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Ein Treffen «der Science-Fiction-Giganten – Andreas Brandhorst, Joshua Tree und Brandon Q. Morris haben zusammen bereits Millionen Bücher verkauft
Im 23. Jahrhundert wird eine Mission von der Erde zum neunzig Lichtjahre entfernten Omikron-System geschickt. Man nimmt an, dass Vorfahren der Menschheit vor Jahrmillionen von dort zur Erde aufgebrochen sind. Bei Omikron angekommen, trifft das Raumschiff »Wayfarer« jedoch auf Widerstand – und nur mithilfe einer Quantenintelligenz überleben die Menschen. Jetzt stehen sie vor ihrer größten Entscheidung: Retten sie sich selbst, oder retten sie den wahren Ursprung der Menschheit? Die Zukunft zweier Zivilisationen steht auf dem Spiel.
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Seitenzahl: 665
Veröffentlichungsjahr: 2025
Im 23. Jahrhundert wird eine Mission von der Erde zum neunzig Lichtjahre entfernten Omikron-System geschickt. Man nimmt an, dass Vorfahren der Menschheit vor Jahrmillionen von dort zur Erde aufgebrochen sind. Bei Omikron angekommen, trifft das Raumschiff Wayfarer jedoch auf Widerstand – und nur mithilfe einer Quantenintelligenz überleben die Menschen. Jetzt stehen sie vor ihrer größten Entscheidung: Retten sie sich selbst, oder retten sie den wahren Ursprung der Menschheit? Die Zukunft zweier Zivilisationen steht auf dem Spiel.
In ORIGIN – Die Trilogie erzählen die drei Großmeister der deutschsprachigen Science-Fiction, Andreas Brandhorst, Joshua Tree und Brandon Q. Morris, die Geschichte von ein paar tapferen Wissenschaftlern, die sich mit einem Generationenschiff in den Tiefen des Alls auf die Suche nach dem wahren Ursprung der Menschheit machen.
ORIGIN – Die Trilogie bei Heyne:
Andreas Brandhorst: ORIGIN – Die Entdeckung
Joshua Tree: ORIGIN – Die Erweckung
Brandon Q. Morris: ORIGIN – Die Erlösung
Brandon Q. Morris ist Physiker und Autor. Der Weltraum beschäftigt ihn sowohl beruflich wie auch privat schon lange. Er zählt zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Science-Fiction-Autoren, und seine Romane erscheinen sowohl im Eigenverlag als auch bei großen Publikumsverlagen. Für ORIGIN – Die Trilogie bei Heyne hat er sich nun mit Andreas Brandhorst und Joshua Tree zusammengetan.
Mehr über Brandon Q. Morris und ORIGIN erfahren Sie auf hardsf.de und auf
www.diezukunft.de
BRANDON Q. MORRIS
Die Erlösung
ROMAN
WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN
Originalausgabe
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Copyright © 2025 by Brandon Q. Morris
Copyright dieser Ausgabe © 2025 by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Textbaby Medienagentur, www.textbaby.de
Redaktion: Rainer-Michael Rahn
Umschlaggestaltung: DASILLUSTRAT, München, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com (Gegham Davtyan, Velimir Zeland, Fred Mantel)
Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-33374-4V002
www.heyne.de
1 – Woldomar Tyquitsch
2 – Tonia Webbing
3 – Tonia Webbing
4 – Tonia Webbing
5 – Tonia Webbing
6 – Walt Humphries
7 – Walt Humphries
8 – Walt Humphries
9 – Walt Humphries
10 – Walt Humphries
11 – Orion Rhyne
12 – Orion Rhyne
13 – Orion Rhyne
14 – Orion Rhyne
15 – Orion Rhyne
16 – Orion Rhyne
17 – Lars Alcantar
18 – Lars Alcantar
19 – Lars Alcantar
20 – Lars Alcantar
21 – Lars Alcantar
22 – Lars Alcantar
23 – Lars Alcantar
24 – Steel Chip
25 – Steel Chip
26 – Steel Chip
27 – Steel Chip
28 – Steel Chip
29 – Dante Tameroni
30 – Dante Tameroni
31 – Dante Tameroni
32 – Dante Tameroni
33 – Dante Tameroni
34 – Lea Lehora
35 – Lea Lehora
36 – Lea Lehora
37 – Lea Lehora
38 – Lea Lehora
39 – Lea Lehora
40 – Lea Lehora
41 – Lea Lehora
42 – Marc Laton
43 – Lea Lehora
44 – Lea Lehora
45 – Lea Lehora
46 – Marc Laton
Glossar
Nachwort des Autors am Lagerfeuer
Rettungsbarke 121
Woldomars Kopf schlug gegen die Sitzschale. Mist, wo war denn das Neuralgel, das ihn hätte auffangen müssen? Er presste den rasierten Schädel gegen das harte Metall. Diese Rettungsbarken waren primitiver, als er geglaubt hatte. Gleich sollte sich die taktische Anzeige einblenden. Er fokussierte seinen Blick auf einen Punkt etwa anderthalb Meter vor sich. Dort führte ein Rohr aus den Eingeweiden des Shuttles mitten durch die Kabine in den Boden. Das Rohr glänzte. Eis hatte sich daran abgesetzt. Es musste Teil des Kühlsystems der Triebwerke sein.
Wo blieb das taktische Display? Er schob seinen Kopf hin und her. Manchmal musste man die optimale Stelle erst finden, an der sein Nav-Implantat sich mit dem Schiff synchronisieren konnte. Allmählich wurde er aber nervös, denn sie drangen immer tiefer in den Asteroidengürtel um Omikron-6 ein. So ganze ohne Navigation wollte er hier nicht den Weg finden müssen.
Woldomar erschrak, als er einen Schlag auf die Schulter bekam.
»Wieso sitzt du hier herum?«, fragte Janna, die neben ihm schwebte.
Sie kam wie er von der Wayfarer. Grant hatte den größten Teil der Crew in die Rettungsboote geschickt, bevor … Woldomar schluckte. Er konnte sich noch immer kaum vorstellen, dass die riesige Arche, die die Menschheit gebaut hatte, nicht mehr existierte. Als er angeheuert hatte, sollten sie eigentlich Trappist-1 anfliegen. Er war über die Kursänderung begeistert gewesen. Wann bekam man schon die Gelegenheit, den Ursprung der Menschheit zu besuchen? Er hatte wirklich geglaubt, dass es sich um ein Paradies handeln musste.
Nicht um eine Todesfalle wie das Omikron-System. Und wo waren sie denn, die Ersten Menschen? Vermutlich längst an Altersschwäche gestorben oder von ihren eigenen kinetischen Kill-Vehikeln umgebracht. Solche Waffen hatte man im primitiven zwanzigsten Jahrhundert auf der Erde getestet; zum Glück war man auf Nukleartechnik umgestiegen.
»Woldi, ich habe dich etwas gefragt.«
»Pssst, ich muss mich konzentrieren, das Interface …«
»Es gibt kein Interface!«
Janna nahm seinen linken Arm von der Lehne und deutete auf eine Einbuchtung. Sie drückte darauf und ein Hebel schob sich aus dem Metall. Janna schwebte auf die andere Seite und wiederholte den Vorgang.
»Das ist dein Interface. Pitch und Roll …«
»Ja, ich weiß.« Woldomar ärgerte sich, dass sie ihn so blamiert hatte. Janna hatte zwei Dienstjahre weniger als er. Er griff nach den beiden Hebeln und schob den rechten nach vorn. Janna schwebte davon und konnte sich gerade noch an der Wand abfangen. Dabei traf sie das vereiste Rohr.
»Aua, das tat weh«, beschwerte sie sich.
»Janna Henriksen, Sie sollten sich setzen und anschnallen, so wie ich.« Woldomar deutete auf die Gürtelschnalle und dann auf den Sitz neben sich.
»Witzbold. Ich musste dir erklären, wie man eine Rettungsbarke fliegt, schon vergessen?«
Nein, das hatte er nicht vergessen. Leider hatte sie ihm offenbar nicht alles erklärt – wie um Himmels willen bekam er eine taktische Ansicht der Umgebung? Er konnte doch nicht auf Sicht fliegen – das Bullauge schräg über ihm zeigte reine Schwärze.
Woldomar nahm den Schub zurück, bis wieder Schwerelosigkeit einsetzte. Dann versuchte er, sich an die Grundausbildung zu erinnern. Wie viele Stunden hatten sie diesen Barken gewidmet? Zwei oder drei? Selbst die Ausbilder hatten damals wohl nicht daran geglaubt, dass die Notbarken je benötigt würden. Er wusste noch, dass es verschiedene Versionen gab, die unterschiedlich komfortabel ausgestattet waren. Woldomar konzentrierte sich auf das Gefühl, so einen Steuerstick in der Hand zu halten. Ja, er hatte bereits auf so einem Navigationsplatz gesessen. Die Umgebung hatte dabei vor seinen Augen geschwebt … nein, das war die falsche Unterrichtsstunde: Er hatte sie auf einem Schirm betrachtet, und den hatte er von oben zu sich heruntergezogen.
»Ha!«, rief er, streckte den Arm zur Decke und fand eine längliche Vertiefung. Er drückte darauf, bis sich ein flexibler Vorhang herausschälte, der sich etwa in der Mitte zwischen seinem und Jannas Sitz stabilisierte.
»Das wurde ja auch Zeit«, sagte Janna.
Musste sie ihn dauernd ärgern? Er kniff die Brauen zusammen und sah zu ihr. Sie aber deutete mit großen Augen auf den taktischen Schirm.
Scheiße. Objekt auf Kollisionskurs! Woldomar drückte den linken Stick zur Seite. Die Barke kippte ab. Er zog ihre Nase hoch und gab maximalen Schub. Von hinten aus dem Laderaum waren Schreie zu hören. Er zuckte die Schultern. Hätte er die achtzig Passagiere vor dem Manöver gewarnt, hätte der Asteroid sie vermutlich getroffen.
