Ostbahnhof - Manuela Kuck - E-Book

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Manuela Kuck

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Beschreibung

Als die junge Duisburger Kommissarin Katryna Nowak eine Vertretung beim Berliner LKA übernimmt, weht ihr ein rauer Wind entgegen - und ihr erster Fall ist brutal: Eine engagierte Tierschützerin wird von Kampfhunden getötet aufgefunden. Wem war die Frau so gefährlich geworden, dass dieser grauenvolle Mord verübt wurde? Zusammen mit Hauptkommissar Piet Reinhard ermittelt Nowak in der Berliner Diskothekenszene und untersucht Verbindungen zur osteuropäischen Mafia - wobei sich die beiden auf ein gefährliches Spiel einlassen. Denn unterdessen gilt es für die Täter, noch andere mögliche Wissensträger auszuschalten. Abseits von In-Szene und Großstadtschick zeigt der neue Krimi von Manuela Kuck den schroffen Charme des Alltags in Berlin.

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Manuela Kuck, Jahrgang 1960, ist freie Autorin. Die gebürtige Wolfsburgerin hat Germanistik und Kunstgeschichte in Berlin studiert, als Fotosetzerin und im kaufmännischen Bereich gearbeitet. Sie lebt heute in der Hauptstadt und veröffentlicht Romane, Kurzgeschichten und Krimis. Im Emons Verlag erschien »Tod in Wolfsburg« und »Wolfstage«.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2014 Hermann-Josef Emons Verlag Alle Rechte vorbehalten Umschlagfoto: fotolia.com/Qujas Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-698-0 Originalausgabe

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Dieser Roman wurde vermittelt durch die Agentur Dirk Meynecke.

Für Nanouk

Prolog

Sie spürte nur, dass sie angestarrt wurde– sehen konnte sie hinter der dunklen Augenbinde nichts. Auch ihr Gehör schien geschärft zu sein: Räuspern, Atmen, Füßescharren, unterdrücktes Gemurmel und, weit entfernt, das dunkle, gleichmäßige Wummern aufgedrehter Bässe konnte sie deutlich voneinander unterscheiden. Fünf oder sechs Leute, dachte sie, vielleicht auch mehr, vielleicht weniger. Es roch muffig. Plötzlich trat Stille ein. Jemand näherte sich ihr von hinten, berührte sie an den Schultern und drehte sie mit einer kraftvollen Bewegung herum. Ein Aufschrei blieb ihr im Hals stecken, und einen Moment lang war sie stolz, sich beherrscht zu haben. Nur ihr schneller Atem verriet sie. Hände berührten sie am Kopf, die Binde glitt übers Gesicht nach unten und legte sich um ihren Hals. Ein Mann lächelte sie an. Sie sah ihn zum ersten Mal. Er war groß und hatte warme braune Augen. Sie versuchte, langsamer zu atmen. Er lächelte noch breiter, fast anerkennend.

»Ich gebe dir eine Chance«, sagte er dann leise. »Weil du eine Kämpferin bist.«

Sie nickte, ohne zu verstehen, was er damit meinte, aber es hörte sich besser an als alles andere, was sie in den vergangenen Stunden gehört und erlebt hatte.

Er griff in seinen Gürtel, zog ein Messer heraus und reichte es ihr. »Mach was draus.«

Sie starrte auf die Klinge und blickte dann wieder in seine warmen Augen. »Ich verstehe nicht.«

»Das wirst du gleich. Nimm es.«

Er trat zurück und verschmolz mit dem Halbdunkel, während sie seiner Aufforderung nachkam und einen Augenblick dem Gewicht des Messers in ihrer Hand nachspürte. Sie sah langsam hoch und versuchte, etwas zu erkennen, aber das trübe Deckenlicht erfasste nur schemenartig einige Gestalten, die hinter einem kreisförmig angelegten und durch Holzpfähle begrenzten Gatter um sie herumstanden. Andächtige Stille breitete sich aus.

»He, Max, erst Monty und dann dein Liebling!«, erklang plötzlich wieder die Stimme des Mannes.

Einen Moment lang war sie davon überzeugt, in einem Alptraum gefangen zu sein, aus dem sie in Kürze erwachen würde

1

Die Dienstwohnung war gar nicht mal so übel, das musste man den Berlinern lassen. Klein und im funktionellen Ikea-Look eingerichtet, wirkte das gut vierzig Quadratmeter große Dachgeschossappartement am Chamissoplatz in Kreuzberg dennoch fast gemütlich. Katryna stellte Koffer und Taschen ab und blieb einen Moment stehen, um das geräumige Wohnzimmer auf sich wirken zu lassen. Die großen Panoramafenster fielen sofort ins Auge. Im Moment herrschte über den Dächern Kreuzbergs winterliche Trübnis und Einheitsgrau wie fast überall, selbst in Duisburg, wo sie am frühen Morgen nach einem letzten Blick über den Innenhafen aufgebrochen war– schweren Herzens.

Sie wandte sich um. In der Sofa-TV-Ecke konnte man sich wunderbar hinfläzen und entspannen, und die blaugrüne Küchenzeile, die hinter einer Sitztheke mit zwei Barhockern die gegenüberliegende Wand einnahm, würde völlig ausreichen, um sich für ein paar Wochen morgens ein eiliges Frühstück zu bereiten und abends eine Kleinigkeit zu kochen. Oder auch etwas Größeres. Je nach Zeit und Appetit. Wobei der in der Regel immer ziemlich groß war. Leider.

Das Schlafzimmer ging direkt vom Wohnraum ab– außer Bett, Schrank und einer winzigen Kommode hinter der Tür passte kaum noch etwas hinein, stellte Katryna fest, aber der leuchtend gelbe Wandanstrich und der flauschige Teppich gefielen ihr gut. Das Badezimmer verfügte zu ihrer großen Erleichterung über eine passable Wanne, und neben der Flurgarderobe in der Eingangsdiele befand sich eine Abstellkammer, in der ordentlich aufgereiht alle Gerätschaften und Hilfsmittel für den gründlichen Wohnungsputz untergebracht waren– der Traum jeder fleißigen Hausfrau. Also nicht Katrynas Traum.

Sie brauchte gerade mal zwei Stunden, um ihre Klamotten einzuräumen und persönliche Utensilien zu verteilen – darunter ihre Schminksachen, Schmuck, Laptop, CDs und ein paar Bücher–, den Kühlschrank mit dem Notwendigsten zu füllen, das sie in zwei kleinen Geschäften am Mehringdamm besorgte, und sich ein Bad einzulassen. Nichts ging über ein heißes Schaumbad, auch wenn es die pure Energieverschwendung war. Katryna war nicht der Typ der Fünf-Minuten-Duscherin, davon möglicherweise noch eine halbe Minute kalt. Sie schloss die Augen und versuchte, sich zu entspannen.

