Opak - Matthias Falke - E-Book

Opak E-Book

Matthias Falke

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Beschreibung

'Okay, was ist es?' 'Wir wissen nicht sehr viel darüber.' 'Ich vermute, das ist der Grund, weshalb wir es uns ansehen sollen. Also?' 'Eigentlich wissen wir – überhaupt nichts.' 'Ihr geht davon aus, dass es existiert.' 'Es scheint da etwas zu sein.' 'Das Dasein ist zweifelhaft?' 'Wir haben Daten, nach denen es sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bewegt.' 'Oha, es bewegt sich also!' '. und Ihr Befehl lautet, die Beobachtungen aus der Nähe durchzuführen, die aufgrund der Beschaffenheit des Objektes von hier aus nicht möglich sind.' 'Da ist dann wohl nichts zu machen.' 'Herzlichen Dank für Ihre konstruktive Mitarbeit, Commander Carlssen.' 'Wie heißt es?' 'Es hat eine Routine-Nummer, die Sie dem Marschbefehl entnehmen werden. Intern nennen wir es das ›Opak‹.' Die sechs Erzählungen dieses Bandes zeigen Matthias Falke als Autor beklemmender Zukunftsvisionen. Die Texte sind düster bis dystopisch, sie halten der Menschheit einen pessimistischen Spiegel vor. Die Eroberung des Weltraums geht einher mit Krieg und Diktatur bis hin zur Gefahr der Selbstauslöschung. Manche Erzählungen spielen in Falkes ENTHYMESIS-Universum, andere stehen für sich. Ihnen allen ist der schonungslose Blick auf unsere Spezies und das Verhängnis, das sie sich zu gerne selbst bereitet, gemein.

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Matthias Falke
O P A K
© 2015 Begedia Verlag
© 2007-2010 Matthias Falke
Umschlagbild Alexander Preuss
ISBN: 978-3-95777-048-6
Besuchen Sie uns im Web:
http://verlag.begedia.de

Opak

»Okay, was ist es?«

»Wir wissen nicht sehr viel darüber.«

»Ich vermute, das ist der Grund, weshalb wir es uns ansehen sollen; also: Was ist es? Ein Asteroid?«

»Eigentlich wissen wir – überhaupt nichts …«

»Ihr geht doch davon aus, dass es existiert.«

»Es scheint da etwas zu sein.«

»Das bloße Dasein ist zweifelhaft?«

»Wir haben Daten, nach denen es sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bewegt …«

»Oha! Bewegen tut es sich auch noch.«

»… und Ihr Befehl lautet, aus unmittelbarer Nähe die Beobachtungen durchzuführen, die aufgrund der Beschaffenheit des Objektes von hier aus oder aus dem Erdorbit nicht möglich sind.«

»Da ist dann wohl nichts zu machen.«

»Herzlichen Dank für Ihre konstruktive Mitarbeit, Carlssen.«

»Wie heißt es?«

»Es hat eine Routinenummer, die Sie dem Marschbefehl, der auf Ihr Logbuch überspielt wird, entnehmen können; intern nennen wir es: ›Opak‹.«

Als wir unseren Marschbefehl erhielten, den Oberst Tyrone uns im Auftrag der Zentralen Überwachungsstation auf Luna III übermittelte, befand sich die Leibniz in einem stationären Uranusorbit innerhalb der Umlaufbahn von Miranda. Das Schiff war erst wenige Wochen zuvor von Sirius II, dem entferntesten bemannten Außenposten jener Zeit, zurückgekehrt und wurde nach der interstellaren Reise überholt. Eigentlich hatten wir uns ein paar Tage Erholung verdient und freuten uns darauf, den während der Expedition gesammelten Sonderurlaub abzufeiern. Jedenfalls hofften wir, die Sache in einigen Wochen hinter uns zu bringen. Silesio, wie immer bemüht, die Not zur Tugend umzudefinieren, versuchte, uns das Unternehmen dadurch schmackhaft zu machen, dass er uns einredete, es würde bestimmt noch ein paar Sonderprämien an Freizeit geben und dann vielleicht für einen Abstecher zu den Vergnügungskuppeln von Luna reichen.

Es war 6:30 Uhr Bordzeit, als die Dorset von der Leibniz – in deren Großem Drohnendeck sie auf Werft gelegen hatte – abkoppelte und sich einige hundert Kilometer auf den nächtlichen Planeten zurückfallen ließ. Von der Schwerkraft des blauschwarzen Gasriesen dem Sonnenaufgang entgegengeschleudert, der in arktischer Lautlosigkeit vor den Panoramafenstern gefror, gaben wir viereinhalb Minuten vollen Schub aus dem Photonentriebwerk und beschleunigten mit Richtung auf das innere Sonnensystem. In einem weiteren Swing-by an Oberon erhöhten wir unsere Reisegeschwindigkeit auf knapp 1 ‰ c. Uranus sank in violette Unsichtbarkeit zurück und der Funkverkehr mit der Leibniz wurde abgehackter und gleichgültiger.

»Ich würde euch gerne mehr erzählen. Ich kann euch jedoch versichern, dass keine interne Informationssperre vorliegt, aber unser Wissen ist gegenwärtig außerordentlich gering. Ich bekomme stündliche Updates, die die vorliegenden Daten zu bestätigen scheinen. Substanziell breiter wird unsere Informationsbasis allerdings nicht.«

»Vollführ kein Geschwätz, sondern sag uns, was Sache ist und warum wir hier rumhängen, während die anderen wochenlang blau machen und im Mutterschiff unter der Höhensonne liegen?«

»Das ist kein Geschwätz, Gus, sondern eine Einleitung.«

Theresa erntete einen beleidigten Blick Evchen Groenewolds, die ihre blauen Augen schmatzend von Gus ablöste. Die Erste Offizierin zog das rechte Knie an, stützte ihr schönes Kinn darauf und sah wieder nach vorne.

»Mach weiter, Darling!«

»Vielen Dank. Das Objekt, das unsere Freunde, die Witzbolde von der Planetarischen, ›Das Opak‹ getauft haben, damit wir uns alle etwas darunter vorstellen können, wurde vor einigen Wochen gesichtet. Es befand sich damals auf Höhe der Saturnbahn. ›Gesichtet‹ ist natürlich nicht ganz richtig, wie der Name auszudrücken bemüht ist.«

»Opak heißt: nicht leuchtend.« Silesio kam einer erneuten Heftigkeit Gus’ gelassen zuvor. »Es scheint sich um ein lichtschwaches Objekt zu handeln, das weder eigene Helligkeit emittiert noch externe Strahlung reflektiert.«

»Genau genommen ist es nicht nur lichtschwach, sondern tatsächlich unsichtbar. Es ist bislang nicht gelungen, eine Aufnahme im optischen oder einem anderen Spektrum herzustellen. Auch einer zufällig vorbeifliegenden Drohne war es nicht möglich, das Opak zu fotografieren oder sonstige Informationen über seine Beschaffenheit zu gewinnen. Das war der Anlass, uns – mitten aus dem wohlverdienten Urlaub heraus, Gus, du hast recht, aber ich bin sicher, dass dir jeder Tag doppelt vergütet wird – zu aktivieren.«

»Und woher wissen wir dann überhaupt, dass es da ist?«

Der Bordingenieur spürte Groenewolds himmelnde Augen auf sich.

»Es verdeckt manchmal das Licht einzelner Sterne, vor denen es vorbeizieht. Das ist auch der Grund, weshalb es so spät geortet wurde. Für gewöhnlich werden Kometen oder Asteroiden weit jenseits der Neptunbahn erfasst. Nur die extrem ungünstigen Eigenschaften dieses Objekts ermöglichtem ihm, so weit unerkannt in unser System einzudringen.«

»Warum manchmal?« Silesio hatte den Bart in die Faust gestützt und sah den Commander aus hängenden Augen an. »Warum verdeckt es die Sterne nur manchmal?«

»Nach den ersten Einzelbeobachtungen wurde versucht, die singulären Daten miteinander zu verknüpfen und in einer Theorie zu vereinigen, das heißt, ein Objekt zu definieren, das für sämtliche Durchgänge verantwortlich sein könnte. Dies ist nicht gelungen. Die Vorhersagen, sowohl was die Größe, also das Feld der Abdeckungen, als auch was die Geschwindigkeit, also die Bewegung der Abdeckungen betrifft, ließen sich nur partiell verifizieren. Man entwarf Hilfshypothesen und ging zeitweise von mehreren Objekten aus, doch führte auch das nicht zu befriedigenden Ergebnissen, die die Vorhersagen und Messungen miteinander in Einklang hätten bringen können. Erst als man die einzelnen Daten statistisch miteinander verrechnete und ein virtuelles Durchschnittsobjekt auf einer hypothetischen Durchschnittsbahn erstellte, stimmte es. Einigermaßen.«

»Das heißt?« Gus reagierte lustlos auf Evchens stachelnde Miene.

Silesio nahm einen Zug an seinem Zigarillo und versuchte es an Stelle Carlssens, der erschöpft zu seiner Ersten Offizierin hinüberblinzelte.

»Wir haben es mit einem Objekt zu tun, das nicht der klassischen Physik nach Newton zuzuschreiben ist, sondern nur in einem quantentheoretischen Rahmen beschrieben werden kann. Wie wir die Elektronenwolke eines beliebigen Atoms nicht stationär, sondern nur als statistische Verteilung erfassen können oder wie ein Photon, das einen paradoxen Doppelcharakter als Welle und Teilchen besitzt, so scheint auch das Opak keinen gegebenen Aufenthaltsort zu haben, sondern nur über eine gewisse Wahrscheinlichkeit zu verfügen, wann es sich wo befinden wird.«

Er hatte sich direkt an Gus gewandt, dessen binärer Technikerverstand mit seinem grobklotzigen Entweder-oder ihn langweilte; jetzt richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Commander.

»Wurde die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass es sich um ein Artefakt handelt?«

Carlssen, der einen Schluck von Theresas Kaffee genommen hatte, erhob sich von der Tischkante.

»Das ist eine von mehreren Möglichkeiten, wenn auch eine eher unwahrscheinliche. Jedenfalls unterliegt unser Auftrag den strengsten Sicherheitsvorschriften und der höchsten Geheimhaltungsstufe.«

Ein tiefblaues Schweigen des Commanders unterstrich den letzten Satz.

