatsch«, murmelte mein Vater lakonisch vor sich hin.

»Ich weiß auch nicht«, dachte ich laut, »vielleicht bleibe ich einfach alleine.«

Meine Mutter bekreuzigte sich. »Wenn Gott gewollt hätte, dass wir alleine bleiben, hätte er nicht die Liebe erfunden.«

Mein Vater verdrehte die Augen und seufzte. »Die hat nicht Gott erfunden, die hat Hollywood erfunden.«

»Was redest du da für einen Unsinn, Jürgen? Wir haben auch aus Liebe geheiratet.« Sie beugte sich über den Tisch und sah ihm bedrohlich ins Gesicht. »Oder etwa nicht?«

»Doch«, sagte er gelangweilt. Was blieb ihm auch anderes übrig?

»Also?« Sie sah mich streng an. »Was tun wir?«

Wir? »Lass mich erst mal das Ganze verarbeiten, ja?«

»Vielleicht versöhnt ihr euch auch wieder.« Mein Vater war von Natur aus ein Optimist.

Ich lachte verbittert auf. »Das glaube ich kaum.«

»Kommt Zeit, kommt Rat.«

Wir saßen noch eine Weile so da, und die beiden seufzten abwechselnd: »Hach ja«, und: »Ein Kreuz ist das.«

Später nahm ich meine Koffer und ging in mein altes Kinderzimmer.

Als ich den Schrank aufmachte, um meine Kleidung darin zu verstauen, fluchte ich leise vor mich hin. Der Schrank war proppenvoll mit abgetragener Kleidung und Sommersachen meiner Eltern. Nicht einmal mehr ein T-Shirt passte hinein. Also musste ich mein Zeug wohl in den Koffern lassen; wie eine abgehalfterte Schlagersängerin auf Tournee.

Die Tür ging auf, und meine Mutter stand im Zimmer. »Herrje, du hast ja gar keinen Platz für deine Kleidung.«

»Na ja, ich lass das Zeug einfach drin. Ist ja schließlich kein Dauerzustand.« Das hoffte ich zumindest.

»Ach, ich nehme die Sachen einfach aus dem Schrank und schmeiße sie auf den Müll.« Sie wusste, dass ich das nicht zulassen würde – abgesehen davon, dass sie sich lieber die Hände abgehackt hätte. Also sagte ich, was von mir verlangt wurde: »Nein, lass doch. Kein Problem.«

»Na gut.« Sie strich die Tagesdecke glatt, bevor sie sich neben mich aufs Bett setzte. »Du kannst natürlich für immer bei uns bleiben.«

Wie ich mich auf diesen Satz hin fühlte? So, als hätte ich einen Tinnitus, zusammen mit einem Schlaganfall und einer Panikattacke.

»Du, vielleicht ist das sogar eine gute Idee. Du hilfst mir im Haushalt, wir machen im Frühjahr den Garten zusammen, und ich bügle deine Wäsche. Ich weiß doch, wie du das Bügeln hasst.« Schelmisch versetzte sie mir einen Rippenstoß und kicherte.

Ich verkniff mir, den Gedanken, der mir zuerst in den Sinn kam, laut auszusprechen. Nämlich, dass ich mich lieber kopfüber in die Isar stürzen würde, als so ein Leben zu führen. Ich sagte lieber: »Mach dir keine Sorgen. Nachdem ich meine Gedanken geordnet habe, werde ich schon einen Weg finden.«

Sie zuckte die Schultern. »Wie du meinst. Aber wenn du den Papi und mich brauchst, sind wir immer für dich da. Übrigens, weiß Markus es schon?«

»Nein. Ich weiß es doch selbst erst seit ein paar Stunden.«

»Aber er ist dein Bruder. Du solltest ihn anrufen und …«

»Ich muss jetzt erst mal Antje anrufen.«

Sie stand da und schüttelte den Kopf. »Also, wie du das sagst, Evelyn. Als ob deine Freundin dir näherstehen würde als dein Bruder. Wenn es darauf ankommt, ist Familie das Wichtigste. Blut ist dicker als Wasser.«

Das sah ich anders, aber ich hatte keine Lust mehr, mit ihr darüber zu diskutieren. Wenn Markus und Antje am Ertrinken gewesen wären und ich nur einen der beiden die Hand hätte reichen können, ich wüsste nicht, was ich tun würde. Ich liebte meinen Bruder und sah ihn vor mir, als er noch klein war. Wenn man mit jemandem aufwächst, liebt man ihn zwangsläufig, wenn auch vielleicht nicht immer um seiner selbst willen. Mit Antje war alles anders. Zwischen uns war es die große Liebe ohne Sex. Seit dem Tag der Einschulung, als wir uns zum ersten Mal begegnet waren, mit der Schultüte in der Hand, konnten wir nicht mehr ohne einander sein.

