Opferzeit - Paul Cleave - E-Book

Opferzeit E-Book

Paul Cleave

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Beschreibung

Einer der perfidesten Serienkiller aller Zeiten kehrt zurück: Joe is back!

Die Einwohner der Neuseelandmetropole Christchurch sind aufgebracht. Ein Jahr nach der brutalen Mordserie, die ihre Stadt erschütterte, beginnt der Prozess um den berüchtigten Schlächter von Christchurch. Doch Joe, der scheinbar grenzenlos naive Serienmörder, beteuert nach wie vor seine Unschuld. Unterdessen zieht sich die psychopathische Melissa X einen neuen Killer heran, um Joe, mit dem sie einst eine unheilige Liaison einging, zu töten. Christchurch droht eine Apokalypse des Todes ...

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DAS BUCH

Christchurch, Neuseeland: Ein Jahr nach der brutalen Mordserie, die die Metropole erschütterte, beginnt der Prozess gegen Joe Middleton, den berüchtigten Schlächter von Christchurch. Das ganze Land fiebert der Verhandlung entgegen. Natalie Flowers alias Melissa X, die sadistische Mordkomplizin und Exgeliebte von Joe, mordet sich derweil weiter durch die Stadt. Sie plant, den Schlächter von Christchurch zu erschießen. Denn nur Joe kennt ihre wahre Identität.

Doch Joe, der scheinbar grenzenlos naive Serienkiller, hat andere Sorgen: Immer wieder beteuert er seine Unschuld und treibt die Gefängnispsychologen zur Verzweiflung. Während er im Hochsicherheitstrakt, zusammengesperrt mit den schlimmsten Psychopathen und Gewaltverbrechern des Landes, um sein Leben kämpfen muss, rückt der erste Tag der Gerichtsverhandlung immer näher. Was Joe nicht weiß: Melissa X erwartet ihn bereits mit einer tödlichen Überraschung. Doch ihr Mordanschlag schlägt fehl: Joe wird nur verletzt und kann entkommen. Für Christchurch beginnen finstere Zeiten, denn die zwei gefährlichsten Killer aller Zeiten sind jetzt auf freiem Fuß …

DER AUTOR

Paul Cleave wurde am 10. Dezember 1974 in Christchurch, Neuseeland, geboren, dem Ort, wo auch seine Romane spielen. Neben dem Schreiben renoviert er Immobilien (»Ich kaufe ein Haus, lebe etwa ein Jahr darin, während ich es renoviere, und verkaufe es dann«). Dem Fan von Stephen King und Lee Child gelang mit seinem Debütroman Der siebte Tod auf Anhieb ein internationaler Erfolg, der in Deutschland monatelang auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten stand. Auch seine weiteren Thriller sind internationale Erfolge. Besuchen Sie Paul Cleave im Internet unter www.paulcleave.com

PAUL CLEAVE

OPFERZEIT

THRILLER

Aus dem Englischen von

Frank Dabrock und Alexander Wagner

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe JOE VICTIMerschien 2013 bei Atria Books,

a division of Simon & Schuster, Inc., New York

3. Auflage

Vollständige deutsche Erstausgabe 11/2013

Copyright © 2013 by Paul Cleave

Copyright © 2013 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Ulf Müller

Umschlaggestaltung: © Eisele Grafik· Design, München,

unter Verwendung von Motiven von © Charles Schiller/ Photonica/

Getty Images; © Joan Vicent Canto Roig/ Getty Images

Satz: Leingärtner, Nabburg

ePub-ISBN: 978-3-641-11299-8

www.heyne.de

Für Stephanie (BB) Glencrossund Leo (BBB) Glencross.

Uns bleibt immer noch die Türkei …

Sonntagmorgen

Prolog

Tja, man lernt nie aus.

Ich hole tief Luft, schließe die Augen und drücke den Abzug bis zum Anschlag.

Die Welt um mich herum explodiert.

Sie explodiert mit einem Blitz, mit Lärm und mit Schmerzen, aber das ist nicht richtig, eigentlich sollte sie mit Dunkelheit explodieren. Eigentlich sollte ich in ein Tuch aus Schwarz gehüllt sein, das mich von hier fortträgt. Ich bin Slow Joe, und Slow Joe ist ein Gewinner. Ich habe alles unter Kontrolle, was sich zeigt, als mein Leben an mir vorüberzieht. Die Dunkelheit ist nicht mehr weit, aber zunächst muss ich Szenen mit meiner Mutter, mit meinem Vater, aus meiner Kindheit und aus der Zeit bei meiner Tante ertragen. Unzählige Stunden von Bildmaterial aus meinem Leben werden in Schnappschüsse zerlegt und zu einem zweisekündigen Film verdichtet; wie bei der Vorführung mit einem alten Filmprojektor geht eine Szene flackernd in die nächste über. Dann werden die Bilder schneller. Jagen durch meinen Kopf.

Aber da ist noch was.

Sally jagt mir ebenfalls durch den Kopf, nein, nicht durch den Kopf, sondern durch mein Blickfeld. Sie ist direkt vor mir, an mir, und hat ihren unförmigen Körper von oben bis unten gegen mich gepresst, so wie sie das immer wollte. Und es sind ein Dutzend Stimmen zu hören.

Ich knalle auf den Gehweg, und mein Arm wird zur Seite geschleudert. Mit meinem Körper schiebe ich Sallys Fleischmassen von mir fort, doch sie walzen über meine Gliedmaßen und drohen, mich wie ein weiches Sofa zu verschlucken. Ich bin zwar noch nicht tot, befinde mich aber schon in der Hölle. Planlos drücke ich den Abzug, ohne Erfolg, denn die Pistole ist nicht mehr in meiner Hand. Sally schnürt mir die Luft ab, und ich weiß immer noch nicht, was los ist. Die Welt steht Kopf, und eine Packung Katzenfutter drückt gegen meine Schulter. Mein Gesicht brennt und ist feucht von Blut. Und in meinem Ohr höre ich dieses schrille Kreischen, ein gleichförmiges Geräusch. Sally wird von mir heruntergezogen, und an ihrer Stelle erscheint Detective Schroder, und ich bin in meinem ganzen Leben noch nie so erleichtert gewesen. Schroder wird mich retten, Schroder wird Sally mitnehmen und sie hoffentlich dort einsperren, wo man dicke Frauen wie Sally einsperren sollte.

»Ich bin …«, sage ich, aber bei dem Dröhnen in meinen Ohren kann ich nicht mal meine eigene Stimme hören. Ich habe keine Ahnung, was hier los ist. Ich bin verwirrt. Die Welt ist völlig aus den Fugen geraten.

»Halt die Klappe«, brüllt Schroder, aber ich kann ihn kaum verstehen. »Verstanden? Halt die Klappe, oder ich jag dir eine verdammte Kugel in den Kopf!«

So habe ich Schroder noch nie erlebt, und nach dem, wie er mit Sally redet, ist er wohl echt sauer, weil sie sich auf mich geworfen hat. Plötzlich fühle ich mich ihm näher als je zuvor. Doch angesichts der Schmerzen und der Tatsache, dass Fat Sally mich gerade mit ihren Fleischmassen umschlungen hat, sehne ich mich nach der Kugel, die er ihr angedroht hat. Sehne ich mich nach glückseliger Dunkelheit und nach der Stille, die sie mit sich bringt. Aber ich halte den Mund. Fast.

