On se left you see se Siegessäule - Tilman Birr - E-Book

On se left you see se Siegessäule E-Book

Tilman Birr

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8,99 €

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Beschreibung

Do you speak Tourist? Lachtränen-komisch und unverzichtbar für jeden Reisekoffer

Tilman Birr ist jung, und er braucht das Geld. Kurz entschlossen heuert er als Stadtführer – in Berlin »Stadtbilderklärer« genannt – auf einem Ausflugsschiff an und stürzt sich in den Dschungel der Berliner Tourismusbranche. Er kämpft mit Bayern, die nicht Deutsch sprechen, trotzt Sturm und Hagel sowie erbosten Senioren und macht aus gelangweilten fränkischen Schülern eine fanatisierte Masse begeisterter Berlinfreunde. Bald bringt ihn nichts mehr aus dem Konzept, und er findet sogar Antworten auf die wichtigsten Fragen jedes Berlintouristen: Warum hat Hitler die Mauer gebaut? War Berlin wirklich die Hauptstadt Russlands? Wieso wurde eine Brücke nach Martin Semmelrogge benannt? Und wann war eigentlich Horst Tappert Bundespräsident?

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Seitenzahl: 328

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Tilman Birr

On se left

you see se

Siegessäule

Erlebnisse eines

Stadtbilderklärers

MANHATTAN

Vorbemerkung

Dieses Buch erhebt keinen Faktizitätsanspruch. Es behandelt trotz gelegentlicher Nennung vermeintlich realer Namen typisierte Personen, die es so oder so ähnlich gibt oder geben könnte. Diese Urbilder wurden durch künstlerische Gestaltung des Stoffs und dessen Ein- und Unterordnung in den Gesamtorganismus dieses Kunstwerks gegenüber den im Text beschriebenen Abbildern so stark verselbständigt, dass das Individuelle, Persönlich-Intime zugunsten des Allgemeinen, Zeichenhaften der Figuren objektiviert ist. Für alle Leser erkennbar erschöpft sich der Text nicht in einer reportagehaften Schilderung von realen Personen und Ereignissen, sondern besitzt eine zweite Ebene hinter der realistischen Ebene. Es findet ein Spiel des Autors mit der Verschränkung von Wahrheit und Fiktion statt, das bewusst Grenzen verschwimmen lässt.

2. Auflage

Erstveröffentlichung März 2012

Copyright © 2012 by Tilman Birr

Copyright © dieser Ausgabe 2012

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Die Nutzung des Labels Manhattan erfolgt mit freundlicher Genehmigung

des Hans-im-Glück-Verlags, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-07339-8

www.manhattan-verlag.de

Einen Job suchen

Tuut.

»Hallo?«

»Ja, hallo, bin ich da bei Matthias?«

»Na, wen haste denn angerufen?«

»Hallo, hier ist Tilman. Ich hab –«

»Wer ist da?«

»Tilman. Ich hab deine Nummer vom –«

»Kenn keenen Tilman.«

Klick.

Tuut.

»Hallo?«

»Ja, Tilman nochmal. Wir sind wohl eben gerade unterbrochen worden.«

»Nee, simmer nich. Ich hab aufgelegt.«

»Passts dir grade nich, oder …?«

»Ich mach bei keiner Umfrage mit, und ich will auch nüscht gewinnen.«

»Jetzt warte doch mal ab! Es geht um deine Arbeit auf dem Schiff.«

»Bin ich gefeuert?«

»Nein! Ich hab deine Nummer vom Thomas. Der Thomas hat mir erzählt, dass du als Ansager auf sonem Spreedampfer arbeitest, und ich –«

»Das heißt nicht Ansager, das heißt Stadtbilderklärer.«

»Is ja egal. Auf jeden Fall hat der Thomas –«

»Nee, ist nicht egal. Ein Ansager sagt was an. Der quatscht nur runter. Ich erkläre. Mann, ich studiere doch nicht umsonst!«

