Verlag: Goldmann Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Operation Red Sparrow - Jason Matthews

Die Thrillersensation aus den USA, verfasst von einem CIA-Insider.Der aufstrebende CIA-Agent Nathaniel Nash soll in Moskau einen hochrangigen Informanten der Gegenseite treffen. Als plötzlich Schergen des russischen Geheimdienstes auftauchen, gelingt es Nash, seine Quelle unerkannt in Sicherheit zu bringen. Doch mit der Aktion gefährdet er die gesamte Operation und wird selbst zur Zielscheibe. Denn um den Verräter in den eigenen Reihen zur Strecke zu bringen, setzt der russische Geheimdienst die junge Agentin Dominika Egorowa auf Nash an. Dominika ist ein „Red Sparrow“, ausgebildet zur verführerischen und tödlichen Falle. Ein gefährliches Doppelspiel zwischen den Fronten entbrennt ...Dieser Titel ist auch als Filmbuchausgabe unter dem Titel »Red Sparrow« erhältlich.

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E-Book-Leseprobe Operation Red Sparrow - Jason Matthews

Buch

In Moskau soll der aufstrebende CIA-Agent Nathaniel Nash den wichtigsten Informanten der Amerikaner treffen: MARBLE, ein hochrangiges Mitglied der russischen Auslandsspionage mit Kontakten in die höchsten Regierungskreise. Als plötzlich Schergen des russischen Geheimdienstes auftauchen, gelingt es Nash, die Verfolger abzulenken und seine Quelle unerkannt in Sicherheit zu bringen. Doch mit der Aktion gefährdet er die gesamte Operation und wird selbst zur Zielscheibe. Denn um den Verräter MARBLE zur Strecke zu bringen, setzt der russische Geheimdienst die junge Agentin Dominika Egorowa auf Nash an. Dominika ist ein »Sparrow«, ausgebildet zur verführerischen und tödlichen Falle. Bald geraten Nash und Dominika ins Kreuzfeuer zweifelhafter politischer Interessen und eiskalter Machtansprüche. Im Zwiespalt zwischen Gewissen und Pflicht beginnt für die beiden Gegner ein gefährliches Doppelspiel zwischen den Fronten …

Autor

Jason Matthews arbeitete über dreiunddreißig Jahre bei der Operationsleitung der CIA, wo er sich auf die Informationsgewinnung in Sperrgebieten spezialisierte und verdeckte Einsätze u. a. in Europa, Asien und der Karibik führte. Heute lebt er im Süden Kaliforniens. Mit seinem Debüt »Operation Red Sparrow« gelang ihm auf Anhieb ein viel gelobter New-York-Times-Bestseller. Für den Spionageroman wurde Jason Matthews bereits mit zwei renommierten Preisen im Spannungsgenre ausgezeichnet: dem Edgar® der Mystery Writers of America sowie dem Thriller Award, der von den International Thriller Writers verliehen wird.

Jason Matthews

Operation

Red Sparrow

Thriller

Aus dem amerikanischen Englisch

von Michael Benthack

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2013

unter dem Titel »Red Sparrow« bei Scribner,

a division of Simon & Schuster, Inc., New York.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Februar 2015

Copyright der Originalausgabe © Jason Matthews, 2013

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: FinePic®, München

Redaktion: Alexander Behrmann

KS · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-14367-1

www.goldmann-verlag.de

Für Suzanne, Alexandra und Sophia

1

Nach zwölf Stunden auf seiner Überwachungserkennungsroute war Nathaniel Nash taub von der Taille abwärts. Mit gefühllosen Füßen und Beinen stakste er über die kopfsteingepflasterte Moskauer Seitenstraße. Es war längst dunkel geworden, als Nate die Route abging, die so geplant worden war, dass sie die Beschatter anlockte, mitzog und derart in Aufregung versetzte, dass sie sich zeigten. Aber da war nichts, kein Hinweis auf Observationsteams, die hinter ihm auf den Straßen herumschlichen, aus der Deckung kamen, plötzlich um die Ecke bogen, keine Reaktion auf seine Aktionen. Funktionierten seine Ablenkungsmanöver? Oder wurde er von einem Team der Gegenseite zum Narren gehalten? Es lag in der Natur des Spionagespiels, dass man sich schlechter fühlte, wenn man seine Verfolger nicht sah, als wenn man wusste, dass sie ganz in der Nähe waren.

Es war erst Anfang September, aber zwischen der ersten und der dritten Stunde seiner Route hatte es geschneit, was geholfen hatte, unerkannt aus dem Wagen zu entkommen. Am späten Vormittag war Nate aus einem fahrenden Lada-Kombi gesprungen. Am Steuer hatte Leavitt von der Botschaft gesessen. Er hatte die Lücke berechnet, wortlos drei Finger gehoben, als sie in eine Seitenstraße in einem Industriegebiet einbogen, und Nate dann auf den Arm getippt. In diesem Drei-Sekunden-Intervall wurden die Verfolger des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB abgehängt, denn sie rasten an Nate vorbei, der sich hinter einer Schneewehe versteckte, und folgten Leavitt. Nate hatte das Handy aus der Wirtschaftsabteilung der Botschaft, das er bei diesen Einsätzen benutzte, bei Leavitt im Wagen zurückgelassen – in den nächsten drei Stunden war der FSB herzlich eingeladen, das Mobiltelefon irgendwo zwischen den Funkmasten Moskaus zu orten. Beim Abrollen aus dem fahrenden Auto hatte Nate sich das Knie aufgeschlagen. Es war danach stark angeschwollen und fühlte sich mittlerweile genauso taub an wie der Rest von ihm. Bei Einbruch der Dunkelheit war Nate durch halb Moskau gegangen, gerutscht, geklettert und gekraxelt, ohne Überwachungsteams zu entdecken. Er hatte das Gefühl, die Luft war rein.

Nate gehörte zu einer kleinen Gruppe von CIA-Agenten, die geschult waren, unter Überwachung auf dem heimischen Terrain des Gegners zu operieren. Wenn er auf der Straße im Einsatz war, kannte er keine Zweifel. Die vertraute Angst, zu versagen, keine exzellente Leistung abzuliefern, legte sich. Heute Abend lief alles nach Plan. Ignorier die Kälte, die deine Brust einhüllt und einengt. Schärfe deine Sinne, trotz des Stresses. Er sah hervorragend. Konzentrier dich auf die mittlere Distanz, such nach wiederkehrenden Fußgängern und Fahrzeugen. Merk dir Farben und Formen. Hüte, Mäntel, Fahrzeuge. Ohne groß darüber nachzudenken, registrierte er die Geräusche der dunkler werdenden Stadt rings um ihn herum. Das Knistern der Elektrobusse, das Zischen der Autoreifen auf dem nassen Asphalt, das Knirschen des Kohlenstaubs unter seinen Schritten. Er roch die Dieselabgase, den Kohlenrauch in der Luft und, aus irgendeinem unsichtbaren Luftschacht kommend, das erdige Aroma von Rote-Bete-Suppe. Er war quasi eine Stimmgabel, die in der frostigen Luft schwang, gestimmt und vorbereitet, aber merkwürdig ruhig. Nach zwölf Stunden war er so sicher, wie er nur sein konnte: Er wurde nicht beschattet.

Zeitcheck: 22:17. Noch zwei Minuten, dann wollte sich der siebenundzwanzigjährige Nate Nash mit der Legende treffen, dem Juwel in der Tiara, dem besten Pferd im Stall der CIA. Dreihundert Meter entfernt von der ruhigen Seitenstraße würde Nates Treffen mit MARBLE stattfinden: kultiviert, urban, in den Sechzigern, Generalmajor beim SWR, der Auslandsspionage des Kremls, die den Auslandsgeheimdienst des KGB abgelöst hatte.

Seit vierzehn Jahren war MARBLE dabei, eine bemerkenswert lange Zeit, wenn man bedachte, dass russische Informanten während des Kalten Krieges im Schnitt anderthalb Monate überlebten. Während er die Straße observierte, erschienen vor Nates innerem Auge die körnigen Fotos der verlorenen Agenten: Penkowski, Motorin, Tolkatschew, Poljakow, all die anderen, alle tot. Aber nicht der hier, nicht, solange ich hier das Sagen habe. Nein, er würde nicht versagen.

Inzwischen war MARBLE Leiter der Amerika-Abteilung im SWR, ein Posten mit kolossalen Zugangsmöglichkeiten. Doch er war ein KGB-Angehöriger der alten Schule. Er hatte sich seine Sporen (und den Generalsstern) während seiner Karriere im Ausland verdient und nicht nur wegen seiner triumphalen operativen Einsätze Aufsehen erregt, sondern auch, weil MARBLE die Säuberungen, Reformen und inneren Machtkämpfe überstanden hatte. Dabei machte er sich keine Illusionen über das System, dem er diente, und hatte die Scharade hassen gelernt. Trotzdem handelte er weiter professionell und loyal. Als er vierzig war, bekleidete er bereits den Rang eines Obersts und diente in New York. Damals verbot ihm die Zentrale, seine Frau zu einem amerikanischen Onkologen zu schicken. Diese gedankenlose Zurschaustellung sowjetischer Unnachgiebigkeit führte schließlich dazu, dass sie auf einer Trage im Flur eines Moskauer Krankenhauses verstarb. Es dauerte dann noch acht Jahre, bis MARBLE sich entschloss, eine geheime Annäherung an die Amerikaner vorzubereiten und sich freiwillig zu melden.

Als er Auslandsspion – »Agent« in der Sprache der Nachrichtendienste – wurde, hatte MARBLE leise und außerordentlich höflich mit seinen CIA-Führungsoffizieren kommuniziert und sich selbstkritisch dafür entschuldigt, nur dürftige Informationen zu liefern. Langley war verblüfft. Denn MARBLE lieferte ungeheuer wertvolle Informationen über Operationen des KGB und des SWR, über Unterwanderungen ausländischer Regierungen sowie gelegentlich, wenn ihm das möglich war, über die Kronjuwelen: die Namen von Amerikanern, die für Russland Spionage betrieben. MARBLE war ein ungewöhnlicher, unschätzbarer Agent.