»Ich bin Joe«, brülle ich für den Fall, dass den anderen ebenfalls die Ohren dröhnen. »Slow Joe.«

Irgendjemand, keine Ahnung wer, verpasst mir einen Tritt oder Schlag, er kommt wie aus dem Nichts, mein Kopf schnellt zur Seite. Für einen Moment verschwindet Schroder aus meinem Blickfeld, und die Seitenwand meines Wohnhauses schiebt sich ins Bild. Ich kann den obersten Stock und die Regenrinne erkennen und die verdreckten, gesprungenen Fenster, und irgendwo da oben befindet sich meine Wohnung, und ich will nichts weiter, als mich dort hinlegen und herausfinden, was los ist. Dann verschwimmt alles und scheint zu Boden zu träufeln, wie Wasserfarben, die von einem Bild laufen, bis nur noch das Rot übrig ist; daran ändert sich auch nichts, als man mich auf die Füße hievt. Meine Klamotten sind feucht, denn der Gehweg ist nass, weil es die ganze Nacht geregnet hat.

»Ich habe meinen Aktenkoffer vergessen«, sage ich, und das stimmt. Ich habe jedoch keine Ahnung, wo er ist.

»Halt. Verdammt noch mal. Die Klappe, Joe«, sagt jemand.

Joe? Ich verstehe nicht – sind diese Leute so gemein zu mir und nicht zu Sally?

Ich kann meine Hände nicht spüren. Ich habe die Arme auf dem Rücken, und sie sind so eng aneinandergekettet, dass ich sie nicht bewegen kann. Meine Handgelenke tun weh. Man zerrt mich fort, und ich komme ins Straucheln. Ich versuche, mein Augenmerk auf den Boden zu richten und zu erfassen, was gerade passiert. Ich schaue zu Sally und den Männern rüber, von denen sie zurückgehalten wird. Sie hat Tränen in den Augen. Und plötzlich sind die letzten sechzig Sekunden wieder da. Ich war auf dem Heimweg. Ich war glücklich. Ich hatte das Wochenende mit Melissa verbracht. Dann ist Sally in meine Straße gebogen. Sie hat mir vorgeworfen, ich hätte sie belogen, und sie hat mich beschuldigt, der Schlächter von Christchurch zu sein, und schließlich ist die Polizei aufgetaucht, und ich habe … ich habe versucht, mich zu erschießen.

Vergeblich, denn Sally hat sich auf mich geworfen.

Das Dröhnen in meinen Ohren wird ein wenig leiser und vor meinen Augen ist immer noch alles rot. Vor mir steht ein Polizeiauto, das vor ein paar Minuten, als Sally in die Straße gebogen kam, noch nicht dastand. Ein Mann in Schwarz öffnet die Hecktür. Auf der Straße sind eine Menge Männer in Schwarz, alle mit Pistolen bewaffnet. Jemand sagt etwas von einem Krankenwagen, worauf irgendwer meint: Auf keinen Fall, und ein anderer: Scheiße, verpass ihm eine Kugel.

»Mann, der blutet uns den ganzen Sitz voll«, sagt jemand anders.

Ich senke den Blick, und überall auf dem Sitz und auf dem Boden ist genug von meinem Blut, um eine Putzkraft wie mich für ein paar Stunden auf Trab zu halten. Von dort reicht eine Spur bis zu meiner Pistole. Daneben steht Sally, inzwischen wird sie nicht mehr zurückgehalten. Ihr Gesicht und ihre Kleidung sind mit Blut bespritzt. Mit meinem Blut. Sie hat feuchte Augen, und das kotzt mich an, obwohl ich nicht weiß, warum. Während sie mich anstarrt, überlegt sie bestimmt, wie sie zu mir auf die Rückbank klettern und mich erneut platt walzen kann. Ihr blondes Haar, das vor ein paar Minuten noch zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war, hängt jetzt lose herunter, und sie nimmt ein paar Strähnen und fängt an, darauf herumzukauen. Das ist wohl ein nervöser Tick von ihr, oder sie will auf diese Weise die beiden Polizisten neben sich verführen; sollten die beiden es mitbekommen, versuchen sie vielleicht, sich eine Kugel in den Kopf zu jagen so wie ich.

Ich blinzle, bis das Rot verschwindet, doch ein paar Sekunden später schiebt es sich erneut in mein Sichtfeld.

Zwei Männer steigen vorne in den Wagen. Einer von ihnen ist Schroder. Er setzt sich hinters Steuer. Er dreht sich nicht mal zu mir um. Der zweite Mann ist schwarz gekleidet. Wie der Tod. Wie die anderen Männer. Er trägt eine Pistole, die aussieht, als könnte man großen Schaden damit anrichten. Er wirft mir einen Blick zu, als wollte er abschätzen, wie groß der Schaden tatsächlich wäre. Schroder lässt den Wagen an und schaltet die Sirene ein. Sie klingt lauter als jede andere Sirene, die ich bisher gehört habe, als sei das, was sie zu verkünden hat, wichtiger als sonst. Ich schaffe es nicht, den Sicherheitsgurt anzulegen. Schroder fährt los, und der Wagen macht einen so großen Satz nach vorne, dass ich fest in den Sitz gepresst werde. Ich drehe mich um und sehe, wie hinter uns ein weiterer Wagen, gefolgt von einem dunklen Transporter, auf die Straße biegt. Während ich beobachte, wie mein Haus immer kleiner wird, frage ich mich, was für ein Chaos ich wohl vorfinden werde, wenn ich heute Abend wieder zurückkehre.

»Ich bin unschuldig«, sage ich, aber es ist, als würde ich mit mir selber reden. Während ich spreche, läuft Blut in meinen Mund. Ich mag den Geschmack, und ich weiß, dass wir, führen wir jetzt zurück, Sally dabei erwischen würden, wie sie sich die Finger ableckt, denn sie mag den Geschmack ebenfalls. Arme Sally. In einem Anfall von Verwirrtheit hat sie diese Männer zu mir geführt, und was als das beste Wochenende meines Lebens begann, scheint jetzt das schlimmste Wochenende meines Lebens zu werden. Wie lange werde ich brauchen, um ihnen die Gründe für meine Taten darzulegen und sie davon zu überzeugen, dass ich unschuldig bin? Wie lange wird es dauern, bis ich wieder bei Melissa sein kann?

Ich spucke das Blut aus.

»Mann, lass das, verdammt noch mal«, sagt der Mann auf dem Vordersitz.

Ich mache die Augen zu, doch das linke lässt sich nicht mehr richtig schließen. Es brennt, tut aber nicht weh. Noch nicht jedenfalls. Ich richte mich auf und betrachte mich im Rückspiegel. Mein Gesicht und mein Hals sind blutverschmiert. Und ein Augenlid hängt schlaff herunter. Als ich den Kopf schüttle, rutscht es wie ein Blatt über mein Auge. Es ist nur noch durch einen dünnen Hautfetzen mit meinem Gesicht verbunden. Ich blinzle und versuche, es zu öffnen, doch es weigert sich.

Was soll’s, ich war schon schlimmer verletzt. Sehr viel schlimmer. Wieder muss ich an Melissa denken.

»Was gibt’s da zu grinsen?«, fragt der Mann in Schwarz.

