Only One-Night-Stand? - Sissi Kaipurgay - E-Book

Only One-Night-Stand? E-Book

Sissi Kaipurgay

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Beschreibung

Drei Metropolen - drei zufällige Treffen. Kann sich aus einem One-Night-Stand Liebe entwickeln? Warum eigentlich nicht? Manchmal bemerkt die Nase (und ein anderes Organ) eben eher als der Rest, jemanden gut riechen zu können.   Was in Bangkok passiert, bleibt in Bangkok Keno, ein Halbthailänder, fliegt für eine geschäftliche Unterredung in das Heimatland seiner Mutter. Sein Vorgesetzter verkauft ihm die Reise als eine Art Bonus, wegen des verlängerten Aufenthaltes. Außerdem hätte Keno doch thailändische Wurzeln und wäre damit der geeignete Kandidat für Verhandlungen mit dem Kunden. ~ * ~ München - Hinterm Festzelt, nachts um halb eins … Auf dem Oktoberfest trifft Maverick, ein Seriendarsteller, Florian Kühleisen, den Halbgott der Jodel-Szene. Der Typ ist äußerlich ein echter Hingucker, aber künstlerisch ein Grauen. Jedenfalls nach Mavericks Empfinden. ~ * ~ Gestrandet in Niebüll Lukas hat eine Woche Urlaub auf Amrum geplant. Erst springt sein Kumpel Frank ab, dann fährt die Fähre ohne ihn los. Was für ein grandioser Anfang der Reise. Eigentlich kann es nur noch besser werden. ~ * ~ Warnung: Realitätsferne Gay-Romanzen mit HappyEnd, Kitschgarantie und Bett-Gymnastik. Spuren von Nüssen und Eiweiß enthalten. Ca. 44.000 Worte

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Seitenzahl: 194

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Sissi Kaipurgay

Only One-Night-Stand?

Bangkok/München/Niebüll

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Bangkok/München/Niebüll - Only One-Night-Stand?

 

Drei Metropolen - drei zufällige Treffen. Kann sich aus einem One-Night-Stand Liebe entwickeln? Warum eigentlich nicht? Manchmal bemerkt die Nase (und ein anderes Organ) eben eher als der Rest, jemanden gut riechen zu können.

Die beschriebenen geschäftlichen Transaktionen sind frei erfunden, wie auch der gesamte Inhalt, inklusive Interna aus dem Showbusiness.

Sämtliche Personen, Orte und Begebenheiten sind frei erfunden, Ähnlichkeiten rein zufällig. Der Inhalt dieses Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Covermodels aus. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. E-Books sind nicht übertragbar und dürfen nicht weiterveräußert werden. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin und erwerben eine legale Kopie. Danke!

Text: Sissi Kaiserlos

Foto von shutterstock – Design Lars Rogmann

Korrektur: Aschure. Danke!

Kontakt: http://www.bookrix.de/-sissisuchtkaiser/

Was in Bangkok passiert, bleibt in Bangkok

Keno, ein Halbthailänder, fliegt für eine geschäftliche Unterredung in das Heimatland seiner Mutter. Sein Vorgesetzter verkauft ihm die Reise als eine Art Bonus, wegen des verlängerten Aufenthaltes. Außerdem hätte Keno doch thailändische Wurzeln und wäre damit der geeignete Kandidat für Verhandlungen mit dem Kunden.

~ * ~

1.

Zum wohl hundertsten Mal guckte Keno auf die Uhr. Gegen fünf war er in Hamburg-Fuhlsbüttel losgeflogen und um kurz vor eins in Dubai gelandet. Der Anschlussflug sollte um zehn vor drei starten. Voraussichtliche Ankunft in Bangkok: Zwölf Uhr dreißig Ortszeit.

Neben ihm döste ein Pärchen, eine Sitzgruppe weiter eine Familie, die Mutter mit einem Kleinkind auf dem Schoß. Die Halle war voll mit Leuten, die für ein paar Stunden hier gestrandet waren. Es herrschte ständige Betriebsamkeit und eine Geräuschkulisse aus Gesprächsfetzen und Lautsprecherdurchsagen. Das Ambiente war exotisch, erinnerte ein bisschen an Tausend und eine Nacht. Eine kosmopolitische Atmosphäre, die ihn zu einer anderen Uhrzeit und an einem anderen Ort fasziniert hätte.

