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»Seit ich dich getroffen habe, ist es, als ob jeder Teil von mir ein bisschen geheilt ist.« »Seit ich dich getroffen habe, ist es, als ob jeder Teil von mir ein bisschen geheilt ist.« Winnifred McNulty ist unabhängig, selbstbewusst und lässt sich von ihrer Behinderung nicht aufhalten. Sie ist fest entschlossen, sich und anderen zu beweisen, dass sie alles schaffen kann, ohne jemanden zu brauchen. Das ändert sich, als sie auf einer Halloween-Party Bo kennenlernt, einen charmanten jungen Mann in einem Piratenkostüm. Die Tatsache, dass beide eine sichtbare Behinderung haben, verbindet sie und sie entwickeln eine elektrisierende Verbindung zueinander, die sie einfach nicht ignorieren können. Nach einem One-Night-Stand wird Win vor die größte Entscheidung ihres Lebens gestellt, und sie ist mehr als bereit, Bo an dieser neuen Erfahrung teilhaben zu lassen – unter der Bedingung, dass sie nur Freunde bleiben. Win und Bo begeben sich gemeinsam auf eine Reise und entdecken dabei mehr über sich selbst, als sie zu wissen glaubten. Aber die Chemie zwischen ihnen ist unvermeidlich, und der Plan, den sie gefasst haben, wird schon bald über den Haufen geworfen ...
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Text bei Büchern ohne inhaltsrelevante Abbildungen:
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Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Luzi Bast
© Hannah Bonam-Young 2024
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
»Out on a Limb«, 2024 erschienen bei Dell, einem Imprint von Random House,
Penguin Random House LLC, New York
© der deutschsprachigen Ausgabe:
everlove, ein Imprint der Piper Verlag GmbH, München 2025
Redaktion: Lisa Wolf
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Covergestaltung: FAVORITBUERO, München nach einem Entwurf von Derek Walls
Coverillustration: Leni Kauffman
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Cover & Impressum
Contentwarnung
Vorwort der Autorin
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Epilog
Danksagung
Contentwarnung
Anmerkungen
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
LIEBE LESERINNEN UND LESER,
Dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Um euch das bestmögliche Leseerlebnis zu ermöglichen, findet ihr deshalb am Buchende eine Contentwarnung[1].
Euer everlove-Team
Fünf Tage nach der Geburt meines ersten Kindes postete ich den folgenden Text auf Instagram:
»Eine gute Mutter zu sein, war das Einzige, was ich je glaubte mit einer Hand nicht schaffen zu können. Es mag nicht rational sein, aber jedes Mal, wenn ich einen Satz hörte wie, als Mutter bräuchte man ›ein zweites Paar Hände‹, wurde mir flau im Magen. Als Kind und Jugendliche habe ich oft erlebt, dass Erwachsene Angst hatten, mich ihr Baby halten zu lassen, und das hat sich mir eingebrannt. Unterschwellig hat mich diese Unsicherheit immer begleitet, und jetzt habe ich mich ihr zum ersten Mal gestellt. Und es hat sich herausgestellt, dass zehn Finger völlig überbewertet werden. Mit meinem Kind und mir läuft es super.«
Ich war noch keine ganze Woche Mutter, hatte aber das Gefühl, bereits jede nur mögliche menschliche Regung erlebt zu haben. Physisch und psychisch musste ich mich von einer traumatischen Geburt und einer problematischen Schwangerschaft erholen. Meine Brustwarzen brannten, mein Körper schmerzte, und ich war überzeugt, meine Vagina würde nie wieder sein wie zuvor. Und dennoch war ich … so unglaublich glücklich.
Nicht nur wegen des winzigen Menschleins, das nun bei uns eingezogen war (und ziemlich toll ist), sondern auch, weil ich zu Unrecht Angst gehabt hatte. Weil die Leute unrecht hatten. Ich war absolut dazu in der Lage, eine gute Mutter zu sein.
Wie Win wurde ich mit meiner Dysmelie geboren. Meine rechte Hand ist unterentwickelt, so wie Wins Hand im Buch beschrieben wird. Zwar versuchte ich mein Leben lang, mich davon nicht beeinträchtigen zu lassen, aber natürlich gab es besondere Herausforderungen. Zum Beispiel vermied ich es nach Möglichkeit, Dinge, die mir schwerfielen, dann zu tun, wenn andere mich dabei beobachteten. So etwas, wie eine neue Hose zuzuknöpfen oder im Unterricht Mitschriften zu tippen. Ich verbrachte Stunden damit, über die alltäglichen Hürden nachzudenken und mir Lösungen zu überlegen, und plante meine Tage minutiös voraus, um unangenehme Situationen und Misserfolge zu vermeiden. Dann erfuhr ich, dass ich schwanger war, und fühlte mich völlig unvorbereitet. Ich wusste, nichts könnte mich auf diese neue Erfahrung vorbereiten, und das machte mir große Angst.
Also entschloss ich mich, ein Buch für all jene zu schreiben, die sich durch Ängste und Zweifel bremsen lassen. Nicht nur für diejenigen, die sich für Kinder entscheiden, oder für Menschen mit Behinderung, sondern für alle, die jemals in eine neue Situation geworfen wurden, die sie so weit aus ihrer Komfortzone hinauskatapultiert hat, dass sie ihr vergangenes, verängstigtes Ich gar nicht mehr wiedererkennen. Ich wollte über zwei Menschen schreiben, die einander so sehr lieben, dass sie dadurch ihre negativen Denkmuster aufbrechen und ihre Unterschiede bedingungslos akzeptieren können. Ich wollte von einer Liebe schreiben, die befähigend, gütig, rücksichtsvoll, freudig, geduldig und behutsam ist.
In diesem Buch begleiten wir Win auf ihrer Reise zur Mutterschaft. Da sie völlig unerwartet schwanger wird, habe ich sie mit dem medizinischen Personal und auch mit ihren Vertrauten über die Option eines Abbruchs sprechen lassen. Dabei muss man bedenken, dass der Roman in Kanada spielt, wo das Recht auf Abtreibung nicht – wie in anderen Ländern – ständig bedroht wird. Es gibt diese Möglichkeit. Win entscheidet sich zwar dafür, das Kind zu behalten, aber es war mir ein Anliegen, diese Gespräche einzubinden, da das Grundrecht auf einen sicheren und legalen Schwangerschaftsabbruch in unserer Welt fast durchgehend angefochten wird. Wins Entscheidung ist weder moralisch erhaben, noch wird Win in etwas hineingedrängt. Es ist ganz einfach – und doch leider nicht selbstverständlich – ihre Entscheidung.
Zum Schluss dieser einleitenden Worte möchte ich noch hinzufügen, dass mir bewusst ist, dass Schwangerschaft in Romance-Romanen ein heikles Thema ist. Es ist nicht für jede*n etwas, und das ist absolut in Ordnung. Doch dieses Buch ist so viel mehr als die Geschichte eines etwas »zu fruchtbaren« One-Night-Stands. Es geht darum, jemanden deine chaotischen Gefühle und Bedürfnisse sehen zu lassen. Es geht darum zu lernen, so geliebt zu werden, wie du bist, und Hilfe anzunehmen. Es geht darum, Erwartungen zu hinterfragen und Hindernisse zu überwinden. Es geht um Disability Joy, die Freude, die wir mit und durch unsere Behinderungen erleben. Und davon sollte es in der Welt einfach viel mehr geben, wenn ihr mich fragt.
Ich hoffe, ihr werdet Win und Bo genauso mögen wie ich.
Alles Liebe
Hannah Bonam-Young
Für Ben, meine rechte Hand in allen Lebenslagen.
Tut mir leid, dass du bei Schere, Stein, Papier nie gewinnst.
Ich liebe dich.
»Hast du dir schon mal überlegt, dass der Song vielleicht von einer Orgie handelt?«, frage ich die Hexe, die neben der Punschschüssel steht, und zeige auf den Lautsprecher.
»Was?«, brüllt sie und streicht sich mit überlangen, kohlschwarzen Fingernägeln die silbernen Locken ihrer Perücke vom Ohr.
»Der Song – Monster Mash.« Ich zeige noch mal zur Musikanlage.
»Was ist damit?«, fragt sie noch lauter.