22:18. Nate bog um die Ecke und ging die schmale Straße hinunter. Auf beiden Seiten Wohnblocks. Ein holpriger Gehsteig, gesäumt von kahlen und schneebedeckten Bäumen. Am Ende der Straße, als Silhouette im Licht der dahinterliegenden Straßenkreuzung sich abzeichnend, bog eine vertraute Gestalt um die Ecke und steuerte in seine Richtung. Der alte Mann war ein Profi: Er hatte das Vier-Minuten-Zeitfenster exakt abgepasst.

Die Müdigkeit fiel von Nate ab, und er merkte, wie er innerlich auf Touren kam. Während MARBLE näher kam, suchte Nate die leere Straße nach Auffälligkeiten ab. Keine Autos. Sieh hoch. Keine offenen Fenster, die Wohnungen dunkel. Blick zurück. Querstraßen ruhig. Such die Schatten ab. Kein Straßenkehrer, kein herumlungernder Obdachloser. Ein Fehler – trotz des stundenlangen Abgehens der Überwachungsroute, der schwierigen Manöver, des Wartens und des Beobachtens im Schnee und in der Kälte –, ein einziger Fehler hätte unausweichlich zu einem Ergebnis geführt: zum Tod von MARBLE. Was für Nate nicht bedeutete, dass er eine Informationsquelle verlor oder eine diplomatische Krise auslöste, sondern dass dieser Mann starb. Aber Nate hatte nicht vor, das zuzulassen.

MARBLE schlenderte ohne Eile weiter. Bisher hatte es zwei Treffen gegeben. MARBLE war einer Reihe von CIA-Führungsoffizieren zugeteilt worden und hatte allen etwas beigebracht. Manche waren versiert gewesen. Bei einigen hatte MARBLE eine unausrottbare Dummheit vermutet. Und ein, zwei hatten eine beängstigende langueur gezeigt, ein potenziell tödliches Desinteresse an Professionalität. Nate war anders, interessant. Er hatte etwas, eine Schärfe, eine Konzentration, eine Aggressivität, wenn es darum ging, etwas richtig hinzubekommen. Ein wenig unerfahren – ein wenig verbissen, dachte MARBLE –, aber nur wenige besaßen diese Leidenschaft, und das gefiel MARBLE.

In MARBLEs Augen spiegelte sich Freude, als er den jungen Amerikaner erblickte. Nate war durchschnittlich groß und schlank, hatte glatte schwarze Haare, eine gerade Nase und braune Augen. Im Näherkommen sah er sich weiter um, blickte dem älteren MARBLE über die Schulter, eher aufmerksam als nervös.

»Good evening, Nathaniel.« Leichter britischer Akzent, seit dem Einsatz in London, abgeschliffen durch die Zeit in New York. Es war eine bloße Laune, ihn auf Englisch zu begrüßen, denn Nathaniel sprach fast fließend Russisch, aber er wollte seinem Führungsoffizier nahe sein. MARBLE war klein und untersetzt, hatte dunkelbraune Augen und eine kräftige Nase. Die buschigen weißen Augenbrauen passten zum dichten weißen Haarschopf und verliehen ihm das Aussehen eines eleganten Flaneurs.

Eigentlich sollten sie Decknamen verwenden, aber das war lächerlich. MARBLE hatte Zugang zum Fotoverzeichnis der ausländischen Diplomaten des SWR und wusste natürlich, wie Nate hieß. »Schön, Sie zu sehen. Geht es Ihnen gut?« MARBLE sah Nate forschend ins Gesicht. »Sind Sie müde? Wie viele Stunden sind Sie heute Abend schon im Einsatz?« Höfliche Fragen zwar, aber er wollte eine ehrliche Antwort. Nie nahm er etwas als selbstverständlich hin.

»Dobrij wetscher, djadja«, antwortete Nate. Inzwischen verwendete er das vertraute »Onkel«; teils war das übliche Spionagepraxis, um Hochachtung zu zeigen, aber es drückte auch echte Zuneigung aus. Er sah auf die Uhr. »Zwölf Stunden. Die Straße scheint verlassen.« Jargon, den beide verstanden. Außerdem wusste Nate, dass MARBLE wissen wollte, wie gründlich er seine Route abgegangen war.

MARBLE gab keine Antwort. Seite an Seite gingen sie in den Schatten, den die Bäume entlang des Bürgersteigs warfen. Die Luft war frostig, kein Windhauch regte sich. Ungefähr sieben Minuten hatten sie Zeit.

Nate überließ MARBLE weitgehend das Gespräch und hörte genau zu. Der ältere Mann sprach schnell, aber ohne Hast, es ging um Klatsch und Intrigen in MARBLEs Nachrichtendienst, wer oben, wer unten war. Die Zusammenfassung einer neuen Operation, einer erfolgreichen Anwerbung des SWR im Ausland. Die Details würden sich auf der CD befinden. Es war ebenso sehr ein Gespräch zwischen zwei Menschen wie eine Einsatzbesprechung. Der Klang ihrer Stimmen, der Blickkontakt, MARBLEs leises Lachen. Darum ging es.

Während sie gingen, widerstanden sie dem natürlichen Impuls, sich wie Vater und Sohn unterzuhaken. Es durfte zu keinem Körperkontakt kommen, eine schmerzliche Notwendigkeit, aus Angst vor der Kontaminierung mit metka, »Spionenstaub«. MARBLE persönlich hatte Bericht erstattet über das Geheimprogramm, mutmaßliche CIA-Offiziere in der US-Botschaft in Moskau zu bestäuben. Die chemische Verbindung Nitrophenylpentadienal, NPPD, war gelb, hefeartig, pudrig. Pockennarbige russische Techniker drückten die Gummiballons, dann wurde es auf Kleidung, Bodenmatten, Lenkräder verteilt. NPPD war so designt worden, dass es sich ähnlich wie klebrige Blütenpollen ausbreitete, von einem Handschlag zu einem Blatt Papier oder einem Jackettrevers. Auf unsichtbare Weise sollte der chemische Stoff alles markieren, was ein amerikanischer CIA-Mann berührte. Warst du also ein russischer Staatsbeamter, der unter Verdacht stand, und deine Hände, Kleidung oder Schreibunterlage fluoreszierten, weil sich NPPD darauf befand, dann warst du enttarnt. MARBLE hatte Langley in höchste Alarmbereitschaft versetzt, als er berichtete, verschiedene Chargen metka seien mit markierenden Elementen versehen, mit denen man zudem den amerikanischen Träger identifizieren konnte.

Während sie gingen und sich unterhielten, griff Nate in seine Hosentasche und zog einen versiegelten Plastikbeutel hervor. Ersatzakkus für MARBLEs Undercover-Kommunikationsausrüstung: drei stahlgraue Zigarettenpackungen, außergewöhnlich schwer. Um in der Zeit zwischen den persönlichen Treffen Kontakt zu halten, kommunizierten sie verschlüsselt. Aber der Ertrag dieser – tödlich riskanten – kurzen Treffen war ungleich größer. Denn bei ihnen übergab MARBLE enorme Mengen an Geheimdienstnachrichten auf CD oder Festplatte, darüber hinaus wurden Ausrüstung und Rubelvorräte aufgefüllt. Zudem boten sie die Gelegenheit, ein paar Worte zu wechseln, die Möglichkeit, die verschworene Partnerschaft zu erneuern.

Behutsam öffnete Nate den Plastikbeutel und hielt ihn MARBLE hin. MARBLE griff hinein und zog die Akkus hervor, die in einem sterilen Labor in Virginia verpackt worden waren. Dann ließ er zwei CDs in den Beutel fallen. »Es müssten sich schätzungsweise fünf Aktenmeter darauf befinden. Mit den besten Empfehlungen.«

Der alte Spion rechnete also noch immer in Aktenmetern, obwohl er digitale Geheimnisse stahl. »Vielen Dank. Haben Sie die Zusammenfassung beigefügt?« Die Computerexperten hatten Nate bekniet, MARBLE daran zu erinnern, eine Zusammenfassung beizufügen, damit sie wussten, was sie von den unbearbeiteten Berichten zuerst übersetzen und bearbeiten mussten.

»Ja, diesmal habe ich daran gedacht. Auf der zweiten CD habe ich außerdem ein neues Mitarbeiterverzeichnis beigefügt. Ein paar Änderungen, nichts allzu Aufregendes. Und Termine für meine geplanten Auslandsreisen im kommenden Jahr. Ich bin noch dabei, mir Gründe für nachrichtendienstliche Operationen auszudenken, die Details habe ich beigefügt.« Mit einem Nicken zeigte MARBLE auf den Beutel.

»Ich freue mich darauf, Sie außerhalb von Moskau zu treffen«, sagte Nate. »Den Ort können Sie bestimmen.« Ihre Zeit lief ab. Sie hatten bereits das Ende der Straße erreicht, waren umgekehrt und gingen jetzt langsam wieder zurück.

Nachdenklich sagte MARBLE: »Wissen Sie, ich habe über meine Karriere nachgedacht, über mein Verhältnis zu meinen amerikanischen Freunden, über das Leben, das vor mir liegt. Wahrscheinlich habe ich noch einige Jahre bis zur Pensionierung. Intrigen, das Alter, ein unvorstellbarer Fehler. Vielleicht drei oder vier Jahre, vielleicht zwei. Manchmal denke ich, es wäre schön, den Ruhestand in New York zu verbringen. Was halten Sie davon, Nathaniel?« Nate hielt inne und drehte sich halb zu ihm um. Was war das? Die Straßengeräusche schwanden. Steckte sein Informant in Schwierigkeiten? MARBLE hob die Hand, als wollte er sie Nate auf den Arm legen, hielt aber plötzlich inne. »Keine Sorge, bitte. Ich denke bloß laut.« Nate blickte MARBLE von der Seite an: Er wirkte zuversichtlich, gelassen. Für einen Agenten war es ganz natürlich, über die Pensionierung nachzudenken, vom Ende der Gefahr und des Doppellebens zu träumen, nicht mehr auf das Klopfen an der Tür zu lauschen. Am Ende macht das Agentenleben müde, und das führt zu Fehlern. Lag da Erschöpfung in MARBLEs Stimme? Morgen musste Nate in seinem Einsatzbericht präzise auf die Nuancen des Gesprächs eingehen. Steckte ein Agent in Schwierigkeiten, fiel das unweigerlich auf den Führungsoffizier zurück, Probleme, die er nicht brauchte.