Er nahm den Schub wieder zurück. Die Triebwerke verstummten. Woldomar kontrollierte die Karte, aber das Radar meldete keine weiteren Hindernisse auf der aktuellen Flugbahn. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und kontrollierte den Treibstoffvorrat. Das Manöver hatte ihren Füllstand noch einmal kräftig verringert. Die Automatik hatte nach dem Abkoppeln von der Wayfarer auf maximale Beschleunigung gesetzt und damit viel Stützmasse verbraucht.
Was wohl ihre Rettung gewesen war. Hinter ihnen befand sich ein Trümmerfeld, das mit enormer Geschwindigkeit in alle Richtungen driftete. Man musste schneller sein als die Bruchstücke der Wayfarer, wollte man nicht ihr Schicksal erleiden.
»Gute Reaktion«, sagte Janna. Sie hatte ebenfalls Schweißtropfen auf der Stirn.
»Wir müssen einen Ort finden, wo wir so lange ausharren können, bis uns Hilfe erreicht«, erklärte Woldomar. Er tippte auf den Schirm und zoomte aus der aktuellen Darstellung heraus, bis das ganze Omikron-System zu sehen war.
»Du glaubst, sie schicken Hilfe? In dreihundert Jahren?«
»Es muss nicht so lange dauern. Denk an die Pangaea. Sie ist erst lange nach uns gestartet und war vor uns hier. Das könnte unsere Chance sein. Wenn sie vor ihrer Zerstörung einen Hilferuf an die Erde abgesetzt hat, ist das Rettungskommando vielleicht schon längst unterwegs.«
Janna zuckte die Schultern. »Vielleicht warten sie auch erst ab, was sie in neunzig Jahren von uns hören werden, bevor sie ein drittes Schiff schicken.«
Auch das war eine Möglichkeit. Woldomar war grundsätzlich optimistisch. Die Erde würde wissen wollen, welches Schicksal die Pangaea erlitten hatte. Vielleicht mussten sie ein paar Jahre durchhalten. Wo war das am besten möglich? Auf einem erdähnlichen Planeten – oder auf einem Mond.
Er scrollte das System auf dem Bildschirm durch. Ärgerlicherweise hatte die Wayfarer die einzelnen Planeten und ihre Monde noch nicht gründlich untersucht. Sie hatten aber nur einen Versuch. Mit ihrem restlichen Treibstoff konnten sie nur ein einziges Ziel erreichen.
»Wir wissen zu wenig«, sagte er.
»Vielleicht hat jemand von den Passagieren einen Tipp.«
Das war eine Idee. Woldomar sah Janna an. Sie war eine Nasse und im Laderaum waren bestimmt drei Viertel der Passagiere ebenfalls Nasse.
»Kannst du nach hinten gehen und fragen, ob wir einen Planetologen an Bord haben?«
Janna nickte und schnallte sich ab.
»Ich sehe mir mal die nähere Umgebung genauer an. Für die Beschleunigungsphase brauchen wir Korridore, in denen wir ohne Kollisionsgefahr Gas geben können.«
Die inneren Planeten schieden schon einmal aus. Rettungsbarke 121 hatte von der sonnenabgewandten Seite der Wayfarer abgelegt. Wollten sie nun auf einem treibstoffsparenden Kurs in Richtung Sonne fliegen, mussten sie die Wolke der Explosionsreste durchqueren, was wegen deren Bewegungsenergie viel gefährlicher als etwa ein Flug durch den Asteroidengürtel war. Woldomar schloss diese Möglichkeit aus, als Janna mit einem Spacer zurückkehrte.
»Ich bin Gentai Humunpai«, stellte er sich vor.
Weshalb hatten diese Spacer immer so seltsame Namen? Woldomar sah darüber hinweg und gab dem Mann einfach die Hand.
»Darf ich nach Ihrer Qualifikation fragen?«
»Ich bin auf Terraforming spezialisiert«, erklärte Gentai.
»Terraforming erdähnlicher Planeten?«, fragte Woldomar, und Gentai nickte.
»Nun, dann werden Sie uns kaum helfen können.« Woldomar demonstrierte das Problem auf der Karte. »Alles, was wir von hier erreichen können, sind Gasplaneten und Eisriesen.«
»Oder deren Monde«, sagte Janna.
»Was ist denn das da?«, fragte der Spacer und tippte mit seinen langen Fingern auf einen Punkt in der Karte.
»Ein … Radarecho«, sagte Woldomar und vergrößerte die Darstellung. Der Punkt blieb ein Punkt. Das Echo musste zu einem ziemlich kleinen Objekt gehören. Auf der Karte war es nicht speziell markiert, weil es sich nicht auf einem Kollisionskurs bewegte.
Aber für seine Größe war es ziemlich hell. Woldomar schätzte die Entfernung ab und berechnete daraus die Reflektivität der Oberfläche. Das Ding musste aus reinem Eis bestehen.
»Sie haben ein gutes Auge, Gentai.«
»Ist es das, was ich vermute?«, fragte Janna.
»Ja, ein kleiner Eismond, denke ich«, sagte Woldomar.
»Genau genommen ist es ein Zwergplanet«, sagte Janna. »Er umkreist ja nicht Omikron-6, sondern den Stern.«
»Wir könnten dort Wasser und Sauerstoff abbauen«, sagte der Spacer.
»Und nicht nur das, auch Treibstoff. Damit wären wir deutlich flexibler in der Wahl unseres finalen Ziels. Das ist eine tolle Nachricht. Wollt ihr das den Passagieren verkünden? Ich glaube, momentan können wir alle gute Nachrichten gebrauchen.«
»Woldi?«
Er schrak hoch.
»Ja?«, fragte er.
Woldomar hatte sich ein Nickerchen gegönnt. Die Flugzeit bis zu dem kleinen Eismond lag bei fast zwölf Stunden. Er musste an die Passagiere denken, denen pro Person nur anderthalb Quadratmeter Fläche zur Verfügung standen. Das war nach einem halben Tag sicher anstrengend. Wie mochten sie dann die zwei, drei Monate durchhalten, die sie bis zu einem der anderen Planeten brauchen würden? Die Notbarken mussten wirklich in dem Glauben entworfen worden sein, dass man sie nie benötigen würde.
»Dieser Zwergplanet …«, begann Janna.
»Eismond.«
»Nun, Gentai hat mich auf ein paar Eigenschaften aufmerksam gemacht, die ich überraschend finde.« Janna zeigte nach oben. Der Spacer winkte ihm zu. Woldomar hasste es, wenn sich Leute an der Decke zum Schlafen niederließen. Es war so … unnatürlich.
»Er soll da runterkommen.«
»Du kannst auch selbst mit ihm sprechen.«
»Gentai, komm da bitte runter. Ich mag es nicht, wenn jemand in meinem persönlichen Raum an der Decke hängt.«
»Dein Raum reicht bis zur Decke?«, fragte Janna.
»Ja. Also, was gibt es?«
Gentai stieß sich ab und schwebte vor den Schirm zwischen den Pilotensitzen. Die Darstellung wechselte zu Grüntönen. Der Eismond war mittlerweile eine kleine Kugel, die in sehr langsamem Tempo rotierte. Das war an einer dunkleren Fläche an ihrem Äquator zu erkennen.
»Das ist eine Infrarot-Darstellung«, erklärte Gentai. »Der Zwergplanet weist tatsächlich eine an seinen Stern gebundene Rotation aus. Er zeigt ihm also stets dieselbe Seite.«
»Ich weiß, was eine gebundene Rotation ist.«
»Natürlich, Woldomar. Ich mache auch nur darauf aufmerksam, weil der Zwergplanet im Infrarot so gleichförmig aussieht.«
Das war gut beobachtet. Selbst in dieser Entfernung vom Zentralstern müsste die von dessen Licht beschienene Seite deutlich wärmer – und damit im Infrarot heller – als die abgewandte Seite sein. Auf der Karte zog sich eine Linie über den Himmelskörper.
»Das ist der Terminator«, erklärte Gentai. Sie sahen den Zwergplaneten also ungefähr von der Seite. Trotzdem war kein Helligkeitsunterschied zu bemerken.
»Bemerkenswert«, sagte Woldomar. »Was verrät uns das über die Beschaffenheit des Körpers?«
»Nun, wegen der hohen Albedo haben wir ja auf eine Oberfläche aus Eis getippt. Damit sich die Temperaturen aber derart ausgleichen, müsste die Wärmeleitfähigkeit etwa fünfundzwanzig mal so hoch wie bei Eis sein.«
»Danke, Gentai. Gute Arbeit! Und woraus müsste der Zwergplanet dann bestehen, wenn Eis nicht in Frage kommt?«
»Es gibt kein natürlich auf der Oberfläche eines Zwergplaneten vorkommendes Material mit solchen Eigenschaften.«
»Aber wir sehen doch, was wir sehen!« Gentai war offenbar einer dieser Wissenschaftler, die sich alles aus der Nase ziehen ließen.
»Ich fürchte, was wir sehen, ist kein Zwergplanet, sondern ein künstliches Objekt. Seine Oberfläche scheint jedenfalls aus Stahl zu bestehen.«
»Aber müsste es dann nicht viel schwerer sein? Wir kennen doch seinen Orbit und daraus ergibt sich die Masse.« Bei Orbitalmechanik machte einem Piloten wie Woldomar niemand etwas vor.
»Nicht, wenn er innen zum Teil hohl ist.«
Er betrachtete den Spacer. Die Schlussfolgerung war ungeheuerlich – sie hatten eine Raumstation gefunden. »Eine Station der Ersten Menschheit«, sagte Woldomar.
