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Christoph Scholder

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Beschreibung

Das Gas wirkte in Sekunden. Plötzlich war es in dem riesigen Bierzelt still. Totenstill. Der zweite Wiesn-Sonntag. Weiß-blau erstreckt sich der Himmel über München, Tausende strömen auf das größte Volksfest der Welt. Partystimmung, so weit das Auge reicht, ausgelassen tanzen die Leute in den riesigen Zelten. Niemand ahnt, dass dieser Nachmittag um exakt vier Minuten vor sechs in einem Höllenszenario enden wird. Denn genau zu diesem Zeitpunkt gibt Oleg Blochin, der skrupellose Kommandeur einer russischen Elite-Soldateska, seinen Männern den Befehl, das Betäubungsgas im ersten Bierzelt freizusetzen. Und das ist erst der Anfang: Schlag auf Schlag geht es weiter, 70 000 Menschen werden zu Geiseln in einem hochriskanten Spiel auf Leben und Tod ... Oktoberfest von Christoph Scholder: packender Thriller im eBook!

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Seitenzahl: 701

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Ähnliche


Christoph Scholder

Oktoberfest

Thriller

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Der zweite Wiesn-Sonntag. Weiß-blau erstreckt sich der Himmel über München, zu Tausenden pilgern die Leute auf das größte Volksfest der Welt. Das Bier fließt in Strömen, Partystimmung, so weit das Auge reicht. Ausgelassen tanzen die Menschen in den riesigen Zelten zu den angesagten Hits. Niemand ahnt, dass dieser Nachmittag um exakt vier Minuten vor sechs in einem Höllenszenario enden wird. Denn genau zu diesem Zeitpunkt gibt Oleg Blochin, der skrupellose Kommandeur einer russischen Elite-Soldateska, seinen Männern den Befehl, das Betäubungsgas im ersten Bierzelt freizusetzen. Und das ist erst der Anfang: Schlag auf Schlag geht es weiter, 70.000 Menschen werden zu Geiseln in einem hochriskanten Spiel auf Leben und Tod ...

Inhaltsübersicht

Alle Personen und die [...]

Verheerung, Mord wird so [...]

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

Epilog

Danksagung

Bonusmaterial

Alle Personen und die Handlung des Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und ist nicht beabsichtigt. Das Gleiche gilt für die hier erzählten Ereignisse.

Verheerung, Mord wird so zur Sitte werden

und so gemein das Furchtbarste, dass Mütter

nur lächeln, wenn sie ihre zarten Kinder

gevierteilt von des Krieges Händen sehn.

 

William Shakespeare, Julius Caesar

Si vis pacem para bellum

Prolog

Als der alte Mann seinem Besucher lächelnd die Tür öffnete, konnte er nicht wissen, dass er nur noch neunzig Sekunden zu leben hatte. Sein von der Zeit gezeichnetes Gesicht wurde von weißem Haupthaar eingerahmt. Nur die buschigen schwarzen Brauen verrieten noch die frühere Farbe des Haares. In seinen klaren Augen spiegelte sich echte Freude.

Der Besucher tat einen Schritt auf den alten Mann zu.

Nach einer kurzen, herzlichen Umarmung wandte sich der alte Mann ab.

Er griff nach seinem Stock, den er an die Wand gelehnt hatte, um sich in Richtung Küche aufzumachen. Die Spitze seines Stockes schleifte wie Kreide an einer Tafel über das Fischgrätparkett, wenn er den rechten Fuß aufsetzte. Die altertümliche Holzprothese des linken Beines schien bei jedem Schritt zu seufzen.

Der Besucher schloss behutsam die Tür hinter sich.

»Ich freue mich wirklich sehr, dich zu sehen«, sagte der alte Mann. Seine Stimme war zwar brüchig, dennoch war er klar und deutlich zu verstehen.

»Wirklich sehr!« Ehrliche Ergriffenheit schwang im Klang der Wörter mit.

Nach wenigen Metern wandte er sich nach rechts, zur Küchentür. Der alte Mann schaltete das Licht ein.

Das Schleifen des Stockes klang schrill, als er über die Fliesen des Küchenbodens gezogen wurde. In der Mitte der Küchenzeile angekommen, griff er zunächst nach oben und nahm zwei Gläser aus einem Hängeschrank. Dann bückte er sich und öffnete die Kühlschranktür.

Die Silhouette des Besuchers füllte den Rahmen der Küchentür nahezu vollständig aus.

»Man hat sich schlimme Sachen über dich erzählt.« Der alte Mann sprach langsam. Nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, schloss er mit einer erstaunlich geschickten Bewegung der Prothese die Kühlschranktür. In seiner rechten Hand hielt er eine Flasche ohne Etikett, gefüllt mit klarer Flüssigkeit.

»Ich habe ihnen aber nie geglaubt!«, sagte der alte Mann mit Nachdruck. Er lächelte, während er sich zu seinem Besucher umdrehte.

»Nicht eine einzige der Geschichten. Setz dich doch!« Die von Altersflecken übersäte Hand wies auf einen quadratischen Esstisch mit zwei passenden Stühlen.

Biedermeier.

Er stellte die beiden Gläser auf den Tisch. Dann plazierte er die Flasche mit einem Grinsen in der Mitte. Er zog den Korken heraus und goss beide Gläser halb voll. Der alte Mann ließ sich wohlig seufzend auf seinem Stuhl nieder und streckte seine Hände in einer einladenden Geste aus.

Der Besucher ergriff die Hände des alten Mannes. Fast zärtlich strichen seine Finger über die faltige Haut.

Noch während der Besucher auf dem angebotenen Stuhl Platz nahm, drückten seine Hände plötzlich mit einer ungeheuren Kraft zu.

Die Knochen in den Händen des Greises brachen wie trockenes Reisig.

Der Schock stand in den Augen des Alten.

Sein Mund öffnete sich zu einem Schrei.

Der Besucher bewegte sich sehr schnell und fließend. Seine linke Hand griff nach dem Haar seines Gegenübers. Seine rechte Hand zog ein Messer mit einer sieben Zentimeter langen schwarzen Keramikklinge hinter dem Rücken hervor. Er schnitt dem alten Mann in einer einzigen Bewegung die bloßliegende Kehle durch.

Der Schmerzensschrei versiegte in einem blubbernden Gurgeln. Der Besucher zog den Kopf seines Opfers etwas nach hinten. Er ließ das Blut, das von dem sterbenden Herzen aus der klaffenden Wunde gepumpt wurde, in die auf dem Tisch stehenden Gläser laufen. Dann erhob er sich und ließ das Messer wieder hinter seinem Rücken verschwinden. Seine linke Hand hielt den alten Mann noch immer beim Schopf.

»O’zapft is’!«, sagte der Besucher in unverkennbar bayerischem Dialekt.

Der Besucher kannte sich in der Wohnung aus. Zielstrebig ging er in das Arbeitszimmer des alten Mannes und suchte die Regale ab. Bei den Buchrücken, die als Fotoalben erkennbar waren, stoppte er. Er griff das in der Mitte stehende heraus, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Welche Jahre standen links? Welche rechts?

Schnell fand er, wonach er suchte. Der Besucher löste aus mehreren Alben Fotos heraus. Wenn sie festgeklebt waren, riss er sie mit Gewalt vom Papier. Ein gutes Dutzend Abzüge brachte er so an sich.

Danach nahm er die Alben eines nach dem anderen nochmals aus dem Regal. Aus jedem entfernte er nun willkürlich Bilder. Es würde nicht nachvollziehbar sein, was genau fehlte. Der Gedanke an die verzweifelten Ermittler ließ ein Lächeln über sein Gesicht huschen.

Es mochten an die einhundert Aufnahmen sein, die in den Taschen seiner Jacke verschwanden.

Der Besucher hielt inne.

In der Wohnung war es jetzt völlig still. Eine ganz besondere Art der Stille. Er lauschte seinem eigenen ruhigen Atem. Er kannte diese Art der Stille.

Der Klang des Todes selbst.

Dann verließ der Besucher die Wohnung.

Beim Durchqueren des Flurs warf er einen Blick in die Küche. Die Leiche des alten Mannes lag in einer größer werdenden Lache von Blut, dessen schwärzliche Farbe die bereits einsetzende Gerinnung erkennen ließ.

»Wer hätte gedacht«, murmelte der Besucher mit gespieltem Erstaunen, »dass der alte Mann noch so viel Blut in sich hat?«

Das Nahestehen ist nicht Bedingung der Freundschaft, sondern Folge der Wahl eines Freundes.

Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft

1

Seit Karl Romberg vor dreißig Jahren nach München gekommen war, hatte es das Leben im Großen und Ganzen gut mit ihm gemeint. Das musste er zugeben.

Als gelernter Automechaniker hatte er damals in einer kleinen Werkstatt im Stadtteil Pasing eine Anstellung bekommen. Der Meister, dem die Werkstatt gehörte, mochte den jungen Mann. Karl Romberg war fleißig und zuverlässig, und er zeigte sich geschickt im Umgang mit den Kunden.

Nachdem Karl seine Meisterprüfung abgelegt hatte, bot sein Chef ihm an, die Werkstatt zu übernehmen. Da der Betrieb gut lief, gewährte eine Bank ihm Kredit. Sein Chef zog sich aufs Altenteil zurück. Romberg spezialisierte sich zunächst auf die Reparatur ausgefallener Wagen. Überwiegend Oldtimer. Aber auch neuere und neueste Karossen. Allesamt sehr teuer.

Dementsprechende Kundschaft.

Anspruchsvoll.

Und Romberg zeigte sich den Ansprüchen gewachsen. Die Qualität seiner Arbeit sprach sich schnell bei den wohlhabenden Münchnern herum. Bald schon stellte er neue Mechaniker ein und baute ein weiteres Werkstattgebäude.

Wie stolz er war.

Er schuf etwas Neues.

Mit seinen eigenen Händen.

