Orangenmond - Stefanie Gerstenberger - E-Book

Orangenmond E-Book

Stefanie Gerstenberger

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Beschreibung

Der Sonne entgegen mit tausend Fragen im Gepäck – eine Italienreise, die auf Umwegen zum Glück führt

Fünf Jahre nach dem Tod seiner Frau erfährt Georg, dass er nicht der Vater seines zehnjährigen Sohnes Emil ist. Zutiefst verletzt sucht er nach Antworten, die auch Milenas Schwester Eva nicht geben kann. Milena war damals in Italien, aber traf sie dort auch ihren Liebhaber? Auf der Suche nach Milenas Geheimnis begeben sich Eva und Georg auf eine Italienreise, die sie beide für immer verändern wird.

Als Georg die Schauspielerin Milena kennenlernt, ist es für beide die ganz große Liebe. Bald darauf wird Emil geboren. Das Glück scheint perfekt, doch plötzlich erkrankt Milena schwer und lässt nach ihrem Tod Mann und Sohn verzweifelt zurück. Fünf Jahre später scheint der Schmerz überwunden, bis Georg durch einen Zufall erfährt, dass er nicht der Vater des inzwischen zehnjährigen Emil sein kann. Er vertraut sich Milenas Schwester Eva an und bittet sie, ihn nach Italien zu begleiten, wo Milena damals einen Film drehte. Eva zweifelt an dem Sinn der Reise, denn wie sollen sie Emils Vater nach all den Jahren ausfindig machen? Aber weil ihre Gefühle für ihren Schwager tiefer sind, als sie sich selbst eingestehen möchte, schließt sie sich Emil, Georg und dessen sehr eigenwilliger Mutter an. Und damit beginnt ein Irrweg quer durch Italien ins sonnige Apulien, wo ein lang gehütetes Geheimnis aufgedeckt wird.

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STEFANIE

GERSTENBERGER

ORANGENMOND

ROMAN

 

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Copyright© 2013 by Diana Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München. Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen Redaktion: Angelika Lieke Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München Umschlagmotiv:© plainpicture/Cultura, istockphoto und shutterstock Autorenfoto:© atelier à la carte, Osnabrück Satz: Leingärtner, Nabburg ISBN 978-3-641-10702-4 V003
www.diana-verlag.de

 

1

»Oh, bitte, nicht jetzt noch einen Mord«, murmelte Eva, als das Telefon klingelte. Es war nicht umgestellt, sie hatte also immer noch Eingangsdienst.DEZ.41, zeigte das Display, dahinterBrockfeldt. »Ausgerechnet der …«

Brockfeldt war zwar nicht so kompliziert, umständlich und schnell gekränkt wie ihre Chefin Ulla, doch er war unangenehm devot und ließ keine Gelegenheit aus, von Evas Stimme zu schwärmen. Selbst wenn es um Mord und Totschlag ging.

»Ihre Stimme, so durch den Hörer – also, die haut mich immer wieder um!« Auch wenn Eva ihn dann mit Schweigen strafte, gab er nicht auf.

»Von Ihnen würde ich mir gerne mal eine Gutenachtgeschichte erzählen lassen!« Und dem folgte stets ein Seufzer, als ob er von etwas Unerreichbarem träume.

Eva knurrte tief hinten in der Kehle, um für Brockfeldt einen extra rauen Unterton zu erzeugen. Sie war eigentlich schon gar nicht mehr da, unerreichbar – jedenfalls für die Brockfeldts dieser Welt. Betont langsam nahm sie den Hörer ab.

»LKA 34, Jakobi?«

»Wie weit bist du mit Uwe W., dem T-Shirt-Fall?«, fragte Chefin Ulla ohne Umschweife durch Brockfeldts Leitung. Eva hatte oft mit ihr zu kämpfen: um die Einhaltung des korrekten Dienstweges, der Ulla äußerst wichtig war, um dierichtigen Formulierungen in den Gutachten, um die Einführung neuer Methoden, die woanders schon längst etabliert waren. Aber jetzt saß Ulla offenbar bei Brockfeldt im Morddezernat in einer Besprechung und musste seine feuchten Mundwinkel mitsamt den Kuchenkrümeln darin ertragen. Allein deswegen hatte sie Mitleid verdient.

»Das Gutachten ist fertig, die Spuren waren Uwe W. eindeutig zuzuordnen, bringe ich dir gleich vorbei.«

»Nicht nötig, lass es auf deinem Schreibtisch liegen, ich hole es mir später. Gute Arbeit, Eva!«

Eva schwieg einen Moment überrascht. »Dann bis morgen!«, antwortete sie endlich. Sie hat mich gelobt, ich fasse es nicht, dachte sie und war sicher, Ulla könne ihr Grinsen durch den Hörer sehen. Doch eigentlich brauchte sie kein Lob. Auch wenn sie manchmal über ihren Job stöhnte – sie arbeitete gern im LKA. Gut, die Kantine war nicht gerade ein Feinschmeckerrestaurant, die Flure waren lang und öde, und es gab keine frische Luft in dem krakenhaften Riesenbau, in dem sich das Hamburger LKA auf mehreren Etagen ausbreitete. Aber die Labore waren technisch auf dem neuesten Stand und manche der Assistentinnen engagiert und gewissenhaft. Von den anderen, die ihren Job nicht ganz so ernst nahmen, wurde man dafür großzügig mit Informationen aus der neuestenGalaund dem Kantinentratsch versorgt.

Eva wollte sich ein Leben ohne die Abteilung DNA-Analysen und die täglichen Besprechungen, Untersuchungen und Meinungsverschiedenheiten einfach nicht vorstellen. Hier konnte sie ihre Fähigkeiten Tag für Tag einsetzen: logisch denken, vergleichen, analysieren, immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten und Lösungen, wenn die Abteilung bei einem Fall nicht weiterkam. Durch ihre unorthodoxen Lösungsansätze waren schon eine Menge zunächst aussichtslose Fälle doch noch aufgeklärt worden. Ullas Einwände – »Das haben wir aber immer schon so gemacht« oder »Das haben wir aber noch nie so gemacht« – fegte sie lässig beiseite. Brockfeldt bewunderte das, er fand es toll, wenn sie etwas Neues ausprobierte, was irgendwie ein wenig nach CSI aussah.

Eva liebte es, morgens als Erste in den Labors anzukommen und abends, wenn die anderen längst nach Hause gegangen waren, noch über Elektropherogrammen zur DNA-Analyse oder den neuesten wissenschaftlichen Publikationen zu sitzen. Das war allemal spannender, als sich irgendeine Schnulze im Kino anzuschauen. Zu viel freie Zeit war sowieso gefährlich, Lücken in ihrem Tagesablauf brachten sie zum Grübeln und Zweifeln. Und dafür gab es nur einen Grund: Georg.

Manchmal, nach einem zu langen Wochenende oder drei Tagen Resturlaub, in denen sie sich zu nichts Vernünftigem hatte aufraffen können, lag sie nachts schlaflos im Bett. In ihrem Magen nagte ein kleines Tier, ihr Herz klopfte zu schnell, und ihr Hirn feuerte ungebremst Gedanken in die Nacht: Was mache ich mit Georg? Was macht Georg mit mir?

Eva rollte auf ihrem Schreibtischstuhl so heftig zurück, dass sie gegen die Wand stieß. Es war lächerlich: logisch denken, vergleichen, analysieren, also all das, was ihr bei der Arbeit so leichtfiel, schaffte sie in ihrem Liebesleben nicht. Liebesleben! Was für ein Begriff für eine zwei Jahre andauerndeBeziehung, die Georg wahrscheinlich nicht einmal als solchebezeichnen würde.

Vor einiger Zeit hatte sie sich noch strikt geweigert, sich selbst in die Kategorie Single einzuordnen. Nun war es so weit: Sie war Single, seit fünf Wochen war Schluss! Endgültig. Georg hatte sie allerdings nichts von ihrer Entscheidung mitgeteilt. Irgendwann würde er es schon merken. Sie rief ihn nicht an, traf ihn nicht mehr, aber auch er meldete sich nicht. Das war nichts Außergewöhnliches, sie hattenmanchmal wochenlang keine Zeit füreinander gehabt. Dannhatte es wieder geschehen können, dass sie sich drei Tage hintereinander trafen, zusammen kochten, aßen, erzählten und manchmal auch, selten genug, miteinander …

Schluss damit!

Sie hatte sogar seinen Namen auf ihrem Handy geändert. Er hieß jetzt nicht mehrGeorg, sondernDenk nicht mal dran!. Es war besser so. Sie würde sich wie ihre Freundin Leah bei irgendeiner Partnerseite im Internet anmelden und sich dort mal umschauen. Kriminalistin, achtunddreißig, sportlich, erfolgreich, gebildet. Oder vielleicht doch lieberetwas erfinden: spontan, humorvoll, lebenslustig? Mein Gott,dann gehörte sie auch zu dem Heer Suchender, die sie sonst je nach Tageslaune milde belächelt oder genüsslich verachtet hatte.

Eva stellte das Telefon um. Von diesem Moment anmusste die Stumme Herzogin auf 217 mit den weiteren Eingängen alleine klarkommen. Warum verkroch die sich nicht besser zu den Rhesusäffchen in ein Forschungslabor, statt bei der Polizei zu arbeiten? Hatte man ihr beim Einstellungsgespräch nicht gesagt, dass man im Landeskriminalamt hin und wieder auch mit Menschen kommunizieren musste?

