ONE TO GO - Auf Leben und Tod - Mike Pace - E-Book

ONE TO GO - Auf Leben und Tod E-Book

Mike Pace

0,0

Beschreibung

Würdest du töten, damit deine Tochter leben kann? ONE TO GO - Auf Leben und Tod - ein spannender Mystery-Thriller, der unter die Haut geht! "Was wäre, wenn sich ein furchtbarer Fehler im Leben rückgängig machen ließe? Mike Pace macht aus dieser faszinierenden Prämisse einen mitreißend guten Roman - straff erzählt, voller explosiver Spannung und glaubhafter Charaktäre. Absolute Empfehlung!" [Douglas Preston, New York Times Bestsellerautor] Tom Booker arbeitet als Anwalt bei einer großen Washingtoner Kanzlei. Beim Tippen einer SMS, während der Fahrt über die Memorial Bridge, verliert er die Kontrolle über seinen Wagen und stürzt in einen entgegenkommenden Kleinbus, in welchem seine Tochter und drei ihrer Freunde sitzen. Der Minivan droht in den Potomac zu kippen. Die Zeit gefriert, Tom ist allein auf der Brücke. Ein junges Paar nähert sich und bietet ihm an, die Zeit zurückzudrehen. Der Absturz könnte abgewendet werden, die Kinder gerettet. Im Gegenzug soll er alle 2 Wochen jemanden töten, als "Seelenaustausch". Einen Augenblick später sitzt Tom wieder in seinem verunglückten Auto, der tödliche Absturz des Minivan ist nicht eingetreten. Er lacht über die Halluzination, schreibt sie dem Stoß seines Kopfes auf das Lenkrad zu, als sein Auto abrupt zum Halten kam. Aber seine Begegnung war keine Einbildung. Zwei Wochen später wird der Fahrer des Minivan brutal ermordet. Tom erhält eine SMS: Einer gegangen, noch vier übrig. Er hat noch nie einen Schuss abgegeben in seinem Leben, doch nun muss sich Tom in einen Serienkiller verwandeln – oder seine Tochter und ihre Freunde werden sterben. ----------------------------- "Das Buch ist sehr rasant und spannend geschrieben. Es geht Schlag auf Schlag … Wer einen rasanten Thriller mag, der darf sich dieses Buch nicht entgehen lassen." [Lesermeinung] "Ein Thriller der anderen Art, aber absolut genial." [Lesermeinung] "Fesselnder Pageturner" [Lesermeinung]

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 454

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



ONE TO GO

Auf Leben und Tod

Thriller

Mike Pace

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Christian Siege

Copyright © 2014 by Mike Pace

Die Originalausgabe erschien 2014 bei Oceanview Publishing, USA, unter dem Titel „One to Go“. Dieses Buch wurde vermittelt von der Literaturagentur erzähl:perspektive, München (www.erzaehlperspektive.de).

The original edition was published in 2014 at Oceanview Publishing, USA, under the title “One to Go”. This book was arranged by erzähl:perspektive Literary Agency, Munich (www.erzaehlperspektive.de)

Für Anne, meinen Fels

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: ONE TO GO Copyright Gesamtausgabe © 2016 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Christian Siege

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2016) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-127-1

Sie lesen gern spannende Bücher? Dann folgen Sie dem LUZIFER Verlag aufFacebook | Twitter | Pinterest

Sollte es trotz sorgfältiger Erstellung bei diesem E-Book ein technisches Problem auf Ihrem Lesegerät geben, so freuen wir uns, wenn Sie uns dies per Mail an [email protected] melden und das Problem kurz schildern. Wir kümmern uns selbstverständlich umgehend um Ihr Anliegen und senden Ihnen kostenlos einen korrigierten Titel.

Der LUZIFER Verlag verzichtet auf hartes DRM. Wir arbeiten mit einer modernen Wasserzeichen-Markierung in unseren digitalen Produkten, welche Ihnen keine technischen Hürden aufbürdet und ein bestmögliches Leseerlebnis erlaubt. Das illegale Kopieren dieses E-Books ist nicht erlaubt. Zuwiderhandlungen werden mithilfe der digitalen Signatur strafrechtlich verfolgt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis
ONE TO GO
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Epilog
Danksagungen
Über den Autor
Leseproben
LUZIFER Verlag

Kapitel 1

Tom Booker sah zu, wie die Zahlen auf der Anzeigetafel nach unten zählten. Mit jedem Stockwerk, das er passierte, wuchs seine Zuversicht, dass niemand zusteigen würde, bevor er die Tiefgarage erreicht hatte. 8 … 7 … Er stopfte den Kragen seines grünen Poloshirts unter seinen Blazer und glättete sein zerzaustes Haar. Er wollte bei Janie einen gepflegten Eindruck machen. 6 … 5 … Bing.

Der Aufzug hielt an, die Türen gingen auf und Robert »Bat« Masterson stieg zu. Toms Herz klopfte bis zum Hals. Masterson bildete den dritten Teil im Namen von Smith, Hale und Masterson, einer der renommiertesten Anwaltskanzleien in der Landeshauptstadt, die mit über fünfhundert Anwälten auch eine der größten war.

Masterson – groß, gebräunt und mit aristokratischen Gesichtszügen – war fast sechzig, sah aber mindestens zehn Jahre jünger aus. Abgesehen von ergrauten Schläfen war sein Haar noch immer voll und schwarz wie auf den großflächigen Werbeplakaten, die sich vor zwanzig Jahren entlang den Straßen von Fort Worth erstreckten. Mastersons Spitzname war auf einen berühmten Revolverhelden aus Dodge City zurückzuführen, der eine Zeit lang als Hilfssheriff unter Wyatt Earp gedient hatte und durch eine TV-Serie der Fünfziger bekannt gemacht wurde. Masterson, der darauf bestand, ein Nachfahre von Bat zu sein, fand Gefallen am Image des raubeinigen Gesetzeshüters und so war er weit davon entfernt, der Presse zu verbieten, ihn als Revolverhelden darzustellen, wenn er seine Klienten aus der oberen Mittelschicht verteidigte.

Seit Smith vor ein paar Jahren verstorben und Hale vor Kurzem in Rente gegangen waren, war Masterson der Hauptsenior der Seniorpartner.

»Guten Morgen«, grüßte Masterson. »Mr. Hooker, nicht wahr?«

»Booker, Sir.« Er hatte bisher nur einmal mit dem Mann gesprochen, und zwar während des Empfangs für neue Mitarbeiter, der stattfand, kurz nachdem er bei der Kanzlei angefangen hatte.

Er sah, dass Masterson die offizielle lässige Samstagsuniform von SHM trug: eine hellbraune Hose, Slipper, ein Poloshirt und ein navyblaues Sakko. Als Tom sich diesen Morgen ankleidete, hatte er kurz in Erwägung gezogen, die Uniform zu vernachlässigen und die Hose durch eine viel bequemere Jeans zu ersetzen, aber zum Glück hatte er es sich anders überlegt und sich gefügt.

»Aber natürlich«, entgegnete Masterson. »In welcher Abteilung sind Sie denn momentan untergebracht, Mr. Booker?«

»Firmenkunden, Sir.« Die Firmenpolitik sah vor, dass neue Mitarbeiter nacheinander vier oder fünf Fachgebiete in den ersten zwei Jahren durchliefen. Auf diese Weise beabsichtigte man, sowohl zugunsten der Kanzlei wie auch des Anwalts die geeignetste Stelle für ihn zu finden. Die Neulinge mussten auch noch ehrenamtlich gemeinnützige Praktika absolvieren, damit die Kanzlei so ihre Verpflichtungen gegenüber den Armen und Geknechteten erfüllen konnte, ohne Arbeitszeit von sehr viel höher bezahlten Anwälten investieren zu müssen.

»Vielleicht sehen wir Sie ja schon bald in der OP-Abteilung.«

OP war die Abkürzung für Oberschichtprozesse. Die meisten in Washington sahen in Masterson, der früher Generalstaatsanwalt der Vereinigten Staaten sowie Gouverneur von Texas war, den besten Strafverteidiger für Angeklagte aus der Oberschicht oder oberen Mittelschicht in der ganzen Stadt, wenn nicht sogar im ganzen Land. Die Wähler hatten Bats früheren Chef vor zwei Jahren mit einem Tritt in den Allerwertesten aus dem Oval Office verbannt, nun kam Bat in die engere Auswahl der möglichen Präsidentschaftskandidaten seiner Partei für die Wahlen in zwei Jahren.

»Sind Sie auf dem Weg in die Bibliothek?«, erkundigte sich Masterson. Er wollte gerade den Knopf für den ersten Stock drücken.

Tom hätte ihn einfach anschwindeln können – die Wahrscheinlichkeit, dass Masterson einen niederen Angestellten in den nächsten Stunden vermissen würde, lag quasi bei Null. Die Betonung lag jedoch auf ›quasi‹.

