Ostseemorde - Eva Almstädt - E-Book

Ostseemorde E-Book

Eva Almstädt

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8,99 €

Beschreibung

Pia Korittki kann das Ermitteln nicht lassen - selbst in den Ferien! In "Eisige Wahrheit"möchte Pia mit Freund und Kind ein entspanntes Wochenende an der Ostsee verbringen. Doch beim Schlittenfahren stoßen sie auf die Leiche eines jungen Mannes. Damit ist ihr Urlaub vorbei ... In "Dunkler Abgrund" reist Pia zur Hochzeitsfeier ihrer Schwester nach Mecklenburg. Als ein Hochzeitsgast verunglückt, glaubt Pia nicht an einen Zufall -- und stößt auf einen nie gelösten Vermisstenfall und einen Toten im Keller ...

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EPUB

Seitenzahl: 330




Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

EISIGE WAHRHEIT

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

DUNKLER ABGRUND

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

Nachwort zu Dunkler Abgrund

Über die Autorin

Eva Almstädt, 1965 in Hamburg geboren und dort auch aufgewachsen, absolvierte eine Ausbildung in den Fernsehproduktionsanstalten der Studio Hamburg GmbH und studierte Innenarchitektur in Hannover. Seit 2001 ist sie freie Autorin. Eva Almstädt lebt mit ihrer Familie in Schleswig-Holstein.

Eva Almstädt

OSTSEE-MORDE

Zwei Fälle fürPia Korittki

beTHRILLED

»be« - Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment

Dieses Werk wurde vermittelt durch dieLiterarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Copyright © der digitalen Originalausgaben 2016 und 2017 by»be« – das eBook-Imprint von Bastei EntertainmentCopyright © dieser Ausgabe 2018 by Bastei Lübbe AG, KölnTitelillustration: © shutterstock/Ralf Gosch; shutterstock/Daniiel;shutterstock/Dudarev Mikhail; shutterstock/Hans ChristianssonUmschlaggestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de

eBook-Erstellung: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-4996-2

www.be-ebooks.de

www.lesejury.de

Eva Almstädt

EISIGEWAHRHEIT

1. Kapitel

Der erste Schnee fiel, als sie von der Bundesstraße auf die schmale, gewundene Straße in Richtung Küste abbogen.

»Siehst du, Pia, wir haben doch das richtige Auto genommen.« Lars Kuhn schaltete die Scheibenwischer des alten Landrovers auf die zweite Stufe. Die kurzen Wischerarme ruckten hektisch hin und her, doch die dicken Schneeflocken nahmen ihnen trotzdem beinahe die Sicht.

Pia Korittki warf einen Blick nach hinten zu ihrem dreijährigen Sohn. »Schade, dass Felix eingeschlafen ist. Der würde sich bestimmt über den Schnee freuen.«

»Hat Felix überhaupt schon einmal richtig viel Schnee erlebt?«

Pia ließ die letzten drei Jahre Revue passieren. »Nein, bisher blieb es, glaube ich, immer nur bei Schneematsch.«

Wie schnell die Zeit vergangen war! Pia arbeitete als Kriminalkommissarin bei der Lübecker Bezirkskriminalinspektion, zwar mit reduzierter Stundenzahl, doch es war immer zu wenig Zeit, sowohl im Beruf als auch für Felix und nicht zuletzt für ihren Freund Lars. Umso mehr freute Pia sich auf die gemeinsamen Urlaubstage am Meer. Ihr Reiseziel lag an der Ostseeküste, nicht weit von Lübeck entfernt. Sie hatten nicht noch unnötig Zeit mit einer langen Anreise vergeuden wollen.

»Vielleicht bleibt der Schnee ja liegen.« Lars steuerte sein Lieblingsgefährt mit einem zufriedenen Lächeln über die kurvige Landstraße. Er deutete über den Ersatzreifen auf der Motorhaube nach vorn. »Schau mal den Himmel dort hinten an. Da kann noch einiges an Schnee herunterkommen.«

Seine beinahe kindliche Freude über die schwierigen Straßenverhältnisse war ansteckend. »Ich versteh schon. Du möchtest endlich mal wieder deinen Allradantrieb einschalten müssen«, neckte Pia ihn. »Hast du denn auch alles dabei? Eine Winde und einen Spaten, um uns frei zu schaufeln. Die Sandbleche und so?«

Er lachte auf. »Klar. Das werden ein paar superschöne Tage, Pia.« Lars legte die Hand auf ihr Bein und drückte leicht zu. »Wir lassen uns durch nichts stören, okay?«

Eine Viertelstunde später, nachdem sie den Küstenort Hochfeld hinter sich gelassen hatten, tauchte auf der linken Seite ein kleiner Hafen auf. Viele der Schiffe befanden sich im Winterlager, und auch die grün gestrichenen Bootsschuppen sahen verwaist aus. Kurz darauf bogen sie in einen Schotterweg ein, der zu zwei reetgedeckten Bauernhäusern führte. Hinter dem flachen Dünengürtel und der Ostsee türmten sich graue Wolken. Die beiden Häuser duckten sich unter mächtigen Linden, und die dazugehörigen Gärten waren von einem Lattenzaun und einer hohen Hecke eingefasst. Ihr Feriendomizil sah so urig und gemütlich aus, dass Pia den spontanen Wunsch verspürte, wirklich für ein paar Tage hier eingeschneit zu werden.

Lars parkte neben dem Fachwerkhaus, in dem sie eine Ferienwohnung gemietet hatten. Den Schlüssel hatten sie in Hochfeld im Büro der Ferienhausagentur von Wiebke Schütz abgeholt. Pia schloss auf und trat mit Lars, der den schlafenden Felix auf dem Arm trug, ins Haus.

Sie schaltete das Licht ein und sah sich um. Holzdielen, Sprossenfenster, offene Balken, mit kariertem Stoff bezogene Polstermöbel und ein aus Backstein gemauerter Kamin. »Das hast du gut ausgesucht«, sagte sie erfreut.

»Und es ist absolut ruhig hier. Wir haben endlich mal Zeit für uns.«

Pia sah sich in der Küche um. Sie meinte, einen herausfordernden Ton in Lars’ letzter Bemerkung herauszuhören, und lächelte. »Weißt du, selbst wenn mir gleich aus diesem Backofen eine abgehackte Hand entgegenfällt: Es gilt das Tatortprinzip. Da wären die Kollegen aus Kiel gefordert.«

»Du willst doch hier nicht etwa backen oder kochen?«, fragte Lars mit gespieltem Entsetzen.

