Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2009

P.S. Ich liebe Dich E-Book

Cecelia Ahern  

4.5531914893617 (94)

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung P.S. Ich liebe Dich - Cecelia Ahern

Holly und Gerry hatten einen einfachen Plan: Sie wollten ihr ganzes Leben zusammenbleiben. Cecelia Ahern schreibt so tief berührend über Liebe und Trauer und dabei so lebendig über das Glück, wie wir es noch nie gelesen haben.

Meinungen über das E-Book P.S. Ich liebe Dich - Cecelia Ahern

E-Book-Leseprobe P.S. Ich liebe Dich - Cecelia Ahern

Cecelia Ahern

P.S. Ich liebe Dich

Roman

Roman

Aus dem Englischen von Christine Strüh

FISCHER E-Books

Inhalt

EinsZweiDreiVierFünfSechsSiebenAchtNeunZehnElfZwölfDreizehnVierzehnFünfzehnSechzehnSiebzehnAchtzehnNeunzehnZwanzigEinundzwanzigZweiundzwanzigDreiundzwanzigVierundzwanzigFünfundzwanzigSechsundzwanzigSiebenundzwanzigAchtundzwanzigNeunundzwanzigDreißigEinunddreißigZweiunddreißigDreiunddreißigVierunddreißigFünfunddreißigSechsunddreißigSiebenunddreißigAchtunddreißigEpilog

Eins

Holly drückte den blauen Baumwollpulli fest ans Gesicht. Als ihr der vertraute Geruch in die Nase stieg, war es wie ein Schlag in den Magen. Ein überwältigender Schmerz packte ihr Herz, ihr Nacken kribbelte, und plötzlich hatte sie einen Kloß im Hals, der sie fast zu ersticken drohte. Panik machte sich breit. Abgesehen vom leisen Summen des Kühlschranks und vom Knacken der Heizungsrohre war es still im Haus. Sie war allein. Ihr kam die Galle hoch, und sie rannte ins Badezimmer, wo sie vor der Toilette in die Knie ging.

Gerry war fort, und er würde nie wiederkommen. Das war die Realität. Nie mehr würde sie die Finger durch seine weichen Haare gleiten lassen, nie mehr mit ihm über einen Witz lachen, den nur sie beide verstanden, nie mehr würde sie sich bei ihm verkriechen können, wenn sie von der Arbeit nach Hause kam und dringend jemanden brauchte, der sie in den Arm nahm. Nie mehr würde sie mit ihm in einem Bett schlafen, nie mehr von seinen morgendlichen Niesanfällen geweckt werden, nie mehr mit ihm herumalbern, bis ihr der Bauch wehtat vor Lachen, nie mehr mit ihm darüber streiten, wer aufstehen und das Schlafzimmerlicht ausmachen musste. Nichts war geblieben außer einem Bündel Erinnerungen und seinem Bild in ihrem Kopf, das jeden Tag blasser wurde.

Sie hatten einen ganz einfachen Plan gehabt: Sie wollten für den Rest ihres Lebens zusammenbleiben. Ein Plan, den eigentlich jeder für durchführbar gehalten hatte, denn alle wussten, dass Holly und Gerry beste Freunde, Geliebte und Seelenverwandte waren, dazu bestimmt, ein Paar zu sein. Doch dann beschloss das Schicksal, diesen Plan zu durchkreuzen.

Viel zu schnell war das Ende gekommen. Nachdem Gerry ein paar Tage über Migräne geklagt hatte, war er widerstrebend Hollys Rat gefolgt und zum Arzt gegangen, am Mittwoch in der Mittagspause. Sie waren davon ausgegangen, dass es an Stress oder Müdigkeit lag, schlimmstenfalls daran, dass er eine Brille brauchte. Das mit der Brille hatte Gerry überhaupt nicht gefallen. Aber er hätte sich darüber keine Sorgen machen müssen, seine Augen waren nämlich vollkommen in Ordnung. Doch in seinem Gehirn wuchs ein Tumor.

 

Die Fliesen waren eiskalt. Mit zitternden Händen betätigte Holly die Spülung und stand schwankend auf. Gerry war dreißig Jahre alt geworden. Gut, er war vielleicht nicht der gesündeste Mensch der Welt gewesen, aber doch gesund genug, dass er … na ja, dass er davon ausgehen konnte, ein normales Leben zu führen. Als er dann todkrank war, machte er tapfer Witze darüber, dass er nicht immer so auf Nummer sicher hätte gehen sollen. Er hätte Drogen nehmen, viel mehr trinken und reisen sollen, aus einem Flugzeug springen und sich dabei die Beine rasieren … die Liste ließ sich endlos fortsetzen. Ja, er scherzte darüber, aber Holly konnte das Bedauern in seinen Augen sehen – das Bedauern darüber, dass er für so vieles nie Zeit gehabt, dass er so viele Orte der Welt nie gesehen hatte. Er trauerte um seine Zukunft, all die Erfahrungen, die er gerne noch gemacht hätte. Ob er auch das Leben bedauerte, das er zusammen mit Holly gehabt hatte? Zwar zweifelte sie nie daran, dass er sie liebte, aber vielleicht meinte er ja, dass er Zeit verschwendet hatte.

Plötzlich wurde das Älterwerden etwas Erstrebenswertes, statt wie früher als unangenehme, unvermeidliche Perspektive am Horizont zu schweben. Wie vermessen sie gewesen waren, dass sie es nie als Leistung und Herausforderung angesehen hatten, alt zu werden!

Schluchzend wanderte Holly von einem Zimmer zum nächsten, und dicke Tränen liefen ihr über die Wangen. Ihre Augen waren rot und brannten, doch die Nacht schien kein Ende nehmen zu wollen. In keinem Zimmer fand sie Trost. In der verhassten Stille blickte sie um sich und erwartete halb, dass die Couch die Arme nach ihr ausstrecken würde. Aber selbst die schien sie zu ignorieren.

So würde ich Gerry überhaupt nicht gefallen, dachte sie, holte tief Atem, wischte sich die Augen und versuchte, wieder zur Vernunft zu kommen. Nein, Gerry wäre ganz und gar nicht mit ihr zufrieden, wenn sie sich so gehen ließ.

 

Am nächsten Tag sah man ihr an, dass sie die ganze Nacht geweint hatte. Wie so oft in den letzten Wochen war sie irgendwann in den frühen Morgenstunden vor Erschöpfung eingeschlafen. Völlig verspannt erwachte sie dann, immer auf einem anderen Möbelstück. Meistens weckte sie ein Anruf von einem besorgten Freund oder Familienmitglied. Wahrscheinlich dachten sie alle, sie würde nichts anderes tun als schlafen. Aber warum rief niemand an, wenn sie ziellos wie ein Zombie durchs Haus streifte und die Zimmer absuchte nach … ja, wonach eigentlich? Was hoffte sie denn zu finden?

»Hallo?«, meldete sie sich benommen. Vom Weinen war ihre Nase ständig verstopft, aber sie hatte schon lange aufgehört, für irgendjemanden eine tapfere Miene aufzusetzen. Ihr bester Freund war nicht mehr da, da half kein Make-up, keine frische Luft, kein Einkaufsbummel – nichts davon konnte das schwarze Loch in ihrem Herzen füllen.

»Oh, tut mir Leid, Liebes, hab ich dich geweckt?«, kam die besorgte Stimme von Hollys Mutter aus dem Hörer. Immer die gleiche Frage. Ihre Mutter rief jeden Morgen an, um zu sehen, ob Holly eine weitere einsame Nacht überlebt hatte. Zwar hatte sie immer Angst, ihre Tochter zu wecken, aber andererseits war sie jedes Mal erleichtert, dass Holly noch atmete und den Geistern der Nacht einmal mehr getrotzt hatte.

»Nein, ich hab sowieso nur noch gedöst. Ist schon okay.« Auch die Antwort war stets die gleiche.

»Dein Dad und Declan sind nicht da, und ich hab an dich gedacht, Liebes.« Warum stiegen ihr beim Klang dieser sanften, mitfühlenden Stimme immer die Tränen in die Augen? Sie konnte sich das Gesicht ihrer Mutter vorstellen, die Stirn in sorgenvolle Falten gelegt. Aber das tröstete sie nicht. Es machte ihr nur noch deutlicher, warum sich alle Sorgen machten. Es war nicht richtig! Alles sollte normal sein! Gerry sollte neben ihr sitzen, die Augen verdrehen und versuchen, sie zum Lachen zu bringen, während ihre Mutter plapperte. Wie oft hatte Holly ihm den Hörer in die Hand gedrückt, wenn sie selbst einen Lachkoller bekam. Dann sprach er weiter, als wäre nichts passiert, und ignorierte Holly, die ums Bett herumhopste und Grimassen schnitt, um ihn abzulenken. Aber das funktionierte äußerst selten.

Mit viel »Hmm« und »Aha« mogelte sie sich irgendwie durch das Gespräch, ohne wirklich etwas mitzubekommen.

»Es ist wunderschön draußen, Holly. Ein Spaziergang würde dir bestimmt gut tun. Ein bisschen frische Luft.«

»Hmm, kann schon sein.« Da war sie wieder, die Antwort auf alle Probleme.

»Vielleicht ruf ich später noch mal an, dann können wir in Ruhe plaudern.«

»Lass, Mum, danke. Mir geht’s gut.«

Schweigen.