»Nein, Sir. Ich muss meine Tochter für einen kurzen Schulausflug abholen.« Er fügte rasch hinzu: »Aber ich werde in wenigen Stunden zurück sein und die verlorene Zeit nachholen.«

»Familie ist natürlich wichtig.« Sein Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel darüber, dass Masterson die Ansicht vertrat, dass Zeit, die ein Mitarbeiter am Samstagmorgen für etwas Anderes als von Klienten zu bezahlende Arbeitszeit aufwendete, dem Hauptsenior nur Geld kostete und daher definitiv nicht wichtig war.

Der Aufzug kam in der Lobby an und Masterson stieg aus. »Wir sehen uns am Nachmittag, Mr. Booker.«

»Na klar, Sir.«

Die Türen gingen zu. Tom atmete tief durch, dann hämmerte er auf den bereits aufleuchtenden T-Knopf, damit der Aufzug ohne weiteren Störenfried die letzten zwei Stockwerke hinter sich brachte.

In der Tiefgarage angekommen joggte er zu seinem silbernen Lexus GS 430. Der Wagen war schon fast fünf Jahre alt und der einzige Luxus, den sich Tom damals geleistet hatte, als er von SHM direkt nach dem Jurastudium an der Universität von Georgetown eingestellt worden war.

Er ließ den Motor an und fuhr zügig die Auffahrt hinauf aus der Garage, wobei er fast zwei junge Männer in Anzug und Krawatte über den Haufen fuhr. Beide zeigten ihm den Mittelfinger. Lobbyisten, dachte sich Tom. Tragen immer noch Krawatten am Samstag.

Die nervig bimmelnde Aufforderung, sich anzuschnallen, ertönte, als er in die M Street einbog, worauf er den Gurt mit einer Hand anlegte, während er nach Süden auf die New Hampshire Avenue fuhr. Er spähte auf die Uhr im Cockpit. Scheiße. Gayle würde ihn umbringen.

Nachdem er zum vierten Mal an eine rote Ampel geraten war, holte er widerwillig sein Handy hervor. Eigentlich war es im Distrikt gesetzlich untersagt, beim Fahren mit dem Handy zu telefonieren, aber jeder wusste, dass die gesamte Regierung und die Geschäfte all derer, die mit ihr ihren Lebensunterhalt verdienten, auf einen Schlag zum Stillstand kämen, wenn man dieses Gesetz mit aller Härte durchsetzen würde. Außerdem stand er an einer Ampel und fuhr somit technisch gesehen gar nicht.

Als er hörte, wie die Verbindung zustande kam, verzog er das Gesicht, denn er wusste, was gleich folgen würde.

»Wo zum Teufel bist du? Janie, Angie und die anderen beiden Siebenjährigen stehen hier in meiner Küche und warten auf dich.«

»Tut mir leid, ich …«

»Wie willst du es überhaupt schaffen, innerhalb von weniger als fünfundvierzig Minuten hierherzukommen, sie abzuholen und zum Luft- und Raumfahrtmuseum zu bringen?«

»O'Neal brauchte noch den Vertragsabschluss vor …«

»Das ist mir egal! Es ist immer irgendetwas. Du ziehst deine Arbeit und dich selbst immer der Familie vor.«

Die Antwort kam aus seinem Mund geschossen, noch bevor er sich davon abhalten konnte. »Man könnte der Familie auch vorziehen, mit dem Kinderarzt der eigenen Tochter zu schlafen.« Verdammt. Immer daran denken: Erst abwarten, dann reden. Erst abwarten, dann reden.

»Du blödes Arschloch.«

Tom atmete tief durch. Die Chancen standen prächtig, dass Janie in Hörweite war und das letzte, was sie jetzt brauchen konnte, nachdem sie sieben Monate mit der Trennung ihrer Eltern zu kämpfen hatte, waren erneute Streitereien. Er senkte die Stimme. »Schau, ich bin schon fast auf der Roosevelt Bridge. Kannst du sie mitnehmen? Ich kann dich am Museumseingang treffen und dir die Kinder dort abnehmen.«

»Meine Tochter ist kein Football. Außerdem haben David und ich etwas vor. Wenn du nicht in fünfzehn Minuten hier bist, kann ich vielleicht Rosie überreden, sie zu nehmen.« Sie legte auf.

Meine Tochter. Der Wechsel von unserer Tochter zu meiner Tochter vor ein paar Monaten war nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Gayle, Janie und Dr. Dave – er bestand darauf, dass ihn seine Patienten und ihre Mütter Dr. Dave nannten – wohnten in Toms ehemaligem Haus in Arlington, während Tom selbst nun ein winziges Ein-Zimmer-Apartment im Adams-Morgan-Viertel sein Zuhause nannte. Adams Morgan war bekannt für seinen vielfältigen Charme, eine Reihe der besten Latino-Restaurants der Stadt und die gewaltverseuchte Drogenkultur an seinen Randbezirken.

Rosie war Rosie Battaglia, Gayles Schwester. Sie, ihr Ehemann Gino und ihre junge Tochter Angie wohnten östlich der Connecticut Avenue im oberen Nordwesten von DC, nahe der Maryland Line, im versnobt-modischen Teil der Stadt.

Am Abend zuvor war Angie von Janie zum Übernachten eingeladen worden. Tom hätte sich gewünscht, dass das Übernachten bei Angie stattgefunden hätte; dann wäre seine Anfahrt aus der Innenstadt kürzer gewesen.

Die letzte Ampel vor der Brücke. Ein Auto stand vor ihm, ein uralter beigefarbener Buick mit Kennzeichen aus Ohio. Die Ampel wurde gelb.

»Fahr doch, fahr!« Aber anstatt Gas zu geben, wurde die Limousine langsamer und blieb an der Kreuzung ganz stehen. Tom hämmerte mit der Faust auf das Lenkrad ein. Er sah wieder auf die Uhr im Cockpit. Auf keinen Fall würde er es rechtzeitig schaffen.

Er konnte spüren, wie sein Gesicht mit steigendem Frust rot anlief. Er riskierte einen Blick zum Handschuhfach. Nur ein Schlückchen zur Beruhigung?

Die Ampel schaltete um. Er trat auf das Gaspedal und fuhr so dicht auf den Buick auf, dass er fast dessen Stoßstange touchiert hätte.

Als er um die Kurve bog, sah er blinkende Lichter auf der Brücke. Ein Unfall hatte den Verkehr zum Erliegen gebracht. Scheiße. Nur wenige Minuten von seiner Deadline entfernt, überlegte er, ob er die Fahrt nach Arlington aufgeben und noch einmal anrufen sollte, um Rosie anzubetteln, die Mädchen zu nehmen. Er könnte sie am Museum dann in Empfang nehmen.

Oder er versuchte es über das Memorial. Vielleicht gab ihm Gayle eine Gnadenfrist.

Er umfuhr den Buick und begab sich nach Süden, den Fluss entlang, dann bog er auf die Brücke und fuhr weiter nach Westen über den Potomac. Dort zog er rasch auf die Überholspur, wo ihn eine durchgezogene gelbe Linie vor dem aufkommenden Verkehr in östliche Richtung bewahrte.

In der Ferne sah er einen grünen Dodge Minivan von der westlichen Auffahrt der Brücke auf ihn zukommen. Rosie hatte einen grünen Minivan. Konnte es sein, dass Gayle die Kinder schon früh mit Rosie losgeschickt hatte? Warum hatte sie ihn dann nicht angerufen?

Er fischte sein Handy aus der Tasche, sah auf das Display hinab und scrollte bis zu ihrer Nummer. Er hatte ein System für sich entwickelt, bei dem er das Telefon mit rechts auf Augenhöhe halten konnte, um gleichzeitig weiter auf die Straße blicken zu können.

Er tippte rasch: auf der Mem brücke. Sind sie unterwegs? Dann drückte er ›Senden‹.

Der Minivan kam näher. Er erinnerte sich, dass Rosie ein orangefarbenes Band an die Antenne gebunden hatte, damit sie ihr Auto auf Parkplätzen schnell wiederfand. Ein roter Ford Pick-up vor dem Minivan fuhr hin und her, sodass Tom Schwierigkeiten hatte, die Antenne des Dodge zu erkennen.

Er hörte das Bimmeln einer ankommenden SMS und sah hinunter, um Gayles Nachricht zu lesen.

Ja. Konnten nicht warten. Sind nicht glücklich. Treffen bei Museum.

Großartig. Warum konnte sie nicht …?

Er wurde von quietschenden Reifen und lautem Hupen aus seinen Gedanken gerissen.

Tom sah hoch und erkannte, dass er auf die Gegenfahrbahn geraten war und schnurstracks auf den grünen Minivan zuhielt.

Er trat mit aller Kraft auf die Bremse und zog scharf nach rechts.

