Verlag: Oetinger Taschenbuch Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Pala - Das Spiel beginnt - Marcel van Driel

Die Regeln des Spiels sind gnadenlos: Überall auf der Welt spielen Jugendliche ein Online-Game, bei dem man Abenteuer auf der virtuellen Insel Pala bestehen muss. Auch Iris ist von dem Spiel begeistert, bis es plötzlich Realität wird. Denn die Insel gibt es wirklich. Und die besten Spieler werden nach Pala entführt und dort von Mr Oz, dem Erfinder des Spiels, zu Geheimagenten ausgebildet. Doch welches Ziel verfolgt Mr Oz, und wie kann man von der Insel entkommen? Fest steht nur eins: Auf Iris warten große Gefahren, und bald weiß sie nicht mehr, wem sie vertrauen kann. Der Start der Braingame-Trilogie von Marcel van Driel.

Meinungen über das E-Book Pala - Das Spiel beginnt - Marcel van Driel

E-Book-Leseprobe Pala - Das Spiel beginnt - Marcel van Driel

Über dieses Buch

»Es ist Zeit, nach Pala aufzubrechen.«

Seit ihr Bruder verschwunden ist, flüchtet Iris immer öfter in die virtuelle Welt von Pala – auf die tropische Insel, wo sie eine Superheldin ist. Level für Level besteht sie abenteuerliche Prüfungen. Doch plötzlich wird aus dem scheinbar harmlosen Online-Game gefährliche Realität. Denn auf dem Bildschirm erscheint ihr Bruder – und wenn Iris ihm helfen will, muss sie alles tun, was das Spiel von ihr verlangt …

 

Eine Insel, deren Koordinaten niemand kennt.

Eine Welt, von der man nicht weiß, wie wirklich sie ist. Und ein Mädchen, das in tödliche Gefahr gerät.

 

 

 

 

 

Für Tanja: die Liebe meines Lebens.

Und für meine Söhne Daniel und Charlie: die echten Superhelden.

 

 

 

Superhelden

Es war weit nach Mitternacht, im Schlafzimmer war es stockdunkel. Iris lag auf ihrem Bett, den Laptop vor sich aufgeklappt. Das Licht des Bildschirms tauchte ihr Gesicht abwechselnd in blaues und rotes Licht.

Ihre Finger tanzten schnell über die Tastatur. Das Klicken der Tasten übertönte die Musik, die leise aus den Lautsprechern erklang.

Auf einmal hörte Iris die Dielen knacken, und eine Tür öffnete sich. Die Gardinen wehten im plötzlichen Windzug zur Seite, sodass für einen kurzen Moment das Mondlicht ins Zimmer schien.

»Ich weiß, dass du da stehst«, sagte Iris. Sie sah nicht auf, sondern konzentrierte sich weiter auf ihr Computerspiel.

»Weißt du zufälligerweise auch, wie spät es ist, wie alt du bist, wie früh du morgen aufstehen musst und wie viele Stunden dir noch zum Schlafen bleiben?«, fragte ihre Mutter.

»Viertel nach eins, dreizehn, halb sieben, fünf ein viertel Stunden«, antwortete Iris, ohne zu zögern.

»Du bist unmöglich«, sagte ihre Mutter und trat ins Zimmer. Sie schaltete das Licht an. »Was machst du denn da?«

»Ein Online-Game, Superhelden. Hat Justin mir geschickt.«

»Ach ja? Wann denn?«

»Vor ein paar Wochen.«

Iris drehte den Bildschirm etwas zur Seite, damit ihre Mutter zugucken konnte. Ihre Augen mussten sich erst an das helle Licht gewöhnen.

»Das bin ich«, erklärte Iris und zeigte auf die kleine Figur auf dem Bildschirm – eine überflüssige Bemerkung, schließlich sah der Avatar genauso aus wie sie. Iris hatte die Computerfigur am Bildschirm selbst erstellt: Sie hatte ebenso lange, rote Haare – nur die Sommersprossen hatte Iris nicht nachmachen können. Ihr Avatar stand im Licht einer leuchtenden Kugel, die sich über ihm durch die virtuelle Grotte bewegte. Sie schien abwechselnd blau und rot.

