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Dieses Werk bietet eine systematische Einführung in die Geschichte und Archäologie Paestums sowie die Methodik der stereoskopischen Dokumentation. Neben einem historischen Überblick liefert es eine technische Einführung in die 3D-Bildgebung und eine umfangreiche Bildstrecke anaglyphischer Darstellungen antiker Bauten. Ideal für Leserinnen und Leser mit Interesse an Archäologie, Fototechnik und interdisziplinärer Visualisierung historischer Strukturen.
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Seitenzahl: 58
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Die antike Stadt Paestum gilt bis zum heutigen Tage als eine der Hauptsehenswürdigkeiten in Süditalien. Dies liegt zum einen darin begründet, dass die alte Bausubstanz großteils noch in einem sehr guten Erhaltungszustand angetroffen werden kann, wodurch sie gerade in der näheren Vergangenheit als Grundlage für zahlreiche althistorische und archäologische Studien diente. Zum anderen können in Paestum sowohl bauliche Relikte einer griechischen Besiedlungsphase als auch Reste einer darauffolgenden römischen Präsenz in Augenschein genommen werden, wobei die Stadt eine fast tausendjährige Historie durchlief. Zahlreiche Fundstücke der einzelnen Siedlungsphasen sind gegenwärtig in einem eigenen archäologischen Museum ausgestellt, was die kulturhistorische Bedeutung des Standortes nochmals signifikant zu erhöhen vermag.
Die antiken Bauwerke in Paestum laden freilich nicht nur Althistoriker und Archäologen zur näheren Begutachtung ein, sondern stellen ohne Zweifel auch begehrte Motive für fotografisch interessierte Menschen dar. Neben den großen Sakralbauten mit all ihren architektonischen Eigenheiten sind im Stadtgebiet auch kleinere Baustrukturen wie Altäre, Brunnen oder Versammlungsorte anzutreffen, welche einer detaillierten fotografischen Dokumentation unterzogen werden können. Paestum zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass innerhalb eines recht begrenzten urbanen Areals eine überdurchschnittlich große Motivvielfalt zutagetritt.
Bereits in zahlreichen früheren Publikationen, welche zum Teil im Literaturverzeichnis aufgelistet sind, wurde auf die Bedeutung der Stereofotografie in der Archäologie und insbesondere bei der Aufnahme alter Baustrukturen hingewiesen. Es besteht heute weitestgehend Einigkeit darüber, dass die räumliche Darstellung alter Objekte einen Mehrwert an optischer Information liefert, der sowohl in der Wissenschaft als auch im Bereich der Bildpräsentation genutzt werden kann. Auf diesen Sachverhalt wurde auch bereits in jenem stereoskopischen Bildband hingewiesen, welcher die antiken römischen Baustrukturen entlang des Donaulimes in Österreich zum Inhalt hatte.
Das vorliegende Buch setzt sich in gewohnter Weise aus einem theoretische Teil und einem Abschnitt mit umfangreichem stereoskopischen Bildmaterial zusammen. In einem einleitenden Kapitel wird auf Paestum, seine Geschichte, seine Erforschung und seine kulturelle Bedeutung Bezug genommen. Das anschließende Methodikkapitel befasst sich mit den wichtigsten Grundlagen der stereoskopischen Bildgebung und Bildbetrachtung, wobei großer Wert auf die möglichst einfache Vermittlung entsprechender Inhalte für ein breiteres Publikum gelegt wird. Dem aus insgesamt 50 anaglyphischen Tafeln zusammengesetzten Bildteil ist eine umfangreiche Beschreibung vorangestellt, welche sich vor allem an jene Leserschaft mit geringen historischen und archäologischen Vorkenntnissen richtet. In einem Schlusskapitel wird nochmals auf die wichtigsten Inhalte des vorliegenden Buches Bezug genommen. Zugleich sollen zukünftige Anwendungsbereiche der Stereofotografie in der Archäologie diskutiert werden.
Das im Buch verarbeitete Bildmaterial stammt von mehreren Fahrten, welche zwischen 2008 und 2014 nach Neapel und Paestum unternommen wurden. Die Bilder wurden zum Teil bereits vor Ort mit einer zweilinsigen Stereokamera aufgenommen, zum Teil jedoch auch erst nachträglich einer stereoskopischen Nachbearbeitung unterzogen. Einige Aufnahmen wurden von der frei zugänglichen Bilddatenbank Pixabay (www.pixabay.com) entnommen. ■■■■■■■■■■■■■■■■
1 Einleitung
1.1 Lage und Namensgebung
1.2 Geschichte
1.3 Kulte
1.4 Forschungsgeschichte
1.5 Archäologische Stätte
1.6 Das Museum von Paestum
2 Methodik
2.1 Grundlagen der stereoskopischen Bildgebung
2.2 Wichtige Parameter der Stereoskopie
2.3 Stereofotografie großer Objekte
2.4 Betrachtung von Raumbildern
3 Stereoskopische Bilder
3.1 Einige einleitende Bemerkungen
3.2 Beschreibung der einzelnen Objekte
3.2.1 Stadtmauer (B1-B5)
3.2.2 Poseidon-Tempel (B6-B15)
32.3 Basilika (B16-B25)
32.4 Athena-Tempel (B26-B35)
3.2.5 Römische Baudenkmäler (B36-)
4 Schlussbemerkungen
4.1 Aus der Studie gewonnene Erkenntnisse
4.2 Zukünftige Rolle der Stereofotografie in der Archäologie
Literatur
L.1 Monografien und Zeitschriftenbeiträge
L.2 Internetbeiträge
Bildquellen
Die antike Ruinenstätte Paestum (gr, Poseidonia) befindet sich etwa 35 km südöstlich von Salerno an der Westküste Italiens (Abb. 1). Von Neapel aus kann die Ortschaft nach ungefähr zweistündiger Fahrt mit der regionalen Eisenbahn erreicht werden. Aus historischer Ist die Stadt Poseidonia inmitten des nach ihr benannten Golfs in der Region Lukanien gelegen1, wobei entsprechende Besiedlung südlich der Silarosmündung erfolgte.
