Operation Spandau - Reginald Rosenfeldt - E-Book

Operation Spandau E-Book

Reginald Rosenfeldt

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Beschreibung

Berlin 1985. Den Westteil der Stadt begrenzt die unmenschliche Mauer und hinter den Kulissen der Tagespolitik agieren die Alliierten und ihre Geheimdienste. In diesem Chaos versucht der Journalist Michael Herold den Tod seines Kontaktmannes zur polnischen Schmugglerszene aufzudecken und stößt dabei auf den Raubzug des Jahrhunderts.

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Seitenzahl: 388

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Reginald Rosenfeldt

Operation Spandau

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

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29.

30.

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Impressum neobooks

1.

Michael Herold schloss seinen Wagen ab und betrachtete nachdenklich die Häuser auf der anderen Straßenseite. Wie es sich für die verschlafene Spandauer Altstadt gehörte, brannte hinter fast allen Fenstern kein Licht mehr und auch in den Geschäften hatte sich die Beleuchtung automatisch ausgeschaltet. Am nahen Rathausvorplatz zerschnitt für Sekunden das typische Geräusch eines anfahrenden BVG-Busses die Stille und Michael grinste ironisch. „Alles tote Hose“, dachte er, „absolut tote Hose“. Oder wie man es in den anderen Berliner Bezirken wesentlich treffender auszudrücken pflegte, in Spandau hatte der als Touristenattraktion eingesetzte Nachtwächter wieder einmal die Bürgersteige hochgeklappt.

Erheitert steckte Michael das Etui mit den Wagenschlüsseln in die Hosentasche und blickte auf seine Armbanduhr: 23:10 Uhr, nur noch eine Dreiviertelstunde bis Mitternacht. Das war ja genau der richtige Zeitpunkt für ein gemütliches Treffen mit Polen-Charly. Michael zog den Reißverschluss seines Blousons hoch, überquerte den Damm und betrat die Grünanlage am Stadtgraben. Hinter den Stämmen der wenigen Bäume erkannte er den Schatten des Kriegerdenkmals, und am Ende des kurzen Sandweges erhellte eine Laterne die zum Lindenufer hinüberführende Fußgängerbrücke.

Michael Herold schritt bis zur Mitte des leicht gewölbten Betonstegs, blieb stehen und musterte das Lindenufer. Die Promenade lag am westlichen Ufer der Havel und noch vor wenigen Monaten flanierten hier tagsüber die sonnenhungrigen Spaziergänger. Jetzt erinnerte an diese unbeschwerte Zeit höchstens noch das hölzerne Schild der „Stern und Kreis Schifffahrt" und Michael musste unwillkürlich an seinen geplanten Ausflug zum Wannsee denken. Wie in den letzten Jahren hatte er sich die Fahrt zum Saisonbeginn vorgenommen und sie dann solange verschoben, bis die Gesellschaft pünktlich zum Herbstanfang ihren Betrieb eingestellt hatte. An ihrer verwaisten Anlegestelle überwinterten nun die Dampfer eines Spandauer Reeders und Michael hörte bei ihrem Anblick wieder Charlys gebrochene Stimme im Telefonhörer krächzen.

„Treffen wir uns am besten auf der „Frohsinn“. Kannst du den Kahn gar nicht verfehlen, liegt er gleich vorn an der Brücke zum Stabholzgarten. Kommst Du einfach an Bord, hab ich das mit dem Kapitän abgesprochen. Trinken wir zuerst ein, zwei Schnäpschen und dann reden wir. Bitte Michael, gibt es große Neuigkeiten, wirst du begeistert sein!“

„Und wie, mein Freund, und wie“! Michael schüttelte den Kopf und versuchte möglichst nicht an Charlys letzte Tipps zu denken. Die zuerst so vielversprechend klingenden Informationen hatten sich nämlich in der Vergangenheit sehr schnell als völlig wertlose Gerüchte erwiesen, auf die höchstens noch das Feuilleton hereinfiel. Ja, Harald Seib und die von ihm betreute Klatschspalte, das waren genau die richtigen Abnehmer für Charlys Schauergeschichten.

Michael Herold verzog bei dem Gedanken an den Kollegen das Gesicht und betrat das Lindenufer. Mächtige Kastanien säumten die breite Promenade und jenseits eines niedrigen Metallgitters ankerte ein kleiner Dampfer. Michael überzeugte sich durch einen Blick auf den Namenszug am Bug, dass er wirklich vor der „Frohsinn“ stand und betrachtete dann das Schiff etwas genauer: Auf seinem Vorderdeck stapelten sich unter einer Plane winterfest vertäute Stühle und hinter den zugezogenen Gardinen des Bordrestaurants schimmerte Licht.

Michael nickte befriedigt und setzte seinen Fuß auf die zur „Frohsinn“ führende Planke. Vorsichtig balancierte er hinüber, rollte die Schiebetür zurück und bestieg das Schiff. Vor ihm lag ein quadratischer Raum, den nur das Licht ferner Straßenlaternen erhellte und Michael verharrte in seiner Mitte. Aufmerksam musterte er einen Moment die Treppe zum Oberdeck und registrierte dabei die unheimliche Stille auf dem Dampfer. Sollte Charly noch gar nicht an Bord sein? Zuzutrauen war es ihm, denn der alte Mann hasste jede Form von Reglement und dazu zählte er vor allem auch die deutsche Pünktlichkeit.

Michael nahm sich vor, nicht länger als eine Viertelstunde zu warten und ging zu der Tür neben dem leeren Andenkenstand. Ohne zu zögern drückte er die Klinke nieder, stieß die Tür mit der flachen Hand auf und blickte direkt in die misstrauischen Augen zweier ihm völlig unbekannter Männer. Die breitschultrigen Kerle blockierten mit locker hängenden Armen den Durchgang und Michael fluchte lautlos.

„Shit, Charly hatte nichts davon gesagt, dass seine dubiosen Geschäftspartner auch kommen wollten!“ Mit einem arroganten Lächeln überspielte Michael Herold seine Überraschung und musterte die schweigsamen Fremden. Aber ja, natürlich: Ausdruckslose Gesichter, akkurate Frisuren und locker geschnittene Wetterjacken; die Merkmale waren so eindeutig, dass sich Michael unmerklich wieder entspannte. Mit einer übertrieben vorsichtigen Bewegung hielt er seine rechte Hand in die Höhe und nickte den beiden aufmunternd zu.

„Ganz langsam, meine Herren! Ich ziehe jetzt nur meinen Presseausweis aus dem Blouson.“

„Lassen Sie gefälligst die Witze und kommen Sie zu mir rüber!“ Die polternde Stimme besaß einen erschreckend vertrauten Klang und Michael verzichtete auf eine Antwort. Immer noch lächelnd schob er sich an den Polizisten vorbei und schritt durch den im Halbdunkel liegenden Raum. An seinem Ende stand zwischen den beiden zum Heck führenden Türen ein weißlackierter Holztresen und hinter ihm wendete ein massiger Mann Michael den Rücken zu. Die Hände in die Taschen seiner hüftlangen Lederjacke gestopft, betrachtete er gelangweilt die drei Bilder über dem Flaschenregal und murmelte: „Armer Kerl, man könnte meinen das Heimweh hat ihn nach St. Pauli zurückgeführt.“

Der Mann klopfte mit dem rechten Zeigefinger gegen den rahmenlosen Glasträger. „Da denkt man unwillkürlich an die „Große Freiheit Nr. 7“ oder die verdammten weißen Tauben, und dann ist die Wirklichkeit so banal: Der blonde Hans filmte damals gerade im Kiez und nutzte die Drehpause einfach für ein werbeträchtiges Foto.“

„Bitte, Kowalski! Sie wollen doch nicht wirklich mit mir über Hans Albers plaudern.“ Herold ignorierte die an einer der Hamburger Landungsbrücken entstandene Aufnahme und blickte sich suchend um. „Also, was ist es diesmal? Lassen Sie mich raten, Ihre Kollegen vom Zoll haben Charly bei der illegalen Einfuhr zollfreier Waren erwischt."

