Onkel Wanja - Anton Tschechow - E-Book

Onkel Wanja E-Book

Anton Tschechow

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Beschreibung

"Onkel Wanja" wurde erstmals 1898 veröffentlicht und 1899 vom Moskauer Kunsttheater unter der Leitung von Konstantin Stanislawski uraufgeführt. In dem Stück geht es um den Besuch eines älteren Professors und seiner glamourösen, viel jüngeren zweiten Frau Jelena auf dem Landgut, das die Grundlage für ihren städtischen Lebensstil darstellt. Zwei Freunde - Wanja, der Bruder der verstorbenen ersten Frau des Professors, der das Gut seit langem verwaltet, und Astrow, der örtliche Arzt - geraten beide in Jelenas Bann und beklagen gleichzeitig die Langeweile ihres provinziellen Lebens. Sonja, die Tochter des Professors mit seiner ersten Frau, die mit Wanja zusammenarbeitet, um das Gut am Laufen zu halten, leidet unter ihren unerwiderten Gefühlen für Astrow. Die Situation spitzt sich zu, als der Professor ankündigt, dass er das Gut, Wanjas und Sonjas Zuhause, verkaufen will, um mit dem Erlös ein höheres Einkommen für sich und seine Frau zu erzielen.

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Seitenzahl: 80

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Onkel Wanja

 

Deutsche Neuübersetzung

 

ANTON TSCHECHOW

 

 

 

 

 

 

Onkel Wanja, A. Tschechow

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

 

ISBN: 9783849662073

 

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

 

 

 

 

Inhalt:

Die Personen. 1

1. Aufzug. 2

2. Aufzug. 15

3. Aufzug. 31

4. Aufzug. 48

 

Die Personen

 

ALEXANDER SEREBRJAKOW, ein Professor im Ruhestand

ELENA, seine Frau, siebenundzwanzig Jahre alt

SONJA, seine Tochter aus einer früheren Ehe

FRAU VOITSKAJA, Witwe eines Geheimrates und Mutter von Serebrjakows erster Frau

IVAN (WANJA) VOITSKI, ihr Sohn

MICHAIL ASTROFF, ein Arzt

ILJA TELEGIN, ein verarmter Gutsbesitzer

MARINA, eine alte Krankenschwester

EIN ARBEITER

 

Das Stück spielt auf Serebrjakows Landsitz.

 

 

1. Aufzug

 

[Ein Landhaus auf einer Erhebung des Geländes. Davor ein Garten. In einer Baumallee, unter einer alten Pappel, steht ein gedeckter Tisch für den Tee, darauf ein Samowar, etc. Neben dem Tisch einige Bänke und Stühle. Auf einem davon liegt eine Gitarre. In der Nähe des Tisches wurde eine Hängematte angebracht. Es ist drei Uhr nachmittags an einem bewölkten Tag].

 

[MARINA, eine stille, grauhaarige, kleine alte Frau, sitzt am Tisch und strickt einen Strumpf. ASTROFF geht neben ihr auf und ab].

 

MARINA. [Gießt etwas Tee in ein Glas] Trink ein wenig Tee, mein Sohn.

ASTROFF. [Nimmt widerwillig das Glas an] Irgendwie ist mir nicht danach.

MARINA. Dann möchtest du stattdessen ein wenig Wodka?

ASTROFF. Nein, ich trinke nicht jeden Tag Wodka –außerdem ist es viel zu heiß dafür. [Eine Pause] Sagen Sie, Schwester, wie lange kennen wir uns schon?

MARINA. [Nachdenklich] Lassen Sie mich kurz nachdenken – wie lange mag das sein? Herr, hilf mir, mich zu erinnern. Sie kamen das erste Mal hierher in unsere Gegend – ich muss überlegen – wann war das? – Sonjas Mutter lebte noch – es war zwei Winter, bevor sie starb; und das war vor elf Jahren – [nachdenklich] vielleicht auch mehr.

ASTROFF. Habe ich mich seither sehr verändert?

MARINA. Oh, ja. Sie waren damals hübsch und jung; nun sind Sie ein alter Mann und nicht mehr hübsch anzuschauen. Außerdem trinken Sie.

ASTROFF. Ja, zehn Jahre haben mich zu einem anderen Menschen gemacht. Und warum? Weil ich überarbeitet bin. Marina, ich bin vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung auf den Beinen. Ich kenne keine Ruhe; nachts zittere ich unter meiner Decke aus Angst, herausgerufen zu werden, um einen Kranken zu besuchen; seit wir uns kennen, habe ich Jahre lang geschuftet, ohne mich auszuruhen oder einen Tag freizumachen; kann ich etwas dafür, dass ich alt werde? Obendrein ist das Dasein sowieso langweilig; es ist ein sinnloses, schmutziges Geschäft, dieses Leben, und so schwergängig. Alle Menschen hier sind töricht, und wenn man zwei oder drei Jahre mit ihnen zusammenlebt, wird man selbst töricht. Das ist unvermeidlich. [Zwirbelt seinen Schnurrbart] Sehen Sie nur, was für ein langer Schnurrbart mir gewachsen ist. Ein alberner, langer Schnurrbart. Ja, ich bin so töricht wie alle anderen, Schwester, aber nicht so blöd; nein, ich bin nicht verblödet. Gott sei Dank ist mein Gehirn noch intakt, obwohl meine Gefühle abgestumpft sind. Ich verlange nichts, ich brauche nichts, ich liebe niemanden, bis auf Sie natürlich. [Küsst ihren Kopf] Als ich noch ein Kind war, hatte ich eine Amme wie Sie.

