Verlag: Suhrkamp Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2010

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E-Book-Beschreibung Pacific Private - Don Winslow

Boone Daniels lebt, um zu surfen. Nebenbei übernimmt er als Privatdetektiv ein paar Jobs, doch nie so viel, um nicht rechtzeitig bei Tagesanbruch am Strand zu sein, wo er mit seinen Kumpels die großen Wellen erwartet. Doch gerade, als Riesenbrecher auf Pacific Beach, Kalifornien zurollen, wie sie nur alle paar Jahre vorkommen, wird er in einen Fall verwickelt, der auch ein dunkles Kapitel seiner Vergangenheit betrifft.

Meinungen über das E-Book Pacific Private - Don Winslow

E-Book-Leseprobe Pacific Private - Don Winslow

Boone Daniels lebt, um zu surfen. Nebenbei übernimmt er als Privatdetektiv ein paar Jobs, doch nie so viel, um nicht rechtzeitig bei Tagesanbruch am Strand zu sein, wo er mit seinen Kumpels die großen Wellen erwartet. Doch gerade, als Riesenbrecher auf Pacific Beach, Kalifornien zurollen, wie sie nur alle paar Jahre vorkommen, wird er in einen Fall verwickelt, der auch ein dunkles Kapitel seiner Vergangenheit berührt. Pacific Private ist der erste Teil von Don Winslows Serie um den surfenden Privatdetektiv Boone Daniels.

Don Winslow arbeitete als Privatdetektiv in New York, als Safariführer in Kenia und lebt heute als Autor und Gelegenheitssurfer in Südkalifornien.

Don Winslow

PACiFiC PRiVATE

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen vonConny Lösch

Suhrkamp

Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem TitelThe Dawn Patrolbei Alfred A. Knopf, a division of Random House, Inc., New York.

© Don Winslow, 2008

Umschlagfoto: Rich Reid/Philip Lee Harvey/Getty Images

ebook Suhrkamp Verlag Berlin 2010

© der deutschen Ausgabe

Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2009

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr.

Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

Umschlag: HAUPTMANN & KOMPANIE Werbeagentur

eISBN 978-3-518-74200-6

www.suhrkamp.de

Welle, die:Eine Störung, die sich vermittels eines Mediums von einem Ort zu einem anderen überträgt.

»Let me take you down, ’cause I’m going to Strawberry Fields …«

Lennon/McCartney

01

Die Meeresoberfläche breitet eine weiche silbrige Decke über die Küste.

Gerade steigt die Sonne über die Hügel im Osten. Pacific Beach schläft noch.

Die Farbe des Ozeans ist weder blau noch grün, noch richtig schwarz, sondern irgendetwas dazwischen.

Draußen am Line-up besteigt Boone Daniels sein altes Longboard wie ein Cowboy sein Pferd.

Er gehört zur Dawn Patrol.

02

Die Mädchen sehen aus wie Gespenster.

Sie treten aus dem frühmorgendlichen Nebel und stapfen über das feuchte Gras am Feldrand; silbrig heben sich ihre Gestalten von einer schmalen Baumreihe ab. Die Nässe dämpft ihre Schritte, deshalb nähern sie sich leise. Der Dunst, der ihre Beine umfängt, lässt sie aussehen, als würden sie schweben.

Wie die Geister früh verstorbener Kinder.

Sie sind zu acht und sie sind wirklich noch Kinder – das älteste ist vierzehn, das jüngste zehn. Ohne sich dessen bewusst zu sein, gehen sie im Gleichschritt, gehen den wartenden Männern entgegen.

Die Männer beugen sich über den Nebel wie Riesen über Wolken, die von oben ihr Universum beäugen. Aber die Männer sind keine Riesen, sie sind Arbeiter; und ihr Universum ist das scheinbar endlose Erdbeerfeld, über das sie nicht herrschen, sondern das sie beherrscht. Sie sind froh über den kühlen Nebel – schon bald wird er verdunstet sein und sie der gleichgültigen Brutalität der Sonne überlassen.

Die Männer sind Erntearbeiter, stundenlang über die Pflanzen beugen sie sich, ohne sich aufzurichten. Sie haben die gefährliche Odyssee von Mexiko bis hierher auf sich genommen, um auf diesen Feldern zu arbeiten und ihren Familien südlich der Grenze Geld schicken zu können.

Sie leben im Verborgenen, in primitiven Lagern aus Wellblechhütten, notdürftig zusammengeflickten Zelten und Schuppen, tief in den Canyons, die sich seitlich der Felder erheben. Frauen gibt es in den Lagern keine und die Männer sind allein. Jetzt halten sie inne, um schuldbewusst einen Blick auf die fast schwerelosen Mädchen zu erheischen, die aus dem Nebel kommen. Es sind begehrliche Blicke, obwohl viele dieser Männer Töchter im selben Alter haben.

Zwischen Feldrand und Flussufer wächst ein breiter Schilfstreifen, in den die Männer kleine Schlupflöcher geschlagen haben, fast schon Höhlen. Einige von ihnen gehen jetzt ins Schilf und beten, dass die Dämmerung nicht zu schnell kommen oder zu hell scheinen und ihre Schmach Gottes Blicken preisgeben möge.

03

Auch im Crest Motel dämmert es.

Der Sonnenaufgang ist ein Anblick, der nicht vielen seiner Bewohner vergönnt ist, es sei denn, sie stehen nicht auf, sondern gehen gerade erst ins Bett.

Zwei junge Menschen sind jetzt wach, aber der Mann am Empfang, der mit dem Hintern auf dem Stuhl und den Füßen auf dem Tresen ein Schläfchen hält, ist keiner von den beiden. Egal. Selbst wenn er wach wäre, könnte er den kleinen Balkon von Zimmer 342 nicht sehen, über dessen Geländer die Frau fällt.

Ihr Nachthemd flattert über ihr.

Ein unzulänglicher Fallschirm.

Sie verfehlt den Pool um keinen ganzen Meter, ihr Körper prallt mit einem dumpfen Schlag auf den Beton.

Nicht laut genug, um jemanden zu wecken.

Der Mann, der sie gestoßen hat, sieht nur so lange hinunter, bis er sicher ist, dass sie nicht mehr lebt. Er sieht, dass ihr Hals merkwürdig verdreht ist, wie der einer kaputten Puppe. Er betrachtet die Blutlache – fast schwarz im matten Licht –, die sich zum Pool hin ausbreitet.

Wasser strebt dem Wasser zu.

04

»Galaktisch krasse Freakwaves, klassischer Fall von hammerhart.« So umschreibt Hang Twelve die herannahende große Wellenfront gegenüber Boone Daniels, der sogar versteht, was Hang Twelve meint. Rechts von Boone, im Süden, klatschen die Wellen bereits gegen die Stützpfeiler des Crystal Pier. Der Ozean ist schwer, angeschwollen, verheißungsvoll.

Die Surfer der Dawn Patrol – Boone, Hang Twelve, Dave the Love God, Johnny Banzai, High Tide und Sunny Day – sitzen auf ihren Brettern, reden und warten auf die nächsten Wellen. Alle tragen schwarze Neoprenanzüge, die sie von den Handgelenken bis zu den Fußknöcheln bedecken, denn das Wasser am frühen Morgen ist kalt, besonders jetzt, wo es vom nahenden Sturm aufgewühlt wird.

Die Unterhaltung dreht sich an diesem Morgen um die große Wellenfront, eine Brandung, wie sie nur einmal alle zwanzig Jahre vorkommt, die jetzt wie ein außer Kontrolle geratener Güterzug auf die Küste von San Diego zuwalzt. In zwei Tagen soll es so weit sein, sie wird grauen Winterhimmel mitbringen, etwas Regen und die größten Wellen, die sie je gesehen haben.

Wie Hang Twelve meinte, wird das ein »klassischer Fall von hammerhart«.

Grob übersetzt ist das ein Ausdruck der Anerkennung.

Auf alle Fälle gut wird es werden, das weiß Boone. Vielleicht würden sie sogar sieben Meter hohe Peaks zu sehen bekommen, zwei pro Minute. Double Overheads, Tubes wie Tunnel, echte Donnerbrecher, die einen problemlos mitreißen und in den Waschgang spülen.

Nur was für die besten Surfer.

Zu denen Boone gehört.

Die Behauptung, Boone sei schon gesurft, bevor er laufen konnte, mag übertrieben sein, doch er konnte früher surfen als rennen, und das entspricht der nackten Wahrheit. Boone ist der Inbegriff eines locie – abgeleitet von local; er wurde am Strand gezeugt, weniger als einen Kilometer davon entfernt geboren und er wuchs drei Häuserblocks weit von der Stelle auf, an der bei Flut die Brandung bricht. Sein Dad surfte, seine Mom surfte – daher auch die Empfängnis im Sand. Seine Mom surfte sogar bis weit in den sechsten Schwangerschaftsmonat hinein, weshalb es vielleicht doch nicht übertrieben ist zu behaupten, Boone sei schon gesurft, als er noch nicht laufen konnte.

Boone ist also sein ganzes bisheriges Leben lang – und länger – ein Mann des Wassers gewesen.

Der Ozean ist sein Hinterhof, sein Hafen, sein Spielplatz, seine Zuflucht, seine Kirche. Er besucht den Ozean, um zu genesen, sich zu reinigen und sich zu vergegenwärtigen, dass das Leben ein Wellenritt ist. Boone hält Wellen für erfahrbare Botschaften Gottes, durch die er uns wissen lässt, dass das Beste im Leben kostenlos ist.

Dieses Gefühl von Freiheit holt sich Boone jeden Tag, meist zwei oder drei Mal, aber immer, ausnahmslos immer, im Morgengrauen bei der Dawn Patrol.

Boone Daniels lebt für das Surfen.