»Es gibt keinen Beweis, dass sie von der Ersten Menschheit gebaut wurde«, sagte Gentai. »Aber ja, wir haben hier sehr wahrscheinlich eine künstliche Struktur vor uns.«
Das Echo unter den Passagieren war laut und positiv. Die Überlebenden schienen sich ihrer Rettung bereits gewiss zu sein. Woldomar war davon noch nicht überzeugt. Er wollte den Feiernden aber auch die Laune nicht verderben. Was ihn zusätzlich skeptisch stimmte, war die Tatsache, dass auch Janna – die sonst meist anderer Meinung war als er – keine echte Begeisterung zeigte.
War das ein schlechtes Omen? Er schüttelte den Gedanken ab. Sie hatten ja nicht wirklich eine Wahl. Natürlich hatte er als Pilot das Kommando über die Notbarke. Aber wenn er die Raumstation nicht ansteuerte, würden die Passagiere revoltieren. Es gab eine kleine Gruppe von Marines darunter, gegen deren Waffen die Innenwände der Barke vermutlich keine Chance hatten.
Und was sollte er den Geretteten auch anbieten? Sie konnten versuchen, einen richtigen Eismond zu finden. Oder sie feuerten diesen einen Schuss ab, den sie im Lauf hatten, und versuchten bei einem der anderen Riesenplaneten ihr Glück. Vielleicht bot einer von deren Monden Bedingungen, die ein jahrelanges Überleben ermöglichten.
Da war die Raumstation vor ihrer Nase doch etwas, das sie nicht ignorieren konnten und durften.
»Wir müssen es versuchen«, sagte Janna.
Schon wieder hatte sie dasselbe gedacht wie er. Seine Skepsis stieg.
»Achtung, wir beginnen nun mit dem finalen Bremsmanöver«, sagte er über die Sprechanlage. Woldomar gab den Passagieren zwei Minuten, um sich irgendwo anzuschnallen. Dann drehte er das Schiff um hundertachtzig Grad und startete das Haupttriebwerk. Er begann bei etwa 0,2 g zur Gewöhnung und erhöhte dann auf 1 g. Sie hatten diesmal die Orbitalmechanik des Omikronsystems auf ihrer Seite. Die getarnte Raumstation kam ihnen entgegen. Woldomar plante, mit der Barke in einem niedrigeren Orbit unter ihr durchzutauchen, um sie dann ganz langsam wieder einzuholen.
Auf der Karte vor ihm fokussierte er die Station, die langsam größer wurde. Sie hatte annähernd Kugelform, was Sinn ergab: maximales Volumen bei geringstmöglichem Materialverbrauch. Aus den Polen, die von der Drehachse der langsamen Rotation gebildet wurden, sprossen antennenartige Instrumente. Zudem gab es in Äquatorhöhe Vertiefungen von ein paar Metern. Vermutlich konnten sich dort Schächte öffnen. Eine Raumstation brauchte einen Hafen, in dem Versorgungsschiffe anlegen konnten.
Es war an der Zeit, sich bei den Unbekannten anzumelden, denen die Station gehörte.
»Wir sollten allmählich Kontakt aufnehmen«, sagte Janna.
Woldomar lächelte. Sie kamen besser miteinander aus, als er befürchtet hatte. Jetzt musste er nur noch herausfinden, wie er die Funkanlage bediente.
Janna griff seitlich zum Bildschirm, wischte die Karte zur Seite und zauberte ein Kommunikationsmenü hervor. In der Mitte war der Notrufkanal zu sehen. Kleine Symbole in Form von Sinuswellen zeigten Aktivität an. Es war ganz schön was los. Sie waren bei Weitem nicht allein, das wurde Woldomar jetzt erst bewusst. Er klinkte sich in ein paar Sendungen ein und war froh, dass er sie bisher überhört hatte. Drei oder vier Schiffe hatten einen Notruf abgesetzt. Er seufzte. Sie konnten nicht helfen. Nicht jetzt jedenfalls, bevor sie selbst Hilfe bekommen hatten.
»Wir könnten unsere Entdeckung weitergeben«, sagte Janna.
Was würde das bedeuten? Sie wären nicht mehr die Einzigen, die die Station ansteuerten. Aber die Kugel durchmaß mindestens zweihundert Meter. Dort würden Tausende Menschen Platz finden, vielleicht sogar die ganze übrig gebliebene Besatzung der Wayfarer.
»Ja, lass uns das machen«, sagte er.
»Ich schicke es per Rundruf raus«, sagte Janna.
»Vielleicht sollten wir damit warten, bis klar ist, ob wir dort überhaupt willkommen sind«, sagte der Spacer, der schon wieder über Woldomar an der Decke klebte.
»Nein, dann könnte es für manche zu spät sein«, sagte Janna.
Woldomar sah sich die Daten der Barken an, die um Hilfe baten. Sie waren zum Teil schwer beschädigt. Zwei standen kurz vor dem Hüllenbruch. Eine andere hatte einen totalen Blackout.
»Janna hat recht«, sagte er. »Einigen geht die Zeit aus.«
Eine weitere Sinuskurve erschien im Bereich der Notsignale.
»Rettungsbarke 121 an fremde Raumstation, wir erbitten Kontakt.«
Woldomar lauschte. Wie nahm man mit Außerirdischen Kontakt auf? Er hatte ganz naiv auf den Funkkanal getippt. Schließlich benutzte die Menschheit schon seit dem 19. Jahrhundert elektromagnetische Wellen, um sich über große Entfernungen hinweg auszutauschen.
»Rettungsbarke 121 an fremde Raumstation, wir erbitten Kontakt.«
Immer noch keine Antwort. Er klopfte leicht auf die Lehne. Vielleicht lag es an der Sprache. Nur weil sie Gene mit der Ersten Menschheit teilten, hieß das nicht, dass sie dieselbe Sprache teilten. Sicher, sie würden eine verbale Form der Kommunikation gewählt haben. Aber das sagte rein gar nichts darüber, ob sie die heutigen Laute und Begriffe verstanden.
»Rettungsbarke 121 an fremde Raumstation, wir erbitten Kontakt.«
»Wir sollten es auf anderen Frequenzen versuchen«, sagte Gentai. »Vielleicht in ganz anderen Bereichen des Spektrums. Dass wir auf Kurz- und Mittelwelle senden, liegt an den Eigenschaften der Ionosphäre der Erde. Der Herkunftsplanet der Menschheit kann ganz andere Eigenschaften gehabt haben.«
»So sehr kann sich Genesis aber auch nicht von der Erde unterscheiden«, wandte Janna ein, »sonst hätte die Erste Menschheit andere Körperformen entwickelt.«
Vielleicht hatte sie das ja auch. Bisher gab es keine Beweise, dass die Ersten überhaupt humanoid gewesen waren. Sicher, es gab Bilder aus der Neptun-Station, aber vielleicht waren die auch so gestaltet worden, dass sie die Menschen nicht schockierten.
»Ich erhöhe langsam die Frequenz«, sagte Woldomar. »Ihr überlegt euch schon mal, welche Möglichkeiten zu senden wir sonst noch haben.«
Das war das Problem – die Notfallbarke war nicht dafür eingerichtet, mit Neutrinos oder Gammastrahlung zu kommunizieren. Die Wayfarer wäre dazu in der Lage gewesen. Im Nachhinein kam sie ihm wie das verlorene Paradies vor, wenn er auch zugeben musste, dass es Spaß machte, die Barke direkt mit den Händen zu lenken, statt über eine Simulation im Neuralgel. So war er irgendwie näher dran an der Realität, und das betraf auch die Ausdünstungen der Menschen um ihn herum, die in der Simulation einfach fehlten.
Es verband ihn enger mit den anderen, ihre Reaktionen direkt zu spüren und nicht gefiltert über die Simulation. Wenn er das direkt verglich, hatte er das Gefühl, nun nicht mehr so … gebremst zu werden. Es war schwer auszudrücken.
»Rettungsbarke 121 an fremde Raumstation, wir erbitten Kontakt.«
Er wiederholte die Nachricht immer wieder. Die Richtantenne zielte auf die fremde Raumstation. Wenn dort jemand lauschte, musste er zumindest erkennen, dass sie sich um eine Kommunikation bemühten.
Und wenn sie ihre Bitte mit einer automatisierten Nachricht verwechselten? Woldomar variierte den Spruch.
»Hier Rettungsbarke 121. Unbekannte Raumstation, wir bitten um Kontakt.«
»Rettungsbarke 121 wendet sich an fremde Raumstation wegen Kontaktaufnahme.«
»Notfall an Bord von Rettungsbarke 121. Fremde Raumstation, wir brauchen Hilfe.«
»Guter Ansatz«, sagte Gentai. »Aber wenn sie unsere Sprache lernen sollen, brauchen sie mehr Material.«
»Was schlägst du vor?«, fragte Woldomar.
»Schick ihnen ein Buch. Irgendetwas harmloses. Sie sollten es nicht als Drohung empfinden.«
»Ein paar Märchen«, sagte Janna.
»Auf keinen Fall, die sind viel zu brutal.«
Hm. Woldomar ging die Schiffsbibliothek durch. Sie hatten tatsächlich ein paar Klassiker im Computer. Er entschied sich für Jane Austen. Danach gab er der Besatzung der Raumstation ein paar Minuten. Sicher mussten sie den Textberg erst analysieren.
»Rettungsbarke 121 an fremde Raumstation, wir erbitten Kontakt«, versuchte er es dann.
»Sie sollten lieber Ihre Verwandten nicht vernachlässigen, statt Gefahr zu laufen, Ihre Gönnerin zu verärgern.«
Eine Antwort! Was sollte das bedeuten? Es klang nicht direkt wie eine Einladung. Wer war mit den Verwandten gemeint?
»Das ist aus Stolz und Vorurteil, wenn ich mich nicht irre«, meinte Janna.
Das war der Roman, den er geschickt hatte.
