On the run - Alice Goffman - E-Book

On the run E-Book

Alice Goffman

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Beschreibung

Der »War on Drugs«, der seit 40 Jahren in Amerika tobt, hat es nicht geschafft, den Verkauf oder Gebrauch von Drogen zu verhindern, aber er hat einen weitgehend unbekannten Überwachungsstaat in Amerikas ärmsten Nachbarschaften etabliert. Einen Staat, der durch seine »tough on crime«-Politik ganze Viertel kriminalisiert und die Beziehungen, die eigentlich für Stabilität bei Jugendlichen sorgen sollten, in Belastungen verwandelt. Alice Goffman hat sechs Jahre in so einer Nachbarschaft in Philadelphia gelebt, und ihre genauen Beobachtungen und erschreckenden Erzählungen offenbaren die schädlichen Folgen dieser weit verbreiteten Politik. Goffman stellt uns unvergessliche Charaktere vor, junge afroamerikanische Männer, die in dem Netz von Haftbefehlen und Überwachung gefangen sind. Manche von ihnen sind kleinkriminelle Drogendealer und andere ganz gewöhnliche Jungs, die einfach mit den wenigen Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen, zu kämpfen haben. Doch alle finden sich in der Falle einer unterstellten Kriminalität, der sie nur selten entkommen können. Ohne die Probleme des Drogenhandels und die Gewalt, die oft damit einhergeht, zu verleugnen, führen uns die fesselnden Berichte von Alice Goffman die menschlichen Kosten dieser verfehlten Politik vor Augen.

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Seitenzahl: 557

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Alice Goffman

ON THE RUN

Die Kriminalisierung der Armen in Amerika

Aus dem Englischen vonNoemi von Alemann,Gabriele Gockel undThomas Wollermann

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

   Inhalt

Prolog

Vorwort

 

Einleitung

 

1   Die 6th Street Boys und ihre Konflikte mit dem Gesetz

2   Die hohe Kunst der Flucht

3   Wenn die Polizei deine Tür einschlägt

4   Probleme mit der Justiz? Nutze sie!

5   Das Sozialleben kriminalisierter junger Menschen

6   Das Geschäft mit Schutz und Privilegien

7   Die Sauberen

 

Fazit: Eine Community der Flüchtigen

Epilog: Abschied von 6th Street

 

Danksagungen

Anhang: Notizen zur Methodik

Anmerkungen

Prolog

Mike, Chuck und ihr Freund Alex spielten Craps, sie warfen die Würfel gegen die Wand der Grundschule. Es war kurz vor Mitternacht und ziemlich kühl für Mitte September in Philadelphia. Zwischen den Würfen formte Chuck mit seinen Händen eine Schale und blies seinen warmen Atem hinein.

Mike gewann meistens, wenn die Jungs Craps spielten. Heute hörte er nicht auf, es den anderen unter die Nase zu reiben, und führte jedes Mal einen kleinen Siegestanz auf, wenn er sich die Dollarscheine vom Boden schnappte. Nach zwei Neunen hintereinander reichte es Alex.

»Du selbstsüchtiger kleiner Hurensohn.«

»Ihr seid doch alle nur neidisch«, antwortete Mike grinsend.

»Du hältst dich für besser als alle anderen, Mann. Dabei bist du ein Scheiß!«

Chuck schmunzelte über seine beiden besten Freunde. Dann gähnte er und sagte Alex, er solle seine verdammte Klappe halten, bevor die Nachbarn die Bullen riefen. Wenig später verabschiedete Chuck sich. Mike wollte Cheesesteaks von seinem Gewinn holen und fragte, ob ich mitkäme.

»Krieg ich auch ein Cheesesteak?«, schaltete sich Alex ein.

»Beweg deinen fetten Arsch nach Hause, Alter«, sagte Chuck lachend.

»Was, ich soll zu Fuß gehen?!«

∗ ∗ ∗

Mike und ich hatten gerade die Hälfte des Wegs zum Laden in seinem Auto zurückgelegt, als sein Handy anfing zu klingeln. Als er ranging, hörte ich Schreie am anderen Ende. Mike rief: »Wo bist du? Wo bist du?«

Er wendete den alten Lincoln mit quietschenden Reifen und fuhr wieder zurück Richtung 6th Street, wo er vor dem kleinen Eckladen zum Stehen kam. Im Licht der Scheinwerfer sahen wir Alex, der mit seinen massigen 120 Kilo auf der Bordsteinkante hockte und ganz offensichtlich etwas suchte. Als er zu uns hochguckte, lief ihm Blut übers Gesicht, über sein weißes T-Shirt und runter auf seine Hose und die Schuhe. Alex murmelte etwas, das ich nicht verstehen konnte, dann wurde mir klar, dass er nach seinen Zähnen suchte. Ich fing ebenfalls an, den Boden abzusuchen.

»Alex«, sagte ich, »wir müssen dich ins Krankenhaus bringen.«

Alex schüttelte den Kopf und hob seine Hand, er hatte Mühe, mit seinen blutigen Lippen Worte zu formen. Ich redete weiter auf ihn ein, bis Mike schließlich sagte: »Er geht nicht ins Krankenhaus, verdammt, hör auf, ihn zu drängen.«

Da fiel mir ein, dass Alex noch auf Bewährung war. Seine zwei Jahre unter Aufsicht würden sehr bald ablaufen. Er hatte Angst, dass die Polizisten, die sich in der örtlichen Notaufnahme aufhalten und die Namen der hereinkommenden jungen Schwarzen mit ihrer Datenbank abgleichen, ihn auf der Stelle festnehmen oder ihn zumindest wegen Verstoßes gegen seine Bewährungsauflagen anzeigen würden. In diesem Fall würde er sofort wieder im Gefängnis landen, und seine zweijährige Gesetzestreue wäre für die Katz gewesen. Einige seiner Freunde waren schon im Krankenhaus verhaftet worden, als sie sich wegen schwerer Verletzungen behandeln lassen oder bei der Geburt ihrer Kinder dabei sein wollten.

Mike zog sein Hemd aus und gab es Alex, damit er sich das Blut vom Gesicht wischen konnte. Chuck war inzwischen wieder zurückgekommen und half ihm vorsichtig auf den Vordersitz von Mikes Auto. Dann fuhren wir zu meiner Wohnung ein paar Häuserblocks entfernt. Als wir Alex ein wenig gesäubert hatten, begann er zu erzählen, was passiert war. Auf dem Heimweg war plötzlich ein Mann in einem schwarzen Kapuzenpulli hinter dem Eckladen hervorgetreten und hatte ihn mit der Pistole im Rücken in eine Seitengasse gezwungen. Dann hatte der Mann ihm mit der Pistole ein paar übergezogen, ihm sein Geld abgenommen und ihn schließlich mit dem Gesicht gegen eine Betonwand geknallt. Später fand Alex heraus, dass der Mann ihn für seinen jüngeren Bruder gehalten hatte, der ihn offenbar eine Woche zuvor bestohlen hatte.

In den folgenden drei Stunden versuchten Mike und Chuck vergeblich, jemanden mit ärztlichen Grundkenntnissen ausfindig zu machen. Die Mutter von Mikes Kindern, Marie, machte eine Ausbildung zur Schwesternhelferin, aber sie sprach nicht mehr mit ihm – seit sie ihn mit einer anderen erwischt und ihm einen Ziegelstein durchs Autofenster geworfen hatte. Gegen sechs Uhr morgens erreichte Alex endlich seine Cousine, die mit einer Plastiktüte voll Verbandsmull, Spritzen und Jod vorbeikam und ihm die Wunden am Kinn und an der Augenbraue nähte. Sein Kiefer sei sicher gebrochen, sagte sie, seine Nase auch, aber da könne sie nichts tun.

Am nächsten Nachmittag kehrte Alex in die Wohnung zurück, die er mit seiner Freundin und deren kleinem Sohn teilte. Mike und ich besuchten ihn dort am Abend. Wieder bat ich Alex, sich ärztlich behandeln zu lassen, aber er lehnte es erneut ab.

Bei dem ganzen Scheiß, den ich schon durchgemacht hab [um seine Bewährungszeit erfolgreich zu bestehen], da geh ich nicht einfach in die Notaufnahme, wo dann die Bullen kommen und mich ausfragen und meine Personalien aufnehmen; bevor man es kapiert, ist man wieder drin [im Gefängnis]. Auch wenn sie vielleicht gar nicht wegen mir da sind, dann erkennen mich bestimmt welche von denen und checken meinen Scheiß [gleichen die offenen Haftbefehle in der Polizeidatenbank mit seinem Namen ab]. Ich hätte da nicht sein dürfen [seine Bewährungsauflagen verboten ihm, sich in der Gegend der 6th Street aufzuhalten, wo er verletzt wurde]; ich darf um zwei Uhr morgens nicht draußen sein [ab 22 Uhr hatte er Ausgangssperre]. Außerdem gibt es bestimmt auch noch dieses Ding [einen Haftbefehl] in Bucks County [wegen Gerichtskosten, die er nach einem Prozess vor zwei Jahren nicht gezahlt hatte]. Ich will nicht, dass sie meinen Namen checken, dann muss ich vor Gericht oder werde wieder eingesperrt.

In dem Moment kam seine Freundin aus dem Schlafzimmer, strich sich mit den Händen über die Jeans und sagte: »Er muss ins Krankenhaus. Besser, er sitzt sechs Monate im Knast, als dass er nicht mehr sprechen oder kauen kann. Das bleibt dann nämlich den Rest seines Lebens so.«

∗ ∗ ∗

Der Überfall auf Alex ist jetzt mehr als zehn Jahre her. Er lispelt und hat immer noch Schwierigkeiten, durch die Nase zu atmen. Seine beiden Augen liegen nicht mehr auf gleicher Höhe. Aber er musste nicht zurück ins Gefängnis. Alex hat seine Bewährungszeit erfolgreich bestanden, wofür eine große Portion Glück zusammen mit einer enormen Willensstärke nötig sind. Außer ihm gelang dies nur einem einzigen aus seinem gesamten Freundeskreis.