Sie legte »In Sachen Uwe W.« mitten auf ihren Schreibtisch und sortierte die restlichen Akten in den Hängekorb, der gegenüber auf Silkes Tisch stand. Zwei Akten kamen bei »Vorziehen« unter, eine bei »Eilt!«. Eva mochte Silke, sie war nett, gut organisiert, aber natürlich längst weg.

»Sorry!«, sagte sie immer und streckte die Hände in den Himmel wie ein Klageweib. »Ich hab auch noch Familie, ja?!« Klar, Familie ging vor. Familie ging früher, Familie feierte Weihnachten, während andere Dienst hatten. Familie beschwerte sich aber nachher, dass sie völlig fertig sei von all dem Gerenne.

Eva fuhr den Computer herunter und warf noch einen schnellen Blick in den kleinen Spiegel, der versteckt hinter der Tür hing. Gesicht? Ging so. Vielleicht ein bisschen Kajal, um ihre Augen zu betonen? Falls jemand sie auf dem Nachhauseweg ansprach. Auf dem Fahrrad? Na sicher! Sie lachte ihr Spiegelbild an. In dem Licht der Neonröhre leuchtete die hellbraune Iris ihrer Augen fast orange, was wahrscheinlich auch an dem schwarzen Ring lag, der sie umgab. Viele Männer fanden ihre Augen schön. Georg auch. Vergiss ihn, verdammt. Frisur? Sollte sie den Zopf nicht mal aufmachen?

Bei der Arbeit trug sie ihr schulterlanges kastanienbraunes Haar nie offen, zu Hause auch nicht und beim Volleyballtraining erst recht nicht. Eigentlich nur abends, im Bett.

Denn alles andere war unpraktisch. Die Haare blieben zusammen.

Eva fuhr mit dem Aufzug die sieben Stockwerke hinunter und holte ihren Polizeiausweis aus der Tasche. Grünert von der Mordbereitschaft kam ihr entgegen. »Schönen Feierabend, Wi… äh, Eva!« Eva wünschte dasselbe zurück und grinste verstohlen. Sie wusste, dass man sie hinter ihrem Rücken Black Widow oder kurz Widow nannte. Es war wegen ihrer Kleidung: Alles, was sie trug, war schwarz, auch im Sommer. Erstens stand es ihr – das glaubte sie zumindest –, und zweitens musste sie so morgens nicht lange überlegen. Heute trug sie ein schwarzes ärmelloses Top, in dem ihre sportlichen Arme gut zur Geltung kamen, und schwarze Marlene-Hosen, die nur an großen Frauen richtig gut aussehen. Und immer Schuhe mit Absätzen, zum Fahrradfahren zwar etwas umständlich, aber sie streckten das Bein so schön! Ansonsten schwarze Blusen, schwarze Hosen, schwarze Kaschmirstrickjacken, manchmal durch die hohen Schuhe vielleicht eine Spur zu elegant für den nicht sehr glamourösen Arbeitsplatz. Was sagte Brockfeldt immer, wenn er sie zufällig ohne den hochgeschlossenen weißen Laborkittel sah? »Falls ich Sie jetzt in die Oper einladen wollte, müssten Sie sich gar nicht mehr umziehen!«

Eva zog den Ausweis durch die Stechuhr und ging in den Hof. Dort legte sie ein Klettband um das rechte Hosenbein. Das sah zwar bescheuert aus, ging aber nicht anders, wenn sie mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr. Die Bahn nahm sie nur im äußersten Notfall, bei Sturm oder Eisregen. Sie schwang sich auf das Rad, fuhr zwischen den blau-silbernen Polizeibussen hindurch und in den warmen Abend hinaus. Der blühende Flieder an der Böschung hüllte sie in eine betörende Duftwolke. Sie nahm einen tiefen Atemzug. Es war Sommer, die To-do-Liste für heute zu hundert Prozent abgearbeitet, »Fall Uwe W.« zu 99,99 Prozent gelöst. Ihre Beinmuskulatur brachte die Pedale in Schwung und fühlte sich gut dabei an. Sie dachte an gar nichts, das Leben hielt ein paar Sekunden lang inne und war einfach mal schön – bis ihr Handy klingelte. Eva hörte auf zu treten und genoss den Fahrtwind. Sollte es klingeln, sie war nicht erreichbar.

Als sie durch die Grünanlagen an der Hindenburgstraße fuhr, meldete sich ihr Telefon mit einem summenden Vibrieren erneut. Die Ampel an der Kreuzung Jahnring sprang auf Rot, Eva hielt an und griff in ihre Jackentasche.Denk nicht mal dran!auf dem Display. Ein kribbelnder Schreck durchfuhr sie, sie drückte den Anruf mit dem Daumen weg. Weg aus ihrem Leben. Kein Hin und Her mehr. Stolz und doch mit einem flauen Gefühl ließ sie das Handy zurück in die Jackentasche gleiten. Wieder klingelte es.Denk nicht mal dran!Eva atmete tief durch, die Ampel war immer noch rot. Na gut, sie konnte ihm schließlich nicht ewig ausweichen.

»Georg, was gibt’s?« Sie übernahm den gelangweilten Ton, den sie schon hundertmal bei Brockfeldt angewandt hatte. Er klang fast echt.

»Eva! Du musst unbedingt heute Abend bei mir vorbeikommen, es ist etwas sehr Wichtiges! Bitte!« Sie antwortete nicht, sondern hörte am anderen Ende seinem auffordernden Schweigen zu, das langsam in ihr Ohr sickerte. »Oder jetzt gleich? Eva!?«

»Ich … Nein, ich kann nicht!« Sehr schön, Eva, souverän klingt anders, aber du übst ja noch! Bevor sie weiterreden konnte, seufzte Georg einmal tief und legte auf.

Autos fuhren dicht neben ihr an, Radfahrer sausten rechts an ihr vorbei, während sie regungslos wie ein Betonpoller mitten auf dem Fahrradweg stand.

Was war das denn? Georg legte sonst nie auf. Und wie hatte seine Stimme geklungen? Sie konnte diesen Ton nichtrichtig deuten. Atemlos. Aufgeregt. Drängend. Ein Hilferuf?

Ja sicher, ganz bestimmt ein Hilferuf. Wahrscheinlich willer fragen, ob du die beiden Chamäleons von Emil in denFerien betreuen kannst. Eva zuckte mit den Achseln. Zu Freundschaftsdiensten dieser Art hatte man sie bisher nicht groß überreden müssen. Georg trug seine Bitten meistens ganz beiläufig vor. Tu es oder lass es, aber ich würde mich wirklich freuen, wenn du es machst … Dazu passte aber dieses Seufzen nicht und das Auflegen auch nicht. Nein, das da gerade am Telefon war ein echter Hilferuf an eine Freundin gewesen.

Eva biss die Zähne aufeinander. Ja, sie war im Laufe der Jahre zu einer Freundin geworden, einer guten Freundin. Sie mochte Männer, die Frauen als Freundinnen hatten. Doch bei Georg und ihr war der Sachverhalt uneindeutig, denn zwischen ihnen stand etwas, das alles kompliziert machte, etwas, das ihr nach zwei Jahren immer noch das Gefühl gab, etwas Verbotenes zu tun: Sex.

Wie oft hatten sie miteinander geschlafen und wann, zu welcher Gelegenheit? An einer Hand abzuzählen, na ja, vielleicht musste man doch noch die andere Hand dazunehmen. Nach diversen Partys und Geburtstagen, nach einem Ausflug mit Freunden, das letzte Mal vor zwei Monaten während eines Abends, an dem sie sich eigentlich einen Filmmit Ryan Gosling ansehen wollten, der gerade auf DVD herausgekommen war.

Eines hatten all diese Treffen gemeinsam: Sie fanden immer bei Eva in der Wohnung statt, und Emil war natürlich nie mit dabei.

Eva schluckte trocken. Beim ersten Mal hatten sie sich aneinandergeklammert wie die Überlebenden einer Katastrophe. Siewarendie Überlebenden einer Katastrophe.

Und wenn wirklich nur die Chamäleons zu betreuen waren? Sie sah sich an den kommenden Sommerabenden bereits in der geräumigen Wohnung herumgehen, sah, wie sie Möbel und Bilder berührte und wie sie minutenlang ohne zu denken im hinteren Teil des Altbaus in Georgs Studio saß. Ab und zu müsste sie natürlich Theo, der eigentlich ein Weibchen war, und Sandy, die natürlich ein Weibchen war, mit lebenden Heimchen und Wüstenheuschrecken füttern und das Terrarium von innen mit Wasser besprühen.

Wo Georg mit Emil in diesem Sommer wohl hinwollte? Island? Ibiza? Israel? Er dachte sich für Emil immer etwas Besonderes aus. Bevor die beiden wiederkämen, würde sie lauter leckere Sachen einkaufen. Das hatte sie schon oft getan, nur um das Leuchten in Georgs Gesicht zu sehen. Er konnte sich wie ein Kind über einen gut gefüllten Kühlschrank freuen.

Nein, sie wollte kein Leuchten mehr in Georgs Gesicht zaubern. Zauberteerdenn eins inihres?Eben.

Offenbar war sie nun doch in den Uhlenhorster Weg gefahren, denn sie stand ganz eindeutig vor dem Haus, in dem Georg und Emil wohnten, und beobachtete in diesem Moment ihren Zeigefinger, der auf eine Klingel neben dem Namen Wassermann drückte. Nur wenige Sekunden später hörte sie Emils Stimme mit einem lang gezogenen »Hallooo?« durch die Sprechanlage.