Ausgerechnet Berlin. Die Stadt der Glaspaläste und neuen Prunkbauten, der rekordverdächtig vielen Hundekothaufen und 1.Mai-Krawalle, CSD, Brandenburger Tor, Mauer und Stelenfeld. Alte und neue Geschichte, so weit das Auge reichte– an beidem war Kommissarin Katryna Nowak nie wirklich interessiert gewesen und auch nicht an den Menschen, die sich dahinter verbargen und so oft durch die sogenannte Berliner Schnauze auffielen.

Ihre Heimat war der Ruhrpott, und sie hatte bislang kaum je einen Gedanken daran verschwendet, einmal woanders Wurzeln zu schlagen, sei es auch nur vorübergehend. Wäre ihr je ein solcher Einfall gekommen, hätte sie kaum die Hauptstadt in Erwägung gezogen, obwohl hier immerhin einige, wenn auch weit entfernte Verwandte aus dem polnischen Zweig ihrer Familie lebten, von dem sie das letzte Mal vor ungefähr zehn Jahren etwas gehört hatte– anlässlich irgendeiner Beerdigung. Oder war es eine Hochzeit gewesen? Egal, sie erinnerte sich nur noch daran, dass die Berliner Nowaks in einem VW-Bus angereist und ziemlich trinkfreudig gewesen waren. Hamburg hätte sie dagegen ganz passabel gefunden, sogar München wäre mal einen längeren Ausflug wert gewesen, aber Berlin?

Doch ein sachlich überzeugendes Gegenargument war ihr nicht eingefallen, als ihr Chef Rudolf Hiltmann, der Leiter der Duisburger Mordkommission, sie vor einigen Tagen gebeten hatte, beim LKA Berlin auszuhelfen, wo eine Grippewelle die Zahl der einsatzfähigen Beamten so erschreckend dezimiert hatte, dass Kollegen aus anderen Landesgebieten hinzugezogen werden mussten, um einen halbwegs reibungslosen Dienstalltag zu gewährleisten. Katryna hatte weder Ehemann noch Kinder oder kranke Eltern vorzuweisen, und seitdem die Beziehung mit Benjamin beendet war, konnte sie nicht einmal eine Art Verlobten anführen. Dafür war sie gesund und robust, geimpft, mit Anfang dreißig ziemlich jung und trotzdem eine erfahrene Ermittlerin– die perfekte Springerin also, jedenfalls nach Hiltmanns Meinung.

»Vielleicht zwei Monate, höchstens«, hatte er eilig betont und ein breites Lächeln aufgesetzt, das wohl aufmunternd wirken sollte. »Mal was anderes. Es wird deiner Karriere zugutekommen.« Seine wasserblauen Augen funkelten nahezu begeistert.

»Hm.«

»Vielleicht kannst du ja sogar beim Berlin-Marathon mitlaufen– das ist doch immer eine ziemlich große Sache, oder?«

Katryna joggte zwar fast jeden Tag, aber ihr Trainingspensum umfasste nur wenige Kilometer, die sie schnaufend und gequält à la Achim Achilles, dem wohl bekanntesten Freizeitjogger der Welt, hinter sich brachte, und war in erster Linie darauf ausgerichtet, fit zu bleiben, morgens den Kreislauf in Schwung zu bringen sowie Taille und Hüften halbwegs schlank zu halten. Bei ihrer Vorliebe für deftiges Essen würde sie ohne regelmäßige Bewegung gut und gern zehn Kilo mehr auf die Waage bringen, aber das musste Hiltmann ja nicht wissen. Und sonst auch niemand. Das war das eine. Das andere war die Tatsache, dass der Berlin-Marathon Ende September stattfand, also in knapp zehn Monaten, und bis dahin wollte sie längst wieder zu Hause sein und den Hauptstadt-Einsatz abgehakt haben.

Hiltmann räusperte sich und winkte ab, als sie ihn mit gerunzelten Augenbrauen darauf hinwies. »Is ja auch egal. Ich denke, du bist die Richtige für den Job.«

»Ach?«

»Na hömma! Außerdem kommst du mal auf andere Gedanken und lernst neue Leute kennen. Das Berliner Nachtleben soll ja so einiges bieten.«

Damit spielte Hiltmann aller Wahrscheinlichkeit nach darauf an, was Katryna insgeheim den großen Benjamin-Schmerz nannte und nach außen hin beiläufig abtat. Doch ihr Chef war feinfühliger, als sie gedacht hatte. Offensichtlich war ihm nicht entgangen, dass sie nach sechs Monaten immer noch daran nagte.

Katryna spülte ihre Haare aus und ließ das Wasser ablaufen. Sie hüllte sich in ihren flauschigen Bademantel, ging auf nackten Sohlen ins Wohnzimmer und blickte zum Panoramafenster hinaus. Plötzlich tröstete sie der Gedanke, dass es irgendwo in dieser riesigen Stadt Menschen gab, die ihren Namen trugen und die gleichen Wurzeln hatten wie sie, und sie nahm sich fest vor, ihren Verwandten einen Besuch abzustatten.

Sie atmete tief durch und spürte den hungrigen Abgrund in ihrem Magen. Ein üppiges Nudelgericht wäre jetzt das Richtige. Die Carbonara war schnell zubereitet; sie gab eine besonders großzügige Portion Sahne hinzu. Die hatte sie sich an diesem Tag verdient, auch wenn der morgendliche Lauf ausgefallen war. »Curry36«, die meistgepriesene Currywurstbude Berlins, die bequemerweise nur wenige Gehminuten vom Chamissoplatz entfernt war, würde sie gleich am nächsten Tag ansteuern– um sich höchstpersönlich davon zu überzeugen, ob die Lobhudelei angemessen war und Katrynas regelmäßig besuchter Lieblingsbude am Duisburger Hafen tatsächlich den Rang ablaufen konnte oder sich als reine Schaumschlägerei erweisen würde. Wie so vieles in Berlin.

Stefan Polder, Leiter des LKA1, war ein hünenhafter Mann um die fünfzig mit breiten Schultern, deutlichem Bauchansatz und weitgespannten Segelohren, die durch den eisgrauen Kurzhaarschnitt zusätzlich betont wurden. Er hieß Katryna am Montag um acht Uhr morgens mit dröhnendem Bass in seinem Büro willkommen, und bevor ihr ungläubiger Blick Polders Ohren allzu große Aufmerksamkeit schenken konnte, sprang er auch schon auf und eilte mit ihr durch mehrere Konferenzräume, in denen gerade die Teambesprechungen begonnen hatten und Einsätze erörtert wurden, um die Verstärkung aus Duisburg in wenigen Sätzen, aber dafür mit raumfüllender Stimme vorzustellen.