»Der Thomas hat erzählt, die würden für diesen Job noch Leute suchen.«

»Ja, na und?«

»Ich wollte dich mal fragen, ob du da eine Telefonnummer hast oder ob du mir was über den Job erzählen kannst.«

»Das isn Job, gibt Geld. Ich erkläre, die zahlen.«

»Und was machst du da?«

»Was hab ich denn gerade gesagt?«

»Also du sagst quasi: Links sehen Sie das und das, das wurde dann und dann gebaut. Rechts sehen Sie das und das, das wird gerade renoviert.«

»Ich sehe, du hast auch studiert, wa?«

»Und wo fährt der Dampfer lang?«

»Das ist kein Dampfer. Wir fahren mit Benzin.«

»Bitte?«

»Wat heißt denn Dampfer? Glaubst du, wir fahren da mit sonem Schaufelraddampfer rum wie bei Tom Sawyer oder was? Tuut, tuut, Alta? Nächster Halt: Onkel Toms Hütte, Alta? Und unter Deck stehen die Neger und schippen Kohle in den Ofen?«

»Heißt das nicht so?«

»Nee, heißt dit nich.«

»Aber kann man doch auch sagen, oder? Dampfer? Oder Ansager.«

»Ick brauch mir von dir nich meine Arbeit erklärn lassen.«

Klick.

Tuut.

»Wat is?«

»Also gut, du bist – dings – Stadterklärer.«

»Bild!«

»Stadterklärerbild?«

»Stadtbilderklärer.«

»Gut. Du bist Stadtbilderklärer und arbeitest nicht auf dem Dampfer, sondern auf dem Boot.«

»Ein Boot is was zum Rudern. Ich arbeite aufm Schiff.«

»Na, dann halt Schiff. Und wo fährt das Schiff lang?«

»Na, auf der Landstraße wird dit Ding kaum fahren, wa?«

»Mooaaah!«

»Na komme, nu rege dich ma nich auf, Schnuckileinschen. Ich fahre immer die kurze Tour: vom Palast der Republik zu Berge bis zur Mühlendammschleuse, denn umdrehen und zu Tal bis zum Tiergarten kurz vor der Martin-Luther-Brücke. Kurzer Stopp an der Schwangeren Auster und wieder zurück bis Palast.«

»Und da muss man dann die ganze Zeit reden?«

»So siehts aus. Du kriegst am Anfang son Skript, aber das ist voller Fehler. Ich musste das erst mal durcharbeiten und korrigieren. Und dann musst du ja jede Ansage auch noch auf Englisch wiederholen.«

»Das kann ich ja.«

»Supi. Klasse. Toll. Er kann Englisch!«

»Hast du denn eine Telefonnummer, wo ich mich mal bewerben kann?«

»Ja, hab ich auch.«

»Super.«

»…«

»Kann ich die Nummer auch haben?«

»Na ja, ich mach mal ne ganz große Ausnahme, Kollege. Wart mal grade.«

Raschel, raschel.

»Hier: Hammer und Zirkel Reederei. 030 2809xxx «

»Danke.«

»Macht dann zehn Öre Vermittlungsgebühr.«

»…«

»Kleener Spaß, Alta. Und du willst da jetzt anfangen?«

»Naja, mal schauen. Klingt ja eigentlich nach ner ganz netten Arbeit.«

»Ganz nette Arbeit, jaja. Pass mal auf, ich erzähl dir was, Kollege. Wenn du sechs Touren hintereinander gemacht hast, immer nur mit einer halben Stunde Pause dazwischen, die du nich mal bezahlt kriegst, dann klingst du am nächsten Tag wie Konrad Kujau. Du quatschst dir da n Wolf und hast dit allet historisch super recherchiert und so, und nach der Tour kommen die Amis zu dir und wollen wissen, was Hitler heute so macht und ob der noch im Parlament sitzt. Den Australiern musst du erklären, dass Westberlin eingemauert war. Die glauben doch, dass Deutschland in der Mitte mipm Lineal geteilt war, und Berlin lag halt zufällig auf der Grenzlinie. Dann kommen irngdwelche Glatzen aus Brandenburg und wollen von dir wissen, wo der Führerbunker gewesen is. Na, da hör ich doch schon den Schäferhund bellen, Alta. Und die Bootsführer kieken dich mipm Arsch nich an, weil –«