»Nein, also ja«, sagte Gentai. »Es gibt einen Unterschied. Seht euch das an.«
Das Buch öffnete sich auf dem Bildschirm bei Kapitel zweiundzwanzig und scrollte bis zu dem Satz, den die Raumstation ihnen geschickt hatte. Allerdings war ein zusätzliches »nicht« hinzugefügt, das den Sinn der Aussage umdrehte. Sie sollten sich also lieber mit ihren Verwandten befassen. Das waren dann wohl die anderen Rettungsbarken.
»Ist das eine Warnung?«, fragte Woldomar. »Dann sollte ich wohl besser den Anflug abbrechen.«
»Vielleicht haben sie den Satz zufällig ausgesucht«, sagte Janna. »Wir dürfen nicht so schnell aufgeben.«
»Dass sie ein Wort ergänzt haben, spricht stark gegen einen Zufall. Sie haben eine Ahnung, was der Satz bedeutet. Ich denke, sie haben unsere Sprache noch nicht so schnell entschlüsseln können. Aber sie haben bereits eine Sentiment-Analyse durchgeführt und nach einem Satz gesucht, der Zustimmung bedeutet. Den haben sie durch das ›nicht‹ negiert. Sie wissen also schon eine Menge, nach so kurzer Zeit.«
»Ich drehe ab«, sagte Woldomar. »Das sieht sehr nach einer Ablehnung aus. Denkt daran, was aus der Wayfarer und der Pangaea geworden ist.«
»Wenn wir abdrehen, sterben wir auch bald. Diese Station ist unsere Chance.«
Janna hatte auf ihre Art recht. Aber er wollte lieber noch zwei, drei Wochen weiterleben, statt sich von einer weiteren Säule abschießen zu lassen. Woldomar prüfte das Radar, aber die Stelenkonfiguration war zu weit entfernt, als dass er eine neue Abschussvorbereitung hätte erkennen können.
»Erklär ihnen, dass wir sonst sterben«, sagte Janna. »Und sag ihnen, dass wir Menschen wie sie sind.«
Woldomar glaubte nicht, dass das eine Neuigkeit für wen immer auch war, der vermutlich den Abschuss der Wayfarer angeordnet hatte. Vielleicht war es sogar besser, die Verwandtschaft nicht so zu betonen.
»Rettungsbarke 121 an fremde Raumstation. Wir befinden uns in einer Notsituation und brauchen Hilfe. Wir haben eine Besatzung von zweiundachtzig Lebewesen.«
Vielleicht stand die Station ja unter der Kontrolle einer Automatik. Maschinen waren in der Regel so programmiert, dass sie Lebewesen halfen. Natürlich konnte auch hier der Wunsch Vater des Gedankens sein. In einer andersartigen Gesellschaft waren Maschinen vielleicht wertvoller als Personen, so wie die Menschen einst den Wert eines Sklaven geringer bemessen hatten als den eines Freien.
Diesmal erfolgte die Antwort schneller: »Was Ihre Umgangsformen anging, so grenzte Ihr Betragen uns gegenüber immer zumindest an Unhöflichkeit.«
»Ich hab es schon«, sagte Gentai. »Kapitel sechzig.«
Das korrekte Zitat erschien auf dem Bildschirm:
»Was meine Umgangsformen anging, so grenzte mein Betragen Ihnen gegenüber immer zumindest an Unhöflichkeit.«
Aus einer Art Entschuldigung war eine Anschuldigung geworden. Sie verhielten sich unhöflich, sagte man ihnen. Was war, bitte schön, nicht höflich daran, jemanden um Hilfe zu bitten?
Die Barke hatte die Raumstation mittlerweile auf einer niedrigeren Umlaufbahn überholt. Woldomar musste eine Entscheidung treffen. Wenn er die Triebwerke nicht noch einmal zündete, würde das, was sie für einen Eismond gehalten hatten, langsam auf seinem Orbit entschweben. Sie hatten immer noch genügend Treibstoff, um einen anderen Planeten anzufliegen. Allerdings war das dann eine Wette mit vollem Einsatz und Risiko.
»Wir müssen den Anflug abbrechen«, sagte Woldomar. »Es ist zu gefährlich. Die wollen uns definitiv nicht an Bord haben.«
»Aber das ist unsere Chance!«, rief Janna. »Die Station besitzt garantiert die Ressourcen, die uns bis zum Eintreffen einer Rettungsmission am Leben erhalten.«
»Das können wir nicht wissen«, sagte der Spacer. »Vielleicht enthält sie bloß einen Maschinenpark, den wir nicht bedienen können. Oder es ist eine Art Tankstelle.«
Woldomar spürte einen Luftzug. Kurz darauf drückte kaltes Metall gegen seine Schläfe.
»Nicht so, Lin«, sagte Janna. »Was habe ich gesagt: nur ein bisschen überzeugen.«
Der Lauf der Waffe entfernte sich. Woldomar blickte zur Seite. Einer der Marines, das musste wohl Lin sein, stand neben ihm und zielte noch immer auf seinen Kopf. Eine zweite Waffe hatte den Gentai ins Visier genommen.
»Wenn ihr das hier drin abfeuert, sind wir alle tot«, sagte er. Als Pilot war er an den gängigen Waffen ausgebildet.
Lin zuckte die Schultern. »Früher oder später sterben wir alle. Bis es so weit ist, wollen wir lieber in der Raumstation da drüben leben. Also gib Gas, damit wir sie nicht verpassen.«
»Janna, das ist Meuterei. Ich habe hier das Kommando.«
»Beschwer dich doch beim Captain.«
Woldomar seufzte. Mit Grants Tod hatte auch eine gewisse Ordnung geendet. Er gab den Überlebenden der Wayfarer keine großen Chancen mehr.
Der Lauf näherte sich wieder. »Jetzt mach schon«, sagte Lin. »Die Raumstation bietet uns zumindest eine gewisse Chance. Hör auf Janna. He, ihr da hinten, wollt ihr, dass wir die Raumstation anfliegen?«
Woldomar hörte ein paar zustimmende Rufe, aber nicht alle schienen begeistert, dass die verhassten Marines nun die Befehlsgewalt übernommen hatten. Aber wie sollten sie gegen die geladenen Waffen ankommen?
Also gut. Die Meuterer würden schon sehen, was sie davon hatten. Woldomar schob den rechten Hebel nach vorn, um den Orbit der Raumstation zu erreichen. Sie tasteten sich näher und näher heran. Bald konnte er das Ziel sogar durch das Bullauge sehen – zumindest seine Umrisse. Da sie sich von der sonnenabgewandten Seite näherten, wurde die Station vor allem dadurch erkennbar, dass sie einen Teil des Alls verdeckte. Dadurch wirkte sie auch etwas größer, als sie mit ihren zweihundert Metern Durchmesser war.
»Melde dich bei ihnen!«, forderte Janna.
»Rettungsbarke 121 hier. Bitte öffnen Sie eine Andockbucht.«
»Willst du uns ins Grab bringen?«, fragte Janna. »Ein bisschen mehr Freundlichkeit wäre angebracht!«
Woldomar verschränkte die Arme. Er konnte jetzt nicht mehr viel tun. Die Station besaß keine Einrichtungen, an die sie andocken konnten. Es gab auch keine Einstiege, die ins Innere führten. Was für ein Triebwerk mochte die Station wohl haben? Es fehlte jeglicher Hinweis auf die Technik, die dahintersteckte. Es musste aber einen Antrieb geben, sonst hätte die Raumstation nicht so lange ihren Orbit halten können.
»Es ist mir vollkommen ernst mit meiner Ablehnung. Sie könnten mich nicht glücklich machen.«
Da war sie, die Antwort.
»Kapitel neunzehn«, sagte Gentai. »Und diesmal ohne jede Änderung.«
»Was meint er damit?«, fragte Lin.
»Die Station spricht mit Zitaten aus Stolz und Vorurteil zu uns«, erklärte Janna.
»Die kannten Shakespeare?«, fragte Lin.
»Jane Austen«, sagte Woldomar. »Wir haben ihnen den Roman geschickt, um die Kommunikation zu erleichtern«, erklärte Janna.
»Und die Antwort, was bedeutet die?«
»Sie wollen uns nicht, ist doch klar«, sagte Woldomar.
Janna neigte den Kopf hin und her. »Das kann man nicht so klar sagen.«
»Wie deutlich willst du es denn noch hören?«, fragte Woldomar und schnallte sich ab.
»He, schön ruhig«, sagte Lin drohend. »Du machst, was wir sagen.«
»Ist ja schon gut. Und was wollt ihr nun bitte?«
»Du setzt den Anflug fort«, sagte Janna.
»Wenn wir nicht bremsen, prallen wir auf die Station, und dann war es das mit unserer Barke.«
»Du meldest dich noch einmal bei ihnen, und diesmal freundlich.«
Woldomar nickte, auch wenn er überzeugt war, dass nichts die Besatzung dieser Raumstation umstimmen konnte. Vermutlich gab es gar keine – höchstens ein paar Roboter oder KIs, die von ihren Eltern den dringenden Rat bekommen hatten, während ihrer Abwesenheit niemandem die Türen zu öffnen, ganz besonders nicht irgendwelchen Humanoiden, die vorgaben, sie könnten kein Wässerchen trüben, sich aber gegenseitig bei erster Gelegenheit umbrachten.
Er spürte die Wut in seinem Bauch. Janna und ihre Freundin Lin und deren Gefährten hatten es verdient zu sterben. Aber die anderen Passagiere hinten waren unschuldig. Sie waren durch einen dummen Zufall auf derselben Barke gelandet wie die Arschlöcher mit ihren Waffen hier vorn. Wer hätte denn gedacht, dass er als Trockener jemals etwas für die Nassen in der Kabine tun würde?