Er möchte jetzt nicht über die große Wellenfront sprechen, denn es könnte die Wellenfront verderben, dazu führen, dass sie abflaut und in den unergründlichen Weiten des Nordpazifiks verebbt. Obwohl ihn Hang Twelve wie gewöhnlich mit einem Ausdruck unverstellter Heldenverehrung betrachtet, lenkt Boone das Gespräch auf eines der Standardthemen der Dawn Patrol von Pacific Beach.

Auf die Liste der Dinge, die gut sind.

Angefangen haben sie mit der Liste der Dinge, die gut sind, vor ungefähr fünfzehn Jahren, als der Gemeinschaftskundelehrer ihrer Highschool Boone und Dave aufforderte, sich zu überlegen, wo ihre »Prioritäten liegen«.

Die Liste ist flexibel, einzelne Posten kommen hinzu oder werden gestrichen, die Rangfolge verändert sich. Angenommen, jemand würde die aktuelle Liste der Dinge, die gut sind aufschreiben, was nicht der Fall ist, dann läse sie sich folgendermaßen:

Double Overheads

Reef Breaks

Tubes

Mädchen, die am Strand sitzen und zusehen, wie man Double Overheads, Reef Breaks und Tubes reitet (Was Sunny zu der Bemerkung veranlasste: »Mädchen gucken zu – Frauen reiten.«)

Alles, was umsonst ist

Bretter von Baltierri

Alles von O’Neill

Auslegerkanutinnen

Fisch-Tacos

Der Film

Big Wednesday

»Ich schlage vor«, sagt Boone mit Blick auf die Wellenkämme, »wir stellen Fisch-Tacos über Auslegerkanutinnen.«

»Vom neunten auf den achten?«, fragt Johnny Banzai, und auf seinem ansonsten meist ernsten Gesicht macht sich ein Lächeln bemerkbar. Johnny Banzai heißt natürlich nicht wirklich Banzai. Er heißt Kodani, aber als radikaler, unerschrockener und unverwüstlicher Surfer japanisch-amerikanischer Herkunft bekommt man entweder den Spitznamen Kamikaze oder Banzai verpasst, so ist das nun mal. Boone und Dave the Love God hielten Johnny für viel zu vernünftig, um als selbstmordgefährdet gelten zu können, und entschieden sich für Banzai. Wenn Johnny Banzai keine Banzai-Angriffe reitet, ist er Kommissar bei der Mordkommission des San Diego Police Department, und Boone weiß, dass er sich über jede Gelegenheit freut, über etwas anderes zu reden als über Dinge, die ganz und gar nicht gut sind. Er springt also voll drauf an. »Letztlich beide einfach austauschen?«, fragt Johnny Banzai. »Auf welcher Grundlage?«

»Auf der Grundlage reiflichen Nachdenkens und sorgfältiger Überlegung«, antwortet Boone.

Hang Twelve ist schockiert. Der junge Soulsurfer starrt Boone voller verletzter Unschuld an, sein nasser Ziegenbart tropft auf das schwarze Neopren seines Winteranzugs, und als er den Kopf neigt, fallen ihm seine hellbraunen Dreadlocks auf die Schultern. »Aber Boone – Auslegerkanutinnen?«

Hang Twelve liebt die Frauen in den Auslegerkanus. Immer wenn sie vorbeipaddeln, setzt er sich auf sein Board und starrt ihnen hinterher.

»Pass auf«, sagt Boone, »die meisten von denen gehen für das andere Team an den Start.«

»Welches andere Team?«, fragt Hang Twelve.

»Er ist noch so jung«, bemerkt Johnny, und wie üblich trifft er mit dieser Bemerkung den Nagel auf den Kopf. Hang Twelve ist ein Dutzend Jahre jünger als die anderen von der Dawn Patrol. Sie tolerieren ihn, weil er ein begeisterter Surfer und Boones Schützling ist, außerdem gibt er ihnen im Surfladen, wo er arbeitet, Rabatt.

»Welches andere Team?«, fragt Hang Twelve hartnäckig.

Sunny Day beugt sich über ihr Board und flüstert ihm etwas zu.

Sunny sieht genau so aus, wie sie heißt. Ihre blonden Haare leuchten wie Sonnenlicht. Sie ist eine Naturgewalt, groß und langbeinig – das, was Brian Wilson meinte, als er schrieb, er wünschte sich, alle Mädchen wären California Girls.

Nur dass Brians Traumfrauen meist am Strand sitzen bleiben, während Sunny surft. Sie ist die beste von allen bei der Dawn Patrol, besser auch als Boone, und mit der anstehenden großen Wellenfront könnte sie den Sprung von der Kellnerin zur vollbeschäftigten Profisurferin schaffen. Ein gutes Foto von Sunny, wie sie eine große Welle durchpflügt, könnte ihr einen Sponsorenvertrag bei einer der wichtigsten Firmen für Surferklamotten einbringen, und dann wäre sie nicht mehr zu bremsen. Jetzt übernimmt sie es, Hang Twelve zu erklären, dass die meisten Frauen in den Auslegerkanu-Frauenmannschaften auf Frauen ausgelegt sind.

Hang Twelve stöhnt entsetzt auf.

»Du hast einem jungen Menschen gerade seine Illusionen zerstört«, wirft Boone Sunny vor.

»Muss nicht sein«, sagt Dave the Love God und grinst selbstgefällig.

»Fang gar nicht erst an«, sagt Sunny.

»Ist es meine Schuld«, fragt Dave, »dass mich die Frauen lieben?«

Eigentlich nicht, nein. Gesicht und Körperbau von Dave the Love God hätten im antiken Griechenland für einen echten Run auf Marmor gesorgt. Aber dass Dave so viel Sex kriegt, verdankt er gar nicht in erster Linie seinem Körper, sondern vor allem seiner Zuversicht. Dave vertraut darauf, dass man ihn flachlegen wird, und er übt einen Beruf aus, der ihm die perfekte Ausgangsposition verschafft. Er ist Rettungsschwimmer, und dadurch hat er Chancen bei jeder Touristenschnecke, die aus den Schneestaaten anreist, um sich in San Diego einen Sonnenbrand zu holen. Seinem Beruf verdankt er auch seinen Spitznamen. Johnny Banzai, der gerade das Kreuzworträtsel der New York Times mit Füller ausfüllte, meinte: »Du bist kein life guard, du bist ein love god. Kapiert?«

Ja, alle von der Dawn Patrol kapierten das, weil sie alle schon gesehen hatten, wie Dave the Love God auf seinen Rettungsschwimmerhochsitz klettert und, in Vorbereitung auf die bevorstehende Nacht und zum Ausgleich für die Anstrengungen der vergangenen, ganze Hände voll Vitamin-E-Pillen schluckt.

»Die drücken mir ein Fernglas in die Hand«, sagte er einmal voller Verwunderung zu Boone, »und verlangen ausdrücklich, dass ich spärlich bekleidete Frauen beobachte. Und dann behaupten tatsächlich Leute, es gebe keinen Gott.«

Sollte also überhaupt ein Hominide mit Schraubwerkzeug eine Auslegerkanutin (oder auch mehrere) dazu bringen, eine oder zwei Nächte lang von ihren geschlechtlichen Überzeugungen abzuweichen, dann Dave. Dem selbstzufriedenen lasziven Lächeln nach zu urteilen, das er jetzt aufsetzt, ist es ihm bereits mehrfach gelungen.

Hang Twelve ist noch nicht überzeugt. »Aber, Fisch-Tacos? Ich weiß nicht.«

»Kommt auf den Fisch im Taco an«, sagt High Tide, der eigentlich Josiah Pamavatuu heißt, und wirft sein Gewicht in die Waagschale. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Samoaner hat gute 160 Kilo auf den Hüften. Daher auch der Spitzname High Tide, denn wenn er ins Wasser geht, steigt der Meeresspiegel. High Tides Ansichten über Lebensmittel werden respektiert, denn er weiß offensichtlich, wovon er redet. Pacific Islanders kennen sich aus mit Fisch, das weiß jeder. »Königsfisch, Wahoo, Opah, Goldmakrele, Hai, oder was? Das ist ein großer Unterschied, vom Ranking her.«

»Egal«, sagt Boone, »in einer Tortilla schmeckt alles besser.«

Für Boone gilt dies als Glaubensgrundsatz. Sein Leben lang hat er sich daran gehalten und er ist der unerschütterlichen Überzeugung, dass es der Wahrheit entspricht. Man nimmt irgendwas – Fisch, Huhn, Rindfleisch, Käse, Eier, sogar Erdnussbutter oder Marmelade – und übergibt es der mütterlichen Fürsorge einer warmen Tortilla. Und all jene Lebensmittel werden die ihnen entgegengebrachte Liebe erwidern, indem sie sich von ihrer allerbesten Seite zeigen.

Alles schmeckt besser in einer Tortilla.

»Raus!«, schreit High Tide.

Boone blickt über seine Schulter auf die erste Welle einer, wie es den Anschein hat, ganzen Reihe von stattlichen Exemplaren.

»Partywelle!«, johlt Dave the Love God und er, High Tide, Johnny und Hang Twelve springen auf, teilen sich den Ritt an Land. Boone und Sunny warten auf die zweite Welle, die ein bisschen größer ist, voller und besser geformt.

»Deine Welle!«, ruft Boone ihr zu.

»Ritterlich oder gönnerhaft, wie darf ich das verstehen?«, schreit Sunny zurück, paddelt aber los. Boone schwingt sich direkt hinter ihr auf und gemeinsam surfen sie auf der Shoulder hinein, ein geschickter Pas de deux im Weißwasser.

Boone und Sunny laufen gemeinsam über den Strand, denn die morgendliche Session ist vorbei und die Dawn Patrol geht an Land. Das muss sein, weil sie alle auch noch richtige Jobs haben. Alle außer Boone.