»Na schön, dann … dann ruf mich einfach an, wenn du es dir doch anders überlegst. Ich hab den ganzen Tag Zeit.«

»Okay.«

Erneutes Schweigen.

»Trotzdem vielen Dank.«

»Gut … pass auf dich auf, Liebes.«

»Mach ich.« Gerade wollte Holly auflegen, als ihre Mutter noch einmal ansetzte.

»Oh, Holly, fast hätte ich es vergessen. Hier liegt immer noch der Umschlag für dich, du weißt schon. Vielleicht möchtest du ihn abholen, er liegt jetzt schon seit Wochen hier. Vielleicht ist es was Wichtiges.«

»Kann ich mir nicht vorstellen. Da ist bloß wieder eine Karte drin.«

»Nein, das glaube ich nicht, Liebes. Es steht etwas drauf … Moment mal, ich hole ihn schnell … «

Der Hörer wurde weggelegt, man hörte Schritte über die Fliesen zum Tisch klappern, Stühle scharrten, dann wurden die Schritte wieder lauter, das Telefon wurde aufgenommen …

»Bist du noch da?«

»Ja.«

»Okay, hier steht: ›Die Liste‹. Vielleicht von deiner Arbeit oder so.«

Holly ließ den Hörer sinken.

Zwei

»Gerry, mach das Licht aus!« Kichernd sah Holly ihrem Mann beim Ausziehen zu. Er tanzte im Zimmer herum, als wollte er einen Striptease vorführen, und knöpfte sich ganz langsam mit seinen langen, schmalen Fingern das Hemd auf. Dann zog er die linke Augenbraue hoch, fixierte Holly, ließ das Hemd von der Schulter rutschen, fing es mit der rechten Hand auf und schwenkte es über dem Kopf.

Wieder musste Holly kichern.

»Das Licht ausmachen? Damit du das alles verpasst?« Er grinste frech und ließ seine Muskeln spielen. Holly fand, dass er allen Grund gehabt hätte, eitel zu sein, was er zum Glück nicht war. Sein Körper war kräftig und gut proportioniert, mit langen, muskulösen Beinen – Ergebnis der Stunden im Fitnessstudio. Zwar war er mit seinen eins sechsundsiebzig nicht sehr groß, aber doch groß genug, dass Holly sich mit ihren eins zweiundsechzig neben ihm sicher fühlte. Sie liebte es, dass ihr Kopf genau bis unter sein Kinn reichte, wenn sie sich umarmten. Dann spürte sie, wie sein Atem leise durch ihre Haare strich und sie am Kopf kitzelte.

Ihr Herz tat einen Sprung, als er seine Boxershorts herunterzog, mit den Zehenspitzen auffing und zu Holly hinüberschleuderte. Die Unterhose landete auf ihrem Kopf.

»Na ja, wenigstens ist es hier drunter etwas dunkler«, prustete sie. Er schaffte es immer, sie zum Lachen zu bringen. Wenn sie müde und verärgert von der Arbeit nach Hause kam, hatte er immer ein offenes Ohr für ihr Gejammer. Sie stritten sich selten, und wenn doch, dann ging es meistens um irgendwelche blöden Kleinigkeiten, über die sie später lachen mussten. Wer den ganzen Tag das Verandalicht angelassen hatte zum Beispiel, oder wer abends vergessen hatte, den Wecker zu stellen.

Gerry beendete seinen Striptease und hechtete ins Bett. Dort kuschelte er sich an sie und stopfte seine eiskalten Füße unter ihre Beine, um sie aufzuwärmen. »Iiiih! Gerry, du hast ja Eisklötze statt Füße!« Sie wusste ganz genau, dass er in dieser Position nicht gewillt war, sich auch nur einen Zentimeter vom Fleck zu rühren. »Gerry«, sagte sie mit warnender Stimme.

»Holly«, äffte er sie nach.

»Hast du nicht was vergessen?«

»Nicht dass ich wüsste«, antwortete er frech.

»Und was ist mit dem Licht?«

»Ach ja, das Licht«, meinte er schläfrig und fing laut an zu schnarchen.

»Gerry!«

»Gestern Abend musste ich aufstehen und es ausmachen, das weiß ich noch genau.«

»Ja, aber du hast vor einer Sekunde noch direkt neben dem Lichtschalter gestanden.«

»Ja … vor einer Sekunde«, wiederholte er müde.

Holly seufzte. Sie hasste es, wieder aufstehen zu müssen, wenn sie es sich im Bett schon richtig gemütlich gemacht hatte. Man musste über den kalten Holzfußboden zum Lichtschalter und dann im Dunkeln wieder zurücktapsen. Sie brummelte vorwurfsvoll.

»Ich kann das nicht jeden Abend für dich erledigen, weißt du, Holly. Vielleicht bin ich irgendwann nicht mehr da, und was dann?«

»Dann schick ich meinen neuen Mann los«, gab Holly von oben herab zurück, während sie versuchte, seine kalten Füße wegzuschieben.

»Ha!«

»Oder ich vergesse einfach nicht mehr, das Licht auszumachen, bevor ich ins Bett krieche.«

Gerry schnaubte. »Das halte ich für nicht sehr wahrscheinlich, meine Liebste. Da müsste ich schon einen Zettel am Lichtschalter hinterlassen, bevor ich dahinscheide.«

»Wie rücksichtsvoll von dir. Aber es wäre mir lieber, du würdest mir dein Geld hinterlassen.«

»Und einen Zettel auf der Heizung«, fuhr er unbeirrt fort.

»Ha, ha.«

»Und einen auf der Milchpackung.«

»Du bist wirklich sehr komisch, Gerry.«

»Ach ja, und an den Fenstern, damit du sie morgens nicht aufmachst und die Alarmanlage auslöst.«

»Hey, warum hinterlässt du mir in deinem Testament nicht eine Liste mit Anweisungen, wenn du glaubst, ich bin ohne dich so aufgeschmissen?«

»Keine schlechte Idee«, lachte er.

»Na gut, dann mach ich jetzt eben das blöde Licht aus.« Widerwillig kroch Holly aus dem Bett, schnitt eine Grimasse, als ihre Füße den eiskalten Boden berührten, und knipste flink das Licht aus. Dann streckte sie die Arme aus und tastete sich durch die Dunkelheit zurück zum Bett.

»Hallo?!!! Holly, bist du noch da? Ist jemand da draußen, draußen, draußen?«, rief Gerry in die Finsternis.

»Ja, ich bin da, aaaautsch!«, jaulte sie, als sie mit dem Zeh gegen den Bettpfosten stieß. »Scheiße, Scheiße, Scheiße, verdammte Scheiße, blöder Mist!«

Unter der Bettdecke hörte sie Gerry kichern. »Nummer zwei auf meiner Liste: Achte auf den Bettpfosten … «

»Ach, halt den Mund, Gerry, und hör mit diesem morbiden Scheiß auf«, fauchte Holly, während sie sich ihren armen verletzten Fuß hielt.

»Soll ich dein Füßchen küssen, damit es nicht mehr so wehtut?«, bot er großzügig an.

»Nein, ist schon okay«, entgegnete sie traurig. »Wenn ich meine Füßchen nur hier zu dir stecken kann, damit sie warm werden … «

»Aaaaah! Verdammte Hacke, die sind eiskalt!«

»Hi hi hi«, kicherte sie gemein.

 

So war der Witz mit der Liste entstanden. Eine alberne Idee, von der sie auch bald ihren Freunden erzählten. Mit Sharon und John McCarthy waren sie am engsten befreundet. Die beiden waren auch schon seit der Schule zusammen, und es war John gewesen, der, als sie siebzehn waren, auf dem Schulkorridor auf Holly zugegangen war und die berühmte Frage an sie gerichtet hatte: »Mein Kumpel möchte gern wissen, ob du mal mit ihm ausgehst.« Nach Tagen endloser Diskussionen und mehrerer Krisensitzungen mit ihren Freundinnen hatte Holly schließlich zugestimmt. »Ach, komm schon, Holly«, hatte Sharon gedrängelt, »er ist doch ganz witzig und hat wenigstens nicht das ganze Gesicht voller Pickel wie John.«

Wenn Sharon ihre Zustimmung gab, dann war die Sache okay. Wie sehr Holly sie momentan hasste! Sharon und John hatten im gleichen Jahr geheiratet wie Holly und Gerry. Holly war mit ihren dreiundzwanzig das Baby der Truppe gewesen, die anderen drei waren vierundzwanzig. Manche Leute hatten ihr einreden wollen, sie wäre zu jung, und ihr bei jeder Gelegenheit Vorträge gehalten, dass man in diesem Alter in der Welt herumreisen und sich amüsieren sollte. Stattdessen waren Gerry und Holly zusammen in der Welt herumgereist und hatten sich gemeinsam amüsiert. Wenn sie getrennt waren … tja, dann hatte Holly immer das Gefühl, dass ihr ein lebenswichtiges Organ fehlte.

Allerdings war ihr Hochzeitstag nicht gerade der schönste Tag ihres Lebens gewesen. Wie die meisten kleinen Mädchen hatte sie immer von einer Märchenhochzeit geträumt: sie in einem Prinzessinnenkleid, bei Sonnenschein an einem romantischen Ort, umringt von allen, die ihr lieb und wert waren. Sie hatte sich ausgemalt, wie sie mit all ihren Freunden tanzte, wie sie von allen bewundert wurde und sich als etwas ganz Besonderes fühlte. Aber die Wirklichkeit hatte ganz anders ausgesehen.

