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Maike Harel

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Beschreibung

Berlin im Jahr 2075: Willkommen in einer Welt, in der Leistung alles ist und dich ein kleiner Fehler alles kosten kann. In einer Gesellschaft der totalen Überwachung, in der nur zählt, wie regelkonform man sich verhält, hofft die siebzehnjährige Ellie, endlich den sogenannten "goldenen Status" zu erreichen, um ihre Familie zu retten. Doch der soziale Aufstieg ist nur wenigen vorbehalten und sich gegen das System zu stellen, kann gefährliche Folgen haben … Als sie den charmanten Sam kennenlernt, dessen Status auf mysteriöse Weise immer bei "Gold" stehen zu bleiben scheint, glaubt sie der Lösung all ihrer Probleme nah zu sein. Doch kann Sam wirklich ihre Rettung sein, oder stürzt er sie ins Verderben?

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Seitenzahl: 518

Veröffentlichungsjahr: 2025

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MAIKE HAREL

OMNI-X

Inhalt

1. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, März 2038

2. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, März 2038

3. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, März 2038

4. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, März 2038

5. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, März 2038

6. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, März 2038

7. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, März 2038

8. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, März 2038

9. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, März 2038

10. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, April 2038

11. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, April 2038

12. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, April 2038

13. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, April 2038

14. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, April 2038

15. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, April 2038

16. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, April 2038

17. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, April 2038

18. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, April 2038

19. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, April 2038

20. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, April 2038

21. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, April 2038

22. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, April 2038

23. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, April 2038

24. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, April 2038

25. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, Mai 2038

26. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, Mai 2038

27. Berlin 2075

Brief an Resa Gerlach, Mai 2038

28. Berlin 2075

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, Mai 2038

29. Berlin 2075

30. Berlin 2075

31. Berlin 2075

Brief von Jonas an Resa, Oktober 2038

32. Berlin 2075

Leseprobe

Prolog

1

2

3

1. Berlin 2075

Etwas blinkte im heißen Sand, und ohne nachzudenken, bückte ich mich danach. Es war ein dünnes Stück Metall, das jemand in eine krude Form geschnitten hatte. Eine hässliche, ungelenk zurechtgesäbelte Ratte, kaum größer als mein Daumennagel. Ich hob sie auf.

Dann ließ ich mich im Schatten eines Baumes nieder und zog die Knie an. Durchatmen.

Ich hatte viel geschafft an diesem Tag. Ein Bonus fürs Wässern der Beete vor unserem Hauseingang. Ein Boost für meinen BioTracker durch das morgendliche Sportprogramm. Und eine beachtliche Portion Extrapunkte mit Sahne für fünf Stunden Müllaufsammeln im Freiwilligenteam der Schöne-Stadt-Initiative. Eben hatte ich noch im Supermarkt die Boxen mit dem alten Gemüse abgeholt und an die vorgegebenen Familien mit rotem Status geliefert. Vorsichtshalber nur bis zur Türschwelle und ohne zu klingeln, denn ich konnte nicht riskieren, dass mich eine der Bewohnerinnen in ein Gespräch verwickelte, eines, das möglicherweise auf meinem Index registriert würde.

Ich ließ meinen Kopf gegen den Stamm sinken und tastete vorsichtig die scharfen Kanten der Metallratte ab. Die kleine Diode an meinem schwarzen Kunststoffarmband leuchtete in müdem Grau. Fast automatisch zog ich das Holomenü auf, das aus dem Armband auf meinem Handrücken projiziert wurde, und checkte meinen Stand. Noch vier Prozent bis Gold. Vier Prozent mehr bis morgen früh um Punkt 09:00 Uhr.

Ich sah auf, als Kinderstimmen über den Spielplatz schallten. Zwei kleine Jungen rannten durch den Sand zu den Schaukeln. Ich erhob mich schnell und lächelte der Mutter zu, die mich einen verstohlenen Augenblick lang musterte.

»Nur eine Viertelstunde, dann müssen wir nach Hause«, rief sie den Jungs zu. Zwei goldene Punkte schaukelten an den kleinen Handgelenken in die Höhe, als ich zwischen den Standbeinen des großen Blasters am Rande der Sandfläche hindurchschlüpfte, der auf kinderfreundliche Blümchen- und Schmetterlingsanimationen umgesprungen war.

Ich dachte an Lisa. Dann dachte ich, dass es besser wäre, nicht an Lisa zu denken.

Zu Hause stach ich der Metallratte ein Loch in den Leib, fädelte ein dünnes Lederband hindurch und hängte sie mir um den Hals. Es erschien mir passend. Ein Talisman für Unglücksraben!

Irgendwie komisch, wenn man bedenkt, dass nichts von alledem passiert wäre, wenn ich das hässliche Ding im Dreck hätte liegen lassen.

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, März 2038

23.03.3818:01 +49176XXX:

Bist du gut nach Hause gekommen?

23.03.3818:04 Resa Gerlach:

???

23.03.3818:04 Resa Gerlach:

Wer bist du?

23.03.3818:04 +49176XXX:

Hast du mich schon vergessen?

Dein Retter und Beschützer

23.03.3818:05 Resa Gerlach:

Du hast mir vorhin im Park hochgeholfen? Der mit den schwarzen Haaren und der Lederjacke?

23.03.3818:05 +49176XXX:

Kein geringerer

23.03.3818:05 Resa Gerlach:

ok

23.03.3818:05 +49176XXX:

Wollte nur sichergehen, dass alles ok ist, sah übel aus

23.03.3818:06 Resa Gerlach:

Ja, alles ok. Paar blaue Flecke.

23.03.3818:06 Resa Gerlach:

Woher hast du meinen Kontakt?

23.03.3818:06 +49176XXX:

Über dein StepIn-Profil

23.03.3818:07 Resa Gerlach:

Hab ich dir gesagt, wie ich heiße?

23.03.3818:07 +49176XXX:

Wie hätte ich sonst dein StepIn-Profil finden sollen?

23.03.3818:07 Resa Gerlach:

Kann ich mich nicht dran erinnern. Vielleicht habe ich mehr abgekriegt, als ich dachte.

23.03.3818:07 +49176XXX:

Sah nach ner ziemlichen Kopfnuss aus …

23.03.3818:08 Resa Gerlach:

Solange mir niemand den Kopf VERDREHT hat …

23.03.3818:08 Resa Gerlach:

23.03.3818:08 +49176XXX:

23.03.3818:08 +49176XXX:

23.03.3818:09 Resa Gerlach:

Joke! Meinem Kopf geht es wieder sehr gut!

23.03.3818:09 +49176XXX:

Das freut mich.

3. Berlin 2075

Ein paar Sekunden lang war ich wie betäubt. Chance vertan.

Der Junge mit dem Skateboard stand immer noch neben mir.

»Du musst doch da rein!«, sagte ich. Vor der Schleuse hetzten die letzten Schüler und Schülerinnen aus unserem Geburtsjahr, die sich für die Exzellenzklassen qualifizieren wollten, über den Platz.