Besondere Begeisterung oder auch nur Erleichterung über eine zusätzliche Kommissarin schwallte ihr nicht entgegen, obwohl Katryna freundlich in die jeweilige Runde lächelte, während sie ihre Anspannung zu verbergen suchte. Allgemeines Gemurmel, verstohlenes Abschätzen, das sie überdeutlich wahrnahm, um sogleich automatisch den Bauch einzuziehen, beiläufiges Nicken, hier und da ein Gruß oder ein flüchtiges Handzeichen, bevor es in beachtlichem Tempo weiterging. Polder bewegte sich bemerkenswert geschmeidig und so flott, dass sie Mühe hatte mitzuhalten. Vor der vierten Tür verharrte er einen Moment, bevor er sie, ohne anzuklopfen, öffnete und Katryna den Vortritt ließ.

»Ihr Team– ich hoffe, Sie haben einen guten Einstand«, erläuterte er dann und nickte seinen Leuten zu. »Das ist Katryna Nowak, ihr wisst Bescheid.«

Polder hob die Hand, legte sie kurz mit jovialer Geste auf ihre Schulter und verschwand zu Katrynas Entsetzen anschließend ohne ein weiteres Wort. Die Tür schloss sich hinter ihr.

Fünf Augenpaare starrten sie an– vier Männer und eine Frau, die um einen ovalen Tisch zusammensaßen, auf dem sich Kaffeebecher und Notizblöcke stapelten. Die Heizung lief auf Hochtouren, es war heiß, irgendwo piepte ein Handy, es konnte auch einer der beiden Laptops sein.

»Hallo, Berlin, hallo, Kollegen«, grüßte Katryna in die Runde und hoffte inständig, dass ihre Stimme nicht zitterte. »Ich zweifele nicht daran, dass wir gut miteinander auskommen werden. Wie ich gehört habe, gibt es eine Menge zu tun. Was liegt an?« Sie schob ein Lächeln hinterher, bei dem sie das Gefühl hatte, sich die Kiefer auszurenken.

Ein blonder Krauskopf mit wachen Augen, den sie auf Ende dreißig, Anfang vierzig schätzte, erwiderte es schließlich. Er stand auf, trat zu ihr und gab ihr die Hand.

»Hallo, Ruhrpott-Verstärkung. Ich bin Max Hoffer und leite zurzeit die Einsätze dieses Teams. Du kommst gerade richtig, wir haben wirklich viel zu tun. Es gibt in unserer Abteilung kein Team, das vollständig besetzt ist, und in den anderen Abteilungen sieht es nicht viel besser aus, aber das Problem ist dir ja bekannt. Bei uns fehlen inzwischen drei Leute. Den Rest stelle ich dir am besten gleich mal vor.«

Er wies auf die beiden Kommissare, neben denen er zuvor gesessen hatte. »Das sind Joachim Binder und Mirko Schulz, ein seit vielen Jahren eingespieltes Duo, das man nicht trennen sollte. Sonst sind die beiden nämlich unausstehlich.«

Binder war ein kleiner, drahtiger Mann mit Kurányi-Bärtchen und Mandelaugen– er grinste; Katryna grinste erleichtert zurück. Schulz hatte rote Haare und Sommersprossen und faltete die Hände über dem Bauch. Seine Miene als freundlich zu bezeichnen, fiele unter reinen Zweckoptimismus. Er wirkte müde und schlecht gelaunt. Beide Kommissare durften auf die vierzig zugehen. Ihnen schräg gegenüber saß Martina Nolten– sie koordiniere die Einsätze im Innendienst, erklärte Max Hoffer. Falls nötig war sie auch mal mit Max oder dem Kollegen neben sich unterwegs– Fabian Stumm.

»Fabian trägt seinen Namen zu Recht«, fuhr Max fort. »Er ist ziemlich einsilbig, wie du bald feststellen wirst, nicht nur wenn er es mit Frauen zu tun hat, aber ihm entgeht so schnell nichts.«

Stumm war jünger als sie, vielleicht Ende zwanzig, und trotz seines ernsthaften Gesichtsausdrucks sah er verdammt gut aus: blaue Augen, dunkles, volles Haar, schlank. Marke Herzensbrecher, dachte Katryna, und es interessierte sie durchaus, wie lange sie brauchen würde, um ihn zum Reden zu bringen, vielleicht sogar zum Lachen.

Sie fing einen forschenden Blick von Martina auf. Die Beamtin saß vor einem Laptop und richtete ihr Augenmerk wieder auf den Bildschirm. Selbst im Sitzen wirkte sie athletisch und durchtrainiert wie eine moderne Fünfkämpferin. Dabei dürfte sie mindestens Mitte vierzig sein, schloss Katryna aus den zarten Fältchen, die sich unter ihren Augen und in den Mundwinkeln eingenistet hatten. Dunkelblondes, schulterlanges Haar umschmeichelte das schmale Gesicht und machte es weicher.

Katryna zupfte eine Strähne beiseite, die sich aus dem Pony ihrer Pagenkopffrisur gelöst hatte. Ein Frisörbesuch war längst überfällig, aber in der Hektik der letzten Tage einfach untergegangen. Das war ihr seit Jahren nicht mehr passiert.

»Manchmal werden wir von Piet Reinhard beratend unterstützt«, fügte Max hinzu, während er einen Stuhl für Katryna heranzog, sie mit einer beiläufigen Handbewegung zum Platznehmen aufforderte und sich wieder zu Binder und Schulz setzte.

»Er hat früher als verdeckter Ermittler für uns gearbeitet und ist jetzt als Fachmann für Deeskalations- und Antigewaltprogramme unterwegs. Du wirst ihn früher oder später sicher kennenlernen.«

Sicher, dachte Katryna mit einem stillen Seufzer, ich freue mich schon darauf, noch mehr Leute kennenzulernen, die mich tapfer, aber stumm begaffen. Sie sehnte sich nach einer Tasse Kaffee – so stark, dass der Löffel darin stehen blieb, zuckersüß, mit viel Dosenmilch– und einer ruhigen Minute im Bad, um Frisur, Make-up und Lippenstift zu prüfen und notfalls nachzubessern. Es durften auch zwei sein.

»Du bist in Duisburg hauptsächlich im Außendienst unterwegs?«, ergriff Joachim Binder plötzlich das Wort und zupfte an seinem Bärtchen, was ein wenig affektiert wirkte. Seine Stimme klang skeptisch.

»Ja. Mich hält es nicht lange am Schreibtisch.« Sie schlug die Beine übereinander.

»Aha.« Joachim warf seinem Partner Mirko einen amüsierten Seitenblick zu, den dieser schulterzuckend, und ohne die Miene zu verziehen, erwiderte, bevor er Katryna wieder anschaute.