»Ich bin’s, Eva.«

»Danke, ich bin gewarnt!« Oben wurde der Türöffner gedrückt. Eva lief an der engen Kabine des Fahrstuhls vorbei und machte sich an den Aufstieg. Sie verdrehte die Augen. Ich bin gewarnt … Emil benutzte manchmal so seltsame Formulierungen, gar nicht kindgemäß. Mit zehn war er doch noch ein Kind, oder? Wenn auch nicht mehr lange.

Oben angekommen war sie kaum außer Atem. Emil lugte durch den Spion und öffnete die Tür dann in Zeitlupe. Mit einer minimalen Bewegung seines Kopfes versuchte er, seine langen Haare aus dem Gesicht zu werfen. Den Rest seines Körpers hielt er gerade wie ein Stock, auf seinem rechten Oberarm saß grün schillernd, in seiner Bewegung erstarrt, Theo. Links auf der Schulter, braun und unscheinbar und ebenso reglos, Sandy. Eva zog die Augenbrauen hoch und bemühte sich, ihre Verwirrtheit wegzugrinsen. Schon stand sie wieder hier, obwohl sie sich doch geschworen hatte, eine lange, lange Pause einzulegen.

Andererseits war es eigentlich egal, ob Georg nun alle Schaltjahre einmal mit ihr ins Bett ging oder nicht, sie hatte immerhin eine gewisse Verantwortung für Emil. Zum Beispiel dafür zu sorgen, dass er die Haare geschnitten bekam, und zwar schnell, der Junge sah ja kaum mehr etwas, und diese Herumschüttelei wurde langsam zum Tick.

»Hey, Emil, kann sein, dass dein Papa hier gleich auftaucht!« Die beiden Chamäleons hatten Rest-Wohnungsverbot, sie durften eigentlich nicht aus Emils Zimmer heraus. Emil drehte sich langsam um, wie ein Schlittschuhläufer unter Valiumeinfluss rutschte er auf Socken über das Parkett. Eva folgte ihm über den langen Flur. In seinem Zimmer ließ er die Tiere über seine Arme wieder zurück in das Terrarium klettern.

Sie sah ihm dabei zu, wie er die Pflanzen hinter der Glasscheibe konzentriert mit Wasser besprühte, ohne Sandy und Theo dabei direkt zu treffen. Er ging völlig in dem auf, was er tat, genau wie Milena früher. Er sagte nichts, und sie fragte ihn auch nichts. Kein: Was macht die Schule?, oder: Wie geht’s beim Training? Emil war kein Kind für Small Talk. Seine Augen schienen sie zu durchschauen, sie war seine Tante, nicht seine Mutter, und sollte bitte auch nicht versuchen, diese Rolle zu übernehmen.

Kurz nach Milenas Tod hatte sie ihn einmal ins Bett gebracht und das Kasperpuppenritual, bei dem sie Milena so oft beobachtet hatte, nachgemacht. Milena spielte wunderbar, mit verstellten Stimmen und viel wildem Kämpfen, die Puppen hauten sich alles Mögliche um die Ohren, was Emil damals liebte. Doch bei Evas Vorstellung drehte er sich schon nach der ersten Bleistift-Schwerter-Attacke weg und verlangte nach seinem Papa. Eva legte die Puppen beiseite und holte ihn. Als sie später aus dem Wohnzimmer kam, wo sie mit Georg noch eine Zeit lang zusammengesessen hatte, fand sie vor der Tür eine an sie gerichtete Nachricht. Ein kleiner gelber Zettel mit zwei von Emil geschriebenen Wörtern darauf: DU. NAIN.

Eva hielt kurz die Luft an. Über dem Terrarium hing ein Foto von ihrer bildschönen Schwester mit dem kleinen Emil im Arm. Sie schaute so gut es ging daran vorbei und machte sich auf die Suche nach Georg.

 

2

Sie fand Georg in seinem Arbeitsraum im hinteren Teil der Wohnung. Er saß am Schreibtisch, der Computerbildschirm war dunkel. Langsam stand er auf, seine huskyblauen Augen sahen müde aus, und um seinen schönen, in diesem Moment aber zusammengekniffenen Mund wuchsein Dreitage-, ach, mindestens Zehntagebart. Auch die dunklen Haare waren nicht wie sonst auf jungenhafteArt sorgsam zurechtgestrubbelt. Ich sollte das nicht tun, dachte sie. Egal, was er mir zu sagen hat und was er von mir will. Ich sollte gar nicht hier sein und sein Gesicht, seinen Körper so verliebt anglotzen. Der mühsam errichtete Widerstand drohte in ihr zusammenzustürzen wie eine Sandburg, die man mit einem einzigen schwachen Tritt dem Erdboden gleichmachen konnte.

»Hallo!« Er küsste sie auf beide Wangen und umarmte sie dabei sanft. Erst dann schaute er sie richtig an. »Da bist du ja.«

Meine Güte, wie klang das denn? Als ob sie zu spät zu einem wichtigen Termin erscheinen würde.

»Was ist los? Bist du krank? Oder was?« Sie zitterte innerlich. Sie war sauer auf ihn und gleichzeitig auf sich selbst. Er konnte immer noch alles von ihr haben, auch wenn er um gar nichts bat. Georg antwortete nicht, schaute sie nur kurz an und richtete dann den Blick auf den Boden.

»Arbeitest du gerade an irgendetwas?«, fragte Eva, um einen ungezwungenen Ton bemüht, und ließ den Blick durch den großen Raum schweifen.

Vor fünf Wochen war sie hergekommen, um auf Emil aufzupassen, damit Georg ungestört an der Aufgabe herumtüfteln konnte, drei geeiste Blaubeeren und einen Lavendelzweig möglichst spektakulär auf einem weißen Teller zu arrangieren. Das war sein Job. Er mixte knallgrüne Smoothies für ein neues Diätkochbuch oder rückte Kartoffelpüree, Nougatpralinen, Käsegebirge und Sauerkrauteintopf für das Objektiv des Fotografen ins richtige Licht.

Den ganzen Abend hatte sie sich gewünscht, dass er aus seinem Arbeitsraum herauskäme, war dann aber auf dem Sofa eingeschlafen. Er hatte sie nicht geweckt, sondern war am nächsten Morgen mit dem Ergebnis seiner nächtlichen Vorbereitung und Kisten voller Obst und Requisiten, ohne auch nur einen Kaffee zu trinken, in das Studio eines Fotografen gefahren. Sie hatte Frühstück für Emil gemacht, ihn zur Schule begleitet, obwohl ihm das peinlich war, und war dann wütend nach Hause geradelt. Nie mehr, hatte sie sich geschworen, nie mehr wollte sie sich wie ein bettelndes Hündchen fühlen, das man einfach auf dem Sofa vergessen konnte!

Die Wut stieg erneut in ihr hoch, was war da eigentlich in den letzten zwei Jahren abgelaufen? Ab und an die Tanten-Babysitter-Dienste, gefolgt von mehreren Wochen Funkstille, dann wieder plötzlich die Einladung zu einem gemeinsamen Ausflug oder einem Essen bei Georgs Freunden. Sie trafen sich zum Kaffee im Schanzenviertel und natürlich zu Emils Geburtstag. Es gab lange vertrauliche Gespräche auf ihrem Sofa, nur selten mit einem anschließenden Sprung ins Bett. War das eine Beziehung? Wohl kaum. Aber vielleicht war das das Geheimnis, weshalb Georg sich so wohl mit ihr fühlte? Eine Frau, die nichts forderte, aber zur Stelle war, wenn er sie brauchte. Im ersten Jahr nach Milenas Tod waren sie beide vorsichtig gewesen, sie redeten nicht viel, schienen beinahe Angst voreinander zu haben, waren aber doch vereint in der Trauer um denselben Menschen. Im zweiten Jahr klammerte Georg sich nicht mehr ausschließlich an Emil, es wurde selbstverständlicher, zu dritt etwas zu unternehmen, und es tat nicht mehr gar so weh, ihre Erinnerungen an Milena auszutauschen. Mittlerweile wusste Eva vieles über Georg, ihre Treffen waren sehr vertraut, aber nie regelmäßig. Vor zwei Jahren dann ging es mit ihren seltenen Liebesnächten los. Oft begleitet von viel Wein und einzelnen Tränen, immer ausklingend mit Georgs Erinnerungen an Milena. Sie konnte das nicht mehr. Wollte das nicht mehr. Merkte er denn gar nicht, was mit ihr los war?

Um sich ihre Verletztheit nicht anmerken zu lassen, wanderte sie durch den Raum. Sein Studio war eine Mischung aus Kühlhaus, Warenlager und Versuchsküche. Hier bereitete er sich vor, hier probierte er aus, machte auch schon mal selbst einige Aufnahmen, die er dann als freie Arbeiten anbot.

Doch warum waren an diesem Abend keine Lebensmittel zu sehen? Der sonst mit Tellern, Gläsern, Töpfen und Holzbrettchen überhäufte Arbeitstisch war leer, das Regal an der Breitseite des Raumes ordentlich eingeräumt. Dort stapelten sich auch Tischdecken, Servietten und unterschiedlichste Stoffe, Küchenmesser, hölzerne Kochlöffel und Marmoruntersetzer. An den Wänden lehnten verschieden gemaserte Holzplatten, alte Fensterläden, von denen die Farbe blätterte, und einige Tapetenrollen. Georg war immer auf der Jagd, um passende Untergründe und Hintergründe für seine Arbeit zu finden, Haushaltsauflösungen waren sein Hobby, Flohmärkte seine Welt.

Doch auch sein sonst immer offen stehender Werkzeugkoffer, aus dem an normalen Tagen Sprühflaschen, Fleischklopfer, Spatel, Trichter, Pipetten und Pinzetten herausquollen, war geschlossen und zur Seite gestellt.

