Old Bones – Der Fluch der Wüste - Douglas Preston - E-Book

Old Bones – Der Fluch der Wüste E-Book

Douglas Preston

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Beschreibung

Tödliche Artefakte und toughe Ermittlerinnen: »Old Bones – Der Fluch der Wüste« ist der 5. abenteuerliche Cold-Case-Thriller um FBI-Agentin Corrie Swanson und Archäologin Nora Kelly. In New Mexikos Badlands, einer bizarr geformten Wüstenregion, wird das Skelett einer Frau gefunden. Offenbar ist sie nackt in die Wüste gelaufen und qualvoll verdurstet. Ihre Hände halten noch immer zwei seltene Artefakte fest: blitzende Steine, die von den alten Chaco-Völkern zur Götterbeschwörung verwendet wurden. Hat die Frau Selbstmord begangen – oder war sie eine Opfergabe? FBI-Agentin Corrie Swanson bittet die Archäologin Nora Kelly um Unterstützung bei dem Fall. Als eine weitere gemarterte Leiche entdeckt wird, deutet alles auf den Beginn einer makabren Serie hin. Die Ermittlungen führen Corrie und Nora in entlegene Canyons und zu Ruinen, von denen es heißt, sie seien verflucht. Dabei stoßen sie auf längst vergessene Rituale – und auf eine uralte, dunkle und bösartige Macht. Einmal aus ihrem Schlaf erweckt, verheißt sie nichts als Zerstörung … Mystery, Action und Archäologie vom international gefeierten Bestseller-Duo Preston & Child Auch mit dem 5. Band ihrer Thriller-Reihe »Old Bones« ist Douglas Preston und Lincoln Child ein echter Pageturner gelungen. Zwischen Wissenschaft und Mythologie entsteht jede Menge Gänsehaut! Die Abenteuer-Thriller aus den USA sind auf Deutsch in folgender Reihenfolge erschienen: - Old Bones – Tote lügen nie - Old Bones – Das Gift der Mumie - Old Bones – Die Toten von Roswell - Old Bones – Das neunte Opfer - Old Bones – Der Fluch der Wüste

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Seitenzahl: 454

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Ähnliche


Douglas Preston / Lincoln Child

Old Bones

Der Fluch der Wüste

Thriller

Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Benthack

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Seltene Artefakte, die ihre Besitzer in den Wahnsinn, gar in den Tod treiben … 

 

In den Badlands, einer schwer zugänglichen, verwitterten Region in New Mexico, wird das Skelett einer Frau gefunden. Das Opfer ist nackt in die Wüste gelaufen und dann qualvoll verdurstet. In ihren knochigen Händen zwei blitzende Steine, die von den alten Chaco-Völkern zur Götterbeschwörung verwendet wurden. War es Selbstmord oder eine Opfergabe? FBI-Agentin Corrie Swanson zieht Archäologin Nora Kelly hinzu, um den Fall zu klären. Als eine zweite gemarterte Leiche entdeckt wird, deutet alles auf den Beginn einer makabren Serie hin. Corrie und Nora setzen ihre Ermittlungen in abgelegenen Canyons sowie verwunschenen Ruinen fort – und stoßen dabei auf eine schlummernde Bedrohung: eine dunkle und bösartige Macht, die wieder zum Leben erweckt wurde und Zerstörung verheißt …

 

»Eine mitreißende Geschichte, die die Grenze zwischen Wissenschaft und Aberglauben überschreitet.«

BookTrib

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

64. Kapitel

Anmerkung der Autoren

1

August 2020, genaues Datum unbekannt

Die Frau blieb stehen, hob den Kopf und schaute über die flirrende Landschaft zum Horizont. Sie blinzelte, blinzelte noch einmal, geblendet vom Licht. So weit das Auge reichte, erstreckte sich eine mit Hoodoo-Felsformationen gesprenkelte Wüste: Felsnadeln und Spitzkuppen, gigantische Felsblöcke, auf schlanken Säulen balancierend, wabernd und gespenstisch in der Hitze. Dieser Wahnsinn aus Gestein und Sand lag unter einem brennenden, von der glühend heißen, unerbittlichen Sonne beherrschten Himmel. Keinerlei Spuren von Leben waren sichtbar, keine Bäume, kein Gras, nichts außer ein paar verkümmerten Kaktusfeigen, kaum aus dem Sand ragend, ausgedörrt, abgestorben, mehr Haut als Knochen.

Die Frau senkte den Kopf, ging weiter und konzentrierte sich darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen, immer Richtung Norden, wo, wie sie wusste, ihr Ziel lag. Wenn sie nur bald dort ankommen würde … dann wäre sie in Sicherheit.

Endlich verstand sie den Ausdruck brennender Durst. Sie glaubte, schon früher einmal durstig gewesen zu sein, manchmal sogar sehr durstig, aber das war nichts im Vergleich zu dem hier gewesen. Nichts. Ihr fiel das Gedicht von Samuel Taylor Coleridge ein, das sie so oft im Proseminar unterrichtet hatte, dass es ihr immer wieder im Kopf herumging. Genau dies musste der »Alte Seemann« empfunden haben, als er die Planken seines Schiffs unter der Sonne schrumpfen sah. Der Durst, der sie jetzt beherrschte, hatte ihr Bewusstsein ergriffen und verhinderte, dass sie an irgendetwas anderes denken konnte. Sie spürte ihren Puls in den Schläfen pochen; ihre Beinmuskeln waren schwach und zitterten. Der Mund war nach dem kilometerlangen Marsch ausgedörrt, und jetzt wurde auch noch die Zunge rissig und schwoll an. Sie schmeckte das Eisen im Blut.

Um sich von dem Durst abzulenken, versuchte sie, sich an die vergangenen Tage zu erinnern, aber die Erinnerungen kamen nur bruchstückhaft: lange, staubige Busfahrten; heimliches Reisen bei Nacht; der klimatisierte Walmart mit den Gestellen mit Billigkleidung; die schäbigen Toiletten in den Tankstellen und die Müllcontainer vor den McDonald’s. Sie erinnerte sich, wie sie ihr Geld verbrannte, fasziniert zuschaute, wie die Zwanzig-Dollar-Scheine sich in den Flammenschnörkeln runzelten. Das Handy war schwieriger zu zerstören, schließlich aber hatte das Innenleben in der brennenden Lasur des Flüssiganzünders geknistert und war geplatzt.

Einen Fuß vor den anderen.

Ein jäher Schwindel zwang sie, sich mit einer Hand an einem Felsen abzustützen. Sie holte tief Luft und atmete langsam aus. Die Sonne hörte auf, sich am Himmel zu bewegen, kehrte zurück zu einer festen Position, ein Loch allmächtiger Hitze, durch die Hülle des Himmels geschlagen. Sie spuckte das Blut aus, das aus ihrer Zunge drang, und ging weiter.

Sie musste nur eins schaffen: durchhalten. Sie versuchte, es laut aufzusagen, durchhalten, doch außer einem gehauchten Zischen drang kein Laut aus ihrem Mund. Es war heiß, brutal heiß, aber nirgends war es so heiß wie am Boden. Sie konnte es durch die Sohlen ihrer Laufschuhe spüren. Es war ein Wunder, dass sie nicht schmolzen. Wobei, vielleicht schmolzen sie ja doch, sie hatte mal gelesen, dass die Bodentemperatur in der Wüste bei voller Sonne fünfundsechzig Grad Celsius überschreiten konnte.

Zeit verstrich. Die Frau ging weiter. Und sie kam taumelnd zum Stehen, als sie auf einmal … was? … spürte.

Ja, was eigentlich? Sie konnte einfach nicht in Worte fassen, was sie empfand. Alles war so anders. Hier in diesem Inferno war es, als habe ihre Transformation bereits begonnen. Schon jetzt fühlte sie sich anders als nur eine Viertelstunde zuvor – und Lichtjahre entfernt vom Anfang, als ihr erstmals klar wurde, dass sie die Straße aus dem Blick verloren hatte.

Erlösung. Das war das Wort, das lauter als alles andere in ihrem Kopf widerhallte, lauter als die glühende Hitze, lauter sogar als dieser furchtbare Durst. Erlösung.

Sie spürte den Amboss der Sonne direkt auf ihrem Kopf. Sie zählte, zehn Schritte vor.

Sie zog ihr Hemd aus, zog es sich über den Kopf und ließ es fallen.

Zehn weitere Schritte.

Sie hakte den Büstenhalter auf und schüttelte ihn ab. Jetzt drang die Strahlung der Sonne in ihre Haut ein.

Als sie nach dem Verschluss ihrer Shorts griff, sah sie im Augenwinkel Bewegungen. Sie lief los und hockte sich hinter einen Felsen. Sie hatte schon vieles gesehen, bei dem es sich nur um einen bösen Streich ihrer sonnenblinden Sehkraft handelte, aber sie musste sich vergewissern.

Diesmal war es kein Trugbild, keine Fata Morgana. Dort in der Ferne erblickte sie einen dunklen Punkt – ein Mensch.

Wie seltsam, mitten im Nichts führte eine Frau eine kleine Herde Schafe. Sie war wohl anderthalb Kilometer entfernt und ging in die entgegengesetzte Richtung, sichtbar war sie nur, weil sie mit ihren Schafen eine kleine Anhöhe hinaufging und die Tiere darüber hinwegführte.