»Was erstaunt dich daran?«

»Ach, hm, na ja…« Joachim sah direkt und unverschämt lange auf ihren Mund, beugte sich dann mit gerecktem Hals vor und ließ seine Augen aufreizend langsam über ihren dunkelblauen, gut geschnittenen Blazer hinunter zu den schicken knöchelhohen Lederstiefeln schweifen. »Kollegen im Einsatz sehen bei uns eher ein bisschen… hm, wie soll ich es mal ausdrücken, ohne dir zu nahe zu treten… weniger modisch aufgepeppt aus. Kolleginnen übrigens auch.«

Er hätte auch gleich fragen können, warum die Duisburger nicht einen gestandenen Kripomann in Lederjacke und Sportschuhen nach Berlin entsandt hatten oder Horst Schimanski persönlich oder wenigstens eine toughe Kollegin, die sich für den Einsatz auf der Straße selbstverständlich zweckmäßig, unauffällig und bewusst unweiblich kleidete. Katryna setzte eine gleichmütige Miene auf und zauberte ein kleines Lächeln aus dem Hut, begann aber innerlich zu kochen.

»So? Wie denn? Mehr nach Stadtaffe à la Peter Fox und bereit für den Nahkampf im Großstadtdschungel?«

Ein Räuspern war zu hören, sonst nichts. Joachim grinste und verschränkte die Arme vor der Brust. Max schüttelte den Kopf und warf ihm einen entnervten Blick zu. »Hört mal…«

Joachim hob die Hände. »Schon gut, man wird doch wohl noch mal fragen dürfen, wenn eine Kollegin extra aus dem fernen Ruhrpott anreist und sich so hübsch gestylt zum Dienst meldet…«

Ein unterdrücktes Kichern aus dem Hintergrund. Katryna sah Joachim an. »Ach, daher weht der Wind– du bist enttäuscht, weil du bei mir eher eine Untertage-Zechenausrüstung inklusive Grubenstirnlampe erwartet hast. Tut mir leid, dass ich damit nicht dienen kann.«

»Ja, schade aber auch. Ich hatte mich schon so gefreut.«

Katryna seufzte beiläufig und sparte sich eine weitere Erwiderung. Sie war sauer, dass es ihm gelungen war, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen, noch dazu mit dummen Sprüchen bezüglich ihres Outfits. Auch in ihrem Duisburger Team hatte sie anfangs als Exotin gegolten, weil sie sich gern modisch kleidete und niemals aus dem Haus ging, ohne Lippenstift aufgelegt zu haben– natürlich einen farblich passenden und völlig unabhängig davon, ob sie zu einem Einsatz gerufen wurde oder zum Tanzen verabredet war. Inzwischen galt sie längst als verlässliche und mutige Ermittlerin, die alles andere als kapriziös war, wenn es um den Job ging, und man amüsierte sich höchstens darüber, dass sie stets ihr Schminktäschchen dabei hatte, oder zog sie in freundschaftlicher Weise damit auf.

So durfte auf keiner Betriebsfeier die Story über Katrynas Nagelfeilen-Einsatz fehlen, bei dem sie sich vor zwei Jahren bei einer turbulenten Festnahme in einer Bar höchst spektakulär gegen zwei Angreifer durchgesetzt hatte, indem sie mangels Dienstwaffe auf ihr Fingernagelset zurückgegriffen hatte, das sich in der Innentasche ihres Blazers befand… Eine ganze Weile hatte man sie danach »die MacGyver von der Ruhr« genannt.

Max hob die Hand. »Bevor ihr noch mehr Freundlichkeiten austauscht oder weitere Modefragen klären wollt, lasst uns zum Tagesgeschäft kommen. Wir haben zwei Leichen–«

»Drei«, unterbrach Martina mit einer unbestimmten Handbewegung in Richtung des Laptops. »Ein dritter Schwerverletzter ist gerade im Krankenhaus gestorben– hab die Nachricht eben bekommen.«

»Okay.« Max klatschte in die Hände und briefte Katryna in wenigen Minuten.

In den frühen Morgenstunden war es in einer Diskothek am Prenzlauer Berg zu einer handfesten Auseinandersetzung zwischen zwei rivalisierenden Banden gekommen, die dem osteuropäischen Mafiamilieu zugerechnet wurden. Messer, Totschläger und Schusswaffen waren eingesetzt worden. Es hatte zunächst zwei Tote und mehrere Schwerverletzte gegeben. Der Kriminaldauerdienst hatte die ersten Tatortermittlungen durchgeführt und den Fall ans LKA weitergeleitet. Waffen konnten dabei nicht sichergestellt werden.

Martina hängte sich im benachbarten Büro ans Telefon, um mit dem leitenden Ermittler des KDD zu sprechen. Wenig später brach Katryna gemeinsam mit Fabian Stumm und Max auf, um Zeugen und Angehörige zu befragen. Joachim und Mirko fuhren mit zwei Kriminaltechnikern in die Diskothek.

Katryna starrte aus dem Seitenfenster, während Fabian den Wagen durch den dichten Morgenverkehr lenkte. Der Tag hatte alles andere als gut begonnen. Max drehte sich nach einigen Minuten vom Beifahrersitz aus nach hinten zu ihr um.

»Wir klappern erst mal ein paar der Leute ab, deren Personalien der KDD notiert hat«, erläuterte er. »Einfache Zeugenvernehmung, mal gucken, was dabei rauskommt. Vielleicht Hinweise, die uns weiterführen, vielleicht gar nichts. Martina checkt inzwischen, ob gerade noch andere Mafiaermittlungen laufen, die mit der Geschichte zusammenhängen könnten– vielleicht sind wir den Fall auch ganz schnell wieder los, weil Namen fallen, die unser Team Organisierte Kriminalität schon in irgendeiner Weise beschäftigen oder beschäftigt haben. Ein Verletzter und ein Toter stammen aus Rumänien. Na, mal sehen. Ich denke, es geht um das Übliche: Drogen, Waffen, Mädchenhandel.«

Katryna hatte ihm das Gesicht zugewandt. »Verstehe.«

Max musterte sie kurz. »Ach, übrigens, du hast ja mitbekommen: Der Ton ist hier manchmal ein bisschen rau und sehr direkt, aber ich denke, du kriegst das schon hin.«

»Na klar.«

»In ein paar Wochen gehörst du ganz selbstverständlich dazu.«

Katryna schluckte. In ein paar Wochen wollte sie schon wieder an die Heimreise denken…

»Es ist wichtig, dass du schnell kapierst, wie der Hase bei uns läuft. Umso eher können wir dich einsetzen«, fuhr Max fort.

Sie nickte. Die Botschaft war unmissverständlich: Sie hatte zunächst mal eine Menge zu lernen und sollte bloß nicht auf die Idee kommen, sich einzumischen.