»Warum nicht? Traust du mir das nicht zu?«

»Wir haben Urlaub«, sagte er.

Felix blinzelte und rieb sich die Augen. »Ich hab so ’nen Hunger«, murmelte er.

Sie sahen einander an.

»Ich habe im Ort eben noch eine offene Pizzeria gesehen«, sagte Lars.

»Eigentlich wollte ich mich hier heute gar nicht mehr vom Fleck rühren.« Die letzten Wochen im Kommissariat waren hektisch gewesen. Pia sehnte sich danach, sich im Haus einzuigeln. Je ungemütlicher das Wetter derweil draußen war, desto besser.

»Vielleicht gibt es ja auch Pizza zum Mitnehmen?«

»Himmelherrgott, Sacklzement!« Fiona Rogge blickte in ein Chaos aus wirbelnden weißen Flocken, die so dicht fielen, dass sie den vor ihr aufragenden Kirchturm der Markuskirche nicht sehen konnte, sondern gerade noch die alten Grabkreuze jenseits des Weges. Sie fluchte auf einem Kirchhof? So weit war es also schon mit ihr gekommen. Aber es war ja eine evangelische Kirche, also zählte das bei ihr vielleicht nicht.

Im Gemeindehaus war gerade die Chorprobe des Markus-Chors zu Ende gegangen. Fiona hatte es eilig. In nur fünf Minuten war sie mit Michael verabredet. Und jetzt würde sie zu spät kommen, denn mit Schnee hatte sie nun wirklich nicht gerechnet.

Als sie vor gut zwei Stunden vom Behning-Hof, auf dem sie ihr landwirtschaftliches Praktikum absolvierte, mit dem Fahrrad hier angekommen war, war es ein ganz normaler Dezembernachmittag in Norddeutschland gewesen: feucht und grau und viel zu windig. Wo kam auf einmal der viele Schnee her? Wenn der jetzt liegen blieb und die holsteinischen Hügel plötzlich weiß wurden, würde sie bestimmt Heimweh nach Bayern bekommen. Die viele Weihnachtsbeleuchtung, der man in Hochfeld und auf den umliegenden Höfen auf Schritt und Tritt begegnete, war schon schlimm genug.

Fiona arbeitete und wohnte seit gut fünf Monaten auf dem Bauernhof der Familie Behning. Sie mochte Ilka und Jörn Behning und ihre kleine Tochter Lina wirklich gern, trotzdem quälten Fiona immer wieder Anfälle von Heimweh, und wenn das so war, dann wollte sie am liebsten ihren Koffer packen und sofort nach Hause fahren. Es dauerte anscheinend, bis man Gleichaltrige kennenlernte, bei denen der Kontakt über ein »Moin« und »Tschüss« und »Wie geht’s?« hinausging. Und wenn dann doch mal mehr draus wurde, konnte Fiona oft nicht richtig einschätzen, ob derjenige ernst meinte, was er sagte, oder sich nur einen Spaß mit ihr erlaubte. Ironie war ja noch nie so recht ihr Ding gewesen. Außerdem war sie wohl zu schüchtern. Fiona hatte es sich einfacher vorgestellt, Kontakte zu knüpfen. Zum Beispiel sang sie wahnsinnig gern, und das schon, solange sie denken konnte. Aber selbst im Chor fühlte sie sich nach wie vor nur wie ein gern gesehener Gast. Vielleicht lag es auch daran, dass alle außer Carola, der Tochter des Kantors, und Tobias Hollmann, dem Nachbarssohn, deutlich älter waren als sie. Doch seit ein paar Tagen gab es Anlass zur Hoffnung, und die hieß Michael.

Michael Hollmann wohnte seit Kurzem auf dem Nachbarhof. Bisher hatte Fiona dort nur Hedda und Karl Hollmann sowie Heddas stieseligen Sohn Tobias angetroffen. »Stieselig«, den Ausdruck hatte sie von Ilka Behning, und er passte so haargenau, als wäre er für Tobias erfunden worden. Seit sie mit ihm zusammen im Chor sang, verfolgte er sie mit seiner Aufmerksamkeit. Leider war er zu sehr von sich eingenommen, hatte Mundgeruch und schwitzte stark, sogar im eiskalten Gemeindehaus.

Michael Hollmann war Tobias’ Stiefbruder und ein paar Jahre älter als er. Er war erst vor einigen Wochen wieder auf den elterlichen Hof zurückgekehrt. Vorher hatte er in München gelebt. Michael musste mal irgendwann etwas Blödes angestellt haben, so wie sie alle über ihn redeten. Doch das war Fiona egal. Vielleicht waren die Leute auch nur neidisch, weil er gut aussah, witzig und charmant war und schon etwas von der Welt gesehen hatte. Oder weil er einen alten Porsche fuhr, ergänzte sie in Gedanken. Und ausgerechnet mit ihr wollte Michael ausgehen!

Fiona wischte den Schnee vom Zahlenschloss des Fahrrads und versuchte, im Dämmerlicht die richtige Zahlenkombination einzustellen. Sie hatte Michael vor ein paar Tagen in der einzigen geöffneten Kneipe von Hochfeld kennengelernt. Die Frau, mit der sie eigentlich verabredet gewesen war, war früh nach Hause gegangen, und so hatte Fiona sich irgendwann mit ihm unterhalten. Und dann hatte er sie gefragt, ob er ihr die Gegend zeigen dürfe. Fiona hatte während ihrer Zeit im Norden bisher nicht einmal Lübeck oder den Hamburger Fischmarkt gesehen. Da die Behnings den kürzlich heimgekehrten Nachbarssohn anscheinend nicht mochten und die Abneigung bei seinen Eltern in Bezug auf die Behnings offenbar auf Gegenseitigkeit beruhte, waren Michael und sie übereingekommen, dass er sie besser nicht direkt von zu Hause abholen sollte. Schade eigentlich, aber Fiona wollte nicht mit den Behnings diskutieren, warum sie sich ausgerechnet mit Michael Hollmann traf. Er hatte sie auch nicht vor dem Gemeindehaus treffen wollen.

»Zu nah an der Kirche«, hatte er spöttisch gesagt. »Der liebe Gott und ich sind nicht gerade so.« Dabei hatte er zwei überkreuzte Finger hochgehalten. Sie würden sich hinter der Feldscheune der Behnings treffen, wo niemand sie sehen konnte, und von dort aus losfahren.