Im Haus ihrer Familie wurde sie von lauten Schreien geweckt. »Ich kann meine Krawatte nicht finden!« (ihr Vater), »mein Haar sieht grausig aus!« (ihre Mutter), aber der unbestreitbar beste Beitrag lautete: »Ich sehe aus wie ein verfluchter Walfisch! Auf gar keinen Fall gehe ich so zu dieser blöden Hochzeit! Mum, schau mich an! Holly soll sich gefälligst eine andere Brautjungfer suchen, ich komm nämlich nicht mit! Kommt nicht in die Tüte! Jack, gib mir sofort den bescheuerten Fön zurück, ich bin noch nicht fertig!« (Dieser unvergessliche Vortrag stammte von Hollys jüngerer Schwester Ciara, die regelmäßig Wutanfälle bekam und sich weigerte, das Haus zu verlassen, weil sie nichts anzuziehen hatte, obwohl ihr Kleiderschrank überquoll. Zurzeit war sie irgendwo in Australien und schickte ihnen höchstens alle paar Wochen eine E-Mail.) Den Rest des Vormittags waren alle damit beschäftigt, Ciara davon zu überzeugen, dass sie die schönste Frau der Welt war, während Holly sich alleine anzog und dabei gar nicht gut fühlte. Schließlich erklärte sich Ciara doch bereit, das Haus zu verlassen, und zwar nachdem ihr ansonsten extrem ruhiger Vater sie aus Leibeskräften angebrüllt hatte: »Ciara, heute ist Hollys großer Tag, nicht deiner! Und du wirst mitkommen, und wenn Holly die Treppe runterkommt, wirst du ihr sagen, dass sie wunderschön aussieht, und ich möchte den Rest des Tages keinen Piep mehr von dir hören!«

Als Holly unter allgemeinen Bewunderungsrufen die Treppe herunterschritt, blickte Ciara, die dreinschaute wie eine Achtjährige, die gerade vom Papa gemaßregelt worden ist, sie mit zitternder Unterlippe an und sagte: »Du siehst wunderschön aus, Holly.« Dann quetschten sie sich alle sieben in die gemietete Limousine – Hollys Eltern, ihre drei Brüder, Ciara und sie –, verharrten jedoch den ganzen Weg zur Kirche in ängstlichem Schweigen.

Inzwischen kam ihr der Tag wie ein Traum vor, der im Flug an ihr vorübergezogen war. Sie hatte kaum Gelegenheit gehabt, mit Gerry zu sprechen, denn sie wurden ständig in entgegengesetzte Richtungen gezerrt, weil Holly unbedingt Großtante Betty begrüßen musste, die in irgendeinem Kaff am Arsch der Welt wohnte und Holly seit ihrer Geburt nicht mehr gesehen hatte, während Gerry seinem Großonkel Toby aus Amerika die Hand schüttelte, von dem man nie zuvor gehört hatte, der aber auf einmal ein ganz wichtiges Familienmitglied war.

Außerdem hatte ihr keiner gesagt, dass es so anstrengend werden würde. Am Ende des Tages hatte Holly vom Lächeln ein verkrampftes Gesicht und ihre Füße taten höllisch weh, weil sie den ganzen Tag in diesen absolut albernen Schühchen herumgerannt war, die eindeutig nicht zum Drinrumlaufen gemacht waren. Sie wäre so gern bei ihren Freunden am Tisch gewesen, die sich offensichtlich gut amüsierten. Aber sobald sie mit Gerry die Flitterwochen-Suite betrat, fiel der Stress von ihr ab, und alles hatte sich gelohnt …

Erneut liefen die Tränen, und auf einmal wurde Holly klar, dass sie sich schon wieder stundenlangen Tagträumereien hingegeben hatte. Wie versteinert saß sie auf der Couch, das Telefon noch immer in der Hand. Die Zeit schien im Moment einfach an ihr vorüberzuziehen, ohne dass sie richtig mitkriegte, wie spät, oder auch nur, welcher Tag es war. Es war, als lebte sie außerhalb ihres Körpers, als wäre sie betäubt, aber sich dennoch ständig des Schmerzes in ihrem Herzen, ihren Knochen, ihrem Kopf bewusst. Und sie war so müde … Ihr Magen grummelte, und ihr fiel ein, dass sie sich nicht erinnern konnte, wann sie zum letzten Mal etwas gegessen hatte.

Schließlich stand sie auf und schlurfte in Gerrys Bademantel und ihren Lieblingshausschuhen – den pinkfarbenen »Disco-Diva«-Slippern, die Gerry ihr letzte Weihnachten geschenkt hatte – in die Küche. Er hatte immer gesagt, sie sei seine kleine Disco-Diva. Immer als Erste auf der Tanzfläche und als Letzte wieder runter. Wo war diese Holly geblieben?

Holly öffnete den Kühlschrank und starrte in die leeren Fächer. Ein schrecklicher Gestank schlug ihr entgegen: Vergammeltes Gemüse und Joghurts, die längst abgelaufen waren. Nichts Essbares in Sicht. Sie musste lächeln, als sie die Milchpackung schüttelte. Auch die war leer. Der dritte Punkt auf Gerrys Liste …

Vor zwei Jahren war Holly kurz vor Weihnachten mit Sharon losgezogen, um sich ein Kleid für den jährlichen Ball im Burlington Hotel zu kaufen. Mit Sharon shoppen zu gehen war immer eine riskante Unternehmung, und John und Gerry machten immer Witze darüber, dass sie an Weihnachten bestimmt leer ausgehen würden, weil ihre Frauen das ganze Geld auf ihren Einkaufstouren für sich selbst verschleuderten. So ganz Unrecht hatten sie damit nicht. »Unsere armen vernachlässigten Ehemänner«, so nannten Holly und Sharon sie dann immer.

Diesmal gab Holly bei Brown Thomas einen horrenden Betrag für das schönste weiße Kleid aus, das sie je gesehen hatte. »Scheiße, Sharon, das reißt mir ein Riesenloch ins Budget«, sagte Holly schuldbewusst und biss sich auf die Unterlippe, während sie die Finger über den weichen Stoff gleiten ließ.

»Ach was, Gerry stopft das schon wieder«, entgegnete Sharon mit ihrem infamen Kichern. »Und hör auf, mich ›Scheiße-Sharon‹ zu nennen. Das machst du jedes Mal beim Shoppen, und wenn du nicht aufpasst, bin ich irgendwann beleidigt. Schließlich ist bald Weihnachten, das Fest der Liebe und so weiter.«

»Gott, du hast echt einen schlechten Einfluss auf mich, Sharon. Eigentlich sollte ich nie wieder mit dir einkaufen gehen. Das Kleid hier kostet mich ungefähr mein halbes Monatsgehalt. Wovon soll ich den Rest des Monats leben?«

»Holly, was ist wichtiger: essen oder toll aussehen?«

»Ich nehme das Kleid«, sagte Holly aufgeregt zu der Verkäuferin.

Das Kleid war weit ausgeschnitten, was Hollys hübsche kleine Brüste gut zur Geltung brachte, und bis zum Oberschenkel geschlitzt, sodass man ihre schlanken Beine sah. Gerry konnte die Augen nicht von ihr lassen. Aber nicht, weil sie so schön aussah, sondern weil er einfach nicht verstand, wie so ein Stückchen Stoff dermaßen teuer sein konnte. Doch beim Ball übertrieb Ms. Disco-Diva es mal wieder mit dem Alkohol und ruinierte ihr Kleid, indem sie Rotwein draufschüttete. Sie schaffte es nicht, die Tränen zurückzuhalten, während die Männer am Tisch sie – ebenfalls mehr als leicht angesäuselt – darüber informierten, dass Punkt vierundfünfzig der Liste ausdrücklich verbot, Rotwein zu trinken, solange man ein teures weißes Kleid anhatte. Dann wurde beschlossen, dass Milch ein geeigneter Ersatz wäre, denn Milchflecke konnte man auf teuren weißen Kleidern nicht sehen.

Als Gerry später sein Bier umwarf und es über die Tischkante auf Hollys Schoß tröpfelte, verkündete sie unter Tränen, aber sehr ernsthaft ihren Freunden und auch einigen Nebentischen: »Regel fümmunfünfssig der Liste: newwer ewwer teure weiße Kleider kaufn!« Die Regel fand allgemeine Zustimmung, und Sharon erwachte aus ihrem Koma irgendwo unter dem Tisch, um Hollys bahnbrechendem Tipp zu applaudieren und ihr uneingeschränkte moralische Unterstützung zuzusichern. So wurde (nachdem der Kellner ein Tablett voller Milchgläser angeschleppt hatte) ein Toast auf Holly und ihren neuesten wichtigen Beitrag zur Liste ausgebracht. »Iss echt schaade wegen deinem teuern weißen Kleid, Holly«, hickste John noch, ehe er aus dem Taxi fiel und Sharon neben sich her zu ihrem Haus schleifte.

 

Konnte es sein, dass Gerry Wort gehalten und ihr vor seinem Tod eine Liste geschrieben hatte? Aber sie hatte doch jede Minute mit ihm verbracht. Er hatte nichts davon erwähnt, und sie hatte ihn auch nie beim Schreiben erwischt. Nein, Holly, reiß dich zusammen. Das ist Blödsinn. Sie sehnte sich so danach, er würde zurückkommen, dass sie sich schon alle möglichen verrückten Dinge einbildete.