Nach stundenlangen Befragungen, die Max routiniert durchführte, während Katryna der Part der aufmerksamen Beobachterin vorbehalten blieb und Fabian sich stumm Notizen machte – doch, Katryna konnte über das Wortspiel schmunzeln–, war immerhin eines klar: Jeder beschrieb das Geschehen in der Diskothek anders, und Katryna hätte einen saftigen Sonntagsbraten darauf verwettet, dass die Ermittlungen innerhalb weniger Tage im Sande verlaufen würden. Im besten Fall würden Zusammenhänge herausgefiltert werden, die im Hinblick auf andere Straftaten in diesem Milieu erhellend waren.

Die Currywurst war nicht gut. Sie war auch nicht sehr gut. Sie war schlicht hervorragend und ein echtes Highlight an diesem öden Tag. Katryna verspeiste eine nach Feierabend direkt an der Bude am Mehringdamm36, eine zweite plus Pommes und extra viel Soße ließ sie sich einpacken. Sie brauchte nur wenige Minuten bis zu ihrem Appartement.

2

Emma Parold war dreiundzwanzig Jahre alt und wusste, was sie wollte. Sie studierte mit großem Erfolg an der Design Akademie Berlin und jobbte nebenbei in einem Fitnessstudio. Ihre Figur war erstklassig, ihr Lächeln galt als bezaubernd, und ihr blondes Haar war genauso echt wie ihr Busen. Sie wusste, dass sie gut aussah. Für nagende Selbstzweifel und grautrübe Stimmungen hatte das Leben ihr nicht allzu viel Anlass geboten. Jedenfalls bis vor Kurzem.

Dass ihr Freund, mit dem sie seit einem halben Jahr in einer hübschen Altbauwohnung im Schöneberger Kiez zusammenwohnte, hin und wieder seinen Freiraum brauchte und nicht über jede Minute, die er ohne sie verbrachte, Rechenschaft ablegen wollte, nahm sie gelassen hin. Gregor war fünfundzwanzig, intelligent, neugierig, gut aussehend und kein Kind von Traurigkeit– das machte einen Teil seines Charmes aus. Emma war klar, dass die meisten Männer sich hin und wieder nach einer Auszeit von ihren Frauen und Freundinnen sehnten– um zum Beispiel mit ihren Kumpels Pornos anzusehen, beim Eishockey wie Gorillas herumzubrüllen, halbe Nächte am Billardtisch zu stehen oder auch mal in zwielichtigen Bars unterwegs zu sein. Anschließend kehrten sie nach Hause zurück und fühlten sich wie ganze Kerle.

Da Emma nicht nur klug und selbstbewusst, sondern auch tolerant war und ihr an Gregor sehr viel mehr lag als an allen anderen, mit denen sie bisher zusammen gewesen war, versuchte sie erst gar nicht, ihn von seinen gelegentlichen Streifzügen abzuhalten, und wollte auch niemals genauer wissen, wie ein Abend verlaufen war– jedenfalls fragte sie nicht nach, auch wenn ihr zugegebenermaßen manchmal eine direkte Frage durchaus auf der Zunge lag. In der Annahme, Gregor an der langen Leine bedeutend leichter halten zu können, drückte sie beide Augen zu.

Bis vor einigen Wochen. Zu der Zeit begann sie den Verdacht zu hegen, dass er eine Affäre hatte, eine ernste Affäre: Leise geführte Telefonate, die abrupt beendet wurden, Ausreden, Lügen, Unsicherheiten und schließlich der Geruch einer anderen Frau schreckten sie auf. Dass Gregor es mit der Treue nicht hundertprozentig genau nahm, war Emma klar, eine andere feste Beziehung, die Einfluss auf ihren gemeinsamen Alltag und ihr Leben nahm und es zu verändern drohte, kam jedoch keinesfalls in Frage. Damit könnte sie nicht leben, und sie wollte es auch gar nicht erst versuchen– so viel ihr an Gregor lag und sosehr sie unter einer Trennung leiden würde.

Doch Emma war eine pragmatische Frau. Sie wollte wissen, mit wem sie es zu tun hatte und warum Gregor untreu war, wo er doch bei ihr alles hatte, was er ihrer und bislang auch seiner häufig geäußerten Ansicht nach brauchte. Also heftete sie sich schließlich an seine Fersen. Was sie herausfand, verblüffte sie auch zwei Tage später immer noch so sehr, dass sie kaum wusste, wie sie ein Gespräch mit ihm beginnen sollte.

Die erstbeste Gelegenheit beim Schopfe packen, dachte sie, als sie die Wohnungstür am frühen Sonntagnachmittag aufschloss und Gregor in der Küche rumoren hörte. Nach zwei langen Nächten, die er in der Diskothek gearbeitet hatte, schlief er sonntags in der Regel aus und setzte sich später an den Schreibtisch, um für seine BWL-Prüfungen zu lernen. Emma hatte am Vormittag einen Kurs im Fitnessstudio geleitet und von unterwegs Brötchen mitgebracht. Es roch nach frisch gebrühtem Kaffee.

Gregor gab ihr einen Kuss und stellte einen Teller mit Käse und Wurst auf den Esstisch, der direkt am Küchenfenster stand. Er wirkte munter. »Na, hast du die Mädels ordentlich gescheucht?«

»Ja, Fatburner-Übungen bis zum Abwinken«, entgegnete Emma und setzte sich, nachdem sie Kaffee eingeschenkt hatte. »Bauch, Beine, Po– in Fachkreisen gern auch Wampe, Stampfer, Breitarsch genannt.«

»Die Ärmsten.«

»Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Die Hälfte der Frauen aus dem Kurs dürfte inzwischen damit beschäftigt sein, sich die gerade mühsam abgerungenen Kalorien mit Sonntagsbraten und Sahnetorte wieder reinzufahren. Stell dir vor, die würden sich nicht hin und wieder mal schweißtreibend in einem Studio bewegen!«

»Das stelle ich mir lieber nicht vor.« Gregor grinste und griff nach einem Körnerbrötchen.

Emma häufte Frischkäse auf ihre Brötchenhälfte. Sie zögerte einen kurzen Moment. Dann gab sie sich einen Ruck.

»Na ja, ab Ende dreißig, Anfang vierzig müssen die meisten Frauen richtig was tun, um ihren Stoffwechsel auf hohem Niveau zu halten«, erklärte sie in fröhlich dozierendem Tonfall. »Sonst kann man entweder zwei Kleidergrößen hochfahren oder muss eine Mahlzeit am Tag streichen. Und wer will das schon?« Sie lächelte betont breit. »Davon abgesehen: Frauen um die vierzig sollen ja ziemlich interessant sein.«

Gregor kaute an einem großen Bissen und konnte nicht sofort antworten. Sein Blick sprach allerdings Bände.

»Findest du nicht?«, schob sie nach.