Vorwort

Fast das gesamte 20. Jahrhundert hindurch blieb die Anzahl der in den USA inhaftierten Menschen konstant bei etwa einer von tausend Personen der Gesamtbevölkerung.1 In den 1970er-Jahren begann diese Rate anzusteigen und kletterte innerhalb der nächsten dreißig Jahre immer weiter steil nach oben.2 Anfang des 21. Jahrhunderts waren so viele Menschen wie niemals zuvor in der Geschichte der USA im Gefängnis: Etwa eine von hundertsieben Personen der erwachsenen Bevölkerung befand sich hinter Gittern.3 Aktuell sind in den Vereinigten Staaten fünf bis neun Prozent mehr Menschen inhaftiert als in westeuropäischen Nationen und bedeutend mehr als in China und Russland.4 Etwa drei Prozent der erwachsenen US-Amerikaner steht zurzeit unter Aufsicht der Justizvollzugsbehörden: 2,2 Millionen Menschen befinden sich in Staats- oder Bezirksgefängnissen, hinzu kommen 4,8 Millionen, deren Strafe auf Bewährung ausgesetzt ist oder die bedingt entlassen wurden.5 Eine Gefangenenquote dieser Höhe wurde in der Neuzeit sonst nur zur Zeit der Zwangsarbeitslager in der ehemaligen Sowjetunion unter Stalin erreicht.6

Dass die Zahl der Menschen, die in US-Gefängnissen sitzen, innerhalb der letzten vierzig Jahre um das Fünffache angestiegen ist, hat bisher kaum für öffentliche Empörung gesorgt. Tatsächlich wird es von den wenigsten überhaupt wahrgenommen, da sich die steigende Gefangenenzahl überdurchschnittlich aus Personen, die in armen Schwarzen Communitys leben, zusammensetzt. Schwarze Menschen stellen 13 Prozent der US-Bevölkerung, machen aber 37 Prozent der Gefängnisinsassen aus.7 Einer von neun jungen Schwarzen Männern befindet sich im Gefängnis, im Vergleich zu weniger als zwei Prozent der jungen weißen Männer.8 Hinzu kommt, dass es vor allem junge Schwarze Männer aus armen Verhältnissen sind, die wirklich auffallend oft inhaftiert werden: Knapp 60 Prozent derer, die keinen Highschool-Abschluss erlangen, kommen mit etwa Mitte dreißig ins Gefängnis.

Dieses Buch ist ein Vor-Ort-Bericht des Gefängnis-Booms in den USA: ein Blick aus nächster Nähe auf junge Männer und Frauen, die in einem armen, hauptsächlich von Schwarzen bewohnten Viertel leben, das von einer beispiellosen Inhaftierungsquote und damit einhergehenden, aber mehr im Verborgenen ablaufenden Überwachungs- und Kontroll-Systemen geprägt und verändert wurde. Da die grundlegendsten Bereiche des alltäglichen Lebens – Arbeit, Familie, Liebesbeziehungen, Freundschaften und sogar die medizinische Versorgung in Notfällen – von der Angst vor Festnahme und Haft durchdrungen sind, ist dies eine Studie einer Community on the run – auf der Flucht.9

∗ ∗ ∗

Ich bin auf dieses Projekt zufällig als Studentin der University of Pennsylvania gestoßen. Während meines zweiten Studienjahrs begann ich, Aisha Nachhilfe zu geben, einer Highschool-Schülerin, die mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in einem einkommensschwachen, hauptsächlich von Schwarzen bewohnten Viertel nicht weit vom Uni-Campus lebte. Abends saßen wir am klappbaren Plastik-Küchentisch in der Zweizimmerwohnung mit den kahlen Wänden, wo der alte Fernseher plärrte, und arbeiteten an ihren Englisch- oder Mathe-Hausaufgaben. Später versammelten sich ihre Mutter und ihre Tanten auf der Treppe vor dem Haus und unterhielten sich über ihre Kinder oder beobachteten die Vorübergehenden. Nach und nach lernte ich Aishas Verwandte, ihre Freunde und ihre Nachbarn kennen. Als mein Mietvertrag auslief, schlugen Aisha und ihre Mutter vor, ich solle mir doch eine Wohnung in der Nähe nehmen.

Im Winter dieses Jahres kam Aishas vierzehnjähriger Cousin Ronny aus einer Jugendstrafanstalt zurück nach Hause. Er wohnte bei seiner Großmutter, etwa zehn Minuten mit dem Auto entfernt. Wir begannen, ihn mit dem Bus dort zu besuchen.

Bald darauf stellte Ronny mich seinem Cousin Mike vor, einem schlanken jungen Mann mit ungepflegtem Bart und durchdringendem Blick. Mike war zweiundzwanzig, ein Jahr älter als ich. In einigen knappen Sätzen erklärte er mir, dass er temporär in finanziellen Schwierigkeiten stecke, in der Wohnung seines Onkels wohne und kein Auto habe. Letztes Jahr habe er ein eigenes Auto und eine eigene Wohnung gehabt und er plane, schnell wieder auf eigene Füße zu kommen. Die anderen jungen Männern im Viertel schienen ziemlich großen Respekt vor Mike zu haben. Als ein Nachbar fragte, was eine weiße Frau mit ihm auf der Veranda hinter seinem Haus zu suchen habe, antwortete er, dass ich Aishas Nachhilfelehrerin sei und um die Ecke wohne. Zu anderen Gelegenheiten erklärte er, ich sei die Tochter von Aishas Patentante – Aishas Godsister.

In den nächsten Wochen stellte mich Mike seiner Mutter, seiner Tante, seinem Onkel und seinem engen Freund Alex vor. Alex, der viel kleiner als Mike war, aber fast doppelt so schwer, machte einen müden und besiegten Eindruck – als wäre er mehr damit beschäftigt, eine größere Katastrophe abzuwenden, als damit, sein Leben erfolgreich zu meistern. Langsam kam ich dahinter, dass Mike und Alex Teil eines engen Freundeskreises waren. Der Dritte im Bund, Chuck, verbrachte gerade sein letztes Highschool-Jahr in U-Haft und wartete auf eine Gerichtsverhandlung wegen schwerer Körperverletzung bei einer Schulhof-Schlägerei. Mike vermisste ihn schmerzlich und erklärte mir, dass Chuck derjenige des Trios sei, für den das Glas immer halb voll sei. Chuck drückte dies später am Telefon aus dem Gefängnis mir gegenüber so aus: »Ich hab nichts, aber ich bin gesund und seh nicht schlecht aus, kapierst du? Ich bin ein glücklicher Mensch.«

Der erste Monat mit Mike und Alex verlief ruhig – regelrecht langweilig. Wir saßen auf der Treppe vor dem Haus von Mikes Onkel und teilten uns ein Bier oder hingen in den Wohnungen seiner Freunde und Nachbarn ab. An manchen Abenden gingen wir auch zu Chucks Mutter, damit Mike den nächtlichen Anruf seines Freundes aus dem Gefängnis entgegennehmen konnte.

Dann machte die Polizei mitten in der Nacht eine Razzia bei Mikes Onkel. Sie suchten Mike wegen einer Schießerei, an der er seine Beteiligung allerdings vehement bestritt. Mit dem Haftbefehl im Nacken versteckte er sich in den folgenden Wochen bei Freunden und Verwandten. Dann stellte er sich der Polizei, zahlte die Kaution, und das langwierige Gerichtsverfahren begann.

Ich hatte bis dahin noch niemanden gekannt, der mit der Anklage wegen eines Verbrechens konfrontiert war, und nahm an, dass dies ein schwerwiegendes und bedeutsames Ereignis in Mikes Leben sei. Bald wurde mir jedoch klar, dass er im Laufe des letzten Jahres schon zwei andere Strafprozesse gehabt hatte: einen wegen Drogen und den anderen wegen unerlaubtem Schusswaffenbesitz. Chuck war in U-Haft und wartete auf seine Gerichtsverhandlung, und Alex war bedingt entlassen worden und nun zwei Jahre auf Bewährung, nachdem er ein Jahr wegen Drogen eingesessen hatte. Mikes Cousin befand sich gegen Kaution auf freiem Fuß. Sein Nachbar stand unter Hausarrest. Gegen einen seiner anderen Freunde, der obdachlos war und in seinem Auto übernachtete, lag ein Haftbefehl wegen unbezahlter Gerichtskosten vor.

Gegen Ende meines zweiten Studienjahrs fragte ich Mike, was er davon halten würde, wenn ich in meiner Abschlussarbeit am Fachbereich für Soziologie der University of Pennsylvania über sein Leben schreiben würde. Er war sofort einverstanden, unter der Bedingung, dass ich alles, was er geheim halten wolle, herauslassen würde. Als Chuck im Frühling aus dem Gefängnis nach Hause kam, bekam ich auch von ihm die Erlaubnis, ihn einzubeziehen. Nach und nach bat ich auch andere junge Männer und ihre Familien, an meinem Projekt teilzunehmen.

Ein Jahr lang verbrachte ich jeden Tag mit Mike, Chuck und ihren Freunden und Nachbarn. Ich begleitete sie zu Anwälten, zum Gericht, zu ihren Bewährungshelfern, in die Besuchsräume der Bezirksgefängnisse, zu Resozialisierungseinrichtungen, ins Krankenhaus, in Kneipen und zu Partys in der Nachbarschaft.

Aufgewachsen in einem wohlhabenden Viertel in Downtown Philadelphia, in dem vor allem Weiße leben, wusste ich noch nicht, dass die Inhaftierungsrate in den USA während der vergangenen Jahrzehnte so dramatisch angestiegen war. Ich hatte nur eine vage Ahnung des War on Crime und des War on Drugs und war vollkommen ahnungslos, was diese Initiativen der Bundesregierung für junge Schwarze in armen und segregierten Vierteln bedeuteten. Ich begriff nur langsam, warum ständig Polizeihelikopter über dem Viertel kreisten und was es zu bedeuten hatte, dass dauernd junge Männer auf der Straße durchsucht und in Handschellen abgeführt wurden. Ich musste mich schwer anstrengen, die grundlegenden Begriffe der Rechtsterminologie zu lernen und den Ablauf rechtlicher Verfahren zu verstehen.

