Verlag: neobooks Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Outcasts – Gesamtausgabe / Box Set - Monica Davis

Alle vier Teile der romantischen Dystopie »Outcasts« von Erfolgsautorin Monica Davis zum Supersparpreis! Über 1000 Seiten! New Adult Dystopie – Inka Loreen Minden, Autorin der »Warrior Lover Reihe«, schreibt als Monica Davis. Eine Romanserie über die erste Liebe und eine düstere Zukunft. »Eine faszinierende Dystopie und eine spannende Romanze, nicht nur für junge Leser.« (Ulla liebt Bücher) Teil 1: Lost Island Eine Insel, 300 Ausgestoßene, unzählige Gefahren … Die Polkappen sind geschmolzen, der Meeresspiegel angestiegen. Landfläche ist knapp, daher gibt es in den neuen Verwaltungszonen strenge Regeln, um das Überleben zu sichern. Die siebzehnjährige Kate wohnt in der kleinen Stadt Welltown, errichtet auf einem Berg im ehemaligen England, umgeben von Wasser. Sie fühlt sich sicher in dem diktatorischen System und alles könnte perfekt sein, wäre da nicht ihr Mitschüler Liam, in den sie sich verliebt hat. Doch der junge Mann schlägt sich auf die falsche Seite, und Kate ist gezwungen, ihn auszuliefern. Nach Liams Verhaftung muss Kate eine harte Prüfung bestehen, um Senatorin werden zu dürfen. Auf der Strafinsel »Lost Island« soll sie herausfinden, wo die Rebellen ihren Unterschlupf haben. Kate traut ihren Augen kaum, als sie dort Liam wiedertrifft. Was wird geschehen, wenn er erfährt, dass sie ihn einst verraten hat? Outcasts – so werden Menschen genannt, die auf »Lost Island« um ihr Überleben kämpfen. Als Verbannte der Gesellschaft dürfen sie nie wieder in eine Verwaltungszone zurückkehren. Teil 2: Welltown Viel Herzklopfen und neue Charaktere erwarten den Leser in diesem zweiten Abenteuer. Teil 3: Secret City Herzschmerz, Liebe und Action in einer Welt voller Gefahren. Um der Miliz zu entkommen, fliehen Kate, Liam, Sarah und Finn nach Secret City. Schleicher ist wenig erfreut, Senator Callahans Sohn in seiner Stadt zu haben. Noch weniger gefällt ihm, als auch noch Prudence auftaucht, seine einst große Liebe. Sie hat ihn nicht nur hintergangen, sondern ihm ihr größtes Geheimnis vorenthalten. Wird es ihm gelingen, ihr zu verzeihen, um gemeinsam mit ihr zum Schlag gegen die Familia ausholen zu können? Während Prudence und Schleicher ihre Vergangenheit aufarbeiten, brechen Liam und Kate zur Siedlung auf, um ebenfalls Antworten zu bekommen. In der Zwischenzeit lässt sich die Familia neue Grausamkeiten einfallen, die der kleinen Gemeinschaft in Secret City zusetzen. Wird der Terror je ein Ende nehmen? Teil 4: Newtown Für die Liebe riskieren sie alles … Das nervenaufreibende Finale der Bestsellerautorin auf knapp 350 Seiten. Im letzten Teil der Outcasts-Serie kochen die Gefühle hoch und weitere Wahrheiten kommen ans Licht. Für Liam bricht eine Welt zusammen, doch unsere Helden schmieden weiterhin Pläne, wie sie das verhasste Regime endlich stürzen können. Am Ende wollen sie alle dasselbe: die schützen, die sie lieben. Deshalb riskieren sie alles.

Meinungen über das E-Book Outcasts – Gesamtausgabe / Box Set - Monica Davis

E-Book-Leseprobe Outcasts – Gesamtausgabe / Box Set - Monica Davis

Monica Davis

OUTCASTS

SAMMELBAND

mit allen vier Teilen

Inhaltsverzeichnis

Titelblatt
Inhalt Lost Island
Prolog - Ein Jahr zuvor
Kapitel 1 - Wiedersehen
Kapitel 2 - Der Unterschlupf
Kapitel 3 - Der erste Morgen
Kapitel 4 - Das Training
Kapitel 5 - Jäger
Kapitel 6 - Der große Unbekannte
Kapitel 7 - Fressen und gefressen werden
Kapitel 8 - Regentage
Kapitel 9 - Der letzte Tag
Kapitel 10 - Abschiede
Kapitel 11 - Zurück
Inhalt Welltown
Prolog - Sarahs Martyrium
Kapitel 1 - Eine Verbündete?
Kapitel 2 - Liams Rückkehr
Kapitel 3 - Kates Empfang
Kapitel 4 - Finns Geheimnis
Kapitel 5 - Die Rebellenbasis
Kapitel 6 - Der Kennenlerntag
Kapitel 7 - Die Hochzeitsnacht
Kapitel 8 - wieder vereint
Kapitel 9 - Pläne
Kapitel 10 - Heftige Neuigkeiten
Kapitel 11 - Gefangenenaustausch
Kapitel 12 - Der Gefangene
Kapitel 13 - Kleine Rebellion
Kapitel 14 - Großfahndung
Inhalt Secret City
Prolog - ein paar Jahre zuvor
Kapitel 1 - Neuankömmlinge
Kapitel 2 - Morgendliche Besprechungen
Kapitel 3 - Stadtrundgang
Kapitel 4 - Prues schwerste Entscheidung
Kapitel 5 - Der Spion
Kapitel 6 - Ein neues Leben
Kapitel 7 - Die Ruhe vor dem Sturm
Kapitel 8 - Zahlreiche Neuigkeiten
Kapitel 9 - Wunden
Kapitel 10 - Unschöne Überraschungen
Inhalt Newtown
Kapitel 1 - Pläne
Kapitel 2 - Annäherungen
Kapitel 3 - Vorbereitungen
Kapitel 4 - Erste Verluste
Kapitel 5 - Eingriffe
Kapitel 6 - Der Kampf beginnt
Kapitel 7 - Es wird ernst
Kapitel 8 - Anpirschen
Kapitel 9 - Angriff
Kapitel 10 - Umzingelt
Kapitel 11 - Kapitulation
Kapitel 12 - Ohne Ausweg
Kapitel 13 - Das Ende
Epilog - Newtown
Schlusswort
Leseprobe: Nick aus der Flasche
Kapitel 1 - Ein wertvolles Geschenk
Leseprobe »Last Hope«
Fremder Mann
Über die Autorin
Impressum

Monica Davis

OUTCASTS

Inhalt Lost Island

Jugend-Dystopie

Eine Insel, 300 Ausgestoßene, unzählige Gefahren …

Die Polkappen sind geschmolzen, der Meeresspiegel angestiegen. Landfläche ist knapp, daher gibt es in den neuen Verwaltungszonen strenge Regeln, um das Überleben zu sichern.

Die siebzehnjährige Kate wohnt in der kleinen Stadt Welltown, errichtet auf einem Berg im ehemaligen England, umgeben von Wasser. Sie fühlt sich sicher in dem diktatorischen System und erwartet eine vorbestimmte Karriere als Senatorin. Alles könnte perfekt sein, wäre da nicht ihr Mitschüler Liam, in den sie sich verliebt hat. Doch der junge Mann schlägt sich auf die falsche Seite, und Kate ist gezwungen, ihn auszuliefern.

Ein Jahr später …

Outcasts – so werden Menschen genannt, die auf »Lost Island«, einer Strafkolonie, um ihr Überleben kämpfen. Als Verbannte der Gesellschaft dürfen sie nie wieder in eine Verwaltungszone zurückkehren.

Nach Liams Verhaftung muss Kate eine harte Prüfung bestehen, um Senatorin werden zu dürfen. Auf der Insel soll sie den Verstoßenen »Wolf« ausspionieren, um herauszufinden, wo die Rebellen ihren Unterschlupf haben. Kate traut ihren Augen kaum, als sie dort den Jungen wieder trifft, den sie einmal heiraten wollte. Niemand hat ihr gesagt, dass ihr Liam dieser Wolf ist.

Was wird geschehen, wenn er erfährt, dass sie ihn einst verraten hat?

Prolog – Ein Jahr zuvor

Kate konnte es kaum erwarten, das Klassenzimmer zu verlassen, und Liam anscheinend auch nicht. Er saß am Nebentisch und hatte ihr heute mehrmals Zettelchen mit seinen Plänen fürs Wochenende zugeschoben. Er wollte mit ihr zum Lesen in die Bibliothek, zum Picknick in den Park und am Abend …

Ihr wurde heiß bis in die Haarspitzen. Sie sollte um acht Uhr auf sein Zimmer kommen, denn Pierre, sein Mitbewohner, lag wegen einer Blinddarmentzündung auf der Krankenstation.

»Nur zum Reden«, flüsterte ihr Liam zu. Seine Augen funkelten vergnügt, während er sich eine lange braune Strähne hinters Ohr strich. Wenn er grinste, so wie jetzt, bildeten sich immer diese süßen Grübchen in seinen Wangen, und die ließen ihre Knie butterweich werden. Zum Glück saß sie gerade.

Wie gerne sie ihn besuchen und einmal völlig ungestört mit ihm sein wollte – doch es war verboten! Sie könnte ihren Job als Schülersprecherin verlieren. Sie musste für alle stets ein Vorbild sein, denn auf diesem Internat gab es noch strengere Regeln als draußen. Es grenzte schon an ein Wunder, dass sie die Mauern überhaupt verlassen und in den angrenzenden Park gehen durften, der zum Gelände des Familia-Hauptsitzes gehörte und das Schulgelände mit dem Regierungssitz verband. Kate durfte sogar täglich in den Park, weil sie eine Sonderstellung innehatte, und die wollte sie um nichts auf der Welt missen. Diese kleinen Freiheiten bereicherten ihr Leben.