Gregor schluckte mühsam. »Na ja…«

»Was nun genau: ja oder nein? Wie findest du als junger Mann Frauen um die vierzig?«

Er starrte sie verdutzt an. »Wie kommst du denn jetzt darauf?«

»Wohl kaum zufällig, wie du dir denken kannst.«

Einen Moment blieb es still. Emma hörte das Ticken der knallroten Wanduhr plötzlich überlaut. Sie warf einen Blick durchs Fenster auf den Hinterhof. Dann fixierte sie Gregor. »Ich hab dich gesehen.«

»Was?«

»Ich hab dich am Freitagabend mit der Frau gesehen– in trauter Umarmung.«

»Du warst in der Disco?« Gregor schob seinen Teller beiseite.

»Ja. Ich habe mitbekommen, dass ihr euch verabredet habt, und bin dir gefolgt– in etwas anderen Klamotten, damit du mich nicht erkennst«, erklärte Emma zur ihrem eigenen Erstaunen vollkommen gelassen. »Ich wollte wissen, mit wem ich es zu tun habe, und nun bin ich ziemlich baff. Die Tante dürfte nach meiner Einschätzung mindestens auf die vierzig zugehen und könnte demnach fast meine Mutter sein. Was ist los mit dir? Seit wann stehst du auf ältere Semester? Mach ich irgendwas falsch? Soll ich mir die Haare grau färben?«

»Red keinen Scheiß!«, fuhr er sie an.

»Du bist wohl kaum in der Position, hier den Dicken zu markieren«, erwiderte Emma ungerührt. »Im Übrigen meine ich es ernst: Was ist das für eine Beziehung?«

Gregor schwieg. Er fuhr sich durch die Haare, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und legte die Hände zusammen.

»Du hast recht«, meinte er schließlich. »Hör zu, es tut mir leid… Ich wollte dich nicht verletzen, und ich will dich auf keinen Fall verlieren, das musst du mir glauben. Das war alles gar nicht absehbar oder gar geplant–«

»So was wird selten geplant«, unterbrach sie ihn.

»Du weißt, was ich meine. Ich hab sie zufällig bei einem Kommilitonen kennengelernt, mit dessen Vater sie beruflich zu tun hat und… ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte, aber…« Er verschränkte die Finger ineinander und atmete tief aus. »Ja: Sie ist vierzig und eine ziemlich ungewöhnliche Frau.«

»Toll«, bemerkte Emma trocken. »Darf man gratulieren?«

»Emma, bitte! Ich habe doch gesagt, dass ich dich nicht verlieren will– die Geschichte hat nichts mit uns zu tun, gar nichts.«

»Nun, ich finde, dass es da schon den einen oder anderen Überschneidungspunkt gibt. Und das schmeckt mir gar nicht, um ehrlich zu sein. Dass du hin und wieder mal deinen Spaß ohne mich haben willst, ist okay, aber…«

»Ich beende die Beziehung– das hatte ich ohnehin vor.«

»Wann?«

»Eigentlich waren wir schon gestern verabredet– da wollte ich es ihr sagen, aber sie ist nicht gekommen und war auch nicht zu erreichen.«

»Ruf sie an!«

»Jetzt gleich?«

»Was spricht dagegen?«

Er nickte langsam und griff dann zu seinem Handy. »Okay.«

Emma sah, dass er die Nummer über die Kurzwahltaste anwählte, während er aufstand. Er ging in den Flur, kehrte aber kaum eine Minute später zurück.

»Ich habe nur die Mobilbox drangehabt, ihr aber eine Nachricht hinterlassen«, erklärte er sachlich. »Vielleicht ist sie mit ihren Hunden unterwegs.«

Emma zog die Augenbrauen hoch. »Sie hat gleich mehrere Hunde?«

»Ja.« Gregor räusperte sich. »Drei. Und einige Katzen. Bettina ist aktive Tierschützerin.«

»Aha.«

Es gefiel Emma nicht, wie er ihren Namen aussprach. Zu viel Wärme und Bewunderung. Zuneigung. War es nicht albern, mit einer vierzigjährigen Tierschützerin konkurrieren zu müssen? Plötzlich spürte sie, dass ihre Hände eiskalt waren. Sie hoffte, dass die Geschichte bald beendet sein würde.

***

Im Verlauf der ersten Woche hatte sich zunehmend klar herauskristallisiert, dass Katryna nach einem holprigen Einstand keinen schweren Stand hatte, sondern gar keinen. Mit dem Argument, dass sie schrittweise eingearbeitet werden müsse, stellte man sie im Wechsel Fabian und Max oder Martina im Innendienst oder auch Joachim und Mirko an die Seite. Sie durfte den Kollegen hinterherdackeln und war frustriert vor Langeweile und stinksauer über die schlichte Tatsache, dass sie kaum etwas zu tun bekam, was auch nur annähernd dem Niveau ihrer Ausbildung und Erfahrung entsprach. Dass sie in dieser Atmosphäre weder Gespür noch kriminalistischen Ehrgeiz für einen Fall entwickelte, der sich zudem immer deutlicher zu einer mühsamen Indizien- und Spurensuche entwickelte, verstand sich eigentlich von selbst.

Zugegeben– bei der Wahl zum beliebtesten neuen Mitarbeiter des Monats käme sie garantiert nicht über die Vorrunde hinaus. Dennoch fragte sie sich, warum sich Berlin so ins Zeug legte, Verstärkung aus anderen Bundesländern zu bekommen, um dann Gast-Kommissare derart uncharmant aufs Abstellgleis zu stellen.

Heute Abend rufe ich Hiltmann an, überlegte Katryna, als sie sich am Montag nach einem kurzen und schalen Wochenende, das sie vornehmlich zum Ausschlafen und Erkunden von Kreuzberg genutzt hatte, zur Morgenbesprechung in den Konferenzraum setzte und Max das Wort ergriff, um die Dienstwoche einzuläuten. Und dann? Er wird mich auffordern, geduldiger zu sein. Ich werde erwidern, dass er keine Ahnung hat, wie bescheuert die Berliner Kollegen sind, dass mich hier niemand wirklich braucht und ich wieder nach Hause will. Sollten die doch mit ihren Grippe-Ausfällen allein klarkommen! Sie stöhnte auf. Gleich ersaufe ich in Selbstmitleid.

»Alles in Ordnung, Katryna?«

Sie blickte hoch. Max Hoffer musterte sie.

»Ja.«

»Na bestens. Ich würde dich heute gern in die Kriminaltechnik stecken.«

»Was soll ich da?« Die Frage war ihr einfach herausgerutscht.

»Bitte?«

Plötzlich war es mucksmäuschenstill. Katryna atmete einmal tief durch.