»Wenn keine Fragen mehr sind, komme ich zum äußeren Ablauf der Expedition.«

Gus warf sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die bulligen Arme vor der Brust, blieb aber stumm. Groenewold wandte sich enttäuscht ab.

»Wir befinden uns mittlerweile einige Millionen Kilometer innerhalb der Uranusbahn und haben unsere vorläufige Reisegeschwindigkeit erreicht. In sechs Wochen werden wir Saturn passieren und durch den Swing-by noch leicht, auf dann 1,13 ‰ c beschleunigen. Falls das Opak seine bisherige Richtung beibehält, die etwa der eines mittleren Kometen entspricht, werden wir es in neun bis zehn Wochen in Höhe der Jupiterbahn einholen und zu vermessen und zu beobachten beginnen. Ich schlage daher vor, wir legen uns einige Wochen aufs Ohr. Natürlich bleibt es jedem überlassen, wach zu bleiben und sich die Zeit selbst zu vertreiben. Ich weise allerdings darauf hin, dass die Dorset ein kleines Schiff ist, das nicht für derartige Reisen konstruiert wurde. Der Alterungskoeffizient wird, wenn jemand die ganze Zeit wach bleiben sollte, 0,95 betragen; im Tiefschlaf beträgt er aufgrund der reduzierten Körpertätigkeit 0,88. Also? Gus geht freiwillig, da brauche ich nicht zu fragen. Groenewold? Schläft. Theresa? Dich bräuchte ich zumindest für den Saturn-Swing-by. Wir werden bis dicht über die äußeren Ringe eindringen, das überlasse ich ungern komplett der Automatik. Außerdem solltest du das mal gesehen haben. Überleg dir also, ob du dich zwischendrin wecken lässt oder ob du dich erst nach dem Manöver für die restlichen fünf Wochen hinlegst.«

Silesio bekundete, er wolle die Zeit für seine Abhandlung über die Kontingenzproblematik nutzen. Daraufhin löste Carlssen die informelle Sitzung auf und verschwand ins Cockpit.

»Ein bisschen wie das Nirwana.« Silesio schob seinen Springer vor und kassierte einen von Carlssens Bauern.

»Wenn du so weitermachst, spielst du mich ins Nirwana.« Der Commander versuchte eine Verzweiflungstat, indem er seinen Läufer quer über das Feld nach vorne schoss, wurde aber von einem versteckten Turm seines Chefprogrammierers abgefangen.

»Das Nirwana ist ein Zustand, der nicht positiv definiert werden kann, sondern nur negativ.« Silesio verfolgte amüsiert ein Verlegenheitsmanöver Carlssens und setzte dann seine im Abseits geparkte Dame um ein Feld vor: Schach! »Man kann nicht sagen, was es ist, nur, was es nicht ist.«

Der Commander legte interessiert seinen König auf den schwarzen Bauch.

»So ähnlich scheint auch das Opak beschaffen.«

Der Systemtheoretiker und promovierte Philosoph sammelte die Figuren ein und bot mit schwammigen Blicken eine Revanche an; Carlssen lehnte dankend ab.

»Wir können es nicht sehen, wir können es nicht berechnen; lediglich indem wir abgrenzen, wo es überall nicht ist, können wir Hypothesen über einzelne äußere Eigenschaften aufstellen.«

Carlssen inhalierte den ersten Zug der Qat-Zigarette, die er hinterher gerne rauchte. Er erhob sich unbehaglich und ging zu den Panoramascheiben der Messe. Ein lichtstarker, hellblauer Stern erfüllte den Ausschnitt mit smaragdenem Leuchten. Saturn, der sich in den nächsten Tagen von einem Punkt zu einer umgürteten Sichel verwandeln würde.

»Lass uns warten, bis wir da sind. Bei der letzten Extratour dieser Art, als wir den Kometen Golden Dust 75/3 observierten, waren die Schirme auch leer. Wir mussten bis auf zehn Kilometer rangehen, ehe wir was sahen. Ein rußiger, deformierter Schneeball von lächerlichen Ausmaßen. Fast hätten wir deswegen das Embarquement der Leibniz verpasst.«

Silesio hatte das Schachspiel zusammengesteckt und in seinem Spind verstaut. Er trat neben den Kommandanten, der das Sternenmeer jenseits der gewölbten Scheiben anschwieg. Schräg hinter Saturn glomm ein rostroter Fleck, der unschwer als Jupiter zu erkennen war. Die Planeten standen nicht in Konjunktion, aber dicht genug beieinander, dass der Swing-by-Effekt den Umweg wettmachte.

»Die letzten Updates waren so weit …«

»Im Rahmen dessen, was wir seit drei Wochen gewohnt sind.«

Carlssen sprach durch Tentakel schiefrigen Rauchs.

»Man hat die Toleranzwerte erhöhen müssen und die Statistik von einem 5- auf einen 10-Tages-Koeffizienten umgestellt. Es bewegt sich sehr sprunghaft und scheint bisweilen eine gewisse Wegstrecke zurückzuschnellen. Inzwischen gibt es Parameter über die Abweichungen, die über die errechneten Abweichungen hinaus zu erwarten sind. Sie gelten natürlich nur näherungsweise. Auch die Spurbreite, wenn du so willst, ist variabel. Manchmal taucht es um mehrere Bogengrad seitlich versetzt auf. Die Einzeldaten ergeben ein ziemlich wildes Hakenschlagen.«

»Man könnte es auch als Oszillieren bezeichnen.«

»Es hat keinen Sinn, sich um Begriffe zu streiten …«

»Solange wir noch nicht begriffen haben, was es ist. Wolltest du das sagen?«

»So ungefähr. Die statistische Kurve jedenfalls, die den jeweiligen Kohärenzpunkt deines Oszilloskops seit dessen Entdeckung verfolgt …«

»Verläuft erstaunlich eben; gewiss.«

»Ganz genau! Wenn es den gegenwärtigen Kurs beibehält, wird es auf der Höhe der Jupiterbahn die Ekliptik schneiden und unter dem Asteroidengürtel hindurchtauchen. Zwischen Mars- und Erdbahn wird es herumkommen und die Ekliptik wieder durchstoßen.«

»Interessierst du dich für Börsenkurse?«

»Nein, weshalb?«

»Der aktuelle Parketthandel zittert elektrisch hin und her; aber die Durchschnittsnotierung der letzten 200 Tage beschreibt eine elegante asymptotische Bewegung, die selbst den totalen Crash sanft abfängt und als unbedeutenden Ausrutscher in den weichen Armen ihres mütterlichen Verständnisses zerdrückt.«

»Du meinst …«

»Wir können die Phänomene nicht von unseren Zugangsmethoden trennen. Wenn wir etwas mit mathematischen Funktionen beschreiben, können wir nichts anderes herausbekommen als Zahlennebel und statistische Ziffernwolken.«

»Wenn das Phänomen nun aber ein Nichtphänomen ist?«

»Eben ein Opak.«

Silesio verzog die schütteren Tränensäcke zu einem vielsagenden Feixen. In diesem Augenblick betrat Theresa die Messe. Sie kniff die entzündeten Augen zusammen und ließ sich in einen der gravimetrischen Drehsessel fallen. Carlssen bestellte ihr den abendlichen Cognac aus der Automatik, während Silesio sie mit möglichstem Charme darauf hinwies, dass es eine Sünde sei, ein so hübsches Gesicht durch derartige Überanstrengung zu entstellen.

»Noch eine Woche.« Die Erste Offizierin lauschte dem Abgang des Entspannungsdrinks nach. »Dann kann ich auch Alpha- und Beta-Shuttles fliegen. Aber das sag ich euch: Zehn Stunden täglich an den Simulatoren sind ein echter odd job.« Sie fuhr die Lehne in die Waagerechte zurück und schloss die geröteten Lider. »Aber es ist die einzige vernünftige Möglichkeit, die Zeit zu nutzen. Ich verstehe die beiden nicht, die rumnölen, ihrem Urlaub nachtrauern und nicht kapieren, dass das hier genauso gut sinnvolle Zeit sein kann.«

»Sie wollen die Zeit eben nicht nutzen, sondern lieber vertrödeln, sprich: totschlagen. Kennt jemand Joseph Brodsky? Russischer Autor des 20. Jahrhunderts. In seinem Theaterstück ›Marmor‹ geben zwei lebenslänglich Inhaftierte aufgrund einer Wette die Freiheit, die sie hätten erlangen können, für ein Röhrchen Schlaftabletten wieder her.«

»Sehr philosophisch.« Allmählich wich die Anstrengung von Theresas Zügen; nur ab und zu lief noch ein Zucken über ihr Gesicht oder verebbte eine reflexhafte Kontraktion in ihren Unterarmen. »Apropos, wo wart ihr gerade?«

»Ach, wir hatten einen Kursus in buddhistischer Logik, Wissenschaftstheorie und phänomenologischer Skepsis.«

»Also nichts Besonderes. Darling, hast du dir für heute Abend schon etwas überlegt?«

»Du hast abgenommen.«

»Diese virtuellen Kurse sind ein ziemlicher Stress.« Theresa strich ihre kupferfarbene Mähne nach vorne über die Stirn und drehte ihren verspannten Nacken heraus. Unter dem Druck von Carlssens Händen begann sie, wohlig zu grinsen. »Das Gehirn ist der größte Energieverbraucher. Was du in zwei, drei Stunden derartiger Konzentration verbrennst, könntest du mit reinem Muskeltraining am ganzen Tag nicht einholen.«

»Trotzdem solltest du dich nicht so verausgaben. Es ist höchst löblich, dass du die Flugphase nutzt und nicht wie Gus und Groenewold zwei Monate pennen gehst.«

»Noch ein paar Tage. Wenn ich das gesamte virtuelle Programm durchhabe, brauche ich nur ein paar Flugstunden unter Echtbedingungen, sowie wir wieder auf der Leibniz sind, dann habe ich den Schein für sämtliche Shuttles und Drohnen. Hast du Angst, dass ich dir deinen Rang als Commander der Dorset streitig mache?«

»Gewiss nicht. Es gibt genug andere Explorer, die sie dir unterstellen können. Und ich wäre der Letzte, der ein eigenes Kommando für dich nicht unterstützte. Aber für den Saturn-Swing-by hätte ich gerne eine ausgeschlafene Erste Offizierin. Du solltest spätestens zwei Tage vorher dein Training beenden oder unterbrechen, damit wir die Kontaktphase vorbereiten und die Vorfeldkorrekturen vornehmen können.«

»Aye, aye, Sir!«

»Das ist ein Befehl.«

Carlssen hatte die linke Hand auf Theresas Rückgrat gestützt und zog nun heftig an ihrem linken Arm, den sie rückwärts herumkugelte. Mehrmaliges lautes Knacken war aus dem Schulterbereich der Pilotin zu vernehmen, begleitet von wollüstigem Winseln. Nach der Beendigung der Massage drehte sie sich zwischen seinen Schenkeln um und zog ihn zu sich herab. Während er eine Spur silbriger Küsse von ihrer Brust zu ihrem entspannten Schlüsselbein legte, grübelte Carlssen darüber nach, wie sie es fertiggebracht hatte, die Automatik so zu programmieren, dass sie im richtigen Augenblick das Licht herunterdimmte. Und tatsächlich: Hinterher ging es leise wieder an, nahm aber nur bis zu einem schwach summenden Blau zu, das sich kühl über ihre salzige Erschöpfung legte.