Drei

Holly lief über eine wunderschöne Blumenwiese voller Tigerlilien, eine sanfte Brise bewegte die seidigen Blütenblätter, und sie strichen im Vorbeigehen über ihre Fingerspitzen. Unter ihren bloßen Fußsohlen war der Boden weich und federnd, und sie bewegte sich so leicht und mühelos, dass es ihr fast vorkam, als schwebte sie. Um sie herum sangen Vögel ihre fröhlichen Lieder. Die Sonne schien so hell vom Himmel herab, dass sie schützend die Hand über die Augen legen musste, und mit jedem Windhauch, der über ihr Gesicht strich, stieg ihr der süße Duft der Lilien in die Nase. Sie fühlte sich so … so glücklich, so frei.

Plötzlich wurde der Himmel dunkel, und die Sonne verschwand hinter einer dicken grauen Wolke. Der Wind wurde stärker, die Luft kalt und frostig. Ringsum sausten die Blütenblätter wild durch die Luft und nahmen ihr die Sicht. Auf dem Boden erschienen scharfe Kieselsteine, die sich bei jedem Schritt in ihre Fußsohlen bohrten. Die Vögel hatten aufgehört zu singen, sie hockten reglos auf den Ästen und starrten auf Holly herab. Irgendetwas stimmte nicht, sie bekam Angst. In einiger Entfernung war ein grauer Stein im hohen Gras zu sehen. Sie wollte zurücklaufen, zurück zu den hübschen Blumen, aber zuerst musste sie sich den grauen Stein ansehen.

Im Näherkommen hörte sie ein lautes Bum! Bum! Bum! Sie beschleunigte ihre Schritte, rannte über die spitzen Steine und durch das scharfkantige Gras, das ihr Arme und Beine zerkratzte. Bei dem grauen Stein fiel sie auf die Knie und als sie sah, was es war, stieß sie einen Schmerzensschrei aus: Gerrys Grab! Bum! Bum! Bum! Er versuchte herauszukommen! Er rief ihren Namen, sie konnte ihn hören!

Das laute Klopfen an der Tür riss Holly schließlich aus dem Schlaf. »Holly! Holly! Ich weiß, dass du da bist! Bitte lass mich rein!«, rief Sharon verzweifelt. Bum! Bum! Bum! Verwirrt und noch halb schlafend ging Holly zur Tür und fand dort eine völlig aufgelöste Sharon vor.

»Mensch, was hast du denn gemacht? Ich hämmere hier schon seit einer Ewigkeit gegen die Tür!«

Noch immer nicht ganz auf der Höhe, blickte Holly sich draußen um. Es war hell und ziemlich frisch, wahrscheinlich früher Vormittag.

»Willst du mich nicht reinlassen?«

»Doch, klar, Sharon. Entschuldige, ich hab auf der Couch ein bisschen geschlafen.«

»Gott, Holly, du siehst furchtbar aus«, meinte Sharon mitfühlend und musterte Hollys Gesicht, nachdem sie sie fest umarmt hatte.

»Herzlichen Dank.« Holly schloss die Tür. Sharon nahm kein Blatt vor den Mund, aber genau deshalb liebte Holly sie ja so. Und deshalb hatte sie ihre Freundin auch den ganzen letzten Monat nicht besucht. Weil sie die Wahrheit nicht hören wollte. Sie wollte nicht hören, dass sie mit ihrem Leben weitermachen musste, sie wollte nur … ach, sie hatte keine Ahnung, was sie wollte. Sie war damit zufrieden, sich elend zu fühlen. Irgendwie fühlte sich das richtig an.

»Gott, hier drin erstickt man ja! Wann hast du denn das letzte Mal gelüftet?« Sharon marschierte im Haus herum, riss die Fenster auf, sammelte leere Tassen und mit Schimmel bedeckte Teller ein, schleppte alles in die Küche und stellte die Spülmaschine an. Dann machte sie sich ans Aufräumen.

»Ach, lass doch, Sharon«, protestierte Holly schwach. »Ich mach das schon … «

»Wann? Nächstes Jahr? Ich will nicht, dass du hier vergammelst, während wir so tun, als ob wir es nicht merken. Du gehst jetzt erst mal in Ruhe duschen, und wenn du wieder runterkommst, trinken wir zusammen eine Tasse Tee.« Sie lächelte ihre Freundin aufmunternd an.

Duschen. Wann hatte sie das zum letzten Mal gemacht? Sharon hatte Recht, sie sah bestimmt widerlich aus mit ihren fettigen Haaren und ihrem schmutzigen Bademantel. Gerrys Bademantel. Aber den wollte sie auch gar nicht waschen, niemals. Nur verschwand Gerrys Geruch leider allmählich und wurde von ihrem eigenen Körpergeruch überdeckt.

»Okay, aber ich hab keine Milch. Ich bin nicht dazu gekommen … « Holly schämte sich, weil sie sich so wenig um das Haus und um sich selbst kümmerte. Um keinen Preis durfte sie zulassen, dass Sharon einen Blick in den Kühlschrank warf, sonst ließ sie Holly bestimmt einliefern.

»Ta-da!«, rief Sharon und hielt eine Tasche in die Höhe, die Holly gar nicht aufgefallen war. »Keine Sorge, ich hab das schon geregelt. Wie du aussiehst, hast du seit Wochen nichts mehr gegessen.«

»Danke, Sharon.« Holly hatte einen dicken Kloß im Hals, Tränen stiegen ihr in die Augen. Sharon war so nett zu ihr.

»Halt, stopp! Keine Tränen heute. Jetzt aber schnell unter die Dusche!«

 

Als Holly aus der Dusche kam, fühlte sie sich fast wieder wie ein Mensch. Sie hatte einen blauen Frottee-Jogginganzug angezogen, und ihr langes blondes Haar (am Ansatz dunkel) fiel locker über die Schultern. Unten im Haus waren alle Fenster offen, und die kühle Luft rauschte durch Hollys Kopf, als wollte sie alle bösen Gedanken vertreiben. Sie lachte, weil ihre Mutter ironischerweise mal wieder Recht gehabt hatte. Dann erwachte sie ruckartig aus ihrer Trance und schnappte unwillkürlich nach Luft, als sie sich im Haus umsah. Sie hatte bestimmt nicht länger als eine halbe Stunde zum Duschen gebraucht, aber in der Zwischenzeit hatte Sharon aufgeräumt und geputzt, Staub gesaugt, die Kissen aufgeschüttelt und in jedem Zimmer Raumspray verteilt. Sie folgte den Geräuschen in die Küche, wo Sharon gerade den Herd schrubbte. Die Arbeitsplatten strahlten bereits vor Sauberkeit, die silbernen Armaturen und das Abtropfgitter an der Spüle glänzten.

»Sharon, du bist echt ein Engel! Das kannst du doch nicht alles in der kurzen Zeit gemacht haben!«

»Du warst über eine Stunde weg, ich hatte schon Angst, du wärst durch den Abfluss gerutscht. Wäre durchaus möglich, so dünn wie du geworden bist.« Sie musterte Holly von oben bis unten.

Eine Stunde! Anscheinend war sie doch wieder in ihre Tagträume versunken.

»Okay, ich hab ein bisschen Obst und Gemüse mitgebracht, da drin ist Käse und Joghurt und natürlich Milch. Ich wusste nicht, wo Nudeln und so was hinkommen, deshalb steht das alles noch da drüben. Ach ja, im Gefrierschrank sind ein paar Mikrowellengerichte. Das müsste eine Weile reichen, wahrscheinlich ein ganzes Jahr, wenn du weiter so wenig isst. Wie viel hast du abgenommen?«

Holly sah Sharon überwältigt an. Sie war so nett zu ihr, dass Holly vor Rührung gar nicht wusste, was sie sagen sollte. Aber was war das mit dem Abnehmen? Sie sah an ihrem Körper hinab; der Trainingsanzug warf am Hintern Falten, und obwohl sie den Hosenbund so eng wie möglich zugezogen hatte, rutschte er ihr trotzdem bis auf die Hüften. Ihr war gar nicht aufgefallen, dass sie so dünn geworden war. Wieder holte Sharons Stimme sie in die Realität zurück. »Da sind ein paar Kekse zum Tee. Jammy Dodgers, deine Lieblingssorte.«

Die Kekse brachten das Fass zum Überlaufen, und schon liefen ihr wieder die Tränen übers Gesicht. »Ach Sharon«, schluchzte sie, »vielen, vielen Dank. Du bist so nett zu mir, und ich bin so eine grässlich miese Freundin.« Weinend saß sie am Tisch, und Sharon, die sich ihr gegenübergesetzt hatte, wartete geduldig, bis es vorüber war. Genau davor hatte Holly sich gefürchtet – dass sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit vor anderen Leuten anfangen würde zu weinen. Aber irgendwie war es ihr jetzt gar nicht peinlich. Sharon schlürfte gelassen ihren Tee und hielt Hollys Hand, als wäre alles ganz normal. Schließlich versiegten die Tränen.

»Danke.«

»Holly, ich bin deine beste Freundin! Wenn ich dir nicht helfe, wer denn dann?« Sharon drückte ihre Hand und lächelte sie ermutigend an.

»Eigentlich sollte ich mir selber helfen.«

»Pah!«, machte Sharon und wedelte abwehrend mit der Hand. »Das kannst du machen, wenn du so weit bist. Kümmere dich nicht um die ganzen Leute, die dir einreden wollen, du sollst nach einem Monat wieder sein wie früher. Weinen gehört dazu.«

Irgendwie schaffte es Sharon, immer genau die richtigen Dinge zu sagen.