»Bitte?«

»Ich hab gesagt, was zum Henker …«

»Sei still, Jack«, sagt Schroder. »Red nicht mit ihm.«

»Dieser Scheißkerl ist …«

»Ist vieles«, sagt Schroder. »Red einfach nicht mit ihm.«

»Trotzdem, ich finde, wir sollten ranfahren und so tun, als hätte er versucht zu fliehen. Komm schon, Carl, kein Hahn würde danach krähen.«

»Mein Name ist Joe«, sage ich. »Joe ist ein netter Kerl.«

»Schluss mit dem Scheiß«, sagt Schroder. »Beide. Haltet einfach die Klappe.«

Mein Wohnviertel rast an mir vorbei. Die Blaulichter der Polizeiautos blinken, und ich schätze, sie beeilen sich so, damit ich beweisen kann, was sie sowieso schon über mich wissen – dass ich Slow Joe bin, ihr Kumpel, der freundliche, liebenswerte Volltrottel von nebenan, einer der unzähligen Rollwagenschieber, der nur will, dass ihr zufrieden seid. Die anderen Autos fahren an die Seite, um dem Konvoi Platz zu machen, und die Leute auf der Straße drehen sich um und gaffen. Das hier ist eine echte Parade. Am liebsten würde ich winken. Der Schlächter von Christchurch trägt Handschellen, aber keiner weiß, dass er es ist. Das können sie nicht. Wie sollten sie auch?

Wir erreichen die Stadt. Ohne das Tempo zu drosseln, fahren wir am Polizeirevier vorbei. Zehn Stockwerke Langeweile, und nichts deutet darauf hin, dass es irgendwann in naher Zukunft weniger langweilig sein wird. Morgen werde ich wieder auf freiem Fuß sein und mit Melissa ein neues Leben beginnen. Wir fahren weiter. Keiner sagt etwas. Keiner summt vor sich hin. Und so langsam habe ich das Gefühl, Schroder hat es sich doch anders überlegt, und sie wollen es so aussehen lassen, als hätte ich einen Fluchtversuch unternommen, jedoch außerhalb der Stadtgrenzen, wo niemand mitkriegt, wie ich abgeknallt werde. Meine Klamotten sind blutgetränkt, aber das scheint niemanden zu stören. Keine Ahnung, ob das je wieder ganz rausgeht. Wir halten an einer roten Ampel. Jack glotzt in den Rückspiegel, als versuche er, ein Rätsel zu lösen. Ich starre eine Weile zu ihm zurück, dann senke ich den Blick. Meine Beine sind voller roter Spritzer und Schlieren. Mein Augenlid hat jetzt angefangen zu schmerzen. Es fühlt sich an, als hätte man es mit Brennnesseln eingerieben.

Vor dem Krankenhaus kommen wir schließlich zum Stehen. Mehrere Streifenwagen bilden einen Halbkreis um uns. Es fängt an zu regnen. In einem Monat ist Winteranfang, und mich beschleicht das ungute Gefühl, dass ich ihn nicht mehr erleben werde. Gentlemanlike hält mir Jack die Tür auf. Und die anderen Männer in Schwarz richten – nicht ganz so gentlemanlike – ihre Pistolen auf mich. Ärzte, Patienten und Besucher starren vom Haupteingang zu uns herüber. Keiner rührt sich. Wir scheinen eine ganz schöne Show abzuziehen. Man hilft mir aus dem Wagen. Alles in Ordnung, denke ich, aber von wegen. Im Sitzen ist alles in Ordnung, jedoch nicht im Stehen. Im Stehen ist die Welt voller Handschellen, Pistolen und Blutverlust. Ich fange an zu taumeln und sinke auf die Knie. Von meinem Gesicht spritzt Blut auf den Gehweg. Zunächst scheint es, als würde Jack versuchen, mich aufzufangen, aber dann besinnt er sich eines Besseren. Und ich falle nach vorne. Ich schaffe es nicht, meine Hände vor meinen Körper zu reißen, um meinen Sturz abzufangen, sondern nur das verletzte Augenlid vom Boden weg Richtung Himmel zu drehen, doch irgendwie verwechsle ich dabei was – wahrscheinlich, weil ich in den letzten paar Minuten das Lid im Rückspiegel betrachtet habe – und lande schließlich doch mit dieser Seite meines Gesichts auf dem Boden. Ich sehe eine Menge Stiefel und die untere Hälfte des Wagens. Ich sehe zwei hungrig wirkende Polizeihunde, die an ihren Leinen zerren. Jemand legt seine Hand auf meinen Körper und dreht mich herum. Mein Augenlid bleibt in einer Blutlache auf dem nassen Parkplatz liegen. Es sieht aus, als hätte man dort eine Schnecke getötet, wie der Tatort eines obskuren Tiermords, wo in Kürze andere schleimige Arschlöcher versuchen werden herauszufinden, was passiert ist.

Nur dass dieser schleimige Fleischfetzen dort von mir stammt. »Das gehört mir«, sage ich und spüre, wie der brennende Schmerz sich von der Wunde langsam weiter durch meinen Körper bohrt. Mir tränt das Auge, und ich kann nicht blinzeln. Ich tue mein Bestes, aber der verbliebene Hautfetzen hängt wie ein viel zu kurzer Vorhang über meinem Auge.

»Das da?«, sagt Jack und trampelt mit dem Schuh drauf, als würde er einen Zigarettenstummel austreten. »Das da gehört dir?«

Bevor ich mich beschweren kann, stellt man mich auf die Beine, und ich bin wieder in Bewegung. Obwohl es bewölkt ist, erscheint es hell, und ich kann das Licht durch Blinzeln nicht vertreiben, jedenfalls nicht auf meinem linken Auge. Auch den Schweiß und das Blut kann ich nicht fortblinzeln. Ich werde von einem Einsatzteam umringt und kann hören, wie sich die Männer unterhalten. Darüber, dass sie die Gesetze hassen, die von ihnen verlangen, mich hierherzubringen, obwohl ihre Moralvorstellungen ihnen etwas anderes sagen. Sie halten mich für einen schlechten Menschen, aber sie verstehen das alles falsch.

Ein Arzt tritt zu mir. Er macht einen verängstigten Eindruck. Das würde ich auch, wenn ein Dutzend bewaffneter Männer auf mich zumarschiert käme. So wie ich das vor zehn Minuten zum ersten Mal erlebt habe. Die übrigen Personen am Haupteingang stehen mit der Hand vorm Mund da oder filmen mit dem Handy das Geschehen. Einige der Aufnahmen werden heute Abend landesweit in den Nachrichten zu sehen sein. Ich versuche mir vorzustellen, wie das auf Mom wirken muss, doch dazu komme ich nicht, denn der Arzt reißt mich aus meinen Gedanken.

»Was ist hier los?«, fragt er, und das ist eine gute Frage, nur dass sie von einem Typen in den Fünfzigern kommt, der eine Fliege trägt, also von jemandem, zu dem man besser Abstand hält.

»Dieser …«, setzt Schroder an, und es scheint, als suche er nach dem richtigen Wort. »Mann«, stößt er hervor, »muss ärztlich versorgt werden. Und zwar sofort.«

»Was ist passiert?«

»Er ist gegen eine Tür gerannt«, sagt jemand, und einige der Männer fangen an zu lachen.

»Er hat sich etwas ungeschickt angestellt«, sagt ein anderer, und noch mehr Männer stimmen in das Gelächter ein. Das gibt ihnen ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Und der Humor hilft ihnen, wieder runterzukommen, von was für einem Trip auch immer. Einem Trip, auf den ich sie geschickt habe. Außer Schroder, Jack und der Arzt. Sie wirken äußerst ernst.

»Was ist passiert?«, fragt der Arzt erneut.