»Es geht um eine Orgie!«, schreie ich, und mit meinen letzten Worten stoppt abrupt die Musik. Und im nächsten Moment hüpft die Gastgeberin – meine Freundin Sarah – auf einen Stuhl, weil sie offenbar eine Rede halten will.
»Nein danke …« Die Blicke der Hexenfrau durchbohren mich wie Dolche, dann dreht sie sich langsam um und geht auf den Türbogen zu, der – wie es der Zufall will – mit blutigen Stichwaffen dekoriert ist.
»Das hättest du wohl gern«, murmele ich, während ich meinen Becher mit der undefinierbaren neongrünen Substanz aus der Schüssel fülle und mir Mühe gebe, dass keins der darin schwimmenden Bonbonaugen mit hineinrutscht.
Während Sarah, die schon mein ganzes Leben meine beste Freundin ist, ihre alljährliche »Danke, dass ihr zu meiner Halloweenparty gekommen seid, das ist mein Lebenszweck«-Rede hält, überlege ich, ob wohl jemand heimlich mitzählt, wie viele Hotdog-Mumien ich schon gefuttert habe.
Wohl kaum. Also nehme ich mir noch eine.
»Aye, aye, Captain Winnifred!«
Mist, erwischt. Ich lasse den Hotdog in meinen Drink fallen und decke den Becher mit der Hand ab.
»Alles klar?«, fragt Caleb, Sarahs Ehemann, mit skeptischem Blick auf meinen Becher.
»Alles bestens. Ein weiteres erfolgreiches Jahr«, zwitschere ich zuckersüß und betrachte bewundernd die professionelle Deko.
Caleb sieht sich ebenfalls um, dann schleichen sich Stolz und Bewunderung für die Leistung seiner Frau in seinen Blick, und ich wette mit dem Universum, dass seine nächsten Worte sein werden …
»Hauptsache, Sarah ist glücklich«, sagen wir im Chor.
Leicht verschämt, aber überwiegend überzeugt, lächelt er in sein Bierglas. Sarah und Caleb haben sich in der neunten Klasse kennengelernt. Seither trägt er ihr ihre Tasche hinterher, buchstäblich und im übertragenen Sinne.
Ich liebe Caleb. Er ist wie ein Bruder für mich. Quasi mein Schwager, wenn Sarah und ich wirklich Schwestern wären, wie wir in der Schule immer dreist behauptet (man lese: gelogen) haben. Laut einem DNA-Test, den wir vor ein paar Jahren gemacht haben, sind wir aber tatsächlich über vier Ecken verwandt, und Sarah verkündet jetzt bei jeder Gelegenheit, wir seien Cousinen.
Caleb trinkt einen großen Schluck Bier und sagt dann: »Mein Freund Robbie ist hier. Ich dachte, ich könnte euch vielleicht einander vorstellen.«
Ähm, ganz sicher nicht. Seit ich einmal ein Date mit einem Arbeitskollegen von Caleb hatte, mache ich um die Jungs, mit denen er mich verkuppeln will, einen großen Bogen. Winston musste weinen, als er über seine – quicklebendige – Mutter und ihre »wunderbare Beziehung« zueinander sprach. Außerdem hat er mir eine Orchidee mitgebracht. Eigentlich eine nette Geste – ich liebe Pflanzen –, doch leider steckte sie in einer großen mit Kieseln und Rinde gefüllten Keramikschale und wog ungefähr eine Tonne. Wenn ich sie auf den Boden gestellt hätte, wäre womöglich ein Kellner darüber gestolpert und hätte sich den Hals gebrochen. Deshalb stand der Topf auf dem Tisch zwischen uns, sodass wir uns kaum sehen konnten. Und anschließend musste ich das Teil auch noch nach Hause schleppen. Schon im Taxi schrieb ich Winston, mit dem Ungetüm auf dem Schoß, eine freundliche, aber bestimmte »Das wird nichts mit uns«-Nachricht.
Wenn überhaupt, hat dieses Date nur meinen Wunsch verstärkt, nichts Festes zu suchen und mich an Dating-Apps zu halten, wo ich die Männer erst ausgiebig selbst sondieren kann.
»Vielleicht später«, antworte ich Caleb daher. »Gerade warte ich darauf, endlich mit der Gastgeberin sprechen zu können.« Ich nicke zu Sarah hinüber, die als Prinzessin Buttercup verkleidet ist, passend zu Calebs Westley-Kostüm.
»Na gut. Aber der hier ist anders. Ehrlich. Er hat sogar eine tote Mutter«, erzählt Caleb mit übertriebener Begeisterung.
»O super!«, gebe ich gespielt enthusiastisch zurück. »Tote Mütter sind großartig. Familienfeiern werden dadurch so viel entspannter.«
Caleb lacht, füllt einen frischen Becher mit Punsch, reicht ihn mir und wirft meinen mumifizierten Drink in den Müll.
»Iss so viel du willst, Win.«
Ich nehme den Becher und flüstere ihm ins Ohr: »Ich glaube, das war das Sexyste, was du je zu mir gesagt hast, Caleb.«
Genau in dem Moment haut mir jemand auf den Hintern.
»Flirtet er schon wieder mit dir? Leute, ich habe es euch schon so oft gesagt: Wenn ihr eine Affäre anfangt, dann seid wenigstens diskret.«
»Buttercup! Schön, dass du da bist«, sage ich mit breitem Lächeln.
»Tolles Kostüm … mal wieder«, sagt Sarah seufzend mit schwacher Geste auf mein aufwendiges Piraten-Outfit.
»Solange mir keine Hand wächst, bleibt der hier mein Running Gag.« Ich stupse meine Hakenhand an ihre Brust, bis sie mich kichernd wegstößt.
»Wir müssen mit einem Haufen Leute reden, aber willst du hier übernachten? Ich habe das Gästezimmer fertig gemacht und …«
»Ja, ich helfe beim Aufräumen. Wie jedes Jahr, Süße«, unterbreche ich sie. »Husch, husch! Geh deine Gäste unterhalten.«
Danke-du-bist-die-Beste, haucht Sarah in einem Atemzug und zieht Caleb mit sich, der ihr wie ein ergebenes Hündchen hinterherdackelt.
»Coole Kostüme«, lallt eine besonders betrunkene Frau, die als roter Buntstift verkleidet ist. Der blaue Buntstift an ihrer Seite fügt hinzu: »Damit gewinnt ihr bestimmt den Partnerwettbewerb.«
Partnerkostüme? Ich? Single-Winnie? Pah!
Die beiden haben Caleb wohl für meinen Freund gehalten, und für einen Piraten. Immerhin verkörpert Westley in Die Braut des Prinzen vorübergehend den grausamen Piraten Roberts. Ganz daneben liegen sie also nicht. Mein Stil hat allerdings eher was von nuttiger Piratenbraut. Ich habe meine Brüste so hoch geschnürt, dass sie fast als Ohrringe durchgehen könnten, und meine Netzstrumpfhose ist durch jahrelanges Tragen so zerrissen, dass sie perfekt unabsichtlich schmuddelig wirkt. Um meine Taille habe ich einen breiten Kunstledergürtel gezurrt, und mein schulterlanges schwarzes Haar ist von einer roten Bandana bedeckt. Das ist eine Neuerung, da mein Piratenhut bei der letzten wilden Feier das Zeitliche gesegnet hat. Möge er in Frieden ruhen.
Ich werde dieses Kostüm so lange tragen, bis der Gag sich komplett abgenutzt hat. Das war mein voller Ernst. Aber davon abgesehen – machen wir uns nichts vor – sehe ich darin einfach heiß aus. Außerdem bin ich zu pleite, um mir was Neues zu kaufen. Doch darüber reden wir lieber nicht.
Sarah hat dieses Problem nicht, sie hatte nämlich einen genialen Lebensplan: So früh wie möglich einen süßen Computergeek klarmachen, der sich Hals über Kopf in dich verliebt, und dann warten, bis er stinkreich wird. Jetzt kann Sarah in Vollzeit Spaß haben. Sie gibt Partys, plant Events, liest bergeweise Bücher, denn sie arbeitet nicht, hat keine Kinder, aber dafür eine Putzhilfe. Momentan beschäftigt sie sich mit der Mottosuche für meinen dreißigsten Geburtstag, der, wohlgemerkt, erst in eineinhalb Jahren ist.