Fiona hob das Fahrrad aus dem Ständer und winkte Wiebke und Carola Schütz zu, die nun ebenfalls das Gemeindehaus verließen. Bei diesem Wetter würde sich die Gruppe schnell auflösen, weil alle wieder zurück auf ihr gemütliches Sofa wollten.

Sie schob das Rad durch die Pforte, schloss sie gewissenhaft hinter sich und sah dann hoffnungsvoll zum Himmel. Das Schneetreiben war bestimmt gleich wieder vorbei. An der Straße schwang Fiona sich auf das Herrenrad, das die Behnings ihr zur Verfügung gestellt hatten, und fuhr die Hauptstraße entlang durch den Ort. Am Ortsausgang trat sie kräftiger in die Pedale. Sie wollte nicht verschwitzt und außer Atem bei Michael eintreffen, aber verpassen wollte sie ihn auch nicht.

Als Fiona die kleine Anhöhe hinuntersauste, schneite es immer noch, doch zumindest der Schnee auf der Straße schmolz schon wieder weg. Rutschig war es trotzdem. Sie hörte ein metallisches Scharren, bremste ab und geriet ins Schlingern. Fiona riss den Lenker nach rechts, um nicht auf die Fahrbahn zu geraten. Sie hatte für die abrupte Lenkbewegung zu viel Schwung, und das Vorderrad stellte sich quer.

Himmelherrgott!, dachte sie zum zweiten Mal an diesem Nachmittag. Sacklzement! Der Sturz lief wie in Zeitlupe ab. Ein filmreifer Salto über den Lenker. Abrollen!, dachte sie noch und landete nach einer klassischen Judorolle im Straßengraben.

Im ersten Moment hoffte Fiona, ihr sei nichts passiert. Sie sortierte ihre Gliedmaßen aus dem Fahrradrahmen, schob das Rad beiseite und rappelte sich auf. Dann kroch sie aus dem Graben hinauf auf den Fahrradweg. Ein weißer Kombi fuhr langsam an ihr vorbei. Es war schon zu dunkel. Sie konnte die Person am Steuer nicht erkennen, aber Fiona winkte, als wäre ihr nichts geschehen. Hoffentlich hielt der Fahrer oder die Fahrerin nicht an! Der Sturz war Fiona peinlich. Sie wollte kein Aufsehen erregen. Im nächsten Moment wurden ihr die Knie weich, und sie sackte auf dem Asphalt zusammen wie eine Marionette. Ihr rechtes Knie und ihr Ellenbogen taten so fies weh, als hätte jemand mit einem Mal eine Art Schmerzregler voll aufgedreht. Entsetzt sah Fiona, wie sich in Kniehöhe auf ihrer Jeans ein Blutfleck ausbreitete. Auch ihre Hände brannten, und aus den Schrammen sickerte Blut. Oh Gott, sie hatte doch ein Rendezvous … Vor ihren Augen flimmerte es, die Landschaft kippte nach links, und es wurde dunkel.

Als Fiona die Augen wieder aufschlug, sah sie dunkelgrauen Himmel, in dem vereinzelt Schneeflocken schwirrten. Dann tauchte ein ihr unbekanntes Gesicht über dem ihren auf.

»Hallo, können Sie mich hören?«

Sie zitterte. Was war passiert? Der Fahrradunfall! War sie etwa ohnmächtig geworden? Sie versuchte, schnell wieder hochzukommen, doch eine Hand auf ihrer Schulter hielt sie unten. »Nicht so hastig. Ganz langsam. Sie waren kurz weg. Geht es wieder?« Es war eine tiefe, vertrauenerweckende Stimme.

Der Mann sah gut und auch ausgesprochen nett aus. Er war schätzungsweise Anfang vierzig, mit etwas längeren hellbraunen Haaren und einem Bartschatten. Unter der olivfarbenen Jacke trug er ein helles Hemd, und er roch nach etwas Leckerem zu essen. Als er ihr hochhalf, als wöge sie nichts, spürte sie, wie kräftig er war.

»Danke! Mir geht es gut.« Sie sah an sich hinunter auf die blutige und zerrissene Jeans, dann auf das Fahrrad der Behnings. Das Vorderrad und der Lenker waren verbogen, das hintere Rad hing lose im Rahmen. »Jedenfalls besser als dem Fahrrad.«

»Haben Sie Kopfschmerzen?«, fragte der Unbekannte.

Sie fasste sich ins Haar. Kein Blut, keine Beule fühlbar. Vorsichtig schüttelte sie den Kopf. »Ich hab mal Judo gemacht. Ich kann fallen.«

»Na, Gott sei Dank! Schauen Sie mir mal in die Augen!«

Seine waren graublau, leicht gesprenkelt, mit gebogenen Wimpern und Lachfältchen drum herum.

»Ihre Pupillen sehen gleich groß aus«, sagte er. »Vielleicht ist es ja doch keine Gehirnerschütterung. Was meinen Sie? Soll ich Sie zum Arzt fahren?«

»Nein! Ich wohne gleich hier die Straße runter auf dem Hof der Behnings.« Das Treffen mit Michael konnte sie knicken, so wie sie sich fühlte und aussah. Sie wollte sich nur noch in ihrem Zimmer im Bett verkriechen, nachdem sie eine Hand voll Schmerztabletten eingeworfen hatte, wenn möglich.

»Okay, ich weiß, wo das ist«, sagte er. »Da steht doch dieses große Tor an der Straße, stimmt’s? Moment, ich helfe Ihnen ins Auto. Das Rad kann ich hinten einladen. Sollte passen, so wie Sie es zerlegt haben.« Er lächelte aufmunternd und half ihr, sich auf den Beifahrersitz seines Geländewagens zu hieven.

»Wonach riecht es hier?«

»Ich hab gerade für meine Familie Pizza gekauft.«

»Oh! Bestimmt in der Casa Roma. Die ist gut.«

Der Unbekannte lud ihr Fahrrad ins Auto und fuhr sie die Straße hinunter und dann den Feldweg entlang zum Behning-Hof. Er schien ihren Arbeitgeber, Jörn Behning, zu kennen, auch wenn der reichlich überrascht war, ihren Retter auf seinem Hof anzutreffen. Doch die Behnings kannten in der Gegend viele Leute, weil sie schon immer hier gewohnt hatten. So ähnlich ging es ihr zu Hause in Bayern ja auch.