Romberg lebte zurückgezogen. Bis auf die freitägliche Skatrunde mit seinen beiden Vorarbeitern nahm er kaum am gesellschaftlichen Leben teil. Mit einer Ausnahme: Es machte ihm große Freude, die Bayerische Staatsoper in der Maximilianstraße zu besuchen. Oder auch die Konzerte in der modernen Philharmonie. Die Liebe zur klassischen Musik hatte er von seiner Mutter geerbt. Aber da er der Meinung war, diese Leidenschaft passe nicht zu einem Automechaniker, sprach er niemals darüber.

Seine Einsamkeit war selbst gewählt.

Das hing mit dem Traum zusammen, der ihn nachts oft heimsuchte. Mit seinem Gefährten, wie er ihn nannte.

Die Dunkelheit der Nacht drang dann in seine Seele ein.

Der Gefährte schuf nichts.

Er zerstörte nur.

Viele Jahre war er allein zu Konzerten gegangen, bis er an einem dieser Abende Judith kennenlernte, bei einer Aufführung von Mozarts Don Giovanni. Judith war zehn Jahre jünger, von Beruf Kindergärtnerin. Sie war in der Pause gegen ihn geschubst worden. Und aus ihrer schüchternen Entschuldigung entspann sich ein Gespräch. Sie redeten über die Inszenierung und Mozarts musikalische Sicht auf den steinernen Gast. Romberg verfluchte still das Klingeln der Pausenglocke. Da schlug Judith ihm vor, nach der Oper gemeinsam ein Glas Wein zu trinken.

Er spürte seinen Herzschlag noch immer im Halse, wenn er daran dachte.

Sie waren durch eine laue Münchner Sommernacht von der Oper zu einer Weinstube am Odeonsplatz spaziert. Aus dieser Begegnung entwickelte sich eine zarte Beziehung. An manchem Abend spürte er nach wie vor den Geschmack des weißen Burgunders auf der Zunge, von dem er an diesem Abend vor lauter Aufregung viel zu viel getrunken hatte.

Judiths Liebe verlieh ihm Flügel.

Im Jahr 1987 gründete er eine weitere Firma, die Kleintransporter vermietete. Vor allem an den Wochenenden waren solche Wagen in München sehr gefragt. Umzüge und private Transportfahrten waren der Grund. Seine Mechaniker warteten die Transporter mit der gleichen Sorgfalt, mit der sie die Autos der Kunden reparierten.

Nach zehn Jahren hatte Judith ihn verlassen.

Ein Sozialpädagoge, spezialisiert auf Erlebnispädagogik, war für sie interessanter gewesen.

Beim Anblick der beiden Verlobungsringe, mit denen er sie beim nächsten Konzertbesuch hatte überraschen wollen, hatte er Tränen der Trauer und Verzweiflung geweint. Er verbannte die Ringe in die hinterste Ecke des Tresors, in dem er wichtige Firmenunterlagen und seine eiserne Bargeldreserve aufbewahrte.

Zunächst hatte er Wodka getrunken.

Sehr viel Wodka.

Zu viel.

Fast wäre er daran zerbrochen. Allein die Erinnerung daran tat weh. Und obwohl das Ende dieser Beziehung nun schon viele Jahre zurücklag, zog der Trennungsschmerz gelegentlich in seinen Eingeweiden und ließ ihn in eine tiefe Traurigkeit verfallen.

Nie wieder hatte er jemanden wie Judith gefunden.

Noch nicht einmal annähernd.

Die Erinnerung an den Verlust zog wie ein schneller Schatten über Rombergs markantes Gesicht.

Er hatte sich gefangen.

War wieder aufgestanden.

Machte weiter.

Gerade seine wohlhabenden Kunden fragten mit der Zeit immer häufiger, ob er nicht zusätzlich zu den Leihwagen auch einen Fahrer und einige Packer vermitteln könnte. So kam es, dass Karl Romberg Anfang der neunziger Jahre eine kleine Spedition gründete. Diese verfügte zunächst über nur einen Möbelwagen samt Besatzung.

Dann trat Werner Vogel in sein Leben.

Er erinnerte sich genau.

*

Es war ein kalter, regnerischer Herbsttag des Jahres 1996. Der Wind trieb das Laub vor sich her. Die Luft roch nach kollektiver Erkältung. Der Vormittag war ruhig. Karl Romberg saß nach einem Inspektionsgang durch seine Werkstätten im Büro und ärgerte sich mit dem Papierkram herum, den er so sehr hasste. Es klopfte.

»Herein!«

»Grüß Gott!« Eine angenehme Stimme, der junge Mann in der Tür machte sofort einen guten Eindruck auf ihn.

»Grüß Gott, was kann ich für Sie tun?«

»Ich werde Sie nicht lange aufhalten. Mein Name ist Werner Vogel. Lassen Sie uns das Kind gleich beim Namen nennen: Ich bin auf der Suche nach einer Stelle und dachte mir, ich bringe meine Bewerbungsunterlagen selbst vorbei. Ich weiß, das mag etwas ungewöhnlich scheinen.« Vogel senkte verlegen den Blick.

»Es tut mir leid, ich stelle keine Mechaniker mehr ein. Nach einem Möbelpacker sehen Sie der Statur nach nicht aus. Auch meine Lehrstellen sind alle besetzt«, entgegnete Romberg.

»Oh, das meinte ich nicht.« Vogel räusperte sich. »Ich bin gelernter Bankkaufmann. Ich wollte Sie fragen, ob Sie nicht jemanden für die Buchhaltung brauchen könnten. Außerdem habe ich in der Privatkundenabteilung der Bank gearbeitet, Kreditvergabe. Ich kann gut mit Menschen umgehen, haben meine Vorgesetzten gesagt. Ich könnte also auch hier im Büro die Kunden bedienen und eventuell in der Akquisition bezüglich neuer Kunden tätig sein.«

Romberg sah ihn misstrauisch an. »Warum sind Sie auf Arbeitssuche, wenn Sie solche Qualifikationen haben? Sind Sie mit der Kasse durchgebrannt?«

»Nein, das nun wirklich nicht.« Vogel machte ein beleidigtes Gesicht. »Die Banken schließen Filialen in großem Stil. Das Schaltergeschäft wird von Geldautomaten übernommen. Kundenbetreuer werden auf Verkaufslehrgänge geschickt und zu besseren Versicherungsdrückern umgeschult. Das Geld verdienen die Banken jetzt im Investmentbereich. Die großen Banken überlegen sich, das Privatkundengeschäft ganz aufzugeben. Nur noch große Vermögen zu verwalten und Geschäftskunden zu betreuen, das ist nicht mehr meine Welt.«

Romberg sah den jungen Mann einige Zeit nachdenklich an. Zwischen Rombergs Kinn und den hohen Wangenknochen verliefen zwei schnurgerade Falten. Die leicht zusammengekniffenen Augen verliehen seinem Blick etwas Stechendes.

»Was ist eigentlich dieses ominöse Investmentgeschäft? Ich lese immer davon, aber keiner dieser Artikel hat mir bisher erklären können, worum es dabei eigentlich geht. Wenn Sie vom Fach sind, erklären Sie mir das doch mal.«

Und Vogel erklärte es ihm. Erzählte davon, dass die Banken Geldsammelbecken einrichten, die sie Fonds nennen. Dass die Anteile der Fonds wiederum an der Börse verkauft würden und das Geld dadurch jeden Bezug zu wirklichen Werten verlöre. Dass diese Fondsanteile im Grunde nichts anderes seien als Wettscheine für Hunderennen, nur eben ohne rennende Hunde. Dass die Bank bei jedem dieser Geschäfte einen bestimmten Prozentsatz für sich behält.

»Die Bank gewinnt immer«, schloss Vogel seine Ausführungen.

Der kurze Vortrag beeindruckte Romberg. Er ließ sich die Bewerbungsunterlagen aushändigen. Noch am selben Nachmittag rechnete er aus, dass er sich einen weiteren Angestellten leisten könnte. Zumal einen so jungen, der am Anfang noch wenig Geld verlangte. Zwei Tage später rief er Vogel an.

Der nahm das Angebot sofort an.

Dass diese Entscheidung sein Leben und seine Firma stark verändern würde, ahnte Romberg nicht. Vogel war fünfundzwanzig Jahre alt, als er 1996 bei ihm anfing. Einundzwanzig Jahre jünger als Romberg selbst.

Heute war er sehr froh über seine damalige Entscheidung.

Werner Vogel war ein Mann mit vielen Ideen, einem guten Sinn für Geschäfte und einem großen Überzeugungstalent. Er verfügte über ein gerüttelt Maß an Schlitzohrigkeit, und er war ebenso fleißig und gewissenhaft wie Romberg selbst.

Zudem war Vogel gebürtiger Münchner.

*
Prizren, Kosovo, 2003

Drückend lag die Sommerhitze über dem Kosovo. Heute Abend würde Kaspar Lohweg ein Geschäft abschließen. Das größte Geschäft, das er jemals gemacht hatte. Deshalb fuhr er quer durch die ganze Stadt.

Er trug zivile Kleidung.

Zur Tarnung.

Das Lokal, in dem er verabredet war, lag weit vom KFOR-Hauptquartier entfernt, wo Hauptmann Lohweg in der Waffenmeisterei arbeitete. Aber damit wäre demnächst Schluss. Heute würde er sich nämlich den Jackpot abholen. Bald schon wäre er ein reicher Mann.

Lohweg lächelte. Die Scheiben an seinem Wagen waren heruntergekurbelt. Der Fahrtwind kühlte sein Gesicht. Obwohl es mittlerweile dunkel war, war es immer noch sehr warm. Er fuhr einen unauffälligen Wagen. Einen alten Golf, dunkelblau, mit einheimischem Nummernschild.

Außerdem hatte er sich maskiert. Niemand außerhalb des Hauptquartiers würde ihn erkennen. Kurz nach dem Verlassen der Kaserne hatte er sich einen Oberlippenbart angeklebt. Jetzt schwitzte er stark an der Oberlippe. Doch das war es wert.

Als er das Lokal erreichte, fuhr er noch einen Häuserblock weiter. Dann parkte er in einer Seitenstraße.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, dachte er sich.