Meinen Begleiter kümmerte das wohl nicht. »Haben wir uns nicht früher schon mal gesehen?«, fragte er. »Jobst du nicht in dem Blumengeschäft an der Ecke?«

Ich hatte ihn definitiv vor dem heutigen Tag noch nie gesehen und wusste auch nichts von Blumengeschäften.

»Nein«, berichtigte ich. »Ich helfe nach der Schule im Laden eines Freundes aus. Im SmartHome am Mehringdamm. Heim-Elektronik und so ein Kram.«

Hinter seiner Stirn schien es zu arbeiten.

»Du kommst zu spät!«, sagte ich und hätte am liebsten geschrien, weil ich den Test nicht machen konnte, der ihn nicht zu interessieren schien. Schließlich nickte er, zögerte, drehte sich um und rannte zur Schleuse, um sich scannen zu lassen und im Gebäude zu verschwinden.

Und dann war ich allein. Allein auf dem ausgestorbenen Platz, auf dem nur noch eine einsame Taube über den Asphalt scharrte. Jeder hat eine Chance!

Warum war ich dann unfähig, meine Chancen beim Schopfe zu packen? Vielleicht verdiente ich es einfach nicht anders. Schließlich hatte ich mich dem Freiwilligenteam und der Sportgruppe erst vor kurzer Zeit angeschlossen – und nur, weil mir keine andere Wahl geblieben war. Egoistisch, eigennützig – Ellie Bergmann. Unsere Armbänder halfen uns dabei, gute Bürger und Bürgerinnen zu sein, das Bestmögliche für die Gesellschaft herauszuholen. Deswegen ging es schließlich uns allen gut!

Ich betrachtete die kleine, vorwurfsvoll strahlende Diode an meinem Handgelenk. Vielleicht wusste der Algorithmus längst, was ich selbst noch nicht einsah: dass ich in einer Exzellenzklasse nichts zu suchen hatte.

Die Taube gurrte und hüpfte auf die Straße. Kein Band, das sie für ein Verkehrsvergehen abstrafte, bevor sie plattgefahren wurde.

Ich wollte nur eins: nach Hause gehen und mich in mein Bett legen. Zum Glück wusste mein Band es besser.

»Terminangleichung«, meldete sich die künstliche Stimme in meinem Ohr. »Die Freistellung wird nicht länger benötigt. Bitte treten Sie Ihren Ferienjob an.« Seufz.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle konnte ich das Chaos in meinem Hirn nicht abstellen. Obwohl mir mein Band entspannende Musik empfahl, drückte ich sie weg.

Geplatzt der Traum von Exzellenzklassen. Geplatzt der Traum von einem Medizinstudium. Plopp.

Aber ehrlich gesagt: Es war sowieso nur ein Hirngespinst gewesen. Eins, von dem ich gedacht hatte, auf absurde Weise gehofft, dass es nicht nur mir, sondern auch meiner Schwester helfen würde. Nur: So ein Polster, wie Lisa zum Sturzabfedern brauchte, gab es gar nicht.

Obwohl ich mich wie gelähmt fühlte, tippte ich im Gehen langsam gegen mein Band und öffnete mein Holomenü. Die Nachricht, die ich vorhin bekommen hatte, war von Tess, aber ich konnte mich nicht dazu hinreißen, sie zu öffnen und ihr zurückzumelden, dass ich gescheitert war. Mein Finger fuhr über die lange Liste der Selbstmesser-Apps. Neben den vorgeschriebenen Zählern wie dem Bio-Tracker und der Verkehrswacht hatte ich Zusatzfunktionen wie den Sparfuchs, KonsumPlus und EmoKon aktiviert, um wirklich jedes Pünktchen zusammenzukratzen.

Ich blieb stehen. Dann wählte ich »alle markieren« und »deaktivieren«.

Aus.

Stille.

Die rasenden Zahlen in der Ecke meines Holomenüs verlangsamten sich. Positive purzelten von meinem Profil. Ich schaute nicht auf meinen Rang. Wozu auch? Die Leuchtdiode strahlte grau.

Die Bushaltestelle lag direkt neben einem kleinen Imbiss, aus dem schon jetzt – um nicht mal zehn Uhr morgens – der triefende Geruch von heißem Fett waberte. In der Holosäule auf dem Bürgersteig tanzten Bilder von glänzenden Burgern und blubberndem Käse auf überbackenen Burritos. Klar, dass jemand mit mangelnder Selbstkontrolle auf so was anspringen würde. Jemand wie ich. Was kümmerte mich mein BioTracker jetzt noch? Aber dann fiel mir ein, dass es um meinen Geldbeutel ebenfalls nicht gut bestellt war.

Meine Punktesammelei in den letzten Wochen hatte einiges gekostet. Eine gute Bürgerin muss schließlich zur florierenden Wirtschaft beitragen. Also hatte ich mich zu einer Einkaufsorgie hinreißen lassen, die meinen Konsumindex in himmlische Höhen katapultierte. Aufgrund meines vorbildlichen Einsatzes für die Schöne-Stadt-Initiative hatte der Algorithmus mich für kreditwürdig befunden. Nun war das alles vergeblich gewesen. Und es hieß sparen. Ein weiterer Grund, warum ich meinen Ferienjob ernst nehmen musste.

»Willste was?«, blaffte die korpulente Dame im Imbiss, wahrscheinlich weil ich davor rumlungerte, statt etwas zu bestellen. Die beiden Männer mit roten Dioden am Handgelenk, aufgedunsenen Gesichtern und glasigen Augen am Stehtisch neben dem Imbiss betrachteten mich wie ein fremdartiges Meeresgeschöpf im Aquarium.

»Ich warte auf den Bus«, murmelte ich und machte ein paar Schritte zur Seite.

»Willste keinen Zugang?«, fragte die Kioskdame und wies mit dem Daumen neben sich.

Auf dem Blaster, der neben der Essensausgabe an der Wand angebracht war, lief irgendeine Show, in der eine sympathische, gut aussehende Goldfamilie lustige Dinge erlebte und zwischendurch demonstrativ gesunde und leckere Smoothies in die Kamera hielt.

»Willste lieber 'ne Bildungssendung?«, fragte die Imbisslady. Sie konnte einfach nicht glauben, dass ich auf die Konsumpunkte verzichtete, die das Blasterglotzen quasi umsonst auf mein Band katapultieren würde. »Mit Bildungsshows kriegste auch ein paar Sozialpunkte«, fügte sie hinzu. Sie musste mich für extraverblödet halten. Zu Recht. Aber ich war … so müde. Schnell drehte ich mich weg und schaute die Straße hinunter.

Ein Bus kam nicht. Stattdessen ein bulliger Transporter, der mir vermutlich entgangen wäre, wenn ich wie jeder vernünftige Mensch dem Blaster gelauscht hätte, statt sinnlos in der Gegend rumzugucken. So hörte ich das leise Summen eines Elektromotors und wandte mich um, als zwei Polizisten ausstiegen. Ohne mich zu beachten, steuerten sie auf die beiden Roten an ihrem Stehtisch zu.

Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie die Polizisten die Armbänder der Männer einlasen und ein paar Worte zu ihnen sagten. Auf der Anzeigetafel an der Haltestelle wurde endlich der nächste Bus angekündigt.

Die Polizisten schoben die beiden zur Straße.