Johnny tritt schon aus der Außendusche und setzt sich auf den Fahrersitz seines Wagens, um sich in seine Kommissarklamotten – blaues Hemd, braunes Tweedjackett, khakifarbene Hose – zu werfen, als sein Handy klingelt. Johnny lauscht und sagt: »Eine Frau hat einen Köpper vom Balkon eines Motels gemacht. Das sind vielleicht paradiesische Zustände.«

»Die vermisse ich nicht«, sagt Boone.

»Das ist umgekehrt genauso«, entgegnet Johnny.

Das ist wahr. Als Boone beim San Diego Police Department die Flinte ins Korn warf, bedauerte sein Lieutenant einzig und allein, dass er sich nicht vorher damit den Schädel weggeblasen hatte. Johnny ist trotz seiner Bemerkung anderer Ansicht – Boone war ein guter Cop. Ein sehr guter Cop.

Eine Schande, was da passiert war.

Aber jetzt folgt Boone High Tides Blick hinaus auf den Ozean, den der große Mann mit fast demütiger Intensität anstarrt.

»Sie kommt«, sagt High Tide. »Die Wellenfront.«

»Groß?«, fragt Boone.

»Nicht groß«, sagt High Tide. »Riesig.«

Echte Donnerbrecher.

Kawumm – so in der Art.

05

Eine Welle, was ist das überhaupt?

Wenn wir eine Welle sehen, wissen wir, dass es eine ist, aber was ist das eigentlich?

Die Physiker bezeichnen sie als ein »Phänomen der Energieübertragung«.

Im Wörterbuch steht, es sei »eine Störung, die sich vermittels eines Mediums von einem Ort zu einem anderen überträgt«.

Eine Störung.

Das auf alle Fälle.

Etwas wird gestört, aufgewühlt. Das heißt, etwas trifft auf etwas anderes und löst eine Vibration aus. Klatschen Sie in die Hände, und Sie hören ein Geräusch. Was Sie tatsächlich hören, ist eine Schallwelle. Etwas traf auf etwas anderes und löste eine Vibration aus, die Ihr Trommelfell erreichte.

Vibration ist Energie. Sie wird durch das Phänomen der Welle von einem Ort zu einem anderen übertragen.

Das Wasser selbst bewegt sich eigentlich nicht. Vielmehr stößt ein Wassermolekül ein benachbartes an, dieses wiederum stößt ein weiteres Molekül neben sich an und so weiter und so fort, bis es auf etwas anderes trifft. Das ist wie mit dieser bescheuerten La Ola, der Welle bei Sportveranstaltungen – die Menschen bewegen sich nicht durchs Stadion, nur die Welle bewegt sich. Die Energie fließt von einer Person zur nächsten.

Wenn man eine Welle reitet, reitet man nicht das Wasser. Das Wasser ist das Medium, tatsächlich reitet man auf der Energie.

Sehr cool.

Man schwingt sich auf die Energie.

Milliarden von H2O-Molekülen arbeiten Hand in Hand, um dich von einem Ort zu einem anderen zu transportieren, was sehr großzügig von ihnen ist, wenn man sich das mal genau überlegt. Wobei diese letzte Bemerkung natürlich bloß versponnener Soulsurfer-Scheiß ist – der Welle ist es egal, ob jemand draufspringt oder nicht. Wassermoleküle sind unbelebte Objekte, die nichts wissen und schon gar nichts empfinden: Das Wasser macht nur, was Wasser nun mal so macht, wenn es von der Energie in die Zange genommen wird.

Es schlägt Wellen.

Eine Welle, jede Welle, besitzt eine bestimmte Form. Die Moleküle, die aufeinandertreffen, tun dies nicht einfach nur in einer flachen Linie, sondern sie bewegen sich auf und ab – daher die Welle. Bevor es zu der »Störung« kommt, befinden sich die Wassermoleküle im Ruhezustand, einem Äquilibrium, um den Fachbegriff zu verwenden. Dann geschieht folgendes, die Energie stört dieses Äquilibrium, das Gleichgewicht. Sie »verdrängt« die Moleküle aus ihrem Ruhezustand. Hat die Energie ihr maximales »Verdrängungspotential« erreicht (»positive Verdrängung«), befindet sich die Welle auf ihrem Höchststand. Dann sackt sie unter ihr ursprüngliches Niveau, was man als »negative Verdrängung« bezeichnet, und das ist das »Wellental«. Mit anderen Worten, die Welle hat Höhen, Tiefen und Mitten, genau wie das gute alte Leben selbst.

Na ja, ein bisschen komplizierter ist es schon, besonders, wenn man von der Sorte Welle spricht, die sich reiten lässt, und ganz besonders von der Art Riesenwelle, wie sie jetzt gerade mit den allerübelsten Absichten auf Pacific Beach zuwalzt.

Im Prinzip gibt es zwei verschiedene Arten von Wellen.

Die meisten Wellen sind »Oberflächenwellen«. Sie entstehen durch Wind und die Anziehungskraft des Mondes. Dies ist die gewöhnliche Feld-Wald-und-Wiesenwelle, die Alltags- oder auch Lieschen-Müller-Welle. Diese Sorte taucht zur rechten Zeit auf und macht ihren Job. Es gibt sie in verschiedenen Größen von klein und mittel bis gelegentlich auch groß.

Oberflächenwellen sind die Wellen, denen das Surfen seinen Namen verdankt, denn dem unkundigen Auge scheint es, als würde der Surfer auf der Wasseroberfläche reiten. Surfer gleiten, wenn man so will, über die Oberfläche – auf Englisch surface.

Oberflächenwellen sind so etwas wie die Maulesel der Surfer. Lasttiere, die allerdings durchaus über die Stränge schlagen können, wenn der Wind sie ordentlich aufpeitscht.

Viele denken, für die großen Wellen sei starker Wind verantwortlich, aber das ist so nicht richtig. Wind kann eine starke Brandung verursachen oder eine ansonsten durchschnittliche Welle hoch auftürmen, aber die Energie selbst – die Störung – entsteht an der Oberfläche. Diese Wellen besitzen eine gewisse Höhe, doch es fehlt ihnen an Tiefe. Alles, was passiert, passiert oben – fast, als wäre es bloß Show. Solche Wellen sind im wahrsten Sinne des Wortes oberflächlich.

Wind kann die Brandung auch ruinieren, was häufig der Fall ist. Weht der Wind schräg über die Welle, kann er ihr die Form versauen oder die Brandung zerhacken, oder – wenn die Welle direkt vom Ozean hereinkommt – ihren Kamm niederdrücken, sie platt walzen und unreitbar machen.

Wünschenswert ist ein sanfter, steter, der Küste vorgelagerter Wind, der die Welle frontal anweht und auf diese Weise aufrechterhält.

Die andere Art von Welle ist eine Welle unter der Oberfläche, die, äh – unter Wasser beginnt. Wenn Oberflächenwellen tänzelnde Mittelgewichtsboxer sind, die sich mit kurzen Geraden zur Wehr setzen, dann ist diese Welle das Schwergewicht, das auf Plattfüßen in den Ring watschelt und seinen Gegner k.o. schlägt. Diese Welle ist der Superstar, der ultimative Bösewicht, der Arsch, der dir das Geld für den Schulbus abnimmt, die Freundin ausspannt und deine neuen Turnschuhe klaut.

Wenn es Oberflächenwellen an Tiefe mangelt, dann hat die Strömungswelle mehr Eier in der Hose als ein Riff von Sly and the Family Stone. Sie ist tiefgründiger als Kierkegaard und Wittgenstein zusammen. Sie ist echt heavy, mein Freund; sie ist nicht dein Bruder. Sie ist der verhasste Bastard, der in einem brutalen Liebesakt auf dem Meeresgrund gezeugt wurde.

Da unten gibt es eine ganze Welt. Genau genommen befindet sich der Großteil der Welt da unten. Es gibt unglaubliche Bergketten, riesige Ebenen, Gräben und Canyons. Dort gibt es tektonische Platten, und wenn diese sich verschieben und aneinanderschaben, kommt es zu Erdbeben, gigantischen Unterwasserbeben, so gewalttätig wie Mike Tyson, wenn er seine Medikamente nicht genommen hat, und diese Beben lösen brutalste Störungen aus.

Zeigt sich die Welle von ihrer besten Seite, entsteht eine wunderschöne große Wellenfront, auf der es sich reiten lässt; im schlimmsten Fall kommt es zu einem Tsunami, dem unzählige Menschen zum Opfer fallen.

Genau das ist die Störung, ein Phänomen der massenhaften Energieübertragung, das sich über Tausende Kilometer fortsetzt, so dass du entweder zum Ritt deines Lebens kommst oder selbiges komplett an den Arsch geht. Dabei ist der Welle scheißegal, was passiert.

Als die Dawn Patrol an diesem Vormittag aus dem Wasser steigt, walzt so etwas auf Pacific Beach zu. Ein Unterwasserbeben in der Nähe der Aleuten rollt buchstäblich Tausende Kilometer auf Pacific Beach zu und dann …

Kawumm.

06

Kawumm ist gut.

Kawumm ist sehr, sehr gut, wenn man wie Boone Daniels Wellen, die viel Krach machen, über alles liebt.

So war er schon immer gewesen. Seit seiner Geburt und noch länger, wenn man den ganzen Kram über pränatale Geräuscheinflüsse glauben möchte. Manche Mütter sitzen rum und hören Mozart, damit ihre Babys auf den Geschmack kommen und die feineren Dinge zu schätzen lernen. Dee, Boones Mom, saß am Strand und kraulte sich im Rhythmus der Wellen den Bauch.