„Gesellen Sie sich einfach zu mir!“

„Was immer Sie sagen, das ist Ihre Show.“ Herold übersah den strafenden Blick der blass grauen Augen und schlenderte zu dem Schanktisch. Äußerlich völlig unbeteiligt, umrundete er das mit einem Rettungsring dekorierte Möbelstück und dann traf ihn der Schock mit der Intensität eines unerwarteten Stromschlages.

„Mist!“ Michael starrte regungslos auf die weiße Markierung am Boden. Ohne jeden Zweifel stellte sie den Umriss eines liegenden Körpers dar und in der Höhe des Kopfes verschmierte ein roter Fleck die abgenutzten Planken.

„Charly?“

„Ja. Ihr alter Kumpan Polen-Charly.“ Mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck blickte Kriminalhauptkommissar Hans-Jürgen Kowalski auf den breiten Kreidestrich hinab. „Es muss sehr schnell gegangen sein. Der alte Mann hat den tödlichen Hieb bestimmt nicht mehr gespürt. Zack und vorbei war es mit der Hehlerei.“

„Sehr plastisch ausgedrückt, Kowalski. Das könnte fast eine Schlagzeile von mir sein.“

„Ach kommen Sie, die Leser Ihrer Zeitung sind doch noch ganz andere Schmierereien gewohnt.“

Michael Herold überhörte die offensichtliche Provokation und versuchte sich seine Betroffenheit nicht anmerken zu lassen. Mit ausdrucksloser Miene trat er hinter dem Tresen hervor, und sofort knurrte Kowalski gereizt. „Der gewaltsame Tod Ihres Geschäftsfreundes scheint Sie aber nicht besonders zu überraschen.“

„Mein Gott, sie wissen doch genauso gut wie ich, dass es irgendwann so enden musste. Das war doch nur eine Frage der Zeit.“

„Ach ja? Sprechen Sie sich nur ruhig aus.“

„Ich bitte Sie, Kowalski! Ihnen muss ich doch nicht erzählen, dass ich Charly mehrmals förmlich angefleht habe, endlich seine unbedachten Prahlereien zu unterlassen. Nach ein paar Gläsern Wodka stellte er selbst seine besten Freunde bloß und für die richtige Summe war er fast zu jeder Schweinerei fähig.“

„Ja klar, und die dreißig Silberlinge bezahlten Sie einfach aus der Portokasse.“ Kowalskis breites Gesicht verzog sich zu einer verächtlichen Grimasse und er deutete mit einer vagen Handbewegung in den Raum hinein. „Es wird Zeit, dass wir uns ernsthaft unterhalten!“

„Kein Problem.“ Michael Herold drehte sich um und musterte kurz das Bordrestaurant: Rechts und links vom Mittelgang standen fünf Tischreihen, die genau wie die dazugehörenden Bänke am Boden festgeschraubt waren. Michael schritt auf die nächste Bank zu, setzte sich und kramte ein Zippo aus dem Blouson. Aufreizend ruhig ließ er die Flamme über die Spitze einer Mentholzigarette züngeln und schnippte dann den Verschluss mit einem lauten Klicken wieder zu. „Also gut, was wollen Sie von mir hören?“

„Immer langsam mit den jungen Pferden.“ Kommissar Kowalski ließ sich an der anderen Seite des Tisches nieder und zog bedächtig einen abgegriffenen Plastikkalender aus seiner Lederjacke. Mit geschürzten Lippen durchblätterte er ihn bis zum letzten Drittel und streckte ihn dann Herold mit einem provozierenden Lächeln entgegen. „Beachten Sie bitte die Eintragung in der zweiten Zeile.“

Herold beugte sich vor und betrachtete flüchtig die seltsamen Abkürzungen neben Kowalskis Daumen: „3.10.-23.00 Uhr, MH!!! 1000 S!“ Das entsetzliche Gekrakel hatte einwandfrei der alte Mann niedergeschrieben.

„Dreiundzwanzig Uhr, heute Abend! Ja natürlich, Charly wollte sich um diese Zeit mit mir treffen.“

„Gut, gut, dann wäre zumindest das geklärt! Ansonsten meine Gratulation, Tausend was auch immer, das ist schon eine stolze Summe für eine Information.“

„Wenn Sie Schillinge akzeptieren, setze ich Sie auch auf meine Liste.“

„Sparen Sie sich Ihren merkwürdigen Humor lieber für die nächsten Artikel auf.“ Kowalski bedachte Herold mit der Karikatur eines herzlich wirkenden Grinsens, das schon so manchen weniger Hartgesottenen eingeschüchtert hatte. „Diese Verabredung, haben Sie irgendeine Ahnung, was Ihnen Charly diesmal verkaufen wollte?“

„Nicht definitiv. Er rief mich gestern Abend überraschend an und versprach mir wieder einmal das Blaue vom Himmel. Sehr blumenreich und pathetisch, ohne sich wirklich konkret zu äußern.“

„Sie vergeuden Ihre kostbare Zeit doch nicht mit dem sinnlosen Geschwafel eines alten Mannes?“

„Auch hohle Phrasen enthalten oftmals ein Körnchen Wahrheit.“ Michael Herold lehnte sich zurück und starrte durch die Scheibe neben seiner Schulter in die Nacht hinaus. Vom anderen Havelufer leuchteten ihm wie ferne Fixsterne die gelblichen Lichtpunkte zweier Fenster entgegen und über ihnen bewegte sich unruhig Kowalskis mattes Spiegelbild. Der Kommissar räusperte sich lautstark und Michael drehte sich wieder um.

„Ich recherchiere jetzt seit einem halben Jahr für eine Serie über den Transitschmuggel. Eine Heidenarbeit, die ohne Charlys recht profunde Insiderkenntnisse gar nicht möglich gewesen wäre.“ Herold lächelte Kowalski herausfordernd an. „Ich denke mal, meine Enthüllungen über die Stadtreinigung sind auch an Ihnen nicht ganz spurlos vorbeigegangen.“

„Ah ja, die leidige BSR-Affäre. Die knalligen Titelseiten waren nicht zu übersehen.“

„Die Reportage verhalf den Mannschaften von mindestens drei Müllwagen zu einer empfindlichen Geldstrafe und ließ außerdem die gesamte Chefetage ziemlich im Regen stehen!“ Michael Herold lachte leise auf. „Aus der heutigen Sicht kann ich die Frechheit der Müllmänner eigentlich nur bewundern. Die Kerle gehörten einem Trupp an, der die in der DDR gelegene Deponie belieferte. Seelenruhig schweißten sie an ihre Laster unauffällige Metallkästen und tarnten sie als zusätzliche Müllcontainer. Dann fuhren sie wie gehabt zur Deponie, übernahmen dort von einem Mittelsmann zollfreie amerikanische Zigaretten und schmuggelten sie auf der Rückfahrt völlig gefahrlos durch den Kontrollpunkt. Die Sache wäre wahrscheinlich nie aufgeflogen, wenn die Herren nicht einen polnischen Hehler eingeschaltet hätten. Der informierte natürlich Charly und schon tippte ich meinen ersten Bericht.“

„Braver Charly!“ Hans-Jürgen Kowalski ergriff den vor ihm liegenden Kalender und schlug noch einmal die Seite mit der letzten Eintragung auf. „Heute Abend, erwarteten Sie da eigentlich ähnlich hochbrisantes Material von Ihrem geschwätzigen Freund?“