Als die Türen des Transporters sich öffneten, sah der ältere Mann mich an. Seine Miene blieb vollkommen leer. Sein Blick hing noch einen Moment länger an mir, dann wurde er von einem der Polizisten unsanft in das Fahrzeug geschubst und die Tür schloss sich hinter ihm.

Ich guckte dem Gefährt hinterher, als es fast lautlos davonglitt, und erschauderte.

Im Bus war es nach der Hitze draußen eiskalt. Scheinbar die aus Biodaten errechnete Wohlfühltemperatur der drei Männer in Anzügen, die sich im hinteren Teil des Busses unterhielten. Mich fröstelte, aber meine Gänsehaut schien bei der Datenkalkulation nicht gewichtig genug zu sein. Also knöpfte ich meinen Overall bis zum Hals zu und lehnte meinen Kopf gegen das Fenster, während der Bus über Hochtrassen und Schnellstraßen, an Wohntürmen und begrünten Flachdächern vorbei, durch Unterführungen und kurze Tunnel schnurrte und die Sommersonne in den Solarpanelen an den vorbeiziehenden Mauern glitzerte.

Statt Tom, dem das SmartHome gehörte, begrüßte mich meine Mutter aus dem Halbdunkel mit einem verwunderten »Was machst du denn schon hier?«. Tom hatte seine antiken Bewegungssensoren Dutzende Male repariert, statt sich neue Geräte anzuschaffen, weshalb man im Ladenraum minutenlang die Arme schwingen musste, statt die Lampen per Sprachbefehl zum Glühen zu bringen.

»Ist dir das nicht zu dunkel?«, murrte ich, ohne auf Mamas Frage einzugehen, und wedelte mit den Händen.

Als die Lichter an der Decke eins nach dem anderen ansprangen, wurde der Ladenraum mit dem Empfangstresen und dem Monitor darauf sichtbar. An den Wänden hingen Digitalplakate, auf denen sich Werbesprüche und Tipps für die effizienteste Nutzung von Selbstmessern abwechselten. In ein paar verstaubten Schaukästen waren Armbandvarianten, die vor zwei Jahren als schick gegolten hatten, Fensterputz-Roboter und anderes Zubehör ausgestellt, das sich die wenigsten von Toms Kunden leisten konnten. Hinter dem Monitor saß Mama und sah mich erwartungsvoll an. Sie war so groß wie meine Schwester Lisa und hatte dünnes blondes Haar wie mein Bruder Benedikt. Ich sah nicht aus wie sie – hatte aber scheinbar die schlechten Eigenschaften geerbt. Wir klebten beide meistens auf Grau. Meine Mutter kämpfte sogar regelmäßig gegen Rot.

»Was ist passiert?«, fragte sie. Als ich ihr widerwillig erzählte, dass ich es verbockt hatte, meinte sie bloß: »Deine Chancen waren ja auch nicht gut, Schatz.« Sie stand auf und wollte mich umarmen, aber ich entwand mich ihr.

»Wenn du dir niedrigere Ziele setzt, erreichst du sie leichter«, sagte Mama leise.

Ich grunzte verärgert und fragte: »Wo ist Tom?«

»Krank«, meldete Mama zurück. »Weshalb ich ihm aushelfen wollte, bist du nachmittags kommst.«

»Tja«, sagte ich leichthin. »Dann hast du Glück. Ich übernehme und du kannst ins Studio gehen.«

Mama verdiente ihr Geld – unser Geld, um genau zu sein – als Prompterin für Werbetexte und Infobroschüren, aber wenn sie wie heute freihatte, verbrachte sie ihre Zeit am liebsten im Yogastudio, wo sie an ihrer Haltung und geistigen Gesundheit arbeitete.

Tom wusste im Gegensatz zu mir und Mama, wie die Gerätschaften funktionierten, die wir in seinem Laden verkauften und verkabelten. Trotzdem freute ich mich über seine Abwesenheit. Alleinsein entsprach genau meiner Stimmung. Ich wollte mit Sicherheit nicht, dass Mama mir Empfehlungen gab, welche Selbstmesser ich nutzen könnte, um »niedrigere Ziele« zu erreichen.

Sie sah mich unsicher an und verschwand dann hinter der Tür, die in ihr Zimmer führte. Das Hinterzimmer, ein ungenutzter Teil des Büros, bewohnte sie seit fast einem Jahr – eine ihrer zweifelhaften Aktionen, mit denen sie glaubte, uns etwas Gutes zu tun. Ich ließ mich auf den angewärmten Stuhl hinter den Tresen fallen.

Eigentlich war es erstaunlich, dass es Toms schäbigen Laden überhaupt gab, versteckt in diesem Bürogebäude, ohne Schaufenster nach draußen. Doch das Glück oder das Schicksal oder was auch immer wollte es so, dass in der Nachbarschaft eine bunte Mischung aus Gerade-noch-Goldenen und Meistens-Grauen lebte, die sich keine Apartments in modernen Wohntürmen leisten konnten, in denen alle Funktionen vorinstalliert waren, aber auch nicht auf alle Annehmlichkeiten verzichten wollten. Unsere Kundschaft hauste seit Jahrzehnten in maroden Altbauwohnungen, in denen defekte Stromleitungen immer mal wieder die eine oder andere smarte Anwendung lahmlegten und veraltete Anlagen dafür sorgten, dass Tom die standardisierten Applikationen mit Geschick und Kreativität an widrige Umstände anpassen musste. Er brachte es fertig, Kühlschränke mit dem günstigen Supermarkt an der Ecke zu verbinden, statt die automatischen Lieferungen gemäß Voreinstellung vom teuren Feinkostgeschäft zu beziehen. Unter seinen flinken Händen ließen sich Uraltstaubsauger so kalibrieren, dass sie bei Sonne auf den Balkon fuhren, um sich aufzuladen, genau wie die neueren Modelle. Weitere Einnahmen generierte die Hotline, mit der eine von Tom gebastelte KI die Kunden ziemlich erfolgloser Tech-Unternehmen bediente, die sich niemand anderen leisten konnten als uns. Blieb nur zu hoffen, dass sich heute möglichst wenige penetrante Kunden an der KI vorbei bis in mein Ohr kämpfen würden.

Als ich die Leitung aktivierte, fühlte ich mich plötzlich so leer, dass ich die Augen schloss und meinen Kopf zurücklegte. Was – was sollte ich jetzt noch tun? Wieso hatte ich – wieder einmal – bewiesen, dass Gold nicht meine Farbe war? Ich drehte mich in meinem Stuhl wie in einem langsamen Karussell und hielt schließlich mit Blick auf die Pinnwand an der Rückseite des Raumes an, wo Tom lustige Katzenfotos festgeheftet hatte. In der Ecke pinnte eine von Mama mit großer Mühe (und weniger künstlerischem Talent) gezeichnete Filzstiftblume mit der Aufschrift »Marie sagt Danke«, die sie Tom überreicht hatte, nachdem sie in das Hinterzimmer gezogen war. Fest davon überzeugt, dass sie uns damit von ihrem ansteckenden Grau bewahren und eine glorreiche Zukunft für die Kinder der Familie Bergmann einleiten würde. Nun, ich hatte mal wieder das Gegenteil bewiesen.

