Oliver Twist - Charles Dickens - E-Book

Oliver Twist E-Book

Charles Dickens.

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Beschreibung

„Der große viktorianische Erzähler.“ Die Welt Den Namen Oliver Twist hat Mr. Bumble, der Kirchspielbüttel, für das im Armenhaus geborene Kind erfunden, dessen Mutter starb, bevor sie Aufschluß über ihre Herkunft geben konnte. Unter dem Regiment herzloser, eigensüchtiger Gemeindebeamter verbringt Oliver seine ersten Lebensjahre, bis er sich eines Tages, von nagendem Hunger getrieben, hinreißen lässt, um eine zweite Portion der abendlichen Wassersuppe zu bitten. Zur Strafe für diese ruchlose, widersetzliche Tat gibt ihn die Gemeinde zu einem Leichenbestatter in die Lehre, vor dessen brutaler Behandlung er nach London flüchtet. Dort fällt Oliver einer Verbrecherbande in die Hände, die ihn für ihre dunklen Geschäfte ausnutzt. Bei seinem ersten Ausflug als Taschendieb wird er ertappt und der Justiz überantwortet. Warum aber nehmen plötzlich der finstere Mr.Monks, der freundliche Mr. Brownlow, die nette Mrs. Maylie und die hübsche Rose so auffallend Anteil am Schicksal des verlassenen Jungen? Die Antwort darauf findet Oliver Twist am Ende seines abenteuerlichen Weges durch Licht und Schatten der Großstadt, als sich schließlich das Geheimnis seiner Geburt enthüllt. Mit Oliver Twist schuf Charles Dickens einen unsterblichen Helden, der bis heute junge und alte Leser begeistert. „Charles Dickens ist der geliebtste, umworbenste und gefeierteste Erzähler der englischen Welt.“ Stefan Zweig

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 60




Charles Dickens

Oliver Twist

Roman

Aus dem Englischen von Christine Hoeppener

Impressum

Titel der Originalausgabe

Oliver Twist

ISBN E-Pub 978-3-8412-0319-9

ISBN PDF 978-3-8412-2319-7

ISBN Printausgabe 978-3-7466-2764-9

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, November 2011

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Bei Rütten & Loening erstmals 1970 erschienen; Rütten & Loening

ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über dasInternet.

Umschlaggestaltung morgen, Kai Dieterich

unter Verwendung eines Fotos von Kai Dietrich / bobsairport

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Inhaltsübersicht

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Impressum

Inhaltsübersicht

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

Anmerkungen

|5|

Charles Dickens. Zeichnung von Samuel Laurence, 1837.

|7|1. Kapitel

Handelt von dem Ort, wo Oliver Twist geboren wurde, und von den Umständen, die seine Geburt begleiteten

Außer anderen öffentlichen Gebäuden in einer gewissen Stadt, die aus mancherlei Gründen klugerweise nicht genannt werden soll und der ich keinen Namen andichten will, gibt es eines, das ehedem in den meisten Städten, ob groß oder klein, anzutreffen war: das Armenhaus, und in diesem Armenhaus wurde zu einem Zeitpunkt, den ich nicht zu erwähnen brauche, da er für den Leser zumindest in diesem Stadium der Geschichte unmöglich von Bedeutung sein kann, jener Gegenstand der Sterblichkeit geboren, dessen Name in der Überschrift dieses Kapitels enthalten ist.

Noch lange nachdem es durch den Gemeindearzt in diese Welt der Sorge und Mühsal eingeführt worden war, blieb es mehr als zweifelhaft, ob das Kind es erleben werde, überhaupt einen Namen zu tragen, und in diesem Fall wären die hier aufgezeichneten Denkwürdigkeiten höchstwahrscheinlich nie erschienen, oder wenn, dann hätten sie, auf zwei Seiten zusammengedrängt, den unschätzbaren Vorzug besessen, das bündigste und glaubwürdigste Muster von Biographie darzustellen, das die Literatur irgendeines Zeitalters oder Landes jemals hervorbrachte.

Wenn ich auch keineswegs behaupten will, in einem Armenhaus geboren zu werden sei an sich die glücklichste und beneidenswerteste Lage, in die ein Menschengeschöpf geraten kann, so möchte ich doch sagen, daß es in diesem besonderen Fall für Oliver Twist vermutlich das Beste war, |8|was ihm widerfahren konnte. Denn immerhin hielt es bemerkenswert schwer, Oliver zu veranlassen, daß er die Pflicht der Atmung auf sich nähme – ein mühevolles Verfahren, das die Gewohnheit jedoch für unser sorgenfreies Dasein unerläßlich gemacht hat; und geraume Zeit lag er japsend auf einer kleinen, mit Wollflocken gefüllten Matratze ziemlich ungleich in der Schwebe zwischen dieser Welt und der nächsten, da sich die Waagschale entschieden zugunsten der letztgenannten neigte. Wäre nun Oliver in diesem kurzen Zeitabschnitt von bangen Großmüttern, besorgten Tanten, erfahrenen Krankenpflegerinnen und hochgelehrten Doktoren umringt gewesen, so hätte ihn das unvermeidlich und ohne jeden Zweifel im Handumdrehen getötet. Doch da niemand zugegen war als eine alte Armenhäuslerin, die eine ungewohnte Vergütung an Bier etwas benebelt hatte, und ein Gemeindearzt, welcher dergleichen laut Vertrag besorgte, kämpften Oliver und die Natur die Sache unter sich aus. Das Ergebnis war, daß Oliver nach einigem Sträuben atmete, nieste und sich anschickte, den Bewohnern des Armenhauses die Tatsache, daß der Gemeinde eine neue Last aufgebürdet war, mit einem so lauten Geschrei zu verkünden, wie man es von einem Neugeborenen männlichen Geschlechts, der über die sehr brauchbare Beigabe einer Stimme erst seit dreieinviertel Minuten verfügte, billigerweise erwarten konnte.

Als Oliver diesen ersten Beweis der ungehemmten und angemessenen Tätigkeit seiner Lungen gab, raschelte die Flickendecke, die achtlos über das eiserne Bettgestell geworfen war, das bleiche Gesicht einer jungen Frau hob sich matt von dem Kissen, und eine schwache Stimme formte kaum verständlich die Worte: »Laßt mich das Kind sehen und sterben.«

Der Wundarzt hatte mit dem Gesicht zum Feuer gesessen und sich die Hände abwechselnd gewärmt und gerieben. Als die junge Frau sprach, stand er auf, ging zum Kopfende des |9|Bettes und sagte gütiger, als man von ihm hätte erwarten können:

»Oh, Sie dürfen noch nicht vom Sterben reden.«

»Gott segne ihr liebes Herz, nein!« warf die Wärterin ein, während sie hastig eine grüne Glasflasche in die Tasche steckte, deren Inhalt sie mit offensichtlicher Befriedigung in einem Winkel genossen hatte. »Gott segne ihr liebes Herz, wenn sie so lange gelebt hat als wie ich, Sir, und ihre dreizehn Kinder hat geboren, und alle sind tot, außer zweien, wo mit mir im Armenhaus sind, denn wird ihr was Beßres einfallen, als sich so zu grämen, Gott segne ihr liebes Herz! Denken Sie doch bloß dran, was es heißt. Mutter zu sein, und seien Sie ein liebes Lämmchen.«

Offenbar verfehlte diese tröstliche Aussicht auf die Erwartungen einer Mutter ihre gebührende Wirkung. Die Leidende schüttelte den Kopf und streckte die Hand nach dem Kind aus.

Der Wundarzt legte es ihr in die Arme. Leidenschaftlich drückte sie ihre kalten, weißen Lippen auf die Stirn des Kindes, fuhr sich mit den Händen übers Gesicht, starrte wild um sich, schauderte, fiel zurück – und starb. Sie rieben ihr Brust, Hände und Schläfen, aber das Blut hatte für immer aufgehört zu fließen. Sie sprachen von Hoffnung und Trost. Die waren ihr allzu lange fremd gewesen.

»Es ist aus und vorbei, Mrs. Thingummy!« sagte der Wundarzt schließlich.