Im Frühling ging Mikes Prozess wegen der Waffengeschichte zu Ende, und der Richter verurteilte ihn zu ein bis drei Jahren im Staatsgefängnis. Kurz darauf wurde ich in ein Doktorandenprogramm in Princeton aufgenommen. In den vier Jahren der Graduiertenschule blieb ich in Aishas Viertel wohnen, pendelte zur Uni und verbrachte viele der verbleibenden Stunden im Umkreis der 6th Street, um mit denjenigen der 6th Street Boys abzuhängen, die gerade zu Hause waren. An den Wochenenden besuchte ich Mike, Chuck und andere junge Männer aus der Nachbarschaft in Gefängnissen über den ganzen Staat verteilt. Mit der Zeit lernte ich ihre Verwandten und Freundinnen kennen, wenn wir nach Polizeirazzien zusammen aufräumten, zu Gerichtsterminen gingen und lange Autofahrten ins Umland unternahmen, um die Besuchszeiten im Gefängnis zu nutzen.

Die hier beschriebenen Familien haben sich damit einverstanden erklärt, dass ich mir Notizen mache mit dem Ziel, das Material eines Tages zu veröffentlichen, und wir haben das Projekt viele Male ausführlich diskutiert. Ich habe generell keine standardisierten Fragen im Interviewstil gestellt, und der größte Teil dessen, was ich hier schildere, beruht auf meinen eigenen Beobachtungen von Personen, Ereignissen und Gesprächen. Die Namen der Personen und alle Merkmale, die eine Identifizierung ermöglichen, wurden geändert, ebenso der Name des Wohnviertels. Von Mike stammt der Vorschlag, das Viertel in meinen Aufzeichnungen und Seminararbeiten 6th Street zu nennen, und ich habe dieses Pseudonym beibehalten, als das Projekt sich zu einem Buch entwickelte.

Obschon ich auch auf Informationen zurückgreife, die mir einige Polizeibeamte, Richter, Bewährungshelfer und Vollzugsbeamte dankenswerterweise in Interviews gegeben haben, so gibt dieses Buch doch prinzipiell die Perspektive der Bewohner von 6th Street wieder. Auf diese Weise bietet es einen Bericht des Gefängnis-Booms und den damit einhergehenden, aber mehr im Verborgenen ablaufenden Praktiken der polizeilichen Überwachung und Kontrolle, wie dies junge Leute in einem relativ armen, vor allem von Schwarzen bewohnten Viertel in Philadelphia erleben und verstehen. Möglicherweise wird dieser Blickwinkel eines Tages in der gegenwärtig schwelenden Debatte um Strafrechtspolitik Bedeutung erlangen.

Einleitung

In den 1960er- und 1970er-Jahren erlangten die Schwarzen US-Amerikaner die vollen Bürgerrechte, welche ihnen jahrhundertelang versagt geblieben waren. Während sie sich erfolgreich das Wahlrecht, das Recht auf Freizügigkeit, Zugang zum College und das Recht auf freie Berufsausübung erkämpften, begannen die Vereinigten Staaten zeitgleich, ein Strafjustizsystem aufzubauen, wie es in der Geschichte noch keines gegeben hatte und wie es auch auf internationaler Ebene ohne Vergleich ist.

Seit Mitte der 1970er-Jahre erließen die staatlichen und bundesstaatlichen Regierungen eine Reihe von Gesetzen, die das Strafmaß für Besitz, Erwerb und Verkauf von Drogen erhöhten, und führten schärfere Strafen für Gewaltdelikte ein. Die Zahl der Polizisten auf den Straßen wurde aufgestockt und die durch sie vollzogenen Verhaftungen erhöht. In urbanen Gegenden war die Straßenkriminalität in den 1960ern und 1970ern dramatisch angestiegen, und Politiker aus beiden politischen Lagern sahen ein hartes Durchgreifen gegen Drogen und Gewalt als die beste Lösung auf politischer und praktischer Ebene an. In den 1980ern führte Crack zu einem Aufwallen von Kriminalität in armen Minoritätenvierteln, was der rigorosen Verbrechensbekämpfungspolitik, die einige Jahre zuvor eingeführt worden war, weiteren Auftrieb verschaffte.

In den 1990ern vollzog sich ein anhaltender Rückgang von Kriminalität und Gewalt, die harte Verbrechensbekämpfungspolitik wurde jedoch beibehalten. 1994 brachten der Violent Crime Control Act und der Law Enforcement Act den Kassen der städtischen Polizeibehörden landesweit Milliarden bundesstaatlicher Dollar ein. Außerdem wurden fünfzig Straftatbestände neu auf der Ebene des Bundesrechts gesetzlich verankert. Gestützt von einer nahezu einstimmigen Befürwortung der Tough-on-Crime-Politik durch die Polizei und angesehene Bürger sprossen unter der zweiten Bush-Regierung staatliche und bundesstaatliche Polizeibehörden, Spezialeinheiten und Polizeidienststellen wie Pilze aus dem Boden.1 Diese Politik führte zu einer Erhöhung des Strafmaßes für Gewaltdelikte, aber auch für Prostitution, Landstreicherei, Glücksspiel und Drogenbesitz.2

In der Tough-on-Crime-Ära wandelte sich der Umgang der Vereinigten Staaten mit den ghettoisierten Bezirken ihrer Großstädte tiefgreifend. Fast das gesamte 20. Jahrhundert hindurch hatte die Polizei armen und hauptsächlich von Schwarzen bewohnten Vierteln wie 6th Street keine Beachtung geschenkt. Zwischen den 1930er- und den 1980er-Jahren – einer Zeit, in die die Great Migration, restriktive rassistische Wohnraumbeschränkungen, die Bürgerrechtsbewegung, wachsende Arbeitslosenzahlen, der Abbau von Sozialleistungen und sozialen Einrichtungen, die Ausweitung des Drogenhandels und der Wegzug des Großteils der Schwarzen Mittelklasse aus den ghettoisierten Bezirken der Großstädte fielen3 – wird die Polizei in vor allem von Schwarzen bewohnten Vierteln von Zeitzeugen als ignorant, abwesend und korrupt beschrieben.4

Dies begann sich in den 1960ern zu ändern, als Aufstände in den Großstädten und ein Anstieg von Gewalt und Drogenkonsum das ganze Land bezüglich der vor allem in urbanen Gebieten herrschenden Kriminalität in Besorgnis versetzte. Die Anzahl von Polizeibeamten pro Einwohner erhöhte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Städten landesweit dramatisch.5 Zwischen 1960 und 2000 stieg die Anzahl der Polizeibeamten in Philadelphia um 67 Prozent, von 2,76 auf 4,66 Beamte pro 1000 Einwohner.6 Die 1980er brachten strengere Drogengesetze und schärfere Strafen. In den 1990er-Jahren wurde die Tough-on-Crime-Politik fortgesetzt, indem die städtischen Polizeibehörden landesweit einführten, was später als Zero-Tolerance-Strategie bekannt wurde. Dazu kam, dass CompStat eingeführt wurde – ein von der New Yorker Polizei entwickeltes Verwaltungskonzept, bei dem regelmäßig Daten zu Verbrechen und Polizeieinsätzen gesammelt, kategorisiert und analysiert werden, was eine unmittelbare Erfolgskontrolle der Polizeiarbeit ermöglicht.7

Viele Jahrzehnte lang hatte die Polizei weggesehen, wenn es um Straßenprostitution, Drogenhandel und Glücksspiel in armen Schwarzen Communitys ging. Doch in den späten 1980er-Jahren begann die Polizei in Philadelphia und anderen Städten, Bestechung und Schmiergeld abzulehnen. In dieser Zeit scheint die Korruption als übliche Praktik tatsächlich weitgehend beseitigt worden zu sein – zumindest auf der niedrigen Ebene der kleinen Drogendealer, die die Polizei dafür bezahlten, in Ruhe gelassen zu werden. Zu dieser Zeit gab es auch extrem viele Verhaftungen und Inhaftierungen wegen Drogenkonsum oder -besitz.

Die Praxis des harten Durchgreifens gegen das Drogengeschäft in armen, hauptsächlich von Schwarzen bewohnten Vierteln wurde zur selben Zeit etabliert, als im Zuge der Sozialreform die finanzielle Unterstützung für arme Familien gekürzt und die maximale Bezugsdauer der Leistungen herabgesetzt wurde. Während die Sozialleistungen schwanden, wurden während des War on Drugs diejenigen, die einer Arbeit im Drogengeschäft nachgingen, im großen Stil verhaftet.