»Nun denn«, sagte ihr Politiklehrer Mr Judd, ein grauhaariger, hagerer Mann, und die Klasse stand auf. Zwanzig Schüler in weißen Uniformen verbeugten sich und sprachen die Parole ihrer Verwaltungszone: »Glück durch Bestimmung, Wohlstand durch Lenkung, ein gutes Leben durch die Familia.«

»Wir sehen uns dann am Montag wieder.« Mr Judd klemmte sich seine Tasche unter den Arm und verließ den Raum. Die Schüler schlossen sich ihm an, Kate blieb. Ihre Aufgabe war es, die Tür abzusperren, sobald alle gegangen waren. Daher schlenderte sie zum Fenster, öffnete es und ließ sich die warme, salzige Brise um die Nase wehen. Sie liebte den Blick über das Eiland, die Nachbarinseln und das dunkelblaue Meer, auf dessen Oberfläche sich die Sonne spiegelte.

Liam stellte sich dicht neben sie. »Ich fühle mich immer frei und beinahe schwerelos, wenn ich von hier oben über die Stadt schaue.« Er sprach leise, damit niemand ihn hören konnte. So etwas zu sagen war nicht ungefährlich, auch wenn das wahrscheinlich niemand falsch verstehen würde. Liam war jemand, der sich an die Regeln hielt. Meistens.

»Ja, es ist wunderschön hier.«

Das Internat befand sich auf einem Berg im ehemaligen England – so hatte das Gebiet vor der Großen Flut geheißen. Die neue Stadt Welltown wurde jedoch erst vor hundert Jahren auf dieser Erhebung errichtet und war ihre Heimat. Kate war froh, in dieser Kolonie leben zu dürfen, nicht allen war so viel Glück vergönnt. Etwa 20000 Menschen arbeiteten hier, umgeben vom Meer. Die anderen Siedlungen, die zu ihrer Verwaltungszone gehörten, waren durch lange Brücken oder Wasserwege, auf denen Fähren fuhren, miteinander verbunden. Kates Eltern saßen im Senat der Familia, Liams Vater hingegen arbeitete als Mechaniker auf Construction, einer anderen Insel, auf der überwiegend Heli-Porter gebaut wurden.

Liam warf einen Blick über die Schulter, dann griff er nach Kates Hand. »Was meinst du, würden wir heute tun, wenn der Meeresspiegel nicht angestiegen wäre und es die Alte Welt noch gäbe?«

Schnell sah sie selbst zurück. In den meisten Räumen dieser Stadt waren Kameras installiert, damit die Familia immer alles beaufsichtigen konnte, um den Frieden zu wahren; doch das Objektiv war nicht auf sie gerichtet, sondern zeigte zur Tür. Davor gingen mehrere Schüler vorbei, die sich auf ihre Zimmer zurückzogen. Gut, sie waren einen Moment unbeobachtet, daher wandte sie sich ihm zu und hob den Kopf, da er größer war als sie. Deshalb hatte sie sein markantes Kinn, das er fein säuberlich rasiert hatte, und seine schön geschwungenen Lippen vor Augen. »Ich weiß nicht, was wir dann tun würden. Bestimmt auch zur Schule gehen.«

»Ich würde gerne Skifahren.«

Kate runzelte die Stirn. »Was?«

»Die Menschen haben sich früher Bretter unter die Füße geschnallt, die hießen Ski, und damit konnten sie schneebedeckte Berge hinunterrutschen. Stell dir vor, hier würde es schneien, ich würde das sofort ausprobieren.«

Kate lachte. »Ernsthaft? Das sieht bestimmt lustig aus. Was du alles weißt.«

Er verbrachte entweder viele Stunden mit Sport, was man ihm auch anmerkte, denn er besaß eine schlanke, ansprechende Figur, oder in der Bibliothek, um alte Bücher zu wälzen. Die Zeit vor der Großen Flut hatte es ihm besonders angetan, wusste Kate. Liam hatte auch nur Zutritt zu dem abgesperrten Bereich, weil er ein Referat über das 20. Jahrhundert halten und dabei die Vorteile aufzählen sollte, die ihre neue Regierung bot. Kate war stolz auf ihn. Er war sehr intelligent und hätte auch das Zeug zum Senator.

Schnee … »Was würde ich dafür geben, dieses weiße Zeug einmal zu sehen.« Seit der Großen Flut hatte sich alles für die Menschen verändert, die Alte Welt gab es seit Äonen nicht mehr. Durch den Ausstoß von zu viel Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen hatte sich die Erde laufend erwärmt. Hinzu waren die verstärkte Intensität der Sonnenstrahlung, Sonnenstürme und vulkanische Aktivität gekommen, die die Weltmeere über Jahrzehnte aufgeheizt hatten. Der massive Temperaturanstieg führte schließlich dazu, dass die Gletscher und Polkappen innerhalb weniger Jahre schmolzen und sich der Meeresspiegel drastisch hob. Jahreszeiten gab es nicht mehr, ganzjährig herrschte fast dasselbe Klima: Es war feucht und warm; die Prognosen einer neuen Eiszeit hatten sich als falsch erwiesen.

Menschen waren auf höher gelegene Ebenen evakuiert worden; in ärmeren Ländern oder auf Inseln, die schnell überspült wurden, waren Millionen ertrunken oder hatten versucht, sich auf schwimmende Inseln und Schiffe zu retten. Hungersnöte brachen aus, weil zu wenig Platz für Menschen und Nahrungsanbau existierte. Krieg tobte jahrelang in den wenigen Trockenzonen, und es waren noch einmal sehr viele Menschen gestorben.

Da nicht rechtzeitig alle nuklearen Anlagen wie Kernkraftwerke abgeschaltet werden konnten und Tsunamis über weite Landesteile fegten, erklärte man riesige Landflächen zur radioaktiv verseuchten Sperrzone. Dort lebten heute nur noch wenige kranke und missgebildete Menschen. Lediglich in den Verwaltungszonen war eine dauerhafte und gesunde Existenz möglich, und dieses Zusammenleben auf engstem Raum forderte eben seinen Tribut. Strenge Regeln mussten eingehalten werden, damit diese Gemeinschaft existieren konnte und nicht wieder Krieg ausbrach. Der Lebenslauf jedes einzelnen war vorherbestimmt, Nahrungsmittelrationen genau zugeteilt – alles wurde von der Familia streng geregelt. Auf dem Internat bekamen die zukünftigen Bürger alles beigebracht, bevor sie in die Gesellschaft entlassen wurden. Daher sahen die meisten Schüler ihre Eltern auch nur an wenigen Tagen im Jahr. Selbst Kate, die ihre Eltern öfters besuchen durfte, weil sie quasi nebenan arbeiteten, kam das Internat manchmal wie ein Gefängnis vor.

Liam drückte ihre Hand. »Noch elf Monate, bevor wir heiraten und zusammenleben können. Ich glaube, ich drehe bald durch.« Er grinste sie an, woraufhin sich Kates Magen verkrampfte. Sie hatte es ihm noch nicht erzählt.

»Wir wissen doch gar nicht, ob sie unseren Antrag genehmigen.«

»Ich will aber kein Konstrukteur wie mein Vater werden. Ich will unterrichten, an diesem Internat!«

»Die Familia hat das nicht für dich vorgesehen.«

Sein Gesicht verdüsterte sich. »Ich werde kämpfen, um Lehrer werden zu können und um dich heiraten zu dürfen, Goldlöckchen. Und auch wenn ich kein Lehrer werde – warum sollte ich dich nicht trotzdem heiraten dürfen? Was haben denn unsere Berufe mit der Ehe zu tun?«

Liams Eigensinn erstaunte sie immer wieder. Er musste aufpassen, was er tat oder sagte, oder er könnte alles verlieren. Und sie musste aufpassen, sich nicht von ihm in den Abgrund reißen zu lassen. Er bedeutete ihr jeden Tag mehr, sodass sie ihm seine Schwächen verzieh. Das war nicht gut.

»Ich mag nicht, wenn du mich Goldlöckchen nennst«, sagte sie gespielt verschnupft und starrte in seine wunderschönen Augen. Wahrscheinlich war er ein Magier oder ein Dschinn und hatte sie längst verzaubert, weil sie ihm ständig alles durchgehen ließ. Liam las ihr in der Bibliothek – in einer Ecke, die die Kameras nicht erfassen konnten – Märchen vor, und »Aladin und die Wunderlampe« war ihre Lieblingsgeschichte. Niemand durfte erfahren, dass sie diese Bücher zu ihrer Privatunterhaltung nutzten. Sie sollten nur der Recherche über die Alte Welt dienen. Diese letzten Relikte hütete die Familia wie Schätze.

»Doch, du liebst es, wenn ich dich Goldlöckchen nenne.« Schmunzelnd wickelte er sich eine ihrer langen blonden Strähnen um den Finger. Kate war eine der wenigen mit blondem Haar in Welltown, was sie für viele zu etwas Besonderem machte. Die meisten Menschen hatten braunes oder schwarzes Haar, rot fand sich auch nur noch selten. Vielleicht hatte sie deshalb die Stelle als Schülersprecherin ergattert. Ihre Mitschüler liebten und bewunderten sie, dabei war sie kaum anders als der Rest.

Kate fühlte sich nicht wohl, beobachtet zu werden, wenn sie so dicht an Liams Seite stand und eine Kamera in der Nähe war. Daher trat sie einen Schritt zurück, sodass er sie loslassen musste, und musterte ihn und seine weiße Schuluniform von oben bis unten. Er war in den letzten Monaten regelrecht in die Höhe geschossen. »Hörst du eigentlich mal auf zu wachsen? Du solltest dir eine neue Uniform aus der Kleiderkammer holen, die hier wird dir langsam zu klein.«

»Das mache ich am Montag.«

Erneut wandte sie sich dem Fenster zu. Die Schüler hatten den Raum längst verlassen, dennoch wollte sie nicht gehen. Es war schön, mit Liam am Fenster zu stehen.