Als ihm sein Vorgesetzter Walter Sägebrecht vor drei Wochen mitteilte, das große Los gezogen zu haben, hatte er sich riesig gefreut. Inzwischen war jegliche Euphorie zugunsten Erschöpfung und nervlicher Anspannung verschwunden; latenter Angst, als Schwuler identifiziert zu werden. Er trug zwar weder ein Kainsmal auf der Stirn, noch plante er Sex auf den öffentlichen Toiletten, dennoch zitterte er innerlich. Das erste Mal hielt er sich in einem Staat auf, in dem ihm die Todesstrafe drohte. Ausländer wurden zwar davon verschont, doch lange Haftstrafen unter unvorstellbaren Bedingungen mussten auch sie vor einer Abschiebung befürchten. Waren nicht auch mal Homosexuelle unter ominösen Umständen im Gefängnis umgekommen?

Jedenfalls hing ihm fortwährend unterschwellige Panik im Nacken. Erst wenn er im Flieger Richtung Thailand saß, würde sich das wohl legen und er noch ein bisschen schlafen können. Glücklicherweise fand sein Termin beim Kunden erst am nächsten Tag statt, somit blieb ihm ein wenig Zeit zum Akklimatisieren. Walter hatte ihn mit dem verlängerten Aufenthalt geködert, außerdem reichlich Honig um seinen nicht vorhandenen Bart geschmiert, dass er doch der am besten qualifizierte Mitarbeiter für diese Aufgabe wäre. Anfangs war er geschmeichelt gewesen doch inzwischen überzeugt, dass sich sein Chef bloß um die anstrengende Reise drücken wollte.

Eine gefühlte Ewigkeit später wurde endlich sein Flug aufgerufen. Keno schulterte seine Tasche und begab sich, zusammen mit einem Pulk Passagieren, in Richtung des entsprechenden Gates. Auch an Bord des A380 hielt seine Anspannung an. Er begann erst aufzuatmen, als sich die Maschine vom Terminal entfernte und zur Startbahn rollte. Daran, dass ihm in wenigen Tagen die gleiche Prozedur bevorstand, dachte er lieber gar nicht erst.

Sein Arbeitgeber hatte aus Kostengründen lediglich Holzklasse, wie vielreisende Kollegen spaßeshalber die Economy-Class nannten, statt Business-Class gebucht. Mit seinen eins fünfundsiebzig kam Keno damit einigermaßen klar, doch alle größeren Passagiere taten ihm leid. Beispielsweise der Typ in der Reihe schräg gegenüber, der die langen Beine kaum unterzubringen wusste.

Sobald der Airbus Flughöhe erreichte und die Gurtanschnallsignale erloschen, begab sich Keno in Ruheposition und versuchte einzuschlafen. Sein Sitznachbar, ein älterer Herr, tat das Gleiche und das mit schnellem Erfolg, wie ein Schnarchen verriet. Leider litt der Typ unter Erstickungsanfällen, die das Sägen häufig unterbrachen, gefolgt von lauten, schnell aufeinanderfolgenden Grunzlauten, bevor wieder das Schnarchen einsetzte. Keno schreckte jedes Mal davon hoch.

Irgendwann gab er auf, voller Hass auf den Alten und bedauerte, kein Messer zur Hand zu haben. Er hätte die Nervensäge sonst kaltblütig ins Jenseits geschickt, das wahrscheinlich eh in Kürze auf den Kerl wartete. Schlafentzug weckte in ihm eben niederste Instinkte.

Die Stewardess brachte ihm auf seine Bitte hin Kaffee, Mineralwasser und ein Frühstück. Das Besteck bestand aus Plastik. Da hatte der alte Herr ja noch mal Glück gehabt. Vom Koffein einigermaßen aufgemuntert, schmeckte ihm das Essen ganz passabel. Im Anschluss steckte er Ohrstöpsel ein und wählte aus dem Entertainmentprogramm Unterhaltung für Kinder. Das hätte er mal eher tun sollen: So kam er doch noch zu einer kleinen Mütze Schlaf.

Beim Landeanflug kehrte die Vorfreude zurück, endlich die Heimat seiner Mutter kennenzulernen. Das war auch eines von Walters Argumenten gewesen: „Du, als halber Thai, hast einen viel besseren Draht zu den Schlitzau… ähm, unseren Geschäftspartnern als unsereiner.“

Nein, bei Walter handelte es sich nicht um einen Ausländerfeind, sondern bloß um einen Spaßvogel. Keno hatte ins Feld geführt, weder Sprachkenntnisse noch sonst irgendwelches besonderes Wissen über thailändische Gepflogenheiten zu besitzen. Damit stieß er bei Walter jedoch auf taube Ohren. Sein Chef war berühmt-berüchtigt für selektive Wahrnehmung. Außerdem waren seine Einwände eh nur rein formal, denn er wollte die Geschäftsreise liebend gern antreten.

