P=NP - Erich Rast - E-Book

P=NP E-Book

Erich Rast

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Beschreibung

Einem deutschen Mathematiker scheint der Durchbruch gelungen zu sein: Angeblich hat er das Theorem P=NP bewiesen. Die amerikanische NSA horcht auf, denn ein solcher Beweis könnte mit einem Schlag sämtliche Verschlüsselungsprogramme nutzlos machen. In aller Schnelle wird in Zusammenarbeit mit der CIA ein Team zusammengetrommelt, das der Sache in München nachgehen soll. Aber die Gegner schlafen nicht und die Zusammenarbeit der Geheimdienste lässt auch zu wünschen übrig. Für eine von der NSA abgestellte Expertin für Kryptografie entwickelt sich der vermeintlich angenehme Kurzurlaub in Deutschland bald zu einem Spiel aus tödlichen Intrigen.

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Seitenzahl: 368

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Das Spiel ist aus
Epilog

Impressum neobooks

P=NP

Ein Spionagethriller

von Erich Rast

1. Auflage

Copyright (c) Erich H. Rast / Loewe Lissabon

www.talumriel.de

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte an diesen Inhalten, einschließlich der Vervielfältigung, Veröffentlichung, Bearbeitung und Übersetzung, bleiben vorbehalten, Erich Rast / Loewe Lissabon. Die Darstellung von Sachverhalten, Handlungen und Namen in diesem Buch ist fiktiv, Ähnlichkeiten mit existierenden Gegenständen, Sachverhalten, Namen oder Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Ein normaler Arbeitstag

Über Nacht war Schnee gefallen. Die Kolonnen der morgendlichen Pendler auf den Straßen von Elkridge nach Fort Meade fuhren im Stop-and-Go. Sie hatten alle dasselbe Ziel, den größten Arbeitgeber der Region und größten Arbeitgeber für Mathematiker auf der Welt. Ein Schild mit der Aufschrift ›NSA - nach rechts, nur für Mitarbeiter‹ wies auf die Abfahrt hin, die glücklicherweise die Räumfahrzeuge bereits freigeschaufelt hatten. Zäh ging es an diesem Morgen voran, und sie war schon zu spät dran. Veronica Black reihte ihr Auto hinter die anderen auf die Zufahrtsstraße ein, die an den dunkel verglasten Hauptgebäuden des Dienstes vorbeiführten. Der Angestelltenparkplatz hatte gigantische Ausmaße.

Als sie endlich an die Schranke kam, reichte sie wie üblich dem schwerbewaffneten Wachmann von der hauseigenen Polizei ihr Mitarbeiterschild. Die Farbe Grün wies sie als voll sicherheitsgeprüfte, feste Mitarbeiterin aus. Pflichtbewusst verglich der Wächter das Ausweisbild mit ihr: eine schwarze, attraktive Frau Anfang bis Mitte vierzig. Er zog den Ausweis über einen Scanner, und ein Licht zeigte ihm an, dass sie freigegeben war. Dann erst gab er seinem Kollegen ein Zeichen und winkte sie durch. Die Schranke öffnete sich, und Veronica folgte den anderen Regierungsangestellten auf den Parkplatz, der über zwanzigtausend Autos fasste. Hätte sie Gas gegeben und versucht, die Sperre zu durchbrechen, wären ein paar Meter weiter massive Stahlsperren aus dem Boden geschnellt, die selbst einen Panzer aufhielten, und die Wächter hätten ohne zu zögern geschossen. Außerdem war das Nummernschild ihres Ford schon lange vor dem Kontrollpunkt eingescannt und automatisch geprüft, wahrscheinlich sogar ihr Gesicht analysiert worden. Die Sicherheitsmaßnahmen waren streng.

Ihr Handy und einen MP3-Player ließ sie wie üblich im Wagen, sie hätte die Geräte sowieso abgeben müssen. Sie hastete zum Mitarbeitereingang, vor dem sie mit ihren nur leicht erhöhten Stiefeln beinahe im Schneematsch ausgerutscht wäre. Es war für diese Jahreszeit in Maryland erstaunlich kalt, um den Gefrierpunkt, und Schnee fiel im Dezember auch eher selten. Normalerweise kam um die Weihnachtszeit ein unangenehmer Nieselregen vom Himmel; Veronica bevorzugte den Schnee und bedauerte, dass er wahrscheinlich ein paar Tage später schon wieder schmolz. Sie sah den Hauch ihres Atems und ihr fröstelte, weil sie sich über ein konservatives dunkelgraugestreiftes Businesskostüm bloß einen dünnen halblangen Wintermantel geworfen hatte. Der Rock, der zu dem Oberteil gehörte, war relativ kurz, er endete knapp unterhalb ihrer Knie, dazu trug sie schwarze Strumpfhosen und hohe Lederstiefel. Die Taschen des Mantels hatte sie bereits geleert – nur Neulinge und Besucher kamen mit Rucksäcken und vollgestopften Hosentaschen, wer ein Weilchen im ›Puzzlepalast‹ arbeitete, der brachte zur Arbeit gar nichts mit. Waffen waren sowieso verboten und sämtliche elektronischen Geräte, Handys und Kameras mussten an der Eingangskontrolle abgegeben werden. Ebenfalls konfisziert wurden verdächtig aussehende Kugelschreiber und Ähnliches, wie etwa Becher und Kaffeetassen, die verwanzt sein konnten. Auch Dokumente und Notizen lohnten sich kaum, nach der Kontrolle durfte man sie zwar ins Gebäude bringen, sofern man sie in einem entsprechend gekennzeichneten Umschlag transportierte, aber es war eine Qual, wenn man sie wieder herausbringen wollte. Wer Inspektionen zu vermeiden wünschte, brachte nichts weiter mit, als was er im Kopf hatte – und das war, wie man im Dienst gemeinhin anzumerken pflegte, für die Arbeit auch am wichtigsten.

Erneut wurde ihr grüner Ausweis geprüft, elektronisch signiert und eingecheckt, und sie musste durch eine Schleuse laufen, die an die Waffenkontrollen auf Flughäfen erinnerte. Diese prüfte angeblich wesentlich mehr, was genau, das galt als Staatsgeheimnis. Die Mitarbeiter nahmen an, dass sie auch auf passive Transmitter getestet wurden, indem das Gerät einen mit einem breiten Spektrum von elektromagnetischen Wellen bombardierte und mögliche Veränderungen analysierte. Ebenso einig waren sich die meisten, dass es keine sichere Methode gab, solche Wanzen zu erkennen. Aber das war egal, denn solche Instrumente benötigten Sender, das aktive Gegenstück zum passiven Überträger, und gegen diese fuhr der Dienst zwei sehr wirkungsvolle Gegenmaßnahmen auf: Zum einen war das gesamte Hauptgebäude in einen faradayschen Käfig gehüllt, der elektromagnetische Emissionen praktisch auf Null reduzierte. Zum anderen überwachten Spezialisten für elektronische Überwachung, dem sogenannten SIGINT, nicht bloß den Rest der Welt, sondern ganz besonders auch das Gebiet um Fort Meade auf jegliche Art von Radiosignalen. Wenn ein Bewohner der umliegenden Einzugsstädte wie Ellicott City, Columbia, Elkridge oder Severna Park ein defektes Radio, einen nicht lizenzierten Fernseher oder irgendein anderes Gerät einschaltete, das merkwürdige Störsignale von sich gab, dann dauerte es keine halbe Stunde, bis ein paar Herren in dunklen Anzügen von der Bundespolizei zusammen mit einem Liaison-Offizier von der NSA an die Tür klopften. Kein Gebäude auf der Welt war abhörsicherer als das Hauptgebäude der NSA, in dem täglich etwa achtunddreißigtausend zivile und militärische Regierungsangestellte ihren Dienst verrichteten. Insgesamt arbeiteten über achtzigtausend zivile und militärische Angestellte für die Behörde, die genaue Zahl war geheim, auch Veronica kannte nur Schätzungen. »Zwischen 37000 und einer Milliarde«, hatte der ehemalige Direktor der NSA, John C. Inglis, einmal einem Journalisten im Scherz erklärt.