Im Jahr 2000 war die Gefängnispopulation auf das Fünffache dessen angewachsen, was sie in den frühen 1970er-Jahren betragen hatte. Eine überwältigende Mehrheit der Männer, die ins Gefängnis kommen, sind arm und überdurchschnittlich viele davon sind Schwarz. Gegenwärtig waren 30 Prozent der Schwarzen Männer ohne höhere Ausbildung mit Mitte dreißig schon einmal im Gefängnis. Eines von vier Schwarzen Kindern, das 1990 geboren wurde, hatte mit vierzehn einen inhaftierten Vater.8

Der Soziologe David Garland hat dieses Phänomen Masseninhaftierung genannt: ein Ausmaß von Inhaftierungen, das historisch und im internationalen Vergleich merklich über der Norm liegt und sich auf ganz bestimmte Bevölkerungsgruppen konzentriert, »sodass nicht mehr die Rede von der Inhaftierung individueller Straftäter sein kann, sondern von der systematischen Inhaftierung ganzer Gruppen«.9 Der Soziologe Loïc Wacquant und die Rechtswissenschaftlerin Michelle Alexander haben die These aufgestellt, dass das gegenwärtige Ausmaß von gezielter Inhaftierung ein neues Kapitel in der Geschichte der US-amerikanischen Rassenunterdrückung darstellt.10

Seit den 1980er-Jahren wurden im Zuge des War on Crime und des War on Drugs unzählige junge Schwarze Männer aus der Schule, der Arbeit und dem Familienleben gerissen, in Bezirks- und Staatsgefängnisse gesperrt und mit Verurteilungen wegen schwerer Straftaten wieder in die Gesellschaft entlassen. Wer Zeit im Gefängnis verbracht hat, bekommt geringeren Lohn und weist Lücken in der Berufstätigkeit auf. Er ist genau in den entscheidenden Jahren abwesend, in denen andere junge Leute eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren und eine Familie gründen. In vielen Bundesstaaten wird Personen, die wegen schwerer Straftaten verurteilt worden sind, das Wahlrecht und das Recht, um ein Amt zu kandidieren, verweigert, wie auch der Zugang zu vielen Stellen im öffentlichen Dienst, zu Sozialwohnungen und anderen staatliche Unterstützungsleistungen. Schwarze Menschen mit Vorstrafen werden dermaßen auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert, dass die wenigen Stellen, auf die sie sich rechtlich bewerben dürfen, ziemlich schwierig zu ergattern sind.11 Diese Restriktionen und Benachteiligungen betreffen nicht nur die Männer, die das Gefängnissystem durchlaufen, sondern auch ihre Familien und Communitys. Es gibt so viele männliche Schwarze, die inhaftiert waren und mit einem Eintrag wegen schwerer Straftaten in ihrer Akte aus dem Gefängnis entlassen wurden, dass das Gefängnis heutzutage eine zentrale Rolle bei der Erzeugung von ungleichen Gruppen in der US-amerikanischen Gesellschaft spielt. Auf diese Weise werden die Errungenschaften bezüglich der Bürgerrechte und sozioökonomischen Stellung, die Schwarze Menschen im Zuge der Bürgerrechtsbewegung erkämpft hatten, wieder rückgängig gemacht.12

∗ ∗ ∗

Die 6th Street ist eine sich lang hinziehende Geschäftsstraße, und die fünf Wohnblöcke, die südlich daran anschließen, bilden das gleichnamige kleine Wohnviertel. In den 1950er- und 1960er-Jahren war 6th Street vor allem von der Mittelschicht angehörigen Juden bewohnt gewesen; seit Anfang der 1970er-Jahre waren immer mehr Schwarze zugezogen.

Als ich 2002 das erste Mal in das Viertel kam, waren 93 Prozent der Bewohner Schwarze. Ältere und jüngere Männer standen an der verkehrsreichsten Kreuzung und boten den Autofahrern und Passanten Raubkopien von CDs und DVDs, Diebesgut und Essen zum Kauf an. Auf der Hauptgeschäftsstraße gab es einen chinesischen Takeout-Store mit kugelsicherer Scheibe, wo man frittierte Chicken Wings kaufen konnte, einzelne Zigaretten, loosies genannt, Kondome, Babynahrung und Pergaminpapier, um Crack abzupacken. Außerdem war auf der Straße eine Scheckeinlösestelle, ein Friseursalon, ein Payday-Loan-Store, ein »Crown Fried Chicken«-Restaurant und ein Pfandhaus. Einen Block weiter war ein kleiner Lebensmittelladen, der von einer puertoricanischen Familie geführt wurde. Etwa ein Viertel der Haushalte der Nachbarschaft erhielten Wohngeld in Form von Gutscheinen, und alle bis auf zwei Familien bezogen die eine oder andere Art der staatlichen Unterstützung.13

6th Street ist nicht das ärmste oder gefährlichste Viertel in dem großen Schwarzen Bezirk von Philadelphia, von dem es Teil ist – bei weitem nicht. In Interviews mit Polizeibeamten fand ich heraus, dass für sie noch nicht einmal besonderer Augenmerk auf dem Stadtteil lag und sie ihn auch nicht als besonders gefährlich oder von besonders viel Kriminalität geplagt einstuften. Bewohner der angrenzenden Viertel sprachen von 6th Street als ruhig und friedlich – eine Gegend, wohin sie mit Freude ziehen würden, wenn sie einmal genug Geld beisammen hätten.

Doch drei Jahrzehnte rigoroser Drogen- und Verbrechensbekämpfungspolitik sind auch an 6th Street nicht spurlos vorbeigegangen. Im Jahr 2002 waren in der Gegend Ausgangssperren für Unter-Achtzehnjährige verhängt und Überwachungskameras der Polizei auf allen größeren Straßen installiert worden. Innerhalb der ersten achtzehn Monate, die ich in der Nachbarschaft verbrachte, habe ich mindestens einmal am Tag dabei zugesehen, wie die Polizei Fußgänger oder Autofahrer anhielt, sie durchsuchte, ihre Namen in der Datenbank mit den offenen Haftbefehlen abglich, die Leute aufforderte, zum Verhör mitzukommen, oder sie festnahm.14 Während dieser achtzehnmonatigen Zeitspanne wurde ich 52 Mal Zeugin, wie die Polizei Türen aufbrach, Wohnungen durchsuchte und Leute verhörte, festnahm oder ihnen durch Häuser und Wohnungen hinterherjagte. Neunmal kreisten Polizeihubschrauber über meinem Kopf und richteten ihre Suchscheinwerfer in die Straßen des Viertels. Ich habe siebzehnmal beobachtet, wie ganze Blocks abgesperrt und der Verkehr umgeleitet wurde, während die Polizei nach Beweismitteln suchte – oder, in der Polizeisprache, einen Tatort sicherte. Vierzehnmal während der ersten achtzehn Monate fast täglicher Beobachtung sah ich, wie Polizisten junge Männer boxten, würgten, traten, zusammenschlugen oder sie mit ihren Gummiknüppeln verprügelten.

Drogen und Waffengewalt sind reale Probleme in 6th Street, und die Polizei, die in das Viertel kommt, versucht, die Probleme mit den paar wenigen Machtmitteln zu lösen, die ihr zu Verfügung stehen: Einschüchterung und Festnahme. Ihre Bemühungen scheinen junge Männer wie Mike und Chuck aber weder von dem Versuch abzuhalten, durch Drogenverkauf Geld zu verdienen, noch davor, immer wieder in gewaltsame Auseinandersetzungen zu geraten. Die Frage, ob die Polizei damit dazu beiträgt, die allgemeine Kriminalitätsrate zu senken, kann im Rahmen dieser Studie nicht geklärt werden.

Was auch immer es für einen Effekt auf die Kriminalitätsrate hat, das schiere Ausmaß von Polizeiüberwachung und Inhaftierung in armen ghettoisierten Vierteln verändert das Gemeinschaftsleben einer Nachbarschaft auf tiefgreifende und dauerhafte Weise, und dies betrifft nicht nur die jungen Männer, auf die die Maßnahmen abzielen, sondern auch deren Familienmitglieder, ihre Partnerschaften und Nachbarn.

DIE SAUBEREN UND DIE SCHMUTZIGEN

Da ordentliche, gut bezahlte Jobs Mangelware sind, teilt sich die Schwarze Bevölkerung schon seit langem in solche, die eine ordentliche Anstellung finden können, und solche, die mit gefährlicher, schlecht angesehener Arbeit ihr Geld verdienen. In den 1890er-Jahren titulierte W.E.B. DuBois diese letztere Gruppe als the submerged tenth– das unsichtbare Zehntel.15 In den 1940er-Jahren bezeichnete der Chicagoer Soziologe St. Clair Drake die beiden Gruppen als the respectables and the shadies – die Respektablen und die Zwielichtigen. Im Rückgriff auf Ausdrücke, die innerhalb der Schwarzen Bevölkerung gängig sind, hat der Soziologe Elijah Anderson mit großem Einfluss die Bezeichnungen die Anständigen – decent – und die von der Straße – street – verwendet, um den Unterschied zu markieren.16 Auch wenn die Trennungslinie zwischen decent und street in akademischen Kreisen erkannt und ausgearbeitet worden ist, tauchten diese Bezeichnungen zuerst als Eigenbeschreibungen auf, mit denen die Bewohner von hauptsächlich von Schwarzen bewohnten Vierteln untereinander differenzierten.

In der heutigen Zeit, wenn Polizeihelikopter über den Köpfen kreisen und die Drohung von Gefängnisstrafen auf ganzen Nachbarschaften lastet, wird der rechtliche Status zu einem Faktor, der die bereits seit langem bestehenden sozialen Unterschiede innerhalb der Schwarzen Bevölkerung weiter verschärft.

Der rechtliche Status spielt eine zentrale Rolle im sozialen Leben einer jeden Person, die in 6th Street lebt. Gemeint ist hiermit ganz konkret die Wahrscheinlichkeit, mit der jemand die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich zieht: ob er problemlos durch eine Polizeikontrolle kommt, nach einer Gerichtsverhandlung wieder nach Hause gehen darf oder einen »Pisstest« beim Termin mit dem Bewährungshelfer besteht. Diejenigen, die nicht mit dem Gesetz in Konflikt stehen oder die ohne Probleme durch eine Polizeikontrolle, eine Gerichtsverhandlung oder einen Termin mit dem Bewährungshelfer kommen, werden als sauber – clean – bezeichnet. Diejenigen, bei denen die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass sie bei einer Polizeikontrolle verhaftet werden, dass ihre Namen mit der Datenbank abgeglichen werden oder dass sie durchsucht werden, gelten als schmutzig – dirty.

Diese Bezeichnungen kommen zu ganz bestimmten Anlässen zum Gebrauch, wenn eine Begegnung mit den Behörden bevorsteht oder gerade stattgefunden hat. Wenn Freunde und Nachbarn erfahren, dass ein junger Mann festgehalten wurde, ist ihre erste Frage oft: »Ist er schmutzig?« Diese Frage bedeutet: Liegt ein Haftbefehl gegen ihn vor? Verstößt er gegen eine Bewährungsauflage, wenn die Polizei ihn aufgreift? Hat er Drogen bei sich? Kurz: Wird er abends nach Hause in sein Bett kommen, wenn er auf die Polizei trifft, oder werden sie ihn festnehmen?