Inzwischen hatte der Airbus am Terminal angedockt. Bewegung entstand. Eine endlose Schlange von Passagieren zog vorbei. Als der Strom allmählich verebbte, erhob sich der ganz außen sitzende Asiate, als nächstes der alte Herr und Keno bildete das Schlusslicht. Er hatte die ganze Zeit aus dem Fenster geguckt, um sich einen ersten Eindruck von Thailand zu verschaffen. Irgendwie sahen Flughäfen alle gleich aus: Öde und mit Stahlkonstruktionen vollgerotzt. Jedenfalls die, die er kannte. Das waren nicht besonders viele, nur die der typischen Urlaubsziele, wie Mallorca, Kreta und die Kanaren. Ach ja, nun auch der Airport von Dubai.

Im Flughafengebäude trabte er seinen Mitpassagieren hinterher zur Gepäckausgabe. Um das Fließband hatte sich bereits eine Traube gebildet, doch noch stand es still. Keno suchte sich einen Platz etwas abseits und holte sein Smartphone hervor, um sich die Wartezeit mit einem Spiel zu vertreiben.

Nach einer Weile begann das Band zu laufen. Er steckte das Gerät wieder ein und positionierte sich an einer Stelle, von der er einigermaßen Sicht hatte. Sein Gepäck kam mit dem letzten Schwung, als um ihn herum nur noch wenige Leute standen. Ein schäbiger Rollkoffer, der im Vergleich zu den anderen schicken Gepäckstücken wie ein Relikt aus alten Zeiten wirkte.

Auf dem Weg zum Ausgang kramte er die Unterlagen hervor, die Walter ihm gegeben hatte. Vom Kunden war ein Hotel in der Nähe des Unternehmens gebucht worden. Das FuramaXclusive, ein Vier-Sterne-Schuppen. Keno hatte sich im Internet Bilder angeschaut und hoffte, dass sie zumindest in etwa der Realität glichen.

Als er eine der vor dem Gebäude stehenden Taxen ansteuerte, sprang der Fahrer heraus und bugsierte sein Gepäck in den Kofferraum. Er zeigte dem Mann die Hotelbuchung, woraufhin der Typ nickte, wieder einstieg und - kaum dass er auf der Rückbank saß - losbrauste. Anfangs kamen sie gut voran, doch nach ungefähr zwanzig Minuten Fahrt begann der Verkehr zu stocken. Am Ende dauerte es über eine Stunde, bis der Wagen vorm Hotel hielt. Keno zahlte in Baht, die er vorsichtshalber noch in Deutschland besorgt hatte.

Das Innere des Gebäudes sah genauso aus, wie die Fotos im Internet. Das Einchecken verlief problemlos und schnell. Er erhielt eine Keycard, ging zum Lift und fuhr in den fünften Stock. Der Flur war steril, dafür sein Zimmer umso gemütlicher: Ein großzügiger, in warmen Farben eingerichteter Raum mit Doppelbett, Kochnische, Sitzecke und Balkon.

Er setzte den Wasserkocher in Betrieb, packte das Nötigste aus und kramte einen Beutel Jasmin-Tee aus dem Vorrat in einem der Schränke. Mit dem Becher ging er nach draußen, nahm auf einem der beiden Plastikstühle Platz und ließ den Blick umher schweifen. Wolkenkratzer, wohin man auch sah und unten: Blechkarosse an Blechkarosse.

Ein herzhaftes Gähnen brachte seinen Kiefer zum Knacken. Die hohe Luftfeuchtigkeit bei über dreißig Grad war gewöhnungsbedürftig und machte ihm sein Schlafdefizit deutlich bewusst. Anscheinend hatte es vor kurzem geregnet, denn er entdeckte einige Pfützen in der Umgebung. Laut Wetterbericht sollte es in den kommenden Tagen auch immer mal wieder Schauer geben.

Schon merkwürdig, wie sehr sich Städte mittlerweile ähnelten. Von der Kulisse her könnte er in jeder x-beliebigen Metropole sein. Dafür liebte er seine Heimatstadt, die sich bislang aus dem höher-größer-Wahn raushielt: Hamburgs Skyline war weiterhin von Kirchtürmen, statt von chromblitzenden Monstren geprägt.

Er nippte an seinem Tee und richtete den Blick in die Ferne. Schwer vorstellbar, dass seine Mutter hier mal gelebt hatte. Allerdings stammte sie aus einer nördlichen Provinz, nicht aus der Hauptstadt. Seinen Vater hatte sie über ein Vermittlungsinstitut kennengelernt. Böse Zungen würden behaupten, sie wäre gekauft worden. Na ja. Irgendwie entsprach das ja auch den Tatsachen, doch im Laufe der Zeit hatte sich daraus große Zuneigung entwickelt.

