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Jack Coughlin

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Beschreibung

Ein explosiver Militärthriller voller Action, Spannung und geopolitischer Intrigen!

Spanien steht vor dem wirtschaftlichen Kollaps, als eine Allianz islamischer Banker ein Rettungspaket anbietet - ohne Bedingungen, aber mit einem versteckten Plan: die Spaltung Europas. Als das US-Konsulat in Barcelona Ziel eines Terroranschlags wird, schickt Washington die geheime Task Force Trident. Scharfschütze Kyle Swanson verfolgt die Spur der Drahtzieher, während ein gnadenloser Killer seine Feinde in den USA eliminiert. In einem tödlichen Katz-und-Maus-Spiel trifft Swanson auf seinen härtesten Gegner - und ein einziger Schuss wird über die Zukunft Spaniens, der NATO und der freien Welt entscheiden.

Endlich auf Deutsch: Der siebte Roman um Sniper Kyle Swanson von den New-York-Times-Bestseller-Autoren Jack Coughlin und Donald A. Davis. Für Fans von Tom Clancy, Mark Greaney & Brad Thor - packend, realistisch, unaufhaltsam!

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Seitenzahl: 543

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

Grußwort des Verlags

Über dieses Buch

Titel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Epilog

Über die Autoren

Weitere Titel der Autoren

Impressum

 

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Über dieses Buch

Ein explosiver Militärthriller voller Action, Spannung und geopolitischer Intrigen!

Spanien steht vor dem wirtschaftlichen Kollaps, als eine Allianz islamischer Banker ein Rettungspaket anbietet – ohne Bedingungen, aber mit einem versteckten Plan: die Spaltung Europas. Als das US-Konsulat in Barcelona Ziel eines Terroranschlags wird, schickt Washington die geheime Task Force Trident. Scharfschütze Kyle Swanson verfolgt die Spur der Drahtzieher, während ein gnadenloser Killer seine Feinde in den USA eliminiert. In einem tödlichen Katz-und-Maus-Spiel trifft Swanson auf seinen härtesten Gegner – und ein einziger Schuss wird über die Zukunft Spaniens, der NATO und der freien Welt entscheiden.

Endlich auf Deutsch: Der siebte Roman um Sniper Kyle Swanson von den New-York-Times-Bestseller-Autoren Jack Coughlin und Donald A. Davis. Für Fans von Tom Clancy, Mark Greaney & Brad Thor – packend, realistisch, unaufhaltsam!

Jack CoughlinDonald A. Davis

ON SCOPE

Thriller

Aus dem amerikanischen Englisch vonBenjamin Schöttner-Ubozak

Prolog

FALLUJAH, IRAK

Die Nachmittagssonne stand still am flimmernden Himmel, und Staff Sergeant Kyle Swanson wischte sich vorsichtig mit einem schmutzigen Taschentuch den Schweiß aus den Augen. Er lag auf dem Boden eines zweistöckigen Hauses, dem das Dach fehlte, eingezwängt zwischen Dielenbrettern. Da draußen herrschten 41 Grad Celsius, und es sollte sogar noch heißer werden; die Hitze war so gnadenlos, dass man ein Spiegelei auf dem Asphalt hätte braten können. Sie raubte einem den Verstand. Er trank einen Schluck warmes Wasser und drückte dann sein schmerzendes Auge wieder gegen das Zielfernrohr seines mit 7,62-x-51-Millimeter-Patronen bestückten M40-Scharfschützengewehrs. Weit entfernt waren Schüsse zu hören. Bereits vor Anbruch des Tages hatte er sich in sein Versteck begeben: Er war Teil eines Militäreinsatzes im Rahmen der Operation Phantom Fury, bei dem der Feind von zwei Seiten in die Zange genommen werden sollte – so als würde ein riesiger Hammer auf einen Amboss niedergehen und alles dazwischen zermalmen. Wenn alles nach Plan verlief, würden die Aufständischen, die diese staubige Stadt am Euphrat kontrollierten, einen vernichtenden Schlag erleiden.

Mehr als 200 gepanzerte Fahrzeuge des United States Marine Corps hatten soeben die Startlinie im Osten überquert, begleitet von etwa 2000 Marines und Soldaten anderer Koalitionsländer. Dem zunehmenden Geschützfeuer nach zu urteilen, waren die Aufständischen auf sie vorbereitet. Allerdings waren diese bösartigen Mistkerle in Falludscha eigentlich immer kampfbereit. Sie waren entschlossen, ihre unbarmherzige Herrschaft über die Menschen in der Provinz Al Anbar nicht zu verlieren.

»Blue Dog One. Sie kommen in unsere Richtung.« Die ruhige Stimme in seinem In-Ear-Kopfhörer gehörte Staff Sergeant Mike Dodge – Codename Blue Dog Two –, dessen sechsköpfiges Team einen halben Block hinter dem von Swanson verschanzt war. Beide Positionen unterstützten sich gegenseitig.

»Wir sind bereit«, sagte er, während er im Kopf noch einmal die Checkliste durchging: leichte Maschinengewehre, M203-Granatwerfer, M16-Gewehre, sogar zwei Scharfschützengewehre … dazu Dodges Funkausrüstung, um die Cobra-Hubschrauber, die in kürzester Distanz über Hausdächer hinwegschweben konnten, und die unglaublich schnell dahinfliegenden Jagdbomber anzufordern. Sie waren der Amboss. Wenn die Panzer, Schützenpanzer und Infanteristen vorrückten, würden sich die Aufständischen in die vermeintliche Sicherheit der Stadt zurückzuziehen, wo sie bereits von den Einheiten der Marines erwartet wurden, die in den beiden verlassenen Gebäuden Stellung bezogen hatten, von denen aus sie die breite, derzeit menschenleere Straße kontrollierten.

Es bestand kein Zweifel, dass der Feind erbitterten Widerstand leisten würde, denn er besaß den Heimvorteil in diesem militärischen Bollwerk vierzig Meilen westlich von Bagdad. Es hieß, dass sich der abgesetzte Diktator Saddam Hussein irgendwo in der widerspenstigen Region, die als das sunnitische Dreieck bekannt war, versteckt hielt, wo er von fanatischen Loyalisten beschützt wurde. Die irakische Truppe bestand aus Mitgliedern von Husseins herrschendem Baath-Partei-Politapparat und seiner Regierung, aus Elementen der Republikanischen Garde, einigen Überresten der irakischen Armee und einer wachsenden Zahl sunnitischer Guerillas und ausländischer Kämpfer. Ihre Existenz verdankten sie einzig und allein Saddam Hussein, dem sie Treue geschworen hatten. Sollten sie verlieren und ihre religiösen Rivalen, die Schiiten, die Kontrolle über den Irak übernehmen, würde die Zukunft für sie alles andere als rosig aussehen. Das Hämmern und Rütteln der automatischen Waffen wurde lauter und kam zusehends näher. Am Horizont waren Explosionen zu sehen, und ein dichter Staub- und Schmutzschleier senkte sich über Teile der Stadt.

Die Teams von Swanson und Dodge waren in den dunkelsten Stunden der Nacht eingeschleust worden; sie hatten sich zusammengeschlossen und sich dann noch vor Sonnenaufgang gemeinsam ihren Weg durch die gespenstisch stille Stadt gebahnt. Mike hatte sich in einem Haus neben einem mit Gerümpel übersäten Feld verschanzt, während Swanson seine Leute auf der anderen Straßenseite einen halben Block weiter oben, aber immer noch in Sichtweite des anderen Teams, postiert hatte.

Am Ende der Straße befanden sich der Vorplatz und der Haupteingang des Moscheekomplexes Haj Musheen Abdul Aziz Az-Kubaysi, eine von einer Kuppel überspannte Zitadelle, die ihren geschützten Status als religiöse Stätte verloren hatte, als sie zu einem Stützpunkt der Aufständischen geworden war. Plünderer und Luftangriffe hatten das ehemals prunkvolle Gebäude in einen Berg aus Schutt und Asche verwandelt, der nun als Festung diente – das Hauptziel der Operation Phantom Fury. Wer diese verwüstete Bastion und ihre unterirdischen Bunker kontrollierte, hatte die Herrschaft über die Stadt. Von seiner starken Position aus glaubte Kyle Swanson, den Schlüssel zur Vordertür in der Hand zu halten. Er beobachtete, wie bewaffnete Männer aus dem Gebäude strömten und über die Mauern kletterten, um sich in den Kampf zu stürzen. Er meldete die Bewegung. Die Scharfschützenteams waren die Augen und Ohren der Angriffstruppe, sammelten Informationen und wählten Ziele aus. Den Abzug durchdrücken würden sie erst später. Sie warteten auf den richtigen Moment. Der große Angriffstrupp sollte die Schwerstarbeit erledigen; mit der Unterstützung eines Bataillons Marines und ein paar Abrams-Panzern würde er über die Hauptstraße auf den Moschee-Komplex vorrücken, und die Aufständischen wären dann so sehr durch die Panzer abgelenkt, dass sie nicht einmal bemerkten, wie ihnen die Scharfschützen in den Rücken fielen. Bis es zu spät sein würde. Sobald der Hammer die Falle zuschnappen ließ, würden die Gewehre des Ambosses Feuer spucken, um vorrangige Ziele wie Offiziere und Funker auszuschalten.

Die Streitkräfte waren nun fast vollständig im Einsatz. Swanson vergewisserte sich, dass sein Team – das ausschließlich aus Veteranen bestand, die ihren Drang, loszuschlagen, mit Professionalität unterdrückten – einsatzbereit war, und wischte dann mit seinen Fingern über das gewaltige Scharfschützengewehr, um es von Schmutz zu befreien. Bereit. Er war froh, Mike Dodge an seiner Seite zu wissen. Das Marine Corps war eine große Organisation und trotzdem eine ziemlich kleine Familie. Im Laufe der Jahre lernte man sich unweigerlich kennen. Dodge und er waren seit den unglücklichen Tagen ihrer Grundausbildung auf Parris Island befreundet und später auch gemeinsam auf der Scout/Sniper School gewesen. Sie hatten unterschiedliche Karrierewege eingeschlagen, aber Kontakt gehalten. Beide hatten sie im Irakkrieg gedient, und bei Mikes Hochzeit vor zwei Jahren – die glückliche Braut hieß Becky – waren Swanson besondere zeremonielle Aufgaben übertragen worden.