»Hat dein Vater auch schon mal ein Frachtschiff gebaut?«, fragte sie, um über irgendwas zu reden, während sie zum Fuß des Berges blickte. Dort befand sich ein großer Hafen, in dem es vor Schiffen wimmelte. Die Wasserwege waren nicht ungefährlich, denn einige Stellen lagen nicht tief genug und die Dächer der versunkene Städte ragten teilweise aus den Fluten. Taucher bargen noch heute wichtige Materialien. Vielleicht wäre das auch ein Job, der Liam Spaß machen könnte? Den würde die Familia bestimmt eher zulassen, als seinen Wunsch, Lehrer zu werden.

Ein Zickzackweg führte vom Hafen hinauf bis zur Schule und dem Hauptsitz der Familia, der sich daneben anschloss. Diese zwei Gebäude aus rotem Sandstein sahen aus wie Herrenhäuser des 15. Jahrhunderts. Davor lag der kleine Park, und zu beiden Seiten des geschlängelten Weges ragten hohe Häuser in den Himmel. Dazwischen befanden sich Zahnradbahnen, Sessellifte oder Gondeln, die sich über den ganzen Berg zogen, damit Personen oder Waren überall hinkamen. Breitere Straßen und Fahrzeuge gab es auf dieser Insel nicht, dazu reichte der Platz nicht aus.

Liam stützte den Ellbogen auf das Fensterbrett und legte das Kinn auf die Faust. »Dad baut nur Heli-Porter.«

»Nur?« Überrascht wandte sie sich ihm zu. »Das klingt, als wärst du nicht stolz auf ihn. Helis sind unsere wichtigsten Transporter!« Die Quadrocopter konnten mehrere Tonnen bewegen.

»Ich bin stolz auf ihn, aber ich will mehr erreichen. Für mich, für uns.« Er richtete sich auf, spähte zur Kamera und griff wieder nach ihrer Hand. »Komm heute Abend zu mir, damit ich dich endlich mal küssen kann. Ich muss wissen, wie deine Lippen schmecken.«

Der plötzliche Themenwechsel riss Kate fast von den Füßen. Ihr Herz raste und Hitze schoss in ihr Gesicht. Küssen? Sie hatte sich schon oft ausgemalt, wie sich der erste Kuss anfühlen würde, doch vor einer Heirat sollten sie nicht einmal daran denken!

»Pst, Liam!« Sie warf einen weiteren Blick zur Kamera, die sich nun in ihre Richtung drehte. Hastig wichen sie auseinander, und Kate flüsterte: »Nimmst du deine Tabletten schon wieder nicht?«

Als er zwinkerte, wusste sie die Antwort. »Liam! Du musst sie nehmen, sie tun uns gut!«

Alle Schüler bekamen jeden Tag zum Frühstück ein individuell abgestimmtes, pflanzliches Hormon. Es schwächte die natürlichen Triebe, die gerade in der Pubertät bei den Jungs zu Aggressionen führen konnten. Außerdem milderte es bei den Mädchen Menstruationsbeschwerden. Die Familia empfahl die Einnahme der täglichen Dosis auch nach der Schulzeit.

»Ich will dich mit allen Sinnen genießen, Goldlöckchen«, raunte er. »Außerdem kann ich mich beherrschen, schließlich bin ich kein Höhlenmensch.«

»Unsere Zimmer werden auch überwacht, du Schlaumeier.« Sie grinste schief. »Dir wird nichts anderes übrig bleiben, als dich zu beherrschen.«

Er stellte sich so hin, dass die Kamera nicht seine Lippenbewegungen aufzeichnen konnte, und sagte leise: »Ich habe die Kamera manipuliert. Die Familia wird nur sehen, wie ich brav an meinem Schreibtisch sitze und lerne.«

»Liam, wenn das herauskommt!« Sie wollte ihn am liebsten rütteln, bewunderte jedoch sein technisches Verständnis. Er war so verdammt klug.

»Es ist unser letztes Schuljahr, Kate. Dann werden wir endlich achtzehn sein und …«

»Die Familia möchte, dass ich Senatorin werde«, unterbrach sie ihn.

Starr blieb er stehen und schien sogar das Atmen vergessen zu haben. »Wann hast du das erfahren?«

»Gestern. Ein Brief lag auf meinem Schreibtisch.« Sie hatte es ihm schon heute Morgen beim Frühstücken im Speisesaal erzählen wollen, sich aber nicht getraut, obwohl es eigentlich immer klar war, dass sie in die Fußstapfen ihrer Eltern treten würde, wie fast alle hier.

»Na ja, das kam nicht wirklich überraschend, oder?« Er blinzelte ein paar Mal, anschließend lächelte er. »Wenn du erst im Senat sitzt und ich Lehrer bin, können wir vieles besser machen.«

Er war solch ein Optimist. »Du … bist nicht schockiert?«

»Nein. Vielleicht ist das einfach ein Wink des Schicksals.«

Sie waren die letzten Überlebenden nach der Großen Flut und hatten dafür zu sorgen, dass ihre Rasse nicht ausstarb und es stetig weiterging. Daher bestimmte die Familia ihr Schicksal, aber Kate biss sich auf die Zunge und sagte nichts.

»Vertraust du mir?«, fragte er verschwörerisch, während sie das Fenster schloss. Sie mussten hier raus, oder die Familia würde sich fragen, was sie noch so lange im Klassenzimmer machten.

Schwach nickte sie. Dieses teuflische Funkeln in seinen Augen bedeutete nichts Gutes.

Kate sperrte ab und schob den Schlüssel tief in die Hosentasche. Sie musste ihn im Sekretariat abgeben, bevor sie zum Mittagessen ging.

Liam stand dicht hinter ihr. »Möchtest du mich wirklich heiraten?«

Ihr Gesicht erhitzte sich erneut und sie sah hastig auf den Boden. »Das weißt du doch.«

»Dann komm in einer Stunde in den Computerraum. Da sind alle noch beim Essen, niemand wird uns stören.«

»Was hast du vor?« Würde er sie dort küssen wollen? In der Schule waren keine Intimitäten erlaubt, schließlich sollten sie sich auf das Lernen und ihre Ausbildung konzentrieren. Nicht ohne Grund wurden die Jungs mit besonders viel Sport bei Laune gehalten, damit sie ausgeglichener waren.

»Ich muss dir etwas Wichtiges zeigen«, sagte er.

Nun hatte er sie neugierig gemacht. »Ich werde kommen«, versprach sie und lief lächelnd davon, um den Schlüssel abzugeben. Liam brachte Abwechslung in ihre strukturierten Tagesabläufe. An seiner Seite würde es ihr wohl nie langweilig werden, und das war einer der Gründe, warum sie ihn liebte.

***

Liam vertraute Kate. Daher konnte er es kaum erwarten, bis sie endlich im Computerraum auftauchte. In dem sterilen weißen Zimmer war es nicht so gemütlich wie in der Bibliothek, wo es ebenfalls Computer gab, aber wegen Wartungsarbeiten liefen hier die Kameras nicht. Er wusste das, weil er einfach über alles im Bilde war, was an diesem Internat passierte, denn er hatte sich in das Schulnetz gehackt. Seine leichteste Übung.

Er setzte sich auf den Stuhl und schaltete den Computer an, wobei er ständig einen Blick zur Tür warf. Tat er wirklich das Richtige? Seit Wochen wollte er Kate von seiner Entdeckung erzählen, war sich aber nicht sicher gewesen.

Nein, Kate würde nichts verraten; seine zierliche Elfe hatte ein gutes Herz, das noch nicht vollständig von den Parolen der Familia verdorben war. Er kannte sie schon die gesamte Schulzeit, denn sie waren von Beginn an in einer Klasse gewesen, und er hatte miterlebt, dass sie sich für Schwächere einsetzte und ihre eigene Vorstellung von Gerechtigkeit hatte. Dieselbe wie er, auch wenn ihr das wohl nicht bewusst war. Wegen ihrer Eltern, die beide der Familia als Senatoren dienten, war sie von Geburt an tiefer mit den Strukturen verwurzelt als er, und an der Schule bekamen sie regelrecht eine Gehirnwäsche verpasst. Deshalb wunderte er sich, dass Kate, genau wie er, einen Teil ihrer Persönlichkeit bewahrt hatte.

Lächelnd erinnerte er sich, wie sie vor drei Jahren heimlich einen Vogel unter ihrem Bett gesund gepflegt hatte, der gegen die Scheibe ihres Zimmers geflogen und sich den Flügel angebrochen hatte. Sie hatte nur ihm davon erzählt, und niemand hatte etwas mitbekommen, weil Kate als Schülersprecherin ein Einzelzimmer hatte. Wahrscheinlich hätte die Familia nichts dagegen gehabt, dass sie den Vogel pflegte, es hätte ihr jedoch Kates Mitgefühl aufgezeigt, und das war etwas, das ein Mitglied der Familia nicht haben sollte. Sachlicher Verstand und Rationalität waren das Einzige, das zählte.

Oder als sie den achtjährigen Peter vor zwei Jahren erwischt hatte, wie er mit Kreide freidenkerische Parolen an die Hauswand schrieb. Da hatte sie ihn nicht an die Familia verraten, sondern gemeinsam mit ihm die Schmierereien entfernt, bevor sie entdeckt wurden. Der Junge wäre vielleicht in ein Erziehungslager gekommen, und Kate hatte den Gedanken daran nicht ertragen können und ihre eigene Reputation riskiert.

»Hi«, sagte sie, als sie wie ein Engel zur Tür hereinschwebte.

»Hi«, antwortete er und grinste sie wahrscheinlich schon wieder dämlich an, aber er konnte nicht anders. In Kates Anwesenheit musste er ständig grinsen und sein Herz flatterte wie verrückt.