»Verzeihung«, ertönt eine tiefe, spöttisch klingende Stimme hinter mir. Ich drehe mich um.
Ah, da ist er! Der andere Pirat, dessen Gegenpart ich unwissentlich verkörpere. Den würde ich definitiv nicht von der Planke schubsen.
Mein erster Gedanke? Er ist groß. Sehr groß. Als hätte man ihn mit der Teigrolle ausgewalkt, bevor er zum Backen in die Röhre kam. Er trägt die Haare leicht verwuschelt, mit Mittelscheitel, im Neunzigerjahre-Boyband-Style, der plötzlich wieder in zu sein scheint. Er ist dunkelblond, worüber ich hinwegzusehen bereit bin. Sein schiefes Lächeln sagt Rette dich, solange du noch kannst, seine Nase ist zwar nicht krumm, aber markant, während seine Augen große Sanftheit ausstrahlen. Und diese Mischung ist auf frappierende Weise hinreißend.
»Es tut mir sehr leid«, sagt er völlig ungerührt, »aber einer von uns muss sich umziehen.«
»O mein Gott«, sage ich, streiche meinen Rock glatt und stemme die Hände in die Hüften. »Das ist wirklich unangenehm … Was für ein Zufall!«
»Nicht wahr? So kann keiner von uns den Einzelkostümwettbewerb gewinnen, und …«, er beugt sich vor, um mir ins Ohr zu flüstern, hängt aber immer noch deutlich über mir, »… ich trage nichts drunter.«
Ich unterdrücke ein Lachen, denn das würde diesen Schlagabtausch sofort beenden. Aber ich finde viel zu selten neue Sparringspartner. Und so süße schon gar nicht.
»Tja, dumm gelaufen. Du hättest dich besser vorbereiten müssen. Ich trage mehrere Kostüme unter diesem.«
Sein Mundwinkel zuckt, aber darüber hinaus scheint er mir keine Reaktion zugestehen zu wollen. Challenge accepted!
»Nämlich?«, fragt er und verschränkt die Arme vor der Brust.
»Wikinger«, erwidere ich.
»Jetzt wo du es sagst … Da guckt ein Horn raus.« Mit gekrümmtem Finger zeigt er auf meinen Kopf.
»Ach, das ist bei uns Höllenbewohnern so, aber verständlich, dass du das verwechselst.«
»Wie beruhigend. Was sonst noch?«
»Sexy Dienstmädchen, natürlich«, sage ich augenklimpernd.
»Ach, das muss ich sehen«, schießt er – ein wenig zu schnell – zurück.
Und jetzt, denke ich, gewinne ich unsere kleine nonchalante Battle. Der Schockfaktor siegt immer.
»Ich muss leider dennoch auf dem Piratenkostüm beharren, weißt du …« Ich lasse den Innengriff des Hakens los und nehme ihn mit der linken Hand ab, sodass meine kleinere, unterentwickelte rechte Hand zum Vorschein kommt. »Ich brauche den Haken.« Ich wackele mit meinen krummen Fingerchen, die kürzer sind als ein normales Fingerglied.
Es erzielt nicht den gewünschten Effekt. Aber er grinst spitzbübisch. Seine Augen funkeln belustigt und ziehen mich erschreckend schnell in ihren Bann. Ich würde mich darüber ärgern, wenn sein Ausdruck mich nicht so verdammt neugierig machen würde. Irgendwie scheint er mir einen Schritt voraus zu sein.
»Oh, verstehe. Na dann … finden wir vielleicht einen Kompromiss.«
Er streckt mir seinen Fuß entgegen.
Nein, das ist doch ein Scherz!
Er trägt eine Beinprothese. Sie ist provisorisch mit Holzmusterfolie beklebt, solche, mit der man sonst Küchenregale auslegt. So sieht es aus wie ein Holzbein. Um den Piratenlook komplett zu machen, hat er seine schwarze Hose über dem Knie mit einer Lederkordel hochgebunden.
»Ach, verflucht!«, rufe ich aus. Das bringt ihn endlich zum Lachen. Ein tolles Lachen! Tief, laut, herzlich gluckst es aus ihm heraus. Ungehemmt. Und, zugegeben, ziemlich sexy.
»Ich war so sicher, dass ich diese Runde gewinne«, sage ich mit gicksender Stimme.
Er lacht immer noch – heftiger als ich. Das bin ich nicht gewohnt, und es gefällt mir. Man sagt mir nach, ich würde abscheulich laut lachen. Manche gehen sogar so weit, mich mit einer Babyrobbe zu vergleichen, die nach ihrer Mutter ruft. Und mit manche meine ich, dass mehrere Personen – bei zwei unterschiedlichen Anlässen – es genau so formuliert haben.
»Es ist in der Tat ein Partnerkostüm. Die Stifte hatten recht«, bringe ich etwas atemlos zwischen jubilierenden Lachern hervor.
Er fasst sich an die Brust, wie um sich Halt zu geben, während sein Gelächter langsam verebbt. Dann schenkt er mir ein jungenhaftes Grinsen und lässt seinen Blick von oben nach unten und wieder zurück über mich schweifen.
Ob ihm wohl gefällt, was er sieht? Hoffentlich. Denn er gefällt mir sehr. Je länger er mich betrachtet, desto sicherer bin ich mir, dass es ihm auch so geht.
Mein nicht ganz glattes, aber auch nicht richtig welliges schulterlanges schwarzes Haar. Meine von gnadenlosem Zupfen in Teenagerjahren ziemlich ausgedünnten Augenbrauen. Meine scharf gezeichnete Nase mit schlichtem Goldpiercing links und meine gletscherblauen Augen. Mein Körper ist in dieses Kostüm gezwängt, um meinen Busen größer und meine Taille kleiner zu machen, doch das ist vor allem eine Illusion. Ich würde meine Statur als ziemlich durchschnittlich beschreiben. Ich gehe gern spazieren, schwimmen und tanzen, aber genauso gern liege ich an verregneten Tagen auf der Couch, und ich liebe Kuchen und Kaffee mit viel Zucker. Meine Arme und mein Rücken sind von jahrelangem Schmetterlingschwimmtraining sehr definiert, aber Hüften und Bauch zeugen von den Freuden einer gut genährten, bequemlichen Frau. Ich zwinge meinen Körper nicht in irgendeine Form und versage ihm keinen Genuss. Er ist einfach, wie er ist. Und damit bin ich, meistens, zufrieden.
Doch wie sieht dieses offenbar perfekte Exemplar von einem Mann wohl an einem normalen Tag aus? Er wirkt, als wäre er schon als Kind schön gewesen. Die leicht hochnäsige Kopfhaltung und dazu das naiv liebliche Lächeln, das so eine schrecklich entwaffnende Wirkung auf mich hat. Er ist bestimmt dreißig Zentimeter größer als ich, und ich frage mich die ganze Zeit, wie fest ich wohl an seinem Rüschenhemd ziehen müsste, um seine Lippen auf meine Höhe zu bringen.
»Ich bin Bo.« Er streckt mir seine linke Hand hin – was mein Körper sofort als Willst du mit mir schlafen? interpretiert. Denn nichts ist so unangenehm wie ein Händeschütteln mit meiner rechten Hand, und nichts ist so attraktiv wie ein Mann, der das von selbst erkennt.
Begeistert ergreife ich seine Hand. »Win.«
»Ist das eine Abkürzung?«, fragt er, lässt seine Hand sinken und vergräbt sie in der Hosentasche.
»Eigentlich heiße ich Winnifred, aber so nennt mich niemand. Und was ist mit dir?« Ich lege ostentativ den Kopf in den Nacken und starre zu ihm hoch, als sei er ein wahrer Riese. »Hast du nach da oben eine Abkürzung genommen?«
Jetzt kann er gar nicht mehr aufhören zu lachen. Und ich genieße es, der Auslöser dafür zu sein.
»Was?«, fragt er mit freudig funkelnden Augen.