Hatte die Frau sie gesehen?

Sie wartete, versteckte sich. Nichts. Nach einer Weile, sobald sie sich sicher war, dass die Frau fort war, erhob sie sich langsam. Sie knöpfte ihre Shorts auf und zog sie aus, ebenso die Unterhose.

Als Nächstes streifte sie die Laufschuhe ab – und schließlich die Socken. Als ihre nackten Füße den heißen Sand berührten, verspürte sie einen jähen, brennenden Schmerz, der so unerträglich war, dass sie beinahe auf die Knie sank – doch sie unterdrückte ihn, so gut es ging, und konzentrierte sich stattdessen darauf, ihre letzten Besitztümer festzuhalten. Die Gegenstände, die sie, anders als die Dinge dieser Welt – Geld, Kleidung – nicht aufgeben konnte, nicht aufgeben durfte.

Es war, als ginge sie auf glühenden Kohlen. Ihr Körper, nicht ihr Hirn, warnte sie, dass dies hier nicht lange dauern konnte. Doch es gab keinen Grund, sich zu fürchten, überhaupt keinen Grund.

Ein Schritt nach dem anderen.

Und dann – unerwartet, jäh – gaben ihre Beine nach, und sie sank auf die Knie. Mit der nackten Haut traf sie auf den Boden wie Fleisch, das auf eine glühende Grillpfanne fiel. Unwillkürlich schrie sie auf, richtete sich auf, wand sich im vergeblichen Versuch, der Hitze zu entkommen, jeder neue Kontakt mit dem Sand sengend, während sie merkte, dass ihre Haut riss und platzte. Aus der Haut quoll etwas Flüssiges, aber dieser Schweiß war ganz anders, als sie das je erlebt hatte. Ein Zischen ertönte. Durch die Wand der Todesqual wurde ihr bewusst, dass sie kochte.

Ihr Körper kochte …

Die Schreie erstarben. Einige kurze Echos waren noch zu hören, ehe sich erneut Stille über die Landschaft senkte. Ihr Körper erschlaffte im Sand, ein furchterregendes Zerrbild der Entspannung, während das erste Stadium der postmortalen Veränderung – die Erstarrung der Muskulatur – einsetzte.

Nur die Fäuste der Frau blieben geballt.

2

Gegenwart

An der abgelegenen Ostgrenze der Navajo Nation Reservation zog der Morgen über dem Ah-Shi-Sle-Pah-Ödland auf, und der Himmel hellte sich von Mitternachtsblau zu Blassgelb auf.

»Wir verpassen noch das beste Licht«, sagte der Regisseur zu Alex Bondi, der sich über das kleine Landingpad beugte und eine Kameradrohne für den Flug vorbereitete. »Wir werden das Licht verpassen!«

Bondi ignorierte ihn und kalibrierte weiter den Kompass und das Trägheitsnavigationssystem der Drohne. Er verkniff sich den Hinweis, dass sie deshalb so spät dran waren, weil der Regisseur am Vorabend gezecht hatte. Um zum Sonnenaufgang um sechs Uhr in diesen entlegenen Badlands einzutreffen, hätten sie um zwei Uhr nachts aufstehen und auf furchtbar holprigen Straßen herfahren müssen. Als man den Regisseur ins Auto verfrachtet hatte, war er immer noch betrunken gewesen. Die grauenhafte Fahrt hatte den Alkohol aus ihm herausgeschüttelt – was allerdings dazu führte, dass er jetzt einen Kater hatte und genervt war.

Langsam bereute Bondi, den Job als Kameramann für den Film angenommen zu haben, einen Independent-Western namens Steele, der von einer Gruppe von Ölmagnaten aus Houston finanziert wurde. Es hatte sich so angehört, als würde die Filmerei Spaß machen – fünf Wochen in Santa Fe, Dreharbeiten auf der Lazy-C-Movie-Ranch, Unterkunft in einem Bed and Breakfast unweit des Marktplatzes der Stadt. Er hatte gehört, dass der Regisseur, Luke Desjardin, »ein bisschen« manisch sei, aber er arbeitete ja nicht zum ersten Mal mit irre aufgedrehten Regisseuren und glaubte, mit der Situation klarzukommen. Doch wie sich herausstellte, war Desjardin nicht nur ein bisschen manisch, sondern durchgeknallt: ein Clase-Azul-Tequila trinkender, Montecristos rauchender, Koks schnupfender Tornado, der nie zu schlafen schien und es anderen übel nahm, dass sie es taten.

Zwei Dutzend von der Crew waren vor Ort – Kamerabühnenleute, Produktionsassistenten, Kameraleute, ein Caterer, das volle Programm. Sie hatten ein Wohnmobil mit Klimaanlage und einem Spülklosett hierher rausgefahren. Es waren keine Kosten und Mühen gescheut worden. Um die Leute vor der Julisonne zu schützen, hatte man ein offenes Zelt aufgespannt, auf mehreren Tischen standen große Kühltaschen mit Eiswasser. Immerhin, die Geldgeber waren nicht knauserig – vielleicht waren sie aber auch schon dahintergekommen, dass Filmarbeiten ohne grundlegenden Komfort an einem Ort, der so extrem abgelegen war, am Ende mehr kosten würden.

Nach beendeter Kalibrierung trat Bondi einen Schritt zurück. »Flugbereit.«

Desjardins Stimme war fast so hoch wie die eines Mädchens und so laut, dass sie die Wüstenluft wie ein Messer durchschnitt. »Na endlich! In weniger als fünf Minuten geht die Sonne auf.« Er holte tief Luft. »Also, das ist der Shot, nach dem ich suche – eine lange Eröffnungseinstellung über dieses Ödland bei Tagesanbruch, die das goldene Licht und die langen Schatten einfängt.«

»Kein Problem.«

Bondis Produktionsassistent stand neben ihm und hielt ein Fernglas bereit. Er war der Spotter, seine Aufgabe bestand darin, die Drohne im Auge zu behalten – soweit das in dieser Landschaft möglich war. Aber Bondi war sehr erfahren darin, Drohnen außer Sichtweite zu steuern, wobei er sich von der Videoeinspielung auf seiner Handheld-Konsole leiten ließ.

»Ich möchte, dass Sie über den Gipfel dort drüben hinwegfliegen«, sagte der Regisseur. »Sehen Sie ihn?«

In der Tat, Bondi sah ihn – ein unheimlicher, siebzehn Meter hoher, schwarzer Felsturm, der wie ein gebogener Finger aussah, der in den Himmel zeigte, und oben flach abgeschnitten war. Er befand sich rund anderthalb Kilometer entfernt, jenseits eines labyrinthischen Terrains voller Hoodoos und Balancing Rocks, durchsetzt von ausgetrockneten Flussbetten und Miniatur-Canyons. Bondi musste zugeben, dass es sich hier um eine perfekte Location handelte. Aber es war auch eine höllische Landschaft, wie er sie noch nie gesehen hatte.

»Ich möchte, dass Sie darüberfliegen, mit der Kamera senkrecht nach unten gerichtet, dann im Kreis darum herumfliegen, die Kamera anheben und sich auf die Felsnadel fokussieren, dann daran vorbeisausen und im Vorbeiflug zurückschwenken. Geht das?«

»Natürlich.« Das war ja der Quatsch, für den er bezahlt wurde. Angst machte ihm nur, dass irgendeine mechanische Panne die Drohne in dieser irrsinnigen Landschaft womöglich abstürzen ließ.

»Okay. Los geht’s.«

Bondi startete die Drohne, ließ sie drei Meter aufsteigen und stoppte, um sicherzugehen, dass ihr GPS Satellitenkontakt hatte und wusste, wo sie sich befand; dann erst jagte er sie auf eine Höhe von zwanzig Metern, was hoch genug war, um über die Felsformationen hinwegzukommen. Bei mittlerer Geschwindigkeit schickte er die Drohne in nördliche Richtung, während Desjardin ihm über die Schulter aufs Display schaute und ihn dabei mit seinem Zigarrenatem anhauchte.

»Gehen Sie tiefer.«

Bondi senkte die Drohne auf siebzehn Meter ab.

»Noch tiefer.«

Bondi nahm sie runter auf dreizehn Meter. Das war riskant, weil viele der Hoodoo-Formationen höher waren. Aber Bondi vertraute darauf, dass er fähig wäre, zwischen ihnen hindurchzusteuern; außerdem verfügte die Drohne über ein Radarsystem, das verhindern würde, dass sie gegen einen Felsen flog, selbst dann, wenn sie es wollte. Normalerweise stellte er diese Sicherheitsfunktion aus bei Nahaufnahmen, aber in dieser Landschaft wollte er kein Risiko eingehen.

»Gut … gut … ja, genau so … ganz ruhig weiter«, murmelte Desjardin, schaute auf das Display und verfolgte die Bilder aus Sicht der Drohne.

»Ich sehe sie nicht mehr«, sagte der Spotter mit dem Fernglas.