»Läuft irgendetwas schief, gibt es ein Sicherheitsproblem?«, fragte Nate. »Sie wissen, Ihr Bankkonto wartet auf Sie. Sie können sich zur Ruhe setzen, wo immer Sie wollen. Wir unterstützen Sie auf jede erdenkliche Weise.«

»Nein, mir geht es gut. Wir haben noch Arbeit zu erledigen. Danach können wir uns ausruhen.«

»Es ist eine Ehre, mit Ihnen zusammenzuarbeiten«, sagte Nate – und meinte es auch so. »Ihr Beitrag ist kaum zu überschätzen.« MARBLE blickte auf den Gehsteig, während sie die nachtschwarze Straße entlanggingen. Ihr Treffen hatte jetzt bereits sechs Minuten gedauert. Es war Zeit, zu gehen.

»Benötigen Sie irgendetwas?«, fragte Nate. Er schloss die Augen und konzentrierte sich. Akkus überreicht, CDs erhalten, Zusammenfassung beigefügt, Terminplan für die Auslandsreisen. Es blieb nur noch eins zu tun: den Termin für das nächste Treffen in drei Monaten festzulegen. »Wollen wir uns in einem Vierteljahr wieder treffen? Das wird mitten im Winter sein, im Dezember. Am neuen Ort, EAGLE, nahe beim Fluss?«

»Ja, natürlich«, sagte MARBLE. »Orel. Die Bestätigung schicke ich Ihnen in einer Nachricht in der Woche davor.« Sie näherten sich jetzt wieder dem Ende der Straße, langsam gingen sie in Richtung der helleren Straßenlampen auf der Kreuzung. Ein Neonschild markierte den Eingang zu einer Metro-Station. Plötzlich erfasste Nate ein Gefühl der Angst.

Ein zerbeulter Lada fuhr langsam über die Kreuzung, zwei Männer auf den Vordersitzen. Nate und MARBLE drückten sich gegen die Mauer eines Gebäudes, vollkommen im Schatten. Auch MARBLE hatte das Auto gesehen. Ein weiterer Wagen, ein neuerer Opel, fuhr in der Gegenrichtung über die Kreuzung. Die beiden Männer im Opel blickten in die andere Richtung. Als Nate nach hinten schaute, sah er einen dritten Wagen, der langsam um die Ecke bog. Er fuhr lediglich mit Standlicht.

»Das ist eine routinemäßige Suchaktion«, zischte MARBLE. »Sie haben doch nicht ein Fahrzeug in der Nähe geparkt, oder?«

Nate schüttelte den Kopf. Nein, nein, verdammt noch mal. Sein Herz klopfte laut. Die Sache würde knapp werden. Für einen Moment sah er MARBLE an, dann gingen sie einträchtig weiter. Nate vergaß den »Spionenstaub«, vergaß alles andere und half MARBLE, seinen dunklen Mantel auszuziehen und zu wenden. So wurde daraus ein heller, ganz anders geschnittener Mantel, fleckig und ausgefranst an den Ärmeln und am Saum. Nate half MARBLE beim Anlegen des Mantels. Dann griff er in eine Innentasche, zog eine mottenzerfressene Pelzmütze – Teil seiner eigenen Tarnung – hervor und setzte sie MARBLE auf den Kopf. Aus einer Vordertasche des Mantels zog MARBLE eine Brille mit dickem Gestell, dessen einer Steg mit weißem Klebeband umwickelt war, und setzte sie auf. Nate griff in die andere Tasche und holte einen kurzen Stab heraus, den er leicht nach unten schlug. Ein elastisches Band im Innern des Stabs ließ die drei Teile ineinanderschnappen, sodass ein Gehstock daraus wurde, den er MARBLE in die Hand drückte.

Der Moskauer mittleren Alters war verschwunden, ersetzt in acht Sekunden durch einen klapprigen Rentner, der einen billigen Mantel trug und am Stock ging. Sanft stieß Nate MARBLE Richtung Kreuzung und Metro-Station. Das verstieß zwar gegen alle Regeln, denn es war gefährlich, die Metro zu benutzen, sich in diese unterirdische Falle locken zu lassen, aber wenn MARBLE ungesehen verschwinden konnte, war es das Risiko wert. Seine Verkleidung müsste ausreichen, um die zahlreichen Überwachungskameras auf den Bahnsteigen zu überlisten.

»Ich locke die von hier weg«, sagte Nate, während MARBLE sich vorbeugte und sich anschickte, über die Kreuzung zu schlurfen. Der alte Spion schaute ihn kurz an, ernst, aber ruhig. Der Mann ist eine Legende, dachte Nate. Wichtig aber war nur, die Überwachungswagen abzulenken und die Aufmerksamkeit der Insassen auf sich zu ziehen, fort von MARBLE. Allerdings durfte er auf keinen Fall festgenommen werden. Sollte man MARBLEs CDs in seiner Tasche finden, so würde das ebenso sicher MARBLEs Tod bedeuten, wie wenn die Überwachungsteams den alten Mann verhafteten.

Nicht, wenn er das Sagen hatte. In seinem Kopf und seinem Hals setzte ein eisiges Brennen ein. Er schlug den Mantelkragen hoch und überquerte rasch die Straße vor dem Überwachungswagen, der einen halben Häuserblock entfernt langsam in seine Richtung fuhr. Das mussten die Schlägertypen vom Inlandsgeheimdienst FSB sein. Ihr Terrain.

Der 1200-Kubikzentimeter-Motor des Ladas heulte auf, und da sahen sie ihn, im Licht der aufgeblendeten Scheinwerfer, das von der weiß glitzernden Straße reflektiert wurde. Nate lief bis zum nächsten Häuserblock und versteckte sich in einem Kellereingang, der nach Urin und Wodka stank. Hinter sich hörte er das Quietschen von Autoreifen. Warte, warte, jetzt. Er spurtete durch Gassen, schlich über eine Fußgängerüberführung, rannte die Treppen hinunter zum Fluss. Nutze Straßenabsperrungen, überquere Eisenbahngleise, ändere die Richtung, sobald du außer Sicht bist, führ sie in die Irre, durchbrich ihre Postenkette. Zeitcheck: fast zwei Stunden.

Er zitterte vor Erschöpfung. Er rannte, dann ging er, dann hockte er sich hinter geparkte Autos. Ringsumher hörte er Motorengeräusche. Die Verfolger versammelten sich, schwärmten aus, versammelten sich wieder; sie wollten so nahe herankommen, dass sie sein Gesicht sehen, so nahe, dass sie ihn mit dem Kopf nach unten auf die Straße werfen und in seine Taschen greifen konnten. Er vernahm das Rauschen ihrer Funkgeräte, hörte, wie sie hineinschrien, immer verzweifelter.

Sein erster Ausbilder im Fach Überwachung hatte gesagt: Sie müssen ein Gefühl für die Straße bekommen, Mr Nash, wobei es keine Rolle spielt, ob es sich um die Wisconsin Avenue oder die Twerskaja handelt. Und jetzt hatte Nate ein beschissenes Gefühl. Es waren ziemlich viele Verfolger, auch wenn sie nicht genau wussten, wo er sich befand. Autoreifen quietschten auf dem nassen Kopfsteinpflaster, seine Verfolger rasten hin und her. Wobei die gute Nachricht lautete, dass sie noch nicht so nahe dran waren, dass sie noch mehr Kräfte zusammenzogen, und die schlechte, dass die Zeit für sie arbeitete. Doch zum Glück waren sie hinter ihm her, was bedeutete, dass sie sich nicht auf MARBLE konzentriert hatten. Nate betete, dass sie den alten Mann verpasst hatten, als er in die Metro-Station humpelte, und dass die Überwachungsaktion nicht von Anfang an ihm gegolten hatte, denn das hätte bedeutet, dass jetzt ein zweites Team MARBLE auf den Fersen war. Aber sie würden seinen Agenten, seinen Agenten, nicht kriegen, und auch nicht das Paket mit MARBLEs CDs, das, explosiv wie Nitroglyzerin, in seiner Tasche steckte. Das Quietschen der Reifen verhallte, dann völlige Stille auf den Straßen.

Zeitcheck: etwas über zwei Stunden. Die Beine und der Rücken taten ihm weh, und sein Gesichtsfeld verschwamm an den Rändern. Er ging eine schmale Gasse entlang, wobei er sich im Schatten der Mauern hielt und hoffte, dass sie aufgegeben hatten. Er stellte sich vor, wie ihre zerbeulten Autos wieder in der Garage standen, das heiße Blech knisternd, Schneematsch von der Karosserie tropfend, während der Teamführer seine Leute im Bereitschaftsraum anschrie. Seit einigen Minuten hatte Nate keinen Wagen mehr gesehen, weshalb er glaubte, das Suchgebiet verlassen zu haben und entkommen zu sein. Es schneite wieder.

Direkt vor ihm kam ein Fahrzeug quietschend zum Stehen, wendete und bog in die Gasse. Die Scheinwerfer leuchteten auf den Schnee. Um keine deutliche Silhouette zu bieten, drehte Nate sich zu der Mauer um – aber sie mussten ihn gesehen haben. Die Scheinwerfer strichen über ihn hinweg. Der Wagen beschleunigte und fuhr direkt auf Nate zu. Fasziniert und ungläubig verfolgte er, wie der Wagen immer weiter auf ihn zusteuerte. Die Beifahrertür befand sich eine Handbreit von der Mauer entfernt, die beiden nervösen Insassen blickten nach vorn, die Scheibenwischer liefen auf vollen Touren. Diese FSB-Typen, sahen die ihn nicht? Dann wurde ihm klar, dass sie ihn durchaus sahen, aber sie wollten ihn plattmachen, an der Mauer zerquetschen. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass Überwachungsteams, die einen ausländischen Diplomaten beschatten, einer Zielperson niemals, niemals Gewalt antun, hatte sein Ausbilder gesagt. Aber was zum Henker machten die Kerle da? Er schaute nach hinten und sah, dass der Eingang zur Gasse zu weit entfernt war.