»Aber die suchen noch Leute?«

»Ja, ick glaube schon.«

»Dann werd ich da mal anrufen.«

»Ick warne dir. Das ist kein Job für Freunde des Mittagsschlafs. Du bist die ganze Zeit unter Strom. Das ist nicht einfach ein bisschen Blabla, das ist ein Knochenjob. Dann kommen da Rentner, die glauben, sie wissen alles besser, weil sie Hitler und Ulbricht persönlich gekannt haben. Und denn wollen die dir was erzählen von –«

»Jaja.«

Klick.

Wer Arbeit will ...

Ich wählte. Es tutete. Eine Frau meldete sich.

»Ja?«

Ja wer?

»Hallo, ist da die Hammer und Zirkel Reederei?«

»Junger Mann, wir heißen Kreuz und Krone.«

»Oh, Entschuldigung … äh … Guten Tach, ich habe gehört, dass Sie noch Stadtbilderklärer suchen, und wollte mich gern bewerben.«

»Moment mal«, sagte die Frau, nahm anscheinend den Hörer vom Ohr und rief ins Büro hinein: »Hans, hier is einer, der sagt, er will hier arbeiten.«

Aus dem Hintergrund hörte ich eine Männerstimme:

»Kenn ick nich. Leg auf!«

Trotzdem kam der Mann ans Telefon und machte mit mir einen Termin aus.

Ich habe ein Vorstellungsgespräch, dachte ich, jetzt kann ich mitreden. Nach besoffen sein, Führerschein machen und Sex haben war dies die letzte Erfahrung, die mir zum Erwachsensein noch gefehlt hatte. Meine Kenntnisse über Bewerbungsgespräche beschränkten sich auf Informationen aus zweiter Hand. Die Zeitschrift »Junge Karriere«, die ich als Bonus mit meinem Studentenabonnement einer Berliner Tageszeitung bekam, goss dieses Thema jeden Monat neu auf: »Die zehn größten Fehler im Bewerbungsgespräch«, »So mache ich einen guten Eindruck im Bewerbungsgespräch«, »Keine Angst vorm Jobinterview«, »Wie man im Bewerbungsgespräch punktet – Personalchefs packen aus«. Eine Art Dr. Sommer für Berufsanfänger. Vielleicht hätte ich das genauso interessiert lesen sollen, wie ich als Vierzehnjähriger Dr. Sommer gelesen hatte.

Manchmal erzählten mir auch Freunde oder flüchtige Unibekanntschaften von ihren Bewerbungsgesprächen, in denen häufig dieselben Fragen gestellt wurden, die man schlau beantworten musste.

»Was sind denn Ihre Schwächen?«

Hier muss man eine Schwäche nennen, die eigentlich eine Stärke ist:

»Ich bin total penibel. Ich will immer alles ganz genau und gründlich erledigen. Hihihi.«

»Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?«

Hier soll man Aufstiegswillen und Ehrgeiz zeigen:

»Auf Ihrem Stuhl.«

»Was würden Sie beim nächsten Bewerbungsgespräch anders machen?«

Hier muss man Selbstvertrauen beweisen, ruhig auch mit Humor:

»Ich würde zwei gleichfarbige Socken anziehen.«

Anscheinend gab es in Bewerbungsgesprächen eine Art Liturgie: Der Rebbe singt etwas vor, und der Khossed muss die richtige Antwort zurücksingen. Dies sei die Grundvoraussetzung für die Einstellung, zusammen mit einem abgeschlossenen Studium, mehreren Auslandssemestern, einem Stapel Praktikumszeugnisse, Kinderlosigkeit, der Beteuerung, kein Privatleben zu haben sowie Alkohol und Feste zu verabscheuen, und der Bereitschaft, auf Abruf den Chef nachts aus dem Puff abzuholen und nach Hause zu fahren.