»Ach, das arme Herzblatt, so is es!« sagte die Wärterin und hob den Korken der grünen Flasche auf, der auf das Kissen gefallen war, als sie sich bückte, um das Kind hochzunehmen. »Das arme Herzblatt!«

»Sie brauchen nicht nach mir zu schicken, wenn das Kind schreit, Frau«, sagte der Wundarzt und zog sich ungemein bedächtig die Handschuhe an. »Höchstwahrscheinlich wird es geräuschvoll sein. Geben Sie ihm dann etwas Haferschleim.« Er setzte den Hut auf und fügte, während er auf |10|dem Weg zur Tür am Bett stehenblieb, hinzu: »Sie war überdies ein hübsches Mädchen, woher kam sie?«

»Sie wurde letzte Nacht hergebracht«, antwortete die Alte, »auf Anweisung des Armenpflegers. Sie wurde auf der Straße liegend gefunden. Sie muß ’ne ganze Strecke gewandert sein, denn ihre Schuhe waren völlig durchgelaufen; aber woher sie kam oder wohin sie ging, weiß keiner.«

Der Wundarzt beugte sich über die Leiche und hob deren linke Hand auf. »Die alte Geschichte«, sagte er kopfschüttelnd, »kein Ehering, wie ich sehe. Ach ja! Gute Nacht!«

Der heilkundige Herr entfernte sich zum Essen, und die Wärterin setzte sich, nachdem sie sich abermals der grünen Flasche gewidmet hatte, auf einen niedrigen Stuhl am Feuer und begann das Kind anzuziehen.

Welch vortreffliches Beispiel für die Macht der Kleidung bot der junge Oliver Twist! In die Flanellwindel gewickelt, die bislang seine einzige Hülle gewesen war, hätte er das Kind eines Adligen oder eines Bettlers sein können; dem hochmütigsten Fremden wäre es schwergefallen, Olivers eigentliche Stellung in der Gesellschaft zu bestimmen. Doch nun, in das durch stets den gleichen Gebrauch vergilbte Kattunzeug gehüllt, war er gekennzeichnet und etikettiert und rückte sofort an seinen Platz – als ein auf Kosten der Gemeinde aufgezogenes Kind – Waise aus dem Armenhaus – niedriger, halb verhungerter Packesel – bestimmt, durch die Welt geknufft und gepufft zu werden – von allen verachtet und von niemandem bemitleidet.

Oliver schrie aus Leibeskräften. Hätte er gewußt, daß er eine Waise und der gütigen Barmherzigkeit von Kirchenvorstehern und Armenpflegern anheimgegeben war, dann hätte er vielleicht noch lauter geschrien.

|11|2. Kapitel

Handelt davon, wie Oliver Twist aufwuchs, erzogen und beköstigt wurde

In den nächsten acht bis zehn Monaten war Oliver das Opfer einer planmäßigen Folge von Verrat und Betrug. Er wurde mit der Flasche großgezogen. Der verhungerte und hilflose Zustand des kleinen Waisenknaben wurde von der Armenhausbehörde pflichtgemäß der Gemeindebehörde gemeldet. Die Gemeindebehörde erkundigte sich hoheitsvoll bei der Armenhausbehörde, ob nicht derzeit eine weibliche Person »im Hause« wohnhaft sei, welche sich in der Lage befände, Oliver Twist den Trost und die Nahrung zu spenden, deren er bedürfe. Die Armenhausbehörde antwortete demutsvoll, dies sei nicht der Fall. Darauf beschloß die Gemeindebehörde hochherzig und menschlich, Oliver solle »in Ziehe gegeben« oder, mit andern Worten, in ein etwa drei Meilen entferntes Zweigarmenhaus geschickt werden, wo zwanzig bis dreißig weitere jugendliche Missetäter gegen die Armengesetze den ganzen Tag ohne die Beeinträchtigung durch zuviel Nahrung oder zuviel Kleidung auf dem Fußboden umherrollten, unter der mütterlichen Aufsicht einer ältlichen Frauensperson, welche die Schuldigen gegen ein Entgelt von wöchentlich siebeneinhalb Pence für jedes Köpfchen aufnahm. Die Summe von wöchentlich siebeneinhalb Pence bedeutet für ein Kind eine ansehnliche Kost; für siebeneinhalb Pence kann man eine Menge bekommen, durchaus genügend, den kindlichen Magen zu überladen und zu erreichen, daß sich sein Besitzer unbehaglich fühlt. Die ältliche Frauensperson war ein einsichtsvolles und erfahrenes Weib, sie wußte, was Kindern zuträglich war, und sie hatte eine sehr genaue Vorstellung davon, was ihr selbst zuträglich war. Deshalb verwandte sie den größeren Teil des wöchentlichen Entgelts zu ihrem eigenen Nutzen und |12|bewilligte der heranwachsenden Kirchspielgeneration eine sogar noch geringere Summe, als ihr ursprünglich ausgesetzt war. Womit sie im tiefsten Abgrund einen noch tieferen entdeckte und sich als eine sehr bedeutende Erfahrungsphilosophin erwies.

Jeder kennt die Geschichte eines anderen Erfahrungsphilosophen, der die berühmte Theorie entwickelte, ein Pferd sei imstande, ohne Fressen zu leben, und dies vortrefflich bewies, indem er sein eigenes Pferd allmählich auf einen einzigen Strohhalm am Tag brachte, und fraglos hätte er es ohne jegliche Nahrung zu einem sehr feurigen und quicklebendigen Tier gemacht, wäre es nicht vierundzwanzig Stunden vor dem Zeitpunkt gestorben, da es seine erste bekömmliche Ration purer Luft erhalten sollte. Leider verhielt es sich mit der Erfahrungsphilosophie jener Frauensperson, in deren schützende Obhut Oliver Twist gegeben wurde, so, daß die Anwendung ihres Systems häufig von einem ähnlichen Ergebnis begleitet war, denn just in dem Augenblick, da ein Kind es fertigbrachte, von der allergeringsten Menge allerkraftlosester Nahrung zu existieren, geschah es tückischerweise in achteinhalb von zehn Fällen, daß dieses Kind durch Mangel und Kälte krank wurde oder aus Nachlässigkeit ins Feuer fiel oder zufällig an Rauch halb erstickte, und in jedem dieser Fälle wurde das elende kleine Geschöpf gewöhnlich in eine andere Welt abberufen und dort zu den Vätern versammelt, die es in dieser nie kennengelernt hatte.

Wenn hin und wieder eine aufmerksamere Untersuchung als üblich wegen eines auf Gemeindekosten erzogenen Kindes stattfand, das man beim Zusammenklappen eines Bettgestells übersehen oder an einem Waschtag aus Unachtsamkeit tödlich verbrüht hatte – wenngleich der letztgenannte Unfall sehr selten eintrat, da in dem Ziehhaus alles, was an Waschen heranreichte, ein ungewöhnliches Vorkommnis war –, versteifte sich die Totenschaukommission darauf, |13|lästige Fragen zu stellen, oder setzten die Gemeindemitglieder rebellisch ihren Namen unter eine Beschwerde. Doch solchen Ungehörigkeiten wurde durch das Zeugnis des Wundarztes und die Aussage des Büttels rasch Einhalt geboten; der eine hatte stets den Leichnam geöffnet und nichts im Innern gefunden (was in der Tat sehr glaubhaft war), und der andere nahm unweigerlich auf seinen Eid, was die Gemeinde nur wünschte, und das war sehr aufopferungsvoll von ihm. Außerdem unternahm die Behörde regelmäßige Wallfahrten nach dem Ziehhaus und entsandte stets am Tag zuvor den Büttel, ihren Besuch anzumelden. Wenn sie dann hinkam, waren die Kinder sauber und reinlich anzusehen, und was wollten die Leute mehr!

Es kann nicht erwartet werden, daß dieses System der Aufzucht einen außergewöhnlichen oder üppigen Ertrag zeitigte. Oliver Twists neunter Geburtstag sah ihn als ein blasses, mageres Kind, etwas klein von Gestalt und entschieden gering an Umfang. Doch Natur oder Erbschaft hatten in Olivers Brust eine gesunde, standhafte Seele gepflanzt. Dank der spärlichen Kost des Etablissements hatte sie viel Platz, sich auszubreiten, und vielleicht darf man es diesem Umstand zuschreiben, daß er überhaupt einen neunten Geburtstag erlebte. Mag das wie immer auch sein, es war sein neunter Geburtstag, und er feierte ihn im Kohlenkeller in der erlesenen Gesellschaft von zwei andern jungen Herren, die mit ihm an einer tüchtigen Tracht Prügel teilgehabt hatten und dann eingesperrt worden waren, weil sie sich abscheulicherweise erdreistet hatten, hungrig zu sein, indes Mrs. Mann, die gütige Dame des Hauses, unvermutet durch das Erscheinen Mr. Bumbles, des Büttels, erschreckt wurde, der sich abmühte, das Pförtchen im Gartentor zu öffnen.