„Bitte Kowalski! Sie sagen es doch selber: Charly war im Grunde genommen nichts anderes als ein unermüdlicher Geschichtenerzähler. In genau dieser geheimnisvollen Manier rief er mich auch gestern an und befahl mich einfach auf die „Frohsinn“. Natürlich ohne die geringste Andeutung über das anstehende Thema: Exakte Details sollte ich schließlich erst hier und jetzt erfahren.“

„Dazu ist es ja nun nicht mehr gekommen.“

„Seien Sie doch nicht so verdammt zynisch! Vielleicht ging es Charly ja auch nur um ein Gespräch. Einen kleinen Plausch unter Freunden bei einer Flasche Wodka.“

„Mir kommen gleich die Tränen.“ Gereizt fuhr sich Kowalski mit der flachen Hand durch sein schütteres rötliches Haar. „Ehe ich jetzt noch etwas sage, was uns beiden nicht gefällt, kommen wir lieber zum Thema zurück. Also Charly merkte Sie exakt für 23:00 Uhr vor; das war genau zwei Stunden nach seinem Treffen mit dem Spree-Heinz.“

„Davon weiß ich nichts. Charly hat mir gegenüber keine andere Verabredung erwähnt.“

„Der Spree-Heinz ist der honorige Barkeeper dieses maroden Kahns und ein ziemlich cleverer Bursche. Laut seiner eigenen Aussage plante er schon seit Wochen einen kostendeckenden Deal mit Charly. Leider verzögerte der Besuch einer Dame die noble Absicht, und der gute Heinz verließ erst um 21:15 Uhr seine Wohnung. Da war die Schweinerei schon gelaufen und er konnte nur noch über Charlys Leiche stolpern.“

Mit einem undefinierbaren Funkeln in den Augen drehte Kowalski den Kopf zur Seite und musterte düster den Tatort. „Ein Gutes hatte es ja für Ihren Freund: Durch seinen unerwarteten Abgang ersparte er sich eine Menge Ärger mit der Zollbehörde.“

„Ihr Sarkasmus ist manchmal einfach unerträglich!“

„Das Leben ist unerträglich. Schauen Sie Herold: Wenn der Spree-Heinz nur eine Viertelstunde früher von seiner Lady gestiegen wäre, dann hätte er vielleicht noch den Mord verhindern können. Aber nein, er bekam einfach nicht die Hosen wieder hoch, und schon nahm das Schicksal seinen Lauf.“

„Ja, ja, das Leben ist hart und der Spree-Heinz besitzt ein Alibi. Apropos Alibi, bleiben wir doch gleich beim Thema.“ Michael schnippte die Glut seiner Zigarette in den vor ihm stehenden Aschenbecher und zog einen Notizblock aus der Blousontasche. In aller Ruhe riss er ein Blatt ab, ergriff den an Charlys Kalender angeklemmten Kugelschreiber und begann mehrere Namen aufzuschreiben. „Zusammen mit diesen Herren habe ich eine Grillplatte in den Balkanstuben gegessen und sie erst vor ungefähr zwanzig Minuten verlassen. Das müssten Sie leicht überprüfen können, zumal die Herren Ihnen nicht ganz unbekannt sein dürften.“

„Ein Arbeitsessen der Sozis! Wahrscheinlich auch noch auf Kosten der Steuerzahler.“ Mit einem verächtlichen Schnaufen überflog Kowalski den Zettel und lehnte sich dann zurück. „Na gut! Sie stehen trotz aller dialektischen Differenzen ohnehin nicht auf meiner Liste, obwohl ich schon Pferde habe kotzen sehen.“ Das Knarren der dunkelbraun gestrichenen Holzplanken unterbrach Kowalskis ohnehin fast beendetes Gespräch. Mit einer betont wichtigen Miene trat der kleinere der beiden Polizisten an den Tisch und meldete: „Die Kollegen von der Spurensicherung sind jetzt mit dem Vorderdeck fertig. Damit können wir eigentlich abrücken, oder brauchen Sie uns noch?“

„Lassen Sie sich nicht aufhalten, ich komme auch allein zurecht und Herr Herold ist ebenfalls im Gehen begriffen.“ Kowalskis stark gerötete Gesichtszüge verzogen sich zu einem nicht die Augen mit einbeziehendem Lächeln, während er den Reporter abschätzend musterte. „Wenn Ihnen noch etwas einfallen sollte, melden Sie sich. Meine Nummer steht in Ihrem Filofax.“

„Selbstverständlich; ich kenne meine Pflichten.“ Michael Herold erhob sich und drückte seine Zigarette aus. Dann schritt er, ohne sich noch einmal umzudrehen, durch den nach einem starken Desinfektionsmittel riechenden Raum. Hinter ihm schüttelte der Beamte den Kopf und blickte seinen Vorgesetzten missbilligend an. „Ehrlich gesagt, manchmal verstehe ich dich wirklich nicht, Hans-Jürgen. Warum lässt du diesen elenden Schmierfinken so einfach verschwinden?“

„Keine Angst, der Herr Reporter geht uns schon nicht verloren. Wir brauchen nur unseren Nasen zu folgen, wenn wir Sehnsucht nach ihm verspüren sollten. Der Kerl stinkt nämlich drei Meilen gegen den Wind nach frischer Druckerfarbe.“

Sichtlich erheitert von seinem eigenen Scherz stand Kowalski auf und schlenderte zu der Bar hinüber. Vor der groben Markierung der Spurensicherung blieb er stehen und starrte widerwillig auf den getrockneten Fleck hinab. Noch vor wenigen Stunden hatte hier Charlys regungsloser Körper gelegen, seltsam verdreht, mit einer blutverschmierten Schläfe. Die eigentliche Wunde war fast nicht zu erkennen, und hätte der Schlag den Kopf nur zehn Zentimeter höher getroffen, lebte der alte Mann vielleicht noch...

Kowalski schüttelte unmerklich den Kopf und nickte dem Kollegen zu. „Ich denke, wir können den Laden jetzt versiegeln.“

„Sag ich doch. Alles nur Routine, und viel aufzuwischen gab es auch nicht.“

„Bitte?“

„Na, wenigstens ist der Kerl nicht total ausgelaufen, so wie diese Tussi vorige Woche. Ich hätte nie gedacht, dass ein einzelner Mensch eine solche Sauerei veranstalten kann.“ Der Polizist überflog mit einem verächtlichen Blick den Tatort. „Scheiß Kanaken, langsam aber sicher vermüllen die uns jede Akte.“

„Von dieser Akte werden Sie noch träumen, Schneider. Das verspreche ich Ihnen!“ Hans-Jürgen Kowalskis leise Stimme besaß jetzt einen scharfen Unterton. „Und reißen Sie sich gefälligst zusammen, hier kommt vielleicht mehr Ärger auf Sie zu, als Sie verdauen können.“

Gereizt wandte sich Kowalski ab und begann seine auf dem Tresen verstreuten Unterlagen in einen ledernen Rucksack zu stopfen, während nur wenige Meter entfernt Michael Herold die kalte Nachtluft in tiefen Zügen einatmete. Nachdenklich lehnte er sich an das feuchte Geländer der Anlegestelle und blickte auf den Fluss hinab. Winzige Lichtreflexe tanzten über dem schwarzen Spiegel des Wassers und der auffrischende Wind wehte vom Markt eine ihm nur zu bekannte Melodie herüber.

„Üb’ immer Treu und Redlichkeit“, murmelte Herold und lauschte einen Moment dem leisen Glockenspiel. Die Glöckchen hingen über dem Eingang eines Juweliergeschäftes und heute Abend spielten sie genau das passende Wiegenlied für die braven Spandauer Bürger. „Üb’ immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab.“

Michael Herold verzog sein Gesicht zu einem spöttischen Lächeln und wandte sich um. Langsam ließ er seinen Blick über das Lindenufer schweifen und nahm dabei jedes noch so unwichtige Detail in sich auf. Die kleinen Dampfer, den von der fernen West-Berliner City rötlich angestrahlten Himmel und die Charlottenbrücke am Ende der Promenade. Die Stahlkonstruktion überspannte den ins Dunkle weiterführenden Weg, und jenseits der Brücke erkannte Michael die Umrisse mehrerer Schiffe. Ohne jeden Zweifel waren das Frachtkähne, die auf eine Passage durch die nahe Schleuse warteten.