Ein paar Tage später fuhr ich in einen Berliner Außenbezirk, in dem die Reederei ihr Büro hatte. Ein Mann in den Fünfzigern empfing mich, stellte sich mir als Herr Dietrich vor und führte mich in sein Büro.

»So, junger Mann, dann wollen wir mal sehen«, sagte er und blätterte durch meine Unterlagen. »Aha, Historiker ist er. Aha, DDR-Geschichte hat er studiert. Englisch, Italienisch und Latein spricht er. Gut. Ach was, er hatte in der Schule Leistungskurs Französisch?«

Wie sagt man in einem Bewerbungsgespräch, dass man diese Sprache nie verstanden und sofort nach dem Abitur wieder vergessen hat?

»Ja«, sagte ich. »Da hat er ausbaufähige Grundkenntnisse.«

»Er soll auch gar nicht Französisch sprechen. Sobald man den französischen Gästen auch nur ›Bonjour‹ sagt, glauben die, man spricht perfekt Französisch, und wenn man dann doch nichts auf Französisch erklärt, sind die sauer. Aber sein Englisch ist ja hervorragend, wie ich sehe. Studium der Anglistik im Nebenfach, dann dürfte er da ja überhaupt keine Schwächen haben.«

»Äh … meine Schwächen sind: Ich bin total penibel. Ich will immer alles ganz genau und gründlich erledigen.«

»Ja, das ist ja schön. Aber passen Sie auf, dass Sie es damit nicht übertreiben. Wir hatten hier mal einen Kollegen, der hat sich so in seinen Job hineinversetzt, dass er dann auch privat alles auf Englisch wiederholt hat.«

»Was hat er?«

»Schatz, ich bin zu Hause! Darling, I’m home!«

»Äh …?«

»Kleiner Spaß.«

»Ach so.«

Er erklärte mir zunächst die Wochenplanung und die Routen. Ich sollte wie Matthias die einstündige Tour fahren, »durch die historische Mitte und das Regierungsviertel«. Das passte mir ganz gut, denn nach sechsmal einer Stunde bekommt man sicher mehr Trinkgeld als nach zweimal drei Stunden. Trinkgeld nehmen sei grundsätzlich erlaubt. Man solle aber nicht mit einem selbstgemalten Schild, auf dem groß »TRINKGELD HIER EINWERFEN!« steht, am Ausgang stehen. Die Kapitäne hätten hier das Hausrecht, und manche würden darauf bestehen, dass der Stadtbilderklärer nicht auf dem Schiff, sondern nur am Ufer Trinkgeld entgegennimmt.

»Sonst gibt es mit den Kapitänen aber keine Probleme. Der Schiffsführer auf dem Schiff, mit dem Sie fahren werden, hat erst ein einziges Schiff verloren. Hat auf dem Müggelsee einen Eisberg gerammt. Das war letzte Woche.«

»Ach?«

»Kleiner Scherz. Haha.«

»Ach so, hähähä!«

Es gebe drei Sachen, die mit äußerster Vorsicht zu behandeln seien. Das sei zunächst Politik. Der Stadtbilderklärer solle sich weder positiv noch negativ zu Politikern, Parteien oder dem politischen Geschehen äußern und erst recht keine Politkabarettwitzchen aus dem Scheibenwischer klauen. Das Zweite sei Religion. Das Dritte sei Sport, insbesondere Fußball.

»Wo kommt er doch gleich her?«, fragte er.