»Es ist für alle Seiten wenig zufriedenstellend, wenn ich weiterhin nur am Rande stehe und zugucke«, sagte sie dann und hoffte, dass ihre Stimme fest klang. »Wir haben in Duisburg auch eine Kriminaltechnik. Natürlich ist die nicht so toll wie eure.« Sie räusperte sich und legte eine kleine Kunstpause ein. »Aber die Aufgaben dürften ähnlich sein. Ich plane keine Umschulung zur Technikerin– was also soll ich da?«

»Nun, du kennst dich mit unseren Routinen noch nicht aus und–«

»Ich denke, ihr habt so viel zu tun«, unterbrach sie ihn kurzerhand. »Darum bin ich doch hier. Also lass mich was Sinnvolles tun, statt irgendwelche Berliner Routinen zu bewundern und mir dabei die Beine in den Bauch zu stehen.«

Irgendjemand murmelte eine Bemerkung, die Katryna nicht verstehen konnte, Joachims Lachen brandete im Hintergrund auf, Martina starrte sie wortlos an. Fabian Stumm zeigte ein leises Lächeln. Das immerhin war ein Lichtblick. Max schwieg und schien zu überlegen, wie er die Situation am geschicktesten lösen konnte, ohne sich zwischen alle Stühle zu setzen. Entschlussfreudig wirkte er dabei nicht unbedingt. »Nun, ich…«

In dem Moment schwang die Tür auf, und Stefan Polder schob seine massige Gestalt in den Raum. Eines seiner imposanten Ohren war leicht gerötet.

»Wir müssen zwei Leute an einen neuen Fall setzen«, sagte er nach kurzem Gruß ohne Einleitung. »Vor der TU ist eine Frauenleiche gefunden worden. Bin gerade von der zweiten Direktion informiert worden– sieht nach Mord der ganz besonders schlimmen Sorte aus. Techniker sind schon da, zwei Kripobeamte machen gerade die Aufnahme.«

»Und wie soll ich…?«

»Na, wie immer: möglichst schnell.«

»Bei allem Verständnis, Chef, aber wir kommen so schon kaum über die Runden. Kann das nicht von den Kollegen–?«

»Da ist nichts zu wollen, die haben selber genug zu tun.«

Katryna hob das Kinn und fasste Polder ins Auge. »Ich möchte das übernehmen.«

Niemand sagte etwas. Max kratzte sich im Nacken. »Also, ich…«

»Warum nicht?« Polder sah ihn an. »Was spricht dagegen?«

»Es ist zu früh für eine eigene Ermittlung. Ich bin–«

»Ist es nicht«, würgte Katryna Max kurz entschlossen ab. »Eine Duisburger Leiche unterscheidet sich nicht wesentlich von einer Berliner.«

Polder nickte. »Das sehe ich auch so.«

»Aber sie braucht jemanden an ihrer Seite«, wandte Max ein. »Und ich kann niemanden mehr erübrigen. Völlig ausgeschlossen!« Er hob abwehrend die Hände.

Polder überlegte kurz. Dann zuckte er mit den Achseln. »Rufen Sie Piet Reinhard an. Die beiden sollen das zusammen machen.«

»Aber…«

Polder winkte ab. »Wenn Reinhard Zeit hat, kriegen die beiden den Fall, falls nicht, muss ich mir eben was anderes überlegen.« Er sah Katryna an. »Legen Sie los!«

Sie nickte. Worauf ihr euch alle verlassen könnt, dachte sie und hob das Kinn.

Das rot-weiße Absperrband flatterte weithin sichtbar. Katryna nahm mehrere Polizisten wahr, zum Teil in Uniform, und Kriminaltechniker, die in der Nähe eines offen stehenden Wagens vor der Technischen Universität an der Straße des 17.Juni beschäftigt waren. Sie hatte weiche Knie, als sie aus dem Polizeiauto stieg, sich kurz bei dem Beamten bedankte, der sie netterweise hergefahren hatte, und hielt nach Piet Reinhard Ausschau, der sich vor Ort mit ihr treffen wollte. »Ich trage einen dunkelblauen Anorak«, hatte er am Telefon gesagt.

Mein Lippenstift leuchtet bis zum Brandenburger Tor, und mein Zähneklappern dürfte weithin zu hören sein, hatte sie gedacht– was genau sie schließlich erwidert hatte, war aber so belanglos gewesen, dass sie es schon zwei Minuten später wieder vergessen hatte. Seine Stimme klang angenehm, dachte sie, als sie auf den Wagen zuging, und sie hoffte, dass der ganze Mensch sich als sympathisch erweisen und dabei nicht allzu deutlich den Aufpasser heraushängen lassen würde. Das wäre doch mal was anderes nach einer Woche im LKA-Berlin.

Ein groß gewachsener Mann löste sich aus einer Gruppe von Menschen, die hinter dem Absperrband standen, und kam auf sie zu. Dunkelblauer Anorak. Augen in einem ähnlichen Farbton. Schwarzes, strähniges Haar, Bartschatten auf hagerem Gesicht, sportlich schlanke Gestalt. König Aragorn, dachte Katryna– er sieht aus wie einer der Helden aus Herr der Ringe. Sie schalt sich für den albernen Vergleich.

»Katryna Nowak?«, fragte er und streckte seine Rechte aus, als sie nickte. »Ich bin seit zehn Minuten hier und hab mich schon mal ein bisschen schlaugemacht.«

»Gute Idee. Wissen wir schon, wer das Opfer ist?«, fragte Katryna, während sie seine Hand kräftiger schüttelte, als unbedingt nötig gewesen wäre, und sie sich gemeinsam zum Auto umwandten.

»Papiere oder Ähnliches sind nicht gefunden worden, auch kein Handy oder Schlüssel, aber es liegt eine Vermisstenanzeige für eine vierzigjährige Frau namens Bettina Springer vor, wie ich gerade erfahren habe. Martina übermittelt uns so schnell wie möglich die Einzelheiten. Auf die Tote könnte die Beschreibung zutreffen– sofern man noch etwas von ihr erkennen kann«, sagte Reinhard in angenehm ruhigem Tonfall.

Katryna stutzte. »So schlimm?«

»Schlimmer.«

Sie war einiges gewöhnt und scheute sich nicht, einen Tatort hautnah in Augenschein zu nehmen, doch Menschen, denen man noch Stunden oder gar Tage nach ihrem gewaltsamen Tod die Qual ansah, bereiteten ihr, wie den meisten Menschen, Magenschmerzen und Übelkeit. Katryna schluckte, bevor sie sich zur geöffneten hinteren Tür des viertürigen Golfs hinabbeugte.

Die Frau lag quer über der Rückbank; der Oberkörper befand sich hinter dem Beifahrersitz, die Beine waren angewinkelt. Die Kleidung war verschmutzt, voller Blutflecken und an vielen Stellen zerrissen. Hals, rechte Gesichtshälfte und Nacken bildeten eine einzige offene Fleischwunde. Das rechte Auge fehlte ganz, das Ohr war zerfetzt– anders konnte man es nicht bezeichnen. Auch Hände und Oberarme wiesen tiefe Wunden auf. Katryna atmete scharf ein. Sie hatte große Mühe, nicht zurückzuschrecken. Langsam richtete sie sich wieder auf.