MARINA. Wollen Sie nicht einen Bissen essen?

ASTROFF. Nein. In der dritten Woche der Fastenzeit musste ich wegen einer Epidemie raus nach Malitskoi. Dort tobte ein sehr ansteckender Typhus. Die Bauern lagen nebeneinander in ihren Hütten, und die Kälber und Schweine liefen zwischen den Kranken herum. Was für ein Dreck, und welch ein Rauch! Unbeschreiblich! Ich schuftete den ganzen Tag für diese Leute, kein Krümel ging mir über die Lippen, aber als ich nach Hause kam, kam ich immer noch nicht zur Ruhe; ein Weichensteller war von einem Zug erfasst worden; ich legte ihn auf den Operationstisch, wo er unter Betäubung in meinen Armen starb. In diesem Moment erwachten meine Gefühle, die eigentlich abgestorben hätten sein sollen, wieder, und mein Gewissen quälte mich, als hätte ich den Mann getötet. Ich setzte mich hin und schloss die Augen – etwa so – und dachte: Werden unsere Nachkommen in zweihundert Jahren, für die wir gerade den Weg eben, ein freundliches Wort für uns übrighaben? Nein, Schwester, sie werden es vergessen haben.

MARINA. Der Mensch vergisst, aber Gott nicht.

ASTROFF. Ich danke Ihnen für diese Worte. Sie sind sehr, sehr wahr.

[Auftritt VOITSKI, der aus dem Haus kommt. Er hat nach dem Essen etwas geschlafen und sieht ziemlich zerzaust aus. Er setzt sich auf die Bank und rückt seinen Kragen zurecht].

VOITSKI. Hm. Ja. [Eine Pause] Ja.

ASTROFF. Haben Sie geschlafen?

VOITSKI. Ja, sehr lange sogar. [Gähnt] Seit der Professor und seine Frau hier sind, scheint unser tägliches Leben aus den Fugen geraten zu sein. Ich schlafe zur falschen Zeit, trinke zu viel Wein und esse mittags und abends alle möglichen Schweinereien. Das ist nicht gesund. Früher haben Sonja und ich zusammen gearbeitet und waren nie untätig, aber jetzt arbeitet sie allein, während ich nur noch esse und trinke und schlafe. Da stimmt doch etwas nicht.

MARINA. [Schüttelt den Kopf] So ein Chaos im Haus! Der Professor steht erst um zwölf Uhr auf, der Samowar kocht den ganzen Morgen, und alles muss auf ihn warten. Bevor die beiden kamen, haben wir um ein Uhr zu Mittag gegessen, wie alle anderen auch, aber jetzt essen wir erst um Sieben. Der Professor sitzt die ganze Nacht wach und schreibt und liest, und plötzlich, um zwei Uhr, klingelt es! Um Himmels willen, was ist das? Der Professor will einen Tee! Weckt die Dienerschaft, zündet den Samowar an! Mein Gott, was für ein Chaos!

ASTROFF. Werden sie lange hier bleiben?

VOITSKI. Hundert Jahre! Der Professor hat beschlossen, sich hier niederzulassen.

MARINA. Schaue sich das einer an! Der Samowar steht seit zwei Stunden auf dem Tisch, und sie gehen einfach alle spazieren!

VOITSKI. Schon gut, regt euch nicht auf; da kommen sie ja.

[Man hört sich nähernde Stimmen. SEREBRJAKOW, ELENA, SONJA und TELEGIN kommen aus den Tiefen des Gartens und kehren von ihrem Spaziergang zurück].

SEREBRJAKOW. Großartig! Wunderbar! Was für herrliche Aussichten!

TELEGIN. Sie sind prächtig, Eure Exzellenz.

SONJA. Morgen werden wir in den Wald gehen, nicht wahr, Papa?

VOITSKI. Meine Damen und Herren, der Tee ist fertig.

SEREBRJAKOW. Seien Sie bitte so gut und schicken Sie meinen Tee in die Bibliothek. Ich habe noch einiges zu erledigen.

SONJA. Ich bin sicher, du wirst den Wald lieben.

[ELENA, SEREBRJAKOW und SONJA gehen ins Haus. TELEGIN setzt sich neben MARINA an den Tisch].