Anstatt zu gehorchen, schleuderte der Lexus wie ein Frisbee über den Gehsteig, rammte zuerst den Minivan frontal und prallte dann ab, um in das Heck des roten Pick-up zu krachen. Der Pick-up knallte in einem seltsamen Winkel gegen den Randstein. Er hob ab in die Luft und schien dort lange Zeit zu verweilen, bevor er mitten auf der Straße auf dem Dach landete. Die Wucht der Kollision stieß den Minivan auf den Bürgersteig, wo er von einer Straßenlaterne abprallte und auf den zwei rechten Reifen weiterrollte. Er rollte wippend neben das Brückengeländer, wo er in den Potomac zu kippen drohte.

Der kürzer als eine Sekunde dauernde Eindruck eines orangefarbenen Bändchens kam ihm in den Sinn.

Für einen Moment sah er Janies Gesicht gegen die Scheibe des Vans gepresst aufblitzen.

Dann sah er nichts mehr.

Kapitel 2

Toms volles Bewusstsein kehrte einen Sekundenbruchteil vor dem brennenden Schmerz und dem Geruch von Rauch zurück. Er sah über den luftleeren Airbag, dass die Windschutzscheibe zwar Risse hatte, aber dennoch größtenteils ganz war. Gott sei Dank gab es Sicherheitsglas. Durch das Mosaik der rissigen Scheibe konnte er die zerbeulte Motorhaube des Lexus sehen, die sich um eine Straßenlaterne gewickelt hatte.

Er nahm seine Gliedmaßen in Augenschein – sie schienen alle noch dran zu sein und bestens zu funktionieren. Der Zusammenstoß hatte seinen Schalensitz verdreht, sodass Tom nun die Beifahrerseite vor seinem Gesicht hatte, wo die Kollision des Autos mit der Laterne das Dach auf Kniehöhe heruntergedrückt hatte.

Der umgestürzte rote Pick-up war die Quelle des Rauchs. Die Fahrerkabine des Wagens war fast auf die Höhe der Ladefläche heruntergequetscht. Der Rauch stieg aus dem Unterboden des Fahrzeugs.

Nur, dass er nicht stieg.

Tom roch den Rauch und sah ihn aus dem Fahrzeug quellen, aber er bewegte sich nicht; der dunkle Qualm schien eingefroren, als blicke man nur ein Foto des Rauches anstatt den Rauch selbst.

Tom versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen, aber der Rauch stand weiter still, zweifellos eine Illusion, die durch das zerbrochene Sicherheitsglas ausgelöst wurde.

Seine Augen richteten sich auf den Beifahrersitz. Mein Gott, was wäre, wenn er Janie rechtzeitig abgeholt hätte? Er hätte drei der Mädchen auf den Rücksitz verfrachtet und Janie auf den Vordersitz gepackt. Janie wäre tot und die anderen Mädchen vielleicht auch.

Er riss seinen Kopf herum und sah den grünen Minivan, der auf zwei Rädern balancierte und kurz davor war, in den Fluss zu stürzen.

Janie.

Er mühte sich ab, aus dem Auto zu gelangen, aber die Fahrertür klemmte. Tom war nicht überrascht, dass sich auch das elektrische Fenster nicht bewegte.

Der Verschluss des Sicherheitsgurtes hatte sich herumgedreht, sodass Tom halb darauf saß. Er drückte den Knopf, der jedoch auch klemmte.

Er wackelte mit den Hüften am Gurt, worauf ihn ein stechender Schmerz in die Lendenwirbel und das linke Bein hinab japsen ließ. Der Gurt lockerte sich. Die Schrauben, die die Halterung des Gurts am Boden befestigten, hatten sich teilweise gelöst. Tom griff ganz unten nach dem Gurt und zog, mit einem kurzen Blick über die Straße zu dem auf zwei Rädern balancierenden Minivan, nicht nur mit seinen Armen und Schultern, sondern mit der Kraft seines ganzen Körpers. Sein Schmerzensschrei enthielt bald auch ein Siegesgefühl, als sich die Gurthalterung ruckartig löste. Der Geruch des Rauchs wurde stärker. Tom schlängelte sich unter dem Sicherheitsgurt hindurch und war frei.

Er trat die Windschutzscheibe hinaus, worauf sofort Schmerzen von seiner Hüfte das linke Bein hinabschossen und ihm den Atem raubten.

Tom ignorierte die Schnitte an seinen Armen, die ihm das Glas zufügte, schleppte seinen Körper durch die Öffnung und glitt dann mit dem Kopf voraus an der Seite des Wagens auf den Bürgersteig, wo er sich schließlich aufrichtete.

Er konzentrierte sich ausschließlich auf den unsicher wippenden Minivan und torkelte zur Mittellinie. Im Hinterkopf kam ihm der Gedanke, warum er keine Sirenen herannahen hörte. Dann erkannte er plötzlich, dass er gar nichts hörte. War er durch die Kollision taub geworden? Würde das wieder vorübergehen?

Dafür war jetzt keine Zeit, er musste zu seiner Tochter. Der Gestank von Rauch und brennendem Gummi erstickte ihn fast. Zum ersten Mal sah er Flammen aus dem Minivan aufsteigen. Er musste sie herausholen, bevor der Benzintank Feuer fing.

Erneut jedoch rührten sich die Flammen nicht.

Er wandte sich zurück zu dem Pick-up. Der Rauch schien mitten in der Luft wie gefroren.

Da drehte er sich einmal im Kreis. Keines der Autos auf der Brücke bewegte sich. Ein paar Touristen, die auf dem Gehsteig flanierten, schienen in der Zeit eingefroren. Eine Frau, die einen schwarzen Pudel Gassi führte, war mitten in der Bewegung eingefroren. Sie hätte eigentlich umkippen müssen, da ihr Schwerpunkt außerhalb des einzelnen Fußes lag, auf dem sie während ihres eingefrorenen Schrittes stand.

Tom überquerte die Straße und erreichte den Minivan. Sollte er nicht umstürzen? Er sah Janies Gesicht gegen die Heckscheibe gepresst. Ihr Mund stand weit offen und ihre Handflächen drückten gegen das Glas. Ihr Körper lehnte sich in Richtung Gehsteig, fiel aber nicht um. Sie bewegte sich nicht im Geringsten.

Sie bewegte sich kein scheiß bisschen!

Er erblickte Angie und die anderen Mädchen durcheinandergewirbelt und kopfüber im Wageninneren – allesamt mitten in der Luft erstarrt.

Für einen Moment sah er Janie in die Augen. Ein ungewöhnliches Eisblau; es hatte ihn schon immer insgeheim mit Stolz erfüllt, wenn ihr jemand gesagt hatte: »Oh, du hast ja die Augen deines Vaters.« Und obwohl sich diese Augen nicht bewegten, wurde er das Gefühl nicht los, dass sie ihn sehen konnte.

Er versuchte, die Heckklappe aufzustemmen. Keine Chance.

Vielleicht sollte er die Heckscheibe einschlagen. Er trippelte so schnell er konnte zurück zu dem umgeworfenen Pick-up, um Werkzeug darin zu suchen. Sein Rücken zuckte schmerzerfüllt, als er sich bückte. Tom musste eine Pause einlegen, um durchzuatmen. Der Fahrer, noch ein Teenager, stand auf dem Kopf und hatte keinen Sicherheitsgurt angelegt. Die leeren Augen des Jungen starrten Tom aus einem teilweise abgetrennten Kopf an. Blut durchtränkte die durchgehende Sitzbank und alles andere in der Fahrgastzelle. Tom musste sich zwingen, die bitter aufsteigende Flüssigkeit in seinem Hals zu schlucken, während er einen Hammer oder etwas ähnlich brauchbares an Werkzeug suchte, mit dem er die Heckscheibe des Dodge zertrümmern konnte. Nichts.

Er spähte hinter sich zu dem kippenden Van. Auf der Brücke gab es noch andere Autos. Irgendjemand musste doch einen Hammer dabeihaben. Tom keuchte wegen der Schmerzen in Rücken und Bein, als er aufstand. Er blickte nach Osten zum Memorial und fand einen weiteren Van, den weißen Wagen einer Heizungsbau- und Sanitärfirma mit der Aufschrift Welch Plumbing an den Seiten, zu dem er humpelte.

Als er am Fahrgestell des roten Pick-up vorbeiging, streckte er die Hand aus und fuhr damit durch den aufsteigenden Rauch – der aber nicht aufstieg. Er spürte nichts.

Dann nahm er nur aus dem Augenwinkel eine Bewegung am östlichen Ende der Brücke wahr.

Zwei Menschen kamen auf ihn zugelaufen.

Kapitel 3

Als sie näherkamen, konnte er erkennen, dass eine der Personen weiblich war. Er ignorierte den Schmerz und schlurfte auf das Paar zu, wobei er wild mit den Armen in der Luft wedelte.