»Worüber habt ihr gesprochen?«

»Über das Opak. Silesio hält unsere wissenschaftlichen Methoden nicht für angemessen. Wie wir an das Objekt herangehen sollen, hat er aber auch nicht verraten.«

»Er ist und bleibt ein skeptischer Fantast.«

»Eine kritische Intelligenz, die sich einige Vorbehalte gegenüber der offiziellen Selbstherrlichkeit erlaubt, kann nicht schaden. Dabei weiß er das Schlimmste gar nicht.«

»Das topsecret ist und nur den Commander was angeht. Aus purem Mitteilungsbedürfnis wirst du es mir trotzdem sagen und dich dann vor dem Militärgericht darauf rausreden, ich hätte dich verführt.«

»Als meine Stellvertreterin und Erste Offizierin darf ich dich ins Vertrauen ziehen, wann immer ich das für richtig halte.«

»Dann zieh mal los.«

»Die Geheimhaltung wurde durchbrochen. Vermutlich haben ein paar Hobbyastronomen das Objekt entdeckt oder irgendwelche Hacker haben unseren Funkverkehr geknackt. Jedenfalls wurden ein paar Leute von der Presse hellhörig. Die Anfragen, die an die Zentrale Überwachungsstelle auf Luna III ergingen, wurden auf stümperhafte Weise so betont harmlos abgefertigt, dass die Leute erst recht Verdacht schöpften. Als dann herauskam, dass ein Explorer der Dorset-Klasse unterwegs ist, war das Geschrei groß. Die offiziellen Kommuniqués, die abwiegeln wollten und verlautbarten, man wisse noch nicht genau, um was es sich bei dem Objekt handle, lösten eine weltweite Panik aus. Ich möchte nur mal wissen, wer da in der Öffentlichkeitsabteilung sitzt. Das nachgeschobene Harmlostun nach dem Motto, es sei die routinemäßige Untersuchung eines neu entdeckten Kometenkerns, vermochte niemanden mehr zu überzeugen. Jedenfalls stehen wir unter einem gewissen Erwartungs- und Erfolgsdruck. Alles, was wir herausfinden, wird von der Public-Relations-Stelle auf Luna – nun, sagen wir – aufbereitet werden; darüber hinaus legt man Wert darauf, dass wir möglichst bald etwas Verwendbares herausbekommen.«

Sechs Wochen nach dem Abkoppeln von der Leibniz gerieten wir ins Schwerefeld des Saturn. Der silberblaue Ringplanet füllte die Panoramascheiben am Bug der Dorset aus und wir genossen stundenlang den Anblick, den die weit gereisten alten Hasen Silesio und Carlssen als den schönsten unseres Sonnensystems bezeichneten. Da die Position des Opak weiterhin nur näherungsweise zu bestimmen war und sich seine Bahn entsprechend nur äußerst vage vorausberechnen ließ, wurden einige Kurskorrekturen nötig, die die Erste Offizierin unter der Aufsicht des Kommandanten manuell, innerhalb der vorgegebenen Entscheidungsfenster der Automatik durchführte. Die neu entworfene Kurve führte in einer weiten Hyperbel durch das Saturnsystem und nutzte eine zufällige Konstellation der Monde Titan und Hyperion zu einer dreifachen gekrümmten Flugbahn, die den Swing-by-Effekt noch verstärkte. Nachdem wir mit über einer Million Kilometer pro Stunde die beiden erzgrauen Trabanten passiert und dabei auf über 1,1 ‰ c beschleunigt hatten, steuerte Theresa das Schiff auf eine tangentiale Bahn, die die Ringe des mächtigen Planeten in ihren äußersten fadendünnen Ausläufern berührte. Commander Carlssen hatte alle Schotten schließen lassen und das Vorwarnsystem der Automatik auf höchste Sensibilität geschaltet. Die Schlafkammer, in der Gus und Evchen seit vier Wochen in künstlicher Bewusstlosigkeit lagen, wurde auf maximale Abschirmung gebracht und hydraulisch gegen die Vibrationen abgefedert. Die drei wachen Besatzungsmitglieder saßen angeschnallt im Cockpit, die Pneumatik der Sessel glich 98 % der Erschütterungen aus. Dennoch musste die Besatzung der Dorset heftige Schläge hinnehmen, als der Explorer von den Gezeitenkräften des Planeten erfasst und deformiert wurde. Das Titanskelett des Explorers heulte und schrie, als Theresa das Schiff »hart am Wind« steuerte, es schräg zu den Gravitationslinien Saturns stellte, die sie auf einer messerscharfen Tangente durchkreuzte. Bei einer Geschwindigkeit von eins Komma zwei Millionen Kilometer pro Stunde stöhnten die Spanten der Dorset jedes Mal auf, wenn die Offizierin eine der Korrekturdüsen betätigte, um die Flugbahn um Bruchteile einer Bogensekunde herumzudrücken. Doch selbst im ungelenkten Geradeausflug wand sich das hundertsechzig Meter lange Schiff im Widerstreit der wirkenden Kräfte, die es erbarmungslos an seinem Schwerpunkt packten und mit der Wut eines Diskuswerfers in den leeren Raum hinausschleuderten.

Zum Zeitpunkt der größten Annäherung an das Ringsystem war es totenstill im Cockpit. Hatten sich die Piloten zuvor gegenseitig auf einige besonders fantastische Perspektiven innerhalb der gewaltigen Staubbahnen aufmerksam gemacht oder einander auf die Anzeigen der Automatik hingewiesen, so knirschte nun nur noch angespannteste Konzentration, während die Scanner des vorderen Gerätefeldes mehrere Millionen Staubpartikel und Felsbrocken pro Sekunde erfassten, ihre relative Bewegung errechneten und auf gefährliche Annäherungen abtasteten. Zweimal musste Theresa, die mit leicht geöffnetem Mund und zitternden Schweißperlen auf der Stirn die Anzeigen überwachte, die Dichte des Vorbeifluges zurücknehmen und den Tangentialpunkt um mehrere tausend Kilometer nach außen verlegen. Einmal überlagerte die Automatik ihre Kommandos und in der aufblitzenden Gasfontäne einer vorderen Steuerdüse erkannten sie gerade noch einen faustgroßen Geröllbrocken, der als hingewischter Strich vorbeizuckte, ein versprengter Einzelgänger, der auf irregulärer Bahn durch die Peripherie der gleißenden Ringe zog. Eine Kollision hätte das Schiff zu Fetzen zermahlen. Doch auch der Automatik war es nicht möglich, allen Partikeln auszuweichen. Mehrmals schlugen winzige Staubteilchen von weniger als einem Milligramm Masse auf der äußeren Hülle der Dorset auf, wo sie verglühten und strontiumfarbene Kondensationsstreifen erzeugten. Jedes Mal hallte ein gischtendes Echo durch das dahinpeitschende Schiff.

Eine Stunde nach der Durchquerung des Tangentialpunktes sank das Risiko einer Kollision auf unter 1 %. Theresa ging auf Stand-by, übergab an die Automatik und sank mit fleischigen Blicken auf ihrem Sessel zusammen. Japetus drehte sich in großer Entfernung vorüber. Die Heckmonitore zeigten das Bild des davonschwindenden Saturns, ein fahles Lackblau irisierte auf den Ringen, die schon wieder wie kompakte Flächen aussahen.

Carlssen beugte sich über die Koje und küsste Theresa auf die bläulichen Lippen.

»Sehr gute Arbeit.« Er flüsterte zärtlich in das braunrote Nest ihres Haars.

»Ich werde dafür sorgen, dass du ein eigenes Kommando erhältst. Wie wäre es mit der Herschel?«

Theresa hob noch einmal den Arm aus der Koje, zog ihn zu sich herab und presste die Stirn an seine. Ihr Blick war schon ohne Bewusstsein.

»Gute Nacht.«

Carlssen schloss die Luke aus geädertem Fiberglas und wartete, bis die Erste Offizierin eingeschlafen war. Er prüfte die Instrumente. Der Puls wurde auf zwanzig Schläge, die Atmung auf fünf Züge pro Minute heruntergefahren. Die Körpertemperatur sank auf siebenundzwanzig Grad. Nach einer halben Stunde hatte sich die Muskulatur völlig entspannt, wurde aber elektronisch massiert, um Rückbildungen zu vermeiden. Die Gehirnströme verebbten zu traumlosem Tiefschlaf. Er vergewisserte sich, dass das richtige Weckdatum programmiert war, dann verließ er das Schlafdeck, das automatisch verriegelt wurde.

Auf der Brücke saß Silesio an seinem seitlichen Pult, das er für theoretische Arbeiten zu benutzen pflegte. Commander Carlssen trat hinter den Chefideologen und sah ihm über die Schulter zu, wie er ein Kapitel seines Textes über die Kontingenz redigierte, während er auf einem zweiten Monitor den Umbruch des Inhaltsverzeichnisses vornahm und auf einem dritten Zitate aus der Bordbibliothek nachschlug.

»Schon eine neue Arbeitshypothese?«

Er setzte sich auf Theresas Tastaturfeld, das von der Steuerung abgekoppelt war und auf Eingaben nicht reagierte. Die Dorset flog jetzt vollautomatisch. Die Scanner tasteten den Raum auf mögliche Objekte ab und im Fall einer drohenden Kollision würde der Autopilot die nötigen Ausweichmanöver veranlassen. Erst wenn diese zu irreversiblen Kursänderungen führen sollten, würde die Mannschaft aus dem Tiefschlaf geweckt. Das Logbuch wickelte den Funkverkehr mit der Leibniz, die inzwischen fast eine Lichtstunde entfernt war, und mit der Zentrale auf Luna ab, zu der die Signale mehr als zwei Stunden unterwegs waren.

