Beschreibung

An einem Spätsommertag verschwindet ein kleiner Junge im dichten Nebel der Insel Öland – und wird nie wieder gesehen oder gefunden. 20 Jahre später erhält seine Mutter einen Anruf von ihrem Vater: Es gebe ein neues Beweisstück, und er bittet sie, nach Öland zurückzukehren und die Suche wieder aufzunehmen. Auf Öland geht das Gerücht, der unheilbringende Nils Kant sei der Mörder. Dabei war dieser längst unter der Erde, als der Junge verschwand. Aber ist Kant wirklich tot? Oder geistert er womöglich noch immer über die weite Kalkebene von Öland?

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Für die öländische Familie Gerlofsson

Übersetzung aus dem Schwedischen von Kerstin Schöps

ISBN 978-3-492-95075-6 Februar 2016

© Johan Theorin 2007

Titel der schwedischen Originalausgabe:

»Skumtimmen«, Wahlström & Widstrand, Stockholm 2007

Published by arrangement with Bonnier Group Agency, Stockholm

© der deutschsprachigen Ausgabe:

Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2008

Umschlagkonzept: semper smile, München

Umschlaggestaltung: Cornelia Niere, München

Umschlagabbildung: plainpicture (Mann); Sodapix (Wasser)

Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck  

ÖLAND, SEPTEMBER 1972

Die Mauer bestand aus großen, runden Steinen, bedeckt von grauweißen Flechten, und war so hoch, wie der Junge groß war. Er konnte nur dann über sie hinwegsehen, wenn er sich in seinen Sandalen auf die Zehenspitzen stellte. Auf der anderen Seite war alles grau und neblig. Es hätte das Ende der Welt sein können, aber der Junge wusste, das Gegenteil war der Fall – die Welt begann auf der anderen Seite der Mauer. Die große Welt war nämlich jenseits von Opas und Omas Garten. Diese Welt hinter der Mauer zu entdecken hatte den Jungen den ganzen Sommer über gelockt.

Zweimal hatte er über die Mauer zu klettern versucht, zweimal hatte er den Halt an den unebenen Steinen verloren und war ins feuchte Gras gefallen.

Doch der Junge gab nicht auf, und beim dritten Mal gelang es ihm.

Er holte tief Luft, zog sich hoch, hielt sich an den kalten Steinen fest und schaffte es auf die Mauer.

Das war ein Sieg für ihn – er war fast sechs und im Begriff, zum ersten Mal in seinem Leben eine Mauer zu überwinden. Er blieb eine Weile oben sitzen wie ein König auf seinem Thron.

Die Welt auf der anderen Seite war groß und grenzenlos, aber auch grau und verschwommen. Wegen des Nebels, der im Laufe des Nachmittags über die Insel gezogen war, konnte der Junge kaum etwas sehen von der Welt draußen. Aber unterhalb der Mauer sah er gelbbraunes Gras auf einer kleinen Wiese. Und etwas entfernt entdeckte er ein paar geduckte, knorrige Wacholderbüsche, neben denen bemooste Steine aus der Erde ragten. Der Boden war so eben wie im Garten hinter ihm, aber auf der anderen Seite sah alles viel wilder aus; fremd und verlockend.

Der Junge setzte einen Fuß auf einen großen Stein, der zur Hälfte im Boden steckte, und kletterte auf die Wiese jenseits der Mauer hinab. Jetzt hatte er zum ersten Mal in seinem Leben allein den Garten verlassen, und keiner wusste, wo er war. Seine Mama hatte am Morgen die Insel verlassen. Sein Opa war vor einer Stunde zum Strand gegangen, und als der Junge seine Sandalen genommen und sich aus dem Haus geschlichen hatte, schlief seine Oma.

Er konnte tun und lassen, was er wollte. Er war mitten in einem großen Abenteuer.

Er ließ die Mauersteine los und machte einen Schritt in das wilde Gras. Es wuchs spärlich, man kam mühelos voran. Er lief weiter, und die Welt vor ihm wurde langsam deutlicher. Am Ende der Wiese nahmen die Wacholderbüsche Form an, und er ging auf sie zu.

Der Erdboden war weich und dämpfte alle Geräusche, seine Schritte waren nur ein schwaches Rascheln. Selbst als er probierte, mit beiden Füßen hochzuspringen und fest auf den Boden zu stampfen, machte es nur leise ›fump‹. Und wenn er seinen Fuß hochnahm, richtete sich das Gras darunter wieder auf, und seine Spur verschwand augenblicklich.

So bewegte er sich ein paar Meter voran: Hüpf, fump. Hüpf, fump.

Als der Junge die Wiese überquert und die Wacholderbüsche erreicht hatte, hörte er auf zu hüpfen. Er atmete aus, sog die kühle Luft ein und sah sich um.

Während er durch das Gras gesprungen war, hatte sich der Nebel, der vor ihm gelegen hatte, unbemerkt um ihn herumgeschlichen und war nun auch hinter ihm. Die Steinmauer hinter der Wiese war nur noch verschwommen zu erkennen und das dunkelbraune Sommerhäuschen ganz verschwunden.

Einen kurzen Moment überlegte der Junge, ob er umdrehen, zurückgehen und wieder über die Mauer klettern sollte. Er besaß keine Uhr, genaue Uhrzeiten bedeuteten ihm nichts, aber der Himmel über ihm war inzwischen dunkelgrau und die Luft noch ein bisschen kälter geworden. Er wusste, dass der Tag zu Ende ging und bald die Nacht hereinbrechen würde.

Er wollte nur noch ein kleines Stückchen über den weichen Erdboden gehen. Er wusste ja, wo er war; das Häuschen, in dem seine Oma schlief, befand sich hinter ihm, auch wenn er es nicht mehr sehen konnte. Er lief weiter auf die verschwommene Nebelwand zu, die man sehen, aber nicht greifen konnte. Sie rückte wie durch Zauberhand immer ein Stück weiter, als würde sie mit ihm spielen.

Der Junge blieb stehen. Er hielt die Luft an.

Alles war still, nichts rührte sich, aber der Junge hatte auf einmal das Gefühl, nicht allein zu sein.

Hatte er Geräusche im Nebel gehört?

Er drehte sich um. Jetzt konnte er weder Mauer noch Wiese sehen, nur Gras und die Wacholderbüsche. Sie standen reglos um ihn herum, und er wusste, dass sie nicht lebendig waren – zumindest nicht wie er selbst –, trotzdem musste er immer daran denken, wie groß sie waren. Sie waren große, schwarze Gestalten, die ihn umringten, vielleicht sogar näher kamen, wenn er nicht hinsah.