Er kannte sie lediglich in der legeren weißen Uniform, den langen Hosen und dem Hemd, das sie alle trugen, und dennoch war sie für ihn das schönste Wesen auf Erden. Ihr Lächeln war einfach umwerfend, und ständig malte er sich aus, die Hände und seine Nase in ihren langen blonden Haaren zu vergraben.

Nein, er würde nichts machen, was Kate gefährdete, niemals. Die Familia wiegte sich in Sicherheit, sie hielt es für unmöglich, dass sich einer der Schüler gegen das System auflehnte oder gar das interne Computernetz infiltrieren konnte. Was Liam ihr zeigen wollte, würde keinen von ihnen in Gefahr bringen. Er würde ihr nur schnell beweisen, dass es da draußen tatsächlich eine Gruppe gab, die nicht so dachte wie die Familia: die Freigeister. Liam hatte sie lange für einen Mythos gehalten, ein Konstrukt der Familia, das ihnen demonstrieren sollte, was mit untreuen Regierungsanhängern passierte – doch es gab diese Widerstandsbewegung wahrhaftig!

»Was wolltest du mir denn zeigen?«, fragte sie und stellte sich neben ihn.

Am liebsten hätte er sie auf den Schoß gezogen, aber das war zu gefährlich. Es könnte jederzeit jemand hereinkommen, schließlich durften die Schüler die Computer für ihre Hausaufgaben nutzen. Das Internet war auf das Schulnetz begrenzt, nicht einmal E-Mails an die Eltern waren von diesen Rechnern aus möglich. Alle Briefe mussten erst von der Familia abgesegnet werden. Doch Liam hatte einen Weg gefunden, die virtuellen Mauern des internen Netzwerks zu durchbrechen und war auf eine sehr interessante Seite gestoßen. Die der Freedom Fighter.

»Weißt du noch, wie uns vor ein paar Wochen, als wir im Park waren, so seltsame Symbole an einigen Papierkörben aufgefallen sind?«

Kate nickte. »Ja, du meinst diese aufgesprühten Bäume, in denen je ein Vogel saß?«

»Genau. Ich habe im Internet danach gesucht. Daraufhin bin ich auf diese Seite gestoßen.« Er drehte den Bildschirm zu ihr, sodass sie die Sprüche darauf lesen konnte.

Kate schlug sich die Hand vor den Mund und ihre Augen wurden groß. »Liam, das sind freidenkerische Parolen!«

Er verfolgte, wie sie die Zeilen las:

Wir sind für ein selbstbestimmtes Leben.

Niemand darf uns die Berufswahl oder den Partner vorschreiben.

Wir sind gegen totale Überwachung.

Wir dulden keine Kameras in unseren Wohnungen!

Wir wollen nicht, dass unsere Telefongespräche abgehört und unsere E-Mails durch einen Wortfilter geschleust werden.

Wir sind gegen ein Strafgeld, wenn eine Frau der Unterschicht mehr als ein Kind bekommt.

Besonders der letzte Satz führte Liam vor Augen, was ihn an diesem System störte. Er gehörte zwar zur Mittelschicht, doch warum sollte sich nur die Oberschicht, zu der auch Kate angehörte, unbegrenzt fortpflanzen dürfen? Die Familia wollte jedwedes Verbrechen ausrotten und begründete es damit, dass weniger intelligente Menschen ein höheres Aggressionspotential besaßen.

Wer würde denn die Drecksarbeit erledigen, wenn es nur noch Denker gäbe? Ts, da wollten sie die menschliche Rasse vor dem Aussterben bewahren, aber Land und Ressourcen nur denen zur Verfügung stellen, die es verdienten? Waren Bauern, Service- und Reinigungskräfte weniger wert als andere Menschen? Was würden die hohen Herren denn ohne diese Leute machen?

»Himmel, Liam, schalte das ab! Wenn jemand kommt und die Familia herausfindet …«

»Genau das ist es, Kate. Du hast Angst vor ihnen! Niemand sollte sich vor seiner Regierung fürchten müssen.«

»Ist das etwa ein geheimes Netzwerk, über das die Freigeister kommunizieren?« Hektisch blickte sie sich um. »Aber …«

»Es ist keiner hier, Kate, und die Schulcomputer werden nicht überwacht. Zumindest dieser nicht.« Er setzte ein zuverlässiges Lächeln auf, doch sein Magen schmerzte. Hatte er sich in Kate getäuscht? Er sah ihr an, was sie dachte: dass er sie in Gefahr brachte.

Ihre angespannte Miene lockerte sich etwas. »Du hast den Computer manipuliert?«

»Nur ein paar Modifikationen vorgenommen.« Tief atmete er durch und fuhr sich durchs Haar. »Ich bin nicht dumm, Kate. Ich weiß, was ich tue. Und ich mache das für uns, für alle. Wir könnten viel selbstbestimmter leben, wenn sich ein paar Dinge ändern würden. Wäre es nicht schön, wenn sich jeder aussuchen dürfte, wen er heiraten und welchen Job er machen darf?«

»Schon, aber dann würde vielleicht wieder ein Krieg ausbrechen. Zu viele Freiheiten sind nicht gut für uns, wir brauchen Regeln und Strukturen.«

»Das sagt die Familia; ich nenne es: Einschränkungen. Doch was sagt dein Herz?«

Sanft lächelnd schüttelte sie den Kopf.

»Siehst du, du brauchst es nicht einmal auszusprechen. Ich merke dir an, dass du so denkst wie ich.« Er hoffte es für sie beide. »Es muss sich ja nicht viel verändern. Nur ein bisschen was, nach und nach. Zum Wohl aller.«

»Du bist ein Träumer und ein unverbesserlicher Optimist«, sagte sie schmunzelnd, beugte sich zu ihm herunter und küsste ihn auf die Nasenspitze. »Und jetzt mach das aus, bevor uns jemand erwischt.«

Er löschte den Browserverlauf, schaltete den Computer ab und zog Kate auf seinen Schoß, sodass sie seitlich auf ihm saß. Hoffentlich erwischte sie niemand, aber er konnte nicht anders, musste sie bei sich haben. »Hast du mich eben geküsst, Kate Edwards, du zuckersüße Rebellin?« Liam spürte die Wärme ihrer Haut durch den dünnen Stoff ihrer Uniformen und genoss ihr Gewicht auf seinen Oberschenkeln.

»Ich … das war nur … eine unüberlegte Reaktion!« Ihre Wangen färbten sich tiefrot. Sie war einfach anbetungswürdig.

Vorsichtig schloss er die Arme um ihre Taille und vergrub die Nase in ihrem langen Haar, wie er es schon seit Ewigkeiten tun wollte. »Dein Unterbewusstsein hat dir befohlen, mich zu küssen.«

Geräuschvoll räusperte sie sich und fragte leise: »Was willst du denn jetzt machen?«, immer die Tür vor Augen. Liam wettete, dass sie beim kleinsten Geräusch aufspringen würde, doch er wollte sie noch länger halten.

Ich will dich jetzt richtig küssen, dachte er, vermutete jedoch, dass Kate nicht darauf angespielt hatte. Deshalb antwortete er: »Ich möchte Lehrer werden und den Schülern andere Werte vermitteln.«

»Daran darfst du nicht einmal denken, Liam.«

Er musste es bei Kate subtiler angehen. Auch wenn er spürte, dass sie ihn liebte und zumindest ein bisschen so dachte wie er, durfte er nichts riskieren. Kate hatte Angst, was nicht verwunderlich war. Ihre Eltern hatten sie streng nach den Regeln der Familia erzogen und die Schule tat den Rest dazu.

Er würde einen Weg finden müssen, sie zum Umdenken zu bewegen und ihr die Angst zu nehmen. Vielleicht sollten sie erst einmal versuchen, dass sie heiraten durften. Dann würde sie Senatorin werden und er könnte es mit viel Geschick, Liebe und Einfühlungsvermögen schaffen, dass sie ihre Sichtweisen änderte. Kate könnte im Senat so viel bewegen. Vielleicht brauchte sie noch etwas Zeit.

»Okay«, sagte er schließlich. »Ich werde diese Seite nicht mehr öffnen.« Nicht, wenn Kate dabei war.

Sie atmete tief durch und lächelte ihn an. »In dir steckt ja noch ein vernunftbegabtes Wesen. Die Pubertät hat dir wohl das Gehirn vernebelt.«

»So wird es sein.« Er grinste sie mehrere Sekunden lang an, danach zog er ihren Kopf zu sich und küsste sie direkt auf den Mund.

Aufkeuchend drückte sie die Hände gegen seine Brust, aber als er zärtlich an ihren Lippen knabberte, ließ sie sich gegen ihn sinken und erwiderte den Kuss.

Liam war im Himmel. Allein dafür hatte es sich gelohnt, Kate in den Computerraum zu locken, endlich kam er dazu, von ihr zu kosten. Alles Weitere würde sich auch noch ergeben. Sie beide würden die Welt verändern, da war er sich sicher.

Kapitel 1 – Wiedersehen

»Du musst dir einen Beschützer suchen, um zu überleben«, sagte Prudence bereits zum zweiten Mal und musterte Kate vom gegenüberliegenden Platz stirnrunzelnd. Besorgnis spiegelte sich in ihren grünen Augen.

Kate saß mit der jungen Senatorin in einem separaten Teil des Gefangenentransporters, und ihr war jetzt schon ganz schlecht, was nicht an diesem Heli-Flug lag. Kate hatte schreckliche Angst, und Prudence’ Worte hallten ununterbrochen durch ihren Kopf: Beschützer suchen … überleben … Plan einhalten, oder die Familia wird dich finden … Wenn du nicht zurückkommst, werden sie dich töten … Du musst stark bleiben, Kate …

Prudence Clearwater war eine Rückkehrerin; vor ein paar Jahren hatte sie es geschafft, Lost Island zu verlassen. Damals war sie wenig älter als Kate jetzt gewesen und hatte für die Familia wichtige Informationen gesammelt. Genau wie ich es nun tun muss. Die Senatorin hatte lediglich einen Mittelfinger eingebüßt, als sie zwischen die Fronten zweier rivalisierender Banden geraten war, ansonsten ging es ihr gut.