»Hilfe! Hilfe!«

Der Mann und die Frau lächelten und winkten zurück, wobei sie weiter in lockerem Tempo joggten. Sie hatten ihn wohl nicht gehört.

»Hilfe! Unfall!«

Tom erreichte die beiden nahe des Mittelpunkts der Brücke. Sie waren jung, gebräunt und gut aussehend auf eine saubere, angenehme Art. Sie waren beide blond und hatten eisblaue Augen. Sie waren keine Zwillinge, ähnelten einander aber so stark, dass sie leicht Bruder und Schwester hätten sein können. Sie trugen knackige weiße Shorts und passende lindgrüne T-Shirts, was sie aussehen ließ wie Models aus einer Werbung von Abercrombie & Fitch oder J. Crew, die an einem warmen Vormittag spät im September zum Joggen gingen. Und sie schienen gar nichts von den Geschehnissen um sich herum mitzubekommen.

»Haben Sie ein Telefon?«, schrie Tom.

Der Mann griff in seine Hosentasche, holte ein Handy hervor und zeigte es ihm.

»Wählen Sie den Notruf! Schnell, meine Tochter …!«

»Das ist gar nicht nötig, Tom«, entgegnete der Mann mit einem strahlenden Lächeln.

»Sie haben schon angerufen? Super. Sehen Sie, meine Tochter und ein paar weitere Kinder sind in dem grünen Van. Sie müssen mir helfen, die Tür aufzubekommen.« Er hinkte zu dem Van. »Wir müssen vorsichtig sein, denn wenn der Van umkippt … Warten Sie, woher wissen Sie, wie ich heiße?« Er blieb stehen und wandte sich wieder dem Paar zu. Da dämmerte es ihm – die Umgebung eingefroren im Augenblick, zwei gut aussehende Menschen, die ihn grüßten.

Heilige Scheiße. Er war tot.

»Du bist nicht tot, Tom«, sagte das Mädchen.

»Woher wissen Sie, was ich denke?«

Sie reagierten beide mit einem breiten Grinsen auf diese Frage.

»Kommen Sie schon, wir müssen die Mädchen aus dem Van befreien, schnell.« Er gab sich alle Mühe, die Schmerzen nicht zu beachten, schlurfte auf den Minivan zu und erwartete, dass ihm die beiden folgten.

Als er ungefähr zehn Meter weit gekommen war, drehte er sich um. Sie hatten sich nicht vom Fleck gerührt. Dann, eine Hundertstelsekunde später, standen sie unmittelbar vor ihm.

»Wer seid ihr?«

»Ich heiße Chad und das hier ist Britney. Schön, dich kennenzulernen, Tom.« Sie hielten ihm beide die Hand hin.

Tom nahm an, dass es für das bizarre Verhalten der beiden Spinner, die aussahen wie Eliteschüler, eine logische Erklärung gab, aber er hatte keine Zeit, großartig darüber nachzudenken. Er musste Janie aus dem Dodge befreien. Er ignorierte die ausgestreckten Hände und humpelte zum Minivan.

Als er ihn erreichte, war alles beim Alten. Das Fahrzeug balancierte weiterhin auf zwei Reifen und Janies Gesichtsausdruck war immer noch eingefroren. Sie hatte sich nicht im Mindesten bewegt.

Er hörte das Mädchen – Britney? – direkt hinter sich. »Das ist irgendwie abgefahren, findest du nicht?«

Tom sah nach hinten. Sie standen beide da, die Hände noch immer ausgestreckt. »Ich meine, die ganze Sache mit der stehengebliebenen Zeit. Gruselig.«

»Genau«, fügte Chad hinzu, der unverändert weiterlächelte. »Total gruselig.«

Wer zum Teufel waren diese Menschen? »Ich weiß nicht, was hier vorgeht, aber wenn Sie irgendetwas tun können, dann helfen Sie mir bitte, sie da rauszuholen.«

»Wir können tatsächlich etwas tun, Tom«, antwortete Chad.

»Absolut«, meinte Britney.

Chad legte Tom freundschaftlich einen Arm um die Schulter und drehte ihn sanft herum, sodass nun beide den Minivan ansehen konnten. »Ich bin mir sicher, dass du mir beipflichtest, dass das Leben voller Entscheidungen steckt. Banale Entscheidungen – was werde ich heute anziehen, was werde ich zum Frühstück essen – und Entscheidungen mit Folgen; welchen Karriereweg man einschlägt, welchen Ehepartner man sich aussucht. Manchmal werden wir gezwungen, über Leben oder Tod zu entscheiden. Fällt dir ein Beispiel für solch eine Entscheidung ein, Tom?«

»Bitte, helft mir einfach …«

»Versuch es mal, Tom.«

»Ich weiß nicht, bei einem geliebten Menschen den Stecker ziehen?«

»Ausgezeichnet«, lobte ihn Britney. »Du bekommst eine Eins mit Stern.«

Chad winkte mit dem Arm über die Unfallszene. »Siehst du, Tom, gleich kannst du hier an Ort und Stelle eine Entscheidung über Leben und Tod treffen.«

»Eigentlich geht es dabei um Leben oder Tod«, verbesserte Britney.

»Da hast du recht«, kicherte Chad. »Ich korrigiere mich: eine Entscheidung über Leben oder Tod.«

»Worüber zur Hölle redet ihr da?« Er sah hinüber zum Lexus, teilweise in Erwartung, seinen eigenen Körper in der Fahrerkabine zu sehen. Oder, entgegen dem, was sie gesagt hatten, war er vielleicht tatsächlich tot. Wenn er aber tot war, wo war er dann? Und warum sollte ein stechender Schmerz von seinen Lendenwirbeln und das Bein entlang toben?

»Die Sache kann auf zwei verschiedene Arten ausgehen«, erklärte Chad und zeigte auf die Karambolage. »Hier kommt Möglichkeit A.«

Tom hörte ein Surren, als würde ein altmodischer Kassettenrekorder zurückgespult. Plötzlich bewegte sich alles. Rückwärts. Es wurde zurückgespult bis zu einem Zeitpunkt ein paar Sekunden vor der Kollision.

Tom traute seinen Augen nicht. Er sah den grünen Minivan mit Rosie in östlicher Richtung auf die Brücke fahren, hinter den roten Pick-up. Er konnte den Fahrer jetzt erkennen: Ein gut aussehender Junge, vielleicht siebzehn oder achtzehn, der mit seinem Handy telefonierte. Er sah auch seinen Lexus, wie er sich den zwei anderen Autos näherte, und er saß am Steuer. Was aber unmöglich war, denn er stand ja auf dem Bürgersteig.

Er sah genauer hin. Er saß am Steuer.

»Irgendwie cool«, meinte Britney.

Tom konnte nicht wegsehen. Er sah sich selbst nach unten blicken, um Gayles SMS zu lesen.

»Man sollte am Steuer keine SMS schreiben«, mahnte Chad.

»Ablenkungen beim Fahren können tödlich sein«, ergänzte Britney.

Tom hörte die Hupen und die quietschenden Reifen. Er roch den verbrannten Gummi. Wie gelähmt sah er zu, wie der Lexus ins Schleudern geriet und außer Kontrolle auf den Minivan und den roten Pick-up zusteuerte.

Nur blieb dieses Mal die Kollision aus.

Rosie machte eine Vollbremsung, und der Minivan kam quietschend zum Stehen, sodass der Lexus noch vor ihr aus dem Schleudern herauskam. Der Lexus schlitterte über den Randstein, verfehlte den Laternenpfahl um Haaresbreite und kehrte schließlich auf die Fahrbahn zurück. Der rote Pick-up fuhr weiter. Tom konnte sehen, wie Rosie dem Fahrer des Lexus – ihm – den Mittelfinger durch das Fenster zeigte. Offenbar konnte sie ihn nicht genau sehen und erkannte das Auto nicht. Sie fuhr langsam wieder los und setzte ihren Weg in östlicher Richtung nach DC fort.

Als der Minivan vorbeifuhr, konnte Tom sehen, wie Janie und die anderen Mädchen wegen Rosies obszöner Geste kichern mussten.

Er winkte wie verrückt mit beiden Armen. »Janie!«

Zwar wusste er, dass sie ihn nicht hören konnte, aber er war so aufgeregt, sie lebend und in Sicherheit zu sehen, dass ihm das egal war. Er wandte sich wieder an Chad. »Wenn das ein Traum ist, dann möchte ich jetzt gerne aufwachen.«

Chad beachtete ihn nicht.

Erneut war das Surren zu hören und die Szenerie kehrte zu dem Zeitpunkt von vor ein paar Augenblicken zurück – die Zeit eingefroren, der Pick-up auf dem Dach, der Lexus um die Laterne gewickelt und Toms Tochter mitten im Schrei gefangen in einem grünen Minivan, der auf zwei Rädern über den Rand einer Brücke ragte.