Allerdings kommen die Bezeichnungen sauber und schmutzig nicht nur anlässlich des konkret bevorstehenden Kontakts mit dem Strafjustizsystem zum Gebrauch. Sie werden auch zu allgemeinen Merkmalen, die über längere Zeit hinweg mit Individuen oder Orten verbunden bleiben. Während manche Leute weithin bekannt dafür sind, dass sie mit dem Gesetz auf gutem Fuße stehen, wird bei anderen allgemein davon ausgegangen, dass sie im Falle einer Kontrolle verhaftet werden. Die Bezeichnungen bleiben auch dann bedeutsam, wenn nicht unmittelbar eine Polizeikontrolle bevorsteht, weil sie mit bestimmten Verhaltensweisen, Einstellungen und Handlungsmöglichkeiten verknüpft sind. Beispielsweise kann eine saubere Person ein Auto oder Hotelzimmer mieten und den Ausweis vorzeigen, der für den Eintritt in viele öffentliche Gebäude nötig ist. Eine schmutzige Person hingegen kann auf viele verschiedene Arten ausgenutzt werden, da davon ausgegangen wird, dass sie nicht die Behörden informieren kann.

Dass es vor allem die Männer sind, die in Konflikt mit dem Gesetz geraten, zeigt, dass Geschlecht zumindest partiell eine wichtige Rolle für den rechtlichen Status spielt – bei vielen Paaren ist die Frau sauber und der Mann schmutzig. Und die Frau hat nicht nur keine Probleme mit dem Gesetz – sie geht auch häufig einer regulären Beschäftigung nach oder bezieht staatliche Unterstützungsleistungen, während der Mann sein sporadisches Einkommen auf der Straße verdient und Dinge tut, für die er verhaftet werden könnte. Zudem spielt das Alter eine Rolle – überwiegend sind es jüngere Leute, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten, nicht die älteren Menschen. Und drittens hat die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht eine Auswirkung auf den rechtlichen Status: Es sind für gewöhnlich arbeitslose junge Männer ohne Highschool-Abschluss, die mit der Polizei Versteck spielen, die sich an Bewährungsauflagen halten und zu Gerichtsverhandlungen erscheinen müssen.

Leute, die als schmutzig gelten, sind sich ihres Status eher bewusst als die Sauberen, ähnlich wie Schwarze Menschen sich wahrscheinlich intensiver mit der Farbe ihrer Haut und Rassismus beschäftigen als Weiße oder Homosexuelle öfter über sexuelle Orientierung nachdenken, als es Heterosexuelle tun. Allerdings haben saubere Personen, die in 6th Street und in angrenzenden Gegenden wohnen, meistens Verwandte, Freunde und Nachbarn, die ständig auf der Hut vor der Polizei sind, sodass diese Kategorien hier auf eine Art immer bedeutsam bleiben, egal, auf welcher Seite jemand sich befindet.17

Anwohner des Viertels unterscheiden zudem zwischen denen, die im Falle einer generellen Polizeikontrolle wahrscheinlich verhaftet werden, und denjenigen, nach denen die Polizei explizit fahndet. Leute, für die sich die Polizei ganz besonders interessiert, werden als heiß – hot – bezeichnet. Auch Orte können heiß sein, wie zum Beispiel ein Wohnblock, in dem die Polizei vor kurzem sehr aktiv war, oder die Beerdigung eines jungen Mannes, der erschossen wurde – Orte, bei denen es so gut wie sicher ist, dass die Polizei dort nach Leuten suchen wird, die mit dem Fall in Verbindung stehen oder gegen die andere offene Haftbefehle laufen. Bei solchen Anlässen wird dann geraten, die Gegend oder die Veranstaltung zu meiden oder mit dem betreffenden Menschen keinen Kontakt aufzunehmen, bis die Situation oder die Person sich abgekühlt habe.

Während die Kategorien sauber/schmutzig und heiß/kalt sich auf das Risiko beziehen, mit der eine Person verhaftet wird, oder auf die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Ort die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich ziehen wird, machen Anwohner auch Unterschiede untereinander in Bezug darauf, wie jemand mit den rechtlichen Verstrickungen anderer umgeht. Solche, die weiterhin Kontakt zu einem Mann halten, der gesucht wird, die ihn schützen und ihm beim Verstecken und Flüchten helfen, oder die ihn unterstützen, wenn er in Haft ist, werden als rider bezeichnet – ein Ausdruck, der Mut und Engagement signalisiert. Wenn jemand sich gegen einen Mann wendet, sobald er per Haftbefehl gesucht wird, oder darin versagt, einen Partner oder ein Familienmitglied im Gefängnis zu unterstützen, wird sein Verhalten als not riding right bezeichnet. Solche, die noch einen Schritt weitergehen und die Polizei mit Informationen über den Aufenthaltsort oder die Aktivitäten eines Menschen, der sich in einer rechtlich prekären Lage befindet, versorgen, werden Spitzel – snitches – oder Ratten – rats – genannt. Bezeichnungen wie sauber, schmutzig oder heiß, snitch und rider sind zu grundlegenden sozialen Kategorien für junge Männer und Frauen in polizeilich schwer überwachten Schwarzen Stadtteilen geworden.

Die ersten Kapitel dieses Buchs beschäftigen sich mit der schmutzigen Welt: mit jungen Männern, die ihre Teenagerzeit und frühen Zwanziger damit verbringen, vor der Polizei zu flüchten, immer wieder im Gefängnis zu sitzen, oder die sich bemühen, Bewährungsauflagen einzuhalten. Diese Kapitel zeigen meinen Versuch, diese Welt durch die Augen von Mike, Chuck und ihren Freunden zu sehen und zu verstehen – durch die Augen junger Männer, die mit der täglichen Angst vor Festnahme und Haft leben. Da die Reichweite des Strafjustizsystems über die Männer, auf die es sich hauptsächlich konzentriert, hinausgeht, gehen die folgenden Kapitel auf die Perspektive ihrer Freundinnen und Mütter ein, die zwischen der Polizei und den Männern in ihrem Leben in der Klemme stecken; auf die Perspektive von jungen Leuten, die innovative Wege gefunden haben, von den rechtlichen Missgeschicken ihrer Nachbarn zu profitieren; und schließlich auf die Perspektive von Bewohnern des Viertels, die es geschafft haben, dem Strafjustizsystem und denen, die darin verstrickt sind, fernzubleiben. Der Anhang schildert die Forschungsarbeit, die die Grundlage für die vorliegende Studie bildet, neben einigen persönlichen Überlegungen zu der Problematik, die sich auf praktischer und ethischer Ebene ergibt, wenn eine junge weiße Frau aus der Mittelschicht von den Erfahrungen armer Schwarzer Männer und Frauen berichtet.

Zusammengenommen liefern die Kapitel Argumente dafür, dass die über einen langen Zeitraum hinweg bestehende hohe Inhaftierungsrate und die intensive polizeiliche Überwachung und Kontrolle, mit denen sie einhergeht, arme ghettoisierte Viertel in Gemeinschaften aus Verdächtigen und Flüchtigen verwandeln. Im Alltagsleben herrscht ein Klima von Angst und Verdächtigung, und viele leben tagtäglich mit der Sorge, gefasst und fortgebracht zu werden. Unter der Drohung der Haftstrafe entsteht ein neues soziales Gefüge, das geprägt ist von Verdächtigungen, Misstrauen und den paranoiden Praktiken von Geheimnistuerei, Vermeidungsverhalten und Unberechenbarkeit.

Doch trotz allem erkämpfen sich die Bewohner des Viertels zwischen Polizeikontrollen und Treffen mit Bewährungshelfern ein sinnvolles Leben. Das Ausmaß von Strafen und Kontrollen hindert sie nicht daran, sich eine Welt nach moralischen Maßstäben zu errichten, in der sie Würde und Ehre erfahren; und die Bemühungen der jungen Männer und Frauen, Arbeit, Familie, Liebesbeziehungen und Freundschaften in dieser hyper-überwachten Zone unter der ständigen Androhung von Haft zu bewerkstelligen, ist genauso Teil der Geschichte wie nächtliche Razzien oder vollständige Leibesvisitationen.

EINS

Die 6th Street Boys und ihre Konflikte mit dem Gesetz

CHUCK UND TIM

An ruhigen Nachmittagen vertrieb sich Chuck manchmal die Zeit damit, dass er seinem zwölfjährigen Bruder beibrachte, wie man vor der Polizei wegläuft. Sie saßen nebeneinander auf den Eisenstufen der rückwärtigen Veranda ihres zweistöckigen Hauses. Direkt vor ihnen verlief der betonierte Weg, der die kleinen umzäunten Gärten ihres Blocks mit denen des nächsten verband.

»Was machst du, wenn du die Sirenen hörst?«, fragte Chuck.

»Ich lauf weg«, antwortete sein kleiner Bruder.

»Wohin?«

»Hierher.«

»Das darfst du nicht – sie wissen, dass du hier wohnst.«

»Ich versteck mich im hinteren Zimmer im Souterrain.«

»Glaubst du nicht, die würden dann mal eben die Tür einschlagen?«

Tim zuckte die Achseln.

»Kennst du Miss Toya?«

»Ja.«

»Du kannst zu ihr gehen.«

»Aber ich kenne sie nicht so gut.«

»Eben.«

»Warum kann ich nicht zu Onkel Jean gehen?«

»Weil sie wissen, dass er dein Onkel ist. Du darfst zu niemandem gehen, der was mit dir zu tun hat.«

Tim nickte und schien glücklich, dass er die Aufmerksamkeit seines Bruders hatte, egal, was er sagte.

Chuck war der Älteste von drei Brüdern. Er teilte sich mit dem sieben Jahre jüngeren Tim und Reggie, der genau zwischen den beiden geboren worden war, ein kleines Zimmer im ersten Stock. Als Reggie gerade elf war, begann sein Weg durch diverse Jugendstrafanstalten, sodass Tim wenig von ihm wusste. Zu Chuck schaute Tim fast wie zu einem Vater auf.