Als Fiona mit von Ilka Behning fachmännisch versorgten Wunden, ein paar Schmerztabletten und etlichen Kühlkissen in ihrem Bett lag, fiel ihr ein, dass sie den unbekannten Mann nicht einmal nach seinem Namen gefragt hatte. Überhaupt, alles war schiefgelaufen! Vor allem ihr Treffen mit Michael hatte sie verpasst. Das tat am meisten weh. Da lernte sie endlich mal wieder einen interessanten Mann kennen, freute sich tagelang auf die Verabredung mit ihm, und dann versetzte sie ihn. Was er nun wohl von ihr dachte? Dass sie wegen der dummen Gerüchte über ihn kalte Füße bekommen hatte? Hielt Michael sie nun für eine arrogante Ziege oder für ein verschrecktes Huhn? Sie musste ihm eine Nachricht schicken und es erklären, obwohl er sicher längst nicht mehr hinter der Feldscheune auf sie wartete. Schon gar nicht bei diesem Mistwetter. Ihr Mobiltelefon befand sich in ihrer Tasche, und die lag neben dem Sessel in Sichtweite. Fiona wollte aufstehen, um das Handy zu holen, doch sie stöhnte auf und sackte in die Kissen zurück. Tränen brannten in ihren Augen. Heute ging gar nichts mehr.

Der Porsche 911 Carrera schnurrte die Landstraße entlang. Die Geschwindigkeit, die Straßenlage des Wagens, der förmlich auf dem Asphalt klebte, und das Röhren des Boxermotors versetzten Michael Hollmann sofort in bessere Laune. Er drehte die Musik lauter und schlug mit der flachen Hand im Takt auf das Lederlenkrad. Die Investition hatte sich gelohnt. Nicht nur, weil die Nachbarn sich erwartungsgemäß über seinen Wagen das Maul zerrissen, neidisch, wie sie waren. Auch sein Vater war auf den alten Trick hereingefallen und glaubte, dass er in München gutes Geld verdiente, da er ansonsten kein so kostspieliges und unvernünftiges Auto fahren würde. Wirtschaftlicher Erfolg schien ihm zumindest Respekt für Michael abzuringen, wenn schon nicht Liebe. Und Respekt war wohl das Mindeste, was er als einziger Sohn erwarten durfte, wenn er nach so vielen Jahren der Abwesenheit wieder nach Hause kam. Michael war jetzt zweiunddreißig, und der Grund, warum er damals bei Nacht und Nebel abgehauen war, erschien ihm inzwischen lächerlich. Diese blöde Weibergeschichte. Und um Geld war es natürlich auch gegangen. Sein Pech, dass sein Vater und der Filialleiter der Sparkasse einander so gut kannten. Sein Vater hatte ihn zwar »ausgelöst«, ihm aber danach den Hof verboten.

Doch in der Zwischenzeit hatten sich Hedda und ihr Sohn Tobias so richtig ins gemachte Nest gesetzt und seinen Alten bearbeitet, damit Tobias den Hof erbte und nicht er. Allein die Tatsache, dass Tobias sich hatte adoptieren lassen und nun auch Hollmann hieß! Und er, Michael, sollte nur einen Pflichtteil bekommen. Er hätte brechen können, wenn er nur daran dachte. Erbost schlug er auf das Lenkrad. Diese Schmarotzer würden sich nicht an seinem Erbe bereichern! Da musste er sich bald etwas einfallen lassen. Die Zeit drängte, wenn das Testament wieder geändert werden sollte. Sie sagten es ihm nicht, aber seinem Vater ging es offensichtlich gesundheitlich nicht besonders gut.

Michael sah die Zufahrt zum Behning-Hof im Scheinwerferlicht vor sich auftauchen, und hinter der nächsten Kurve führte der Feldweg zur alten Scheune. Er bremste, der Wagen schlitterte im Schneematsch, und er bog in den schmalen Schotterweg ab. Die Qualität des Straßen- und Wegenetzes hatte in den letzten Jahren ganz schön gelitten. Oder er war damals noch geländegängigere Vehikel gefahren. Seinen geliebten Golf GTI zum Beispiel. Michael grinste und steuerte den Sportwagen behutsam um die Schlaglöcher des Feldwegs herum. Warum hatte er das Mädchen nicht vorn an der Straße auflesen können? Das Gerede der anderen konnte ihnen doch nun wirklich egal sein. Aber es war wohl klüger, mit Provokationen zu warten, bis sein Vater sein Testament wieder zu seinen Gunsten geändert hatte. Er würde die Kleine, Fiona hieß sie, schnell knacken. Sie kam aus Bayern und kannte hier keine Sau. Sie war einsam, das hatte er sofort gespürt – und sie stand auf ihn. Nur weil er hier ein paar Familienangelegenheiten regeln musste, brauchte er ja noch lange nicht zu leben wie ein Mönch.

Er hielt in einer Senke an, wo man den Porsche weder von der Straße noch vom Hof aus sehen konnte, schälte sich aus dem Wagen und sah zu der dunklen Feldscheune der Behnings hinauf. Warum war Fiona noch nicht da? Er war doch reichlich spät dran. Da sah er sie schon. Warum kam sie denn ohne ihr Fahrrad? War sie es überhaupt? Er kniff die Augen gegen den scharfen Wind und den Schnee zusammen, doch es war hoffnungslos.

Michael lehnte sich lässig an die Fahrertür und wartete. Die Gestalt kam näher. Es war nicht Fiona. War er so viel zu spät? Das Mädel würde ihn doch nicht etwa versetzen?

»Was soll das?«, rief er genervt, als er erkannte, wer da auf ihn zukam. »Und was soll dieser Aufzug? Ich hab keine Zeit. Ich hab heute Abend schon was Besseres vor.«

Aber da täuschte er sich.

2. Kapitel

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück ging Pia mit Felix durch die Dünenkette hinunter an den Strand. Zu den Ferienwohnungen gehörte ein Stück Naturstrand, sodass sie eine Weile um die Findlinge und das Treibholz herumkraxelten. Danach suchten sie am Wassersaum nach heilen Muschelschalen und Hühnergöttern. Der Wind wehte kräftig aus West-Südwest, und die Ostsee war graugrün mit kleinen Schaumkronen. Als Pia und Felix wieder ins Haus kamen, waren ihre Gesichter gerötet, und Felix’ Augen leuchteten.

»Ich hab drei Huhngötter gefunden!«, rief er Lars schon aus der Diele zu. »Guck mal!« Mit der einen Hand hielt er ihm den Leinenbeutel hin, mit der anderen riss er sich die Mütze vom Kopf, sodass seine feinen blonden Haare elektrisiert nach allen Seiten abstanden. Pia strich ihm sanft über den Kopf.