Er drehte sich erneut um und sah noch mehr Wacholderbüsche. Wacholderbüsche und Nebel.

Mittlerweile wusste er auch nicht mehr, in welcher Richtung das Sommerhäuschen stand, aber Angst und Einsamkeit trieben ihn dazu weiterzugehen. Er ballte seine Hände zu Fäusten und lief über den weichen Boden, wollte die Steinmauer und den Garten dahinter wiederfinden, sah aber nur Gras und Büsche. Schließlich konnte er nicht einmal mehr sie sehen; die Welt war in einem Nebel aus Tränen versunken.

Der Junge blieb stehen, holte tief Luft, die Tränen versiegten. Er sah noch mehr Wacholderbüsche im Nebel stehen, aber einer von ihnen hatte zwei dicke Stämme – und plötzlich sah der Junge, dass er sich bewegte.

Es war ein Mensch.

Ein Mann.

Er trat aus dem Grau des Nebels und stand nur knapp zehn Schritte von ihm entfernt. Der Mann war groß, trug dunkle Kleidung und hatte den Jungen entdeckt. Regungslos stand er im Gras, mit dicken Stiefeln an den Füßen, und sah auf den Jungen herab. Seine schwarze Mütze war tief in die Stirn gezogen, und er sah alt aus, aber nicht so alt wie der Opa des Jungen.

Der Junge bewegte sich nicht. Er kannte den Mann nicht, und vor Fremden soll man sich in Acht nehmen, hatte seine Mama ihm gesagt. Aber jetzt war er wenigstens nicht mehr mit den Wacholderbüschen allein. Er konnte sich jederzeit umdrehen und schnell weglaufen, wenn der Mann nicht nett war.

»Hallo«, sagte der Mann mit leiser Stimme. Er atmete schwer, als wäre er schon lange durch den Nebel gelaufen oder gerannt.

Der Junge antwortete nicht.

Der Mann schaute sich um. Dann betrachtete er wieder den Jungen, ohne zu lächeln, und fragte leise:

»Bist du allein?«

Der Junge nickte wortlos.

»Hast du dich verlaufen?«

»Ich glaube, ja«, sagte der Junge.

»Das ist nicht schlimm … Ich kenne mich aus in unserer Großen Alvar.« Der Mann kam einen Schritt näher: »Wie heißt du?«

»Jens«, antwortete der Junge.

»Und weiter?«

»Jens Davidsson.«

»Gut«, sagte der Mann. Er zögerte und fügte dann hinzu: »Ich heiße Nils.«

»Und weiter?«, fragte Jens.

Das war ein bisschen wie ein Spiel. Der Mann lachte kurz auf.

»Ich heiße Nils Kant«, sagte er und kam noch einen Schritt näher.

Jens stand noch an derselben Stelle, hatte aber aufgehört, sich umzusehen. Gras, Steine und Büsche waren alles, was es in diesem Nebel gab. Und den fremden Mann, Nils Kant, der ihn jetzt anlächelte, als wären sie schon Freunde.

Nebel umschloss sie, kein Laut war zu hören. Nicht einmal Vogelgezwitscher.

1

Als ihr Vater Gerlof an einem Montagabend im Oktober zum ersten Mal nach fast einem Jahr anrief, musste Julia an Knochen denken, die an einen steinigen Strand gespült wurden.

Knochen, weiß wie Perlmutt und glatt geschliffen von den Wellen, zwischen den grauen Steinen an der Uferkante fast leuchtend.

Knochensplitter.

Julia wusste nicht, ob es sie an dem Strand gab, aber sie hatte über zwanzig Jahre darauf gewartet, sie zu sehen.

An diesem Tag hatte Julia ein Gespräch mit ihrer Krankenkasse geführt, das so schlecht verlaufen war wie alles andere in diesem Herbst, in diesem Jahr.

Wie üblich hatte sie den Anruf so lange wie möglich aufgeschoben, um die Seufzer der Sachbearbeiterin nicht hören zu müssen, und als sie endlich anrief, antwortete eine eintönige Maschine und fragte nach ihrer Versichertennummer. Nachdem sie alle Ziffern eingetippt hatte, wurde sie weiterverbunden. Sie zwang sich, in der Küche stehen zu bleiben, aus dem Fenster zu sehen und dem Rauschen im Hörer zu lauschen, einem kaum hörbaren Rauschen wie von weit entfernt fließendem Wasser.

Wenn Julia die Luft anhielt und den Hörer ganz fest an ihre Ohrmuschel drückte, hörte sie in der Ferne manchmal das Echo von Geisterstimmen. Mal klangen diese dumpf und flüsternd, mal durchdringend und verzweifelt. Sie murmelten und hallten in den Abzugsschächten des Mietshauses, und Julia verstand fast nie ein Wort, lauschte aber sehr konzentriert. Ein einziges Mal hatte sie eine Frauenstimme klar und deutlich sagen hören: »Ja, jetzt wird es aber wirklich Zeit.«

Sie stand am Fenster und sah auf die Straße. Draußen war es kalt und windig. Herbstgelbes Birkenlaub löste sich vom regennassen Asphalt und warf sich in den Wind. Entlang der Bordsteinkante sammelte sich ein grauschwarzer Matsch aus Laub, das von Autoreifen zerdrückt worden war und nie wieder durch die Luft fliegen würde.

Sie wünschte sich, jemand, den sie kannte, würde dort unten auftauchen. Jens könnte am Ende der Häuserreihe auftauchen. In Sakko und Krawatte wie ein richtiger Jurist. Er würde sie im Fenster entdecken, überrascht auf dem Bürgersteig stehen bleiben, den Arm heben, winken und ihr dann zulachen …

Plötzlich verschwand das Rauschen, und eine gehetzte Stimme ertönte aus dem Hörer:

»Krankenkasse, Inga, hallo?«

Das war nicht ihre neue Sachbearbeiterin, denn die hieß Magdalena. Oder Madeleine? Sie waren sich noch nie persönlich begegnet.

Sie holte tief Luft.

»Ja, hier ist Julia Davidsson, ich wollte mich erkundigen, ob Sie eventuell …«

»Wie lautet Ihre Versichertennummer?«

»Das … Die Zahlen habe ich doch gerade ins Telefon eingetippt.«

»Die sind aber bei mir nicht aufgetaucht. Können Sie mir bitte Ihre Nummer geben?«

Julia sagte die Zahlen auf, dann wurde es still im Hörer.