»Das sieht ja schaurig aus«, bemerkte ihre Mutter. »Kannst du auch noch etwas anderes machen oder nur auf und ab laufen?«

»Ja, das kann ich. Man muss immer wieder Rätsel lösen, und es gibt viele Fallen. Ich komme gerade aus einem Labyrinth, dieses Level sehe ich selbst zum ersten Mal. Jetzt muss ich herausfinden, was ich hier tun muss.«

»Vielleicht musst du dorthin laufen?« Ihre Mutter zeigte auf einen Berg, der Iris bisher noch nicht aufgefallen war. Sie steuerte die kleine Figur in Richtung des Berges.

»Ein Berg in einer Grotte. Merkwürdig«, bemerkte ihre Mutter.

»Ja, da soll man irgendwie hoch«, antwortete Iris.

Ihre Mutter zögerte kurz, dann fragte sie: »Mailt dein Bruder dir öfter?«

Iris zuckte mit den Achseln. »Manchmal, aber seit er mir dieses Spiel geschickt hat, habe ich nichts mehr von ihm gehört. Er hat mir geschrieben, dass er in Frankreich ist.«

»Ja, das habe ich mitgekriegt.«

Ihre Mutter und ihr Bruder hatten eine heftige Auseinandersetzung gehabt, danach war Justin wütend abgehauen. Am Anfang hatte er noch ein paarmal gemailt, doch jetzt hatte Iris ewig keine Nachricht mehr von ihm bekommen.

»Gehst du dann gleich ins Bett? Die Ferien sind vorbei, morgen musst du wieder früh aufstehen.«

Iris nickte.

Als ihre Mutter schon fast aus der Tür war, sagte sie: »Apropos Superhelden: Könntest du kurz deine Superkraft einsetzen? Ich suche wie verrückt nach meinem Autoschlüssel. Keine Ahnung, wo ich ihn hingelegt habe.«

Einen kurzen Moment schloss Iris die Augen und ging in Gedanken durchs Haus, um zu sehen, ob sie die Schlüssel irgendwo liegen sah. »Im Badezimmer, neben der elektrischen Zahnbürste. Ungewöhnlicher Platz, oder?«

»Mir ist es ein Rätsel, wie du das machst. Ich wünschte, ich hätte auch solch ein fotografisches Gedächtnis.«

»Es gibt genug Dinge, die ich gerne vergessen würde, Mum.«

»Ja, das kann ich mir vorstellen. Aber, Iris?«

»Schon gut, ich gehe ins Bett.« Sie zog ihren Laptop zu sich heran und widmete sich wieder dem Spiel.

 

Iris’ Avatar befand sich auf einer Insel, die der Entwickler des Spieles Pala genannt hatte. Genauer gesagt war Iris unter dieser Insel, denn alle Level fanden unterirdisch statt. Iris ging durch die riesengroße Grotte zu dem Berg in der Mitte, wo sie den Pfad nach oben kletterte.

Von oben sah sie auf das Labyrinth hinunter, das sich bestimmt über die halbe Grotte erstreckte. Iris fiel erst jetzt auf, dass die Gänge zusammen ein großes S bildeten. Das stand natürlich für Superhelden. Während des Spiels hatte sie nicht auf die Form geachtet, sondern nur auf den Weg. Iris verfolgte mit dem Finger die Route auf dem Bildschirm. Auf diese Weise ging es zwar etwas schneller, aber es machte auch weniger Spaß.

Sie drehte ihren Avatar einmal um die eigene Achse und sah sich dann die Umgebung genauer an. Eine Wiese erstreckte sich über die gesamte Fläche, und mitten darauf stand ein verfallenes Haus – beziehungsweise die Ruine einer kleinen Burg. Die Wände und Mauern sowie der Eingang waren mit einer weißen Substanz bedeckt.