»Arbeitest du gerade an irgendetwas?«, wiederholte sie ihre Frage.

»Nein. Ich kann im Moment nicht arbeiten!« Er hatte sich wieder an den leeren Schreibtisch gesetzt.

Auf der Arbeitsfläche unter dem großen, mit Stoff verkleideten Viereck der Fotolampe lag eine einsame Kugel Vanilleeis auf blassblauem Stoff. Eva nahm sie in die Hand, fuhr mit dem Finger über den täuschend echt aussehenden Schmelz und ging wieder zu Georg hinüber.

»Also los, jetzt sag schon, was ist passiert?« Sie hatten das Schlimmste schon vor fünf Jahren gemeinsam erlebt, was konnte noch kommen? Ein Food-Projekt geplatzt? Den coolen Mercedes-Kombi zu Schrott gefahren? Nein, das wäre untypisch für Georg. Obwohl er sein schnelles, neues Auto liebte, würde er das höchstens in einem Nebensatz erwähnen. Sie legte die Eiskugel behutsam auf seinen Schreibtisch.

»Ich kann seit Tagen nicht arbeiten, nicht essen, nicht denken. Weiß nicht, wie ich anfangen soll. Vor fünf Jahren war ich am Boden, die Zukunft existierte für mich gar nicht. Aber seitdem ist viel passiert. Wir haben …«, er lächelte kurz mit traurigen Augen zu ihr hoch, »du und ich, wir haben das zusammen geschafft, wir haben es tatsächlich überlebt, obwohl ich dachte, das Leben bleibt für immer unerträglich.«

Eva nickte und merkte, wie ihr Hals eng wurde. Tränen stiegen ihr in die Augen, wie jedes Mal, wenn jemand gefühlvoll über den Tod ihrer Schwester sprach, obwohl sie in einer Ecke ihres Herzens doch immer noch so unendlich wütend auf sie war.

»Wir haben es überlebt, und daran hast du einen ganz großen Anteil. Du hast mich da rausgeholt, warst immer für mich da.«

»Wer hat da wen rausgeholt?«, murmelte sie. Er schniefte. In einer simultanen Bewegung fuhren sie sich beide mit dem Handrücken über die Wangen. Eva merkte es kaum.

»Deswegen muss ich dich etwas fragen. Vielleicht findest du es komisch.« Er drehte den Stuhl ganz zu ihr um und nahm ihre Hände. Seine waren warm, kräftig und trocken. »Eva!«

Ihr Herz klopfte so bescheuert schnell, während ihr tausend Gedanken durch den Kopf schossen. O Gott, er würde doch nicht etwa … Was für ein Kleid würde sie tragen? Bestimmt kein schwarzes aber wäre Weiß in Ordnung andererseits wer war heute denn noch Jungfrau selbst Mütter mit drei Kindern heirateten in Weiß musste der Mann nicht in die Knie gehen durfte er einfach auf einem Bürostuhl sitzen bleiben während die Frau stand …

Er schaute zu ihr hoch. So fühlt sich das also an, dachte sie und bereute, dass sie ihr Haar nicht offen trug.

 

3

Zehn Minuten später saß Eva in einem Liegestuhl auf der Dachterrasse. Sie wusste nicht mehr, wie sie dorthin gekommen war.

»Schön?!« Georg schnaubte in sein Weinglas. »Mehr fällt dir nicht dazu ein!?«

Mir fällt ein, dass ich dich verdammt noch mal immer noch liebe und gleich anfange zu heulen, dachte Eva. »Ich kann doch nichts dafür, wenn du meinst, so etwas tun zu müssen!«, antwortete sie mit über der Brust verschränkten Armen. Sie kämpfte mit den Tränen und hatte eine Gänsehaut, was nicht nur daran lag, dass die Sonne gerade hinter den Dächern verschwand. Wie konnte er nur! Durch diese seltsame, egoistische, bescheuerte Idee hatte er alles kaputt gemacht.

Sein Leben war doch in Ordnung gewesen! Na ja, berichtigte sie sich, soweit das Leben in Ordnung sein kann, wenn die geliebte Frau plötzlich stirbt.

»Ich bin völlig kaputt innerlich, liege nachts stundenlang wach, kann mich tagsüber auf nichts anderes mehr konzentrieren, meine Tage beginnen und enden mit Gedanken an Milena.«

Milena. Er sprach den Namen wie gewohnt zärtlich und mit besonders lang gezogenem E aus: Mileeena.

Eva fand es affig, dass ihre Schwester ihren Nachnamen einfach hatte wegfallen lassen. Aber so war sie gewesen: schon von klein auf davon überzeugt, etwas ganz Einmaliges zu sein. Niemand in ihrer Klasse hieß wie sie, niemand in der ganzen Grundschule, auch später auf dem Gymnasium nicht. Sie war auf ewig die einzige Milena weit und breit.

»Ein einzelner Vorname, der steht für was, peng! Das ist ein Markenzeichen und bleibt doch viel besser im Gedächtnis!« Damals wohnten sie noch zusammen in der WG in der Leunastraße und stritten unaufhörlich. »Was ist denn daran so schlimm? Was passt dir denn daran nicht?«, bohrte sie weiter.

»Wie Otto! Herzlichen Glückwunsch!«, hatte Eva noch gekontert, doch vergeblich. Ihre Schwester hatte recht behalten. Sie war unter »Milena« bekannt geworden, wie Madonna, Cher oder Adele. Ihren Nachnamen, Jakobi, kannten viele Leute gar nicht.

Sogar ihre Eltern fanden die Idee toll, aber die fanden ja alles toll an ihrer jüngsten Tochter, nachdem sie berühmt und reich geworden war. Um Milena zu ärgern, hatte Eva seitdem nur noch den Namen aus ihren Kindertagen benutzt, wenn sie mit ihr sprach. Aus der Zeit, als Milena noch klein, dick und lieb, eben einfach nur ihre Milli gewesen war.

»Milena. Meine Gedanken kreisen nur um sie.« Georgsprach immer noch. »Wie sie war. Was sie dachte. Wie ich denke, wie sie war – ach, ich rede Bullshit.«

»Warum hast du es denn überhaupt getan?«

»Meine Milena …« Er schüttelte den Kopf, hatte ihre Frage anscheinend wieder nicht gehört. »Ich muss herausfinden, wer es war! Möglichst bald, es geht mir einfach nicht aus dem Sinn.«

»Verstehe ich nicht, so was macht man doch nicht eben mal so. Nur um Pia und Andrea einen Gefallen zu tun?« Eva drehte das Ende ihres geflochtenen Zopfes in den Fingern. Wie unendlich peinlich, sich zu schwören, ihn nie mehr sehen zu wollen – und dann, wenn auch nur wenige Sekunden lang, tatsächlich zu glauben, er mache ihr einen Antrag.

Vergiss diese Szene ganz schnell, sagte sie sich. Pack sie zu dem Krempel in deine ganz persönliche Asservatenkammer. Für immer. »Die beiden sind gute Freundinnen von mir, sie lieben sich, sie sind einfach toll zusammen. Ich dachte … Ich dachte, es wäre … Na gut, ich fühlte mich geschmeichelt!«

Eva sah ihn nicht an, stattdessen blickte sie weiterhinauf Dachziegel und verzinkte Fenstergauben. Es war ruhig hier oben weit über der Stadt, nur ganz leise konnte man das Rauschen des Verkehrs auf dem Mundsburger Damm hören.

»Hier ist es doch viel zu ruhig für dich«, hatte sie zu Milena gesagt, als die ihr die Wohnung zeigte. Fünfter Stock, damals noch ohne Aufzug, den hatte die Eigentümergemeinschaft erst später einbauen lassen.

»Viel zu ruhig und viel zu groß, du bist doch sowieso nie da.«

»Dann kannst du doch hier sein«, hatte Milena geschnurrt und den Kopf an ihrer Schulter gerieben. Das hatte sie schon als Kind gemacht, kaum dass sie laufen konnte. Eva hatte es gehasst, weil sie sich dann nicht mehr gegen ihreSchwester wehren konnte. Es fehlte ihr. Sie fehlte ihr.Nicht zu fassen. Nach allem, was geschehen war, nach allem, was Milena ihr weggenommen hatte, fehlte sie ihr. Immer noch.

»Die beiden wollten also, dass du der Samenspender für ihr Kind bist.« Georg nickte mit gesenktem Kopf wie ein Angeklagter bei Gericht.

»Und dann hat man festgestellt, dass in der Probe keine Spermien sind. Nicht zu wenig, nicht zu schwach, sondern gar keine.« Eva wiederholte den Satz, den Georg ihr erst vor ein paar Minuten hingeworfen hatte. Schock, Ungläubigkeit und Entsetzen über den Befund standen noch immer in seinem Gesicht.