Seit ihrem Weggang war seine Mutter nie wieder in Thailand gewesen. Sie redete ausschließlich deutsch, hatte sich evangelisch taufen lassen und trug stets züchtige Kleidung. Bis auf ihre asiatischen Kochkünste (und natürlich ihr Äußeres) war wenig von ihrer Herkunft geblieben. Dass er Keno hieß verdankte er seinem Vater, der darauf bestanden hatte, ihren einzigen Sohn thailändisch zu benennen. Vor ihm hatte seine Mutter zwei Totgeburten gehabt und konnte nach ihm nicht mehr schwanger werden.

Keno leerte seinen Becher und beschloss, einen Bummel zu unternehmen. Ganz in der Nähe sollte ein Park liegen, außerdem wollte er unbedingt ein paar der Tempel angucken. Rasch tauschte er seine Jeans gegen Shorts, zog seine Socken aus und schlüpfte in Flipflops. Nachdem er seine Börse in seiner Gürteltasche verstaut hatte, schnappte er sich die Keycard und verließ das Zimmer.

Rund drei Stunden später kehrte er völlig verschwitzt und erledigt zurück. Den Lumphini-Park hatte er problemlos gefunden und sich eine Weile darin aufgehalten. Auf dem Weg zum nächsten Tempel war er erst in die falsche Richtung gelaufen. Als ihm der Irrtum auffiel hatte er ziemlich lange gebraucht, bis er wieder zum Ausgangsort fand und von dort nochmal so viel Zeit, bis er vor dem Bauwerk stand. Die Besichtigung des Tempels war Entschädigung für diese Mühen. Ein kostbares Kleinod inmitten all der seelenlosen Gebäude.

Bevor er zum Hotel ging, hatte er in einer der zahllosen Garküchen eine Kleinigkeit gegessen. Im Grunde fühlte er sich reif fürs Bett, doch dafür war es zu früh. Zudem konnte er einen weiteren Snack vertragen, dazu vielleicht einen Drink.

Nach einer erfrischenden Dusche klemmte er sein Notebook unter den Arm und begab sich ins Erdgeschoss. Das Restaurant war gut frequentiert. Er fand im Außenbereich einen freien Zweiertisch, mit Blick auf den kleinen Pool im Innenhof. Nur eine ältere Dame schwamm in dem kristallklaren Wasser, das von hohen Pflanzen umgeben war.

Beim Kellner bestellte er Massaman Gaeng, ein thailändisches Curry-Gericht, sowie ein Glas trockenen Weißwein. Gleich darauf brachte der Mann, zusammen mit dem Wein, eine Flasche Wasser. Toller Service. Dankend nickte er dem Kellner zu, was dieser mit einem Wai erwiderte. Seine Mutter hatte ihm eine kurze Unterweisung in thailändischer Höflichkeit gegeben, daher kannte er diese Geste und wusste auch ungefähr, wie man wem gegenüber darauf reagierte.

Gerade wollte er sein Notebook aufklappen, als ein bekanntes Gesicht an seinem Tisch auftauchte. Er hätte damit rechnen müssen, denn Liebknecht Maschinenbau war einer der vier Mitbewerber am Markt. Dennoch hatte er gehofft, einen anderen Konkurrenten zu treffen, als ausgerechnet Jordan Liebknecht. Dessen Markenzeichen war umwerfendes Aussehen und - vermutlich daraus resultierend - kotzreizerregend großes Selbstbewusstsein.

Jordan grüßte ihn mit einem Wai, der jedoch von einem überheblichen Grinsen verfälscht wurde. „Schön dich hier zu treffen. Darf ich mich dazu setzen?“

Mr. Arroganz wartete seine Antwort gar nicht ab, sondern ließ sich einfach gegenüber nieder. Keno verzichtete daher darauf, den Gruß zu erwidern.

„Was für ein Zufall“, gab er spöttisch zurück. „Was treibt dich denn nach Bangkok?“

„Der schnöde Mammon.“ Jordan seufzte theatralisch. „Und selbst?“

Ein herbeigeeilter Kellner verschaffte ihm Gelegenheit, über eine schlagfertige Antwort nachzudenken. Jordan bat um einen Gin-Tonic.