Der Wächter erkannte sie, unter den Zivilisten waren besonders in den höheren Positionen schwarze Mitarbeiter weitaus seltener als weiße, und sie fiel allein deshalb aus dem Rahmen. Er winkte sie freundlich durch, und sie grüßte ein paar Kollegen, die durch eine parallele Schleuse kamen. Sie nahm ihren Wintermantel in die Hand, es war in den endlosen Gängen der Behörde wärmer als im Freien, und hastete über den blank polierten Steinfußboden des Eingangsbereichs in ihre Abteilung, die den kryptischen Namen R12 trug.

Der NSA Campus war groß, größer als die meisten Unis; man konnte sich durchaus verlaufen. In ihrer Anfangszeit war ihr das einmal passiert, und dann nie wieder, denn ein solches Versehen war peinlich und unangenehm – Mitarbeiter waren angehalten, jeden Angestellten aus einer anderen Abteilung sofort zur Rede zu stellen, auch wenn ein grüner Sicherheitspass um seinen Hals baumelte, und die Irrläufer wurden von der allgegenwärtigen NSA-Polizei oft persönlich an ihren eigentlichen Arbeitsplatz eskortiert. Waren die Umstände besonders verdächtig, vermerkte man den Vorfall in der Personalakte, wovor sich selbst erfahrene Mitarbeiter aus den höheren Führungsriegen fürchteten. Den jährlichen Lügendetektortest wollte jeder so flott und problemlos wie möglich hinter sich bringen und unbequeme Fragen vermeiden.

Die Zahl der Irrläufer hatte sich allerdings stark verringert, seitdem die Zugangsausweise Chips enthielten, mit denen man die schweren Metalltüren öffnete, die unterschiedliche Abteilungen voneinander trennten. Bereiche, für die man nicht befugt war, blieben einem schlichtweg verschlossenen, und vor den speziell ausgezeichneten Hochsicherheitszonen, in denen besondere Staatsgeheimnisse besprochen und gelagert wurden, sorgten zusätzlich je zwei bewaffnete Wächter für eine persönliche Einlasskontrolle.

Das ›R‹ im Namen von Veronicas Arbeitsplatz stand für ›Research Directorate‹, die zentrale Forschungsabteilung, sofern der entsprechende Aufgabenbereich noch nicht an einen der neueren Orte in Texas, Utah oder Georgia verlegt worden war. Nicht erst seit Snowdens Enthüllungen, schon viele Male zuvor war der Puzzlepalast umstrukturiert und reformiert worden, er wandelte sich ständig. Viele Bereiche, die ursprünglich in Fort Meade angesiedelt gewesen waren, hatte man in Außenstellen verlagert oder sogar an externe Firmen vergeben; es ging darum, Kosten zu sparen, und gelegentlich auch darum, die Gegner zu verwirren.

Veronica hatte vor über zehn Jahren bei der Behörde angefangen und war froh, dass man sie bisher nicht woanders hingeschickt hatte. Sie liebte ihre Wohnung in Elkridge, wo sie sich mit einem jüngeren weißen Ehepaar ein Haus mit Garten teilte. Die beiden arbeiteten ebenfalls für die NSA, alles blieb also in der Familie und umfangreiche Hintergrundprüfungen waren nicht nötig gewesen. Sie verstand sich mit den beiden prächtig, und auch ihre anderen Nachbarn respektierten und grüßten sie. Verbrechen waren in der Region selten und Rassismus hatte Veronica selbst zumindest auf direkte Weise außerhalb ihrer Arbeitsstelle bisher nie zu spüren bekommen. In Utah oder Texas mochte das nicht unbedingt so sein, und sie hatte, wenn sie ehrlich sein sollte, im Laufe der Jahre schon genug mit dem ganz normalen, oft unbewussten Sexismus ihrer Kollegen zu kämpfen gehabt, von denen sich einige partout nicht vorstellen mochten, dass eine Frau mit dunkler Hautfarbe, noch dazu eine gut aussehende und ledige, in der Lage sein könnte, erfolgreich Mathematik zu studieren und in einer Forschungsabteilung Gruppen zu leiten, die auf Weltniveau die neuesten Trends in der Kryptanalyse erforschten. So manchem Kollegen missfiel die Tatsache, dass eine Frau sich besser als sie selbst mit algebraischer Topologie auskannte. Wer sie nicht kannte, stufte sie auf Anhieb meistens als Linguistin, Analytikerin oder einfache Verwaltungsangestellte ein. Wer sie hingegen kannte, machte diesen Fehler kein zweites Mal. In ihrer Abteilung jedenfalls galt sie als eine der besten, wofür sie auch lange genug gekämpft hatte. Alle respektierten sie, daran gab es keine Zweifel; zumindest dachte sie das, als sie an diesem Montagmorgen durch die Arbeitsräume von R12 hastete.

»Morgen!«, grüßte sie ein jüngerer Kollege, der schon am Bildschirm saß und ein Schema studierte, das an den Aufbau eines Feistelchiffres erinnerte. Veronica hatte für solche Dinge einen Blick und wusste außerdem, dass er an der Algebraisierung eines ausländischen militärischen Verschlüsselungscodes arbeitete. Denn sie leitete das Projekt.

Sie winkte zurück, die meisten von ihnen mochten sie, zumal sie in R12 auch für die Einschulung der Neuankömmlinge zuständig war. Flugs verzog sie sich in ihr Büro, bevor einer der jungen Spunde sie mit Fragen löcherte. Sie waren von Natur aus extrem wissbegierig und extrem hartnäckig, aber Veronica zog es vor, die Fragestunden und Diskussionen in die offiziellen Treffen der Arbeitsgruppe zu verlegen, sonst wäre sie niemals selbst zu irgendetwas gekommen.