Ich seufzte. Fast sehnte ich den Anruf eines Trottelkunden herbei, der mich mit seinen Problemen (»O-Ton: Mein Autobot kapiert nicht, dass mein Goldfisch gestorben ist, und ich kann das Fischfutter nicht abbestellen«) von meinen ablenken würde. Doch die Leitung blieb still, was bedeutete, dass ich mir weiter all die Konsequenzen ausmalen konnte, die mein – und Lisas! – Verhalten haben würde.

Ich schreckte hoch, als Mama in ihren Yoga-Hosen aus dem Hinterzimmer kam und erschrocken »Was ist passiert?« rief.

Eine Sekunde lang dachte ich, sie hätte meine Gedanken gelesen oder telepathisch Lisas Zustand wahrgenommen.

Doch sie meinte gar nicht mich – sie telefonierte.

»Man hat sie eingewiesen?« Ihre Stimme klang alarmiert.

Ich verstand überhaupt nichts. »Stell mal laut!«

Mama nickte und kurz darauf drang eine leicht verzerrte Stimme aus ihrem Band.

»Ihre Schwester ist mit einer Passantin aneinandergeraten und dann vor ein Auto gelaufen«, erklärte die Frau, mit der Mama sprach. Es ging um Tess! »Sie war sehr durcheinander und wusste nicht, wo sie sich befand. Es hätte noch viel schlimmer enden können!«

»Aber wo ist sie denn eingewiesen worden?«, fragte Mama noch einmal nach. »Im Krankenhaus?«

»Sie ist im Krankentrakt und wird medizinisch bestens versorgt«, antwortete die Stimme aus Mamas Band mit leicht tadelndem Unterton. »Über ihren Verbleib muss im weiteren Verlauf entschieden werden!«

Mama sah mich verwirrt an, während die Frau schon weitersprach: »Ich schicke Ihnen die Adresse. Sie wird gleich operiert. Bitte kommen Sie oder ein anderes Familienmitglied um 13:00 Uhr hierher, um ein paar Formalitäten zu erledigen. Sie erhalten einen Code, damit sie kurzfristig von der Arbeit freigestellt werden.«

»Sie muss operiert werden?«, fragte Mama.

»Ja«, entgegnete die Frau. »Und seien Sie froh, dass die andere involvierte Person nicht schwer verletzt wurde. Sie wird vermutlich davon absehen, Anzeige zu erstatten.«

Mamas Augen weiteten sich entsetzt. Sie sagte nichts.

»Hören Sie?«, hakte die Frau in der Leitung deshalb nach. »Sie erhalten alle weiteren Informationen auf Ihr Band.«

»Ja, ich habe verstanden«, stammelte Mama.

Die Stimme der Frau erstarb und das Band surrte einen leisen Abschied.

Ich hatte Tess vorhin abgewürgt. Und nun das! »Ich habe eben noch mit ihr gesprochen. Wieso verwirrt? Das klang ja, als hätte sie irgendjemanden angegriffen! Heute Morgen wirkte sie völlig nor…« Mein Satz blieb in der Luft hängen. Sie hatte nicht völlig normal geklungen.

»Ich habe schon seit einiger Zeit den Eindruck, dass sie sich merkwürdig benimmt«, sagte Mama langsam. »Sie hat mich vor ein paar Tagen angerufen und wirre Geschichten erzählt. Und sie war aggressiv.«

In meiner Brust gab es einen heftigen Stich. Dass Mama und Tess sich in die Haare kriegten, war nichts Neues, aber glaubte Mama wirklich, dass meine Tante irgendjemanden angriff? Ohne Sinn und Verstand auf eine befahrene Straße lief …?

»Ich sollte dahin«, sagte ich abrupt.

»Du?«

»Ja. Ich weiß, wie das zwischen euch ist. Es wird sie tierisch aufregen, wenn du da aufkreuzt und ihr Vorhaltungen machst.«

»Ich mache ihr doch keine Vorhaltungen. Sie muss nur einsehen, dass …«

»Siehst du!«

Mama seufzte.

»Jedenfalls müssen wir uns schnell darum kümmern. Das gibt sonst richtig Ärger auf dem Sozialindex.«

Ich sah Mama abwartend an, während sie unruhig die Hände knetete. Mama und meine Tante, das bedeutete Streit. Davon konnte niemand etwas haben.

Schließlich nickte sie. Sie zog ihr Holomenü auf und leitete mir die Informationen weiter, die sie gerade erhalten hatte. Dann holte sie ihre Tasche aus dem Hinterzimmer und schulterte sie. »Ich muss mich ablenken. Mein BioTracker hat schon registriert, dass mein Puls in die Höhe gegangen ist. Ich gehe besser schnell für eine halbe Stunde ins Studio, wie du vorgeschlagen hast.« Sie drückte mir einen Kuss auf die widerwillige Stirn und sagte: »Wenn ich wiederkomme, kannst du gehen.«

Dann ließ sie mich endlich allein.

Ich war wie in Trance. Was war mit Tess geschehen? Und wo war sie eingewiesen worden? War es ein Fehler gewesen, den Besuch zu übernehmen? Würde ich mit Sozialpunkten belohnt werden, wenn ich mich um meine Tante kümmerte? Oder bestraft, weil ich einer Gewalttäterin half? Ich biss mir auf die Lippen, als es in meinem Ohr summte. Mit Tess verstand ich mich gut, hatte sie immer als eine Verbündete empfunden – und nun dachte ich über meinen Status und meine Punkte nach, statt darüber, wie es ihr ging. Wieder summte es in meinem Ohr und ich nahm den Anruf aus der Hotline entgegen.

In den nächsten fünfzehn Minuten erklärte ich, noch immer halb benommen, einem dussligen Kunden, wie er die Kommunikation zwischen Wecker und Beleuchtung wiederherstellen konnte, nachdem er schon tagelang das Licht von Hand hatte anknipsen müssen wie ein gottverdammter Neandertaler. Als er sich endlich verabschiedet hatte, stolperte auch schon der nächste nervige Kunde durch unsere verstaubte Glastür.

Nur, dass es gar kein nerviger Kunde war.

Sondern der Junge mit dem Skateboard.

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, März 2038

25.03.3803:21 Jonas Heuck:

[The Girl with Lilac Hair]

**

25.03.3807:35 Resa Gerlach:

Hast du nichts Besseres zu tun, als mir Mitten in der Nacht Lieder zu schicken?

25.03.3807:37 Jonas Heuck:

25.03.3807:37 Jonas Heuck:

25.03.3807:38 Resa Gerlach:

Du bist wach??

25.03.3807:38 Jonas Heuck:

Du hast mich geweckt

25.03.3807:38 Resa Gerlach:

Wieso ist dein Handy an?

25.03.3807:39 Jonas Heuck:

Kämpferisch heute?

25.03.3807:39 Resa Gerlach:

*seufz*

25.03.3807:39 Resa Gerlach:

Baulärm …

25.03.3807:39 Resa Gerlach:

Werde wahnsinnig!

25.03.3807:39 Resa Gerlach:

Die bauen und bauen und bauen.