»Ich hätte das Klinefelter Syndrom, sagte dieser Arzt, dieser …« Georg zuckte mit den Schultern, sprang dann auf. »Ich dachte, der verarscht mich.«

Eva zog die Augenbrauen hoch. Sie kannte die Symptome aus ihrem Biologiestudium: Ein X zu viel im Chromosomensatz, die Folge waren kleine Hoden und/oder ein sehr kleiner Penis, Gynäkomastie, Antriebsarmut und natürlich Zeugungsunfähigkeit …

»Dann hat er mir all diese grässlichen Symptome aufgezählt. Hören Sie auf, habe ich ihm gesagt, ich musste mich echt zusammenreißen, sonst hätte ich ihn noch lauter angebrüllt. Sie haben die Proben vertauscht, und irgendein armer Wicht denkt jetzt, er könne Kinder zeugen, obwohl er’s gar nicht kann. Denn ich«, Georg machte eine bedeutungsvolle Pause, »ich habe nichts von alledem. Gar nichts! Davon können Sie sich gerne überzeugen!«

Mit einer ausholenden Handbewegung stieß er sein Glas um. Der Rotwein lief über den Teakholztisch und tropfte auf die Terrassendielen. »Scheiße.« Er stellte das Glas wieder hin. »Winziger Penis, ich meine, geht’s noch?! Das hätte ich ja wohl bemerkt.«

Eva musste ein Kichern unterdrücken, ja, das hätte sie allerdings auch schon bemerkt. Georg setzte sich, er stützte seinen Kopf in die Hände und betrachtete die Weinlache vor seinem Platz. »Und außerdem bin ich Vater eines Sohnes, habe ich ihm gesagt, und das schon seit zehn Jahren!«, murmelte er.

Eva sagte nichts. Mensch, Georg, da hast du was angerichtet, dachte sie. Nur weil du dich geschmeichelt fühltest, dein Erbgut an zwei freundliche Lesben weitergeben zu können. Andererseits brauchte man keine zwölf Semester Biologie zu studieren und auch keine weiteren drei Jahre an einer Dissertation für den Dr. rer. nat. zu sitzen, um zu wissen, dass darin der Sinn der Evolution bestand. Der Sinn von Fitnessstudios, engen T-Shirts, coolen Sonnenbrillen, Cowboystiefeln und männlichem Gehabe: Erbgut weitergeben.

»Da schaut der mich nur an. Sagt gar nichts mehr, und ich bin raus aus der Praxis, mit meinem perfekten Körper und meinem bis dahin sehr zufriedenstellenden, ausreichend großen, ach – egal, der mir bis dahin nichts von meiner Unfähigkeit verraten hat.«

Ja, Georg war perfekt. Es klang albern, auch weil sie sich seit fünf Wochen so sehr bemüht hatte, ihn endlich aus ihrem Kopf und ihrem Herzen zu bekommen, aber was Attraktivität, Gelassenheit, Verlässlichkeit und Witz betraf, erzielte er jeweils die höchste Punktzahl.

»Und nun? Was wolltest du mich fragen?« Ihr war klar, was jetzt kommen würde.

»Na, was wohl? Wusstest du etwas davon? Ich meine, hat Milena dir irgendwas gesagt?«

»Nein. Sie hat mir nichts gesagt, was denkst du denn? Bist du übrigens sicher, dass Emil uns nicht hört?«

Georg nickte. »Ich habe ihm ausnahmsweise erlaubt, diesen japanischen Naruto-Mist zu gucken, da ist er ganz heiß drauf, und die Tür ist zu.«

»Wirst du es ihm sagen?«

»Wenn ich seinen richtigen Vater gefunden habe? Ich weiß es nicht. Ist das nicht meine Pflicht? Vielleicht. Ja, ich denke schon.« Er zuckte wieder mit den Schultern, hieb dann plötzlich mit der Faust neben die Rotweinpfütze auf den Tisch. »Verdammt!« Er rieb seine Hand. »Weißt du, wie weh das tut?«, fragte er leise. »Zu überlegen, wo sie es getan hat und mit wem? Ich liebe diese Frau, ich werde sie immer lieben, habe ich geglaubt. Doch nun habe ich nur noch vor Augen, wie wir Emil in Dänemark gezeugt haben. Gezeugt haben! Ha! In dem kleinen Häuschen in Nordborg. Habe ich jedenfalls immer gedacht. Alles gelogen.«

Weinte er? Eva war nicht sicher. Danke, Milena, großartig! Die Überraschung ist dir so lange Zeit nach deinem Tod wirklich gelungen.

»Ja, aber überleg doch mal, nach allem, was du mit Emil erlebt hast … Du hast ihn aufgezogen, warst immer da, du warst mehr Mutter für ihn als Milena. Von Anfang an.«

Georg hatte die Augen geschlossen und presste seine Fingerspitzen an die Schläfen.

»Du bist sein Vater! Wer denn sonst? Und was hast du davon, wenn …«

»Was ich davon habe?! Mir kracht hier gerade meine ganze Welt zusammen, Eva, meine ganze heile Welt, wenigstens dachte ich, die fünf Jahre und neun Monate, die ich mit ihr hatte, wären die schönste, unbefangenste, heilste Zeit in meinem Leben gewesen. Da war nichts erzwungen, da war nichts anstrengend, nichts von ›Beziehung ist Arbeit‹ und diesem ganzen Mist! Bei uns war es anders!«

Eva atmete tief ein und dann langsam wieder aus. Ihre Eifersucht war kein normales Gefühl, sie war ein Queckengewächs, das immer wieder kam, so oft sie ihr Gehirn auch umgrub oder versuchte, etwas Neues darüber auszusäen, um zu vergessen. Es war einfach nicht auszurotten. Sie schaute auf den Punkt zwischen Georgs Augen, um nicht dauernd auf seinen Mund zu starren.

»Das waren Jahre voller Liebe und echtem Glück, um mal diese abgenutzten Worte zu gebrauchen. Hab ich zumindest geglaubt. Aber diesen Glauben kann ich mir jetzt ja wohl abschminken!«

Eva nickte, denn sie verstand genau, was er meinte. Was blieb von seinen schönen Erinnerungen? Was von ihren? Die Idee, die sie von Georg und Milena im Kopf hatte, dieses Gebilde von Verschmolzenheit und süßer Harmonie schien zum ersten Mal falsch und machte dafür einem ganz anderen Bild Platz. Einem Bild von einem fremden Mann und fremden Betten, von geheimen Telefonaten, vielleicht sogar heimlichen Treffen, um dem kleinen Emil seinen richtigen Vater vorzustellen.

»Wann?, Wann?, Wann?, frage ich mich schon seit Tagen. Ich hatte doch nie den geringsten Zweifel. Sie kommt mit diesem Zitronenkorb aus Positano in die Küche, frisch vom Dreh aus Italien, wir sehen uns, sind sofort fasziniert voneinander …«

Ja, das konnte man schon erahnen, als ihr da eine Stunde lang verschlungen vor dem Kühlschrank geklebt habt, dachte Eva, und ihr Magen zog sich bei der Erinnerung leicht zusammen. Damals habe ich mich heulend über die Kloschüssel gehängt, aber leider nicht kotzen können, als ihr Hand in Hand die Party verlassen habt und dann gleich für die nächsten drei Tage verschwunden seid. Die Party, die ich nur gegeben habe, um meinen Nachbarn Georg aus dem zweiten Stock einladen zu können.

»Na ja, wir haben in unserem verliebten Rausch natürlich nicht wirklich aufgepasst, und sie wurde schwanger. Bumm. Ein Kind der Liebe. Vom ersten Tag an … Und nun ist das alles nicht wahr?! Ich hätte das nie von ihr gedacht.«

Ich schon, schoss es Eva durch den Kopf. Nein, korrigierte sie sich sofort, das ist gemein.

»Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Vor mir. Und ich meine: ganz kurz vor mir! Oder …«

»Währenddessen?«, fragte Eva leise.

Georg nickte mit zusammengekniffenen Augen.

»Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Eine verliebte Frau springt nicht in anderen Betten herum.« Sieh nur mich an, war ich in den letzten fünf Jahren etwa mit einem anderen Mann außer dir im Bett? Na also.

»Und Milli war verliebt! Richtig verliebt.«

»Ja?« Er sah sie mit rot unterlaufenen Augen an.

»Ja!« Das war ja das Schlimme, fügte sie im Stillen hinzu. »Milena ließ sich zwar jahrelang treiben wie ein neugieriges Kind auf dem Jahrmarkt. Alles war spannend, alles war neu und brachte sie weiter, sie verliebte sich regelmäßig in ihre Regisseure und Filmpartner und beendete diese Beziehungen aber auch immer wieder ganz schnell. Sie litt nie besonders, weil es noch so viele – äh, Menschen zu entdecken gab … Aber als sie dich traf, war sie plötzlich anders.«

»Wann ist es dann also passiert, mit wem könnte sie …?«

Eva schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung, es ist furchtbar, darüber nachzudenken. Nachzurechnen.«

»Vielleicht hat sie das Ganze mit mir doch nur geplant und berechnet …«

»Vergiss es«, sagte Eva, »sie hatte garantiert keinen Plan. Sie war unbeirrt und methodisch, was das Theaterspielen und die Auswahl ihrer Rollen beim Film anging, aber was ihren Körper und die Liebe betraf völlig planlos … Schrecklich.«

Würde ihn der letzte Satz beruhigen oder ihm noch mehr wehtun?

»Planlos hört sich für mich in diesem Zusammenhang ziemlich gut an. Du meinst, sie wusste von nichts?« Georgs Mund entspannte sich, als er so etwas wie ein Lächeln versuchte.

»Ich kann es dir nicht genau sagen. In den letzten Jahren ihres Lebens habe ich sie leider etwas aus den Augen verloren.«

»Du warst immer bei uns eingeladen …!«

»Ja, und bin dann oft nicht erschienen, ich weiß, meine Schuld!« Denn ich stand jedes Mal wie ein ausgesondertes Spielzeug daneben und schaute eurem glücklichen Leben zu, ergänzte sie in Gedanken. »Du hast mit ihr zusammengelebt, du kennst sie aus dieser Zeit besser als ich«, setzte sie laut hinzu.