»Julia Davidsson?«, sagte die Sachbearbeiterin, als hätte sie vorhin nicht hingehört, als Julia ihren Namen gesagt hatte.

»Womit kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Ich möchte sie gerne verlängern.«

»Was verlängern?«

»Meine Krankschreibung.«

»Wo arbeiten Sie?«

»Im Österkrankenhaus, in der Orthopädie«, antwortete Julia. »Ich bin Krankenschwester.«

War sie das eigentlich noch? Sie hatte so oft gefehlt in den letzten Jahren, dass sie in der Orthopädie vermutlich keiner vermisste. Und sie vermisste definitiv nicht die Patienten, die ununterbrochen über ihre lächerlichen, kleinen Probleme jammerten, ohne eine Ahnung von wahrem Unglück zu haben.

»Haben Sie ein ärztliches Attest?«, fragte die Sachbearbeiterin.

»Ja.«

»Waren Sie heute beim Arzt?«

»Nein, am Mittwoch. Bei meinem Psychiater.«

»Und warum haben Sie nicht früher angerufen?«

»Na ja, mir ging es danach nicht so gut«, sagte Julia und dachte: Vorher auch nicht.

»Sie hätten am gleichen Tag anrufen müssen …«

Julia hörte einen lauten Atemzug, vielleicht war es auch ein Seufzer.

»Jetzt muss ich es so machen«, fuhr die Sachbearbeiterin fort, »dass ich mir Ihre Akte hole und das direkt eintrage. Eine Ausnahme, dieses eine Mal!«

»Das wäre sehr nett«, sagte Julia.

»Einen Augenblick, bitte …«

Julia stand noch am Fenster und sah auf die Straße hinunter. Dort regte sich nichts.

Doch, jemand näherte sich von der größeren Querstraße kommend auf dem Bürgersteig, es war ein Mann. Julia spürte eiskalte Hände ihren Magen packen, ehe sie erkannte, dass der Mann viel zu alt war, er war kahlköpfig, in den Fünfzigern und trug einen Overall, der mit weißer Farbe bespritzt war.

»Hallo?«

Sie sah den Mann vor einem Haus auf der anderen Straßenseite stehen bleiben, den Türcode eintippen und die Tür öffnen. Dann ging er hinein.

Es war nicht Jens, nur ein Mann mittleren Alters.

»Hallo? Julia?«

»Ja? Ich bin noch hier.«

»Ich habe jetzt das Formular in Auftrag gegeben. Es kommt morgen, Sie müssen es dann einfach mit dem ärztlichen Attest zurückschicken.«

»Toll. Ich …« Julia schwieg.

Sie blickte noch immer auf die Straße.

»War das alles?«

»Ich glaube …«, Julia umklammerte den Hörer. »Ich glaube, es wird kalt morgen.«

»Ja, vielleicht«, erwiderte die Sachbearbeiterin, als sei alles in bester Ordnung. »Haben Sie ein neues Konto, oder ist es noch dasselbe wie früher?«

Julia antwortete nicht. Sie wollte etwas Normales, Alltägliches sagen.

»Ich spreche manchmal mit meinem Sohn«, sagte sie schließlich.

Zunächst blieb es still in der Leitung, dann hörte man die Stimme der Sachbearbeiterin:

»Das Formular wird wie gesagt wahrscheinlich morgen…« Julia legte schnell auf.

Sie sah aus dem Fenster und fand, dass das Laub auf der Straße ein Muster bildete wie eine Nachricht, deren Sinn sie nicht verstand. Sie sehnte sich danach, dass Jens endlich aus der Schule kam. Nein, nicht aus der Schule, von der Arbeit würde er kommen. Jens müsste die Schule ja schon vor Jahren abgeschlossen haben.

Was bist du geworden, Jens? Feuerwehrmann? Rechtsanwalt? Lehrer?

Später saß sie auf ihrem Bett vor dem Fernseher in ihrer kleinen Einzimmerwohnung, sah erst eine Sendung über Kreuzottern und schaltete dann zu einer Kochsendung um, in der ein Mann und eine Frau Fleisch brieten. Als sie zu Ende war, stand Julia auf, ging in die Küche und überprüfte, ob die Weingläser im Schrank abgestaubt werden mussten. Ja, wenn man sie gegen die Küchenlampe hielt, sah man kleine Staubpartikel.

Sie nahm eines nach dem anderen heraus und staubte es ab. Julia hatte vierundzwanzig Weingläser und benutzte sie der Reihe nach. Jeden Abend trank sie zwei Gläser Rotwein, manchmal auch drei.

Als sie am Abend neben dem Fernseher auf dem Bett lag, klingelte das Telefon in der Küche.

Julia blinzelte beim ersten Klingelton, rührte sich aber nicht. Sie musste nicht gehorchen, war nicht verpflichtet abzuheben.

Das Telefon klingelte erneut. Sie beschloss, nicht da zu sein, sie war außer Haus, ein wichtiger Termin.

Ohne den Kopf heben zu müssen, konnte sie aus dem Fenster sehen, auch wenn das Einzige, was es da draußen zu sehen gab, die Häuserdächer der Straße waren, die noch dunklen Straßenlaternen und die Baumkronen. Die Sonne war hinter der Stadt untergegangen, der Himmel wurde langsam dunkler.

Das Telefon klingelte zum dritten Mal.

Die Dämmerung war hereingebrochen. Die Stunde der Schatten.

Das Telefon klingelte ein viertes Mal.

Julia stand nicht auf.

Es klingelte ein letztes Mal, dann war es wieder still. Draußen gingen die Straßenlaternen an und erhellten mit ihrem Licht den Asphalt.

Der Tag war ganz gut verlaufen.

Nein. Eigentlich gab es keine guten Tage. Aber einige vergingen schneller als andere.

Julia war immer allein.

Wenn Julia nicht ans Telefon ging, erhielt sie als Belohnung oft eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, und als das Klingeln an diesem Abend erstarb, stand sie auf und hob den Hörer ab, um zu lauschen, hörte aber nur ein Rauschen.

Sie legte auf und öffnete die Schranktür über dem Kühlschrank. Dort stand die Flasche des Tages, wie üblich eine Flasche Rotwein.

Tatsächlich war es die zweite Flasche des Tages, weil sie beim Mittagessen die Flasche vom Vorabend geleert hatte.