VOITSKI. Da geht unser weiser Gelehrter hin – an einem heißen, schwülen Tag wie diesem, in Mantel, Golfschuhen und mit einem Regenschirm!

ASTROFF. Er achtet eben sehr auf seine Gesundheit.

VOITSKI. Wie hübsch sie ist! Wie anmutig! Ich habe in meinem Leben noch nie eine schönere Frau gesehen.

TELEGIN. Wissen Sie, Marina, wenn ich auf den Feldern oder im schattigen Garten spazieren gehe, wenn ich auf diesen Tisch hier schaue, schwillt mein Herz vor unendlicher Freude. Das Wetter ist bezaubernd, die Vögel singen, wir alle leben in Frieden und Zufriedenheit – was könnte sich die Seele mehr wünschen? [Nimmt sich ein Glas Tee]

VOITSKI. [Verträumt] Solche Augen – eine prächtige Frau!

ASTROFF. Kommen Sie, Iwan, erzählen Sie uns etwas.

VOITSKI. [Träge] Was soll ich schon erzählen?

ASTROFF. Haben Sie keine Neuigkeiten für uns?

VOITSKI. Nein, alles schal und lange abgestanden. Ich bin immer noch derselbe – vielleicht sogar noch schlimmer als früher, denn ich bin faul geworden. Ich tue gar nichts mehr, außer zu krächzen wie ein alter Rabe. Meine Mutter, die alte Elster, plappert immer noch von der Emanzipation der Frau, ein Auge auf ihr Grab gerichtet und das andere auf ihre altklugen Bücher, in denen sie immer nach dem Beginn eines neuen Lebens sucht.

ASTROFF. Und der Professor?

VOITSKI. Der Professor sitzt von morgens bis abends in seiner Bibliothek, wie immer.

   "Strengt den Geist an, runzelt die Stirn,

    Muss er schreiben, schreiben, schreiben,

    ohne Rast und Ruh wird er bleiben,

    ohne Aussicht auf Lob zermartert er sich das Hirn."

Nicht mal das Papier ist es wert! Er sollte seine Autobiographie schreiben – ein wirklich prächtiges Thema für ein Buch! Man stelle sich das Leben eines Professors im Ruhestand vor, trocken wie ein Stück Knete, gequält von Gicht, Kopfschmerzen und Rheuma, die Leber voller Eifersucht und Neid; ein Mann, der auf dem Anwesen seiner ersten Frau leben muss, obwohl er es hasst, weil er sich ein Leben in der Stadt nicht leisten kann. Er jammert unaufhörlich über sein schweres Los, obwohl er in Wirklichkeit außerordentliches Glück gehabt hat. Obwohl nur der Sohn eines einfachen Diakons, hat er den Lehrstuhl eines Professors innegehabt, ist Schwiegersohn eines Senators geworden, wird "Eure Exzellenz" genannt und so weiter. Aber ich sage euch etwas: Der Mann schreibt seit fünfundzwanzig Jahren über Kunst, und er hat nicht die geringste Ahnung davon. Seit fünfundzwanzig Jahren kaut er die Gedanken anderer über Realismus, Naturalismus und all diesen Blödsinn wieder; seit fünfundzwanzig Jahren liest und schreibt er Dinge, die kluge Menschen längst wissen und dumme nicht interessieren; seit fünfundzwanzig Jahren baut er seine imaginären Berge aus Maulwurfshügeln. Und denkt nur an die Selbstgefälligkeit und Anmaßung dieses Mannes während dieser ganzen Zeit! Fünfundzwanzig Jahre lang hat er sich mit falschen Federn geschmückt und sich jetzt aus dem Berufsleben zurückgezogen; keine lebende Seele kennt ihn mehr, und doch –seht ihn euch an, wie er wie ein Halbgott daher stolziert!

ASTROFF. Ich glaube, Sie beneiden ihn.

VOITSKI. Ja, das tue ich. Seht euch den Erfolg an, den er bei Frauen hat! Don Juan persönlich ist nichts gegen ihn. Seine erste Frau, meine Schwester, war ein schönes, sanftes Wesen, so makellos wie der blaue Himmel über uns, edel, großherzig, mit mehr Verehrern, als er Schüler hatte, und sie liebte ihn, wie nur Wesen von engelhafter Reinheit jene lieben können, die so rein und schön sind wie sie selbst. Seine Schwiegermutter, meine Mutter, verehrt ihn bis heute, und er erweckt in ihr noch immer eine Mischung aus Anbetung und Ehrfurcht. Seine zweite Frau ist, wie ihr seht, eine strahlende Schönheit; sie hat ihn trotz seines hohen Alters geheiratet und ihm nicht nur ihre Schönheit, sondern auch ihre Freiheit geopfert. Aber warum? Wozu?

ASTROFF. Ist sie ihm treu?

VOITSKI. Ja, leider ist sie das.

ASTROFF. Warum leider?