Den Wagen, der ihm gefolgt war, hatte er nicht bemerkt. Während er zum Lokal zurückging, sah er sich nach allen Seiten um. Niemand schien ihn zu beachten.

Im zweiten Stock des Hauses, das dem Lokal gegenüberlag, saß ein Mann in einer unbeleuchteten Wohnung. Er folgte den Schritten Lohwegs durch einen Restlichtverstärker. Die Straßenbeleuchtung in diesem Viertel war nur spärlich. Als Lohweg vor dem Lokal stehen blieb, um sich ein letztes Mal umzusehen, sprach der Mann in sein Funkgerät.

»Er kommt jetzt rein. Er ist allein.«

Lohweg betrat das Lokal und ließ seinen Blick durch den Raum gleiten. Er stand in einer niedrigen, kleinen Gaststube mit groben Holzmöbeln. Die Wände mochten einmal weiß gewesen sein. Jetzt waren sie dunkel vom Rauch von vielen Jahren. Das Lokal war gut besucht. Lärmende Musik drang aus einer alten Jukebox. An einigen Tischen wurde Karten gespielt.

Lohweg entdeckte seinen Kontaktmann im hinteren Teil des Raumes. Der Mann saß mit dem Rücken zur Wand. Er konnte von seiner Position aus das ganze Lokal überblicken. Neben dem Platz des Mannes führte ein Flur nach hinten, zu den Toiletten. Und zum Hinterausgang, mutmaßte Lohweg. Der Mann war ein Profi. Aber das bin ich auch, dachte Lohweg grimmig, während er auf den Tisch zuging.

»Es ist verdammt heiß dieses Jahr«, sagte er, als er den Tisch erreicht hatte.

»Es soll sogar noch heißer werden«, entgegnete der Mann.

Lohweg setzte sich. Auch er hatte das Lokal im Blick. Sein Gegenüber sah ihn unverwandt an.

»Lassen Sie uns gleich zur Sache kommen.« Der Mann sprach Deutsch mit einem leichten osteuropäischen Einschlag. Lohweg hätte jedoch nicht sagen können, aus welcher Gegend oder aus welchem Land der Mann kommen mochte. »Sie wissen, dass es um einen größeren Posten geht. Können Sie in solchen Mengen liefern?«

»Wenn Sie mir sagen könnten, was genau Sie haben wollen und wie viel, dann kann ich Ihnen auch verbindlich sagen, ob ich die Sachen beschaffen kann.«

Wortlos griff der Mann in seine Hosentasche. Er zog ein Blatt Papier heraus und reichte es Lohweg.

Lohweg überflog die Liste und ließ einen leisen Pfiff hören.

»Das ist eine ganze Menge. Aber besorgen kann ich das. Das wird nur verdammt teuer.« Nach einer Pause setzte er hinzu: »Was haben Sie denn vor? Wollen Sie den Dritten Weltkrieg anfangen?« Lohweg lächelte den Mann an.

Der Mann lächelte nicht zurück.

»Wir halten zwei Millionen Euro für angemessen.«

Innerlich freute sich Lohweg diebisch. Mit so einem hohen Angebot hatte er nicht gerechnet. Das war so viel Geld, dafür konnte man schon seine Karriere riskieren. Er bemühte sich, ein unbeteiligtes Gesicht zu machen.

»Einige der Sachen auf der Liste sind recht ausgefallen. Ich werde zusätzliche Ausgaben haben. Sagen wir zweieinhalb Millionen.«

»Zweieinhalb Millionen. Gut. Ich bin einverstanden.« Die Stimme des Mannes klang gleichgültig. Wirklich ein Profi, dachte Lohweg.

»Wie wollen Sie die Sachen verschwinden lassen?«, fragte der Mann unvermittelt.

»Ich werde sie als Fehlbestände bei Neulieferungen melden. Über Monate. Dann haben die Jungs von der Versorgung und der Luftwaffe den Schwarzen Peter. Ich werde einfach behaupten, die Sachen nicht in der Stückzahl erhalten zu haben, die in den Papieren steht.«

»Sie meinen, das reicht?«

»Nun ja, ich werde sicher auch noch ein paar Bestandslisten frisieren müssen. Vor allem, was den Kleinkram betrifft. Und die Munition. Aber das bekomme ich schon hin. Ich mache den Job lange genug.«

»Weiß sonst noch jemand von diesem Geschäft? Von unserem Kontakt? Ich meine, innerhalb der Kaserne? Ich meine, jemand von Ihren Kameraden?« Der Mann sprach das Wort fast spöttisch aus.

»Natürlich nicht. Das erledige ich ganz allein. Kein Mensch weiß davon. Ich werde ein paar Unteroffiziere bestechen müssen, dass sie beide Augen zudrücken, aber das ist auch alles.« Lohweg machte eine Pause. »Glauben Sie denn, ich bin blöd?«

Beinahe wäre dem Mann die Kontrolle über seine ausdruckslosen Gesichtszüge entglitten. Nur mit Mühe unterdrückte er ein Lachen. Lohweg sah das kurze verräterische Zucken der Wangenmuskeln nicht.

Das war keine Frage des Glaubens.

Der Mann wusste, dass er einen Blödmann vor sich hatte.

Einen ausgemachten Vollidioten.

*

Werner Vogel war mittelgroß und hatte blondes Haar, seine Stirn war für sein Alter allerdings bereits recht hoch. Unter diesem blonden Haar blickten einen zwei wache, blaugraue Augen an. Seine Gesichtszüge waren weich, die Haut war ohne Falten. Nur auf der Stirn hatten sich die Jahre bereits mit zwei parallelen Linien eingegraben.

Wenn er lächelte, zogen sich die Augenwinkel so weit nach oben, dass bei seinem Gegenüber das Gefühl entstand, die Augen lächelten mit. Aber nicht nur seine Mimik, auch sein gepflegtes Äußeres machten Werner Vogel zu einem Menschen mit einem sehr gewinnenden Wesen. Sein höfliches Auftreten verstärkte diesen Eindruck noch.

Romberg mochte den Mann von Anfang an.

Binnen kurzer Zeit stellte Vogel die Buchhaltung auf Computer um. All der lästige Papierkram, der früher ganze Tage verschlungen hatte, erledigte sich seither wie von Zauberhand.

Romberg beschäftigte sich in seiner Freizeit gelegentlich mit Kartenzauberei. Einige der einfacheren Tricks beherrschte er mittlerweile mit einer verblüffenden Präzision. Er hatte Judith damit immer zum Lachen bringen können. Deshalb wusste er, dass es in München ein berühmtes Geschäft gab, das Bedarf für Zauberer und Illusionisten verkaufte, den »Zauber Vogel«. Schon bald gab Romberg seinem Mitarbeiter im Stillen diesen Spitznamen.

Die bessere Übersicht über die geschäftlichen Aktivitäten führte dazu, dass die Firma stetig mehr Gewinn abwarf. Bereits nach einem Jahr bot Romberg daher Werner Vogel eine ordentliche Gehaltserhöhung an.

Jedoch nicht nur für die Entwicklung der Firma erwies sich der junge Mann als echter Glücksgriff. Auch im privaten Bereich merkten sie, dass sie viele Interessen teilten. Das Schachspiel war es, das sie zusammenbrachte. Romberg hatte als Kind viel Schach gespielt. Vogel war ein guter Spieler, aber Romberg erinnerte sich nach und nach an seine Fähigkeiten und entwickelte sich bald zu einem angemessenen Gegner.

Bei diesen Partien sprachen sie viel miteinander. Dabei erzählte Vogel von seinem Faible für Oldtimer. Und so gingen sie nach Feierabend oft gemeinsam in eine der Werkstätten, wenn es dort wieder ein besonders schönes Exemplar zu bestaunen gab.

Nach wenigen Jahren war das Verhältnis der beiden ein vertrautes, von Rombergs Seite fast liebevolles Vater-Sohn-Verhältnis geworden.

Auch Vogel mochte Romberg sehr. Er würde ihm nie vergessen, dass er ihm eine Chance gegeben hatte.

Vogel erinnerte sich an den entscheidenden Tag, einen glücklichen Tag.

Glückliche Erinnerungen sind das Wertvollste, was wir besitzen, hatte sein Vater ihm beigebracht.

*

Es war ein Nachmittag im Herbst des Jahres 2001 gewesen. Kurz nach fünf. Erst später wurde Werner Vogel klar, dass dieser Tag der fünfte Jahrestag ihrer ersten Begegnung war. Er saß in seinem Büro. Romberg kam herein.

»Kommen Sie mal mit, Herr Vogel. Ich möchte Ihnen etwas zeigen.«

Werner stand auf und folgte Romberg zum hinteren der mittlerweile drei Werkstattgebäude. Dabei bemerkte er die ernste Miene auf Rombergs Gesicht.

»Ist etwas passiert?«

»Nein.« Romberg lächelte kurz. »Aber gleich wird etwas passieren.«

Romberg blieb vor der Tür zur Werkstatt stehen und sah ihn lange an.

»Mein lieber Herr Vogel, ich möchte Ihnen für all Ihre bisherige Arbeit recht herzlich danken«, begann Romberg feierlich. »Ich habe so etwas zwar noch nie gemacht, aber auch in meinem Alter gibt es noch erste Male. Ich möchte Ihnen anbieten, dass wir uns duzen. Mein Name ist Karl.«

Als Werner in die ausgestreckte Hand einschlug, fiel ihm zum ersten Mal auf, welche Kraft in den Händen seines Chefs steckte.

Er sagte seinen Vornamen und schaute etwas verdutzt.

»Das bedeutet in diesem Fall«, fuhr Karl fort, »dass ich dir den Posten eines Geschäftsführers anbieten möchte. Mit dem Versprechen einer Teilhaberschaft. Sobald deine finanziellen Mittel dies ermöglichen, wirst du mein Partner.«

Karl legte seine Hände an das Tor der Werkstatt. »Um das zu bekräftigen, möchte ich dir ein Geschenk machen.« Das Tor glitt auf Rollen zur Seite und gab den Blick auf ein abgedecktes Auto frei.