Der noch nicht entbundene Boone konnte den Ozean nicht vom Herzschlag seiner Mutter unterscheiden. Hang Twelve nennt das Meer »Mutter Ozean«, aber bei Boone stimmt das wirklich. Brett Daniels, sein Dad, setzte seinen Sohn, noch bevor dieser die Trotzphase erreichte, vor sich auf das Surfboard, paddelte hinaus und hob ihn beim Wellenreiten auf seine Schulter. Zufällige Zuschauer, das heißt also Touristen, waren entsetzt und meinten: »Was, wenn Sie ihn fallen lassen?«

»Ich lasse ihn nicht fallen«, antwortete Boones Dad.

Als Boone ungefähr drei war, ließ ihn Brett absichtlich ins flache aufgewühlte Wasser fallen, damit er ein Gespür dafür bekam, damit er begriff, dass ihm nichts passieren würde, außer, dass er ein bisschen Wasser in die Nase bekam. Der kleine Boone tauchte auf, kicherte wie verrückt und bettelte: »Noch mal!«

Immer mal wieder drohte ein missbilligender Zuschauer, die Kinderschutzbehörde einzuschalten, und Dee antwortete: »Das macht er doch – er beschützt sein Kind.«

Was der Wahrheit entsprach.

Zieht man ein Kind in Pacific Beach auf, weiß man, dass es aufgrund genetischer Veranlagung früher oder später auf einem Brett aufs Meer hinaus paddeln wird. Also bringt man ihm besser bei, wozu der Ozean imstande ist. Man bringt ihm besser bei, wie man im Wasser lebt, anstatt darin umzukommen, und das macht man am besten, solange das Kind noch klein ist. Man erklärt ihm Brandungsrückströme und Sogwirkungen. Man bringt ihm bei, nicht in Panik zu geraten.

Sein Kind beschützen?

Jetzt hören Sie mal gut zu: Wenn Brett und Dee Geburtstagspartys am Pool ihrer Wohnanlage feierten und Boones kleine Freunde vorbeikamen, rückte Brett Daniels einen Stuhl an den Rand des Pools und erklärte den anderen Eltern: »Nehmt’s mir nicht übel, habt viel Spaß, esst ein paar Tacos, genehmigt euch was zu trinken – ich bleibe hier sitzen und will nicht angesprochen werden.«

Dann setzte er sich und ließ den Boden des mit Kindern randvoll gefüllten Pools keine Sekunde lang aus den Augen, weil Brett wusste, dass an der Wasseroberfläche nichts Schlimmes passieren würde. Weil er wusste, dass Kinder am Beckenboden ertrinken, wenn niemand hinsieht.

Brett sah hin. Er saß dort, zen-buddhistisch konzentriert, bis das letzte Kind bibbernd herausgeklettert, in ein Handtuch gewickelt und losgezogen war, um gierig Pizza und Mineralwasser hinunterzuschlingen. Dann ging auch Brett etwas essen und gesellte sich zu den anderen Eltern. Nicht eine einzige nie wiedergutzumachende Tragödie ereignete sich bei diesen Partys, es gab keinen Anlass zu lebenslanger Reue. (»Ich hab doch nur einen Moment nicht hingeschaut!«)

Sein Kind beschützen?

Haben Sie eine Ahnung. Als Brett und Dee ihren damals siebenjährigen Jungen alleine in einen kleinen Beachbreak paddeln ließen, rutschte ihnen ihr kollektives Herz in die kollektive Hose. Mit Adleraugen passten sie auf, obwohl sie wussten, dass jeder Rettungsschwimmer am Strand und jeder Surfer im Wasser den jungen Boone Daniels ebenso wenig aus den Augen ließ und dass im Fall der Fälle gleich ein ganzer Mob aufgetaucht wäre, um ihn aus der Suppe zu fischen.

Es war schwer, aber Brett und Dee standen da, als sich Boone aufrichtete und hinfiel, aufrichtete und hinfiel, aufrichtete und hinfiel – und dann wieder rauspaddelte und wieder und wieder, bis er sich aufrichtete und oben blieb und auf der Welle hereinritt, während ein Strand voller Menschen auf lässig machte und so tat, als sei nichts gewesen.

Es war noch schwerer, als Boone knapp über zehn Jahre alt war und in das Alter kam, in dem er mit seinen Kumpels an den Strand gehen wollte, ohne dass Mom oder Dad auftauchten und ihn blamierten. Es war schwer, ihn gehen zu lassen, untätig zu bleiben und sich zu sorgen, aber auch das gehörte zum Schutz des Kindes, zum Schutz vor einer nicht enden wollenden Kindheit. Sie vertrauten darauf, dass sie ihren Job erledigt und ihm beigebracht hatten, was er wissen musste.

Mit elf Jahren war Boone also ein klassischer Gremmie.

Ein Gremmie ist die Rache der Natur.

Ein Gremmie, auch Grom genannt, ist ein langhaariger, von der Sonne blondierter, braungebrannter, vorpubertärer, nerviger kleiner Surferarsch. Ein Gremmie ist die kosmische Strafe für jedes beschissene kleine Vergehen, das du dir geleistet hast, als du selbst in dem Alter warst. Ein Gremmie klemmt sich deine Welle unters Brett, ruiniert dir die Session, macht sich in der Snackbar breit und tut so, als wüsste er, wovon er redet. Schlimmer noch, ein Gremmie taucht stets im Rudel mit seinen Gremmie-Kumpels auf – in Boones Fall waren das der kleine Johnny Banzai und der kleine Dave, der erst später zum Love God wurde, drei gleichermaßen abscheuliche, klugscheißernde, versaute, widerliche kleine Arschlöcher. Wenn sie gerade nicht surfen, fahren Gremmies Skateboard, und wenn sie nicht surfen oder Skateboard fahren, lesen sie Comics, strecken ihre schmutzigen kleinen Finger nach Pornos aus und versuchen (erfolglos) echte Mädchen aufzureißen, Erwachsenen Bier abzuluchsen oder Gras aufzutreiben. Eltern erlauben ihren Kindern das Surfen nur, weil es noch das Unverfänglichste ist, was die Brettaffen im Schilde führen.

Als Gremmie musste Boone einiges von den großen Jungs einstecken, aber er hatte auch so was wie einen Freifahrtschein, weil er der Junge von Brett und Dee Daniels war; ein paar verschrobene alte Säcke nannten ihn auch »Mr. und Mrs. Satansbrut«.

Boone wuchs aus all dem heraus. Das ist bei allen Gremmies so, wenn nicht, werden sie aus dem Line-up verscheucht, und außerdem war sowieso schon klar, dass Boone etwas Besonderes war. Für sein Alter bekam er beängstigend viel hin, später sogar beängstigend viel für jedes Alter. Es dauerte nicht lange, bis die besseren Surfteams kamen und ihn in ihre Jugendmannschaften einluden, und es schien längst ausgemachte Sache zu sein, dass Boone kiloweise Trophäen nach Hause schleppen und einen hübschen Sponsorenvertrag bei einer der Surferklamottenfirmen abgreifen würde.

Aber Boone sagte nein.

Vierzehn Jahre war er alt, und er lehnte ab.

»Wie kommt’s?«, fragte sein Dad.

Boone zuckte mit den Schultern. »Dafür mach ich’s einfach nicht«, sagte er. »Ich mach’s, weil …«

Er fand keine Worte dafür, und Brett und Dee verstanden das vollkommen. Sie hängten sich ans Telefon und riefen ihre alten Freunden aus der Surferbranche zurück, Fazit: »Danke, aber nein danke. Der Junge will einfach nur surfen.«

Und das tat er.

07

Petra Hall lenkt ihren BMW in westlicher Richtung über die Garnet Street. Abwechselnd blickt sie auf die Straße und auf einen Zettel in ihrer Hand, vergleicht die Adresse mit den Gebäuden zu ihrer Rechten.

Die Adresse – 111 Garnet Street – ist der korrekte Eintrag unter Boone Daniels, Privatdetektiv, aber in dem Gebäude befindet sich offenbar kein Büro, sondern ein Surfladen. Jedenfalls steht das auf dem Schild, das den eher einfallslosen, wenn auch anschaulichen Schriftzug Pacific Surf vor dem einfallslosen, wenn auch anschaulichen Hintergrund einer gemalten brechenden Welle zeigt. Der Blick ins Schaufenster bestätigt das: Surfbretter, Bodyboards und Badeanzüge. Da der Strand nur einen halben Straßenzug von dem Gebäude entfernt ist, liegt die Vermutung nahe, dass 111 Garnet Street tatsächlich ein Surfladen ist.

Nur, dass sich hier angeblich das Büro des Privatdetektivs Boone Daniels befindet.

Petra wuchs in klimatischen Verhältnissen auf, in denen Sonne mehr ein Gerücht als Realität ist, deshalb ist ihre Haut so blass und zart, dass sie fast durchschimmernd wirkt und einen krassen Kontrast zu ihrem blauschwarzen Haar bildet.

Ihr grafitgraues Kostüm, ein sehr professionelles Karrierefrauen-Outfit, verbirgt eine gleichermaßen schlanke wie gut ausgestattete Figur, der echte Hingucker aber sind ihre Augen.

Sind sie blau? Oder sind sie grau?

Wie beim Ozean kommt es auf ihre Stimmung an.

Sie parkt den Wagen nebenan vor der Sundowner Lounge und betritt Pacific Surf, wo ein bleicher junger Mann, eine Art weißer Rastafarian, hinter dem Tresen steht und sich voll und ganz einem Videospiel widmet.