»Und das hier ist Möglichkeit B«, sagte Chad. Er wischte mit dem Arm über die Unfallszene. Dieses Mal wurde die Szene nur ein paar Sekunden zurückgespult.

Tom wurde augenblicklich mit dem inzwischen bekannten Wirrwarr an Bildern, Geräuschen und Gerüchen konfrontiert: Ein gellender Schrei von der Frau mit dem Pudel; quietschende Bremsen und lärmendes Gehupe von anderen Fahrzeugen, die auswichen, um nicht in den Pick-up zu krachen; der ätzende Gestank von Qualm und verbranntem Gummi.

Er riss seinen Kopf herum, um den Minivan zu sehen. Die Flammen aus dem Motorraum bewegten sich jetzt. Sie hatten das Benzin, das aus dem Tank tröpfelte, in Brand gesteckt und versengten den grünen Lack unterhalb des Tankdeckels.

Gott, nein!

Die Flammen stiegen an der Seite des Vans empor bis zum Einfüllstutzen des Tanks.

Und der Wagen kippte langsam in Richtung Fluss.

Kapitel 4

»Janie!«

Als Tom auf den Van zurannte, sah er ihr Gesicht und ihre Hände immer noch fest an die Scheibe gepresst, in ihrem Gesicht der Ausdruck schieren Entsetzens. Er kam nahe genug heran, um ihren Mund zu erkennen: »Daddy!«

Dann kippte der Van wie in Zeitlupe über das Brückengeländer und stürzte kopfüber in den Potomac.

Das deutliche Platschen, als der Wagen in das Wasser stürzte, war nur für einen Sekundenbruchteil zu hören und wurde rasch von einem gewaltigen Knall übertönt, als der Minivan in einer feurigen Explosion zerrissen wurde. Die Wucht schleuderte einen Feuerball über den Rand der Brücke hinauf, worauf Tom unfreiwillig einen Satz zurückmachte.

»NEEEIIIN!«

Tom ignorierte die Funken und Trümmer, die auf die Brücke herabregneten und rannte zum Geländer. Unten sah er, wie das Fahrzeug ein Raub der Flammen wurde. Er dachte, er könne leise Hilferufe aus dem Feuer hören.Die Stimme von Janie? Bildete er sich das ein? Bildete er sich die ganze Albtraumszene ein?

Er hörte Kreischen, Schreien und das leise Heulen einer näherkommenden Sirene. Er musste dort hinunter. Sofort.

Tom drehte sich um und sah, wie Chad und Britney ruhig mitten auf der Straße standen, während um sie herum das Chaos tobte.

»Helft mir!«

Im Bruchteil einer Sekunde standen sie beide vor ihm. »Tut uns leid, Tom, sie ist verloren«, sagte Chad.

»Ich fürchte, sie ist zu einem Stück Kohle verbrannt«, fügte Britney mit einem Ausdruck tiefen Mitgefühls auf ihrem Gesicht hinzu. »Und das Traurigste: Es war schmerzhaft.«

»Sehr schmerzhaft«, ergänzte Chad in beruhigendem Ton.

Tom ballte die Faust und schwang sie so fest er nur konnte gegen Chads Kinn. Seine Faust ging einfach durch Chads lächelndes Gesicht hindurch, als ob es gar nicht da wäre. Tom stolperte und fiel von der Wucht des verfehlten Schlages auf den Gehsteig.

Als er hochblickte, hörte er das Surren und die Szene sprang ein paar Sekunden zurück. Der Minivan stand wieder auf der Brücke, auf zwei Rädern balancierend, festgefroren in der Zeit.

Chad streckte die Hand aus. Tom beachtete ihn nicht und stand mühsam auf. Seine Stimme zitterte unweigerlich. »Wer seid ihr?«

»Wir sind die Typen, die dir eine Chance geben, deine Tochter zu retten«, erwiderte Chad.

»Wir lieben Janie«, beteuerte Britney. »Sie ist so unheimlich süß.«

»Niemand möchte, dass sie sich in ein Stück Kohle verwandelt«, sagte Chad.

Britney lachte. »Nun, da gibt es schon jemanden.«

Chad erklärte: »Du musst dich entscheiden. Möglichkeit A oder …«

»Möglichkeit A!«, rief Tom. »Möglichkeit A!«

»Ausgezeichnete Wahl«, lobte Britney. »Aber – und ich bin mir sicher, dass du das verstehen wirst – es kostet natürlich eine Kleinigkeit.«

»Wir sehen das mehr als eine Gefälligkeit an«, meinte Chad. »Wir tun dir den netten Gefallen, Janie vor dem Feuertod zu bewahren, für den du in deiner egoistischen Nachlässigkeit selbst verantwortlich bist – Regeln gelten für andere, nicht für Tom Booker. Im Gegenzug wirst du uns ebenfalls einen netten Gefallen erweisen.«

»Ihr meint also, ihr seid so etwas wie … was? Engel?« Er merkte, wie gezwungen der Sarkasmus in seiner Stimme klang.

Beide mussten kichern. »Man könnte sagen, gleicher Sport, andere Mannschaft«, erwiderte Chad.

Tom starrte Chad mit perplexem Gesichtsausdruck an, seine Gedanken überschlugen sich. Was der verrückte Eliteschüler da andeutete, war unmöglich. Tom hatte schon vor langer Zeit die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod als Märchen über Bord geworfen, das die Menschen seit Anbeginn der Zeit unbeirrt einander weitererzählten. Von Thor über Zeus zu Jesus, Gott und Allah bot der Glaube an eine höhere Macht einen Hoffnungsschimmer; egal, wie erbärmlich das Leben war, es würde mit einem Happy End abschließen.

Tom blickte in die Gesichter des Paares und spürte, dass sie seine Gedanken lesen konnten.

Chad und Britney kicherten beide, als sie ihre Arme vor der Brust ausstreckten und mit ihren Zeigefingern Kreuze formten wie ein jämmerliches Opfer, das versuche, Dracula abzuwehren.

Tom wandte seinen Blick ab. Sein Verstand sprang zurück in seine Jugend. Als Junge war er in der Methodistenkirche bei sehr religiösen Eltern aufgewachsen. Als er zur Highschool ging, war sein Vater von einem Betrunkenen totgefahren worden. Danach hatte er sich trotz Flehens seiner Mutter geweigert, weiterhin an Gottesdiensten teilzunehmen. Er konnte ihr die Erklärung nicht abkaufen, dass der Tod seines Vaters »der Wille Gottes« gewesen sein sollte.

Vier Jahre später wurde bei seiner Mutter Brustkrebs diagnostiziert. Als die Chemotherapie, die Bestrahlungen und die Heilkräuter versagten, hatte er Zuflucht im Gebet gesucht und Gott angefleht, sie zu verschonen. Aber das tat er nicht und bestätigte Tom somit, dass Gott, selbst wenn er existierte, ein sadistisches Arschloch war.

Dennoch – nach dem, dessen er gerade Zeuge geworden war, halluzinierte er entweder wegen der Verletzungen, die er sich bei dem Unfall zugezogen hatte, oder …

Er sah die beiden an. »Bin ich in« – das Wort steckte ihm im Hals – »der Hölle?«

»Eine Menge Leute würden sagen, Washington sei die Hölle auf Erden«, antwortete Britney.

Chad lachte. »Sehr gut, Brit.« An Tom gewandt fügte er hinzu: »Nein, du stehst hier mitten auf der Memorial Bridge.«

»Also, so lautet der Deal«, begann Brit. »In dem Minivan befinden sich fünf Unschuldige.«

»Du nennst Rosie unschuldig?«, fragte Chad. »Das Gesicht im Schritt ihrer Pilates-Trainerin zu vergraben ist nicht besonders unschuldig.«

»Aber sie kam stets mit einem Lächeln nach Hause zu Gino«, erwiderte Brit.

»Das stimmt«, gab Chad zu.

»Würde mir nun endlich jemand erklären, was zum Teufel hier vor sich geht?«

»Was zum Teufel … sehr pointiert«, meinte Brit.

»Im Gegenzug für Option A wird alle zwei Wochen ein Passagier des Minivans sterben«, erklärte Chad. »Sie wären ja sowieso gestorben, weißt du. Du hast sie umgebracht, sorry, wenn ich das erwähne. Aber du solltest dich beim Fahren auf die Straße konzentrieren. Und lass den Fusel, Tom. Saufen ist kein guter Juju.«

»Definitiv ganz schlecht als Juju«, sagte Brit. »Da nun alle von ihnen sozusagen nach Norden fahren würden …«

»Sogar Rosie«, warf Chad ein.