Bekommen Sie ein Gefühl für die Straße, Mr Nash. Oder, wie jetzt, für die gusseiserne Regenrinne des Gebäudes … sie befand sich knapp einen halben Meter entfernt, die rostigen Metallbügel waren ins Mauerwerk gebohrt. Während der Wagen sich mit hoher Geschwindigkeit näherte, sprang Nate hoch und packte die Regenrinne, wobei er die Metallbefestigungen nutzte, um höherzuklettern. Gleichzeitig prallte der Wagen gegen die Mauer, sodass die Regenrinne brach. Das Wagendach befand sich unmittelbar unter Nates angewinkelten Beinen. Unter lauten Knirschgeräuschen kratzte der Wagen die Mauer entlang und kam zum Stehen. Die hatten den Motor abgewürgt; Nate verlor den Halt und stürzte aufs Wagendach, dann aufs Pflaster. Die Fahrertür öffnete sich, ein großer, stämmiger Mann mit Pelzmütze stieg aus – aber niemals, niemals taten sie einer Zielperson Gewalt an … Mit der Schulter stieß Nate die Tür zurück, gegen Kopf und Hals des Schlägertypen, hörte einen Schrei, sah ein schmerzverzerrtes Gesicht. Noch zweimal, kurz hintereinander, hieb Nate die Tür gegen den Kopf des Mannes, dann sackte der Mann zurück in den Wagen. Wegen der Mauer ließ die Beifahrertür sich nicht weit genug öffnen, und da sah Nate, wie der andere Schläger über den Vordersitz klettern wollte, um zur hinteren Tür zu gelangen. Höchste Zeit, zu verschwinden. Nate spurtete die Gasse hinunter ins Dunkle und verschwand um die Ecke.

Drei Haustüren weiter sah er eine schmuddelige Suppenküche, sie hatte noch zu dieser späten Stunde geöffnet, ihr Licht fiel auf den verschneiten Gehsteig. Nate hörte, wie der Wagen in der Gasse mit aufheulendem Motor zurücksetzte. Schnell betrat er das winzige, leere Restaurant und schloss die Tür. Ein einzelner Raum, am einen Ende ein Servicetresen, dazu ein paar abgewetzte Tische und Bänke, eine fleckige Tapete und schmutzige Spitzengardinen vor den Fenstern. Hinter dem Tresen saß eine alte Frau mit nur noch zwei Zähnen im Mund. Sie hörte sich eine Sendung im krächzenden Radio an und las dabei Zeitung. Hinter ihr köchelte auf zwei Elektroherdplatten eine Suppe. Das Aroma gekochter Zwiebeln erfüllte den Raum.

Nate bemühte sich, das Zittern seiner Hände zu unterdrücken, ging zum Tresen und bestellte auf Russisch einen Teller Rote-Bete-Suppe. Die Frau blickte ihn erstaunt an. Er setzte sich mit dem Rücken zum Fenster mit der Gardine und lauschte. Ein Auto raste vorbei, dann noch eines, dann nichts. Im Radio erzählte ein Komiker einen Witz:

Chruschtschow besucht eine Schweinefarm und wird dort fotografiert. Im Redaktionsbüro der Dorfzeitungfindet eine hitzige Diskussion über die Bildunterschrift statt. »Genosse Chruschtschow unter Schweinen«? – »Genosse Chruschtschow und Schweine«? – »Schweine rings um Genosse Chruschtschow«? – Keine Bildunterschrift taugt etwas. Schließlich trifft der Chefredakteur eine Entscheidung: »Dritter von links – Genosse Chruschtschow.« Die alte Dame hinterm Tresen lachte.

Seit über zwölf Stunden hatte Nate weder etwas gegessen noch getrunken, deshalb löffelte er die dicke Suppe hastig in sich hinein. Die alte Frau blickte ihn regungslos an, stand auf und ging um den Tresen herum zur Eingangstür. Nate beobachtete sie aus dem Augenwinkel. Als sie die Tür öffnete, spürte er die kalte Zugluft. Die alte Frau schaute hinaus auf die Straße, den Häuserblock hoch und runter, dann schlug sie die Tür zu. Sie kehrte zu ihrem Hocker hinter dem Tresen zurück und nahm ihre Zeitung zur Hand. Als Nate seine Suppe mit Brot aufgegessen hatte, ging er zum Tresen und zählte ein paar Kopeken ab. Die Alte sammelte die Münzen ein, wischte sie in eine Schublade und schaute Nate kurz an. »Die Luft ist rein. Gehen Sie mit Gott.« Nate wich ihrem Blick aus und ging.

Nach einer weiteren Stunde, schweißgebadet und zitternd vor Erschöpfung, taumelte Nate am Wachhäuschen der Militärpolizei vor dem Eingang zum Botschaftsgelände vorbei. Endlich waren MARBLEs CDs in Sicherheit. Es war zwar nicht die bewährte Methode, eine nächtliche Operation zu beenden, aber Nate hatte den Termin für die Abholung durch den Wagen der Station um Stunden verpasst. Sein Betreten des Botschaftsgeländes wurde vermerkt, und binnen einer halben Stunde wussten der FSB und unmittelbar danach der SWR, dass der junge Mr Nash aus der Wirtschaftsabteilung der US-Botschaft den Abend über größtenteils abgetaucht war. Wobei sie glaubten, die Gründe dafür zu kennen.

ROTE-BETE-SUPPE DER ALTEN FRAU

Butter in einem großen Topf schmelzen; gehackte Zwiebeln hinzufügen und so lange anbraten, bis sie glasig sind; drei geriebene Rote Beten und eine gehackte Tomate hineinrühren. Rinderbrühe, Essig, Zucker, Salz und Pfeffer hinzugeben. Die Suppe soll süß-sauer schmecken. Zum Kochen bringen, dann eine Stunde bei geringer Hitze köcheln lassen. Heiß, mit einem Klacks saurer Sahne und gehacktem Dill servieren.

2

Am nächsten Morgen herrschte am anderen Ende von Moskau in zwei getrennten Büros eine unangenehme Atmosphäre. In der Zentrale des SWR in Jassenewo las der Erste Stellvertretende Direktor Iwan (Wanja) Dimitrewitsch Egorow die Observationsberichte des FSB vom Vorabend. Fahles Sonnenlicht fiel durch die gewaltigen Panzerglasfenster mit Blick auf den dunklen Kiefernwald, der das Gebäude umgab. Vor seinem Schreibtisch stand Alexej Sjuganow, Egorows kleinwüchsiger Leiter der Abteilung Gegenspionage. Sjuganows enge Freunde, vielleicht auch nur seine Mutter, nannten den Giftzwerg »Aljoscha«, doch heute Morgen nannte ihn keiner so.

Wanja Egorow war fünfundsechzig Jahre alt, bekleidete den Rang eines Generalmajors und hatte ein hohes Dienstalter. Er hatte einen großen Kopf mit grauen Haarbüscheln, aber ansonsten war er kahl. Die weit auseinanderstehenden braunen Augen, die fleischigen Lippen, die breiten Schultern, der mächtige Bauch und die großen, muskulösen Hände verliehen ihm das Aussehen eines Gewichthebers. Er trug einen fabelhaft sitzenden dunklen Winteranzug von Augusto Caraceni, Mailand, dazu eine schlichte dunkle Krawatte. Die Schuhe, glänzend schwarz, stammten von Edward Green, London, und waren im Diplomatengepäck ins Land gekommen.

In den ersten Berufsjahren war Egorow ein durchschnittlicher KGB-Offizier gewesen. Mehrere langweilige Einsätze in Asien überzeugten ihn davon, dass das Leben an der Front ihm nicht zusagte. Kaum zurück in Moskau, zeigte er herausragende Leistungen auf dem konfliktreichen Gebiet der Organisation. Er meisterte eine ganze Reihe interner Aufgaben von hohem öffentlichen Interesse, erst in Planungsstäben, dann in der Verwaltung und schließlich auf dem neu geschaffenen Posten des Generalinspekteurs. 1991 spielte er eine aktive und prominente Rolle bei der Umformierung des KGB zum SWR, schlug sich beim fehlgeschlagenen KGB-Putsch Krjutschkows gegen Gorbatschow 1992 auf die richtige Seite und fiel 1999 dem phlegmatischen Ersten Stellvertretenden Ministerpräsidenten Wladimir Wladimirowitsch Putin auf, einem blonden Skorpion mit stechend blauen Augen. Im Folgejahr war Jelzin nicht mehr im Amt, Putin zog auf bemerkenswerte, unfassbare Weise in den Kreml ein, und Wanja Egorow wartete auf den Anruf, von dem er wusste, dass er kommen würde.

»Ich möchte, dass Sie sich um die Dinge kümmern«, hatte Putin ihm während eines aufregenden fünfminütigen Gesprächs in dem eleganten Büro im Kreml mitgeteilt, dessen prächtige Holztäfelungen sich auf unheimliche Weise in den Augen des neuen Präsidenten spiegelten. Sie beide wussten, was er meinte, und so kehrte Wanja nach Jassenewo zurück, erst als Dritter Stellvertretender Direktor, dann als Zweiter, bis zum vergangenen Jahr, als er in das Büro des Ersten Stellvertretenden Direktors umzog, das auf dem Flur direkt gegenüber den Räumen des Direktors lag.

Im Vorfeld der Wahlen im vergangenen März waren gewisse Ängste aufgekommen, und die gottverdammten Journalisten und Oppositionsparteien hatten so entfesselt die Stimmung angeheizt wie noch nie. Der SWR hatte sich um einige Dissidenten gekümmert, diskret in Wahllokalen operiert und über ausgewählte Parlamentarier der Opposition Bericht erstattet. Um Stimmen abzuschöpfen und die Wählerschaft zu spalten, wurde ein kooperativer Oligarch angewiesen, eine Splitterpartei zu gründen.