»Ich habe noch eine Erklärung abgefasst; willst du sie durchsehen, bevor ich sie an die Propagandaabteilung überspiele?«

Silesio schloss seine Dateien. Zwei Monitore erloschen, auf dem dritten erschien die Pressemitteilung, die auf intelligente Art in schlichten Worten, die auf den durchschnittlichen Zeitungsleser berechnet waren, die bisherigen Beobachtungen unter optimistischen Prämissen zusammenfasste und die Mission der Dorset erläuterte. Das Opak wurde lediglich als extrem lichtschwaches Objekt angesprochen, die Kapriolen seiner oszillierenden Bahn wurden verschwiegen. Die Möglichkeit, dass es sich um ein Artefakt handeln könnte, wurde hingegen gar nicht erst angesprochen, um der schwelenden UFO-Panik jegliche Nahrung für hysterische Spekulationen zu entziehen. Carlssen sah das trockene Schriftstück durch und tippte dann sein Passwort unter die Sendegenehmigung. Eine Millisekunde später waren die paar Kilobyte verschlüsselt und übermittelt.

»Und du willst wirklich wach bleiben?«

Er hatte sich wieder erhoben und sah aus der Frontscheibe. Jupiter, dem sie sich jeden Tag um dreißig Millionen Kilometer näherten, war nach wie vor ein rostroter Punkt.

»Ich wüsste nicht, wo ich bessere Arbeitsbedingungen hätte. Vier Wochen lang völlig ungestört, zudem noch die gesamten elektronischen Kapazitäten der Dorset zu meiner alleinigen Verfügung. Außerdem sind die Übertragungswerte allmählich so, dass sich der Zugriff auf die terrestrischen Bibliotheken wieder zu lohnen anfängt.« Er ließ beiläufig ein Verzeichnis über den Schirm scrollen, das die philosophischen Enzyklopädien anzeigte, die gerade für ihn von den zentralen Speichern auf Luna III geladen wurden.

»Ich habe das einmal gemacht.« Carlssen wandte den Blick nicht von dem stoffleeren Panorama, dem sein Schiff lautlos entgegenstürzte. »Auf der Leibniz bin ich nach der Startphase noch wach geblieben. Ich habe gelesen und Musik gehört, Briefe nach Hause geschrieben, von denen ich wusste, dass sie erst nach Jahren beantwortet werden würden; ich bin durch die kilometerlangen menschenleeren Gänge gewandert und habe zugesehen, wie die automatischen Schirme die Wände mit den Reflexen ihrer selbstgenügsamen Protokolle bewarfen. Irgendwann war ich so ausgehöhlt von Einsamkeit und Verlassenheit, dass ich es nicht mehr aushielt. Da hab ich mich lieber in die Koje gepackt.«

»Die Einsamkeit ist eine große Macht.« Silesio bestätigte den Bootbefehl für ein begriffsgeschichtliches Kompendium, das daraufhin in einen seiner persönlichen Kataloge kopiert wurde. Dann schaltet er den Monitor ab. »Vor allem hier draußen, wo es wenig sinnliche Anhaltspunkte gibt. Der menschliche Geist erträgt das nicht lange. Dabei bewegen wir uns innerhalb eines exakten Koordinatennetzes. Wir wissen genau, wohin wir fliegen. Ich frage mich ja immer noch, wie Magellan die hunderttägige Pazifikdurchquerung, bei der er ins völlige Nichts hinaussegelte, überstanden hat, ohne wahnsinnig zu werden.«

»Der Christ hat immer noch seinen Gott, der hinter ihm steht.« Carlssen wischte ein gestisches »Oder so ähnlich« mit der Linken über die flüstergrünen Anzeigen.

»Nietzsche, gewiss.«

Carlssen fragte sich, warum Silesio sich die ganzen Bibliografien und Lexika herunterspulte, da er doch selbst ein wandelndes Nachschlagewerk war.

»Als junger Mann war ich viel in den Bergen unterwegs, und das vorzusgweise allein. Die Zentralalpen oder der Hohe Kaukasus waren dabei die pathetische Kulisse meiner Grübeleien und ich berauschte mich an meiner zarathustrischen Einsamkeit. In den Semesterferien und zu Beginn meiner Laufbahn als Systemprogrammierer in der Abteilung für Künstliche Intelligenz bei Corporated Challenges machte ich mich frei, sowie es irgend ging, und fuhr in die Berge, um mir die Gedanken von der Seele zu laufen und hunderte und tausende von Stunden meines elektronischen Diktafons zu besprechen. Ich habe bis heute, obwohl das nach Erdzeit über achtzig Jahre her ist, nicht alle Aufzeichnungen transkribiert, geschweige alle Ideen und Projekte ausgeführt. Als ich Abteilungsleiter für KI wurde, war es damit so ziemlich vorbei, und wenn mir mal ein halber Sonntagnachmittag zur Verfügung stand und ich einen Spaziergang rund um das Firmengelände machte, träumte ich davon, wie Cervantes eingesperrt zu werden und jahrelang nur meinen literarischen und philosophischen Visionen leben zu können. Jetzt bin ich nach relativer Lebenszeit fast siebzig und ich gedenke, jede Möglichkeit, die sich bietet, zu erfassen und in otium cum dignitate zu verbringen.«

»Ich brauche also kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mich für drei Wochen aufs Ohr lege? Wenn du es möchtest, kann ich dir aber auch Gesellschaft leisten.«

»Ich weiß, dass es unhöflich ist, aber nichts ist mir im Leben zu entbehren leichter gefallen als Gesellschaft. Auch wenn es so – erträgliche ist wie Ihre, Commander Carlssen.«

»Dann übergebe ich Ihnen hiermit das Kommando über den Explorer Dorset.«

»Gute Nacht! ›Träumen Sie schön‹, kann man ja nicht sagen, so bleiern wie man in den Tiefschlafkojen liegt.«

»In der Erprobungsphase haben eine Reihe von Testpersonen schwere psychische Schäden davongetragen, als sie mehrere Monate am Stück träumten, ohne dazwischen zu Bewusstsein zu kommen. Unsere neuronale Struktur ist darauf nicht vorbereitet. Sie waren völlig orientierungslos und brauchten langwierige Rehabilitationsverfahren, um wieder zu sich zu kommen. Ein Testschläfer, der über ein Jahr in der Box gelegen hatte, war unheilbar und zeigte an Autismus erinnernde Symptome. Daher das viele Blei.«

»Dann also: Guten Tiefschlaf.«

Silesio blendete den Monitor aus, auf dem er den Einschlafvorgang des Commanders verfolgt hatte. Die sensorielle Koje arbeitete einwandfrei und er übergab die Kontrolle der lebenserhaltenden Systeme an die Automatik. Er meldete sich ab und ließ alle Routinen unterhalb Priorität I unterdrücken. Er würde nur gestört werden, wenn ein Besatzungsmitglied in Lebensgefahr wäre, wenn ein Objekt sich auf Kollisionkurs näherte oder wenn eine Nachricht des Status topsecret übermittelt würde.

Er aktivierte seine aktuelle Datei, die mit der Freisprech-Software verknüpft war, und stand langsam auf. Immer noch formulierte er am liebsten, indem er die Hände hinter dem Rücken verschränkte und langsam auf und ab ging. Er hatte die Sessel der schlafenden Crewmitglieder versenken und das Licht im Cockpit herunterdimmen lassen. Aus der blau tickenden Dunkelheit heraus sah er durch die Frontscheibe. Obwohl sich das Schiff mit einer Geschwindigkeit bewegte, die unvorstellbar war, wenn man sie in Relation zu einem festen körperlichen Objekt setzte, war der Sternenhintergrund des Panoramafensters vollkommen unveränderlich. Es würde noch Wochen dauern, bis Jupiter aus einem unentschlossenen Punkt zu einem Klecks herangewachsen war. Er versuchte in einer meditativen Anstrengung, sich die Dimensionen des leeren Raumes, den sie innerhalb des Sonnensystems durchmaßen, vorzustellen. Er entwarf Skizzen und Planzeichnungen mit den Bahnen der äußeren Planeten und projizierte vor seinem geistigen Auge die elegante Parabel hinein, die die Dorset zwischen der siebten und der fünften der weit gespannten Ellipsen beschrieb. Dann sah er wieder hinaus in den festgezurrten Sternenhimmel. Er stellte interne Rechenvergleiche über ihre Geschwindigkeit an – zwanzig Minuten von der Erde zum Mond; vier Tage von der Erde zur Sonne –, um sich die ungeheure Ausdehnung begreiflich zu machen, die unser System außerhalb der Marsbahn annimmt. Aber es blieb eine zum Scheitern verurteilte, verzweifelte Denkanstrengung. Er konnte die Einzeldistanzen berechnen und Relationen herstellen, aber eine innere Vorstellung, ein seelisches Bild, das er als Begriffenhaben hätte bezeichnen können, gelang ihm nicht in sich zu erzeugen. Natürlich gab es da auf rein intellektuelle Art nichts zu »verstehen« – schon als Schüler hatte er maßstabsgetreue Diagramme der Planetenbahnen gezeichnet und sich über die enormen Abstände gewundert, die von Jupiter an auftraten. Aber der Versuch, diese Räume leibhaftig in sich zu erzeugen, schlug immer wieder fehl und glitt an der Maßlosigkeit der kosmischen Dimensionen ab. In diesem Augenblick erschien ihm traumhaft und unwirklich, dass er sich sogar außerhalb des Sonnensystems befunden und mehrere der näher gelegenen Sterne besucht hatte. Ein Bild aus seiner Jugend fiel ihm ein. Er saß an der Ostküste Kauais, dem nordwestlichsten Ableger des Hawaiianischen Archipels, und sah auf die abendliche Dünung des Pazifik hinaus. Er hatte sich ein paar Wochen zuvor verlobt, Cynthia aber bei dieser schon länger geplanten Reise nicht mitnehmen können. Nun sah er über die harmlosen Wellen, die in der Dämmerung den Ton gerösteter Krabben angenommen hatten, zum Horizont hinaus, wo sich einige Gewitterwolken dem nachtblauen Himmel entgegenballten. Und plötzlich begriff er, dass seine Geliebte in Mitteleuropa gar nicht hinter diesem lachsrot schimmernden Perlmutthorizont auf ihn wartete, sondern unter ihm, auf der anderen Seite des Erdballes, den er auf der zehnstündigen Reise in einem konventionellen Linienjet zur Hälfte umrundet hatte. Auch damals war die intellektuelle Einsicht logisch und unanfechtbar. Aber dennoch war es ihm auch damals nicht möglich, wirklich zu begreifen, dass er auf der einen Seite einer Kugel saß und Cynthia auf der anderen, zwölftausend Kilometer tief unter seinen Füßen, die in der pazifischen Brandung plätscherten.