»Keine Sorge«, sagte Bondi. »Ich hab sie unter Kontrolle.«

Verdammt, was für eine Landschaft! Es war kaum zu glauben, dass es sich nicht um irgend so ein surrealistisches Gemälde handelte – all diese gewundenen ausgetrockneten Flussbetten, diese kleinen balancierenden Felsen und Felsnadeln und Felsbögen, die lange Schatten warfen. So verrückt Desjardin auch war, er wusste, wie man unglaublich gute Bilder einfing. Das Shooting würde fantastisch werden, die Bemühungen allemal wert.

Jetzt kam der abgeschnittene Felsturm näher. Er ragte derart auffällig aus der Landschaft, dass er bestimmt, wie Bondi annahm, einen Namen hatte. Er flog daran vorbei, dann lenkte er die Drohne herum, in einer langen, weiten Kehre, während er gleichzeitig die Kamera sanft nach oben richtete. Das Objektiv erhaschte einen kurzen Augenblick des feurigen Scheins der aufgehenden Sonne, ehe es sich wieder auf die Felsnadel einstellte. Bondi war sofort klar, dass er die Einstellung perfekt hinbekommen hatte, und verspürte einen jähen Adrenalinschub, wie immer bei so etwas.

»Okay …«, sagte Desjardin, »gut … Richten Sie die Kamera jetzt wieder auf die Erde.«

Bondi hantierte mit den Steuerhebeln, der Boden kam immer näher – eine Feuerlache im frühmorgendlichen Licht.

»Tiefer«, sagte Desjardin.

Bondi lenkte die Drohne nach unten, hielt die Kamera dabei weiter auf den Boden gerichtet.

»Warten Sie«, sagte Desjardin. »Was ist das da?«

Bondi hatte es auch gesehen: irgendetwas auf dem Boden. Aber die Drohne war daran vorbeigeflogen, und es war nicht mehr in Sicht.

»Kehren Sie um«, sagte Desjardin.

Bondi wendete die Drohne und flog zurück.

»Dort!«, rief Desjardin.

Bondi brachte die Drohne so zum Stehen, dass sie über einem weißlichen Objekt schwebte, das teilweise von Sand zugedeckt war.

»Ach du lieber Himmel! Das ist ein menschlicher Schädel!«

»Stimmt«, sagte Bondi.

»Und schauen Sie mal, da sind auch noch ein paar Gebeine … Sehen Sie die?«

»Ja.«

»Das ist ein Skelett!«, sagte Desjardin. »O mein Gott, jemand ist hier draußen gestorben!«

Als Bondi die Kamera wieder zurück über die verstreuten menschlichen Überreste schwenkte, erblickte er in der Nähe ein verrottetes altes Hemd und einen verschrumpelten Laufschuh.

»Steuern Sie die Drohne hundert Meter nach Norden«, sagte Desjardin, »und fliegen Sie sie wieder darüber zurück – langsam, hundert Meter Richtung Süden. Holen Sie den Schädel ins Bild.«

»Ja, aber …«

»Machen Sie’s einfach!«

Bondi tat wie ihm geheißen und steuerte die Drohne über die menschlichen Überreste.

»Noch einmal! Heben Sie diesmal die Kamera leicht an, um den Horizont draufzukriegen, und schwenken Sie anschließend beim Rückflug über das Skelett.«

»Hm, das ist keine Requisite«, sagte Bondi.

»Wen interessiert das denn? Das ist perfekt!«

Cobb, der Assistant Director, meldete sich zu Wort. »Luke, im Skript steht nichts über ein Skelett.«

»Aber das kommt noch! Das kann ich dir versprechen!«

Bondi steuerte die Drohne wieder über die Knochen.

»Diese menschlichen Überreste dort draußen«, sagte Cobb. »Ich meine, dürfen wir unsere Aufnahmen denn überhaupt nutzen?«

»Darauf können Sie Gift nehmen, solche Sachen kommen doch täglich in den Nachrichten! Okay, Bondi, schwenken Sie noch mal drüber hinweg. Die erste Version war ein wenig unruhig.«

Der Monitor der Drohne fing an zu piepen und zu blinken, Anzeichen einer niedrigen Akkuladung. »Ich sollte sie zurückholen«, sagte Bondi.

»Ich kann so eine Anzeige auch lesen. Die Ladung beträgt immer noch fünfzehn Prozent. Wir haben also Zeit für einen weiteren Vorbeiflug.«

»Das Skelett ist anderthalb Kilometer weit entfernt. Wir brauchen genug Saft, um die Drohne zurückzuholen.«

»Machen Sie den Vorbeiflug!«

Bondi erhob keinen Widerspruch; war ja nicht seine Drohne. Er flog erneut über das Skelett, aber weil seine Hand am Kamerarädchen etwas zitterte, war die Aufnahme verwackelt.

»Noch mal!«

Das Piepen und Blinken wurde lauter.

»Ich muss sie zurückholen«, sagte Bondi. »Sofort.«

»Noch mal.«

Er schickte die Drohne hundert Meter weit, dann wendete er sie. Plötzlich war der Bildschirm verpixelt, der Alarm piepte – dann Schwärze. Fünfzehn Sekunden später erschien eine krasse Meldung auf dem Schirm: NOTLANDUNG WIRD EINGELEITET.

Bondi senkte den Monitor. »Wir haben sie verloren.«

»Holen Sie die Ersatzdrohne her.«

»Die ist abgestürzt – erinnern Sie sich? Aber wir haben noch eine im Zoll.«

»Was zum Teufel?«, schrie Desjardin frustriert. »So ’n Scheiß!« Fluchend und schreiend stiefelte er auf und ab, während alle anderen herumstanden und schweigend zuschauten. Es war nicht das erste Mal, dass er am Set durchdrehte.

Schließlich blieb er vor Bondi stehen. »Also gut, wissen Sie, wo sie ist?«

»Ich habe die GPS-Koordinaten.«

»Sie haben die Meldung gesehen. Die Drohne ist nicht abgestürzt, sie ist notgelandet. Also ist sie noch heil. Holen wir sie.«

Das wurde mit Schweigen quittiert – bis Cobb schließlich sagte: »Das ist nicht dein Ernst.«

»Was soll das heißen?«, kreischte Desjardin und wandte sich zum Assistant Director um.

»Im Juli anderthalb Kilometer in dieses Ödland hineinspazieren, in der prallen Sonne? Es sind schon jetzt nahe siebenunddreißig Grad. Wir werden da draußen krepieren.«

»Wer hat dich zum Experten gemacht?«

Aber Cobb blieb dabei. »Du musst mir das gar nicht glauben, Luke – das Skelett sagt es viel besser. Ich für meinen Teil habe jedenfalls keine Lust, mich ihm anzuschließen.« Und dann, während Desjardin immer noch vor Wut schäumte, fügte Cobb hinzu: »Ich glaube, wir sollten die Polizei rufen.«

3

Wie weit noch?«, fragte Supervisory Agent Sharp, der am Steuer saß. Mit seinen schläfrigen Augen, halb zugekniffen, blickte er konstant nach vorn, als verfolgte er eine Golfpartie und würde nicht durch Ebenen voller Wüstenbeifuß fahren, hundert Meilen fern jeder Zivilisation.

Corrie Swanson sah auf ihr Handy. Es gab hier keinen Mobilfunk-Empfang, aber in weiser Voraussicht hatte sie die Bilder des Google-Earth-Satelliten der Region heruntergeladen.

Sie fand den kleinen blauen Punkt. »Noch etwa fünf Meilen.«

»Fünf Meilen«, wiederholte Sharp. »Das bedeutet dann wohl, dass gleich der spaßige Teil unserer kleinen Ausfahrt beginnt.«

Sharp war ein extrem skurriler FBI-Agent, deshalb wusste Corrie nicht genau, was er damit meinte. Sie blickte aus dem Fenster, auf den violetten Wüstenbeifuß und das Horstgras, die blauen Berge in der Ferne und, hier und da in der mittleren Entfernung, kleine Bereiche Ödland: Grüppchen bizarrer geologischer Erscheinungen – Felsblöcke, die auf dünnen Felsnadeln aus weicherem Gesteinsmaterial balancierten.

Sharp bog um eine Ecke, das Fahrzeug kippte nach vorn in eine Senke, die Corrie nicht gesehen hatte – und plötzlich fuhren sie in einen Wald dieser koboldartigen Felsen, wobei das Fahrzeug über eine Sandpiste holperte, die sich schlagartig von schlecht in halsbrecherisch verwandelte.

»Jesses!«, rief Corrie unfreiwillig und packte die Armlehnen.

»Jetzt wissen Sie, warum das hier Badlands genannt wird.« Sharp sagte das einen Tick lauter, damit Corrie ihn bei dem Lärm auch verstand.

Statt zu antworten, hielt sich Corrie einfach nur weiter fest. Es war eines, diesen bizarren Anblick aus kilometerweiter Entfernung zu betrachten – und etwas ganz anderes, dort auf etwas zu fahren, bei dem es sich mehr um eine Piste als um eine Straße handelte. Corrie hatte zwar Fotos gesehen, die der Gegend aber keinesfalls gerecht wurden. Manche der Felsformationen sahen aus wie Eingeweide: vorgewölbt und gewickelt. Andere wirkten eher wie gigantische Pilze oder die Zungenpapillen eines Riesen, die in ekligen Knoten in die Höhe ragten.