Dann hatte Wanja alles auf eine Karte gesetzt. Er hatte Putin persönlich vorgeschlagen, der Einmischung des Westens – vor allem der USA – die Schuld an den Demonstrationen im Vorfeld der Wahlen zu geben. Dem Kandidaten gefiel der Vorschlag, und er zuckte mit keiner Wimper, während er über die Rückkehr Russlands auf die Weltbühne nachsann. Und er hatte Wanja auf die Schulter geklopft. Vielleicht, weil ihre Karrieren einander so sehr ähnelten, vielleicht, weil sie beide als Geheimdienstoffiziere während ihrer kurzen Auslandsmissionen so wenig zustande gebracht hatten, vielleicht hatte ein Spion auch nur den anderen nashnik erkannt. Warum auch immer, Putin mochte ihn, und da wusste Wanja Egorow, dass er belohnt werden würde. Er war fast ganz oben angekommen. Und hatte die Zeit – und die Macht –, weiterhin aufzusteigen. Und genau das wollte er.

Doch der Arbeiter einer Schlangenfarm wird unweigerlich gebissen, es sei denn, er lässt große Umsicht walten. Der Kreml von heute, das bedeutete Anzüge und Krawatten, Pressesprecher, freundliche Gipfeltreffen. Doch jeder, der eine gewisse Zeit dabei war, wusste, dass sich seit Stalins Zeiten im Grunde nichts verändert hatte. Freundschaft? Loyalität? Unterstützung? Ein Fehltritt, ein operativer oder diplomatischer Fehler oder, am schlimmsten von allem, die Blamage des Präsidenten, das beschwor den burja, den Sturm, herauf, vor dem es kein Entrinnen gab. Wanja schüttelte den Kopf. Tschert wosmi. Scheiße. Diese Nash-Episode war genau das, was er nicht brauchte.

»Hätte die Überwachung schlechter laufen können?«, tobte Egorow, der im Allgemeinen vor seinen Untergebenen zu milder Theatralik neigte. »Es ist doch offensichtlich, dass sich dieses kleine Arschloch Nash gestern Abend mit einem Informanten getroffen hat. Wie konnte es da passieren, dass er mehr als zwölf Stunden vom Radar verschwand? Und was hatte die Überwachung überhaupt in dem Stadtteil zu schaffen?«

»Anscheinend hat das Team nach Tschetschenen gesucht, die Drogengeschäfte abwickeln. Aber man weiß ja nie, was der FSB heutzutage so treibt«, sagte Sjuganow. »Das Viertel da unten ist eine Drecksgegend.«

»Und dieser Autounfall in der Gasse? Was war da los?«

»Das ist nicht klar. Die behaupten, das Team habe geglaubt, einen Tschetschenen in die Enge getrieben zu haben, den es für bewaffnet hielt. Ich habe da meine Zweifel. Möglicherweise war das Team bei der Verfolgung übermotiviert.«

»Kolchosniki. Bauern hätten das besser hinbekommen. Ich sorge dafür, dass der Direktor die Angelegenheit am kommenden Montag gegenüber dem Präsidenten zur Sprache bringt. Wir können nicht zulassen, dass ausländischen Diplomaten auf unseren Straßen irgendetwas zustößt, und zwar auch dann nicht, wenn sie sich mit russischen Verrätern treffen«, sagte Egorow abfällig. »Wenn so etwas noch einmal passiert, fängt das FBI an, unsere Agenten in Georgetown auf offener Straße auszurauben.«

»Ich werde auch das weiterleiten, auf meiner Ebene, General. Die Überwachungsteams werden die Botschaft schon richtig verstehen, vor allem – wenn ich einen Vorschlag machen darf –, wenn man eine gewisse Zeit in der katorga organisieren könnte.«

Egorow schaute seinen Gegenspionagechef ausdruckslos an und sah, dass der das Wort für Gulag aus der Zarenzeit mit rotlippigem Genuss aussprach. Grundgütiger. Alexej Sjuganow war klein, ein dunkler Typ mit Bratpfannengesicht und großen Ohren. Die zeltstangenartigen Zähne und das ständige Grinsen vervollständigten den Lubjanka-Look. Aber egal: Sjuganow war gründlich, ein bösartiger und nützlicher Lakai.

»Wir können den FSB nicht kritisieren, aber ich sage Ihnen: Dieser Amerikaner ist jemand Wichtiges. Und diese Vollidioten haben ihn nur knapp verfehlt, da bin ich sicher.« Egorow knallte den Bericht auf den Schreibtisch. »Also, Sie können sich sicherlich denken, wie Ihre Aufgabe von jetzt an aussehen wird.« Er hielt inne. »Finden. Sie. Heraus. Wer. Es. Ist.« Egorow unterstrich jedes Wort, indem er mit dem dicken Mittelfinger auf den Schreibtisch klopfte. »Bringen Sie mir den Kopf dieses Verräters in einem Weidenkorb.«

»Ich werde mich umgehend um die Angelegenheit kümmern.« Sjuganow wusste sehr wohl, dass sie ohne weitere Informationen, ohne spezielle Hinweise vonseiten eines Maulwurfs innerhalb der CIA oder einen Zugriff auf der Straße lange darauf warten konnten. Aber bis es so weit war, konnte er ja pro forma ein paar Ermittlungen starten, eine Befragung durchführen.

Noch einmal blickte Egorow auf den Überwachungsbericht. Ein nutzloser Packen Papier. Die einzige gesicherte Tatsache war die Identifizierung dieses Nathaniel Nash am Tor der Botschaft. Keine Sichtung, keine Beschreibung von irgendjemandem sonst. Der Fahrer in einem der Überwachungswagen (ein Foto, das ihn mit einem Heftpflaster über dem linken Auge zeigte, war dem Bericht beigefügt, wie zur Rechtfertigung des Zwischenfalls in der Gasse) hatte Nash zweifelsfrei identifiziert, wie auch der Militärpolizist am Eingang zum Gelände der US-Botschaft.

Das kann gut oder schlecht ausgehen, dachte Egorow. Entweder entwickelte sich daraus ein sensationeller Spionagefall, dessen Lösung er sich auf die Fahne schreiben konnte, wohingegen die Amerikaner gedemütigt würden, oder ein peinliches Debakel, das dem Kreml und Egorows testosterongesteuertem Förderer missfiel, was zum jähen Ende von Egorows Karriere führen würde. Je nachdem, wie erzürnt der Präsident wäre, könnte es auch eine Pritsche neben diesem ruinierten Oligarchen Chodorkowski in der Strafkolonie Nummer 7 im karelischen Segescha bedeuten.

Nachdem er missmutig über die Chancen, aber auch die möglichen politischen Konsequenzen nachgedacht hatte, hatte sich Egorow am Vormittag die liternoje delo, die Akte, von Nate kommen lassen und darin gelesen: Jung, aktiv, diszipliniert, gutes Russisch. Zurückhaltend, was Frauen und Alkohol betrifft. Keine Drogen. Fleißig auf seinem Tarnposten in der Wirtschaftsabteilung der Botschaft. Effizient im Außeneinsatz, posaunt seine nachrichtendienstlichen Vorhaben nicht heraus. Egorow brummelte vor sich hin. Molokosos. Jungspund. Er sah zu seinem Gegenspionagechef hoch.

Sjuganow fuhr seine Antennen aus – und merkte, dass er mehr Enthusiasmus zeigen musste. Vizedirektor Egorow mochte kein Außenagent sein, aber er war eine gefürchtete Spezies im Zoo des SWR, ein Apparatschik mit politischem Ehrgeiz.

»Herr Vizedirektor, das Entscheidende, um den Dreckskerl zu finden, der unsere Geheimnisse verkauft, ist, sich auf diesen jungen Yankee-geroj, diesen Helden, zu konzentrieren. Setzen Sie drei Teams auf ihn an. Machen Sie ihm Feuer unterm Hintern. Rund um die Uhr. Fordern Sie den FSB auf – besser: bitten Sie ihn –, die Überwachungsmaßnahmen zu intensivieren, die sollen um ihn herumgeistern, dann stellen wir unsere Teams an den Rändern auf. Geben Sie ihm ein Gesicht – und enttarnen Sie ihn dann. Schauen Sie, ob er Treffpunkte wiederholt nutzt. In drei bis sechs Monaten wird es wieder zu einem Treffen kommen, das steht fest.«

Das mit dem Feuer unterm Hintern gefiel Egorow, den Ausdruck würde er später am Tag im Gespräch mit dem Direktor wiederholen.

»Also gut, legen Sie los, informieren Sie mich über Ihre Pläne, damit ich den Direktor über unsere Strategie unterrichten kann«, sagte Egorow und entließ den Chef der Gegenspionage mit knapper Handbewegung.

Den Direktor über unsere Strategie unterrichten, dachte Sjuganow nur, als er das Büro verließ.

Das Gelände der US-Botschaft in Moskau liegt nordöstlich von Jassenewo, im Stadtteil Presnenski nahe dem Kreml und einer großen Schleife der Moskwa. Später am selben Nachmittag kam es zu einer weiteren unangenehmen Unterredung, und zwar im Büro von Gordon Gondorf, dem Stationsleiter der CIA. So wie der russische Leiter der Abteilung für Gegenspionage stand auch Nate vor einem Schreibtisch. Nach den Ereignissen vom Vortag hatte Nate noch immer heftige Schmerzen im Knie.

Im Gegensatz zur fülligen Erscheinung Egorows wirkte Gondorf, der von kleiner Statur war und verkniffene Gesichtszüge hatte, wie ein ausgezehrter Windhund. Gondorf war nur einen Meter fünfundsechzig groß und hatte schütteres Haar, eng stehende Schweinsäuglein und kleine Füße. Was ihm an Größe fehlte, machte er durch reichlich Gehässigkeit wett. Er vertraute niemandem, wobei ihm entging, dass auch er niemandem Vertrauen einflößte. Gondorf (»Gondepp« hinter seinem Rücken) war der Bewohner einer heimlichen Hölle, die nur einem bestimmten Typus von leitendem Nachrichtenoffizier bekannt ist: Er war seiner Sache nicht gewachsen.

