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Da stand er nun mit seiner Führungscrew und mehreren Beamten der GSG9, des SEK und der BFE+ Einheiten, welche immer noch ihre schwarzen Sturmhauben trugen, im gerade eben geräumten Bundestag. All die Vorbereitungen der letzten Monate würden sich nun auszahlen, dessen war sich Martin Kosik sicher. Nach den Vorfällen in Hildesheim und Hannover war die Bevölkerung inzwischen leidensfähig geworden und sie würde sicherlich auch das akzeptieren, was sich gerade hier, und zeitgleich in den anderen Länderparlamenten abgespielt hatte. Das ruchlose Zusammenspiel von Politik und Medien, die Manipulation der Meinungen im Sinne einer falsch verstandenen Pressefreiheit und die Angst des Einzelnen etwas zu sagen, was nicht der Zensur des Mainstreams entsprach, würden nun ein Ende finden. Er blickte sich noch ein letztes Mal im Saal um und stellte zufrieden fest, dass hier niemals wieder Politiker sitzen würden, welche alles Mögliche vertraten, nur nicht die Interessen des eigenen Volkes.
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Seitenzahl: 487
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Die Erkenntnis der eigenen Dummheit ist für den Törichten die höchste Strafe. Für den Weisen ist es dann jedoch zu spät.
Thomas Vates, November 2018
Dieses Buch, welches Sie gerade in Händen halten, könnte durchaus ihren Blick über viele Zusammenhänge in unserem Land verändern. Es spiegelt ein wenig das wider, was manche Personen denken und empfinden, welche hinter die Kulissen von Politik und Polizei schauen können.
Sie werden sich beim Lesen auch manchmal die Frage stellen, ob das Geschriebene in der Realität, also im wahren Leben überhaupt möglich sein könnte.
Nun, die hier folgende Geschichte ist natürlich fiktiv. Alle enthaltenden Personen, insbesondere Personen der Zeitgeschichte, und damit verbundene Abläufe oder Aussagen, sind dem Sinn dieser Erzählung geschuldet und entsprechen nicht deren wirklichen Ansichten oder Äußerungen. Bis auf die Personen der Zeitgeschichte sind alle übrigen Charaktere frei erfunden.
Es werden hier jedoch Abläufe geschildert, welche an einen Science-Fiction- oder einen Horrorfilm erinnern lassen, welche aber für jemanden, dem Einblicke in diese Materie nicht verwehrt bleiben, überaus realistisch erscheinen mögen.
Ein Teil dieser Geschichte spielt in der Advents- und Weihnachtzeit 2018. Auch wenn Sie das Buch danach lesen sollten, wird es nicht an Spannung verlieren, da diese Episoden auf andere Zeiten übertragbar sind und sich auf Gegebenheiten beziehen, welche Sie anhand der aufgeführten Quellenangaben nachvollziehen können.
Gehen Sie also beim Lesen des Buches von der Annahme aus, dass es sich nicht nur um eine bloße Geschichte handelt oder die Meinung des Autors darstellt, sondern lassen Sie sich einfangen von der Möglichkeit, dass dies hier alles realistisch sein könnte …
Heute war es genau 10 Jahre her, dass sie die Courage aufgebracht hatten alles zu verändern und dem Land eine völlig neue Ausrichtung zu geben. Sie hatten dabei ausnahmslos alles eingesetzt was sie hatten, ihre berufliche Existenz, ihre gesicherte Zukunft, ihre Freiheit, ihre Familien, ja sogar ihr eigenes Leben.
Martin Kosik richtete seinen Krawattenknoten und zog den Kragen seines Baumwollmantels nach oben. Der Wind umspielte, mit fluffigen kleinen Schneeflocken, welche im flackernden Lichtschein der überall getragenen Fackeln zu tanzen schienen die Personengruppe, welche sich vor dem Reichstag versammelt hatte.
„Wer hatte es sich eigentlich ausgedacht, eine solche Aktion mitten im Winter durchzuführen“, hatten sie sich zuvor alle amüsiert und Martin war nicht umhin gekommen, die Schuld hierfür auf sich zu nehmen, denn es hatte niemand daran gedacht, dass man später auch zu dieser Zeit die Jahrestage feiern würde.
Es war kalt, aber wenn sich Martin umblickte sah er Menschen um sich herum stehen, welche in eben diesen Jahren zu Freunden geworden waren und diese Erkenntnis konnte unheimlich wärmend wirken, auch wenn sie ringherum Minusgrade hatten.
Schwere Stiefelschritte, welche durch das Knirschen im Schnee die gesamte Szenerie besonders untermalten, waren zu vernehmen.
Die Zeitspanne war niemandem der Beteiligten so lange vorgekommen, insbesondere wenn man darüber nachdachte, was sie alles in diesen Jahren bewirkt hatten. Man hatte die Migrantenkrise und die Gewaltexzesse in den Griff bekommen, man hatte viele der Abläufe im Land verändert, so dass es allen Menschen besser ging als zuvor. Jugendliche, welche in das Berufsleben starteten, waren nun gut darauf vorbereitet, aber auch Menschen auf der anderen Seite der Lebensskala, im Alter oder in der Pflege, konnten endlich einen menschenwürdigen Umgang erfahren, denn der Dienst am Menschen war priorisiert worden.
Bildung und Aufklärung waren als ultimative Ziele neu definiert worden und manch einem war schmerzhaft bewusst geworden, wie blindlinks man zuvor falschen Personen, Versprechungen und Idealen gefolgt war und dass man damit Wunden in das Volk geschlagen hatte, welche erst die Zeit wieder schließen konnte.
Außerhalb des Landes hatte man hatte neue Partner und Verbündete gewonnen und zusammen mit ihnen die Sicherheit Europas wieder hergestellt. Europa selber war von seinen Bürokraten befreit, und wieder auf eine vernünftige Basis, eine Wirtschafts- und Handelsunion umgestellt worden.
Der Aufbau dieses Fundamentes war dem Mut und der Entschlossenheit von Frauen und Männern geschuldet, welche sich mit Charakter, einem Schuss Kühnheit und einer eigenen Meinung für die Sache eingesetzt hatten, deren Ausgang völlig ungewiss war.
Beim Blick auf seine Freunde empfand Martin eine unbändige Genugtuung über das, was sie alle geleistet hatten. Begriffe wie Würde und Ehre waren diesem Volk zurückgegeben worden.
Demzufolge gab es nun keinerlei Proteste, als die Bundeswehr im Fackelschein vor dem Reichstag, zum großen Zapfenstreich aufmarschierte, denn das Volk hatte eines wiedergewonnen, um was es seit Jahrzehnten betrogen worden war – den eigenen Stolz.
Kapitel 1 Erstkontakt
Kapitel 2 Wer ist Martin Kosik
Kapitel 3 Die Assistentin
Kapitel 4 Das Kölner Ergebnis
Kapitel 5 Die Verflechtung der Medien
Kapitel 6 Code 64
Kapitel 7 Adventszeit
Kapitel 8 Das letzte Weihnachten
Kapitel 9 Eine Meinung, eine von vielen
Kapitel 10 Operation Stauffenberg
Kapitel 11 Aufräumen und Bereinigen
Kapitel 12 Die letzte Ansprache
Die in manchen Textabschnitten der Geschichte aufgeführten Zahlen in Klammern (X) beziehen sich auf Quellenangaben, welche sich im Linkverzeichnis ab Seite → des Buches befinden oder direkt über die Autorenseite: www.thomasvates.de/quellenverzeichnis aufgerufen werden können.
Ein gedämpftes, nur leicht unangenehmes Licht, war das Erste was Martin wahrnahm, nachdem man ihn unsanft in einen Stuhl, der zu Martins wohlwollender Feststellung erstaunlich bequem war, hineingedrückt, und ihm die Augenbinde abgenommen hatte.
Seine Augen gewöhnten sich so langsam daran, die Schleier und einzelne Schemen in Bilder zusammen zu setzen. Das Atmen mehrerer Personen hatte Martin zuvor schon wahrgenommen und es war ihm dabei in Erinnerung gekommen, dass sich all die anderen Sinne schärfen würden, sollte einer von ihnen ausfallen.
Er befand sich in einem langgezogenen Raum, welcher von einem, dem Raum angepassten und wuchtigen Konferenztisch beherrscht wurde. Oberhalb des Tisches schwebte, wie in einem Billardsaal, eine länglichmoderne Halogenlampe, welche zwar die Tischoberfläche ausleuchtete, jedoch die Personen am Rande in einen diffusen und kaum wahrnehmbaren Schatten versetze. Ihn selbst hatte man an der Stirnseite des Tisches platziert.
Obwohl die Situation alles andere als mit Humor zu nehmen war, musste Martin sich innerlich belustigt eingestehen, dass ihm die ganze Aufmachung wie eine Szene aus einem AkteX-Film vorkam und jetzt nur noch der „Krebspatient“ mit einer brennenden Zigarette in der Hand erscheinen müsste.
Als hätte man seine Gedankengänge erahnt erreichte ihn eine Stimme aus dem Schattenbereich mit den Worten: „Nein, wir sind hier nicht bei AkteX und Sie sind nicht Mulder.“
Ein zustimmendes, deutlich amüsiertes Gemurmel erfüllte den Raum und da sich inzwischen Martins Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, konnte er auch sieben Männer erkennen, welche je zu dritt an einer Seite des Tisches, und einer ihm direkt gegenübersaßen.
„Schade“, antwortete Martin, „denn dann würde ja sicherlich auch irgendwo Scully auf mich warten.“
Anhand der Reaktion der Anwesenden konnte Martin feststellen, dass sie seinen Humor teilten.