Sie goss sich ein Glas ein, trank es schnell aus und schenkte sich noch eines ein.

Der Wein wärmte, und erst jetzt war sie in der Lage, sich umzudrehen und aus dem Küchenfenster zu schauen. Es war dunkel geworden, die Straßenlaternen beleuchteten nur wenige kreisförmige Stellen auf dem Asphalt. Nichts bewegte sich im Schein der Laternen. Aber was verbarg sich in ihrem Schatten? Das konnte man nicht sehen.

Julia kehrte dem Fenster den Rücken zu und leerte ihr zweites Glas. Jetzt fühlte sie sich ruhiger. Sie war so angespannt gewesen nach dem Telefonat mit der Krankenkasse, aber jetzt ging es ihr wieder besser. Vielleicht sollte sie ein bisschen Musik hören, zum Beispiel Satie, eine Tablette nehmen und vor Mitternacht einschlafen.

Da klingelte das Telefon erneut.

Nach dem dritten Läuten setzte sie sich mit gesenktem Kopf im Bett auf. Nach dem fünften Klingelton stand sie auf, nach dem siebten war sie in der Küche.

Ehe das Telefon ein neuntes Mal klingeln konnte, nahm sie den Hörer ab. Sie flüsterte:

»Julia Davidsson.«

»Julia?«

Sie hörte, wer am Apparat war.

»Gerlof?«, sagte sie leise.

Sie sagte schon lange nicht mehr Papa zu ihm.

»Ja … ich bin es. Ich glaube … ich weiß jetzt mehr darüber … was passiert ist.«

»Was?« Julia starrte auf die Wand. »Wie was passiert ist?«

»Na ja, das … mit Jens.«

»Ist er tot?«

Es war, als hätte man eine Wartenummer gezogen. Eines Tages würde die Nummer aufgerufen werden, und dann musste man an den Schalter gehen und würde eine Auskunft bekommen.

Julia musste an weiße Knochensplitter denken, die an den Strand bei Stenvik angespült wurden, obwohl Jens solche Angst vor Wasser hatte.

»Julia, das wird er wohl sein …«

»Aber haben sie ihn gefunden?«, unterbrach sie ihn. »Nein. Aber …«

Sie blinzelte.

»Warum rufst du dann an?«

»Es hat ihn keiner gefunden. Aber ich habe …«

»Dann ruf mich gefälligst auch nicht an!«, schrie sie und legte auf.

Sie setzte sich an den Küchentisch, sah in die Dunkelheit hinaus, dachte an nichts. Dann drehte sie sich um und sah zum Telefon, aber es blieb still.

Julia sah auf den Zettel, der seit vielen Jahren an einer weißen Kachel über dem Brotkasten klebte, und wählte die Nummer.

Ihr Vater nahm nach dem ersten Klingelton ab.

»Gerlof Davidsson.«

»Ich bin es«, sagte sie.

»Ah, ja. Julia.«

Es war still in der Leitung. Julia gab sich einen Ruck.

»Ich hätte nicht auflegen dürfen.«

»Ja, ach …«

»Das nützt ja nichts.«

»Nein, das ist richtig«, stimmte ihr Vater zu. »Aber so ist das manchmal.«

»Wie ist das Wetter auf Öland?«

»Grau und kalt«, sagte Gerlof. »Ich war heute noch nicht draußen.«

Es wurde wieder still, und Julia holte tief Luft.

»Warum hast du angerufen?«, fragte sie. »Es muss doch was passiert sein.«

Er zögerte mit der Antwort.

»Ja … hier sind ein paar Dinge vorgefallen«, sagte er schließlich und fügte hinzu: »Aber ich weiß nichts Genaues. Nicht mehr als vorher.«

»Ich dachte, es gibt was Neues.«

»Aber ich habe viel nachgedacht«, fuhr Gerlof fort. »Und ich glaube, dass es ein paar Dinge gibt, die getanwerden können.« »Getan werden? Weshalb denn?«

»Um weiterzukommen«, sagte er und fügte rasch hinzu: »Kannst du herkommen?«

»Wann denn?«

»So schnell es geht. Ich glaube, das wäre wichtig.«

»Ich kann doch nicht einfach wegfahren«, sagte sie. Aber so unmöglich war das gar nicht, sie war ja auf unbestimmte Zeit krankgeschrieben. Sie fuhr fort: »Du musst was sagen … mir sagen, worum es geht. Kannst du nichts Genaueres sagen?«

Ihr Vater schwieg.

»Erinnerst du dich, was er an dem Tag damals anhatte?«, fragte er schließlich.

»Ja.« Sie hatte Jens beim Anziehen geholfen und später darüber nachgedacht, dass er eigentlich viel zu sommerlich gekleidet war, obwohl schon Herbst war. »Er trug eine gelbe kurze Hose und einen roten Baumwollpullover«, sagte sie. »Mit Supermann drauf. Den hatte er von seiner Cousine geerbt, das war so ein Klebebild, aus dünnem Plastik, das man sich selbst mit dem Bügeleisen …«

»Weißt du noch, welche Schuhe er anhatte?«, fragte Gerlof.

»Sandalen«, sagte Julia. »Er trug braune Ledersandalen mit schwarzen Gummisohlen. Der eine Riemen an den Zehen der rechten Sandale war lose, und auch ein paar von der linken saßen nicht mehr ganz fest … Das war immer so am Ende des Sommers, aber ich hatte den einen festgenäht …«

»Mit weißem Garn?«

»Ja«, antwortete Julia sofort. »Ja, ich glaube, es war weiß. Warum?«

Es blieb einige Sekunden still in der Leitung. Dann antwortete Gerlof:

»Bei mir auf dem Schreibtisch liegt eine alte rechte Sandale. Sie ist mit weißem Garn geflickt. Sie sieht aus, als könnte sie einem Fünfjährigen passen … Ich sehe sie mir gerade an.«

Julia schwankte und lehnte sich gegen den Küchentisch. Gerlof sprach weiter, aber sie drückte die Gabel mit aller Kraft herab, und im Hörer wurde es wieder still.

Zehn Minuten später hatte sie sich wieder beruhigt, nahm die Hand von der Gabel und wählte Gerlofs Nummer.