Kähne aus Charlys Heimat; das konnte doch kein Zufall sein! Michael Herold kickte mit der Schuhspitze einen Stein zur Seite und betrachtete erneut die „Frohsinn“. Charly hatte ihn bestimmt nicht nur aus einer Laune heraus auf den maroden Dampfer bestellt. Irgendwo an Bord dieses Schiffes - oder in seiner näheren Umgebung-, dessen war sich Herold absolut sicher, lag der Schlüssel für die Geschehnisse der letzten Stunden verborgen.

Einen obszönen Fluch unterdrückend, musterte er noch einmal die erleuchteten Fenster des Bordrestaurants und kehrte dann der „Frohsinn“ endgültig den Rücken zu. Mit großen Schritten ging er das Lindenufer hinab, durchquerte erneut die finstere Parkanlage und eilte zu seinem in der Charlottenstraße abgestellten Wagen. Wie in Trance schloss er den Datzun auf, startete ihn und verließ etwas schneller als es die Straßenverkehrsordnung erlaubte, den Schauplatz des Verbrechens.

2.

Michael Herold erwachte am nächsten Morgen mit leichten Kopfschmerzen. Dementsprechend schlecht gelaunt fuhr er, nach einem nur aus Kaffee und Keksen bestehenden Frühstück, in den Verlag und betrat sein Büro. Der kleine Raum wirkte noch genauso unaufgeräumt wie er ihn verlassen hatte, und Michael blieb in seiner Mitte stehen. Mürrisch blickte er einen Moment aus dem Fenster hinaus und musterte dann das ihn umgebende Chaos. Auf dem Schreibtisch stapelte sich die Eingangspost der letzten zwei Tage, der Ficus hatte wieder etliche Blätter abgeworfen, und der Kalender musste auch umgestellt werden.

Angewidert schob Herold das rote Kästchen mit dem Zeigefinger auf den 4. Oktober und gestattete sich ein leichtes Seufzen. Das Jahr 1985 war bis jetzt einfach viel zu schnell an ihm vorbeigerauscht und nun nahte wieder der Dezember mit seinem enormen Termindruck. Die Redaktion erwartete eine zündende Idee für die neu eingeführten Sonntagsausgaben, die Moderation auf dem Weihnachtsmarkt hatte er auch nicht abwimmeln können, und die entsprechenden Manuskripte sollten am besten vorgestern fertiggestellt sein.

Michael Herold verzog das Gesicht, sah oberflächlich die Post durch und ergriff den seit Tagen im Eingangskorb liegenden roten Hefter. Die auf den wenigen Seiten veröffentlichte Quartalsstatistik war genauso alarmierend, wie er es befürchtet hatte und Michael fluchte lautlos. Anstatt die Erlebnisse des letzten Abends niederzuschreiben, begann er die Tabellen zu studieren und verwünschte dabei die Verlegerin.

Frau Dr. Candidus hatte seit 1979 die zwar kostspielige, aber lebensnotwendige Modernisierung des „Havelländischen Kuriers" immer wieder hinausgezögert. Rote Zahlen bestraften diese Fehlentscheidung und Sybille Candidus blieb nichts anderes übrig, als der Fusion mit einem großen Medienkonzern zuzustimmen. Der neue Teilhaber verschreckte, wie nicht anders erwartet, die Stammleser, die bis jetzt den „Kurier“ wegen seiner kritischen Distanz zur Berliner Boulevardpresse geschätzt hatten, und als direkte Folge sank die Auflage der Zeitung innerhalb eines Vierteljahres um 47 Prozent.

„47 Prozent!“ murmelte Michael und klappte nach einem Blick auf die ebenfalls um die Hälfte zurückgegangenen Werbeeinnahmen den Hefter zu. Frustriert nahm er eine bequeme Haltung in seinem Sessel ein, schloss die Augen und meditierte solange, bis die Glocken der nahen St. Marienkirche das Angelus läuteten. 12 Uhr; höchste Zeit endlich etwas Warmes in den Magen bekommen. Michael suchte die Kantine im ersten Stock auf, bestellte eine Portion Königsberger Klopse und verspeiste die in einer lauwarmen Kapernsoße schwimmenden Fleischbällchen. Einigermaßen gesättigt genehmigte er sich zur Verdauung einen Klaren samt der obligatorischen Zigarette und schlenderte in sein Büro zurück.

Dort wartete immer noch die unerledigte Arbeit auf ihn, und er nahm sich zuerst den Artikel über die zugeschüttete Mülldeponie an der Maulbeerallee vor. Notgedrungen begann er mit dem längst fälligen Korrekturlesen und ließ erst nach der dritten Überarbeitung den Kugelschreiber auf das Blatt fallen. „Schluss, aus!“ Für heute reichte es ihm und außerdem war es langsam Zeit für einen starken Kaffee.

Michael beugte sich vor, zog die unterste Schublade des Schreibtisches heraus, und ergriff die für seinen „Nachmittagskaffee“ notwendigen Utensilien. Mit der braunen Metallbüchse und einer Filtertüte in der Hand, trat er an den Aktenschrank und schaltete zuerst den Wassertopf ein. Dann steckte er die Papiertüte in einen Porzellanfilter, füllte drei Löffel des frischgemahlenen aus Italien importierten Kaffees ein, und stellte den Filter auf ein Kännchen. Als der erste Dampf aus dem Topf aufstieg, goss er das kochende Wasser über das Pulver und innerhalb weniger Minuten erfüllte ein aromatischer Duft den Raum. Michael ließ den Kaffee einen Moment ziehen und schenkte sich dann eine Tasse ein. Einigermaßen mit sich selbst versöhnt, trat er ans Fenster und nippte vorsichtig an dem belebenden Getränk. Ja, der Kaffee besaß genau jenen Geschmack, den er schon seit so vielen Jahren schätzte; stark, scharf gebrannt, und mit einem Hauch Salz gewürzt.

Behutsam genoss Michael einen zweiten Schluck und betrachtete dabei wesentlich entspannter die ungemütliche Welt jenseits der beschlagenen Scheibe. Unterhalb seines Fensters schwebte ein Heer schwarzer Regenschirme über den Bürgersteig und die feuchten Stoffpilze erinnerten ihn nicht zum ersten Mal an die glänzenden Chitinpanzer einer Ameisenkolonne. Unermüdlich krabbelte die nasse Armee die Neuendorfer Straße entlang und Michael fühlte bei dem bizarren Anblick seltsamerweise seine gute Laune zurückkehren. Grinsend ignorierte er die gegen den Regen ankämpfenden Passanten und musterte dafür sein Spiegelbild. Auf den ersten Blick versprühte es den gewohnten, bei den Damen so beliebten Charme, und in den grauen Augen funkelte unübersehbar ein Hauch von Ironie.

„Tough, alter Junge!“ Michael betrachtete das auf der Fensterscheibe schimmerndes Gesicht etwas näher und runzelte unwillkürlich die Stirn. Irgendwie erschien ihm sein Lächeln zu bemüht um echt zu sein und der Dreitagebart ließ ihn auch nicht gerade jünger erscheinen. Richtig ungepflegt sah er aus und die ersten grauen Stoppeln wirkten wie eine leise Mahnung, dass der vierzigste Geburtstag auch schon ein paar Jahre zurücklag.

„All right, darf es noch eine Prise Weltschmerz mehr sein?“ Michael Herold zwinkerte seinem Konterfei belustigt zu, während sich hinter ihm leise die Tür öffnete. Der Reflex eines flüchtigen Schattens huschte über die Scheibe und eine kehlige Stimme fragte: „So eitel heute? Gefällt Ihnen denn wenigstens, was Sie sehen?"