»Die Einheimischen nennen diese Felsformationen ›Hoodoos‹«, sagte Sharp.

»Es sieht hier aus wie auf der dunklen Seite des Mondes.« Corrie blickte in den Rückspiegel, in dem weit hinter ihnen der Transporter des Spurensicherungsteams dahinkroch, fast unsichtbar in dem Staub, den er aufwirbelte.

Sie gelangten zu einem ausgetrockneten Flussbett, in dem der Wagen fast auf den Boden aufsetzte. Corrie wünschte, Sharp würde langsamer fahren, traute sich aber nicht, das anzusprechen. Die dunkle Seite des Mondes – das war eine Untertreibung. Es war vielmehr der Ort, an den Gott, als er die Erde schuf, den ganzen übrig gebliebenen Müll gekippt hatte, die Kleinteile einer Landschaft, die so deformiert und grotesk aussahen, dass er nirgendwo sonst Platz dafür finden konnte.

Als sie die Böschung eines weiteren trockenen Flussbetts hinauffuhren, erspähte Corrie schockiert eine sechseckige Holzhütte aus gespalteten Holzstämmen, mit einem Dach aus Grassoden.

»Das kann nicht der Wohnsitz von irgendwem sein«, sagte sie. »Es gibt kein Leben auf dem Mars.« Doch als sie weiterfuhren, erkannte sie den schäbigen Trailer hinter der Hütte neben irgendwelchen Pferchen.

»O mein Gott«, sagte sie. »Sehen Sie mal, da ist jemand!« Sie deutete auf eine Frau, die in der Tür der Hütte erschienen war und beobachtete, wie sie vorbeifuhren.

»Sie ist eine Navajo«, sagte Sharp. »Wir befinden uns in einem Gebiet namens Checkerboard, dem Schachbrett.«

»Wie bitte?«

»Ist eine lange Geschichte, sie handelt von der Enteignung von Grund und Boden. Es gibt hier abwechselnd Tausende Hektar Land, das den Navajo gehört und sich mit Tausenden Hektar Land abwechselt, das dem Bund gehört. Hier draußen leben nicht wenige hartgesottene alte Leute, abgekoppelt vom Versorgungsnetz, die ihre traditionelle Lebensweise fortführen. Manche von ihnen können nicht einmal Englisch.«

»Aber Sie sind noch nie in dieser Region gewesen – richtig?«

»Nicht in dieser besonderen Gegend. Ich war schon mal andernorts im Checkerboard, wie auch im Chaco Canyon, circa fünfzehn Kilometer südlich.«

Corrie hatte von den großartigen Ruinen im Chaco Canyon gehört und hatte vor, dort hinzufahren, sobald ihre Arbeit das zuließ – vorausgesetzt, sie kamen aus diesem Jenseitsort heraus, ohne von Aliens entführt zu werden.

Sharp trug den üblichen makellosen blauen Anzug. Corrie hingegen hatte sich für die Wüste gekleidet: Wanderstiefel, Shorts, ein leichtes Hemd und ein breitkrempiger Hut – außerdem hatte sie eine CamelBak-Trinkflasche mitgenommen. Der einzige Verweis auf ihren Status als Bundespolizistin war das baumelnde Trageband mit ihrem Dienstausweis. Sharp hingegen sah aus, als müsste er gleich zur Anhörung vor einem Kongressausschuss erscheinen.

Während sie um einen besonders großen Hoodoo-Felsen herumfuhren, erblickte Corrie in der Ferne das weiße Wüstenzelt der Filmcrew und ihre Fahrzeuge, darunter ein großes Wohnmobil, das auf einer der seltenen ebenen Flächen zwischen den Felsformationen parkte. Niemand war unterwegs – Corrie nahm an, dass die Leute sich vor der Hitze ins klimatisierte Wohnmobil verkrochen hatten.

»Bereit, sich wieder einmal die Hände schmutzig zu machen, Special Agent Swanson?«, fragte Sharp.

»Ja, Sir.« Sie fand die umgebende Landschaft unglaublich, unterdrückte jedoch ihr Erstaunen.

»Weil es sich hier um das sogenannte Checkerboard-Land handelt, werden wir mit der Polizei der Navajo Nation zusammenarbeiten. Crowpoint schickt uns einen Detective Sergeant namens Benally.«

»Eine Art Joe Leaphorn?«

Sharp lächelte matt. »Hoffen wir, er ist so gut wie einer der Cops in den Tony-Hillerman-Romanen. Ich habe schon mal mit der Polizei der Navajo zusammengearbeitet, die sind da total professionell. Außerdem sind sie nützlich, sie öffnen Türen, falls das notwendig wird.« Er hielt inne. »Ich erwarte, dass Sie die Leitung in diesem Fall übernehmen, Agentin Swanson.«

Sie nickte. »Vielen Dank, Sir.« Dass er das wollte, kam für Corrie nicht überraschend. Sie hatte von Anfang an damit gerechnet, dass es ihr Fall sein würde, und dafür war sie Sharp dankbar. Sie befand sich immer noch in der zweijährigen Probezeit für den Dienst beim FBI und war froh, der Bearbeitung ungelöster Fälle und den endlosen Befragungen von dummen, wenig hilfreichen Zeugen zu entfliehen.

Sharp lenkte den Geländewagen auf die freie Fläche und parkte neben dem Wohnmobil. Als Corrie ausstieg, war ihr, als würde sie gegen eine Hitzewand prallen. Drei Personen stiegen aus dem Wohnmobil, man versammelte sich im Schatten unter dem offenen Zelt. Es war später Nachmittag, die Hitze des Tages hatte zum Glück nachgelassen. Die drei Männer stellten sich vor: Luke Desjardin, Regisseur des Films, Alex Bondi, der Kameramann, sowie ein weiterer Mann namens Cobb. Desjardin trug einen großen Strohhut, darunter ein rotes Kopftuch, ein gebatiktes Hemd und eine weite Hose. Unrasiert und hässlich. Bondi war jung und sah verhältnismäßig normal aus. Cobb war klein und strahlte Anspannung und Nervosität aus.

»Also.« Corrie konzentrierte sich und wandte sich an Bondi, er schien ihr der vielversprechendste Gesprächspartner zu sein. »Wir haben uns das Video angesehen, das Sie uns geschickt haben – das sind definitiv menschliche Überreste, und zwar jüngeren Datums. Vielen Dank, dass Sie uns kontaktiert haben. Ist schon jemand vor Ort gewesen?«

»Nein«, sagte Bondi. »Wir fanden, wir sollten auf Sie warten.«

»Gute Entscheidung«, sagte Corrie. »Und Sie sagen, Sie haben einen GPS-Standort?«

»Ja.« Bondi zeigte in eine Richtung. »Sehen Sie dort draußen diese dunkle Felsformation? Die sterblichen Überreste, die die Drohne entdeckt hat, liegen etwa fünfzig Meter südöstlich davon. Unserer Drohne ist der Saft ausgegangen, und sie ist in der Nähe notgelandet.«

»Okay.« Corrie ließ den Blick über die unwirtliche Landschaft schweifen. Der schwarze Turmfelsen – weitere ähnlich aussehende Felsnadeln sprenkelten die Landschaft, aber diese war die bei Weitem am nächsten gelegene – lag rund anderthalb Kilometer entfernt. Sie mussten sich beeilen, mit der Arbeit fertig zu werden, bevor es dunkel wurde. »Können wir dort hinfahren?«

»Leider nicht«, sagte Bondi. »Und es gibt auch keine Fußwege. Sie müssen querfeldein stiefeln.«

Corrie nickte. Hier zu gehen würde anstrengend sein, doch wenigstens kühlte sich die Luft allmählich ab. Im Stillen zitierte sie das FBI-Motto: Treue, Mut, Rechtschaffenheit.

Jetzt kam der Transporter des Spurensicherungsteams an, eine große Staubwolke aufwirbelnd, und parkte neben ihrem Geländewagen. Die Türen öffneten sich, die Experten sprangen heraus und fingen an, das Equipment auszuladen. Einige Minuten später traten sie in den Schatten unter dem offenen Zelt: zwei Kriminaltechniker und ihr Vorgesetzter, ein Beweismittelsachverständiger namens Cliff Gradinski. Corrie hatte noch nie mit Gradinski zusammengearbeitet, Sharp hatte sich zu ihren Fragen bezüglich des Mannes ausgeschwiegen. Sie musterte Gradinski – schlank, in den Vierzigern, kurzes braunes Haar, schmale blaue Augen, schlanker Hals und ein weiches, sonnengebräuntes Gesicht mit selbstzufriedenem, überheblichem Ausdruck.

Nach der Vorstellungsrunde bereitete sich Corrie darauf vor, die Gruppe anzusprechen. Gradinski war schneller. »Also, Leute, alle mal zuhören. Uns bleiben noch zwei Stunden bis Sonnenuntergang, wir müssen uns also beeilen.«

Das sagte er mit tiefer Stimme, voller Selbstwertgefühl. Corrie war etwas irritiert – denn streng genommen war sie seine Vorgesetzte, die leitende Agentin. Sie blickte zu Sharp und sah etwas in seinen Augen schimmern – Belustigung? Vielleicht eine Herausforderung? Sie schob ihre Verärgerung weit von sich und sagte sich, dass es sich hier um eine Expedition zur Beweismittelsicherung handele und es ganz normal sei, sich zurückzuhalten und die Beweismaterial-Profis ihr Ding machen zu lassen.