Das alles hatte Kate gerade erst erfahren. Niemals zuvor hatte sie von der Strafkolonie oder den Outcasts gehört. Diese Ausgestoßenen hatten so schwere Verbrechen begangen, dass sie nie wieder ein Teil der Gesellschaft werden durften.

Prudence’ Hand zitterte, als sie sich eine rote Haarsträhne um ihren Zeigefinger wickelte. »Es ist, als hätte ich ein Déjà-vu«, murmelte sie. »Allerdings saß ich mit einer Wache im Heli-Porter.«

Kate starrte auf den Rucksack zu ihren Füßen. All das kam ihr unwirklich vor. »Ich bin froh, dass du bei mir bist, Prudence.«

Zum hundertsten Mal blickte sich Kate in dem kleinen, kahlen Passagierraum um, in dem sie bereits seit dem Abflug vor einer halben Stunde festsaß. Es gab kein Fenster, damit die Gefangenen nicht sehen konnten, wohin die Reise ging, bloß diesen Sitz mit Gurten und einen identischen Platz gegenüber, den normalerweise ein Wachmann belegte.

Nervös rieb sie sich über ihren linken Unterarm, einige Fingerbreit oberhalb ihres Handgelenks, und ertastete die winzige Kapsel, die ihr ein Arzt unter die Haut gespritzt hatte. Diesen ID-Chip bekamen alle Verbrecher eingepflanzt, die auf der Insel ausgesetzt wurden. Aber nicht nur dadurch unterschieden sich die Ausgestoßenen von den anderen. Während Prudence das weiße Gewand der Senatoren trug, hatte Kate Gefangenenkleidung an – einen braunen Zweiteiler aus einem grob gewebten Stoff. Zwar war sie es gewohnt, einfache Kleidung zu tragen, wie die Schuluniform, trotzdem fühlte sie sich unattraktiv und schäbig. Tatsächlich wie eine Ausgestoßene. Als würde sie nicht mehr dazugehören.

Nur einen Monat, dachte sie unentwegt. Ich schaffe das.

Obwohl Kate Prudence lediglich vom Sehen gekannt hatte, war sie dankbar, dass die Senatorin sie begleitete. Allein in dem fensterlosen Raum ohne Ablenkung wäre sie bestimmt längst durchgedreht.

»Wenn du nicht zurückkommst, wird die Familia Wolf und dich erschießen«, erklärte Prudence. »Und versuch erst gar nicht, dich im Wald zu verstecken. Sie würden euch finden«.

Warum sollte sie sich denn mit dem Wolf verstecken wollen? Sie kannte ihn doch gar nicht, diesen Verbrecher, und sollte ihn lediglich aushorchen. Er war ein Rebell und musste etwas sehr Schlimmes angestellt haben, weil er nach Lost Island gebracht worden war.

Ihr eigener Vater hatte ihr diese Aufgabe zugeteilt, sicherlich, um ihre Loyalität der Familia gegenüber zu beweisen. Dadurch, dass sie Liam so lange gedeckt hatte, standen ihr nun einige Leute im Senat misstrauisch gegenüber. Dabei hatte er sich lediglich die Parolen auf der Homepage der Freigeister angesehen. Oder? Von mehr wusste sie nicht, und sie hatte leider nie etwas Konkretes erfahren.

Liam … Kate vermisste ihn. Wie es ihm wohl im Gefängnis erging? Niemand durfte ihn besuchen, sie hatte seit Monaten nichts von ihm gehört.

Als das Brummen der Motoren und das Surren der Rotorblätter nachließen und der Heli-Porter landete, schnallte sich Prudence ab.

Oh Gott, sie waren da, auf dem Turm! Prudence hatte ihr genau erzählt, wie Kate den Gefangenentransporter zu verlassen hatte, und sie gruselte sich davor.

»Ich muss mich nun zurückziehen, Kate. Viel Glück.« Prudence nickte ihr ernst zu und trat durch eine Sicherheitsschleuse, die sich automatisch öffnete. Danach war Kate allein.

Die plötzliche Stille lastete schwer auf ihr und ihr Herz raste so stark, dass der Puls in ihren Ohren laut klopfte. Gleich würde sie wissen, was sie dort unten auf der Insel erwartete.

Der Lautsprecher knackte, und Kate zuckte zusammen.

»Schnallen Sie sich ab, nehmen Sie den Rucksack und begeben sich vor die Schleuse!« Laut hallten die Worte durch die kleine Kabine.

Kate warf einen schnellen Blick auf das runde Metalltor am Fußboden. Sobald es sich öffnete, musste sie dort hindurch.

Als sie sich abschnallte und aufstand, klappten neben dem Lautsprecher zwei münzgroße Deckel auf und die Läufe einer automatischen Schussanlage richteten sich auf sie.

Okay, sie werden mich nicht erschießen, ich bin schließlich eine Spionin und keine Gefangene, sagte sie sich und atmete tief durch. Anschließend begab sie sich vor die Schleuse, presste den schweren Rucksack an ihre Brust und wartete darauf, dass sich der Schlund auftun würde.

Der Schlund – so nannte die Familia das Verbindungsstück zwischen Heli und Insel. Die hundert Meter lange Röhre war eine Rutsche. Durch sie gelangten die Ausgestoßenen vom Transporter nach unten, fünfzig Meter im fast freien Fall, bevor die Röhre eine sanfte Kurve beschrieb und man auf dem Boden ankam.

Noch parkte der Heli-Porter auf dem Turm, und Kate fragte sich, ob man sie seelisch foltern wollte. Schließlich hatte sie nichts verbrochen, im Gegensatz zu den über dreihundert Häftlingen, die bereits auf der Insel festsaßen.

Kate musste einen Monat überleben und nach Welltown zurückkehren, danach wäre sie mit achtzehn Jahren die jüngste Senatorin der Familia und würde in der Spionageabteilung arbeiten. Die Leute mochten sie und vertrauten ihr Geheimnisse an, genau wie viele Kinder damals in der Schule.

Du musst den Wolf ausspionieren, Kate. Du musst herausfinden, wo die Freigeister ihren Unterschlupf haben. Und niemals, wirklich niemals darfst du irgendjemandem auf der Strafinsel erzählen, was deine wahre Mission ist. Du würdest keine Sekunde länger überleben. Mehr hatte ihr Prudence nicht über die Aufgabe erzählt, aber das reichte Kate, um sich zu Tode zu fürchten. Sie hatte keine Ahnung, was sie da unten wirklich erwartete, nur dass es grauenvoll sein sollte.

Wer war dieser »Wolf«? Warum machte die Familia so ein Geheimnis um ihn? Und war sie wirklich die Richtige für den Job?

Die Freigeister gefährdeten alles, wofür die Familia kämpfte, besonders den Erhalt der menschlichen Rasse. Sollten die Rebellen die Regierung stürzen, würde alles im Chaos versinken.

Als plötzlich ein rotes Licht über der Schleuse aufblinkte und ein Alarmton losschrillte, der Kate durch Mark und Bein ging, hätte sie sich beinahe in die Hose gemacht. Sie war gewiss nicht für diesen Job geschaffen, schließlich war sie bloß eine ehemalige Schülersprecherin! Warum hatte die Familia ihr keine andere Aufgabe zugeteilt?

Doch man stellte nichts in Frage, folgte stets den Anweisungen der Familia. Sie allein wusste, was für Kate das Beste war.

Die Läufe der vollautomatischen Schießanlage ragten ihr immer noch entgegen, aber sie waren zum Glück deaktiviert. Das waren sie doch? Kate war gelähmt vor Angst und konnte sich nicht bewegen.

Mit einem leisen Quietschen öffnete sich das Metalltor vor ihren Füßen. Es besaß einen Durchmesser von ungefähr einem Meter und war genauso groß wie die Röhre. Kate offenbarte sich ein schwarzes Loch, ein endloser Tunnel, dessen Ende sie nicht ausmachen konnte.

Eine weitere Lautsprecherdurchsage ließ sie erneut zusammenzucken; fast hätte sie den schweren Rucksack fallengelassen. »Gefangene, Sie haben zehn Sekunden Zeit, um den Heli-Porter zu verlassen. Danach werden wir auf Sie schießen.« Ein leises Summen ertönte, und die Läufe der Waffen richteten sich wie von Geisterhand auf sie.

Was sollte das? Kate schluckte hart. Sie war keine Ausgestoßene!

»Zehn, neun, acht …« Eine Computerstimme zählte den Countdown.

Die würden sie doch nicht erschießen? Jemand würde bestimmt das Programm stoppen, oder? Prudence würde das nicht zulassen.

Kate wollte es nicht herausfinden, nahm all ihren Mut zusammen, warf den Rucksack in das Loch und sprang hinterher.

Sie schrie auf, als sie in eine scheinbar bodenlose Tiefe stürzte, und versuchte den Fall zu bremsen, indem sie die Arme zu den Seiten ausstreckte, aber sie verbrannte nur ihre Haut an der Metallröhre.

Helligkeit drang von unten herauf, das Rohr machte eine sanfte Kurve, woraufhin Kate waagerecht ins grelle Licht hinausgeschleudert wurde. Sie rutschte über eine lange Bahn, erhaschte graublaue Fetzen Himmel und eine Mischung aus Grün und Braun von der Umgebung, bis sie langsamer wurde und stoppte.

Schwer atmend blieb sie auf dem Rücken liegen und starrte in den wolkenverhangenen Nachmittagshimmel. Hatte sie den Sturz überlebt? Was für eine dumme Frage, Kate.