Lars betrachtete die Feuersteine mit den Löchern darin von allen Seiten. »Super. So viele auf einmal. Soll ich dir eine Schnur geben, damit wir sie hier irgendwo aufhängen können?« Und an Pia gewandt: »Ich weiß allerdings bis heute nicht, warum diese Steine Hühnergötter heißen.«

»Sie werden als Amulette verwendet und sollen das Hausgeflügel vor bösen Blicken schützen.«

»So Voodoo-mäßig?«

»Nein, das rührt angeblich von einem alten Volksglauben her. Abwehr von schädlichen Einflüssen, wie der Kikimora, einer slawischen Gottheit. Das ist eine Art Poltergeist, der auch die Hühner stiehlt oder am Eierlegen hindert.«

»Ah, dank deiner Hühnergötter haben wir morgen dann ein Frühstücksei«, sagte Lars zu Felix.

»Ich mag Eier«, antwortete Pias Sohn ernsthaft.

»Der Wind da draußen ging durch und durch. Wir wärmen uns jetzt erst mal mit heißer Schokolade und Milchkaffee auf«, schlug Pia vor. »Möchtest du einen warmen Kakao trinken, Felix?«

Es klopfte laut an der Tür. Pia, die mit den Jacken in der Hand in der Diele stand, öffnete.

Ein Mann, etwa in Lars’ Alter, mittelgroß, mit einem offenen Gesicht, abstehenden Ohren und lichtem blondem Haar, grinste sie an. »Moin, ich bin Jörn. Ein alter Freund von Lars.«

Sein Händedruck ließ Pias Mittelhandknochen knirschen. »Hallo! Nett, dich kennenzulernen. Ich bin Pia.«

»Hab schon von dir gehört.« Er nickte Lars zu.

»Komm doch rein.«

Der Mann sah sich in der Diele um. »Tolles Haus. Super Lage. Und sie haben echt was draus gemacht. Ich war seit Ewigkeiten nicht mehr hier drin.«

»Ja, das war ein Glücksgriff«, bestätigte Lars.

Sie gingen in die Küche, wo Pia dem Besucher einen Platz anbot und fragte, was er trinken wolle. Lars setzte Kaffee auf und wärmte in einem Topf Milch für Felix’ Kakao und Pias Milchkaffee. Pia, die nicht gewusst hatte, dass Lars hier in der Gegend Leute kannte, sah erwartungsvoll von einem zum anderen.

»Mir gehört der Hof ein Stück die Straße runter«, erklärte Jörn. »Der Behning-Hof. Unser Zufahrtstor sieht aus wie das zur Shiloh-Ranch.«

»Ja, das habe ich gesehen«, bestätigte Pia. »Und woher kennst du Lars?«

»Wir waren zusammen im Internat und sehen uns da hin und wieder auf den Ehemaligentreffen, die einmal im Jahr stattfinden.«

»Oh!« Sie hatte nicht gewusst, dass Lars überhaupt mal im Internat gewesen war.

»Ich war nur kurz da«, sagte Lars. »Nur die letzten drei Jahre bis zum Abitur. Meine Eltern hofften, dass man mich dort vielleicht zum Lernen bewegen würde. Zu Hause sind sie an mir verzweifelt. Ich hatte in dem Alter nur Blödsinn im Kopf.«

»Das kann man wohl sagen.« Jörn schmunzelte.

»Ach so.« Wer hatte das damals nicht?, dachte Pia. Sie gab Kakaopulver in Felix’ Milch und rührte um. Lars schenkte ihnen frischen Kaffee in drei Becher.

»Ich soll mich bei dir noch mal ganz herzlich von Fiona bedanken«, sagte Jörn.

»Das ist das Mädchen, dem ich gestern Nachmittag nach dem Fahrradunfall geholfen habe«, erklärte Lars.

»Ist Fiona deine Tochter?«, fragte Pia ihren Gast. Sie reichte Felix den Kakaobecher.

»Nein, Fiona ist unsere Praktikantin. Sie kommt aus Bayern und studiert Agrarwissenschaften in München. Ein nettes Mädchen.«

»Geht es ihr denn heute wieder besser?«, wollte Lars wissen. »Ich war mir nicht sicher, ob ich sie nicht doch ins Krankenhaus hätte fahren sollen.«

»Nein, es ist alles gut. Ihr Kopf hat nichts abbekommen, und die blauen Flecken und Schrammen heilen von allein. Sie braucht nur ein bisschen Ruhe. Aber die haben wir zu dieser Jahreszeit ja reichlich.«

»Ja, es ist toll hier«, bestätigte Pia. »Wir waren eben unten am Strand.«

»Habt ihr morgen schon etwas vor?«, fragte Jörn. »Ilka würde euch auch gern kennenlernen. Ilka ist meine Frau«, fügte er an Pia gewandt hinzu. »Und wir haben eine Tochter, Lina. Sie ist ungefähr so alt wie euer Sohn.«

Pia sah Lars an. Felix war nicht sein Sohn, aber das zu korrigieren wollte sie Lars überlassen. Sie hatte nichts dagegen, seinen alten Internatsfreund nebst Familie kennenzulernen, also nickte sie Lars zu. Sollte er das entscheiden, er kannte diesen Jörn besser als sie.

»Das klingt gut«, sagte Lars. »Felix ist übrigens Pias Sohn. Ich bin nur fürs Blödsinnbeibringen zuständig.«

»Alles klar, das kannst du ja hervorragend. Dann machen wir es uns morgen beim Adventskaffee gemütlich. Sagen wir, so um drei Uhr?« Jörn trank den Kaffee aus.

»Ja, wir kommen gern«, bestätigte Pia.

»Du weißt ja schon, wo wir wohnen«, sagte Jörn zu Lars und erhob sich. »Und zieht dem Jungen olle Sachen zum Draußenspielen an. Bei uns ist viel Platz zum Toben.«

»Du warst im Internat?«, fragte Pia, als sie Jörn verabschiedet hatten. Felix war ins Wohnzimmer gelaufen, um seine Muscheln zu sortieren und die Steine auf eine Haushaltsschnur zu fädeln.