»Selbst zugefügte Schussverletzung«, sagt Schroder, »ein tiefer Streifschuss.«

»Das sieht nach mehr als einem Streifschuss aus«, sagt der Arzt. »Brauchen Sie wirklich so viele Männer hier?«

Schroder dreht sich um und zählt offensichtlich in Gedanken seine Leute. Es scheint, als würde er gleich nicken und sagen, sie könnten sogar noch ein paar Männer mehr gebrauchen, doch stattdessen fordert er etwa die Hälfte seines Teams mit einem Zeichen auf, vor dem Krankenhaus zu warten. Ich werde in einen Rollstuhl gedrückt, und man löst mir die Handschellen, nur um meine Handgelenke an die Armlehnen zu ketten. Dann werde ich einen Flur entlanggeschoben, und eine Menge Leute starren mich an, als hätte ich einen Beliebtheitswettbewerb gewonnen, aber in Wirklichkeit weiß keiner, wer ich bin. Keiner von ihnen hat es gewusst. Wir kommen an zwei hübschen Krankenschwestern vorbei, denen ich an jedem anderen Tag nach Hause gefolgt wäre. Man legt mich auf ein Bett, und ich werde mit den Händen ans Gestell gekettet. Dann schnallen sie meine Füße fest, und ich kann mich nicht mehr bewegen. Ich werde so stramm gefesselt, dass ich das Gefühl habe, ich sei von Beton umhüllt. Offensichtlich glaubt man, ich hätte die Kräfte eines Werwolfs.

»Detective Schroder«, sage ich, »ich verstehe nicht, was hier los ist.«

Schroder antwortet nicht. Der Arzt kommt zu mir herüber. »Das wird jetzt ein bisschen wehtun«, sagt er, und zur Hälfte hat er damit recht, das mit dem bisschen stimmt zwar nicht, aber mit wehtun liegt er absolut richtig. Er stochert in der Wunde herum, untersucht sie und leuchtet mit einer Taschenlampe hinein, und wenn man nicht blinzeln kann, dann ist das so, als würde man direkt in die Sonne starren.

»Das wird länger als nur ein paar Stunden dauern«, sagt er mehr zu sich selbst, aber so laut, dass die anderen es hören können. »Damit das Augenlid überhaupt wieder funktioniert und möglichst wenige Narben zurückbleiben, ist echte Frickelarbeit erforderlich«, sagt er, und es klingt, als würde er uns gleich einen Kostenvoranschlag unterbreiten und uns dann den Preis für die sonstigen Körperteile nennen. Ich hoffe, er hat noch Lider auf Lager, denn mein eigenes liegt noch auf dem Parkplatz.

»Die Narben sind uns egal«, sagt Schröder.

»Mir aber nicht«, sage ich.

»Und mir auch nicht«, sagt der Arzt. »Verdammt, sein ganzes Augenlid fehlt.«

»Nicht das ganze«, sage ich.

»Was soll das heißen?«

»Es liegt draußen beim Wagen. Auf dem Boden.«

Der Arzt wendet sich zu Schroder. »Sein Augenlid liegt da draußen?«

»Was davon übrig ist«, antworte ich für Schroder, der nur mit den Schultern zuckt.

»Wenn Sie wollen, dass der Mann hier möglichst schnell entlassen wird, brauchen wir das Augenlid«, sagt der Arzt.

»Wir holen es«, sagt Schroder.

»Dann machen Sie hin«, erwidert der Arzt. »Sonst müssen wir fremdes Gewebe verpflanzen. Das dauert noch länger. Er muss das Auge wieder schließen können.«

»Ist mir egal, wenn er es nicht mehr schließen kann«, sagt Schroder. »Kauterisieren Sie das verdammte Ding und kleben Sie ihm eine Augenklappe ins Gesicht.«

Statt mit Schroder zu streiten oder ihn darauf hinzuweisen, dass dies nicht sein Fachgebiet ist, scheint der Arzt endlich zu begreifen, dass all diese Cops, all die Anspannung, all die Wut etwas zu bedeuten haben. Ich kann sehen – mit dem gesunden und dem blutigen Auge –, wie es ihm allmählich dämmert. Er runzelt die Stirn und schüttelt langsam und mit neugierigem Gesichtsausdruck den Kopf. Ich weiß, welche Frage jetzt kommt.

»Wer ist dieser Mann?«

»Das ist der Schlächter von Christchurch«, antwortet Schroder.

»Ausgeschlossen«, sagt der Arzt. »Dieser Mann?«

Ich weiß nicht, was das zu bedeuten hat. »Ich bin unschuldig«, sage ich. »Ich bin Joe.« Der Arzt sticht mir eine Nadel in die Seite meines Gesichts, und die Welt gerät noch mehr aus den Fugen, dann wird alles taub.

Zwölf Monate später

Kapitel 1

Melissa biegt in die Auffahrt. Lehnt sich zurück. Und versucht, sich zu entspannen.

Heute sind es höchstens zehn Grad Celsius. Christchurch- Regen. Christchurch-Kälte. Gestern war es warm. Jetzt regnet es. Schizophrenes Wetter. Melissa fröstelt. Sie beugt sich vor und schaltet den Motor aus, nimmt ihren Aktenkoffer und steigt aus dem Wagen. Der Regen durchnässt ihr Haar. Sie erreicht die Haustür und öffnet das Schloss.

Sie schlendert in die Küche. Derek ist oben. Sie kann die Dusche hören und seinen Gesang. Sie wird ihn später belästigen. Erst mal braucht sie was zu trinken. Der Kühlschrank ist mit Magneten von irgendwelchen beschissenen Orten aus dem ganzen Land übersät, Orten mit hoher Schwangerschaftsrate, hoher Alkoholikerrate, hoher Selbstmordrate. Orten wie Christchurch. Sie öffnet die Tür und greift nach einer der sechs Bierflaschen, hält inne und entscheidet sich stattdessen für einen Orangensaft. Sie öffnet ihn und trinkt direkt aus der Packung. Derek hat bestimmt nichts dagegen. Ihre Füße tun weh, und ihr Rücken schmerzt, darum sitzt sie für eine Minute einfach nur am Tisch und lauscht der Dusche, während sie von dem Saft trinkt und ihre Muskeln sich langsam entspannen. Es war ein langer Tag, und vor ihr liegt eine lange Woche. Sie macht sich nicht viel aus Orangensaft – sie mag lieber Tropengeschmack, aber es gab nur Orange. Aus irgendeinem Grund glauben die Getränkehersteller, die Leute würden es mögen, wenn das Fruchtfleisch zwischen ihren Zähnen hängen bleibt und es sich anfühlt, als würde ihnen eine Auster auf die Zunge pissen. Und aus irgendeinem Grund scheint es genau das zu sein, was Derek mag.

Sie schraubt den Orangensaft zu, stellt ihn zurück in den Kühlschrank und betrachtet die Pizzastücke darin, ohne sie jedoch anzurühren. In einem der Seitenfächer liegen mehrere Schokoladenriegel. Von einem knibbelt sie die Verpackung ab, beißt hinein und stopft die anderen Riegel – vier an der Zahl – in ihre Tasche. Danke, Derek. Während sie mit dem Aktenkoffer nach oben geht, verputzt sie den angefangenen Riegel. Aus der Stereoanlage im Schlafzimmer dröhnt ein Song, den sie kennt. Früher, als sie noch ein anderer Mensch war, mehr der Typ unbekümmerte Musikhörerin, hatte sie das Album auch. Es sind die Rolling Stones. Eine Greatest-Hits-CD, sie erkennt es an der Reihenfolge der Songs. Jetzt gerade singt Mick davon, dass die Sonne vernichtet werden soll. Denn er will, dass die ganze Welt schwarz ist. Das will sie auch. Er klingt, als würde er einen Spätnachmittag im Winter in Neuseeland besingen. Sie summt die Melodie mit. Derek singt immer noch und übertönt all ihre Geräusche.