Dass sie sich als höhere zivile Angestellte mittlerweile mit niemandem mehr ein Büro teilen musste, zählte im Dienst als besonderes Privileg, denn grundsätzlich galten geteilte Arbeitsplätze als billiger und vor allem sicherer. Verrat und Sabotage waren schwierig, wenn einem alle paar Minuten ein Mitarbeiter über die Schulter sah. Veronica jedoch hatte schon mehrere Arbeitsgruppen geleitet und stand in der Hierarchie zusammen mit einigen anderen Kollegen direkt unter dem zivilen Leiter von R12, ihrem Chef und Mentor, dem allseits verehrten und beliebten Mathematiker Dr. Christopher F. Harris, den alle bis auf die neuesten Neuzugänge bloß ›Chris‹ nannten. Dieser wiederum unterstand einem Armeeoffizier, Colonel Frank Lewis, der die Abteilung leitete und sich um die administrativen Aufgaben kümmerte. Dieser hörte auf den militärischen Leiter der gesamten Forschungsabteilung, der wiederum dem zivilen Assistenzdirektor zuarbeitete, der sich in der NSA hochgearbeitet hatte und als der höchstrangige kompetente Mitarbeiter der NSA zählte, wie die Angestellten hinter vorgehaltener Hand zu scherzen pflegten. Ihn beaufsichtigte der Direktor, ein höherer Offizier, der direkt vom Präsidenten ernannt wurde und dadurch augenblicklich in den Rang eines Fünfsternegenerals aufstieg. Dieser koordinierte seine Arbeit mit dem Heimatschutzministerium, den anderen Geheimdiensten und dem nationalen Sicherheitsberater, und beriet gemeinsam mit den Vertretern der übrigen Behörden den Präsidenten in Sicherheitsfragen. Als letzter Empfänger in der Befehlskette ignorierte der Präsident diese Berichte dann im allgemeinen fast vollständig, weil er sowieso auf niemanden hörte – so pflegte man den Neuankömmlingen in der NSA die Hierarchie nicht bloß im Scherz zu beschreiben.

So sehr die Arbeit in der Abteilung R12 auch mitunter einem Kolloquium an der Uni glichen und so locker und unförmlich der Umgangston untereinander war, letztlich arbeiteten sie alle in einer militärischen Organisation, und falls der eine oder andere diese Tatsache einmal auf allzu offensichtliche Weise vergaß, dann erinnerte ihn Colonel Lewis daran mit Bestimmtheit, so zurückhaltend und höflich der Offizier sonst sein mochte.

Routiniert warf Veronica ihren Mantel auf einen Stuhl neben der Tür, drehte den Thermostat der zentralen Heizungsanlage herunter, die das fensterlose Büro in ihrer Abwesenheit immer zu sehr aufheizte, und öffnete mit einem der Spezialschlüssel, der ihr an der Eingangspforte ausgehändigt worden war, einen verschlossenen Aktenschrank. Sie holte ein paar Artikel heraus, die sie an diesem Vormittag lesen wollte, um über die zivilen Fortschritte in der Kryptanalyse auf dem laufenden zu bleiben, und warf sie auf ihren Schreibtisch, der zwei getrennte Computerbildschirme, zwei spezielle Festnetztelefone, aber nur eine Tastatur beherbergte. Dann ließ sie sich in einen Drehstuhl fallen, prüfte aus Gewohnheit, dass das sogenannte ›KWM Switchboard‹ auf rot stand, was auf die höchste Geheimhaltungsstufe hindeutete, und brachte den sicheren Computer, der niemals schlief, mit einem Tastendruck zum Leben. Die Schalttafel diente dazu, mit derselben Tastatur zwei verschiedene Geräte zu bedienen. Auf einem normalen PC lief Windows und auf Wunsch neuerdings auch ein hauseigenes Linux. Mit diesem konnte Veronica im Internet, auf LexisNexis und in einigen Bundesnetzen mit niedriger Sicherheitsstufe surfen, wobei sämtliche Signale im Netz über einen speziellen Proxyserver in die Außenwelt gebracht wurden, der ihre Aktionen aufzeichnete, vermutlich überwachte, den Rechner gegen Viren und trojanische Pferde schützte und die übertragenen Daten von Metadaten wie zum Beispiel Zeitzonen reinigte, aus denen man Rückschlüsse auf ihren Aufenthaltsort oder ihre Arbeitszeiten ziehen konnte.

Die andere Maschine, die sie gewohnheitsmäßig zuerst prüfte, weil sie unmittelbar ihre Arbeit anging, mochte im Innern ebenfalls bloß ein PC sein – keiner, der nicht mit der Entwicklung und Wartung der Geräte beschäftigt war, wusste darüber genau Bescheid –, aber er enthielt spezielle Verschlüsselungschips und war sowohl mit dem hauseigenen NSANetz als auch mit dem gemeinsamen Datennetz aller US Geheimdienste namens JWICS verbunden. Auf diesem Rechner trudelten Nachrichten von Kollegen ein, die direkt mit ihrer Arbeit zu tun hatten; die zivilen Emails, die sie mitunter auf dem normalen PC bekam, betrafen meist bloß Persönliches. Neuigkeiten von ihrer Schwester, Einladungen von Freunden, Informationen über Nachbarschaftsfesten in Elkridge, Versuche ihrer Mutter, sie mit einem Mann zu verkuppeln, oder latent aggressive Botschaften von ihrem Ex-Freund, die sie zur Zeit am allerwenigsten lesen wollte. Das konnte alles bis zur Mittagspause warten. Sie liebte ihre Arbeit und fühlte sich überhaupt nicht einsam, sondern eher freier, als sei eine Last von ihren Schultern gefallen, seitdem sie sich von Sylvester getrennt hatte, nur leider war diese Nachricht bei ihrer Mutter und einigen ihrer Kollegen bisher noch nicht angekommen.

Veronica öffnete die Emails aus dem NSANet. Sie überflog die Ankündigungen von Gottesdiensten, ein Rundschreiben des Direktors, das keine nennenswerten Informationen enthielt, und eine obligatorische Einladung zur hauseigenen Weihnachtsfeier mit den ›Fellow Nerds‹, der sie sowieso nicht entgehen konnte. Was diese anging, hoffte sie nur inständig, dass keiner auf die Idee kam, wieder eine ›Schlüsselparty‹ zu veranstalten. Die Sache war die: Der Puzzlepalast förderte Beziehungen und Heiraten auf geradezu aggressive Weise, solange sie im eigenen Haus blieben, weil ledige Männer nämlich als Sicherheitsrisiko galten. Also verschwendeten findige Köpfchen in der Personalabteilung eine Menge Hirnschmalz darauf, die Mitarbeiter bei sozialen Ereignissen wie Weihnachtsfeiern zusammenzubringen. Eine einzige Kuppelshow. Nun arbeitete Veronica allerdings in einer Abteilung, die so ziemlich die nerdigsten, verstocktesten und hochbegabtesten Mathematiker beherbergte, die es auf der Welt gab, und darunter fanden sich nur sehr, sehr wenige Frauen. Dieses Verhältnis hatte sich seit ihrem Studium leider nie geändert, und auch wenn den meisten Kollegen nicht im Traum eingefallen wäre, sie auf eine Weise zu behandeln, die man als politisch unkorrekt missverstehen konnte, waren die kleinen Feiern und Feste in der Abteilung mitunter etwas gezwungen und anstrengend. Sie klickte die Mails beiseite, musste als Leiterin diverser Arbeitsgruppen sowieso vorbeischauen, und ihr Blick fiel auf eine Mail, die von TAO stammte. ›TAO‹ stand für ›Tailored Access‹, das waren die Typen, die sich in jedes beliebige System einhackten, um seinen Benutzer auszuspionieren. Das jedoch war nicht der Grund, weshalb die Nachricht ihre Aufmerksamkeit erregte, sondern ihr Titel: P=NP?