„Na ja“, antwortete der ihm gegenübersitzende Mann, welcher nach Einschätzung Martins sicherlich um die 65 Jahre alt sein dürfte „wer weiß, was die Zukunft so bringen mag.“ Nach dem Hinweis auf die weitere Zukunft waren alle im Raum verstummt und Martin spürte, dass es jetzt an der Zeit war, auf Ernsthaftigkeit umzuschalten; auch für ihn.
„Erst einmal herzlichen Dank von uns allen, dass Sie sich heute Abend hierherbemüht haben“, begann sein Tischnachbar das Gespräch.
So ganz richtig war dies ja nicht, stellte Martin innerlich fest und dachte dabei an die Augenbinde, aber er selbst war ja schließlich dafür verantwortlich, dass er heute Abend hier saß.
„Mein Name ist Peters“, führte sein Gesprächspartner weiter aus, „und ich bin sozusagen Initiator der hier befindlichen Versammlung.“
Somit war also auch geklärt, wer hier das Sagen hatte und das Alpha-Tier war.
Peters machte auf Martin einen sehr sympathischen, ja sogar väterlichen Eindruck. Er war charismatisch und diese Ausstrahlung wurde durch einen glasklaren und scharfen Blick untermauert, welcher wie das Skalpell eines Chirurgen Martin zu sezieren suchte.
„Aber so ganz richtig ist es ja nicht, denn der eigentliche Initiator sind ja Sie“, worauf Peters Martin in Erinnerung rief, was diesem Gespräch vorangegangen war. Martin nickte fast unmerklich. Ja, er war tatsächlich dafür verantwortlich, dass er sich heute mit dieser Gruppe von Männern traf, ohne zu wissen oder auch nur ansatzweise abschätzen zu können, was dies hier alles für Folgen, auch für ihn persönlich, haben würde. Er wusste nur eins – hier und heute konnte etwas in Schwung gebracht werden, was die Zukunft Deutschlands und der Menschen im Land dauerhaft verändern würde.
Die Sitzung war vorbei. Bundesinnenminister Horst Seehofer hatte gerade den Raum verlassen und Jörg Mävers blickte sich in der aufbrechenden Runde um. Wieder wurde viel gesprochen, aber letztendlich war vieles davon mehr als sinnlos gewesen. Der Innenminister brauchte mal wieder Futter für die Journalisten. Die Journalisten brauchten Futter für ihre Berichterstattung und eine der Aufgaben von Mävers war es gewesen, Informationen so „aufzuarbeiten“, dass man damit die Medien sättigen, und die Bevölkerung beruhigen konnte.
Mävers befand sich in einem fensterlosen Raum im dritten Kellergeschoss des Bundesinnenministeriums. Hier trafen sich regelmäßig, wie auch heute, Vertreter von unterschiedlichen Sicherheitsbehörden für einen Informationsaustausch bezüglich des internationalen und nationalen Terrorismus. Diesen Zusammenkünften hatte man erstmalig im Dezember 2004 einen offiziellen Charakter verliehen und als GTAZ, gemeinsames Terrorismusabwehrzentrum, gegründet. Das GTAZ ist ein Zusammenschluss von Vertretern des BKA, des Bundesamtes für Verfassungsschutz und 40 weiteren polizeilichen und nachrichtendienstlichen Einrichtungen.
Die Hauptaufgabe liegt, neben einem dienststellenübergreifenden Informationsaustausch, in der Verhinderung von terroristisch motivierten Anschlägen in Deutschland. Das sekundäre Ziel war, und dies stellte Mävers immer wieder fest, die Beruhigung der Menschen im Lande durch gezielte Desinformation.
Auch heute war Seehofer, wie seinen Vorgängern zuvor, wieder ein Nachrichtenbündel zusammengestellt worden, mit welchem dieser jetzt hausieren gehen konnte. Wichtig war dabei, die Daten und Zahlen der Vergangenheit zu berücksichtigen, daraus basierend neue Zahlen zu generieren, welche halbwegs glaubwürdig waren und das ganze so zu verpacken, dass der Minister in der Pressekonferenz keinen Schiffbruch erleiden würde.
„Na ja“, dachte sich Mävers, „das Narrenschiff, so wie es von Reinhard Mey schon vor Jahren besungen wurde, hatte schon volle Fahrt aufgenommen, aber niemand wollte den Eisberg direkt voraus erkennen. Wenn die Menschen in unserem Land nur wüssten, dass die gefakten Zahlen von verhinderten Anschlägen, von sogenannten Gefährdern oder Rückkehrern eigentlich um den Faktor drei multipliziert werden müssten um halbwegs an die Realität heran zu gelangen, was gäbe das dann für einen Aufstand? Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast.“, Mävers musste schmunzeln.
Al-Samahi war am Chatten. An dem Chat waren insgesamt zwölf Personen beteiligt, welche sich in unterschiedlichen Ländern befanden, wobei sich drei, wie auch Al-Samahi, in Deutschland aufhielten. Der digitale Austausch, ohne Angst in einer Überwachung aufzulaufen, war problemlos möglich. Dies lag unter anderem dran, dass Handykarten, vorab aktiviert, aus dem Ausland eingeführt worden waren. Bis diese neuen IMEI- oder Telefonnummern in einer TÜ (Telefonüberwachung) oder sonst irgendwo feststellbar wären, würde es lange dauern und bis dahin hätte man die Karte auch schon wieder gegen eine neue Karte ausgetauscht.
Anfangs hätte man über die Schnittstellen von Spielekonsolen kommuniziert, aber warum sollte man es sich selbst so kompliziert machen, wenn die deutschen Sicherheitsbehörden weiter im Tal der Ahnungslosen fischten oder ihnen rechtliches oder politisches Zaumzeug angelegt wurden und sie nicht ermitteln durften; zumindest nicht so, wie sie wollten oder wie es notwendig gewesen wäre.
Das Netzwerk, welches Al-Samahi in Deutschland aufgebaut hatte, funktionierte ähnlich, nur dass die Mitglieder sich immer noch den Umstand zunutze machten, dass Ende 2015, unter Verantwortung von Caritas und Deutschem Roten Kreuz, 50.000 kostenlose und unregistrierte SIM-Karten in Aufnahmeeinrichtungen verteilt worden waren und er und seine Brüder sich dann gleich mit mehreren dieser Karten eingedeckt hatten (1).
Während Al-Samahi darüber nachdachte, wie einfach man es ihnen immer wieder machte, googelte er spaßeshalber nach dieser Aktion. Es war eine Yourfone-Aktion unter Schirmherrschaft von Jens Spahn (MdB, CDU) gewesen, welche 3,5 Millionen Euro gekostet hatte. „War Spahn nicht …? Ja genau, inzwischen Bundesgesundheitsminister.“. Al-Samahi grinste. „Wenn ihr wüsstet, wie viele von diesen Karten bei unseren Leuten angekommen sind.“
„Viermal die Zwo von Hanno!“, dröhnte es aus dem Lautsprecher des BOS-Digitalfunkgerätes. „Wir wollten doch gerade rein, etwas essen und dann den liegengebliebenen Schriftkram der letzten drei Tage aufarbeiten.“ Peter Bruns schüttelte den Kopf. Seine Kollegin, Melanie Blohm, sah den Blick, die darin versteckte Aussage und sank ein klein wenig in den Beifahrersitz des Streifenwagens.
„Viermal die Zwooooo von Hannooooo!“, klang es erneut. Der eigentliche Rufname des Streifenwagens war 22/22, wobei die erste 22 für die Dienststelle stand. Früher war es einmal das 9. Polizeirevier in der Gartenallee in Hannover gewesen. Nach einer Strukturänderung gehörte dies nun zur Polizeiinspektion West.
„Viermal die Zwo von 01. Hanno ruft euch.“
Jetzt stimmte auch noch die eigene Dienststelle in den Funkkanon mit ein, sodass Bruns zum Funkhörer griff und sich meldete:
„Hanno für viermal die Zwo.“
„Hier ist Hanno. Viermal die Zwo. Fahrt in die Lenther Chaussee 137. Anwohner gibt Hinweis auf häusliche Gewalt.“
Peter und seine Kollegin brauchten sich nicht anzuschauen um zu wissen, dass es nun bis auf Weiteres mit der angedachten Pause und der Aufarbeitung des Schriftkrams vorbei wäre.
Das Gespräch hatte mit einer kleinen Vorstellungsrunde begonnen. Martin hörte Namen, welcher er weder zuvor vernommen, noch irgendwo, sei es in der Politik oder der Wirtschaft zuordnen konnte. Zwei Dinge waren ihm jedoch völlig klar: die hier zusammensitzende Gemeinschaft kannte sich schon länger und verfolgte dabei Ziele, welche nicht nur persönlich motiviert waren, dabei vermutlich nicht selten über Recht und Gesetz standen, und er hatte es hier mit Männern zu tun, die über so viel Geld und Einfluss verfügten, dass es ein Leichtes wäre, jegliche Art von Entscheidungen durchzusetzen. „Das waren genau die Richtigen, die das umsetzten könnten, was er als Projekt entwickelt hatte“, schlussfolgerte er, ohne wirklich zu wissen, wie recht er damit hatte.
Mävers musste noch immer an die Sitzung mit dem Bundesinnenminister denken. Solche Präsentationen, solche Gespräche empfand er zunehmend als anstrengend und fruchtlos. Das Ziel, die Bevölkerung über die wahren Gegebenheiten zu täuschen oder wie es so schön in Amtsdeutsch heißt „das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung zu stärken“ und sich dabei williger und schlagzeilenorientierter Journalisten zu bedienen, mag ja in einigen Bereichen sinnvoll erscheinen.