Sie setzt sich aufs Bett. Das Zimmer wird von einem Ölofen beheizt. Die Möbel passen gut zum Haus, beides sollte man besser abfackeln. Das Bett ist weich und die Verlockung groß, die Beine hochzulegen, sich ein Kissen unter den Kopf zu schieben und ein Nickerchen zu machen. Auch für die Bakterien im Kissenbezug wäre es verlockend, nähere Bekanntschaft mit ihr zu schließen. Während sie wartet, lässt sie den Aktenkoffer aufschnappen, nimmt eine Zeitung heraus und überfliegt die Titelseite. Dort steht ein Artikel über einen Typen, der die ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzt hat. Frauen getötet hat. Folter. Vergewaltigung. Mord. Der Schlächter von Christchurch. Joe Middleton. Er wurde vor zwölf Monaten verhaftet. Am Montag beginnt sein Prozess. Sie selbst wird in dem Artikel auch erwähnt. Melissa X. Obwohl dort ihr richtiger Name, Natalie Flowers, steht, hört sie inzwischen nur noch auf Melissa.Schon seit ein paar Jahren.

Einige Minuten verstreichen. Sie hockt immer noch auf dem Bett, als Derek, der sich mit einem Handtuch die Haare abtrocknet, umgeben von Dampf und dem Duft von Rasierbalsam aus dem Badezimmer tritt. Um die Hüfte hat er sich ein Handtuch geschlungen. Von dort windet sich ein Schlangen-Tattoo die Seite hinauf über seine Schulter, die beiden Enden ihrer gespaltenen Zunge verlaufen links und rechts um seinen Hals. An einigen Stellen ist die Schlange voller winziger Details, an anderen, wo sie noch nicht fertig ist, sind nur die Umrisse skizziert. Und da sind die für einen Mann wie Derek unvermeidlichen Narben, eine ausgewogene Mischung guter und schlechter Zeiten – gute Zeiten für ihn und schlechte Zeiten für die anderen.

Sie lässt die Zeitung sinken und lächelt.

»Was zum Henker machst du hier?«, fragt er.

Melissa dreht den Aktenkoffer in seine Richtung, streckt die Hand aus und drückt an der Stereoanlage auf Pause. Der Aktenkoffer gehört eigentlich Joe Middleton. Er hat ihn an jenem Tag bei ihr liegen lassen, als er sie für immer verlassen hat. »Ich habe die andere Hälfte deiner Bezahlung dabei.«

»Woher weißt du, wo ich wohne?«

Was für eine blöde Frage. Doch Melissa behält es für sich. »Ich weiß gerne, mit wem ich Geschäfte mache.«

Er wickelt das Handtuch von seiner Hüfte, den Blick auf das Bargeld in dem Koffer gerichtet. Als er anfängt, sich die Haare abzutrocknen, baumelt sein Schwanz hin und her.

»Ist das auch das ganze Geld?«, fragt er, während er weiter sein Haar abrubbelt. Sein Gesicht ist jetzt vom Handtuch bedeckt, und seine Stimme dringt gedämpft darunter hervor.

»Bis auf den letzten Dollar. Wo ist die Ware?«

»Hier«, sagt er.

Sie weiß, dass sie hier ist. Seit ihrem ersten Treffen vor zwei Tagen, als sie ihm die erste Hälfte seiner Bezahlung übergeben hat, ist sie ihm auf Schritt und Tritt gefolgt. Sie weiß, dass er die Sachen erst vor einer Stunde abgeholt hat. Er ist dann ohne Zwischenstopp mit einer Tasche voller Gegenstände, über die sein Bewährungshelfer nicht allzu erfreut wäre, hierhergefahren.

»Wo?«, fragt sie.

Er wickelt sich das Handtuch wieder um die Hüfte. Wahrscheinlich hätte sie auch einfach hier hereinmarschieren, ihn erschießen und das Haus durchsuchen können, aber sie braucht ihn noch. Die Sachen sind bestimmt nicht schwer zu finden. Sie vermutet, dass ein Typ, der eine Person in seinem Schlafzimmer fragt, woher sie wisse, wo er wohne, Gegenstände auf dem Dachboden oder unter den Dielenbrettern versteckt.

»Zeig es mir«, sagt er und deutet mit dem Kopf auf das Geld.

Sie schiebt den Aktenkoffer über das Bett zu ihm hinüber. Er tritt vor. Die zwanzig Riesen bestehen aus Fünfzig- und Zwanzigdollarscheinen. Sie sind fein säuberlich zu Bündeln gestapelt und mit Gummibändern umwickelt. In den letzten paar Jahren hat sie ihr Geld hauptsächlich mit Erpressung und Einbruchdiebstahl verdient, manchmal bei den Männern, die sie getötet hat, aber vor einigen Monaten ist sie an eine hübsche Stange Geld gekommen. Vierzigtausend Dollar, um genau zu sein. Er blättert mehrere der Bündel durch und kommt zu dem Schluss, dass es vollständig ist.

Er geht rüber zum Kleiderschrank und zieht eine Kiste mit Kleidung heraus. Dann hebt er ein Stück Teppich an und steckt am Rand einen Schraubenzieher in den Fußboden. Melissa verdreht die Augen und denkt, dass Typen wie Derek von Glück sagen können, dass man sie neben ihren Verbrechen nicht auch noch für ihre Blödheit belangt. Er stemmt die Dielenbretter auf und zieht einen Aluminiumkoffer von der Länge seines Arms heraus. Melissa erhebt sich, damit er ihn aufs Bett stellen kann. Er lässt den Deckel aufspringen. In dem mit Schaumstoff ausgekleideten Koffer stecken die Einzelteile eines zerlegten Gewehrs.

»AR-15«, sagt er. »Leichtgewichtig, halb automatisch, kleines Kaliber, extrem treffsicher. Mit Zielfernrohr, wie bestellt.«

Sie nickt. Sie ist beeindruckt. Derek mag vielleicht dumm sein, aber das heißt nicht, dass er nicht auch nützlich wäre. »Das ist die eine Hälfte«, sagt sie.

Er geht zu dem Loch im Boden zurück. Greift hinein und zieht einen kleinen Rucksack heraus. Er ist fast ganz schwarz mit jeder Menge roter Verzierungen. Er stellt ihn aufs Bett und öffnet ihn. »C4«, sagt er. »Zwei Blöcke, zwei Zünder, zwei Auslöser, zwei Empfänger. Genug, um ein Haus damit in die Luft zu jagen. Aber nicht viel mehr. Du weißt, wie man damit umgeht?«

»Zeig es mir.«

Er nimmt einen der Blöcke. Er ist so groß wie ein Stück Seife. »Damit kann nichts passieren«, sagt er. »Du kannst darauf schießen. Ihn fallen lassen. Ihn anzünden. Mann, du kannst ihn sogar in die Mikrowelle stopfen. Und du kannst das damit machen«, sagt er und fängt an, ihn zusammenzudrücken. »Er lässt sich formen. Dann nimmst du einen von denen hier«, sagt er und greift nach einem Gegenstand, der wie ein Metallstift aussieht, nur dass sich an einem seiner Enden Drähte befinden, »und steckst ihn hinein. Den anderen befestigst du an diesem Empfänger. Dann musst du nur noch den Auslöser drücken. Die Reichweite liegt bei dreihundert Metern, bei freier Sicht noch mehr.«

»Wie lange hält die Batterie im Empfänger?«

»Eine Woche. Höchstens.«

»Muss ich sonst noch was wissen?«

»Ja. Du darfst sie nicht vertauschen«, sagt er und hält eine der Fernbedienungen in die Höhe. »Siehst du das gelbe Klebeband, das ich daran befestigt habe? Es ist das gleiche wie an dem Zünder. Der hier«, sagt er und nimmt den Zünder mit dem Klebeband hoch, »und die hier gehören zusammen.« Er hält Fernbedienung und Zünder nebeneinander.