»Ja, aber das mache ich doch schon so viel. Ich kann schon nicht mehr.«

»Wie kannst du nur!«, meinte Sharon mit gespielter Empörung. »Dabei ist dein Mann gerade mal einen Monat unter der Erde.«

»Ach, hör auf! Genau das werde ich zu hören kriegen, oder?«

»Wahrscheinlich schon, aber die können dir allesamt den Buckel runterrutschen. Es gibt schlimmere Sünden auf der Welt, als zu lernen, wieder glücklich zu sein.«

»Ja, wahrscheinlich.«

»Wie läuft die Zwiebeldiät?«

»Wie bitte?«, fragte Holly verdutzt.

»Ach, du weißt schon: Die ›Ich kann nicht aufhören zu weinen und hab überhaupt keinen Appetit‹-Diät.«

»Ach, die. Die funktioniert sehr gut, danke.«

»Freut mich für dich, noch ein paar Tage, dann bist du ganz verschwunden.«

»Ja. Ist gar nicht so leicht.«

»Das stimmt. Ich bewundere dich.«

»Vielen Dank, Ms. Sharon.«

»Versprich mir, dass du heute was isst.«

»Versprochen.«

»Danke, dass du da warst, Sharon, das Reden hat mir richtig gut getan«, sagte Holly und umarmte ihre Freundin. »Ich fühle mich schon ein ganzes Stück besser.«

»Weißt du, Holly, es ist gut, wenn man gelegentlich unter Leuten ist. Freunde und Familie können helfen. Na ja, wenn ich es mir recht überlege, dann eher wir Freunde als deine Familie.«

»Oh, das ist mir jetzt auch klar geworden. Ich dachte nur, ich werde allein damit fertig, aber das klappt irgendwie nicht.«

»Versprich mir, dass du nicht ständig allein hier rumsitzt. Dass du wenigstens ab und zu mal aus dem Haus gehst.«

»Versprochen«, meinte Holly und schnitt eine Grimasse. »Du hörst dich schon fast an wie meine Mum.«

»Ach, wir machen uns bloß alle Gedanken um dich. Okay, dann bis bald«, sagte Sharon und gab Holly einen Kuss auf die Wange. »Und vergiss das Essen nicht«, fügte sie hinzu und piekte ihre Freundin in die Rippen.

Lächelnd winkte Holly ihrem Auto nach. Jetzt war es schon wieder fast dunkel. Sie hatten den Tag damit verbracht, über alte Zeiten zu reden und zu lachen, sie hatten geweint und gelacht und wieder geweint. Bisher war Holly gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass ja auch Sharon und John ihren besten Freund verloren hatten, sie war zu beschäftigt damit gewesen, an sich selbst zu denken. Es tat ihr gut, die Dinge einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten, und sie hatte es genossen, einen lebendigen Menschen um sich zu haben, statt ständig nur die Geister der Vergangenheit. Morgen war ein neuer Tag, und sie hatte sich vorgenommen, als Erstes diesen seltsamen Umschlag abzuholen.

Vier

Am nächsten Morgen stand Holly früh auf. Obwohl sie voller Optimismus zu Bett gegangen war, traf die Realität sie von neuem wie ein Schlag ins Gesicht. Wieder wachte sie allein in einem stillen Haus auf, und jeder einzelne Augenblick erschien ihr wie eine Last, die kaum zu bewältigen war. Dass sie zum ersten Mal seit über einem Monat ohne Hilfe des Telefons aufgewacht war, konnte zwar als Fortschritt gewertet werden, aber sie musste sich wie immer erst einmal damit abfinden, dass die Träume der letzten zehn Stunden, in denen sie mit Gerry zusammen gewesen war, nichts weiter waren als – Träume eben.

Sie duschte und zog sich bequem an: Ihre Lieblingsjeans, Turnschuhe und ein rosa T-Shirt. Sharon hatte Recht, sie war wirklich dünner geworden – die früher hautengen Jeans saßen auch mit Gürtel nicht ganz rutschfest. Sie zog ihrem Spiegelbild eine Grimasse, denn sie fand sich hässlich. Dunkle Ringe unter den Augen, aufgesprungene Lippen, glanzlose Haare. Als Erstes musste sie zu ihrem Friseur. Vielleicht konnte er sie irgendwo dazwischenquetschen.

»Herrje, Holly!«, rief ihr Leo voller Entsetzen zu. »Wie siehst du denn aus? Aus dem Weg, Leute, aus dem Weg! Wir haben hier eine gut zwanzigjährige junge Frau in einem äußerst kritischen Zustand!« Er zwinkerte ihr zu – »von wegen zwanzig!« –, bahnte ihr mit großen Gesten den Weg durch den Salon, zog einen Stuhl für sie heraus und bugsierte sie hinein.

»Danke, Leo. Jetzt fühle ich mich so richtig attraktiv«, brummelte Holly und versuchte, ihr puterrotes Gesicht zu verbergen, so gut es ging.

»Fang damit gar nicht erst an, du bist nämlich vollkommen verwahrlost. Okay, misch mir das Übliche zusammen, Sandra, hol die Folie, Colin, lauf nach oben und bring mir meine kleine Trickkiste, Tania, ach ja, und sag Paul, er kann seinen Lunch heute vergessen, weil er meinen Zwölf-Uhr-Termin übernehmen muss.« Hektisch kommandierte Leo seine Angestellten herum, wild mit den Händen fuchtelnd und mit einer Dringlichkeit, als müsste er gleich eine Notoperation durchführen. Damit war die Situation ja vielleicht auch durchaus vergleichbar.

»Tut mir echt Leid, Leo, ich wollte dir nicht deinen ganzen Terminplan über den Haufen werfen.«

»Aber natürlich wolltest du das, mein Herz, warum kommst du sonst am Freitagmittag ohne Termin hier reingeschneit? Um den Weltfrieden zu sichern?«

Schuldbewusst nagte Holly an der Unterlippe.

»Ich würde es für niemand anderen tun außer für dich, Herzchen.«

»Danke.«

»Wie geht’s denn überhaupt so?«, fragte er und schwang sich mit seinem knochigen kleinen Hintern auf die Theke gegenüber von Holly. Leo war schon fünfzig, hatte aber immer noch eine makellose Haut und natürlich einen perfekten Haarschnitt, sodass er gut als fünfunddreißig durchgehen konnte. Mit seinen blonden Haaren, die genau zu seiner das ganze Jahr über honigfarbenen Haut passten, wirkte er enorm jung. Außerdem war er immer sehr gut angezogen. Im Vergleich zu ihm konnte man sich leicht verwahrlost vorkommen.

»Mir geht es schrecklich«, beantwortete sie seine Frage.

»Ja, das sieht man dir auch an.«

»Danke.«

»Na ja, wenn du hier wieder rausmarschierst, dann hast du wenigstens eins von deinen Problemen im Griff.«

Holly lächelte dankbar, denn auf seine etwas eigene Weise zeigte Leo, dass er sie verstand.

»Sag mal, Holly, als du hier hereinspaziert bist, hast du da vielleicht das Wort ›Zauberer‹ an der Tür gesehen? Oder stand da nicht schlicht und einfach ›Friseur‹? Vorhin war nämlich diese Frau hier, Schaf als Lämmchen verkleidet. Ging schon stark auf die sechzig zu, würde ich sagen, hält mir eine Zeitschrift mit Jennifer Anniston auf dem Cover hin und sagt: ›So möchte ich aussehen.‹«

Holly lachte. Leo hatte nicht nur sehr ausdrucksvolle Gesten, auch seine Mimik war nicht zu verachten.

»Herrje, hab ich gesagt, ich bin bloß Friseur, kein Schönheitschirurg. Die einzige Chance, dass Sie dem Bild ähnlich sehen, besteht darin, dass Sie’s sich übers Gesicht kleben.«

»Nein! Das hast du ihr doch nicht wirklich gesagt, Leo!«

»Natürlich hab ich das! Wie hätte ich der Frau denn sonst helfen sollen? Kommt hier reingesegelt wie eine Teenie-Version von sich selbst.«

»Und was hat sie gesagt?« Holly wischte sich die Tränen aus den Augen. So hatte sie seit Monaten nicht mehr gelacht.

»In der Zeitschrift war auch ein sehr hübsches Foto von Joan Collins, und da habe ich die Dame überzeugt, dass so etwas eher ihrem Stil entspräche. Damit schien sie ganz zufrieden zu sein.«

»Aber Leo, wahrscheinlich hatte sie nur Angst, dir zu gestehen, dass sie es scheußlich fand.«

»Ach, wen kümmert’s, ich hab genug Freunde.«

»Kann man sich kaum vorstellen«, lachte Holly.

»Nicht bewegen!«, befahl Leo. Plötzlich war er schrecklich ernst und zog vor lauter Konzentration eine Schnute, während er Hollys Haare fürs Auftragen der Farbe scheitelte. Bei seinem Anblick bekam Holly den nächsten Lachanfall.

»Na, reiß dich zusammen, Holly«, meinte Leo ungeduldig.

»Ich kann nichts dafür, Leo, du hast mich zum Lachen gebracht, und jetzt kann ich gar nicht mehr aufhören!« Leo hielt in seiner Arbeit inne und betrachtete seine Kundin amüsiert.

»Ich hab schon immer den Verdacht gehabt, dass man dich eigentlich im Irrenhaus unterbringen sollte. Aber auf mich hört ja keiner.«

Sie lachte noch lauter.