Georgs Blick war der eines gequälten Hundes, der nicht versteht, warum man ihm Leid antut.

»Ein bisschen besser!«, berichtigte Eva und seufzte. »Milena war eben so. Nie wusste sie, wann sie ihre Tage hatte, die kamen total unregelmäßig. Als wir in der WG wohnten, habe ich zwei Kalender mit dem ›roten M‹ geführt. Einen für mich, einen für sie. Irgendwann habe ich es aufgegeben. Ihre Frauenärztin hat gesagt, sie habe einen absolut unregelmäßigen Eisprung.«

»Rotes M …! Dann kennst du dich ja in der Buchführung aus. Rechnen wir also! Ich komme da immer durcheinander, du bist die Biologin. Wie ist das mit dem Zyklus noch mal, ab wann ist da was möglich?«

»Oje. Das kannst du in jedem Biologiebuch nachlesen. Emil kam ja nicht nach sechs oder sieben Monaten auf die Welt. Ich glaube, er wog fast vier Kilo, oder?«

»3 788 Gramm!«

»Eben!«

»Du meinst, der Zeitpunkt kann nur einige Tage vor unserem Kennenlernen und dem Ausflug nach Dänemark gelegen haben?«

»Anzunehmen.«

»Ich weiß nicht, und wenn sie doch noch mal mit einem anderen … Während sie mich schon kannte …?«

Darauf habe ich damals ja gewartet, dachte Eva. Das geht nicht gut, habe ich gehofft, Milena ist doch viel zu sprunghaft! Es ging aber gut. Sie war wirklich verliebt, über fünf Jahre lang. Und wäre es wahrscheinlich heute noch. So wie ich.

Sie zuckte wieder mit den Achseln. »Was soll ich dir sagen? Ich kann es mir einfach nicht vorstellen.«

»Anfang Mai demnach«, überlegte Georg und strich sich über die Bartstoppeln, »da war sie gerade zurückgekommen vom Dreh für ›Die Mandeldiebin‹.«

»Ja. Ich glaube, sie hat vorher noch in Bratislava gedreht, dann kamen zwei Monate ›Die Mandeldiebin‹. Deswegen der Riesenkorb mit Zitronen …«

»›Die Mandeldiebin‹ also! Der Film und alle, die dabei waren. Alle Typen …«

»Wenn du nichts dagegen hast, gehe ich rein, mir ist kalt.«

Georg schien sie nicht zu hören, er hatte ihr den Rücken zugewandt und schaute über die Dächer.

Im oberen Wohnzimmer, das gleichzeitig als Esszimmer diente, leuchtete die türkisblaue Stofftapete im Licht der letzten roten Strahlen, die durch das Fenster hereinfielen.

Die Tapete hatte Milena ausgesucht, die Möbel waren ein buntes Durcheinander aus Filmrequisiten von ihr und aus Georgs Zeit als Requisiteur, die ganze Wohnung sah noch genauso aus wie zum Zeitpunkt ihres Todes. Nur die Fotos, die überall von ihr gehangen hatten, hatte Georg abgenommen und in sein Schlafzimmer gebracht. Sein Milena-Gedächtnis-Schrein, seine Zuflucht.

»Wenn Papa und ich am Wochenende manchmal bei ihm im Bett liegen, ist Mama überall«, hatte Emil ihr einmal erzählt. Da musste er sieben oder acht gewesen sein und hatte aus unerfindlichen Gründen ein paar sehr gesprächige Minuten mit ihr verbracht. »Wir reden über die Bilder. Wann sie gemacht wurden und wie sie darauf aussieht und so.«

»Und, findest du das schön?«, hatte Eva ihn gefragt.

»Nein. Es ist traurig, weil Mama irgendwie so toll und lieb aussieht, dass man sie am liebsten gleich drücken möchte, aber wir können sie ja nicht mehr drücken. Und Papa fragt mich dann so viel und ist immer ganz still, wenn ich sage, dass ich mich daran nicht erinnern kann.«

Eva stützte die Handflächen auf den langen Tisch und starrte auf die dunkle Tischplatte, als ob sie eine Landkarte studierte. Emil war das Kind, das sie eigentlich mit Georg hätte haben sollen, er ahnte den Neid, den sie auf Milena hatte. Kinder spüren so was. Eva schüttelte den Kopf, vielleicht war das Quatsch, und Emil war einfach nur ein stilles, durch den frühen Tod seiner Mutter leicht traumatisiertes Kind.

Sie schob einen der Stühle zurecht. Die Stühle waren ebenfalls ein Sammelsurium von verschiedenen Drehs. Gepolsterte Sessel ohne Armstützen, verschieden in Farbe und Abnutzungsgrad, drei Drehstühle aus den Fünfzigerjahren, auf denen man nicht ohne Gefahr Platz nehmen konnte, dafür mit gehäkelten Kissen auf den Sitzflächen. Nicht kitschig, nicht spießig, sondern cool. Alles bei Milena war cool. Der kleine Speisenaufzug, der in die Küche führte, die gebogene Stehlampe mit dem Betonklotz als Sockel und auch die Getränkebar auf einem zusammenklappbaren Teewagen aus den Siebzigern. Braun und scheußlich. Genau so einen hatten sie zu Hause in Henstedt-Ulzburg gehabt. Das war ihr bis jetzt nicht aufgefallen. Ob Milena den ihren Eltern abgeschwatzt hatte? Eva würde die beiden bestimmt nicht danach fragen. Die Aussicht, mehrüber die Herkunft eines hässlichen Teewagens zu erfahren, war nicht wichtig genug, um ihr jahrelanges Schweigen zu brechen.

Sie hörte Georg von der Terrasse hereinkommen.

»Willst du nicht wenigstens mal die Drehstühle austauschen?«, fragte Eva, ohne ihn anzusehen. »Die Kugellager sind ausgeleiert, und die Sitzflächen fallen manchmal einfach ab, wenn man sich darauf niederlässt. Die sind lebensgefährlich!«

»Mein Gott, wie kannst du jetzt an die Stühle denken? Ich habe gerade wirklich anderes im Kopf. Aber da du schon fragst: Die Stühle bleiben. Alles bleibt!«

Eva schaute noch immer auf die Tischplatte. Georg stand hinter ihr. Nach ein paar Sekunden strich er ihr mit einer Hand leicht über den Rücken. »Sorry. Ich bin fertig mit den Nerven. Sollte nicht so hart klingen. Ich gehe mal in den Keller, muss was suchen. Wenn du willst, kannst du ja mal nach Emil schauen.« Ohne ihre Antwort abzuwarten, ging er an ihr vorbei, die Treppe hinunter.

Sie sah ihm nach. Er hatte immer noch diese verdammt gute Figur. War das genetisch bedingt, oder warum guckte sie mittlerweile jedem Typ auf den Hintern und freute sich, wenn die Hose darüber gut saß, und noch mehr, wenn sie zudem noch eine schmale Taille und breite Schultern entdecken konnte? Je älter sie wurde, desto mehr achtete sie darauf. Biologische Uhr, schnell noch ein Kind bekommen, mit einem, der in der Lage war, seinen Samen an die richtige Stelle zu … Aber wenn sie keine von diesen Müttern werden wollte, die mit Anfang fünfzig am Schultor standen, sollte sie sich mit ihren achtunddreißig Jahren beeilen. Georg fiel ja nun aus!

Im Wohnzimmer saß Emil im Schneidersitz auf der gigantischen blauen Sofa-Landschaft, die Milena von einem befreundeten Ausstatter gekauft hatte und die sich trotz ihrer Ausmaße in dem großen Raum fast verlor. Über ihm hing ein großes Gemälde, blauer Himmel, rosa Wolken, eine Künstlerin hatte es extra für Milena gemalt. Emils Gesicht wurde vom Schein des Fernsehers erhellt. Er war wirklich hübsch, kein Wunder, dass manche Leute ihn für ein Mädchen hielten.

»Geht mein Papa weg?« Bitte, da war es wieder: Für Emil war sie nur die, die alle paar Wochen mal vorbeikam, wenn Georg wegmusste. Nicht die tolle Eva oder wenigstens seine coole Tante. Sie konnte mit Kindern nicht besonders gut umgehen. Und mit Millis Kind erst recht nicht.

»Nein, davon hat er nichts gesagt.« Mein Papa. Unfassbar, was Georg ihr soeben auf der Terrasse erzählt hatte. Aber natürlich war Georg Emils Papa, er hatte ihn Milena am Set hinterhergetragen, ihn ihr alle drei Stunden zum Stillen gebracht, ihn gewickelt, getröstet und in den ersten Wochen nachts, wenn er mal weinte, seine Runden mit ihm im eigenen Hotelzimmer gedreht, damit Milena nebenan ungestört schlafen konnte. Er reiste mit Emil von Drehort zu Drehort, und als er größer wurde und in den Kindergarten kam, schaffte Georg sich als Food-Stylist ein neues Standbein. Er konnte von zu Hause aus viel vorbereiten, doch sein Job als Vater ging immer vor.

Emil schaute auf den Bildschirm und verzog den Mund zu seinem verhaltenen Buddha-Lächeln. Er hatte nicht nur Milenas Haare geerbt, sondern auch die großen grünen Augen, die ihre Mutter leider nur an ihre jüngste Tochter weitergegeben hatte. Eva dachte nach. Woher kamen eigentlich ihre eigenen hellbraunen Augen? Von ihrem Vater jedenfalls nicht. War sie vielleicht auch ein Kuckuckskind? Mensch, Georg, da hast du was angerichtet, dachte sie wieder. Deine vereitelte Samenspende bringt uns alle völlig durcheinander.