»Okay.«

»Das ist alles«, sagt er und fängt an, die Sachen in die Tasche zurückzupacken.

»Ich brauche dich noch bei was anderem«, sagt sie.

Er fährt fort, die Sachen zu verstauen. »Und das wäre?«

»Ich möchte, dass du jemanden erschießt«, sagt sie.

Er schaut zu ihr auf und schüttelt den Kopf; die Frage bringt ihn keineswegs aus der Fassung und lässt ihn auch nicht innehalten. »So was mache ich nicht.«

»Bist du sicher?« Sie hält die Zeitung in die Höhe und zeigt ihm ein Bild von Joe Middleton, dem Schlächter von Christchurch. »Ihn«, sagt sie. »Wenn du ihn erschießt, zahle ich dir, was du willst.«

»Ha«, sagt er und schüttelt erneut den Kopf. »Er sitzt im Knast«, sagt er. »Das ist unmöglich.«

»Nächste Woche beginnt sein Prozess. Er wird also jeden Tag durch die Gegend kutschiert, einmal morgens, einmal abends, vom Gefängnis zum Gericht und zurück. Fünf Tage die Woche. Das heißt, fünfmal pro Woche steigt er aus einem Polizeiauto und betritt das Gerichtsgebäude, und fünfmal pro Woche läuft er vom Gerichtsgebäude zum Polizeiauto. Ich habe schon eine Stelle gefunden, von der aus man ihn erschießen kann, und ich habe auch schon einen Fluchtweg.«

Derek schüttelt erneut den Kopf. »So einfach wie es aussieht, läuft so was nicht.«

»Was soll das heißen?«

»Du glaubst wohl, dass sie jeden Tag mit ihm die gleiche Strecke fahren und ihn einfach vor dem Haupteingang absetzen? Den hat man von deiner Stelle aus im Blick, stimmt’s?«

Daran hat sie nicht gedacht. »Wie läuft es dann?«

»Sie werden verschiedene Routen fahren. Sie werden versuchen, ihn unbemerkt dorthin zu schaffen. Vielleicht steckt man ihn auch in ein Zivilfahrzeug. Oder in einen Transporter.«

»Glaubst du?«

»Bei so einem wichtigen Prozess? Ja. Darauf würd ich wetten«, sagt er. »Egal was du dir für einen Plan zurechtlegst, er wird nicht aufgehen. Zu viele Variablen. Glaubst du etwa, du kannst dich einfach irgendwo in einem Gebäude verstecken und auf ihn schießen? Welches Gebäude überhaupt? Und von wo wird er kommen?«

»Das Gerichtsgebäude bleibt, wo es ist«, sagt sie. »Das ist keine Variable.«

»Ja. Aber durch welchen Eingang wird er kommen? Sie werden auch verschiedene Eingänge benutzen. Darum wird es wahrscheinlich nicht klappen, egal von wo aus du ihn erschießen willst.«

»Und wenn ich herausfinde, welche Route sie fahren? Und durch welchen Eingang er das Gerichtsgebäude betreten wird?«

»Wie willst du das anstellen?«

»Ich habe meine Mittel und Wege.«

Er schüttelt den Kopf. Sie hat die Nase voll von dieser ganzen Schwarzseherei. »Es bleibt dabei«, sagt er. »Das ist einfach zu kompliziert. Niemand kommt davon, wenn er jemanden wie Joe erschießt.«

»Wer kann mir dabei helfen?«

Er greift sich ans Gesicht und kratzt sich am Kinn. Denkt ernsthaft darüber nach. Dann antwortet er. »Ich kenne niemanden.«

»Ich zahle dir eine Provision«, sagt sie und versucht, nicht verzweifelt zu klingen, obwohl sie genau das ist. Sie hatte bereits einen Schützen engagiert, doch die Sache hat sich zerschlagen. Jetzt läuft ihr die Zeit davon.

»Es gibt niemanden«, sagt er. »Waffen zu besorgen ist kein Problem«, sagt er, »aber ich habe nun mal keine Kartei mit Leuten, die wir einfach anrufen können, wenn jemand getötet werden soll. So was muss man schon selber in die Hand nehmen.«

»Bitte«, sagt sie.

Er seufzt, als könnte er es nicht übers Herz bringen, eine hübsche Frau im Stich zu lassen. »Hör zu, es gibt da vielleicht jemanden, den ich anrufen kann, okay? Aber das wird ein bisschen dauern.«

»In den nächsten paar Tagen brauche ich einen Namen«, sagt sie.

Er lacht und reißt den Mund dabei so weit auf, dass sie weiter hinten ein paar Zahnlücken erkennen kann. Sie hasst diesen Anblick. Sie hasst Leute mit Zahnlücken, so wie sie es hasst, wenn man über sie lacht. »Lady«, sagt Derek, und sie hasst es auch, wenn man sie »Lady« nennt. Es ist schon beeindruckend, dass Derek gerade drei von drei möglichen Treffern gelandet hat. »Das wird nicht passieren. Selbst wenn mein Mann dazu in der Lage wäre, würde er es nicht in so kurzer Zeit tun. Wenn man jemanden töten will, muss man Vorbereitungen treffen«, sagt er. »Es ist natürlich auch eine Frage des Geldes, aber nicht mehr, wenn das Spiel schon fast gespielt ist.«

»Du wirst ihn also nicht anrufen?«, fragt sie.

»Es ist zwecklos. Tut mir leid.«

»Okay«, sagt sie. »Dann zeig mir, wie man das Gewehr zusammenbaut.«

»Das ist einfach«, sagt er, nimmt die Einzelteile eines nach dem anderen heraus und setzt sie Stück für Stück zusammen, Metall fügt sich zu Metall, und jedes Teil gibt ein befriedigendes Klicken von sich, während er ihr erzählt, wie jedes einzelne von ihnen heißt. Er braucht dafür weniger als eine Minute.

»Noch mal, aber diesmal langsamer«, sagt sie. »Tu so, als hätte ich noch nie mit einer Knarre geschossen«, sagt sie, auch wenn sie schon mal eine benutzt hat, und bald wird sie das wieder tun. Sehr bald sogar. Sobald er ihr gezeigt hat, wie diese hier funktioniert.

Er zerlegt das Gewehr wieder. Dann baut er es erneut zusammen. Diesmal braucht er drei Minuten. Er zeigt ihr, wie man es lädt. Dann nimmt er es wieder auseinander, legt es zurück in den Koffer und schließt Deckel und Schnappverschlüsse.

»Sonst noch was?«

»Munition«, sagt sie.

Er öffnet die Vordertasche des Rucksacks, in dem sich das C4 befindet. Greift hinein und nimmt eine Schachtel mit Munition heraus. »Davon sind zwei weitere in der Tasche«, sagt er. »Kaliber .223 Remington. Und das hier«, sagt er und holt eine Plastiktüte mit einer einzelnen Kugel heraus, »ist die panzerbrechende Patrone.« Er verstaut sie wieder im Rucksack.