Sie schmunzelte. Wollte da wieder einmal jemand wissen, ob P=NP war? Das war eines der wichtigsten ungelösten Probleme der theoretischen Informatik. Es ging um sogenannte Komplexitätsklassen. Die Frage war, ob die Klasse der Algorithmen, die in polynomialer Zeit abliefen, mit der Klasse der Algorithmen identisch war, die in nichtdeterministischer polynomialer Zeit abliefen. Wenn sie diese Definition den Mitarbeiter anderer Behörden auf externen Schulungen anbot, dann erntete sie zur Antwort im Allgemeinen bloß ein dummes Stieren. Deshalb hatte sie sich im Lauf der Jahre darauf verlegt, das Problem in einfachere, wenn auch nicht unbedingt korrekte Worte zu fassen. Programme in der Klasse P konnten mitunter recht langsam laufen, aber sie waren normalerweise von modernen Computern bewältigbar. Programme in der Klasse NP hingegen schienen eine Laufzeit zu haben, die weitaus ungünstiger war, sie wuchs oft sogar exponentiell mit der Zahl der Eingaben, sodass sie für größere Mengen an Eingabevariablen in kürzester Zeit praktisch nicht mehr berechnet werden konnten. Die These P=NP besagte nun, dass es für Probleme der Klasse NP einen Algorithmus gab, der sie in der vertretbaren Laufzeit eines P-Problems löste. Weder einen Beweis noch einen Gegenbeweis für diese Behauptung hatte man bis zum heutigen Tag gefunden. Die Frage im Titel der Nachricht von TAO brachte sie zum Schmunzeln, weil praktisch alle Mathematiker innerhalb und auch außerhalb der Behörde, ja auf der ganzen Welt, der Meinung waren, dass P ungleich NP war, dass es keine Übersetzung von NP-Problemen in P-Probleme gab, und dass letztere tatsächlich eine Klasse schwieriger waren und auf einem Computer bei entsprechend vielen Eingabevariablen bis zum Ende des Universums nicht gelöst werden konnten. Alles wies auf P≠NP hin, auch wenn es sich als erstaunlich schwer herausgestellt hatte, diese These zu belegen. Die NSA jedenfalls hatte noch keinen Beweis gefunden, dabei hätte sie durchaus einen gebrauchen können. Falls nämlich jemand einen für P=NP fand, dann bräche dieser zumindest theoretisch die gängigen Verschlüsselungsalgorithmen mit einem Schlag. Nicht, dass Veronica oder irgendjemand sonst im Puzzlepalast das für möglich hielt. Einige ihrer Mitarbeiter glaubten sogar, dass zwar P≠NP der Fall sei, dass diese Behauptung aber prinzipiell nicht bewiesen werden konnte. Kurz gesagt, der Kollege von TAO hatte die falsche Frage gestellt. Er hätte wenigstens ›P≠NP?‹ wählen sollen.

Sie öffnete die Nachricht und überflog sie mit gerunzelter Stirn. Eine Reihe von Emails und Chataufzeichnungen waren angehängt, die von jemandem stammten, der angeblich dieses berühmte offene Problem gelöst hatte, und der Kollege von TAO wollte von ihr erfahren, ob da was dran war. Sie seufzte. Als ob das so einfach wäre! Natürlich prüfte sie solche Beweisversuche nicht zum ersten Mal und sie war in der Tat auch die richtige Ansprechpartnerin, weil sie die letzte Forschungsgruppe zu dem Thema geleitet hatte, bis die Versuche wieder einmal mangels Erfolg eingestellt worden waren. Sie kannte sämtliche angeblichen Beweise von P=NP, hatte schon dutzende wenn nicht gar hunderte gesehen, und natürlich hatten sich bisher alle als falsch erwiesen. Das Problem war nur leider, dass manche durchaus kompliziert sein konnten, und sie lieber bis zum nächsten Treffen der Algebraisierungsgruppe die Fachartikel gelesen hätte. Stattdessen durfte sie wieder einmal eine Liste von Punkten abarbeiten, die sie und ihre Mitarbeiter zusammengetragen hatten, um die Prüfung dieser Beweisversuche zu beschleunigen. Immerhin sprangen bei manchen Versuchen interessante Ansätze heraus, aber im Großen und Ganzen war diese Arbeit monoton, zumal das Ergebnis ihrer Meinung nach ohnehin feststand. Mathematiker von Rang und Namen, die tatsächlich glaubten, dass P gleich NP war, konnte man an einer Hand abzählen.

Bevor sie sich über die Exzerpte hermachte, besorgte sie sich in einer von mehreren Kantinen im Gebäude einen Becher Kaffee. Offene Getränke waren nicht gerne gesehen, immerhin enthielt einer der Rechner teure Spezialelektronik, die vielleicht sogar in der hauseigenen Chipfabrik hergestellt worden war, und in vielen Bereichen mit sensibler Technik war der Genuss von Getränken und Speisen streng verboten. Aber R12 war ja eine reine Forschungsabteilung, und noch dazu eine, die nichts mit Hardware am Hut hatte. Veronica rauchte nicht, ernährte sich im Vergleich zu so manch anderem, den sie kannte, sehr gesund und joggte regelmäßig, doch wie die meisten Kollegen hatte sie sich das unerklärliche, heftige, in regelmäßigen Abständen auftretende Verlangen nach Koffein niemals abgewöhnen können. Der Abteilungsleiter Colonel Lewis verstand die Bedürfnisse seiner Mitarbeiter. Wie er einmal bei einem Treffen angemerkt hatte, müsse man ihm seine Lieblingstasse mit dem NSA-Emblem – einem Adler, der das amerikanische Wappen als Schild vor der Brust trug – erst aus seinen kalten, toten Händen ringen, bevor man unter seiner Aufsicht ein Kaffeeverbot durchsetzen konnte. Er war in der Abteilung sehr beliebt.

Sie nahm einen Schluck und studierte die Aufzeichnungen. Das Datenmaterial erwies sich als dürftig. Der Kollege von TAO hatte nicht mehr als ein paar Emails mitgeschickt, deren Metadaten und Adressen automatisch entfernt und bereinigt worden waren, sowie zwei Konversationen aus einem Webforum, das Veronica nicht kannte, obwohl sie mit den meisten englischsprachigen Foren zur Mathematik vertraut war und sie gelegentlich überflog, ohne selbst Kommentare abzugeben. Das sah schon gleich nach einem typischen Fehlzünder aus, denn ernstzunehmende Forscher trieben sich selten auf Internetforen herum. Um in der Mathematik auf internationalem Niveau ganz vorne mit dabei zu sein, brauchte man Zeit, sehr viel Zeit, und musste jede Ablenkung vermeiden. Überhaupt war es ungewöhnlich, dass die Anfrage von TAO kam, statt wie üblich von einem Analytiker oder einer außenstehenden Agentur.