Emil war von Anfang an ein sehr süßes, in sich ruhendes Baby gewesen. Selbst wenn er einmal Bauchschmerzen hatte, ließ er sich recht schnell wieder beruhigen. Nicht, dass sie es ihrer Schwester missgönnt hätte, aber auffällig war es doch gewesen: Milena hatte selbstverständlich kein hässliches Kind mit verformtem Kopf, platter Nase oder wenigstens Baby-Akne hervorgebracht.

Emil war immer noch süß, was sie ihm gegenüber natürlich niemals erwähnen durfte. Er war sehr ernsthaft und interessierte sich für Sachen, die einen Zehnjährigen normalerweise nicht interessieren. Meditation. Kalligrafie. Die Mongolei. Pizza backen. Wie kam er auf diese Dinge? Außerdem quälte er sich jeden Dienstag und jeden Freitag zum Fußballtraining beim SV Uhlenhorst-Adler. Als Torwart. Vielleicht nicht die einzige Sache, die er nur Georg zuliebe tat?

Er war erst fünf gewesen, als Milena starb. Fünf glückliche Jahre, heile Jahre, so hatte Georg sie genannt. Eva seufzte, ohne es zu merken. Und nun kam heraus, dass er nicht Emils biologischer Vater war. Was hatte Milena da bloß geritten? Na ja, oder wen? Schluss damit, dieswar definitiv nicht der richtige Zeitpunkt für blöde Wortspiele.

Sie starrte noch ein paar Minuten auf die depressiv wirkenden japanischen Comicfiguren mit den toten Augen, die über den Bildschirm rannten, und stand dann auf, um nach Georg zu sehen.

Sie traf ihn in der Küche.

»Hab’s gefunden!«, sagte er, als sie näher kam, und breitete mehrere zusammengeheftete Zettel auf dem Tisch aus. Sie wollte ihm die Hand auf die Schulter legen, ließ sie kurz darüber schweben, zog sie dann doch wieder zurück.

»›Die Mandeldiebin‹, hier ist sie!« Georg gab ihr ein geheftetes Büchlein. Stabliste, las Eva.

»Das war eine deutsch-italienische Co-Produktion. Da sind die Namen von denen drin, die dabei waren. Vom kleinen Praktikanten und Fahrer über die Beleuchterriege, Regisseur, Ausstattung, Maske, Ton bis zum Produktionsleiter! Alle!«

»Gut.«

»Ach komm, Eva, du tust nur so, als ob du nicht verstehst, oder?«

»Klar verstehe ich. Du willst jetzt möglichst schnell herausfinden, mit wem von all den Praktikanten, Beleuchtern und Schauspielern sie geschlafen hat.«

»Der Cast hat eine andere Liste, die ist hier!« Triumphierend warf Georg das Heft auf den Tisch und wischte sich dann die Finger an seiner Jeans ab. »Bisschen dreckig, hat da unten im Sammelordner viele Jahre auf dem Regal gestanden.«

»Viele Jahre, Georg. Das ist das Stichwort. Das ist doch echter Wahnsinn, was du vorhast.«

»Und du wirst mir dabei helfen!«

»Ich?!« Ihre Stimme klang ungewohnt schrill. »Vergiss es!«

Georg blätterte ungerührt in den Listen: »Hier, Anna Savinni, ihre Maskenbildnerin damals, sie waren gut befreundet.«

»Ja, ich kenne sie. Die war mal da, als Emil gerade ein Jahr alt war.«

»Und daneben steht ihre Adresse in Forlì. Ich hoffe, sie wohnt da immer noch. Sie spricht ja gut Deutsch.«

»Sie ist Deutsche, Georg, sie hat nur einen Italiener geheiratet.«

»Ach so, umso besser! Und gleich darunter ihr damaliger Assistent, Jannis, einer der wenigen nicht schwulen Maskenbildner, die ich kenne. Der wohnte zu dem Zeitpunkt in München, vielleicht heute ja auch noch. Den sollte ich gleich mal anrufen!«

Eva runzelte die Stirn. Der Name Jannis zog mit einem Hauch von schlechtem Gewissen durch ihr Gehirn. Sie war nicht nett zu ihm gewesen, das heißt, sie war zunächst sehr nett zu ihm gewesen. Vorspiegelung falscher Tatsachen. Sie war nicht frei gewesen. Die letzten zehn Jahre nicht. Elf Jahre.

»Ach Mensch!« Georg schlug sich an den Kopf. »Du kennst ihn doch auch, er war doch auf unserer Hochzeit, am Trullo!«

Am Trullo, genau, an unserem Trullo, dachte Eva, auch eins dieser Dinge, die ich unbedingt loswerden muss!

Milena hatte von dem Geld, das sie in den drei Jahren bei der Serie »Julia« verdient hatte, in Apulien einen Hektar Land erworben. Begeistert hatte sie von ihrem Grundstück erzählt, von den alten Olivenbäumen und lustig aussehenden Trulli darauf. Das seien runde Häuschen ohne Fenster, die sie sich wie Stein-Iglus mit aufgesetzten Zwergenmützen vorstellen müsse. Gleich drei Stück besitze sie nun, drei Trulli, dicht beieinanderstehend, für 60 000 Mark, inklusive vierzig Olivenbäumen.

Trulli mit Mützen? Milena hatte da bestimmt etwas falsch verstanden. Sie sprach nicht so gut Italienisch, und das Wort Trulli, oder die Einzahl Trullo, hatte Eva noch nie gehört. Nach einem Blick auf die Landkarte von Apulien musste sie ihre Skepsis jedoch ablegen, die Gegend hieß tatsächlich Paese dei trulli, Land der Trulli, und lag mitten im Nichts!

Sie war mit Milena nach Bari geflogen, hatte ein Auto gemietet und so diplomatisch wie möglich versucht, ihre Schwester zu überreden, das Geschäft rückgängig zu machen. Eine von uns muss mal wieder die Vernünftige sein, hatte sie gedacht.

Der November war in ganz Apulien feuchtkalt, selbst in den Restaurants war es ungemütlich. Eva und Milena machten es den anderen Gästen nach und zogen ihre dicken Jacken bei dem Treffen mit Bauunternehmer Mimmo gar nicht erst aus. Sie hatten zusammen gegessen und waren dann aus Ostuni heraus zum Grundstück gefahren, waren minutenlang über vom Regen ausgewaschene Wege geholpert, deren gröbste Löcher jemand mit Steinen aufgefüllt hatte.

Bruchstücke einer eingefallenen Mauer schirmten das Gelände zu einer Seite notdürftig ab, zwei Torpfeiler standen wie vergessene Wächter am Anfang einer von Gräsern überwucherten Auffahrt. Vom Tor selbst war nichts mehr zu sehen, nur eine rostige Kette spannte sich zwischen den Pfeilern. Unter den Bäumen wuchs nichts, die rote Erde war glatt gestampft und nass, sie blieb in dicken lehmigen Brocken an Evas teuren grauen Wildlederschuhen hängen, um sie für immer zu verfärben. Die Trulli standen zwanzig Meter vom Weg entfernt wie drei versteinerte Zwergenmützen verloren auf einem Felsplateau, einzelne Steine waren aus den Kuppeln herausgebröckelt und lagen auf dem unebenen Boden.

Milena schwenkte entzückt einen alten Reisigbesen, der vor einer der Ruinen gelegen hatte. »Das gehört alles uns! Und die Oliven an den Bäumen auch! Die tragen richtig gut, wir werden unser eigenes Öl machen!«

»Wir? Du hast also immer noch vor, das durchzuziehen, Milli? Ich werde hier keinen Pfennig investieren. In diesen Iglus ohne Fenster gibt’s noch nicht mal Türen zum Zumachen! Dafür prima Feigenbäume, die aus den Mauern wachsen …«

»Ja, aber warte doch erst mal ab, was Mimmo daraus macht! Natürlich werden wir Türen haben. Die beiden hier, die so eng beieinanderstehen und sich so ähnlich sehen wie Zwillinge, sind für unsere Gäste. An den größeren dort drüben könnte man mit wenig Aufwand ein richtiges Haus anbauen, ganz einfach, vier Wände, große Türen und Fenster …«

»Die Renovierung wird dich das Doppelte von dem kosten, was dieser selbst ernannte Bauunternehmer Mimmo behauptet«, prophezeite Eva, während Mimmo trotz der winterlichen Temperaturen mit offenem Hemd, Goldkette und einem kalten Zigarrenstumpen zwischen den Zähnen wie seine eigene Karikatur über die rote Erde stapfte. Er zeigte stolz auf die schwarzen Netze unter den Bäumen, die ordentlich zu dicken Paketen zusammengerollt für die Ernte bereitlagen.

Eva schüttelte den Kopf: »Und du musst dabei sein, wenn der baut, man weiß doch, wie die Deutschen im Ausland über den Tisch gezogen werden.«

»Ich wusste, es würde dir gefallen. Du wirst nie etwas bezahlen müssen, das schwöre ich dir, aber ich lasse dich mit in den Kaufvertrag eintragen, du sprichst besser Italienisch als ich, und falls mal irgendwas ist …«

Falls mal irgendwas ist … Eva hatte Milena nicht retten können, niemand hatte sie retten können, es war einfach zu schnell gegangen. Sie spürte Kopfschmerzen hinter ihrer rechten Schläfe aufziehen. Als sie ein einziges Mal in ihrem Leben nicht vernünftig war, nicht aufgepasst hatte, war Milena verunglückt und achtzehn Jahre später an den Folgen gestorben. Niemand hatte sie danach mit irgendwelchen dummen, beschwichtigenden Sätzen trösten können. Weil es stimmte. Weil es einfach stimmte …

Ob Milena mit diesem Vorabendprogramm-Italiener Michele, der sie zu den Trulli überredet hatte, auch im Bett gewesen war? Schon möglich, aber das interessierte jetzt nicht, der Trullikauf lag mindestens vier Jahre vor Milenas Begegnung mit Georg.