»Danke«, sagt sie und schießt ihm durch die Zeitung zweimal in die Brust. Der Schalldämpfer sorgt dafür, dass sich die Nachbarn weiter nachbarschaftlich verhalten können, ohne sich verpflichtet zu fühlen, die Polizei zu verständigen. Sie weiß, dass es inzwischen schon so was wie ein Klischee ist, den Typen zu erschießen, der einem die Waffen besorgt hat, aber es ist nicht ohne Grund ein Klischee. Wahrscheinlich sind sich Waffenhändler ebenso wie Taxifahrer und Hubschrauberpiloten die ganze Zeit über bewusst, dass sie es nicht bis zur Rente schaffen werden. Derek bricht zusammen. Den Gesichtsausdruck, den er macht, hat sie früher schon mal gesehen, es ist eine Mischung aus Ungläubigkeit, Wut und Angst. Sie legt die Pistole zusammen mit der Zeitung zurück in den Aktenkoffer. Dann geht sie zu dem Loch im Boden, greift hinein und holt eine weitere Tasche heraus. Sie enthält fast die gesamte erste Rate des Geldes, das sie ihm bereits gegeben hat. Das heißt, dass er von dem, was fehlt, wahrscheinlich das Gewehr und den Sprengstoff gekauft hat. Das hier ist sein Gewinn.

»Ich vertraue dir«, sagt sie, während sie auf ihn herabschaut, und normalerweise würde er sich jetzt bei ihr für ihr Vertrauen bedanken, doch er kann nichts anderes mehr tun, als langsam den Mund zu öffnen und zu schließen, während eine Speichelblase voller Blut sich langsam bläht und wieder zusammenzieht. »Wenn ich niemanden finde, der Joe gegen Bezahlung erschießt, treffe ich ja vielleicht jemanden, der es aus einem anderen Grund übernimmt. Danke für alles«, sagt sie, »und die Tasche werde ich auch mitnehmen.« Sie hält sie in die Höhe. »Mir gefällt die Farbe.«

Sie schätzt, dass er noch eine Minute zu leben hat, höchstens zwei. Sie zieht einen seiner Schokoladenriegel aus der Tasche und fängt an, ihn zu verputzen. Sie genießt den Zuckerflash in gleichem Maße wie den Anblick des sterbenden Derek. Also sehr. Während er stirbt, schaltet sie die Stereoanlage wieder ein, und für Derek wird die Welt, wie die Stones ihm vorhin prophezeit haben, »black as night« – schwarz wie die Nacht.

Kapitel 2

»Sie haben den Test bestanden«, sagt er, aber das ist Schwachsinn, wie so einiges, was ich in den letzten zwölf Monaten zu hören bekommen habe, und, um ehrlich zu sein, ich ignoriere es inzwischen einfach. Es scheint, als hätten sich die Leute eine Meinung gebildet. Aus irgendeinem Grund maßt diese verrückte Welt sich an, mich zu verurteilen, ohne mich überhaupt zu kennen.

Ich schaue von dem Tisch, den ich eben angestarrt habe, zu dem Typen auf, der die ganze Zeit über redet. Er hat mehr Haare im Gesicht als oben auf dem Kopf, und ich frage mich, ob es gut brennen würde, wenn man mit den übergekämmten Haaren anfängt. Offensichtlich wartet er auf eine Antwort, aber ich habe keine Ahnung, wovon er redet. Seit ich im Knast bin, hat sich mein Kurzzeitgedächtnis verabschiedet – auch wenn sich an meinen langfristigen Zielen nichts geändert hat.

»Was für einen Test?«, frage ich, und ich frage das nicht, weil es mich interessiert, sondern weil es wenigstens für einen Moment die Langeweile vertreibt. »Joe kann sich an keinen Test erinnern«, füge ich nur so zum Spaß hinzu, und es hört sich selbst für meine Ohren etwas zu dick aufgetragen an, weshalb ich es sofort bedaure.

Der Name des Mannes, Benson Barlow, klingt wichtigtuerisch, und falls jemand noch Fragen hat: Er trägt ein Jackett mit Ellbogenflicken aus Leder, damit auch ja keine Missverständnisse aufkommen. Sein schmallippiges Lächeln ist unerträglich. Früher, unter günstigeren Umständen, hätte ich ihm sein Lächeln aus dem Gesicht geschnitten und ihm gezeigt, wie es bluttriefend in seinen Fingern ausgesehen hätte. Leider sind dies nicht gerade die günstigsten Umstände. Ja, sie könnten sogar kaum schlechter sein.

»Der Test«, wiederholt er. Er macht einen arroganten Eindruck. Er hat diesen nervigen Blick, den man aufsetzt, wenn man etwas weiß, was der andere nicht weiß, und darauf brennt, es diesem anderen zu verklickern, dabei aber versucht, es so lange wie möglich hinauszuzögern, weil man es eigentlich für sich behalten will. Ich hasse solche Leute fast ebenso wie Menschen, die den Ausdruck ins Fettnäpfchen treten benutzen. Aber um fair zu sein, ich hasse auch noch andere Menschen. Ich finde, alle haben die gleichen Rechte. »Den Test, den Sie gemacht haben. Vor einer halben Stunde.«

»Joe hat einen Test gemacht?«, frage ich, aber natürlich kann ich mich an den Test erinnern. Es ist, wie er gesagt hat – ich habe ihn erst vor einer halben Stunde abgelegt. Mein Kurzzeitgedächtnis ist momentan vielleicht nicht das beste, jetzt, wo ein Tag wie der andere ist, aber ich bin kein Idiot.

Der Psychiater beugt sich vor und verschränkt seine Finger. Bestimmt hat er im Fernsehen gesehen, dass andere Psychiater das auch tun, oder man hat es ihm im Grundkurs Psychologie beigebracht, und im Anschluss, wie man die Lederflicken an die Ärmel näht. Wo auch immer er es gelernt hat, er wirkt dabei nicht so toll, wie er glaubt. Das hier ist eine große Sache für ihn. Das wäre es für jeden. Er befragt den Schlächter von Christchurch im Auftrag der Leute, die mich wegsperren wollen, und er versucht herauszufinden, wie verrückt der Schlächter wirklich ist, und kommt zu dem Ergebnis, dass ich ein absoluter Vollpfosten bin.

»Sie haben einen Test gemacht«, sagt er. »Vor dreißig Minuten. In diesem Zimmer hier.«

Bei dem Zimmer handelt es sich um einen Verhörraum, der nach allgemeinen Maßstäben grauenvoll ist, und erst recht für Benson Barlow, schätze ich, trotzdem ist er angenehmer als die Zelle, in der ich momentan wohne. Seine Wände bestehen aus Betonsteinen und der Boden und die Decke aus Beton. Er erinnert an einen Luftschutzbunker, nur dass er über einem zusammenstürzen würde, sollte ihn tatsächlich eine Bombe treffen, was, um ehrlich zu sein, eine Erlösung wäre. Im Zimmer stehen drei Stühle und ein Tisch, sonst nichts. Einer der Stühle ist gerade leer. Mein Stuhl ist am Boden festgeschraubt, und ich bin mit einer Hand an die Lehne gekettet. Ich habe keine Ahnung, warum. Sie halten mich für gefährlich, aber das bin ich nicht. Ich bin ein netter Kerl. Das versuche ich den Leuten immer wieder zu erklären. Doch niemand will mir glauben.

»Hier?«, frage ich und betrachte die unterschiedlichen Betonansichten. »Kann mich nicht erinnern.«

Sein Lächeln wird jetzt noch breiter, und mit seinem Blick versucht er mir zu signalisieren, dass er mit dieser Antwort gerechnet hat, und ich kann mir denken, dass das sogar stimmt. »Wissen Sie, Joe, das Problem ist Folgendes. Sie wollen der Welt weismachen, dass Sie geistig zurückgeblieben sind, aber das sind Sie nicht. Sie sind ein kranker, perverser Mann, und das wird niemand bezweifeln. Aber dieser Test?«, sagt er und hält die fünf Fragebögen in die Höhe, die ich vorhin ausgefüllt habe, »dieser Test beweist, dass Sie nicht verrückt sind.«

Ich antworte nicht. Mich beschleicht das ungute Gefühl, dass er damit auf irgendetwas hinauswill. Und das Grinsen in seinem Gesicht sagt mir, dass ich gar nicht wissen will, worauf.