»Oh, tut mir echt Leid, Leo, ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Ich kann einfach nicht aufhören.« Inzwischen tat ihr schon der Bauch weh und sie merkte, dass die anderen Kunden sie verstohlen musterten, aber sie kam einfach nicht dagegen an. Es war fast, als müsste sie das gesamte Lachen nachholen, das ihr in den letzten Monaten entgangen war.

Leo legte Kamm und Schere weg, ging zurück zum Spiegel, ließ sich wieder auf der Theke nieder und sah Holly an. »Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, Holly, lach ruhig, so viel du willst. Lachen ist gut fürs Herz.«

»Ach, so hab ich seit Ewigkeiten nicht mehr gelacht«, kicherte Holly.

»Na, du hattest auch nicht viel zu lachen«, meinte Leo mit einem traurigen Lächeln. Gerry und Leo hatten sich sehr gut verstanden; sie hatten sich gern gegenseitig auf den Arm genommen. Schließlich raffte Leo sich wieder auf, zauste Holly scherzhaft die Haare und drückte ihr einen Kuss auf den Kopf. »Aber du kommst schon wieder zurecht, Holly Kennedy«, versicherte er ihr.

»Danke, Leo«, sagte sie und beruhigte sich allmählich unter seiner Fürsorglichkeit. Er kehrte an die Arbeit zurück, aber als er sein Konzentrationsgesicht aufsetzte, fing Holly prompt wieder an zu kichern.

»Oh, jetzt lachst du noch, Holly, aber warte nur, bis du Streifen in den Haaren hast. Dann werden wir ja sehen, wer lacht.«

Endlich gewann Holly die Fassung zurück.

»Na, das hat dir jetzt wohl zu denken gegeben, was?«

»Ach Leo, du irrst dich, wenn du denkst, dass du bloß was für die Haare tust. Du bist auch gut fürs Herz.«

»Ja, das macht dann zwanzig Euro extra, vielen Dank.«

»Färbst du nur den Ansatz oder gleich alles?«

»Herr der Barmherzigkeit, ich kann gar nicht glauben, dass du so was fragst. Kommst hier reinspaziert wie ein umgekehrtes Pint Guinness. Was glaubst du denn?«

»Wie bin ich hier reinspaziert?« Hollys Lachmuskeln sahen sich einer neuen Attacke ausgesetzt.

»Wie ein umgekehrtes Guinness. Oben schwarz, unten weiß. Beim Guinness ist es andersrum. Kennst du den Spruch nicht?«

»Nein, den hast du dir doch selbst ausgedacht, oder?«

»Schon.«

»Wie geht’s Jamie?«, erkundigte sich Holly, die unbedingt das Thema wechseln wollte, ehe sie sich noch einmal so gehen ließ.

»Er hat mich abserviert«, antwortete Leo kurz angebunden und trat heftig mit dem Fuß auf den Hebel am Stuhl, um Holly ein Stück nach oben zu befördern, wobei er sie gründlich durchrüttelte.

»O Leo, das tut mir aber Leid! Ihr wart so ein nettes Paar!«

Er hörte auf zu pumpen und meinte: »Tja, jetzt sind wir kein nettes Paar mehr. Ich fürchte, er trifft sich mit einem anderen. Also, ich werde zwei Blondtöne einarbeiten, ein Goldblond und den Ton, den du bisher hattest. Sonst kriegt dein Haar diesen seltsamen Kupferton, der Nutten und Strippern vorbehalten bleiben sollte.«

»Ach, Leo, das mit Jamie tut mir aber echt Leid. Wenn er ein bisschen Verstand hat, dann wird er bald merken, was ihm entgeht.«

»Dann hat er wohl keinen Verstand, denn wir haben uns schon vor zwei Monaten getrennt, und er hat es immer noch nicht gemerkt. Oder er hat es doch gemerkt, findet es aber gut so. Jedenfalls hab ich die Nase voll von den Männern. Ich werde einfach hetero.«

»Das ist der dümmste Vorsatz, den ich je gehört habe … «

 

Vor Begeisterung über ihre neue Frisur wäre Holly am liebsten aus dem Salon getanzt. Leo war die ganze Zeit so lustig gewesen und hatte ihre Stimmung enorm aufgebessert. Als sie zahlen wollte, wollte er kein Geld von ihr annehmen. Harte Schale, weicher Kern, das traf auf Leo zu wie auf kaum einen anderen. Wenigstens wusste Holly jetzt, dass sie einen Friseurbesuch ohne Gerry überleben konnte. Ein paar Männer sahen ihr nach, was ihr so unangenehm war, dass sie schnell zu ihrem Auto lief. Hier war sie in Sicherheit und konnte sich noch ein bisschen auf den Besuch bei ihren Eltern vorbereiten. Bis jetzt war der Tag gut gelaufen, und es war eine Superidee gewesen, zu Leo zu gehen. Obwohl er selbst Liebeskummer hatte, hatte er alles drangesetzt, sie aufzuheitern. Das würde sie sich merken.

Sie parkte vor dem Haus ihrer Eltern in Portmarnock, einem Vorort von Dublin, und holte tief Atem. Zum großen Erstaunen ihrer Mutter hatte sie heute früh als Erste angerufen und ausgemacht, dass sie vorbeikommen würde. Jetzt war es halb vier, Holly saß vor der Tür im Auto und hatte Schmetterlinge im Bauch. Abgesehen von den Besuchen, die ihre Eltern ihr im letzten Monat abgestattet hatten, war sie in letzter Zeit nicht mit ihrer Familie zusammen gewesen. Sie fand es furchtbar, so im Mittelpunkt zu stehen, sie wollte nicht, dass man den ganzen Tag neugierige Fragen auf sie abfeuerte – wie es ihr ging und was sie vorhatte. Aber es war immerhin ihre Familie, und ihre Eltern machten sich Sorgen um sie.

Das Haus ihrer Eltern lag direkt am Portmarnock Beach, über dem als Zeichen seiner Sauberkeit eine blaue Flagge wehte. Hier war Holly aufgewachsen, hier hatte sie gelebt, bis sie mit Gerry zusammengezogen war. Sie hatte es geliebt, schon morgens beim Aufwachen die Wellen an die Felsen schlagen und die Seemöwen aufgeregt kreischen zu hören. Es war wundervoll, den Strand praktisch als Vorgarten zu haben, vor allem im Sommer. Sharon hatte direkt um die Ecke gewohnt, und an warmen Sommertagen waren sie in ihren schicksten Sommeroutfits am Strand entlangflaniert und hatten die Jungs begutachtet. Holly und Sharon waren ziemlich unterschiedliche Typen: Sharon hatte braune Haare, blaue Augen, extrem helle Haut und einen ordentlichen Busen. Holly dagegen mit ihren blonden Haaren – sie hatte schon früh mit dem Aufhellen angefangen – war zwar ebenfalls blauäugig, wurde aber schnell braun und hatte wenig Oberweite. Vor allem jedoch war Sharon extrovertiert und ging ganz direkt auf die Jungs zu, die ihr gefielen, während Holly lieber den Mund hielt und nur mit Blicken flirtete; sie fixierte den Knaben, der sie am meisten interessierte, sah aber schnell weg, wenn er auf sie aufmerksam wurde. Eigentlich hatte sich seit dieser Zeit nicht viel verändert.

Holly hatte keine Lust auf einen langen Besuch, sie wollte nur ein bisschen plaudern und vor allem endlich den Umschlag mitnehmen. Sie wollte sich den irren Gedanken, es könnte sich um eine Nachricht von Gerry handeln, endlich aus dem Kopf schlagen. Also holte sie noch einmal tief Luft, klingelte, und setzte ein demonstratives Lächeln auf.

»Hallo, Liebes! Komm rein, komm rein!«, rief ihre Mutter im üblichen herzlichen Ton.

»Hi, Mum. Wie geht’s dir?« Holly trat ins Haus, wo ihr ein tröstlicher, vertrauter Geruch entgegenschlug. »Bist du alleine?«

»Ja, dein Vater ist mit Declan losgefahren, um Farbe für sein Zimmer zu kaufen.«

»Jetzt sag bloß nicht, dass ihr immer noch alles für ihn bezahlt.«

»Dein Vater vielleicht schon, aber ich garantiert nicht. Declan geht im Moment abends arbeiten und hat ein bisschen Taschengeld. Für Sachen wie sein Zimmer oder sonst was hier im Haus ist allerdings nie was übrig«, kicherte sie, während sie mit Holly in die Küche ging und Teewasser aufsetzte.

Declan war Hollys jüngster Bruder, das Nesthäkchen der Familie, weshalb die Eltern ihn immer noch gern verwöhnten. Inzwischen war ihr »Baby« zweiundzwanzig, studierte an der Uni Filmproduktion und lief ständig mit einer Videokamera in der Hand herum.