„Sagen wir, es überrascht mich nicht." Herold wandte sich um und betrachtete ungeniert die an seinem Schreibtisch lehnende neue Praktikantin. „Ich nehme an, Sie besuchen mich nicht nur, um meine Laune aufzubessern?"

„Oh, Entschuldigung. Normalerweise platze ich nicht so einfach herein, aber ihr Kollege im dritten Stock, dieser etwas Konservative, mit dem merkwürdigen Humor…"

Michael Herold lachte leise auf. „Das ist wohl die präziseste Beschreibung von Harald Seib, die ich seit Jahren gehört habe. Eine Schlagzeile könnte es nicht treffender ausdrücken."

„Danke. Den Kollegen Seib kann man wirklich nicht ignorieren. Also, er bat mich Ihnen diese Info persönlich zu überreichen; es eilt wohl."

„Sehr kollegial, aber passen Sie bloß auf Christine. Noch ein paar dieser Botengänge und Sie können genauso gut eine Lehre bei der Post beginnen."

„Keine Angst, so schnell lass’ ich mich nicht ausnutzen, und, außerdem war ich ohnehin auf dem Weg in diese Etage. Es duftet hier nämlich immer so lecker nach Kaffee, dass ich diesmal einfach nicht widerstehen konnte."

„Na, dann sind Sie hiermit herzlich eingeladen." Herold öffnete erneut die Schublade und kramte einen zweiten Becher hervor. Vorsichtig goss er den immer noch dampfenden Kaffee ein und reichte ihn Christine. „Genießen Sie ihn in Ruhe, ich sehe inzwischen nur schnell die Unterlagen durch."

„Immer zu, ich halte Sie nicht auf." Behaglich schlürfend setzte sich die Praktikantin auf die Tischkante. Michael ignorierte ihre übereinandergeschlagenen Beine und zog aus dem braunen Umschlag eine dünne Broschüre.

„Ein Info vom Bezirksamt Spandau; Seib ist doch wohl nicht ganz bei Trost. Diese Erleuchtungen aus dem Rathaus erreichen mich auch ohne seine Mithilfe." Verärgert knickte Herold den Pappdeckel um und überflog flüchtig die erste Seite. „Kommerzielle Nutzung des Palas 85/86“ verkündete die Überschrift unter einer Zeichnung des Juliusturmes. Michael stutzte und betrachtete die rauen Recyclingblätter jetzt etwas aufmerksamer. Das war nicht die obligatorische Werbung für den Spandauer Weihnachtsmarkt, sondern ein Katalog für eine Reihe von Ausstellungen in der Zitadelle. Schon für den nächsten Monat versprachen die fettgedruckten Zeilen: November 1985. Besuchen Sie die Kronenausstellung! Diademe und Reichsinsignien aus acht europäischen Ländern erwarten Sie im Schatten des Juliusturmes.

„Kaum zu glauben, es geschehen noch Zeichen und Wunder!“ Beeindruckt senkte Michael Herold die Mappe und starrte auf das Titelbild. „Wirklich, wenn ich das hier für bare Münze nehmen darf, sind die doch tatsächlich im Rathaus aufgewacht und versuchen endlich einmal den Etat ihres Sorgenkindes selbst zu decken."

„Seien Sie mir nicht böse, aber reden Sie von diesem alten Gemäuer gleich hinter der Schleuse?" Christine tippte spielerisch auf das stilisierte Emblem der Befestigung und lächelte entwaffnend. „Sorry, ich bin erst vor einem Jahr aus Osnabrück hierhergezogen."

„Sie müssen sich nicht entschuldigen, das Wort Gemäuer bezeichnet exakt das Wahrzeichen unseres Bezirkes. Für viele Spandauer ist die Zitadelle nämlich nichts weiter als ein verstaubtes Heimatmuseum. Ein Gelände, auf dem man mit den Enkeln spazieren geht, oder im Sommer vom Juliusturm auf die Havel spuckt. Eine Selbstverständlichkeit wie der Wassergraben um die Altstadt und die Nikolaikirche, und genau diese Ignoranz hat die Zitadelle nicht verdient. Immerhin ist sie die älteste Renaissancefestung nördlich der Alpen und Teile des Hauptgebäudes stammen sogar noch aus der Zeit Albrechts des Bären."

„Entschuldigung, da habe ich ja ein richtiges Kleinod übersehen.“

„Spotten Sie nur ruhig.“ Michael Herold blickte der jungen Frau tief in die grünen Augen. „Sie haben nämlich gar nicht so unrecht. Nicht einmal meine Spandauer Mitbürger kommen auf die Idee, am Sonntagnachmittag durch die Zitadelle zu bummeln, und wie sollten sie auch? Für die Festung existiert weder ein wirksames Werbekonzept, noch eine Einbindung in die Berlintouristik. Praktisch gesehen schweigt man die Zitadelle von offizieller Seite her tot, und nun plötzlich diese Erleuchtung!"

Erfreut schlug Herold den Katalog wieder auf und unterstrich mit dem Zeigefinger die Ankündigungen auf der zweiten Seite: „Februar 1986: Dali-Retrospektive 1920-1980. Graphiken, Objekte und Entwürfe. Sommer 1986: Pjotr I. Aleksejewitsch-Rußlands Öffnung zum Westen. Das nenne ich zugkräftige Themen und hier, schon im nächsten Monat das Sahnehäubchen, die Kronenausstellung.“

„Apropos Ausstellung“, die Volontärin fischte ein Kuvert aus dem Briefstapel, „diese Botschaft gehört mit zu der Info. Seib lässt Ihnen dazu ausrichten, dass er kneifen nicht akzeptiert; und es gibt Freibier!“

„Na, phantastisch!“ Michael schlitzte mit dem Daumen den Umschlag auf und musterte die darin enthaltene Karte. „Eine Einladung und natürlich für heute Abend. Pünktlich um 20 Uhr präsentiert Kunstamtsleiter Bergmeier die näheren Details der Kronenexhibition im Palas der Zitadelle. Für Speis und Trank wird gesorgt, gute Laune und Enthusiasmus muss jeder selbst mitbringen.“ Herolds Blick glitt flüchtig über seine Uhr. „Wie ich diese rechtzeitigen Benachrichtigungen liebe; knapper konnte Bergmeier den Termin wirklich nicht ansetzen.“

„Na, dann will ich nicht weiter stören. Vielen Dank für den köstlichen Kaffee. Ich schau bei Gelegenheit wieder rein. Ciao!“ Christine schlenderte mit gekonntem Hüftschwung aus dem Büro und Michael Herold betrachtete erneut die Einladung. Nichts gegen eine Party in der Zitadelle, aber erst einmal musste er den alten Bronslav aufsuchen.

Seufzend schlüpfte Michael in seine Jacke und wog nachdenklich die Autoschlüssel in der Hand. Wenn es nach ihm ging, hätte er sich diesen Pflichtbesuch gerne erspart, aber Lech Bronslav war nun einmal der einzige Mensch in der Stadt, der ihm eine verlässliche Auskunft über Polen-Charlys letzte Tage und Stunden geben konnte.

Polen-Charly oder wie sein wahrer Name lautete, Joseph Zcybulski, verband mit Lech Bronslav eine heftige Hassliebe, die noch aus der alten Heimat herrührte. Die beiden Männer kämpften schon auf der Danziger Lenin-Werft Schulter an Schulter für ihre Ideale und trotzten dabei solange den russischen Winden, bis es sie doch in die ungeliebte Fremde verschlug. Dort, in den kalten Straßen von West-Berlin, erlag Zcybulski sehr schnell den dunklen Seiten des Lebens, während Bronslav im Laufe der Jahre zum Hirten der stetig wachsenden polnischen Gemeinde avancierte. Sein Wort besaß jetzt oberste Priorität und wahrscheinlich fiel nicht einmal am fernen Weichselufer ein Blatt vom Baum, ohne dass Lech nicht darüber informiert war.