Brit fuhr fort. »Der Boss sah hier eine Möglichkeit für eine Win-win-Situation. Deine Tochter und ihre Freunde dürfen weiterleben, aber dafür musst du ihm ein anderes Leben besorgen.«

»Mit besorgen meint ihr …?«

»Jemanden umlegen, kaltmachen, abmurksen … du verstehst schon.«

»Das ist verrückt! Ich bin kein Mörder.«

»Doch, bist du«, widersprach Chad. »Du hast gerade fünf unschuldige Menschen ermordet.«

»Würdest du nicht alles tun, um deine Tochter zu retten?«, fragte Brit.

Tom vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Das kann nicht real sein, das kann nicht …

»Wir haben uns entschieden, es dir leicht zu machen«, sagte Chad. »Das Ersatzleben kann das eines Arschlochs sein oder das des reinsten unbefleckten Wesens. Aber jeder, den du umlegst, wird nach Süden reisen, ganz egal, ob sie es verdient hätten oder nicht.«

»Ein Leben für ein Leben«, bekräftigte Brit. »Das ist nur fair.«

Schließlich verstand Tom. Er seufzte erleichtert. Chads Worte klangen so absonderlich, dass er nun wusste, dass alles nur ein Traum sein konnte. Wenn er das seinem Kumpel Zig erzählte. Eliteschüler aus der Hölle; Zig würde sich nicht mehr einkriegen vor Lachen.

»Oh, wir sind echt«, sagte Brit.

Tom lächelte. Sie konnten seine Gedanken ja nur lesen, wenn dies ein total abgedrehter Albtraum war. Er wurde übermütig und beschloss, die beiden herauszufordern. »Beweist es.«

Chad schüttelte den Kopf. »Was, du willst, dass wir unsere Köpfe um 360 Grad drehen und grünen Schleim kotzen? Tut mir leid, Tom, aber du wirst uns einfach vertrauen müssen. Oder auch nicht.«

Der Ausdruck in Brits Gesicht ließ sich bestenfalls als entschuldigend bezeichnen. »Also, Samstag Mitternacht am Ende jeder zweiten Woche wirst du uns entweder ein Leben bescheren oder ich fürchte, wir werden gezwungen sein, uns eines aus dem Van zu holen.«

»Vergiss nicht, Tom«, ermahnte ihn Chad, »du hast dir das alles selbst eingebrockt.«

»Wir müssen los«, sagte Brit. Sie winkten beide und joggten dann weiter auf der Brücke nach Westen.

Kapitel 5

Im Bruchteil einer Sekunde saß Tom im Lexus und fuhr auf der Brücke nach Westen. Keine Schmerzen. Nirgends. Nicht einmal ein Kratzer in seiner Windschutzscheibe. Rasch prüfte er den Rückspiegel. Er konnte sehen, wie der Minivan vor dem roten Pick-up nach Osten fuhr.

Alles wirkte absolut normal. Er erreichte die westliche Abfahrt der Brücke, fuhr einmal um den Kreisverkehr und zurück nach Osten.

Was zur Hölle war passiert? Er musste sich wohl selbst dabei ertappt haben, wie er auf die Gegenspur geraten war, hatte dann auf die Bremse gedrückt und war daraufhin kurz mit dem Kopf gegen das Lenkrad geknallt. Irre. Er hatte immer noch Gänsehaut an beiden Armen. Erneut richtete er seinen Blick auf das Handschuhfach.

»Und lass den Fusel, Tom. Saufen ist kein guter Juju.«

Er musste jetzt unbedingt runterkommen oder er würde tatsächlich einen Unfall verursachen. Tom öffnete das Handschuhfach.

***

Zwanzig Minuten später verließ er zu Fuß das Colonial-Parkdeck und ging auf die C Street. Er warf noch ein paar Minzdrops ein, als er nach Norden zum Museum lief.

Als er die Independence überquerte, zählte er mindestens ein Dutzend Schulklassen vor dem Eingang. Er erinnerte sich mit Freude an seine Zeit als Lehrer und lächelte. Das Leben war damals weniger kompliziert gewesen.

Janie und ihre Klassenkameradinnen standen in ihre grünen Shirts der Fairfield-Grundschulfrösche gekleidet am Ende der Schlange. Wie es aussah, hatte Janie ein Frosch-Shirt für ihre Cousine Angie ergattern und diese so zum Ehrenfrosch machen können. Ein paar Mütter patrouillierten am Rand der Klasse, um sicherzustellen, dass keine Kinder von ihrer Gruppe getrennt wurden. Rosie stand mit verschränkten Armen und kochend vor Wut da. Sie sah Tom finster an, sobald er die Straße überquert hatte.

Er ignorierte seine ehemalige Schwägerin und winkte seiner Tochter. Als er bei ihr angekommen war, hüpfte sie ihm in die Arme. Nur der Himmel würde dem Gefühl gleichkommen, das er hatte, wenn die Arme seines Kindes sich eng um seinen Hals schlangen.

Himmel.

Seine Gedanken kehrten zu seinem Tagtraum zurück – seiner Vision, Halluzination, was auch immer es gewesen war. Obwohl sich das Ganze über fünfzehn oder zwanzig Minuten abgespielt hatte, hatte der Blackout in Wahrheit nur einen Sekundenbruchteil gedauert, denn Tom hatte ja nicht die Kontrolle über den Wagen verloren.

»Mami war sauer auf dich, weil du dich verspätet hast.«

»Ich weiß, Schatz. Tut mir leid. Aber jetzt bin ich ja da.«

Rosie kam zu ihnen. Sie sah nicht glücklich aus. Genau betrachtet sah sie eigentlich nie glücklich aus.

»Danke«, sagte Tom. »Ich weiß, dass du dir extra Umstände machen musstest.«

»Wenn du dir etwas vornimmst, musst du auch dazu stehen, Tom.«

»Du hast recht. Tut mir leid.«

Ihr Blick wurde immer finsterer. »Keine Klugscheißereien als Antwort? Bist du krank oder so? Du solltest inzwischen wissen, dass die Familie eine Verpflichtung ist, die immer an erster Stelle steht.«

Tom dachte: Vielleicht solltest du das deiner Schwester sagen, die sich dazu verpflichtet hatte, ihren Ehemann nicht zu betrügen. Was die Klugscheißereien anging, da hatte sie vermutlich Recht. Er zwang sich, seine Zunge im Zaum zu halten. Einundzwanzig, …

»Stimmt. Aber der Verkehr. Ich hätte früher losfahren sollen.« Es hatte keinen Zweck, ihr zu sagen, dass sein Boss von ihm erwartet hatte, bis halb zehn Uhr morgens einen vollständigen Bericht über eine Transaktion für den zweitwichtigsten Kunden der Kanzlei anzufertigen, und dass er seinen Job verloren hätte, falls er das versaut hätte, wodurch er seine Möglichkeit, der Verpflichtung namens Familie in Form von Ehegatten- und Kindesunterhalt nachzukommen, aufs Spiel gesetzt hätte.

»Tante Rosie hat einem Mann den Mittelfinger gezeigt«, erzählte Janie.

Rosie schimpfte: »Janie …«

»Was ist passiert?«, erkundigte sich Tom.

»Irgend ein Idiot in einem silbernen Wagen hat mich auf der Brücke geschnitten. Ich wäre fast in so einen Redneck mit seinem Pick-up vor mir gekracht. Der Wichser wäre schuld gewesen, wenn ich von der Brücke gestürzt wäre. Hat er nicht gesehen, dass ich Kinder dabeihatte?«

»Was ist ein Redneck?«, wollte Janie wissen.

Rosie tauschte Blicke mit Tom. »Sein Auto war rot, Schatz. So nennen wir jemanden, der ein rotes Auto fährt, einen Redneck.«

»Dann bist du ein Greenneck, Tante Rosie, weil du ein grünes Auto fährst?«

»Genau«, bestätigte Tom.

Angie rief von der Froschgruppe herüber. »Beeilt euch, sie lassen uns jetzt rein.«

»Ich komme ab hier zurecht, Rosie. Vielen Dank noch mal.«

»Verdammt, Tom, ich verstehe nicht, wie du dich selbst als verantwortungsvollen Vater ansehen kannst.«

Die Antwort machte einen Satz von seinem Gehirn zu seinem Mund, bevor er mit Einundzwanzig zu zählen beginnen konnte. »Danke dafür. Ach, wie geht es eigentlich deiner Pilates-Trainerin?«

Sie erstarrte, dann sah sie ihn panikerfüllt an; nun war sie nicht mehr das toughe Weibsbild, das es für notwendig erachtete, ihn wissen zu lassen, wie sehr ausgenutzt sie sich wegen seiner Schlamperei fühlte. Ihre Augen flehten, dann bahnten sich Tränen darin an. Sie verschwand rasch in der Menge. Tom hatte sie noch nie so erlebt.

Der Frau ging ihr Arsch auf Grundeis.