»Wo hast du sie gefunden?«, fragte sie. »Wo, Gerlof?«

»Das ist kompliziert«, sagte Gerlof. »Du weißt doch, dass … dass ich mich nicht mehr so gut bewegen kann, Julia. Es wird immer schwieriger … Ich hätte einfach gerne, dass du kommst.«

»Ich weiß nicht.« Julia schloss die Augen und hörte das Rauschen im Hörer. »Ich weiß nicht, ob ich das kann.« Sie sah sich am Strand vorsichtig zwischen den Steinen die vielen kleinen Knochensplitter aufsammeln und fest an ihre Brust drücken. »Vielleicht.«

»Woran erinnerst du dich?«, fragte Gerlof.

»Wie meinst du das?«

»Von dem Tag? Erinnerst du dich an etwas Besonderes?«, fragte er. »Ich möchte, dass du noch einmal nachdenkst.«

»Ich erinnere mich, dass Jens verschwunden ist … Er …«

STENVIK, JULI 1936

Der Mann, der in seinem späteren Leben so viel Kummer und Angst auf Öland verbreiten wird, ist Mitte der Dreißigerjahre ein zehnjähriger Junge. Er ist stolzer Besitzer eines steinigen Strands und eines ganzen Meers.

Der Junge heißt Nils Kant, ist braun gebrannt und trägt in der Sommerhitze eine kurze Hose. Er sitzt auf einem großen, runden Stein unterhalb der Hütten und Bootshäuser von Stenvik in der Sonne. Er denkt sich:

Das gehört alles mir.

Und das stimmt, denn Nils’ Familie gehört der Strand. Sie besitzt viel Land im Norden von Öland, Familie Kant besitzt diesen Boden schon seit Jahrhunderten, und seit Nils’ Vater vor drei Jahren gestorben ist, hat sich Nils dafür verantwortlich gefühlt. Nils vermisst seinen Vater nicht, er erinnert sich nur an einen großen und schweigsamen und strengen, manchmal gewalttätigen Mann, und Nils findet es gut, dass nur seine Mutter Vera oben im Holzhaus auf ihn wartet.

Er braucht sonst niemanden. Freunde braucht er keine, er weiß, dass Kinder jeden Alters auf Öland leben und die älteren Jungen im Ort, die schon im Steinbruch arbeiten, aber dieses Stück vom Strand gehört nur ihm. Die Müller in der Mühle und die Fischer in den Bootshäusern sind keine Bedrohung.

Nils rutscht vom Stein herab. Er will noch einmal schwimmen gehen, ein letztes Mal, ehe er nach Hause geht.

»Nils!«, ruft eine helle Jungenstimme.

Nils dreht sich nicht um, hört aber, wie sich Kies und kleine Steine vom Hang lösen und nach unten rieseln, und schnelle Schritte, die sich nähern.

»Nils! Ich habe von Mama auch Karamellbonbons bekommen! Ganz viele!«

Es ist sein Bruder. Axel ist vier Jahre jünger als Nils und immer in Bewegung. Er hält ein graues, zugeknotetes Stofftuch in der Hand.

»Guck mal!«

Axel kommt zu ihm gelaufen, stellt sich neben den großen Stein, sieht freudestrahlend zu Nils hoch, wickelt sein Paket aus und breitet den Inhalt auf dem Stofftuch aus.

In dem Tuch liegen ein kleines Taschenmesser und Bonbons, dunkle, glänzende Karamellbonbons.

Nils zählt acht Stück. Er selbst hat von seiner Mutter nur fünf bekommen, aber die sind längst aufgegessen, und sein Herz fängt plötzlich vor Wut an, wie wild zu pochen.

Axel nimmt eines seiner Bonbons, sieht es sich genau an, steckt es sich in den Mund und schaut auf das glitzernde Wasser. Er kaut genüsslich und langsam, als gehörten ihm nicht nur die Bonbons, sondern auch der Strand, das Meer und der Himmel über ihnen.

Nils sieht weg.

»Ich gehe schwimmen«, sagt er, den Blick aufs Wasser geheftet, läuft zum Ufer, zieht die kurze Hose aus und legt sie auf einen Stein.

Er dreht Axel den Rücken zu und läuft, mit den Füßen vorsichtig über die algenglatten Steine balancierend, in die Wellen hinein. Kleine, braune Tangfäden legen sich um seine Zehen. Das Wasser ist von der Sonne erwärmt worden und spritzt schäumend zur Seite, als sich Nils etwa zehn Schritte von der Uferkante hineinstürzt. In diesem Sommer hat er gelernt, unter Wasser zu schwimmen. Er holt tief Luft, taucht unter, taucht bis zum Meeresboden und schießt wieder in den Sonnenschein.

Axel hat sich ans Ufer gestellt.

Nils gleitet durchs Wasser, spritzt damit herum und schlägt Purzelbäume. Er schwimmt ein paar Meter ins offene Meer, bis er nicht mehr stehen kann.

Draußen im Meer gibt es einen Felsbrocken, einen Findling, der knapp unter der Wasseroberfläche liegt wie ein schlummerndes Seeungeheuer. Nils klettert auf den Rücken des Ungeheuers, seine Füße verschwinden unter Wasser, dann springt er zurück ins Tiefe. Hier kann er nicht stehen. Er lässt sich treiben, tritt mit den Füßen Wasser und sieht, dass Axel am Ufer steht.

»Kannst du immer noch nicht schwimmen?«, ruft er.

Er weiß genau, dass Axel es nicht kann.

Axel antwortet nicht, senkt jedoch den Blick und wird rot vor Scham und Wut. Er zieht seine kurze Hose aus und legt sie neben das Tuch auf den Stein.

Nils schwimmt ruhig um den Springstein herum, erst auf dem Bauch, dann auf dem Rücken, um zu zeigen, wie einfach es ist, wenn man es kann. Er strampelt mit den Beinen und zieht sich wieder auf den Stein hinauf.

»Ich helfe dir!«, ruft er Axel zu und überlegt tatsächlich einen Augenblick, es zu tun; der große Bruder zu sein und Axel an diesem Tag das Schwimmen beizubringen. Aber das würde viel zu lange dauern.

»Komm!«

Axel macht einen ersten, unsicheren Schritt ins Wasser, tastet vorsichtig mit den Füßen über die Steine und rudert mit den Armen, als würde er an einem Abgrund balancieren. Nils beobachtet schweigend die wackelige Wanderung seines kleinen Bruders durch das Wasser.

Nach vier Schritten steht Axel das Wasser bis zum Oberschenkel, und er sieht Nils mit ängstlichem Blick an.

»Traust du dich?«, fragt Nils.