»Entschuldigung«, sagt Petra. »Ich suche einen Mister Daniels.«

Hang Twelve blickt von seinem Spiel auf und sieht diese umwerfende Frau vor sich stehen. Er starrt sie einen Moment lang an, dann reißt er sich so weit zusammen, dass es ihm gelingt, die Treppe hochzubrüllen: »Cheerful, Brah, Zivilistin hier sucht Boone!«

Ein Kopf späht die Treppe herunter. Ben Carruthers, von den Surfern in Pacific Beach »Cheerful« genannt, sieht aus wie um die sechzig, trägt einen stahlgrauen Bürstenschnitt und blickt grimmig drein, als er zurückschreit: »Sag noch einmal ›Brah‹ zu mir und ich reiß dir die Zunge raus.«

»Sorry, nicht dran gedacht«, sagt Hang Twelve. »War halt so ’ne krass geile Session, la moana war so super heute, ich voll drüber über die Lip von dem Gnarler, so ein geiles Ding, hab sie total geschreddert und dann ab, spektakulär, Mann, bin jetzt noch total angefixt, also nix für ungut, Brah.«

Cheerful sieht Petra an und sagt: »Manchmal führen wir faszinierende Gespräche, ohne dass ich auch nur ein einziges Wort verstehe.« Er wendet sich wieder Hang Twelve zu. »Ich leiste mir dich statt einer Katze. Zwing mich nicht, mir eine Katze zuzulegen.«

Er verschwindet wieder die Treppe hinauf und sagt dabei nur ein einziges Wort: »Oben.«

Petra geht die Stufen hinauf, dorthin, wo sich Cheerful – ein großer Mann, wahrscheinlich knapp unter zwei Meter, sehr dünn, in einem rot karierten Hemd, das in seinen Khaki-Hosen steckt – bereits über einen Schreibtisch beugt. Sie vermutet jedenfalls, dass es ein Schreibtisch ist, denn genau genommen kann sie die Oberfläche unter dem Durcheinander an Papieren, Kaffeebechern, Basecaps, Taco-Packungen, Zeitungen und Zeitschriften nicht sehen. Aber der grimmige Mann hackt Zahlen in einen altmodischen Taschenrechner, woraus sie schließt, dass es sich tatsächlich um einen Schreibtisch handelt.

Das »Büro«, sofern man es wohlwollend als solches bezeichnen möchte, ist eine einzige Katastrophe, ein Saustall, ein Chaos, abgesehen von der Wand ganz hinten, die sauber und aufgeräumt wirkt. Mehrere schwarze Neoprenanzüge hängen dort ordentlich an stählernen Garderobenhaken, und verschiedene Surfbretter lehnen, sortiert nach Größe und Form, an der Wand.

»Vor ungefähr vierzig Jahren«, sagt Cheerful, »war ein Bra noch ein Büstenhalter, den ich mit zittrigen Fingern und ohne großen Erfolg zu öffnen versuchte. Jetzt stelle ich fest, dass ich selbst einer bin. Das sind die Kränkungen des Alters. Was kann ich für Sie tun?«

»Falls Sie Mr. Daniels sind …?«, sagt Petra.

»Falls ich Mr. Daniels wäre, würde ich mir Sorgen machen«, antwortet Cheerful. »Falls ich Sean Connery wäre, nicht.«

»Wissen Sie, wann Mr. Daniels hier sein wird?«

»Nein. Sie?«

Petra schüttelt den Kopf. »Deshalb frage ich Sie.«

Cheerful blickt von seiner Abrechnung auf. Das Mädchen lässt sich keinen Scheiß bieten. Cheerful gefällt das, deshalb sagt er: »Ich will Ihnen was erklären: Boone hat keine Armbanduhr, er richtet sich nach einem Sonnenstandsanzeiger.«

»Darf ich daraus schließen, dass Mr. Daniels zu den eher entspannten Zeitgenossen gehört?«

»Wäre Boone noch entspannter«, sagt Cheerful, »könnte er nicht mehr aufrecht stehen.«

08

Boone kommt in Begleitung von Sunny vom Strand und geht die Garnet Street entlang. Nichts Ungewöhnliches dabei – seit bald zehn Jahren sind sie mal zusammen und mal nicht.

Sunny hat damals wie der Blitz bei der Dawn Patrol eingeschlagen. Ist rausgepaddelt und hat sich ins Line-up gereiht, als wäre sie dort geboren. Boone wollte gerade auf einen zwei Meter hohen Brecher, als sich Sunny vordrängelte und ihm die Welle wegschnappte. Boone balancierte noch auf der Lip, als etwas Blondes an ihm vorbeischoss, als wäre er eine Boje.

Dave lachte. »Mann, die Braut hat dir gerade das Herz rausgerissen und zum Fraß vorgesetzt.« Boone fand das nicht so wahnsinnig lustig. Er nahm die nächste Welle und fing Sunny ab, als sie durchs Weißwasser zurückgepaddelt kam.

»Hey, Blondie«, sagte Boone. »Du hast mir die Welle geklaut.«

»Ich heiße nicht ›Blondie‹«, sagte Sunny. »Und ich wusste nicht, dass der Strand dir gehört.«

»Ich war im Line-up.«

»Bist zu spät gekommen.«

»Einen Scheiß bin ich.«

»Oder so«, sagte Sunny. »Was ist? Der große Mann erträgt’s wohl nicht, wenn ihn ein kleines Mädchen überholt?«

»Ich kann das ab«, sagte Boone. Klang aber sogar in seinen eigenen Ohren schlapp.

»Anscheinend nicht«, sagte Sunny.

Boone betrachtete sie genauer. »Kenn ich dich?«

»Weiß nicht«, sagte Sunny. »Kennst du mich?«

Sie legte sich auf ihr Brett und paddelte wieder raus. Boone blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. War nicht leicht, sie einzuholen.

»Gehst du auf die Pacific High?«, fragte Boone, als er auf gleicher Höhe war.

»Früher mal«, sagte Sunny. »Bin jetzt an der San Diego State University.«

»Ich war auf der Pacific High«, sagte Boone.

»Ich weiß.«

»Ach, echt?«

»Ich erinnere mich an dich«, sagte Sunny.

»Äh, ich glaub, ich erinnere mich nicht an dich.«

»Ich weiß.«

Sie legte einen Zahn zu und paddelte ihm davon. Die restliche Session über zeigte sie ihm, wo der Hammer hängt. Sie bewegte sich übers Wasser, als würde es ihr gehören, was es an jenem Nachmittag auch tat.

»Meine Fresse«, sagte Dave, als er und Boone wieder am Line-up saßen und zusahen.

»Finger weg«, sagte Boone. »Die gehört mir.«

»Falls sie dich will«, schnaubte Dave.

Wie sich herausstellte, wollte sie. Bis Sonnenuntergang surfte sie ihm auf und davon und wartete anschließend am Strand, bis er seinen müden Arsch an Land geschoben hatte.

»Ich könnte mich dran gewöhnen«, sagte Boone zu ihr.

»Woran gewöhnen?«

»Mich von einem Mädchen abhängen zu lassen.«

»Ich heiße Sunny Day«, sagte sie reumütig.

»Ich lache nicht«, sagte er. »Ich bin Boone Daniels.«

Sie gingen zusammen essen und ins Bett. Es war nur natürlich, unvermeidlich – sie wussten, dass keiner von beiden dieser Strömung entkommen konnte. Nicht, dass sie das gewollt hätten.

Danach waren sie unzertrennlich.

»Du und Boone, ihr solltet heiraten und Nachwuchs in die Welt setzen«, erklärte ihnen Johnny Banzai wenige Wochen später. »Das seid ihr der Surferwelt schuldig.«

Als müsste ein Kind von Boone und Sunny irgendeine Art mutierter Superfreak werden. Aber heiraten?

Kam nicht in Frage.

»Klassischer Fall von ZKE«, erklärte Sunny ihren Standpunkt zu dem Thema. »Zerrüttetes kalifornisches Elternhaus. Sollte man eine Doku-Soap drüber drehen.«

Emily Wendelins Hippie-Dad hatte ihre Hippie-Mom sitzengelassen, als Emily drei Jahre alt war. Ihre Mom kam nie drüber weg und Emily auch nicht – sie lernte daraus, niemals einem Mann ihr Herz zu schenken, weil Männer nie bleiben.

Emilys Mom trat den inneren Rückzug an, wurde »emotional unzugänglich«, wie die Seelenklempner es nannten, und Emily wuchs bei ihrer Großmutter auf – der Mutter ihrer Mutter. Eleanor Day gab die eigene Stärke, Großmut und Wärme an Emily weiter und versah sie auch mit ihrem Spitznamen »Sunny«, denn ihre Enkeltochter brachte Licht in ihr Leben. Als Sunny achtzehn Jahre alt wurde, änderte sie ihren Nachnamen in »Day«, egal, wie pseudo-hippiemäßig das klang.

»Ich bin matrilinear«, erklärte sie.

Ihre Großmutter überredete sie auch, aufs College zu gehen, und sie hatte Verständnis dafür, als Sunny nach dem ersten Jahr feststellte, dass höhere Bildung, zumal in einer Institution wie der Universität, nichts für sie war.

»Das ist meine Schuld«, sagte Eleanor.

Sie wohnten anderthalb Straßenzüge vom Strand entfernt, und Eleanor nahm ihre Enkelin beinahe täglich dorthin mit. Als die achtjährige Sunny sagte, sie wolle surfen, sorgte Eleanor dafür, dass ein Surfbrett unter dem Weihnachtsbaum lag. Eleanor stand am Strand, während das Mädchen auf einer Welle nach der anderen ritt, und lächelte geduldig in den Sonnenuntergang, wenn Sunny vom Break aus winkte und flehend einen Finger hochhielt, was heißen sollte: »Bitte Grandma, nur noch eine Welle.« Eleanor begleitete sie zu ihren ersten Wettkämpfen, saß mit dem Mädchen in der Notaufnahme, ohne die Ruhe zu verlieren, und versicherte ihr, dass trotz der Stiche in ihrem Kinn keine Narbe zurückbleiben würde, und wenn doch, dann eine interessante.