Kapitel 6

Das Napoleon's war zum Bersten voll, aber Angus, der Barkeeper, hatte ihnen ihre üblichen Plätze am Ende der Theke reserviert. Dort war der beste Platz, um Ausschau nach Singlefrauen zu halten, die den Laden betraten. Angus schenkte beiden noch ein Stella ein – das zweite für Zig, für Tom das dritte. Eine leise Stimme in seinem Hinterkopf flüsterte: Mach langsam.

Eine sehr leise Stimme.

»Es könnte also sein, dass sie eine lesbische Affäre mit ihrer Pilates-Trainerin hat. Und, was soll's?«, fragte Zig.

»Darum geht es nicht. Woher sollte ich das denn wissen? Der einzige Grund für mein Wissen wäre, wenn meine Brückenvision …«

»Unmöglich«, entgegnete Zig mit der Gewissheit seines stolzen Status als Mitarbeiter, der schon seit vier Jahren bei SHM war.

Brian Zigler, Universität von Virginia, Jurastudium in Harvard, Tom als Mentor zugewiesen, als dieser zur Firma stieß. SHM hatte vor ein paar Jahren ein Mentorenprogramm für neue Mitarbeiter eingeführt und von den juristischen Topfakultäten glänzende Kritiken dafür erhalten, auf diese Weise den Neuzugängen ihren Einstieg stressfreier zu gestalten. Zahlreiche andere Kanzleien hatten das Schema kopiert, was etwas war, worauf die Seniorpartner im andauernden Kampf um einen guten Status unter den Jura-Eliten der Stadt stolz sein konnten.

Zig war Single und lebte ebenfalls im Adams-Morgan-Viertel. Auch nachdem das Mentoring vorbei war, verbrachten sie weiter ihre Freizeit gemeinsam. Zig war für Tom dagewesen, während er die Trennung verarbeiten musste, und Tom war auf Zigs Empfehlung hierher gezogen.

»Wie hätte ich es dann wissen können?«, fragte Tom.

»Keine Ahnung, Mann. Erstens könntest du ihre Reaktion völlig falsch interpretiert haben. Zweitens, wenn es wahr ist, hat sie vielleicht mal etwas über ihre Trainerin erwähnt, das in dem Moment harmlos schien, aber deinem Unterbewusstsein ist der Ton ihrer Stimme aufgefallen oder ein Zucken in ihrem Gesichtsausdruck. Dann, als du deine blitzartige Vision hattest, drang dieser Einfall aus deinem Unterbewusstsein in dein Bewusstsein vor.«

»Du hast keine Ahnung, wovon du eigentlich redest, oder?«

»Absolut nicht.«

Sie lachten, dann stießen sie mit den Gläsern an und tranken das halbe Glas in einem Zug aus.

Zig wandte sich wieder dem Eingang zu. »Mögliches Zielobjekt auf zwölf Uhr.«

Tom sah eine attraktive Brünette durch die Tür kommen und auf zwei andere Mädchen zugehen, die in der Mitte der Bar saßen. Zig traf ihren Blick und winkte. Sie winkte zurück und begrüßte dann ihre Freundinnen.

»Wer ist sie?«, erkundigte sich Tom.

»Keine Ahnung«, erwiderte Zig. »Aber das wird sich ändern, noch bevor die Nacht vorbei ist, mein Freund.«

Tom schüttelte den Kopf. Zig war nicht gerade, was man als klassisch gut aussehend bezeichnen würde. Er war einen Meter achtzig groß und damit fünf Zentimeter kleiner als Tom. Rote Haare, Aknenarben und ungefähr fünf Kilo Übergewicht. Aber aus irgendeinem Grund fühlten sich Frauen zu ihm hingezogen. Zig erklärte das damit, dass er einfach große Zuversicht ausstrahlte. Wahrscheinlich hatte er recht.

Nachdem ihn Gayle für einen anderen Kerl verlassen hatte, bekämpfte Tom seine sexuelle Unsicherheit, indem der jedem Rock nachjagte, der seinen Weg kreuzte. Zig vermutete, dass seine Eroberungen einzig das Ergebnis dessen waren, dass viele junge Frauen darauf standen, etwas mit einem Anwalt anzufangen. Um diese Theorie zu widerlegen, erzählte Tom den Frauen, an denen er interessiert war, er sei Grundschullehrer, was bis vor ein paar Jahren sogar noch gestimmt hatte. Er musste zwar zugeben, dass ein paar Frauen nicht anbissen, hatte aber festgestellt, dass es genug Frauen gab, denen egal war, womit er seinen Lebensunterhalt verdiente.

»Wie hießen jetzt diese Typen noch?«, fragte Zig.

»Chad und Britney. Er nannte sie Brit.«

»Scharf?«

»Keine Ahnung, bestimmt. Ich habe mir nicht ihren Körper angesehen, ich habe versucht, das Leben meiner Tochter zu retten.«

»Wem aus dem richtigen Leben sah sie denn ähnlich? Wenn du nur fantasiert hast, besteht die Möglichkeit, dass du dir jemanden vorgestellt hast, den du im realen Leben kennst.«

»Niemandem. Sie war blond, gebräunt …« Ich fürchte, sie ist zu einem Stück Kohle verbrannt. »Schlank, freundlich …« Und das Traurigste: Es war schmerzhaft. Tom schauderte. »Ich will jetzt nicht mehr davon reden.«

»Geht in Ordnung.«

Tom beobachtete Zig, wie dieser von seinem Barhocker glitt und auf die Brünette zuging. Innerhalb einer Minute hatte er dann alle drei Mädchen zum Lachen gebracht. Er winkte Tom zu sich.

Da Tom nicht aufhören konnte an die Brückenvision zu denken, beschloss er, dass er seinen Kopf am besten freibekam, wenn er sich in ein Abenteuer stürzte.

Er schnappte sich sein Bier und setzte sein charmantestes Lächeln auf.

Kapitel 7

Die folgenden sieben Tage gingen rasch vorüber. Tom rief Janie während der Woche dreimal an und holte sie am Freitag von der Schule ab, damit sie das ganze Wochenende bei ihm verbringen konnte. Am Freitagabend waren sie ins Kino gegangen. Am Samstag war er um fünf Uhr früh aufgestanden und hatte sechs Stunden bei SHM heruntergearbeitet, um Janie am Nachmittag mit zu seinem Cousin Estin nehmen zu können, der in einem kleinen Küstenstädtchen südlich von Annapolis wohnte. Sie fuhren mit Estins Boot zum Angeln hinaus und aßen Krebse auf dem Deck mit Blick auf die Chesapeake Bay. Tom hielt sein Versprechen gegenüber Gayle und beschränkte sich auf drei Bier. Estin war der Sheriff in dieser Stadt und hatte einen kostenlosen Alkoholtest durchgeführt: 0,07 Promille – kein Problem. Janie hatte einen Mordsspaß und Tom konnte sich nicht gar nicht erinnern, wann er selbst das letzte Mal so ein tolles Wochenende erlebt hatte.

Als er Janie am Sonntagabend in Arlington ablieferte, waren Rosie, ihr Mann Gino und Angie auch da. Tom hatte den Eindruck, dass Rosie verändert schien – ruhig, als versuche sie, eine tapfere Miene aufzusetzen. Das bildete er sich wahrscheinlich nur ein.

Rosie war fünf Jahre älter als Gayle. Tom hatte Bilder von ihr aus dem Highschool-Jahrbuch gesehen, die sie zu einem der heißesten Mädchen der Schule gemacht hatten. Sie war klein, sportlich und hatte eine beachtliche Oberweite, weshalb sie bei den Cheerleadern immer in der vordersten Reihe stand. Sie hatte die gleiche dunkle Hautfarbe wie ihr italienischer Vater, während Gayle, die groß, blond und blauäugig war, eher die nordeuropäischen Gene ihrer Mutter abbekommen hatte.

Rosie war immer noch klein, hatte aber an den Hüften zugelegt und ihre Brüste hingen ein wenig. Gino war über zehn Jahre älter als seine Frau. Nach der Heirat hatte er bei der Hochbaufirma seines Vaters zu arbeiten begonnen und das Geschäft sechs Jahre später übernommen.