Jetzt, im November 2004, waren sie wiedervereint und durften mit dem 3. Bataillon des 5. Marine Corps eine weitere Runde in dem gigantischen Sandkasten des Nahen Ostens spielen. Diesmal nahmen sie an einem Großeinsatz unter dem Namen Operation Phantom Fury teil, mit dem Ziel, die wilde Stadt Falludscha zu zähmen.

»Blue Dog One. Hörst du das?«

»Verstanden. Feuer am Stadtrand nimmt ab. Was ist los, Blue Dog Two?« Dodge hatte die leistungsstarken Funkgeräte, und trotzdem war zunächst keine Antwort zu hören. »Blue Dog Two?«

»Ja. Ich war gerade auf der Hauptfrequenz. Der Angriff hat aufgehört. Ich wiederhole: Der Angriff hat aufgehört.«

Swanson hielt sein Auge weiterhin ans Zielfernrohr gedrückt. Er beobachtete, wie aufständische Kämpfer zurück in die Stadt strömten. »Blue Dog One an Blue Dog Two. Sie kommen in unsere Richtung. Ich sehe keinen unserer Leute, der sie verfolgt.«

Dodges Stimme klang ruhig, aber alarmiert. »Blue Dog One, wir haben den Befehl, uns sofort zurückzuziehen. Irgendetwas ist schiefgelaufen, und der Angriff wurde an der Phase Line Butler gestoppt.«

»Sie wollen, dass wir eine Stellung verlassen, die am helllichten Tag von feindlichen Kämpfern umzingelt wird? Besser, wir bleiben einfach hier und verhalten uns ruhig, bis es dunkel wird.« Er hätte gern erfahren, was schiefgelaufen war, aber im Krieg kam so etwas eben vor. Er würde später darüber nachdenken. Jetzt war die höchste Priorität, am Leben zu bleiben.

»Negativ. Diese bösartigen Mistkerle werden direkt in unsere Richtung getrieben. Sie werden unweigerlich die Gebäude betreten. Wir können nicht bis zum Einbruch der Dunkelheit warten.«

Swanson konnte sehen, was sich da draußen abspielte. Die von den Panzern unterstützte Angriffstruppe hatte sich außerhalb der Stadt in einer Linie aufgestellt und trieb die Aufständischen unter massivem Sperrfeuer zurück, sodass sie verzweifelt nach Deckung suchten. Obwohl sie sich wie eine Gruppe in Panik geratener Katzen zerstreuten, verfolgten sie die Marineinfanteristen jedoch nicht. Sie kommen hierher, und zwar schnell. »Du hast recht, Blue Dog Two. Diese Position können wir nicht halten.«

Wie zum Beweis riss ein aufständischer Kämpfer, der sich vor dem Sperrfeuer in Sicherheit bringen wollte, die mit Sprengfallen gesicherte Tür von Swansons Gebäude auf und löste ein Explosion aus, die das ganze Haus erschütterte und die unerwünschte Aufmerksamkeit anderer feindlicher Elemente in der Umgebung auf sich zog. Diese Kämpfer wandten sich von dem zum Stillstand gekommenen Angriff ab und eröffneten das Feuer auf die Scharfschützenstellungen. Swansons Team antwortete mit einem Kugelhagel aus ihren automatischen Waffen. Swanson selbst feuerte einen Schuss ab, der einen unvorsichtigen Schützen ausschaltete, der mitten auf der Straße stand – der Mann hielt seine AK-47 hüfthoch und feuerte damit wild und blind um sich. Du hast zu viele Filme gesehen, dachte Swanson. Dann schaltete er einen zweiten Mann aus, der aussah, als würde er Befehle erteilen.

»Blue Dog Two. Ihr Jungs haltet euch aus dieser Sache raus«, gab Swanson durch. »Eure Stellung ist nicht gefährdet.«

»Negativ, Blue Dog One. Wir greifen von hier aus an, um etwas Druck von euch zu nehmen, und ihr kommt dann zu uns zurück. Ich habe Luftunterstützung und die Hubschrauber für die Evakuierung vom Feld neben unserem Gebäude angefordert. Ihr kontrolliert den Straßenkampf, und ich kontrolliere die Luft.«

Swanson drückte auf sein Mikrofon, um Dodge zu signalisieren, dass die Nachricht angekommen war, und konzentrierte sich anschließend ganz auf das Kampfgeschehen um ihn herum. Kugeln schlugen in dem Lehmbau ein, in dem sie sich versteckt hielten, und die Marines antworteten mit diszipliniertem und tödlichem Gegenfeuer. »Corporal Burke! Wir ziehen uns zurück. Sie und Ridgeway ziehen sich auf Position 2 zurück, sobald die das Feuer eröffnen.« Die beiden Marines schlichen sich aus ihren Verstecken und begaben sich zur Hintertür. Als Mike Dodge und sein Trupp das Feuer eröffneten, brachen die beiden aus ihrer Deckung hervor, rannten über die Straße und brachten sich beim Gebäude von Blue Dog Two in Sicherheit.

Der Überraschungseffekt war dahin. Die Aufständischen rechneten jetzt mit weiteren Marines, die die Straße überqueren würden. Swanson polterte gemeinsam mit seinem Schussbeobachter, Corporal Boyd Scott, die stark beschädigte Treppe des Hauses hinunter und rief: »Reynolds und Thomas! Ihr seid die Nächsten. Haltet eure Köpfe unten und bewegt eure Ärsche, wenn ihr den Rauch seht.« Swanson, der sich unten rasch neben einem Fenster hingekniet hatte, verfolgte mit seinen Blicken einen Aufständischen, der sich ihnen näherte, und streckte ihn dann mit einem gezielten Schuss nieder. Mit seinem M203-Granatwerfer feuerte Scott Rauchgranaten ab, und Schwaden aus dichtem grauem Rauch breiteten sich auf der Straße aus. Reynolds und Thomas rannten los und schafften es bis zu dem einen halben Block entfernten Haus.

Die Situation wurde zusehends brenzliger, da sich weitere Aufständische an dem Feuergefecht beteiligten und der beißende Rauch sich schnell wieder zu verziehen begann. »Jetzt wir, Scott!«, schrie Swanson. »Schießen und abhauen.« Er hängte sich sein langes Scharfschützengewehr über die Schulter, nahm das M16A3 in Anschlag und folgte Boyd nach draußen. Die verdammten Mistkerle schossen blind um sich, allerdings mit allem, was sie hatten. Kugeln wurden als Querschläger von Gebäuden zurückgeworfen, kratzten an den Wänden entlang und schlugen in den Beton des Bürgersteigs ein. Swanson konnte ein Stück voraus Mike Dodge ausmachen, der am Fenster stand und vorsichtig über ihre Köpfe hinweg in die Menge hinter dem Rauch schoss. Bewegung, Bewegung, Bewegung!

Auf halbem Weg zum Unterschlupf von Dodge wurde Boyd Scott getroffen. Er taumelte nach links und stürzte zu Boden. Die Kugeln hatten den Corporal sowohl am Hals als auch am Kopf erwischt, und das Blut schoss in Fontänen aus ihm heraus. Den Helm hatte es ihm vom Kopf gerissen und rollte davon wie die Radkappe von einem alten Plymouth. Swanson blieb keine Zeit, sich irgendwelchen Gefühlen hinzugeben oder eine Notversorgung seines Kameraden vorzunehmen, denn jedes Zögern wäre tödlich gewesen. Er ließ seine Waffe fallen, packte den Verletzten an den Schulterklappen seiner gepanzerten Weste und zerrte ihn rückwärts auf das Versteck von Blue Dog Two zu. Währenddessen sirrten weiter Kugeln um sie herum. Die Möglichkeit, das Rettungsmanöver abzubrechen, weil er dabei aufgrund seines langsamen Vorankommens selbst eine relativ gute Zielscheibe abgab und jederzeit getroffen werden konnte, kam Swanson nicht einmal in den Sinn. Marines ließen andere Marines nicht zurück.

Dann war plötzlich ein anderer Mann an seiner Seite, der den am Boden liegenden Korporal ebenfalls an den Schulterklappen packte und im Getöse der Schlacht etwas Unverständliches schrie. Es war Mike Dodge, der die Sicherheit seines Verstecks aufgegeben hatte, um in der Gefahrenzone zu helfen. Die beiden zerrten den Schwerverletzten gemeinsam in Deckung, während die anderen Marines aus allen Rohren feuerten, sodass ein wahrer Kugelhagel durch die Straße in Richtung Palast fegte. Ein Sanitäter eilte herbei, um sich um Scott zu kümmern.

»Du warst ein verdammter Idiot, weil du dich da rausgewagt hast, Staff Sergeant Dodge.«

»Ich habe dir immerhin deinen langsamen Arsch gerettet, oder etwa nicht?«

»Ach, was du nicht sagst. Wir waren fast schon durch die Tür, bevor du dich herausbequemt hast.«

»Fick dich, Staff Sergeant Swanson.«

Letzterer war jedoch bereits damit beschäftigt, den restlichen Marines ihre taktischen Positionen zuzuweisen. Mike Dodge ging zurück ans Funkgerät. Das gegnerische Feuer nahm weiter zu, und innerhalb der nächsten drei Minuten wurden zwei weitere Marines verwundet.