Sie seufzte und holte aus einem verschlossenen Aktenschrank die Checkliste, die sie selbst zusammen mit Kollegen in der ›Arbeitsgruppe Komplexität‹ entwickelt hatte. Diese Gruppe hatte sie vier Jahre lang geleitet, sie stellte den letzten ihr bekannten Versuch dar, das P=NP Problem zu lösen; der Höhepunkt einer Reihe solcher Projekte seit der Gründung der NSA im Jahr 1952, bei denen eine Menge interessanter Techniken und verbesserte Methoden zur Primfaktorisierung herausgesprungen waren und doch keiner dem Ziel nahegekommen war, einen Beweis zu finden. Die Liste fasste die Details zu drei bekannten Hürden zusammen, mit denen jeder Versuch zu kämpfen hatte, P≠NP und verwandten Sätzen der theoretischen Informatik zu beweisen. Ihrer Erfahrung nach stolperten über neunzig Prozent aller Beweisversuche über die drei Hürden auf dieser Liste. Sie arbeitete die beiden Emails durch, sie waren lang, doch es mangelte ihnen an Details, und merkte schnell, dass sie es mit einem begabten Profi zu tun hatte. Zumindest aus den angedeuteten Methoden ließ sich schließen, dass dem Autor die üblichen Probleme und die Varianten der drei Hürden, die in der zivilen Mathematik umliefen, bekannt waren. Die NSA hatte intern im Lauf der Jahrzehnte eine Menge zusätzliches Wissen angesammelt, sie selbst hatte rund zwei Jahre in Teilzeitarbeit gebraucht, um sich in das geheimgehaltene Material einzuarbeiten, doch auch diesem schienen die Versuche des Autors zumindest nicht direkt zu widersprechen, denn er kombinierte einige sehr ungewöhnliche Bereiche, fortgeschrittene Techniken aus der algebraischen Topologie und Methoden aus der theoretischen Physik, die mit Entropie und Thermodynamik zusammenhingen und die sie selbst weniger gut kannte. Außerdem versuchte er nicht P=NP direkt zu beweisen, was bei Laienversuchen fast immer zu Problemen führte, sondern hatte sich ein verwandtes Theorem zu randomisierten Algorithmen zum Ziel genommen, das schon allein von der Struktur her mehr Erfolg versprach. Je mehr sie von seinen Ausführungen las, desto mehr wunderte sie sich, ob sie den Autor vielleicht kannte. In den Aufzeichnungen war jeder Hinweis auf seinen Namen durch das Pseudonym ›HONIGDACHS‹ ersetzt worden, und sein Gesprächspartner hieß ›RUBIN‹. Wer war HONIGDACHS? Jedenfalls kein Dummkopf, dachte sie sich. Solche direkten Transkripte, die kaum redigiert worden waren, bekam sie selten zu Gesicht, und sie musste zugeben, dass von ihnen eine gewisse Faszination ausging. Aus den eher skeptischen Antworten von RUBIN schloss sie, dass er an einer Uni lehrte, der Wortwahl und dem Stil nach war er wohl ein junger amerikanischer Sprecher, ein Assistenzprofessor etwa, der an dem Thema arbeitete und oft Mails mit Beweisversuchen bekam. Er nahm HONIGDACHS ernst und bot ihm an, das Paper mit dem eigentlichen Beweis zu prüfen, was bei diesem Thema keine Selbstverständlichkeit war, und doch war ihm die Skepsis anzumerken. Enttäuscht stellte Veronica fest, dass die Konversation mit einem kurzen Austausch von Höflichkeiten und ein paar Tipps zum weiteren Vorgehen verfrüht endete. Den Beweisversuch selbst hatte HONIGDACHS nicht angehängt, und die Auszüge aus den Foren erwiesen sich als viel zu allgemein formuliert, um nennenswerte Hinweise zu liefern.

Veronica schürzte die Lippen, nippte an dem Rest ihres Kaffees, der längst kalt geworden war, und tippte schnell im Zehnfingersystem eine Antwort an den Kollegen: »Der Ansatz ist stimmig und könnte für uns von theoretischem Interesse sein. Erbitte weitere Daten, die TAO aufgezeichnet hat, NSANet und JWICS Cross-Links wenn vorhanden und falls autorisiert Angaben zur Identität von RUBIN und HONIGDACHS. Danke!«

Dann legte sie ein eigenes elektronisches Dossier auf dem streng geheimen Computersystem an, fügte die Email hinzu und druckte die relevanten Teile aus. Die Ausdrucke steckte sie in einen dafür vorgesehenen Umschlag, denn jedes Dokument musste außerhalb festgelegter Bereiche in einem solchen getragen werden, damit andere Mitarbeiter darauf keine unerwünschten Blicke werfen konnten. Innerhalb der Abteilung war das zwar eigentlich nicht nötig, aber sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, um nicht zurücklaufen zu müssen, falls sie doch einen brauchte.

Sie fand Chris Harris in seinem Büro, hätte sich den Umschlag also sparen können. »Herein!«, rief er wie üblich mürrisch, als sie klopfte. Er wirkte stets zornig, wenn man bei ihm anklopfte, weil er immer an einem interessanten Problem grübelte. Er war einer jener Mathematiker, die für ihre Arbeit lebten, sie wie Luft atmeten und nichts anderes im Sinn hatten. In der Mittagspause kritzelte er Formeln von Riemannsummen auf Servietten. Natürlich sah man es nicht gerne, dass Mitarbeiter außerhalb der geschützten Bereiche über ihre Tätigkeiten sprachen, geschweige denn Details hinterließen; aber Harris war gewissenhaft. Wenn er beim Essen Notizen machte, dann besorgte er sich einen Umschlag und entsorgte sie später im sicheren Papiermüll, der tagtäglich in der hauseigenen Verbrennungsanlage vernichtet wurde.

Sie trat ein und der eher dickliche Mann mit ergrautem Vollbart und Halbglatze sah über den Rand seiner Lesebrille hinweg zu ihr auf. Wie immer war sein Schreibtisch mit Akten und Artikeln zugemüllt, und wenn sie ehrlich sein sollte, konnte sich Veronica nicht vorstellen, dass er all den Kram jeden Abend im Aktenschrank verschloss. Andererseits war er dazu wohl gezwungen, sonst hätte ihn der Putzdienst bei der Sicherheitsabteilung angezeigt.

»Hast du einen Moment Zeit?«, erkundigte sie sich.

Er lächelte und wies auf den zweiten Stuhl, auf dem sich ein halbes dutzend Bücher aus der wahrscheinlich besten Bibliothek der Welt stapelten, was Mathematik, Informatik, Elektrotechnik, Elektronik und Kryptologie anging.

»Für meine Lieblingsmitarbeiterin doch immer! Leg die Bücher einfach auf den Boden, aber ändere die Reihenfolge nicht. Ich wollte sowieso mit dir über die Algebraisierungsgruppe sprechen. Ich glaube, es könnte sich eine Vereinfachung finden lassen, wie wir die Zahl der Variablen weiter reduzieren können. Auf 2a/√ [k2(n-1)].«

Sie runzelte die Stirn. Wenn er mit dieser Ankündigung recht hatte, dann bedeutete das eine erhebliche Verbesserung ihrer wichtigsten Methoden zum Angreifen von Blockchiffren. Die Programmierer von der zentralen Technik, die ihre Vorschläge auf die Großrechner und integrierten ASIC-Schaltkreise der NSA umsetzten, würden ihnen um den Hals fallen. Fortwährend suchte man nach Optimierungen, das war ihre Hauptarbeit in der Forschungsabteilung, denn die gigantischen Anlagen der Behörde kämpften mit einer immer größer werdenden Flut von verschlüsselten Daten, und nicht alle von ihnen ließen sich durch sogenannte Seitenkanalangriffe ohne eine tiefergehende Kryptanalyse knacken. Traditionelle Angriffe auf die Chiffren selbst waren noch längst nicht unbedeutend geworden, da irrten sich die zivilen Kryptanalytiker mächtig und die NSA tat ihr Bestes, sie in diesem Glauben zu belassen. Leider knabberten direkte Angriffe auf Verschlüsselungssysteme jedoch ausgesprochen an den stets begrenzten Ressourcen der Behörde. Die NSA-Rechner zogen schon jetzt die fast die Hälfte des Stroms von Maryland und Utah und verbrauchten täglich unvorstellbare Mengen Kühlwasser.