In Vogel stieg eine Ahnung auf.

Als er dann die Plane am Kühler zurückschlug und das gestreckte, verchromte Pferd sah, das quer über den Kühler zu galoppieren schien, brachte er nur einen spitzen Jubelschrei hervor.

Die Freude des jungen Mannes drückte Romberg eine Träne der Rührung aus dem Augenwinkel.

»Wir werden noch einiges an dem guten Stück machen müssen.«

»Wir werden jetzt ohnehin einiges zusammen machen. Wir werden es richtig krachen lassen, Karl!« Unverhohlene Begeisterung lag in Vogels Stimme.

*
Prizren, Kosovo, 2003

Das Gespräch in dem Lokal lag vier Monate zurück. Der Winter stand unmittelbar bevor. Es war November geworden. Vor einigen Tagen hatte es zum ersten Mal geschneit. Heute sollte die Lieferung erfolgen. Kaspar Lohweg war mit sich zufrieden. Er saß am Steuer eines Bundeswehr-Lastwagens und fuhr zum vereinbarten Treffpunkt. Drei kräftige Männer aus seiner Einheit hatten mit einem kleinen Gabelstapler vier Stunden gebraucht, um den Wagen zu beladen. Sein Geschäftspartner hatte ihm versprochen, dass er heute den Rest des Geldes erhalten sollte. Als Vorauszahlungen für Bestechungsgelder hatte er bereits dreißigtausend Euro erhalten.

Heute würde es mehr sein.

Viel mehr.

Es war ein ganzes Stück Arbeit gewesen.

Vor allem die technischen Spielereien aus amerikanischer Produktion zu besorgen gestaltete sich schwierig. Aber er war ein cleverer Bursche. Er fotografierte einen hohen amerikanischen Offizier in einem Kinderbordell. Dann stellte er den Mann vor die Wahl: Entweder er kooperierte oder die wunderbar detaillierten Bilder würden seiner Frau zugesandt. Der Mann hatte nicht lange überlegt.

Schon waren die Sachen verschwunden – als hätten sie niemals existiert.

So viel Geld. Ihm wurde fast schwindelig, wenn er daran dachte.

Wieder fiel ihm nicht auf, dass ihm ein Wagen folgte.

Der Lastwagen näherte sich dem Gebäude, in dem der Austausch stattfinden sollte. Das Tor stand offen. In der Halle brannte Licht. Lohweg steuerte den Wagen hinein. Er drehte den Zündschlüssel herum. Der Motor verstummte. Als er ausstieg, bemerkte er, dass zwei Männer bereits die Rolltore hinter ihm geschlossen hatten. Sein Geschäftspartner kam ihm mit einem Lächeln entgegen.

»Mein lieber Hauptmann, wie schön, dass Sie den Weg gefunden haben!« Der Mann streckte ihm die Hand entgegen. Sie begrüßten sich. »Dann wollen wir doch mal sehen, was Sie uns Schönes mitgebracht haben.«

Sie gingen zusammen um den Wagen herum. Lohweg öffnete die Plane und kletterte geübt auf die Ladefläche. Im Licht der Hallenbeleuchtung konnte man nun zahllose aufeinandergestapelte Kisten erkennen. Manche waren aus Holz, andere aus Stahl.

»Alles da, wie versprochen«, sagte Lohweg triumphierend.

»Ich schaue nur mal eben nach, ob alles seine Richtigkeit hat. Kleine Stichprobe, gewissermaßen. Nicht, dass ich Ihnen nicht trauen würde, aber …« Der Rest des Satzes blieb ungesagt in der Luft hängen.

»Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste«, ergänzte Lohweg nickend.

Der Mann kletterte nun ebenfalls auf die Ladefläche. Er hielt ein Brecheisen in der Hand, das er an einer der Holzkisten ansetzte. Die Kiste hatte ein Firmenemblem auf der Vorderseite. Darunter stand »Heckler & Koch«. Und darunter, kleiner, »Made in Germany«.

Der Deckel löste sich und gab den Blick frei auf eine Reihe von zwanzig Maschinenpistolen vom Typ MP5. In einer einzigen Kiste. Es befanden sich allein fünf dieser Kisten auf der Ladefläche. Neben vielen anderen.

»Fabrikneu, wie bestellt.« Lohweg strahlte.

Die Miene des Mannes blieb unbewegt. Er sah Lohweg an.

»Sind Sie nicht auch der Meinung, Herr Hauptmann, dass die MP5 die beste Maschinenpistole ist, die gegenwärtig gebaut wird?«

»O ja, absolut. Eine sehr zuverlässige und wirkungsvolle Waffe. Gerade für kurze und mittlere Distanzen.«

Der Mann legte das Brecheisen neben sich und wandte sich einer kleineren, länglichen, sehr flachen Stahlkiste zu. Er ließ die Verschlüsse aufspringen. In Schaumstoff gebettet, lagen zwölf schwarze Kästchen in einer Reihe. Jedes ungefähr so groß wie eine Streichholzschachtel.

»Die digitalen Funkscrambler, die Sie wollten. Komplett mit Handbuch und Software.« Lohweg wies grinsend auf eine transparente Plastiktüte, die am Deckel angeklebt war. Darin waren mehrere CDs zu erkennen.

Der Mann nickte anerkennend. Dann sah er Lohweg scharf an.

»Und die AIMs?«, fragte sein Geschäftspartner. »Haben Sie auch die AIMs beschaffen können?«

»Das war mit am schwierigsten. Die Bestände werden genau kontrolliert. Ist auch verständlich. Die AIMs sind ja wirklich höllische Dinger.«

Lohweg holte tief Luft, bevor er mit Stolz in der Stimme weitersprach. »Aber ich habe es geschafft.« Er zeigte auf einige Kisten, die sich weiter hinten befanden.

»Leider habe ich nicht ganz so viele bekommen, wie Sie bestellt haben. Ich weiß, Sie wollten zehn Kisten. Jeweils mit einem Dutzend. Immerhin sechs Kisten habe ich abzweigen können. Das sind insgesamt zweiundsiebzig AIMs. Ich hoffe, das reicht Ihnen?« Seine Stimme klang unsicher, fast ängstlich, als er fortfuhr. »Ich hoffe, Sie kürzen mir deshalb nicht meine Bezahlung?«

»Aber, aber, mein lieber Hauptmann, wo denken Sie hin?«, sagte der Mann beschwichtigend. »Natürlich bezahle ich den vereinbarten Betrag in voller Höhe. Zweiundsiebzig Stück reichen völlig aus.« Er klopfte Lohweg partnerschaftlich auf die Schulter. »Tja, soweit ich das beurteilen kann, ist die Lieferung in Ordnung. Aber das hatte ich von Ihnen auch nicht anders erwartet. Schließlich ist so ein Geschäft Vertrauenssache, nicht wahr?«

Lohweg nickte beflissen. »Vertrauen, genau!«, sagte er bestätigend.

Sein Geschäftspartner wandte sich an drei Männer, die neben dem Lastwagen warteten. »Abladen!«

Einer ging zu einem kleinen Gabelstapler, der an der Rückwand der Halle geparkt war. Surrend erwachte der Elektromotor zum Leben.

»Nun sollen Sie haben, was Ihnen zusteht, Herr Hauptmann. Kommen Sie mit.«

Der Mann war von der Ladefläche gesprungen und winkte Lohweg, ihm zu folgen. Sie gingen auf einen Tisch zu, der an der Seitenwand der Halle stand. Auf dem Tisch lag ein schwarzer Koffer. Der Mann drehte den Koffer zu sich her. Lohweg stand direkt neben ihm, Habgier in den Augen. Der Mann wandte sich Lohweg zu.

»Nochmals vielen Dank für Ihre Hilfe.«

Die rechte Hand des Mannes schoss vorwärts. Daumen, Zeige- und Mittelfinger waren in Form eines gleichschenkligen Dreiecks nach vorne gerichtet. Die drei Fingerspitzen trafen Lohwegs Brustkorb genau auf dem Herzen und vollzogen im Moment des Auftreffens eine kurze, schnelle Drehung.

Hauptmann Lohweg war tot, noch bevor sein Körper auf dem Hallenboden aufschlug.

»Man kann so viele umbringen, wie man will.« Der Mann schüttelte langsam den Kopf, während er mit sich selbst sprach. »Die Schwachköpfe sterben einfach nicht aus.«

In den Augen des Mannes lag ein seltsames Flackern.

*

Werner Vogel stürzte sich mit jugendlichem Unternehmergeist in die neue Aufgabe. Er war nicht nur in München geboren, er war auch in dieser Stadt groß geworden. Sein Vater war Vorstandsmitglied der städtischen Volksbank gewesen und hatte ihm stets Hilfe bei der Stellensuche und bei der Planung seiner Karriere angeboten.

Doch Vogel hatte immer abgelehnt.

Aus seinen bisherigen beruflichen Erfolgen schöpfte er nun aber so viel Selbstbewusstsein, dass er die Hilfe gern annahm. Sein Vater war zwar im Ruhestand, verfügte jedoch nach wie vor über viele Verbindungen, gerade zu alteingesessenen Münchner Unternehmen.

Diese Geschäftsfreunde klapperte Werner Vogel jetzt der Reihe nach ab. Karl Romberg konzentrierte sich derweil auf das, was er am besten konnte: Autos reparieren und pflegen.

Die Verwaltung der Firma war technisch auf dem neuesten Stand. Vogel hatte einen Kollegen aus der Bank als Buchhalter abgeworben. Sie konnten neue Möbelwagen kaufen und neue Packer und Fahrer einstellen.

Dennoch blieb die Auslastung des Transportraumes gleichmäßig hoch. Ihr ganzer Stolz waren vier Tieflader, die seit einem Jahr für »Romberg Transporte« fuhren. Seit sie diese Fahrzeuge angeschafft hatten, waren sie sogar im Container-Geschäft.

Romberg Worldwide.