»Du meine Güte! Sind Sie das, Mr. Bumble?« sagte Mrs. Mann und streckte in gutgespielter freudiger Begeisterung den Kopf zum Fenster hinaus. »(Susan, hol Oliver und die beiden Bälger rauf und wasch sie unverzüglich.) Lieber |14|Himmel! Wie ich mich freue, Sie zu sehn, Mr. Bumble, wahrhaftig!«

Nun war aber Mr. Bumble ein dicker Mann und ein cholerischer, statt daher diese von Herzen kommende Begrüßung in gleichem Geist zu erwidern, rüttelte er heftig an dem kleinen Pförtchen und versetzte ihm sodann einen Tritt, wie kein anderer als eines Büttels Fuß ihn hätte austeilen können.

»Meinje, nu denken Sie bloß«, sagte Mrs. Mann und lief hinaus – denn die drei Buben waren unterdessen aus dem Keller geholt worden –, »nu denken Sie bloß an! Wie ich aber auch vergessen konnte, daß das Tor wegen der lieben Kinder von innen verriegelt ist! Hereinspaziert, Sir, bitte hereinzuspazieren, Mr. Bumble, bitte, Sir.«

Obgleich diese Einladung von einem Knicks begleitet wurde, der vielleicht das Herz eines Kirchenvorstehers besänftigt hätte, stimmte sie den Büttel keineswegs milder.

»Halten Sie dieses für ein respektierliches oder anständiges Betragen, Mrs. Mann«, erkundigte sich Mr. Bumble, während er seinen Stock fester packte, »daß Sie Gemeindebeamte an Ihrem Gartentor warten lassen, wenn sie in Kirchspielgeschäften kommen, wo die Kirchspielwaisen betreffen? Ist Ihnen bewußt, Mrs. Mann, daß Sie, wie ich mal sagen darf, eine Kirchspielbevollmächtigte und eine Besoldete sind?«

»Ich hab ganz gewiß nur ein oder zwei von den lieben Kindern, die Ihnen, Mr. Bumble, so innig zugetan sind, erzählt, daß Sie uns besuchen«, entgegnete Mrs. Mann mit großer Unterwürfigkeit.

Mr. Bumble hatte eine hohe Meinung von seinen rednerischen Fähigkeiten und seiner Wichtigkeit. Jene hatte er entfaltet und diese behauptet. Er mäßigte sich.

»Schön, schön, Mrs. Mann«, erwiderte er in ruhigerem Ton, »es mag ja sein, wie Sie sagen, mag ja sein. Führen Sie mich ins Haus, Mrs. Mann, denn ich komme in Geschäften und habe Ihnen was zu sagen.«

|15|Mrs. Mann führte den Büttel in ein kleines Wohnzimmer mit Ziegelfußboden, stellte ihm einen Sessel hin und legte übertrieben dienstfertig seinen Dreispitz und seinen Stock auf den Tisch vor ihm. Mr. Bumble wischte sich den Schweiß von der Stirn, den ihm der Fußmarsch entlockt hatte, blickte selbstgefällig auf seinen Dreispitz und lächelte. Ja, er lächelte. Büttel sind auch nur Menschen; und Mr. Bumble lächelte.

»Nehmen Sie mir nicht übel, was ich Ihnen jetzt sagen möchte«, bemerkte Mrs. Mann mit gewinnender Liebenswürdigkeit. »Sie haben einen langen Weg hinter sich, das wissen Sie, sonst würde ich es nicht erwähnen. Wollen Sie nicht ein Tröpfchen trinken, Mr. Bumble?«

»Keinen Tropfen. Keinen Tropfen«, sagte Mr. Bumble und winkte würdevoll, aber sanft mit der Rechten ab.

»Ich denke, Sie werden«, sagte Mrs. Mann, die auf den Ton der Weigerung und die Gebärde, die sie begleitete, achtgegeben hatte. »Bloß ’n Tröpfchen mit ’nem Schlückchen kaltem Wasser und ’nem Stück Zucker.«

Mr. Bumble räusperte sich.

»Na, bloß ’n Tröpfchen«, sagte Mrs. Mann überredend.

»Was haben Sie denn?« fragte der Büttel.

»Nur, wovon ich notgedrungen ’n bißchen im Hause haben muß, um’s den gesegneten Kinderchen in Daffys Elixier zu tun, wenn sie sich nicht wohl fühlen, Mr. Bumble«, erwiderte Mrs. Mann, während sie einen Eckschrank öffnete und eine Flasche und ein Glas herausnahm. »Es ist Gin. Ich will Sie nicht irreführen, Mr. B. Es ist Gin.«

»Sie geben den Kindern Daffy, Mrs. Mann?« fragte Mr. Bumble, der mit den Augen den anziehenden Vorgang des Mischens verfolgte.

»Ach, Gott segne sie, ich tu’s, so teuer er auch ist«, entgegnete die Kinderwärterin. »Ich könnt sie nicht vor meinen Augen leiden sehn, Sir.«

»Nein«, sagte Mr. Bumble beifällig, »nein, Sie könnten es |16|nicht. Sie sind ’n menschenfreundliches Weib, Mrs. Mann.« (Sie stellte ihm das Glas hin.) »Ich werde bald die Gelegenheit ergreifen, es der Behörde mitzuteilen, Mrs. Mann.« (Er zog das Glas zu sich heran.) »Sie fühlen wie eine Mutter, Mrs. Mann.« (Er rührte die Mischung um.) »Ich – ich trinke mit Vergnügen auf Ihr Wohl, Mrs. Mann«, und er goß die Hälfte in sich hinein.

»Und nun zum Geschäftlichen«, sagte der Büttel und holte ein ledernes Notizbuch hervor. »Das mit der Nottaufe versehene Kind Oliver Twist ist heute neun Jahre alt.«

»Gott segne ihn!« warf Mrs. Mann ein und entzündete ihr linkes Auge mit dem Schürzenzipfel.

»Und ungeachtet einer ausgesetzten Belohnung von zehn Pfund, die später auf zwanzig Pfund erhöht wurde, ungeachtet der allergrößten und, ich darf wohl sagen, übernatürlichsten Anstrengungen von seiten der Gemeinde«, fuhr Bumble fort, »ist es uns nicht möglich gewesen, herauszufinden, wer sein Vater ist oder wo der gesetzliche Aufenthaltsort seiner Mutter war und welchen Namens und Standes sie war.«

Mrs. Mann hob staunend die Hände, fügte jedoch, nachdem sie einen Augenblick überlegt hatte, hinzu: »Wie kommt es dann, daß er überhaupt einen Namen hat?«

Der Büttel reckte sich in nicht geringem Stolz empor und sagte: »Ich habe ihn erfunden.«

»Sie, Mr. Bumble?«

»Jawohl, ich, Mrs. Mann. Wir benennen unsere Findlinge in alphabetischer Reihenfolge. Der letzte war ein S – ich nannte ihn Swubble. Dieser war ein T – ihn nannte ich Twist. Der nächste wird Unwin sein und der übernächste Vilkins. Ich hab Namen parat bis zum Schluß des Alphabets, und noch mal von vorn bis hinten, wenn wir beim Z angelangt sind.«

»Sie sind ja direkt ’ne gelehrte Persönlichkeit, Sir!« sagte Mrs. Mann.

»Nun ja«, meinte der Büttel offensichtlich erfreut über das Kompliment, »vielleicht bin ich das. Vielleicht bin ich |17|das, Mrs. Mann.« Er leerte das Glas und setzte hinzu: »Da Oliver jetzt zu alt ist, um hierzubleiben, hat die Behörde entschieden, ihn ins Armenhaus zurückzuholen. Ich bin selbst gekommen, um ihn dorthin mitzunehmen. Also lassen Sie mich den Jungen gleich sehn.«

»Ich werd ihn sofort holen«, sagte Mrs. Mann und verließ zu diesem Zweck das Zimmer. Oliver, dem unterdessen so viel von der Schmutzhülle, die sein Gesicht und seine Hände wie eine Kruste bedeckte, entfernt worden war, wie mit einmaligem Waschen abgeschrubbt werden konnte, wurde nun von seiner gütigen Beschützerin ins Zimmer geführt.