»Das klingt toll, aber es gibt etwas anderes, was du dir anschauen solltest.«

Sie legte den Umschlag auf den Tisch. Chris sah hinein und studierte die Emails. Nachdem er sie überflogen hatte, warf er sie achtlos beiseite und seufzte. »Ach! Olle Kamellen. Wieder ein Spinner, der P=NP bewiesen haben will ...«

Sie lächelte neckisch. Er war nicht bloß ihr Mentor, der sie gegen Kritiker und Frauenfeinde unter seine Fittiche genommen hatte, sie waren im Lauf der Jahre auch Freunde geworden. Nicht im privaten Sinn, über sein Privatleben wusste sie nur wenig Bescheid, wusste lediglich, dass er seit Jahren an einer Blockhütte in den Bergen bastelte, verheiratet war und zwei Kinder hatte, die beide nicht für die NSA arbeiteten. Was die Arbeit anging, hatte sie jedoch von Anfang die Liebe zur Mathematik verbunden. Sie waren beide gleichermaßen besessen, Chris wohl noch mehr als sie. Er hatte das Potenzial in ihr sofort erkannt, als sie gerade erst aus der Kryptologieschule in die Abteilung gekommen war, und im Lauf der Jahre hatte dieses geteilte Interesse zu einer Freundschaft geführt, die ihrer Meinung nach tiefer als mit allen anderen Kollegen ging. Sie war sich sicher, dass er ebenso dachte.

»Da könnte was für uns herausspringen. ›Man kann aus jedem Fehler lernen‹ - O-Ton Christopher F. Harris, Leiter von R12, der besten Forschungsabteilung im Palast.«

Ihr Chef grinste, wurde aber gleich wieder ernst. »Ein hervorragendes Zitat, aber, wie du weißt, lenken uns diese fehlerhaften Beweise auch mächtig von der täglichen Arbeit ab. Von welchem Kunden stammt denn das IN?«

Mit ›IN‹ war die Anfrage gemeint, und es war üblich, sämtliche externen Partner als Kunden zu bezeichnen. Die NSA verstand sich als reine Serviceagentur. Die CIA, das FBI oder das Heimatschutzministerium stellte den Antrag auf eine Auskunft, das ›IN‹, die NSA prüfte ihn und lieferte, sofern keine Geheimhaltungsgründe dagegensprachen, die Antwort zurück. So jedenfalls bevorzugte man die Zusammenarbeit in der Agentur. Erst nach dem 11. September hatte sich dieser Aufbau etwas geändert, seitdem versorgte die NSA andere Dienste in begrenztem Umfang auch mit Rohdaten, jedoch nur sehr ungern.

Veronica zuckte mit den Schultern. »Anscheinend von TAO, aber die machen ja nichts von sich aus.«

»Hm, komisch«, murmelte Harris und warf erneut einen Blick auf die Beweisskizzen, die in den Emails bloß angedeutet wurden. »Du hast recht, das sieht schon interessant aus.«

»Ich habe um mehr Informationen gebeten und eine Akte angelegt. Sie trägt den Namen ›SCHNEEFLOCKE‹.«

Harris kicherte in seinen Bart. »Ich weiß ja nicht, wer sich dieses System ausgedacht hat, das diese Kürzel liefert, aber eines Tages finde ich’s heraus und stelle ihn zur Rede. Also gut, Operation SCHNEEFLOCKE. Ich geb sie an Colonel Lewis weiter. Sag Bescheid, falls du was Interessantes bekommst. Ansonsten schließen wir den Vorgang in ein, zwei Wochen wieder. Einverstanden?«

Sie lächelte. So sehr ihm auch dieses P=NP Thema auf die Nerven ging, nachdem die NSA es innerhalb von fast achtzig Jahren nicht geschafft hatte, mit dem Beweis oder Gegenbeweis echte Fortschritte zu machen, er besaß doch ein untrügliches Gespür für mathematische Ansätze, und eben dasselbe Gefühl hatte sie dazu gebracht, die Anfrage nicht einfach negativ zu beantworten und wegzulegen. »Alles klar, ich klopfe an deine Tür, wenn sich was Spannendes ergibt.«

Mit diesen Worten winkte sie ihm zu, er wandte sich wieder dem Problem zu, mit dem er sich beschäftigt hatte, und sie wusste, dass er nicht aufhören würde, daran herumzuknobeln, bis er zumindest den Ansatz einer Lösung gefunden hatte. Veronica machte sich zurück an die Arbeit für die Algebraisierungsgruppe, und weil von TAO erst einmal keine Antwort mehr kam, vergaß sie den Vorfall nach ein paar Tagen.

Moritz Blau hat einen schlechten Tag

Moritz Blau war bei seinen Kollegen beliebt. So mancher Programmierer war selbstgelernt oder miserabel ausgebildet, andere arrogant oder schwer ins Team zu integrieren, ihn hingegen mochten alle, er war umgänglich, vernünftig, lud keinen Müll ins Git-Verzeichnis hoch, in dem die Änderungen am Entwicklungsprojekt verwaltet wurden, und man hielt ihn für ausgesprochen kompetent. Sie programmierten größere Projekte, Software für mittelständische Unternehmen mit vielen Schnittstellen zu bestehenden System und Datenbanken, und in letzter Zeit sogar mit Apps für Android und iOS Handys, da konnte man sich keine schwarzen Schafe und Mimosen leisten, die kryptische Programme schrieben oder ihre Funktionen nicht dokumentierten. Er jedenfalls machte keine solche Schwierigkeiten, alle auf Arbeit mochten ihn, und auch was sein Privatleben anging, konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, sich jemals irgendwelche Feinde gemacht zu haben. Die Zeiten, zu denen er mit seinem besten Freund Alex auf Counterstrike-Servern Scherze getrieben und getrollt hatte, waren längst vorbei, und er war nicht der Typ, der sich im Internet herumtrieb, um andere zu beschimpfen.

Um so schockierter war Moritz daher, als er nach Hause kam und die Wohnung in einem Zustand vorfand, als habe in ihr ein Tornado gewütet. Alle Schränke und Schubladen waren aufgerissen, ihr Inhalt auf dem Fußboden verstreut, Matratzen und Bettzeug aufgeschnitten, dass der Schaumstoff herausquoll und jeden Quadratzentimeter des Schlafzimmers bedeckte, ja selbst die Küche hatten sie nicht ausgelassen. Geschirr und Töpfe lagen herum, zusammen mit aufgeplatzten Reistüten und Cornflakes, und die Schränke standen sperrangelweit offen.

Kathrin stürmte auf ihn zu, als er eintrat. »Moritz, was bin ich froh, dass du zurück bist! Ich habe versucht, dich zu ereichen und du bist nie rangegangen.«

Sie schien geweint zu haben und fiel ihm um den Hals. Er tätschelte ihr etwas unbeholfen über den Rücken, das ungewohnte Ambiente beschäftigte ihn. Seine Mutter behauptete immer, er litte unter einem Asperger Syndrom, aber das war Schwachsinn. Er hatte nur eben die Angewohnheit, sich auf jeweils nur eine Aufgabe zu konzentrieren, war kein guter Multitasker, und an diesem Abend prasselten die Eindrücke zu schnell auf ihn ein.