»Rettungsbarke 121 hier«, meldete er sich per Funk. »Es tut uns wirklich leid, Sie zu stören, aber wir haben hier ernsthafte Probleme an Bord. Wenn Sie uns eine kleine Erholungspause an Bord Ihrer wunderschönen Raumstation erlauben würden, wären wir Ihnen auf ewig dankbar und würden Ihren Ruhm in alle Bereiche der Galaxis verbreiten.«
Das war vielleicht etwas dick aufgetragen, aber er glaubte sowieso nicht, dass die da drüben jedes Wort verstanden. Sie würden aber im Kontext der Annäherung ihrer Barke an die Station ihre Absichten begreifen. Zumindest hoffte er das. So fremd konnten sie doch nicht sein?
»Wenn Ihnen das, was ich bisher gesagt habe, als eine Art Ermutigung erscheinen kann, dann weiß ich wirklich nicht, wie ich meine Ablehnung noch ausdrücken soll, um Sie zu überzeugen, dass sie als solche gemeint ist.«
»Wieder Kapitel neunzehn und erneut aus dem Original zitiert«, erklärte Gentai.
Mist. Das war eine völlig klare Absage. Das mussten doch Janna, Lin und ihre Freunde ebenso verstehen? Man wollte sie hier nicht. Noch klarer konnte man das kaum ausdrücken, zumindest nicht im poetischen Stil einer Schriftstellerin aus dem zweiten Jahrtausend.
Plötzlich schaltete der Bildschirm auf einen eingegangenen Ruf um.
»Rettungsbarke 133 an 121. Nähern uns eurem Standort. Bitte um Bestätigung.«
Woldomar wechselte zum Radarbild. Rettungsbarke 133 war nicht das einzige Schiff, das sich näherte. Das Radar fand mindestens zwei weitere Barken, die sich als Nummern 79 und 141 identifizierten. Ihr Rundruf hatte weitere Überlebende angelockt. Hätte er das doch bloß nicht genehmigt!
»Rettungsbarke 121 hier. Haltet Abstand. Haltet …«
Der Lauf von Lins Waffe schlug ihm derart heftig gegen die Schläfe, dass er ohnmächtig wurde.
»… kein Problem. Die Struktur ist eindeutig künstlich. Wir haben Kommunikation aufgebaut und warten nur noch auf die finale Bestätigung. 121 Ende.«
Wieso verriet Janna nicht, dass man sie hier gar nicht haben wollte? Sie waren doch gar nicht in der Position, sich einer technisch weit überlegenen Zivilisation aufzudrängen! Hoffte Janna wirklich, dass man sie aus Mitleid an Bord lassen würde? Sie kamen aus neunzig Lichtjahren Entfernung. Für die Wesen hier mussten sie Aliens sein.
»Mach so etwas nicht noch mal!«, drohte Janna.
»Nun sei doch vernünftig«, sagte Woldomar. »Du bringst nicht nur unsere Passagiere in Gefahr, sondern auch noch die von drei anderen Shuttles.«
»Gefahr, Gefahr, hör doch auf«, sagte Lin. »Was bist du denn für ein Angsthase? Hast du an der Station das geringste Anzeichen für Waffen entdeckt? Das ist doch keine Kampfstation, die wir anfliegen. Ich denke, es handelt sich um ein Depot, das sie für Notfälle hier angelegt haben.«
Ein Depot, ja, da mochte Lin sogar recht haben. Was sie aber vergaß, war, dass auch im Sonnensystem in Lagerräumen Fallen installiert wurden, die Schädlinge dezimieren sollten. Solche simplen Abwehreinrichtungen sahen vielleicht gar nicht aus wie Waffen. Noch waren sie wohl bloß lästig, also ließ man sie in Ruhe. Aber wenn sie versuchten, die Station zu knacken, würde unweigerlich eine Reaktion folgen.
»Ich denke, es ist Zeit«, sagte Janna. Lin nickte.
»Zeit wofür?«, fragte Woldomar.
»Wenn sie die Tür nicht für uns öffnen, müssen wir eben selbst ans Werk gehen.«
»Du willst was?«
»Wir müssen in die Station, wenn wir überleben wollen. Also müssen wir uns einen Zugang verschaffen.«
»Du willst sie beschießen? Womit? Die Rettungsbarke ist nicht mit Waffen ausgerüstet.«
»Wir haben unser Triebwerk. Es erzeugt eine Menge Hitze. Das sollte die Außenhaut zum Schmelzen bringen.«
Woldomar seufzte. Es war möglich, das Triebwerk so zu starten, dass es kaum Schub erzeugte. Man musste dazu bloß den Zufluss der Stützmasse stoppen, die für die Impulsübertragung benötigt wurde. Der Rest-Impuls, den das Triebwerk auch ohne Stützmasse aufbaute, ließ sich über die Steuerdüsen kompensieren. So konnte die Barke ein, zwei Meter vor der Raumstation schweben und mit der Hitze aus dem Triebwerk ein Loch in das Ziel brennen.
Das war nicht nett, und es würde vermutlich nicht mehr zu Antworten führen, an die schon Jane Austen gedacht hatte.
»Komm, mach mal Platz.«
Janna öffnete seinen Gurt und gab ihm einen Stoß, sodass er in Richtung Decke davonschwebte. Gentai fing ihn auf und lenkte seinen Flug in Richtung des zweiten Sessels um, auf dem bisher Janna Platz genommen hatte.
Sie war ungeduldig, und das zu Recht. Woldomar hatte versucht, den Start des Triebwerks hinauszuzögern, und dazu die Korrekturdüsen immer wieder absichtlich übersteuert. Janna brauchte denn auch nur noch eine Minute, um das Schiff in die optimale Position für den Versuch zu bringen.
»So ist es perfekt«, sagte sie.
»Perfekt für einen Tritt in den Arsch.«
»He, mehr Respekt«, sagte Lin und drückte ihm erneut den Lauf der Waffe an den Kopf. Woldomar glaubte inzwischen nicht mehr, dass sie wirklich feuern würde. Wer es ernst meinte, drohte nicht so oft. Er glaubte, Angst in ihren Augen zu erkennen. Die Waffe in der Hand erlaubte es ihr, diese Angst zu überspielen. Woldomar sah zu Gentai nach oben, der ihn anblickte. Sie nickten sich zu. Woldomar sah sich um. Niemand hatte es bemerkt.
»Ich starte jetzt das Triebwerk«, verkündete Janna.
Ein tiefes Brummen erfüllte die Barke. Das Geräusch wurde normalerweise von hohen g-Kräften begleitet, aber nicht diesmal. Janna vergeudete den wertvollen Treibstoff für einen gefährlichen Versuch.
Sie schaltete die Heck-Kameras auf den Bildschirm. Der Strom heißen Plasmas war nicht zu sehen, wohl aber, was er auf der fremden Raumstation anrichtete. Die glänzende Oberfläche warf Blasen. Material spritzte in alle Richtungen und formte sich im Flug zu kleinen Kugeln, die die Außenhaut der Barke trafen. Es hörte sich an, als würde es hageln.
»Eingehendes Signal«, sagte Janna. »Ha, jetzt werden sie uns endlich zur Kenntnis nehmen.«
Woldomar schüttelte den Kopf. Das war wohl eigentlich Jannas Problem, das sie auf die Reaktion der Station übertrug. Sie hatte das Gefühl, nicht wahrgenommen zu werden. Einer jungen Offizierin unter dem Kommando von Grant war das sicher häufig passiert. Aber das war nicht ihr Problem. Die Station hatte sie sehr wohl zur Kenntnis genommen. Sie hatte sie bloß nicht eingeladen, und Woldomar hatte ein sehr schlechtes Gefühl, was die Erfolgschancen ihres ungebetenen Besuchs betrafen.
»Du wirst die Auswirkungen davon zu spüren bekommen. Kein Offizier soll jemals wieder mein Haus betreten.«
Gentai hatte das uralte Buch vermutlich wieder geschlossen. Er nannte diesmal jedenfalls keine Kapitelnummer. Woldomar vergewisserte sich, dass sein Gurt geschlossen war, dann blickte er ihn an. Sie nickten fast im selben Moment. Er sah im rechten Augenwinkel den Gewehrlauf, griff danach und zog ihn in einem Bogen zu sich heran, wobei er es vermied, dass der Lauf auf ihn zeigte. Lin hatte mit dem Angriff offenbar nicht gerechnet. Sie zappelte hilflos mit den Beinen, während er sie durch den Raum schleuderte.
Lin hätte eine Chance gehabt, wenn sie die Waffe losgelassen hätte. Aber sie brauchte sie für ihr Ego. Dadurch konnte Woldomar ihren Körper benutzen, um damit auf Janna einzuschlagen, die sich nur zaghaft wehrte, war es doch der Kopf ihrer Freundin, der immer wieder gegen ihren prallte. Gentai hatte sich auf einen weiteren Marine gestürzt. Er hatte seine Finger um dessen Hals gelegt. Es sah faszinierend aus, wie er mit beiden Händen um den kompletten, von der Uniform geschützten Hals des Mannes greifen konnte, der nun rot anlief und schließlich bewusstlos wurde.
Woldomar überzeugte sich, dass sich weder Lin noch Janna regten. Dann schaltete er das Schiff in den Notfallmodus. Jetzt waren alle Räume derart getrennt, dass selbst bei einem Leck in dem einen die Atmosphäre im anderen erhalten blieb. So brauchte er nicht zu befürchten, dass Janna aus der großen Kabine Hilfe bekam.
»Wir müssen sie fesseln«, sagte er, korrigierte sich aber sofort, als er sah, was der Ausstoß des Triebwerks an der fremden Raumstation anrichtete: »Du musst sie fesseln.« Jannas Aktion hatte ein Loch in die Hülle gefressen, aus dem nun Dampf drang. Gefrorene Atmosphäre. Sie mussten einen Druckbereich erwischt haben. Was, wenn sich dort Lebewesen aufgehalten hätten?