»Achtet auf eure Feuerrate«, rief Swanson, während er mit weiten Sätzen von Team zu Team eilte. »Hilfe ist unterwegs. Passt auf, dass euch die Munition nicht ausgeht.«

Der erste Kampfhubschrauber vom Typ Cobra flog über sie hinweg und pflügte mit dem auf Dauerfeuer gestellten Maschinengewehr eine gerade Linie in den Beton der Straße, während ein zweiter die Dächer auf der linken Seite nach Zielen absuchte, wo sich einige feindliche Schützen versammelt hatten, um ihre Ziele aus einem besseren Blickwinkel ins Visier zu nehmen. Als die ersten beiden Snakes, wie der AH-1-Cobra-Angriffshelikopter auch genannt wurde, abdrehten, flog ein weiteres Helikopter-Duo heran, um den Gegenangriff fortzusetzen. Über den ohrenbetäubenden Lärm des höllischen Feuergefechts hinweg hörte Swanson ein weiteres Geräusch: das tiefe Dröhnen eines sich nähernden CH-53-Hubschraubers – ihr Taxi raus aus dieser Hölle! Aber noch bevor er aufsetzte, erlag Corporal Scott seinen Verletzungen.

Auf dem Rückweg zum Basislager wischte sich Swanson über das verschwitzte und verstaubte Gesicht und trank Wasser, während er über das Geschehene nachdachte. Das war alles andere als eine erfolgreiche Mission gewesen – nicht mit einem gefallenen und zwei verwundeten Marines. Es war aber auch keine total erfolglose Mission gewesen, denn die Aufständischen waren ordentlich aufgemischt und dezimiert worden. Er würde vielleicht nie erfahren, warum der ursprüngliche Plan geändert worden war. Wie hieß es doch so treffend: »Schlachtpläne überleben den ersten Schuss nicht.« So war das eben im Irak. Es war nur ein weiterer Einsatz in einem langen und schmutzigen Krieg. Er lauschte dem dumpfen Rhythmus der Rotorblätter und dachte, dass er Mike Dodge ein Bier schuldete.

Kapitel 1

OCEANSIDE, KALIFORNIEN, UND BARCELONA, SPANIEN

Ihre Karrieren führten Swanson und Dodge nach der Operation Phantom Fury in unterschiedliche Richtungen. Während sich der verheiratete Mike Dodge für einen eher konventionellen Weg entschied, tauchte Kyle Swanson in die Welt der Spezialeinsätze ein.

Zwei Jahre später, als Marine Corps Brigadier General Bradley Middleton nach dem Irakkrieg in Syrien von Söldnern und Terroristen entführt worden war, hatte man Swanson entsendet, um ihn zu befreien. Er schaffte es zwar, Middleton zu retten, doch er selbst wurde im Kampf tödlich verwundet, in Arlington beigesetzt und posthum mit der Medal of Honor ausgezeichnet. Die Nachricht sorgte im gesamten Land und im Corps für Aufsehen. Mike und Becky trauerten um ihren Freund.

Aber die Dinge sind nicht immer so, wie sie zu sein scheinen. Und an einem Abend drei Jahre später, als er die Eingangstür zu seinem Haus mit zwei Schlafzimmern in Oceanside öffnete, stellte Mike Dodge schockiert fest, dass vor ihm Kyle Swanson stand, quicklebendig und wohlauf – mit einem Bier in der Hand und bereit, Becky mit den abenteuerlichsten Geschichten zu unterhalten. Es sei alles ein großer bürokratischer Irrtum des Pentagon gewesen, behauptete er, und sie könnten ihn nicht ohne Weiteres einfach wieder von den Toten auferstehen lassen oder die Medaille zurückfordern. Deshalb hätten sie ihn stattdessen mit Spezialeinsätzen beauftragt, bis jemand eine angemessene Aufgabe für einen Toten gefunden hätte.

Das überraschende Wiedersehen entwickelte sich zu einer Party, die in einem Fischrestaurant am Coast Highway südlich von Del Mar fortgesetzt wurde. Als sie dann gegen Mitternacht wieder nach Oceanside zurückgekehrt waren, kam Swanson auf den beruflichen Teil seiner Auferstehung und des Überraschungsbesuchs zu sprechen. Zuerst schwor er die beiden auf Verschwiegenheit ein und ließ sie dabei ihre Hände auf die Familienbibel legen.

»Alles, was ich euch vorhin erzählt habe, war Blödsinn«, gab er danach zu. »Es tut mir leid, aber ich musste als Erstes herausfinden, wie es euch beiden wirklich geht, bevor ich mit der wahren Geschichte herausrücke. Erzählt niemandem, was ihr gleich hören werdet, weder morgen noch sonst irgendwann.«

Swanson gestand Mike und Becky Dodge anschließend, dass sein Name offiziell aus den Akten gelöscht worden war, damit er Teil einer Spezialeinheit namens Task Force Trident werden konnte, die außerhalb der offiziellen militärischen Berichterstattung operierte. Sie bestand lediglich aus einer Handvoll Spezialisten, die ausschließlich dem Präsidenten unterstellt waren und den Krieg gegen den Terror auf den Kopf stellten, indem sie den Kampf direkt vor die Haustür des Feindes trugen. Einige wirklich üble Menschen hatten bereits erfahren müssen, dass es kein sicheres Versteck gab, sobald sie einmal Amerika und seine Verbündeten angegriffen hatten, und dass sie kein Martyrium erwartete, sondern bloß ein blutiges Ende. Trident konnte auf alle Ressourcen der US-Regierung zugreifen, um ihre Missionen zu erfüllen: Sie hatte die Möglichkeit, bei Bedarf Drohnen und SEAL-Teams, die Delta Force und B-52-Langstreckenbomber, Computerfreaks und Bundesagenten sowie örtliche Polizisten und forensische Psychologen zur Unterstützung hinzuzuziehen. Es gab keine Papierberge, die zurückverfolgbar gewesen wären, und auch keine Bestrafung für die Durchführung der Militärschläge, die vom Präsidenten der Vereinigten Staaten persönlich genehmigt wurden.

Swanson erklärte ihnen, dass Trident eine Stufe erreicht hätte, bei der er dringend auf einen Partner angewiesen wäre, dem er da draußen in der tiefsten Provinz vertrauen könne, und wer wäre wohl besser in diesem Spiel als Mike Dodge? Mike schien bereit zu sein, sofort zu unterschreiben, doch Becky hielt ihn zurück.

»Denkt darüber nach, und besprecht es gründlich«, sagte Swanson mit einem drängenden Unterton. »Lasst mich eure Entscheidung morgen wissen.« Mike könne mit einer satten Erhöhung seiner finanziellen Bezüge rechnen, und zwar nicht nur mit Blick auf seine Gehaltsstufe, sondern auch bei der Berechnung von Spesen, die man höchst großzügig berechnen würde.

Die Dodges diskutierten das Angebot die ganze Nacht durch, doch zu guter Letzt lehnten sie es ab. Es war die richtige Entscheidung für sie, das musste auch Swanson zugeben, aber er hatte es zumindest versuchen müssen.

Statt bei gefährlichen Spezialoperationen sein Leben zu riskieren, übernahm Gunnery Sergeant Mike Dodge nach weiteren fünf Jahren, im Jahr 2014, das Kommando über die Sicherheitsabteilung des Marine Corps im US-Konsulat im friedlichen Diplomatenviertel von Barcelona. Er trug jetzt Anzug und Krawatte, wenn er zur Arbeit ging, und pendelte jeden Tag von der Dreizimmerwohnung, in der er mit Becky und ihrem gemeinsamen, mittlerweile ein Jahr alten Sohn Timmy lebte. Die Wohnung befand sich in der Nähe der Reina-Elsinda-Station, der letzten Haltestelle der Metro-Linie L-6, und er führte dort ein beschauliches Leben – ein gutes Leben für einen Mann, der sowohl ein hohes Pflichtbewusstsein als auch einen ausgeprägten Familiensinn hatte.

An einem hellen und freundlichen Montagmorgen, als er die Haltestelle nahe seines Arbeitsplatzes verließ, verspürte Dodge ganz unerwartet ein Kribbeln, das sich von seinem Hals aus die Arme hinunter ausbreitete und ihn in Alarmbereitschaft versetzte. Noch konnte er nichts Ungewöhnliches entdecken, doch der Gunny hatte dieses unverwechselbare Kribbeln schon oft gespürt, und zwar immer dann, wenn kurze Zeit später während eines Kampfeinsatzes im Irak oder in Afghanistan die Hölle losbrach.

Zumindest oberflächlich betrachtet schien alles in bester Ordnung zu sein. Am Haupteingang des Konsulats hatte sich in der letzten Stunde eine Schlange von Spaniern und Bürgern anderer Nationen gebildet, die Visa und Genehmigungen für geschäftliche Aktivitäten in den USA beantragen wollten. Alle verhielten sich ruhig, lasen Zeitungen und tranken Kaffee; sie waren aus einem bestimmten Grund dort, nicht, weil sie einfach herumlungern wollten.

Vier spanische Polizisten standen vor dem Kontrollpunkt der Pkw-Zufahrt. Dodge ging zu ihnen hinüber, um sie zu grüßen und mit ihnen ein paar Worte zu wechseln. Sie bestätigten ihm, dass es keine ungewöhnlichen Vorkommnisse gab, nur den üblichen morgendlichen Verkehr und die fußläufigen Besucher.

Dodge betrat das Konsulat durch den gesicherten Haupteingang, marschierte über den polierten Steinboden der Eingangshalle und wurde von Corporal J. V. Harris begrüßt, dem diensthabenden Unteroffizier der Tagschicht, der in Uniform hinter der kugelsicheren Glaswand stand und die Besucher in Empfang nahm. Dodge starrte ihn an, um zu überprüfen, ob wirklich alles an der Dienstkleidung des Corporals korrekt war. Mit seinen 1,88 m, den breiten Schultern und dem kantigen Kinn war J. V. Harris eine imposante Erscheinung, und das, obwohl er erst zwanzig Jahre alt war. Die Knöpfe seines kurzärmeligen Khakihemds und die Schnalle des weißen Webgürtels waren perfekt ausgerichtet, genau wie die Pistole im Hüfthalfter seiner blauen Uniformhose und das weiße Barett. Die Haare waren nach Vorschrift frisiert.