Aber das war es nicht, was er hatte denken wollen. Silesio riss sich vom starren Nachthimmel los und sah zu der Konsole hinüber, wo ein grünes Signal die Aufnahmebereitschaft des virtuellen Diktafons anzeigte. Er schritt einmal die Längsachse des schweigenden Cockpits ab, räusperte sich kurz und begann, mit klarer Stimme und pointierter Artikulation zu formulieren.

»Versuch über die Phänomenologie des Opak. Kapitel eins, Absatz eins. Begriffsbestimmung. Phainomenon heißt: das Sich-Zeigende. Das Wesen des Phänomens ist, dass es sich zeigt oder dass es erscheint; freier übersetzt lässt sich Phänomen als Erscheinung auffassen. Das Opak ist nach unserem vorläufigen Kenntnisstand ein Objekt, das keine Erscheinungsseite hat, das sich nicht zeigt. Es ist also ein Nichtphänomen. Ob es ein Antiphänomen ist, das heißt, ob es sich nicht nur nicht zeigt, sondern sich sogar verbirgt, hat die nähere Erforschung freizulegen.«

Silesio half Carlssen, den Deckel der Koje zu öffnen, und reichte ihm eine Tasse Kaffee. Der Commander setzte sich auf und vollführte einige Grimassen, um die maskenhafte Gesichtsmuskulatur zu kontrollieren. Oft genug hatten sich frisch geweckte Besatzungsmitglieder die heißen Getränke über den sensoriellen Schlafanzug gekippt, wenn wohlmeinende Kollegen sie mit einem dampfenden Plastikbecher begrüßten. Carlssen schlürfte vorsichtig an seinem Lieblingsgetränk und riss sich mit der freien Hand die Elektroden von Brust und Schläfen. Der Anzeige unterhalb des Gesichtsfeldes, das jetzt halb aufgeklappt war, entnahm er, dass er termingerecht geweckt worden und dass sein dreiwöchiger Schlaf ohne Zwischenfälle verlaufen war. Da er auch in Silesios Miene nichts las außer gelassener Routine und ironischer Sympathie, ließ er sich wortlos von ihm assistieren, als er sich in der Koje aufsetzte. Er machte ein paar gymnastische Bewegungen, zog den sensoriellen Anzug aus, den er in die Klappe des Wäscheschachtes warf, und entfernte sich dann zur Dusche. Eine halbe Stunde später erschien er auf der Brücke. Er sah die Protokolle durch. Der Flug verlief ungestört. Das Opak verfolgte mit gleichmütigen Ausfällen seine Bahn, die im 5-Tages-Durchschnitt fast eben war; der 20-Tages-Durchschnitt hätte ebenso gut die Kurve eines x-beliebigen Kometen sein können, der sich auf seinem schweiflosen Sturz aus der Oort’schen Wolke Richtung Sonne befindet. Die politische Entwicklung war gleichermaßen langweilig. Die anfänglichen Hysterien hatten sich gelegt, nachdem sich Woche um Woche nichts Neues ereignete.

»Die Menschheit ist zu kurzatmig, um sich über etwas länger als vierzehn Tage aufzuregen.« Silesio strich sich den weißgrauen Bart, den er während der Zeit seines Alleinseins nicht gestutzt zu haben schien. Auch sonst wirkte er zwar etwas verwahrlost, aber ausgeruht und erfrischt. Die müden Augen hatten den bubenhaften Glanz wieder, der für gewöhnlich nur sporadisch aufflackerte. Tatsächlich sah er aus, als hätte er eine Bergfreizeit absolviert und sich an der blauen Höhenluft ertüchtigt. Auch seinen Zynismus schien er gehörig aufgetankt zu haben. »Man kann nur hoffen, dass der Weltuntergang erst ein paar Tage im Voraus angekündigt werden wird. Wenn die Leute ein Jahr Zeit haben, sich auf das Jüngste Gericht vorzubereiten, haben sie es wieder vergessen, bis es da ist.«

Carlssen verkniff den Mund zu einer spöttischen Bemerkung, sagte aber nichts. Er spürte, dass sein Blick starr und seine Sprechorgane ungelenk waren. Er war wohl doch noch nicht richtig wach.

»Und unser Objekt?« Er ließ die Lagemeldungen der letzten zweiundzwanzig Tage über den Schirm rollen.

»Bleibt berechenbar unberechenbar. Man hat zwei Sonden dran vorbeigeschossen.« Silesio wartete, bis der Commander die entsprechenden Protokolle auf seinem Schirm hatte. »Aber sie haben nichts herausgefunden. Totale Fehlanzeige. Eine ist in weniger als hundert Kilometern vorbeigeflitzt, aber sie hat nichts feststellen können.«

»Das gibt’s doch gar nicht.« Carlssen beugte sich tiefer über seinen Monitor und verlangsamte den Datenstrom.

»Da muss irgendwas zu sehen sein. Wie groß ist es denn?«

»No comment! Die Position, die es nach den Berechnungen von Luna im Augenblick des Vorbeifluges hätte haben müssen – und die es laut nachträglichen Erfassungen auch tatsächlich gehabt hat –, war völlig leer. Interplanetarisches Vakuum. Ringsum unverstellter Sternenhintergrund.«

»Aber die geostationären Teleskope hatten es geortet.«

»Einige meldeten eine teilweise Verdeckung des entsprechenden Himmelsquadranten.«

»Einige?«

»Alle hatten es noch nie im gemeinsamen Fadenkreuz.«

»Also war es gleichzeitig da und nicht da.«

»Was nach unserer klassischen Logik nicht möglich ist. Zumindest nicht für Objekte, die wesentlich größer sind als Elementarteilchen.«

»Und Gestalt, Gravitation, Drehachse, Radarbild …«

»Nichts.«

»Wann sind wir da?«

»Zehn oder elf Tage. Wir haben eine neue Kursberechnung, nach der wir beim Jupiter-Swing-by deutlich abbremsen und auf eine parallele Flugbahn zu dem Opak einschwenken. Eine Woche nach unserem Einschwenken werden wir uns auf hunderttausend Kilometer genähert haben und auf gleicher Höhe bleiben.«

»Bei einer synchronen Geschwindigkeit von dreißig Kilometer pro Sekunde.«

Bis wir das Rendezvous mit Jupiter einleiteten, waren alle Besatzungsmitglieder geweckt. Theresa hatte vier Wochen geschlafen und brauchte eine Stunde, bis sie frisch geduscht im Cockpit erschien. Silesios dialektischen Sarkasmus, dass die Frauen deshalb länger im Bad brauchten, weil sie sich nicht rasieren mussten, überhörte sie. Gus und Groenewold, die über zwei Monate »ruhiggestellt« (Carlssen) gewesen waren, benötigten einen halben Tag, bis sie ihre Positionen auf der Brücke einnehmen konnten. Während Evchen sich erkundigte, wie sich das Opak verhalte, trug Gus demonstratives Desinteresse zur Schau und mäkelte am Dienstplan herum, der nur bis zum Eintreffen auf der Höhe des seltsamen Objektes reichte.

»Nicht einmal ein ungefähres Ablaufdiagramm. Darf ich fragen, wann wir mit dem Ding fertig sind und wo es anschließend hingeht?«

Er erhielt keine Antwort und kratzte mit beiden Fäusten auf seinem Monitor herum.

»Sowie wir diesen Scheißasteroiden abgeknipst haben, leg ich mich wieder in die Falle, dass das klar ist. Und soll keiner auf die Idee kommen, mich zu wecken, ehe wir beim Mutterschiff oder auf Luna III andocken.«

»Unser gegenwärtiger Marschbefehl lautet auf Kontaktaufnahme und Observierung des fraglichen Objekts. Weitere Einsatzpläne werden nach erfolgreichem Abschluss dieser Mission bekannt gegeben. Alle Korrekturdaten für den Vorbeiflug verabschiedet?«

Commander Carlssen sah nicht von seiner Konsole auf, die eine dreidimensional gekrümmte Flugbahn anzeigte, quer durch das Jupitersystem hindurch. Die Erste Offizierin bestätige den Abschluss der Berechnungen. Die Dorset umrundete unseren fünften Planeten in deutlich größerer Entfernung als Saturn, sodass der Swing-by wesentlich unspektakulärer ausfiel. Dennoch füllte der rote Gasriese den gesamten Steuerbordhorizont aus, als wir uns von seinem Gravitationsfeld einfangen und abbremsen ließen und unter seinen schaumigen Wirbeln hindurchtauchten. Die Turbulenzen des Roten Flecks quirlten vorüber, dann versanken wir in der glosenden Nacht des Jupiterschattens. Theresa ließ das Schiff seitlich wegknicken. Das schwarzrote Panorama krängte herum und kippte schief über uns hinweg, als wir aus der Ebene der Ekliptik abdrifteten und schräg nach unten in die Bahn des Opak einfädelten. Es dauerte eine Weile, bis sich die inneren Koordinaten umgestellt hatten und wir uns damit abfanden, dass Jupiter nicht mehr oben links, sondern hinten rechts stand und dass »oben« gleichzeitig »unten« geworden war.

Groenewold äußerte ein ungutes Gefühl über diesen Flug aus der Ekliptik hinaus; sie mutmaßte sogar, es handle sich um ein heimtückisches Manöver des Objektes, das uns aus dem Sonnensystem hinauslocken und uns die Möglichkeit entziehen wolle, durch Ansteuern eines Planeten energiearm zu navigieren. Der Commander nahm dazu nicht Stellung. Er hatte die Brücke sofort nach Abschluss des Swing-by-Manövers verlassen. Theresa übergab an die Automatik und tröstete die Zweite Offizierin.