Eines Abends, im Frühling des Jahres 2003, kam Vogel von einem weiteren Kundengespräch zurück. Dass Vogel aufgeregt war, erkannte Romberg bereits an der Art, wie er über den Parkplatz auf das Büro zulief: mit weit ausgreifenden Schritten.

Außerdem fiel Romberg noch etwas auf: Vogel hatte vergessen, sein mittlerweile originalgetreu restauriertes 66er Ford Mustang Cabrio abzuschließen. Schwarz. Rot fuhr ja jeder. Das war Vogel, soweit Romberg sich erinnern konnte, noch nie passiert.

»Karl!« Vogel sprach bereits, obwohl er noch nicht ganz durch die Tür getreten war. »Karl, wir müssen reden.«

»Beruhige dich doch. Setz dich erst mal und erzähl mir der Reihe nach, was passiert ist.«

Vogel ließ Romberg nicht aussprechen.

»Wir müssen Kühltransporter kaufen. Und zwar mindestens gleich ein halbes Dutzend.«

»Kühltransporter?«, fragte Romberg ungläubig.

Die Worte sprudelten aus Vogel nur so heraus. »Ich habe gerade mit einem alten Freund meines Vaters gesprochen. Die beiden kennen sich schon lange. Sie sind zusammen im Vorstand des Trachtenvereins in Murnau. Dieser Freund hat einen Vertrieb für frische Produkte der Höfe aus dem Umland. Er beliefert zahlreiche große Lokale hier in München, Brauereigaststätten, das Hofbräuhaus, sogar das Oktoberfest.«

Vogel musste Luft holen.

»Oktoberfest?«

»Der Mann hat großen Ärger mit seinem jetzigen Transporteur. Unzuverlässige Lieferungen, ungepflegte Wagen. Die Kühlungen fallen immer wieder aus. Die Ware verdirbt. Totalausfall. Der Transporteur sagt dann, er habe die Ware bereits verdorben erhalten. Die beiden können sich nicht mehr riechen. Da liegt ein Geschäft brach, das sollten wir uns schnappen.«

»Geschäft brach?«

»Gibt es hier ein Echo?« Vogel beruhigte sich langsam wieder und musste grinsen. »Karl, das ist ein riesiges Transportvolumen. Und es ist garantiert. Auf Jahre hinaus. Absolut sicher. Du musst zugeben, es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Besucher der Münchner Brauereigaststätten keine Hendl und Haxen mehr zum Bier essen, vom Schweinsbraten ganz zu schweigen.«

Noch an diesem Abend begannen die beiden gemeinsam durchzurechnen, wie viel Geld sie brauchen würden, um in dieses Geschäft einzusteigen. Ihre Stimmung sank während dieser Berechnungen gewaltig, weil sie die Firma bis auf den letzten Cent würden beleihen müssen.

Aber finanzierbar war es.

Es war zu schaffen.

Spät am Abend verabschiedeten sie sich voneinander.

Werner Vogel fuhr im Auto zurück zu seiner Wohnung. Er war aufgedreht. Zu aufgedreht, um gleich schlafen zu gehen. Und er wusste sofort, was er stattdessen tun würde. Er würde noch auf ein Bierchen in seiner Stammkneipe vorbeischauen.

Zur Entspannung.

Bisschen mit den Jungs reden. Ein Grinsen zeigte sich auf seinem Gesicht. Das Lokal »Klenze 66« konnte er von seiner Wohnung in der Utzschneiderstraße zu Fuß in zehn Minuten bequem erreichen.

Als er über den Gärtnerplatz ging, hatte er keinen Blick für die angestrahlte Fassade des Theaters, die den Platz beherrschte. Tief in Gedanken ging er den Tag und das Gespräch mit Karl noch einmal durch. Und wie er es auch drehte und wendete: Es war möglich. Sie konnten das wirklich schaffen!

Er beschleunigte seine Schritte, als er an das erste frische Bier dachte und an die Phalanx der Tresenkumpane. Wenn er Glück hatte, dann wäre Meierinho heute Abend auch da. Stefan Meier, Spitzname Meierinho, war ein guter Freund von ihm. Sie waren schon gemeinsam in den Urlaub gefahren. Mit dem Rucksack die französische Atlantikküste entlang. Er schätzte Meierinhos bisweilen sehr schwarzen Humor. Außerdem war er intelligent. Meierinho arbeitete bei einem großen Technologiekonzern.

Irgendwas mit Handys.

Dem würde er von der Sache erzählen. Er war gespannt, was der dazu sagen würde. Was für ein Geschäft.

Das Oktoberfest!

Das war wie ein Treffer im Lotto.

Jedes Jahr ein Treffer im Lotto.

Vogel zog den Reißverschluss seiner Jacke hoch. Die Nächte waren noch empfindlich kühl. Aber es konnte keinen Zweifel geben: Es wurde Frühling.

*

Karl Romberg schlief schlecht in dieser Nacht. Er träumte seinen Traum. Viele Jahre hatte er sich jeden Abend vor dem Einschlafen gefürchtet, weil er wusste, der Traum würde kommen. Und mit ihm die Angst. Es war besser geworden mit der Zeit. Lange hatte er ruhig geschlafen, doch in dieser Nacht war es wieder so weit.

Sein Gefährte war zurückgekehrt.

Er steht allein in sternloser Nacht.

Es ist kalt in dieser Nacht, weit unter dem Gefrierpunkt. Der eisige Sturm, der durch diese Nacht brüllt, schneidet mit kleinen Klingen in seine nackte Haut. Der Gefährte bringt Schmerzen. Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends …

Der träumende Romberg lag in seinem Schweiß. Die Augen hinter den geschlossenen Lidern zuckten unruhig hin und her, sein Mund formulierte unverständliche Worte. Schließlich, hörbar, eine Bitte um Vergebung.

Er steht allein in sternloser Nacht.

Seine Augen brennen vor Anstrengung.

Stundenlang versucht er, in der undurchdringlichen, bedrohlichen Dunkelheit etwas zu erkennen. Wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts …

Er hört, wie ein Zug sich nähert. Schreie. Laute Rufe. Er will etwas sagen, aber er bringt keinen Ton heraus. Wir trinken und trinken …

Er steht allein in sternloser Nacht.

Das Geräusch genagelter Sohlen marschiert durch sein Unterbewusstsein. Von woher kommen sie? Was wollen sie von ihm? Wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng …

Da ist nur Angst, nur Angst. Zwielicht bricht sich Bahn durch das dichte Blätterdach des Waldes. Er wird verfolgt. Es regnet. Seine Lungen rasseln vor Anstrengung. Der Hang ist nass und von glitschigem Laub bedeckt. Er muss diese Böschung hoch, sich in Sicherheit bringen. Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt …

Seine Füße rutschen ab.

Immer wieder.

Schweiß läuft ihm übers Gesicht. Hinter ihm sind die Hunde, er kann ihr wütendes Bellen hören. Sie kommen näher. Bald werden sie ihn einholen.

Schließlich legt sich die Hand auf seine Schulter.

Schwer, kräftig und furchteinflößend.

Er schreckte hoch.

Es dauerte einige Minuten, bis sich sein Atem wieder beruhigte und sein Herz nicht mehr gegen seine Rippen hämmerte. Er atmete tief durch und schüttelte den Kopf. Wie ein Hund, der sein nasses Fell schüttelt, versuchte er, die Bilder und Stimmen loszuwerden.

Er ging in die Küche, um ein Glas kaltes Wasser zu trinken. Das machte er immer, wenn er aus seinem Angsttraum erwachte. Das Wasser erfrischte ihn. Die Verspannung in seinen Schultern ließ nach.

Sein Gefährte war wieder gegangen.

*

Am nächsten Tag hatte Karl Romberg eine Entscheidung getroffen.

»Werner, das ist wirklich eine einmalige Chance.« Er hielt kurz inne. »Wir haben morgen Vormittag einen Termin bei unserer Hausbank. Ich bin wild entschlossen, das Geschäft mit dir gemeinsam durchzuziehen.«

»Gut, dann kann ich dir jetzt auch verraten, mit wem wir es zu tun bekommen. Es handelt sich um niemand Geringeren als Josef Hirschmoser«, ließ Werner Vogel die Bombe platzen. Ein Name wie Donnerhall. Ein Gschaftlhuber, der jeden kennt und den jeder kennt.

»Hirschmoser?«, fragte Romberg etwas zu laut zurück. »Sepp Hirschmoser? Der hat auch dieses Vertriebsgeschäft unter sich? Da werden wir gut aufpassen müssen, dass der uns in seinem Janker nicht über den Tisch zieht.«

»Wer den Haien die Beute abjagen will, der muss zu ihnen ins Becken«, bemerkte Werner Vogel philosophisch. Den Spruch hatte er sich gemerkt. Meierinho hatte das gestern Abend gesagt, als er den Namen Hirschmoser erwähnt hatte.

*

Josef, genannt Sepp, Hirschmoser war ein mächtiger Mann in München.

Sein Lebensweg war von den örtlichen Boulevardblättern in aller Ausführlichkeit begleitet worden. Romberg und Vogel wussten beide, mit wem sie da ins Geschäft kommen wollten.

Begonnen hatte die Karriere von Hirschmoser, als er eine große Metzgerei in der Nähe von Prien am Chiemsee erbte. Er erkannte bald die Zeichen der Zeit und beteiligte sich am touristischen Aufbau des Chiemgaus. Seine Metzgerei schloss Verträge mit den Hotels und Landgasthöfen, die als Folge des immer stärker werdenden Fremdenverkehrs wie Pilze aus dem Boden schossen.

Er kaufte weitere Metzgereien auf.

Dann baute er einen Schlachthof.

Schließlich die erste Fabrik, die das im Schlachthof produzierte Fleisch weiterverarbeitete.

Seine jetzige Position im Münchner Wirtschaftsleben verdankte Hirschmoser allerdings vor allem seinen beiden hervorstechendsten Charaktereigenschaften. Er war erstens gierig und zweitens völlig skrupellos.