Tief sog sie warme, feuchte Luft ein, die nach Erde und Gras roch, und vernahm Stimmengewirr. Alles drehte sich vor ihren Augen, ihr war schwindelig und ein wenig schlecht.

Sie hörte ein zischendes Geräusch, dann das Summen von Motoren. Als sie sich aufrichtete und umblickte, ragte hinter ihr ein hoher weißer Turm wie eine Säule auf. An seiner Spitze, gute fünfzig Meter über ihrem Kopf, erhob sich der Quadrocopter und flog davon. Der Turm besaß keinen Eingang, es gab auch außen keine Leiter oder Treppe. Es war unmöglich, nach oben zu gelangen, es existierte nur der eine Weg nach unten. Sogar das Loch des Rohres hinter ihr hatte sich mit einem Gitter verschlossen, damit niemand der Outcasts den Transporter erreichen konnte.

»Frischfleisch!«, rief eine Frau mit schriller Stimme und brachte Kate in die Realität zurück.

Jetzt erst registrierte sie, dass der Turm mit der Rutsche auf einem großen Feld stand. Das Gras war zertreten und an vielen Stellen zeigten sich matschige Pfützen. Offenbar hatte es vor Kurzem geregnet.

Hinter dem freien Feld lag ein schier endloser Wald. Daraus kamen nach und nach Menschen. Erwachsene, Greise, Kinder … Die meisten von ihnen trugen halb zerfetzte Kleidung, waren schmutzig und hatten zerzaustes Haar. Hier gab es keinen Megamarkt, keine Frisöre, keine Waschgelegenheiten. Bloß Natur und den Kampf ums Überleben.

Kate rutschte bis an den Rand des Auslaufes und fand ihren Rucksack auf der Erde liegen. Sie wollte ihn gerade an sich nehmen, da riss ihn ihr eine ältere Frau weg, deren Herankommen sie zu spät bemerkt hatte.

»Meiner!«, zischte sie und entblößte ein Lückengebiss. Sie musste sich neben der Röhre versteckt haben.

Kate schätzte die Frau auf Mitte vierzig, vielleicht war sie auch jünger. Dreck bedeckte ihr Gesicht und die nackten Arme, die von der Sonne tief gebräunt waren. Sie trug ein zerlumptes Kleid und war barfuß.

»Der gehört mir«, sagte Kate mit möglichst fester Stimme. In dem Rucksack befanden sich Proviant für drei Tage, eine Zahnbürste und Ersatzkleidung. Außerdem eine aufblasbare Schlafmatte, ein Medi-Pack sowie ein winziges Zelt, das vor Regen schützte. Jeder, der hier ausgesetzt wurde, erhielt dieselbe Ausrüstung.

Die Frau lachte nur und schulterte den schweren Rucksack, was ihr sichtlich Mühe bereitete. Offenbar war sie sehr geschwächt und ausgezehrt. Langsam humpelte sie davon.

Für einen Moment überlegte Kate, ihr die Sachen zu überlassen, aber sie wollte den anderen zeigen, dass sie keine Angst hatte. Wenn sie wittern, dass du dich fürchtest, erklären sie dich sofort zum Opfer, hörte sie Prudence’ Stimme.

»Hey, ich sagte, der gehört mir!« Kate setzte der Frau nach und zog ihr die Tasche vom Rücken, doch die Alte hielt sich kreischend an ihr fest.

Die anderen Ausgesetzten, etwa dreißig an der Zahl – und es wurden ständig mehr –, standen in einem Halbkreis um sie herum und betrachteten das Schauspiel.

Plötzlich riss sie jemand grob an der Schulter zurück, sodass sie taumelte und auf dem Hintern landete, direkt in einer Matschpfütze. Das kühle Wasser durchtränkte ihren Slip.

»Oh, ein Wildkätzchen!«, rief ihr Angreifer, ein schwarzhaariger Kerl.

Kate schätzte ihn auf etwa dreißig Jahre. Er war groß und sah relativ gesund aus. Außer der braunen Sträflingshose trug er nichts am Leib, sodass jeder erkennen konnte, wie durchtrainiert sein sehniger Körper war. Mit ihm sollte sie sich besser nicht anlegen.

Ob das dieser Wolf war?

»Blondie gehört mir!«, sagte der Typ. »Das wird ein Spaß, sie zu zähmen.«

Himmel … Nein! Kate schluckte hart, rappelte sich auf und ging rückwärts, prallte allerdings gegen einen anderen, etwas älteren Mann, der sie obszön angrinste.

»Sie gehört mir, Cane!«, rief auf einmal jemand, und ein junger Mann in einer grün-braun gefleckten Armeehose und Stiefeln bahnte sich einen Weg zwischen den versammelten Leuten hindurch. Er hatte einen Köcher sowie einen Bogen geschultert und die braunen Haare zentimeterkurz abgeschnitten. Obwohl er früher sein Haar kinnlang getragen und weniger Muskeln besessen hatte, erkannte Kate ihn sofort und flüsterte: »Liam.«

Ihr rasendes Herz überschlug sich. Was machte er hier? Und, oh Gott, wie sah er aus? Sein drahtiger Oberkörper war mit Narben übersät, sogar auf seiner Wange befand sich ein Schnitt, der jedoch verheilt war. Er wirkte kantiger und durchtrainierter als jemals zuvor.

Liam auf dieser Insel zu treffen, riss Kate beinahe erneut die Füße weg. Er saß im Gefängnis! Die Familia hatte ihr gesagt, dass er bei guter Führung nach einem Jahr herauskommen würde; sie hatte geglaubt, ihn nach ihrer Mission wiederzusehen – und nun war er hier? Was hatte er in Haft angestellt, dass sie ihn auf diese Insel verbannt hatten?

Liams Blick aus seinen unergründlichen braunen Augen heftete sich für wenige Sekunden an sie. Er wirkte erschüttert, sie zu sehen. Natürlich war er das, schließlich wusste er, wie treu sie zur Familia stand. Sie hatte ihn immerhin mehrfach gewarnt, nicht zu weit zu gehen, bevor … Oh nein, lieber Himmel, nein! Plötzlich wurde ihr Eines schlagartig klar: Es war allein ihre Schuld, dass Liam ein Outcast war. Sie hatte ihn verraten.

»Du hattest doch schon eine, reicht dir das nicht?« Der schwarzhaarige Kerl mit Namen Cane hob spöttisch die Brauen, als sich Liam vor ihm aufbaute. Beide waren in etwa gleich groß, aber Cane wirkte eindeutig stärker.

Liam hatte ein … Mädchen?

Ein scharfer Stich raste durch ihre Brust. Was hatte sie sich erhofft? Dass er ihr auf ewig treu bleiben würde?

»Und was ist mit dir?« Liam deutete auf ein brünettes, vielleicht sechzehnjähriges Mädchen. Sie stand einige Meter hinter Cane und drückte die Hände auf ihren großen runden Bauch. Sie erwartete ein Kind! »Du hast Sue!«

»Mit der ist gerade nicht viel anzufangen, wie du siehst.«

»Aber die hier …« Liam deutete auf Kate. »… ist meine Verlobte. Daher erhebe ich Anspruch auf sie.«

Ihr Atem stockte, Hitze durchströmte ihren Körper. Liam schaute sie derart durchdringend und verbissen an, dass sie davon eine Gänsehaut bekam. Doch was sie viel mehr schockierte, war die Mordlust, die sich in seinen Augen spiegelte.

Cane lachte kalt auf. »Der Wolf und das Kätzchen, ihr seid wirklich ein Traumpaar!«

Der … Wolf? Liam war der Wolf?

Sie keuchte auf, ihr Hals schnürte sich zu und ihr ratterndes Herz sprengte beinahe ihren Brustkorb.

Schlagartig wurde ihr klar, warum ihr niemand seine wahre Identität verraten hatte. Ihr ehemaliger Freund war der Wolf!

Ihr wurde schlecht, heiß und kalt zugleich. Liam war derjenige, den sie aushorchen musste! Deshalb hatte ihr keiner Genaueres gesagt, weil sie es sonst niemals getan hätte. Die Familia hatte gewusst, wie nahe sie sich gestanden hatten, schließlich hatten sie das Eheformular ausgefüllt. Jetzt nutzten die Senatoren das aus und hofften, dass sich Liam immer noch zu ihr hingezogen fühlte. Damit er das Versteck der Freigeister preisgab. Die Gegenbewegung wurde stärker, und die Familia wollte das Nest ausrotten. Nur hatten es bisher nicht einmal ihre besten Spione geschafft, das Hauptquartier dieser Rebellen zu finden.

Als die Sonne mit voller Kraft durch die Wolken brach, bildete sich Schweiß auf ihrer Stirn und das Atmen fiel ihr noch schwerer. Trotzdem zitterte sie, weil ihr kalt war.

Oh Gott, wusste er, dass sie ihn verraten hatte, und wollte nun Rache üben? Liam hatte sich verändert, nicht nur optisch. Um auf der Insel zu überleben, musste man ein anderer Mensch werden. Härter, kälter, ohne Gefühle, und sein eisiger Blick sprach Bände. Wollte er sie für sich, um sie zu bestrafen?

Sie dachte an den Finger, den Prudence eingebüßt hatte. Wie würde sie zurückkehren?

Wenn sie sich hier umsah, vielleicht gar nicht.

Die versammelten Leute flüsterten, und Cane wirkte wenig überzeugt. »Stimmt das?«, fragte er Kate. »Wart ihr verlobt?«

Sie nickte, weil sie keinen Ton hervorbrachte. Sie wollte viel lieber zu Liam und auf keinen Fall zu diesem Kerl. Liam und sie waren so etwas wie ein Liebespaar gewesen, auch wenn sie außer ein paar Küssen nichts weiter ausgetauscht hatten. Doch den Antrag auf Lebensgemeinschaft hatten sie gestellt, was so viel zählte wie eine Verlobung. Kate hatte Liam besser gekannt als niemand sonst – hoffte sie. Wenn noch etwas vom alten Liam in ihm steckte, würde er sie verstehen, er würde mit sich reden lassen.