Er zog den Bildschirm näher an sich heran, dann wechselte er von der Kommunikation zur Triebwerkssteuerung. Sollte er den Antrieb ausschalten? Nein, dann würde wertvolle Zeit verloren gehen. Er schaltete einfach den Treibmassestrom dazu. Der Antrieb, der bisher ins Leere gearbeitet hatte, erzeugte nun wieder Leistung.
»Sorry, Gentai!«, rief er, denn alles, was nicht angeschnallt war, knallte nun an die Wände, die entgegen der Flugrichtung lagen.
»Danke auch!«, rief Gentai.
Es war nicht zu ändern. Sie mussten so schnell wie möglich hier weg. Woldomar prüfte, ob sie einen freien Fluchtvektor hatten. Da war ein potenzieller Bahnkreuzer. Er korrigierte leicht, als sich schon der Annäherungsalarm meldete. Was? Da lag kein Hindernis auf ihrer Flugbahn. Er schaltete auf das taktische Display um. Sie kamen von hinten! Zwei schlanke, torpedoartige Objekte rasten auf sie zu. Aber nicht nur auf sie.
»133, 79 und 141! Wir werden angegriffen!«
Mehr konnte er nicht für sie tun. Woldomar sah noch, wie alle drei abdrehten, aber es würde auch für sie zu spät sein. Die Verfolger waren im Infrarot nicht zu sehen, also besaßen sie keine herkömmlichen Triebwerke. Trotzdem konnten sie ihren Kurs korrigieren. Es konnte sich also nicht um rein kinetische Waffen handeln. Es war wirklich schade. Sie hätten so viel voneinander lernen können. Vielleicht hätten sie sich sogar einmal irgendwann über das Werk Jane Austens unterhalten.
Aber diese Zukunft gab es nicht mehr. Auf Rettungsbarke 121 wartete nur noch die Stille. Auf dem Bildschirm sah er, wie die zwei stiftförmigen Projektile in das Schiff einschlugen. Millisekunden darauf spürte es Woldomar in den Knochen – ein tiefes, reißendes Geräusch, das ihm zunächst sprichwörtlich das Blut in den Adern gefrieren ließ. Die Barke platzte von innen auf wie eine überreife Schote, und nun gefror sein Blut auch physisch, und Woldomar starb.
Rettungsbarke 17
Tonia klebte an der Decke. Sie versuchte, ihre Glieder zu bewegen, doch sie kam gegen die Kraft nicht an, die sie gegen das blanke Metall presste. Aber was ihr am meisten Angst machte, war die Stille. Tonia war auf der Erde aufgewachsen, wo man ohne lärmende Technik nicht überleben konnte, und in dem riesigen Raumschiff, der Wayfarer, war sie stets von Geräuschen umgeben gewesen. Stille, das war der Tod, das hatten ihr ihre Eltern beigebracht.
Jetzt war es absolut ruhig. Und sie lebte. Aber wie lange noch? Tonia lauschte. Die Triebwerke waren abgeschaltet. Doch woher kam dann die Kraft, die sie gegen die Decke presste? Rotation. Die Notbarke trudelte. Wieso wurde ihr davon nicht schwindlig? Weil es sich um eine kontinuierliche Bewegung handelte, begriff sie. Etwas musste die Barke in Drehung versetzt haben, als sie sich von der sterbenden Wayfarer entfernt hatte.
Tonia sah sich um. Es gab zwar Bullaugen, aber sie konnte durch keines hinaussehen. Unter ihr lag eine Öffnung. Sie erkannte den Stahlrahmen, der sie umgab. Er war an den Rändern genietet. Die Technik kam ihr bekannt vor. Auf der Erde waren primitive Schiffe aus Eisen zwischen den Städten der Nassen verkehrt. Es war durchaus passend, dass man sie selbst hier in einem derartigen Schiff ins All schickte.
Ausgestoßen. Oder gerettet? Aber was war das für eine Rettung? Sie würde hier an der Decke sterben, wenn irgendwann der Sauerstoff zur Neige ging.
Nein, Mädchen. Du musst dich wehren. Lass es nicht mit dir geschehen. Bestimme selbst, was passiert. Sie hörte die Stimme ihres Vaters. Er hatte sie dazu überredet, sich für die Kolonie im Trappist-System zu bewerben, und dafür hatte er ihr auch all seine Meriten geschenkt. Ein besseres Leben! Von wegen. Hätte sie doch bloß nicht auf ihn gehört. Nun war er seit Hunderten Jahren tot. Wenigstens würde der Tod sie auch bald ereilen.
Da war ein Geräusch. Es erinnerte sie an das klagende Ziehen eines Metallbalkens unter Spannung. Da! Ein Mensch, der Schmerzen litt.
»Hilfe.«
Es war leise, aber nicht geflüstert. Die Person musste am Ende ihrer Kräfte sein.
»Hilfe, bitte.«
Tonia sah sich um, fand aber die Quelle nicht. Die Töne schienen sich an der Decke entlangzutasten. Die glatte Oberfläche der Außenwand wurde immer wieder von Querbalken unterbrochen, die Stabilität erzeugen sollten. Das schien den Konstrukteuren gelungen zu sein. Tonia hatte keine Ahnung, wie lange der Angriff auf die Wayfarer schon her war, aber sie erinnerte sich noch gut an die Hölle, die dabei ausgebrochen war.
Die Notbarke hatte das Chaos überstanden, immerhin.
»Hilfe. Ich …«
Die Person verstummte. Tonia glaubte, einen Marsianer gehört zu haben. Was machte so einer in diesem Schiff? Es war nicht weit gewesen von den hydroponischen Anlagen zu Barke 17. Nur so hatte sie es überhaupt geschafft. Der Marsianer, wenn es einer war, hatte also vermutlich zu den Marines des Kommandanten gehört. Ein Scheißtyp. Hoffentlich würde er bald verrecken. Sie hatte keine Lust, sich bis zu ihrem unabwendbaren eigenen Tod seine Jammerei anzuhören.
»Hilfe. Ich brauche …«
»Du brauchst eine aufs Maul«, rief sie.
»Hilfe, bitte. Ich … Schmerzen.«
Hatte er sie überhaupt verstanden? Oder war er so verzweifelt, dass es ihm egal war, wer zuhörte? Tonia stellte ihre Füße schräg auf und drückte dann mit den Oberschenkeln dagegen. So schaffte sie es, ihre Position zu verändern. Nun sah sie das Bullauge deutlicher. Direkt darunter war ein heller Fleck zu erkennen. Jetzt war er weg. Wieder da. Die Barke rotierte schnell. Der Fleck war vermutlich die Sonne. Omikron. Sie hatte niemanden gebeten, hierhergebracht zu werden. Trappist-1 war ihr Traum gewesen.
»Hilfe …«
Und dieser Typ war mit daran schuld. Auf dem Schiff, das im Trappist-1-System ein neues Paradies hatte aufbauen sollen, war so viel Militär gar nicht vorgesehen gewesen. Tonia drehte sich noch ein Stück weiter. Jetzt konnte sie einen der Querbalken mit den Händen erreichen. Sie klammerte sich daran fest, was nicht einfach war, da sie auf dem Rücken lag und damit ihre Hände um hundertachtzig Grad verdrehen musste, und zog sich langsam näher. Schließlich schaffte sie es, ihren Kopf so weit hochzudrücken, dass sie über den Balken hinwegblicken konnte.
Da lag er. Tonia sah nur sein Bein. Es schlang sich auf unnatürliche Weise um den nächsten Querbalken, wie eine Schlange, die daran hochkroch. Seine Knochen mussten beim Aufprall vollkommen zertrümmert worden sein. Wieso hatten die Naniten dann noch nicht mit den Aufräumarbeiten begonnen? Oder war die Aufgabe so umfassend, dass ein Erfolg aussichtslos war?
»Ohhh … ohhh …«
Der Marsianer wimmerte. Tonia schluckte. Es handelte sich immerhin um ein menschliches Wesen. Sie betrachtete sein Bein. Jetzt erst fiel ihr auf, dass es in einer blauen Hose mit goldenen Streifen steckte. Der Mann gehörte nicht zu den Marines. Er war vermutlich Pilot. Ganz genau wusste sie es nicht. In den wenigen Tagen, die sie wach an Bord verbracht hatte, hatte sie vor allem arbeiten müssen.
»Ooooohhhh …«
»He, Fremder!«
Das Bein zuckte ganz kurz. Sofort folgte ein Schmerzlaut.
»Hilfe … Bitte …«
»Ich bin Tonia. Wer bist du?«
»Pete. Bin … Pete. Hilfe. Ich habe …«
»Hallo, Pete.«
Sie klebte an der Decke. Pete war zwar nur ein paar Meter entfernt, aber sie würde ihm nicht helfen können. Das Einzige, wozu sie in der Lage war, bestand darin, ihn abzulenken.
»Hallo … Tonia.«
»Woher kommst du? Ich bin von der Erde, Anden-Hochebene.«
»Mars … Olympus-Mons-Akademie.«
Ein Marsianer. Ein Staubfresser. Sie hatte es gewusst.
»Warst du gut an der Akademie?«
»Geht … geht so.«
»Wie bist du dann auf die Wayfarer gekommen? Sie haben doch nur die Besten der Besten genommen.«
»Mein … mein Vater hat …«
»Dir seine Meriten geschenkt? Die Geschichte kommt mir bekannt vor. Jetzt hasst du deinen Vater dafür, was?«
»Ich … nein. Kein Hass.«
»Weil er tot ist, oder?«
»Kein Hass.«
Kein Hass. Das war leicht gesagt. Es gab einige Menschen, die Tonia hasste. Der Staubfresser gehörte nicht dazu. Nicht mehr.