»Verdammt«, murmelte Iris in sich hinein. Und wie ging es jetzt weiter? Zurück ins Labyrinth? Nein, das war mit Sicherheit keine Lösung. Vielleicht gab es auf der anderen Seite des Gebäudes noch einen Eingang?

Sie drehte mit ihrer Figur eine Runde um die Burg, das brachte sie allerdings auch nicht wirklich weiter. Irgendwie würde sie wohl das weiße Zeug vom Eingang entfernen müssen. Aber wie?

Iris lief zurück auf den Berg und spähte in den Abgrund. Vielleicht hatte sie doch etwas übersehen? Als sie gerade aufgeben und endlich ins Bett gehen wollte, hörte sie ein Dröhnen aus dem Lautsprecher. Mit einem Plumps landete eine dicke, schwarze Spinne neben ihrem Avatar. Das Viech war mindestens doppelt so groß wie sie und hatte acht sehr lange Beine.

Und mit diesen Beinen kam es in einem irren Tempo auf Iris zu.

Die Musik, die bisher nur leise im Hintergrund gedudelt hatte, schwoll an. Iris rannte los, sie musste hier weg, so schnell sie konnte.

Ripley, Maine, USA

Zu dieser Uhrzeit war außer Alex niemand auf der Straße unterwegs. Wenn man dem Kennzeichen seines Transporters glaubte, kam er aus dem amerikanischen Staat Maine. Doch hinten im Wagen hatte Alex noch sieben andere Nummernschilder liegen, auf denen jeweils eine andere Stadt stand. Er steuerte den Transporter sicher durch die Nacht. Dabei achtete er peinlich genau darauf, die Geschwindigkeitsbegrenzung einzuhalten. In Amerika wurde viel strenger kontrolliert als in England, seiner eigentlichen Heimat. Zu gerne hätte er das Gaspedal ganz durchgetreten und wäre wie sein Held Michael Schumacher um die Kurven gefegt. Er vermisste die Geschwindigkeit und das Adrenalin. Aber heute Abend zügelte er sich, er wollte die Mission unter keinen Umständen in Gefahr bringen.

Die Mission saß neben ihm. Sie hieß Olina, war dreizehn Jahre alt und kam von Hawaii. Wenn Olina den Test bestand, würde sie direkt von Level 3 in Level 4 kommen. Damit wäre sie fast schon ein Superheld, genau wie er. Sollte sie es nicht schaffen …

Daran wollte er lieber nicht denken.

Alex war sechzehn Jahre alt, nach amerikanischem Gesetz durfte er daher in den USA Auto fahren. Nicht, dass er sich sonst darum scherte, was legal war und was nicht. Sein erstes Auto hatte er am helllichten Tage aus einem Autohaus in London geklaut, vor den Augen des Inhabers. Er war damals gerade elf, das Auto war ein Porsche gewesen.

Das waren noch Zeiten.

Inzwischen war er ein großer, schlanker junger Mann mit glattem, blondem Haar, das ihm in die Augen fiel. Sein Blick war durchdringend, er sah Leute direkt an. Jetzt waren seine Augen jedoch einzig und allein auf die Straße vor ihm gerichtet.

In Maine verschwendete man ganz offensichtlich keine Steuergelder für Laternen. Die Straße wurde nur von den Scheinwerfern seines Transporters und vom matten Mondlicht erleuchtet.

Alex warf einen Blick auf das Mädchen neben ihm. Kerzengerade saß sie auf dem Beifahrersitz und sah starr vor sich hin. Die ganze Reise über hatte sie lediglich ein paar Worte gesagt.

Das Mädchen hatte dunkelbraune, fast pechschwarze Haut. Ihre strahlend blauen Augen standen in starkem Kontrast dazu. Genau wie Alex trug auch sie Jeans und darüber eine Weste. Im Gegensatz zu ihm hatte sie allerdings keine All Stars an, sondern Doc Martens – selbstverständlich schwarz wie seine.