In der Antike verfügte die unteritalienische Stadt über mehrere verschiedene Bezeichnungen: Neben Ποσει-δωνία gelangten noch die Namen Ποσειδωνίας, Παῑστον, Παῑστός, Posidonia, Paestum, Pestum und Pestus zur Anwendung. Der Terminus Neptunia wurde zu Unrecht in Verbindung mit der Stadt gebraucht, da er die in Tarentum ansässige römische Kolonie des Jahres 128 v. Chr bezeichnete. Während auf antiken Münzen der Name Ποσειδωνία geläufig ist, wird von mancher Seite Παῑστον als vorgriechische Bezeichnung für die Stadt aufgefasst. Diese geriet unter der Bevölkerung nie in Vergessenheit und soll von den Lukanern wieder aufgegriffen worden sein. Bisher gibt es jedoch keine archäologischen Belege für eine Besiedlung, die der griechischen Stadt unmittelbar vorausgegangen wäre, so dass sich die Chronologie der Namensgebung weiter in Schwebe befindet.3
1 Karte zur Verdeutlichung der Lage von Paestum in Unteritalien.
Wie unschwer zu erkennen ist, leitet sich die griechische Bezeichnung von Paestum vom Namen des Meeresgottes Poseidon ab, welche die Schutzgottheit der Stadt repräsentiert.4 Auch alle anderen Niederlassungen in der antiken Welt, die diesen Namen trugen, standen unter dem Schutz des mächtigen Bruders von Zeus. Die Bewohner der Stadt wurden im Altertum Ποσειδωνιήτης5 beziehungsweise Ποσειδωνιάτης6 genannt. Erst später erscheint in der Literatur auch die Bezeichnung Paestani für die im Bereich der Silarismündung siedelnden Menschen.7 Die im Zusammenhang mit der Stadt stehenden Münzen trugen ursprünglich die Bezeichnung Ποσειδωνιάτας.8
Die Gegend von Paestum war nach modernen Erkenntnissen schon in neolithischer Zeit bewohnt. In der ersten Hälfte des 7. Jh. v. Chr. gelangten Emigranten aus Sibaris, einer achäischen Kolonie am Golf von Tarent, an Ort und Stelle und gründeten dort die Stadt Poseidonia. Sie fanden im Zuge ihrer Kolonisationsbestrebungen vermutlich bereits eine prähistorische Siedlung vor, welche in weiterer Folge überbaut wurde.9
In Verbindung mit der Stadt treten auch noch zahlreiche alternative Gründungsmythen auf, von denen einige zur näheren Vorstellung gebracht werden sollen. So wird das Heiligtum der Hera am Silaris von manchen antiken Autoren als eine Gründung lasons angesehen.10 * Andere wiederum wollen Paestum als eine von den Dorern ins Leben gerufene Niederlassung erkennen. 11
In der Folgezeit entwickelte sich Paestum sehr rasch zu einer der einflussreichsten und wohlhabendsten Städte der Magna Graecia. Zu diesem Prozess trug ohne Zweifel auch das fruchtbare Hinterland bei, welches eine gute Versorgungslage der Stadt garantierte und den Aufschwung des Handels unterstützte. Ab der Mitte des 6. Jh. v. Chr. entstanden innerhalb eines Säkulums drei gewaltige Tempel (s. u.), die bis heute als eindrucksvolle Zeugnisse für den ehemaligen Reichtum der Stadt gelten.12
In die frühe historische Phase der Stadt fällt unter anderem die Gründung der phokaiischen Pflanzstadt Hyele im Einverständnis mit Paestum.13 Auch etliche pythagoräische Gelehrte wie beispielsweise Athamas, Simos, Proxenos oder Kranaos ließen sich in der Stadt nieder, um ihre Lehren zu verbreiten und ihre Schriften zu verfassen.14 In der 78. Olympiade siegte Parmenides aus 15 Paestum im Stadium von Olympia.
Um 390 v. Chr. wurde Paestum von den Lukanern erobert. Dieser den Samniten zuzuordnende Volksstamm gab der Stadt den Namen Paistos.16 Die Einnahme der Siedlung durch die Lukaner hatte die vollständige Vertreibung der ursprünglichen Stadtbevölkerung zur Folge. Im Jahre 332 v. Chr. verjagte der Molosserkönig Alexander
I. die lukanischen Besatzer, nachdem es vor den Toren der Stadt zu einer großen Schlacht gekommen war.17 Der Herrscher war im Auftrag seines Schwagers, Alexanders des Großen,