»Ich habe Ihren Bericht über Ihre Operation gestern Abend gelesen«, sagte Gondorf. »Auf Grundlage dessen, was Sie geschrieben haben, nehme ich an, dass Sie das Ergebnis für zufriedenstellend halten.« Gondorfs Stimme klang ausdruckslos. Er hatte langsam, zögernd gesprochen. Nate rutschte das Herz in die Hose. Es drohte eine Konfrontation. Steh deinen Mann.

»Wenn Sie damit fragen wollen, ob ich glaube, dass der Agent sich in Sicherheit befindet, dann lautet meine Antwort: ja.« Zwar ahnte er, worauf Gondorf hinauswollte, überließ es aber ihm, es auszusprechen.

»Sie haben es fast hinbekommen, dass der ergiebigste und wichtigste Informant unseres Dienstes gestern Abend verhaftet worden wäre. Um Himmels willen, die Überwachung hat Ihr Treffen auffliegen lassen!«

Nate unterdrückte seine aufsteigende Wut. »Ich habe gestern eine zwölfstündige Überwachungserkennung durchgeführt. Und zwar exakt auf der Route, die Sie abgesegnet hatten. Ich habe die Lage geprüft. Ich wurde nicht beschattet, als ich am Treffpunkt eintraf. Das Gleiche gilt für MARBLE.«

»Wie erklären Sie sich dann die Überwachung? Sie glauben doch wohl nicht, dass es sich um eine zufällige Suchaktion in der Gegend handelte? Sagen Sie mir, dass Sie das nicht denken.« Gondorfs Stimme troff vor Sarkasmus.

»Exakt darum handelte es sich: um eine zufällige Suchaktion. Es ist ausgeschlossen, dass die nach mir gesucht haben. Dieser Scheiß, der da in der Gasse passiert ist, beweist, dass sie mich auf keinen Fall von Anfang an verfolgt haben. Die haben mich zufällig entdeckt – und reagiert. Dabei haben sie sich nicht einmal bemüht, diskret vorzugehen. MARBLE ist unentdeckt davongekommen.« Nate registrierte, dass Gondorf sich für den Versuch, ihn an der Mauer zu zerquetschen, nicht im Geringsten interessierte. Ein anderer Stationschef hätte sich ins Büro des Botschafters begeben, Krach geschlagen und verlangt, dass die Botschaft Protest einlegte.

Gondorf wechselte seine Taktik. »Unsinn. Die ganze Geschichte ist ein Desaster. Wie konnten Sie ihn nur anweisen, in die Metro-Station runterzugehen? Das ist doch eine Mausefalle. Außerdem haben Sie gegen die Regeln verstoßen, als Sie ihm halfen, seinen Mantel umzukrempeln. So was soll er selbst machen. Das wissen Sie doch! Was ist, wenn er Spionenstaub auf dem Mantel hatte?«

»Ich habe die Entscheidung getroffen. Ich hielt es für vorrangig, dass er sein Aussehen verändert und aus der Gegend rauskommt. MARBLE ist ein Profi, er weiß, wie er den Mantel und den Gehstock loswird. Wir können ihm eine Nachricht schicken. Beim nächsten Mal überprüfe ich ihn.« Nate empfand es als Qual, auf diese Weise zu streiten, vor allem mit einem Stationsleiter, der sich auf der Straße nicht auskannte.

»Es wird kein nächstes Mal geben. Jedenfalls nicht mit Ihnen. Sie sind jetzt zu heiß. Die haben Sie gestern Abend ein Dutzend Mal identifiziert, Ihre Tarnung als Angehöriger der Wirtschaftsabteilung ist aufgeflogen, und von nun an wird die halbe Spionageabwehr in Moskau hinter Ihnen her sein.« Gondorf genoss den Moment sichtlich.

»Die haben immer von meinem Posten gewusst. Meine Tarnung ist zu keiner Zeit aufgeflogen, und das wissen Sie auch. Ich kann mich also nach wie vor mit Agenten treffen.« Nate lehnte sich gegen einen Stuhl. Gondorfs Schreibtisch zierte eine Handgranatenattrappe mit einem hölzernen Sockel. Auf der Plakette darauf stand: BESCHWERDEABTEILUNG. FÜRSCHNELLERENSERVICEBITTESTIFTZIEHEN.

»Nein, ich glaube nicht, dass Sie sich noch mit Agenten treffen können. Sie ziehen den Ärger ab jetzt geradezu an«, sagte Gondorf.

»Wenn die so viele Leute auf mich ansetzen, können wir sie zugrunde richten«, argumentierte Nate. »Wenn ich im kommenden halben Jahr in der ganzen Stadt herumfahre, kann ich ihre Kräfte binden. Und je besser meine Tarnung ist, desto leichter können wir sie manipulieren.« Steh deinen Mann.

Gondorf war nicht beeindruckt und nicht überzeugt. Dieser junge Agent stellte für ihn persönlich ein zu großes Risiko dar. Für das kommende Jahr, wenn er nach Washington zurückkehrte, hatte Gondorf einen der hohen Posten im Hauptquartier ins Auge gefasst. Es lohnte das Risiko einfach nicht. »Nash, ich werde die Empfehlung aussprechen, dass Ihr Einsatz in Moskau verkürzt wird. Sie sind zu heiß, außerdem wird die Gegenseite nach einem Weg suchen, wie sie Sie aus dem Verkehr ziehen, Ihre Informanten schnappen kann.« Er sah auf. »Keine Angst, ich sorge schon dafür, dass Sie eine gute neue Stelle bekommen.«

Nate war schockiert. Sogar ein Agent auf seinem ersten Posten wusste, dass eine vorzeitige, vom Stationsleiter vorgeschlagene Versetzung – aus welchen Gründen auch immer – eine Karriere von der Spur abbringen konnte. Außerdem war er sicher, dass Gondorf hintenherum erzählen würde, er, Nate, habe die Sache vergeigt. Seine inoffizielle Reputation, seine »Flur-Akte«, würde Schaden nehmen, die Chancen auf Beförderungen und künftige Einsätze wären geringer. Das alte Gefühl, in schwarzem Treibsand zu stehen, kehrte zurück.

Nate kannte die Wahrheit: Gestern Abend hatte er durch schnelles und richtiges Handeln MARBLE gerettet. Er sah hinab in Gondorfs ungerührte Miene. Ihnen beiden war klar, was gerade geschah und warum. Deshalb ergab es Sinn, fand Nate, das Gespräch mit einem Knalleffekt zu beenden. »Gondorf, Sie sind eine feige Memme, die Angst vor der Straße hat. Sie behandeln mich unfair, um sich vor der eigenen Verantwortung zu drücken. Es war mir eine Lehre, in Ihrer Station gedient zu haben.«

Beim Verlassen des Büros stellte Nate fest, dass es wirklich leicht war zu erkennen, mit wem er es hier zu tun hatte: Sein Chef hatte ihm nicht mal eine Standpauke gehalten.

Aus der Station hinausgeworfen vor Beendigung des Einsatzes. Das war zwar nicht so schlimm, wie einen Agenten aufgrund eines Mordes durch die Gegenseite zu verlieren, wie staatliche Gelder zu veruntreuen und Berichte zu fälschen, aber trotzdem ein Desaster. Wie sich das auf künftige Anstellungen und Beförderungen auswirken würde, konnte Nate noch nicht sagen; aber die Nachricht würde sich herumsprechen, und zwar unmittelbar nachdem Gondorfs Nachricht im Hauptquartier eingetroffen war. Einige seiner Kommilitonen aus der Ausbildung bekleideten bereits ihren zweiten Auslandsposten und verdienten sich ihre Sporen. Es kursierte das Gerücht, dass einem von ihnen bereits die Stelle als Chef einer kleinen Station angeboten worden war. Durch die zusätzlichen Monate der Schulung für den Einsatz in Moskau war Nate ins Hintertreffen geraten, und jetzt das …

Noch während er sich ermahnte, sich nicht darauf zu versteifen, ärgerte sich Nate. Ihm war stets gesagt worden, dass er mithalten müsse, nicht zurückfallen dürfe, es absolut notwendig sei, Erfolg zu haben. Er war im vornehmen Südstaatenäquivalent eines Wrestler-Käfigs aufgewachsen, wo Generationen von Nashs in der klassizistischen Familienvilla am Hang des Südufers des James groß geworden waren. Nates Großvater und danach sein Vater, Gründer beziehungsweise Seniorpartner von »Nash, Waryng und Royall« in Richmond, hatten in ihren von Grün beschatteten Arbeitszimmern gesessen, hörbar die Luft zwischen den Zähnen eingesogen und die Manschetten unter ihren Jackettärmeln hervorgezogen. Sie hatten zustimmend genickt, als Nates Brüder, der eine mit abenteuerlichen Julius-Caesar-Locken, der andere schwitzend und mit über die Glatze gekämmtem Resthaar, in ihren Anzügen auf dem Teppich rangen, so gerade eben ausreichend Jurakenntnisse erwarben und vollbusige Schönheiten heirateten, die verstummten, sobald ihre Männer das Zimmer betraten, wobei sie mit treuherzigem Augenaufschlag Anerkennung heischten.

Aber was soll denn nun aus unserem kleinen Nate werden?, hatten alle einander gefragt. Nachdem Nate das Studium der russischen Literatur an der Johns Hopkins University absolviert hatte, suchte er Zuflucht in der spirituellen, asketischen Welt von Gogol, Tschechow, Turgenjew, einer Sphäre, die dem mit Backsteinen gepflasterten Richmond verwehrt war. Seine Brüder johlten, und sein Vater hielt es für Zeitverschwendung. Von Nate wurde erwartet, dass er Jura studierte – man hielt ihm in Richmond eine Stelle frei – und anschließend als Juniorpartner in die Kanzlei eintrat. Der Abschluss in Russisch im weit entfernten Middlebury führte deshalb zu Schwierigkeiten und die anschließende Bewerbung bei der CIA zu einer Familienkrise.