Es fühlte sich gut an, mal keine Uniform zu tragen.

Alex ließ sein Fenster runter, um die Nachtluft hereinzulassen. »Stört es dich, wenn ich das Radio anmache?«, fragte er.

Olina schüttelte den Kopf.

Alex drückte so lange auf den Knöpfen herum, bis er Hip-Hop hörte – in Amerika gab es für jeden Musikgeschmack einen eigenen Sender. Kurz darauf dröhnten Beats und Raps durch den Wagen.

»Ich glaube, ich habe noch nie ein dunkelhäutiges Mädchen mit blauen Augen gesehen«, sagte Alex. Er musste ziemlich laut sprechen, um die Musik und das Motorengeräusch zu übertönen.

»Europäische Vorfahren mütterlicherseits«, antwortete Olina, »mit blauen Augen.« Ihr Englisch war ein Singsang und hörte sich ganz anders an als sein eigener britischer Akzent.

»Aber du hast doch schon mal dunkelhäutige Menschen gesehen, oder etwa nicht?«, fragte sie halb ernsthaft, halb im Spaß.

Alex fing an zu lachen. »Als Weißer war ich in Soho eher in der Minderheit«, sagte er.

»Soho, New York? Du klingst gar nicht wie ein Amerikaner.«

Alex schüttelte den Kopf. »London. Dort bin ich geboren und aufgewachsen. Und du kommst von Hawaii.« Das war nicht als Frage gemeint, er wusste alles über sie: Wo sie wohnte, dass sie eine kleine Schwester hatte und was ihr besonderes Talent war. Er hatte Olina während ihres Trainings regelrecht studiert – natürlich heimlich. Superhelden und Kandidaten hatten selten Kontakt.

»Honolulu«, antwortete sie. »Olina ist ein hawaiianischer Name. Er bedeutet stürmisch.«

Alex nahm den Fuß vom Gas. Stürmisch. Davon hatte er heute Abend nicht gerade viel mitbekommen. »Ich bin der Beschützer der Menschen«, sagte er. »Zumindest ist das die Bedeutung von Alex. Mein Vater hat mich nach Alexander dem Großen benannt.«

»Und, bist du das wirklich?«, fragte das Mädchen.

»Was?«

»Der Beschützer der Menschen?«

Den Blick auf die Straße gerichtet, antwortete Alex: »Heute Abend bin ich der Beschützer von Olina.«

Das erste Mal an diesem Abend erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht. »I like that.«

 

Mit ihren dreizehn Jahren war Olina ganz schön jung für eine Superheldin. Aber einzigartig war sie nicht. Kinder jeglichen Alters spielten und gewannen dieses Spiel, auf der ganzen Welt. Mr Oz hatte ein Mindestalter von zwölf Jahren festgelegt, sonst hätte es auf Pala noch mehr Kandidaten gegeben.

»Bist du nervös?«, fragte Alex.

Olina schüttelte den Kopf.

Natürlich bist du das, dachte Alex. Du bist völlig am Ende mit den Nerven. »Es ist ein ganz einfacher Auftrag, mach dir mal keine Gedanken«, beruhigte er sie. »Wir sorgen dafür, dass sie herauskommt. Du musst nur mit ihr reden. Das ist doch dein besonderes Talent, nicht wahr? Menschen zu überzeugen?«

Sie nickte. »Ja, wenn ich etwas sage, glaubt es mir jeder aufs Wort. Wenn ich will, kann ich die Sonne dazu bringen, sich langsamer zu drehen.«

Dann bin ich wahrscheinlich dagegen immun, dachte Alex. Ich glaube dir nämlich kein Wort.

Im Radio fing D-Luzion an, über Superhelden zu rappen.