25.03.3807:39 Resa Gerlach:

Eines Tages sieht man den Himmel nicht mehr.

25.03.3807:40 Jonas Heuck:

Sie übertreiben, meine Dame

25.03.3807:40 Resa Gerlach:

DIE übertreiben!

25.03.3807:41 Resa Gerlach:

Überall werden diese Riesentürme gebaut Es heißt, dass weite Teile der Welt unbewohnbar werden und am Ende alle in den Städten leben. Glaubst du das?

25.03.3807:41 Jonas Heuck:

Ich glaube, die wollen uns Angst machen

25.03.3807:41 Jonas Heuck:

Da hilft nur – Kissen über die Ohren

25.03.3807:42 Resa Gerlach:

Gegen die Angst?

25.03.3807:42 Jonas Heuck:

Gegen den Baulärm

25.03.3807:42 Jonas Heuck:

Aber ich kann überall schlafen. Jetzt zum Beispiel. Gute Nacht!

25.03.3807:44 Resa Gerlach:

Äh. Guten Morgen!?

[25.03.3807:44 Jonas Heuck ist nicht online.]

4. Berlin 2075

Was wollte der denn hier?

Der Junge hatte die Tür zaghaft geöffnet und stand nun irgendwie verloren im Ladenraum. Er lächelte mich an.

Ich saß mit offenem Mund da wie ein verstörter Goldfisch.

»Hallo«, sagte er und räusperte sich sofort. Noch ein Lächeln. Sein Blick verunsicherte mich. Versuchte er … zu flirten? Nicht, dass mich noch nie jemand gut gefunden hätte – aber Mr Edelwohnturm und Ellie aus der Abbruchbude? Das ergab einfach keinen Sinn.

»Was ist mit deinem Eignungstest?«, fragte ich.

»Fertig«, antwortete er und hob die Schultern.

War er danach schnurstracks hierhergekommen? Wegen mir? Hätte eine Nachricht über mein Freundschaftsprofil es nicht getan? So wie normale Teenager, die eine Nachricht an den süßen Bruder der besten Freundin schreiben wollen oder so. (Ja, das hatte ich vor Jahren getan, war aber bei Maras Bruder Marko komplett abgeblitzt.)

Der Junge räusperte sich. »Ich heiße Sam.«

»Ähm«, krächzte ich. »Was kann ich für Sie tun?«

Oh Gott. Was war denn los mit mir? »Ich meine du. Was kann ich für dich tun?«

Sam trat an den Tresen. »Also, ich, du, äh …«

Sein Gesicht nahm plötzlich einen rosa Schimmer an, was, ehrlich gesagt, ziemlich niedlich war, so in Kombination mit diesen Grübchen und den blauen Augen und überhaupt … Er schaute mich suchend an und sein Blick rutschte zu meinem Kinn und … Schaute er mir etwa in den Ausschnitt?? Nun, zu sehen gab es da rein gar nichts, denn seit der Fahrt im eiskalten Bus war mein Arbeitsoverall bis oben hin zugeknöpft. Nein, ich bildete mir das ein. »Was willst du hier?«, fragte ich verwirrt.

»Mir tut sehr leid, was vorhin passiert ist. Mit deinem Band. Das ist sicher …«

»Es war ja nicht deine Schuld«, murmelte ich.

»Nein, aber du wirktest so enttäuscht und da dachte ich …«

In mir zog sich etwas zusammen. »Ja«, sagte ich, bemüht, meine Stimme fest klingen zu lassen. »Ich hatte gedacht, ich hätte eine Chance.«

Er sah mich an, mitleidig und warmherzig und nett – aber ich bereute sofort, welche Blöße ich mir gegeben hatte. »Bist du extra gekommen, um mir zu sagen, dass ich dir leidtue?«

»Nein, nein«, sagte Sam schnell. »Ich brauche Hilfe. Mein Band ist kaputt. Das ist doch hier der richtige Laden für so etwas?« Sam streckte mir sein Handgelenk entgegen. Ich schob ihm das Pad zum Einscannen hin, doch mitten in der Bewegung hielt ich inne. Die kleine Diode über seinem Puls war erloschen. Kein Gold, kein Grau und schon gar kein Rot.

»Das ist seltsam«, stellte ich fest.

»Na ja.« Sam gab ein unruhiges Lachen von sich, das noch um einiges seltsamer war als das fehlende Lichtlein. »Es war ein Unfall.«

Er hielt mir die Hand unter die Nase. Sein Band wies an der dicken Stelle, wo die Chips saßen, eine Delle auf. Ich fuhr mit dem Finger drüber. »Hast du mit einem Hammer draufgehauen?«

»Ich bin von einem Retrolenker umgefahren worden.«

Jetzt musste ich ein bisschen lachen. »Ist das nicht mir passiert?«

»Ach ja.« Sam grinste. »Jedenfalls brauche ich einen neuen Chip.«

Ich hatte keine Ahnung, was gerade passierte. Diese Geschichte war doch frei erfunden, oder?

Als Sam mich erwartungsvoll anlächelte, zog ich widerstrebend seine Hand zu mir hin und beugte mich über das kleine Lämpchen.

»Erst mal brauchst du eine neue Diode.« Ein feiner Riss durchbrach das transparente Kunstglas. Sams Finger waren warm und mit blauer Farbe befleckt. Schnell ließ ich seine Hand los. »Gib mir mal das Band.«

Sam gehorchte.

»Macht es ein Geräusch?« Ich zeigte auf sein rechtes Ohr.

Ein vom Pulsschlag seines Besitzers abgetrenntes Band beschwerte sich normalerweise mit einem Surren im Gehörgang, das zu einem wütenden Piepsen und schließlich zu einem trommelfellzerfetzenden Fiepen werden konnte.

Sam schüttelte den Kopf. »Nicht mehr. Ich habe den Unfall bereits an einer Notfallstation bei der Zentralen Datenstelle gemeldet. Ich bin bis 14:00 Uhr unüberwacht.« Er lachte nervös.

»Du meinst, du hast bis 14:00 Uhr Zeit, bis dein Band wieder aktiviert sein muss? So lange wird das hoffentlich nicht dauern!«

Ich suchte in einer Schublade nach einer Ersatzdiode. Natürlich war eigentlich Tom für solche Reparaturen zuständig. Aber ich musste Sam ja nicht gleich auf die Nase binden, dass ich überfordert war. Wenn mich schon mal jemand so nett fand, dass er mich gleich auf der Arbeit besuchte, statt einen privaten Hilfsdienst zu beordern, der in seinem Wohnturm bestimmt zur Verfügung stand, konnte ich ihn ja in dem Glauben lassen, dass ich eine talentierte Mechanikerin war. Ich pfriemelte die defekte Diode mit einer Pinzette heraus und setzte eine neue ein.

»Die von der ZDS haben gesagt, dass meine Daten sofort zum Hochladen auf einen neuen Chip bereitstehen«, erklärte Sam.

Ich musterte ihn einen Moment lang. Hatte er sein Armband mutwillig zerstört, nur um mit mir ein Gespräch anzuzetteln?

Sam zog die Augenbrauen hoch.