»Guten Morgen, Gunny«, grüßte Harris mit lauter Stimme und ließ Dodge durch die verstärkte gläserne Sicherheitsschleuse, die den nicht öffentlichen Bereich des Konsulats schützte. »Ein weiterer verdammt guter Tag in unserem geliebten Marine Corps. Sergeant Martinez ist hinten.« Rico Martinez hatte die Nachtschicht übernommen und war vermutlich gerade dabei, sich Zivilkleidung anzuziehen, um dann den Heimweg anzutreten.

»Wie ist die derzeitige Bedrohungslage eingestuft?«, fragte Dodge.

»Geringe Bedrohungslage. Martinez hat berichtet, dass in der Nacht alles ruhig war. Es hat auch keine Vorkommnisse gegeben, seit ich meinen Dienst angetreten habe.«

Dodge musterte den jungen Marine aus wachsamen Augen. »Haben Sie getrunken?«

»Selbstverständlich nicht, Gunny.«

»Und die Jungs in der Gemeinschaftsunterkunft?«

»In Barcelona können die Nächte bekanntlich ziemlich lang werden«, antwortete Harris ausweichend. »Aber wenn Sie sie brauchen, können sie jederzeit rasch hier sein.«

Dodge schüttelte den Kopf. Harris’ Formulierung nach zu urteilen, lagen die Jungs vermutlich verkatert auf ihren Betten wie nasse Laken auf einer Wäscheleine. Da er jedoch das warnende, kribbelnde Gefühl einfach nicht abschütteln konnte, gab er den Befehl: »Tatsache ist, dass ich sie hierhaben will, Corporal. Rufen Sie die Jungs an – sie sollen auf die Beine kommen. Und bleiben Sie derweil besonders wachsam.«

Die Glastür schloss sich zischend, und die Verriegelung rastete ein. »Der RSB und die Generalkonsulin sind bereits da«, sagte Harris noch. Der RSB war der regionale Sicherheitsbeauftragte für den Diplomatic Security Service des Außenministeriums und der eigentliche Verantwortliche für die allgemeine Sicherheit des Konsulats.

Dodge ging den Flur entlang und warf einen Blick durch jede Tür. Mehrere Konsulatsmitarbeiter saßen an ihren Computern am Kundenschalter und bereiteten sich auf ihre morgendlichen Tätigkeiten vor. Dodge beschloss, Martinez zu bitten, noch eine Stunde länger zu bleiben.

Es war weniger als eine Minute vor 08:00 Uhr, als J. V. Harris über eine sichere Leitung in der Gemeinschaftsunterkunft der Marines anrief. Das Telefon klingelte einmal, zweimal, dreimal, aber niemand dort meldete sich. Er legte auf und beschloss, noch ein paar Minuten zu warten und es dann ein weiteres Mal zu versuchen, bevor er den Gunny über diesen Sachverhalt in Kenntnis setzen wollte, der dann den Jungs gehörig den Marsch blasen würde. Also legte Corporal Harris auf und betätigte erneut das Sicherheitsschloss, um einen Konsulatsmitarbeiter mit einem großen Schlüsselbund durchzulassen, der die schwere, kugelsichere Tür des Haupteingangs aufsperren würde. In wenigen Augenblicken hatte das Konsulat geöffnet.

Das Haus, in dem sich die Gemeinschaftsunterkunft des fünfköpfigen US-Marine-Wachtrupps des US-Konsulats in Barcelona befand, war ein geräumiges Gebäude im spanischen Stil mit weißem Stuck und traditionellem rotem Ziegeldach. Neben seiner Funktion als Soldatenquartier diente das Gebäude auch als Ausrichtungsort zahlreicher legendärer Partys. Wenn der große Hauptraum und der gepflegte Garten nicht gerade für diplomatische Veranstaltungen genutzt wurden, war es eine der beliebtesten Adressen, an denen sich das Nachtleben im Stadtteil Sarrià/Sant Gervasi abspielte. Die Marines wussten, wie man es außer Dienst krachen ließ.

Am frühen Montagmorgen kniete Sergeant John Dale im Badezimmer und huldigte nach der letzten Party am Sonntagabend dem Porzellangott. »Ich glaube, diesmal war es das für mein Gehirn«, stöhnte er, dann krampfte sich sein Magen ein weiteres Mal zusammen, und er übergab sich erneut in die Toilette. Das Festmahl aus Paella, Spanferkel, Bier und rotem Rioja-Wein hatte beim Herunterschlucken viel besser geschmeckt als beim Wiederhochkommen. Er spülte und lehnte sich mit dem Rücken gegen den kalten Rand der Badewanne, während er auf die nächste Übelkeitswelle wartete.

Die beiden anderen Marines im Haus waren Sergeant Pete Palmer und Corporal Chet Morrison, die immer noch ihren Rausch ausschliefen. Palmer hatte ein Mädchen bei sich. Alle Zimmer der Kolonialstil-Villa gingen von einem zentralen Flur ab, der sich unmittelbar an den großen Hauptraum anschloss, in dem es einen Salon und einen Essbereich gab. Gleich daneben befand sich ein halbkreisförmig angeordnetes Entree mit einer Garderobe. Die Türen zu der Küche, den Schlafzimmern und den beiden Vollbädern lagen weiter hinten im Flur, an dessen Ende der Ausgang zu dem gepflegten Hinterhof mit einem umzäunten Swimmingpool war. Es war der beste Ort, an dem der zwanzigjährige Dale je gelebt hatte – viel besser, als er es sich während seiner Kleinstadtkindheit in Indiana zu träumen gewagt hatte, und um Längen schöner als sein letzter Einsatz in Afghanistan.

Wieder krampfte sich sein Magen schmerzhaft zusammen, und er übergab sich erneut, doch diesmal wusste er, dass es das letzte Mal gewesen war. Da unten im Bauch kann einfach nichts mehr drin sein. Er fühlte sich elend, sein Schädel explodierte, aber immerhin war er jetzt endlich leer. Anschließend starrte Dale in den Spiegel, während er sich das Gesicht wusch und die Zähne putzte, und nahm sich vor, es beim nächsten Mal langsamer angehen zu lassen. Irgendwann. Vielleicht. Nur mit Boxershorts bekleidet, ging er barfuß in die Küche, um sich ein großes Glas Wasser zu holen, während der Kaffee durchlief. Das Wohnzimmer glich einem Trümmerfeld, aber bis Mittag würde das Hausmädchen es wieder herrichten. Und der Gärtner würde die Blumenrabatten in Ordnung bringen und der Handwerker sämtliche Schäden in und am Haus beseitigen. Alles auf Kosten der Regierung.

Dale trank gierig das Glas aus und blickte durch eines der breiten Fenster auf der Rückseite des Gebäudes. Er sah die Aprilsonne aufgehen, deren orangefarbenes Licht auf den Nadeln der dichten Wacholderbüsche und hohen blaugrünen Spanischen Tannen glitzerte. Auch im Garten herrschte eine fürchterliche Unordnung. Es war etwa acht Uhr in der Früh, aber bis zum Abend würde alles von den Leuten in Ordnung gebracht worden sein, die Geld dafür erhielten, hinter ihnen aufzuräumen und die Dinge zu reparieren, die sie kaputt gemacht hatten. Wie von Zauberhand. Er war das erste Mal in einem Konsulat als Wachsoldat stationiert, und diese Art von Dienst gefiel ihm.

Hätte er aus einem der vorderen Fenster statt aus einem der hinteren geschaut, wäre Dale sicherlich aufgefallen, wie ein kleiner Lieferwagen am Bordstein ausrollte und fünf bärtige Männer ausstiegen, um durch das Eingangstor zu stürmen, das sich ohne zu quietschen öffnete. Die Männer waren mit AK-47-Maschinengewehren bewaffnet. Da die Bedrohungslage in der gesamten Region als gering eingestuft wurde, waren alle Waffen im Haus in einem Waffenschrank eingeschlossen. Auch gab es keinen Sicherheitsschutz durch die örtliche Polizei, denn nur ein Idiot könnte auf die Idee gekommen, eine Gruppe Marines anzugreifen.

Einer der Eindringlinge wickelte etwas ab, das wie ein langes, schmales Stück Dichtungsband aussah. Anschließend klebte er den Haftsprengstoff an den Kanten der schweren Eingangstür fest. Dann suchte er eilig Deckung. Ein zweiter Mann drückte den Zündknopf, und eine ohrenbetäubende Explosion zerriss die Stille des Morgens. Die Tür wurde in einem Splitterregen aus den Angeln gesprengt. Durch die entstandene Rauchwolke hindurch stürmten die fünf Angreifer mit erhobenen Waffen und den Fingern am Abzug in das Gebäude.

Sergeant John Dale wurde in der Küche überrascht, wo er noch benommen von der Druckwelle des Sprengsatzes und geblendet von den umherfliegenden Trümmerteilen neben dem Tisch auf dem Boden lag. Der erste Schuss aus einem der vollautomatischen Gewehre durchschlug seine Brust, der zweite seinen Bauch, während die anderen Schützen den Flur entlangeilten, Türen eintraten und gezielte Feuerstöße von sich gaben. Corporal Chet Morrison sprang gerade aus seinem Bett, als er von einem Kugelhagel getroffen und nach hinten geschleudert wurde. Sergeant Palmer und seine Freundin waren noch damit beschäftigt, sich aus ihrer Umklammerung zu lösen, als ein Bewaffneter den Raum betrat und sie mit Kugeln durchsiebte.