»Das sind wir«, sagte Alex. Er machte eine Kopfbewegung in Richtung Radio. »Wir können vielleicht nicht fliegen oder Autos mit bloßen Händen in die Luft heben, aber wir sind die neuen Superhelden. Jeder ist in einer Sache der Beste.«

»Okay.« Olina nickte. Sie zögerte einen kurzen Moment, dann fragte sie: »Gefällt dir … diese Musik eigentlich … echt?«

»Sure, soll ich sie lieber ausmachen?«

»Ja, bitte. Hip-Hop ist so aggressiv. Mich macht das irgendwie nervös.«

»Na klar, kein Problem«, sagte Alex. Eigentlich war er weniger mild, als er sich gab: Wenn sie das hier schon nervös machte, wie wollte sie dann wohl den Rest des Abends überstehen? Ganz zu schweigen von den wirklich gefährlichen Missionen, dachte er.

Er brachte D-Luzion zum Schweigen. In der Stille hörte man lautes Grillenzirpen.

»Danke«, seufzte Olina. Er sah, dass sie sich etwas entspannte.

Alex nickte und bog scharf um die Kurve. Sie fuhren an einem Schild vorbei, auf dem stand: »RIPLEY, POPULATION: 452.« Er verringerte das Tempo und steuerte den Transporter gemächlich durchs Dorf.

»Vierhundertzweiundfünfzig Einwohner?«, fragte Olina erstaunt.

»Es ist eines der kleinsten Dörfer Amerikas«, erklärte Alex. »Aber sogar hier haben sie Internet und spielen Superhelden.«

Superhelden. Das Spiel, mit dem alles angefangen hatte. Der Grund, warum er mitten in der Nacht mit einer dreizehnjährigen Kandidatin durch die Gegend fuhr, um einen weiteren neuen Spieler einzusammeln.

»Bist du dir sicher, dass du das hier willst?«, fragte Alex. Er machte sich eher um seine Mission Sorgen als um das Mädchen.

»Mir bleibt nicht viel anderes übrig, oder?«, antwortete Olina und berührte unbewusst den Chip in ihrem Hals.

»Nein, nicht wirklich«, gab Alex zu. Er bog langsamer, als die Geschwindigkeitsbegrenzung es vorschrieb, in die Hauptstraße ein. Lieber auf Nummer sicher gehen, auch wenn kein Sheriff zu sehen war. Er wollte nicht, dass sie angehalten wurden oder – schlimmer noch – der Transporter aufgemacht werden würde.

Ripley war ein typisches amerikanisches Kaff. Auf beiden Seiten der schäbigen Straße standen Häuser. Die meisten der Bewohner waren ganz offensichtlich schon im Bett, nur hinter wenigen Fenstern brannte noch Licht. Alex parkte gegenüber von Bill’s Diner (»Today’s Special: Fried Chicken«) und schlug mit der Faust auf die Trennwand hinter ihm. »Wir sind da!«, rief er.

Olina rüttelte an ihrer Tür.

»Kindersicherung, sorry«, sagte Alex und grinste dämlich. »Befehl von Mr Oz.«

»Ich laufe schon nicht weg«, sagte Olina und sah etwas beleidigt aus.

Alex zuckte mit den Achseln, dann stieg er aus und ging um den Bus herum, um ihr die Tür aufzumachen. An der Seite des Transporters befand sich ein Reklameaufdruck von einem Blumenladen.

»Komm, ich weiß nicht, wie viel Zeit wir noch haben«, sagte er und ging nach hinten. Er öffnete die Klappe und sprang auf die Ladefläche. Er streckte Olina die Hand entgegen und half ihr elegant hinein.

»Mach sofort die bekloppte Tür zu, oder willst du, dass die gesamte Nachbarschaft uns sieht?«, ertönte eine heisere Stimme aus dem Wageninneren. Ein Mädchen mit langen Haaren, in einem viel zu großen T-Shirt mit dem Aufdruck einer Rockband, richtete sich in ihrem Sessel auf. Sie schubste Alex scheinbar mühelos zur Seite und zog die Tür mit einem lauten Knall zu.