»Herr Blau? Moritz Blau? Erkundigte sich ein Schutzpolizist in Uniform und stiefelte über einen Berg Schuhe und Winterklamotten, den die Einbrecher feinsäuberlich über den Gang verstreut hatten, der die drei Zimmer der Wohnung mit dem Bad und der Küche verband.

»Ja?«

»Ihre Freundin hat uns gerufen. Sie sind der Hauptmieter, ja?«

»Ja ja. Was ist denn passiert? Kathrin, du hast die Einbrecher doch hoffentlich nicht überrascht?«

»Nein, nein, zum Glück nicht. Gute Güte, ich war bloß zwei Stunden an der Uni, wieso brechen die ausgerechnet bei uns ein?«

»Herr Blau«, hakte der Polizist nach. »Wir müssen sie bitten, die Wohnung noch in diesem Zustand zu lassen. Die Kollegen von der Kriminalpolizei kommen gleich und möchten sicher Fotos machen und nach Fingerabdrücken suchen.«

»Oh ja, natürlich. Mein Gott, Einbrecher, hier in Pasing? Kommt das denn oft vor?«

»Leider immer wieder, Herr Blau. Das sind meistens professionelle Banden.«

Eine Polizistin mit blonden, zum Zopf gebundenen Haaren kam aus dem Wohnzimmer. »Sieht so aus, als ob die Elektrogeräte mitgenommen haben, da stecken noch Kabel und Netzteile in der Steckdose.«

»Oh Scheiße!«, fluchte Moritz und stellte in dem Verhau seine Umhängetasche ab. Er hatte sich gerade erst einen nagelneuen PC gekauft, einen verdammt schnellen Desktoprechner, den er für seine Hobbyprojekte verwandte. Kathrin war dagegen gewesen, der Computertisch ging bei Besuch im Weg um, störte ihr ästhetisches Empfinden, und ihrer Meinung nach hätte ein neuer Laptop auch gereicht. Aber er hatte den Kauf Kraft seiner Autorität als studierter Informatiker mit der Notwendigkeit gerechtfertigt, größere Opensourceprogramme in C++ kompilieren zu müssen, was eine Menge Rechenpower erforderte. Von der mächtigen und nicht gerade billigen Grafikkarte hatte er ihr allerdings nichts erzählt. In Wahrheit hatte er vorgehabt, mal wieder mit Alex online Spiele zu zocken. Er wohnte ebenfalls in Pasing, gar nicht weit weg von ihrer neuen Wohnung, aber Moritz sah ihn viel zu selten, und es war schon immer einfacher gewesen, seinen verschrobenen Freund online zu treffen. Manchmal trauerte er den alten Zeiten nach, als er noch Single gewesen war und sich mit Alex und anderen Freunden in diversen Teams die Nächte um die Ohren geschlagen hatte. Nun gut, diesen Versuch, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen, konnte er erst mal vergessen; ein kurzer Blick ins Wohnzimmer bestätigte den Verdacht. Natürlich hatten die Einbrecher das tolle neue Gerät mitgenommen, sonst wären sie ja auch schön dumm gewesen, denn von all den Sachen in ihrer Wohnung war der PC zweifelsohne der wertvollste.

»So ein Saustall«, kommentierte Kathrin den Verhau. »Wir werden tagelang aufräumen müssen. Tut mir wirklich leid mit deinem Computer ...«

»Haben sie eine Hausratversicherung? Haben sie ihre Wertgegenstände aufgelistet?«, erkundigte sich die Polizistin, die ihnen gefolgt war. Sie trug Handschuhe, so professionell war die Schutzpolizei immerhin, schien sich für den Einbruch aber nicht allzu sehr zu interessieren.

»Ich weiß nicht«, murmelte Moritz, noch immer ein wenig benommen. Wie sehr sich die vertraute Umgebung doch änderte, wenn man bloß alles auf den Boden warf. Er hatte gar nicht das Gefühl, in seiner eigenen Wohnung zu sein.

»Ja, wir haben die Einzugsliste vom Umzug«, erklärte Kathrin an seiner Stelle. »Und ich glaube, die Versicherung zahlt die Schäden. Die Rechnungen haben wir ja auch, oder Moritz?«

»Oh klar«, bestätigte Moritz und dann fiel ihm ein, dass er die Rechnung für den PC als PDF auf dem Gerät selbst gespeichert hatte. Aber wenigstens war er mit dem Überspielen der Daten noch nicht fertig geworden, er hatte also die Back-ups von seiner alten Maschine und konnte nicht viel Arbeit verloren haben. Er arbeitete nämlich an einem Retro-Spiel, einem Jump&Run Plattformspiel wie aus den Achtzigerjahren und hatte schon eine Menge Zeit in die Engine investiert, die für die Grafik zuständig war. Ein kurzer Blick in die offene Umzugskiste jedoch sorgte für Ernüchterung: Die Festplatten mit den Sicherheitskopien hatten sie ebenfalls eingepackt. Glücklicherweise zog er auch Online-Back-ups, nur nicht so regelmäßig. Mehrere Wochen Arbeit in seiner spärlichen Freizeit waren futsch.

Er schüttelte ungläubig den Kopf. »Oh Mann. Warum ausgerechnet bei uns? Sehen wir etwa reich aus?«

Kathrin legte den Arm um seine Hüfte und tröstete ihn: »Die Versicherung zahlt bestimmt. Wir kaufen dir einen neuen Computer und in zwei Wochen ist die Sache vergessen.«

»Ein besseres Schloss würde ich ihnen auch empfehlen«, fügte der erste Polizist hinzu. »Die haben anscheinend keine Probleme gehabt, es zu knacken.«

Jemand klopfte an der offenstehenden Außentür und trat ohne weitere Nachfragen ein. Moritz sah nach und stand einem etwa Ende fünfzig Jahre alten, leicht untersetzten Mann mit Schnauzbart in dunklem Wintermantel und Schal gegenüber, der ihn an seinen ehemaligen Mathelehrer erinnerte. Hinter ihm zwängte sich ein jüngerer, etwa Anfang dreißigjähriger Mann in Jeans und Bomberjacke durch die Tür. Er war sehr hager, wirkte im Gegensatz zum anderen relativ sportlich und trug eine schwarze Wollmütze. Einen Augenblick dachte Moritz, die Diebe seien zurückgekommen, bevor sich der ältere vorstellte: »Herr Blau?«

Er nickte.

»Ich bin Kriminalhauptkommissar Fischer und das ist mein Kollege Kommissar Rauch vom Dezernat für Einbruch und Bandenkriminalität. Wir sind doch hier richtig?«

Er hielt ihm einen Dienstausweis vor die Nase, der erstaunlich leicht fälschbar aussah, und Moritz fragte sich, wie er überhaupt die Authentizität des Dokuments feststellen sollte. Aber er zog es sowieso gleich wieder weg, steckte es ein, und wandte sich mit dem typischen Singsang eines gebürtigen Münchners an die Polizistin. »Die Rumänen?«

Diese zuckte mit den Schultern. »Eher nicht, die haben alles durchgewühlt und komischerweise trotzdem nur die Computer mitgenommen.«

»Sie sehen gar nicht wie ein Kommissar aus«, meinte Moritz ein, der doch rein interessehalber gerne noch einmal den Dienstausweis gesehen hätte.