Während er die Zahl der Metzgereien, die ihm im Umland von München gehörten, ständig vergrößerte, machte er sich auch in der Münchner Gastronomie breit. Lokale, die er gerne haben wollte, deren Pächter aber weder mittels Geld noch guter Worte zu überzeugen waren, ihm ihr Geschäft zu überlassen, bekamen schon mal Besuch von seinen »Schankkellnern«.

Hinter diesem unscheinbaren, harmlosen Namen verbarg sich eine Gruppe seiner Angestellten: allesamt muskulöse, junge Männer, die für Geld Lokale zertrümmerten. Wenn die unliebsamen Konkurrenten nach einer solchen Maßnahme noch immer nicht verstanden hatten, statteten die »Schankkellner« auch persönliche Hausbesuche ab. Solche Hausbesuche waren mit Platzwunden und Knochenbrüchen verbunden. Das waren jedoch nur Gerüchte, niemals konnte Hirschmoser juristisch belangt werden.

Romberg dachte an die regelmäßig erscheinenden bissigen Kommentare in den lokalen Boulevardblättern.

Gleichzeitig betätigte sich Hirschmoser als Menschenfreund mit sozialem Gewissen und veranstaltete in seinen Großgaststätten in München regelmäßig Wohltätigkeitsbälle. Das öffnete ihm manche Tür im Rathaus.

So kam es, dass er sein eigenes Zelt auf dem Oktoberfest betreiben durfte. Außerdem wurden seine Hendln, Schweine und Ochsen in großer Zahl in Münchner Gaststätten und auf der Wiesn verkauft.

Er spendete stets großzügig an die bayerische Staatspartei, was dazu führte, dass auch die Oberen des Freistaates Bayern ein offenes Ohr für seine Probleme hatten. Schließlich wurde er zum Sprecher der Münchner Wiesn-Wirte gewählt.

Seitdem war er nicht nur der angesehenste Gastronom der bayerischen Landeshauptstadt, sondern auch der mächtigste.

*

An dem Nachmittag, an dem Romberg und Vogel in das riesige Büro von Hirschmoser eintraten, hatte der schlechte Laune. Aus einem einfachen Grund: Er hatte Zahnschmerzen.

Sepp Hirschmoser erhob seine massige Gestalt aus dem Sessel. Selbst der maßgeschneiderte Designer-Trachtenanzug konnte seine gewaltige Leibesfülle nicht verbergen. Der Sessel machte ein Geräusch, als ob er aufatme.

Hirschmoser reichte erst Romberg und dann Vogel seine fleischige Hand.

Sein Kopf schien direkt auf den Schultern zu sitzen. Das Gesicht war etwas gerötet, von zahlreichen kleinen Adern durchzogen und wurde noch etwas röter, als Romberg kräftig in die zur Begrüßung gebotene Hand einschlug.

»Nehmen Sie doch bitte Platz.«

Romberg und Vogel versanken beinahe in dem tiefen Teppich, als sie sich zu den angebotenen Besucherstühlen begaben. Aus den Fenstern des Büros hatte man einen phantastischen Ausblick über die Stadt. An klaren Tagen konnte man sogar die Alpen sehen.

»Ich habe schon gehört, um was es geht. Und wenn Sie die Kapazität aufbringen können, dann sind wir im Geschäft. Denken Sie aber jetzt schon daran, dass in einem halben Jahr Wiesn ist. Bis dahin muss alles laufen wie geschmiert.«

Sepp Hirschmoser sprach ein Honoratiorenbayerisch, wobei er eigentlich mehr grunzte, als dass er sprach. Außerdem war er schwer zu verstehen, weil er sehr leise redete. So mussten seine Gesprächspartner viel Konzentration aufwenden, um überhaupt mitzubekommen, was er zu sagen hatte.

Vogel unterdrückte ein Lächeln. Für ihn klang das wie eine schlechte Kopie von Marlon Brando als Don Corleone.

»Ja, Herr Hirschmoser, das wird alles in Ordnung gehen«, entgegnete Romberg. »Wir sind bereit, für Sie die Kühltransporte zu übernehmen. Über die Kapazitäten sind wir im Bilde. Unsere Finanzierung steht. Wir sind dazu technisch und logistisch in der Lage. Wir würden uns freuen, mit Ihnen zusammenarbeiten zu dürfen.«

Romberg stockte. Er hatte sich eine salbungsvolle Ansprache zurechtgelegt über gute Geschäftsbeziehungen und ihre wichtigste Grundlage, die Zuverlässigkeit. Aber Hirschmoser fiel ihm ins Wort.

»Jetzt reden Sie doch keinen Schmarrn! Dem Jungen vom alten Vogel glaub ich schon, dass er das packt. Und von Ihnen hab ich auch gehört, dass Sie ein zuverlässiger Kerl sind. Sie haben ja auch den alten Rolls-Royce von meinem Freund Moosberger wieder hingekriegt.«

Vogel holte Luft, um etwas zu sagen.

Hirschmoser ließ ihn nicht zu Wort kommen, wischte die erwartete Entgegnung mit einer Handbewegung weg. »Die Verträge haben meine Anwälte bereits ausgestellt. Wenden Sie sich an Herrn Dr.Schrebner. Wenn Sie unterschrieben haben, unterschreib ich auch. Ich unterschreib alles, was mir meine Leute hinlegen.« Hirschmoser verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, die wohl ein Lächeln darstellen sollte. »Das war’s also. Ich hab wenig Zeit. Auf eine gute Zusammenarbeit. Schlagen Sie ein!«

Hirschmoser erhob sich wieder und reichte beiden nochmals die Hand.

Damit waren Romberg und Vogel entlassen. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, hielt sich Hirschmoser in seinem Büro fluchend die Wange.

Vor der Tür des Büros sahen Romberg und Vogel sich an.

»Also, ein Haifischbecken hatte ich mir gefährlicher vorgestellt«, sagte Romberg.

»Täusch dich da mal nicht. Die gefährlichsten Männer sehen am Anfang oft aus wie die besten Freunde«, entgegnete Vogel.

Sie gingen mit einem winkenden Gruß zur Sekretärin in Richtung Aufzug.

»Wieder so eine der Vogelschen Weisheiten.« Romberg lachte kurz.

Draußen vor der Tür konnten sie den Frühling riechen.

Überall waren Knospen zu sehen.

Der Erfolg im Angriff ist das Resultat einer vorhandenen Überlegenheit.

Carl v. Clausewitz, Vom Kriege

2

Afghanistan, Tschurangar-Tal, 1984

Jedes Mal, wenn Generalmajor Larmov nach Hauptmann Blochin schicken ließ, überkam ihn ein ungutes Gefühl. Nicht, dass er ein schlechtes Gewissen gehabt hätte, dem Feind den jungen Hauptmann und die von ihm geführte Speznas-Kompanie entgegenzuschicken.

Man befand sich schließlich im Krieg.

Beide Seiten kämpften erbittert.

Mit allen Mitteln.

Blochins Berichte waren tadellos und seine Einsätze sehr erfolgreich. Dafür, dass Oleg Blochin gerade mal vierunddreißig Jahre alt war, hatte er bereits viele Auszeichnungen erhalten. Seine Verluste waren die geringsten von allen Kampfkompanien der Speznas-Einheiten. Doch wenn Larmov sich selbst prüfte, musste er sich eingestehen, dass Blochin ihm unheimlich war. Was dieses Unbehagen bei ihm auslöste, war zunächst nur ein vages Gefühl. Und dieses Gefühl hatte vor allem mit Blochins Augen zu tun. Sie waren von einem blassen Grau und wirkten immer seltsam unbeteiligt. Augen wie heller Fels.

Was seine Befürchtungen schließlich bestätigte, war ein Bericht, den er im letzten Monat von einer Pionier-Einheit erhalten hatte.

Die Pioniere hatten den Auftrag gehabt, eine Brücke wieder aufzubauen, die der Feind gesprengt hatte.

Bei Erdarbeiten stießen sie auf ein Massengrab, das nicht älter als sechs Wochen war. Frauen, Kinder und Greise waren dort beerdigt worden, insgesamt etwa sechzig Menschen. Die Leichen wiesen Spuren brutalster Folterungen auf.

Exartikulationen.

An den Apophysen durchtrennte Sehnen.

Quetschungen.

Zerschmetterte Gliedmaßen.

Offene Knochenbrüche.

Großflächige Brandwunden.

Der medizinische Offizier, der einige der Leichen examiniert hatte, bevor die Pioniere das Grab wieder zuschütteten, kam zu dem Schluss, dass die meisten der Menschen wohl noch gelebt hatten, als sie begraben wurden.

Larmovs weitere Ermittlungen ergaben, dass dieses Massengrab nur die Folge einer Operation von Blochins Kompanie gewesen sein konnte. In diesem Gebiet war keine andere Einheit zum Einsatz gekommen. Hauptmann Blochin hatte den Auftrag gehabt, in diesem Gebiet einen Mudschaheddin-Führer zu lokalisieren und zu bekämpfen.

Allerdings erwähnte Blochins Bericht dieses Grab mit keinem Wort, sondern protokollierte nur die »Durchführung geeigneter Maßnahmen zur Ermittlung des Aufenthaltsortes der Zielperson«.

Die Zielperson wurde gefunden und neutralisiert.

Larmov saß an seinem Schreibtisch und sah auf den Bericht, den er heute Morgen erhalten hatte. Er musste etwas tun. Manchmal schien ihm die Verantwortung seines hohen Ranges wie ein schweres Gewicht auf den Schultern zu liegen.

Die Lage im Tschurangar-Tal war momentan völlig inakzeptabel.

Am Ende des Tales befand sich eine Nachschub-Basis, stark befestigt und durch die geographischen Gegebenheiten gut gedeckt. Diese Basis war von entscheidender logistischer Bedeutung für die Einsatzfähigkeit der Heeresgruppe, die Larmov kommandierte.