Ein Streich, er will seinem Bruder einen Streich spielen. Axel schüttelt den Kopf. Nils taucht ins Wasser und schwimmt ihm entgegen.

»Da passiert nichts«, sagt er. »Du kannst fast die ganze Zeit stehen.«

Axel fuchtelt mit seinen Armen nach Nils, lehnt sich vor. Nils weicht zurück, und sein kleiner Bruder macht unfreiwillig einen Schritt nach vorn.

»Sehr gut«, sagt Nils. Das Wasser reicht ihnen jetzt bis zum Bauchnabel. »Noch einen Schritt.«

Axel tut, was er sagt, macht noch einen Schritt und sieht Nils mit einem nervösen Lächeln an. Nils lächelt auch und nickt, und Axel macht noch einen Schritt.

Nils lässt sich langsam mit ausgestreckten Armen ins Wasser zurückfallen, um zu zeigen, wie weich es ist.

»Alle können schwimmen, Axel«, sagt er. »Ich habe es mir selbst beigebracht.«

Er strampelt langsam Richtung Springstein. Axel geht weiter. Das Wasser reicht ihm jetzt bis zur Brust.

Nils zieht sich auf den Felsbrocken hoch.

»Noch drei Schritte!«, ruft er.

Das stimmt nicht, es sind sieben oder acht. Aber Axel macht einen, dann den zweiten und den dritten Schritt, er muss seinen Hals strecken, damit sein Mund über Wasser bleibt, doch es sind noch immer drei Meter bis zum Stein.

»Du musst atmen«, ermuntert ihn Nils.

Axel holt keuchend und schnaufend Luft. Nils setzt sich auf den Stein und streckt ihm die Hände entgegen.

Und sein kleiner Bruder wirft sich nach vorn. Aber es sieht aus, als würde er es sofort bereuen, denn er holt Luft und atmet dabei Wasser ein, hustet und schlägt mit den Armen um sich und starrt Nils verzweifelt an. Der Stein ist unerreichbar weit weg.

Nils beobachtet Axels Kampf im Wasser eine Weile, dann streckt er sich nach vorne und zieht seinen Bruder auf den Stein.

Axel klammert sich an ihm fest, hustet und keucht. Nils stellt sich neben ihn auf den Stein und sagt, was ihm die ganze Zeit durch den Kopf gegangen ist:

»Der Strand gehört mir.«

Dann springt er kerzengerade ins Wasser, taucht mehrere Meter entfernt auf und schwimmt mit großen, sicheren Zügen, bis seine Hände gegen die Steine am Ufer stoßen. Axel ist auf seinen Streich hereingefallen. Jetzt kann er das genießen. Er schüttelt den Kopf, um das Wasser aus den Ohren zu bekommen, geht zu dem Stein, auf dem Axel sein Stofftuch ausgebreitet hat.

Die kleine kurze Hose, die Axel ausgezogen hat, liegt daneben. Nils hebt sie hoch, meint einen Floh am Saum krabbeln zu sehen und wirft sie ans Ufer.

Dann beugt er sich über das Tuch. Da liegen die Karamellbonbons auf einem Haufen, sie glänzen in der Sonne, und Nils nimmt sich einen und steckt ihn langsam in den Mund.

Er hört einen wütenden Schrei vom Springstein, kümmert sich aber nicht darum. Er lutscht und kaut gewissenhaft, schluckt herab und nimmt noch einen Bonbon.

Dann platscht es laut. Nils blickt auf; sein Bruder hat sich vom Springstein ins Wasser fallen lassen.

Nils’ Haut ist in der Sonne bereits getrocknet, und er überwindet seinen ersten Impuls, zu Axel hinauszuschwimmen. Stattdessen nimmt er einen dritten Bonbon.

Axel kommt mit den Füßen nicht auf den Meeresboden, versucht verzweifelt, wieder auf den Stein zu klettern, rutscht aber immer wieder ab.

Nils kaut auf dem Bonbon herum. Man muss Schwung haben, um auf den Stein zu kommen.

Aber Axel hat keinen Schwung, dreht sich um und will zum Strand schwimmen. Er fuchtelt wild mit den Armen, das Wasser schäumt, aber er kommt nicht voran. Er schaut mit aufgerissenen Augen zu Nils, der regungslos an Land steht.

Nils erwidert seinen Blick, schluckt den Bonbon runter und nimmt sich einen neuen.

Das Platschen wird schwächer, sein Bruder schreit, aber Nils kann nicht hören, was. Dann schließen sich die Wellen über Axels Kopf.

Erst jetzt geht Nils zum Wasser.

Axels Kopf taucht noch einmal auf, aber nicht mehr so hoch wie vorher. Nils sieht eigentlich nur seine nassen Haare. Dann versinkt er wieder unter Wasser. Luftblasen steigen auf, aber eine kleine Welle wischt sie sofort weg.

Jetzt hat es Nils auf einmal eilig, er springt ins Wasser. Kraftvoll rudert er mit den Armen, den Blick fest auf den Springstein gerichtet. Aber Axel ist nicht mehr zu sehen.

Nils schwimmt schnell auf den Stein zu, taucht kurz vorher unter, kann unter Wasser aber die Augen nicht so lange offen halten. Er schließt sie und tastet in der kalten Finsternis, bekommt aber nichts zu fassen und taucht wieder auf. Er hält sich am Stein fest, hustet und zieht sich hoch.

Um ihn herum ist nur Wasser, egal, wohin er blickt. Die tanzenden Sonnenreflexe auf dem Wasser verbergen alles, was sich unter der Oberfläche befindet.

Axel ist verschwunden.

Nils wartet im Wind, aber nichts geschieht, und zum Schluss, als er anfängt zu frieren, springt er ins Wasser und schwimmt langsam an Land. Er kann nichts mehr tun. Er klettert aus dem Wasser, schnauft und stützt sich gegen den großen Stein am Strand.

Nils bleibt lange in der Sonne stehen. Er wartet auf ein neues Platschen, Axels vertraute Stimme, aber es ist nichts zu hören.

Alles ist still. Es fällt ihm schwer, das zu verstehen.

Auf Axels Stofftuch liegen noch vier Bonbons.

Er denkt an die Fragen, die ihn erwarten, und überlegt, was er sagen soll. Dann erinnert er sich an den Tod seines Vaters und wie düster alles auf seinem Begräbnis gewesen ist. Es hat ewig gedauert. Alle Menschen in der Kirche von Marnäs sind schwarz gekleidet gewesen und haben Lieder über den Tod gesungen.