»Hüte, Wasser und Equipment – habt ihr alles?«, fuhr Gradinski fort. »Schnappt euch eure Sachen, Leute, auf geht’s.«

Corrie schulterte ihren Rucksack, der ihr Notizbuch, einen Stift, den vom FBI ausgegebenen Fotoapparat, ein kleines Erste-Hilfe-Set, Stirnlampe, Kompass und eine Wasserflasche enthielt. Dann blickte sie zu Sharp hin. »Sie kommen nicht mit?«

»So, wie ich angezogen bin?«, erwiderte er leise, schläfrig grinsend, und zeigte auf seinen blauen Anzug, das weiße Hemd und die schwarzen Schuhe. »Ich warte hier so lange mit dem Detective Sergeant. Es ist Ihr Fall, Agentin Swanson. Viel Erfolg.«

4

Gradinski übernahm die Führung und steuerte geradewegs auf den hervorstechenden Orientierungspunkt zu: den schwarzen Felsturm. Die anderen reihten sich hinter ihm ein und liefen ins harte, ausgetrocknete Flussbett, das sich zwischen den seltsamen Hoodoo-Felsen und Sandsteintürmen des Ödlands hindurchschlängelte. Die Sonne warf lange Schatten. Es war immer noch heiß, aber sie kamen gut voran – besser, als Corrie gedacht hatte. Nach zwanzig Minuten waren sie angekommen.

»Also Leute, an die Arbeit«, sagte Gradinski.

In einer kieshaltigen Bodensenke, die sich bis zum Fuß von etwas erstreckte, das im Volksmund Hexenfinger hieß, lagen der Schädel und diverse Gebeine. Da und dort standen Feigenkakteen, wegen der Trockenheit verschrumpelt, und irgendwelche anderen Wüstenpflanzen, die Corrie nicht zu identifizieren vermochte. Etwas abseits lag die Drohne im Sand wie eine dicke Spinne.

Der Schädel lag mit dem Gesicht nach oben, die hohlen Augen in den Himmel starrend, der Kiefer geöffnet. Auf dem Kiesboden befanden sich mehrere Knochen – ein Hüftknochen, Langknochen, mehrere Wirbel, ein unvollständiger Brustkorb. Neben dem Schädel war ein Schopf blonden Haars sichtbar. Corrie sah Hinweise darauf, dass Tiere an den Gebeinen gewesen waren – Bissspuren, Nagespuren.

Im Hintergrund hörte sie Gradinski, er gab den beiden Mitarbeitern Anweisungen. Sie schwärmten aus und fingen an, Fotos zu machen, pflanzten Fähnchen, sammelten Knochen und legten sie in Beweismittelbeutel oder -behältnisse. Sie arbeiteten schnell und, wie Corrie erkannte, professionell.

Sie beschloss, sich die Gegend etwas genauer anzuschauen. Fast sofort, südlich der Leiche, entdeckte sie, teilweise im Sand verborgen und stark zerschlissen, etwas, das wie ein Damenslip aussah. Als sie in der Bodensenke weiter in dieselbe Richtung ging, erblickte sie ein weiteres Kleidungsstück – Kaki-Shorts. Corrie ging weiter in südlicher Richtung, weg vom Felsen, und stieß auf die Überreste eines Hemds, dann eine Socke, einen verwitterten Laufschuh, dann noch einen.

Alle in einer Reihe.

Ein seltsames Gefühl beschlich sie. Diese Kleidungsstücke waren nicht willkürlich verstreut worden durch die Aktivitäten von Tieren oder Wind. Das – weibliche – Opfer hatte, so schien es, methodisch die Kleidung abgelegt, während die Frau sich dem Ort näherte, an dem sie gestorben … oder ermordet worden war.

Corrie schlenderte zu der Stelle zurück, wo Gradinski arbeitete. Er hockte über einem Oberschenkelknochen, der teilweise im Sand vergraben war, und wischte den Sand davon weg.

»Mr Gradinski?«

»Ja?«, antwortete er, ohne den Kopf zu heben.

»Die Kleidungsstücke des Opfers scheinen in einer Linie abgelegt worden zu sein –«

Widerwillig blickte er auf. »Wie bitte, Agentin Swanson? Ich bin gerade bei der Arbeit.«

»Ich sagte, dass die Kleidungsstücke des Opfers anscheinend dort unten in der Bodensenke abgelegt wurden, ein Teil nach dem anderen. In gerader Linie. Ich möchte, dass Sie und Ihr Team die Kleidungsstücke kartografieren, fotografieren und einsammeln.«

»Natürlich.« Er widmete sich wieder seiner Arbeit.

Corrie blickte sich weiter in der näheren Umgebung um, sah aber nichts mehr, was von Bedeutung wäre. Sie ging zurück und beobachtete das Spurensicherungsteam, das den Boden nach den kleinsten Knochen absuchte. Jetzt, da sie diese Stelle genauer betrachtete, fiel ihr auf, dass sich hier kaum Spuren befanden. Wenn Leichen unter verdächtigen beziehungsweise zumindest ungewöhnlichen Umständen entdeckt wurden, stieß man normalerweise auf jede Menge Beweise: Geschosshülsen, Blutspritzer, Hinweise auf einen Kampf. Doch hier draußen, mitten im Nirgendwo, schien das nicht der Fall zu sein. Hier gab’s nur Gebeine und abgelegte Kleidungsstücke.

Corrie glaubte, dass jeder Tatort – selbst einer wie dieser – eine Geschichte erzählte, und zwar eine, die über die Gebeine und die psychischen Beweise hinausging. Mangels weiterer offensichtlich sachdienlicher Gegenstände war es besser, einfach so gut wie alles einzusammeln. Natürlich könnte es sein, dass das meiste, wenn nicht alles, in keinem Zusammenhang mit dem Opfer stand – doch aller Wahrscheinlichkeit nach würden sie nicht hierher zurückkommen. Es war ihr einziger Versuch.

»Mr Gradinski?«

Er hockte immer noch da. »Ja?«

»Es gibt einige Dinge, die ich als Beweismittel eingesammelt sehen möchte, zusätzlich zu den sterblichen Überresten und den Kleidungsstücken.«

»Als da wären?«

»Ich würde Ihnen gern die Sachen zeigen, wenn Sie bitte, ähm, aufstehen würden.«

Er erhob sich mit gequälter Miene. »Also gut. Worum geht’s?«

»Um diese verfaulten Holzstücke dort, fürs Erste.«

»Aber … die kommen in der Gegend hier ganz natürlich vor.«

»Nur für den Fall.«

Er rollte mit den Augen. »Was noch?«

»Da ist ein alter Aufreißdeckel, dort. Und ganz in der Nähe des Leichnams liegen einige merkwürdig aussehende Steine, wie diese beiden grünen Kieselsteine nahe dem Schädel und diese Gruppe von glatten rot-gelben Feldsteinen neben den Rückenwirbeln, und dort drüben liegen auch einige Feuersteine – vorhistorisch, denke ich – neben dem Hüftknochen.«

»Wir sollen Steine sammeln?«

»Ähm, ja bitte.«

»Echt jetzt? Steine?«

Der hochmütige Tonfall ging Corrie auf die Nerven. »Vielleicht ist es ja irrelevant, aber ich würde lieber mehr als weniger Steine haben. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die alle natürlicherweise hier in der Gegend vorkommen.« Sie atmete tief durch. »Außerdem hätte ich gerne eine fotografische Bestandsaufnahme der Pflanzen, die in der unmittelbaren Umgebung wachsen – die Cholla-Kakteen, Kaktusfeigen und die anderen Pflanzen hier, worum auch immer es sich dabei handelt. Zudem möchte ich einige Fotos von der Umgebung haben, einschließlich der Felsformationen. Das verstehen Sie doch sicher – dass wir eine Dokumentation der physischen Umgebung erstellen wollen.«

Gradinski sah sie ungläubig an. »Agentin Swanson, ich leite seit zwei Jahrzehnten Spurenermittlungsteams. Ich halte es mir zugute, einen sechsten Sinn zu haben, was Beweismaterial angeht – ich erkenne also, was relevant ist und was nicht. Darf ich Sie respektvoll bitten, dass wir unsere Experteneinschätzung vornehmen? Falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten – wir haben sehr wenig Zeit.«

Sie blickte in Gradinskis arrogantes Gesicht und wusste genau, was er dachte. Ich lass mir doch nicht von irgendeiner jungen, unerfahrenen Agentin vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe. Okay, dachte sie. Jetzt begriff sie, wieso Sharp so leise gelächelt hatte. Es gab einen Grund, warum er sich nicht weiter über Gradinski geäußert hatte – und wie sie Sharp kannte, war diese Beweismittelsammlung eine Art Prüfung. Na ja, dann würde sie sich eben nicht so aufführen wie sonst … soll heißen, die Beherrschung verlieren.