»Ja. Aber das ist auch schon verdammt lange her.« Lars mied für einen Moment ihren Blick. »Damals hatte Jörn noch Haare bis über die Schultern, kannst du dir das vorstellen? Ich kann dir bei Gelegenheit mal Fotos zeigen.«

»Vielleicht solltest du das.« Pia fragte sich, was Lars ihr überhaupt schon von sich erzählt hatte. Neulich, als sie durch Zufall und auf recht unangenehme Weise erfahren hatte, dass er mal verheiratet gewesen war, hatte es im zarten Gefüge ihrer Beziehung schon ziemlich geknirscht. Und kaum war sie darüber hinweg, kamen neue Aspekte aus seiner Vergangenheit ans Licht. Doch da stürmte Felix auf sie zu und wollte mit ihnen spielen, sodass Pia keine weiteren Fragen mehr stellen konnte.

»Ich fahre gleich mal in den Ort, um ein paar Lebensmittel einzukaufen«, sagte Pia. »Was, meinst du, soll ich für Jörn und Ilka mitbringen? Eine Flasche Sekt oder lieber einen Wein?«

»Keine Ahnung. Such dir was aus. Ich halte hier so lange die Stellung.« Er schwang den begeistert juchzenden Felix in die Luft.

Lars wollte für sie das Abendessen kochen, da übernahm Pia gern den Einkauf. Außerdem hatte er in ein paar Tagen Geburtstag, und sie wollte ihn mit einem selbst gebackenen Kuchen überraschen. Pia wusste, dass er am liebsten Lübecker Marzipantorte aß. Sie wusste allerdings nicht, ob sie fähig war, so etwas herzustellen. Ihre Mutter hatte mal gesagt, dass jeder, der lesen, auch kochen könne. Hoffentlich galt das fürs Backen ebenfalls. Versuch machte ja bekanntlich klug.

Den Nachmittag verbrachten sie gemeinsam in Hochfeld an der Steilküste und an der Seebrücke, bis sie durchgefroren und erschöpft wieder in der Ferienwohnung eintrafen. Lars heizte den Kamin an. Anschließend ging er in die Küche, um etwas zu trinken zu holen. Er kam mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht und einer Hand hinter dem Rücken wieder ins Wohnzimmer.

»Pia, hast du eigentlich auch Eisbergsalat gekauft, wie es auf unserer Liste stand?« Seine Augen funkelten im Licht des Feuers.

»Ja. Der liegt im Gemüsefach.«

Er zog den Arm vor. »Meinst du vielleicht den hier?«

»Wieso?«

»Das ist Weißkohl.«

»Oh! Der ist doch auch hellgrün und rund«, sagte sie. »Ich hab wohl nicht so genau hingesehen. Die anderen Dinger, die da lagen, sahen schon so gammelig aus.«

Lars schmunzelte. »Pia! Du bist einmalig, wirklich! Weißkohl statt Eisbergsalat zu kaufen.«

»Sag bloß, du kannst keinen Weißkohl zubereiten?«, entgegnete sie so würdevoll wie möglich. »Der schmeckt hervorragend mit Hack und Kartoffeln.« Doch dann musste sie auch lachen. »So ein Mist! Ich kann Kohl und Salat schon auseinanderhalten. Ich habe mich einfach vergriffen. Okay?« Insgeheim nahm Pia sich vor, dass Lars’ Marzipantorte, die sie in ein paar Tagen backen würde, alles rausreißen sollte. Da würde ihm der Spott schon vergehen. Es sollte eine dreistöckige Torte mit selbst gedrechselten Marzipanrosen oder, besser noch, kleinen Landrovern darauf werden – mindestens!

Michael hatte sich nicht bei ihr gemeldet, obwohl sie ihm mehrere Nachrichten geschickt hatte. Er ging auch nicht an sein Handy, und bei ihm zu Hause anrufen wollte sie nicht. Sie hatten ja vereinbart, seinen Leuten und auch den Behnings nicht gleich auf die Nase zu binden, dass sie sich trafen.

Fiona lag in ihrem Bett im Dachzimmer und starrte durch das Veluxfenster in den dunkelgrauen Nachthimmel. Ihre Verletzungen von dem Sturz waren zu farbenfrohen Hämatomen ausgewachsen und taten noch weh, aber ihrem Kopf ging es schon wieder recht gut. So richtig verstand sie nicht, wie das hatte passieren können. Sie war mit dem Fahrrad zum Gemeindehaus gefahren, und alles war in Ordnung gewesen. Und auf dem Rückweg, als sie etwas schneller geworden war, hatte sich quasi ihr Hinterrad verabschiedet.

Sie wälzte sich unruhig auf die andere Seite. Das war ein richtig blöder Unfall gewesen. Sie hatte einfach Pech gehabt. Aber es hätte auch noch viel mehr passieren können. Zum Beispiel, wenn sie nicht in den Graben, sondern auf die Straße gefallen und dann ein Auto gekommen wäre. Nein, es war ein Auto gekommen. Der Fahrer des ersten Wagens hatte nur nicht angehalten. Tja, das Fahrrad war eben nicht mehr das neueste. Es war ein gebrauchtes von Jörn, bestimmt schon zehn Jahre alt. Fiona erinnerte sich, dass Ilka gesagt hatte, sie hätten es extra noch einmal in einer Fahrradwerkstatt überholen lassen, bevor sie es ihr gegeben hatten. Wie konnte sich denn dann das Hinterrad lockern, sodass es aus der Halterung sprang? Materialermüdung, oder waren die Muttern nicht richtig festgezogen gewesen? Aber sie war doch, nachdem sie das Fahrrad übernommen hatte, schon wochenlang damit herumgefahren. Es war unsinnig, so zu denken, und lag bestimmt auch nur daran, dass sie sich so schlecht fühlte, doch die fiese Frage hatte sich einfach in ihren Kopf eingeschlichen: Was, wenn jemand das absichtlich gemacht hatte? Wenn jemand ihr Fahrrad sabotiert hatte, während sie bei der Chorprobe gewesen war? Ein paar Jugendliche aus dem Ort, die sich mit irgendwelchem Unsinn die Zeit vertreiben wollten? Aber dann ließ man doch die Luft aus den Reifen oder schmierte Senf auf die Handgriffe? Bei dem, was geschehen war, hätte sie schwere Verletzungen davontragen können.

Die Alternative war jedoch noch unheimlicher: dass es jemand getan hatte, der sie kannte und der ihr Schaden hatte zufügen wollen. Die Frage war nur, warum? Und wer hätte überhaupt die Möglichkeit dazu gehabt?