»Im Ernst, wie groß bist du? Drei Meter?«
»Nicht mal zwei.«
»Aber fast, oder?«
»Eins sechsundneunzig.«
»Das braucht kein Mensch im Alltag. Spielst du Basketball?«
»Ähm, früher.« Sein Lächeln verblasst, nur minimal – aber ich bemerke es. Außerdem fällt mir auf, dass er sich – vielleicht unbewusst – am Knie kratzt, knapp über der Prothese.
Mist!
»Sorry. Ich bin mit meiner Hand geboren worden, darum vergesse ich, dass das bei anderen …«
»Kein Ding«, unterbricht er mich lächelnd, mit vorgerecktem Kinn.
»Ich hab’s vermasselt. Aber bis gerade war es ganz nett, oder?«
Er sieht weg, mit einem Grinsen im Mundwinkel, aber eindeutig schüchtern, sein Blick ist unstet, er schwankt ein wenig.
»Es könnte immer noch nett sein. Ich könnte ja für Ausgleich sorgen? Mich über deine Hand lustig machen, wenn du magst?«, sagt er, ohne es ernst zu meinen.
»Ja bitte. Das würde mir wirklich sehr helfen«, erwidere ich geradeheraus.
Er dreht sich zu mir, starrt mich mit zusammengekniffenen Augen und einem immer breiter werdenden Grinsen an, das mir die Röte ins Gesicht treibt. Mit zur Seite geneigtem Kopf kalkuliert er offenbar seinen nächsten Zug, und so ziehe ich herausfordernd eine Augenbraue hoch.
»Okay.« Bo winkt mich mit zwei Fingern näher zu sich heran. »Dann lass mal sehen.«
Ich setze einen gespielt skeptischen Blick auf und lege meine kleinere Hand in seine, die gut doppelt so groß ist wie meine, und zwar ohne Finger. Als wir uns berühren, muss ich schlucken, Funken schießen durch meinen Körper.
»O Mann …«, wispert er und dreht meine Hand um. Sein Griff um mein Handgelenk fühlt sich großartig an. »Sie ist absolut hinreißend«, sagt er, während er meine Hand einer genauen Musterung unterzieht. Dann schnalzt er mit der Zunge, lässt los und stößt sie geradezu weg. »Was soll ich da denn sagen?«
»Ja, ich weiß.« Ich hebe verzweifelt die Arme. »Man kann sich nicht darüber lustig machen. Sie ist einfach zu niedlich. Es ist offiziell. Ich habe den Abend versaut.«
»Das Beste, was mir einfällt, ist ein sarkastisches ›Hübsche Glücksflosse, Nemo‹, aber das ist nicht wirklich fies, oder?«
»Nein, Nemo ist Kult«, stimme ich zu.
»Ich hab den Film geliebt.« Bo reibt sich den Nacken und sieht durch den makaber dekorierten Durchgang in den Nebenraum. »Wollen wir uns setzen?«
Ich nicke und gehe voran zum gelben Chesterfield-Sofa in Sarahs persönlichem Lesezimmer. Die Regale sind voll mit ihren vielen Büchern, und an den Wänden hängen Karten der verschiedenen Seen Nordontarios. Der Raum ist im Cottagestil eingerichtet. Denn reiche Leute geben nicht nur Mottopartys, sie haben auch Mottoräume.
»Woher kennst du Sarah und Caleb?«, frage ich und setze mich mit untergeschlagenen Beinen zu Bo gedreht auf das Sofa. Aus dieser Nähe kann ich erkennen, dass seine Augen braun sind und kleine grüne Sprenkel haben. Er hat mehr Bart, als ich dachte, das liegt daran, dass der heller ist als sein Kopfhaar. Und er riecht gut. Nach Zimt und irgendwie moschusartig, warm und lecker. Wie jemand, der ein Lagerfeuer entfachen und mir einen Geburtstagskuchen backen könnte.
Ich betrachte ihn völlig unverhohlen. Da ich es eh nicht lassen kann, versuche ich es erst gar nicht. Als ich von seinen schwarz lackierten Nägeln und der erstaunlich ansehnlichen Sammlung von Ringen an seinen Fingern aufsehe, stelle ich fest, dass er mir direkt in den Ausschnitt glotzt. Offenbar geht es ihm genauso wie mir. Ich grinse in mich hinein, straffe stolz die Schultern und recke somit auch meine Brust noch ein wenig vor. Ein paar Sekunden gebe ich ihm noch, dann räuspere ich mich leise.
»Sorry.« Ertappt schüttelt er sich. »Was hast du gesagt?«, fragt er sichtlich schuldbewusst.
»Schäm dich!«, rufe ich lachend. »Du hast mich begafft.«
Er lacht nervös. »Ja, sorry, fuck. Ich habe noch nie … na ja, so offenkundig einer Frau in den Ausschnitt gestarrt.« Er zieht verlegen den Kopf ein, aber seine Lippen sind noch immer gekräuselt.
»Das ist ja auch der Zweck dieses Kostüms«, erwidere ich schulterzuckend und zupfe am Saum meines Rocks.
»Es tut mir wirklich leid. Eigentlich bin ich …«
»Wie findest du sie?«
Er hebt den Blick zur Decke, als würde er auf göttlichen Beistand hoffen. Das gefällt mir. Dann beißt er sich auf die Unterlippe, und langsam breitet sich ein Lächeln über sein Gesicht.
»Sie sind, wie alles andere an dir, großartig«, sagt er bedächtig. Und dann räuspert er sich, während mir die Röte ins Gesicht steigt und ich den Blick nicht von ihm lassen kann. »Aber … was war jetzt deine Frage?«
Ich habe keine Ahnung mehr, um was es ging. Doch ich sehe mich blinzelnd im Raum um, konzentriere mich auf meine Umgebung, erinnere mich, wo ich bin, und somit an meine Frage: »Woher kennst du Sarah und Caleb?«
Bo lehnt sich zurück, fummelt mit einer Hand unbewusst am weiten Rüschenkragen seines Hemdes herum, lockert ihn. »Caleb und ich haben uns vor ungefähr sechs Jahren über gemeinsame Bekannte kennengelernt. Und Anfang des Jahres sind wir uns auf der Arbeit zufällig über den Weg gelaufen. Er ist ein guter Kerl. Und du?«
»Ich kenne Sarah schon mein ganzes Leben. Unsere Mütter waren in der Highschool beste Freundinnen und sind beide im letzten Schuljahr schwanger geworden. Sie haben uns gemeinsam großgezogen, quasi wie Schwestern.«
»O Mann, dann kennst du Caleb seit …«
»Seit der neunten Klasse, ja. Wir waren alle zusammen auf der Highschool. Seitdem eiere ich als fünftes Rad am Wagen mit.«
»Als fünftes Rad«, wiederholt er. »Dann bist du also nicht …« Sein Lächeln verrutscht zu einer Seite. »Ich wollte fragen, ob du mit jemandem hier bist, aber ich formuliere um: Gibt es jemanden, der mir eine dafür verpassen würde, dass ich dich so angegafft habe?«
»Nein.« Ich fahre mit dem Fingerknöchel über meine Lippen und versuche, mir wieder ein Herz zu fassen. »Niemanden. Weder hier noch sonst irgendwo.« Das habe ich irgendwie anzüglicher klingen lassen, als ich wollte, doch es wirkt sich zu meinen Gunsten aus, denn sein Lächeln wird wieder breiter, und sein Blick flirrt kurz zu meinen Lippen.
»Gut zu wissen.« Er nickt zufrieden.
»Und du? Hast du eine Freundin, von der ich wissen sollte?«, frage ich mit einem kleinen Kloß im Hals.
Allein die Frage scheint ihn zu beleidigen, empört hebt er die Brauen. »Nein!«
»Du wärst nicht der erste Kerl, der herumflirtet, obwohl er vergeben ist«, erwidere ich. Mein Ex hat das zum Beispiel ständig getan.
»Du hast recht.« Er entspannt sich wieder. »Nein, keine Freundin. Weder hier noch sonst irgendwo.«
»Gut.« Ich mache es mir bequem, lehne mich in die Polster, was meinen Busen noch ein wenig hochdrückt – und was Bo durchaus bemerkt. »Dann … erzähl mir von dir. Wer bist du?«
»Warum wirkt diese Frage immer so einschüchternd?« Er streicht mit den Fingerknöcheln über seine Wange, fährt sich mit dem Daumen am Kinn entlang.