»Wie hast du es in die Notbarke geschafft, Pete?«
Der Marsianer antwortete nicht. Tonia legte das Ohr an das Metall, ganz dicht, bis sie ein Wimmern hörte. Es wäre ihr lieber gewesen, wenn es auf die Spannung zurückzuführen gewesen wäre, unter der das Metall der Hülle stand, aber das Geräusch kam von dem Mann da drüben. Mist. Tonia konnte ihn nicht einfach so sterben lassen. Sie musste selbst bestimmen, was passiert.
»Schiffs-KI, melde dich«, rief sie.
Keine Antwort. Mist. Sie musste ausgefallen sein. Jedes Beiboot, und ganz besonders eine Notbarke, musste über eine KI verfügen.
»Schiffs-KI, Start!«, versuchte sie es noch einmal.
Wieder blieb es still, bis auf ein Scharren, das aus Petes Richtung kam.
»Pete, was machst du da?«
»Muss … Hauptcomputer erreichen.«
»Computer? Was soll das sein? Was willst du ausrechnen? Die Zeit, die dir bleibt?«
Die gesamte Technik wurde von KIs unterschiedlicher Art gesteuert. Manche reagierten auf Sprache, andere auf Gesten, Gesichtsausdrücke oder Aktionen. Es hörte immer eine KI zu, das war ihr ganzes Leben lang so gewesen, und auf der Wayfarer erst recht.
»Computer sind … Basis der KI. Geräte. Quanten…basiert.« Pete hustete.
Das Kratzen begann erneut. Er wollte doch wohl in seinem Zustand nicht hier herumkriechen? Tonia bewegte den Kopf hin und her. Es konnte ihr ja gleichgültig sein. Aber verdammt, es war ihr nicht egal. Sie wollte nicht ganz allein hier sterben. Pete würde bis zu ihrem gemeinsamen Tod durch Ersticken mit ihr sprechen.
»Was willst du von diesem Rechending?«, fragte sie.
»Computer. Der Name … täuscht. Ohne … keine KI. Muss … neu starten.«
Kratzen. Pete stöhnte. Sein Bein rutschte ein Stück über die metallene Strebe. Tonia musste die Augen schließen. Es sah furchtbar aus, wie eine frische Fischwurst, bevor man sie durchgekocht hatte. Übelkeit stieg in ihr auf, obwohl sie Fischwurst immer gemocht hatte.
»Hör auf damit, Pete. Du quälst dich doch nur selbst.«
»Kann nicht … Will nicht … sterben.«
»Wir werden sowieso ersticken. Gemeinsam. Die Atemluft ist begrenzt.«
»Nicht … ersticken. Verdursten. Schrecklich.«
Durst. Daran hatte sie gar nicht gedacht. Wasser war ihr Medium. Es hatte wenig davon gegeben in ihrer Heimat, aber ihr selbst hatte es nie an Wasser gemangelt. Konnte der Mensch tatsächlich verdursten? Vermutlich. Tonia leckte sich die Lippen. Jetzt, wo sie daran dachte, spürte sie das Bedürfnis.
Kratzen an der Decke. Pete stöhnte. Sein Bein rutschte komplett über die Querstrebe. Plomp. Es war ein Geräusch, als wäre ein zäher Pudding zu Boden gefallen. Pete musste unglaubliche Schmerzen haben. Die Knochen in seinem Bein mochten Matsch sein, aber die Nervenbahnen funktionierten wohl noch.
»Pete, hör auf damit. Das bringt doch nichts.«
»Kann … nicht.«
Wieso konnte er nicht einfach aufgeben? Das war doch gar nicht so schwer. Jede Hoffnung fahren lassen, und das Leben fühlte sich wieder ganz normal an.
Kratzen. Tonia seufzte. Er wollte sie wohl ärgern.
»Was ist mit deinen Naniten? Lass dich reparieren.«
»Funktioniert nicht … keine Naniten.«
Das war unmöglich. Alle Besatzungsmitglieder hatten eine ordentliche Dosis dieser winzigen Helfer bekommen. Sie kreisten auch in ihrer Blutbahn und warteten nur darauf, dass irgendetwas vom Soll-Zustand abwich.
»Vielleicht sind sie überlastet.«
»Keine … Naniten.«
Pete irrte sich. Seine Verletzungen mussten einfach zu schwer gewesen sein. Das ließ sich ganz einfach überprüfen. Tonia biss sich auf die Unterlippe, bis sie das süßlich-metallische Aroma ihres Blutes schmeckte. Dann wartete sie mit offenem Mund, wobei sie von zwanzig bis achtzig zählte. Bei einundachtzig leckte sie erneut über die Lippe. Es schmeckte immer noch nach ihrem Blut.
Uff. Tonia schloss die Augen. Die Naniten waren so etwas wie ihre Lebensversicherung gewesen. Seit die Technologie existierte, hatte man kaum noch Ärzte gebraucht. Eher hätte Tonia auf Essen verzichtet als auf das jährlich anfallende Erneuern der Nanitenvorräte.
»Wie kann das sein?«, fragte sie.
»Glaubst du mir jetzt, Schlammspringer?« Pete lachte. Wie konnte er solche Schmerzen leiden und gleichzeitig lachen?
»Du hattest recht, Staubfresser. Zufrieden?«
»Hätte … lieber nicht recht.«
»Aber wie kann es sein? Die Naniten sind überall. Die kann doch niemand aus uns rausgesaugt haben!«
»Keine … Energie.«
»Du hast keine Energie, um mir das zu erklären, versuchst aber, zu so einem Computerding zu kriechen?«
»Nein. Im Schiff … Energie fehlt. Kennst du … die Elektroschlitten?«
»Aus der Transportabteilung? Ja, coole Dinger.«
»Die … laden Energie. Drahtlos. Naniten … funktionieren genauso.« Pete stöhnte. Selbst die Unterhaltung schien ihn anzustrengen.
»Wir laden sie also im Schiff dauernd drahtlos auf?«
»Endlich hast du … es kapiert, Schlammspringer.«
Das Kratzen setzte sich fort. Der Querbalken versperrte ihr die Sicht auf Pete.
»Wo ist denn dieses Computergerät?«, fragte sie.
»Stirnseite. Links. Gegenüber … vom Eingang.«
Tonia sah sich um. Der Raum unter ihr war vielleicht vier Meter breit und zehn Meter lang. Er hätte angeblich achtzig Menschen fassen sollen, aber Tonia sah sonst niemand. Die Zeit von der Vorwarnung bis zur Zerstörung der Wayfarer war für die meisten ihrer Freunde zu kurz gewesen. Sie schluckte. Zwei von achtzig. Hoffentlich waren die anderen Rettungsbarken besser gefüllt.
Auf der einen Seite war ein Schott, das den Raum zur Schleuse hin abtrennte. Dort hätte ein farbiges Licht leuchten sollen, rot oder grün je nach Zustand der Schleuse, aber das komplette Bedienpaneel war dunkel. Es gab kein künstliches Licht. Trotzdem war es nicht dunkel; die Sonne schien immer wieder durch die Bullaugen herein und erfasste dabei fast jeden Winkel. Es gab nur wenige Ecken, die dauerhaft im Schatten lagen.
Die linke Ecke an der Stirnseite gehörte dazu. Die Dunkelheit dort war vollkommen, aber Tonia glaubte Pete, dass sich dieses Computerding in den Schatten versteckte. Es war ihr noch nie aufgefallen.
»Gibt es diese Computer überall?«, fragte sie.
»So … so gut wie, ja. Meist … sieht man sie nicht, weil sie … in die Wände … integriert sind.«
»Aber hier nicht. In einer Notbarke für die Nassen kann man ja alte Technik einbauen, oder.«
»Das … ist es nicht. So … ist es sicherer. Notbarke … muss sicher sein.«
»Und was willst du dort?«
»Neu … starten. Müssen … Rotation stoppen. Navigation. Kon…trolle.« Er stöhnte.
Tonia atmete tief durch. Er war ein Staubfresser, aber er hatte recht. Sie mussten die Kontrolle über das Schiff zurückgewinnen. Und sie würde sich damit weitaus leichter tun als der schwer verletzte Marsianer.
»Pass auf, Pete. Ich übernehme das. Ruh dich aus.«
»Du … wirklich?«
»Ja. Dafür erzählst du mir eine Geschichte.«
»Und dann … bin ich gestürzt.«
Tonia stöhnte. Sie verstand Pete jetzt besser. Solche Geräusche von sich zu geben, erleichterte es, die Schmerzen zu ertragen. Die Kraft, die sie gegen das Metall presste, war so groß, dass sie sich schon nach ein paar Metern die Haut aufgeschürft hatte. Der Stahl an der Innenseite war blank. Notbarken mussten die Kräfte bei einer Explosion aushalten. Komfort stand da nicht im Vordergrund. Tonia drehte den Kopf. Sie hatte eine dunkle Spur auf dem silbrigen Untergrund hinterlassen. Nein, inzwischen waren es drei – ihre beiden Arme und der rechte Fuß, der immer wieder über das Material schrappte.
»Weiter«, sagte sie zu sich selbst und zu Pete.
»Mons Olympus … besteht aus Wassereis und Trockeneis. Die sublimieren … bei verschiedenen Temperaturen. Du kannst dir vorstellen, welches Durcheinander das in dem Gletscher anrichtet.«
Pete schien sich etwas erholt zu haben. Lange Sätze bekam er jetzt ohne Atempause hin. Tonia hatte gerade die Ecke erreicht. Hier musste sie mit ihrem Körper neunzig Grad in die Tiefe tauchen. So hatte es jedenfalls zunächst ausgesehen. Aber nachdem sie den Kopf vorgeschoben hatte, kehrten sich plötzlich die Raumrichtungen um. Für sie war es, als klebte ihr Unterkörper an der Wand neben ihr. Tonia hatte das Gefühl, sich in einem Prisma zu beobachten.