»Und dieses charmante Wesen ist Marthe.« Alex schien ihr Verhalten nicht im Geringsten zu beeindrucken. »Alle nennen sie Fiber.«

»Und ihn nennen wir Arschloch – aber nur, wenn er nicht dabei ist«, sagte Fiber. »Wenn er dabei ist, sagen wir Herr Arschloch.« Sie plumpste wieder auf ihren Sitz zurück.

Olina starrte auf die unzähligen Apparate im Transporter. Er war bis auf die letzte Ecke ausgefüllt: an den Wänden hingen überall Bildschirme, und an der Rückwand stand eine ganze Reihe summender Computer.

»Das System wird von einer externen Energiezelle betrieben«, erklärte Fiber. »Es läuft komplett unabhängig von der Fahrzeugbatterie. Die Antenne ist in der Wand versteckt, sie steht in direktem Kontakt zu unserem eigenen Satelliten.«

»Fiber ist unsere Hackerin. Und sie ist das erste Mädchen, das Superhelden zu Ende gespielt hat …«

»Ich habe es nicht zu Ende gespielt, ich habe es geknackt, I own this game …«

»Yeah, das stimmt. Fiber kommt aus einem Kaff in Polen, von dem kein Mensch jemals gehört hat. Wahrscheinlich war sie dort weit und breit die Einzige mit einem Computer.«

Das Mädchen drehte sich auf ihrem luxuriösen Sessel um und antwortete mit einer gehörigen Portion Sarkasmus in der Stimme: »Ich habe schon für das ganze Dorf Computer gebaut, da wusstest du noch nicht mal, auf welcher Seite der Straße man eigentlich fährt. Obwohl … mir fällt gerade auf: das weißt du ja selbst heute noch nicht.«

Olina konnte nicht den Hauch eines polnischen Akzents bei dem Mädchen heraushören. Was ihr jedoch sehr wohl auffiel, war ihr fehlender Geschmack. Fibers Augen waren pechschwarz geschminkt. Auf ihrem T-Shirt stand in großen Buchstaben »BEHEMOTH«. In ihrer Augenbraue, ihrer Unterlippe und ihren beiden Ohrläppchen steckten Piercings, von denen eines größer war als das andere.

»In Polen scheinen alle Hacker wie Goths auszusehen«, erklärte Alex. »Sie hinken da den USA ein paar Jahre hinterher, wo alle Nerds dick sind und eine Brille tragen. Au!« Der Tritt gegen den Knöchel war alles andere als sanft.

Olina war nicht ganz klar, ob die zwei Spaß machten oder ob sie sich wirklich nicht leiden konnten.

»Komm, wir zeigen dir unsere neueste Kandidatin.« Alex wies auf den größten Bildschirm, der im Transporter zentral an der Wand hing. Dort war ein dunkelhaariges Mädchen zu sehen, das in einen virtuellen Kampf mit einer Spinne verwickelt war.

»Wie heißt sie?«

»Keine Ahnung, online nennt sie sich Tigerbaby.«

»An dieses Level erinnere ich mich noch. Ich hatte eine Heidenangst vor dem Tier.«

»Aber es ist ja nur ein Spiel«, antwortete Alex.

Das war es natürlich schon lange nicht mehr.

Eingesammelt

Es ist ja nur ein Spiel, hielt Iris sich vor, während sie auf den schmierigen Kopf der Spinne starrte. Das Tier war so groß wie ein Einfamilienhaus und glich einem Müllsack, in den man acht Beine gesteckt hatte.

»Du willst dich also mit kleinen Mädchen anlegen«, murmelte sie, obwohl sie wusste, dass das Tier sie nicht hören konnte.

Die Spinne sah nicht so aus, als würde ihr Erfinder besonders viel Ahnung von Arachnoiden haben. Das Tier hatte zwar acht Beine, doch die waren nicht alle da, wo sie hingehörten, und die Haut war viel zu glatt.

Iris ließ ihren Avatar in Richtung Burg laufen. Die Spinne kam ihr sofort hinterher. Wo sollte sie nur hin? Zurück zum Labyrinth war keine Option, aber wohin dann?