»Die Bahn ist wesentlich sicherer als die herkömmlichen Routen, weil sie den Asteroidengürtel vermeidet und außerdem nur um drei Bogengrad gegen die Ekliptik verkippt, sodass wir spätestens nach dem Sonnendurchgang ohne Treibstoffverlust auf die Erdbahn einschwenken können. Vielleicht ist das Opak sogar ein recht intelligentes Objekt; zumindest benutzt es eine ökonomische und risikoarme Passage durch unser inneres System.«

»Ich warne davor, als Handlung aufzufassen, was bisher reines Geschehen ist und keinerlei Bewusstsein hat erkennen lassen.« Silesio hatte sich ebenfalls erhoben und seinen Sessel wegschwenken lassen. Er biss sich an einem Zigarillo fest und verschraubte die Arme hinter dem Rücken. »Das Ding, und selbst diese Bezeichnung ist wohlwollend, hat seit seiner Erfassung keine Bahnkorrekturen oder sonstige kybernetische Aktionen durchgeführt. Zumindest in der Großzügigkeit des statistischen Mittels verhält es sich wie ein ungesteuertes Teilchen, am ehesten vielleicht wie ein Elektron auf seinem Weg durch einen widerstandsarmen Leiter.«

»Aber wozu muss es seine Bahn ändern, wenn diese von Anfang an sinnvoll und intelligent eingerichtet war.«

»Es hat im Augenblick nicht mehr Intelligenz und Sinn verraten als ein Komet, der stumpfsinnig die Sonne umrundet und irgendwann verglüht.«

»Aber warum muss es seine Intelligenz verraten?«

»Es muss gar nichts.« Silesio sah Gus nach, der sich mit angeekeltem Gesichtsausdruck in Richtung Messe begeben hatte. »Es würde mir lediglich leichterfallen, es als Subjekt einer Handlung anzuerkennen, wenn es in irgendeiner Form Handlung im Sinne von zielgerichtetem Verhalten vollführen würde.«

»Du bist ein Thomas und Häretiker, guter Silesio. Warum wollt ihr immer noch, dass das Sinnhafte suspendiert wird, um sich euch als Sinnhaftigkeit zu offenbaren. Warum muss Gott, der die Naturgesetze geschaffen hat, die Naturgesetze aufheben und Wunder vollbringen, um euch von seiner Existenz zu überzeugen. Warum soll der Schöpfer seine Schöpfung durchkreuzen, um sich seinen Geschöpfen zu erkennen zu geben?«

Groenewold atmete tief durch und verknäuelte ihre Hände auf dem Armaturenbrett, dessen geschäftige Anzeigen zwischen ihren Fingern tickerten.

»Was ich sagen will: Wenn wir hier kurzatmig herumkreuzen, obwohl wir keine AE am Stück ohne Korrekturmanöver zustande bringen, so rechnen wir uns das als technische Meisterleistung an; warum soll eine überlege Entität nicht störungsfrei und ohne Hakenschlagen durch unser mickriges System kommen, indem es sich seine Bahn eben schon vorher zurechtgelegt hat?«

»Der Schöpfer muss seine Schöpfung nur aufheben und Wunder vollbringen, wenn er sich mir offenbaren will. Denn ich muss sehen, dass er über seine Schöpfung souverän ist.« Silesio war auf seiner Wanderung durch das Cockpit stehen geblieben und sah unverwandt die Sterne jenseits der Scheiben an, die in ihrem obsidianschwarzen Futteral aus leerem Raum nicht flimmerten. »Aber ich glaube nicht, dass wir das Opak in Kategorien von handelnd oder nichthandelnd, wollend oder nichtwollend erfassen können. Es ist nach all dem, was ich aus den Protokollen entnommen habe, während ihr bewusstlos auf dem Schlafdeck lagt, etwas radikal anderes, das unsere geistigen Ordnungsgefüge übersteigt.«

»Glaubst du, dass es uns derartig überlegen ist?« Evchen hatte einen frostigen Belag auf der Stimme.

»Aber nicht überlegen in einem technischen oder intellektuellen Sinn; einfach nur: anders.«

Die folgende Woche verging in gereizter Langeweile und überdrüssiger Routine. Die Crew stand in beständigem Funkverkehr mit den Beobachtungsstationen auf Luna, die uns die aktuelle »Position« – wenn man es so hätte nennen können – des Opak übermittelten. Die Bugscanner und das Vorwarnradar tasteten den Raum ab und durchleuchteten die von der Onlineautomatik permanent aktualisierten Quadranten, aber sämtliche Ergebnisse blieben negativ.

Langsam und geradezu quälend schob die Dorset sich, ferngesteuert von der Basis auf Luna, an das Objekt heran, das in seinem Oszillieren nach wie vor riesige Sprünge und Verschiebungen von hunderttausenden von Kilometern aufwies. Carlssen und Theresa lösten sich alle sechs Stunden auf der Brücke ab, obwohl es wenig zu tun gab, da die Dorset vom Autopiloten beharrlich an die virtuelle Durchschnittsbahn des Opak, die man dazu aus einem Sieben-Tage-Mittel errechnete, herangeführt wurde. Groenewold überwachte die Datenströme, die mit den externen Stationen ausgetauscht wurden, während Gus sämtliche Frühwarngeräte und vor allem das DeepField-Radar endlosen Prozeduren und Selbsttests unterzog, um instrumentenverschuldete Fehler so gut wie möglich ausschließen zu können. Dennoch blieben unsere Schirme leer und nicht nur Groenewold verfiel allmählich in Ratlosigkeit.

Am achten Tag nach dem Jupiter-Swing-by hatten sie sich auf hunderttausend Kilometer genähert. Commander Carlssen übernahm das Schiff in manueller Steuerung und löste Alarmstufe 1 aus. Alle Schotten blieben geschlossen, sämtliche Besatzungsmitglieder mussten auch außerhalb der Dienstzeiten in Bereitschaft bleiben. Die diensthabende Crew durfte die Brücke nicht verlassen. Gus protestierte halbherzig gegen das Alkoholverbot, weil er gewohnt war, sich nach seiner Zwölfstundenschicht mit ein paar Bierchen in seine Kabine zurückzuziehen. Für den Beginn der ersten Schicht, die Carlssen am nächsten Tag übernehmen würde, war das Rendezvous angesetzt.

»Was ist, wenn es einen seiner unkontrollierten Sprünge vollführt und uns dabei anrempelt?«

»Die durchschnittliche Oszillation liegt bei unter zehntausend Kilometern; bei einem Abstand von hunderttausend haben wir ein Kollisionsrisiko von weniger als einem halben Prozent, das ich vertreten zu können glaube. Außerdem handelt es sich um kein körperliches Objekt, das uns irgendwie ›berühren‹ könnte.«

Evchen sah nicht beruhigt aus.

»Selbstverständlich habe ich die Abschirmung aktiviert. Das Schiff bleibt auf gefechtsmäßiger Alarmstufe.«

Die Dorset bewegte sich synchron mit dem Opak, das an einem bestimmten Punkt auf neunzig Grad – drei Uhr, nannten das die Offiziere – fixiert war und das inzwischen mit dem bloßen Auge zu sehen hätte sein müssen, wenn es sich um einen Asteroiden gehandelt hätte. Da unsere Schirme, auch die der empfindlichsten Geräte, die selbst ein Staubkorn in dem bewussten Quadranten erkannt hätten, leer blieben, breitete sich eine gewisse Ratlosigkeit aus. Gus behauptete, wir wären dem aufwendigsten Aprilscherz in der Geschichte der interplanetarischen Raumfahrt aufgesessen. Commander Carlssen besprach sich mit Groenewold, die als Kopilotin seinen Schichten zugeordnet war. Die Daten, die Luna überspielte, besagten, dass das Objekt sich auf ihrer Höhe in einem durchschnittlichen Abstand von 97 500 Kilometern befand. Es waren dazu über zwanzig terrestrische und geostationäre Teleskope der verschiedensten Wellenbereiche zusammengeschaltet, wobei nur Messungen bearbeitet wurden, die von mindestens drei unabhängigen Beobachtungen bestätigt wurden. Schließlich rief Carlssen den Bordingenieur auf die Brücke und unterrichtete sich über die Funktionsweise der Instrumente. Das Opak wurde mit Breitbandscannern gesucht, die mehrere tausend Kubikkilometer Raumes durchleuchteten. Der Commander trug Gus auf, die Detektoren zu fokussieren und gezielt ein punktförmiges Datum, das er aus dem aktuellen Fünf-Tage-Durchschnitt errechnete, anzuvisieren. Es dauerte eine Stunde, bis Gus die Sensoren neu programmiert hatte. Theresa, deren Nachmittagsschicht gleich beginnen würde, meldete sich auf der Brücke, als Carlssen wieder an der Konsole Platz nahm, um assistiert von Groenewold die neuen Einstellungen zu testen. In diesem Augenblick flammten mehrere Anzeigen auf den Monitoren auf und die Automatik schrillte los. Gus kam aus dem Instrumentenraum auf die Brücke gestürzt. Ein Hintergrundstern auf 88° 15$'$ war für eine Millisekunde verdeckt worden!

Carlssen übergab das Kommando an Theresa, während Groenewold von Silesio abgelöst wurde. Dennoch blieb die gesamte Besatzung der Dorset, einschließlich Gus, auf der Brücke. Die hochauflösenden Scanner wurden nachgeführt und entsprechend den ermittelten Daten korrigiert. Sowie die entsprechende Position am Backbordhorizont noch schärfer beobachtet wurde, ergaben sich etliche Abdeckungen, aus denen sich das Vorhandensein und die Bewegung eines nicht leuchtenden Objektes ableiten ließen.

»Wir haben es.« Carlssens Stimme war ohne Triumph. Er hatte seinen Sessel herumgeschwenkt und sah über Silesios Schulter auf dessen Monitor. Der Chefprogrammierer hatte ein fluktuierendes Diagramm erstellt, das die Beobachtungsdaten, die von Luna III hereinkamen, mit den eigenen Messungen der Dorset synchronisierte. Es verstrich eine Viertelstunde, in der mehrmals das Hupen der Automatik ertönte, das eine weitere Sternabdeckung verkündete, bis die von der Erde einlaufenden Übertragungen aktualisiert waren und mit den Feststellungen vor Ort abgeglichen werden konnten. Es gelang jedoch nicht, die beiden Positionen in Einklang zu bringen.

»Es ist da und ist doch nicht da.« Theresa kniff unwillkürlich die Augen zusammen und starrte zum Backbordfenster hinaus, obwohl dort natürlich nichts zu erkennen war.