Als Sunny ankam und ihr erklärte, sie wolle nicht weiter aufs College gehen, und sich unter Tränen dafür entschuldigte, sie enttäuscht zu haben, sagte Eleanor, es sei ihre Schuld gewesen, sie habe sie schließlich mit dem Ozean vertraut gemacht.

»Und, was willst du stattdessen machen?«, fragte Eleanor.

»Ich möchte Profi-Surferin werden.«

Eleanor verzog keine Miene. Ebenso wenig lachte, schimpfte oder spottete sie. Sie sagte einfach nur: »Na, dann sieh zu, dass du eine erstklassige Surferin wirst.«

Was etwas anderes ist, als die Ehefrau eines erstklassigen Surfers zu sein.

Nicht, dass das eine das andere ausgeschlossen hätte, aber weder Sunny noch Boone interessierten sich fürs Heiraten, oder auch nur für eine gemeinsame Wohnung. Das Leben war wunderbar, so wie es war – surfen, rumhängen, sich lieben und surfen. Es war alles ein und dasselbe, ein langer ungebrochener Rhythmus.

Gute alte Zeiten.

Sunny kellnerte in Pacific Beach und bastelte gleichzeitig an ihrer Surferkarriere, Boone war glücklich als Cop, als uniformierter Streifenbulle beim San Diego Police Department.

Ein Mädchen namens Rain Sweeny machte alles kaputt.

Nach Rain Sweeny war alles anders. Als sie weg war, kam Boone nie mehr richtig zurück. Als läge jetzt eine Distanz zwischen Boone und Sunny, wie eine tiefe, langsame Strömung, die sie auseinander riss.

Und jetzt kommen die Riesenwellen, und beide werden das Gefühl nicht los, dass sie noch größere Veränderungen mit sich bringen.

Sie stehen draußen vor Boones Büro.

»Also … bis später«, sagt Sunny.

»Bis später.«

Im Weggehen fragt sich Sunny, ob es längst zu spät ist.

Als hätte sie etwas verloren, von dem sie nicht mal gewusst hatte, dass sie es wollte.

09

Boone betritt Pacific Surf.

Hang Twelve blickt von Grand Theft Auto IV auf und sagt, »oben ist eine Betty vom Land, die will was von dir. Und Cheerful ist voll geladen.«

»Cheerful ist immer geladen«, entgegnet Boone. »Deshalb heißt er ja Cheerful. Wer ist die Frau?«

»Weiß nicht«, antwortet Hang Twelve schulterzuckend. »Aber Boone, die ist verdammt heiß.«

Boone geht nach oben. Die Frau ist nicht verdammt heiß – die ist verdammt cool. Aber verdammt ist sie auf alle Fälle.

»Mr. Daniels?«, fragt Petra.

»Erwischt.«

Sie streckt ihm die Hand hin und Boone will gerade einschlagen, als er merkt, dass sie ihm ihre Karte reicht.

»Petra Hall«, sagt sie. »Von der Kanzlei Burke, Spitz und Culver.«

Boone kennt die Kanzlei Burke, Spitz und Culver. Die haben ihr Büro in einem der Glaskästen in der Innenstadt von San Diego und ihm in den vergangenen Jahren einiges an Arbeit verschafft.

Und Alan Burke surft.

Nicht jeden Tag, aber öfter mal am Wochenende, und manchmal sieht Boone ihn draußen bei der Gentleman’s Hour. Er kennt also Alan Burke, aber diese kleine, schöne Frau mit dem Mitternachtshaar und den blauen Augen, die kennt er nicht.

Oder sind ihre Augen grau?

»Sie müssen neu sein in der Firma«, sagt Boone.

Petra ist entsetzt, als sie sieht, wie Boone hinter sich greift und an einer Schnur zieht, die an einem Reißverschluss hängt. Sein Neoprenanzug öffnet sich am Rücken, und Boone schält vorsichtig erst seinen rechten, dann seinen linken Arm heraus und rollt den Anzug über seinen Brustkorb. Abrupt wendet sie sich ab, als er ihn über die Hüfte streift, doch dann sieht sie seine geblümte North-Shore-Badehose zum Vorschein kommen.

Sie steht einem Mann gegenüber, der allem Anschein nach Ende zwanzig oder Anfang dreißig ist, aber das ist schwer zu sagen, weil sein Gesicht etwas Jungenhaftes hat. Sein etwas zu langes, ungepflegtes, von sonnengebleichten Strähnchen durchsetztes braunes Haar verstärkt diesen Eindruck; entweder lässt er es absichtlich so unstylisch lang wachsen, oder er hat einfach vergessen, zum Friseur zu gehen. Er ist groß, höchstens drei bis vier Zentimeter kleiner als der grimmige alte Mann, der immer noch Zahlen in den Rechner hackt, und er hat die breiten Schultern und langen Armmuskeln eines Schwimmers.

Boone merkt nicht, dass sie ihn mustert.

Er hat nur die Wellenfront im Kopf.

»Von den Aleuten kommt eine Wellenfront herunter«, sagt er, während er sich den Anzug über die Fußknöchel streift. »In zwei Tagen ist sie da und High Tide meint, ein paar Stunden später ist sie schon gegessen. Die größte Wellenfront der vergangenen vier Jahre und vielleicht auch die größte der kommenden vier. Gigantische Wellen.«

»Echtes BSM«, ergänzt Hang Twelve von der Treppe herüber.

»Passt jemand im Laden auf?«, fragt Cheerful.

»Ist ja keiner da«, sagt Hang Twelve.

»BSM?«, fragt Petra.

»Bremsspurmaterial«, sagt Hang Twelve hilfsbereit.

»Reizend«, sagt Petra und wünschte, sie hätte nicht nachgefragt. »Danke.«

»Jedenfalls«, sagt Boone und betritt das kleine Badezimmer, dreht die Dusche an, braust aber nicht sich, sondern den Neoprenanzug ab, »werden dann alle draußen sein. Johnny Banzai klinkt sich einen Tag aus, High Tide meldet sich krank, Dave the Love God ist sowieso am Strand und Sunny, na ja, Sunny wird auch draußen sein. Alle drehen total durch.«

Petra teilt ihm die schlechte Nachricht mit.

Sie hat Arbeit für ihn.

»Unsere Kanzlei«, sagt Petra, »vertritt das Versicherungsunternehmen Coastal Insurance in einem Rechtsstreit gegen einen gewissen Daniel Silvieri, alias Dan Silver, dem Besitzer eines Stripclubs namens Silver Dan’s.«

»Den Laden kenne ich nicht«, sagt Boone.

»Doch, den kennst du, Boone«, sagt Hang Twelve. »Dave und du, ihr habt mich da an meinem Geburtstag eingeladen.«

»Das war das Kinderparadies bei Chuck E. Cheese, wo wir mit dir waren«, raunzt ihn Boone an. »Paddel zurück.«

»Willst du mich nicht vorstellen?«

Erstaunlich, denkt Boone, dass Hang Twelve plötzlich richtiges Englisch spricht, sobald eine attraktive Frau ins Spiel kommt. Er sagt: »Petra Hall, Hang Twelve.«

»Auch ein Künstlername?«, fragt Petra.

»Er hat zwölf Zehen«, sagt Boone.

»Hat er nicht«, sagt Petra. Dann wirft sie einen Blick auf seine Sandalen. »Er hat zwölf Zehen.«

»Sechs an jedem Fuß«, sagt Boone.

»Krasser Halt auf dem Brett«, sagt Hang Twelve.

»Der Stripclub ist unwesentlich«, sagt Petra. »Mr. Silver ist außerdem Besitzer einer Reihe von Lagerhäusern in Vista. Eines davon ist vor mehreren Monaten niedergebrannt. Das Versicherungsunternehmen hat Nachforschungen angestellt, anhand der vorliegenden Beweise auf Brandstiftung erkannt und die Zahlung verweigert. Mr. Silver klagt nun auf Schadenersatz und Verleumdung. Er will fünf Millionen Dollar.«

»Ich bin kein Brandstiftungsexperte«, sagt Boone. »Ich vermittele Sie gerne an …«

»Mr. Silver hatte ein Verhältnis mit einer seiner Tänzerinnen«, fährt Petra fort. »Eine gewisse Tamara Roddick.«

»Ein Stripclubbesitzer, der eine seiner Tänzerinnen bumst«, sagt Boone. »Hat man so was schon gehört …«

»Vor kurzem«, sagt Petra, »beendete Mr. Silver die Beziehung und legte Ms. Roddick nahe, sich anderswo einen Job zu suchen.«

»Lassen Sie mich raten«, sagt Boone. »Die geschasste junge Dame wird plötzlich von Gewissensbissen überwältigt und kann nicht länger mit der Schuld leben. Sie meldet sich bei der Versicherung und gesteht, dass sie gesehen hat, wie Silver das Gebäude abgefackelt hat.«

»So ungefähr, ja.«

»Und den Scheiß kaufen Sie ihr ab?«, fragt Boone.

Alan Burke ist viel zu schlau, als dass er diese Tammyschnecke in den Zeugenstand berufen würde, denkt Boone. Der gegnerische Anwalt würde sie in der Luft zerreißen und was dann noch von Burkes Fall übrig ist gleich mit.

»Den Lügendetektortest hat sie mit Bravour bestanden«, sagt Petra.

»Ach«, sagt Boone. Was Besseres fällt ihm nicht ein.

»Also, wo liegt das Problem?«, fragt er.

»Das Problem ist«, sagt Petra, »dass Ms. Roddick morgen zu einer Zeugenaussage geladen ist.«

»Surft sie?«, fragt Boone.