Aber eine dauerhaft angelegte und gezielte Desinformation, welche durch eine vom ehemaligen Justizminister initialisierte Meinungsüberwachung in den sozialen Medien, unter dem Vorwand gegen Hassbotschaften vorzugehen, gestützt wurde, hat nichts mehr mit Recht, Gesetz und Demokratie zu tun, für welche Mävers in den Polizeidienst eingetreten war. Er hatte damals den Grundgedanken eines jeden Polizisten gehegt, welcher voller Stolz das erste Mal die Uniform trug. Er wollte helfen, er wollte für die Schwachen da sein, er wollte die Bösen von der Straße holen.
Ja, das war die Naivität eines 18jährigen, der er damals gewesen war. Er wusste gar nicht mehr, wann ihn die Realität überholt, und seinen Enthusiasmus zerstört hatte. Er war immer mit Herz und Seele Polizist gewesen und hatte sich, in seiner Zeit in der Bereitschaftspolizei als „Blaulichtjunkie“, wie er sich selber nannte, freiwillig zu Einsätzen an den Wochenendnächten einteilen lassen, um mit einer motivierten Truppe, wo sich jeder auf jeden verlassen konnte, mit Blaulicht und Sirene durch die Straßen Hannovers jagen zu können.
Und jetzt? Was war von all dem geblieben? Na klar, er konnte jetzt auf anderer, auf höherer Ebene helfen und versuchen Anschläge, und somit Leid und Tod zu verhindern, aber dafür hatte er auch einen Teil seiner Seele verkaufen müssen, denn auch den Guten da draußen, die es verdient hätten zu wissen was passiert oder passieren wird, konnte er nicht auf das vorbereiten, was in Behördenhinterzimmern bekannt war und vor dem sich alle fürchteten.
Auf diejenigen, welches es in den sozialen Netzwerken wagten, die Dinge so anzusprechen wie sie nun mal waren, ohne Wenn und Aber, oder welche zwei und zwei zusammenzählten und Theorien über die mittel- und langfristige Entwicklung in Deutschland aufstellten, wurden digitalen Blockwarte, eine Art Gedankenpolizei, von arvato, dem Dienstleister von Bertelsmann, angesetzt (2).
Und wer es dennoch wagte mit eigenem Namen für eine Sache einzustehen, welche nicht dem Willen der „politischen Kaste“ entsprach, dem statteten die zum Teil staatliche finanzierten „Einheiten der Linken“, die ANTIFA, einen Besuch ab (3). Selbst Polizeibeamten wurden die Radmuttern an den Fahrzeugen gelöst (4).
Als Kind hatte Mävers den Roman „1984“ von George Orwell gelesen und war beunruhigt gewesen. Vor kurzem hatte der den Film dazu gesehen und musste feststellen, dass mit der Überwachung der eigenen Meinung, mit den manipulierten und zensierten Pressemitteilungen, mit dem ganzen Genderwahn und vielen weiteren Einzelaspekten, die Horrorversion von Orwell eine Mischung aus dem aktuellen Deutschland und der Türkei war. Eine Mischung aus beiden Staatsformen und die 1984-Fiction würde Wirklichkeit.
Noch viel entsetzlicher fand Mävers dabei, dass er seinen persönlichen Teil dazu beitrug, dass sich dieses System genau in diese Richtung entwickelte.
Er machte die Nachttischlampe neben seinem Radiowecker aus, welcher ihn in ein paar Stunden brutal aus dem wenigen Schlaf reißen würde. Eine Nacht durchschlafen? Das konnte er schon lange nicht mehr. Er merkte, wie die zwei Schlaftabletten, welcher er vor ein paar Minuten runtergeschluckt hatte, ganz langsam zu wirken begannen und hoffte, dass er gleich weg wäre und zumindest vorübergehend das vergessen konnte, mit dem er Tag für Tag konfrontiert wurde. Ein letzter Gedanke: „Wann habe ich eigentlich aufgehört Polizist zu sein?“
Der Plan war eigentlich ganz einfach. Schrecken verbreiten und für so viele Opfer wie möglich sorgen. Seitdem die Anzahl der islamistisch motivieren Terroranschläge in Europa zugenommen hatten, versuchte jede einzelne IS-Gruppe sich durch besonders perfide Methoden selber zu glorifizieren und im internen Ränkespiel von Macht und Geldzuwendungen aufzusteigen. Der Irrglaube, dass der Islamische Staat zerschlagen sei, spielte ihnen dabei in die Karten, denn die immer noch vorhandenen Möglichkeiten des IS wurden dabei vollständig unterschätzt. Noch immer bestand eine IS-Führungsebene für externe Operationen.
Je brutaler oder, wenn man dies so ausdrücken konnte, extravaganter die Anschläge durchgeführt wurden, je mehr Tote und Verletzte es zu beklagen gab und je mehr sinnbildliches Blut beim Auseinanderfalten der Zeitungen aus den selbigen hinausfloss, umso mehr finanzielle Unterstützung wurde den IS-Regionalverantwortlichen zugeteilt, welche sie dann nach eigenem Gutdünken einsetzen durften. Dass diese Transaktionen oft über saudi-arabische Konten abgewickelt wurden, war inzwischen mehrfach durch unterschiedliche Nachrichtendienste nachgewiesen worden (5).
Im Gegensatz zu anderen IS-Organisationsleitern investierte Al-Samahi einen nicht unerheblichen Teil des Budgets in die Rekrutierung neuer, vor allem junger Kandidaten.
Al-Samahi war schon seit vielen Jahren mit terroristischen Netzwerken verflochten. Begonnen hatte er, wie viele seiner Wegbegleiter, bei Al-Qaida und war dann über die Al-Nusra-Front zum IS gekommen. Bereits zu Zeiten von Al-Qaida war er erstaunt über die Sorglosigkeit der europäischen, insbesondere der deutschen Nachrichtendienste gewesen, denn er war im Vorfeld von 9/11 als Ansprechpartner für die „Hamburger Gruppe“ eingesetzt gewesen welche, wie sich später herausgestellt hatte, unter Beobachtung des Verfassungsschutzes gestanden hatte. Natürlich dementierte der Verfassungsschutz, aber was sollte er auch anderes tun (6)?
Für Al-Qaida stand es damals jedoch niemals zur Debatte Anschläge in Deutschland auszuführen, denn man hatte sich hier eine eigene Operationsbasis geschaffen, von welcher man international agieren konnte. „Man beschmutzt doch nicht sein eigenes Nest“, war damals die Aussage gewesen.
Auch wenn man offiziell nur wenig Informationen über die IS Netzwerke in Europa hatte, so war es Al-Samahi völlig klar, dass über ihn einiges an Aktenmaterial zur Verfügung stehen musste. Er hatte nur in Ausnahmefällen falsche Identitäten angenommen, denn in seiner Position war es wichtig, dass er immer erreichbar war und jederzeit auch Entscheidungen treffen konnte.
„Herr Kosik“, Martin sah Peters direkt in die Augen. „Sie haben sich, ich sag´ mal so, mit einer Projektidee an Ihren Rechtsanwalt Holzhausen gewandt und Ihnen war bei diesem Gespräch bewusst, dass Herr Holzhausen diese Idee weiterleiten würde.“. Dies war mehr eine Feststellung als eine Frage gewesen, aber Martin nickte.
„Nun gut, dann schildern Sie uns, was Sie sich vorstellen. All das, was hier und jetzt besprochen wird, ist absolut vertraulich und wird, es sei denn wir beschließen in irgendeiner Form tätig zu werden, diesen Raum niemals verlassen. Sprechen Sie ganz offen, egal wie abstrus Sie selber Ihrer Geschichte sehen sollten. Wir hören zu und wir sind alle dazu in der Lage Schlussfolgerungen auch aus unvollständigen Sachverhalten ziehen zu können. Fangen Sie an.“
„Häusliche Gewalt“, wie Bruns das hasste. Er war nun seit über 32 Jahren bei der Polizei und hatte sich demzufolge das bekanntlich „dicke Fell“ zugelegt. Aber bei „Häuslicher Gewalt“ sind fast immer Kinder mit dabei. Er konnte sich noch an einen seiner ersten Fälle erinnern. Damals war er noch während der Ausbildung im Praktikum auf der Dienstelle gewesen. Sein „Bärenführer“ (Ausbilder) und er waren zu einer verwinkelten Wohnung in einem Altbau in Hildesheim gefahren. Nachdem sie geklingelt hatten und die Tür geöffnet worden war, stellte sich sie Szene so dar, dass die Frau eingeschüchtert, mit augenscheinlichen Schlagverletzungen, auf dem Sofa saß. Ihr Freund war bemüht seine Aggressivität, welche wie eine elektrische Spannung den Raum unsichtbar, aber merklich erfüllte, unter Kontrolle zu halten und überall lagen Scherben zwischen Kinderbekleidung und Spielzeug herum.
Eine Nachbarin, welche über den Notruf die Polizei verständigt hatte, teilte mit, dass sich zwei Kinder in der Wohnung befinden mussten. Während sich die zwischenzeitlich eingetroffene zweite Funkstreifenbesatzung um den Schläger und die Sachverhaltsaufnahme gekümmert hatte, hatte Bruns nach den Kindern gesucht.