Als der Mann wieder davon gehuscht war, entgegnete er: „Ich bin aus rein ethischen Motiven hier, nämlich, um die Welt zu retten.“

Einen Moment war Jordan sprachlos, leider viel zu kurz. „Im Grunde ist das auch mein Anliegen. Ich wollte nur das Nützliche mit dem ideellen Zweck verbinden.“

Eigentlich grenzte es an ein Wunder, dass Jordan ihn überhaupt erkannt hatte. Sie waren einander bisher nur auf zwei Messen begegnet. Beim ersten Mal war Keno als Besucher unterwegs, beim zweiten Mal als Standpersonal und von Walter den Liebknechts vorgestellt worden. Obwohl man konkurrierte, tat man loyal. Der alte Liebknecht hatte Walter kumpelhaft auf die Schulter geklopft und Keno die Hand geschüttelt, bis er dachte, sie würde gleich abfallen.

„Richtig so, Walter. Man muss den Nachwuchs fördern“, waren dabei Liebknechts Worte gewesen, verbunden mit einem falschen breiten Lächeln.

Jordan hatte damals sowohl Walter als auch ihm bloß zugenickt. Das war drei Monate her.

„Bist du allein unterwegs?“, erkundigte sich Keno.

„Meinem Vater werden die Fernreisen zu viel, daher habe ich diese übernommen.“ Jordan legte eine Pause ein, während der Kellner den Gin-Tonic servierte. „Und weil er sich das ganz spontan überlegt hat, durfte ich seinen Platz in der ersten Klasse einnehmen. Ansonsten hätte ich auf den Ruderbänken sitzen müssen.“

„Ruder …? Ach so, du meinst die Holzklasse.“

„Genau. Da der Airbus im Aufbau einer Galeere gleicht - unten das arbeitende Volk, oben die Patrizier - hab ich sie so getauft.“

Erstaunlich. Anscheinend war in dem hübschen Köpfchen mehr los als vermutet. „Heißt das, eure Angestellten müssen auf den billigen Plätzen fliegen?“

„Natürlich. Was denkst du denn? Wie sagt mein Vater immer so schön? Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert.“

Klang Jordan bitter? Auch die Miene seines Gegenübers verdüsterte sich einen Augenblick, dann war dieser Eindruck wieder vorbei. „Na ja. Immerhin hat er damit Erfolg.“

Der Kellner brachte sein Curry-Gericht. Ein Glück. Im Eifer des Gesprächs hatte Keno sein Glas geleert und merkte die Wirkung des Alkohols. Da kam die feste Unterlage gerade richtig.

2.

Wäre Jordan nicht von seinem Vater (woher auch immer der diese Info hatte) in Kenntnis gesetzt worden, dass Katsuki Maschinenbau ebenfalls jemanden nach Bangkok schickte, hätte er den Typen glatt übersehen. Zwischen all den mandeläugigen Schönheiten fiel der attraktive Mann weitaus weniger auf, als zwischen lauter Weißen. Wirklich klug von Walter, einen Asiaten, vermutlich sogar Thailänder, loszuschicken. Als Landsmann hatte der natürlich von vornherein mehr Sympathiepunkte beim Kunden als ein Europäer.

An ihr Treffen auf der letzten Messe erinnerte er sich nur schwach. Es war daher ein Schuss ins Blaue gewesen, als er den Mann - an dessen Namen er sich ums Verrecken nicht erinnerte - angesprochen hatte. Nachdenklich sah er seinem Tischgenossen beim Essen zu. Irgendwas mit ‚M‘, das wusste er noch. Manito? Hießen Thais so?

„Sag mal … es ist mir total peinlich, aber ich hab deinen Namen vergessen“, fragte er mit seinem charmantesten Lächeln.

Grinsend zwinkerte der Typ ihm zu. „Kein Problem.“

Was für ein Früchtchen! Anscheinend amüsierte sich der Kerl über ihn. „Und?“, hakte er nach.

„Ich bin Keno.“

Wie kam er bloß auf ‚M‘? „Sorry. Das war echt keine Absicht. Ich war auf der Messe bloß ziemlich abgelenkt.“

Zu dem Zeitpunkt hatte er mit seinen Alten arg im Clinch gelegen. Na ja, eigentlich wie immer. Seine Eltern wollten, dass er endlich heiratete und einen männlichen Firmenerben zeugte. Seine Schwester hatte zwar drei Bälger, aber alles nur Mädchen und dabei würde es auch bleiben.

Seine Eltern wussten von seiner Neigung, taten sie jedoch als Grille ab. Großzügig sahen sie darüber hinweg, so lange er ansonsten nach ihrer Pfeife tanzte. Sie waren der Meinung, dass sich doch bestimmt eine Frau fände, die in der Lage wäre seine Libido zu wecken. Ignoranten! Als ob sein Vater beim Anblick eines hübschen Schwanzes zum Schwulsein oder seine Mutter angesichts einer saftigen Vagina zu lesbisch konvertieren würde. Solchen Argumenten verschlossen sich die beiden natürlich, zumal er sie stets erst dann vorbrachte, wenn die Lage bereits eskalierte. Danach war stets für eine Weile Sendepause, bis das Spielchen von vorn losging.