»Weil man das menschliche Erleben nicht in ein paar Sätzen zusammenfassen kann. Aber die Höflichkeit gebietet, dass man es wenigstens versucht«, ermutige ich ihn augenzwinkernd.
Er nickt, mustert mich von der Seite mit einem durchdringenden Blick, der für ihn ganz natürlich scheint, mir aber das Herz höherschlagen lässt.
»Na gut«, sagt er dann. »Ich bin neunundzwanzig und Finanzberater.« Er hebt eine Hand, wie um zu verhindern, dass ich ihn unterbreche, was ich tatsächlich vorhatte. »Ich weiß, das klingt ziemlich spießig, aber ich mache den Beruf echt gern.« Er kratzt sich an der Nase, sieht zur Seite und fährt dann fort: »Ich bin Einzelkind. Mein Vater lebt in Frankreich, daher sehe ich ihn nicht sehr oft. Aber er ist, auch wenn das vielleicht traurig klingt, mein bester Freund. Meine Mutter ist gestorben, als ich noch sehr klein war.« Er lacht trocken auf, als sei er nicht ganz sicher, ob er vielleicht zu viel gesagt hat. »Ähm … ich habe während des Studiums als Barista gearbeitet, deshalb bin ich schrecklich anspruchsvoll, was Kaffee angeht. Als Teenager habe ich ein Buch über die Gesunderhaltung des Gehirns gelesen und mache deshalb jeden Tag ein Sudoku, damit mein Hirn nicht verrottet. Meine Lieblingstiere sind Hunde, aber ich habe nie einen gehabt. Ähm … meine Lieblingsfarbe ist lila?«, fragt er, als wisse er nicht, wann er aufhören soll.
»Das war sehr gut, vielen Dank«, sage ich.
»Echt? Habe ich bestanden?«
»Ja, sehr informativ. Es haben sich allerdings noch einige Folgefragen ergeben.«
»Musst du mir nicht erst von dir erzählen?«, fragt er und zieht eine Augenbraue hoch.
»Oh, stimmt, na gut«, sage ich und nehme meinen Becher vom Sofatisch.
Bo lässt sich tiefer in die Polster sinken, sieht mich dabei aber aufmerksam an und wartet darauf, dass ich etwas sage.
»Ich bin achtundzwanzig.« Schnell trinke ich einen Schluck. »Ich habe einen Job in einem Café, bin also auch ein kleiner Kaffee-Snob. Im Sommer arbeite ich als Rettungsschwimmerin am See, das ist meine Leidenschaft. Am liebsten würde ich mein ganzes Leben draußen verbringen. Meine Mutter hat mich deshalb früher immer ihr kleines Eichhörnchen genannt, auch weil ich dazu neige, Dinge zu horten. Momentan sind es Zimmerpflanzen. Meine Mutter lebt mittlerweile in Florida, mit wechselnden Lovern, die ganz okay sind … Wenn ich kann, besuche ich sie einmal im Jahr, aber wir haben kein sehr enges Verhältnis. Meinen Vater kenne ich nicht. Und …« Was könnte ich noch sagen? »Ah, meine Lieblingsfarbe ist grün.«
»Freut mich, dich kennenzulernen, Fred.«
»Bitte nenn mich nicht so«, sage ich theatralisch.
»Was? Wieso nicht?« Er verzieht gespielt beleidigt das Gesicht.
»Das ist nicht gerade ein sexy Name. Winnifred ist schon schlimm genug, aber Fred? Das klingt nach dem gruseligen Onkel, den man nicht zu Thanksgiving einlädt.«
»Nein, da muss ich widersprechen.«
»Stell dir vor, du rufst im Bett ›Fred‹.« Sein Grinsen wird breiter, und ich gehe aufs Ganze. »O Fred«, stöhne ich. »Ja, Fred!«, schreie ich leidenschaftlich – vielleicht ein bisschen zu laut. »Das ist doch schrecklich.«
Einige andere Gäste sehen verwirrt und möglicherweise ein wenig verstört zu uns rüber. Während ich ihnen zuwinke und sie sich wieder in ihre Gespräche vertiefen, lasse ich Bo nicht aus den Augen. Es ist furchtbar klischeehaft, aber er hat ein strahlendes Lächeln – heller als die Sonne. Es lässt mich geradezu erblühen, wie eine Pflanze bei der Fotosynthese.
»Warum siehst du mich so an?«, frage ich plötzlich verlegen.
»Du bist witzig«, sagt er ganz nüchtern, strahlt mich aber weiter an.
Oh.
Um mich abzulenken, blicke ich im Raum umher und tue so, als fände ich die anderen Gäste und ihre Kostüme plötzlich überaus interessant. Mir ist nur allzu bewusst, dass mich das Kompliment erröten lässt, und ich versuche verzweifelt, das irgendwie zu unterdrücken.
Als ich schließlich wieder zu Bo sehe, widmet er seine Aufmerksamkeit der Sofalehne. Sein Arm liegt auf meiner Seite, und er fährt mit dem Daumen in kleinen Kreisen über einen der Polsterknöpfe. Es sollte mich kaltlassen, und ich würde es nie offen zugeben, aber diese Bewegung hat etwas sehr Erotisches. Mit wirklich übertriebenem Entzücken beobachte ich, wie er immer wieder sanft über den Knopf streicht. Mein Hals wird eng, meine Lippen öffnen sich, als ich mir vorstelle, wie er mich auf ähnliche Weise berührt. Das letzte Date, das gut genug war, dass ich dem Mann danach erlaubt habe, einen Schritt weiterzugehen, ist Monate her. Und so toll war das dann auch wieder nicht. Aber so wie dieser Anblick meinen Atem stocken lässt, bin ich gewillt, Bo eine Chance zu geben.
»Also …«, sagt Bo, und ich löse meinen Blick von dem Knopf, »du bist allein hier …«
»Ist das eine Frage?« Meine Stimme klingt belegt.
Er verdreht die Augen. Auch das gefällt mir.
»Ja, schon«, sagt er gedehnt. »Aber die eigentliche Frage ist: Warum?«
»Ach, sind wir jetzt beim ›Was sind deine Fehler?‹-Quiz angekommen?«
»Ich dachte mehr so in der Kategorie ›Wie kann jemand wie du Single sein?‹, aber ja, wenn du es so sehen willst.«
»Oh, vielen Dank.« Das war zwar Sarkasmus, aber trotzdem werde ich schon wieder rot und könnte mich deswegen ohrfeigen. Dreimal Rotwerden an einem einzigen Abend? Das ist wohl ein Rekord, den ich hoffentlich niemals brechen werde. »Ganz ehrlich, die Antwort ist nicht besonders interessant. Ich bin einfach nicht auf der Suche nach etwas Festem. Laut Sarah bin ich ›über die Maßen‹ unabhängig.«
Außerdem durfte ich als Kind beobachten, wie meine Mutter einen Loser nach dem anderen anschleppte, obwohl sie genau wusste, dass wir ohne die Kerle besser dran wären. Nach nur wenigen Wochen taten die dann immer so, als dürften sie in irgendeiner Weise über meine Mutter und unser Leben bestimmen. Meist fing es mit Kleinigkeiten an, wie zum Beispiel, dass Moms Lieblingskaffeemarke der des Kerls weichen musste. Und dann eskalierte es zusehends. Unsere Soap-Opera-Abende wurden zu: Sorry, Spatz, jetzt läuft Football. Geh doch in dein Zimmer und mach Hausaufgaben, ja? Oder: Nein, wir essen heute keine Tacos, [Name des Freundes einfügen] mag die nicht. Und dann irgendwann war der Typ wieder weg, und wir fingen von vorne an. Sarah, ihre Mutter und ich genossen die kurzen Pausen zwischen den Männern, und wenn es dann das nächste Ende mit Schrecken gab, kümmerten wir uns um Mom. Daher habe ich früh gelernt, dass ich, um mein Leben so zu führen, wie ich es will, besser keinen Mann hereinlassen sollte.