Und er hatte sie, im letzten Raum der 5-Zimmer-Wohnung, zusammengekrochen unter dem Bett gefunden. Nackte Angst war in ihren Blicken zu erkennen gewesen. Froh war Bruns damals nur gewesen, dass aufgrund seines Berichtes an das Jugendamt die Kinder aus der Familie genommen worden waren, da sich im Nachgang feststellen ließ, dass seine Kollegen schon mehrfach vor Ort gewesen waren. Zusammen mit den festgestellten Verletzungen bei den Kindern und den Aussagen der Nachbarn hatte es ausgereicht, die Kinder nach einiger Zeit in einer Pflegefamilie unterbringen zu können.
Er hasste Typen, welche saufen und Frauen und Kinder schlagen. Er hasste Einsätze mit „Häuslicher Gewalt“ und er hasste diese Justiz, welche den Tätern immer wieder neue Chancen und positive Zukunftsprognosen einräumte, während die Opfer ihr Leben lang unter den psychischen Folgen der Taten zu leiden hatten.
Wie erwartet war der Übergang vom Schlaf- in den Tagesbetrieb für Mävers sehr hart. Unbarmherzig hatte ihn der Wecker aus der nächtlichen Flucht vor dem Alltag herausgerissen. „04:27 Uhr. Mist.“. In gut einer Stunde war sein heutiger Dienstbeginn. Ein 12-Stunden-Tag, welcher ihm heute bevorstand, ist schon heftig, aber da der Ablauf des letzten Termins nicht kalkulierbar war, konnte es auch noch länger werden.
„Alles zum Wohl und zum Schutz der Bürger“, munterte er sich selbst bei der Betrachtung seines Spiegelbildes, welches ihn recht zerknittert und brutal ehrlich anschaute und er dabei bemerkte, dass Sarkasmus zu seinem ständigen Wegbegleiter geworden war. Früher, ja früher hatte er alles noch anders durchdacht, hatte Pläne geschmiedet und die Hoffnung gehabt, wie die üblichen Spießer Frau, Kinder, ein Heim und einen Hund zu haben.
Leicht spöttisch schnaubte er ein wenig Rasierschaum aus der Nasenöffnung. „Ja, das waren einmal seine Pläne gewesen“, und er beneidete diejenigen, welche sich so eine Idylle aufbauen konnten.
„Polizistenehen gehen zu ca. 50 Prozent kaputt“, hatte man ihm schon in der Ausbildung erzählt, dennoch hatten sie es gewagt. Janette. Trotz des Berufes, trotz Schichtdienst, trotz vieler kleinen Schwierigkeiten waren sie über vier Jahre lang miteinander verheiratet gewesen. Sie waren gerade dabei sich nach einem Haus umzuschauen und sich für die Zukunft ein Nest zu bauen, denn Janette war schwanger und sie erwarteten ein kleines Mädchen.
Sein Blick ging zu dem Regal im Wohnzimmer, wo gleich daneben sein Schlüsselbund lag, welches er ergriff und Richtung Wohnungstür ging. Er drehte sich noch einmal um und zog dann beim Hinausgehen die Tür zu, während er wie jeden Tag die beiden Bilder aus dem Regal noch vor seinen Augen hatte. Das Bild seiner Frau und das Ultraschallbild seiner Tochter, welche dort nebeneinander standen und einen schwarzen Trauerflor trugen.
Der Diesel surrte leicht. Die Vibrationen, welcher von dieser großen Maschine ausgingen, konnte Martin nur deshalb spüren, da er seinen Kopf leicht an Scheibe der gepanzerten Limousine gelegt hatte. Er war auf dem Rückweg und seit ein paar Minuten hatte er auch die Augenbinde abnehmen dürfen. Der Mercedes schwebte fast auf der kaum befahrenen Autobahn dahin und, obwohl sich Martin sonst für eine solche Technik interessierte, hing er in Gedanken dem Gespräch hinterher, welches er gerade verlassen hatte. Tausend Gedanken schwirrten durch seinen Kopf und eines seiner Talente, Sachlagen aus unterschiedlichen Blickwinkeln nicht nur beurteilen, sondern auch deren mögliche Entwicklung geistig durchspielen zu können, wurde ihm gerade zum Verhängnis. Er konnte nicht abschalten. Nach diesem Treffen überlegte er sich die weiteren Abläufe, verwarf diese wieder um dann zum wiederholten Male vom Neuen zu beginnen.
„Wie geht es jetzt weiter? Welche Entscheidungen trifft diese Gruppe? Welche Möglichkeiten haben sie?“, und dann war er auch schon bei den genaueren Planungen und Umsetzungen. Beim Autofahren konnte er am besten nachdenken und er würde gleich, wenn er von dem Fahrer abgesetzt worden war, sich selber hinters Steuer setzen und bestimmt noch zwei Stunden durch die Gegend fahren. An Schlaf war jetzt sowieso nicht zu denken.
Kosik war gerade abgefahren. Peters sah in die Runde der Männer, welche er zum Teil schon seit Jahrzehnten kannte. Mit zwei von Ihnen hatte er sogar schon als Kind zusammengespielt, da ihre Eltern befreundet gewesen waren. Alle in dieser Runde verband ein tiefer Zusammenhalt und ein Vertrauen, welches weit über Kameradschaft hinausging. Das Leben hatte sie zusammengeschweißt.
Hinzu kam, dass alle über Möglichkeiten verfügten, welche in dieser Form niemand sonst aufweisen konnte. In Deutschland wurde immer von den „mächtigen Medienfamilien“ wie Mohn, Springer, Burda und vielen weiteren gesprochen. „Diese öffentlichen Familien waren nichts im Vergleich zu dem, was den Kern ihrer Gruppe symbolisierte“, hatte Peters einmal ihre Zusammenkunft bezeichnet. Natürlich ging es ihnen auch um wirtschaftliche Interessen, aber das war nicht ihr Hauptziel.
Sie alle gehörten noch zu den Menschen, denen das Wohl anderer nicht unwichtig war. Sie engagierten sich in karitativen Einrichtungen, unterstützen soziale Projekte, hatten Ideale und waren Patrioten. Für sie galt ein gegebenes Wort und sie brauchten keinen schriftlichen Vertrag, denn ein Handschlag genügte.
Den Werteverfall, die politischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte, insbesondere der letzten Jahre, die Verrohung und Verdummung dieser Gesellschaft hatten sie immer besorgter zur Kenntnis genommen und trotz ihrer Möglichkeiten hatten sie keine Lösung gefunden, dem entgegenzuwirken. Das dies, was hier spätestens seit 2015 ablief, nicht mehr mit politischen Mitteln zu lösen war, war ihnen allen bewusst geworden.
Aber nachdem sich nun gezeigt hatte, was man schon in der 80er Jahren befürchtet hatte, dass Sicherheitsorgane durch kriminelle Banden und arabische Clanstrukturen unterwandert werden (7), waren sie zutiefst verunsichert. Das vieles bei der Polizei und der Bundeswehr im Argen lag war bekannt, aber letztendlich hatte man diesen Behörden noch pauschal ein Vertrauen entgegengebracht, welches aus ihrer Sicht schon lange verfallen war.
Nicht nur die Grundwerte des Landes standen auf dem Spiel. Es kam zu immer mehr gewalttätigen Übergriffen, ja sogar Morden und Politik und Medien hatten nichts Besseres zu tun, als zu relativieren und einen destruktiven Aktionismus an den Tag zu legen.
Dank einer von oben gelenkten Politik, welche Einfluss auf alle Ebenen der Justiz und Verwaltung hatte, hatten die Menschen Angst. Berechtigte Angst, denn selbst die großen Medienkonzerne konnte bei der Vielzahl der Vorfälle die Aktionen von sogenannten „Einzeltätern“ oder „verwirrten Personen“ nicht mehr totschweigen. Menschen, welche nie zuvor mit Straftaten konfrontiert gewesen waren, wurden jetzt plötzlich Opfer von Gewalt, von Übergriffen, von Sexualdelikten oder von Messerangriffen. Und wenn diese sich dann in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis umhörten, konnten sie feststellen, dass sie keine Einzelfälle waren.
Das „Bundeslagebild Kriminalität im Kontext von Zuwanderung 2017“ vom BKA hatte nur für das Jahr 2017 insgesamt 289.753 Straftaten ausgewiesen, welche niemals stattgefunden hätten, wären die Grenzen geschlossen gewesen. 289.753 Straftaten mit Täterbezug. Wie hoch mag die Dunkelziffer ohne Täter gewesen sein?
Die Gruppe um Peters hatte sich zum Ziel gesetzt alle ihre Möglichkeiten dafür einzusetzen, um diese unsägliche Politik zu beenden. Die Kanzlerin musste aufgehalten werden. Um jeden Preis.
Es war Freitagabend. Al-Samahi kam gerade aus dem Freitagsgebet. Er wechselte regelmäßig die Moscheen, denn er war sich nicht sicher, welche davon vom Verfassungsschutz beobachtet wurden.
Vor dem Verfassungsschutz hatte er keine Angst. Wie dieser Dienst arbeitet, hatte man ja in Hamburg gesehen und der niedersächsische Verfassungsschutz war da sicherlich keinen Deut besser. Außerdem, Al-Samahi musste innerlich grinsen, „außerdem hatte er jemand in einer der Observationsgruppen, welcher ihn regelmäßig mit Informationen versorgte.