Meine Mutter beugte sich nach vorne, als sei ich ein Welpe, der auf eine Belohnung wartet. »Weißt du, was wir jetzt machen?« Sie schloss für ein paar Sekunden vielsagend die Augen, als hätte sie die Weisheit auf ihrer Seite. Hatte sie den ultimativen Lebensplan für mich? Einen Weg aus dieser Misere? Würde sie mich überraschen, und ich würde bis zum Rest meines Lebens an diesen entscheidenden Augenblick denken …

Sie lächelte. »Wir sehen uns jetzt den Tatort an.«

Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte und auf dem Weg zum Tatort war, holte ich mein Handy aus der Tasche und wählte Antjes Nummer. Egge meldete sich. Antje hatte ihn von Anfang an so genannt, weil Egon sich nach Pedant anhörte, wie sie sagte. Egge war ihr dritter Mann. Ihr erster war Robbie, ein furchtbar labiler Typ mit Hang zum Sentimentalen. Bei traurigen Liebesszenen hatte Antje ihm immer Taschentücher reichen müssen. Sie hatte diese Ehe als Jugendsünde schlimmster Sorte abgetan. Später heiratete sie Bernd, der ständig fremdging. Seine Erklärung dafür war ein hoher Testosteronspiegel, für den er, wie er sagte, nichts konnte. Mit ihm hatte Antje einen Sohn, Helmut. Und dann wurde für Antje doch noch alles gut, weil sie Egge traf. Mit ihm hatte sie zwei Söhne, den siebenjährigen Wolfgang und den fünfjährigen Karl. Antje hatte ein Faible für altdeutsche Namen.

»Hey, Egge. Kann ich mit Antje sprechen?« Im Hintergrund war Kindergeschrei zu hören.

»Sie spült gerade ab. Kann sie dich zurückrufen?«

»Ja, aber bitte auf dem Handy und nicht zu Hause, weil ich da nicht mehr wohne.«

»Äh, warte mal bitte.« Ein paar Sekunden herrschte Stille am anderen Ende, dann hörte ich von Egge ein gedämpftes: »Frag mal, ob mit ihr alles in Ordnung ist. Sie sagt, sie wohnt nicht mehr daheim.«

»Lyn?« Es war beruhigend, Antjes Stimme zu hören.

»Ja?«

»Wo bist du gerade?«

»Bei meinen Eltern, in meinem alten Kinderzimmer.«

»Warum?«

»Christoph und ich haben uns getrennt.«

»Waas?«

»Er hat gesagt, dass – er – sich – langweilt.« Ich schluckte die Tränen hinunter.

»Ich kapier überhaupt nichts. Einfach so? Aus heiterem Himmel?«

»Ich brauche eine Wohnung.«

Antje hatte Schwierigkeiten, meinen Gedankensprüngen zu folgen. »Was? Ach so, ja, eine Wohnung. Unbedingt, ja.«

»Aber ich kann doch so schnell keine Wohnung finden. Du und Egge, ihr kennt doch Gott und die Welt; könnt ihr euch mal umhören, wegen Appartements oder so etwas?«

»Na klar, machen wir.« Nach einer Pause fügte sie hinzu: »Hör mal, Lyn, mir ist das nicht ganz klar. Steckt da vielleicht eine andere Frau dahinter?«

»Fang du nicht auch noch damit an. Christoph hat gesagt, dass er sich in unserer Ehe langweilt und dass das der Grund ist.«

»Das ist demütigend.«

»Und wie. Ich habe mich noch nie so schrecklich gefühlt. Wie lange dauert so etwas? Werde ich jemals darüber hinwegkommen? Kann das alles auch etwas Gutes haben? Manchmal behaupten die Menschen das doch. Rückwirkend sind sie froh, dass sie einen Schicksalsschlag hatten.«

»Also, ich weiß auch nicht …«

»Du weißt doch, was man sagt: Wenn ein Fenster sich schließt, dann öffnen sich hundert andere.«

Antje brauchte einige Sekunden, um zu antworten. »Türen.«

»Was?«, fragte ich verwirrt.

»Ich glaube, es sind Türen, die sich öffnen.«

»Ach ja, genau. Glaubst du, da ist was dran?«

»Ja, ja. Ganz bestimmt, Lyn.« Sie redete mit mir, als sei ich nicht ganz dicht, und wahrscheinlich war ich in diesem Moment auch nicht ich selbst.

Antje sprach noch ein paar beruhigende Worte, und ich weinte leise vor mich hin.

In der Dusche vermischten sich meine Tränen mit dem Wasserstrahl. Meine Gedanken scherten sich nicht darum, dass ich einfach meine Ruhe wollte. Sie bahnten sich ihren Weg und droschen auf mich ein. Ich überlegte, wie es hatte geschehen können, dass ich noch am Morgen nichts ahnend aus dem Bett gekrochen war und abends bei meinen Eltern im Badezimmer stand. Seit etwa einem Jahr, vielleicht auch zwei oder drei, hatten wir uns nicht mehr so viel zu sagen gehabt. Nein, eigentlich hatte es viel früher angefangen.

Es gab so einige Begebenheiten, die für mich aufschlussreich hätten sein sollen, aber eine war es ganz besonders:

Wir sitzen auf der Couch und sehen einen Film an. Der Mann sagt zur Frau, wie sehr er ihre Großzügigkeit und Anteilnahme schätze und wie sehr er es liebe, wie sie ihn zum Lachen bringe. Ich drehe den Kopf und frage Christoph, was er an mir liebe und schätze. Er überlegt lange, viel zu lange. Dann sagt er, ich sei eine gute Köchin. Na toll, denke ich, warum fügt er nicht gleich hinzu, wie gut ich das Bad putzen kann?

»Aber das meine ich nicht«, erwidere ich, »sondern einen Charakterzug an mir, meine Persönlichkeit.«

Wieder überlegt er lange. In der Zwischenzeit hätte ich mir ein Sandwich machen und einen Drink mixen können.