»Dann erzähl mir etwas über ihn, Kätzchen.« Cane schaute sie grimmig an. »Wie war sein Nachname?«

War? »Thompson«, krächzte sie.

Liam begab sich zwischen ihn und Kate. »Hey, lass sie in Ruhe. Als ob du etwas über mich wüsstest.«

»Das wird interessant.« Cane drückte sich an Liam vorbei und stellte sich dicht vor sie. »Und was hat sein Vater für einen Beruf?«

»E-er ist Ingenieur und arbeitet für die Firma, die die Heli-Porter zusammenbaut.«

»Wow!« Cane pfiff durch die Zähne. »Ein Ingenieur, sieh einer an, dein Alter hat wohl mehr drauf als du, Wolf.«

»Lass sie in Ruhe«, knurrte Liam und ballte die Hände zu Fäusten, doch der Kerl ignorierte ihn.

»Und seine Mutter? Was ist mit ihr?«

Kate wusste, dass Liam nur selten über seine Mum gesprochen hatte. Dieses Kapitel war zu traurig. »Das geht dich nichts an«, sagte sie daher mutig.

»Hört auf zu quatschen, wir wollen einen Kampf!«, rief eine Frau dazwischen.

»Kämpfen, kämpfen!« Die Menge stimmte einen Singsang an und stampfte dazu mit den Füßen auf. Mittlerweile hatten sich bestimmt hundert Menschen versammelt, und die Erde bebte.

Cane grinste fies. »Na gut, Kleiner, kämpfen wir es aus, wer deine widerspenstige Freundin bekommt.« Mit einem finsteren Blick zur Alten, die noch immer den Rucksack hielt, setzte er hinzu: »Wer das Mädchen gewinnt, dem gehört auch die Tasche.«

Fluchend ließ die Frau den Rucksack los und stellte sich zu den rufenden Leuten. Kate nahm ihn an sich und blieb in der Nähe der Rutsche stehen, als könnte ihr der Turm Schutz bieten. Dann bildete die Menge einen Halbkreis um Liam, Cane und Kate, woraufhin sie sich so weit zurückzog, bis sie mit dem Rücken gegen die Rutsche stieß.

Liam warf seinen Bogen und den Köcher auf den Boden, anschließend umkreisten sich er und Cane wie Raubtiere und maßen sich mit düsteren Blicken. Oh Gott, Liam hatte nie eine Chance gegen den älteren Mann! Er wirkte kräftiger und machte außerdem den Eindruck, als würde er vor keiner Gemeinheit zurückschrecken. Ihr Verdacht bestätigte sich, als er grinsend einen silberfarbenen Gegenstand aus dem Bund seiner Hose zog. Die fingerlange Klinge funkelte im Sonnenschein.

»Das ist gegen die Regeln!« Liam schüttelte den Kopf. »Wir machen es auf die klassische Art, Mann gegen Mann, keine Waffen.«

»Wer hat denn diese blöden Regeln erfunden?« Cane grinste weiterhin fies. »Machen wir unser eigenes Spiel, Wölfchen.«

»Wie du willst«, knurrte Liam. »Ben! Zu mir!«

Ein etwa achtjähriger Junge krabbelte zwischen den Beinen der Umstehenden durch und überreichte Liam ein längliches Stück Metall, das wie ein selbstgebasteltes Buschmesser aussah. Der Kleine hatte ein hageres Gesicht und genauso kurzes Haar wie Liam. Außer einer Unterhose trug er nichts am Leib.

Canes Gesicht verdüsterte sich. »Hey, Ben, es ist eine Schande, dass du zu diesem Loser hältst.«

Der Junge antwortete nichts und vermied Augenkontakt.

Wo kam Ben her? Die Familia verbannte doch keine Kinder, oder? Wenn sie sich umschaute und die schwangeren Frauen und Mädchen betrachtete, war ihr klar, dass Ben hier geboren sein musste.

Bevor der Junge wieder zwischen den Leuten verschwand, nahm er den Bogen sowie den Köcher vom Boden an sich.

Canes Lächeln erstarb, während er die große Klinge in Liams Hand betrachtete. »Och, ist er wirklich so klein?«, fragte er spöttisch, aber ein winziges bisschen Ehrfurcht klang in seiner Stimme mit.

Liam schwang das Messer. »Verdammt klein.«

Schreiend ging Cane auf ihn los, wobei er die Klinge vor sich hielt, doch Liam wich geschickt aus und schlug ihm mit der stumpfen Seite der Messerschneide auf den nackten Rücken.

Wütend brüllte Cane auf und stürzte erneut los, und Kate blieb beinahe das Herz stehen, als der Kerl Liam am Arm einen Schnitt zufügte.

Schlagartig verfinsterte sich Liams Miene, und ein dunkelrotes Rinnsal lief über seinen Arm. »Wie du willst.«

Als Cane das nächste Mal auf ihn zukam, wirbelte Liam um die eigene Achse, holte zugleich mit der großen Waffe aus und trieb sie in Canes Rücken. Sie hinterließ eine tiefe Wunde im linken Schulterblatt.

Cane brüllte auf und stürzte zu Boden, blieb auf allen vieren im Dreck knien und versuchte, einen Blick über die Schulter zu erhaschen. »Das wirst du büßen, Wolf!«

»Du wolltest nicht nach den Regeln spielen«, sagte Liam kühl und wischte die blutige Schneide an Canes Hose ab. »Also friss es.« Dann packte er Kate am Oberarm und zog sie durch die Menschenmenge.

Oh Gott, Liam hatte sich verändert, und wie! Er war nicht mehr das Computergenie, er war ein Killer!

Nein, nein, beruhigte sie sich und hielt sich verbissen an ihrem Rucksack fest, er hat den anderen Kerl nicht getötet.

»Du warst spitze, Wolf!«, rief der kleine Ben, der vergnügt neben Liam hersprang.

Sie tauschten die Waffen, und Liam fuhr ihm kurz über den Kopf. »Und du ein klasse Assistent.«

Ben klemmte sich das große Messer unter den Arm, wechselte die Seite und musterte Kate mit großen Augen. »Wird sie jetzt bei dir schlafen, genau wie Sarah?«

War Sarah das Mädchen, von dem Cane vorher gesprochen hatte? Was war mit ihr geschehen?

»Das besprechen wir später«, sagte Liam mit einem kurzen Blick auf Kate. »Lauf doch ein Stück vor und schau, ob die Luft rein ist.«

»Wird gemacht!«, rief der Kleine und trollte sich davon.

Mittlerweile hatten sie die Baumgrenze erreicht, und Kate entspannte sich ein wenig. Sie war enge Straßen und Hochhäuser gewohnt, nicht diese Weite. Die machte ihr im Moment zusätzlich Angst, doch mit Liam an ihrer Seite fühlte sie sich nicht ganz so verloren. Er zerrte sie hinter Ben her durch den Wald, weg von der grölenden Meute, die sich um Cane versammelt hatte.

»Was werden sie mit ihm anstellen?« Sie schaute zurück, konnte aber nichts erkennen. Die Leute standen zu dicht beieinander und waren durch die Büsche immer schwerer auszumachen.

»Wenn sich ein Gönner findet, wird er überleben. Ansonsten wird ihn die Meute töten. Er ist im Moment nicht gerade beliebt und vielen schon lange ein Dorn im Auge, weil er sich nie an die Regeln hält.«

»Sind hier alle so grausam?« Vehement befreite sie sich von seinem festen Griff und lief hinter ihm her.

»Wer unehrenhaft kämpft und verliert, hat meist keine großen Überlebenschancen.«

Liam hatte ihn nicht getötet, aber zum Sterben zurückgelassen!

Er war ein Killer …

»Was machst du hier, Kate?«, fragte er plötzlich und musterte sie finster. »Verdammt noch mal, was hast du hier zu suchen?«

»I-ich …« Prudence hatte ihr erklärt, was sie sagen sollte, doch nun schien alles wie weggewischt.

»Schon gut«, fuhr er sanfter fort. »Du kannst es mir erzählen, wenn du so weit bist.«

Erleichtert atmete sie auf, denn sie wollte ihn nicht anlügen. Sie hatte das Gefühl, er könne ihr bis in die Seele schauen. Und dann würde er merken, dass sie nur hier war, um ihn auszuhorchen. Würde er sie mit dieser grauenvollen Klinge enthaupten? Oder der Meute zum Fraß vorwerfen?

»Es wundert mich bloß, dass sie dich hergebracht haben. Du warst der Familia gegenüber immer loyal.« Er musterte sie von oben bis unten. »Oder meistens.«

Kate hatte ihn nicht sofort verraten, erst als man sie gezwungen hatte, auszusagen, und sie dabei an einen Lügendetektor angeschlossen gewesen war. Hätte sie auch nur ein wenig geflunkert, hätte das den Ruin für sie und ihre Eltern bedeuten können. Sie waren angesehene Senatoren und hätten alles verlieren können.

Sie erinnerte sich an den Tag vor vielen Monaten, als ihr eigener Vater sie in die Maschine gesetzt hatte …

***

Als Kate den Lügendetektor zum ersten Mal erblickte, blieb ihr vor Angst die Luft weg. Es handelte sich dabei um einen verkabelten Stuhl mit einer Haube aus Metall, die man ihr auf den Kopf drückte. Elektroden wurden an ihrem fast nackten Körper angebracht – sie trug lediglich ihre Unterwäsche –, und sie bekam eine Brille aufgesetzt, die Lichtimpulse abgab. Ihre Hand- und Fußgelenke wurden am Stuhl fixiert, ebenso ihr Hals. Hart klopfte ihr Puls gegen die Manschette.