Tim war noch ein Baby, als sich sein Vater nach South Carolina absetzte, dort heiratete und jeglichen Kontakt abbrach. Reggies Vater war noch schlimmer, ein unzuverlässiger Nichtsnutz, der einfach nichts auf die Reihe kriegte, immer wieder lange im Gefängis saß, und wenn er rauskam, im alkoholiserten Zustand Raubüberfälle verübte. Reggie sagt, er würde ihn auf der Straße nicht erkennen. Chucks Vater hingegen ließ sich in den ersten Jahren oft blicken, was Chuck manchmal erwähnte, wenn er zu erklären versuchte, warum er im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder Recht von Unrecht unterscheiden konnte.

Die Mutter der Jungs, Miss Linda, war fünf Jahre lang schwer Crackabhängig gewesen, als sie mit Chuck schwanger wurde, und während die Kinder aufwuchsen, nahm sie das Zeug weiter. Angesichts der Kürzungen im Sozialbereich bekam die Familie nur wenig staatliche Unterstützung, und Miss Linda hielt es auf keiner Arbeitsstelle länger als ein paar Monate aus. Mit der Rente ihres Vaters, der Postbeamter gewesen war, wurden die Haushaltskosten bestritten, aber für Lebensmittel, Kleidung oder Schulsachen gab er nichts. Er meinte, das übersteige seine Möglichkeiten, und außerdem sei er auch nicht dafür verantwortlich.

Mit dreizehn begann Chuck, für einen Dealer aus dem Viertel zu arbeiten, damit er für sich und Tim etwas zu essen kaufen konnte, ohne seine Mutter um Geld bitten zu müssen, das sie sowieso nicht hatte. Und sein Zugang zu Crack versetzte ihn in die Lage, die Abhängigkeit seiner Mutter zu steuern. Jetzt kam sie wegen der Drogen zu ihm und hörte weitgehend auf, sich zu prostituieren und Haushaltsgegenstände zu verkaufen, wenn sie einen Kick brauchte. In seiner Highschool-Zeit wurde Chuck mehrmals festgenommen, aber man konnte ihm nichts nachweisen, und so arbeitete er weiter für den Dealer.

Als er in der zehnten Klasse war, ragten Chucks Beine über den Rand des Stockbetts hinaus, das er sich mit Tim teilte. Deshalb räumte er das unfertige Souterrain aus und zog mit seiner Matratze und seinen Klamotten nach unten. Die Räume wurden immer wieder überschwemmt, es roch modrig darin, und manchmal bissen ihn die Ratten, aber wenigstens hatte er seine eigenen vier Wände.

Tim war acht, als Chuck aus ihrem gemeinsamen Zimmer auszog, und er tat so, als mache es ihm nichts aus. Aber wenn er nicht schlafen konnte, tappte er in das Souterrain und kroch zu seinem Bruder ins Bett.

In seinem letzten Schuljahr, als wir uns kennenlernten, war Chuck knapp eins fünfundachtzig groß und hatte eine von Basketball und Boxen – seinen Lieblingssportarten – geformte Statur. In jenem Winter hatte er sich auf dem Schulhof mit einem Jungen geprügelt, der seine Mom als Crack-Hure bezeichnet hatte. Laut Polizeibericht hatte Chuck den anderen nicht besonders stark verletzt und nur seinen Kopf in den Schnee gesteckt, aber die Schulcops klagten ihn wegen schwerer Körperverletzung an. Es zähle nicht, sagte Chuck, dass er einem Basketballteam angehörte und nicht die allerschlechtesten Schulnoten hatte. Da er gerade achtzehn geworden war, landete er wegen des Vorwurfs schwerer Körperverletzung in der Curran-Fromhold Correctional Facility, einer rosa und grau gestrichenen Strafanstalt des Countys an der State Road im Nordosten von Philadelphia, das als CFCF oder einfach als F bezeichnet wurde.

Etwa einen Monat, nachdem Chuck ins Gefängnis gewandert war, hörte Tim auf zu sprechen. Er nickte nur für Ja oder schüttelte den Kopf für Nein, sagte aber kein einziges Wort. Wenn Chuck aus dem Gefängnis anrief, bat er seine Mutter, Tim ans Telefon zu holen, und erzählte dann seinem kleinen Bruder, was seiner Vorstellung nach zu Hause ablief.

»Mike kommt nicht mehr vorbei, wetten? Jetzt, wo seine Baby-Mom bald platzen wird. Wahrscheinlich ist sie inzwischen dick wie ’ne Kugel. Wenn’s ein Junge wird, ist er bestimmt so dünn wie sein Pa, aber wenn’s ein Mädchen wird, ist es so ein Fettarsch wie seine Mom.«

Tim antwortete nicht, nur hin und wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Chuck redete ununterbrochen weiter, bis die Zeit abgelaufen war.

In seinen Briefen und seinen Telefonaten versuchte er, seine Mutter dazu zu überreden, mit seinem kleinen Bruder vorbeizukommen, wenn Besuchszeit war. »Er muss mich einfach sehen, er hat doch sonst niemanden da draußen.«

Miss Linda hatte keinen Personalausweis, der aber für den Besuch eines Insassen im Bezirksgefängnis notwendig war, nur eine Sozialversicherungskarte und eine alte Wählerregistrierkarte, und außerdem hasste sie es sowieso, einen ihrer Söhne im Knast zu besuchen. Chucks Freunde Mike und Alex boten an, Tim mitzunehmen, doch da Tim minderjährig war, musste ihn ein Elternteil oder ein Vormund begleiten.

Als Chuck acht Monate gesessen hatte, ließ der Richter fast alle Anklagepunkte fallen, und Chuck kehrte nach Hause zurück, allerdings hingen ein paar hundert Dollar Gerichtskosten wie ein Damoklesschwert über ihm. Als Tim seinen Bruder auf das Haus zukommen sah, brach er in Tränen aus und klammerte sich an sein Bein. Am Abend wurde gefeiert, und er versuchte, bis zum Ende wach zu bleiben, aber schließlich schlief er mit dem Kopf auf Chucks Schoß ein.

In den nächsten Monaten drängte Chuck seinen Bruder geduldig, doch wieder zu sprechen. Abends blieb er meistens zu Hause und spielte mit Tim Videospiele auf dem alten Fernseher im Wohnzimmer. Er zog sogar für eine Weile wieder nach oben in Tims Zimmer, damit der Kleine nachts nicht allein war. Das Bett erweiterte er mit einem Klappstuhl, legte die Beine darauf und fluchte, wenn sie abrutschten.

»Das kommt schon wieder«, sagte Chuck. »Er braucht nur mal jemand, der sich richtig um ihn kümmert.«

Tim nickte hoffnungsvoll.

Im folgenden Herbst versuchte Chuck, sich wieder in die Oberstufe einzuschreiben, aber die Highschool wollte ihn nicht aufnehmen; er war inzwischen neunzehn. Dann erließ der Richter in der alten Sache mit der Körperverletzung einen Vollstreckungsbescheid, weil Chuck die 225 Dollar Gerichtskosten nicht bezahlt hatte, die ein paar Wochen nach der Schließung der Akte fällig geworden waren. Daraufhin tauchte er ein paar Monate ab, bis er schließlich in die Stadt fuhr und sich im zuständigen Büro, dem Warrant and Surrender Office des Gerichts, meldete, um zu sehen, ob der Richter mit sich reden ließ. Das war ein großes Risiko: Chuck war sich nicht sicher, ob sie ihn nicht schnurstracks in den Knast stecken würden. Aber der Gerichtsbeamte stellte nur einen Ratenplan für monatliche Zahlugen auf. An jenem Nachmittag kam Chuck in Jubelstimmung nach Hause.

In diesem Herbst fing Tim wieder an zu sprechen. Er blieb aber ziemlich still und zog es vor, sich mit einem kleinen Lächeln oder Kopfschütteln zu verständigen.

Noch im selben Jahr wurde Tim, er war gerade elf geworden, selbst zum ersten Mal verhaftet. Chuck hatte Tim im Auto seiner Freundin zur Schule gefahren, und als ein Cop sie herauswinkte, stellte sich heraus, dass der Wagen in Kalifornien gestohlen worden war. Chuck konnte sich denken, welcher von den Verwandten seiner Freundin das Ding geklaut hatte, aber er sagte nichts. »Ich konnte da nicht helfen«, meinte er.

Der Polizist nahm die beiden Brüder in Gewahrsam, und auf dem Polizeirevier warfen sie Chuck Hehlerei vor. Tim klagten sie wegen Komplizenschaft an, und später verfügte ein Richter am Jugendgericht eine dreijährige Bewährungszeit.

Wegen dieser Bewährungszeit konnte jeder Zusammenstoß mit der Polizei ein Vergehen bedeuten und dazu führen, dass er in Jugendhaft kam, deshalb brachte Chuck jetzt seinem kleinen Bruder bei, wie man richtig vor der Polizei weglief: wie man eine Zivilstreife erkannte, wie und wo man sich versteckte, wie man sich verhielt, wenn man von der Polizei angehalten wurde, damit man sich und andere nicht noch mehr in Gefahr brachte.

REGGIE

Reggie, der mittlere Bruder von Chuck und Tim, kam damals für ein paar Monate nach Hause – ein übergewichtiger Fünfzehnjähriger, der bereits den Ruf genoss, sich gut für Raubüberfälle zu eignen. Ältere Jungs im Viertel bezeichneten ihn als Kanone, also als jemanden, der Mut und Einsatz zeigte. Reggie habe Mumm, sagten sie. Er würde nicht kneifen, wenn es mal gefährlich wurde. Miss Linda nannte ihren mittleren Sohn einen Schlägertypen. Im Gegensatz zu seiner Mutter und dem älteren Chuck schien es Reggie nicht zu interessieren, was im Viertel geredet wurde. Ihm war es egal, ob jemand anderes Geld machte oder Mädchen hatte – ihn beschäftigte nur, was er selbst abbekam.

»Der kennt keine Angst«, sagte sie nicht ohne Stolz. »Ein eiskalter Gangster.«

Reggie hatte aber auch eine seltener zum Vorschein kommende künstlerische Ader: Während seiner Haft kritzelte er Verse über die Welt da draußen und versuchte sich auch an ein paar Ghettoromanen.