Jeder, der wusste, dass sie im Chor mitsang und an der Chorprobe teilnahm. Also eigentlich jeder hier, der sie kannte. Die Fahrräder standen während der Probe neben dem Gemeindehaus im Fahrradständer hinter der Hecke, sodass man die Räder weder vom Kirchhof aus noch von der Straße sehen konnte. Wer sich daran zu schaffen machte, blieb höchstwahrscheinlich ungestört. Und das Rad, das die Behnings ihr zur Verfügung gestellt hatten, ein dottergelbes Rennrad, war auffällig und daher leicht zu identifizieren. Eine Verwechslung war eigentlich nicht möglich.

Fiona ließ den Ablauf der Chorprobe vor ihrem inneren Auge Revue passieren. Die Mitglieder des Chores hätten in der Pause wahrscheinlich die Gelegenheit gehabt, sich hinaus zu den Fahrrädern zu stehlen. Die hatten sogar die beste Chance, dachte Fiona, weil sich niemand wunderte, sie zu dieser Zeit auf dem Kirchengelände zu sehen. Hatte sie Feindseligkeit gespürt? Hatte jemand sie seltsam angesehen? Fiona ließ die einzelnen Gesichter an sich vorüberziehen. Im Nachhinein und allein in ihrem dunklen Zimmer in der Nacht schien ihr alles möglich zu sein.

Fiona fröstelte unter der Decke. Mit den kalten Füßen würde sie nie einschlafen können. Sollte sie hinuntergehen und sich eine Wärmflasche machen? Bei dem Gedanken daran, ihr Bett zu verlassen und durch das nachtdunkle Haus zu schleichen, wurde ihr noch mulmiger.

Sie machte sich doch verrückt! Morgen, bei Tageslicht, würde bestimmt alles anders aussehen. Sie würde Michael treffen und ihm von ihren Befürchtungen erzählen. Fiona war sich sicher, dass er sie beruhigen würde, und dann würden sie zusammen darüber lachen.

Am Sonntagmorgen schlief Felix bis in den Vormittag hinein, weil er am Abend zuvor lange hatte aufbleiben dürfen.

»Das funktioniert aber nicht immer«, sagte Pia, als Lars sie morgens im Bett mit einem zufriedenen Grinsen in die Arme zog. »Ich meine, dass Kinder, die lange aufbleiben, am nächsten Morgen auch lange schlafen.«

»Du sprichst wohl aus Erfahrung?«

»Was denkst du?« Sie drehte sich über ihn, stützte sich auf die Unterarme und sah ihn von oben an. »Ich hätte mich dir beinahe schon heute Morgen um fünf unsittlich genähert, aus reiner Panik, dass es sonst zu spät sein könnte.«

»Schade. Ich hätte nichts dagegen gehabt.«

»Das sagst du jetzt, nachdem du …« Pia blickte zum Wecker hinüber, »bis halb zehn geschlafen hast!«

»Dafür bin ich nun fit.«

»Ja, das spüre ich.« Sie musste grinsen. Es war gut, mit Lars zusammen zu sein. War der gemeinsame Urlaub ohne den Stress, stets alles durchorganisieren zu müssen, zu schön, um wahr zu sein? Konnte es überhaupt von Dauer sein? »Es ist nur … Felix ist manchmal recht anstrengend. Dann ist es ihm egal, ob man Urlaub hat oder nicht. Du musst dir gut überlegen, ob du das wirklich willst.« Sie sah ihm in die Augen. »Für deine Zukunft, meine ich.«

»Ich weiß, was ich will.« Seine Hände glitten langsam ihren Rücken hinunter, umfassten ihren Po. »Und ich weiß, wie man die Gunst der Stunde nutzt. In diesem Moment denke ich ausschließlich an das, was ich gleich mit dir anstellen werde.«

Sie trafen um Punkt fünfzehn Uhr bei den Behnings ein, in den Händen eine Flasche Wein und ein kleines Mitbringsel für Tochter Lina.

»Peinlich, so pünktlich«, murmelte Pia. »Geradezu aufdringlich.«

»Nein, das ist hier so«, widersprach Lars. »Und vergiss nicht, dir die Schuhe auszuziehen.«

»Was?!«

»Das ist hier ebenfalls so.«

Ilka Behning begrüßte sie und führte sie in eine geräumige Diele, in der Stiefel, Turnschuhe und Jacken in wildem Durcheinander lagen. »Hier ist mal wieder Chaos«, sagte sie. »Kommt schnell weiter! Im Wohnzimmer ist es gemütlicher.« Ilka Behning war etwas kleiner als Pia, eher rundlich, dabei gut proportioniert. Eine Frau mit dunkelbraunen Haaren, haselnussfarbenen Augen, ein paar Sommersprossen auf der Nase und einem resoluten Auftreten, sodass Felix sich zunächst hinter Pias Bein versteckte.

Sie folgten ihr in den Wohnbereich, der adventlich geschmückt war. Die Fensterbänke waren mit Rentieren, Engeln und Weihnachtskugeln dekoriert, vieles davon von Kinderhänden gebastelt, und über dem Esstisch hing ein Adventskranz.

»Toll, dass ich dich endlich mal kennenlerne!«, sagte Ilka. »Ich hab schon ein bisschen was von dem berühmten Lars Kuhn gehört.«

»Ich sag jetzt lieber nicht: ›Hoffentlich nur Gutes‹«, erwiderte Lars. »Sonst wird es hinterher umso peinlicher.«

Pia sah ihn mit neu erwachtem Interesse an diesem Thema an. »Berühmt?«

»Eher berüchtigt.«

Sie setzten sich an den gedeckten Tisch. Jörn kam mit Tochter Lina hinzu, begrüßte sie alle, und Ilka schenkte Tee und Kaffee aus. Es gab einen Apfelkuchen, Mandelstollen und eine große Schüssel mit verschiedenen Weihnachtsplätzchen.

»Die hat Mama alle selbst gebacken«, sagte Lina. »Von mir sind bloß die Kekse mit den bunten Streuseln drauf. Die haben wir im Kindergarten verdekoziert.«

»Verziert oder dekoriert«, verbesserte Ilka.

»Die sehen besonders gut aus«, lobte Pia und nahm sich einen. Ilka schenkte ihr einen warnenden Blick, doch bis auf die Tatsache, dass der Keks fast nur aus Mehl und Zucker bestand, war daran aus Pias Sicht nichts auszusetzen.