»Ich glaube, du wirst das Leben eines Staatsbediensteten nicht als besonders erfüllend empfinden«, hatte sein Vater gesagt. »Und ehrlich gesagt kann ich mir auch nicht vorstellen, dass du in dieser Bürokratie glücklich wirst.« Nates Vater hatte ehemalige Direktoren gekannt. Die Brüder waren da weniger zurückhaltend mit ihrer Kritik. Während eines besonders turbulenten Dinners gründeten sie eine familiäre Wettgemeinschaft, um vorherzusagen, wie lange Nate es bei der CIA aushalten würde. Höchstens drei Jahre, lautete der Tipp.

Nates Bewerbung bei der Central Intelligence Agency hatte weder etwas damit zu tun, dass er den Hosenträgern und Manschettenknöpfen entkommen wollte, noch mit dem bedrückenden Absolutheitsanspruch von Richmond oder der Unvermeidlichkeit der Villa mit Blick auf den Fluss. Sie hatte, streng genommen, auch nichts mit Patriotismus zu tun, auch wenn Nate so heimatverbunden war wie alle. Sondern mit diesem Engegefühl in seiner Brust, das ihn im Alter von zehn Jahren zwang, auf dem Gesims der Villa hoch oben im dritten Stock entlangzuspazieren, auf gleicher Höhe mit den Habichten über dem Fluss, um seine Furcht zu überwinden, sich seinen Versagensängsten zu stellen. Hier war er frei von den ständigen Spannungen zwischen ihm und seinem Vater und seinem Großvater und seinen überangepassten Brüdern, die lauthals Regelbefolgung von ihm verlangten, obwohl sie selbst keine praktizierten.

Dieses Engegefühl in der Brust verspürte er auch während der Bewerbungsgespräche bei der CIA – und dazu noch lautes Herzklopfen, als er keck behauptete, wie gut es ihm gefallen würde, mit Menschen zu reden und sich neuen Herausforderungen und unklaren Situationen zu stellen. Doch als das Herzklopfen nachließ und seine Stimme fester wurde, kam Nate die ziemlich erstaunliche Erleuchtung, dass er wirklich gelassen sein und Dinge bewältigen konnte, auf die er keinen Einfluss hatte. Die Arbeit für die CIA war das, was er brauchte.

Richtig mulmig wurde ihm allerdings zumute, als ihm ein CIA-Anwerber eröffnete, es sei unwahrscheinlich, dass seine Bewerbung Erfolg haben würde, und zwar hauptsächlich deshalb, weil er nach seinem Studium noch keine »Lebenserfahrung« gesammelt habe. Ein anderer, optimistischer als der vorangegangene, teilte ihm während eines Bewerbungsgesprächs vertraulich mit, er sei wegen seiner ausgezeichneten Russischkenntnisse ein sehr aussichtsreicher Kandidat. Die CIA benötigte drei Monate für ihre Entscheidung, und in diesem Zeitraum revidierten seine Brüder lautstark die Familienwette und sagten das Datum seiner Rückkehr aus der CIA voraus. Nicht weniger lautstark reagierten sie, als der Brief eintraf. Nate war drin.

Dienstantritt, das Unterschreiben zahlloser Formulare, der Besuch von einem Dutzend Kursen, die Monate im Hauptquartier, in Kabuffs und Konferenzräumen mit desinteressierten Ausbildern und die ewig langen PowerPoint-Präsentationen. Dann schließlich die »Farm«. Die Asphaltstraßen, die mitten durch die sandigen Kiefernwälder führten, die mit Linoleumboden ausgelegten Zimmer im Wohnheim und die heruntergekommenen Gemeinschaftsräume, die Unterrichtsräume mit ihren grauen Teppichböden und den nummerierten Stühlen, auf denen die Helden des Vorjahrs gesessen hatten, die Helden von vor vierzig Jahren, gesichtslose Rekruten oder große Spione; manche, die auf Abwege geraten waren, Verräter, und wieder andere, die längst tot waren und nur noch in der Erinnerung derer lebten, die sie gekannt hatten.

Sie planten Geheimtreffen und gingen auf diplomatische Scheinempfänge, lernten bei lauten, rotgesichtigen Ausbildern, die Uniformen der sowjetischen Armee und Mao-Anzüge trugen. Sie marschierten, nass bis zu den Knien, durch die Kiefernwälder, spähten durch Nachtsichtgeräte und zählten die Schritte, bis sie zum ausgehöhlten Baumstumpf und zu dem mit Jute umwickelten Ziegelstein gelangten, worauf die Eulen im Baumgeäst sie beglückwünschten, weil sie das Geheimdepot gefunden hatten. Während vorgetäuschter Straßensperren wurden sie von als »Grenzwachen« verkleideten Ausbildern unsanft auf die warmen, tickenden Motorhauben ihrer Fahrzeuge gestoßen, man hielt ihnen Stapel von Papieren unter die Nase und verlangte nach Erklärungen. Sie hockten an einsamen Landstraßen in windschiefen Bauernhäusern, tranken Wodka und überredeten plappernde Rollenspieler, Verrat zu begehen. Hinter den Kiefern wurde der schieferschwarze Fluss von den Krallen der Fischadler gefurcht, die in der Abenddämmerung auf Jagd gingen.

Welcher Instinkt ermöglichte es Nate, bei den praktischen Übungen zu glänzen? Er wusste es nicht, doch er ließ die Ansprüche der Familie und Richmond hinter sich. Unter Überwachung, im Einsatz auf der Straße bewegte er sich mühelos und meisterte in cooler Manier Übungstreffen mit Agenten, die in Mäntel eingemummelt waren und lächerliche Hüte trugen. Sie sagten, er habe das Auge. Er fing an, es zu glauben, doch die Sticheleien seiner Brüder schwebten über ihm wie ein Schwarm angriffslustiger Krähen. Nates Albtraum war es, zu versagen, rausgeschmissen zu werden, wieder in Richmond zu landen. Bei der CIA wurde man ohne Vorwarnung von der Ausbildung ausgeschlossen.

»Wir erwarten von unseren Rekruten Integrität«, erklärte ein Ausbilder. »Wir schicken Leute nach Hause, sobald sie versuchen, sich Kartenmaterial für bevorstehende Aufgaben zu besorgen. Bloß, um ihre Zensuren aufzubessern«, sagte er laut. »Leute, wenn ihr mit dem Notizbuch des Ausbilders oder irgendeinem anderen geheimen Kursmaterial erwischt werdet, führt das zum sofortigen Ausschluss.« Was, um ganz ehrlich zu sein, dachte Nate, bedeutete: Versucht es doch mal.

Sie waren eine Gemeinschaft, jedoch Einzelkämpfer, die alle von ersten Einsätzen träumten, ersten Auslandsposten in Caracas, Neu-Delhi, Athen oder Tokio. Der sehnliche Wunsch nach Ansehen und danach, als Erster eine Stelle zu bekommen, gipfelte in jenen peinlichen Empfängen im Rekrutencenter, die die verschiedenen Abteilungen des Hauptquartiers gaben; bizarre Anwerbeveranstaltungen für angehende Spione.

Auf einer dieser Cocktailpartys am Ende der Ausbildung nahmen ihn zwei Mitarbeiter des Russlandhauses beiseite und teilten ihm mit, er sei für die Russland-Abteilung bereits vorausgewählt und angenommen worden, weshalb er sich nicht mehr anderswo zu bewerben brauche. Nate fragte freundlich nach, ob er seine Russischkenntnisse nicht dazu verwenden könne, um Russen im Nahen Osten oder in Afrika zu jagen, worauf sie ihn anlächelten und ihm antworteten, sie freuten sich auf sein Erscheinen im Hauptquartier Ende des Monats.

Er war angenommen, mit Probezeit. Er gehörte zur Elite.

Dann kamen die Vorlesungen über das moderne Russland. Es wurde die Erdgaspolitik Moskaus erörtert, die wie ein Damoklesschwert über Europa hing. Oder die chronische Neigung des Kremls, Schurkenstaaten im Namen der Gerechtigkeit zu finanzieren, was in Wirklichkeit jedoch dazu diente, Unheil zu stiften und, na ja, zu beweisen, dass Russland noch immer im Spiel war. Männer mit Vollbart hielten Vorträge über die Verheißungen des postsowjetischen Russlands, über Wahlen, Gesundheitsreformen und demografische Krisen. Über den großen Kummer, dass der Vorhang wieder zugezogen wurde, und über die eisig-blauen Augen dahinter, denen nichts entging. Die Rodina, das heilige Vaterland, die Heimat der schwarzen Erde und des endlosen Himmels, würde noch ein wenig warten müssen, solange die in Ketten gelegte Leiche namens Sowjetunion exhumiert, tropfend aus dem Sumpf gezogen, ihr Herz wieder zum Schlagen gebracht wurde und die alten Gefängnisse sich aufs Neue mit Menschen füllten, die die Dinge anders sahen.

Eine hartherzige Frau hielt eine Vorlesung über den Kalten Krieg, über die heimlichen Abrüstungsverhandlungen und die neuen russischen Überschallflugzeuge, die seitlich fliegen konnten und nach wie vor das Emblem des Roten Sterns trugen. Über die Wut Moskaus wegen der Errichtung eines westlichen Raketenabwehrsystems in Mitteleuropa – oh, wie die Russen den Verlust ihrer Satellitenstaaten übel nahmen! – und die Säbel, die in rostigen Scheiden kratzten, dieser bekannte Laut aus der Zeit Breschnews und Tschernenkos. Wobei der Sinn des Ganzen, wie sie sagten, der Zweck des Russlandhauses, darin bestehe, die Pläne und Absichten hinter dem eisig-blauen Blick und der faltenlosen, blonden Stirn zu erfahren. Heute seien das zwar anders gelagerte Geheimnisse, aber im Grunde doch die gleichen wie einst: Geheimnisse, die es zu stehlen galt.