»Frankfurt am Main.«

»Hui! Ist er Eintracht-Fan?«

»Na ja, es geht so.«

»Das sagen Sie auf dem Schiff besser nicht. Wir hatten hier mal einen eingefleischten Union-Fan als Stadtbilderklärer, der wäre fast mal von einem Dresdner über Bord geschmissen worden. Das passiert öfter, gerade mit Dresdnern. Wenn Sie jemanden haben, der sächsisch spricht, sagen Sie am besten, Sie wären Eskimo oder Massai oder so was.«

»Alles klar, ich bin Massai.«

»Kleiner Scherz. Und ganz wichtig, ich kann es nicht oft genug sagen: Seien Sie nicht krampfhaft witzig. Leute, die versuchen, auf Teufel komm raus lustig zu sein, werden ganz schnell peinlich.«

»Natürlich, da haben Sie recht.«

»Jetzt ist es Ende Mai, da haben Sie ja noch fast die ganze Saison vor sich. Wir machen in der ersten Novemberhälfte Schluss, je nach Wetterlage. Danach ist Winterpause, meistens bis Ostern. Wissen Sie denn schon, was Sie im Winter machen wollen?«

»Ich würde zwei gleichfarbige Socken anziehen«, sagte ich.

»Ja … gut«, sagte Herr Dietrich. »Das macht man ja gerne mal im Winter.«

Ich bekam ein Skript, eine Broschüre mit allen Touren und Fahrplänen sowie Herrn Dietrichs Visitenkarte. Ich könne auch probeweise mal bei anderen Erklärern mitfahren, um mir anzusehen, wie die das machen. Wenn ich mich bereit fühlte, in ein bis zwei Wochen, würde ich die erste Tour in seiner Anwesenheit machen, danach könnte ich offiziell anfangen.

»Das ist gut, dass Sie kommen«, sagte Herr Dietrich zum Abschied. »Wir sind im Moment ziemlich knapp mit den Erklärern. Jemanden wie Sie können wir gut gebrauchen.«

Als ich wieder in der S-Bahn saß, wunderte ich mich über seine Direktheit: Das klang doch alles so, als würde er mich nehmen. Donnerwetter! Anscheinend hatte ich wirklich ein exzellentes Bewerbungsgespräch hingelegt. Meine Bekannten aus der Uni müssen recht gehabt haben: Man muss einfach nur die Antworten auswendig lernen und hat den Job so gut wie in der Tasche. Wer Arbeit will, der kriegt auch Arbeit.

Wo war ich jetzt?

Das Skript bestand aus zwanzig Seiten Fließtext. Seit meiner Führerscheinprüfung hatte ich nichts mehr auswendig lernen müssen. Außerdem hatte sich meine Konzentrationsfähigkeit seit der Einführung von Youtube, Wikipedia und StudiVZ auf den Stand eines Fünfzehnjährigen zurückentwickelt.

Es begann mit einer allgemeinen Einführung. Erste Erwähnung Cöllns 1237, Berlins 1244. Vereinigung zur Doppelstadt, Aufstieg unter den Hohenzollern.

»Die Stadt Berlin bestand im 19. Jahrhundert praktisch nur aus dem Bezirk Mitte. Erst die Reichsgründung von 1871 gab Berlin einen städtebaulichen Impuls, der sich auch an den Straßennamen ablesen lässt. Die preußische Annexion Elsass-Lothringens nach dem Krieg von 1870/71 reflektiert sich in der Namensgebung der Straßen im südlichen Prenzlauer Berg: Colmarer Straße, Straßburger Straße, Metzer Straße, Hagenauer Straße und so weiter. Deshalb nennt man dieses Viertel Elsässer Viertel.«