2

Gerlof Davidsson saß in seinem Zimmer im Altersheim von Marnäs und sah die Sonne vor seinem Fenster untergehen. Das erste Läuten der Essensglocke war verstummt, es würde bald Abendessen geben. Gleich würde er aufstehen und in den Speisesaal gehen. Sein Leben war noch nicht zu Ende.

Hätte er noch in dem Fischerdörfchen Stenvik gelebt, aus dem er stammte, würde er jetzt am Ufer sitzen und zusehen, wie die Sonne langsam im Kalmarsund versank. Aber Marnäs lag an der Ostküste der Insel, weshalb er jeden Abend nur sah, wie die Sonne hinter einem kleinen Birkenhain zwischen dem Altersheim und der Kirche von Marnäs im Westen verschwand. Jetzt im Oktober trugen die Äste der Birken kaum noch Laub und ähnelten kleinen Armen, die sich der sinkenden, gelbroten Sonnenscheibe entgegenstreckten.

Die Stunde der Schatten war gekommen – die Stunde der schaurigen Geschichten.

In seiner Kindheit in Stenvik wurde um diese Zeit die Arbeit auf den Feldern und in den Bootshäusern beendet. Alle versammelten sich in den Hütten, aber die Petroleumlampen wurden noch nicht angezündet. Die Älteren saßen in dieser Stunde der Schatten und besprachen, was sie am Tag erledigt hatten und was auf den anderen Höfen im Dorf geschehen war. Und ab und zu erzählten sie den Kindern in der Hütte Geschichten.

Gerlof hatten die gruseligsten Geschichten immer am Besten gefallen. Erzählungen von Gespenstern, mystischen Zeichen, Trollen und dem jähen Tod in der öländischen Einsamkeit. Oder Geschichten von Schiffswracks, die an die Steinküste getrieben wurden und an den Klippen zerschellten.

Die Essensglocke klingelte zum zweiten Mal. Ein Kapitän, der vom Sturm überrascht und mit seinem Schiff zu nah an die Küste getrieben wurde, würde früher oder später die Steine auf dem Meeresboden gegen den Kiel schlagen hören, lauter, immer lauter, und das war der Anfang vom Ende.

Möglicherweise war er in Ausnahmefällen weitsichtig genug, früh genug den Anker auszuwerfen, um sich dann vorsichtig gegen den Wind wieder ins offene Meer ziehen zu können. Doch die meisten Schiffe ließen sich keinen Meter mehr bewegen, wenn sie erst einmal auf Grund gelaufen waren. Oft mussten die Seeleute sie schnell verlassen, um sich und die Besatzung an Land zu retten, und standen dann nass und frierend am Ufer und mussten hilflos zusehen, wie der Sturm das Schiff noch fester auf Grund presste und die Wellen anfingen, es in Stücke zu brechen.

Die Glocke klingelte zum dritten und letzten Mal. Gerlof hielt sich am Rand seines Schreibtisches fest und zog sich hoch. Das Rheuma meldete sich wieder in seinen Gelenken. Nachdenklich betrachtete er den Rollstuhl, der am Fußende seines Bettes stand, aber im Haus hatte er ihn bisher noch nie verwendet und gedachte es auch jetzt nicht zu tun.

Aber den Stock nahm er in die rechte Hand und hielt ihn in einem festen Griff, als er sich auf den Weg in seine Diele machte, wo seine Jacken und Mäntel auf Kleiderbügeln hingen und seine Schuhe aufgereiht standen. Er blieb kurz stehen, stützte sich auf seinen Stock und öffnete die Tür zum Gang. Er trat hinaus und sah sich um.

Die Bewohner des Altersheims von Marnäs versammelten sich, um zu essen. Einige grüßten sich leise, andere starrten die ganze Zeit zu Boden.

So viel Wissen, das mir da entgegenkommt, dachte Gerlof, als er sich dem müden Haufen auf seinem Weg in den Speisesaal anschloss.

»Willkommen zum Abendessen!«, sagte Boel, die Stationsleiterin, die lächelnd zwischen den Essenswagen stand.

Alle setzten sich vorsichtig auf ihre gewohnten Plätze.

So viel Wissen. An Gerlofs Tisch saßen ein Schuhmacher, ein Küster und ein Landwirt mit Erfahrungen und Können, nach dem keiner mehr fragte. Er selbst konnte noch immer in wenigen Sekunden mit geschlossenen Augen einen Palstek knüpfen, aber wem nützte das schon.

»Es könnte heute Nacht Frost geben, Gerlof«, sagte Maja Nyman.

»Stimmt, der Wind kommt aus Norden«, erwiderte Gerlof.

Maja saß neben ihm, klein, runzelig und mager, aber lebhafter als irgendjemand sonst auf der Station. Sie lächelte Gerlof an, und er lächelte zurück. Sie war eine der wenigen, die seinen Namen richtig aussprachen, Järloff.

Maja stammte auch aus Stenvik, hatte jedoch den Landwirt Helge Nyman geheiratet und sich in den Fünfzigerjahren im Norden von Marnäs niedergelassen. Gerlof war nach Borgholm gezogen, als er Seemann wurde. Als Maja und er sich im Altersheim wiedertrafen, hatten sie sich fast vierzig Jahre nicht mehr gesehen.

Gerlof nahm ein Knäckebrot, begann zu essen und war wie so oft dankbar, dass er noch kauen konnte. Keine Haare, schlechte Augen, keine Kraft und schmerzende Muskeln – aber er hatte wenigstens noch seine eigenen Zähne.

Kohlgeruch breitete sich aus. Heute stand Kohlsuppe auf dem Speiseplan, Gerlof hob den Löffel und wartete darauf, dass man seinen Teller füllte.

Nach dem Essen würden sich die meisten Bewohner vor den Fernseher setzen und dort den Rest des Abends verbringen.

Die Zeiten hatten sich geändert. Es lag kein gestrandetes Schiff mehr an Ölands Küsten, niemand erzählte mehr Gruselgeschichten in der Stunde der Schatten.

Das Abendessen war vorbei. Gerlof war wieder in seinem Zimmer.

Er lehnte den Stock gegen das Bücherregal und setzte sich erneut an den Schreibtisch. Es war Abend geworden. Wenn er sich über den Tisch lehnte und die Nase gegen die Fensterscheibe drückte, würde er ein wenig von den Feldern nördlich von Marnäs sehen können und dahinter den Strand und das dunkle Meer. Die Ostsee, sein alter Arbeitsplatz. Aber solche gymnastischen Übungen konnte er nicht mehr ausführen, sondern musste sich damit begnügen, auf die Birken hinter der Wohnanlage zu schauen.