Die schweren Transporthubschrauber vom Typ Mil-26, die diese Basis anflogen und den Nachschub brachten, wurden jedoch in der Mitte des Tales von den steilen, steinigen Hängen mit Raketen beschossen. Allein in der vergangenen Woche waren zwei Maschinen abgestürzt.

Das musste ein Ende haben.

Deshalb hatte er Blochin rufen lassen.

Der General wurde aus seinen Gedanken gerissen.

Es klopfte.

»Herein!«

Die Tür öffnete sich, und Blochin trat ein, nahm Haltung an und salutierte.

Augen wie heller Fels.

»Sie haben mich rufen lassen, Gospodin General?«

»Stehen Sie bequem, Gospodin Kapitan. Ich habe eine Mission für Sie. Es geht um die Sicherung der Luftnachschubwege im Tschurangar-Tal. Unsere Helikopter werden von den Steilhängen vom Feind mit Stinger-Raketen beschossen. Wir haben Verluste. Der Beschuss muss aufhören. Neutralisieren Sie die Möglichkeiten des Feindes, uns aus diesen Bergen zu beschießen.«

»Zu Befehl, Gospodin General!«

Blochin salutierte abermals, machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum. Als ideologisch geschulter Offizier der Roten Armee war Larmov selbstverständlich Atheist. Dennoch murmelte er sehr leise, selbst für die Mikrofone des eigenen Geheimdienstes, die in seinem Büro angebracht waren, unhörbar: »Möge Allah euren Seelen gnädig sein.«

*

Blochin beriet sich im Kartenraum des vorgeschobenen Regimentsgefechtsstandes mit seinen drei Zugführern, einem Leutnant und zwei Oberleutnants. Anwesend war auch ein Major, der für die Kartographie des Gebietes zuständig war und sie über die Lage des Dorfes, aus dem sich die Kämpfer vermutlich rekrutierten, unterrichtet hatte.

»Sagen Sie den Männern, wir fliegen morgen um drei Uhr früh ab. Gepäck, Munition und Verpflegung für vier Tage. Nachtsichtgeräte und Körperpanzerung. Wir steigen im Morgengrauen zu dem Dorf auf und umfassen es von drei Seiten. Niemand kann den darüber liegenden Steilhang erklimmen, ohne aus unserer Hinterhangstellung niedergemacht zu werden. Von dort aus werden wir das weitere Vorgehen planen. Zur Deckung des Steilhanges haben die beiden Flügelzüge einen Scharfschützen, einen Granatwerfer und ein PKS im Rückraum in unmittelbarer Feuerbereitschaft zu halten.«

»Zu Befehl, Gospodin Kapitan!«

*

Ein schneidender Wind trieb den Schnee von den Bergkämmen des Hindukusch und fegte in tieferen Regionen den Staub über die felsigen Abhänge. Es war früher Morgen, lange vor Sonnenaufgang. Die drei unbeleuchteten Transporthubschrauber flogen sehr niedrig in das Tal ein, um einem eventuellen Beschuss von den Hängen ausweichen zu können.

Als sie am vorgesehenen Landeplatz aufsetzten, trugen alle Soldaten über ihren Sturmhauben Schutzbrillen, um den Staub, den die Rotoren aufwirbelten, nicht in die Augen zu bekommen.

Die Dunkelheit war mit Händen zu greifen.

Die Elitekämpfer sprangen aus den Hubschraubern, alle mit schwerer Ausrüstung. In ihren schwarzen Kampfanzügen waren sie in der Dunkelheit mit bloßem Auge nicht zu sehen.

Die Hubschrauber hoben wieder ab und entfernten sich schnell.

Nachdem der Lärm der Rotoren verklungen war, war die Stille zunächst vollkommen. Nur als die Männer ihre Nachtvisiere aufsetzten, war ein leises Rascheln zu vernehmen. Die Umwelt erschien vor den Augen der Männer im durch die Visiere verstärkten Restlicht in grünlichen Umrissen. Die Verständigung erfolgte über Handzeichen.

Vor der Einheit lag ein Marsch durch felsiges Gelände, über Geröll den Steilhang hinauf zu dem Dorf. In den Helmen der Männer erwachten die Kopfhörer der Funkgeräte mit einem Knacken zum Leben.

»Achtet auf getarnte Vorderhangstellungen!« Blochins Stimme. »Und los.«

Die Einheit hatte die gesamte Ausbildungszeit gemeinsam hinter sich gebracht. Sie kannten und vertrauten einander. Es war kein eigener Befehl nötig, um sie in Formation einer Schützenkette ausschwärmen zu lassen. In ihren Bewegungen lag vollkommene Präzision, eine schaurige Schönheit.

Sie waren noch etwa drei Kilometer von dem Dorf entfernt, als die Zugführer das Zeichen gaben, anzuhalten. Die Männer gingen in Deckung, legten sich flach auf den Boden. Zwei 120-mm-Granatwerfer wurden an den Flanken in Stellung gebracht. Fast jeder der Männer hatte Teile der beiden Waffen, die jede über zweihundertfünfzig Kilogramm wogen, mitgetragen.

»Zwei Scharfschützen über die Flanken nach vorne.« Blochins Stimme klang blechern aus den Funkgeräten. »Das Ziel umgehen und von höherer Stellung aus Bericht geben.«

Zwei Gestalten erhoben sich und bewegten sich katzengleich den Berg hinauf. Sie kletterten rechts und links an dem Dorf vorbei und gingen ungefähr einhundert Meter über dem Dorf hinter Felsen verborgen in Stellung.

Es war ein anstrengender Marsch gewesen, aber die Männer waren gut trainiert und daher nicht außer Atem.

Als die Sonne ihre ersten Strahlen über die Gipfel der im Osten liegenden Berge schickte, nahmen sie ihre Nachtvisiere ab. Die beiden Kundschafter hoben die schweren Armeeferngläser an die Augen.

»Es scheint alles ruhig. Keine Verteidigungsstellungen zu sehen«, meldete der Mann im Westen.

»Keinerlei Bewegungen erkennbar. Keine schweren Waffen außerhalb der Hütten.« Die Stimme des Kundschafters, der östlich des Dorfes in Deckung lag, kam knisternd aus dem Kopfhörer.

Die beiden Kundschafter machten ihre Scharfschützengewehre feuerbereit und behielten das Dorf über die Zielfernrohre im Auge.

»Schützenkette in Hinterhangstellung!«, befahl Blochin. »Umfassungsbewegung. Da darf keiner raus. Vorwärts!«

Die Soldaten bewegten sich in einem Halbkreis auf das Dorf zu, bis es vollständig eingeschlossen war. Die beiden Granatwerfer blieben in rückwärtiger Stellung hinter den Männern. Die Besatzungen an den Granatwerfern hatten die Montage der Waffen mittlerweile abgeschlossen.

Die morgendliche Dämmerung wich langsam dem frischen Licht eines beginnenden Tages. Die Einheit war auf ungefähr einen Kilometer an das Dorf herangerückt, als wiederum an den Flanken zwei 7,62-mm-Maschinengewehre vom Typ PKS auf ihre Dreibeinlafetten montiert wurden. »Granatwerfer aus dem Rückraum feuerbereit?«, fragte Blochin.

»Feuerbereitschaft bestätigt«, kam von den Männern an den Werfern die zweifache Antwort.

»PKS1 hat freies Schussfeld und ist feuerbereit«, meldete sich die erste MG-Stellung.

Die beiden Männer am zweiten MG hatten ein Problem mit dem Verschluss. »Einen Moment noch, Gospodin Kapitan.«

»Feuerbereitschaft sofort melden.«

Aufgereiht wie die Perlen an einer Kette rückten die Männer weiter auf das Dorf vor. Sie machten sich bereit, den imaginären Hals, den sie umschlossen, erbarmungslos zu strangulieren.

Schließlich waren die Vordersten noch ungefähr einhundert Meter von den äußeren Hütten entfernt. Die Elitekämpfer gingen im Halbkreis in Deckung und warteten.

Achtzig Läufe verschiedener Kaliber hatten ihre lidlosen, schwarzen Augen aufgeschlagen und blickten stier auf das Dorf. Nach fünf Minuten knackte es wieder in den Kopfhörern.

»PKS2 hat freies Schussfeld und ist feuerbereit«, meldete nun auch die zweite MG-Stellung.

»Über uns sind nur die Sterne.« Blochins Stimme sprach den berühmten Schlachtruf der Speznas-Einheiten.

»Über uns sind nur die Sterne«, raunten neunzig Männer flüsternd vor sich hin.

Wieder hörten sie die Stimme ihres Kommandeurs in den Kopfhörern. »Dann wollen wir mal guten Morgen sagen. Beide Werfer zwanzig Schuss zwischen die Hütten. Feuer frei!«

*
Bremerhaven, Januar 2004

Der Mann war heute früh mit dem Zug angekommen. Nachdem er im Hotel eingecheckt hatte, duschte er. Unbekleidet trat er aus dem Badezimmer. Sein Körper war muskulös. Die Haut war überzogen mit rötlich schimmernden, keloiden Streifen narbigen Gewebes. Spuren vieler Kämpfe und teilweise schwerer Verwundungen. Nackt setzte er sich auf das Bett. Dann legte er einen Aktenkoffer neben sich und klappte ihn auf.

Er entnahm dem Koffer eine Fotografie, deren Grobkörnigkeit zeigte, dass es sich um die Vergrößerung eines Ausschnittes handelte, aus einiger Entfernung aufgenommen.

Das Bild einer jungen Frau.

Das Bild einer jungen Frau mit einer schlanken, aber dennoch weiblich geschwungenen Figur. Offensichtlich war sie sich im Moment der Aufnahme nicht bewusst gewesen, dass sie fotografiert wurde.

Seine Fingerkuppen berührten das Papier nur am Rand. Mit andächtigen Bewegungen, als handele es sich um eine wertvolle Ikone, lehnte er das Foto gegen die Nachttischlampe. Zärtlich strichen seine Finger über das abgebildete Gesicht.

Ich komme dir näher, dachte der Mann.

Jeden Tag.

Immer näher.