Elsässer Viertel, nie gehört. Es sagt ja auch niemand »Weniger-bekannte-Flüsse-Viertel« zu der Gegend in Friedrichshain, in der Weichsel-, Kinzig-, Fulda- und Finowstraße liegen. Im holländischen Zoetermeer gibt es ein Apfelviertel. Golden Delicioushof, Cox Orangehof, Jonagoldhof. Wer denkt sich so was aus? In Hamburg gibt es eine Käfersiedlung, und es würde mich nicht überraschen, wenn es irgendwo ein Hundeviertel gäbe. Terriersteig, Collieweg, Golden-Retriever-Straße. Nur eine Schäferhundstraße gibt es dort wahrscheinlich nicht, weil das zu sehr nach Nazi riecht. Klingt aber schon geil: Ich wohne in der Schäferhundstraße, Ecke Kruppstahlallee. Blutstraße, Ecke Bodenstraße. Da könnte man ein ganzes Naziviertel bauen. Blondschopfstraße, Ecke Blauaugenweg. Endsiegallee, Ecke Tausendjähriges-Reich-Straße. Wir-haben-dem-Führer-ewige-Treue-geschworen-Boulevard, Ecke Anschlussstraße. Dann muss es da aber auch irgendwo eine Guido-Knopp-Straße geben. Vielleicht als Ringstraße um das ganze Viertel herum.

Apropos Ringstraße: Wenn ich irgendwann in die Position kommen sollte, eigenmächtig die Benennung von Straßen bestimmen zu können, dann würde ich mir eine Ringstraße suchen und sie abschnittsweise nach Mitgliedern der Familie Herder benennen: nach dem Botaniker Ferdinand Gottfried von Herder, dem Geologen Sigismund August Wolfgang von Herder, dem Verleger Bartholomä Herder und natürlich dem Dichter Johann Gottfried Herder. Über die Grenzen der Region hinaus würde diese Straßenfolge als »Herderringe« bekannt werden, und meine Stadt würde zur Pilgerstätte für tausende spätpubertierende Rollenspieler in Lendenschurz und mit Trinkhorn am Gürtel. Kneipen mit pseudokeltischen Schriftarten auf grünen Schildern würden sich dort ansiedeln, die Met ausschenken und in denen man sich mit »Wohlan« begrüßt. Hobbits würden dort Stramme Mäxe vertilgen, Zwerge mit den Ausweisen ihrer großen Brüder Bier kaufen, und kahlrasierte Orks aus Hoyerswerda (Heizungsbauer, abgebrochen) würden sich betrinken und Ärger machen, während die zartfühlenden Elben (Soziale Arbeit an der Fachhochschule) langohrig daneben stünden und melancholisch den Kopf schüttelten wie ein Indianer, der mit ansehen muss, wie auf den Gräbern seiner Ahnen ein Einkaufszentrum gebaut wird.

Wo war ich jetzt? Ach ja, Stadtplanung und 1871. Also weiter im Text. 1920 Erweiterung Berlins auf heutige Grenzen. Krieg, Mauerbau, Mauerfall. Folgt kleine Brückenkunde: Monbijoubrücke ist nagelneu, nach altem Vorbild rekonstruiert. Weidendammer Brücke mit Reichsadler im Geländer (sehr niedrig, bitte sitzen bleiben!). Marschallbrücke war Grenzübergang für den Wasserweg. Moltkebrücke nach Moltke benannt. Was? »Helmuth von Moltke war ein hoher preußischer Militär des 19. Jahrhunderts. Er sollte mit dieser Benennung geehrt werden.«

Ach was. Unglaublich. Das Skript verkaufte die größten Banalitäten als Erkenntnis, verpasste es aber zu sagen, wer Moltke genau war. Mir ist außerdem kein Fall bekannt, in dem jemand mit einer Straßenbenennung geschmäht werden sollte. Ausnahmen sind möglich. Als Willy Brandt 1992 starb, haben sich einige bayerische Dorfbürgermeister einen Spaß daraus gemacht, ihre hässlichsten Straßen, die ursprünglich »Hinterm Klärwerk« oder »An der Jauchegrube« hießen, nach Willy Brandt zu benennen. Ein oberbayerischer Hardliner, der Willy Brandt immer noch für einen Vaterlandsverräter und Ostpreußenverkäufer hielt, hatte es sich sogar erlaubt, eine mittelalterliche Hinrichtungsstätte mit dem Namen Willy Brandts zu versehen. Zwar musste er so den Namen eines zentralen Platzes opfern, doch war ihm das die Schmähung des Kommunistenfreundes offensichtlich wert, zumal er durchsetzen konnte, dass auf dem Platz eine Informationstafel aufgestellt wurde: »Der Galgenplatz lag ursprünglich außerhalb der Stadtmauern und war im Mittelalter der Standort des Galgens und des Schafotts, zur Zeit der Hexenprozesse auch der Scheiterhaufen. Bis ins 19. Jahrhundert wurden hier die Todesurteile an verurteilten Verbrechern, Mördern und Verrätern vollstreckt. 1993 wurde der Platz nach dem früheren Bundeskanzler Willy Brandt benannt.«