„Du bist Jordan, richtig?“, meldete sich Keno zu Wort.

Er nickte.

Keno legte das Besteck beiseite, nahm das Weinglas und drehte es in den Händen. „Darf ich fragen, mit welcher Preisvorstellung ihr an die Sache rangeht?“

„Klar darfst du das. Erwarte aber keine Antwort.“ Jordan winkte den Kellner heran und bat um Nachschub, woraufhin sein Gegenüber ebenfalls ein zweites Glas Wein bestellte. Der Ober nahm den leeren Teller und eilte davon. „Wie sieht denn euer Angebot aus?“

„Ha, ha!“, machte Keno. „Träum ruhig weiter.“

„Bist du bestechlich?“

„Kommt drauf an. Welche Summe schwebt dir vor?“

„Ich dacht da eher an …“ Jordan wackelte vielsagend mit den Augenbrauen. „… fleischliche Bezahlung.“

Das war als Scherz gedacht, doch an Kenos Stirnrunzeln sowie Blick, der taxierend an ihm runterwanderte, erkannte er: Erstens kam sein Witz nicht an, zweitens war Keno schwul. Keine Hete musterte einen Mann auf diese eindeutig sexuell orientierte Art.

Das eröffnete neue Möglichkeiten. Sollte er wirklich seinen Körper einsetzen, um Spionage zu betreiben? Ach, Unsinn! So etwas hatte zu Zeiten Sinn ergeben, als es noch keine passwortgeschützten Computer gab. Außerdem: Was brachte es, wenn er tatsächlich den Angebotspreis von Katsuki herausfand? Seine Unterlagen konnte er unmöglich, sofern die Konkurrenz niedriger kalkuliert hatte, bis zum nächsten Tag entsprechend anpassen.

„Du willst dich für deinen Vater prostituieren?“, fragte Keno ungläubig.

„Vergiss es. Das war ein Joke.“

„Oh Mann!“ Mit der flachen Hand schlug sich Keno gegen die Stirn. „Und ich fall auch noch darauf rein.“

Der Kellner, der mit ihren Getränken erschien, sorgte für einen Moment Stille. Nachdem der Bedienstete wieder weg war, wechselte Keno das Thema: „Wo warst du eigentlich in Dubai? Oder hast du einen anderen Flieger genommen?“

„In der VIP-Lounge, aber nur …“ „Weil dein Vater die bereits gebucht hatte. Schon klar“, fiel Keno ihm ins Wort. „Hattest du auch so ein mieses Gefühl? Ich meine …“ Sein Gegenüber senkte die Stimme und beugte sich über den Tisch. „Hast du dich auch ständig umgeguckt, ob die Scharia - oder wie dieser Verein heißt - in Anmarsch ist?“

„Nein. Warum sollte ich?“

„Weil du gegen ihre Gesetze verstößt.“

„Inwiefern?“

„Dadurch, dass du das falsche Geschlecht bevorzugst“, erklärte Keno etwas ungehalten und lehnte sich zurück, die Arme vor der Brust verschränkt.

„Ach so. So lange es niemand merkt, ist das doch egal.“

Seine Antwort schien Keno nicht zufriedenzustellen, wie er an dem Naserümpfen bemerkte. Seine Schwester warf ihm ständig mangelnde Empathie vor. Wahrscheinlich hatte sie recht. Wie hätte er sonst ihr liebloses Elternhaus unbeschadet überstehen sollen? Sie hatte Glück gehabt, weil sie öfter zu ihrer Großmutter abgeschoben wurde. Dahingegen war er, als Erbe, der vollen Breitseite elterlichen Drills ausgeliefert gewesen.

„Damit will ich nicht sagen, dass ich die Gesetze in den Emiraten gutheiße“, besserte er nach. „Aber als Ausländer haben wir doch sowieso einen ganz anderen Status.“

Keno winkte ab, leerte das Glas in einem Zug und bedeutete dem Kellner mit einer unmissverständlichen Geste, zahlen zu wollen. Innerlich seufzend, da er null Bock auf sein leeres Zimmer hatte, schloss sich Jordan an.

Gemeinsam verließen sie das Restaurant, gingen zum Lift und stiegen in die Kabine. Keno drückte auf den Knopf für den fünften Stock. Eigentlich müsste Jordan im vierten aussteigen, beließ es aber dabei.