»Es ist jeweils an einem anderen Ort, je nachdem, von wem und von wo aus es beobachtet wird.« Silesio tippte auf seinem Sensorfeld herum. Eine dreidimensionale Grafik zeigte zwei Linien, eine gerade verlaufende und eine heftig undulierende.

»Wir müssen eine Fallunterscheidung vornehmen: Es gibt ein Alpha-Opak, das von den Computern auf Luna ermittelt wird, und zudem ein Beta-Opak, das von der Dorset aus erfasst werden kann. Dass es sich um zwei verschiedene Objekte handelt, kann meiner Auffassung nach dadurch ausgeschlossen werden, dass es keine Überschneidungen zwischen den beiden Varianten gibt. Wir haben keine Schnittmenge von Alpha- und Beta-Opak. Erst wenn wir eine mehrtägige Beobachtungszeit für das zweite, das Dorset-Opak, zur Verfügung haben, können wir sagen, ob eine statistische Identität oder zumindest Varianz vorliegt. Im Augenblick haben wir es mit zwei virtuellen Objekten zu tun, von denen nur eines, das Beta-Opak, für uns von signifikanter Relevanz ist.«

»Das wir aber auch nur ex negativo …«

»Aber da ist überhaupt nichts!«

Gus schien es nichts auszumachen, dass er seinem Commander das Wort abgeschnitten hatte. Er war aufgestanden und tigerte aufgebracht im Cockpit hin und her.

»Ich habe keine positiven Daten dafür, dass sich an der Position, über die wir hier reden, irgendetwas befindet. Ich habe kein Radarecho und selbst in den stärksten Scannern keine Erfassung. Alles, was mindestens zehn Atomdurchmesser groß ist – und wenn es Sterne der Lichtstärke II überdeckt, muss es deutlich größer sein –, muss auf meinem Schirm erscheinen. Aber da ist nichts!«

Commander Carlssen verschwand im Stabszimmer und hielt eine Konferenz mit den schichthabenden Offizieren auf Luna ab, die sich wegen der Zeitverzögerung über mehr als zwei Stunden hinzog. Die Nachricht von der vermeintlichen Entdeckung und Fixierung des Objektes durch die Dorset war von zivilen Stellen auf der Erde aufgefangen und dechiffriert worden und hatte in kürzester Zeit für weltweite Aufmerksamkeit gesorgt. Die Panik flammte neu auf, zumal das rätselhafte Opak sich auf befremdliche Weise der Erde zu nähern schien. Die Gesprächspartner, die alle Viertelstunde wieder auf Carlssens Monitor erschienen, wirkten nervös und gestresst; ihre Überlegungen schienen von hektischen Aktivitäten im Hintergrund, mit heißer Nadel gestrickten Presseerklärungen, wie Carlssen vermutete, bestimmt.

Mit einem Anflug maskenhafter Entschlossenheit betrat der Commander die Brücke.

»Wir gehen dichter ran.« Er sah auf die Uhr. Theresas Schicht dauerte noch knapp drei Stunden.

»Kommandierende Offizierin, sind Sie bereit für ein manuelles Manöver von Priorität Rot?«

»Haben die das gesagt, dass wir dem Dings noch näher auf die Pelle rücken sollen?« Evchen sah von ihrem Schwenksessel auf, den sie neben den von Gus gefahren hatte. »Ich komme mir allmählich vor wie bei ’nem Himmelfahrtskommando.«

»Ich kann frei entscheiden.« Carlssen hatte die Augen fest in die Miene seines Bordingenieurs gebohrt.

»Man ist auf Luna an rascher Präzisierung unserer Daten interessiert und hat mir nahegelegt, alles zu tun, was zu einer baldigen Klärung der Situation beitragen kann.«

»Warum jagen wir nicht erst ein paar Sonden rüber?« Gus war durch den harschen Ton, dem gar keine Äußerung seinerseits vorausgegangen war, provoziert. »Das Drohnendeck liegt voller ausgebufftem Spielzeug. Und solange ich Roboter da rüberschicken kann, brauche ich doch nicht selber den Arsch riskieren.«

»Ich hätte gar nicht gedacht, dass du so feige bist!« Theresa lächelte vom Hauptbedienplatz aus zwischen Groenewold und Gus hin und her. Dann wandte sie sich an Carlssen und erklärte sich bereit, die erforderlichen Manöver durchzuführen.

Wir hatten noch leicht gedreht und einige kleinere Kurskorrekturen vorgenommen, bis das Opak beziehungsweise seine Beta-Variante, wie Silesio es nannte, auf einer exakten Dreiuhrposition lag. Dann zündete Theresa für zwanzig Sekunden die Steuerbordraketen, sodass die Dorset bei Kleiner Fahrt direkten Kurs auf das unsichtbare Objekt nahm. Kilometer um Kilometer schoben wir uns heran. Die Warnsignale der Automatik waren deaktiviert worden; in regelmäßigen Abständen leuchteten aber die optischen Anzeigen auf, die neuerliche Sternverdeckungen mitteilten. Das Opak schien sich auf einer beschleunigungslosen linearen Bahn zu befinden, die völlig einer berechenbaren ballistischen Kurve glich. Es näherte sich mit etwa 100 000 km/h dem Asteroidengürtel, unter dem es in gemessenem Abstand hindurchgleiten würde. Carlssen und Groenewold übernahmen das Kommando für die Abendschicht und führten die Annäherung weiter.

»Träumst du von deiner Kleinen?« Theresa betrat die Messe und ließ sich einen Kaffee aus dem Küchenmodul geben. In wenigen Minuten würde ihre zweite Schichte beginnen.

»Wen meinst du?« Gus sah ausdruckslos vor sich hin. Seine Hände spielten mit einem Werkzeug.

»Groenewold.«

»Ach die.«

»Erzähl mir nicht, dass du sie nicht magst.«

»Sie ist ziemlich – anstrengend. Außerdem steh ich nicht auf Kindfrauen.«

»Aber du schläfst mit ihr.«

»So gewaltig ist das Überangebot an Frauen nicht, auf diesem gottverdammten Explorer.«

»Sie ist nicht dein Typ?«

»Wir machen meistens das Licht aus.«

»Und wen stellst du dir dann vor?«

»Was soll das?!«

»Nur so.« Theresa ließ sich in einen Sessel sinken und fuhr die Lehne bis zum Anschlag zurück. Sie schloss die Augen.

»Nun, wenn du es wissen willst: Jemand wie du wäre schon eher nach meinem Geschmack.«

»Oh, darf ich das unter Komplimente buchen?«

»Von mir aus. Aber du vö… Du bist mit dem Commander zusammen, nicht? Das ist freilich ein anderes Kaliber. Offizier und so.«

»Und du meinst, das würde die Wahl einer Frau beeinflussen?«

»Zumindest scheint es nichts zu schaden.«

»Du bist so naiv.«

»Oh danke, manchmal wünsche ich, ich wäre sogar richtig dumm.«

»Es lebt sich leichter, vermutlich. Was der Commander dir voraushat, Gus, ist seine Neugier. Er bekleidet einen militärischen Rang, aber er ist wissenschaftlicher Offizier. Und er will wissen, was das da draußen ist. Wie ich auch. Dir ist es …«

»Scheißegal. Genau. Ich mache hier meinen Job, so gut es geht. Und glaub nicht, dass ich da nicht auch meinen Stolz und meinen Ehrgeiz habe. Der Teufel soll mich holen, wenn eine Maschine auf diesem Hurenschiff nicht fehlerfrei funktioniert. Aber alles Weitere, euer bescheuertes Objekt und erst recht der Alte mit seiner Metaphysik, kann mir gestohlen bleiben.«

»Es interessiert dich tatsächlich nicht, nicht wahr? Du liegst nachts nicht wach und fragst dich, was es sein und woher es stammen könnte.«

»Ich frage mich, wann wir hier wegkommen.«

»Du bist langweilig.«

»Und du bist unausstehlich, obwohl du ’ne geile Figur hast.«

»Das war’s dann wohl. Gute Nacht.«

»Wie dicht sind wir dran?« Theresa kam auf die Brücke, um die Nachtschicht anzutreten.

»Schwer zu sagen. Wenn wir die Bahn des Alpha-Phänomens zugrunde legen, sind wir jetzt auf etwa 10 000 km Distanz. Unser Beta-Objekt, von dem wir noch zu wenig Daten haben, um sie zu einer kohärenten Flugbahn zusammenzufügen – bis jetzt haben wir 32 punktuelle Einzelereignisse –, lässt sich nicht exakt genug bestimmen. Von unserer Position aus können wir keine Triangulation vornehmen, und solange wir kein Radarecho und keinen optischen Kontakt haben, ist der dritte räumliche Vektor reine Spekulation. Immerhin steht es auf drei Uhr wie festgenagelt. Ich schlage vor, du orientierst dich vorläufig weiter an Objekt Alpha und gehst bis zum Frühstück auf 1000 km.«

Die Nacht verging geräuschlos. Wir lagen in unseren Kojen und fanden in der ängstlichen Überspanntheit, die wir uns vergeblich auszuschwitzen bemühten, keinen Schlaf. Bisweilen durchfauchte eine zärtliche Erschütterung die Dorset, wenn Theresa, die mit Silesio die erste, von Mitternacht bis sechs Uhr morgens dauernde Schicht fuhr, für einige Sekunden die Steuerdüsen zündete, die das Schiff auf seinem schüchternen Annäherungskurs dem irrationalen Phänomen entgegendrängten. Erst wenige Minuten bevor ihn seine innere Uhr gemeinsam mit den Bojen der Automatik aus der Bettruhe erlösen würde, nickte Commander Carlssen in kurze Zeitlosigkeit von wolkiger Schwereempfindung. Er träumte von einer kalten Hand, in der er eine unbestimmte Zahl blauer Steinchen hielt, deren vierzig bei der Division durch zwei neun ergaben, während die neun, ihrerseits dividiert, dreihundert sein konnten. Dann erschrak er, taumelte mit klebenden Lidern in die Nasszelle und bespritzte ein pelziges Gesicht mit Wasser. Die Brücke war bevölkert von fremdländischen Automaten.

»Wie sieht es aus? Wie weit sind wir?« Carlssens Stimme war knotig, seine Augen waren von Abwesenheit beschwert, als er seinen Platz einnahm und die zählebigen Routinen des Schichtwechsels durchführte.