»Nicht dass ich wüsste.«

»Dann sehe ich kein Problem.«

»Als ich gestern versucht habe, sie zu kontaktieren«, sagt Petra, »um den Auftritt im Zeugenstand mit ihr zu besprechen, und weil ich ihr dem Anlass angemessene Kleidung bringen wollte, die ich für sie gekauft habe, ging sie nicht ans Telefon.«

»Eine unzuverlässige Stripperin«, sagt Boone. »Sonst noch was?«

»Wir haben wiederholt versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen«, sagt Petra. »Sie geht weder ans Telefon noch ruft sie zurück. Ich habe ihren derzeitigen Arbeitgeber angerufen. ›Totally Nude Girls‹. Der Geschäftsführer teilte mir mit, sie sei seit drei Tagen nicht mehr zur Arbeit erschienen.«

»Haben Sie schon im Leichenschauhaus nachgesehen?«, fragt Boone.

Fünf Millionen Dollar sind eine Menge Geld.

»Natürlich.«

»Dann hat sie die Biege gemacht«, sagt Boone.

»Sie besitzen die Gabe, auf der Hand liegende Zusammenhänge rasch zu durchschauen, Mr. Daniels«, sagt Petra. »Von daher dürften Sie unschwer erraten, was wir von Ihnen wollen.«

»Sie wollen, dass ich sie finde.«

»Volle Punktzahl. Gut gemacht.«

»Ich gehe sofort an die Arbeit«, sagt Boone. »Sobald die Wellenfront durch ist.«

»Ich fürchte, das reicht nicht.«

»Kein Grund, sich zu fürchten«, sagt Boone. »Es ist nur so, dass diese …«

»Tamara.«

»Dass diese Tammyschnecke inzwischen überall sein kann«, sagt Boone. »Die Chancen stehen mindestens fünfzig fünfzig, dass sie mit Dan Silver in einem Wellnesshotel in Cabo sitzt. Egal, wo sie ist oder nicht ist, es wird eine Weile dauern, sie zu finden. Ob ich also heute, morgen oder übermorgen mit der Suche beginne, ist wirklich egal.«

»Mir ist das nicht egal«, sagt Petra. »Und Mr. Burke auch nicht.«

Boone sagt, »vielleicht haben Sie mich nicht verstanden, als ich Ihnen von der großen …«

»Doch«, sagt Petra, »irgendetwas Großes steht im Begriff, sich zu nähern, und gewisse Menschen mit protzigen Spitznamen drehen deshalb aus Gründen, die sich meinem Verständnis entziehen, total durch.«

Boone starrt sie an.

Zum Schluss sagt er, wie zu einem kleinen Kind: »Also Pete, ich erklär’s Ihnen so, dass Sie’s verstehen: Einige sehr große Wellen – Wellen, wie sie nur während jeder zweiten Präsidentschaftsperiode einmal vorkommen – werden in Kürze diesen Strand hier erreichen, nur einen Tag lang – und das Einzige, was ich während der kommenden vierundzwanzig Stunden tun werde, ist auf der Lauer liegen. Jetzt gehen Sie los und sagen Sie Alan, sobald die Wellenfront weg ist, suche ich seine Zeugin.«

»Die Welt«, sagt Petra, »kommt nicht wegen ein paar ›großer Wellen‹ mit quietschenden Reifen zum Stillstand!«

»Doch«, sagt Boone, »das tut sie.«

Er verschwindet im Badezimmer und schließt die Tür hinter sich. Als Nächstes ist fließendes Wasser zu hören. Cheerful sieht Petra an und zuckt mit den Schultern: »Was wollen Sie machen?«

10

Petra geht ins Badezimmer, greift in die Dusche und dreht das kalte Wasser auf. »Ich bin nackt!«, kreischt Boone.

»Tut mir leid – hab ich nicht gesehen.«

Er greift hoch und dreht das Wasser ab. »Die Aktion war echt mies.«

»Ach ja?«

Boone macht eine Bewegung auf sein Handtuch zu, wird dann aber trotzig und bleibt einfach so stehen, nackt und tropfnass, während ihm Petra direkt in die Augen sieht und mitteilt: »Mr. Daniels, ich beabsichtige innerhalb der kommenden drei Jahre als Partnerin in die Kanzlei aufgenommen zu werden und das wird mir nicht gelingen, wenn ich keine Leistung bringe.«

»Petra, so so«, sagt Boone. Er greift eine Flasche Headhunter-Lotion und reibt sich mit der Flüssigkeit ein, dabei sagt er: »Okay – Ihr Dad hieß Pete und wollte einen Jungen, aber das hat nicht hingehauen, also wurden Sie Petra genannt. Daddys Zuneigung ist Ihnen sicher, wenn Sie ein bisschen Testosteron zugeben und knallharte Anwältin werden, das haben Sie schon in jungen Jahren kapiert. Erklärt auch, warum Sie sich mit solchen Monsterkomplexen herumschlagen, allerdings nicht Ihre ungeheuere Penetranz. Nein, die ist wahrscheinlich dem Umstand zu verdanken, dass es immer noch die Kanzlei Burke, Spitz und Culver ist und nicht Burke, Spitz, Culver und Hall.«

Petra zuckt mit keiner Wimper.

Daniels Schuss ins Blaue traf gar nicht so weit daneben. Sie war tatsächlich Einzelkind, ihr britischer Vater, ein bekannter Rechtsanwalt, hatte sich einen Sohn gewünscht. Sie war in London aufgewachsen, hatte mit ihrem Dad im Garten Fußball gespielt, war mit ihm zu den Spielen der Spurs gegangen und hatte ihn zum British Grand Prix in Silverstone begleitet.

Und vielleicht hatte sie es tatsächlich auf die Anerkennung ihres Vaters abgesehen, als sie später ebenfalls Anwältin wurde; dass sie ihre Ausbildung in Kalifornien absolvierte, war allerdings die Idee ihrer amerikanischen Mutter gewesen. »Wenn du eine berufliche Laufbahn in England einschlagen willst«, hatte ihre Mutter gesagt, »wirst du immer Simon Halls Tochter bleiben, vor allem vor dir selbst.«

Petra machte also einen Einserabschluss am Somerville College in Oxford, überquerte dann aber den großen Teich und studierte Jura in Stanford. Burkes Talentsucher pickten sie mühelos aus der Masse heraus und boten ihr an, nach San Diego zu wechseln.

»Ihre küchenpsychologische Analyse«, sagt sie mit einem Lächeln, »ist umso amüsanter, da sie von einem Mann stammt, dessen Eltern Daniels hießen und ihn Boone nannten.«

»Sie standen auf die Fernsehserie«, sagt Boone. Das ist gelogen. Genau genommen war es Dave the Love God, der ihm, damals auf der Junior High, den Spitznamen ›Boone‹ verpasste, aber Boone wird einen Teufel tun und das dieser Nervensäge verraten – von seinem richtigen Namen mal ganz zu schweigen.

»Womit schmieren Sie sich da ein?«, fragt sie.

»Lotion gegen Ausschlag.«

»O je.«

»Hatten Sie schon mal Ausschlag von einem Neoprenanzug?«, fragt Boone.

»Nein, ebenso wenig wie sonst einen Ausschlag.«

»Schön für Sie«, sagt Boone.

»Genau. Handtuch?«

Boone nimmt das Handtuch, wickelt es sich um die Hüften und schlappt hinaus ins Büro.

11

»Und, wie ist die Lage der Nation?«, fragt Boone Cheerful. Cheerful hackt noch einige weitere Zahlen in die Rechenmaschine, beäugt das Ergebnis und sagt: »Du kannst dir entweder was zu essen kaufen oder die Miete bezahlen, beides geht nicht.«

Für Boone ist das keine ungewöhnliche Zusammenfassung seines Handlungsspielraums. Boones Einkommen bewegt sich allerdings nicht deshalb auf beständig niedrigem Niveau, weil er Privatdetektiv ist. In Wirklichkeit ist er ein sehr guter Privatdetektiv, aber er surft nun mal lieber. Er macht kein Geheimnis daraus, dass er gerade so viel arbeitet, um über die Runden zu kommen.

Oder eben nicht, denn im Moment ist er drei Monate mit der Miete im Rückstand, und wäre Cheerful nur sein Buchhalter und nicht außerdem sein Vermieter, würde ihm die Zwangsräumung blühen. Cheerful gehört das Haus, Pacific Surf und außerdem noch ein Dutzend anderer Mietshäuser in Pacific Beach.

Cheerful ist mehrfacher Millionär, was ihn aber auch nicht fröhlicher macht, besonders nicht, wenn er mit Mietern wie Boone zu tun hat. Er hat sich der Begradigung von Boones Geschäften angenommen und begreift dies als Donquichotterie und Herausforderung an sein buchhalterisches Geschick. Er ist eine Art Edmund Hillary, der versucht, den Gipfel eines Berges von Schulden, finanzieller Verantwortungslosigkeit, unbezahlten und ungeschriebenen Rechnungen, unausgefüllten Steuerformularen und uneingelösten Schecks zu erklimmen.

Für einen Buchhalter und Geschäftsmann ist Boone Daniels der Mount Everest.

»Als dein Buchhalter«, erklärt er Boone jetzt, »rate ich dir dringend, den Fall zu übernehmen.«

»Und als mein Vermieter?«

»Rate ich dir dringend, den Fall zu übernehmen.«

»Schmeißt du mich raus?«

»Vielleicht.«

Oder vielleicht auch nicht, wenn man bedenkt, dass Boone der Typ ist, den Cheerful normalerweise anruft, wenn es darum geht, irgendeinen Versager von Mieter aus seiner Wohnung zu werfen, der nicht nur ausnahmsweise vom Glück verlassen wurde, sondern überhaupt gar nicht die Absicht hat, jemals Miete zu bezahlen. Und Boone loszuschicken, um an sich selbst eine Räumungsklage zu vollstrecken, ist eine Vorstellung, die Cheerful viel zu albern vorkommt, als dass er ihr anhängen könnte.