Doch wie die meisten hoffnungslos romantischen Idioten vergaß ich meine eigene goldene Regel, als ich Anfang zwanzig war, und zog mit meinem Freund Jack zusammen. Bei ihm musste alles nach seiner Nase tanzen, ganz egal, wie er es bekam. Das nahm also – wie sollte es anders sein – auch ein schreckliches Ende. Und ich bin immer noch damit beschäftigt, mein Leben wieder in den Griff zu kriegen. Meine Selbstachtung und meine Lebenspläne sind seither ein großer Scherbenhaufen.
Das alles erzähle ich Bo jetzt aber nicht, sondern frage stattdessen: »Wie sieht’s bei dir aus? Auf der Suche nach einer Ehefrau?«
»Nein.« Bo lacht auf, sein Blick flackert kurz zur Decke. »Ganz sicher nicht.«
»Nun, dann sind wir ja … kompatibel.« Ich kaue auf meiner Unterlippe und hoffe, dass er meine nicht besonders subtile Anspielung versteht.
Das tut er und starrt mich daraufhin ein wenig zu lange an. So lange, dass mir schließlich das Herz buchstäblich bis zum Hals schlägt. Ich wollte ja diese Reaktion, aber irgendwie überwältigt es mich jetzt. Vielleicht, weil Bo mich so eindringlich mustert, als versuchte er, mich zuzuordnen. Als wären wir uns schon mal irgendwo begegnet. Oder vielleicht, als könnte er nicht glauben, dass das eben nicht der Fall ist.
Aber egal, was das für ein Blick ist, das muss aufhören! Er macht mich ganz wuschig, das Blut schießt mir in den Kopf, mir wird heiß und schwindelig.
»Ich mag dein Piratenbein«, sage ich in einem zugegeben furchtbaren Versuch, die Aufmerksamkeit von mir abzulenken. »Ich meine, äh, dein Kostüm. Nicht nur das Bein, natürlich. Das Ganze«, stammele ich.
»Ah, gut, ich dachte schon, du wolltest mich nur wegen meines Beins«, sagt er grinsend.
Ich überhöre bewusst seine Formulierung mit dem »du wolltest mich« und versuche schnell, meinen Schnitzer wieder wettzumachen. »Hast du das schon mal erlebt?«, frage ich und trinke einen Schluck, in der Hoffnung, dass mich das runterkühlt. »Ich habe gerade letzte Woche auf Instagram eine Hammernachricht in dem Stil bekommen. Reese24 schrieb, sein Schwanz würde in meiner Babyhand riesig aussehen.«
»O mein Gott.« Bos Gesicht verzerrt sich zu einem entsetzten Lachen.
»Jap.«
»Das ist auf so vielen Ebenen so was von daneben.«
»Absolut.«
»Aber …« Er hebt seine Handflächen, wie zwei Waagschalen.
»Nein«, sage ich, dann entfährt mir ein empörter Lacher. »Wag es ja nicht!«
»Ich meine ja nur …« Mit schelmisch funkelnden Augen zieht er die Schultern hoch. »Er hat recht. Vermutlich wäre das so.«
»O mein Gott!«
»Das wäre ein totaler Ego-Booster. Reese24 ist da vielleicht auf einer heißen Spur.«
»Furchtbar«, pruste ich. »Ihr seid beide furchtbar.« Ich rümpfe die Nase, als würde es im Zimmer stinken, und Bo lehnt sich zurück, den Arm wieder hinter mir auf der Sofalehne.
Wir unterhalten uns so lange, dass Sarahs Playlist inzwischen noch zweimal Monster Mash gespielt hat. Bo lacht über meine Theorie zu dem Song, nicht wie die Perückenhexe vorhin, und beschließt, dem mit einer eingehenden Textanalyse auf den Grund zu gehen, sobald er zu Hause ist. Die Party wird langsam ruhiger, genauso wie unser Gespräch. Ich hole uns eine dritte Runde Drinks, und wir schweigen.
Erstaunlicherweise ist es kein unangenehmes Schweigen. Ich hatte schon viele Dates, bei denen ein Stopp im Gesprächsfluss bedeutete, dass man es entweder gut sein lassen oder zusammen nach Hause gehen sollte, statt auf den nächsten Schlagabtausch zu warten. Aber heute haben wir genug Themen, und ich habe keine Angst, dass wir nun in eine gezwungene, humorlose Unterhaltung abdriften werden.
Die kleinen Ruhepausen fühlen sich eher wie Zwischenakte an. So als würden wir als Unterhalter des jeweils anderen auftreten und uns dabei abwechseln. Wir bringen uns gegenseitig zum Lachen. Machen uns interessant. Ich habe richtig Spaß und wünschte, wir hätten mehr Zeit, bis Sarah und Caleb beschließen, ihre Gäste rauszuwerfen. Aber vielleicht kann ich Bo ja überzeugen, noch ein bisschen zu bleiben.
So, wie ich ihn bisher kennengelernt habe, muss ich wohl die Führung übernehmen. Er ist sich seines Charmes so was von nicht bewusst, dass es schon fast komisch ist. Er ist ziemlich schüchtern. Ich kann mir vorstellen, dass er mich nach meiner Nummer fragen würde, aber nicht, ob wir »zu ihm oder zu mir« gehen wollen. Also muss ich das wohl übernehmen, denn ich will es unbedingt.
»Ist das eine Perücke?«
Erst als Bos Finger meine Wange streifen, bemerke ich, dass er eine Haarsträhne zwischen Daumen und Zeigefinger zwirbelt.
»Nein, alles echt.«
Ich schlucke, als sein Daumen an meinem Kinn entlangstreicht. Er spielt weiter mit meinem Haar, wickelt es um seine Hand, wie eine Schlange, die er beschworen hat. Ich unterdrücke den Impuls, auf seinen Schoß zu klettern und zu schnurren.
»Sorry«, sagt er leise und benetzt seine Lippen. Meine Haare lässt er allerdings nicht los.
»Ist nicht schlimm«, erwidere ich. Eigentlich müsste ich sagen: Berühr mich weiter. Wo du willst.
»Es ist wunderschön«, sagt er und sieht mich mit erschütternder Ernsthaftigkeit an. Er lässt mein Haar los, lehnt sich zurück und atmet so tief ein, dass sich seine Nasenlöcher blähen. »Ich glaube, ich habe zu viel Punsch getrunken.«
»Ich fand es wirklich nicht schlimm.« Ich beuge mich zu ihm vor, versuche, seinen Blick einzufangen. Flehe ihn still an, mehr zu fordern. Doch es ist sinnlos. Er sieht so umwerfend aus und ist sich dessen einfach nicht bewusst. Das macht ihn zwar noch liebenswerter, ist aber auch schrecklich frustrierend.
Also gut, was soll’s. Ich kann die Führung übernehmen. Schließlich bin ich eine moderne Frau. Ich kann mir nehmen, was ich will, auch wenn ich diesem Konzept im normalen Leben eher nicht folge. Das hier kann ich.
»Bo, möchtest du mit mir nach oben kommen?«, frage ich etwas lauter als geplant, weil ich selbstbewusst klingen will.
Er reißt erstaunt die Augen auf. »Nach oben?«
Eine Wiederholung oder Erklärung der Frage hatte ich eigentlich nicht vorgesehen. Am liebsten würde ich jetzt mein Gesicht in einem Sofakissen vergraben, aber egal. Ich kann nicht mehr zurück.
»Möchtest du vielleicht, eventuell, mit mir schlafen? Ich habe hier ein Zimmer«, erkläre ich und zwinge mich, meinen Rücken gerade zu halten, um nicht in mich zusammenzusacken. Hauptsache, ich wirke selbstbewusst.
»Hier?« Er runzelt verwirrt die Stirn.
»Ja?«
»Wohnst du hier?«
»Nein, ich bin nur sehr oft zu Besuch.« Ich warte ein paar Sekunden, hoffe, dass er mich aus meinem Elend befreit, aber nein, er scheint etwas benommen und irgendwo weit weg zu sein. Habe ich diesen Abend wirklich so fehlinterpretiert? Es kommt zwar schon mal vor, dass ich mich irre, aber doch nicht so. Ich dachte, die Sache sei klar.