Das Killerkommando überprüfte anhand einer Karte, die das Hausmädchen sorgfältig gezeichnet hatte, jeden Raum und jeden Schrank sowie den Garten und den Geräteschuppen. Danach eilten die fünf zum Fluchtfahrzeug zurück. Während es in Richtung Hafen davonfuhr, wo bereits ein Schnellboot wartete, das die Männer außer Landes bringen sollte, begann das Telefon in der Gemeinschaftsunterkunft der Marines zu klingeln.

Weniger als 300 Meter südlich des Konsulats standen vier Kastenwagen der Marke VW Stoßstange an Stoßstange und mit laufenden Motoren in der Carrer del Doctor Francesc Darder. In jedem der Fahrzeuge saßen fünf schwer bewaffnete Männer. Als der Mann auf dem Beifahrersitz des ersten Fahrzeugs, ein erfahrener Kämpfer mit braunen Augen namens Djahid Rebiane, die mündliche Bestätigung erhielt, dass der Angriff auf die Unterkunft der Marines erfolgreich abgeschlossen worden war, sagte er leise ein einziges Wort zum Fahrer: »Vámonos.« Gehen wir.

Genau in dem Moment, als die große Eingangstür des Konsulats aufschwang, griffen sie an. Die bewaffneten Männer im ersten Wagen schalteten die spanischen Polizeibeamten im Wachhäuschen mit schnellen Schüssen aus automatischen Waffen aus. Dann verließ Rebiane den Kastenwagen und hob die Schranke an, die die Straße versperrte. Die anderen drei Kastenwagen fuhren hindurch. Djahid Rebiane schulterte seine AK-47 und ging gemessenen Schrittes auf das Konsulat zu, wobei er das Feuer auf die überraschten Zivilisten in der Schlange vor dem Gebäude eröffnete. Drei von ihnen fielen tot zu Boden, bevor sie begriffen, was vor sich ging, woraufhin die anderen in Panik gerieten. Im Wachhäuschen errichteten zwei Terroristen eine Verteidigungsposition, während zwei andere damit begannen, das Stativ, das Rohr und das Zielgerät eines 81-mm-Steilfeuergeschützes zusammenzubauen.

Der Konsulatsmitarbeiter, der die Tür geöffnet hatte, sah die ersten Schüsse mit an und wollte sie sofort wieder schließen, doch so weit kam er nicht: zwei aus Panzerfäusten abgeschossene Raketen schlugen in die Tür ein und zerstörten den gesamten Eingangsbereich. Fast gleichzeitig führte ein anderes mit Panzerfäusten ausgerüstetes Team einen Angriff auf die Fenster der rechten Gebäudeseite aus, und die automatischen Waffen legten ein Sperrfeuer.

Die drei Marines im Konsulat, allesamt kampferprobte Veteranen, gerieten nicht in Panik, sondern handelten mit kühler Präzision, obwohl sie sich eindeutig in der Defensive befanden. Gunny Dodge schnappte sich eine Uzi-Maschinenpistole. Martinez, der inzwischen Jeans und ein blaues T-Shirt trug, kam voll bewaffnet und mit Helm und Schutzweste aus dem Hinterzimmer. Harris schaute auf die Monitore der Überwachungskameras und sah, wie draußen ein Zivilist nach dem anderen getötet wurde und ein vielköpfiges Angriffsteam von allen Seiten vorrückte.

»Keine Antwort von den Männern in der Unterkunft, Gunny«, rief er.

Dodge schaute jetzt ebenfalls auf die Monitore. »Wir müssen davon ausgehen, dass sie tot sind. Ihr bleibt hier, während ich den RSB und die Generalkonsulin holen gehe.« Konsulatsmitarbeiter rannten den Hauptflur hinunter zu den Schutzräumen im hinteren Teil des Gebäudes, sodass sie nicht sofort angegriffen werden konnten, da sich die kampfbereiten, bewaffneten Marines zwischen ihnen und den Terroristen befanden. Einige der für die Geheimhaltung zuständigen Mitarbeiter begannen unterdessen, sensible Ausrüstung zu zerstören und Dokumente zu vernichten.

Als Dodge die zwei verantwortlichen Beamten des State Departments fand, führten die beiden gerade ein Streitgespräch. Der RSB hatte seine Waffe gezückt und forderte Generalkonsulin Juanita Sandoval auf, sich auf den Weg zu einem der Evakuierungspunkte zu machen. Sie jedoch weigerte sich. In diesem Moment traf die erste Mörsergranate das Dach des Konsulats und durchschlug den zweiten Stock. Von der Erschütterung wurden alle zu Boden geworfen.

Im vorderen Gebäudebereich hielten sich Harris und Martinez hinter Türöffnungen versteckt, als die ersten Angreifer in die zerstörte Eingangshalle stürmten. Schüsse würden keine Wirkung zeigen, da die dicken Glasscheiben, die den gesicherten Bereich abschirmten, auf beiden Seiten kugelsicher waren. Djahid Rebiane wusste das, weshalb er in frecher Weise einfach durch die Eingangshalle stiefelte, eine kleine Plastiksprengladung an die innere Sicherheitstür klatschte und dann wieder hinausmarschierte. Einen Sekundenbruchteil bevor die Detonation die Sicherheitsschleuse in Schutt und Asche legte, schrie Martinez eine Warnung. Harris feuerte sofort eine Salve in die entstandene Öffnung, dann rollte sich Martinez in den Flur und eröffnete ebenfalls das Feuer. Als eine Handgranate auf sie zugehüpft kam, brachten sich beide wieder in Sicherheit.

Gunny Dodge und dem RSB war klar, dass ihnen die Zeit davonlief. Die spanische Polizei würde bereits auf dem Weg hierher sein, doch wahrscheinlich zu spät eintreffen. Denn das hier war ein gut koordinierter, kühn ersonnener Angriff – wer auch immer dafür verantwortlich war, dürfte auch das Zeitfenster bis zur voraussichtlichen Ankunft der Polizei berücksichtigt haben. Es lag an ihnen, entgegen allen Erwartungen die Stellung zu halten, bis Hilfe eintraf. Der RSB befahl der Generalkonsulin, sich unverzüglich zum sicheren Telefon im Schutzraum zu begeben und von dort aus Washington zu alarmieren. Doch die Frau zögerte.

»Vielleicht wollen sie uns nur gefangen nehmen«, sagte sie. Als Generalkonsulin bestand ihre vorrangige Aufgabe darin, bei gesellschaftlichen Anlässen die Vereinigten Staaten im besten Licht dastehen zu lassen – der Titel klang wichtiger, als ihre eigentliche Funktion hier in Barcelona tatsächlich war. »Wie damals in Teheran. Wenn wir uns ergeben, wird Washington über unsere Freilassung verhandeln.«

Dodge bewegte sich zurück in Richtung Flur, wo immer häufiger Schüsse fielen. »Nein, Ma’am. Denken Sie an Bengasi, nicht an Teheran. Diese Leute wollen uns töten.«

»Aber warum?« Ihre Augen waren vor Angst weit aufgerissen. »Lassen Sie mich einfach mit ihnen reden. Vielleicht wollen sie nur Forderungen stellen, wie es die baskischen Separatisten immer tun.«

Dodge ignorierte sie. Es war Aufgabe des RSB, die Generalkonsulin wohlbehalten zu einem der Evakuierungspunkte zu bringen; und so kehrte er zu den Kameraden im Flur zurück. Martinez und Harris gaben gezielte Feuerstöße auf ein paar Terroristen in der Eingangshalle ab, die das Feuer erwiderten. Es hatte bislang keinen großen Sturmangriff durch die Bresche gegeben. Stattdessen wummerte der Mörser unablässig weiter und riss Lücken in die rechte Gebäudeseite. Und durch diese offenen Stellen bahnten sich weitere Bewaffnete ihren Weg ins Innere.

»Wie schlagen wir uns, Jungs?«, rief Dodge.

»Ziemlich gut, Gunny. Wir haben ein paar von den Arschlöchern erwischt. Vielleicht hat sie das daran gehindert, reinzustürmen.« Martinez nahm sich einen Moment Zeit, um das Magazin zu wechseln. »Sieht so aus, als würden sie im Moment nur versuchen, uns in Schach zu halten.«

»Was bedeutet, dass sie irgendetwas anderes vorhaben«, fügte Dodge hinzu. »Also gegen wir zum Gegenangriff über. Zuerst eine Granate, dann sprinten wir hinterher und erobern den Eingangsbereich zurück. Die Polizei sollte bald hier sein.«

»Oder wir halten einfach die Stellung.«

»Ich glaube nicht, dass das eine Option ist. Es muss einen Grund dafür geben, dass sie so lange warten. Sie scheinen zufrieden damit zu sein, dass wir hier gefangen sind, aber sie wissen auch, dass diese Pattsituation nicht ewig andauern kann.« Dodge rannte den Flur zurück, um den RSB und die Generalkonsulin über den Stand der Dinge zu informieren, während weitere Panzerfäuste, Mörsergranaten und automatisches Feuer auf das Gebäude einschlugen. Dann, innerhalb von sechzig Sekunden, war alles wieder urplötzlich ruhig. Als würde das Gebäude tief durchatmen. Alle tauschten verwunderte Blicke aus. Ist es vorbei?

Rebiane beobachtete, wie seine Männer sich zurückzogen und in die wartenden Kastenwagen stiegen, bevor auch er hineinkletterte. Dann fuhren sie zum Ausgang. Seine Teams hatten die letzten Minuten genutzt, um an allen vier Ecken des Gebäudes Kisten mit Sprengstoff zu platzieren. Neben dem von Kugeln durchlöcherten Wachhäuschen stieg er aus. Behutsam hielt er das Handy in der Hand, mit der er die Kisten gleichzeitig zur Explosion bringen würde. Zufrieden, dass alles bereit war, kauerte er sich in Embryonalstellung zusammen und drückte die vorgewählte Nummer, was eine verheerende Detonation auslöste, die das Gebäude mehr oder weniger dem Erdboden gleichmachte. Als keine Trümmerteile mehr herabstürzten, stand Rebiane wieder auf und beobachtete einen Moment lang, wie ein gewaltiger Feuerball über der Ruine des einstigen Konsulats in den Morgenhimmel aufstieg, während die restlichen verkohlten Wände einstürzten. Niemand konnte diese Explosion überlebt haben. Er stieg in den Kastenwagen, der auf ihn gewartet hatte, und sogleich drückte der Fahrer das Gaspedal durch.