Amüsiert von dieser gar nicht so abwegigen Vorstellung, verließ Michael Herold das Verlagsgebäude und hastete zu seinem auf der anderen Straßenseite geparkten Datzun. Automatisch drückte er als erstes die Taste des Autoradios nieder und im Rias erklang der Refrain von „Ebony and Ivory“. Michael drehte erfreut den Ton etwas lauter, startete und erreichte wenige Minuten später die nach dem Architekten der Zitadelle benannte Lynarstraße. Direkt vor dem roten Block des gleichnamigen Krankenhauses stellte er seinen Wagen ab, und musterte einen Moment die gegenüberliegende Mietskaserne.

Das vierstöckige Haus stammte noch aus den 1980er Jahren des vorigen Jahrhunderts und hinter den zu Bronslavs Wohnung gehörenden Fenstern brannte kein Licht. Michael wusste, dass das nicht viel zu bedeuten hatte und überquerte den Damm. Mit großen Schritten stieg in die zweite Etage des Hauses hinauf und klopfte solange in dem verabredeten Rhythmus gegen Lechs Tür, bis ihn eine raue Stimme beschimpfte: „Ja, ja, komme ich schon! Wird es doch nicht so eilig sein, oder ist endlich das Jüngste Gericht angebrochen? Wäre es kein Wunder bei diesem verfluchten Sündenbabel!“

Zögernd öffnete sich die Tür einen Spalt breit und Lech Bronslav blinzelte kurzsichtig durch seine schwere Hornbrille. „Hätte ich es gleich wissen müssen, gibt es nur einen so rücksichtslosen Menschen in Spandau!“ Mit einer zittrigen Handbewegung löste Lech die Sicherheitskette und schlurfte, ohne seinen Besucher weiter zu beachten, zurück in das Wohnzimmer. Dort krabbelte er umständlich auf seine gerade verlassene Liege und zog beleidigt die verwaschene Kamelhaardecke bis über den Mund. Schwer atmend starrte er trotzig gegen die Wand und Herold nickte gebührend beeindruckt. „Besonders fröhlich siehst du heute aber nicht aus. Soll ich besser wieder gehen?“

Der alte Mann schnaubte nur verächtlich durch die Nase und wickelte die Decke noch fester um sich. Seine Stimme klang jetzt seltsam erstickt durch den vom Speichel verfilzten Stoff. „Kannst Du dir deine Ironie sparen! Mach dich lieber nützlich und besorge zwei Gläser. Ein Wässerchen hast du ja wohl hoffentlich mitgebracht!“

Gehorsam zog Michael Herold eine zollfreie Polmosflasche aus der Jackentasche und blickte auf den mit Reiseprospekten bedeckten Tisch. „Was denn, immer noch der Traum vom Süden?“ Lech knurrte nur gereizt. „Nein wirklich, so viel Vernunft habe ich dir gar nicht zugetraut. Die Riviera ist um diese Jahreszeit noch erstaunlich mild, das wird deinen alten Knochen bestimmt gefallen.“

Herold schob die Kataloge zur Seite und stellte die Flasche auf die frei gewordene Fläche. Dann öffnete er die Glastür der dunkel gebeizten Anrichte und ergriff zwei kleine Bierseidel. Vorsichtshalber hielt er die ursprünglich mit süßem Senf gefüllten Gläser gegen das Fenster und wischte sie sorgfältig mit einem Papiertuch aus. Bronslav, der sich nicht zum ersten Mal über diese Prozedur ärgerte, schnaubte verächtlich. „Willst du mich beleidigen? Besitze ich noch genug Sehkraft, um hier alles in Schuss zu halten! Erkenne ich jederzeit, was wichtig ist in dieser lausigen Stadt“

„Sicher Lech, daran zweifelt auch niemand.“ Herold füllte den mitgebrachten Wodka drei Finger hoch in die Seidel und stellte einen neben Lechs Liege auf den Boden. „Auf das sich unsere Träume erfüllen!“

Der Schnaps war lauwarm und das geriffelte Glas klebte an Michael Herolds Finger. Tapfer würgte er den ersten Anstandsschluck hinunter und musterte dabei Bronslavs Wohnzimmer. Nicht ein Jota hatte sich hier seit seinem ersten Besuch verändert, selbst die verstaubte Seidenrose schmückte immer noch den neben der Tür baumelnden Rosenkranz. Die einzelnen erbsengroßen Perlen der Gebetskette bestanden aus dunkel poliertem Bernstein, genau wie der Corpus des zwischen den beiden Fenstern hängenden Holzkreuzes. Nachdenklich blieb Michael vor dem Kruzifix stehen und betrachtete die darunter angebrachten verblichenen Fotos.

Joseph Zcybulski ungewohnt lachend vor dem restaurierten Konventhaus der Marienburg. Joseph Shagpfeife rauchend, das Krantor betrachtend und mit hochgekrempelten Ärmeln auf dem Gelände der Stettiner Werft.

„Rührt das nicht dein hartes Herz?“ Lech Bronslavs Stimme klang verbittert. „All diese schönen Aufnahmen von Josephs einfältigem Gesicht. Gott im Himmel, was war er damals nur für ein bescheidener junger Mann. Dumm und idealistisch träumte er noch von einer freien Heimat.“

Lech stemmte sich umständlich hoch und ergriff mit zitternden Fingern das schmierige Glas. Für einen Moment starrte er in den hin und her schwappenden Wodka, dann schwenkte er ihn anklagend in Herolds Richtung. „Und was ist mit dir? Hat Joseph schon so auf dich abgefärbt, dass du mich jetzt auch für dumm verkaufen willst? Lässt du dich seit so vielen Monaten nicht mehr sehen und ausgerechnet heute opferst du deine kostbare Zeit für mich?“

Michael Herold setzte zu einer Entgegnung an, doch Lech winkte nur müde ab. „Musst du dich nicht rechtfertigen. Gibt es wirklich keinen Anlass für irgendwelche Entschuldigungen oder Sentimentalitäten. Bist du allein wegen Joseph gekommen, also lass uns auch nur über ihn reden!“

Mit einer energischen Bewegung kippte Bronslav den Schnaps in einem Zug hinunter und flüsterte hasserfüllt: „Willst du wirklich wissen, was mich schier krank macht? Ist es dieses entsetzliche Gefühl, im entscheidenden Augenblick total versagt zu haben. Verstehst du, habe ich Joseph beschworen, ja, ihn angeschriene, wo ist dein Glaube? Ist nicht wenigstens ein Saatkorn aufgegangen von den ewigen Werten der Mutter Kirche, bedeuten sie dir überhaupt nichts mehr? Hat er nur frech gegrinst und da wusste ich, wie sehr Joseph unsere alten Ideale verachtete. Ja, was immer uns in der Jugend heilig und schön erschien, hat er schamlos aus seinem Leben verbannt, es verraten für den verfluchten Mammon, den er am Ende doch nicht mitnehmen konnte.“

„Entschuldige, aber du duldest doch seit Jahren Josephs Geschäfte.“

„Nicht dieses schmutzige, unheilige Geld! Gott steh ihm bei, hat sich Joseph wie eine Hure verkauft an die elenden Ketzer!“ Unverhüllte Wut schwang jetzt in Bronslavs Worten mit, als er erregt weitersprach. „Hätte ich ihm vieles verzeihen können, aber nicht seine Partnerschaft mit dem Nestbeschmutzer. Angefleht habe ich Joseph, regelrecht gebettelt, lass dich nicht mit Leo ein.“