Er lacht nervös, mit gesenktem Kopf. »Äh, also …«
Der Neonpunsch ist schuld, rede ich mir ein. »Sorry, vergiss, was ich gesagt habe.«
Um über dieses peinliche Desaster hinwegzukommen, werde ich mich einfach selbst belügen. Bo ist noch Jungfrau. Er hat lebenslange Enthaltsamkeit geschworen. Ich bin das verlockendste Angebot, das er je bekommen hat, aber er muss stark bleiben. Es liegt nicht an mir. Es liegt nicht an mir! Es liegt nicht …
»Nein«, sagt er etwas heftig. »Ich … ich will es nicht vergessen. Ähm, sorry, es ist nur …« Er schüttelt den Kopf. »Ich habe noch nicht wieder … seit …« Sein Blick fällt auf seine Hände auf seinem Knie, dahin, wo die Prothese beginnt.
Ah.
»Ist etwas passiert, mit deinem …?«
Winnifred June McNulty, du kannst einen Mann doch nicht fragen, ob sein Dödel kaputt ist. Spinnst du? Ich sollte nachdenken. Ich sollte wirklich nachdenken, bevor ich den Mund aufmache. Aber ich tue es nicht. Das passiert mir oft, leider.
»Äh, nein. Steht wie ne Eins.« Er verzieht angesichts seiner Wortwahl das Gesicht. Oder vielleicht liegt es auch am gesamten Gespräch.
Ich muss das wiedergutmachen. So bin ich eigentlich gar nicht, ich bin nicht indiskret und verletzend und mache mich über den Körper anderer lustig. Ich darf so nicht sein. Sonst wäre ich die größte Heuchlerin aller Zeiten. Ich nähere mich ihm langsam, lege meine Hand auf seine.
»Dann ist es sicher kein so großer Unterschied.« Ich zögere, warte, dass er mich ansieht. »Ich würde es gern probieren, wenn du es auch willst. Es könnte gut werden.«
Jetzt sieht er mir in die Augen, sein Blick ist dunkel, erweiterte Pupillen, zusammengezogene Brauen. »Warum klang das jetzt so unglaublich sexy?«, flüstert er geradezu ungläubig.
Ha, geht doch. Ich erlange ein Fitzelchen meines Stolzes zurück.
»Ich war für das hier bereit, seit du mir die linke Hand gereicht hast.« Ich versuche mein Lächeln zu unterdrücken. »Vielleicht ist es bei dir so ähnlich? Du weißt, dass ich dein Zögern nachvollziehen kann, jedenfalls in gewissem Maße.«
Er nickt, sein Blick huscht wieder über meine Lippen, seine Augen glitzern.
»Und, was sagst du?«, frage ich und bin jetzt so nah, dass ich die Sommersprossen auf seinen Wangen zählen könnte, die sich wie ein Band über seine Nase ziehen. »Denn wenn ich noch einmal fragen muss, könnte es passieren, dass ich mich in der Punschschüssel ertränke.«
Ohne zu zögern, richtet Bo sich auf und küsst mich, flüchtig und sanft, mit einer Hand an meiner Wange. Seine Lippen sind weich und warm und ziemlich berauschend. »Ja«, haucht er und atmet gierig ein, die Stirn an meine gepresst. Er lacht leise, streicht mir eine Strähne hinters Ohr und lässt dann dieselbe Hand über Nacken und Schulter meinen Arm hinuntergleiten. »Komm«, sagt er, nimmt meine Hand und steht auf.
»Warte.« Ich ziehe ihn zurück. »Ich gehe zuerst hoch und sehe nach, ob sonst niemand auf diese Idee gekommen ist und das Gästezimmer in Beschlag genommen hat. Hol du uns eine Flasche Wasser oder so aus der Küche. Es ist die letzte Tür links.«
»Okay.« Er nickt eifrig, ein wenig zu oft für meinen Geschmack. Denn es erinnert mich an Calebs hündchenhafte Ergebenheit und versetzt mich leicht in Panik.
Noch einen Typen, der im Bett zu nett ist, kann ich nicht ertragen. Ich muss sicher sein, dass die elektrisierende Spannung zwischen uns nicht verpufft, sobald wir oben sind. »Bo, versprichst du mir was?«
Er schiebt ein wenig die Unterlippe vor, als er erneut nickt, jetzt nicht mehr so eifrig. »Klar?«
»Du musst mir versprechen, dass wir heute beide auf unsere Kosten kommen. Ich hatte dieses Jahr schon ein paar lausige Dates, und wenn ich noch einen einzigen Orgasmus vortäuschen muss, bin ich, fürchte ich, gesetzlich verpflichtet, ins Kloster zu gehen oder so.« Ich beiße mir nervös auf die Lippe. Verlange ich nicht zu viel? Wir kennen uns ja kaum.
Doch er zuckt nicht mal mit der Wimper, stattdessen breitet sich wieder dieses jungenhafte Grinsen auf seinem Gesicht aus. »Ich lass dich nicht weg, solange du fester stehst als ich.«
Ein Witz über sein Bein? Oh, mein Herz!
Ich schnappe nach Luft und schlage mir die Hand vor den Mund, doch mir entwischt ein einzelner Lacher.
»Hast du etwa gerade …«
»Und ob«, sagt er und lässt sich zurück ins Sofa sinken. Dann greift er wieder nach meinem Haar, und seine Augen wandern zu meinen Lippen, mit Verlangen und Belustigung im Blick. »So … jetzt geh nach oben und warte auf mich.«
O Mann, tut das gut. Ich seufze erleichtert, als ich im En-Suite-Bad des Gästezimmers meinen Gürtel auf den Boden gleiten lasse. Die Schublade unter dem Waschbecken ist immer mit einer übertriebenen Menge an Pflegeprodukten gefüllt – so ist Sarah –, und heute kommt mir das sehr gelegen, denn ich finde alles, um mich kurz frisch zu machen: Zahnseide, Mundspülung, Deo und Gesichtsreinigungstücher für … untenrum. Vielleicht bringt das meinen pH-Wert durcheinander, aber damit kann sich dann die Win von morgen rumplagen.
Es klopft leise, dann wird die Zimmertür quietschend geöffnet und wieder geschlossen.
»Bin gleich da!«, rufe ich und entferne schnell etwas von dem dunklen Augen-Make-up, das ich für die Party aufgetragen habe.
»Das hier ist das Gästezimmer?«, fragt Bo hinter der Badezimmertür, hörbar beeindruckt.
»Du arbeitest doch im Finanzbereich, oder? Was meinst du, wie viel dieses Haus wert ist?«, frage ich, gurgele dann kurz mit einem Schluck Mundspülung und versuche, leise auszuspucken.
Bo lacht, gibt aber leider keine Schätzung ab. Über Kopf hänge ich meine Haare über Unterarm und Hakenhand und fasse sie mit der linken Hand zu einem hohen Pferdeschwanz zusammen. Lederrock und Stiefel ziehe ich aus, behalte die weiße Bluse – extra weit aufgeknöpft – und die Netzstrumpfhose aber an.
Dann trage ich Lipgloss auf, atme ein paarmal tief durch, nehme all meinen Mut zusammen und öffne die Tür zum Schlafzimmer.
Sarah hat das Gästezimmer mit stimmungsvoller grauer Tapete und dunklem Boden ausgestattet, an der Decke hängt ein kleiner Kronleuchter. Vor meinem Blitzbesuch im Bad habe ich alle Lampen heruntergedimmt, sodass der Raum in sanftes, schmeichelndes Licht getaucht ist. In der Mitte thront ein Queensize-Bett mit schneeweißen Bezügen, einer taupefarbenen Stricktagesdecke und einem Haufen dekorativer Kissen. Bo sitzt auf der Bettkante, gegenüber der Tür, deren Schwelle ich immer noch übertreten muss. Als er mich sieht, greift er sich unbewusst in den Schritt und zieht seine Hose zurecht. Das gefällt meinem Ego sehr.
»Verdammt«, sagt er, beugt sich vor, lacht leicht gequält in sich hinein und sieht dann unter schweren Lidern zu mir auf. Sein williger Ausdruck lässt kurz ein Gefühl der Macht in mir aufwallen. Würde ich jetzt sagen: »Spring«, würde er nur fragen: »Wie hoch?«
»Ich habe es mir etwas … bequemer gemacht«, sage ich, muss mich aber am Türrahmen festhalten, um nicht zu schwanken.