»Was für einen Job hat er denn?«

Mit einem resignierten Augenaufschlag antwortete ihre Mutter: »Er ist in irgendeine Band eingetreten. ›The Orgasmic Fish‹ nennen sie sich, glaube ich. Ich hab die Nase wirklich voll davon, Holly. Wenn ich mir noch einmal anhören muss, wer bei den Auftritten alles anwesend war, wer angeblich fest versprochen hat, die Gruppe unter Vertrag zu nehmen, und wie berühmt sie eines Tages alle sein werden, dann werde ich verrückt.«

»Dann will er also immer noch Kurt Cobain werden?«

»Na ja, wenn er nicht aufpasst, explodieren seine Eltern wahrscheinlich vorher.«

»Ach, der arme Declan. Mach dir keine Sorgen, irgendwann wird er bestimmt vernünftig.«

»Ich weiß. Komisch eigentlich, um ihn mache ich mir von euch allen am wenigsten Sorgen. Er wird seinen Weg schon finden.«

Sie nahmen ihre Teebecher mit ins Wohnzimmer und ließen sich vor dem Fernseher nieder. »Du siehst toll aus, Liebes, deine Haare sind wunderschön. Meinst du, Leo könnte sie mir auch mal schneiden, oder bin ich zu alt dafür?«

»Na ja, solange du nicht aussehen willst wie Jennifer Anniston, dürftest du keine Probleme haben.« Holly erzählte die Geschichte von der sechzigjährigen Frau in Leos Salon, und sie lachten beide herzlich.

»Aber Joan Collins gefällt mir auch nicht, also sollte ich mir vielleicht lieber anderswo die Haare machen lassen.«

»Klingt nach einer klugen Entscheidung.«

»Hast du denn inzwischen irgendeinen Job in Aussicht?« Zwar klang ihre Mutter ganz locker, aber Holly wusste, dass sie sich zurückhielt, ihre Tochter aber liebend gern gründlich ausgequetscht hätte.

»Nein, noch nicht. Um ehrlich zu sein, hab ich noch nicht mal angefangen, mich umzusehen. Ich weiß auch gar nicht, was ich machen möchte.«

»Da hast du vollkommen Recht«, nickte ihre Mutter. »Lass dir Zeit und denk drüber nach, was dir wirklich liegt, sonst triffst du nur wieder eine überstürzte Entscheidung und magst die Arbeit nach kürzester Zeit nicht mehr, wie beim letzten Mal.« Holly staunte, dass ihre Mutter sie so einschätzte. Aber zurzeit erlebte sie öfters solche Überraschungen. Vielleicht hatte sie schlicht einiges falsch gesehen.

Zuletzt hatte Holly als Sekretärin für einen fürchterlichen kleinen Schleimer in einem Anwaltsbüro gearbeitet. Als der Kerl kein Verständnis dafür zeigte, dass Holly mehr freie Zeit brauchte, um ihren sterbenden Mann zu pflegen, hatte sie kurzerhand gekündigt, und jetzt musste sie sich natürlich etwas Neues suchen. Allerdings erschien ihr der Gedanke, morgens zur Arbeit zu gehen, noch völlig abwegig.

Eine Weile plauderten Holly und ihre Mutter noch miteinander, dann endlich fasste sich Holly ein Herz und fragte nach dem Umschlag.

»Oh, natürlich, Liebes, den hatte ich fast wieder vergessen. Hoffentlich ist es nichts Wichtiges, er liegt schon so lange hier herum.«

»Ach, ist nicht so schlimm.«

Sie verabschiedeten sich, und nun konnte Holly gar nicht schnell genug aus dem Haus kommen.

 

Draußen setzte sie sich auf die Wiese oberhalb des goldenen Sandstrands, blickte hinunter aufs Meer und drehte den Umschlag nachdenklich in den Händen. Ihre Mutter hatte ihn nicht sonderlich gut beschrieben, denn es war eigentlich kein Umschlag, sondern ein dickes braunes Päckchen. Die Adresse war auf einen Aufkleber getippt, also konnte man den Absender nicht an der Handschrift erraten. Aber über der Adresse standen dick und fett zwei Worte: Die Liste.

Ihr wurde flau im Magen. Wenn das Päckchen nicht von Gerry stammte, dann musste sie die Tatsache akzeptieren, dass er nicht mehr da war, endgültig verschwunden aus ihrem Leben.

Mit zitternden Fingern riss sie den Klebestreifen auf. Dann drehte sie das Päckchen um und schüttelte den Inhalt auf ihren Schoß. Heraus kamen zehn einzelne kleine Umschläge, wie man sie manchmal mit einem Blumenstrauß bekommt, und auf jedem davon stand ein Monat. Ihr Herz setzte ein paar Schläge aus, als sie auf einem Blatt, das unter den Umschlägen lag, die vertraute Schrift erkannte.

Gerrys Schrift.

Fünf

Holly starrte mit angehaltenem Atem auf den Brief. Sie hatte Tränen in den Augen, und ihr Herz klopfte wild. Vorsichtig strich sie mit dem Finger über die Worte. Der letzte Mensch, der dieses Papier berührt hatte, war Gerry gewesen, und er würde nie wieder etwas schreiben.

Meine liebste Holly,

ich weiß nicht, wo und wann Du diesen Brief lesen wirst, ich hoffe nur, dass es Dir gut geht, dass Du gesund und glücklich bist. Du hast mir einmal gesagt, dass Du nicht alleine weiterleben kannst. Du kannst, Holly.

Du bist stark und tapfer, und du wirst das durchstehen. Wir hatten wunderschöne Zeiten zusammen, und Du warst … Du warst mein Leben. Ich bedaure nicht einen Tag.

Aber ich bin nur ein Kapitel in Deinem Leben, und es wird noch viele davon geben. Vergiss unsere gemeinsamen Erinnerungen nicht, aber hab keine Angst, ihnen neue hinzuzufügen.

Danke, dass Du meine Frau gewesen bist. Dafür und für alles andere bin ich Dir ewig dankbar.

Und denk daran: Ich bin bei Dir, wann immer Du mich brauchst.

In Liebe für immer Dein Mann und bester Freund

Gerry

P.S. Ich habe dir eine Liste versprochen – hier ist sie. Die Umschläge müssen genau zum darauf angegebenen Monat geöffnet werden und Du musst genau das machen, was darin steht. Ich beobachte Dich, mir entgeht nichts …

Holly konnte nicht mehr. Trauer überwältigte sie. Doch gleichzeitig fühlte sie sich auch getröstet und erleichtert, denn nun würde Gerry noch eine Weile bei ihr sein. Sie blätterte die kleinen weißen Briefumschläge durch und suchte nach den einzelnen Monaten. Jetzt war es April, aber den März hatte sie verpasst, deshalb nahm sie erst einmal diesen Umschlag zur Hand. Ganz langsam öffnete sie ihn, um jeden einzelnen Moment voll auszukosten. Darin war eine kleine Karte, auf der in Gerrys Handschrift stand:

Auf blaue Flecke kannst du verzichten – kauf dir eine Nachttischlampe! P.S. Ich liebe Dich.

Unter Tränen begann sie zu lächeln: Gerry war wieder bei ihr!

Immer wieder las sie den Brief, in dem Versuch, Gerry zum Leben zu erwecken. Schließlich konnte sie die Worte vor lauter Tränen nicht mehr erkennen und blickte hinaus aufs Meer. Schon als Kind war Holly über die Straße an den Strand gelaufen, wenn sie durcheinander war und nachdenken musste, und ihre Eltern wussten immer, wo sie sie suchen mussten.

Sie schloss die Augen und atmete zum sanften, rhythmischen Seufzen der Wellen aus und ein. Es war, als atmete auch das Meer: Mit dem Einatmen zog es das Wasser zu sich und schob es mit dem Ausatmen wieder zurück auf den Sand. Holly spürte, wie sich ihr Pulsschlag normalisierte und sich Ruhe in ihr ausbreitete. Sie dachte daran, wie sie in Gerrys letzten Tagen neben ihm gelegen und auf seinen Atem gelauscht hatte. Am liebsten wäre sie gar nicht mehr von seiner Seite gewichen, denn sie hatte Angst, dass er sie ausgerechnet dann verlassen würde, wenn sie gerade aufgestanden war, um an die Tür oder aufs Klo zu gehen oder sich etwas zu essen zu machen. Wenn sie zurückkam, saß sie immer erst eine Weile stocksteif und ängstlich auf der Bettkante und starrte auf seine Brust, ob sie sich noch hob und senkte.

Aber er hatte sich nicht in ihrer Abwesenheit davongeschlichen. Mit seiner Kraft und seinem Lebenswillen verblüffte er die Ärzte; er war entschlossen, die Welt nicht kampflos zu verlassen. Bis zum Ende behielt er seinen Humor; zwar war er sehr schwach und seine Stimme fast unhörbar leise, aber Holly hatte seine neue Sprache verstehen gelernt wie eine Mutter ihr Baby, das gerade erst sprechen lernt. Bis spät in die Nacht kicherten sie zusammen, dann wieder hielten sie sich in den Armen und weinten. Auch Holly blieb stark für ihn, denn es war ihre Aufgabe, für ihn da zu sein, wenn er sie brauchte. Rückblickend erschien es ihr fast, als hätte sie ihn mehr gebraucht als er sie. Sie brauchte das Gefühl, dass er sie brauchte – damit sie nicht tatenlos zusehen musste, was passierte, damit sie sich nicht vollkommen hilflos fühlte.

Am 2.Februar um vier Uhr morgens hielt Holly Gerrys Hand fest in der ihren und lächelte ihn an, während er seinen letzten Atemzug tat und die Augen schloss. Sie wollte nicht, dass er Angst haben musste, und sie wollte auch nicht, dass er dachte, sie hätte Angst, denn in diesem Moment hatte sie keine.