Sie setzte sich aufrecht auf ihr Bett und stellte den Laptop auf ihren Schoß. Immer wieder umkreiste sie mit ihrer Figur die Burg, wobei die Spinne ihr die ganze Zeit dicht auf den Fersen blieb.

 

»Und was ist ihr Talent?«, fragte Olina.

»Mathematik«, antwortete Fiber. »Sie ist ein fucking Genie«, fügte sie bewundernd hinzu, »Aber gut, das sind wir natürlich alle.«

Olina fühlte sich überhaupt nicht wie ein Genie, doch Fiber hatte recht: Jeder, der das Spiel gewann, hatte eine Begabung, ein Talent. Ihre Spezialität war es, Menschen zu überzeugen. Und heute Abend sollte sie zeigen, was sie konnte.

»Wie weit ist sie jetzt?«

Ohne den Blick zu heben, antwortete Fiber: »Sie geht gerade in die Burg.«

Alex’ Augen weiteten sich vor Erstaunen. »Meine Güte, ist die schnell! Als wir von Pala weggefahren sind, hatte sie gerade erst mit dem Labyrinth angefangen! Wie lange hat sie nun insgesamt für das Spiel gebraucht? Fünf Wochen?«

»Vier Wochen, sechs Tage, zwei Stunden und …« Fiber warf einen Blick auf die Zeitanzeige, die unten auf ihrem Bildschirm stand, »sechs, nein, sieben Minuten.«

»Das ist schnell?«, fragte Olina, die selbst vierzehn Wochen dafür gebraucht hatte.

»Verdammt, ja, das ist ein Rekord«, pflichtete Fiber Alex bei.

»Die Burg«, sagte Olina. »Die war schwierig. Dafür habe ich drei Tage gebraucht.«

»Sie wird dafür keine drei Tage brauchen, das kann ich dir versichern«, sagte Fiber.

»Es ist aber schon ganz schön spät«, gab Olina zu bedenken. »Meinst du, sie macht heute noch weiter? Vielleicht wartet sie damit auch bis morgen früh?« In ihrer Stimme schwang ein Fitzelchen Hoffnung mit.

»Yeah, right«, antwortete Alex und grinste ironisch, »ganz bestimmt, so kurz vor dem Ende. Hast du da etwa Pause gemacht?«

Olina schüttelte den Kopf. Sie hatte ihrer Mutter erzählt, sie sei krank.

»Bist du bereit?«, fragte Alex.

Olina nickte. Sie war bereit – mehr, als er ahnte.

»Nun gut, dann fahre ich dich zu ihr.« Er wollte gerade aus dem Laderaum des Transporters springen, aber Olina sah ihn erstaunt an: »Kann ich denn nicht zu Fuß gehen? Es ist doch nicht weit von hier?«

Alex schüttelte den Kopf. »Nein, tut mir leid. Mr Oz … Das ist deine erste Mission, ich darf dich nicht aus den Augen lassen.«

»Kannst du mir sagen, wo ich sonst hingehen sollte, in diesem Kaff?«, fragte Olina bitter. »Vierhundertzweiundfünfzig Einwohner, hast du das vielleicht vergessen?«

»Kann schon sein, aber Vorschrift ist Vorschrift. Ich darf nicht …«

»Alex«, unterbrach Olina ihn, »ich habe Angst, schreckliche Angst, verstehst du? Ich war drei Wochen lang auf einer tropischen Insel eingesperrt, ich habe einen Chip im Hals, der mich vergiftet, sobald ich weglaufe. Und jetzt erwartet man von mir, dass ich ein Mädchen überzeuge, ohne dass ihr irgendwelche Zweifel kommen. Ich schaffe das nicht, wenn ich zitternd wie ein Schlosshündchen bei ihr anklopfe! Ich brauche einen Moment, um mich zu besinnen. Ich brauche den Fußweg, um mich auf die Mission zu konzentrieren. Ich brauche diese Strecke für mich, verstehst du das?« Olina hob die Hand, die tatsächlich zitterte wie ein Grashalm im Wind. »Ich bin gut, ja, sogar sehr gut in dem, was ich tue, aber nicht auf Kommando! Ich muss ein wenig Zeit und Ruhe haben, um meine Aufgabe erfüllen zu können.«