Kapitel 2

BADEN-WÜRTTEMBERG, DEUTSCHLAND

Marine Gunnery Sergeant Kyle Swanson hatte sich tief in die Erde des Schwarzwalds eingegraben. Er war von Kopf bis Fuß in einen Ghillie-Tarnanzug gehüllt, zudem mit Zweigen und Gestrüpp bedeckt. Das MSG-90A1-Scharfschützengewehr von Heckler & Koch befand sich in einer Waffentasche, die mit einer Schnur an seiner Ausrüstung befestigt war. Er wurde eins mit der Dunkelheit. Dies war nur ein Trainingsszenario, aber er hielt Übungen niemals für bloßen Zeitvertreib – wenn er die Gelegenheit erhielt, seine tödlichen Fähigkeiten zu verbessern, dann ergriff er sie.

Die Vegetation des Schwarzwalds stand extrem dicht beieinander, und die Bäume waren riesig. Obwohl es fast Mittag war, hatte sich das undurchdringliche Unterholz eine frühmorgendliche Atmosphäre bewahrt. Schwache Sonnenstrahlen drangen vereinzelt durch die niedrig hängenden Äste und hüllten die Landschaft in ein dunkles, trübes Gewand. Nach wie vor hing ein hartnäckiger Nebel in der Luft, und ein leichter Wind ließ die Büsche rascheln. Es war die perfekte Umgebung, um auf die Pirsch zu gehen.

Er hielt sein kleines Zeiss-Fernglas ruhig auf ein vierköpfiges Team des deutschen Verbands Kommando Spezialkräfte gerichtet, das sich so leise wie eine Gruppe Geister bewegte. Der kleine KSK-Trupp bestand aus Scharfschützen, die nach ihm suchten. Sie hatten ihm den Rücken zugewandt, und er hätte sie alle auf der Stelle ausschalten können: von rechts nach links, vier, drei, zwei, eins. Es hätte nur ein paar Sekunden und die zehn Platzpatronen in seinem Kastenmagazin gebraucht. Swanson kannte keine Skrupel, dem Feind in den Rücken zu schießen. Das machte sie bloß zu leichteren Zielen. Doch sie auszuschalten war heute nicht seine Aufgabe, also konnten sie noch eine Weile länger am Leben bleiben.

Deutschland würde in diesem Sommer das Gastgeberland des politisch bedeutsamen G20-Gipfels sein, bei dem die Staats- und Regierungschefs der mächtigsten Volkswirtschaften der Welt zusammenkamen, um an einer Lösung für die hartnäckige globale Schuldenkrise zu arbeiten. Die Sicherheitskräfte trainierten unablässig, um den Schutz der Gipfelteilnehmer zu gewährleisten, und der Schwarzwald war als Trainingsgelände für die Planspiele ausgewählt worden, bei denen ihre verschiedenen Fähigkeiten getestet werden sollten. Die Spezialeinheit KSK hatte die Marines ausdrücklich darum ersucht, Kyle Swanson persönlich zu schicken, damit der Beste gegen die Besten antreten konnte.

Swanson hatte so viele inoffizielle Missionen für Trident durchgeführt, dass die Aussicht, für eine Weile wieder in seine bequeme alte Haut als Späher/Scharfschütze zu schlüpfen und seine Grundfertigkeiten außerhalb einer echten Gefahrenzone auf den Prüfstand zu stellen, eine willkommene Abwechslung darstellte.

Sein Schussbeobachter war Corporal Harold Martin, ein vielversprechender junger Späher/Scharfschütze aus New Jersey, der noch viel zu lernen hatte und die Gelegenheit nutzen wollte, um sich für zukünftige Geheimmissionen zu qualifizieren. Swansons Anforderungen bei diesem Auftrag zu entsprechen wäre für ihn ein großer Schritt in die richtige Richtung. Martin hatte jedoch bereits einen großen Fehler begangen, weil er so nervös war, mit dem Kein-Bullshit-Gunny zusammenzuarbeiten, wie Swanson auch genannt wurde. Vor lauter Aufregung hatte der Corporal vergessen, seine Blase vor Beginn der Mission zu entleeren, und nun drohte sie zu platzen.

Das Ziel der Übung bestand darin, herauszufinden, ob sich ein Eindringling der Kommandozentrale der Blue Force – einer Ansammlung leichter Militärfahrzeuge, die entlang einer Talstraße aufgereiht standen – bis auf 400 Meter nähern konnte. Sicherheitspatrouillen überwachten lediglich einen Umkreis von 350 Metern, wodurch ein Niemandsland von 50 Metern entstand.

Swanson und Martin waren in der Nacht drei Kilometer entfernt von einem Helikopter abgesetzt worden und hatten die Morgenstunden damit verbracht, sich über den Kamm eines Hügels zu den Rasterkoordinaten des Ziels vorzuarbeiten. Als sie nahe genug herangekommen waren, hatten sie ihre Ghillies mit Zweigen und Farnen aus der Umgebung getarnt und anschließend damit begonnen, sich lautlos am Boden vorwärtszubewegen, ohne gesehen zu werden. Die schlechte Sicht erschwerte die Arbeit derjenigen, die sie jagten, und deshalb hatten Swanson und Martin keinerlei Probleme, sich bis auf 800 Meter an das Ziel heranzuschleichen. Sie waren ein gutes Duo, und sie verschmolzen mit der üppigen Vegetation. Als die Morgendämmerung einsetzte und die Sonne ihre ersten müden Strahlen durch die Baumkronen schickte, hatten sie die 400-Meter-Marke erreicht. Das bedeutete, dass die Übung eigentlich vorbei war und Swanson gewonnen hatte. Ein Schuss aus einer solchen Entfernung war gar nichts für einen erfahrenen Scharfschützen, also konnte er dort, wo er gerade war, ein Lager aufschlagen und den Generälen unten im Kommandoposten den Tag ruinieren, sobald einer von ihnen aus den mit Funkantennen gespickten Transportern stieg.

Mit diesem 50-Meter-Sicherheitspuffer konnte die Sicherheitspatrouille sie ohnehin nicht finden. Swanson hatte zwei stationäre Beobachtungsposten entdeckt, von denen die vier patrouillierenden Elitesoldaten unterstützt wurden, und er bewunderte das methodische Vorgehen des 5. KSK-Zuges, das die Gegend durchkämmte. Die Spezialeinheit leistete bei ihrer koordinierten Suche wirklich gute Arbeit. Doch dessen Erfolgsmöglichkeiten wurden durch die willkürlich gesetzte Suchgrenze drastisch eingeschränkt. Das war in keiner Weise ein Test unter realistischen Bedingungen in einem solchen Terrain. Viel zu einfach. Die Deutschen suchten nach X. Er würde ihnen Y geben. Swanson hatte ohnehin nie viel für Regeln übriggehabt, denn Pläne, die auf Papier geschmiedet wurden, hielten nie der Realität stand. Das hier war wirklich unfair. Er aktivierte das kleine Mikrofon an seinem Hals und flüsterte: »Wir gehen näher ran.«

Die Antwort von Martin war das erste unerwartete Vorkommnis, das Swanson an diesem Morgen erlebte. »Ich muss dringend pinkeln.«

»Halt es noch ein bisschen länger, und sei still!«

Swanson beobachtete weiterhin sowohl das Gelände als auch die Sicherheitspatrouille und entdeckte bald die zwei Sachverhalte, die er für den nächsten Schritt brauchte. Das Bewegungsmuster der Patrouille wies eine Lücke auf, und genau hinter dieser Lücke erstreckte sich ein langes, schattiges Areal, dunkler noch als der umliegende Erdboden – eine sichere Zone, die durch das hohe Gebüsch zusätzlich verdeckt wurde. Dort würde er bessere Chancen auf eine freie Sicht auf den Kommandoposten haben.

Dann machte das Leben, das stets für unerwartete Geschehnisse gut war, seinem gründlich ersonnenen Plan einen Strich durch die Rechnung. »Ich halte es bereits seit einer Stunde zurück, Gunny. Es geht jetzt wirklich nicht mehr länger.«

Swanson blieb nichts anderes übrig, als das Beste aus der Situation zu machen. Wenn Martin urinierte, würde sich der Geruch, vom Wind getragen, ausbreiten, was die Patrouille auf ihre Position aufmerksam machen könnte. Eine einzigartige Gelegenheit wegen eines kontrollierbaren menschlichen Bedürfnisses zu verpassen – das wäre ein Verbrechen. Der Junge muss solche Dinge dringend lernen, aber er soll es auf Kosten eines anderen Lehrers tun. Er ist noch nicht bereit für diesen Job. Dafür hatten sie jetzt noch einen besseren Grund, den Standort zu wechseln.