Dann kam ein pensionierter Einsatzleiter – er sah aus wie ein Seidenstraßenhändler, nur mit grünen Augen und einem schiefen Mund – ins Russlandhaus, um eine Gastvorlesung zu halten.

»Energie, Bevölkerungsrückgang, natürliche Ressourcen, Vasallenstaaten. Das können Sie alles vergessen. Russland ist noch immer das einzige Land, das eine Interkontinentalrakete auf den Lafayette Square gegenüber vom Weißen Haus lenken kann. Das einzige Land, und es verfügt über Tausende von Atombomben«, sagte er mit tiefer, kehliger Stimme. Dann hielt er inne und rieb sich die Nase.

»Die Russen. Nur ihr Selbsthass ist größer als ihr Hass auf Ausländer. Und sie sind geborene Verschwörer. Oh, der Russki ist sich seiner Überlegenheit wohl bewusst, aber er ist auch unsicher. Er will respektiert, gefürchtet werden, so wie die alte Sowjetunion. Russen brauchen Anerkennung und hassen ihren zweitrangigen Status im Spiel der Supermächte. Und darum baut Putin die UdSSR 2.0 auf, und nichts kann ihn davon abhalten.

Der Junge, der am Tischtuch zieht und das Geschirr zertrümmert, um Aufmerksamkeit zu bekommen, das ist Russland. Die Russen wollen nicht ignoriert werden, und sie werden das Geschirr zerschlagen, um sicherzustellen, dass das nicht geschieht. Chemiewaffen nach Syrien verkaufen, Brennstäbe in den Iran liefern, Indonesien die Entwicklung von Zentrifugen beibringen, einen Leichtwasserreaktor in Burma bauen, oh ja, Leute, nichts ist unmöglich.

Aber die echte Gefahr ist die Instabilität, die durch all das entsteht und die die kommende Generation dazu antreibt, die Welt in den Untergang zu führen. Das wieder aufstrebende Russische Reich wird den zweiten Kalten Krieg anzetteln, und machen Sie sich nichts vor: Moskau wird dem Treiben der chinesischen Seestreitkräfte nicht untätig zusehen, wenn – nicht falls – in der Formosastraße die ersten Schüsse fallen.« Er streifte sich sein glänzendes blaues Sakko über.

»Diesmal wird die Sache nicht so leicht sein; Sie, Männer wie Frauen, werden die Probleme lösen müssen. Und darum beneide ich Sie.« Er hob die Hand, sagte: »Viel Glück auf der Jagd«, und verließ den Raum. Völlige Stille. Niemand rührte sich.

Nate befand sich nun in der viel gepriesenen Moskauer pipeline, er absolvierte ein kurzes Spezialtraining und eine Schulung in verschiedenen operativen Fächern. Als schließlich der Einsatz in Moskau näher rückte, büffelte er nachrichtendienstliches Vokabular auf Russisch, wobei man ihm erlaubte, einen Blick in die »Bücher« zu werfen, die Akten über die eigenen Agenten einzusehen, die Klarnamen zu lesen und sich die Passfotos der russischen Informanten anzuschauen, die er auf der Straße, unter den Augen der Überwachungsteams, treffen würde. Leben und Tod im Schnee, die Speerspitze, größer ging’s nicht. Seine Mitrekruten auf der »Farm« waren in alle Winde verstreut und größtenteils vergessen. Jetzt standen andere Menschenleben auf dem Spiel. Er durfte nicht – würde nicht – versagen.

Drei Tage nach seinem Gespräch mit Gondorf saß Nate in einem kleinen Restaurant im Moskauer Flughafen Scheremetjewo und wartete darauf, dass sein Flug aufgerufen wurde. Er warf einen Blick auf die schmierige Speisekarte und bestellte ein »sanwits Cubano« und ein Bier.

Die Botschaft hatte angeboten, ihm einen Mitarbeiter zu schicken, der ihm beim Einchecken und bei der Passkontrolle helfen sollte, was er aber höflich abgelehnt hatte. Am Vortag hatte Leavitt ein paar Bier hervorgeholt, und sie hatten sich am Ende des Arbeitstags in aller Ruhe unterhalten, wobei sie die offensichtlichen Themen vermieden und erst recht nicht erwähnten, was all die anderen Offiziere dachten: dass Nates Karriere im Allgemeinen und sein Ruf im Besonderen Schaden nehmen würden. Bei der Verabschiedung ging es dann recht verkrampft zu.

Der einzige Lichtblick war, dass das Hauptquartier zwei Tage zuvor, als Antwort auf den von Gondorf angeordneten Versetzungsbescheid, kommuniziert hatte, dass im benachbarten Helsinki plötzlich der Posten eines Führungsoffiziers frei geworden sei. In Anbetracht von Nates nahezu fließendem Russisch, der Vielzahl von Russen in Finnland, seiner Mobilität als unverheirateter Offizier und seiner unerwarteten Verfügbarkeit fragte das Hauptquartier an, ob Nate eine Folgeanstellung in Helsinki in Erwägung ziehen würde, Beginn: sofort. Nate nahm an, wobei Gondorf ob dieser Begnadigung zwar stutzte, aber mitspielte. Der offizielle Einstellungsbescheid durch das Helsinki-Büro traf ein, gefolgt von einem inoffiziellen Schreiben von Tom Forsyth, Nates künftigem Bürochef in Helsinki, in dem es schlicht hieß, er freue sich, Nate in der Station begrüßen zu dürfen.

Als sein Flug mit Finnair aufgerufen wurde, ging Nate zusammen mit den anderen Passagieren aufs Rollfeld Richtung Flugzeug. Hoch über ihm, aus einem verglasten Observationsraum im Kontrolltower des Flughafens, schoss ein Zwei-Mann-Team Fotos mit einem Teleobjektiv. Die Überwachungsleute des FSB waren Nate zum Flughafen gefolgt, um »Goodbye« zu sagen. Der FSB, der SWR und vor allem Wanja Egorow waren überzeugt, dass Nates plötzliche Abreise etwas Wichtiges zu bedeuten hatte. Während Nate die Treppe zum Flugzeug bestieg und die Kameras klickten, saß Egorow in Gedanken versunken in seinem Büro. Schade. Die beste Gelegenheit, den Mann zu finden, der für die CIA spionierte, war verstrichen. Es würde Monate, wenn nicht Jahre dauern, eine bessere Spur in diesem Fall zu finden, wenn überhaupt.

Nash ist noch immer der Schlüssel, dachte Egorow. Wahrscheinlich würde er nach wie vor in Kontakt zu seinen Informanten stehen, nur außerhalb Russlands. Egorow beschloss, Nate nicht aus den Augen zu lassen. Bearbeiten wir ihn ein bisschen in Helsinki, dachte er. In Finnland hatte der SWR quasi freie Hand, und was noch besser war: Sie hatten die Vorherrschaft im Ausland. Keine Stümper vom FSB mehr, mit denen man sich abstimmen musste. Wir werden sehen, dachte Wanja. Die Welt ist zu klein, um sich zu verstecken.

KUBANISCHES SANDWICH AM MOSKAUER FLUGHAFEN

Einen dreißig Zentimeter langen Laib kubanischen Brots der Länge nach halb aufschneiden und aufklappen. Auf die Außenseite Olivenöl träufeln, die Innenseite mit Senf bestreichen. Gekochten Schinken, gebratenes Schweinefleisch, Schweizer Käse und dünn geschnittene Mixed Pickles aufeinanderschichten. Zuklappen und zehn Minuten auf dem Rost oder zwischen zwei heißen, mit Alufolie umwickelten Ziegelsteinen (diese eine Stunde im Backofen bei 260 Grad erhitzen) grillen. Schräg in drei Teile schneiden.

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Dominika Egorowa saß etwas abseits auf einer Ecksitzbank, umgeben von der Kristall-und-Marmor-Opulenz des Baccara, des elegantesten der neuen Restaurants Moskaus, das nur ein paar Schritte entfernt vom Lubjanka-Platz lag. All die Kristallgläser und Silberbestecke auf dem strahlend weißen Tischtuch – so etwas hatte sie noch nie gesehen. Trotz des operativen Charakters des Abends amüsierte sie sich gut und war fest entschlossen, das sündhaft teure Abendessen zu genießen.

Ihr gegenüber saß Dimitri Ustinow, bester Stimmung und voll Vorfreude. Ustinow, großgewachsen, von kräftiger Statur, mit vollem schwarzen Haar und eingefallenen Wangen, war ein Führungsmitglied der Gangster-Bruderschaft der russischen Erdöl- und Bergbauoligarchen, die in den Boomjahren nach dem Kalten Krieg milliardenschwere Reiche gegründet hatten. Er hatte sich vom Straßenschläger im Dienst des organisierten Verbrechens zum Milliardär hochgearbeitet.

Bekleidet war Ustinow mit einem makellosen Schalkragen-Smoking über einem gerippten weißen Hemd mit Knöpfen und Manschetten aus blauen Brillanten. Am Handgelenk trug er eine Tourbillon-Armbanduhr von Corum, eine von zehn, die jedes Jahr produziert wurden. Seine bärentatzenartigen Hände lagen locker auf einem blauen emaillierten Fabergé-Zigarettenetui, das 1908 für den Zaren angefertigt worden war. Er entnahm dem Etui eine Zigarette, zündete sie mit einem Ligne Deux aus massivem Gold an und klappte es mit dem unverkennbaren Wohlklang aller Dupont-Feuerzeuge zu.

Ustinow war der drittreichste Mann Russlands, aber der Hellste war er nicht gerade. Er hatte sich öffentlich mit der Regierung bekriegt, vor allem mit dem Ministerpräsidenten Wladimir Putin, und sich geweigert, die Regulierung seiner Unternehmen durch die Regierung hinzunehmen. Drei Monate zuvor, auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung, hatte Ustinow in einer Moskauer Talkshow obszön abfällige Bemerkungen über Putin fallen lassen. Insider wunderten sich, dass Ustinow noch am Leben war.