Im privaten Kreis soll der Bürgermeister fortan nur noch vom »Platz des Vaterlandsverräters« gesprochen haben. Als ihm diese Bezeichnung bei einer Pressekonferenz herausrutschte, musste er seinen Hut nehmen, verließ daraufhin die CSU und gründete eine lokale Wählergemeinschaft, die bei den folgenden Kommunalwahlen die Mehrheit erreichte und den Bürgermeister wieder ins Amt setzte. Seitdem wartet er darauf, dass Helmut Schmidt stirbt und er die abgelegene Sackgasse »Am faulen Graben« nach ihm benennen kann.

Mist, schon wieder war ich abgedriftet. Wo war ich jetzt? Tiergarten. Siegessäule. Schloss Bellevue. Regierungsviertel. »1994 beschloss der Bundestag den Umzug der Regierung in die Bundeshauptstadt Berlin. Bonn behielt einige Ministerien und war fortan Bundesstadt.«

Oje, die armen Bonner! »Bundesstadt« klingt wie Trostpreis (»Für Sie das Spiel zur Sendung«), und wer einmal am Bonner Hauptbahnhof war, weiß, dass es dort auch genauso aussieht. Warum geben sich eigentlich so viele Städte selbst Titel, die weniger Auszeichnungen als Armutszeugnisse sind? Fachhochschulstadt Aschaffenburg. Barockstadt Fulda. Expo- und Messestadt Hannover. Bünde/Westfalen – die Zigarrenstadt. Hofheim – Obstgarten des Vordertaunus. Hartberg – Zentrum der nördlichen Oststeiermark. Goetheort Stützerbach. Hier soll der Dichterfürst sogar mal besoffen gewesen sein. Hannover und Fulda haben ein so starkes Bedürfnis nach Anerkennung, dass sie ihre Titel am Bahnhof durchsagen lassen. In Donauwörth hängen am Bahnhof unter dem Ortsnamensschild gleich zwei Titelschilder: »Stadt der Käthe-Kruse-Puppen« und »Hubschrauberstadt Europas«. Göttingen hat sogar ein beknacktes Wortspiel am Bahnhof hängen: »Stadt, die Wissen schafft«. Igitt!

Diese unverhohlene Anbiederei muss einem doch verdächtig vorkommen. Als ähnlich peinlich empfand ich immer die Provinzler, die sich bewusst sind, dass sie in einem unbedeutenden Kaff wohnen, und deshalb die Besonderheiten ihrer Heimat hervorheben wollen. Dinkelsbühl hat die zweitgrößte Hallenkirche Süddeutschlands. Riesa hat den zweitgrößten Binnenhafen Ostdeutschlands. Kremmen hat das größte zusammenhängende Scheunenviertel Deutschlands. Montabaur hat einen ICE-Bahnhof bekommen und ist damit »ein Stückchen näher an Europa gerückt«. Reinheim liegt sehr zentral im Odenwald, mitten im Dreieck Frankfurt-Darmstadt-Aschaffenburg. Von Neustadt an der Dosse kann man den Regionalexpress nehmen und steht »in siebzig Minuten vor dem Kanzleramt«.