»Ich kenne Ihren ausgezeichneten Ruf«, log sie und gab sich Mühe, ihre Stimme so angenehm wie möglich klingen zu lassen. »Sie wissen das vermutlich nicht, aber unter uns jungen Agenten gilt Ihre Arbeit als legendär. Natürlich würde Ihnen das normalerweise niemand ganz offen ins Gesicht sagen, aber Fakt ist, dass jeder von uns hofft, bei eigenen Ermittlungen Sie als leitenden Spurenermittler zu haben.« Sie gab sich Mühe, den ironischen Ton aus der Stimme herauszuhalten. »Ich hatte es Ihnen eigentlich nicht sagen wollen, aber ich schätze mich glücklich, dass Sie diesen Fall übernommen haben.«

Er hob die Augenbrauen. »Ach ja? Das freut mich zu hören.« Corrie merkte, dass ihre erbärmliche Schmeichelei tatsächlich funktionierte, denn seine Wangen hatten sich vor lauter Selbstbewunderung leicht gerötet.

»Sicher, meine Bitte ist ein wenig unkonventionell«, fuhr sie fort. »Und zu meiner Verteidigung kann ich lediglich vorbringen, dass Sie es hoffentlich einer neuen Agentin, wie ich es bin, erlauben, einige eigene Entscheidungen bezüglich des Beweismaterials zu treffen – selbst wenn sich diese als falsch erweisen. Ich möchte eben nur sichergehen, dass wir nichts übersehen.«

»Na ja, natürlich. Wir alle lernen aus Fehlern. Ich komme Ihrem Wunsch gerne nach.«

Sie fasste es nicht, wie gründlich er seine Haltung geändert hatte.

»Wir sorgen dafür, diese, ähm, Steine einzusammeln. Und die anderen Dinge. Und auch alles andere, was Sie womöglich vorschlagen. In Ordnung?«

»Ja, das würde mich sehr freuen. Und«, fügte sie an, »achten Sie bitte darauf, die Speerspitze einzusammeln, neben dem Hüftknochen.«

Gradinski wandte sich verblüfft um, beugte sich vor und blickte mit zusammengekniffenen Augen hin. »Na sieh mal an. Was für ein Prachtstück! Natürlich sammeln wir die ein. Guter Blick, Agentin Swanson!« Und strahlend lächelnd tätschelte er ihr die Schulter.

Corrie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte, doch es gelang ihr, weiter eine freundliche Miene zu machen. Außerdem wartete sie schweigend, um sicherzugehen, dass Gradinski tatsächlich die Beweismittel einsammelte, auf die sie ihn hingewiesen hatte. Sie freute sich, dass er es tat, und das auch noch extrem professionell. Alles wurde fotografiert, kartografiert, eingesammelt, versiegelt, etikettiert und eingepackt.

5

Als Corrie wieder am Wagen war, war die Sonne untergegangen, und die Abenddämmerung hatte sich über das Ödland gesenkt und das Land in ein staubiges Rosa getaucht. Der stummelige Hexenfinger zeichnete sich dramatisch vor dem burgunderroten Himmel ab, einige ebenso grausig aussehende Felstürme bildeten in der Ferne den Hintergrund dazu.

Während das Spurensicherungsteam das Beweismaterial in den Transporter lud, ging Corrie hinüber zu Sharp, der unter dem Zeltdach saß und Eiswasser trank. Bei ihm war ein junger Navajo, schick gekleidet in Polizeiuniform und mit Pilotenbrille. Er hatte hohe Wangenknochen, einen Crew-Cut und eine Adlernase. Das kurzärmelige blaue Hemd saß ihm eng an der Brust, und Corrie hatte den Eindruck, dass er ziemlich viel Zeit im Gym verbrachte.

»Das ist Detective Sergeant Jack Benally von der Polizei der Navajo Nation. Gerichtsbarkeit Crowpoint«, erklärte ihr Sharp. »Sie werden mit ihm zusammenarbeiten in dem Fall. Ich habe ihm alles über Sie erzählt – und über unsere letzten Ermittlungen in den Manzano Mountains.«

Corrie schüttelte ihm die Hand. »Sehr erfreut, Sie kennenzulernen.«

»Ebenso«, sagte Benally und stand auf. »Das war ja ein beachtlicher Fall, den Sie da im vergangenen Winter zu bearbeiten hatten. Hoffentlich wird dieser nicht ganz so … melodramatisch.«

»Das hoffe ich auch«, sagte Corrie.

»Eiswasser?«, fragte Sharp und hielt ihr einen Pappbecher hin.

»Gerne, ja.«

Sie trank einen großen Schluck, stellte den Pappbecher ab – und stellte fest, dass Benally sie nachdenklich ansah. »Haben Sie schon mal in diesem Reservat gearbeitet?«

»Nein. Ich bin eine neue FBI-Agentin. Ich bin erst vor anderthalb Jahren zur Außenstelle in Albuquerque versetzt worden – davor war ich noch nie in New Mexico.«

Er nickte. »Herzlich willkommen in der Navajo Nation.«

»Vielen Dank. Ich freue mich darauf, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.« Und es stimmte ja – Benally besaß jene Art Kenntnis von dieser Region, die sie ihr Leben lang nicht erwerben könnte. Ihr fiel ein, was Sharp über die Polizei der Navajo gesagt hatte – dass sie einem Türen öffnen könne. Auf einmal kam ihr eine Idee. »Etwa sieben Kilometer weiter hinten sind wir an einem Trailer und einer Hütte vorbeigekommen.«

»Sie meinen, einem Hogan.«

»Richtig. Hogan. Da war eine ältere Dame.«

»O ja«, sagte Benally. »Das ist Emma Bluebird.«

»Lebt sie schon lange dort?«

»Fast ihr ganzes Leben, nehme ich an.«

»Könnten wir ihr vielleicht ein paar Fragen stellen? Möglicherweise hat sie irgendetwas gesehen, womöglich sogar das Opfer selbst – oder sie hat eine Idee, was passiert ist.«

Da musste Benally schmunzeln. »Guter Gedanke. Das Problem ist bloß, sie hat eine Schrotflinte neben der Tür stehen, und sie mag es gar nicht, wenn sich Bilagáana – soll heißen, Weiße – ihrem Haus nähern. Nicht dass sie Vorurteile hätte oder so. Nur verheißt es ihrer Erfahrung nach meist nichts Gutes, wenn ein Weißer an ihre Tür klopft.«

»Vielleicht können Sie mich begleiten und die Situation erklären?«

Benally lächelte. »Polizisten mag sie auch nicht. Aber wir können’s mal probieren.«

»Wann?«

»Warum nicht gleich?«

»Wir werden nicht erschossen?«

Er lachte. »Die Flinte ist nicht geladen. Und im Herzen ist sie ein friedliebender Mensch. Mehr noch, sie ist eine bekannte Weberin. In ihrem Hogan hat sie einen Webstuhl aus Wacholderästen. Jedes Jahr webt sie einen Teppich aus Wolle, die von den eigenen Schafen stammt und mit Pflanzen und Insekten gefärbt wird, die hier in der Gegend gesammelt wurden – und verkauft ihn. Davon lebt sie.«

»Tatsächlich? Das ist erstaunlich.«

Benally zuckte mit den Achseln. »Wenn wir heute Abend mit ihr nicht vorankommen, kann ich Sie mit dem Händler in Kontakt bringen, der ihre Teppiche kauft. Er besitzt eine Verkaufsstelle in Crowpoint.«

»Danke.«

Sie gingen zurück zu ihren Fahrzeugen; Sharp fuhr Benallys weißem Pick-up hinterher, auf dessen Türen das grün-gelbe Emblem der Navajo Nation Police prangte.

Am Himmel schwand das letzte Licht; als Benally auf den unbefestigten Feldweg bog, der zu dem Trailer führte, standen die ersten Sterne am Himmel. In einiger Entfernung vom Haus hielt er an, schaltete das Fahrlicht aus und wartete. Sharp stoppte hinter ihm und stellte den Motor ab.

»Wollen wir denn nicht hingehen und anklopfen?«, fragte Corrie nach einer Weile.

»Nein«, erwiderte Sharp. »In der Kultur der Navajo gilt es als unhöflich anzuklopfen – wir sind schon jetzt zu weit in die Privatsphäre der Frau eingedrungen. Sie weiß, dass wir hier sind. Wir warten einfach.«

Minuten verstrichen. Corrie sah den schwachen Glanz einer Petroleumlampe im Trailer und den Schatten der alten Frau, die sich hinter den geschlossenen Vorhängen bewegte. Nach einer weiteren Minute öffnete sich schließlich die Tür, und die Frau stand auf der Türschwelle, als Silhouette im gelblichen Licht. Und tatsächlich hielt sie eine Schrotflinte in der Armbeuge, den Lauf nach unten gerichtet.

Benally stieg aus seinem Polizeiauto, winkte der Frau und begrüßte sie auf Navajo; er ging jedoch nicht näher auf sie zu. Sie antwortete ihm etwas auf Navajo, worauf sich ein kurzes Gespräch entspann. Corrie verstand zwar nicht, was gesagt wurde, merkte aber, dass das Gespräch keinen guten Verlauf nahm. Schließlich kehrte die alte Frau ins Haus zurück und schlug die Tür hinter sich zu.