Sie fror und schnappte panisch nach Luft. In dem fensterlosen Raum roch es nach Desinfektionsmitteln und irgendwie nach Tod. Die Maschine konnte doch keinen umbringen, oder? Kate hatte die aufgezogene Spritze mit der grünen Flüssigkeit entdeckt, die nahe an ihrem Hals am Gestell angebracht war.

»Wenn du deine Augen schließt, werden wir sie dir gewaltsam offenhalten«, sagte ihr Vater kühl. »Und glaube mir, das willst du nicht.«

Oh Gott, waren dazu diese kleinen gebogenen Metallspangen in der Brille da? Kate konnte sie sehen, ebenso den spiralförmigen, blitzenden Farbkreisel, den sie angespannt anstarrte. Ihr war jetzt schon ganz schwindelig davon.

»Dad …« Sie war schockiert über die Härte in seiner Stimme. Doch sie wusste, dass ihm keine Wahl blieb. Die Familia kam immer vor der eigenen Familie. »Wo ist Mum?«

»Sie wird zusehen.«

Kate schluckte, Schweiß lief über ihren Rücken, benetzte die kalte Lehne ihres Sitzes und ließ sie erneut frösteln. Wahrscheinlich befand sich ihre Mutter hinter der verspiegelten Glasscheibe. Sie würde dasselbe weiße Gewand tragen wie Dad, wie alle Senatoren. Auch sie hätte diese Robe eines Tages tragen sollen. Ob sie jetzt überhaupt noch Chancen hatte, Senatorin zu werden?

Was hatte Liam angestellt? Sie wusste nur, dass sie seinetwegen hier war, mehr hatte ihr niemand verraten.

Ihr Vater berührte sie kurz an der Schulter. »Sag einfach die Wahrheit, Kate.«

***

Kate konnte immer noch nicht sprechen. Die schwülwarme Luft drang unter ihre Kleidung und tief in ihre Lungen. Sie vermisste die erfrischende Brise vom Meer und hatte das Gefühl, Sirup einzuatmen. Ihre langen Haare hingen ihr vors Gesicht und klebten an ihrer Stirn. An ihrem Rücken, unter dem schweren Rucksack, sammelte sich Schweiß. Hier war es definitiv heißer als in Welltown.

Wo lag diese Insel? Weit konnte sie nicht weg sein, schließlich hatte der Flug nur eine halbe Stunde gedauert. Und warum diente sie als Strafkolonie, obwohl es auf Lost Island offensichtlich viel Platz gab? Sie roch weder Salz noch Seetang und hörte nicht das Brechen der Brandung oder das Kreischen von Möwen. Die Küste musste weiter entfernt liegen. Und dieser Wald schien riesig zu sein. Sie hatte vor lauter Büschen und Bäumen sogar Ben aus den Augen verloren. Wo führte Liam sie hin?

Als er den Kopf senkte und leise fragte: »Wie geht es meinem Vater? Hat er Schwierigkeiten bekommen?«, blitzte etwas von ihrem alten Freund durch.

Tief holte sie Atem. »Er musste sich einer Befragung und einem Lügentest unterziehen, soweit ich weiß, und stand ein paar Monate unter Beobachtung.« Das hatte sie in der Schule aufgeschnappt, doch sie hatte Titus Thompson nie gesehen und kannte ihn lediglich von einem Foto, das Liam ihr einmal gezeigt hatte. Deshalb wusste sie, dass er seinem Vater ein wenig ähnlich sah. Er besaß auch eine große und schlanke Statur. Ob Titus ahnte, dass sein Sohn hier war? Bestimmt nicht, schließlich hatte nur die Familia Kenntnis von Lost Island. »Aber dein Dad arbeitet weiterhin bei Cargo-Consolidated.«

»Das ist gut.« Seufzend fuhr sich Liam über den Schädel. »Er war am Boden zerstört, als sie mich verhaftet haben. Ich wollte ihn da wirklich nicht mit reinziehen. Niemanden.« Er warf ihr einen kurzen Blick zu. »Du bist doch nicht auch meinetwegen hergebracht worden?«

Schnell schüttelte sie den Kopf, bevor er sie aushorchte und sie sich verplapperte, denn natürlich war sie seinetwegen hier, wenn auch aus anderen Gründen. »Ich wusste nicht, dass du auf dieser Insel bist. Ich habe gedacht, du sitzt im Gefängnis.«

Liam schnaubte. »Haben sie dir das erzählt? Ich habe dir immer gesagt, dass die Familia lügt. Sie belügt sogar ihre eigenen Leute.«

Ja … doch es diente zum Schutz aller!

Sie biss sich auf die Unterlippe, um ihm nicht zu widersprechen. In den letzten Wochen hatte sie viele Senatoren näher kennengelernt und im Büro ihrer Eltern kleinere Jobs übernommen. Die Familia war ein großartiges Unternehmen, sie hielt alles zusammen, beschützte die Bürger und sorgte für sie. Kate wurde mit logistischen Aufgaben betreut, durfte Nahrungsmittelrationen zuteilen, die sich die Einwohner in den Mega-Märkten abholen konnten, und war sogar einmal mit einem Cargoschiff auf eine Plantageninsel gefahren, um sich die Arbeitsbedingungen dort anzusehen. Den Menschen war es gut gegangen, sie wurden fair behandelt und bezahlt. Die Freedom Fighter waren ihre Feinde, sie wollten das alles zerstören! Wenn die Rebellen an die Macht kamen, würden Chaos und Anarchie herrschen.

Wäre es nicht schön, wenn wir heiraten könnten, wen wir lieben?, hallte die Stimme des jüngeren Liam durch ihren Kopf.

Nachdenklich betrachtete sie ihn. Er lief vor ihr und hielt ihr Äste aus dem Weg, damit sie ihr nicht ins Gesicht peitschten. Sein Rücken war breiter geworden, er schien so viel stärker und er hatte sich auch charakterlich verändert. Er war ein Kämpfer, ein Fighter.

Hätte er sich auf die Seite der Rebellen geschlagen, wenn er nicht aufgeflogen wäre?

Sie wollte nicht länger nachdenken, was gewesen wäre, wenn er noch in Welltown leben würde.

»Du bist verletzt.« Nur ihretwegen. Der Schnitt blutete kaum noch und die roten Rinnsale begannen zu trocknen. Fliegen schwirrten um die Wunde, und Liam scheuchte sie ununterbrochen weg.

»Das ist bloß ein Kratzer«, sagte er.

Wenn sie sich seinen Körper ansah, war es das wohl. Was war ihm bloß zugestoßen? Woher kamen die Narben? Von Kämpfen mit diesem Cane? »Wie lange musst du hierbleiben?«

Keuchend schüttelte er den Kopf und blieb so abrupt stehen, dass sie fast gegen ihn lief. »Wer einmal auf diese Insel gebracht wurde, kehrt nie mehr zurück, Kate. Du und ich, wir werden hier verrotten.«

Seine harten Worte trafen sie bis ins Mark. »Bist du dir sicher?« Erneut fiel ihr das Atmen schwer. »Es ist wirklich nie jemand abgeholt worden?«

»Nur … Sarah«, erwiderte er und lief weiter.

Er ging so schnell, dass Kate Probleme hatte, mit ihm Schritt zu halten. »Deine Freundin? Warum hat man sie mitgenommen?«

Liam antwortete ihr darauf nicht, sondern fragte stattdessen über seine Schulter hinweg: »Hast du von ihr gehört? Lebt sie noch?« Seine Frage sollte wohl wie beiläufig klingen, doch sie hörte den Schmerz heraus.

»Ich weiß nichts über sie, tut mir leid.« Die Familia hatte ihr tatsächlich nichts erzählt.

Er ließ Kopf und Schultern hängen, und sein Tempo verlangsamte sich.

Kate wollte so vieles wissen, über Sarah, sein Leben hier und die Insel. Es war sicher nicht gut, jetzt über seine Freundin zu reden, und das wollte sie ebenfalls nicht. Wenn sie sich ausmalte, dass er Sarah genauso geküsst hatte wie sie einst, ballte sich ihr Magen zusammen. Ihr war ohnehin schlecht, und je länger sie durch diesen Wald liefen, desto mehr nahm ihre Übelkeit zu. Außerdem wurde ihr Rucksack bei jedem Schritt schwerer.

»Wohin gehen wir?«

»Zu meinem Unterschlupf.«

»Wir sind bereits ganz schön weit weg von den anderen.«

»Je weiter, desto besser. Auf Lost Island wirst du schon für ein Paar Schuhe im Schlaf getötet.«

Oh Gott … »Und dein Unterschlupf ist sicher?«

Erneut blieb er stehen und spähte über ihre Schulter, als würde er Ausschau halten. »Hier ist nichts sicher.« Dann drehte er sich um und lief weiter.

Das waren ja berauschende Aussichten. Wie sollte sie auf dieser Insel einen Monat lang überleben?

Nachdenklich starrte sie auf ihre dünnen Lederstiefel und war wirklich froh, dass sie diese besaß. Scharfkantige Steine lagen auf dem Waldboden, der Untergrund wurde poröser und es ging beständig bergauf. Wie weit war es denn noch? Sie war solch langen Märsche nicht gewohnt.

»Was weißt du alles über Lost Island?« Obwohl sie kaum noch Luft bekam, konnte sie nicht aufhören, ihn mit Fragen zu löchern.

»Die Familia lässt die Gefangenen hier arbeiten, Felder bestellen, Reis und Getreide anbauen. Im Gegenzug erhalten sie Nahrung, die ein Heli-Porter jede Woche abwirft, oder es werden ihnen andere Wünsche erfüllt, sofern sie im Rahmen des Machbaren liegen, wie Kleidung oder andere Gegenstände des täglichen Gebrauches.«

»Also kümmert sich die Familia um sie?«