»Fiona hat mir dieses Jahr beim Weihnachtsgebäck geholfen«, sagte Ilka. »Übrigens viele Grüße von ihr. Sie wird heute wohl doch nicht zu uns runterkommen. Unser Hausarzt war gestern noch bei ihr. Er sagt, sie solle lieber ein paar Tage im Bett bleiben.«

»War es doch eine Gehirnerschütterung?«, fragte Lars.

»Höchstens eine ganz leichte.« Jörn hob die Kuchenplatte an und sah fragend in die Runde.

Lars ließ sich noch ein Stück auflegen.

»Und was für Geschichten sind so über Lars’ wilde Jugend im Umlauf?«, fragte Pia in lockerem Tonfall.

»Das ist unfair«, protestierte er.

»Du kennst meine dunkelsten Geheimnisse doch auch«, entgegnete sie leichthin. Zwar nicht alle, aber zumindest ein paar. Und das war auf jeden Fall mehr, als sie von ihm wusste.

»Lina, willst du Felix nicht mal dein Kinderzimmer zeigen?«, fragte Ilka. »Ihr könntet zusammen die große Murmelbahn aufbauen.«

Zu Pias Erstaunen folgte Felix Lina, die ihn beherzt an die Hand nahm, in ihr Zimmer.

»Lars hat damals sämtliche Lehrer und Erzieher in den Wahnsinn getrieben.« Jörn lachte. »Erinnerst du dich an die Geschichte mit der Colabombe?«

»Dunkel«, sagte Lars.

»Oder als wir dem Sendling alle seine Sachen an die Zimmerdecke geklebt haben?«

»Das hat mir einen Verweis eingebracht«, brummte Lars und ließ sich noch ein Stück Stollen geben. »Dafür hast du Brühwürfel in die Duschköpfe gesteckt.«

»Echt. Das hast du mir nie erzählt«, sagte Ilka interessiert.

»Frauen dürfen zwar alles essen, aber noch lange nicht alles wissen«, erwiderte ihr Mann. »Noch einen Keks, Schatz?«

»Sei bloß vorsichtig.«

»Im Vergleich zu Lars war ich harmlos. Er ist zweimal beinahe von der Schule geflogen. Das letzte Mal kurz vor dem Abi. Hat er eigentlich immer noch so verrückte Ideen?«, wollte Jörn von Pia wissen.

»Seine verrückteste Idee ist vielleicht, mit mir zusammen zu sein«, sagte sie.

»Erinnerst du dich an die Sache mit Frau Rheinbach?«

»Jörn, weißt du eigentlich …«, hob Lars warnend an, doch sein Schulfreund ließ sich nicht bremsen.

»Lars hat im Internat mal eine größere Menge Gras in Marmeladengläser getan und einfach offen in seinem Regal in unserem Zimmer aufbewahrt.«

»… dass Pia von Beruf Polizistin ist?«, beendete Lars seinen Satz.

»Echt jetzt?« Jörn sah sie irritiert an.

Lars rollte mit den Augen.

»Der Hausmutter hat er jedenfalls erzählt, das Gras sei ein super Kräutertee gegen Hämorrhoiden.« Jörn lachte schallend.

»Ich konnte ja nicht ahnen, dass sie tatsächlich Hämorrhoiden hat.«

»Du hast ihr deinen Tee als wahres Wundermittel angepriesen. Da konnte sie nicht widerstehen.«

»Das hätte verdammt schiefgehen können.« Lars schob sich den letzten Bissen Stollen in den Mund. Er runzelte die Stirn. »Mein Glück, dass sie nicht wusste, dass man das Gebräu angeblich mit etwas Butter oder Öl hätte aufkochen müssen, damit es richtig wirkt.«

»Trotzdem. Die war anschließend mal so richtig gut drauf«, sagte Jörn.

Lars nickte. »Toll! Ich wäre dadurch beinahe nicht zum Abitur zugelassen worden. Das war mir eine Lehre.«

»Tatsächlich?« Pia zog eine Augenbraue hoch. »Immerhin kennst du dich ja überraschend gut aus.« Was wusste sie überhaupt von ihm?

»Reine Theorie«, sagte er beschwichtigend.

»Komm, darauf trinken wir! Was wollt ihr haben?« Jörn war auf dem Weg zu seiner Hausbar, als Lina und Felix ins Zimmer stürmten.

»Es schneit, es schneit! Alles ist weiß«, schrien beide.

Pia sah hinaus. Tatsächlich hatte sich die Welt draußen in der letzten Stunde in eine Wintermärchenlandschaft verwandelt.

3. Kapitel

Ilka trat ans Fenster. »Es schneit schon die ganze Zeit ziemlich doll«, sagte sie. »Aber jetzt ist der Schnee auch endlich mal liegen geblieben. Es ist tatsächlich alles weiß.«

»Wir wollen raus!«, riefen die Kinder unisono.

Sie beschlossen, alle zusammen nach draußen zu gehen und zu sehen, ob man schon einen Schneemann bauen oder den Hügel hinter dem Haus hinunterrodeln konnte.

Als sie alle angezogen waren und vor die Tür traten, lagen beinahe zehn Zentimeter Schnee. Die sanfte Hügellandschaft rund um den Behning-Hof war weiß. Der Wind wehte den Schnee von Bäumen und Dächern, sodass er vor dem dunkelgrauen Himmel wie weiße Gischt aussah, und trieb ihn zu kleinen Schneeverwehungen zusammen. Der Anblick des Fachwerkhauses der Behnings, hinter dessen Fenstern noch anheimelnd ein paar Lichter brannten, und des Jägerzauns mit den Schneehauben auf jedem Pfosten versetzte Pia in vorweihnachtliche Stimmung, wie sie es seit zwei Jahrzehnten nicht mehr erlebt hatte.

Jörn ging mit Ilka und den Kindern in die Scheune, um die Schlitten zu holen.

Lars nahm Pia hinter einem verschneiten Holunderbusch in die Arme. »Tut mir leid, dass du diesen Mist von mir von Jörn erfahren hast. Ich wollte es dir immer schon mal erzählen, aber …«

»Du hast dich nicht getraut.« Sie tippte mit der Fingerspitze auf seine Nase, dann auf seinen Mund. »Ich hätte dich womöglich festnehmen können.«

»Ich weiß zumindest, dass du bei Rauschgiftdelikten keinen Spaß verstehst.«

»Lars, das ist so lange her. Denkst du, ich habe nie Blödsinn gemacht?«

»Hast du?« Seine Lippen näherten sich ihren. »Erzähl mal. Das macht mich nämlich ziemlich an. Die Sünden einer Polizistin …«