Ich zerrte an meinem Kragen und murmelte: »Ok, fangen wir an.«

Das Programm der Zentralen Datenstelle öffnete sich mit einem Klick. »Du musst dich verifizieren.«

Sam guckte in die Kamera, bis es piepste. Der Rechner brauchte einige Sekunden, um seine Iris auszumessen und den Zugang zu seinen Daten freizugeben.

Auf meinem Bildschirm poppten übereinander eine Reihe von Fenstern auf, die endlos lange verschlüsselte Datenströme enthielten. Weil es nicht so oft vorkam, dass jemand einen neuen Chip brauchte – und weil Tom sowieso alle wichtigen Aufgaben übernahm –, dauerte es eine Weile, bis ich die richtigen Informationen fand. Schließlich entdeckte ich in den Zahlenreihen einen rot unterstrichenen Code. Den rief ich auf. »Bingo!«

Datenpaket Samuel Werting. Werting. Natürlich. Er war ein Sprössling der Familie Frühstücksflocken-Imperium. Er wohnte wahrscheinlich im gottverdammten Penthouse!

Mit einer Pinzette holte ich einen neuen Nanochip aus seiner winzigen Packung und aktivierte ihn. Dann bestätigte ich die Aktion und der Datentransfer begann.

»Dauert ein paar Minuten.« Irgendwo in einem Hochsicherheitstrakt der Zentralen Datenstelle ratterten die Monsterserver, um Sams Leben wieder auf sein Armband zu spielen.

Sam trommelte mit den Fingern auf den Ladentisch.

»Vielleicht können wir uns mal unterhalten?«

Ich öffnete den Mund, brachte aber kein Wort hervor. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich seine unbeholfene Art hochgradig entzückend oder extrem sonderbar finden sollte. Unterhielten wir uns nicht gerade? Na ja, nicht, wenn ich nichts sagte. »Natürlich«, stammelte ich schließlich. »Worüber wolltest du denn …?«

Doch dann sah ich etwas. Auf dem Bildschirm. »Das kann doch gar nicht …!« Ich klappte meinen Mund schnell wieder zu und blinzelte, um mich zu vergewissern, dass ich richtig geguckt hatte. Ein Balken zeigte mir an, wie viele Daten sich übertrugen. Sozial- und Konsumindex waren bereits kopiert worden: Und sie standen auf 100%. Jetzt folgten unzählige optionale Selbstmesser und jedes Mal, wenn ein weiterer sich lud, zeigte die Anzeige klar und deutlich – 100%.

Mir wurde plötzlich heiß.

»Stimmt irgendetwas nicht?«

»D-doch …«

Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Welcher Mensch stand auf 100%? Wer hatte solche Indexe und haute sich – mutwillig? – sein Band kaputt? Oder besser gesagt – wie konnte man überhaupt sein Band kaputt machen, mutwillig oder nicht, und keinen einzigen Strafpunkt dafür kassieren?

»Also …«

»Alles klar?«, fragte Sam. Er sah ehrlich besorgt aus.

Irgendetwas ging nicht mit rechten Dingen zu … irgendetwas war … merkwürdig.

»A-alles klar«, stotterte ich. »Es dauert nur noch ein bisschen. Die Server sind heute extralahm.«

Was eine Lüge war. Der Balken hatte sich bis zum Ende gefüllt. »Vorgang abgeschlossen«, verkündete ein neues Feld.

Aber oben, in der Ecke des Bildschirms, blinkte ein komisches Wort, wo normalerweise Zahlencodes die Art des Vorgangs betitelten. Omni-X. Was war bitte das?

Sam reckte sich, um auf den Bildschirm zu sehen. Mit einer schnellen Handbewegung dimmte ich die Helligkeit. Hätte ich ihn fragen sollen? Was willst du hier und was zur Hölle ist Omni-X? Irgendein dunkles Gefühl hinderte mich daran.

»Sag mal, ist dir auch so heiß?«, fragte ich stattdessen.

»Hmh?«

»Ich glaube, die Klimaanlage funktioniert nicht richtig. Könntest du die mal höherstellen?«

Ich zeigte auf das Ungetüm neben der Tür, das eigentlich ausreichend kalte Luft verströmte.

Sam drehte sich langsam um und versuchte, das Ding per Fingerzeig zu dirigieren.

»Es ist ein sehr altes Modell«, erklärte ich. »Du musst nah ran und große Bewegungen machen.«

Um genau zu sein, war das Modell so antik, dass man die Temperatur auf einem digitalen Feld an der Seite regulierte. Mit Anfassen. Das konnte Sam natürlich nicht ahnen.

Während er der Klimaanlage zuwinkte, studierte ich die Informationen auf dem Monitor. Code Omni-X. Dieses Kürzel hatte ich noch nie gesehen.

»Das funktioniert nicht«, meldete Sam.

»Doch, du musst nur doller wedeln!«

Hastig wischte ich die offenen Fenster zur Seite und tippte Sams Selbstmesser an.

BioTracker – 100%. Sparfuchs – genauso.

Die Klimaanlage funktionierte wunderbar. Aber ich schwitzte, als wäre ich durch die Mittagssonne gejoggt. Sam musste vorhin wie ich an der Solysier-Anzeigetafel mit den Vorbildsbürgern vorbeigekommen sein. Wieso hatte dann diese Frau … Helma … an erster Stelle gestanden und nicht er?

Mit zitternden Fingern tippte ich gegen das kleine Feld mit dem Code Omni-X, um einen Blick auf die Metadaten zu werfen.

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Sam der Klimaanlage einen wütenden Schlag mit der Handfläche verpasste.

»Ja, das hilft manchmal«, behauptete ich, ohne aufzuschauen. »Ist halt ein altes Ding.«

Quelle: ZDS, stand da. Speicherplatz: Lokal.

Lokal. Das bedeutete, dass dieses kleine Wunderding direkt auf Sams Chip saß, nicht auf einem Server am anderen Ende der Stadt. Ich musste es gerade eigenhändig dorthin übertragen haben. Was bedeutete …

»Ich gebe auf.« Sam kam zurück zum Tresen.

»Fertig!« Bevor er sich vorlehnen und auf den Bildschirm blicken konnte, schloss ich alle offenen Felder. Ich schob den neuen Festplatten-Chip in den Schlitz an Sams Armband.

Als er das Band entgegennahm, berührten seine Finger meine und ein kribbliger Schauer durchlief mich.

Statt es über sein Handgelenk zu streifen und mit dem Puls die Diode zu aktivieren, ließ er das Band gedankenverloren von einer Hand in die andere gleiten.

Ich hielt den Atem an.

Sam lächelte und sagte – nichts.

Er machte keine Anstalten, sein Holomenü hochzufahren oder seine Indexe zu überprüfen, er zog das verdammte Ding ja nicht einmal an. Wusste er überhaupt, was in seinem Band saß? Wusste er nicht, dass ich wusste, dass gerade etwas höchst Ungewöhnliches geschehen war?

Sam druckste herum, aber er schien die richtigen Worte nicht zu finden. »Tja, also«, sagte er schließlich und sah sich abermals im Laden um, als suchte er nach etwas. »Das war nett?«

Stellte er mir eine Frage? Meine Gedanken waren inzwischen ein einziges Wollknäuel.