Die Leitung nannte es schon lange nicht mehr Altersheim, aber natürlich war es das und nichts anderes. Sie dachten sich ständig neue Wörter aus, damit es besser klang, aber sie waren nun einmal alte Menschen, die zusammengepfercht wurden und in den meisten Fällen auf den Tod warteten.

Ein schwarzes Notizbuch lag neben einem Stapel von Zeitschriften auf dem Schreibtisch, und er streckte die Hand danach aus. Nachdem er die erste Woche im Altersheim nur an seinem Schreibtisch gesessen und hinausgestarrt hatte, war Gerlof losgegangen und hatte sich in dem kleinen Kiosk der Anlage ein Notizbuch gekauft. Seither schrieb er.

In dem Notizbuch standen Gedanken und Ermahnungen. Dort schrieb er sich Dinge auf, die erledigt werden mussten und die durchgestrichen wurden, wenn sie erledigt waren, bis auf die Aufforderung RASIER DICH!, die ganz oben auf der ersten Seite stand und nie durchgestrichen wurde, weil es eine tägliche Aufgabe war.

Der erste Gedanke, den er in das Buch geschrieben hatte, lautete:

EIN GEDULDIGER IST BESSER ALS EIN STARKER, UND WER SICH SELBST BEHERRSCHT, IST BESSER ALS EINER, DER STÄDTE GEWINNT.

Das war aus den Sprüchen Salomos, sechzehntes Kapitel. Gerlof hatte mit zwölf Jahren begonnen, in der Bibel zu lesen, und es seitdem nie mehr aufgegeben.

Die jüngste Aufzeichnung bestand aus drei Zeilen, die noch nicht durchgestrichen waren.

RECHNUNGEN BEZAHLEN.

JULIA KOMMT DIENSTAGABEND.

NOCH MAL MIT ERNST SPRECHEN.

Die Rechnungen fürs Telefon, die Zeitschriften, den Aufenthalt im Altersheim sowie die Pflege des Grabes seiner Frau Ella würde er nicht vor nächster Woche bezahlen müssen.

Julia war auf dem Weg, sie hatte am Ende ihres Gesprächs schließlich doch versprochen zu kommen. Er durfte das nicht vergessen. Er hoffte, dass sie eine Weile auf Öland bleiben würde. Nach so vielen Jahren war sie noch immer voller Trauer, und er wollte sie davon befreien.

Die letzte Zeile war genauso wichtig und hatte ebenfalls mit Julia zu tun. Ernst war Steinmetz in Stenvik, einer der wenigen, die das ganze Jahr über dort wohnten. Er, Gerlof und ihr gemeinsamer Freund John telefonierten oft miteinander. Manchmal saßen sie auch in der Dämmerung zusammen und erzählten sich die alten Geschichten, was Gerlof sehr schätzte, auch wenn er die meisten schon kannte.

Aber eines Abends vor ein paar Monaten war Ernst mit einer neuen Geschichte vorbeigekommen: der vom Mord an Gerlofs Enkelkind Jens.

Gerlof war nicht darauf vorbereitet gewesen, diese Geschichte zu hören – er wollte eigentlich überhaupt nicht an den kleinen Jens denken –, aber Ernst hatte auf dem Bett gesessen und darauf bestanden.

»Ich habe viel darüber nachgedacht, wie es dazu kommen konnte«, hatte Ernst leise gesagt.

»Ach ja?«, hatte Gerlof gefragt, der am Schreibtisch saß.

»Ich glaube nicht, dass dein Enkel ans Meer gegangen und ertrunken ist«, hatte Ernst gesagt. »Ich glaube, dass er im Nebel auf der Alvar herumgelaufen ist. Und dass er dort seinem Mörder begegnet ist.«

»Seinem Mörder? Wem denn?«, hatte Gerlof gefragt.

»Nils Kant«, hatte Ernst geantwortet. »Ich glaube, dass er im Nebel Nils Kant begegnet ist.«

Gerlof hatte ihn nur angestarrt, aber der Blick seines Freundes war ernst geblieben.

»Ich glaube, dass es so war«, hatte er gesagt. »Ich glaube, dass Nils Kant zurückgekommen ist, von wo auch immer, und ein weiteres Unheil angerichtet hat.«

Mehr hatte er im Grunde nicht erzählt. Eine kurze Geschichte in der Stunde der Schatten, aber Gerlof hatte sie nicht vergessen können. Außerdem unterhielten sie sich jedes Mal darüber, wenn sie sich trafen. Er wartete gespannt auf Ernsts nächsten Besuch, um noch mehr von ihm zu erfahren.

Gerlof blätterte in seinem Notizbuch. Die Zahl der festgehaltenen Gedanken war viel geringer als die der Erinnerungen, und ohnehin waren seine Aufzeichnungen schnell durchgesehen.

Er schloss das Buch und betrachtete die sich wiegenden Birken in der Dunkelheit. Sie erinnerten ihn an Segel bei Starkwind, und von dem Gedanken war es nicht weit bis zu der Erinnerung an damals, als er selbst im Herbstwind an Deck stand und die öländische Küste langsam vorbeiglitt, ganz nah, sodass man die Steine und Hütten erkennen konnte oder einfach nur als ein schwarzes Band am Horizont – und als er diese Bilder heraufbeschworen hatte, klingelte plötzlich das Telefon.

Gerlof ließ es noch einmal klingeln. Oft konnte er erraten, wer dran war; diesmal war er sich jedoch nicht sicher.

»Davidsson.«

Keine Antwort.

Die Person am anderen Ende sagte kein Wort.

Gerlof glaubte trotzdem zu wissen, was sie wollte.

»Hier ist Gerlof«, sprach er in den Hörer, »ich habe sie bekommen. Wenn die Sandale der Grund dieses Anrufs ist.«

Er glaubte leise Atemzüge zu hören.

»Sie ist vor ein paar Tagen mit der Post gekommen«, sagte er.

Schweigen in der Leitung.

3

Julias ältere Schwester Lena Lundqvist hielt den Schlüsselbund fest umklammert und starrte auf das Auto, ausschließlich auf das Auto. Julia warf sie nur einen flüchtigen Blick zu, dann sah sie wieder auf das Auto.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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