Milena hatte Glück gehabt und recht behalten. Für weitere 60 000 Mark wurden die Trullitürmchen in ihrer Abwesenheit von Mimmo wieder instand gesetzt. An einem errichtete er einen rechteckigen Anbau und eine große Pergola aus Holz, die Zisterne wurde von innen frisch verputzt, eine Pumpe hineingesetzt und Strom vom nächsten Masten zum Grundstück gelegt. Er baute die Mauer wieder auf, die Torpfeiler bekamen mit einem vollautomatischen Rolltor wieder eine anständige Aufgabe, und mit den zwei Oleanderbüschen rechts und links der Einfahrt sahen sie aus, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Seit Milenas Tod waren weder Georg noch Eva nach Apulien geflogen. Eva, Meisterin der Pflichterfüllung, der To-do-Listen, des Abhakens, des Nichtaufschiebens, hätte sich in gewohnter Art um die Pflege des Grundstücks, das Bezahlen der Stromrechnung und alles andere kümmern müssen. Doch an diesem Punkt blockierte irgendetwas ihr Hirn und hinderte sie daran. Und das Seltsame war: Sie fühlte sich gut dabei, als ob das Schleifenlassen, das Wegschieben sie tröstete. Fünf Jahre lang, bis zu diesem Moment.

»Rufst du den kleinen Jannis an? Er wird sich bestimmt freuen, deine tiefe Schmachtstimme am Telefon zu hören. Das war doch der, der dich auf der Hochzeit so angemacht hat!« Georg holte sie aus ihren Gedanken zurück.

»Schmachtstimme?! Das ist nun mal meine Tonlage, oder meinst du, ich mache das extra? Und so klein war der gar nicht. Er war nur jung! Erst zweiundzwanzig, sechs Jahre jünger als ich, aber immerhin einen Kopf größer.«

Georg hob den Kopf: »Hast du ihn ausprobiert?«

»Bitte?«

Er schüttelte den Kopf, lachte aber nicht, grinste noch nicht mal.

Nein, sie hatte Jannis nicht »ausprobiert«, nicht im klassischen Sinne eines One-Night-Stands, obwohl sie kurz davor gewesen war. Der Maskenbildner aus München war hübsch, konnte wunderbar tanzen, war witzig und anschmiegsam wie ein junger Hund. Sie hatte den Abend einfach nur überstehen wollen, hatte getrunken, ohne betrunken zu werden, und über alles gelacht. Obwohl sie eigentlich weinen wollte, denn Georg, ihr Georg, in den sie so verliebt gewesen war, heiratete ihre Schwester. Erst als sie mit Jannis durch die Olivenbäume davonging, war ihr auf einmal alles egal. Sie hatte ihren Charme an ihm ausprobiert, ihm genau das gegeben, was er brauchte. Komplimente. Bewunderung. Die Aussicht auf Sex. Sie hatte vertrauliche Nähe hergestellt, sich dann aber wieder auf den Sockel der Unerreichbarkeit begeben, damit er sich bemühen musste. Alles wohldosiert. Und es hatte funktioniert. Als sie nach zwei Tagen am Bahnhof von Ostuni Abschied voneinander nahmen, war sie amüsiert und geschmeichelt, er aber schwer verliebt.

»Ich finde dich toll, aber ich bin nicht frei!«, hatte sie ihm am Telefon gesagt. »Es tut mir leid!«

»Na, den können wir also schon mal fragen! Rufst du ihn an? München, passt doch.« Er hatte sich einen Kugelschreiber genommen und strich einige Namen aus.

»Produktionsleitung, Herstellungsleitung, Schnitt, alles Frauen, deutsche Frauen. Können wir also streichen. Maske auch, Anna und der kleine Jannis, Kostümabteilung, alles Mädels, wie immer. Und der Rest des Teams: Männer. Italienische Männer.«

Eva rollte mit den Augen. »Ich ruf ihn ganz bestimmt nicht an. Ruf du Jannis doch an, wenn die Nummer überhaupt noch stimmt! Er wird dir sicher bereitwillig Auskunft geben, mit wem Milena wann und wo geschlafen hat.«

Georg rieb sich über die Stirn und malte sich dabei mit dem Kugelschreiber einen Strich auf die Haut. Eva bemerkte es, sagte aber nichts. »Ich war lange genug selbst beim Film«, sagte er. »Das Maskenmobil ist ein zuverlässiger Umschlagplatz für Informationen. Maskenbildner wissen alles. Nur sie, und vielleicht noch die Kostümleute, kommen so nah an die Schauspieler heran.«

Eva zwirbelte an ihrem Zopf herum. Er verlangte also von ihr, dass sie ein Telefonat mit ihrem schlechten Gewissen führte.

»Ich habe mir das so gedacht: Nächste Woche fangen die Sommerferien an. Ich bringe Emil mit meiner Mutter für zehn Tage zu ihrem Bruder nach München, und von da aus geht’s dann los. Erst Jannis und dann weiter. Und du kommst mit …« Eva schüttelte heftig den Kopf, doch Georg fuhr unbeirrt fort: »… weil du Italienisch kannst, weil sie deine Schwester war, weil du mir helfen willst und weil das alles ohne dich nicht geht!«

Eva zog die Schultern nach oben in Richtung Ohren und ließ sie dann tief hinuntersacken. Entspann dich, flüsterte eine Stimme in ihr Ohr, eine Reise mit Georg! Eine Woche, nur mit ihm, vielleicht sogar zehn Tage! Verschiedene Städte, Hotels, Restaurants. Immer auf Tuchfühlung, warum nicht auch in einem Doppelzimmer?

Mein Gott, du hast diese On-off-Geschichte seit fünf Wochen beendet. Erinnere dich! Du kannst doch jetzt nicht mit ihm auf die Suche nach irgendeinem italienischen Beleuchter-Massimo oder -Giovanni gehen, den ihr sowieso nie finden werdet.

»Ich habe keinen Urlaub beantragt und werde so schnell auch keinen kriegen! Kann gut sein, dass wir wie letzte Woche plötzlich drei Fälle mit höchster Priorität haben.«

»Ja und? Dann bist du eben nicht da!«

Eva seufzte, doch sie fühlte bereits, wie ihr Widerstand bröckelte. Die Sandburg. Kaum mehr sichtbar. »Wie stellst du dir das vor?«

»Versuch es wenigstens. Bitte! Für mich!«

Eva atmete tief ein und aus, um einen neuen Schutzwall um sich zu bauen und Zeit zu gewinnen.

»Eva! Wir werden durch Italien reisen, die Namen auf der Stabliste einen nach dem anderen abstreichen, Zahnbürsten, Haare und was weiß ich noch für DNA-Proben sammeln, und wenn wir uns am Ende bei keinem der Kandidaten sicher sind, kannst du sie in deinem Labor überprüfen.«

»Wie stellst du dir das vor, Georg? ›Zahnbürsten, Haare und was weiß ich‹ ist total illegal. Außerdem geht das bei uns nicht, jede Probe bekommt einen Barcode, ist einem Fall zugeordnet, wird im strengen Vier-Augen-Prinzip in das System eingepflegt. Da kann ich nicht unbemerkt irgendwelche italienischen Zahnbürsten oder Zigarettenkippen einschmuggeln. Das ist Polizeiarbeit.No chance!« Und auchkeine Chance mehr für dich! Doch da nahm er schon wieder ihre Hände. »Eva!«

Okay, diesmal wusste sie wenigstens, was ernichtsagen würde. »Nach Milenas Tod ist das das Furchtbarste, was mir je im Leben passiert ist.«

Ich weiß, dachte sie und drückte unwillkürlich seine Finger. Und guck mich nicht so traurig an, das ertrage ich nicht!

 

4

»Das soll alles noch mit!?«

Eva beobachtete Georg vor dem geöffneten Kofferraum seines Autos. »Meine Mutter hat noch nie verstanden, wie man für eine Reise packt. Wozu braucht sie zwei von diesen komischen Beautycases, die schwere Reisetasche hier und dann noch diese drei Tüten?!« Er stemmte kurz die Hände in die Hüften und begann alles wieder aus dem Kofferraum hervorzuzerren, um es dann erneut einzuladen.

Eva schenkte André einen fragenden Blick, der zuckte nur mit den Schultern. Als schwuler Mann war er zu einigem zu gebrauchen, das Beladen eines Pkw gehörte allerdings nicht unbedingt dazu. Eva verkniff sich ein: Kann ich dir helfen?, und reichte Georg wortlos Reisetaschen, Koffer und die drei ausgebeulten, ehemals schicken Boutique-Tüten an, in die seine Mutter Helga in letzter Minute noch alles Mögliche hineingestopft hatte. Aus der einen ragte ein Strohhut heraus, aus einer anderen baumelte ein Stecker, vermutlich von einem Föhn.

»Helga?«, rief Georg in die Richtung der geöffnetenHaustür. »Ihr bleibt zehn Tage bei Onkel Kurt! NichtzehnWochen!«

Zu Eva sagte er: »Da könnte ich mich genauso gut bei Theo und Sandy beschweren. Hätte denselben Effekt. Wenigstens die beiden Chamäleons bleiben zu Hause.«