»Wenn ich das Kommando gebe, rollen Sie sich auf die Seite und pinkeln in den Dreck. Dann machen Sie sich bereit, unseren Standort sofort zu verlassen.«

»Oh, Mann. Sie werden mir dafür die Ohren langziehen, wenn die Übung vorbei ist, oder, Gunny?«

Swanson gab ihm darauf keine Antwort, sondern wartete geduldig, während der Corporal sich um seine Angelegenheiten kümmerte. Der Geruch biss bereits in der Nase, bevor der Junge den Urin mit Erde bedecken konnte. Sie machten sich sofort auf den Weg. Martin war direkt hinter Swanson. Sie gelangten in eine Senke, in der die höheren Büsche genügend Deckung boten, um sich geduckt fortzubewegen. Und so schlichen sie nun durch das Dickicht, anstatt auf den Ellbogen vorwärtszurobben. Swanson hielt an, als sie nur noch 200 Meter vom Kommandoposten entfernt waren – weit hinter dem Suchbereich und mit freiem Blick den Hang hinunter zu den Fahrzeugen. Das kleine Tal würde das Echo des Todesschusses in alle Richtungen zurückwerfen und den Jägertrupp verwirren: Die Männer würden nicht feststellen können, aus welcher Richtung der Schuss gekommen war. Es war ein perfekter Abschluss dieser Übung. Er holte die H&K aus der Waffentasche und überprüfte sie, dann griff er zu seinem Fernglas, um die Patrouille in Augenschein zu nehmen.

Deren Anführer blieb abrupt stehen, hob die rechte Hand und ballte sie zur Faust. Der Rest erstarrte, beobachtete aber aufmerksam die Umgebung.

»Verdammt, Martin, sie haben deine Pisse gerochen.« Swanson sah zu, wie der Anführer die Hand an das rechte Ohr legte und sich wahrscheinlich mit dem Kommandoposten verständigte. Dann warf der Deutsche sein Gewehr über die Schulter, nahm den Helm ab und setzte die charakteristische kastanienbraune Baskenmütze mit dem KSK-Barettabzeichen auf, das ein Breitschwert mit Eichenlaub-Umrandung darstellte. Die anderen drei Soldaten folgten seinem Beispiel und bemühten sich nicht länger, leise zu sein.

»Gunny Swanson!«, rief der Anführer. »Ich bin Oberfeldwebel Mausch. Ich wurde soeben darüber informiert, dass die Übung beendet ist und dass Sie sofort in den Kommandoposten kommen sollen – ein Notruf aus Washington.«

»Ich bin hier drüben, Oberfeldwebel«, rief Swanson zurück. »Wir kommen sofort zu ihnen.«

Mausch drehte sich überrascht um. Die Stimme war hinter ihm zu hören gewesen. Das Unterholz raschelte und knackte, als die Umrisse eines Mannes Gestalt annahmen, der sich im nächsten Moment erhob.

Swanson schüttelte die Kapuze seines Ghillie-Anzugs ab und hob zur Begrüßung die Hand.

Auch Martin stand auf, jedoch mit Widerwillen, weil er nun den dunklen Fleck in seinem Schritt nicht länger verdecken konnte.

»Ich glaube, wir hätten Sie gefunden«, sagte der Deutsche mit einem schiefen Grinsen, als Swanson zu dem Trupp aufschloss.

»Aber das haben Sie nicht«, erwiderte er. Die beiden schüttelten sich die Hände und gingen dann gemächlich zum Kommandoposten hinunter, während sie sich über das Scharfschützengeschäft austauschten.

»Was ist das für ein grässlicher Gestank?«, fragte einer der KSK-Soldaten, die hinter ihnen liefen.

»Ich glaube, der andere Amerikaner hat sich in die Hose gepisst«, spottete ein anderer.

»Das, meine Freunde, ist der süße Geruch des Erfolgs«, sagte Martin.

Kapitel 3

DEUTSCHLAND

Swanson wurde direkt zum Kommunikationsfahrzeug des Konvois gebracht, einem mehrrädrigen, gepanzerten Ungetüm, das mit kleinen Satellitenempfangsschüsseln und Antennen übersät war. Kabel führten zu Generatoren und zusätzlichen Funkeinheiten, die fest in den Fahrzeugen installiert waren und dem Kommandanten und seinem Stab dienten. Swanson streifte den Ghillie-Anzug ab und ließ den Großteil der Ausrüstung fallen, doch sein Gesicht war nach wie vor mit Tarnfarbe bedeckt, und seine Uniform strotzte nur so vor Dreck. Der Anruf aus Washington war angeblich dringend, also mussten Seife und Wasser vorerst warten.

Die Tür öffnete sich, und rotes Licht drang aus dem Fahrzeug. Ein deutscher Soldat stieg aus. »Es wurde eine abhörsichere Uplink-Verbindung hergestellt; Ton und Kamera sind einsatzbereit. Sie können den ersten Sitzplatz benutzen«, sagte er und sprang von dem Trittbrett auf den Boden.

Swanson kletterte in den Transporter und zog die Tür hinter sich zu. Das gedämpfte Rotlicht verschwand, und es wurde automatisch auf normale Beleuchtung umgeschaltet. Das Surren der Lüfter deutete auf ein erstklassiges Klimatisierungssystem hin, das für die nötige Kühlung der Elektronik und ein angenehmes Arbeitsklima sorgte. An den beiden Seitenwänden reihten sich beleuchtete Zifferblätter, Knöpfe und Schalter, Kopfhörer und ein halbes Dutzend kleiner Flachbildschirme aneinander. Alle bis auf einen waren schwarz. Swanson setzte sich und drehte sich auf dem Stuhl, bis er eine angenehme Position gefunden hatte. »Hey, Liz«, sagte er zu dem Gesicht auf dem Bildschirm. »Was gibt’s?«

Navy Commander Benton Freedman war der Technologiechef der Task Force Trident. Marine Major General Bradley Middleton war der Kommandant der Einheit, Marine Lieutenant Colonel Sybelle Summers die zuständige Operations Officer und Senior Master Sergeant O. O. Dawkins, ein echter Alleskönner, der Mann für die administrativen Angelegenheiten. Swanson als Field Operator führte die Geheimmissionen vor Ort aus: der tödlichste Scharfschütze aller Zeiten, der jedoch aufgrund der Art seiner Missionen niemals Erwähnung in den Geschichtsbüchern finden würde. Die Einheit bestand aus insgesamt fünf Personen. Trident selbst tauchte dabei in keinem militärischen Programmablaufplan auf. Die Einheit besetzte eine Reihe von Büros tief im Inneren des Pentagons, aber von dort aus hatte sie weltweiten Zugriff.

Freedman konzentrierte sich auf das, was auch immer geschah, und mit seinen zerzausten schwarzen Haaren und der großen Brille hatte er etwas von einem Nerd auf Steroiden. Am College hatten ihm seine Kommilitonen wegen seiner an Magie erinnernden Genialität im Umgang mit Elektronik den Spitznamen »The Wizard« – »Der Zauberer« – gegeben, woraus bei Trident kurzerhand »The Lizard« – »Die Echse« – und irgendwann nur noch »Liz« geworden war. Er blickte auf, ohne sich zu Swansons verdrecktem Aussehen zu äußern. »Bleib in der Leitung, ich stelle dich zum General durch«, beschied er ihm, und mit einem Tastendruck verschwand sein Gesicht und wurde durch die bitterernste Grimasse von General Middleton ersetzt.

Wie üblich verschwendete der befehlshabende Offizier der Trident keine Zeit mit Höflichkeiten. »Gunny, heute Morgen gab es einen Terroranschlag auf unser Konsulat in Barcelona. Die gesamte sechsköpfige Marine-Wachmannschaft wurde ausgelöscht, die Generalkonsulin ist ebenfalls im Kampf gefallen, genauso wie mindestens zehn weitere Mitarbeiter, darunter der RSB. Unbekannte Zahl von Verwundeten. Schwere Verluste unter der örtlichen Zivilbevölkerung.«

»Verstanden, Sir.« Swanson bestätigte nur, was er gehört hatte, da er nicht um eine Stellungnahme gebeten worden war. Der General rief nicht an, um ihm etwas mitzuteilen, das er auch bald in den Fernsehnachrichten sehen und auf Twitter lesen könnte.

»Dies ist fast eine Echtzeitsituation, Gunny, also möchten wir – die Leute, für die wir hier arbeiten –, dass Sie sofort dorthin fliegen, um das FBI bei der taktischen Analyse zu unterstützen und das Gebiet unter dem Gesichtspunkt eines Militärschlags untersuchen. Die Deutschen stellen einen Hubschrauber bereit, der Sie zu einem ausreichend großen Stützpunkt bringt, von dem aus große Maschinen starten können, und Sie fliegen von dort direkt nach Rota. Dort treffen Sie einen Offizier, der Sie briefen wird und anschließend nach Barcelona bringt.«

»Jawohl, Sir.« Warum habe ich das Gefühl, dass es hier um mehr geht, als nur schnellstmöglich nach Spanien zu fliegen, um mir einen Tatort anzusehen?

»Wir haben sechs tote Marines, Gunny. Ich möchte, dass Sie sich voll und ganz einbringen. Die Sprengstoffexperten in Rota werden Sie mit weiteren Einzelheiten vertraut machen. Viel Glück.« Der Bildschirm wurde schwarz.

***

Nachdem er sich frisch gemacht und seine Ausrüstung gepackt hatte, brachten die Deutschen Swanson zur Ramstein Air Base, wo er an Bord einer VIP C-20 des 86th Airlift Wing ging, die ihn auf direktem Weg zur Marinebasis Rota an der spanischen Küste bringen würde. Die anderen drei Passagiere waren ein Admiral und sein Adjutant sowie ein Brigadier General der Army, sodass sich die Gespräche auf höflichen Small Talk beschränkten und hauptsächlich nur zwischen den beiden Flaggoffizieren stattfanden. Swanson hörte ihnen nicht zu und nutzte die kurze Zeit in der Luft, um etwas Schlaf nachzuholen. Er hatte vor langer Zeit gelernt, bei jeder Gelegenheit zu schlafen, und da er während des Trainingseinsatzes fast achtundvierzig Stunden wach gewesen war, fiel er schnell in einen traumlosen Tiefschlaf. Er schnarchte dabei sogar. Als er schließlich wieder aufwachte, hatte das Flugzeug in den Minuten zuvor eine lange Kurve geflogen und mit quietschenden Reifen auf dem harten Asphalt der Landebahn aufgesetzt.