„Wann hast du denn morgen den Termin?“, erkundigte er sich.

„Um elf.“

„Dann könnten wir doch zusammen hinfahren. Ich muss auch um die Zeit da sein.“

„Okay.“

„Treffen wir uns Morgen um halb zehn zum Frühstück? Oder um neun? Je nachdem, was dir lieber ist.“

„Halb zehn ist in Ordnung.“

Kenos einsilbige Antworten gingen ihm auf den Sack, doch er zügelte seinen Unmut. Der Aufzug hielt eh gerade. Nach einem sanften pling! glitten die Türen auf. „Dann bis morgen.“

„Gute Nacht“, wünschte Keno, verließ die Kabine und lief den Gang hinunter.

Süßer Arsch. Überhaupt war Keno ein Leckerbissen. Vielleicht hätte er diese Spionage-Sache aus rein vergnügungstechnischen Gründen weiter verfolgen sollen.

Er trat ebenfalls aus dem Aufzug und steuerte das Treppenhaus an. In seinem Zimmer angekommen nahm er eine Flasche Bier aus der Minibar, entfernte den Kronkorken und ging auf den Balkon. Bangkok bei Nacht. Er könnte sich einen Thai-Boy kaufen, um ein bisschen Ablenkung zu finden. Netter Gedanke, vor allem der, die Kosten dafür auf seine Spesenabrechnung zu setzen. Sein Vater würde Gift und Galle spucken.

Jordan lehnte sich über die Balkonbrüstung und sah in die Tiefe. Manchmal hatte er in jungen Jahren über Suizid nachgedacht. Ein Sprung und alles wäre vorbei. Allerdings durfte er das seiner geliebten Großmutter nicht antun. Wie diese tolerante, intelligente Frau jemanden wie seinen Vater großgezogen hatte, blieb ihm unverständlich. Sie meinte stets, sein Alter würde nach seinem Großvater kommen. Der war noch vor seiner Geburt gestorben. Vielleicht gut so. Ihm reichte einer von dieser Sorte.

Er setzte die Flasche an seine Lippen. Das Zeug schmeckte recht passabel. Vor einigen Jahren war er schon mal geschäftlich mit seinem Vater in Thailand gewesen und wusste daher noch, welche Sorten man gut trinken konnte. Damals hatte sein Alter ihn in ein einschlägiges Viertel mitgenommen und versucht, ihm eine der Nutten aufs Auge zu drücken. Letztendlich war er mit einem Kathoey (auch Ladyboy genannt, i.d.R. feminine Männer, die Männer begehren) in ein Hotelzimmer gegangen, sein Vater mit einer der Huren. Keine Erfahrung, die er zu wiederholen wünschte. Obwohl der Typ verdammt hübsch aussah, besaß er für Jordans Geschmack zu viele weibliche Hormone.

Leider war seine Mutter über die Untreue seines Vaters im Bilde. Somit fiel das Erlebnis als Repressalie bedauerlicherweise aus.

Als er am nächsten Morgen um Viertel nach neun den Frühstückssaal betrat, saß Keno bereits an einem der Tische. Wollte der Typ ihn verarschen oder war er nur aus dem Bett gefallen? Jordan klebte sich ein Lächeln ins Gesicht und schritt durch den Raum, wobei er beiläufig die anderen Gäste musterte. An einem Glatzkopf blieb sein Blick hängen. Ach du Scheiße! Karel Gotthausen von der Firma Folio-Expert aus München. Diesen Mitbewerber hatte sein Vater gar nicht erwähnt.

„Ich glaub es nicht! Der junge Liebknecht! Ja, Grüzi!“, zerstörte Karel die Hoffnung, unerkannt seinen Weg fortzusetzen.

Pflichtschuldig näherte er sich dem Mann und schüttelte die dargebotene Hand. „Was für eine Überraschung. Auch im Urlaub?“

„Ha, ha! Du beliebst zu scherzen. Setz dich doch.“ Karel wies auf die freien Plätze am Tisch.

„Tut mir leid. Ich bin verabredet.“

„Ach?“ Karels Augenbrauen flogen hoch. „Du hast Verstärkung dabei?“

„Nein, das nicht. Ich betreibe Marktforschung bei der Konkurrenz“, erwiderte Jordan und nickte in Richtung Keno, der sie beobachtete. „Da drüben sitzt Katsuki Maschinenbau.“

„Ach ne! Hat Walter also jemand anderen geschickt. Na, dann setzt euch doch beide zu mir“, schlug Karel vor und winkte Keno zu. „Hallo, guten Morgen.“

Ihre Unterhaltung war laut genug gewesen, dass alle mithören konnten. Keno machte bereits Anstalten, an Karels Tisch umzuziehen, womit sich Ausflüchte erübrigten. Jordan wären eh keine passablen eingefallen. Er ging zum Buffet und versorgte sich mit Kaffee, Toast, Butter und Marmelade, bevor er den Stuhl gegenüber Karel mit Beschlag belegte.