»Mach eine Verbeugung vor dem Herrn, Oliver«, sagte Mrs. Mann.

Oliver machte eine Verbeugung, die sowohl dem Büttel auf dem Sessel wie dem Dreispitz auf dem Tisch galt.

»Willst du mit mir kommen, Oliver?« fragte Mr. Bumble in majestätischem Ton.

Oliver war drauf und dran zu antworten, daß er durchaus bereitwillig mit jedem mitgehen würde, als er aufschaute und Mrs. Mann erblickte, die hinter den Sessel des Büttels getreten war und mit wütender Miene die Faust gegen Oliver schüttelte. Er beachtete den Wink unverzüglich, denn die Faust hatte zu häufig Eindruck auf seinen Körper gemacht, um nicht auch einen tiefen Eindruck in seinem Gedächtnis hinterlassen zu haben.

»Wird sie mitgehen?« fragte der arme Oliver.

»Nein, sie kann nicht«, antwortete Mr. Bumble. »Aber sie wird dich manchmal besuchen.«

Das war kein übermäßiger Trost für den Knaben. Doch so jung er auch war, er besaß genügend Verstand, sich den Anschein zu geben, als empfinde er großen Kummer darüber, fortzumüssen. Es fiel dem Jungen nicht sehr schwer, sich Tränen abzupressen. Hunger und soeben erst erfahrene schlechte Behandlung sind mächtige Gehilfen, wenn man weinen will, und Oliver weinte in der Tat sehr natürlich. |18|Mrs. Mann bedachte ihn mit tausend Umarmungen und, was Oliver sehr viel nötiger hatte, einem Butterbrot, damit er nicht allzu hungrig aussähe, wenn er in das Armenhaus käme. Die Brotschnitte in der Hand und die aus ungebleichtem Leinen bestehende Mütze der Gemeindearmen auf dem Kopf, so wurde Oliver dann von Mr. Bumble aus dem erbärmlichen Heim weggeführt, wo nie ein freundliches Wort oder ein freundlicher Blick die Düsternis seiner Kinderjahre erhellt hatte. Und dennoch brach er in einen heftigen Anfall kindlichen Schmerzes aus, als sich das Haustor hinter ihm schloß. Wie armselig die kleinen Gefährten im Unglück, die er zurückließ, auch sein mochten, sie waren die einzigen Freunde, die er je gekannt hatte, und zum ersten Mal senkte sich in das Herz des Kindes ein Gefühl seiner Verlassenheit in der großen weiten Welt.

Mr. Bumble marschierte mit langen Schritten, der kleine Oliver, fest an den goldbetreßten Ärmelaufschlag des Büttels geklammert, trabte neben ihm her und fragte nach jeder Viertelmeile, ob sie nicht »bald da« seien. Auf diese Fragen gab Mr. Bumble sehr kurze und bissige Antworten, denn die vorübergehende Freundlichkeit, die Gin mit Wasser im Busen mancher Leute erweckt, hatte sich unterdessen verflüchtigt, und er war wieder Büttel.

Oliver befand sich noch keine Viertelstunde innerhalb der Mauern des Armenhauses und hatte kaum ein zweites Stück Brot vertilgt, als Mr. Bumble, der ihn der Aufsicht einer alten Frau anvertraut hatte, zurückkehrte und ihm mitteilte, daß es der Abend der Ausschußsitzung sei und daß der Ausschuß befohlen habe, er solle sogleich vor ihm erscheinen.

Da Oliver keinen klar umrissenen Begriff davon hatte, was ein lebender Ausschuß sein mochte, war er recht verwundert über diese Nachricht und wußte nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Er hatte jedoch keine Zeit, darüber nachzudenken, denn Mr. Bumble versetzte ihm mit seinem Stock einen gelinden Hieb auf den Kopf, um ihn aufzuwecken, und einen |19|weiteren auf den Rücken, um ihn zu ermuntern, und nachdem er ihn hatte folgen heißen, führte er ihn in einen großen weißgetünchten Raum, wo acht oder zehn dicke Herren um einen Tisch saßen. Am Kopfende des Tisches thronte in einem Lehnstuhl, der etwas höher stand als die übrigen, ein besonders dicker Herr mit einem sehr runden, roten Gesicht.

»Verbeuge dich vor dem Ausschuß«, sagte Bumble. Oliver wischte sich ein paar Tränen ab, die ihm noch in den Augen standen, und verbeugte sich, da er nichts von Ausschuß sah, zum Glück vor dem Tisch.

»Wie heißt du, Knabe?« fragte der Herr auf dem hohen Sitz.

Oliver beängstigte der Anblick so vieler Herren, der ihn zittern ließ, und der Büttel versetzte ihm von hinten abermals einen Hieb, der ihn weinen ließ. Aus diesen beiden Gründen antwortete er mit sehr leiser und stockender Stimme, worauf ein Herr in weißer Weste sagte, er sei ein Dummkopf – was ein vorzügliches Mittel war, ihm Mut zu machen und ihm die Schüchternheit zu benehmen.

»Knabe«, sagte der Herr auf dem hohen Sitz, »höre mir zu. Du weißt vermutlich, daß du eine Waise bist?«

»Was ist das, Sir?« fragte der arme Oliver.

»Dachte ich’s doch – der Knabe ist ein Dummkopf«, bemerkte der Herr in der weißen Weste.

»Still! » sagte der Herr, der zuerst gesprochen hatte. »Du weißt doch wohl, daß du weder Vater noch Mutter hast und von der Gemeinde aufgezogen wurdest?«

»Ja, Sir«, antwortete Oliver und weinte bitterlich.

»Weswegen weinst du?« fragte der Herr in der weißen Weste. Und das war ja auch zweifellos sehr merkwürdig. Weswegen konnte der Knabe wohl weinen?

»Ich hoffe, du sprichst jeden Abend deine Gebete«, sagte ein anderer Herr in barschem Ton, »und betest für die Leute, die dich ernähren und für dich sorgen – wie ein Christ.«

»Ja, Sir«, stammelte der Junge. Der Herr, der zuletzt |20|gesprochen, hatte unwissentlich das Richtige getroffen. Es wäre sehr wie ein Christ handeln gewesen, und obendrein ein unglaublich guter Christ, hätte Oliver für die Leute gebetet, die ihn ernährten und für ihn sorgten. Doch er hatte es nicht getan, weil es ihm niemand beigebracht hatte.

»Gut! Du bist hergekommen, um erzogen und in einem nützlichen Handwerk unterwiesen zu werden«, sagte der Herr mit dem roten Gesicht auf dem hohen Sitz.

»Deshalb wirst du morgen früh um sechs Uhr anfangen, Werg zu zupfen«, fügte der Mürrische in der weißen Weste hinzu.

Für diese beiden Segnungen, die in dem einen schlichten Verfahren, Werg zu zupfen, vereinigt waren, verbeugte sich Oliver auf Anweisung des Büttels tief und wurde sodann schleunigst in einen großen Saal gebracht, wo er sich auf einer groben, harten Bettstatt in Schlaf schluchzte. Welch herrliche Illustration der milden Gesetze Englands! Sie gestatten den Armenhäuslern, sich schlafen zu legen!

Armer Oliver! Während er in glücklicher Unkenntnis von alldem, was ihn umgab, lag und schlief, ließ er sich schwerlich einfallen, daß der Ausschuß just an diesem Tag einen Beschluß gefaßt hatte, der einen höchst bedeutsamen Einfluß auf all seine künftigen Geschicke ausüben sollte. Aber so war es. Und um folgendes handelte es sich:

Die Mitglieder dieses Ausschusses waren sehr weise, scharfsichtige, philosophische Männer, und als sie darauf kamen, ihre Aufmerksamkeit dem Armenhaus zuzuwenden, fanden sie sofort heraus, was gewöhnliche Leute nie entdeckt hätten – den Armen gefiel es! Es war ein regelrechter Ort öffentlicher Bewirtung für die ärmeren Schichten, eine Gaststätte, wo nichts zu bezahlen war, eine allgemein und das ganze Jahr über zugängliche Folge von Frühstück, Mittag, Tee und Abendbrot, ein Ziegel-Elysium, wo es nur Erholung und keine Arbeit gab. »Oho!« sagte der Ausschuß und blickte sehr verständig. »Wir sind die Rechten, damit aufzuräumen! |21|Im Nu werden wir all dem ein Ende machen.« Also erließen sie die Verordnung, daß alle Armen die Wahl haben sollten (denn sie würden niemanden zwingen, sie nicht), entweder durch einen mählich fortschreitenden Prozeß im Armenhaus zu verhungern oder durch einen raschen außerhalb dessen. Zu diesem Zweck schlossen sie einen Vertrag mit den Wasserwerken, um einen unbegrenzten Wasservorrat, und mit einem Getreidehändler, um regelmäßig kleine Mengen Hafergrütze zu erhalten, und gaben täglich drei Mahlzeiten dünnen Haferschleims aus, zweimal in der Woche mit einer Zwiebel und sonntags mit einem halben Brötchen. Sie erließen eine Menge anderer weiser und menschlicher Verordnungen, welche die Damen betrafen und nicht unbedingt wiederholt werden müssen, übernahmen es wegen der hohen Kosten eines Verfahrens in Doctors’ Commons freundlicherweise, vermögenslose Eheleute zu scheiden, und statt einen Mann zu zwingen, daß er seine Familie ernähre, wie sie es bislang getan hatten, nahmen sie ihm die Familie und machten ihn zum Junggesellen! Was die beiden letztgenannten Hauptpunkte betrifft, so läßt sich nicht sagen, wie viele Freiheitsbewerber aus allen Schichten der Gesellschaft sich möglicherweise eingestellt hätten, wären diese nicht mit dem Armenhaus gekoppelt gewesen; aber der Ausschuß bestand aus gewitzten Männern und hatte dieser Mißlichkeit vorgebaut. Die Freiheit war untrennbar von dem Armenhaus und dem Haferschleim, und das schreckte die Leute ab.

In den ersten sechs Monaten nach Oliver Twists Umsiedlung lief das Verfahren mit voller Kraft. Es war zu Anfang etwas kostspielig, weil die Rechnung des Leichenbestatters anstieg und weil es unerläßlich wurde, die Kleider aller Armenhäusler, die ihnen nach ein, zwei Wochen Haferschleim um die abgezehrten, eingeschrumpften Leiber schlotterten, enger zu machen. Aber die Zahl der Armenhäusler nahm ebenso ab wie die Armenhäusler selbst, und der Ausschuß war begeistert.

|22|Der Raum, in dem die Buben abgefüttert wurden, war eine große steinerne Halle mit einem Kupferkessel an dem einen Ende, aus dem der Vorsteher, zu diesem Zweck mit einer Schürze versehen und von ein paar Frauen unterstützt, zu den Mahlzeiten den Haferschleim schöpfte. Von diesem Festgericht erhielt jeder Knabe einen Napf voll und nicht mehr – ausgenommen an bedeutenden öffentlichen Freudentagen, die ihm zu zweieinviertel Unzen Brot zusätzlich verhalfen. Die Näpfe brauchten nie gewaschen zu werden. Die Buben putzten sie mit ihren Löffeln sauber, bis sie wieder blinkten, und wenn sie diese Tätigkeit beendet hatten (was nie sehr lange dauerte, da die Löffel fast so groß waren wie die Näpfe), hockten sie da und starrten mit so gierigen Augen auf den Kupferkessel, als hätten sie sogar die Backsteine verschlingen mögen, in die er eingelassen war, und beschäftigten sich derweilen, emsig an den Fingern zu lutschen, um alle Haferschleimspritzer zu erwischen, die vielleicht dahin geraten waren. Buben haben gewöhnlich einen ausgezeichneten Appetit. Oliver Twist und seine Gefährten erlitten drei Monate lang die Folterqualen langsamen Verhungerns, schließlich wurden sie so gierig und wild vor Hunger, daß ein Junge, der für sein Alter groß und an dergleichen nicht gewöhnt gewesen war (denn sein Vater hatte eine kleine Garküche geführt), seinen Gefährten heimlich andeutete, wenn er per diem nicht einen weiteren Napf Haferschleim bekäme, werde er wohl leider eines Nachts den Jungen fressen, der neben ihm schlafe und der zufällig ein schwaches Kind im zarten Alter war. Er hatte einen wilden, hungrigen Blick, und sie glaubten ihm unbedingt. Es wurde beratschlagt und ausgelost, wer an diesem Abend nach dem Essen zu dem Vorsteher gehen und um mehr bitten solle, und das Los fiel auf Oliver Twist.

Der Abend kam, die Buben nahmen ihre Plätze ein. Der Vorsteher stellte sich in seiner Küchentracht an den Kupferkessel, seine Armenhausgehilfinnen bauten sich hinter ihm auf, der Haferschleim wurde ausgeteilt und ein langes Tischgebet |23|über der schmalen Kost gesprochen. Der Haferschleim verschwand, die Buben flüsterten miteinander und winkten Oliver mit den Augen zu, während ihn die Zunächstsitzenden heimlich anstießen. Mochte er auch noch ein Kind sein, der Hunger machte ihn verwegen, die Not bedenkenlos. Er stand vom Tisch auf, ging, Napf und Löffel in der Hand, auf den Vorsteher zu und sagte, etwas erschrocken über seine Tollkühnheit:

»Bitte, Sir, ich möchte noch etwas haben.«

Der Vorsteher war ein dicker, gesunder Mann, aber er wurde ganz blaß. Einige Sekunden lang starrte er in verblüfftem Staunen auf den kleinen Rebellen, dann klammerte er sich haltsuchend an den Kupferkessel. Die Gehilfinnen waren gelähmt vor Verwunderung, die Buben vor Angst.

»Was?« brachte der Vorsteher schließlich mit schwacher Stimme heraus.

»Bitte, Sir«, erwiderte Oliver, »ich möchte noch etwas haben.«

Der Vorsteher versetzte Olivers Kopf einen wohlgezielten Hieb mit der Schöpfkelle, klemmte ihn in die Arme und kreischte laut nach dem Büttel.

Der Ausschuß tagte gerade in ernster Geheimversammlung, als Mr. Bumble höchst aufgeregt in den Raum stürzte und den Herrn auf dem hohen Sitz mit den Worten anredete:

»Mr. Limbkins, bitte um Vergebung, Sir! Oliver Twist hat um mehr gebeten!«

Es herrschte allgemeine Bestürzung. Entsetzen malte sich auf jedem Antlitz.

»Um mehr?« fragte Mr. Limbkins. »Fassen Sie sich, Bumble, und antworten Sie mir klar und deutlich. Habe ich das so zu verstehen, daß er um mehr gebeten hat, nachdem er das nach der vorschriftsmäßigen Verpflegung bewilligte Abendessen verspeiste?«

»So ist es, Sir«, antwortete Bumble.

|24|»Dieser Knabe wird noch gehängt werden«, sagte der Herr in der weißen Weste. »Ich weiß es, dieser Knabe wird gehängt werden.«

Niemand widersprach der Ansicht des prophetischen Herrn. Eine angeregte Diskussion entwickelte sich. Oliver wurde unverzüglich eingekerkert, und am nächsten Morgen wurde außen am Tor ein Anschlag befestigt, der jedem, der die Gemeinde von Oliver Twist befreite, eine Belohnung von fünf Pfund versprach. Mit andern Worten, jedem Mann oder jeder Frau, die einen Lehrburschen für einerlei welchen Handel, welches Geschäft oder Gewerbe brauchten, wurden fünf Pfund und Oliver Twist angeboten.

»Nie in meinem Leben war ich von etwas mehr überzeugt«, sagte der Herr in der weißen Weste, als er am Morgen darauf an das Tor pochte und den Anschlag las, »nie in meinem Leben war ich von etwas mehr überzeugt als davon, daß dieser Knabe hängen wird.«

Da ich im folgenden dartun will, ob der weißwestige Herr recht hatte oder nicht, würde ich möglicherweise den Reiz dieser Geschichte (so sie dessen überhaupt besitzt) schmälern, unterfinge ich mich schon jetzt einer Andeutung darüber, ob Oliver Twists Leben ein so gewaltsames Ende nahm.