»Die stationäre Distanz in Relation zum Objekt Alpha beträgt 978 km. Acht weitere Ereignisse bei der Überwachung des Beta-Opak. Bereit zur Übergabe.«

»Ich habe einige mathematische Spielereien unternommen.« Silesio klang eher beiläufig als müde; er wartete, bis Carlssen eine Geste des Interesses hatte erkennen lassen, ehe er seine Ergebnisse vortrug.

»Wir haben inzwischen genug punktuelle Daten des Beta-Objektes, die es erlauben, eine vorsichtige Bahndiagnose zu erstellen. Ich habe dies in den vergangenen Stunden durchrechnen lassen. Das Beta-Phänomen, das wir seit anderthalb Tagen von der Dorset aus beobachten, bewegt sich ohne jegliche Eskapaden auf einer ballistischen Flugbahn, die derjenigen entspricht, die die Überwachungseinheiten, die von Luna III gebündelt werden, seit mehreren Monaten kontrollieren und stündlich aktualisieren. Weitgehend, Commander; denn zum einen verfügen wir noch nicht über genügend Material zu einer befriedigenden Darstellung des Beta-Opak, zum anderen haben sich einige unleugbare Abweichungen ergeben, an denen Alpha- und Beta-Objekt zu gleichen Zeitpunkten an definitiv unterschiedlichen Positionen geortet wurden und wo auch in sämtlichen Langzeitbeobachtungen beide Kurven nicht über eine asymptotische Annäherung hinaus ineinander übergeführt werden konnten.«

Carlssen schob die Erste Offizierin zur Seite, die ihn auf die Stirn geküsst und mit besorgten Fingern sein Haar zerteilt hatte.

»Weiter!« Er versuchte, sich Aufnahmefähigkeit zu befehlen.

»Außerdem habe ich die Bahn des Alpha-Objektes einigen stochastischen Prozeduren unterzogen. Es gibt in den Undulationen, die dieses Opak seit seiner Entdeckung beschreibt, keine erkennbaren Regelmäßigkeiten, die mit unseren Vorstellungen von Mathematik herauszufinden wären. Weder der Verdacht, die Aberrationen könnten als Modulationen einer Trägerwelle aufzufassen sein, noch die entlegenen Spekulationen lunarischer Nachtschwärmer, die nach Primzahlen und anderen nicht regelmäßigen Ordnungsprinzipien suchten, ließen sich verifizieren oder auch nur erhärten. Schließlich habe ich den Gegenbeweis angetreten und gegen zwei Uhr heute Morgen die Hypothese aufgestellt, es handle sich um ein frei randomisierendes Verhalten. Ich habe mehrere Millionen virtueller Zufallsgeneratoren kreieren und ihre Ergebnisse mit der Bahn des Alpha-Phänomens vergleichen lassen. Auch hier kam ich zu keiner Übereinstimmung.«

»Es ist weder berechenbar noch unberechenbar.«

»Sagen wir lieber: Es ist nicht regelmäßig und nicht vollkommen regellos. Ich erhielt bestimmte sehr vage Muster. Wenn wir die Flugrichtung und die Ebene der Ekliptik als Koordinaten zugrunde legen, so scheinen die Oszillationen, die es seitlich zur Bewegungsrichtung ausführt, geringfügig häufiger und schwächer, die Ausweichungen, die es senkrecht zur Planetenebene beschreibt, etwas seltener und heftiger zu sein. Bei wohlwollender Interpretation der Daten, denn es unduliert ja nicht nur in zwei durch Polarisation voneinander trennbaren Richtungen, sondern verlässt seine Bahnachse nach allen 360° einer orthogonal zur Flugrichtung stehenden Windrose. Außerdem ist die Vorwärtsbewegung von Sprüngen und Verwerfungen charakterisiert, die sich in keinem System mit den seitlichen Oszillationen koordinieren lassen.«

»Ist gut. Haben wir eine Prognose über eine mögliche Identifikation von Alpha- und Beta-Phänomen?«

»Nein.«

»Wir haben es also mit zwei distinkten Objekten zu tun.«

»Ich hielte es für voreilig, das so zu formulieren. Uns liegt ein Beschreibungszusammenhang vor, der sich je nach Beobachtungssituation unterschiedlich darstellt. Man kann es sich vielleicht metaphorisch vergegenwärtigen. Beobachter A befindet sich in einer nächtlichen Großstadt der gemäßigten Breiten, während Beobachter B sich in den Mittagsstunden in einer menschenleeren Wendekreiswüste aufhält. Es bedürfte eines gewissen Abstraktionsvermögens, um zu der Überzeugung zu gelangen, dass sich beide auf demselben Planeten bewegen. Oder wenn wir als Alpha-Phänomen einen blühenden Apfelbaum ansetzen und als Beta-Korrelat eine einzelne herbstliche Frucht. Der Phänomencharakter ist inkohärent und doch handelt es sich um das gleiche Wesen von durchgehaltener Identität. Blüte und Apfel nehmen an der gleichen Raum-Stelle unterschiedliche zeitliche Positionen ein. Wir hier haben es mit einem Phänomen zu tun, das innerhalb derselben Zeit-Stelle unterschiedliche räumliche Positionen einnimmt – noch dazu in Abhängigkeit vom Beobachter.«

Wir verharrten in gleichmäßigem Abstand zu dem sonderbaren Objekt, das seinen augenlosen Flug unter der Trümmerwüste des Asteroidengürtels entlang fortsetzte. Groenewold, die mit Verspätung ihre Vormittagsschicht an der Seite Commander Carlssens antrat, äußerte hartnäckiges Unwohlsein und meinte, es verursachte ihr krampfhafte Angstempfindungen, dass wir so dicht an das herumwackelnde Objekt heransteuerten. Sie sprach sich sogar dafür aus, das Ding auf seiner unsichtbaren Bahn davonflackern zu lassen. Silesio übergab die Stelle des Kopiloten und versuchte zu erläutern, dass nur das Alpha-Opak »herumwackele«, das für uns aber nicht existent sei; unser Opak verhalte sich dagegen vollkommen linear. Nachdem er sie nicht überzeugt hatte, folgte er Theresa, die sich lakonisch verabschiedet hatte, in den Wohntrakt, um sich bis zur Nachmittagsschicht auszuruhen.

Als Gus auf die Brücke kam, um seine zwölfstündige Schicht aufzunehmen, die um acht Uhr begann, erhielt er vom Commander den Auftrag, drei Drohnen der mittelschweren Lambda-Klasse zum Aussetzen fertig zu machen. Mit mürrischem Triumph in den Augen entfernte sich der Bordingenieur zum Drohnendeck. Drei Stunden später klinkte die Dorset drei Beobachtungsdrohnen aus, die von der Automatik um das Schiff herumgeführt wurden und dann selbsttätig die konventionellen Wasserstofftriebwerke zündeten. Die drei magnesiumfarbenen Strahlenbündel verschmolzen mit der Indifferenz des Sternenhimmels. Auf wortkargen Monitoren kontrollierte Carlssen, wie sich die Observationsroboter dem Opak entgegenschnellten. Auf einem seitlichen Schirm war das Bild eines der optischen Teleskope zu sehen, das auf die Dreiuhrposition des Beta-Phänomens fokussiert war. In Abständen, die dem menschlichen Zeitempfinden regelmäßig vorkommen konnten, setzte einer der Sterne, die als Einziges auf der unveränderlichen Einstellung zu sehen waren, für einen Wimpernschlag aus und glomm danach wieder unschuldig auf. Ein künstlicher Lichtkreis rahmte den Wiedergeborenen ein, ließ die astronomische Kennung darunter aufblinken und ratterte die Bahndaten des Opak, die sich aus diesem Ereignis ergaben, an den unteren Bildschirmrand. Drei solcher Messungen fielen in kurzen Abständen an, während die Drohnen sich dem Verursacher der reflexhaften Verdunkelungen entgegenschleuderten. Die Ergebnisse wurden den davonziehenden Automaten übermittelt; aber da sie exakt im Erwartungshorizont der früheren Berechnungen lagen, waren keine Korrekturen nötig. Schließlich bogen sich die drei Zielgeraden auseinander. Die erste Drohne knickte sonnenwärts ein und positionierte sich vor dem Opak, dem sie in hundert Kilometern Abstand vorausflog. Die zweite nahm einen stationären Punkt in gleicher Entfernung über dem Objekt ein, während die dritte in gemessener Distanz über es hinwegsetzte und – von der Dorset aus gesehen – genau dahinter abbremste und seine parallele Bahn stabilisierte. Diese dritte Drohne war die wichtigste, gleichzeitig die am unsichersten zu programmierende. In der Draufsicht von unserem Schiff aus lagen ja nur die x- und y-Koordinaten fest; – die allerdings im mathematischen Sprachgebrauch, wie er von Luna III vorgegeben war, die x- und z-Koordinaten waren. Der dritte Vektor, der die räumliche Entfernung zwischen Opak und Dorset angab, beruhte, was das Beta-Objekt betraf, auf reiner Spekulation, da Messungen in dieser Dimension nicht möglich waren. Carlssen hatte also die y-Koordinate des Alpha-Phänomens übernommen; Gus aber angewiesen, für die dritte Sonde einen Sicherheitsabstand von 500 km einzugeben.

Als die Drohnen ihre Bestimmungsorte erreicht hatten, wurden die Haupttriebwerke und die Schalbleche abgesprengt. Sie verschollen im raumlosen Hall der Unendlichkeit. Die Instrumentenköpfe setzten je drei Sensorenfelder frei, die sich mithilfe autarker Steuerdüsen um jeweils einige Kilometer voneinander entfernten. Jede Einheit verfügte so über drei unabhängige Fixpunkte, von denen aus das Objekt exakt verortet werden konnte. Die drei Module der Lambda III, die in 500 km Abstand jenseits des Opak Position bezogen hatten, konnten im Wechselspiel mit den Instrumenten der Dorset besonders hochauflösende Scannings vornehmen. Nachdem alle neun Satelliten ihre Selbsttestroutinen durchgeführt und den Datenverkehr mit unserer Automatik aufgenommen hatten, geriet das unsichtbare Phänomen in ein dichtes Kreuzfeuer sämtlicher Wellenbereiche. Die mutmaßliche Position des Objektes wurde von Radar der unterschiedlichsten Frequenzen bestrichen und mit energiearmen optischen Lasern abgetastet. Alle paar Sekunden meldete einer der Automaten ein Verdeckungsereignis, und sowie die fehlende y-Koordinate