„Leo?“

„Leopold Oblonsky! Sag bloß, hab’ ich dir nie erzählt von diesem Schwein? Bringt er doch nur Schande über die Gemeinde mit seinen russischen Weibern und der dreckigen Videothek. Waffen, Koks, er besorgt dir alles. Macht Leo noch aus Dreck Geld und jetzt wollte er gemeinsam mit Joseph den großen Deal durchziehen. The big Deal! Hättest du sehen sollen, wie Josephs Augen leuchteten, als er damit angab. Dieser Idiot, hat er nie begriffen, dass Leo ihn nur benutzt hat für Geschäfte, die er gar nicht mehr übersehen konnte.“

„Deutete Joseph irgendetwas über die Art dieser Geschäfte an?“

„Fragst du das doch nicht im Ernst, hat er schließlich dir jeden Fliegenschiss teuer verkauft. Nein, mein Freund, bin ich wahrscheinlich der letzte Mensch auf Erden, dem Joseph so eine Information anvertraut hätte...“ Mit einem schrillen Klingeln unterbrach das Telefon Lech Bronslav. Erschreckt richtete er sich auf und seufzte völlig überfordert. „Erbarmen, nimmt denn niemand mehr Rücksicht auf meine Wünsche? Habe ich doch bestimmt schon tausendmal gesagt, dass mir der Nachmittag heilig ist.“

Lech hob den Hörer des neben ihm auf den Boden stehenden Apparates ab und lauschte für einen Moment angestrengt der fernen Stimme. Ein, zweimal setzte er vergebens zu einer Antwort an, dann verzogen sich seine Mundwinkel bedrohlich nach unten und er begann lautstark in die Muschel zu schimpfen. Als die Gegenseite die in polnischer Sprache hervorgestoßenen Wörter überhaupt nicht zur Kenntnis nahm, knallte Lech wütend den Hörer auf die Gabel. Heftig atmend starrte er Michael empört an.

„Dieser unverschämte Kretin, wagt er es doch mich einen Lügner zu nennen! Glaubt er mir einfach nicht, dass Joseph von uns gegangen ist. Und überhaupt, woher kennt der verfluchte Kerl meine Nummer? Stehe ich gar nicht im Telefonbuch!“

„Aber in Josephs schwarzer Kladde...“

„Was erzählst Du da, wusste Joseph doch ganz genau, dass ich keinen Kontakt zu den Schiffern wünsche. Haben die alle Dreck am Stecken, will ich nicht über ihre Schmuggeleien informiert werden!“

„Wie naiv bist du eigentlich? Joseph hat deine Adresse verkauft, teuer verkauft! So einfach ist das!“ Michael Herold schüttelte bedauernd den Kopf und schritt erneut zu dem wuchtigen Schrank. Bedächtig klappte er den Deckel eines Holzkästchens auf, erwählte zwei Figuren und hielt Bronslav auffordernd beide Fäuste entgegen. Der alte Mann tippte auf die rechte Hand, und Herold platzierte einen weißen Bauern auf dem neben dem Bett stehenden Schachtisch. Dann ordnete er mit wenigen Handgriffen die restlichen Onyxfiguren und setzte sich Lech gegenüber.

Mühsam versuchte er, sich auf das mit Intarsien verzierte Brett zu konzentrieren, denn der Pole hasste nichts mehr als einen mit halben Herzen kämpfenden Gegner. Jeder Zug besaß für Lech den Status einer fast religiösen Handlung, und genau aus diesem Grund wappnete sich Herold auch heute wieder mit viel Geduld. Tapfer erkämpfte er im Laufe des restlichen Nachmittags zwei Remis und einen knappen Sieg und hob dann bedauernd die Hände. „Entschuldige, aber für eine weitere Revanche fehlt mir einfach die Zeit. Ich muss spätestens in 90 Minuten in der Zitadelle sein, und vorher sollte ich mich vielleicht noch etwas frisch machen.“

„Ja, ja. Spiel bloß nicht den Unschuldigen. Willst Du doch nur mit deinen Kollegen und Parteifreunden ein Gläschen trinken. Bei der Gelegenheit, solltest Du zufällig diese Frau für Jugend und Soziales treffen, kannst du mir einen großen Gefallen erweisen. Frage sie einfach was aus unseren neuen Clubräumen wird. Habe ich schließlich den dritten Antrag gestellt und warte immer noch auf ihre huldvolle Genehmigung!“

„Kein Problem, ich stoße extra in deinem Namen mit Frau Mendel an.“ Herold reckte die steif gewordenen Glieder und ergriff seine über die Sessellehne gehängte Jacke. „Wenn ich mich nicht melde, sehen wir uns spätestens bei Josephs Requiem am nächsten Montag wieder.“

Lech Bronslav nickte nur stumm und hüllte sich wieder in den schützenden Kokon seiner Kamelhaardecke. Den Blick auf einen imaginären Punkt an der Wand gerichtet, flüsterte er resigniert: „Worauf wartest Du noch? Hattest Du es doch so besonders eilig, also verschwinde endlich!“

„Keine Angst, ich bin praktisch schon unterwegs. Ach, und Lech, Du versuchst doch nicht gerade mich absichtlich zu verärgern? Vergiss es, spätestens nächste Woche stehe ich nämlich wieder auf deiner Schwelle, egal ob es dir gefällt oder nicht.“

Michael Herold klopfte zum Abschied an den Türrahmen und verließ, ohne sich noch einmal umzudrehen, Bronslavs Wohnung. Eilig hastete er das Treppenhaus hinab und verwünschte dabei ausgiebig seine Gutmütigkeit. Wieder einmal hatte er es nicht über das Herz gebracht, Lech rechtzeitig zu verlassen, und jetzt fehlte ihm einfach die Zeit für eine Rückkehr in die eigenen vier Wände.

Ärgerlich auf sich selbst startete Herold den Datzun und bog nach einer kurzen Fahrt in die zur Zitadelle führende Straße ein. Alte Kastanien säumten den Burggraben der Festung und hinter ihm schälten sich allmählich die Umrisse der Bastion König aus der Dunkelheit. Mächtig und unbesiegt bewachte sie seit über vierhundert Jahren das Kommandantenhaus und Michael lächelte erfreut, als er auf das Gebäude zu rumpelte. Eigentlich war es schon rührend wie Kunstamtsleiter Bergmeier immer wieder versuchte, seinem Sorgenkind etwas festlichen Glanz zu verleihen. Zwei zusätzliche Scheinwerfer erhellten das brandenburgische Wappen am Dachgiebel und in der Mitte der Durchfahrt flatterte ein Banner mit dem roten Spandauer Adler.

Alles stand unter dem Motto: „Es ist immer noch etwas Besonderes, ein Spandauer zu sein!“ Erheitert rollte Michael Herold über die hölzerne Zugbrücke, durchquerte die dreischiffige Eingangshalle zum Innenhof und steuerte die rote Märchenburg des Palas an. Die Seitenfront des mittelalterlichen Gebäudes belagerte schon eine stattliche Anzahl von Pkws, und Michael parkte direkt an der zum Haupteingang führenden Treppe. Müde, aber gutgelaunt öffnete er die Tür des sogenannten Gotischen Saales, und sofort überfielen ihn die Anfangstakte von „Alexanders Ragtime-Band“. Die verzerrte Musik dröhnte erbarmungslos aus den Lautsprechern der im Hintergrund aufgebauten Bierbar, und Michael nickte fatalistisch. Wie er es nicht anders erwartet hatte, belagerte der übliche Spandauer Klüngel die Zapfhähne und inmitten des größten Gewimmels steckte natürlich Harald Seib.

Der Kollege aus der Lokalredaktion winkte mit zwei schaumbedeckten Krügen und Herold lehnte sich nach einem kurzen Rundblick an eine der überall im Saal aufgestellten Tonnen. Mit mäßigem Interesse beobachtete er, wie Seib mit einem angedeuteten Passéschritt ein heftig flirtendes Pärchen umrundete und dabei entsagungsvoll die Augen verdrehte. Klirrend landeten die beiden Halben auf dem provisorischen Tisch und Seib leckte sich genießerisch die Lippen.