3. Kapitel

Erzählt, wie Oliver Twist um ein Haar eine Stelle erhielt, die kein leichtes Amt gewesen wäre

Eine Woche lang, nachdem er die gottvergessene und ruchlose Missetat begangen hatte, um mehr zu bitten, blieb Oliver in dem strengen Gewahrsam des finsteren und abgeschiedenen Raumes, in den ihn die Weisheit und Barmherzigkeit |25|des Ausschusses verwiesen hatte. Auf den ersten Blick scheint es nicht unvernünftig, zu vermuten, er hätte, wäre ihm ein geziemendes Gefühl der Ehrfurcht vor der Prophezeiung des Herrn in der weißen Weste eigen gewesen, den prophetischen Ruf dieses Weisen ein für allemal gesichert, indem er ein Ende seines Taschentuchs an einem Haken in der Wand befestigte und sich selbst an dem andern aufknüpfte. Doch um diese Tat zu vollbringen, gab es ein Hindernis: Taschentücher, entschieden als Luxusartikel bewertet, waren für alle künftigen Zeiten und Zeitalter von den Nasen der Armenhäusler verbannt durch die ausdrückliche Verfügung des einberufenen Ausschusses, die feierlich unter Brief und Siegel erlassen und bekanntgegeben worden war. Ein noch größeres Hindernis bot Olivers Jugend und kindliche Unschuld. Den ganzen Tag weinte er nur bitterlich, und wenn die lange, grausige Nacht kam, breitete er die Händchen über die Augen, um die Finsternis auszuschließen, und versuchte, in einen Winkel gekauert, zu schlafen, fuhr jedoch immer wieder zitternd hoch und drängte sich dichter und dichter an die harte, kalte Wand, als empfinde er sogar diese Berührung wie einen Schutz in der Düsternis und Einsamkeit, die ihn umgab.

Die Feinde des »Systems« mögen nicht etwa denken, Oliver wären in der Zeit seiner einsamen Kerkerschaft die Wohltat der Leibesertüchtigung, die Freude an Gesellschaft oder die Vorzüge religiösen Trostes versagt gewesen. Was die Leibesertüchtigung betraf, so durfte er – es war schön kalt – sich jeden Morgen unter der Pumpe eines steingepflasterten Hofes in Gegenwart Mr. Bumbles waschen, der durch wiederholte Anwendung seines Stockes verhütete, daß er sich eine Erkältung zuzog, und bewirkte, daß er von Kopf bis Fuß ein durchdringendes Prickeln und Kribbeln spürte. Damit er Gesellschaft nicht entbehre, wurde er jeden zweiten Tag in die Halle geführt, wo die Buben speisten, und dort zur allgemeinen Warnung und als öffentliches Exempel |26|zwanglos ausgepeitscht. Und weit davon entfernt, der Vorzüge religiösen Trostes entraten zu müssen, wurde er jeden Abend zur Gebetsstunde mit Fußtritten in den nämlichen Raum getrieben und durfte dort einem gemeinschaftlichen Bittgebet der Knaben lauschen und sein Gemüt daran aufrichten, enthielt es doch einen besonderen, auf Geheiß des Ausschusses angefügten Zusatz mit der inständigen Bitte der Knaben, sie fromm, tugendhaft, zufrieden und gehorsam werden zu lassen und zu bewahren vor den Sünden und Lastern Oliver Twists, den das Bittgebet eindeutig herausstellte als ein ausschließlich von den Mächten des Bösen begünstigtes und beschütztes Geschöpf und ein Produkt unmittelbar aus der Fabrik des Teufels. .

Eines Morgens, als sich Olivers Angelegenheiten in diesem glücklichen und angenehmen Zustand befanden, geschah es, daß Mr. Gamfield, Kaminkehrer, die High Street hinab seines Weges ging und in seinem Sinn gründlich die Mittel und Wege erwog, wie er bestimmte Mietrückstände zahlen sollte, auf die sein Wirt etwas heftig drängte. Mr. Gamfields großzügigste Einschätzung seiner Finanzen vermochte sie nicht auf mehr als ganze fünf Pfund der geforderten Summe zu bringen, und in einer Art arithmetischer Verzweiflung plagte er abwechselnd sein Hirn und seinen Esel, als er zum Armenhaus kam und sein Blick auf den Anschlag am Tor fiel.

»Prr-rr!« sagte Mr. Gamfield zu dem Esel.

Der Esel befand sich in einem Zustand tiefer Versunkenheit, wahrscheinlich fragte er sich, ob es ihm bestimmt sei, sich an ein paar Kohlstrünken gütlich zu tun, wenn er die beiden Säcke voll Ruß los war, mit denen der kleine Karren beladen war, deshalb beachtete er den Befehl nicht, sondern trottete weiter.

Mr. Gamfield knurrte einen heftigen Fluch über den Esel, lief ihm nach und versetzte ihm einen Hieb auf den Kopf, der unweigerlich jeden anderen Schädel als den eines Esels |27|eingeschlagen hätte. Dann packte er den Zügel, ruckte heftig am Zaumzeug, um ihn sanft daran zu erinnern, daß er nicht sein eigner Herr sei, und bewog ihn auf diese Weise zur Umkehr. Dann gab er ihm abermals einen Hieb auf den Kopf, nur um ihn zu betäuben, bis er wiederkäme. Nachdem er diese Vorkehrungen getroffen hatte, ging er zu dem Tor, um den Anschlag zu lesen.

Der Herr in der weißen Weste stand, die Hände auf dem Rücken, am Tor, nachdem er im Sitzungszimmer etliche tiefgründige Ansichten von sich gegeben hatte. Da er Zeuge der kleinen Mißhelligkeit zwischen Mr. Gamfield und dem Esel gewesen war, schmunzelte er heiter, als jener Mensch herankam, um den Anschlag zu lesen, denn er erkannte sogleich, daß Mr. Gamfield haargenau die Sorte Lehrmeister war, die Oliver Twist nötig hatte. Mr. Gamfield schmunzelte ebenfalls, als er das Dokument aufmerksam durchlas, denn fünf Pfund waren genau die Summe, um die er sich den Kopf zerbrochen hatte, und was den Jungen betraf, mit der sie belastet war, so kannte Mr. Gamfield die Kost im Armenhaus gut und wußte, der Junge würde ein angenehm schmächtiges Musterexemplar sein, just das Richtige für Registeröfen. Daher buchstabierte er die Bekanntmachung noch einmal von Anfang bis Ende durch, zog sodann zum Zeichen seiner Ergebenheit die Pelzmütze und redete den Herrn in der weißen Weste an.

»Dieser Jung hier, Sir, wo die Gemeinde will in die Lehre geben«, sprach Mr. Gamfield.

»Ja, Mann«, sagte der Herr in der weißen Weste und lächelte herablassend. »Was ist mit ihm?«

»Wenn die Gemeinde ihn möcht gern ’n leichtes, angenehmes Handwerk lernen lassen, in ’nem guten spektablen Kaminkehrergeschäft«, sagte Mr. Gamfield, »ich brauch ’n Lehrling, und ich bin bereit, ihn zu nehmen.«

»Kommen Sie rein«, erwiderte der Herr in der weißen Weste. Mr. Gamfield, der zurückgeblieben war, um dem Esel |28|vorsichtshalber noch einen Schlag auf den Kopf zu geben und noch einmal am Zaumzeug zu rucken, damit er in seiner Abwesenheit nicht davonlaufe, folgte dem Herrn mit der weißen Weste in den Raum, wo Oliver diesen zum erstenmal erblickt hatte.

»Es ist ein schmutziges Handwerk«, sagte Mr. Limbkins, als Gamfield noch einmal seinen Wunsch vorgetragen hatte.

»Es sind schon junge Burschen in Kaminen erstickt«, bemerkte ein anderer Herr.

»Von wegen weil sie das Stroh haben angefeucht’, bevor daß sie’s haben im Kamin angezündt, damit die wieder runterkommen«, erklärte Gamfield, »da gibt’s bloß lauter Rauch und keine Flamme nich, und dabei is Rauch überhaupt nich von Nutzen, um ’n Jung runterzuholen, schläfert ihn bloß ein, und das möcht er gern. Jungens sind sehr obstinatsch und sehr faul, verehrliche Herrn, und es gibt nichts Besseres als wie ’ne tüchtige, heiße Flamme, sie mit ’m Wuppdich runterzuholen. Es is noch dazu menschlich, verehrliche Herrn, von wegen weil, möchten sie auch im Kamin sind steckengeblieben, sie sich aber schon mächtig anstrengen, rauszukommen, wenn ihnen die Füße gebraten werden.«

Der Herr in der weißen Weste schien sehr belustigt über diese Erklärung, aber seiner Heiterkeit wurde durch einen Blick Mr. Limbkins’ rasch Einhalt geboten. Darauf beriet der Ausschuß einige Minuten lang untereinander, aber so leise, daß nur die Worte »Kostenersparnis«, »günstiger Eindruck nach den Berichten«, »hab eine Zeitungsmeldung« zu hören waren. Und diese waren freilich auch nur deshalb vernehmlich, weil sie sehr häufig mit großem Nachdruck wiederholt wurden.