Die veränderte Raumwahrnehmung löste Übelkeit aus. Sie kroch trotzdem weiter. Sie hatte es versprochen. Tonia nutzte die Ecke und drückte sich nach vorn und in diesem Moment schoss der Inhalt ihres Magens in die Speiseröhre und bahnte sich seinen Weg nach draußen.
»Oh, ist meine Geschichte so schlecht?«, fragte Pete.
Tonia schüttelte den Kopf und musste lächeln, während sie die Reste der bitteren Flüssigkeit ausspuckte. Ein unangenehmer Geruch breitete sich aus. Normalerweise hätte die Lebenserhaltung jetzt anspringen müssen, aber nichts geschah. Keine Energie.
»Hoffentlich«, sie schluckte noch einmal, »habe ich das Rechending nicht beschädigt.«
»Nein, die Rotation hat deinen … Kodder auf die Wand um dich herumgeschleudert. Und … auf dich.«
»Ich brauche unbedingt eine Scheißdusche, wenn das hier vorbei ist.«
Pete reagierte nicht auf diesen Satz. Und das war gut so. Es war zu früh, um sich Hoffnungen zu machen.
»Ich pralle also auf eine Trockeneisschicht. Trotz Marsgravitation bricht sie unter mir ein und eine Wassereishöhle öffnet sich. Ich Dummkopf glaube, am Boden einen Bach gluckern zu hören, aber es waren …«
»Ich glaube, ich hab’s, Pete.«
Tonia hatte ihre Finger in die Schatten geschoben. Sie hatte den Biss einer Schlange erwartet, aber die Kuppen waren nur auf angenehm kaltes Plastik gestoßen. War das der Computer, von dem Pete gesprochen hatte?
»Wie fühlt es sich an?«
»Glatt, kühl.«
»Und die Form? Du suchst einen kleinen Schrank, etwa hüfthoch.«
So weit war sie noch nicht. Sie kroch weiter an der Wand entlang. Die Sessel und kleinen Tische in der Mitte des Raums veränderten ihre Wahrnehmung. Sie hatte nun den Eindruck, wie eine Schabe an der Wand herunterzuklettern. Nein, eher wie ein Krebs, auf dem Rücken. Ihre Halsmuskeln schmerzten wegen der ungewohnten Bewegungen.
»Ja, es ist eine Art Schrank«, erklärte sie, als sie den Boden erreicht hatte. »Und nun?«
»Du musst den Computer neu starten.«
»Wie?«
»Taste den unteren Teil ab. In der Mitte, kurz über dem Boden, sitzt ein Knopf.«
Tonia seufzte. Der Schrank war so breit, dass sie auf ihn kriechen musste, wenn sie den Knopf erreichen wollte. Wer immer das entworfen hatte, hat nicht an Notsituationen wie die ihre gedacht. Die obere Kante presste sich erst in ihren Hals, dann in ihren Rücken. Tonia fühlte sich wie eine Schildkröte, die aus ihrem Panzer kriechen wollte. Das harte Plastik drückte von hinten auf ihre Rippen, und sie fragte sich, was wohl zuerst nachgeben würde.
Da erreichte der Mittelfinger ihrer rechten Hand, die sie weit nach vorn gestreckt hatte, eine Erhöhung. Sie tastete sie ab. Das Material stand kreisförmig hervor und war etwa so groß wie die Kuppe eines Daumens.
»Ich glaube, ich habe den Knopf.«
»Drück ihn.«
Tonia schloss die Augen. Was, wenn sie damit die Selbstzerstörung aktivierte? Nein. Sie musste dem Staubfresser vertrauen. Er wollte genauso überleben wie sie. Mit aller Kraft drückte sie das vorderste Glied des Mittelfingers nach unten.
Nichts rührte sich.
Tonia sackte in sich zusammen. Keine Energie. Das galt natürlich auch für den Computer und nun auch für sie. Aber das war okay. Sie hatte es versucht.
Doch dann spürte sie die Vibrationen. Sie schienen aus dem Gerät zu kommen, auf dem ihr Oberkörper lag. Oder bildete sie sich das nur ein?
Plötzlich wurde es hell in den Schatten. Ein simples blaues Hologramm erschien vor ihren Augen. Sie versuchte, es zu erfassen, aber das war schwierig, weil es ihr den Rücken zuwandte.
»Was ist das?«, fragte sie.
»Die Neustartroutine. Du musst auf ›Ja‹ zeigen.«
»Ich sehe kein ›Ja‹.«
Sie streckte den Arm nach vorn. Das Hologramm teilte sich.
»Warte, lass das«, sagte Pete. »Wir wollen doch nicht, dass du aus Versehen ›Nein‹ erwischst.«
Tonia verstand die Designer nicht. Das war eine Notbarke. Wieso konnte jemand dieses Computerding einschalten und dann keinen Neustart wollen?
»Wieso gibt es uns überhaupt die Wahl?«, fragte sie.
»Bei ›Nein‹ wird alles überschrieben. Das ist für den Fall gedacht, wenn die Bord-KI korrumpiert wurde.«
»Wir haben keine Wahl, oder?«
»Das stimmt. Warte, ich sage dir, wie du deine Hand bewegen musst.«
»Also gut.«
»Vorstrecken.«
Sie machte den Arm lang.
»Noch ein bisschen.«
Tonia schob sich auf dem Computerschrank ein wenig nach vorn.
»Stopp. Jetzt die Hand etwas nach rechts. Nein, andere Seite.«
»So?«
»Alle Finger zusammen, und jetzt langsam wieder spreizen.«
Sie sah ihrer Hand bei der Bewegung zu. Das Hologramm schmiegte sich an ihre Finger. Tonia hätte aber nicht sagen können, ob sie Ja oder Nein anvisiert hatte.
Ein grüner Ring erschien und breitete sich über das ganze Hologramm aus, das kurz darauf verschwand. Sie ließ die Muskeln locker. Der Schrank quetschte sich in ihren Rücken.
Und nun? Sie ahnte, dass Pete die Antwort auch nicht kannte. Das hier war eine Situation, wie man sie nur einmal im Leben ertragen musste. Und sie waren noch lange nicht damit fertig.
Tonia fühlte in ihren Körper hinein. Die Vibrationen unter ihr waren noch da. Der Computer arbeitete. Sie stellte sich Millionen von Naniten vor, die an kleinen Tafeln rechneten. Computer, Rechner, hieß es nicht so?
»Weißt du, wie so ein Computer funktioniert?«, fragte sie.
»Es hat etwas mit Quanten-Verschränkung zu tun«, sagte Pete. »Und der Superposition von Quanten-Bits, die kohärent …«
»Erzähl mir lieber von deinem Abenteuer auf dem Mars.«
»Wie du willst. Wo waren wir?«
»Du fällst gerade in die Wassereishöhle.«
»Genau, wo auf dem Boden Kohlendioxid-Nebel aus Vakuolen tritt. Es sah richtig romantisch aus, aber ich wusste, dass ich …«
»Schiffs-KI meldet sich zum Dienst.« Eine mächtige Stimme erscholl aus den Wänden. Bei ihrem Klang wurde Tonia erst klar, wie leise sie und der Marsianer gesprochen hatten. Weil sie beide am Ende ihrer Kräfte gewesen waren.
»Hast du … einen Namen?«, fragte Pete.
»Ich verstehe nicht.«
»Er will wissen, wie du heißt«, sagte Tonia deutlich lauter.
»Ich besitze keinen Namen. Wie soll ich mich nennen?«
»Moira«, sagte Pete wie aus der Pistole geschossen.
Tonia widersprach nicht. Pete würde seine Gründe haben. Vermutlich kannte er eine Moira. Hatte eine Moira gekannt.
»Gut. Moira meldet sich zum Dienst und erwartet Befehle.«
»Stabilisiere unsere Flugbahn und gleiche die Rotation aus«, befahl Pete.
Tonia nickte. Er war Pilot und wusste, was er tat. Das glaubte sie zumindest – bis neue Kräfte ihren Körper schüttelten. Schließlich rutschte sie am Computer entlang zu Boden. Hinter ihr klatschte es dumpf. Pete gab ein ersticktes Geräusch von sich.
Die Notbarke rotierte nicht mehr, jetzt hatte ihn keine Kraft mehr an der Decke festgehalten. Tonia kroch zu ihm, was ihr in der Schwerelosigkeit zumindest keine Schmerzen mehr bereitete. Der Pilot lag gekrümmt auf dem Boden. Sein Bein war in sich verdreht. Sie musste den Blick abwenden. Aber er hatte ein sympathisches Gesicht mit einem ausgeprägten Kinn und hochstehenden, ovalen Augen. Sie drehte seinen Kopf, sodass er ihr in die Augen sehen konnte.
»Danke«, sagte er. »Ich gebe zu, ich bin ein Dummkopf.«
»Na ja, das kann man so oder so sehen.«
»Den Sturz von da oben hätte ich mir ersparen können.«
Das Licht schaltete sich ein. Sie hatten offenbar wieder Energie! Pete versuchte, seinen Oberkörper hochzudrücken.
»Warte, lass die Naniten ihre Arbeit machen.«
»Naniten? Sieh dich doch mal an.«
Tonias Blick fuhr über ihren Körper. Sie sah furchtbar aus, überall hatte sie Abschürfungen. Die meisten Wunden waren aber flach und hatten schon Schorf gebildet. Nur ihre Unterlippe blutete noch leicht. Sie küsste Pete auf die Wange. Einfach so. Dabei hinterließ sie einen Abdruck, als hätte sie dick Lippenstift aufgetragen. Sie grinste. Ja, auf die Naniten würden sie wohl verzichten müssen. Aber sie waren am Leben.
»Moira?«, versuchte sie es. Hoffentlich hatte Pete nun keinen exklusiven Zugriff auf die KI.
»Was kann ich für dich tun, Passagierin eins?«
»Ich bin Tonia. Der da heißt Pete.«