»Das ist der Sinn der Sache, Herr Blau«, erwiderte der Mann und hustete schrecklich. »Entschuldigung, hatte eine Erkältung. Also, was haben sie denn mitgenommen?«

»Meinen neuen Computer und alle Sicherheitskopien.«

Der Kommissar ignorierte die Antwort, schien daran gar nicht interessiert zu sein, und untersuchte stattdessen das Schloss. Sein Kollege, der selbst wie ein Kleinkrimineller aussah, trampelte derweilen mit ungeputzten Winterstiefeln auf Kathrins Jacken herum, die mitsamt des Kleiderständers auf dem Boden lagen.

»Herr Blau, haben sie irgendwo Zweitschlüssel hinterlegt? Bei Nachbarn oder Freunden?«

»Nein, nur ich und Kathrin haben jeweils einen Schlüssel. Und der Vermieter, Herr Schmiedmeier, schätze ich.«

»Schmiedmeier heißt der, ja?«, hakte der Kommissar nach. Er schlurfte, ebenfalls mit schmutzigen Schuhen ins Wohnzimmer, während sein Assistent mit einer kleinen, ziemlich billig aussehenden Kamera von der Tür und dem Eingangsbereich Fotos machte. Er grüßte Kathrin und den anderen Polizisten, der ihm ein Klemmbrett mit einem Protokoll reichte. Kommissar Fischer studierte die Notizen und runzelte die Stirn. »Frau ... » Er las ab. »Frau Lange. Also ein PC ist mitgenommen worden, den sie gerade erst gekauft haben, und einige externe Festplatten. Haben sie sonst noch irgendwelche Wertgegenstände im Haus gehabt?«

Kathrin wirkte irritiert, und Moritz wusste warum. Sie regte sich über die Spur aus nassem Schneematsch auf, die der Kommissar und sein Kollege durch ihre Wohnung legten, und fragte sich, ob sie ihm die Leviten lesen sollte. Sie entschied sich angesichts der Umstände dagegen. »Etwas Bargeld in der Küche, für Einkäufe, einen Fernseher und solche Sachen. Meinen Laptop hatte ich dabei, ich war an der Uni.«

Der Kommissar musterte den Flachbildfernseher in der anderen Ecke des Wohnzimmers, der weiterhin an seinem angestammten Platz neben der Couchnische am Fenster thronte, auf die Kathrin bestanden hatte. Moritz selbst fand sie ein bisschen spießig, aber sie war gemütlich, und die Ikeacouch mit hellbeigen Polstern und hellem Holz sah immerhin nicht ganz so altbacken aus. Sie hatten sie zusammen gekauft und liefern lassen, sich jedoch den Aufbauservice gespart. Fast einen Tag lang hatte er herumgeschuftet, bis er das Stück endlich zusammengeschraubt hatte.

»Komisch, dass sie nur den neuen Computer mitgenommen haben, den Fernseher aber stehengelassen haben.«

»Vielleicht hatten sie in ihrem Auto keinen Platz mehr?«, mutmaßte Kathrin.

Der Kommissar hustete schrecklich, rotzte in ein bereits benutztes Taschentuch, und antwortete erst dann gemächlich: »Diese Banden, die für neunzig Prozent der Wohnungseinbrüche in München und Umgebung verantwortlich sind, kommen normalerweise mit einem LKW, der groß genug ist, um alles einzupacken. Sonst wär es das Risiko nicht wert.«

»Sagen sie mal, sollten sie nicht Fingerabdrücke nehmen? Kommt die Spurensicherung noch?«, mischte sich Moritz ein.

Der hagere Assistent des Kommissars gluckste in sich, ihn schien die Bemerkung köstlich zu amüsieren. Sein Chef hingegen blieb zumindest ernst, er wirkte eher gelangweilt und leierte eine Antwort herunter, die er vermutlich schon hundertmal gegeben hatte: »Bei Wohnungsgeinbrüchen lohnt sich das kaum, die Einbrecher tragen entweder Handschuhe oder sie sind arme Junkies, die wir dann erwischen, wenn sie die Wertgegenstände verhökern. Die Profis fahren die Beute sowieso direkt ins Ausland, da ist die Aufklärungsquote leider niedrig.«

Die beiden fragten sie noch eine Weile aus, nachdem die Streifenpolizisten schon wieder abgezogen waren, und Moritz kam sich mit jeder Minute mehr wie ein Beschuldigter vor. Als Kommissar Fischer sich dann mehrmals laut seinem Kollegen gegenüber wunderte, dass die Wohnungstür gar nicht aufgebrochen war, konnte er seinen Zorn nicht mehr bändigen und wollte wissen, ob denn nun sie die Verdächtigen seien. Der Kriminalpolizist beschwichtigte ihn, wies darauf hin, dass möglicherweise ein Zweitschlüssel gestohlen worden sei, und schon ein paar Minuten später zogen die beiden wieder ab. Zum Abschied erklärte er ihnen noch einmal, dass die Aufklärungsquote sehr gering war und sie am besten gleich eigene Fotos machen und mit der Versicherung sprechen sollten, wenn sie einen Teil ihrer Ausgaben für den PC überhaupt je wiedersehen wollten. Er warnte sie, dass die Versicherungsgesellschaft möglicherweise ihre eigenen Nachforschungen anstellen würde, und er und sein Kollege machten ich auf den Weg. Die ganze ›Untersuchung‹ hatte nicht länger als zwanzig Minuten gedauert.

»So ein Arschloch«, kommentierte Kathrin den Abgang der beiden lustlosen Polizisten. »Er glaubt, dass wir die Versicherung betrügen wollen! Wer kauft denn einen neuen Computer, und behauptet dann, er sei ihm gestohlen worden?«

Moritz zuckte mit den Schultern. Er hätte sich zumindest erhofft, die beiden nähmen ein paar Fingerabdrücke ab, statt mit bloßen Händen durch ihre Sachen zu wühlen und den Schneematsch in die Wohnung zu tragen, aber er konnte dem Kommissar kaum verübeln, den Verdacht angedeutet zu haben. So lief das doch, man musste mögliche Täter nervös machen; jedenfalls war das so in den Krimi-Serien, die er kannte. »Er hat ja recht. Gut, dass wir eine Hausratsversicherung abgeschlossen haben. Wir sollten wirklich schnell bei der Versicherung anrufen, damit alles seine Ordnung hat. Und was diese Andeutung angeht: Wir haben ja keinen Betrug angezettelt, also kann uns das egal sein. Die Versicherungsgesellschaft soll ruhig nachforschen, Hauptsache ich bekomme wenigstens einen Teil von den Kosten zurückerstattet.«

»Trotzdem unerhört, finde ich.«

Sie schossen ein paar Schnapsschüsse mit ihren Telefonen und machten sich dann gemeinsam an die unrühmliche Aufgabe, den Saustall wieder aufzuräumen. Dabei ging Moritz die Tatsache nicht mehr aus dem Kopf, dass die Wohnungstür keinerlei Einbruchsspuren aufwies. Schon die Schutzpolizistin hatte ihnen erklärt, dass auch Schlosserwerkzeuge normalerweise an der Außenseite des Schlosses Kratzer hinterließen, von denen in diesem Fall nichts zu sehen gewesen war, und sie hatte den Mechanismus sogar mit einer Taschenlampe untersucht, die UV-Licht ausstrahlte. Die beiden ›Experten‹ von der Kripo waren da weit weniger professionell vorgegangen. Moritz nahm sich vor, gleich am nächsten Morgen oder vielleicht noch diesen Nachmittag das Schloss gegen ein komplett neues, sichereres austauschen zu lassen.

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