Es rollte langsam auf dem Runway aus, und der Copilot, ein Major der Luftwaffe, betrat die Passagierkabine und öffnete die Flugzeugtür. Der Admiral stieg als Erster die Stufen hinunter, gefolgt von seinem Adjutanten; sie wurden von Offizieren und Soldaten in weißen Navy-Uniformen salutierend begrüßt. Danach verließ der 1-Sterne-General die Maschine; er trug seine Aktentasche selbst und ging auf ein wartendes Auto zu.

Der Copilot hob die Hand, um Swanson zu bedeuten, dass er sitzen bleiben sollte. »Bleiben Sie bitte auf Ihrem Platz, Gunny. Jemand kommt an Bord, um Ihnen ein Paket zu übergeben; danach haben wir Befehl, Sie nach Barcelona zu bringen. Wir haben genug Treibstoff für diesen Flug an Bord, und es wird nicht allzu lange dauern. Holen Sie sich einen Drink aus der Bordküche und machen Sie es sich bequem.«

Swanson nickte. Der Job, worin auch immer er bestand, schien an Fahrt aufzunehmen. Er wurde mitgerissen von den Ereignissen, auch wenn er nicht wusste, warum. Sicher war er sich dagegen darüber, dass es sich bei dem angeblichen Auftrag, das FBI bei der taktischen Analyse zu unterstützen, lediglich um einen Deckmantel für einen anderen Auftrag handeln musste, auch wenn die Order direkt von General Middleton gekommen war. Zu diesem Zeitpunkt würden bereits Dutzende von Teams amerikanischer Ermittler nach Spanien reisen, um den Tatort auseinanderzunehmen und ihn Zentimeter für Zentimeter zu kartieren und zu fotografieren. Middleton legte häufig falsche Fährten, um diejenigen zu verwirren, die möglichweise versuchten, die Gespräche abzuhören und so die tatsächlichen Geschehnisse und wirklichen Absichten nachzuvollziehen. Die forensischen Teams der verschiedenen Behörden waren für die Analysen vor Ort viel besser ausgerüstet als Swanson, dessen größtes und einziges Talent darin bestand, Menschen zu töten. Der General testete ihn unentwegt, und Swanson ging davon aus, dass Middleton auf lange Sicht zufrieden mit seinen Leistungen sein würde. Er würde feststellen, dass sein Meisterschütze nach wie vor seine eigenen Standards erfüllte, die er allein kannte. Und dass Swanson nicht nachgelassen hatte und weiterhin eine Bedrohung für jeden darstellte, der sich ihm in den Weg stellte. Erst dann würde er dem Gunny einen Auftrag erteilen und ihn losschicken, um sich um eine gewalttätige Angelegenheit zu kümmern. Swanson holte sich eine kalte Flasche Saft aus dem kleinen Kühlschrank. Middleton ist so eine Nervensäge. Bei keinem anderen Mitglied von Trident legt er die Messlatte dermaßen hoch.

Ein mit einer Pistole bewaffneter Second Lieutenant des Marine Corps betrat mit eingezogenem Kopf das Flugzeug und fragte mit barscher Stimme: »Sind Sie Gunnery Sergeant Swanson?«

»Ja, Sir.«

»Ich bin Lieutenant McDougal. Ihren Ausweis bitte.« Einen Gunnery Sergeant auf eine so unfreundliche Weise anzusprechen – das konnte nur ein Grünschnabel fertigbringen. Aber selbst ein Anfänger hätte es besser wissen sollen.

Swanson nahm seinen Militärausweis zur Hand, behielt ihn aber vorerst für sich. »Ich würde zunächst gerne Ihren Ausweis sehen, Sir? Die Informationen auf meinem Personaldokument unterliegen strengster Geheimhaltung. Ich muss prüfen, ob Sie über die nötige Sicherheitsfreigabe verfügen, um sie zu sehen.«

Der Lieutenant wirkte irritiert. Geheimhaltung? Es geht doch nur um einen verdammten Ausweis. »Klar«, sagte er dann und zog seine ID-Card aus der Brieftasche hervor.

Nachdem Swanson sie eingehend studiert und das Foto mit dem Mann vor sich abgeglichen hatte, reichte er sie McDougal zusammen mit seinem eigenen Ausweis zurück. Dieser enthielt neben einem Farbfoto seinen Namen und eine Seriennummer, die fett über einem grauen Marine-Corps-Adler, einer Kugel und einem Ankersymbol aufgedruckt war, sowie eine Telefonnummer im Pentagon, die bei weiteren Fragen angerufen werden sollte. Mehr nicht. Der Lieutenant hatte so etwas noch nie zuvor gesehen.

Er gab Swanson den Ausweis zusammen mit einer fest verschlossenen Schachtel zurück, die in dunkles Papier eingewickelt war. »Top Secret« stand darauf in roten Lettern geschrieben. Der Lieutenant hatte auch ein Klemmbrett dabei, um sich die Übergabe bestätigen zu lassen.

Swanson unterschrieb an der dafür vorgesehenen Stelle. Dann legte er das Paket auf den Sitz neben sich und obendrauf seinen großen Colt mit dem Kaliber .45. »Gibt es sonst noch etwas, Lieutenant?«

»Nein, Gunny. Das ist alles.«

»Sehr gut.« Swanson rief durch die offene Tür zum Cockpit: »Major? Wenn wir aufgetankt sind, kann es losgehen.« Dann starrte er den Lieutenant ausdruckslos an.

McDougal, der gegen den Drang ankämpfte, zum Abschied »Sir« zu sagen und zu salutieren, schritt durch den Gang zurück und zur Tür hinaus, die hinter ihm verriegelt wurde. Als er wieder in seinem Humvee saß, gönnte er sich eine kleine Pause und schaute zu, wie der schnittige Jet abhob. Das ist also der berühmte Kyle Swanson, eine Art Super-Spion und Scharfschütze. Nicht gerade ein Hingucker. Swanson war lediglich 1,76 m groß und 79 Kilo schwer, wie McDougal in Erfahrung gebracht hatte. Das hellbraune Haar trug der Gunnery Sergeant kurz und ordentlich geschnitten. Er sah aus wie ein gewöhnlicher Marine und hatte sich während ihres kurzen Gesprächs militärisch korrekt verhalten. Ein Marine wie jeder andere. Wären da nicht diese gespenstischen Augen gewesen … Sie hatten den Lieutenant durchbohrt wie Dolche. Keinerlei Emotionen hatten sich darin widergespiegelt, als wäre McDougal nicht einmal ein menschliches Wesen, über das man auch nur einen unnötigen Gedanken verschwenden, geschweige denn, sich Sorgen machen müsste.

Nachdem die C-20 ihre Reiseflughöhe erreicht hatte, hob Swanson mit einem Daumennagel eine Ecke des Klebebands an und riss dann das dicke dunkelbraune Packpapier herunter. In der Schachtel befanden sich sechs cremefarbene Mappen – die Personalakten der in Barcelona getöteten Marines – und eine kleine Anzahl von Anweisungen, gemäß denen er das halbe Dutzend Leichen identifizieren, abholen und auf dem Transport zur Joint Base Andrews in Maryland begleiten sollte. Seltsam. Es gab Spezialisten für so etwas: Teams, die ausschließlich mit dem Transport von Leichen und allem Drum und Dran betraut waren; denn sobald man tot war, mussten die sterblichen Überreste eine ganze Reihe von Ritualen über sich ergehen lassen, bei denen jeder Schritt genau im Voraus geplant wurde. Es war dasselbe wie bei der Tatortanalyse in Barcelona – das gehörte nicht zu Swansons Aufgabenbereich. Was zum Teufel hat Middleton vor?

Was auch immer es war, der Boss hatte Wert darauf gelegt, dass Swanson die Dossiers in Rota erhielt, nicht erst am nächsten Etappenziel in Barcelona. Middleton wollte offensichtlich, dass Swanson die Informationen vor der Landung kannte. Also öffnete er die erste Mappe und begann zu lesen, während das Flugzeug durch den spanischen Himmel donnerte: Martinez, Ricardo D., Corporal. Dann wurden die Sozialversicherungsnummer und Blutgruppe angegeben: 0 positiv.

Als die Räder des VIP-Jets auf der Landebahn in Barcelona aufsetzten, begann Swanson allmählich zu verstehen. Es war, als würde sich der Gehirnnebel, der sein Denken beeinträchtigt hatte, langsam lichten. Die letzte Mappe enthielt Informationen über Gunny Mike Dodge, der das Kommando über die Sicherheitskräfte des Konsulats innegehabt hatte. Doch in dem Dossier befand sich lediglich Dodges offizieller Lebenslauf – nichts, was Swanson nicht ohnehin schon gewusst hätte. Und weniger als eine Stunde nach dem Verlassen des Flugzeugs stand er in einer kalten Leichenhalle in Barcelona und blickte auf das vernarbte Gesicht seines alten Freundes hinab.

Zuvor jedoch war er von seinem Fahrer, einem FBI-Agenten, zur zerstörten Villa, in der sich die Gemeinschaftsunterkunft der Marines befunden hatte, und dann zur eingestürzten Ruine des Konsulats gebracht worden, um Swanson einen ersten Eindruck von der Grausamkeit des Angriffs zu geben. Anschließend war er zum städtischen Leichenschauhaus gefahren worden, wo die sechs getöteten Soldaten, die er identifizieren musste, unter weißen Laken auf Bahren aufgereiht lagen. Die Leichen der anderen Opfer wurden andernorts aufbewahrt. Es war nicht die niedrige Temperatur, die Swanson erschauern ließ, als er in die blassen und leeren Gesichter der kürzlich Verstorbenen blickte, sondern ein Aufwallen von leidenschaftlichem Zorn darüber, wie falsch das hier war, und eine wachsende Empörung über den Angriff.