Trotz des Altersunterschieds war Tom stets sehr gut mit Gino ausgekommen. Gino war nicht groß, wog fast 120 Kilo und hatte Arme mit dem Umfang von Toms Oberschenkeln. Er sah aus wie der sprichwörtliche Kleiderschrank. Da sie beide Sportfans waren, besorgte Gino manchmal Tickets für die Redskins über einen Partner seiner Firma und nahm Tom ein paar Mal im Jahr mit zu einem Spiel. Als Gayle Tom für Dr. Dave abserviert hatte, hatte Rosie natürlich für ihre Schwester Partei ergriffen und ließ ein wenig unterschwellig durchblicken, dass Tom daran schuld war. Sie ließ erahnen, dass sie der Meinung war, Gayle hätte nicht in die Arme eines anderen fliehen müssen, wenn Tom seiner Frau und seiner Tochter mehr Aufmerksamkeit gewidmet hätte. Ginos Analyse hingegen war ganz und gar nicht unterschwellig. Tom konnte einmal hören, was er zu Rosie sagte, als Gayle außer Hörweite war: »Sie hat mit ihrem Doktor gevögelt, also ist es ihre Schuld, fertig, aus.«

Janie hatte darauf bestanden, dass sie für ihre Mutter ein Dutzend Krebse aus Maryland mitbrachten. Das Kind breitete Zeitungen auf dem Küchentisch aus und zeigte Gino, Rosie und Angie, wie sie mit dem kleinen hölzernen Hämmerchen, das sie von Estin bekommen hatte, äußerst effizient an das schmackhafte Fleisch des Schalentiers herankam. Tom wusste, dass jeder Vater die eigene Tochter für das schönste Mädchen der Welt hielt, aber bei Janie stimmte es natürlich.

Tom fiel auf, dass Rosie niedergeschlagen war und nur etwas sagte, wenn man sie direkt ansprach und nach ihrer Meinung fragte. Beim Hinausgehen nahm Tom Gayle beiseite.

»Was ist mit deiner Schwester los? Sie scheint gar nicht so eine Zicke zu sein wie sonst.«

»Ich weiß auch nicht. Sie hat schon die ganze Woche so Trübsal geblasen. Ich habe sie ausgequetscht, so gut es ging, aber sie leugnet hartnäckig, dass etwas nicht in Ordnung sei.«

»Was ist mit Gino? Alles okay zwischen den beiden?«

»So weit ich weiß, schon.«

Er verabschiedete sich, wurde von seiner Tochter noch einmal fest umarmt, dann ging er zur Tür hinaus. Als er bei seinem Auto angekommen war, bemerkte er, dass jemand dicht hinter ihm war. Er blieb stehen und drehte sich um, besorgt, wen er wohl sehen würde – aber es war Rosie.

»Entschuldige, aber du hast mich erschreckt.«

Sie legte ihm die Hand auf den Arm. »Ich weiß nicht, wie du es herausbekommen hast, aber ich flehe dich an, um Ginos und Angelas willen, um meinetwillen, bitte sag es niemandem.«

Seine erste Reaktion war, so zu tun, als wisse er nicht, wovon sie sprach. Aber er musste auf Nummer sicher gehen. »Wie lange geht das schon so?«

Sie biss sich auf die Lippe, um ihre Tränen zurückzuhalten. »Ein paar Jahre, aber es ist vorbei. Eine dumme Affäre. Ich redete mir ein, dass es harmlos sei, ein kleiner Reiz jeden Mittwochnachmittag. Diese Frauengeschichte, ich weiß nicht. Ich habe Gino niemals betrogen, ich meine, mit einem Mann. Irgendwie schien es nicht richtig zu zählen, wenn man es mit einer Frau tat. Ich schwöre, es hat mir nichts bedeutet. Ich liebe meinen Mann und meine Tochter. Ich flehe dich an …«

»Dein Geheimnis ist bei mir sicher.«

Sie umarmte ihn kurz und flüsterte: »Danke, Tommy.«

Über ihre Schulter hinweg konnte Tom Gino in der Tür sehen, der sie beobachtete. Er sah nicht glücklich aus.

***

In den ersten paar Tagen der nächsten Woche steckte Tom bis zum Hals in Arbeit und konnte daher mit Leichtigkeit sämtliche Gedanken verdrängen, die sich mit einer drohenden Deadline beschäftigten. Er hatte nur noch kurz mit den Firmenkunden zu tun und wollte die Arbeit daran mit bestmöglicher Leistung abschließen. Zwar hatte er sich noch nicht hundertprozentig entschieden, aber er tendierte stark dazu, die Abteilung Firmenkunden ganz oben auf die Liste seiner bevorzugten Einsatzgebiete zu setzen, die er am Ende seiner Rotationsperiode zwischen den Abteilungen ausfüllen sollte. Schlussendlich lag die Entscheidung natürlich beim Vorstand der Abteilungen, wer in die Praxisgruppen kam, aber die Wünsche der Mitarbeiter wurden dabei berücksichtigt.

Als die Woche voranschritt, hatte Tom zunehmend Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Er konnte nicht erwarten, dass endlich Sonntag war.

Zig fragte ihn, ob er am Samstagabend Lust auf ein Doppeldate hatte. Es war eigentlich mehr ein Blind Date – das Mädchen war die Mitbewohnerin von Marcie, einer Angestellten, die auf dem Capitol Hill wohnte und die er eine Woche zuvor bei einer Fundraising-Veranstaltung für Liz Guthrie, die dienstjüngere Senatorin von Oklahoma, kennengelernt hatte. Zig hatte Tom Marcie im Napoleon's vorgestellt. Nach nur einem Appletini war sie total auf Zig abgefahren. Sie war gerade mal eins-fünfzig groß und hatte eine jungenhafte Figur – keine Hüften, keine Brüste. Später war Zig ziemlich erpicht darauf gewesen, zu erwähnen, dass sie im Gymnastikteam der Staatsliga von Oklahoma war, womit er eine deutliche Botschaft übermittelte: Du solltest sehen, wozu sie im Bett imstande ist.

Um Tom zu ködern, pries Zig Marcies Mitbewohnerin Jess als »Partygirl« an und zwinkerte bei dem Ausdruck. Zig war ein klein wenig überrascht, als Tom sofort zusagte. Ihm war egal, ob sie eine Nymphomanin war oder eine frigide alte Jungfer, die knöchellange schwarze Kleider trug und die Haare zu einem Dutt gebunden trug. Er brauchte Ablenkung.

Ihr voller Name war Jessica Hawkins. Sie war attraktiv – schlank, rotblondes Haar – und trug einen engen, grünen Pullover mit V-Ausschnitt, der zur Farbe ihrer Augen passte, sowie einen schwarzen Minirock und Schuhe mit fünfzehn Zentimeter hohen Absätzen. Ihre Ausstrahlung rangierte mehr im Bereich Nymphe statt alte Jungfer.

Sie gingen zum Hawk 'n' Dove auf dem Capitol Hill, einem der ältesten Irish Pubs der Stadt, eine Institution, die seit über fünfundvierzig Jahren bestand. Tom widmete Jess während drei Runden Guinness und einer Runde Buffalo-Burgern seine ganze Aufmerksamkeit. Er war beeindruckt, dass sie sich für Burger und Fritten entschied, statt für so etwas mädchenhaftes wie den Salat, den sich Marcie bestellt hatte.

Wie ihre Mitbewohnerin hatte auch Jess nicht lange gezögert, bis sie Tom spüren ließ, dass sie voll auf ihn abfuhr und ließ keine Gelegenheit verstreichen, seinen Arm oder seine Schulter während der Gespräche den Abend hindurch immer wieder zu berühren. Als der Abend bereits fortgeschritten war, blickte Tom verstohlen auf seine Armbanduhr und schalt sich sogleich selbst dafür, dass er dem, was er inzwischen als »Brückenvision« bezeichnete, Glauben geschenkt hatte.

Zig animierte zu einer Runde Metaxa und bestand darauf, dass der griechische Schnaps mit einer Kaffeebohne serviert wurde, da er ihn immer so bekommen hatte, während er vor zwei Sommern in Santorini Urlaub gemacht hatte. Der Weinbrand floss sanft die Kehlen hinab und nach der zweiten Runde spürte Tom, wie eine Hand sein Knie massierte. Er ging davon aus, dass das nicht Zig war, dachte sich, Sex wäre die allerbeste Ablenkung, und knetete das Knie von Jess unter dem Tisch.

In dem Moment, da Tom ihre Haut berührte, rutschte Jess nach vorne, sodass seine Hand ihren Rock hochschob. Er zog seine Hand langsam zurück, um sie absichtlich auf die Folter zu spannen. Seine Bewegungen wirkten jedoch eher automatisch als sinnlich. Normalerweise wäre er an dieser Stelle zu einem gewissen Maß erregt – Zig nannte das Halbfinale – aber die Vorstellung von der Brückenvision, die er in den hintersten Winkel seines Verstandes verbannt hatte, ergriff weiter Besitz von seinen Gedanken.

Ich fürchte, sie ist zu einem Stück Kohle verbrannt – und das Traurigste: Es war schmerzhaft.

Gegen halb zwölf verließen sie die Bar. Obwohl er sein selbstauferlegtes Trinklimit überschritten hatte, fühlte sich Tom stocknüchtern und war absolut sicher, ein Alkoholtest würde nicht viel feststellen. Er schlug vor, dass es am besten war, wenn er Jess nach Hause brachte, worauf er drei identische Gesichter erntete, deren Ausdruck in etwa »ach nee« bedeutete.