Erleichterung, Erleichterung darüber, dass die Schmerzen vorbei waren, Erleichterung, dass sie da gewesen und gesehen hatte, wie friedlich er gestorben war – das war in diesem Moment das vorherrschende Gefühl gewesen. Sie war so froh, ihn gekannt zu haben, ihn zu lieben, von ihm geliebt zu werden, sie war froh, dass ihr Gesicht das Letzte gewesen war, was er gesehen hatte, mit einem Lächeln und der Ermutigung, dass es in Ordnung war, wenn er ging.

Die Tage danach hatte sie nur verschwommen in Erinnerung. Sie hatte sich mit den Beerdigungsvorbereitungen beschäftigt, hatte sich mit Gerrys Verwandten und mit seinen alten Schulfreunden getroffen, die sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte. Weil das alles klare, eindeutige Anforderungen waren, fiel es ihr nicht schwer, stark und ruhig zu bleiben, und sie war dankbar, dass Gerrys Leiden nach all den Monaten nun endlich überstanden war. Damals hatte sie nicht einmal ansatzweise so etwas wie Wut oder Bitterkeit empfunden, nichts von all dem, was sie jetzt fühlte.

Dass man ihr ganzes Leben weggenommen hatte, begriff sie erst, als sie den Totenschein für ihren Mann abholte. Aber da traf sie die Erkenntnis mit ungeahnter Heftigkeit.

Als sie im Wartezimmer der Klinik darauf wartete, dass ihre Nummer aufgerufen wurde, begann sie darüber nachzudenken, warum Gerry sich so früh vom Leben hatte verabschieden müssen. Sie saß eingekeilt zwischen einem ganz jungen und einem älteren Paar; auf der einen Seite sozusagen ein Bild davon, wie Gerry und sie früher gewesen waren, und auf der anderen Seite ein Ausblick darauf, was aus ihnen hätte werden können. Und auf einmal erkannte sie, wie furchtbar unfair es war.

Das Geschrei der Kinder wurde unerträglich laut, sie fühlte sich zwischen den Schultern ihrer Vergangenheit und ihrer verlorenen Zukunft erdrückt, sie bekam keine Luft mehr. Ihr dämmerte, dass sie sich in einer Situation befand, die sie einfach nicht verdient hatte.

Keiner ihrer Freunde hatte so etwas verdient.

Keiner ihrer Familie.

Vielleicht überhaupt niemand.

Denn es war nicht fair.

Nachdem sie bei den Banken und Versicherungen den offiziellen Beweis für den Tod ihres Ehemannes vorgelegt hatte – als wäre der Ausdruck auf ihrem Gesicht nicht Beweis genug gewesen –, kehrte Holly nach Hause in ihr Nest zurück und versteckte sich vor dem Rest der Welt, denn diese Welt enthielt Hunderte von Erinnerungen an ihr verlorenes Leben. Das Leben, das so glücklich gewesen war und über das sie sich kein einziges Mal beklagt hatte. Warum hatte man ihr jetzt ein anderes aufgedrückt, eines, das so viel schlimmer war?

Das war vor zwei Monaten gewesen, und bis heute hatte sie das Haus nicht verlassen. Und wie bin ich empfangen worden, dachte sie, während sie lächelnd auf die kleinen Umschläge hinabsah. Gerry war wieder da, und alles sah schon ein bisschen heller aus.

 

Holly platzte fast vor Aufregung, während sie mit zitternden Händen Sharons Nummer wählte. Nachdem sie sich ein paar Mal verwählt hatte, beruhigte sie sich schließlich ein wenig und konzentrierte sich auf die Nummer.

»Sharon!«, kreischte sie, sobald der Hörer auf der anderen Seite abgenommen wurde. »Du kommst nie drauf, was passiert ist. O mein Gott, ich glaub’s einfach nicht!«

»Äh, nein … hier ist John, aber ich hole Sharon.« Etwas besorgt rannte John davon.

»Was? Was ist denn los?«, keuchte Sharon atemlos. »Was ist passiert? Alles in Ordnung bei dir?«

»Ja, mir geht’s gut!« Holly kicherte hysterisch. Auf einmal wusste sie nicht mehr, ob sie lachen oder weinen sollte, und sie brachte keinen zusammenhängenden Satz mehr heraus.

John beobachtete, wie Sharon sich an den Küchentisch setzte und mit reichlich verwirrtem Gesicht versuchte, aus Hollys Gestammel schlau zu werden. Irgendwie ging es darum, dass Ms. Kennedy Holly einen Umschlag mit einer Nachttischlampe gegeben hatte.

»Stopp!«, rief Sharon schließlich, sehr zu Hollys und Johns Überraschung. »Ich verstehe kein Wort, also schalte jetzt bitte einen Gang zurück und fang noch mal ganz von vorne an, ja?«, sagte sie sehr langsam.

Plötzlich hörte sie vom anderen Ende der Leitung ein leises Schluchzen.

»Ach Sharon«, stieß Holly leise hervor, »er hat mir eine Liste geschrieben. Gerry hat mir eine Liste geschrieben.«

Als John sah, wie seine Frau die Augen aufriss, zog er schnell einen Stuhl neben sie und streckte den Kopf zum Telefonhörer, um mitzuhören.

»Okay, Holly, komm so schnell wie möglich rüber, ja?« Sie hielt inne und scheuchte Johns Kopf weg wie eine lästige Fliege. »Ist das … ist das eine gute Nachricht?«

Eingeschnappt stand John auf, begann in der Küche auf und ab zu gehen und versuchte, aus den Wortfetzen zu erraten, was vorgefallen war.

»O ja, Sharon«, schluchzte Holly. »Es ist wundervoll.«

»Gut, dann mach jetzt bitte, dass du herkommst, damit wir uns in Ruhe darüber unterhalten können.«

»Okay.«

Sharon legte auf und saß eine Weile schweigend da.

»Was ist denn nun eigentlich los?«, wollte John wissen.

»Ach, tut mir Leid, Schatz. Holly ist schon auf dem Weg hierher. Sie … äh … sie hat gesagt, dass … äh … «

»Ja was denn nun?«

»Sie hat gesagt, dass Gerry eine Liste für sie geschrieben hat.«

John starrte sie an und musterte ihr Gesicht eindringlich. Sharons besorgte blaue Augen erwiderten seinen Blick, und ihm wurde klar, dass sie es ernst meinte.

Wieder setzte er sich neben sie, und so starrten sie eine Weile gedankenverloren an die Wand.

 

»Wow«, war zunächst Sharons und Johns einziger Kommentar. Zu dritt saßen sie um den Küchentisch herum und starrten auf den Inhalt des Päckchens, den Holly vor ihnen ausgebreitet hatte. Die letzten Minuten hatten sie alle kaum etwas gesagt, sondern sich angestrengt bemüht, ihre Gefühle auf die Reihe zu bekommen. Dabei beschränkte sich das Gespräch auf Sätze wie:

»Aber wie hat er es bloß geschafft …?«

»Aber wieso haben wir nichts davon gemerkt, dass er …? Na ja … Wahnsinn.«

»Wann er wohl … was glaubt ihr … hin und wieder war er ja kurz alleine, oder …?«

Holly und Sharon starrten einander größtenteils schweigend an, während John stotterte und stammelte und mit seinen Satzfetzen herauszufinden versuchte, wann, wo und wie sein todkranker Freund es geschafft hatte, diese Idee ganz allein und klammheimlich in die Tat umzusetzen.

»Wow«, wiederholte er schließlich, nachdem er zu dem Schluss gekommen war, dass Gerry die Sache tatsächlich durchgezogen haben musste, ohne jemanden einzuweihen.

»Ihr beide hattet also auch überhaupt keine Ahnung davon?«, hakte Holly sicherheitshalber noch einmal nach.

»Also ich hatte keinen blassen Schimmer, aber sieht doch ganz danach aus, dass John, das Superhirn, dahintersteckt«, meinte Sharon ironisch.

»Ha, ha«, erwiderte John trocken. »Aber er hat Wort gehalten, stimmt’s?« Lächelnd sah er die beiden jungen Frauen an.

»Das kann man wohl sagen«, bestätigte Holly leise.

»Alles okay bei dir, Holly? Ich meine, wie geht es dir damit, es muss doch ziemlich … ziemlich seltsam für dich sein?«, erkundigte sich Sharon noch einmal mit deutlicher Besorgnis.

»Mir geht’s gut«, antwortete Holly nachdenklich. »Eigentlich finde ich sogar, etwas Besseres hätte mir gerade jetzt gar nicht passieren können! Komisch, dass wir alle so völlig überrascht sind, wo wir doch dauernd über diese Liste geredet haben. Ich meine, wir hätten eigentlich fest damit rechnen müssen!«

»Schon, aber dass er wirklich eine macht … «, meinte John.

»Warum nicht?«, fragte Holly. »Deshalb haben wir die Liste doch überhaupt aufgestellt. Als Hilfe für die Menschen, die man liebt – wenn man mal nicht mehr da ist.«

»Ich glaube, Gerry war der Einzige, der die Sache wirklich ernst genommen hat.«

»Sharon, Gerry ist der Einzige von uns, der gestorben ist. Wer weiß, wie ernst wir das an seiner Stelle genommen hätten.«

Schweigen.

»Na, dann lasst uns die Sache mal näher betrachten«, schlug John vor, der auf einmal munter geworden war. »Wie viele Umschläge gibt es?«

»Hmmm … zehn«, zählte Sharon, die sich jetzt auch auf das Spiel einließ.

»Gut, welche Monate haben wir?«, fragte John. Holly sortierte den Stapel.