»Du hast einen negativen Kapitalfluss zu verbuchen«, sagt Cheerful. »Weißt du, was das bedeutet?«

»Das bedeutet, dass mehr Geld rausfließt als reinkommt.«

»Nein«, sagt Cheerful. »Würdest du deine Rechnungen bezahlen, dann wäre das so.«

Boone vollbringt das komplizierte Manöver, sich die Jeans überzuziehen und das Handtuch gleichzeitig nicht von der Hüfte rutschen zu lassen. Er stöhnt: »Vier bis sieben Meter … Double Overheads …«

»Ach, hören Sie auf zu jammern«, sagt Petra mit betont britischem Akzent. »Wenn Sie so gut sind wie Ihr Ruf, dann haben Sie meine Zeugin gefunden, bevor die Wellenfront verebbt.«

Sie hält ihm einen Aktenordner hin.

Boone zieht sich ein Northshore-T-Shirt über den Kopf, einen Kapuzenpulli von Killer Dana darüber, schlüpft in ein paar Reef-Sandalen, nimmt den Ordner und geht nach unten.

»Wo gehen Sie hin?«, ruft ihm Petra nach.

»Frühstücken.«

»Jetzt?«

»Ist die wichtigste Mahlzeit des Tages.«

12

Trotz seines Namens trägt Dan Silver stets Schwarz.

Schon, weil er in Silber ziemlich bescheuert aussehen würde. Das weiß er genau, schließlich war er früher als professioneller Wrestler ganz in Silber gekleidet und sah ziemlich bescheuert aus. Aber was sollte ein Wrestler namens Dan Silver verdammt noch mal sonst anziehen? Angefangen hatte er als einer von den Guten, musste aber schon bald feststellen, dass ihm die Wrestling-Fans den Helden nicht abkauften. Also tauschte er Silber gegen Schwarz und wurde zum Bösewicht namens »Vile Danny Silver«, was ihm die Fans problemlos abkauften.

Außerdem scheffeln die Bösen mehr Kohle als die Guten.

Danny hatte eine Lektion fürs Leben gelernt.

Fünf Jahre blieb er beim WWE, fand es dann allerdings leichter, mit Stripperinnen auszukommen, als sich an drei Abenden die Woche die Scheiße zu den Ohren herausprügeln zu lassen. Also ließ er sich auszahlen und eröffnete seinen ersten Club.

Inzwischen besitzt Dan fünf Clubs und kleidet sich immer noch schwarz, weil er glaubt, damit wirke er sexy und gefährlich. Und schlank, denn Dan trägt inzwischen den für Leute über fünfzig typischen Rettungsring auf der Hüfte, außerdem hat er Hängebacken und ein Doppelkinn, und beides gefällt ihm nicht. Ebenso wenig gefällt ihm, dass sein rostrotes Haar allmählich ausdünnt und nicht mal schwarze Klamotten was daran ändern. Trotzdem trägt er immer noch ein schwarzes Hemd, schwarze Jeans und einen breiten schwarzen Gürtel mit einer großen Silberschnalle, dazu schwarze Cowboystiefel mit angeschrägtem, nicht zu hohem Absatz.

Der Look ist sein Markenzeichen.

Das Markenzeichen eines typischen Arschlochs.

Jetzt geht er los, um einen Mann in Ocean Beach am Pier zu treffen.

Die See bäumt sich auf wie ein nervöses Vollblut in der Startbox. Was Dan ganz fickerig macht. Sein Leben lang hat er am Wasser gelebt und stand nie tiefer als bis zu den Knöcheln drin. Der Ozean ist voll mit ekligem Scheiß wie Quallen, Haie und Wellen. Dan ist eher ein Whirlpool-Mann.

»Hast du schon mal gehört, dass jemand in einer heißen Wanne ertrunken ist?«, hatte er Red Eddie gefragt, als der davon anfing, dass man in den Ozean ja auch reingehen könne.

Genau genommen hatte Red Eddie so was tatsächlich schon mal gehört, aber das ist eine andere Geschichte.

Jetzt kommt Dan den Strand entlang und trifft Tweety.

»Erledigt?«, fragt Dan.

Dan ist 1,93 Meter groß und stemmt 125 Kilo, wirkt aber klein, wie er Tweety da gegenübersteht. Der Scheißkerl ist gebaut wie ein Industriekühlschrank und mindestens so eiskalt.

»Ja«, sagt Tweety.

»Probleme?«, fragt Dan.

»Nicht für mich.«

Dan nickt.

Er hat die Kohle schon dabei, zwanzig Hundertdollarscheine, zusammengerollt in einer seiner dicken Hände.

Zweitausend dafür, eine Frau vom Balkon ihres Motels zu stoßen.

Wer behauptet hat, Menschenleben seien nichts mehr wert, hat noch zu viel bezahlt.

Zu blöd aber auch, denkt Dan, die Kleine war echt scharf und außerdem eine geile Schlampe. Aber sie hat was gesehen, das sie nicht hätte sehen dürfen, und wenn Dan in den über einundzwanzig Jahren, die er nun schon Stripperinnen managt, eins über diese gelernt hat, dann dass sie niemals die Beine zusammen und die Klappe geschlossen halten.

Also musste das Mädchen dran glauben.

Bloß kein Risiko eingehen.

Eine weitere Lieferung steht kurz bevor, die Ware ist viel Geld wert, und das riskiert man nicht wegen einer Stripperin – nicht mal, wenn sie eine geile Schlampe ist.

Dan steckt Tweety die Kohle zu und geht weiter. Er achtet darauf, dem Wasser möglichst fern zu bleiben.

13

Normalerweise frühstückt Boone im Sundowner.

Schon weil der Laden direkt neben seinem Büro liegt. Außerdem servieren die dort das beste Machaca mit Eiern diesseits von … nirgendwo. Dazu gibt’s warme Tortillas, und das haben wir ja bereits geklärt, dass in einer Tortilla alles …

Nachmittags und abends ist der Sundowner zwar völlig von Touristen überlaufen, morgens sind aber meist nur Einheimische dort. Die Inneneinrichtung ist genial – holzgetäfelte Wände voller Surffotos, Surfposter, Surfbretter, kaputter Surfbretter und ein Fernseher, auf dem in einer Endlosschleife Surfvideos laufen.

Außerdem übernimmt Sunny die Vormittagsschicht, und der Besitzer, Chuck Halloran, ist ein cooler Typ, der Boone das Frühstück sponsert. Nicht, dass Boone ein Schmarotzer wäre, aber seine Geschäfte tätigt er größtenteils im Tauschhandel. Die Vereinbarung mit Chuck wurde niemals formalisiert, verhandelt oder auch nur besprochen, aber Boone ist de facto für die Sicherheit im Sundowner zuständig.

Vormittags bevölkern Einheimische das Restaurant, da gibt’s nie Probleme. Abends aber ist es eher so was wie eine Bar und in der Regel vollgepackt mit Touristen, die wegen des ausschweifenden Nachtlebens nach Pacific Beach kommen und gelegentlich auch, um Randale zu machen.

Boone ist sowieso oft abends im Sundowner, und selbst wenn nicht – er wohnt nur zwei Straßenecken weiter, und so hat es sich ergeben, dass er sich darum kümmert, wenn es im Sundowner Probleme gibt. Boone ist ein großer Typ, ein ehemaliger Cop, und er versteht etwas von seinem Geschäft. Außerdem hasst er Prügeleien, weshalb er die aufgewühlten alkoholischen Gewässer in den allermeisten Fällen schon mit seiner gelassenen Art zu glätten versteht. Wenn es doch Ärger gibt, artet dieser selten in ausgewachsene körperliche Auseinandersetzungen aus.

Chuck Halloran hält dies für die beste Art der Problemlösung: sich einer Situation annehmen, bevor sie zum Problem wird, bevor Schaden entsteht, bevor die Cops eingeschaltet werden, bevor die Gastronomiebehörde überhaupt nur deinen Namen erfährt.

Wie an einem Abend vor ein paar Jahren: Chuck beobachtet, wie mehrere Typen, die von irgendwo östlich des Interstate 5 stammen (egal, von wo genau – östlich des Interstate 5 sieht alles gleich aus), mit einer jungen turista verduften wollen, die höchstens noch drei Schluck von der Bewusstlosigkeit entfernt ist. Chuck schnappt die Worte »Zimmer« und »nacheinander« auf.

Boone offensichtlich auch, jedenfalls erhebt er sich von seinem Hocker an der Bar und setzt sich zu den Jungs. Er sieht einem von ihnen, der klar als Alpha-Männchen fungiert, direkt ins Gesicht, lächelt und sagt: »Dude, das ist nicht cool.«

»Was?« Der Typ ist groß, reißt seine Zeit im Fitnessstudio ab und schluckt brav seine Nahrungsergänzungsmittel. Einer von diesen breitschultrigen Spaßvögeln, die sich das Hemd bis zum Bauchnabel aufknöpfen und eine Kette mit Kruzifix in den Brustpelz hängen. Er hat so viel Alk intus, dass er es für eine Spitzenidee hält, auf die Kacke zu hauen.

»Was euch da vorschwebt«, sagt Boone und schiebt sein Kinn in Richtung der jungen Dame, die gerade ein kurzes Nickerchen auf der Tischplatte hält, »das ist nicht cool.«

»Weiß nicht«, sagt der Bankdrücker und grinst seine Gang an. »Ich find’s cool.«