So wusste Al-Samahi bereits Anfang 2016 davon, dass der Verfassungsschutz Abu Walaa und die Hildesheimer Moschee im Visier hatte (8). „Manchmal muss man halt einen Soldaten opfern, wenn es um ein größeres Ziel gehen würde“, hatte Al-Samahi sich selbst gegenüber gerechtfertigt, dass er seinen Bruder nicht über die Observierung und die weiteren Aktionen informiert hatte. Der Verfassungsschutz hatte einen, eher fragwürdigen Erfolg, schaffte es jedoch, sich gut zu präsentieren und Politik, Medien und Bevölkerung davon zu überzeugen, wie effektiv er arbeiten konnte. Und er, Al-Samahi, konnte sich sicher sein, dass seine Planungen weiterhin ungestört verlaufen würden.
Martin Kosik war 53 Jahre alt. Ein Alter, was man ihm weder ansah, noch welches er selbst spürte. Na ja, manchmal schon, gestand sich Martin selber ein, wenn er mal wieder zu sportlich sein wollte. Altersbedingt funktionierte es nicht mehr „ganz so gut“ wie damals, als er in den 90ern in Hannover seinen ersten Marathon gelaufen war. Nichtsdestotrotz ging er auch jetzt noch, teils morgens im Dunkeln, auf eine seiner drei Joggingstrecken welche, abhängig von seinem morgendlichen Laufgefühl, entweder 4, 8 oder 11 Kilometer umfassten.
„Tja, damals“, Martin seufzte. Damals befand er sich noch in der Bereitschaftspolizei (BePo) Hannover, in einer der beiden Einsatzhundertschaften. Er war damals, wie er sich selbst gern nannte, ein „Vollblutpolizist“ gewesen. Jung, dynamisch und motiviert. Seine weitere berufliche Laufbahn war dann nicht so glatt verlaufen, wie er es sich ursprünglich gedacht hatte und führte später auch zum Ausscheiden aus dem Polizeidienst.
Nein, er hatte keine silbernen Löffel gestohlen oder einen Fehler gemacht, aber die damaligen Umstände führten dazu, dass er sich in die freie Wirtschaft umorientiert hatte. Nach einer weiteren Veränderung hatte er dann eine eigene Sicherheitsfirma gegründet. Somit konnte er nun auf über 25 Jahre Erfahrungen im behördlichen wie auch privaten Sicherheitsbereich zurückblicken.
Bereits als Polizeibeamter hatte er vieles nicht nachvollziehen können, denn kaum eine andere Berufsgruppe nimmt die Realität, das Leben so ungeschminkt und brutal wahr, wie dies Polizisten tun.
Umso schlimmer ist es dann, wenn man weder seitens der Politik, noch von eigenen Vorgesetzten einen Rückhalt bekommt. Dem normalen Bürger machte Martin keinen Vorwurf. Der normale Bürger kann sich nicht vorstellen, mit was für Abgründen menschlichen Verhaltens man es tagtäglich zu tun hat. Sein Vorwurf galt den damaligen Vorgesetzten im gehobenen und höheren Dienst. Diese wussten was sich auf der Straße ereignete, aber sie taten weder etwas dagegen, noch hatten sie den Mut es anzusprechen.
Die unteren Dienstränge im gehobenen Dienst trauten sich nicht, die höheren Dienstränge im gehobenen Dienst trauten sich noch viel weniger, da man ja schon so weit gekommen war und seine eigene Karriere nicht gefährden wollte und der höhere Dienst … beim höheren Dienst handelte es sich um politische Beamte, welche viel zu oft nach dem Motto fungierten: „Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing.“
Solchen Personen konnte Martin nur absolute Verachtung entgegenbringen. „Wann hatten diese denn aufgehört Polizeibeamte zu sein? Wann hatten sie das, wofür sie als Polizeibeamte einstehen wollten, ihre Werte, ihre Moral und ihr Gewissen gegen ein Parteibuch eingetauscht?“
„Und dann hatte man eine zweigeteilte Laufbahn eingeführt, welche man falscher nicht hätte umsetzen können. Sicherlich war es richtig gewesen, den normalen Polizeidienst in den gehobenen Dienst zu setzen, aber doch nicht so. Erfahrende Beamte, so sie denn nicht aufgrund des Alters über einen Bewährungsaufstieg in den gehobenen Dienst gelangten, mussten dann, um nachher dasselbe machen zu können wie zuvor, ein dreijähriges Studium auf sich nehmen. Diejenigen, welche keine Fachhochschulreife hatten, mussten diese durch ein weiteres Jahr nachholen. Im Gegenzug kamen dann die „Kinderkommissare“. Martin nannte sie immer so, dann da kam eine junge Generation, welche schulisch oft schon politisch indoktriniert worden war, direkt über ein Studium in den Dienst und wollte den alten Hasen erzählen, was richtig wäre.
Während es zuvor eine vernünftige und praxisnahe Ausbildung gegeben hatte, kam jetzt eine Theoretikergeneration. „Und irgendwelche Idioten hatten denen eingebläut, dass sie jetzt etwas Besseres wären, dass sie jetzt die Offiziere sind, die das Sagen haben.“
Bei diesem Gedanken wurde Martin richtig sauer.
„Keine Ahnung von Polizeiarbeit, aber passend zu dem was auch in den Bereichen Verwaltung und Justiz seit Jahren gang und gäbe ist, wurden Theoretiker nachgezüchtet. Kein Wunder, dass es in allen Bereichen immer mehr praxisferne Entscheidungen gab.“
Mittlerweile, so hatte Martin durch einige seiner Kontakte zur Polizei erfahren, werden die neuen Polizeianwärter nur noch verhätschelt und gepampert. Sie sind oft völlig verweichlicht und sobald ihnen etwas nicht passen sollte oder man so mit ihnen umgeht, wie es sich bei solchen Einheiten grundsätzlich gehört, sitzen sie beim Personalrat auf dem Schoss. Es soll sogar Fälle gegeben haben, bei denen sich diese Beamten geweigert hatten, eine Aufgabe auszuführen mit der Begründung, dass sie dafür nicht studiert hätten.
Wenn sich Martin nun mit älteren Beamten, zu denen er immer noch Kontakt hatte, unterhielt, wurde ihm immer wieder gesagt, dass dies nicht mehr die Polizei wäre, für die sie einst die Uniform angezogen hatten.
Es waren zwei Wochen nach dem Gespräch mit Peters und der Gruppe vergangen. Man hatte ihm gesagt, dass es einige Zeit dauern würde, bis man sich wieder bei ihm melden würde. Dies hätte nichts mit ihm, sondern mit der Situation zu tun, dass man alles Besprochene genau auswerten und selber überlegen und abschätzen müsse, ob und wie es weitergehen würde.
Natürlich brannte es Martin unter den Fingernägeln zu erfahren, wie man seinen Vorschlag aufgenommen hatte. Ruhig zu bleiben fiel ihm dabei recht schwer, aber er hatte keine andere Möglichkeit als abzuwarten, denn der Kontakt würde nur von der anderen Seite aufgenommen werden, wenn überhaupt.
Martin dachte nach. Nicht dass dies etwas Ungewöhnliches wäre, aber er dachte zielorientiert nach und dies konnte er, wenn er seinen Wagen durch die Gegend chauffierte. Häufig war es so gewesen, dass er dann nach 2-3 Stunden sinnloser Fahrt ein Problem gelöst oder zumindest soweit durchdacht hatte, dass er anschließend auf alle Eventualitäten vorbereitet gewesen war. Bei diesem Thema, bei welchem er, sollte es tatsächlich akut werden, keinen großen Einfluss auf die Abläufe haben würde, war er jedoch abhängig von den Eingebungen Dritter. Das ärgerte ihn. Abhängigkeit von anderen oder keine Kontrolle zu haben, das war nicht seine übliche Arbeitsweise, aber es war ihm bewusst, dass ein anderer Ablauf nicht möglich war. Bewusst war ihm jedoch auch, dass er einen großen Teil des späteren Ablaufes übernehmen würde und dass sich somit auch sein Leben grundlegend verändern würde. Er war sich jedoch absolut sicher, dass sein Mitwirken die Erfolgschancen erhöhen würde, denn er war ein Perfektionist und überließ wenig bis gar nichts dem Zufall.
C
Seehofer tobte. Aus dem bayrischen Urgestein brach es heraus und entgegen seinem, sonst zu disziplinierten Verhaltens in der Öffentlichkeit und besonders den Medien gegenüber, bedachte er jetzt nicht jedes Wort, welches er aussprach.
Die außerordentliche Sitzung hatte um 22:00 Uhr, am 29.05. im Innenministerium begonnen. Mävers stand in Kontakt zu, wie es in Amtsdeutsch heißt, „befreundeten Diensten“. Man hatte kurzfristig die Information aus dem Ausland erhalten, dass die linksgerichtete ANTIFA zum 01. Mai Polizeikräfte nach Berlin locken wollte, um dann dort, wie auch in anderen Städten relativ friedlich aufzutreten, jedoch an einer bisher nicht bekannten Stelle eine „große Aktion“ zu starten.
Wieder einmal kamen die Informationen aus dem Ausland und wieder einmal fragte sich Mävers, warum eigentlich die eigene Aufklärung nicht dazu imstande gewesen war, selbst an diese Informationen zu gelangen?
„Wie dem auch sei“, dachte er. Wichtig war nur, alles aufzuarbeiten und Maßnahmen zu ergreifen, um diese „große Aktion“ noch rechtzeitig verhindern zu können.
Normalerweise wäre dies nicht Aufgabe des GTAZ gewesen, aber nach den G20-Krawallen in Hamburg aus dem Vorjahr und unter dem Einfluss von Seehofer als neuem Innenminister, gab es eine neue Bewertung der ANTIFA. Während sich die Polizei beim G20-Gipfel auf der Straße zurückgezogen hatte und das SEK eingesetzt worden war, welches nur unter Androhung eines Schusswaffengebrauches die Lage unter Kontrolle bringen konnte, wurde die ANTIFA nun in Teilen nicht mehr als linksextremistisch, sondern als linksterroristisch eingestuft.