»Diese Frage hier«, sagt er und hebt zum Ende hin die Stimme, sodass es wie eine Frage klingt. Er deutet auf eine Aufgabe, die ziemlich leicht zu lösen war. Bei einigen gab es mehrere Antworten zur Auswahl, bei einigen musste ich was hinschreiben. Er liest sie vor. »Sie lautet: Welche Farbe hat dieser Hund? Und was haben Sie angekreuzt? Sie haben gelb angekreuzt. Obwohl der Hund rot ist, Joe, haben Sie gelb angekreuzt.«

»Er hat eine gelbliche Färbung«, sage ich.

»Und die hier? Wenn Bob größer als Greg ist, und Greg größer als Alice, wer ist dann am größten? Da haben Sie Steve hingeschrieben, und dass Steve eine Schwuchtel sei«, sagt er, und eigentlich würde mich der Tonfall, in dem er das sagt, zum Lachen bringen, doch der Gedanke an das, worauf er hinauswill, beunruhigt mich noch immer und gleicht es wieder aus, und so starre ich ihn teilnahmslos an.

»Steve ist ziemlich groß«, erkläre ich ihm.

»Es gibt keinen Steve«, sagt er.

»Was haben Sie nur gegen Steve?«, frage ich.

»Dieser Test besteht aus sechzig Fragen. Sie haben jede einzelne falsch beantwortet. Das erfordert eine gewisse Anstrengung, Joe. Vierzig davon sind Multiple-Choice-Fragen. Statistisch gesehen, hätten Sie ein Viertel davon richtig beantworten müssen. Wenigstens ein paar. Aber Sie haben keine einzige richtig beantwortet. Das ist nur möglich, wenn Sie die richtigen Antworten kannten und absichtlich die falschen angekreuzt haben.«

Ich erwidere nichts.

»In Wirklichkeit beweist das, dass Sie keinesfalls dumm sind, Joe«, fährt er fort, und jetzt kommt er so richtig in Schwung, richtig auf Touren. Ja, er nimmt sogar seine Finger auseinander. »In Wirklichkeit beweist der Test das Gegenteil. Dass Sie intelligent sind. Dazu dient dieser Test. Darum besteht er aus lauter unsinnigen Fragen.« Er grinst jetzt über beide Ohren. »Sie sind intelligent, Joe, kein Genie, aber intelligent genug, um sich vor Gericht zu verantworten.«

Er öffnet seinen Aktenkoffer und legt die Fragebögen hinein. Ich frage mich, was da noch drin ist. Er ist hübscher als der, den ich mal hatte.

»Joe ist intelligent«, sage ich und setze mein breites, dümmliches Grinsen auf, bei dem man all meine Zähne sehen kann und ich übers ganze Gesicht strahle. Nur dass ich momentan kaum strahle. Die Narbe, die über eine meiner Wagen verläuft, spannt sich, und mein Augenlid hängt ein wenig herunter.

»Sie können also mit dem Quatsch hier aufhören, Joe. Der Test beweist, dass Sie nicht so intelligent sind, wie Sie glauben.«

Das Lächeln weicht aus meinem Gesicht. »Was?«

Das Grinsen des Seelenklempners wird noch breiter, offensichtlich glaubt er, dass ich ihn nicht verstanden habe, und das habe ich auch nicht, demnach hat er sich unverständlich ausgedrückt. »Das war ein Test, um die Personen auszusieben, die nicht intelligent genug sind, um so zu tun, als wären sie wirklich dumm.«

Ich schüttle den Kopf. »Kapier ich nicht.«

»Das ist das einzig Ehrliche, was Sie mir verraten haben«, sagt er. Dann steht er auf und geht zur Tür.

Ich drehe mich auf meinem Stuhl herum, aber ohne mich zu erheben. Ich kann nicht, wegen der Handschellen.

Er streckt die Hand aus, um an die Tür zu klopfen, doch dann hält er inne. Und wendet sich mir zu. Ich muss einen ziemlich verwirrten Eindruck machen, denn er erklärt es mir. »Es geht um die Zeit, die man für den Test braucht, Joe. Sechzig Fragen. Sie haben fünfzehn Minuten dafür gebraucht. Das sind vier Fragen pro Minute. Und jede davon haben Sie falsch beantwortet.«

»Ich kapier es immer noch nicht«, sage ich. Es ist doch bestimmt ein gutes Ergebnis, dass ich so schnell so dumm sein kann.

»Sie haben sie zu schnell falsch beantwortet, Joe. Wenn Sie so dumm wären, wie Sie uns weismachen wollen, säßen Sie jetzt immer noch über dem Test. Würden die Bögen vollsabbern oder daran herumlutschen, sich auf der Suche nach den richtigen Antworten das Hirn zermartern. Aber Sie haben kein bisschen nachgedacht. Sie haben einfach rasch eine nach der anderen beantwortet, das war Ihr Fehler. Sie sind kein Idiot, Joe, aber Sie waren zu dumm, um zu begreifen, worum es bei diesem Test ging. Wir sehen uns vor Gericht wieder.«

»Fick dich.«

Er lächelt erneut. Sein Tausenddollarlächeln, das er auch aufsetzen wird, wenn man ihn aufruft, um vor der Jury zu sprechen, das Tausenddollarlächeln, das keinen Cent mehr wert sein wird, wenn ich hier rauskomme und herausfinde, wo er wohnt, und ihm seinen hübschen Aktenkoffer wegnehme. »Das ist der Joe, den alle sehen werden«, sagt er und klopft an die Tür, dann wird er nach draußen begleitet.

Kapitel 3

Es ist fast ein Jahr her, dass man mich verhaftet hat. Allerdings kommt es mir länger vor. Einen Monat lang habe ich jeden Tag die Schlagzeilen bestimmt. Auf jeder Titelseite im ganzen Land prangten Fotos von mir, ich habe es sogar auf ein paar Titelseiten im Ausland geschafft. Einige druckten das Foto aus meinem Mitarbeiterausweis ab und einige Zeitungen ältere Bilder, die sie von den Schulen bekamen, die ich besucht hatte; es gab viele Bilder von meiner Verhaftung, und noch mehr Bilder zeigten mich beim Verlassen des Krankenhauses. Die Fotos von meiner Verhaftung sind allesamt Handy-Schnappschüsse. Die Bilder im Krankenhaus wurden von Journalisten gemacht, die dort aufgekreuzt sind, während man mich operierte. Natürlich war ich oft im Fernsehen zu sehen. Mit Aufnahmen von beiden Ereignissen.

Es kamen auch Anfragen für Interviews, allerdings gab man mir keine Gelegenheit zu- oder abzusagen. Eine Woche nach der Operation wurde ich dem Haftrichter vorgeführt und plädierte auf nicht schuldig, aber man lehnte es ab, mich auf Kaution freizulassen, und erklärte mir, man würde bald einen Gerichtstermin festsetzen. Dabei wurden ebenfalls Fotos und Filmaufnahmen von mir gemacht. Mit gerötetem, aufgedunsenem Gesicht, das eine Augenlid violett angelaufen und voller Fäden und Kleckse mit Wundsalbe– ich erkannte mich selbst kaum wieder.

Schließlich wurde nur noch einmal pro Woche über mich berichtet. Andere Mörder betraten die Bühne und verschwanden wieder in der Versenkung, bestimmten die Schlagzeilen, während in der Stadt noch mehr Blut vergossen wurde. Ich war plötzlich Schnee von gestern und fand– wenn überhaupt– nur noch einmal pro Monat Erwähnung.

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