Mit ruckenden, fast krampfartigen Bewegungen begann der Mann zu onanieren. Nach kurzer Zeit bedeckte ein feiner Schweißfilm sein Gesicht. Die ganze Zeit über waren seine Augen starr auf das Bild der jungen Frau gerichtet.

Ein wohliges Seufzen kam im Moment der Erleichterung aus seiner Kehle. Er legte sich aufs Bett, um sich auszuruhen. Ein wenig Zeit hatte er noch.

Er erwartete einen Anruf. Einen sehr wichtigen Anruf.

Die Stadt war mit Bedacht gewählt.

Die Container-Kaje von Bremerhaven erstreckt sich über fast fünf Kilometer am Ostufer der Weser an der Mündung zur Nordsee. Bremerhaven ist einer der größten Umschlagplätze für Container in Europa. Das Volumen der umgeschlagenen Waren ist riesig. Gewaltige Halden mit den Ausmaßen von Flugzeugrollfeldern nehmen die Container auf, bevor sie weitertransportiert werden.

*

Als das Containerschiff »Gagarin 3« an diesem Morgen in die Wesermündung einlief, waren alle an Bord froh, nun einen Tag Landgang zu haben. Kommend aus Kaliningrad, dem früheren ostpreußischen Königsberg, hatte das Schiff die Ostsee durchquert und dann den Nord-Ostsee-Kanal passiert.

In der Nordsee war das Schiff in einen schweren Wintersturm geraten. Noch bevor der Sturm losbrach, begann der Regen. Der Niederschlag fiel fast senkrecht. Dann stürzte die Temperatur binnen Minuten um etliche Grade in frostige Tiefen. Die Windgeschwindigkeit nahm ständig zu. In der Luft lag jener charakteristische Geruch, den jeder Seemann kennt.

Der Geruch eines zornigen Meeres.

Salzig und kalt und tödlich.

Bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt und durch das Orgeln des Sturms, der Eiskristalle wie kleine Projektile aus Nordwesten mit sich trug, hatte sich das über dreißig Jahre alte Schiff durch die aufgepeitschte Dünung der wütenden, grauen Nordsee gekämpft.

Während der letzten Nacht hatten sie sich auf ihr Radargerät verlassen müssen, die Sicht war gegen null gegangen. Der Erste Offizier hatte vorgeschlagen, dichter unter Land zu fahren. Aber das hätte einen Zeitverlust von mehr als einem halben Tag bedeutet. Und der Kommandant, Kapitän Jestschew, konnte sich eine solche Verzögerung nicht leisten.

Kapitän Jestschew war ein erfahrener Seemann. Er hatte lange bei der Marine der Sowjetunion gedient. Dann hatte er, durch ausbleibende Soldzahlungen demoralisiert, das lukrative Angebot einer russischen Reederei angenommen. Seine Erfahrung lehrte ihn, dass die See ein fürchterliches, heimtückisches Wesen sein konnte. Allerdings kannte er sein Schiff und die Mannschaft und wusste, dass sie diesen Sturm würden abwettern können.

In diesem Moment tauchte der Bug wieder in einen Wellenberg ein. Ein Zittern lief durch das Schiff. Mit einem Seufzen der Nieten, die die Stahlplatten des Rumpfes zusammenhielten, richtete sich die »Gagarin 3« auf.

Eine Gischtfahne, die bis zu den Scheiben der Brücke aufstob, rauschte prasselnd über das Glas.

Schon rollte der nächste Brecher auf das Schiff zu.

»Bremerhaven kommt über der Kimm auf, Kapitan perwowo ranga«, meldete der Erste Offizier, der neben ihm auf der Brücke stand, und nahm das Fernglas von den Augen. Seine Stimme übertönte nur mühsam das Heulen des Sturmes. In der Takelage sangen die Böen ihr klagendes Lied. Schwere Brecher ließen das Schiff bedenklich rollen. Die beiden Offiziere standen, ebenso wie der Rudergänger, breitbeinig da, um die Bewegungen des Schiffes ausgleichen zu können.

»Wurde auch langsam Zeit«, brummte der Kapitän in seinen Bart und wandte sich ab, um zur Funkkabine zu gehen.

Dort sprach er mit dem Funkoffizier. »Melden Sie dem Hafenmeister, dass wir reinkommen. Und stellen Sie mir eine Telefonverbindung mit Deutschland her. Hier ist die Nummer. Legen Sie das Gespräch in meine Kabine.«

Der Kapitän trat wieder ins Ruderhaus. »Sie haben die Brücke, Nummer eins«, sagte er und stelzte den Niedergang hinab zu seiner Kajüte.

Jestschew setzte sich an seinen kleinen Schreibtisch und starrte den Telefonhörer unverwandt an. Er brauchte nicht einmal eine Minute zu warten. Das Telefon in seiner Kabine meldete sich mit einem Summen. Der Kapitän nahm den Hörer ab. »Die Verbindung steht. Es klingelt«, meldete sein Funkoffizier, um sich sofort aus der Leitung zu verabschieden. Nach dem vierten Klingeln wurde am anderen Ende abgehoben.

»Jestschew hier«, sagte der Kapitän auf Deutsch mit einem starken russischen Akzent. »Ich möchte mit Herrn Karl sprechen. Ist er da?«

Er wurde verbunden. Als sich sein Gesprächspartner meldete, sagte der Kapitän erneut seinen Namen. Eine kurze Begrüßung folgte.

»Allerdings! Wir hatten miserables Wetter. Unsere Verzögerung ist aber nur minimal.«

Der Kapitän wartete die Antwort ab. Ab und zu nickte er zustimmend, als ob sein Gesprächspartner diese Geste sehen könnte.

»In neunzig Minuten.«

Wieder wartete der Kapitän.

»Genau. Heute. Uhrzeit bleibt gleich.«

Er murmelte eine Verabschiedung, allerdings auf Russisch. Dann hängte er den Hörer in die Halterung zurück.

Sein Gesprächspartner blieb noch einige Minuten sitzen und sah auf das Telefon. Alles lief zu seiner Zufriedenheit. Sein Blick ruhte minutenlang auf dem Foto der jungen Frau. Schließlich nahm er den Hörer ein zweites Mal ab.

Kapitän Jestschew war auf dem Weg zurück auf die Brücke. Da traf ein besonders schwerer Brecher den Rumpf und warf das Schiff zur Seite. Er stieß mit der Schulter an die Stahlwand des Niederganges. Ein Fluch verklang stumm auf seinen Lippen. Mühsam richtete sich das Schiff wieder auf.

Als Kapitän Jestschew die Brücke betrat, klatschte eine weitere Gischtfahne auf die Verglasung und nahm ihnen für mehrere Sekunden die Sicht.

»Die Hafenmeisterei hat sich gemeldet und uns einen Liegeplatz zugewiesen, Kapitan perwowo ranga«, berichtete sein Erster Offizier. »Die Deutschen sagen, da hätten wir uns einen schönen Sturm ausgesucht, um einzulaufen. Auf jeden Fall heißen sie uns willkommen.«

»Ja, das sind höfliche Menschen, die Deutschen«, sagte Jestschew.

Gute eineinhalb Stunden später stand Kapitän Jestschew in der Brückennock und überwachte das Festzurren der letzten Leinen. Das Anlegemanöver war abgeschlossen. Einer der gewaltigen Containerkräne kam auf Schienen an der Kaje bereits auf das Schiff zu, um mit dem Löschen der Ladung zu beginnen.

Noch immer brüllten Sturm und Eisregen über die »Gagarin 3« hinweg, die an den dicken Leinen zerrte wie ein gefangenes Tier in Panik. Die beinahe waagrechten Reihen eisiger Nadeln bissen dem Kapitän in die Wangen.

»Ich glaube nicht, dass wir uns diesen Sturm ausgesucht haben«, murmelte der alte Seemann. Unheil schwang in seiner Stimme. »Ich glaube, wir bringen den Sturm mit.«

*
Afghanistan, Tschurangar-Tal, 1984

Als die Sprengköpfe der ersten beiden Granaten in dem Dorf einschlugen, waren bereits vier weitere Geschosse in der Luft. Die Friedlichkeit des Morgens wurde durch die Detonationen mit lodernder Endgültigkeit beendet.

Ein Inferno aus Feuer und Stahl ging auf das Dorf nieder.

Ein kleiner Eselskarren, der auf dem Dorfplatz stand, wurde von einem Volltreffer in einzelne Holzfasern zerlegt. Eine Gestalt kam aus einer der Hütten gerannt, die Arme panisch in die Höhe gereckt, den Mund weit offen.

Sekunden später wurde sie von Granatsplittern in einer blutigen Wolke zerrissen. Ein Fuß sollte später gefunden werden.

Nach neunzig Sekunden kehrte wieder Ruhe ein.

»Stellung halten.« Blochins Stimme erreichte die Ohren seiner Männer, als der Detonationslärm verklang. Mit dem Befehl zur Meldung wandte er sich an seine beiden Kundschafter.

»Es kommen Menschen aus den Hütten. Einige sind verwundet. Keine Waffen zu sehen.« Es entstand eine Pause. »Ich sehe keine Männer, nur Frauen und Kinder und ein paar Alte.«

»Bestätigen!«

Sein zweiter Kundschafter gab über Funk durch, dass er ebenfalls keine Männer entdecken konnte.

»Vielleicht verstecken sich die Bastarde unter den Schleiern ihrer Frauen. Langsam vorrücken. Rückwärtige Stellungen Feuerbereitschaft. Behaltet den Steilhang über dem Dorf im Auge.«

Blochin erhob sich und ging in gebückter Haltung, sein AK-47 im Anschlag, langsam bergan auf das Dorf zu. Seine Männer erhoben sich ebenfalls und folgten ihm. Nervosität lag in der Luft.

Dies war der kritische Moment.

Jetzt waren sie für einen eventuellen Gegner sichtbar.

Ein einzelner Schuss krachte durch das Tal. Die Männer warfen sich auf die Erde.

»Woher kam das? Jemand getroffen?« Blochin bellte in sein Mikrofon.