Benally kam herüber zu ihrem Fahrzeug und beugte sich durchs Fenster. »Na, das war ja wohl deutlich genug. Sie will nicht mit uns reden, und wir sollen von ihrem Grundstück verschwinden.«

»Tut mir leid, das zu hören.«

Benally schüttelte den Kopf. »Sie werden nichts erreichen bei ihr. Und ehrlich gesagt bezweifle ich, dass sie über nützliche Informationen verfügt. Aber vielleicht kann Ihnen der von mir erwähnte Händler weiterhelfen.«

Sie stiegen zurück in ihre Fahrzeuge und fuhren auf der grässlichen Holperstraße zurück. Als sie schließlich am Highway ankamen, bog Benally nach Südwesten in Richtung Crowpoint ab, während Sharp und Corrie in südöstlicher Richtung auf Nageezi und Albuquerque zusteuerten.

Sharp wandte sich zu ihr um. »Na … wie ist es mit Gradinski gelaufen?«

»Prima. Wir sind Kumpel.«

»Im Ernst?«

»Fragen Sie ihn. Er hat mir sogar die Schulter getätschelt.« Sie legte eine kurze, bedeutungsschwere Pause ein. »Nun? Habe ich den Test bestanden?«

Sharp lachte. »Mehr, als Sie ahnen.«

Sie sah ihn an. »Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

Sharp fuhr einige Kilometer weiter, ehe er antwortete. »Corrie, nach jenem ersten Fall mit den verschwundenen Wanderern, den wir – genauer: Sie – bearbeitet haben, dachte ich, dass mein Mentoring im Grunde genommen gar nicht mehr nötig ist. Und als ich Ihnen heute wieder bei der Arbeit zugeschaut habe, hat sich dieser Eindruck nur noch verstärkt.«

Corrie saß regungslos da und bekam einen trockenen Mund.

»Meiner Meinung nach sind Sie so weit – in Ermangelung eines besseren Ausdrucks –, Ihren Abschluss zu machen. Das erfordert aber natürlich ziemlich viel bürokratischen Aufwand, und vor uns liegen immer noch fünf Monate gemeinsame Arbeit. In den Augen des FBI bin ich nach wie vor Ihr Mentor. Doch einstweilen werde ich mich weit im Hintergrund halten und mir ansehen, wie Sie allein mit dem Fall fertigwerden.«

Es war schon immer schwierig gewesen, hinter Sharps Fassade zu blicken, doch mit dieser Ankündigung hatte Corrie nun wirklich nicht gerechnet … vor allem zu Beginn neuer Ermittlungen wie diesen. Sie hatte ein bisschen das Gefühl, in einem Pool ins tiefe Wasser geworfen worden zu sein. »Sir?«

»Sie haben mich schon richtig verstanden. Oh, ich werde Sie im Auge behalten, Swanson. Allerdings werde ich mich nur dann einschalten, wenn ich sehe, dass Sie aus der Spur geraten … oder Sie mich bitten einzuschreiten.«

Den Blick wieder auf die vorbeiziehende Fahrbahn gerichtet, versuchte Corrie, diese neue Entwicklung zu verarbeiten – wobei sie auch darüber nachdachte, wie sie die überhaupt fand. Zum einen hatte sie sich daran gewöhnt, einen Mentor an der Seite zu haben, der sie unterstützte und letztlich die Verantwortung übernahm.

Andererseits: Jetzt, da sie im Pool war, fühlte sich das Wasser doch ziemlich gut an.

6

Das Forensik-Labor im Keller der FBI-Außenstelle in Albuquerque war brandneu – das vorhergehende Labor war abgebrannt –, und Corrie arbeitete ungeheuer gern darin. Man hatte keine Kosten und Mühen gescheut, sodass das Labor mit den neuesten forensischen Geräten ausgestattet war, darunter ein Rasterelektronenmikroskop, Röntgenaufnahmetechnik und noch vieles mehr. Nachdem man den vorherigen Leiter, einen nervigen alten Engländer, unehrenhaft in den Ruhestand versetzt hatte, war sie die einzige Forensik-Expertin in der ganzen Außenstelle.

Und als sie sich jetzt umschaute, konnte sie nicht anders, als zu denken: Dies alles ist meins.

Corrie hatte die Gebeine des Opfers auf einen Seziertisch gelegt; daneben, auf einem Tisch mit den Beweismitteln, hatte sie die am Tatort eingesammelten Gegenstände ausgelegt. Das ergab einen ziemlich großen Kontrast – ein magerer Haufen mit von Tieren angenagten Knochen auf der einen Seite und auf der anderen eine Fläche voll mit Beweismaterial in Beuteln und Behältern. Vielleicht zu viel Beweismaterial. Möglicherweise hatte Gradinski ja recht gehabt, und sie hatte übertrieben.

Trotzdem freute sie sich. Zwar hatte sie so mehr Arbeit, und die Gegenstände waren schwierig einzuordnen, aber wenigstens konnte sie sich auf diese Weise einigermaßen sicher sein, nichts Wichtiges zu übersehen.

Sie machte eine Runde um die sterblichen Überreste, betrachtete sie noch einmal ganz genau – damit sie ein Gespür für die Gebeine bekam. Es war schwierig zu erklären, was genau sie da zu sehen hoffte, aber nachdem sie mehrere Jahre am John Jay mit dem intensiven Studium menschlicher Knochen verbracht hatte, und jetzt nach einem Jahr beim FBI mit der gleichen Arbeit, wurde ihr klar, dass von Knochen durchaus »Schwingungen« ausgehen konnten – die geheimnisvolle Aura der Person, zu der sie gehörten, wer diese gewesen und wie sie gestorben war. Diese Schwingungen vermochte Corrie zu erspüren.

Und von diesen Gebeinen gingen definitiv Schwingungen aus. Ließ man die Tierschäden einmal außen vor, war deutlich zu erkennen, dass es sich um die Knochen eines jungen, gesunden Menschen handelte. Grazil. Eine Frau. Die Zähne perfekt gereiht und schneeweiß – ohne Karies oder Anzeichen von zahnärztlichen Behandlungen. Die Haare, die Corrie am Tatort gesammelt hatte, waren blond.

Sie hatte Proben für die DNA-Sequenzierung weggeschickt, außerdem wusste sie, es würde keine Probleme geben, DNA zu extrahieren, da sich noch jede Menge davon in den Knochen befand. Aber wenn sich diese spezifische DNA in keiner Datenbank befand – was sehr wahrscheinlich war –, konnte das genetische Aufspüren der Identität der Person in kommerziellen Datenbanken, wie zum Beispiel 23andMe, Monate dauern.

Was bedeutete, dass sie eine Gesichtsrekonstruktion vornehmen musste. Bei dem Gedanken ging ihr Puls, denn für solche Aufgaben lebte sie. Sie hatte am John Jay College of Criminal Justice einen Abschluss in forensischer Anthropologie gemacht, gleichzeitig aber auch Bildhauerei und Malerei studiert. Normalerweise würde ein Forensik-Experte die Rekonstruktion durchführen, die finale Gestaltung von Muskeln und Haut, Haaren, Lippen und Ohren und Gesichtsfarbe hingegen ein Bildhauer oder eine Bildhauerin. Corrie war enorm stolz darauf, dass sie beides beherrschte.

Leises Klopfen an der Tür; Sharp betrat den Raum, setzte eine Maske auf und sah sich schweigend um.

»Seien Sie willkommen, Agent Sharp.« Corrie war nicht ganz wohl zumute. Er hatte es sich doch hoffentlich nicht schon wieder anders überlegt?

»Vielen Dank, Agentin Swanson.« Er ging um den Sektionstisch herum und betrachtete dabei die Gebeine. »Ich war nur zufällig in der Gegend. Hätten Sie etwas dagegen, mir zu sagen, was Sie bislang herausgefunden haben – von Agent zu Agent?«

»Ich habe herausgefunden«, begann Corrie in ihrem professionellsten Tonfall, »dass es sich vermutlich um eine Frau handelt, weiß, zwischen fünfundzwanzig und vierzig Jahre alt, ungefähr einen Meter achtzig groß, blond, anscheinend bei guter Gesundheit.«

»Das ist groß«, sagte Sharp.