»Ich meine, nett, dass du mir geholfen hast.«

Ich starrte ihn bloß stumm an, bis mir einfiel, dass ich wohl etwas darauf antworten musste. »Die Rechnung müsste gleich auf dein Band kommen.«

Sam lächelte. Irgendwie verschwörerisch, als würden wir uns schon lange kennen. Er wartete einen Moment, aber ich wusste nicht, worauf. Dann endlich: »Ja, natürlich.«

Sam Werting hatte heute Morgen keinen Profilwert von 100% gehabt, das konnte nicht sein. Überhaupt niemand besaß einen Profilwert von 100%, jedenfalls nicht für länger als ein paar Augenblicke. Sams Werte hatten sich jedoch gar nicht bewegt, als ich sie eben angeschaut hatte.

»Also dann.« Sam lächelte mich auf dem Weg durch die Tür noch einmal unsicher an. »Vielleicht sehen wir uns ja mal?«

»Okay«, sagte ich, komplett verwirrt, weil ich nicht wusste, was er wollte oder was ich wollte, das Etwas-Wollen jedoch sehr stark in meinem Kopf pochte.

Als er gegangen war, rannte ich in den Flur, der von unseren Räumlichkeiten zu den Aufzügen führte, und schaute durch die Fensterfront zu, wie er auf die Straße trat. Dort streifte er sich endlich das Armband über, blickte aber nicht mal eine Sekunde darauf. In meinem Kopf begann es so schnell zu arbeiten, dass meine Hirnwindungen klackerten. Zurück im Laden startete ich eine schnelle Suche nach Code »Omni-X« – und fand exakt überhaupt nichts. Es gab im Register der ZDS kein solches Kürzel. Aber ich hatte doch mit eigenen Augen gesehen, dass etwas durch Sams Profil gefegt war! Eine Art Zauberstab, der fehlende Prozentpunkte auffüllte und alle Negative löschte?

Ich suchte und suchte, bis es in meinem Ohr plötzlich schrill fiepte, ein Warnschrei meines Sozialindexes sozusagen, dem ich auf den Grund gehen mus…

»Wieso ist es hier so kalt?« Mama war durch die Tür getreten. Kopfschüttelnd stellte sie die Klimaanlage ab.

Aber ich schwitzte immer noch. Und plötzlich schlug mein Herz bis zum Hals.

»War jemand im Laden?«, fragte sie.

Ich antwortete nicht. »Mir ist gerade etwas eingefallen.« Wenn ich die Metadaten richtig verstand, befand sich das Programm direkt in Sams Armband, ungefähr wie mein Bücherei-Zugang, nur ein kleines bisschen wertvoller. Wenn ich also den Nanochip, den ich eben erst in Sams Armband geschoben hatte, irgendwie wieder rausholen konnte … Vielleicht war mein Schicksal nicht so unaufhaltsam grau, wie ich dachte? Vielleicht gab es dann sogar für Lisa eine Lösung?

Eilig projizierte ich das Holomenü auf meinen Handrücken und rief mein Freundschaftsprofil auf. Sam konnte noch nicht weit gekommen sein. So schnell meine zitternden Finger es mir erlaubten, schränkte ich den Filter auf männliche Wesen aus meinem Geburtsjahr ein und vergrößerte die Umgebungskarte, die mir mehrere Punkte im Umkreis von einigen Hundert Metern anzeigte. Drei davon waren grau und nur zwei golden – und wenn ich Pech hatte … Ich wählte einen der Punkte aus. Es war Sam! Das Glück war mir wohlgesonnen: Sein Profil war auch für Silberfische wie mich sichtbar gestellt.

»Was machst du da?«, fragte Mama.

Ich tippte auf die kleine Brieftaube. Nicht lang über den Text nachdenken: »Hallo Sam. Würde dich gerne wiedersehen.«

Die reinste Poesie.

Wie idiotisch.

Abschicken. Versandt!

In diesem Moment sah ich auf der kleinen Anzeige in meinem Holomenü, warum es eben in meinem Ohr so unangenehm gepiept hatte. Mein Sozialindex war ins Bodenlose gerutscht. Knapp vor Rot. Ich rief den Index auf, um zu verstehen, was geschehen war. »Illegale Suche« stand da. Meine Punkte waren in den Keller gerasselt, als ich nach dem mysteriösen Code gesucht hatte. Illegale Suche. Lass deine Finger weg, sollte das wohl heißen. Finger weg von Code Omni-X.

»Du bist ganz blass«, stellte Mama fest.

»Blass? Nein, nein. Vielleicht habe ich nicht genug gegessen.« Mir war ein bisschen schwindelig. Aber nicht vor Hunger. »Ich muss jetzt zu Tess.«

Mama protestierte nicht, als ich meine Umhängetasche schnappte und den Laden verließ.

Ich lief den langen Flur hinunter. Mein Puls klopfte gegen mein Armband. Wenn Sam mir zurückschrieb, würde es summen. Wenn er mich aus seinem Freundschaftsprofil löschte, allerdings auch. Aber schließlich war er derjenige gewesen, der mich aufgesucht hatte. Er musste doch …

Ich bog mit gesenktem Kopf um die Ecke in den Gang, der zum Aufzug führte. Und rammte mit Karacho in eine Schulter. »Sam!«

Er rieb sich die Schulter und ich mir das Kinn.

»Wa-was machst du hier?«, fragte ich.

»Du hast mir eine Nachricht geschickt«, stellte er fest. »Ich würde gerne mehr über dich erfahren, es ist nur …«

Falls das Flirten sein sollte, war er noch schlechter darin, als ich dachte.

»Ich will nur nicht, dass es ein Missverständnis gibt!«

Mein Herz machte bummbummbumm. Ich schüttelte schnell den Kopf. Überhaupt kein Missverständnis. Ich würde nicht fragen: »Was hast du da für einen Zaubercode auf deinem Index und wo kriege ich auch einen?« Nein, ich wusste überhaupt nichts davon. Er wollte mich näher kennenlernen? Na, dann schmolz ich natürlich dahin. War ja nicht abwegig, angesichts dieser wuschligen Haare und dieses schiefen Grinsens und … Konzentrieren, Ellie! Ich knipste mein bestes Lächeln an. »Ich würde mich freuen, wenn wir etwas zusammen unternehmen könnten!«, rief ich einen Tick zu überschwänglich. Wir klangen beide wie Senioren, die beim Nachmittagstee von ihren Enkeln verkuppelt werden sollten. Aber dann lächelte Sam und sein Strahlen kribbelte bis in meine Kniekehlen. Bestimmt nur meine Aufregung. Jedenfalls grinste ich zurück.

»Was möchtest du machen?«, fragte Sam.

»Äh …« Ich möchte den Code aus deinem Band klauen. Ein Schauer durchlief mich. Nur. Die. Ruhe. Wenn ich irgendetwas klauen wollte, musste ich erst mal rausfinden, was es mit Sams Band auf sich hatte. Was er mit seinen hundertprozentigen Indexen anstellte. Und dazu war es sicherlich hilfreich, Zeit mit ihm zu verbringen. Durchatmen.