Im Prinzip gehört auch Berlin zu dieser Art Städte. Auf jeden Hollywoodvogel, der auch nur zur Durchreise nach Berlin kommt, reagiert die Lokalpresse aufgeregt wie ein Teenie vor dem Schnapsladen. Angelina Jolie und Brad Pitt sind in Schönefeld zwischengelandet. Es wird gemunkelt, sie wollten in Berlin sogar essen gehen. George Clooney war zwei Tage hier und hat drei Sätze in eine Kamera gesprochen. Er sei gern in Berlin, hat er gesagt. Wahnsinn! Arnold Schwarzenegger hat seinen Besuch abgesagt, weil in Kalifornien Waldbrände ausgebrochen sind, schadeschade. Wenn Robbie Williams ein Konzert in Berlin gibt, steht das eine Woche lang jeden Tag in der Zeitung, und sogar ich freue mich aufs Konzert, weil dann die dämliche Vorberichterstattung endlich aufhört. Am Tag nach dem Konzert kommt ein langer Artikel mit großem Foto im Tagesspiegel. Protagonisten sind immer zwei Mädchen: »Minka und Tini haben seit Stunden im Regen ausgeharrt, um ihr Idol zu sehen. ›Die Warterei hat sich aber total gelohnt‹, sagt die 19-jährige Zahnarzthelferinauszubildende Minka. ›Er hat super Lieder gesungen. Mein Lieblingslied war auch dabei.‹« Ja bitte, wo sind wir denn? Bei der Theateraufführung einer niedersächsischen Gesamtschule? Sogar eine Imagekampagne hat Berlin gestartet, wie eine westfälische Kleinstadt. Hat man Ähnliches von New York, Tokio oder London gehört?

Wenn ich es mir so überlegte, fand ich die meisten deutschen Städte ziemlich beknackt. Die Landeshauptstädte kann man eigentlich alle vergessen. Beweis: Hannover. Berlin ist eine Agglomeration mentaler Bauerndörfer mit implantierten Künstlervögeln. Köln besteht aus einer einzigen Kriegslücke plus Dom, begrenzt durch eine vulgäre Ausgehmeile, umgeben von eingemeindeten Dörfern. München ist eine Stadt voller pelzmanteltragender Prokuristengattinnen, die sich beim Konditor mit »Frau Direktor« ansprechen lassen, und wo Kultur entweder hochsubventioniert oder verboten wird. Außer Konkurrenz laufen die schönen großen Kleinstädte, die sich zwar sehr gut zum Studieren eignen, wo aber außer Tocotronic-Konzert, Poetry Slam und ähnlichen Studentenspäßen nicht viel passiert: Freiburg, Regensburg, Marburg, Tübingen, Heidelberg, Passau, Münster, Jena. Als richtige Städte bleiben Leipzig und Frankfurt am Main. Keine Möchtegerntitel, keine Lokalarroganz, kein zwanghaftes Verleugnen der eigenen Unwichtigkeit.

Was machte ich dann eigentlich in Berlin? Wie hatte ich es bisher hier ausgehalten, und warum zog ich nicht weg? Gewohnheit, Freunde, Faulheit? Und warum wollte ich diese Stadt jetzt auch noch anderen Menschen erklären? Oder gefiel es mir wirklich in Berlin?

Wo war ich jetzt?

Ze Berliners call it liebevoll …

Hallo. Ich komm von der Reederei und wollte fragen, ob ich mal mitfahren kann.«

Der vollbärtige Bootsmann drehte sich wortlos um und ging ins Schiff. Heißt das jetzt ja oder nein? Eine pummelige Frau mit Namensschild am Schlabberhemd kam heraus.

»Hallo, ich bin die Mona.«

»Ich bin Tilman. Ich hab mich bei der Reederei als Sprecher beworben und wollte heute probeweise mal mitfahren.«

Wir gaben einander die Hand, und sie führte mich aufs Oberdeck, wo ich mich vor sie in die erste Reihe setzte. Schöner Tag. Die Sonne schien, und die allgemeine Laune war offensichtlich gut. Wenn das den ganzen Sommer über so bleiben sollte, ließe sich das bestimmt aushalten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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