Und da die Informationen direkt beim GTAZ aufgelaufen waren, hatte Mävers seinen geplanten Abend kurzfristig umdisponieren müssen. „Wieder einmal“, wie er resignierend feststellen musste.
Mit den Planungen und den Einsatzrichtlinien für den 01. Mai waren sie alle gerade fertig geworden. Die entsprechenden Handlungsanweisungen und Befehle würden in den nächsten Stunden herausgehen und gerade wollte sich die zusammengetrommelte Gruppe erheben und sich nachhause aufzumachen, als nun ein Vertreter vom Innenminister den Raum betrat, während dieser, laut schimpfend, zu seinem Büro ging. Es war 03:20 Uhr.
„Ellwangen, wisst ihr, wo Ellwangen liegt?“. Alle zuckten mit den Schultern.
„Das ist auch völlig egal; liegt übrigens bei Aalen. Dort hat gerade ein Mob von Schwarzafrikanern in einer Flüchtlingsunterkunft nicht nur die Abschiebung eines Schwarzen verhindert, sondern sie haben die Polizei angegriffen. Die Beamten mussten ihn, obwohl er schon Handschellen auf dem Rücken hatte, wieder frei lassen, denn sonst hätte man sie überrannt.“ (9)
Die Runde blickte sich gegenseitig an. Dies war nur eine der Befürchtungen für die Zukunft, dass sich gleichzeitig ein Mob organisierte, welcher dann plündernd und mit Gewaltexzessen begleitet, durch die Straßen ziehen, und sich einer Polizei entgegenstellen würde, welche keine Chance hatte. Neben terroristischen Aktionen sind das genau die Szenen, welche sie voraussahen und welche ihnen Unbehagen bereiteten.
Mävers sah die Blicke der anderen und konnte seine eigenen Gedanken in ihren Augen lesen.
„So wird es irgendwann beginnen, denn wir haben uns eine Besatzungsarmee hier hineingeholt, welche über keinerlei Moral, keinerlei Rücksicht, keinerlei Menschlichkeit verfügt. Und diese haben wir dann auch noch unter der Bevölkerung verteilt und dezentral untergebracht“, war eines der unausgesprochenen Geheimnisse, welches viele in der Runde dachten.
Neben der dem Geschehen in Ellwangen regte den Vertreter Seehofers aber auch noch etwas anderes auf. Seit Minuten versuchte er Kretschmann, den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg ans Telefon zu bekommen, was ihm jedoch nicht gelang. Mit den Worten: „Typisch Grüne, verantwortlich sein wollen, aber keine Verantwortung übernehmen können“, verließ er den Raum.
Der Anruf kam, als er gerade durch Braunlage im Harz fuhr. Die Nummer im Display war unterdrückt.
„Kosik“, Martin meldete sich. Entweder hatte sich jemand verwählt, denn alle seine Kontakte übermittelten bei ihren Anrufen die jeweilige Nummer oder es war der Anruf, auf welchen er die ganze Zeit über gewartet hatte.
„Peters, hallo Herr Kosik.“
Obwohl der Anruf von Martin schon lange herbeigewünscht wurde, zuckte dieser innerlich zusammen und in Sekundenschnelle spannte sich jede Faser in seinem Körper an. Kurz vorher hatte er unbemerkt wahrgenommen, dass er sich einem Parkplatz näherte und er setzte ohne nachzudenken den Blinker und ließ seinen Wagen auf dem Parkplatz ausrollen.
„Wie geht es Ihnen?“
Eine Frage, welche Martin, wenn er ganz ehrlich zu sich sehr war, gar nicht so recht beantworten konnte. Er wollte, dass endlich etwas passieren sollte, dass eine Entscheidung gefällt wird, egal wie diese aussehen würde.
„Schlechten Menschen geht es immer gut“, war seine Standardantwort. „Na, na, das mag´ ja auf viele zutreffen, aber sicherlich nicht auf Sie“, war aus den Lautsprechern der Freisprechanlage zu vernehmen und Martin meinte, das Schmunzeln des Gegenübers auch hören zu können.
Da war es wieder, ein unbestimmtes Gefühl einer Vertrautheit, welche gar nicht hätte sein dürfen. Eine Vertrautheit, welche sich sicherlich aus den gemeinsamen Zielen ableiten ließe, aber die irgendwie durch die persönliche Sympathie bestimmt war, welche sich durch ihre gegenseitige Empathie zu entwickeln begann.
„Wie sieht es aus? Haben Sie sich Gedanken gemacht? Wollen Sie weitermachen?“
Ein sarkastisches Lächeln umspielte Martins Lippen: „Jetzt waren Sie zu schnell. Genau diese Fragen wollte ich Ihnen stellen.“ „Ich sehe schon, wir verstehen uns.“
Dies war nicht als Frage, sondern als eine Feststellung gemeint und, obwohl dies niemand sehen konnte, nickte Martin merklich. Oh ja, er hatte sich Gedanken gemacht und war schon lange dazu bereit, sich hierzu weiter auszutauschen.
„Ich denke schon. Aber wie geht es nun wirklich weiter?“
Martin mochte keinen Smalltalk und er wollte endlich hören, dass man seine Idee für gut befunden hatte und dass nun die weiteren Schritte folgen würden.
„Gemach junger Freund. Wir sind ein Club älterer Herren und wie Ihnen vermutlich schon Ihr Großvater gesagt hat: so schnell schießen die Preußen nicht.“
Es folgte eine Gedankenpause: „Wir sind uns alle einig, dass wir den nächsten Schritt mit Ihnen gehen möchten. Und dazu bedarf es eines weiteren Treffens. Was machen Sie morgen Vormittag?“
Nachdem sie sich darüber ausgetauscht hatten, dass sie sich am Folgetag in Hannover treffen wollten und sie Ort und Zeit abgesprochen hatten, wurde das Telefonat beendet. Die aufgebaute Spannung viel von Martin ab. „Es geht weiter. Wie? Ich weiß es nicht, aber es wird weitergehen, das ist die Hauptsache.“
Langsam rollte der Passat wieder an und das dabei entstehende Geräusch, wenn sich die Reifen knirschend auf den kleinen Schottersteinen des Parkplatzes abrollten, sowie die veränderte Tonlage beim Übergang zur Asphaltdecke des normalen Straßenbelags, nahm Martin genauso wenig wahr wie die anschließende Fahrt über die kurvige, felsige und baumgesäumte Bergstraße, welche sich entlang der abfließenden Innerste schlängelte.
Mävers saß seiner Chefin gegenüber. Das schmucklose Büro, in welchem nur ein ca. 1,8 m hoher Gummibaum und ein Schreibtischkaktus von der vorherrschenden Arbeitsatmosphäre ablenkten, befand sich im zweiten Stock des Bundesinnenministeriums. Gundula Breitscher leitete als Regierungsdirektorin, in der Sektion II (Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit), die übergeordnete Abteilung für die Bundespolizei im BMI.
Sie und Mävers kannten sich schon seit mehr als 15 Jahren und im Laufe der Zeit hatte sich eine Vertraulichkeit entwickelt, welche über die beruflichen Bereiche hinausging. Auch wenn es natürlich einen Unterschied aufgrund der Dienstgrade und Funktionen gab, so kam es auch immer wieder zu einem privaten Austausch und beide hatten festgestellt, dass sie in ihren Ansichten so ziemlich auf derselben Wellenlänge lagen. Als Mävers Frau Janette und seine ungeborene Tochter gestorben waren, hatte Gundula zu ihm gestanden und ihn der schweren Zeit unterstützt. Das hatte die beiden zu mehr als nur Kollegen miteinander verbunden.
Nun saß Mävers ihr zum wiederholten Male gegenüber und hatte gleich beim Betreten des Büros festgestellt, dass dies heute kein Routinebesuch werden würde. Er wusste nicht wieso, aber anhand des ihm entgegen geworfenen Blickes würde dies heute anders werden als sonst.
„Jörg“, begann sie, nachdem sie sich an ihren runden Arbeitstisch gesetzt hatten, das Gespräch auffallend leise und bedacht. In ihrer Position musste sie mit Worten spielen können und dabei aufpassen, nicht die falschen Formulierungen zu verwenden, da es immer wieder Aasgeier und Neider gab, welche darauf sofort angesprungen wären. Sie hatte gelernt sich nicht angreifbar zu machen, aber Mävers und sie sprachen seit Jahren völlig offen miteinander.
Deshalb war Mävers erstaunt, insbesondere als sie nach der Anrede fragte: „Seit wann kennen wir uns eigentlich?“ „Seit gut 15 Jahren, aber das war sicherlich nicht die Antwort, welche Du haben wolltest.“
Mävers konnte den Anflug eines Lächelns in ihren Gesichtszügen erkennen, welche sonst immer gut situiert und wie aus Stein gemeißelt erschienen.
„Ja“, sagte sie, „und fast schon seit Beginn sind wir befreundet.“
Mävers nickte zustimmend.
„Was ist los? Wenn Du so anfängst, und so hast Du noch nie angefangen, dann muss etwas passiert sein. Egal was es ist, Du weißt, Du kannst Dich auf mich verlassen“, und nach einer kurzen Gedankenpause fügte er hinzu „und egal was es ist, ich kann meine Klappe halten, das weißt Du auch.“
Das wusste sie. Sie hatten mehr als einmal über Dinge gesprochen, welche der Geheimhaltung unterlagen und sie hatte niemals daran gedacht, dass Mävers dies weitertragen könnte. Loyalität und Verschwiegenheit waren ihre gemeinsamen Attribute.