»Du könntest mir zeigen, wie man auf diesem Ding da fährt.« Ich zeigte auf das Skateboard.

Sam lachte überrascht und ich hätte mir am liebsten selbst in den Hintern getreten. Dabei würde ich mich ja bestimmt nicht lächerlich machen! Warum hatte ich nicht einfach einen Spaziergang vorgeschlagen? Egal – darum ging es schließlich nicht.

»Okay«, sagte er und musterte mich eindringlich. »Wir finden bestimmt einen guten Ort dafür.«

»Was meinst du?«

»Wo wir nicht gestört werden.«

»Mhm«, brachte ich hervor. Er blickte mich abwartend an, als gäbe es etwas, von dem nur wir beide wussten. Gab es ja auch – aber wusste er, dass ich wusste, dass er diesen Code …? Mein Gehirn begann zu rauchen.

»Also, bis morgen?«

Ich nickte. Er nickte auch und wir standen uns gegenüber wie zwei Sechstklässler, die gerade ihre erste Freundschaftsanfrage in den Äther gesandt hatten.

Schließlich riss ich mich zu einer schrägen Umarmung hin. Sams Armband leuchtete einfach nur in sattem Gold. Aber ich hätte schwören können, dass es so verführerisch schillerte wie die Schätze in den Palästen eines Elfenprinzen.

Aus den Chatprotokollen von Resa Gerlach, März 2038

25.03.3817:03 Jonas Heuck:

Keine gefährlichen Demos im Park heute

25.03.3817:05 Resa Gerlach:

Wie wäre es mit … Hallo?

25.03.3817:05 Jonas Heuck:

Hallo

25.03.3817:05 Resa Gerlach:

War das ne Frage?

25.03.3817:06 Jonas Heuck:

Nö, ich habe höflich hallo gesagt

25.03.3817:07 Resa Gerlach:

Das da: [Zitat Jonas Heuck: »Keine gefährlichen Demos im Park heute«]

25.03.3817:07 Jonas Heuck:

Keine Frage. Feststellung

25.03.3817:07 Resa Gerlach:

Heißt das, du lungerst neuerdings im Park rum?

25.03.3817:08 Jonas Heuck:

Ich lungere nicht rum, ich checke, ob Mädchen gerettet werden müssen – da ist so ne Dauer-Mahnwache

25.03.3817:08 Jonas Heuck:

Du warst aber nicht da

25.03.3817:09 Resa Gerlach:

Nee, hatte lange Schule heute.

25.03.3817:09 Jonas Heuck:

25.03.3817:09 Resa Gerlach:

Und mache manchmal andere Sachen, als für eine lebbare Welt zu protestieren!

25.03.3817:10 Jonas Heuck:

Zum Beispiel?

25.03.3817:11 Resa Gerlach:

Meine Bax-Stiefel polieren

25.03.3817:11 Jonas Heuck:

25.03.3817:11 Jonas Heuck:

Hast du die gerade an?

25.03.3817:12 Resa Gerlach:

Was ich anhabe oder nicht geht dich überhaupt nichts an

25.03.3817:12 Jonas Heuck:

25.03.3817:14 Resa Gerlach:

Weißt du, wir machen hier unsere Späßchen, aber eigentlich ist es ganz schön ernst. Ich meine, die Leute verschließen einfach ihre Augen vor unserer Situation. Wir müssen doch etwas tun! Wir müssen einen Weg finden, damit es ein gutes Leben für alle gibt. Stattdessen schreien die einen »NEIN« und die anderen »Ja!« und niemand weiß mehr, was richtig und falsch, was echt und erfunden ist. Und dann kommt es sogar zu Gewalt.

25.03.3817:14 Jonas Heuck:

Ja

25.03.3817:17 Jonas Heuck:

Keine Ahnung warum sich alle die Köpfe einschlagen. Politik ≠ mein ding

25.03.3817:17 Resa Gerlach:

Damit machst du es dir ja sehr einfach!

25.03.3817:21 Jonas Heuck:

Ich dachte, ich sehe dich im Park

[25.03.3817:21 Resa Gerlach ist nicht online.]

5. Berlin 2075

Ich nahm den Bus zu Tess. Als ich einen Platz gefunden hatte, schaltete sich der Blaster in der Rückenlehne vor mir automatisch ein, doch ich reduzierte die Lautstärke auf ein Minimum, sodass es in meinem Ohr nur leise wisperte. Hatte ich die richtige Linie genommen? Die mit großen Bäumen gesäumte Allee, die wir gerade durchfuhren, war entschieden schicker als die Straßen, in denen ich mich normalerweise aufhielt. Ich checkte die Adresse ein weiteres Mal, bevor ich verunsichert ausstieg. Auf den Gehwegen war niemand unterwegs, ein Krankenhaus war weit und breit nicht zu entdecken. Stattdessen lenkte mein Band mich zu einem halbhohen Gebäude aus Glas und Stahl mit Solarzellen und Wasserspeichern auf dem Dach. »Residenz Lindenallee« stand über dem Eingang. Daneben verkündete eine Plakette stolz, dass das Haus mit dem Prädikat »Energieeffizienz ++« ausgezeichnet worden war.

»Meine Tante ist hier eingewiesen worden«, erklärte ich zögerlich dem mürrischen Pförtner, der in einem kleinen, gläsernen Kabuff in der großzügigen Eingangshalle saß. Es roch nach Desinfektionsmitteln, aber die Säulen und der blank geputzte Boden mit flauschigem Teppich sahen eher nach Schloss als nach medizinischem Versorgungszentrum aus.

Durch gläserne Türen am anderen Ende der Halle war ein großer Speisesaal zu sehen, in dem Männer und Frauen an langen Tischen saßen.

Der Pförtner brummte nur »zweiter Stock«, nachdem ich mein Armband auf sein Pad gelegt hatte.

Oben sah es schon eher nach Krankenhaus aus. Mich erwartete ein glatt gestriegelter Pfleger in weißem Kittel mit einem Pad in der Hand. Er musterte mich und meinen Arbeitsoverall von oben bis unten. Ich schielte auf meine dreckigen Schuhe, um mich zu vergewissern, dass sie keine Abdrücke auf dem hellen Teppichboden hinterlassen hatten. »Hier – hier muss ein Fehler vorliegen«, stammelte ich.

Der Pfleger schnitt mir mit einer Geste das Wort ab und wischte sich durch eine lange Reihe von Daten. »Kein Fehler«, sagte er dann knapp. »Wieso bist du hier und nicht deine Mutter?«

»Meine Mutter hat keine Zeit«, brachte ich hervor. Dass Mama und Tess ständig stritten und ich meiner Tante näherstand, musste ich ihm ja nicht gleich auf die Nase binden. »Sie können sich mit allen Belangen an mich wenden.«

Er verzog kaum merklich den Mund. »Dr. Benkdorf wird dich gleich empfangen. Willst du vorher zu deiner Tante?«

Ich nickte und er führte mich in einen langen Gang, in dem sich verschlossene Tür an verschlossene Tür reihte. Schließlich hielt er vor einer und zeigte auf das in der Wand eingelassene Pad. »Du bist bereits freigeschaltet. Bitte.«