Schließlich hörte das Gewisper auf, und nachdem die Mitglieder des Ausschusses zu ihren Plätzen und ihrem feierlichen Ernst zurückgekehrt waren, sagte Mr. Limbkins:

»Wir haben Ihren Antrag erwogen und stimmen ihm nicht zu.«

|29|»Keineswegs«, sagte der Herr in der weißen Weste.

»Ganz gewiß nicht«, fügten die andern Mitglieder hinzu.

Da Mr. Gamfield zufällig unter der geringfügigen Beschuldigung zu leiden hatte, er habe bereits drei oder vier Lehrbuben zu Tode geprügelt, kam ihm in den Sinn, der Ausschuß habe sich in einer sonderbaren Laune womöglich in den Kopf gesetzt, sein Verhalten von diesem unwesentlichen Umstand beeinflussen zu lassen. Es sah zwar dessen üblichem Geschäftsgebaren so gar nicht ähnlich, doch da ihm nicht sonderlich daran gelegen war, das Gerücht wieder aufleben zu lassen, drehte er seine Mütze in den Händen und entfernte sich langsam vom Tisch.

»Sie wolln mir den Jung also nich geben, verehrliche Herrn?« fragte Mr. Gamfield und blieb an der Tür stehen.

»Nein«, entgegnete Mr. Limbkins, »zumindest meinen wir, Sie müßten sich, da es ein schmutziges Gewerbe ist, mit einem niedrigeren Lehrgeld als dem gebotenen zufriedengeben.«

Mr. Gamfields Gesicht hellte sich auf, als er raschen Schritts zum Tisch zurückkehrte und fragte:

»Was wolln Sie denn ausgeben, verehrliche Herrn? Los! Sind Sie nich zu hart gegen ’n armen Mann. Was wolln Sie geben?«

»Ich würde sagen, drei Pfund zehn Schilling ist reichlich«, sagte Mr. Limbkins.

»Zehn Schilling zuviel«, bemerkte der Herr in der weißen Weste.

»Aber na!« erwiderte Gamfield. »Sagen Sie vier Pfund, verehrliche Herrn. Sagen Sie vier Pfund, und Sie sind ihn endgültig los. Na?«

»Drei Pfund zehn«, wiederholte Mr. Limbkins fest.

»Na aber! Machen wir halbe-halbe mit ’m Unterschied«, drängte Gamfield. »Drei Pfund fümzehn.«

»Keinen Deut mehr«, lautete die entschiedene Antwort Mr. Limbkins’.

|30|»Sie sind aber mächtig hart gegen mich, verehrliche Herrn«, sagte Mr. Gamfield unschlüssig.

»Papperlapapp! Unsinn!« sagte der Herr in der weißen Weste. »Er wäre noch billig für überhaupt kein Lehrgeld. Nehmen Sie ihn, Dummkopf! Er ist justament der Lehrbursche für Sie. Er hat von Zeit zu Zeit den Stock nötig, der wird ihm guttun, und für seine Kost brauchen Sie nicht viel auszugeben, denn seit seiner Geburt ist er nicht überfüttert worden. Hahaha!«

Mr. Gamfield ließ einen schlauen Blick über die Gesichter der Tischrunde wandern, und da er auf allen ein Grinsen wahrnahm, verzog sich auch seines nach und nach zu einem Grinsen. Der Handel war abgeschlossen. Mr. Bumble wurde unverzüglich angewiesen, Oliver Twist und seinen Lehrvertrag noch am gleichen Nachmittag zwecks Unterschrift und Genehmigung vor die Obrigkeit zu bringen.

Diesem Beschluß gemäß wurde der kleine Oliver zu seinem allergrößten Erstaunen aus der Gefangenschaft befreit und erhielt den Befehl, ein reines Hemd anzuziehen. Kaum hatte er diese höchst ungewöhnliche Leibesübung beendet, als ihm Mr. Bumble eigenhändig einen Napf Haferschleim und die Sonntagszuteilung von zweieinviertel Unzen Brot brachte. Bei diesem ungeheuerlichen Anblick begann Oliver jämmerlich zu weinen, da er, was nicht unnatürlich war, glaubte, der Ausschuß müsse beschlossen haben, ihn zu irgendeinem nützlichen Zweck zu töten, andernfalls hätten sie nie angefangen, ihn auf solche Weise zu mästen.

»Mach dir nicht die Augen rot, Oliver, sondern iß und sei dankbar«, sagte Mr. Bumble in eindrucksvoll wichtigtuerischem Ton. »Du sollst ein Lehrling werden.«

»Ein Lehrling, Sir?« wiederholte das Kind zitternd.

»Jawohl, Oliver«, sagte Mr. Bumble. »Die gütigen und segenspendenden Herren, die dir die Eltern ersetzen, da du keine hast, Oliver, wollen dich in die Lehre geben und ins Leben einführen und einen Mann aus dir machen, obgleich |31|es die Gemeinde drei Pfund zehn kostet! Drei Pfund zehn, Oliver. – Siebzig mal ’nen Schilling einhundertvierzigmal Sixpence! – Und all das für einen nichtsnutzigen Waisenknaben, den niemand liebhaben kann.«

Als Mr. Bumble innehielt, um Atem zu holen, nachdem er diese Ansprache mit furchterregender Stimme von sich gegeben hatte, rollten dem armen Kind die Tränen übers Gesicht, und es schluchzte bitterlich.

»Aber, aber«, sagte Mr. Bumble etwas weniger hochtrabend, da es seine Gefühle erfreute, die Wirkung zu beobachten, die seine Rede hervorgerufen hatte, »aber, aber, Oliver! Wisch dir die Tränen mit den Ärmelaufschlägen ab und weine nicht in deinen Haferschleim, das ist sehr töricht gehandelt, Oliver.« Das war es in der Tat, denn er enthielt ohnehin schon durchaus genügend Wasser.

Auf ihrem Weg zum Friedensrichter schärfte Mr. Bumble Oliver ein, er brauche nichts weiter zu tun, als sehr glücklich auszusehen und, wenn der Herr ihn frage, ob er in die Lehre wolle, zu sagen, daß er es wirklich sehr, sehr gern möchte; beiden Anweisungen zu folgen, versprach Oliver, um so mehr, als Mr. Bumble die freundliche Andeutung fallenließ, wenn er sich nicht daran halte, könne man nicht sagen, was mit ihm geschehen werde. Als sie in der Amtsstube anlangten, wurde Oliver allein in einem kleinen Raum eingesperrt und von Mr. Bumble ermahnt, dort zu bleiben, bis er ihn holen käme.

Der Junge wartete dort klopfenden Herzens eine halbe Stunde. Nach Ablauf dieser Zeit steckte Mr. Bumble den nicht mehr mit dem Dreispitz gezierten Kopf herein und sagte laut:

»Oliver, mein Liebling, komm jetzt zu dem Herrn.« Als Mr. Bumble diese Worte sprach, setzte er eine finstere und drohende Miene auf und fügte leise hinzu: »Denk daran, was ich dir gesagt habe, du kleiner Spitzbube!«

Oliver starrte Mr. Bumble ob dieser etwas widersprüchlichen Ausdrucksweise unschuldsvoll ins Gesicht, wurde |32|jedoch von dem Herrn gehindert, eine Bemerkung darüber zu machen, da Mr. Bumble ihn sogleich in einen angrenzenden Raum führte, dessen Tür offenstand. Es war ein großer Raum mit einem großen Fenster. Hinter einem Schreibpult saßen zwei alte Herren mit gepuderten Köpfen, einer las die Zeitung, während der andere mit Hilfe einer Schildpattbrille aufmerksam ein kleines Pergament studierte, das vor ihm lag. Mr. Limbkins stand auf der einen Seite vor dem Pult, Mr. Gamfield mit teilweise gewaschenem Gesicht auf der anderen, außerdem lungerten ein paar mürrisch aussehende Männer mit Stulpenstiefeln herum.

Der alte Herr mit der Brille schlummerte allmählich über seinem kleinen Pergament ein, und es gab eine kurze Pause, nachdem Oliver von Mr. Bumble vor dem Pult aufgepflanzt worden war.

»Dies ist der Knabe, Euer Gnaden«, sagte Mr. Bumble.