„Habt ihr euch einander schon vorgestellt?“, erkundigte er sich.

Karel, der gerade kaute, nickte.

„Wir haben uns auch schon über unsere Angebotspreise ausgetauscht“, behauptete Keno trocken. „Karel ist da nicht so zimperlich wie du.“

Das Kerlchen trug ein Pokerface zur Schau, doch ein vergnügtes Funkeln in den Augen verriet ihn. Jordan ging auf das Spiel ein. „Karel lügt vor allem wie gedruckt. Glaub ihm kein Wort.“

„Also bitte, Jungs! Was sollen denn die Leute denken? Ich bin ein ehrlicher Geschäftsmann“, entrüstete sich Karel unernst.

Der Mann war schwer einzuschätzen. Äußerlich wirkte Karel wie ein Biedermann, mit dem Bauchansatz, gutmütigen Gesicht und den Schweinsäuglein. Sein Vater hatte mal gesagt, dass Gotthausen ein gerissenes Schlitzohr wäre. Vielleicht legte Karel es nur darauf an als harmlos zu gelten, um die Konkurrenz in Sicherheit zu wiegen und erst beim Kunden aufzutrumpfen. Solche Methoden waren allerdings schon längt überholt. Heutzutage kam es auf echtes Knowhow und scharf kalkulierte Preise an, selbst in einem Oligopol wie dem ihrigen.

„Ihr seid schon gestern angekommen?“, fragte Karel.

„Glücklicherweise ja. Wann bist du denn gelandet?“

„Vor …“ Karel sah auf eine protzige Armbanduhr, noch so ein Relikt aus alten Zeiten. „… genau neun Stunden.“

„Du Armer. Hattest du einen angenehmen Flug?“

„Oh ja, kann nicht klagen.“

„Von München kann man direkt fliegen“, mischte sich Keno ein. „Ich glaube, wenn ich nochmal her muss, nehme ich auch die Route.“

„Würde ich sehr empfehlen. Zwischenlandungen sind doch ätzend“, stimmte Karel zu. „Ich hol mir noch Kaffee. Soll ich euch was mitbringen?“

„Ich hätte gern einen O-Saft“, bat Jordan. Sobald Karel außer Hörweite war, wandte er sich an Keno: „Sei bloß vorsichtig. Er ist ein Wolf im Schafspelz.“

„Auf mich wirkt er eher wie ein Schaf im Wolfspelz.“

„Jedenfalls solltest du ihm gegenüber nichts wegen du-weißt-schon erwähnen.“

Keno schob sich ein Stück Melone in den Mund und zuckte die Achseln. „Dasch ischt doch klar.“

„Wollte es nur gesagt haben“, schloss Jordan mit dem Thema ab, da Karel zurückkehrte. „Hast du schon ein Taxi geordert?“

„Nein.“

„Dann mache ich das gleich.“

Karel stellte das gewünschte Getränk vor ihm ab, nahm wieder Platz und lehnte sich zurück. „Seid ihr auch für elf Uhr bestellt?“

Jordan nickte, unisono mit Keno.

„Fein. Dann lasst uns doch zusammen hinfahren.“

„Okay. Hast du eine Ahnung, wer sonst noch kommt?“, wollte Jordan wissen.

Es gab einen weiteren Anbieter in Frankreich und einen in der Schweiz.

„Ich hoffe mal, es bleibt bei uns dreien.“ Geräuschvoll schlürfte Karel einen Schluck Kaffee. „Wann müsst ihr zurück?“

„Wann geht denn dein Flieger?“, fragte Jordan vorsichtshalber. Falls Karel ebenfalls länger blieb, würde er eine Notlüge erfinden, um den Kerl nicht die ganze Zeit auf der Pelle zu haben.

„Heute Abend um acht. Was für ein blödes Timing! Nicht mal Zeit, um eines der hübschen Thai-Mädchen zu beglücken.“

„Wie ärgerlich“, kommentierte Keno mit einem Hauch Ironie.

„Du hast gut reden! Bestimmt hast du an jedem Finger eine Verehrerin, aber sieh mich doch an. Mich nimmt doch keine mehr. Da bin ich eben auf die süßen käuflichen Hasen angewiesen“, rechtfertigte sich Karel.