»Das sehe ich.« Bo befeuchtet sich die Lippen. Seine Hände rubbeln über seine Hüften, als würden sie geradezu nach irgendeiner Reibung verlangen. »Das sieht gut aus.« Er räuspert sich, setzt sich langsam auf. »Toll … du siehst toll aus.« Er lächelt, aber seine Augen nicht – die sind weiter völlig verzückt auf mich gerichtet.
Auf Zehenspitzen mache ich fünf Schritte auf ihn zu, bis ich zwischen seinen Knien stehe. Er legt die Hände um meine Beine, knapp unter meinem Hintern. Kraftvoll streicht er über meine Haut, die von der Netzstrumpfhose kaum bedeckt wird. Obwohl er sitzt und ich stehe, befinden sich unsere Gesichter fast auf gleicher Höhe.
»Das Sexy-Dienstmädchen-Kostüm war dann wohl ein Witz«, sagt er, während er mit den Händen von meiner Kniekehle zum Poansatz fährt und dabei mit dem Daumen an den Netzfäden zupft wie an einer Harfe.
»Enttäuscht?«, frage ich und lehne mich vor. Die Spitze meines Pferdeschwanzes kitzelt seine Wange. Bo dreht die Nase dorthin und atmet mit geschlossenen Augen ein.
»Nur ein bisschen.« Er löst eine Hand von meinem Schenkel, legt sie mir in den Nacken und zieht mich an sich, um mich zu küssen.
»Vielleicht nächstes Jahr«, flüstere ich, bevor sich unsere Lippen treffen.
Am Anfang ist unser Kuss ein wenig forschend. Sanft, aber zielstrebig. Erst als Bo mit der zweiten Hand meine Taille umfasst, wird es hitziger – Zähne, Hände, Münder zerren, reißen, beißen. Ich knie mich rittlings auf seinen Schoß, und mir entfährt ein Stöhnen, als er sich zurücklehnt und dabei sein Becken anhebt, sodass ich ihn zwischen meinen Schenkeln spüre.
»O Gott, ich liebe Halloween«, knurrt er an meinen Lippen und scheint dabei zu lächeln.
Und ich denke nur noch: Zieh mich aus! Reiß mir die Kleider vom Leib! Ich will dich spüren!
»Ich bin nicht so gut darin, Knöpfe zu öffnen«, sage ich mit rauer Stimme, setze viele kleine Küsschen seine Wange entlang bis zum Ohr. »Also, ich kann es … aber es dauert halt.«
»Lass dir Zeit«, erwidert er und küsst mich nach jedem Wort zärtlich in die Halsbeuge, was meine Lider vor Lust flattern lässt.
Mit der linken Hand öffne ich den ersten Knopf seines Hemdes und wandere dann Knopf für Knopf nach unten, so gut ich es eben kann.
Bo beginnt, auch meine Bluse aufzuknöpfen. Erst denke ich, er habe es auf eine langsame, verführerische Enthüllung abgesehen. Doch dann wird mir klar, dass er sich absichtlich an mein Tempo anpasst, obwohl er natürlich viel schneller sein könnte. Und das ist genauso sexy wie ein langsamer Striptease. Wenn nicht sexyer.
Außerdem ist es – tragischerweise, muss ich sagen – eine der größeren romantischen Gesten meines bisherigen Lebens.
Als sein Hemd endlich offen ist, schiebe ich es ihm über Schultern und Arme, während wir uns heiß und leidenschaftlich küssen. Als ich dann auch meine Bluse los bin, löse ich mich ein wenig von ihm und lasse meine Hände über seine Brust wandern. Sie ist mit Sommersprossen bedeckt, die sich auch über seine breiten Schultern und kräftigen Oberarme ziehen. Auf den Unterarmen verlieren sie sich zu nur noch wenigen Sprenkeln.
Ich fahre von Sommersprosse zu Sommersprosse, zeichne Sternbilder auf seine Haut. Dann will ich ihn wieder auf den Mund küssen, doch er duckt den Kopf weg und knabbert an meiner Brust, die aus dem BH gerutscht ist.
Ich wimmere, recke ihm den Busen entgegen. Er sieht zu mir auf, beobachtet meine Reaktion, während er meine Brust mit Küssen bedeckt. Mein Atem geht schnell und flach, als er seine Zähne in mein Fleisch gräbt und meine Hüften fester packt. Damit er bleibt, wo er ist, lege ich die rechte Hand an seinen Hinterkopf und versuche, sein Haar zu fassen. Dann überkommt mich plötzlich Scham, und ich lasse meine kleine Hand sinken, denn in meinen Ohren klingen laut die Worte meines Ex: Nicht. Nimm die andere Hand.
»Das war schön«, sagt Bo, Mund und Nase an mein Schlüsselbein gedrückt, und küsst dann an meinem Hals hoch. Er platziert meine Hand wieder an seinem Hinterkopf, und ich kämme mit meinen kurzen Fingern durch sein Haar, klemme mir eine Strähne zwischen Daumen und Handfläche und ziehe daran.
Bo reagiert mit einem Stöhnen, also mache ich es noch einmal, während er am Pulspunkt direkt unter meinem Ohr knabbert und ich sein Haar an meinem Kinn spüre. Unser Atem geht immer schneller und keuchender.
»Ich liebe deinen Duft«, sage ich.
»Ich deinen auch. Du riechst nach kandierten Äpfeln.« Er drückt die Nase in meine Haare, die Lippen an meine Wange. »Da bekomme ich Lust …« Er versteift sich ein wenig, öffnet den Mund und fährt mit den Zähnen leicht über mein Kinn. »O Go-ott«, sagt er gedehnt und lacht ohne die geringste Spur von Ironie.
»Ich will dich«, hauche ich.
»Legst du dich hin?«, fragt er zärtlich an meiner Wange. »Ich will dich ganz sehen.«
Ich nicke schüchtern, klettere von seinem Schoß und lege mich mitten aufs Bett. Ich sinke in die luxuriösen Laken, spüre die weiche Seide an Armen und Rücken, und das törnt mich noch mehr an. Das Gefühl auf meiner Haut und das Geräusch der bauschigen Federkissen umhüllen mich. Bo geht zum Fußende des Bettes, steht nur mit seiner schwarzen Hose bekleidet über mir. Ohne mich aus den Augen zu lassen, streift er sich drei Ringe von den Fingern. Sie kullern zu Boden, doch darum kümmert er sich gar nicht. Ich stütze mich auf die Ellbogen und muss grinsen, als ich Bos Haare sehe, die nach allen Seiten abstehen. Dann fährt er sich mit einer Hand durch die Zotteln und zerzaust sie nur noch mehr.
Er ist meinetwegen so drauf.
»Win«, sagt er flehend und schüttelt den Kopf. »Sieh dich nur an!«
»Ja?«, frage ich unschuldig, doch mein Grinsen wird breiter. Ich habe ja gar nicht gesagt, er dürfe mich nicht anfassen oder näher kommen, und doch ist er verzweifelt. Unter Aufbringung größter Selbstkontrolle dehnt er diesen Moment so lange aus, wie wir beide es wollen.
Zugegeben, ich liebe dieses Gefühl. Die Macht, die ich habe, obwohl ich hier auf dem Rücken liege. Die Art, wie mein Körper jemanden verrückt machen kann. Ein ähnliches Gefühl der Kontrolle verspüre ich nur, wenn ich am Strand auf dem Rettungsturm sitze.
Bo zeigt mit beiden Händen auf meine Knie. »Öffne sie, Honey.«
Honey? Hmm, doch, das gefällt mir.
Ich winkele die Knie an, grabe meine Fersen in die Matratze und lasse meine Beine auseinandergleiten.
»So in etwa?«, frage ich aufreizend.
»Ja«, erwidert Bo und beißt sich in die Hand. »Genau so«, sagt er langsam und schnippt sich dann die Haare aus der Stirn.
Ich lege die gespreizten Finger auf den Bund meiner Strumpfhose und wandere an der Seitennaht hinab über meine Hüften. Dann fahre ich einen Netzfaden über meinem Oberschenkel nach. »Würdest du mich davon befreien?«