Der zeitunglesende alte Herr hob für einen Augenblick den Kopf und zupfte den anderen alten Herrn am Ärmel, worauf der letztgenannte alte Herr erwachte.

»Oh, ist dies der Knabe?« fragte der alte Herr.

»Das ist er, Sir«, erwiderte Mr. Bumble. »Mach vor dem Amtsrat einen Diener, mein Liebling.«

Oliver raffte sich auf und machte seine beste Verbeugung. Er hatte sich, die Augen starr auf den Haarpuder der Obrigkeiten gerichtet, gefragt, ob alle Amtsherren mit diesem weißen Zeug auf dem Kopf geboren würden und deswegen von der Zeit an Amtsherren waren.

»Nun«, sagte der alte Herr, »ich nehme an, das Kaminkehren sagt ihm zu?«

»Er ist rein vernarrt darin, Euer Gnaden«, erwiderte Bumble und kniff Oliver verstohlen, um anzudeuten, daß er lieber nicht das Gegenteil behaupten solle.

»Und er möchte Kaminkehrer werden, ja?« fragte der alte Herr.

»Wenn wir ihn morgen zu einem andern Handwerk zwingen |33|wollten, würde er im selben Augenblick davonlaufen«, antwortete Bumble.

»Und dieser Mann, der sein Lehrmeister werden soll – Sie, Sir – Sie werden ihn gut behandeln und tüchtig ernähren und all das, ja?« fragte der alte Herr.

»Wenn ich sag, das werd ich, dann heißt das, ich werd es«, entgegnete Mr. Gamfield mürrisch.

»Sie führen eine grobe Sprache, mein Freund, aber Sie sehen mir nach einem rechtschaffenen, ehrlichen Mann aus«, sagte der alte Herr und richtete seine Brille auf den Bewerber um Olivers Lehrgeld, dessen Schurkengesicht eine ordnungsgemäß gestempelte Quittung für Grausamkeit war. Aber der Beamte war halb blind und halb kindisch, deshalb konnte man von ihm vernünftigerweise nicht erwarten, daß er wahrzunehmen vermochte, was andere Leute gewahrten.

»Das will ich hoffen, Sir«, sagte Mr. Gamfield mit einem tückischen Blinzeln.

»Ich zweifle nicht daran, mein Freund«, erwiderte der alte Herr, setzte die Brille fester auf die Nase und hielt Ausschau nach dem Tintenfaß.

Das war der kritische Augenblick für Olivers Geschick. Wäre das Tintenfaß dort gewesen, wo der alte Herr es vermutete, dann hätte er seine Feder eingetaucht und den Lehrvertrag unterschrieben, und Oliver wäre schnurstracks weggeführt worden. Doch da es zufällig direkt unter seiner Nase stand, blickte er natürlich auf dem ganzen Pult umher, ohne es zu finden, und da es sich so traf, daß er im Verlauf seiner Suche unmittelbar vor sich schaute, fiel sein Blick auf das bleiche und entsetzte Gesicht Oliver Twists, der ungeachtet aller ermahnenden Blicke und Kniffe Bumbles das abstoßende Gesicht seines künftigen Lehrherrn mit einem so offenkundig aus Grauen und Furcht gemischten Ausdruck betrachtete, daß nicht einmal ein halb blinder Beamter der Obrigkeit ihn verkennen konnte.

Der alte Herr hielt inne, legte seine Feder hin und blickte |34|von Oliver auf Mr. Limbkins, der mit heiterer und unbekümmerter Miene eine Prise Schnupftabak zu nehmen versuchte.

»Mein Junge!« sagte der alte Herr, über das Pult gelehnt. Oliver fuhr bei dem Laut zusammen. Das war wohl zu entschuldigen, denn die Worte wurden gütig gesprochen, und ungewohnte Laute erschrecken einen. Er zitterte heftig und brach in Tränen aus.

»Mein Junge!« sagte der alte Herr. »Du siehst blaß und ängstlich aus. Was gibt es?«

»Stellen Sie sich etwas weiter weg von ihm, Büttel«, sagte der andere Amtsherr, legte die Zeitung beiseite und beugte sich mit einem Ausdruck von Interesse vor. »Erzähl uns jetzt, was los ist, Junge, hab keine Angst.«

Oliver fiel auf die Knie und bat mit gefalteten Händen, sie möchten befehlen, daß er wieder in den dunklen Raum käme – sie möchten ihn hungern lassen – ihn schlagen – ihn umbringen, wenn sie wollten – lieber all das, als ihn mit diesem schrecklichen Mann fortschicken.

»Traun fürwahr!« sagte Mr. Bumble und erhob mit höchst eindrucksvollem feierlichem Ernst seine Hände und Augen. »Traun fürwahr! Von allen geriebenen und hinterlistigen Waisen, die mir jemals untergekommen sind, Oliver, bist du einer der unverschämtesten.«

»Halten Sie den Mund, Büttel«, sagte der zweite alte Herr, als sich Mr. Bumble mit diesem Eigenschaftswort Luft gemacht hatte.

»Ich bitte Euer Gnaden um Vergebung«, sagte Mr. Bumble, ungläubig, ob er recht gehört habe. »Haben Euer Gnaden zu mir gesprochen?«

»Jawohl. Halten Sie den Mund.«

Mr. Bumble war starr vor Staunen. Einem Büttel wurde befohlen, den Mund zu halten! Eine moralische Revolution!

Der alte Herr mit der Schildpattbrille blickte seinen Kollegen an, er nickte bedeutungsvoll.

»Wir lehnen es ab, diesen Lehrvertrag zu genehmigen«, |35|sagte der alte Herr und warf bei diesen Worten das Pergament beiseite.

»Ich hoffe«, stammelte Mr. Limbkins, »ich hoffe, die Obrigkeiten werden nicht auf Grund des ungestützten Zeugnisses eines bloßen Kindes zu der Ansicht gelangen, die Behörde habe sich eines unziemlichen Verhaltens schuldig gemacht.«

»Die Obrigkeiten fühlen sich nicht berufen, eine Ansicht über die Sache zu äußern«, sagte der zweite alte Herr scharf. »Bringen Sie den Jungen zurück ins Armenhaus und behandeln Sie ihn freundlich. Er scheint es nötig zu haben.«

Am selben Abend behauptete der Herr in der weißen Weste ganz ausdrücklich und entschieden, Oliver werde nicht allein hängen, sondern obendrein noch ausgeweidet und gevierteilt werden. Mr. Bumble schüttelte düster-geheimnisvoll den Kopf und sagte, er wünsche, es möge gut mit ihm enden, worauf Mr. Gamfield erwiderte, er wünsche, er möge bei ihm enden, was ein Wunsch völlig entgegengesetzter Art zu sein schien, wenngleich er in den meisten Dingen mit dem Büttel übereinstimmte.

Am nächsten Morgen wurde der Öffentlichkeit abermals bekanntgegeben, daß Oliver Twist zu verdingen sei und daß jedem, der ihn in Besitz nehmen wolle, fünf Pfund gezahlt würden.

4. Kapitel

Oliver, dem eine andere Stelle geboten wird, macht seinen ersten Schritt ins öffentliche Leben

In großen Familien ist es, kann für den aufwachsenden Jüngling weder sofort noch in Anwartschaft oder Aussicht eine vorteilhafte Stelle erlangt werden, ein durchaus üblicher Brauch, ihn zur See zu schicken. Der Ausschuß ahmte ein |36|so weises und heilsames Beispiel nach und beriet über die Zweckmäßigkeit, Oliver Twist auf einem kleinen Handelsfahrzeug einzuschiffen, das nach einem günstig ungesunden Hafen bestimmt war. Dies bot sich als das Beste an, was mit ihm getan werden konnte, da der Kapitän ihn wahrscheinlich eines Tages nach dem Mittagessen in mutwilliger Laune totprügeln oder ihm mit einer Eisenstange den Schädel einschlagen würde, denn wie fast allgemein bekannt, gehören diese beiden kurzweiligen Beschäftigungen zu den bei den Herren jenes Berufes sehr beliebten und üblichen Belustigungen. Je deutlicher sich dem Ausschuß die Sache von diesem Gesichtspunkt aus darstellte, desto mannigfaltiger erschienen die Vorteile eines solchen Schrittes; deshalb kam er also zu dem Schluß, die einzige Möglichkeit, Oliver endgültig zu versorgen, bestehe darin, ihn ohne Säumen zur See zu schicken.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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