Als Reggie diesmal nach Hause kam, heckte er ziemlich gewagte Pläne aus, um Geldtransporter oder die ganz großen Dealer auszurauben, aber er konnte in 6th Street niemanden auftreiben, der mitmachen wollte. »Die Nigga springen immer in letzter Minute ab!«, klagte er halb im Spaß. »Sind einfach Weicheier.«

Chuck versuchte, Reggie von solchen Raubüberfällen abzubringen, aber Reggie hatte anscheinend nicht die Geduld, sein Geld als Kleindealer zu verdienen. Deshalb lieferte er auch nur sporadisch Geld zu Hause ab. »Mein Bruder ist der, der die Brötchen verdient«, erklärte er.

Einen Monat nach seinem fünfzehnten Geburtstag wurde Reggie bei einer routinemäßigen Untersuchung positiv auf Marihuana getestet. (Bei einem Pisstest, wie man hier sagt, und wenn man positiv getestet wird, spricht man von heißer Pisse.) Der Bewährungsausschuss stellte fest, dass er die Auflagen nicht eingehalten hatte, und bevor sie ihn einsperren konnten, lief Reggie einfach weg. Kurz darauf erließen sie einen Haftbefehl gegen ihn.

An jenem Abend erklärte Reggie, es habe keinen Sinn, sich zu stellen, denn in einer Jugendstrafanstalt zu sitzen, sei viel schlimmer, als auf der Flucht zu sein.

»Wie lange wirst du auf der Flucht sein?«, fragte ich ihn.

»Bis ich mich stelle.«

»Das willst du tun?«

»Nein, das könnte ich tun, aber ich mach’s nicht.«

»Yeah.«

»Weißt du, was passiert ist, als ich mich das letzte Mal gestellt habe? Knast.«

»Das letzte Mal, als sie dich eingesperrt haben, hattest du dich gestellt?«

»Klar doch.«

»Wie lange hast du bis zum Prozess gesessen?«

»Neun Monate.«

In der Zeit, in der Reggie wegen Verletzung der Bewährungsvorschriften flüchtig war, wurde er außerdem wegen eines bewaffneten Raubüberfalls gesucht, für den die Polizei einen eigenen Haftbefehl hatte. Der Raubüberfall war von einer Überwachungskamera aufgezeichnet worden, und die Bilder kamen sogar in den Sechs-Uhr-Nachrichten. Die Cops fuhren mit Reggies Bild im Viertel herum und fragten alle möglichen Leute, ob sie ihn kennen würden. Mitten in der Nacht führten sie im Haus seiner Mutter eine Razzia durch. Am nächsten Morgen erzählte mir Reggie:

Yo, die Bullen waren letzte Nacht bei mir zu Hause und haben was von einem Haftbefehl gegen mich gefaselt, wegen Raubüberfall. Ich hab aber niemand überfallen, seit ich letztes Jahr die Kaution für meinen Bruder auftreiben musste … Sie haben gesagt, sie würden jede Nacht kommen, bis sie mich zu fassen kriegen. Jetzt meint meine Mom, sie will mich ausliefern, weil sie keine Bullen im Haus haben will … Das find ich voll scheiße. Ich gehe nicht noch einmal in den Knast. Da schlafe ich lieber in meinem Auto, wenn’s sein muss.

Tatsächlich schlief Reggie von nun an in seinem Auto. Er hielt ein paar Wochen durch, bevor die Cops ihn schnappten.

∗ ∗ ∗

Manche Leute im Viertel meinten, Chuck und seine jüngeren Brüder hätten so viele Probleme, weil ihre Väter nicht da seien und ihre Mutter kein gutes Vorbild abgebe. Praktisch alle sagten, Miss Linda sei drogenabhängig und habe ihre Jungs nicht gut erzogen. Man müsse nur einmal ihr Haus betreten, dann wisse man Bescheid: Es stinke nach Pisse, Kotze und abgestandenem Zigarettenqualm und auf den Arbeitsplatten und dreckigen Möbel liefen Kakerlaken herum. Aber viele von Chucks Freunden hatten Mütter, die nicht auf Crack waren, zwei Jobs hatten und zur Kirche gingen, und trotzem verbrachten auch diese Jungs viel Zeit mit der Polizei und den Gerichten.

MIKE UND RONNY

Mike war zwei Jahre älter als Chuck und wuchs nur einen Block weiter in einem zweistöckigen Haus bei seiner Mutter und seinem Onkel auf, der das Haus von Mikes Großvater geerbt hatte. Seine Mutter hielt das Haus außergewöhnlich sauber und hatte zwei, manchmal drei Jobs.

Mike war mit dreizehn zum ersten Mal verhaftet worden. Die Polizei hatte ihn angehalten, durchsucht und festgenommen, weil er eine kleine Menge Marihuana bei sich hatte. Er wurde auf Bewährung gesetzt, und es gelang ihm, so lange keinen Ärger zu bekommen, bis er die Highschool mithilfe von Abendkursen beendet hatte, wie das große Abschlussfoto auf dem Kaminsims im Haus seiner Mutter bewies.

Wegen der zwei Arbeitsstellen seiner Mom ging es dem Jungen finanziell besser als den meisten anderen – jedenfalls war genug da, um neue Schulkleidung und Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Chuck und Alex witzelten manchmal, das Ergebnis dieser relativ privilegierten Kindheit und Jugend sei, dass er viel zu viel Appetit auf die schönen Dinge des Lebens wie hübsche Frauen und modische Klamotten hätte. Sein morgendliches Ritual aus Bügeln, Haar- und Körperpflege und dem Polieren seiner Sneaker amüsierte viele. »Zwei ganze Stunden von der Dusche bis zur Haustür«, stichelte Chuck. Mike verteidigte diese Gewohnheiten und Vorlieben: Er habe eben den Ehrgeiz, mehr aus sich zu machen.

Mit zweiundzwanzig arbeitete Mike in Teilzeit in einem pharmazeutischen Lager und verkaufte nebenbei Crack. Seine Freundin, die er in der Highschool kennengelernt hatte, war mit seinem zweiten Kind schwanger.

Ein paar Wochen, nachdem seine Tochter zur Welt gekommen war, verlor Mike seine Stelle in dem Lager. Wegen Komplikationen bei der Geburt hatte er zu viele Arbeitstage hintereinander versäumt. Das erste halbe Jahr im Leben seiner Tochter verbrachte Mike mit fruchtlosen und demütigenden Versuchen, eine neue Stelle zu finden. Dann überredete er einen Freund aus einem anderen Viertel, ihm Crack auf Kredit zu geben, das er verkaufen wollte.

Mike hatte keine Geschwister, ging aber oft mit seinem young boy Ronny spazieren, den er als Bruder und in sentimentalen Augenblicken auch als seinen Patensohn betrachtete.1 Ronny war ein kleiner, untersetzter Kerl, trug einen Durag, der seinen Afro-Kurzhaarschnitt verbarg, und Hoodies, deren Kapuze er immer tief ins Gesicht zog. Seine Mutter dröhnte sich schon seit Ewigkeiten mit Crack zu, weshalb er in seinen ersten Lebensjahren von einem Obdachlosenheim ins nächste gezogen war. Schließlich nahm sich eine Bekannte seines Vaters, die für ihn zu einer Art Tante wurde, seiner an. Er mochte sie sehr. Sie starb, als er zwölf war, danach sorgte seine Großmutter mütterlicherseits für ihn. Zu dieser Zeit machte er seine ersten Erfahrungen mit Jugendstrafanstalten.

Ronny bezeichnete sich selbst als Stänkerer und wurde wiederholt aus der Schule geschmissen, zum Beispiel weil er seinen Lehrer geschlagen oder versucht hatte, das Auto des Direktors zu klauen. Wenn seine Großmutter ihn bat, ein guter Junge zu sein, grinste er und meinte nur: »Möchte ich ja, Nanna, aber ich kann nichts versprechen. Ich kann noch nicht mal sagen, dass ich es versuchen werde.« Jeden Tag drohte sie, ihn rauszuwerfen und in eine Jugendhaftanstalt zu stecken. Mit dreizehn legte sich Ronny eine Pistole zu, und mit fünfzehn schoss er sich beim Einsteigen in einen Bus ins Bein.

Ronny war ein hervorragender Tänzer und, wie er selbst sagte, »ein kleiner Zuhälter«. Zu einem ersten richtigen Gespräch mit ihm kam es, als wir zu verschiedenen Haftanstalten fuhren, um rauszubekommen, wo Mike einsaß, den die Polizei am Morgen festgenommen hatte. Im Auto fragte mich Ronny, wie alt ich sei. Ich sagte ihm mein Alter: einundzwanzig. Nach einer kurzen Weile grinste er und meinte: »Ich hab schon ältere Frauen gehabt.«

Kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten, machte sich Ronny im Viertel einen Namen, indem er sich mit der Polizei eine Verfolgunsjagd lieferte, die von West- bis Süd-Philly reichte, zuerst im Auto, dann zu Fuß – durch eine Tankstelle, einen Waschsalon und eine Spielhalle. Den Großteil der folgenden sechs Jahre verbrachte er in Jugendstrafanstalten im nördlichen Teil von Pennsylvania und Maryland.

ALEX

Alex war ein paar Blocks von 6th Street entfernt aufgewachsen, hatte aber seine ganze Kindheit dort verbracht und sich in der Highschool mit Chuck und Mike angefreundet. Er wohnte bei seiner Mutter, doch als er fünfzehn wurde, kehrte der Vater wieder in die Familie zurück, wodurch sich deren Lage wesentlich verbesserte. Sein Dad besaß zwei kleine Geschäfte im Viertel, und Alex vertrieb sich nach der Schule dort die Zeit.