Olina las aus seinem Gesicht ab, dass er zweifelte. Sie fügte hinzu: »Alex, kannst du mich auf dem Ding hier sehen?« Sie zeigte auf den Bildschirm. »Durch den Chip könnt ihr mich doch die ganze Zeit verfolgen, oder?«

Alex gab Fiber ein Zeichen, woraufhin sie in Windeseile eine Tastenkombination eintippte. Links oben auf dem Bildschirm erschien eine Karte, auf der zwei farbige Lichter aufblinkten.

»Das Rote bist du«, sagte Fiber und zeigte auf das Pünktchen, »das Grüne ist Tigerbaby.«

»Alex, du siehst genau, wo ich bin. Ich kann nirgendwo anders hin als zu dem Haus und wieder zurück.« Olina ließ ihm ein paar Sekunden Zeit, um eine Entscheidung zu treffen.

»Ist gut, aber kein Wort davon zu Mr Oz!« Letzteres war für Fiber bestimmt.

Olina hatte Mr Oz bisher nur virtuell getroffen, und das sollte ihrer Meinung nach auch gerne so bleiben. Ihr Leben war schon kompliziert genug.

Alex öffnete eine Schublade und nahm ein Handy heraus.

»Hier«, sagte er. »Das funktioniert wie ein iPhone, es sind allerdings unsere eigenen Apps drauf. Im Routenplaner ist jetzt Tigerbabys Adresse eingegeben. Er sollte dich also problemlos dorthin führen. Ich schick dir eine SMS, wenn sie das letzte Level geschafft hat. Das ist der Moment, wenn wir sie nach draußen schicken.«

Olina nickte und nahm das Handy entgegen. Das Ding war leichter, als sie erwartet hatte. Auf dem Bildschirm war die gleiche Karte zu sehen wie auf dem Bildschirm, inklusive dem grünen Pünktchen für Tigerbaby.

»Olina, wenn dich jemand anspricht, dann …«

»Keine Sorge«, antwortete Olina, »dann labere ich mich schon irgendwie raus.«

Einen kurzen Moment lang war es still, bis Alex und Fiber gleichzeitig anfingen zu lachen, überrascht von Olinas schroffen Kommentar.

»Alles wird gut«, sagte Alex grinsend.

Oh ja, dachte Olina. Ganz bestimmt wird alles gut.

 

Olina verließ den Transporter durch die Ladeklappe. Alex wartete, bis sie außer Sichtweite war, dann schloss er hinter ihr die Tür.

»Sie hat was drauf«, sagte Fiber.

»Das werden wir sehen«, murmelte Alex. »Ein so kleines Mädchen mitten in der Nacht davon überzeugen, mitzukommen … ich weiß nicht, ob sie das packt.«

»Alex, du warst doch selbst gerade wie Wachs in ihren Händen. Du hast sie gehen lassen, gegen deinen Willen und entgegen Mr Oz’ ausdrücklichen Anweisungen. Sie ist gut.«

Es dauerte einen Moment, bis bei Alex der Groschen fiel.

»Oh, bollocks. Was meinst du, wird sie jetzt machen, Marthe?«

»Das, was jeder an ihrer Stelle machen würde, Alex: Kampf oder Flucht.«

»Sie flieht nicht«, antwortete Alex. Er klang jedoch nicht wirklich überzeugt.

Manchmal kommt es anders ...

Iris war sich sicher, dass der Felsbrocken hoch genug war. Übermütig ließ sie ihren Avatar auf und ab hüpfen und rief dabei höhnisch: »Hey, du da! Ja, du, mit den acht Beinen! Stolperst du denn nie über deine eigenen Füße?«

Die Spinne blieb wie erstarrt stehen und krabbelte bedrohlich langsam auf die virtuelle Iris zu.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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