„Ich weiß, dass ich Dir voll und ganz vertrauen kann. Du bist der Einzige, mit dem ich mich hier überhaupt austauschen kann ohne Angst haben zu müssen, dass mir meine Worte im Mund umgedreht werden.“
Ihm war klar, worüber sie sprach. Sie war schon mehrmals „nach oben“ zitiert worden, da sie mit ihrer Meinung angeeckt war. Sie hatte eine eigene Meinung, eigene Ansichten und ließ sich durch politische Vorgaben oder Heucheleien nicht biegen. Dies war mit ein Grund dafür, dass Mävers sie besonders schätzte, denn die meisten, mit denen auch er zu tun hatte, gaben ihre eigene Meinung zusammen mit ihrem Gewissen morgens beim Pförtner ab.
„Wie beurteilst Du das, was hier in unserem Land momentan abläuft? Da Du ja für die Bundespolizei zuständig bist, bekommst Du viele Informationen ungefilterter, als ich sie dann aufbereitet von anderen Stellen erfahre.“
Mävers sah sie an. Auch er hatte eine eigene Meinung, welche von seiner Chefin nicht minder geschätzt wurde und deshalb antwortete er auch ganz offen: „Wir haben ein riesengroßes Problem – neben der Person der Kanzlerin.“
Auch wenn die Situation alles andere als amüsant war, so mussten doch beide lachen, denn sie liebten den „schwarzen Humor“. Einen Humor, da stimmten sie beide in Ihren Ansichten überein, welchen man früher, in den 80ern, noch haben durfte und für den man heute ans Kreuz geschlagen werden würde.
„Also abgesehen von der gewissen Dame und ihren Helfershelfern in Politik und Medien haben wir keinen funktionsfähigen Rechtsstaat mehr. Die „Rohheitsdelikte“, damit waren Tötungs- und Sexualdelikte, Körperverletzungen, Angriffe mit Waffen gemeint, „nehmen immer mehr zu. Auch wenn die gerade veröffentliche PKS (Polizeiliche Kriminalstatistik) über weniger Straftaten im Vergleich zum Vorjahr berichtet, so haben wir immer mehr Opfer zu beklagen, welcher früher niemals daran gedacht hätten, selbst zum Opfer zu werden. Die PKS stimmt hinten und vorne nicht, denn sie erfasst nur die tatsächlich angezeigten Straftaten. Laut BDK (Bund Deutscher Kriminalbeamter) wird jedoch nur jede 14 Straftat angezeigt.“ (10)
Mävers holte Luft und führte weiter aus: „Wenn ich mich richtig an das gerade veröffentliche „Bundeslagebild Kriminalität im Kontext mit Zuwanderung“ erinnere, liegt die Quote bei nicht deutschen und zugewanderten Tatverdächtigen bei knapp 39 Prozent (11). Wie viele Deutsche mit Migrationshintergrund eigentlich noch dazu kommen ist nicht bekannt, aber die würden die Quote noch ganz schön nach oben treiben. Diese Personen werden aber in dieser Auflistung nicht erfasst. Aber was soll man von einer Statistik halten welche aussagt, dass bei den Tatverdächtigen im BTM-Bereich nur 5% Zuwanderer sein sollen, wo man doch in vielen Städten, an jeder zweiten Straßenecke, beim Neger Koks, beim Kurden Heroin und beim Algerier Hasch kaufen kann?“
Michael hieß er. Mehr wollte Al-Samahi auch gar nicht wissen. Dieser komische Michael war ihm letzte Woche in der Moschee in Hannover vorgestellt worden und verkörpert genau das, was Al-Samahi nicht verstehen konnte. Jemanden, der so verblendet und so voller Hass gegenüber seinem eigenen Land und seinem eigenen Volk war, dass er dazu bereit war, dieses mit allen Mitteln zu bekämpfen.
Al-Samahi schüttelte den Kopf. Der Typ hatte bisher nichts auszustehen. Er war als Einzelkind wohlbehütet aufgewachsen und hatte alles gehabt, was sich Al-Samahi einst für seine eigene Familie erträumt hatte – im übertragenen Sinne, auf die Lebensumstände in seinem Heimatland umgemünzt. Michael hatte ihm erzählt, dass er schon in der Schule gerne auf die Lehrer gehört hatte, welche gegen Deutschland gewettert, und immer erzählt hatten, dass die Deutschen die Schuldigen für die vielen Toten im 1. und 2. Weltkrieg gewesen waren und wie sie noch heute, als reuige Sünder, dafür Abbitte zu leisten hätten. In dieser Zeit hatte sich Michel erst kirchlichen Gruppen und dann der Linken Szene angeschlossen. Er hasste den Staat, er hasste die Polizei. Er wollte mehr, er wollte Teil von etwas sein, was sich gegen dieses System auflehnte.
Nachdem ihm die normalen linken Studenten, mit denen er zusammen Jura in Göttingen studiert hatte, nicht radikal genug erschienen, hatte er nach einem längeren Anlauf endlich Kontakt zu der Antifa bekommen. Mit seinen extremen Ansichten fiel er dort relativ schnell auf und gelangte in einen inneren Zirkel, welcher sich mit tatsächlichen Aktionen beschäftigte.
So nahm auch Michael an den ersten gewalttätigen Ausschreitungen in Berlin, Dresden und Hamburg teil und war nach seinem eigenen Verständnis stolz darauf gewesen, nach PEGIDA-Umzügen harmlose Teilnehmer „wegzuklatschen“. Als von zu Hause subventioniertem Studenten freute es ihn natürlich, dass man für solche Aktionen eine Aufwandsentschädigung bekam (12) und sogar Räumlichkeiten vom DGB für eigene Veranstaltungen zur Verfügung gestellt wurden (13).
Natürlich war er beim G20-Gipfel im Juli 2017 in Hamburg mit dabei gewesen. Das hatte ihm Spaß gemacht und der Geruch von, in der Luft hängenden Rauschwaden abgebrannter Pyrotechnik, dem Gummigestank brennender Autoreifen, gemischt mit einer pfeffrigen Beimischung vonseiten der Polizei, hatten ihm einen Kick gegeben, welchen er gerne wiederholen wollte. Man hatte ihn nicht erwischt, auch nicht als er mit einer Stange auf einen Streifenwagen eingeschlagen hatte. Er war ja nicht so blöd gewesen, sein Gesicht offen zu zeigen. So hatte er sich in der Szene gerühmt.
Aufgrund seines Cannabiskonsums hatte er dann Rafik Saifi in einer Shisha-Bar kennengelernt. Saifi war ein gläubiger Muslim und brachte Michael, nachdem er gemerkt, dass ihre Gespräche auf fruchtbaren Boden gefallen waren, die Regeln und Verheißungen des Koran, aber auch den Umgang mit Ungläubigen tiefgreifend näher. Michael war davon fasziniert und auf Empfehlung Saifis schaute sich Michael Videos mit zum Teil deutschen Untertiteln an, welche ihn nach und nach immer mehr radikalisierten.
Seine Eltern merkten erst das etwas nicht stimmt, als er bei den wenigen Besuchen am Wochenende unverhohlen seinen Judenhass kundtat. Als ihn seine Eltern daraufhin ansprachen brach er den Kontakt zu ihnen ab und orientierte sich immer mehr von der linken, in die islamische Szene um. Mit Saifi fand er einen Förderer, dem es geschickt gelang, Michael immer mehr für die religiöse Sache zu gewinnen.
Al-Samahi war schon vor längerer Zeit von Saifi informiert worden, dass dieser einen „Rekruten“ gewonnen hatte und er ihn vorstellen würde, wenn die Zeit so weit wäre. Jetzt war es so weit gewesen und es war nun an Al-Samahi, Michael in die Richtung zu instrumentalisieren, in welcher er ihn haben wollte.
Das kurze Treffen zwischen Martin Kosik und Peters in Hannover lag bereits zwei Wochen zurück. Konspirativ, so wie man es in einem amerikanischen Agentenfilm sieht, hatten sie sich am Maschsee, einem künstlich angelegten See im Herzen Hannovers, in Sichtweite zum Fußballstadion von Hannover 96, getroffen.
Martin hatte seit einiger Zeit damit angefangen den rückwärtigen Verkehr, sowie die Menschen in seiner Umgebung, wenn er zu Fuß unterwegs war, zu beobachten. Die Idee, sein Plan, schienen so ungeheuerlich, sodass jeder Beteiligte davon ausgehen musste, sollte dies auch nur ansatzweise bekannt werden, dass dies eklatante Folgen für jeden Einzelnen haben würde.
Mit Observationen kannte Martin sich aus, da er einige Zeit dienstlich Beobachtungen von Zielpersonen durchgeführt hatte. Ein solcher Dienst schult natürlich das „polizeiliche Sehen“ und man erkennt dann auch, ob eine Gegenobservation läuft und man selber unter Beobachtung stehen würde.
Bisher, aber dafür war es eigentlich noch viel zu früh, es sei denn, es gäbe einen Verräter in der bisherigen Gruppe, war nichts dergleichen feststellbar gewesen und Martin war sich sicher, dass auch Peters und die Anderen ähnliche Überlegungen und Kontrollen anstellen würden.
Das Gespräch selbst verlief so, wie es Martin erwartet hatte. Martin hatte Peters nach dem Telefonat noch einmal persönlich versichert, dass er „dabei“ und bereit dazu wäre, den nächsten Schritt gehen zu wollen.