Mit seinen mittlerweile dreiundzwanzig Jahren war Alex ein stattlicher Mann mit einem gequälten und müden Ausdruck, als wäre es eine zu große Bürde, für seine zwei kleinen Kinder und ihre Mütter zu sorgen. Als Teenager hatte er Crack und Pillen im Viertel vertickt und wegen Drogenbesitz ein Jahr im Gefängnis gesessen. Mit Anfang zwanzig gab er sich allergrößte Mühe, die Auflagen seiner zweijährigen Bewährungsstrafe einzuhalten. Er arbeitete in Teilzeit in der Reparaturwerkstatt für Heizungs- und Klimaanlagen seines Vaters, ab Ende 2004 in Vollzeit. Manchmal bemerkten Mike und Chuck neidisch, wenn ihre Dads Läden hätten, könnten sie auch arbeiten, aber meistens schienen sie sich für Alex zu freuen und hofften, dass es weiterhin gut bei ihm lief.

ANTHONY

Anthony war zweiundzwanzig, als wir uns kennenlernten, und wohnte in dem abgestellten Wrack eines Jeeps in einer Seitenstraße der 6th Street. Im Jahr zuvor hatte ihn seine Tante aus dem Haus geworfen, weil sie ihn dabei ertappt hatte, wie er Geld aus ihrer Handtasche klaute. Anthony bestritt das allerdings. Gelegentlich fand er einen Tagesjob in einem Leichtbaubetrieb, und manchmal arbeitete er ein paar Wochen am Stück in einem Bautrupp. Dazwischen gab ihm Mike hin und wieder etwas Crack zum Verkaufen, obwohl er nicht gerade gut darin war, weil er sich nicht wehrte, wenn andere ihn ausraubten. »Wenn ich praktisch auf der Straße [in einem Auto] wohne, kann ich nicht auf irgendwelche Nigga schießen, kapierst du?«, erklärte mir Anthony. »Alle wissen, wo ich bin. Ich habe keine Wände um mich herum.«

Als ich Anthony zum ersten Mal traf, war ein richterlicher Haftbefehl gegen ihn ergangen, weil er Gerichtskosten in Höhe von 173 Dollar für einen Fall nicht bezahlt hatte, der im selben Jahr abgeschlossen worden war. Neun der letzten zwölf Monate hatte er in U-Haft verbracht und auf eine Entscheidung gewartet. Kurze Zeit später riefen zwei Nachbarn, die von dem Haftbefehl wussten, die Polizei an und ließen ihn festnehmen. Sie behaupteten, er habe ihnen drei Paar Schuhe gestohlen.

»Wo sollte ich denn überhaupt drei Paar Sneaker hintun?«, fragte Anthony und deutete auf den Rücksitz des Jeeps.

»Vermutlich hat er sie verkauft«, sagte Mike, »für Lebensmittel und Gras.«

Als Anthony krank wurde, wahrscheinlich war es eine Lungenentzündung, schmuggelte Chuck ihn, sobald sein Großvater eingeschlafen war, durch die Hintertür ins Haus, legte eine Decke auf den Boden neben seinem Bett im Souterrain und ließ ihn dort schlafen. Chucks Mutter, Miss Linda, ließ Anthony sogar dort übernachten, als Chuck eingesperrt wurde, allerdings musste sie ihm dafür nun etwas mehr abknöpfen, wie sie sagte. Wenn Anthony wütend war, beklagte er sich bitterlich, er werde nie in der Lage sein, sich eine eigene Unterkunft zu leisten, weil sie ständig das Geld, das er zu sparen versuchte, aus seinen Taschen stahl, wenn er schlief.

∗ ∗ ∗

Die Rechtsprobleme, mit denen Chuck und seine Freunde in 6th Street kämpften, schienen mir enorm – zu viele und zu kompliziert, um ohne ausführliche Notizen den Überblick zu behalten. In der Zeit zwischen seinem zweiundzwanzigsten und seinem siebenundzwanzigsten Lebensjahr verbrachte Mike etwa dreieinhalb Jahre im Gefängnis oder in U-Haft. Von den 139 Wochen, in denen er nicht im Knast saß, stand er 87 Wochen unter Bewährung oder war unter Auflagen aus dem Gefängnis entlassen worden. Fünfunddreißig Wochen lang lebte er mit einem Haftbefehl – insgesamt wurden zehn auf ihn ausgestellt. Im Lauf dieser fünf Jahre stand er 51-mal vor Gericht, bei 47 Verhandlungen war ich anwesend.

Anfangs nahm ich an, Chuck, Mike und ihre Freunde stellten eine Außenseitergruppe von Delinquenten dar – die faulen Äpfel des Viertels. Schließlich verkauften einige von ihnen gelegentlich Marihuana und Crack an Kunden in der Nachbarschaft, und manchmal gerieten sie sogar in Schusswechsel. Doch mit der Zeit wurde mir klar, dass viele junge Männer aus 6th Street zumindest zwischenzeitlich Geld mit dem Verkauf von Drogen verdienten und Chuck und seine Freunde nicht die Einzigen waren, die mit dem Strafgesetz in Konflikt kamen. Vielen arbeitslosen jungen Männern in dem Viertel erging es ebenso. Als Chuck 2002 in die Abschlussklasse der Highschool kam, gab es dort in den Kursen mehr als doppelt so viele Mädchen wie Jungs. Jahre später, mit fast zweiundzwanzig, blätterte er einmal sein Jahrbuch aus der neunten Highschool-Klasse durch und stellte fest, dass die Hälfte der Jungen aus dieser Klasse gegenwärtig im Gefängnis oder in U-Haft saß.2

WENN MAN AUF DER FAHNDUNGSLISTE STEHT

Im Jahr 2007 gingen Chuck und ich in 6th Street von Tür zu Tür und führten eine Haushaltsbefragung durch. Wir interviewten 308 Männer im Alter zwischen achtzehn und dreißig. Davon berichteten 144, im Lauf der letzten drei Jahre Vollstreckungsbescheide wegen nicht geleisteter Gerichtskosten und Gebühren oder wegen Nichterscheinen vor Gericht erhalten zu haben; 119 erklärten, sie hätten im selben Zeitraum Haftbefehle wegen Verstößen gegen Bewährungsauflagen (etwa Alkoholgenuss oder Missachtung der Ausgangssperre) erhalten.

Laut meinen Kontakten in der für die Verwaltung von Haftbefehlen zuständigen Philadelphia Warrant Unit gab es im Winter 2010 achtzigtausend offene Haftbefehle in der Stadt. Ein kleiner Anteil davon betraf neue Kriminalfälle. Bei den meisten aber ging es um nicht eingehaltene Gerichtstermine, unbeglichene Gerichtsgebühren oder Verletzung der Bewährungsauflagen.

Bis in die 1970er-Jahre bestanden die Bemühungen der Stadt, die Personen mit ausstehenden Vollstreckungsbefehlen vor einen Richter zu bringen, darin, dass zwei Männer am Abend an einem Schreibtisch saßen und die Leute auf ihrer Liste anriefen, um sie aufzufordern, vorbeizukommen und sich einen neuen Gerichtstermin oder einen Ratenplan für die Begleichung ihrer Gerichtskosten geben zu lassen. Den Rest des Tages fuhren dieselben Männer Gefangenentransporte. Dann wurde für die Gerichte von Philadelphia eine spezielle Vollzugsabteilung geschaffen, die aktiv Personen mit offenen Vollstreckungsbescheiden verfolgen sollte. Ihr neuer Captain brüstete sich, die Verfolgungsmethoden zu verbessern, auf den neuesten Stand zu bringen und die Fallakten digital zu erfassen.

In den 1990er-Jahren hatte jede Kriminalabteilung der Polizei von Philadelphia ihre eigene Vollzugsabteilung. Heute unterhalten auch das Federal Bureau of Investigation (FBI), das Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms, and Explosives (ATF) sowie die US Marshalls eigene Vollzugsabteilungen in Philadelphia.

Mit der wachsenden Zahl der Polizisten und Spezialeinheiten, die eigens abgestellt wurden, um Leute mit einem Vollzugsbescheid aufzuspüren, verbesserte sich zugleich die Technik, die dabei zum Einsatz kam. In den Streifenwagen wurden Computer installiert, die Vorstrafenregister mit anhängigen Verfahren abgeglichen – zunächst nur in den Polizeirevieren der Stadt, dann aber auch im ganzen Land. So konnte man in null Komma nichts den Namen einer Person durch die Datenbanken sämtlicher Arten von Vollstreckungsbescheiden und Gerichtsurteilen im ganzen Land laufen lassen.

Spätestens seit den 1960er-Jahren ist die Anzahl der Verhaftungen, die ein Polizeibeamter oder eine Polizeieinheit vornimmt, ein wichtiger Leistungsindikator.3 Mit der Verbesserung der Techniken war die Festnahme von Leuten aufgrund von Haftbefehlen für Polizisten eine bequeme Methode zu zeigen, dass sie aktiv gegen die Kriminaltiät vorgingen. Die Polizeibeamten und Einheiten, die viele Vollstreckungsbefehle ausführten oder Personen festnahmen, wurden inoffiziell dafür belobigt, und die anderen wurden aufgefordert, es ihnen gleichzutun.

In Interviews erklärten die Polizeibeamten in Philadelphia, wenn sie eine bestimmte Person im Visier hätten, würden sie sich Sozialversicherungs- und Gerichtsakten ansehen, die Aufnahmeberichte von Krankenhäusern, Strom- und Gasrechnungen sowie Arbeitszeugnisse. Sie suchen die naheliegenden Verstecke des Verdächtigen (zum Beispiel sein Zuhause, seinen Arbeitsplatz und seine Corner, die Straßenecke, an der er sich bevorzugt aufhält) zu einem Zeitpunkt auf, wo man ihn dort erwarten kann, und drohen seiner Familie oder seinen Freunden mit Verhaftung, wenn sie nicht kooperieren, vor allem, wenn gegen sie ebenfalls Vollzugsbescheide wegen geringfügiger Vergehen vorliegen, sie auf Bewährung sind oder sich in einem laufenden Verfahren befinden. Außerdem benutzen all die Vollzugseinheiten, die in Philadelphia sitzen, ein ausgetüfeltes Computerprogramm, das Karten erstellt, anhand