„Prost, alter Junge! Ich hätte nicht gedacht, dass Du dich so schnell bei Bronslav loseisen kannst.“

„Ich lass dich doch nicht alleine trinken!“

„Du brauchst gar nicht zu spotten.“ Seib boxte spielerisch gegen Herolds Oberarm. „Da vorne kämpft ein Rudel durstiger Wölfe um jedes einzelne Freibier. Das sind richtige Kampftrinker, für die ist das Organisieren von Einladungskarten genauso wichtig wie das tägliche Brot.“

„Alles klar, Harald, die Tussi vom Künstlerverein ist ja nicht zu übersehen und dann erst die Herren und Damen aus dem Rathaus.“

„Apropos Rathaus, wo steckt eigentlich unser Gastgeber?“

Michael deutete nur stumm über seine Schulter zu der Stirnwand des Saales. Dort stand, fast von einer Säule verdeckt, der kauzige Politiker auf einem Podest und überprüfte mit hektischem Fingerklopfen die Einsatzbereitschaft des Mikrofons. Die Ärmel seines karierten Hemdes hatte er lässig hochgerollt und wenn er sich nicht gerade den Schweiß von der Stirn wischte, rückte er pedantisch die breiten Hosenträger zurecht.

„So stelle ich mir das klassische Abbild eines Vollblutsozialisten vor! Viertes Kind einer fleißigen, aber armen Arbeiterfamilie, Abi im zweiten Bildungsweg nachgeholt und dabei die ganze Zeit über unermüdlich für die Partei geackert.“ Erheitert setzte Herold den Krug ab und nickte seinem Kollegen zu. „Ehrlich, für mich gehört Bergi einfach zum Spandauer Urgestein, auch wenn das seine Parteigenossen wahrscheinlich etwas anders sehen.“

„Die sollen nur ganz still sein, immerhin hat er mit der Brauerei einen potenten Sponsor aufgegabelt, das ist denen in der gesamten letzten Wahlperiode nicht gelungen. Und was seine zukünftigen Ausstellungen angeht, die bringen hundertprozentig die fehlende Knete rein. Aber Hallo!" Harald Seibs Blick schweifte fachmännisch über die langen Beine zweier vorbeischlendernder Damen. „Schade dass nicht das blonde Doppelpack die Kronen bewacht, dann würde die kriminelle Energie der meisten Männer nur noch in der Hose rumoren...“

„Du weißt, wie sehr ich deine pubertierenden Bonmots liebe.“

„Und ich liebe diese wippenden „kleinen Schwarzen“. Aber mal im Ernst, eine bessere Wahl als den Palas hätte Bergmeier wirklich nicht treffen können.“

„Die Sicherheitsbedingungen sind tatsächlich optimal, und Bergi ist ein gerissener alter Fuchs. Der zieht den Geschäftsleuten die Würmer wenigstens mit den richtigen Argumenten aus der Nase.“

„Dafür steht er mit der Technik auf dem Kriegsfuß, denn so wie er das Mikro quält, beginnt der offizielle Teil des Abends frühestens in einer Stunde. Außerdem vermisse ich Bürgermeister David und seine Vasallen. Die hocken bestimmt wieder in der Zitadellenschenke und süffeln einen gut gekühlten Riesling.“

„Pinot Grigio! Italienischer Weißwein ist momentan das angesagte Modegetränk und nicht dieses Waschwasser.“ Michael Herold entfernte mit dem Pappdeckel die dünnen Schaumreste von seinem Bier und schaute Seib auffordernd an.

„Lass uns nach draußen gehen. Ich habe für heute genug verbrauchte Luft eingeatmet, und wenn ich hier noch lange rumhänge, schlafe ich bestimmt ein.“

„Kein Problem, die meisten Gesichter gehen mir sowieso mächtig auf den Sack.“ Seib ergriff seinen fast ausgetrunkenen Krug und folgte Herold durch die langsam flanierende Menge in die Kühle der Nacht. Schweigend blieben die beiden so ungleichen Männer einen Moment vor dem Palas stehen, dann erklommen sie, wie auf ein geheimes Signal hin, die steile Rampe zur Bastion König und wanderten langsam den grasbewachsenen Wall entlang. Vor ihnen ragte die Silhouette des Juliusturmes in den sternenlosen Himmel, Regenwolken jagten über seine angestrahlten Zinnen und Michael blickte unwillkürlich an der rauen Steinwand empor. Dann strich er mit der Hand über die mächtigen Quadern und klopfte gegen die in ihrer Mitte eingelassene Tresortür.

„Das nenne ich deutsche Wertarbeit! Laut der hier angebrachten Tafel wiegt dieses Ungetüm 3000 Kg. Das ist eine Menge Metall, das sprengt selbst heutzutage keiner so schnell weg.“

„Na, jedenfalls nicht ohne den Turm mit in die Luft zu jagen.“ Beeindruckt lehnte sich Seib gegen die Wölbung des Turmes. „Kannst du Dich noch erinnern, wie viele Goldstücke Kaiser Wilhelm anno 1871 hinter diesen Wänden gehortet hat?"

„Nicht präzise. Aber ich schätze, die französische Kriegsentschädigung belief sich damals auf ungefähr 120 Millionen in gemünztem Gold für den hier aufbewahrten preußischen Reichskriegsschatz. Das ist auch rein optisch gesehen, ein stattlicher Berg Geld und mehr als genug, um darin wie Onkel Dagobert ein kleines Bad zu nehmen.“

„Und sich die Taler auf die Glatze prasseln zu lassen, ich weiß! Trinken wir lieber auf die Millionen, die wir traurig erweise nie besitzen werden!“ Harald Seib drehte den Krug um und der letzte Schluck tropfte auf den märkischen Zuckersand. Verächtlich musterte Seib einen Moment die Pfütze zwischen seinen Schuhen, dann schlenderte er langsam an die Brustwehr der Bastion. Leicht vorgebeugt starrte er zu den Lichtern der Altstadt hinüber und seine Stimme klang seltsam dünn, als er unvermittelt fragte: „Hat unser Freund Kowalski eigentlich schon einen Verdacht geäußert?“

„Ich bitte dich, so schnell arbeiteten seine Jungs nicht und außerdem bin ich doch garantiert der Letzte, den er mit einem Gedankenaustausch beehren würde. Nein, Informationen dürfen wir im Augenblick nur über die offiziellen Kanäle erwarten, privat sprechen wir beide nicht miteinander.“

„Also absolute Funkstille.“ Seib blickte wieder auf das Häusermeer jenseits des Flusses. Starke Scheinwerfer rissen den Rathausturm und die Nikolaikirche aus der Dunkelheit und hoch über den beiden Spandauer Wahrzeichen blinkten jetzt die Positionslichter eines zur Landung ansetzenden Jets. Angewidert verzog Seib das Gesicht und murmelte: „Schau dir das an! Eine Handvoll zerbrechlichen Lebens auf dem Weg zum Flughafen Tegel... Oh Gott, Scheiß Herbstblues!“

Mit einem leisen, um Verzeihung heischenden Lachen legte Harald Seib beide Hände auf das feuchte Mauerwerk der Zinne und wechselte wieder zum alten Thema zurück. „Für mich ist Kowalski eine ganz rechte alte Sau! Wenn der so durchgreifen dürfte, wie er wollte...“

„Vergiss den Dicken. Wir benötigen seine Interna nicht mehr; Bronslav hat mir heute Nachmittag sein Herz ausgeschüttet.“

„Lech? Das glaube ich nicht, der plaudert doch nicht einmal aus dem Nähkästchen, wenn er vereidigt vor Gericht steht.“