Peters hatte ihm daraufhin gesagt, dass die weiteren Schritte eine Mitwirkung von Martin verlangen würden, an welche er bisher noch nicht gedacht hätte. Was man von Martin verlangen würde, würde man ihm bei der nächsten Sitzung erklären. Martin könnte dann immer noch aussteigen und man würde sich trennen, als hätten die Gespräche niemals stattgefunden.
Diesem Vorschlag hatte Martin zugestimmt und neben der wiederholt nervenden und langen Wartezeit auf ein weiteres Treffen, für das noch kein Termin feststand, wühlte es ihn mehr und mehr auf wenn der darüber nachdachte, was man von ihm erwarten würde. Eine Befürchtung hatte er und die ging ihm auch nicht mehr aus dem Kopf.
Verbunden mit der Hoffnung das diese Forderung nicht auf ihn zukommen würde, startete er den Motor seines Wagens und rollte für eine 2-Stunden-Nachdenk-Fahrt in Richtung Harz an. Zu diesem Zeitpunkt konnte er noch nicht erahnen, dass seine Befürchtungen Realität werden würden und dies eine seiner letzten Nachdenk-Fahrten ins nahe gelegenen Gebirge sein würde.
Er hatte wieder Nachtschicht in Hannover. Peter Bruns hatte dieses Mal auf dem Beifahrersitz Platz genommen und ließ sich heute von seiner Kollegin, Maren Rinz, durch das Revier fahren. Sie hatten zuvor auf der Dienststelle über die immer mitfahrende Sorge von Angriffen auf Einsatzkräfte gesprochen. Diese Diskussion führten die beiden nun im Streifenwagen fort. Die Gewalt gegenüber Polizeibeamten hatte in den letzten Jahren massiv zugenommen und nach der vor kurzem veröffentlichen PKS waren es im Jahre 2017 insgesamt 3.179 Fälle gewesen (14).
Peter und Maren wiederholten, wie zuvor auch die Kollegen auf der Dienststelle, den allseits bekannten Spruch, dass man keiner Statistik trauen dürfe, welche man nicht selber gefälscht hätte. Keiner glaubte der PKS. Wie häufig wurden sie im Dienst angerempelt, angespuckt oder verbal attackiert? Wie häufig wurden aus Gruppen heraus Flaschen, Steine oder sonst etwas auf sie als Personen oder auf den Streifenwagen geworfen? All das ist tagtägliche Gewalt, welche weder zu einer Anzeige kommt noch in die PKS mit einfließt.
„Wenigstens ist es noch nicht so schlimm wie in Berlin“, sagte Maren, worauf Peter nickte. Sie meinten beide dasselbe. Vor kurzem ging ein Video von der Polizei aus Berlin durch die Medien, wo ein Kollege im Streifenwagen sagte, dass sie selbst im Sommer die Scheiben des Streifenwagens nicht öffnen könnten, da man mittlerweile damit rechnen müsse, dass ihnen jemand einen Molotowcocktail hineinwerfen würde.
„Nein, ganz so schlimm ist es hier nicht, wobei das entsprechende Klientel auch hier vorhanden ist“, und ergänzend fügte Peter hinzu: „Es hat sich jedoch dennoch in den letzten Jahren massiv verändert. Es wird zwar immer von einer überlasteten Justiz gesprochen, aber selbst, wenn diese nicht überlastet wäre, würde es nicht anders laufen. Es ist immer wieder die Politik, die auf unseren Rücken ausgetragen wird. Warum läuft es denn in Bayern anders? Dass kann man ganz einfach beantworten. Weil sie einen Führungsstab haben, der Ahnung von dem hat, was er tut. Beispiel Sicherheitskonzept. Bei ihrem Sicherheitskonzept „Sicherheit durch Stärke“ haben sie nicht die schusssicheren Helme für die Streifenwagen vergessen. Die haben dort auch keine Beschaffungsstelle, welche falsche Visiere für die MP bestellt, wie man es hier in Niedersachsen getan hatte.“ (15)
Das Gespräch mit Gundula Breitscher hatte sich sehr interessant entwickelt. Nachdem Mävers seine Ansichten zur Lage in Deutschland, gewürzt mit einer eigenen Meinung, welche ja so gar nicht zu den offiziellen politischen Ansichten passte, mitgeteilt hatte, war die Reaktion seiner Vorgesetzten wie zuvor erwartet gewesen. Sie sah es genauso wie er.
Was sie ihm dann jedoch offenbarte war etwas, über das er lange, sehr lange nachzudenken hatte. Nicht deshalb, weil er abschätzen konnte, dass sie beide ihre Karriere gefährden würden, nicht deshalb, weil dies so ganz im Gegensatz zu dem üblichen Rechts- und Demokratieverständnis stehen würde, nicht deshalb, weil bei genauerer Überlegung sie völlig recht hatte, sondern weil er neben den möglichen Folgen auch gleich überlegte, ob und wie es umsetzbar sein könnte.
Sie waren beide Taktiker und Strategen und sie würden sich nicht in heillose Unterfangen verlaufen. Unter dem Strich stellte Mävers fest, dass ein solches Vorhaben extrem gefährlich sein würde, dass sie beide ihre gesamte Existenz gefährden würden, aber auch, dass es notwendig wäre. Und ja, es wäre umsetzbar.
„Was für ein Idiot.“
Kufr, als Beleidigung für einen Ungläubigen, konnte Al-Samahi ja nicht mehr sagen, denn Michael war inzwischen konvertiert.
Beide hatten sich gerade rund eine Stunde unterhalten: „Wenn die Welt den nicht mehr hätte, dann würde ihr auch nichts fehlen“, dachte Al-Samahi. Bei einem der Pläne, an welchen er seit einigen Wochen arbeitete, könnte Michael dennoch eine sehr wichtige Rolle übernehmen. Eine Rolle, welche ihn sicherlich erfüllte, nachhaltig und letztendlich.
Die Nachricht schlug über Nacht ein. Der Skandal um das BAMF in Bremen war Mitte Mai 2018 schon recht groß gewesen. Erschwerend kam nicht nur hinzu, dass die ehemalige Leiterin der BAMF in Bremen, Josefa Schmid, offensichtlich unter Druck gesetzt worden war und man dabei versucht, ihre Unterlagen zu durchsuchen, sondern es trafen weitere Meldungen auch aus anderen Städten, unter anderem auch aus Lehrte bei Hannover ein, wonach das BAMF Bremen unrechtmäßig Entscheidungen von anderen Städten aufgehoben haben sollte (16). Im weiteren Verlauf wurde mitgeteilt, dass rund 40Prozent der Entscheidungen im Bremer BAMF wiederholt werden müssen (17).
Das Geschrei, welches quer durch die Flure zu hören war, führte dazu, dass einige Beamte in den Büros, welche ihre Türen offen hatten, ganz automatisch ihren Kopf einzogen. Mävers grinste. Er war seit zwei Stunden im Ministerium und hatte die neuesten Meldungen zum BAMF-Skandal schon gelesen. Es war kurz vor 08:00 Uhr und da um 08:30 Uhr ein größerer Termin anberaumt war, musste ja irgendwann der Bundesinnenminister auftauchen.
Die tiefe Stimme, welche sich grollend wie eine Tsunami-Wasserwand durch die Etagen bewegte, konnte man Seehofer deutlich zuordnen. „Er konnte, wenn er wollte“, dachte Mävers, „aber meist will er ja nicht. Eine große Klappe hat er schon immer gehabt aber leider viel zu wenig umgesetzt.“
Aufgrund der ersten Reden von Seehofer als Bundesinnenminister hatte Mävers, wie viele andere auch gehofft, dass jetzt bayrische Sicherheitspolitik Einzug halten würde. Dem war leider nicht so. Mit den ANKERzentren gab es jetzt ein paar gute Ansätze, aber nachdem Seehofer den Muslimen einen gesegneten Ramadan gewünscht hatte, war er auch bei Mävers durch. Diese ständige Anbiederung an den Islam, von allen Seiten, regte Mävers einfach nur noch auf.
Man konnte zwar nicht verstehen, was dort gerufen wurde, aber als dann die Stimme nicht mehr zu hören war, war das für viele noch ein Stückchen beunruhigender – zumindest, wenn man in irgendeiner Weise mit dem BAMF zu tun hätte und davon ausgehen würde, dass der brüllende Löwe möglicherweise gleich im Türrahmen stehen würde.
„Nur gut, dass ich damit nichts zu tun habe“, dachte sich Mävers und erschrak, als Seehofer plötzlich bei ihm im Raum stand.
Das Treffen fand am Mitte Mai statt. Der Mai legte bereits Züge eines Hochsommers auf und die Temperaturen kratzten an der 30 Grad Marke. Da Martin diese hohen Temperaturen verabscheute war er froh darüber, dass das Treffen morgens, an der kühlen Nordsee erfolgte.
Er war gerne am Meer und liebte es, den würzig-salzigen Geruch aufzunehmen, welcher direkt die Nase und die Bronchen freimachte. Es kamen jedes Mal Kindheitserinnerungen bei ihm hoch und er musste daran denken, wie er als kleines Kind das erste Mal die Ebbe erlebt hatte.
Seine Eltern hatten für seinen Bruder und ihn ein Ferienhaus gemietet und während Mutter noch am Auspacken war, war Vater mit den beiden Jungs zum Strand gefahren. Er musste damals vielleicht 4 oder 5 Jahre alt gewesen sein und hatte mit erstaunlicher Präzision festgestellt, dass wohl irgendwer den Stöpsel aus dem Meer gezogen hatte. Zumindest war das Wasser verschwunden.