»Der leitende Techniker«, Reinhard zeigte kurz auf einen bärtigen kleinen Mann im weißen Schutzanzug, der gerade die Parkplatzzufahrt abschritt und nach Spuren suchte, »Bernd Gesbrecht meint, sie sei seit ungefähr eineinhalb bis höchstens zwei Tagen tot– die Betonung liegt zurzeit natürlich auf ungefähr.«

Katryna spürte, wie ihr Gaumen sich zusammenzog und eine hektische Speichelproduktion einsetzte. Sie sah einen Moment zum Unigebäude hinüber.

»Was immer passiert ist– wahrscheinlich ist es in den frühen Morgenstunden von Freitagnacht auf Samstag geschehen«, fuhr Piet Reinhard fort.

»Mein Gott, was sind das für Wunden?«, fragte Katryna leise. »Wer hat das getan? Sie sieht aus, als hätte sie ein Werwolf zerfleischt– ein ziemlich wütender Werwolf.«

Reinhard wiegte den Kopf von einer Seite zur anderen. »Damit dürften Sie ganz richtigliegen. Gesbrecht tippt auf Bisswunden. Ihre Hauptschlagader wurde zerfetzt– sie ist verblutet, und zwar innerhalb kürzester Zeit. Vielleicht hat sie einige der Verletzungen gar nicht mehr mitbekommen. Es wäre ihr zu wünschen.«

»Bisswunden von einem Hund?«

»Von einem sehr kräftigen Hund.«

»Kampfhund?«

»Vielleicht, aber soweit ich weiß, können andere Hunderassen auch ordentlich zupacken.«

Katryna registrierte zweierlei: Ihr wurde gerade verdammt schlecht, und Reinhard siezte sie– warum auch immer. Das allgemein übliche Kollegengeduze war offensichtlich nicht nach seinem Geschmack. Oder er hält mich auf Abstand, weil mir mein Ruf vorausgeeilt ist, überlegte sie und schüttelte dann den Kopf über ihre merkwürdigen Gedankengänge. Sie ging ein paar Schritte zur Seite, konzentrierte sich auf ihre Atmung und versuchte, das Bild der klaffenden Wunden aus dem Kopf zu bekommen. Vergeblich. Es wäre wirklich das Allerletzte, nun angesichts der Leiche die Kotzerei zu bekommen– nachdem sie bei der Besprechung vorhin noch so große Töne gespuckt hatte. Eigentlich passend. Hoffers Team wurde sich köstlich amüsieren.

»Wir suchen also einen Hund und seinen Besitzer?«, bemerkte Katryna nach einer kurzen Pause.

Reinhard trat neben sie. »Sieht ganz so aus.«

»Der Parkplatz hier wird kaum der Tatort sein, oder?«

»Glaube ich auch nicht. Blut- und Kampfspuren sind bislang auf dem Parkplatz und auch im näheren Umkreis nicht entdeckt worden, die Kollegen gucken sich aber noch genauer um. Der Wagen ist Samstagmorgen als gestohlen gemeldet worden, das heißt, zu dem Zeitpunkt hat der Besitzer den Verlust bemerkt – übrigens in der Friedrichstraße, die circa fünf bis sechs Kilometer entfernt ist, also keine allzu große Distanz–, und bislang sieht es so aus, als wäre er mitsamt Leiche einfach hier abgestellt worden.«

»Warum ausgerechnet hier?«

»Am Wochenende ist an der Uni naturgemäß wenig los, außerdem ist hier keine Wohn- oder Kneipengegend. Der Hausmeister hat erst heute früh seine Runde gedreht und dabei nur beiläufig einen Blick durchs Seitenfenster in den Wagen geworfen. Unnötig zu erwähnen, dass ihn fast der Schlag getroffen hat.«

»Kann ich mir denken.« Katryna warf einen Blick auf das Hauptgebäude der Universität, vor dem sich eine ansehnliche Menschentraube gebildet hatte. Die Leute starrten stumm herüber oder redeten lebhaft gestikulierend aufeinander ein. Einige hielten Handys hoch– um Aufnahmen zu machen, vermutete Katryna. Perverse Idioten. Davon gab’s in Duisburg auch genügend.

»Fest steht jedenfalls, dass jemand – sagen wir mal der Hundebesitzer– eine übel zugerichtete Leiche loswerden, außerdem Zeit gewinnen und vom Tatort ablenken wollte«, meinte sie schließlich. »Sonst hätte man sich kaum die Mühe gemacht, einen Wagen zu klauen und der Frau alle persönlichen Sachen abzunehmen. Wir können natürlich nicht sagen, ob das Auto bereits Freitagnacht oder erst Samstagmorgen hier abgestellt wurde oder vielleicht gestern Abend.«

»Stimmt«, gab Piet ihr recht. »Der Hausmeister konnte diesbezüglich keine klare Aussage machen. Aber vielleicht ist die ganze Geschichte ja irgendwo in der Nähe passiert, und der Täter/Hundebesitzer hat es nicht gewagt, lange mit der Leiche durch die Gegend zu fahren, nachdem er den Wagen gestohlen hatte.«

Katryna nickte. Allmählich beruhigte sich ihr Magen. Es tat gut, die ersten Fäden zu spinnen. Bernd Gesbrecht trat zu ihnen und sah Katryna an, nachdem er einen stummen Blick mit Reinhard gewechselt hatte. »Sind Sie Kommissarin Nowak?«

»Bin ich.« Schon wieder einer, der beherzt zum Sie griff.

»Wir würden jetzt gern noch einige Fotos machen und dann den Abtransport vorbereiten. Spricht was dagegen?« Das klang forsch und direkt, aber nicht unfreundlich.

»Ich würde gern noch einen Blick in den Kofferraum werfen.«

»Haben wir schon, der ist komplett leer. Spuren können wir besser in der Technik sichern.«

»Okay.« Sie ging zwei Schritte zur Seite. »Eine Frage noch, Herr Gesbrecht«, wandte sie sich erneut an ihn. »Sie haben die Vermutung geäußert, dass die Frau von einem Hund so zugerichtet worden sein könnte?«

Gesbrecht, der gerade die Beifahrertür schließen wollte, hielt inne und räusperte sich.

»Ja, das könnten durchaus Hundebisse sein– nach meiner ersten groben Einschätzung, aber behaltet das noch für euch, solange der Gerichtsmediziner sich nicht hundertprozentig festgelegt hat. Ich denke, niemand von uns hat Bock auf eine wilde BZ-Schlagzeile, in der mordende Kampfhunde verteufelt werden und ihre Besitzer gleich mit. Das Thema hatten wir ja schon mal.«