»Ja. Die Knochen wurden visuell, stereoskopisch und radiografisch untersucht. Keine Hinweise auf Verletzungen, keine verheilten Frakturen, keine orthopädischen Implantate, keinerlei Anhaltspunkte für Gewalteinwirkung. Ausgezeichnete Zahngesundheit, gute Zähne, keine zahnärztlichen Behandlungen. Die Gebeine zeigen keinerlei Anzeichen für ungewöhnliche Tätigkeiten oder sich wiederholende Bewegungen.«

»Schade, dass die Frau keine Zahnbehandlungen hatte.«

Corrie nickte. »Es fehlen ziemlich viele Gebeine, darunter ein Oberschenkelknochen, beide Ellen, eine Speiche, ein Oberarmknochen, beide Schienbeine und noch ein paar kleinere Knochen. Bei den fehlenden Knochen handelt es sich um die größeren – vermutlich wurden sie von Kojoten oder anderen Tieren fortgetragen. Auch die verbliebenen Knochen wurden ziemlich ausgiebig angeknabbert, hauptsächlich von Nagern.«

Sharp nickte. »Wie lange haben die Gebeine dort draußen in der Wüste gelegen – was würden Sie vermuten?«

»Das ist schwer zu sagen. Nach den durch Sonneneinstrahlung entstandenen Schäden zu urteilen, würde ich meinen, mindestens zwei Jahre, vermutlich nicht mehr als sieben. Auch der Zustand der Kleidungsstücke scheint mit diesem Zeitraum übereinzustimmen.«

»Mhm. Fünf Jahre – das ist ein ziemlich großes Zeitfenster, wenn man nach einer vermissten Person sucht.«

»Hoffentlich erfahren wir mehr, sobald wir die Ergebnisse der Sequenzierung zurückbekommen haben.«

Er schlenderte zum Tisch hinüber, Hände auf dem Rücken, den Blick nach unten gerichtet. »Sie haben da eine ziemliche Menge Beweismaterial.«

»Stimmt.« Corrie fühlte sich wider Willen in die Defensive gedrängt. »Ich wollte sicherstellen, dass wir nichts übersehen.«

Sharp nickte.

»Fangen wir mit der Bekleidung an. Das sind alles Billigklamotten, in Masse produziert in China und Vietnam, aus Polyester und anderen günstigen Materialien, die für eine Wüstenumgebung ungeeignet sind. Das Gleiche gilt für die Laufschuhe – das sind ungefähr die billigsten, die man bekommen kann. Ich habe im Internet nachgesehen – 8,99 Dollar. Die Schuhe scheinen kaum getragen worden zu sein, die Kleidungsstücke überhaupt nicht. Ich vermute, dass das Opfer diese Kleider nicht lange vor ihrem Tod bei Walmart oder einem ähnlichen Billigladen gekauft hat. Es handelt sich um Massenmarkt-Marken, die nicht leicht zu finden und kaum datierbar sind.«

»Wie es aussieht, wollte die Frau ihre Identität verbergen.«

»Ich hatte denselben Gedanken.«

»Keine Feld- oder Wasserflasche?«

»Keine, und auch kein Hut. Und nichts in den Taschen. Was die übrigen Beweisstücke angeht …«, Corrie zeigte auf die diversen Steine, das Pflanzenmaterial und die Holzstücke », … scheint das meiste davon nicht sachdienlich zu sein. Die Speerspitze wurde allerdings in unmittelbarer Nähe gefunden, deshalb könnte ich mir vorstellen, dass sie als Waffe benutzt wurde.«

Sharp hob die Augenbrauen. »Als Mordwaffe?«

»Vielleicht. Die Speerspitze ist fast acht Zentimeter lang. Damit kann man durchaus jemanden erstechen. Ich will sie mit einem Rasterelektronenmikroskop untersuchen, außerdem ein paar Tests auf Blut- und Proteinreste durchführen.«

Nicken. Er sagte zwar nichts, aber Corrie merkte, dass er neugierig auf ihre nächsten Ermittlungsschritte war.

»Also, ich habe vor, in dem Zeitfenster nach einer einen Meter achtzig großen, blonden Vermissten mit perfekten Zähnen zu suchen. Zudem … werde ich eine forensische Gesichtsrekonstruktion vornehmen.« Sie hielt inne, um nicht dem tief verwurzelten Gefühl nachzugeben, um Erlaubnis zu bitten.

Sharp nickte nur wieder. »Gewiss, es ist möglicherweise verfrüht, aber haben Sie irgendwelche, wie soll ich sagen … spekulative Gedanken bezüglich des Opfers?«

Corrie zögerte. »Nun ja, ich habe den Eindruck, dass es sich um eine selbstsichere, intelligente Frau handelt.«

Sharp hob die Augenbrauen. »Intelligent? In der Wüste herumlaufen, so gekleidet, ohne Wasser und ohne Hut?«

»Das wäre nur dann töricht, wenn sie es aus Unwissenheit getan hätte.«

»Ich bin mir nicht sicher, was Sie damit meinen.«

Corrie wollte etwas darauf erwidern, machte dann aber eine kurze Pause und änderte ihre Antwort ab. »Sir, ich weiß eigentlich auch nicht genau, was ich damit meine.«

In Sharps müdem Gesichtsausdruck erschien ein Grinsen. »Vielleicht wissen Sie es ja, wenn wir uns das nächste Mal zufällig treffen.«

7

Das Geräusch, wie ein Kofferraum zugeklappt wurde, unterbrach den Vogelgesang und das Rauschen eines Bachs. »Nora, bist du so weit?«, rief jemand.

»Ich trinke gerade meinen Kaffee aus.«

Ein, zwei Minuten erfüllten die Klänge der Natur erneut die Luft. Dann stieg Lucas Tappan die Treppe herauf, gesellte sich zu Nora auf die hintere Terrasse und ließ sich in einen der Adirondack-Liegestühle fallen. Sie bot ihm einen Schluck aus ihrem Becher an; einige Minuten lang reichten sie schweigend den Becher hin und her, die Füße auf die Balustrade gelegt, den Blick auf das North-Star-Naturreservat genießend.

Tappan war jetzt seit fast einem Dreivierteljahr Noras Freund. In dieser Zeit hatte sie ihn nicht allzu oft gesehen – er hatte mehrere Monate im Osten verbracht und sich um die Errichtung einer Windkraftanlage vor der Küste gekümmert. Bei seiner Rückkehr hatte Nora den Augenblick gefürchtet, da er womöglich mit einer Schachtel aus schwarzem Samt ankommen würde, darin ein Brillant, der nur etwas kleiner wäre als der Große Stern von Afrika. Es war nicht so, dass sie etwas dagegen hatte, verlobt zu sein, und ihr verstorbener Ehemann Bill hätte bestimmt auch nichts dagegen gehabt – zu einem Vermögen zu kommen, dazu hätte er sie begeistert ermuntert –, aber ihr war das zu früh. Entweder hatte Lucas gemerkt, dass sie zögerte, oder er empfand das Gleiche, denn er hatte nicht darauf angespielt, die Beziehung aufs nächste Level heben zu wollen … noch nicht.

Sie trank den Kaffee aus, Lucas brachte den Becher zurück in die Küche und spülte ihn aus. Unter anderem gefiel ihr dies an ihm: Obwohl er ein Vermögen von über einer Milliarde Dollar besaß, wusch er wahnsinnig gern ab und war ein begeisterter Hobbykoch. Mehr noch, er konnte es nicht ausstehen, wenn andere Leute Dinge für ihn übernahmen, die er selbst erledigen konnte. Statt sich dem verzärtelnden Überfluss in einem der zahlreichen Ferienhotels in Aspen hinzugeben, hatten sie sich für eine rustikale Hütte in den Bergen mit einer fantastischen Aussicht entschieden. Sowie sie auf dem Flughafen Aspen/Pitkin angekommen wären – und Lucas’ Privatjet bestiegen hätten –, wäre natürlich alles wieder ganz anders. In ein paar Tagen musste Lucas zurück an die Ostküste, sich um seine Geschäftsinteressen kümmern und Feuerwehr spielen – diesmal für mehrere Monate –, und sie würde ans Institut zurückkehren. Und deshalb, dachte Nora, hatten sie versucht, jede Minute dieses Urlaubs zu genießen.

Sie hatte sich davor gefürchtet, ihre gemeinsame Hütte zu verlassen. Und jetzt, als sie das laufende Wasser in der Küche hörte, errötete sie wie ein Schulmädchen, dem ein ungezogener Gedanke gekommen war. Vielleicht könnten sie ja schwänzen – einen Tag länger bleiben. Und sie hatte auch schon eine Idee, wie sie ihn davon überzeugen könnte.

»Welchen Anstieg hast du besser gefunden?«, fragte sie und hob die Stimme, damit er sie durch die Fliegengittertür besser hören konnte. »Castle Rock oder Maroon Bells?«

Es folgte ein kurzes Schweigen, während das Wasser abgestellt wurde, dann kam die Antwort. »Maroon. Viel technischer, und was für ein ikonischer Gipfel.«

Sie hatten während ihres Urlaubs mehrere 14er bestiegen, die über 14000 Fuß – 4200 Meter – hohen Berge in Colorado. Nora wanderte und kletterte seit ihrer Mädchenzeit und war während ihrer Anstellung am Naturkundemuseum in New York eine »46er« geworden – sie hatte jeden hohen Gipfel in den Adirondacks bestiegen, einschließlich der weglosen. Hier in Colorado hatte sie eine noch größere Herausforderung gefunden, zumindest was die Höhe betraf. Es war einfach eine der vielen Passionen, die sie mit Lucas teilte … und darauf zählte sie jetzt.

»Find ich auch. Lange Wanderung, große Herausforderung – aber es hat sich gelohnt.« Sie hielt inne. »Hat mich irgendwie an Algonquin erinnert, den zweithöchsten Gipfel im Staat New York. Maroon und Pyramid spielen natürlich in einer anderen Liga … Aber dürfte ich darauf hinweisen: Zum Pyramid führt eine ähnliche Route …«